Krolock
Wer war das Rudel, in welches ich geboren wurde?

Tja, keine Ahnung. Ich kann ziemlich wenig über die Wölfe erzählen, die es ausgemacht haben, denn sie gingen mir so ziemlich alle am Arsch vorbei. Eigentlich spielt es nicht einmal eine große Rolle, wer meine Eltern waren. Für mich jedenfalls nicht... Es ist auch nicht besonders wichtig, wer meine Geschwister gewesen sind. Im Grunde ist es also ziemlich nutzlos, wenn gerade ich versuche, zu erzählen, wer das Rudel der Sternenwinde war. Es bestand aus einer Aneinanderreihung von nervigen Gutwölfen und nervigen anderen Idioten. Je älter ich wurde, desto blöder wurden die Wölfe um mich herum.

Ich hätte kaum einen Tod betrauert und nur einen einzigen beweint.

Wenn etwas zu Ende gegangen ist, wendet man sich meistens um und sucht den Anfang.
Wo ist mein Anfang?

Ich wurde geboren und womöglich wurde ich geliebt. Mein Vater war verflucht und sein Fluch wird nun mit mir vergehen.

Ein Anfang... eine einprägsame Erinnerung... so nichtssagend wie die Wölfe, so verschlingend war das Nichts, das uns einst bedrohte. Es breitete sich aus wie ein Waldbrand. Was es war, weiß ich nicht. Was ist es, wenn man das Sein selbst negiert?

Das Nichts war ein großes, leeres Gegenteil der Welt.

Das Nichts schien großen Appetit auf uns zu haben. Ich wusste nichts davon. Ich war ein Welpe. Ein Welpe, der mit dem Rudel um sein Leben rannte. Angst hatte ich keine. Es hätte mir nichts ausgemacht zu sterben und irgendwie wäre es mir auch egal gewesen, wenn die anderen gestorben wären. Bis auf eine Wölfin, aber das war weit entfernt. Es war etwas, über das man erst nachdachte, wenn man verloren hatte. So weit kam es nicht. Im Nichts gab es einen kleinen Wolf. Einen Welpen, so alt wie ich. Ich weiß nicht, was er war.

Er wäre der gewesen, der über die ganze Welt triumphiert hätte, aber letztlich war er der, der vernichtet werden sollte, als wir unsere Welt retteten.

Ich erinnere mich an eine Stimme und an eine einfache Frage. Man kann über die Götter denken, was man will, aber ich bilde mir ein, Engaya von Fenris unterscheiden zu können. Es war nicht der Tod, der zu mir gesprochen hat. Die Frage bestand nicht aus Worten, sie verlangte nur, dass ich mein Einverständnis gab. Es ging darum, irgendetwas zu teilen. War mir egal.

Wollte ich meine Seele teilen?
Ja.
Nihil.

Mein Inneres war erfüllt von dieser einen Frage. Der Welpe aus dem Nichts wurde Teil meines Lebens, Teil meiner Selbst.

Wir teilten mich allerdings zu dritt. Ich, Nihil und der Fluch. Dieser war auch da. Der Schattendämon aus der Finsternis einer Höhle... egal, was für eine Geschichte dahinter gesteckt hatte, irgendwann. Vor vielen Generationen, oder vor wenigen, war er Teil meiner Blutlinie geworden. Er war real und er war in mir. In jeder Sekunde meines Lebens. Und er wuchs, wuchs mit mir. Er wuchs über mich hinaus. Ich hatte es immer gespürt, aber es wurde einfacher, diese Bürde zu tragen, als Nihil da war. Meine Seele gehörte zur Hälfte ihm. Selbst wenn der Fluch die andere unter Kontrolle hatte, war es immer noch nur ein Teil. Je weiter sich Nihil von mir entfernte, desto schwerer wurde es, den Dämon unter Kontrolle zu halten. Ich wusste das, aber wahrhaben wollte ich es nicht. Ich habe nie aufgehört, es zu leugnen. Ich rannte davon, wieder und wieder und kämpfte meinen Kampf.

Man kann nicht vor sich selbst davon laufen, aber man kann es versuchen.

Der Teufel in mir machte mich wahnsinnig. Ich kämpfte um meine Seele. Jeden Tag. Nicht um meinetwillen. Ich rannte. Ich rannte, bis meine Muskeln brannten und ich erfüllt war, von Schmerzen. Er scheute die Schmerzen immer. Das symbiotische Zanken um meine Seele verhinderte, dass Nihil die Schmerzen spürte, auch wenn ich seine immer getragen habe. Der Fluch aber ließ sich klein halten. Er wich Schmerzen lieber aus. Und so kämpfte ich meine unzähligen Kämpfe und prügelte mich, um Herr meiner Selbst zu bleiben. Für dieses Miststück in mir, lernte ich Schmerzen zu lieben. Zumindest wurden sie meine Freunde.

Hatte ich Freunde?

Auf der Suche nach Schmerz, fand ich die beste Feindin, die man haben konnte.

Neruí.

Die Freundin meiner Jugend. Ich weiß, es ist peinlich, sie 'Freundin' zu nennen, aber für gewöhnlich nennt man Wölfe so, die einem wichtig sind. Mit Neruí war der Kampf um mich selbst ein Spiel. Eines, für das ich sie missbrauchte und bei dem ich gewann, egal wie eine Prügelei zwischen uns ausging. Sie war jemand, zu dem ich immer gehen konnte. Eine Wölfin, die immer bereit war, da zu sein. Dieses füreinander da sein bestand niemals – wirklich zu keiner Zeit – aus Nettigkeiten. Ich glaube, es gab eine Zeit, da habe ich mich darauf verlassen, dass wir uns bis in alle Ewigkeit duellieren würden.

Letztlich wurde ich doch nur wieder vom Schicksal betrogen.

Der Teufel liebte Unstimmigkeiten und Konflikte. Sie schienen ihn seiner Macht zu berauben... oder sie stimmten ihn milde. Vielleicht verließ er auch nur meinen Körper, um über den Streitenden und Leidenden zu tanzen. Ich genoss jede Auseinandersetzung und jedes traurige Ereignis im Rudel, nur um einmal meine Ruhe haben zu können. Ich streute sie selbst, wann immer ich konnte und ich feierte jeden Erfolg.

Wofür das alles? Wofür habe ich gekämpft? Wofür habe ich gelebt?
Caylee.

Vom ersten, bis zum letzten Tag. Seit wir Welpen waren, seit dem ersten Mal, an dem wir uns gesehen haben, gab es in der schwarzen Welt ein Licht. Es gab einen Grund.

Mein einziger Grund, durch alle Zeiten, warst du.

Unsere Spiele, unsere Diskussionen, unsere Wettstreite, unsere gemeinsamen Augenblicke. Die Momente, in denen wir nicht zusammen waren. Alles.

Wie oft hast du dich beobachtet gefühlt? Weißt du, wie oft ich dir einfach nur zugesehen habe?

Natürlich nicht. Es war doch mein Geheimnis. Ich glaube du weißt nicht einmal, dass ich dich nie verletzt hätte. Ich war doch nur da, um dich zu beschützen. Das war mein höchstes Ziel, der Antrieb hinter jedem Schritt. Ich wollte dir nah und doch kein Teil von dir sein. Ich wollte dir gehören, ohne dass du es erfährst. Einmal hab ich versucht, mich dir zu zeigen, aber du wolltest mich nicht sehen. Du wolltest nichts von ihm hören. Das Monster in mir, das mich an dich fesselte. Er sei Unsinn, hast du gesagt. Er hat gelacht, wie er immer gelacht hat. Er wollte immer dich. Er wollte deinen Tod, wollte meine Seele und meinen Körper. Dazu brauchte er dich, weil du mein Grund zu kämpfen warst. Ohne dich, ohne mein Licht, hätte er gewonnen. Es hätte nichts mehr gegeben, für das es sich zu leben gelohnt hätte. Ich hätte dich gerne verlassen. So oft... wann immer ich gesehen habe, wie ich Finsternis in deinem Herzen zum Keimen brachte. Aber wie hätte ich allein kämpfen sollen? Er hätte mich besiegt und dich geholt. Manchmal habe ich mir gewünscht, sie würden mich töten. Sie haben nicht aufgehört, mich zu schützen... und mit mir... ihn.

Verstehst du jetzt? Verstehst du sein höchstes Ziel?

Nihil ist gestorben. Kein Schmerz, kein Kampf. Er war von einem Augenblick auf den anderen einfach tot. Ich wusste es. Ich fühlte es deutlich und ER bemerkte es ebenfalls. Manchmal hatte ich Mühe, ihn unter Kontrolle zu halten, selbst wenn Nihil da war. Als dieser beinahe gestorben wäre, war der Fluch noch nicht so sehr gewachsen. Ich ließ ihn zu und nutzte seine unbändige Kraft. Er und ich und meine Kontrolle. Als Nihil tatsächlich starb, wurde mir das Ausmaß seiner Präsenz bewusst. Wie groß er geworden war und wie mächtig. Er hat mich geflutet.

Die schlafende Bestie, die so lange gewartet hatte, nutzte ihre Chance. Und sie wollte Blut. Dein Blut.

Er hätte gerne darin gebadet. Ich hatte ihm nichts entgegen zu setzen. Es war, als wäre ich ein bisschen verschwunden. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft. Ich war nur noch jemand, der sieht. Jemand der beobachtet, durch die eigenen Augen, die nicht mehr mir gehörten und die dich sahen, wie ich dich nie sehen könnte. Ich tobte als Gefangener in meinem eigenen Körper. Ich bekam die Kontrolle nicht zurück, aber manchmal gehörte mir eine einzelne Bewegung, die ihn ins Stocken brachte. Ich vertrieb ihn mit Schmerzen.

Jeder Fluch ist anders, in jedem Wolf, der ihn trägt. Die größte Gemeinsamkeit liegt darin, dass jeder Verfluchte am Ende verloren hat.

Ich hätte gerne für dich gewonnen.

Wie wäre unsere Geschichte weiter gegangen?

Was wir nie mehr erfahren werden ist, ob ich es geschafft hätte. Ich hätte gerne gewusst, was aus uns geworden wäre. Ich hätte mich gerne weiter vor dir versteckt, um dir näher zu kommen und davon zu laufen. Ich mochte Welpen. Ich mochte sie, auch wenn ich immer das Gegenteil behauptet habe. Es war unterhaltsam, sie zu veralbern und es war erschreckend, zu sehen, wie meine Finsternis dich infiziert hat. Das Spiel zu weit getrieben, zusammen. Ich hatte die Kontrolle über mich, aber du hattest keine über dich.

Wie konntest du keine Kontrolle über dich haben? Warst du auch nicht mehr allein? War es seine Schuld? Oder meine?
Du warst doch mein Licht. Du musstest mein Licht bleiben. Ich durfte mein Licht nicht zerbrechen!

Ich hätte mich für dich töten lassen.

Ich hätte die Welpen gerne weiter bedroht, mit dir zusammen, weil ich nicht ohne dich sein konnte. Ich wollte dein Licht nicht durch mich zerstört wissen, aber ich musste bei dir bleiben. Ich hätte Linalee ausgenutzt und ihr immer wieder auf ein Neues Angst gemacht, ohne ihr je zu verraten, dass mich ihre Treuherzigkeit rührte. Ihr Wille, mich vor dir zu beschützen... Ich hätte mich gerne von dir verführen lassen und vielleicht hättest du dich am Ende gar nicht unbedingt anstrengen müssen. Wir waren dazu bestimmt, Welpen zu haben und ich hätte sie dir geschenkt, um meinem Bruder den Zugang zu dir schwerer zu machen. Er brauchte dich nicht so sehr, wie ich dich gebraucht habe!

Glaubst du, er hätte alles zerstören können?

Ich hätte mich von deinem Vater bewachen lassen, um ihn in den Wahnsinn zu treiben und dir wieder und wieder nah zu sein. Ich hätte Tyraleen immer wieder spüren lassen, wie schlecht ich bin und wie dumm sie war, mir wieder und wieder Schutz zu gewähren. Konflikte. Ich hätte noch so viele davon gebraucht.Ich hätte jedes Schlupfloch genutzt und mit jedem Wolf des Rudels meine Spiele gespielt.

Aber ich hätte unsere Welpen geliebt.

Ich wäre ein schlechter Vater gewesen, aber ich hätte sie beschützt, wie ich dich immer beschützen wollte. Ich hätte sie verdorben, wie dich, aber ich hätte sie geliebt. Ich hätte mich durch sie angreifbar gemacht und stark. Wir wären chaotische Eltern gewesen und wir hätten jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Ich weiß nicht, aber ich stelle es mir toll vor. Es wäre etwas Besonderes gewesen.

Du und ich.

Ich wäre gerne irgendwann rasend vor Eifersucht geworden, weil du meine Gefühle nie erwidern würdest. Ich hätte vielleicht sogar gerne getötet, um durch Averics Fang zu sterben. Vorher hätte ich mich bei dir versteckt, oder bei Linalee. Und ich hätte mich vor euren Augen töten lassen, allein um des Unfriedens Willen, damit ihr euch gegen Averic stellt. Ich hatte nichts gegen ihn, aber wenn er mir mein Leben geraubt hätte, hätte ich ihm nie verziehen. Und ich hätte gehofft, dass ihr ihm nie vergebt.

Wie endlos waren unsere Möglichkeiten?

Vielleicht hätte ich gerne eines Tages von all dem erzählt. Aus meinem Inneren heraus. Womöglich, weil du mich doch geliebt und wir zusammen den Fluch besiegt hätten. Vielleicht wollte ich glauben, dass es möglich ist, mit dir als mein Licht. Aber...

Unsere Geschichte ist vorbei.
Jetzt haben wir keine Möglichkeiten mehr.

Was nun alle wissen ist, dass es im Rudel der Sternenwinde einen Wolf gab, der nur für eine Wölfin gelebt hat. Das ist es, was zurück bleibt, wenn Geschichten enden. Erinnerungen.
Chanuka
„Erst vor kurzem bin ich wieder zum Rudel dazu gestoßen und dann heißt es plötzlich, dass wir uns wieder trennen müssen. Nicht für ein paar Stunden, Tage oder Wochen. Selbst Jahre waren da als Bezeichnung nicht ausreichend. Es soll eine Trennung für die Ewigkeit sein. Ich frage mich, ob trotz dieser Trennung nicht doch alle bei mir sein werden? Oder ob ich bei jenen bin, für die ich wichtig war? Meine Familie hatte immer eine sehr große Bedeutung für mich. Obwohl ich mich nicht immer mit allen blendend verstehen konnte, waren sie trotzdem sehr wichtig. Die Erfahrung, dass der Abschied von einem Familienmitglied eine Lücke hinterlässt, die sich nicht mehr füllen lässt, haben wir immerhin nicht nur einmal gemacht. Für mich weiß ich jedenfalls, dass alle auf mindestens eine Art und Weise immer bei mir sein werden. Sie werden in meinem Herzen bleiben, in meinen Erinnerungen. Auch das ist mit der Ewigkeit gleichzustellen.

Ich erinnere mich noch gut an damals, an meine Welpentage im Rudel. Irgendwie war es in der Vergangenheit sogar viel sorgloser gewesen. Probleme gab es selbstverständlich nicht unbedingt weniger, zu meiner „richtigen“ Mama durfte ich ja auch nicht von Anfang an. Dennoch hab ich mir nicht über Kleinigkeiten den Kopf zerbrochen oder mit übertriebenen Bedacht gehandelt. Es war einfach schön. Ich erinnere mich noch gut an die damalige, gemeinsame Höhle. Dort, wo ich Liel das erste Mal hab Lächeln sehen. Man waren wir da noch klein. Mit ihr hab ich mich damals sofort verstanden. Da war es total egal, ob man vielleicht anders war oder es einen Grund, der ja eigentlich gar kein Grund war, gab, anders behandelt zu werden. Ich wünschte, dass ich noch etwas mehr Zeit mit ihr hätte verbringen können. Vor allem jetzt, wo wir langsam erwachsen geworden sind. Wie es ihr wohl im Moment geht? Ob sie mich in der Ewigkeit auch so im Herzen behalten wird, wie ich sie im Herzen behalte? Oder Banshee, meine Mama. Bestimmt hat sie die ganze Zeit von hoch oben über uns gewacht und immer Lächeln müssen, wenn wir an sie gedacht haben. Der Ort an den wir uns nun begeben ist bestimmt genau so schön wie der Ort, an dem Mama schon seit einiger Weile ist. Wenn ich im Rückblick darüber nachdenke, was ich alles Schönes erlebt habe und mit wem ich all diese schönen Dinge erleben durfte, war ich bisher eigentlich recht glücklich.. glaub ich zumindest. Man darf nur eben nicht zulassen, dass das Gewicht der schlechten Dinge die guten Dinge verdrängt. Aber wie ich schon sagte, damals war alles anders, vielleicht auch besser. Vielleicht hat Engaya gar nicht so unbewusst exakt diesen Moment gewählt, um uns in einen ausgeglicheneren Zustand zu versetzen. Zum Ende hin sind sehr viele Dinge passiert. Unschöne Dinge. Kaum zu erdenken, was noch alles passiert wäre, wenn nicht alles so gekommen wäre, wie es gekommen ist. Auch wenn ich nicht will, dass alles schon so früh ein Ende hat ist dieser Gedankengang möglicherweise der einzig Richtige. Aber nachdenken tu ich ja ohnehin zu viel.

Abschließend wünsche ich mir, dass meine Familie mit dem Jetzt ebenso verständnisvoll umgehen kann, wie ich versuche damit umzugehen. Es wird keine Fortsetzung mehr geben und je schneller wir uns damit abfinden, desto eher werden wir lernen damit umzugehen. Ich frage mich, was die anderen noch so zu sagen hatten. Ob sie ähnlich denken wie ich oder gar völlig andere Ansichten haben?

Bevor ich nun für immer schweigen muss wollte ich meinen Liebsten noch eine Kleinigkeit hinterlassen. Auch wenn ich nicht weiß, ob es sie jemals erreichen wird.

~ Tyraleen
Du wusstest als einzige, dass ich auf jeden Fall wiederkommen würde. Du hast nicht gezweifelt, nicht weiter hinterfragt sondern einfach nur auf den Moment gewartet, bis ich endlich wieder da war. Leider ging es kurz nach meiner Ankunft sofort drunter und drüber. Es ist zum Ende hin etwas besser geworden, trotzdem hatten wir immer ein sehr distanziertes Verhältnis. Ich wollte mir nur noch gewiss sein, dass du weißt, dass du nicht weniger meine Mama warst, als Banshee es war. Ein kleines bisschen mehr Zeit und – da bin ich mir sicher – wir wären uns immer ein Stückchen näher gekommen.

~ Liel
Egal ob es mir schlecht ging oder meine Laune geknickt war, dein Lächeln hat mich immer getröstet. In jeder Situation wusstest du mich aufzuheitern, hast zugehört, wenn ich etwas zu erzählen hatte. Unabhängig davon ob ich mehrere Stunden von dir entfernt war oder genau neben dir stand, ich wusste stets das ich auf dich zählen kann und das es jemanden gibt, der auf mich warten würde. Liel.. kurz nachdem ich wieder da war, habe ich dir erzählt, dass ich nicht einmal im entferntesten Sinne dazu im Stande gewesen wäre mit einer anderen Fähe zum Rudel zurückzukehren. Ich denke du weißt, was ich dir eigentlich mit diesen Worten sagen wollte.

~Averic
Ich fand es damals so schön, als wir uns durch den Federbaum ein wenig näher gekommen sind. Als er endlich in voller Pracht an dem Ort stand, an dem wir die Feder damals vergraben hatten, habe ich den Federbaum sofort zu meinem Lieblingsplatz auserwählt. Ich habe sehr viel Zeit an diesem Ort verbracht und ebenso über alles andere nachdenken müssen, wie ich auch über dich nachgedacht habe. Bei dir war es etwas anders als mit Tyraleen. Ich hatte nie wirkliche Schwierigkeiten damit, dich als meinen Papa anzusehen.

~Caylee
Ich konnte mein Versprechen nicht richtig halten und ich weiß, dass du enttäuscht darüber warst. Aus meiner Perspektive war das allerdings ein wenig anders. Wir hatten beide eine Mitschuld daran, dass unser Vorhaben nicht so geklappt hat, wie wir es uns erhofft haben. Und das Versprechen habe ich nicht gänzlich gebrochen, lediglich der Zeitraum für die Erfüllung des Versprechens hat sich vergrößert. Nach meiner Ankunft hatte ich gehofft mit dir darüber reden zu können. Wenn du mich aber wirklich so gut kennst, wie ich es mir eigentlich immer gedacht habe, müsstest du sowieso wissen dass ich in dieser Hinsicht nicht so schnell aufgegeben hätte. Leider werden wir nicht mehr erfahren, was uns die Zukunft in dieser Hinsicht gebracht hätte.

~Turien
Gemeinsam trugen wir ein Geheimnis mit uns herum, haben es nach dem Vorfall nie wieder geschafft so miteinander umzugehen, wie es vor Tascurios Tod gewesen war. Ich habe versucht auf dich zuzugehen und hätte es nach meiner Ankunft wohl auch weiter versucht, allerdings fehlte dafür die Zeit. Ganz gleich ob wir uns, je älter wir wurden, immer weiter voneinander entfernt haben, du warst mir immer sehr wichtig. Sowohl als Bruder als auch als Freund.

Und auch an alle anderen: Danke für die Zeit, die ich beim Rudel verbringen durfte. Danke für die sternenklaren Nächte, für die Jagden und die gesellschaftlichen Momente. Jeder von euch hatte eine Bedeutung für mich, unabhängig davon, dass es mit dem einen besser geklappt hat als mit dem anderen. Genießt die Ewigkeit, vielleicht ist dies die einzige Möglichkeit gänzlich über das Leid hinwegzusehen, dem wir uns in der vergangenen Zeit haben aussetzen müssen.“
Nyota
Wenn Du mich fragst, ist das alles Mist. Und ich gebe zu, ich war versucht nochmal jemanden zu zerreissen. Aber was hätte es genützt? Ihr seid vergangen, so wie ich. Und damit sei es drum.
Ich erinnere mich noch an sovieles, das gut war, das leuchtete. Banshee, meine Schwester, mein Herz. Aszrem, mein Kämpfer, meine Liebe. Nerúi und Jakash, Tyraleen, all die Welpen. Soviele von uns waren es wert, ein anderes Ende zu finden. Aber wir haben nur dies eine.

In meiner Erinnerung werdet ihr immer lebendig sein, jeder von Euch. Mein Aszrem. Nerúi die mit Túrien um den Mupfelbaum kämpft, Jakash dessen Seele dem Gleichgewicht diente, Calyee, deren Seele Krolocks verlockende Beute war. Shani und Hiryoga, Tyraleen und Averic, Amaya, Parveen, Avendal, Rakshee, Sheena, Liel, Chanuka, Tascurio - alle von Euch, auch jeder, dessen Namen ich vergas.

Ich werde immer bei Euch sein - gleich hinterm Sonnenuntergang.
Dort warte ich auf Euch.
Nerúi
Ich war nur kurz fort, weil Krolock dieser Idiot mir nicht gegen den Varg geholfen hat, und nun kann ich nie wieder zurück. Es fühlt sich mies an, mit einem Augenaufschlag alles zu verlieren. Meine Familie ist fort, all meine Freunde und jeder Ort an dem mein Herz hing.
Ich werde nirgendwo anders einen besseren Freund finden als meinen Prinzen, niemals faszinierendere Augen als die von Caylee, niemals einen zuverlässigeren Gegner als Krolock.
Was wird aus meinem stolzen Vater geworden sein, was aus Tyraleen?
Ihr müsst wissen, dass ihr alles für mich bedeutet habt. Ihr wart alle meine Geschwister, meine Schwestern und Brüder. Chardím genauso wie Liel.
Ich liebe Euch.

Vielleicht bin ich weiter, aber meine Geschichte endet mit Euch.
Gemeinsam.
Rakshee
Ich bereue jeden Moment, den ich nicht bei Euch war.
Hätt ich es nur gewusst, hätt ich es nur geahnt; all die Dinge die ich so gerne noch getan hätte, all die Worte die ich nch für Euch hatte.
So bleiben sie für immer unausgesprochen, und ich nutze hier meine letzte Chance, sie Euch zu überbringen.

Shani
So gerne hätte ich Dich weiter erstarken, aufblühen sehen. Du warst immer da, und immer für mich da. Du hattest eine Zukunft verdient, eine schöne Zukunft. Ich hätte Dich so gerne nch ein paar Jahre lang glücklich und stark gesehen. Ich liebe Dich Mutter.

Hiryoga
Oh Vater. Ich habe Dich so oft verloren, Dich so oft vermisst. Ich habe so oft um Dich geweint. Aber jede Rückkehr war das Risiko wert, Dich wieder zu verlieren. Hättest Du doch nur mehr Zeit mit uns gehabt. Ich hätte Dich so gerne besser gekannt.

Jakash
Als einziges meiner Wurfgeschwister warst auch Du immer da, immer an meiner Seite. So gerne ich Ahkuna, Sharíku und Kursaí hatte, Du warst immer besonders. Du warst mein einziger Bruder, und Du warst mein Lieblingsbruder. Ich kann nie vergessen wie es endete - wie ich Dich vermisse! Ich hätte so gerne den Weg zurück zu Dir gefunden bevor es zu spät ist. Mein Bruder, ich vermisse Dich so an meiner Seite. Ich weiß Du wolltest es nicht, nicht mehr. Aber ich werde immer an Deiner Seite sein, selbst wenn Du vor mir fliehst. Ich liebe Dich, mein Bruder.

Banshee
Dein Tod war kaum zu verschmerzen. Ich habe immer gehofft, mehr als bloß Deine sanften Augen von Dir geerbt zu haben. Du warst mir eine wunderbare Lehrmeisterin, und bei Engaya, ich wollte Dich so gerne stolz machen. Ich wünschte ich hätte mehr Zeit dazu gehabt.

Aszrem
Du warst mein Pate, mein Beschützer, und ich konnte mich nirgendwo sicherer fühlen als bei Dir. Ich danke Dir für alles was Du mir gezeigt hast, für all Deine Kraft. Ich vermisse Dich.

Tyraleen
Du warst wie eine große Schwester für mich, manchmal so weit weg und doch so nah. Ich habe Dir immer vertraut, so wie Engaya Dir vertraute. Ich war so stolz als Du uns angeführt hast, als Du so stark warst, nach alledem. Ich werde Dich nie vergessen Schwester.
Sheena
Wir hatten es nicht immer leicht, aber auch Du warst wichtig für mich. Ich weiß nicht mehr wie es kam, aber ich hatte immer Angst Du könntest mich nie leiden. Ich war froh zu sehen wie stark Du aus Deiner Zeit des Schweigens hervorgegangen bist.
Ich vermisse Dich.

Caylee
Oh Caylee, meine Prinzessin. Ich wäre so gerne noch viel länger bei Dir gewesen. Wie gerne hätte ich Dich vor Krolock beschützt, Dich zu Engaya geführt. Ich wäre so gerne noch soviel mehr für Dich gewesen. Schwester, Freundin und Schutzengel. Jetzt bin ich bloß so weit fort. Mach es gut, Sternenseele.

Ihr alle wart meine Welt, mein Himmel und mein Universum.
Ich bin nichts ohne Euch. Ich wünschte, es wäre nie soweit gekommen. Aber jetzt bleibt mir nur noch, Euch Engayas Segen zu wünschen, wo ihr auch seid. Dies war eine schöne Geschichte.
Invidia
“Ich weiß nicht Recht, wie das hier passiert ist, aber ich bin nun wieder alleine auf meinem Weg zurück in das Tal der Raben. Dabei war ich gerade von dort geflohen. Dabei hatte ich von all dem fliehen wollen, was mir dort wiederfahren war. Und außerdem hatte ich eine Aufgabe von Fenris gehabt, die ich nun niemals werde erfüllen können. Ich werde als Versager zurückkehren. Und wahrscheinlich genauso enden wie meine Schwestern. Dabei hatte ich ihnen doch versprochen mich an dieser Welt zu rächen. Ich hatte stark für sie sein wollen. Und nun bin ich gescheitert. Ich bin nicht sicher wie lange ich mein Schauspiel noch werde aufrecht erhalten können, bis alles in sich zusammenbricht. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass dieses Rudel so etwas wie Heimat hätte werden können. Zwar war es eigentlich meine einzige Aufgabe gewesen Zwietracht zu sähen, vor allem zwischen Tyraleen und Averic. Aber dieses Rudel hätte wahrscheinlich nichts auseinander bringen können. Der Zusammenhalt hat selbst mich überwältigt. Auch, wenn ich es niemals zugegeben hätte. Niemand dort kannte mich richtig. Niemand dort wusste, wer ich wirklich war. Doch alle waren sie skeptisch gewesen. Vielleicht hätte ich irgendwann ich selbst sein können. Vielleicht wäre das hier irgendwann zu meinem Leben geworden. Vielleicht hätten sie mich, wenn sie mich genauer kennengelernt hätten auch fortgeschickt. Aber vielleicht hätte das alles auch niemals so weit kommen müssen.

Und mit allen diesen vielleichts kehre ich in das Tal zurück, in dem ich so etwas wie dieses Rudel nie wieder finden werde. Dort werde ich wieder allein sein. Dort werden weiterhin die Kälte und der Hass mein Herz zerfressen. Dort werde ich immer weitere Rollen schaffen, bis ich irgendwann einmal gar nicht mehr weiß, wer ich bin. Aber das wird jetzt auch niemanden mehr interessieren, schließlich sind wir nun alle verstreut. Die Sternenwinde gibt es nicht mehr. Es wird nie wieder diese Unterhaltungen mit Tyraleen geben, bei denen man genau aufpassen musste, was man sagte. Sie war eine tierisch kluge Wölfin und eine gute Alpha, auch wenn sie das selber wahrscheinlich niemals so gesehen hätte. Ich wage es nicht auszusprechen, aber irgendwie wird sie mir doch fehlen. Also natürlich nicht so, wie ihr euch das vorstellt, schließlich bin ich immer noch Invidia, die Todsünde des Neides und außerdem wäre es meine Aufgabe gewesen ihr das Leben zur Hölle zu machen. Also pff, denkt nicht, dass ich jetzt total weich geworden bin! Aber die Fähe war eben nicht dumm und durchaus vorsichtig. Ich weiß, dass sie mir nicht geglaubt hat, bei dem, was ich ihr erzählt habe. Ich hätte zu gerne gesehen, wo uns das alles hätte hinführen können. Ich hätte zu gerne gewusst, bis wo ich das Spiel hätte treiben können. Doch das werde ich nun niemals erfahren. Und genau das ist das, was ich vermissen werde. So und nicht anders.

Und dazu gehört natürlich auch Averic. Der Schatten an der Seite Tyraleens, der wahrscheinlich die wirklich harte Nuss an dieser Aufgabe gewesen wäre. Ich habe ihn den Tag kennengelernt, an dem ich auf das Rudel getroffen war. Er war gefangen in einer Geröllhöhle. Oh ja, wie hilflos er doch gewesen war. Zum tot lachen. Oh, ich sollte das Wort Tod wohl nicht in den Mund nehmen, das ist vielleicht ein wenig unpassend. . . naja, egal. Auf jeden Fall war er ein sehr interessanter Rüde gewesen. Da hatte Fenris Recht gehabt. Und ein ziemlich kühler mir gegenüber auch. Leider hatte ich nicht genug Gelegenheit gehabt, mich näher mit ihm auseinander setzen zu können. Aber vielleicht hätte ich irgendwie und irgendwann zu ihm durchdringen können. Vielleicht. . . oh Gott, schon wieder dieses vielleicht! Ich werde es doch sowieso niemals herausfinden können! Und das macht mich verdammt wütend. Ich hätte so viele unterschiedliche Rollen spielen können. Aber nein, jemand musste dieses Theaterstück ja einfach so abbrechen. Dabei waren wir gerade mitten in den Proben. Und ich hätte die Hauptfigur werden können, das war doch wohl mehr als nur klar! Der Verantwortliche sollte sich schämen. Man konnte doch nicht alles so über den Haufen werfen, vor allem nicht, wenn ich dabei war. So und nun verzieht euch, ich muss zurück in die Schwärze meines Lebens und dort an irgendjemandem meine Wut auslassen. Drückt die Daumen, dass er nicht überlebt. Auf Wiedersehen! Ich korrigiere: Auf nimmer Wiedersehen!"
Parveen
Lange Tage in meinem Leben habe ich damit verbracht durch dunkle Täler zu wandern und nach Licht zu suchen. Nach Licht… Wie komisch, dass wir immer nach dem Licht suchen. Nach dem Glück, Zufriedenheit, Liebe und was machen wir? Wir verschließen die Augen vor den schönen Dingen des Lebens und das Schlechte in dieser Welt droht uns zu verschlingen. Es wirkt um so vieles stärker und mächtiger und wir hören auf in der Wirklichkeit zu leben. Was uns bleibt sind unsere Wunschträume, denen wir nachjagen, aber weder wissen wir genau was uns am Ende des Weges erwartet, noch wie wir dorthin gelangen wollen. Ruhelos und rastlos war ich und doch konnte ich mich lange Zeit nicht aufraffen etwas zu ändern. Als wäre ich in meiner Einsamkeit mitten in der Masse im Grunde meiner Seele zufrieden. Aber das war ich nicht, nein, wirklich nicht. Ich hatte den Weg vergessen. Und den Willen, oder sogar den Glauben, dass etwas geändert werden kann. Stunde um Stunde, Tag um Tag und auch wenn die Sonne hoch am Himmel stand und Gelächter durch die Reihen hallte, war ich nicht glücklich. Nicht wirklich und auch wenn sich ein schmales Lächeln auf meinen Lefzen zeigte, war es doch nur eine Maske. Aber, sollte es so weiter gehen? Ich stand an einem Scheideweg und konnte mich entscheiden. Endlich die Beine heben und mutig voran schreiten, oder zurück in meine Einsamkeit kriechen. Dort kannte ich mich aus, dort fühle ich mich sicherer. Nichts konnte mir dort etwas antun und doch würde es mich tiefer verletzen als alles andere und mich letztendlich vernichten. Nein, ich wollte nicht so weiter machen! Ich war ein Schatten und das wusste ich. Die schwarze Wölfin mit dem Stern auf der Stirn, von Engaya gezeichnet und doch war ich nicht fähig einfach meine Augen zu öffnen. Mach die Augen auf, Parveen! Dort steht die Sonne am Horizont, also sei nicht so dumm sie nicht zu sehen!

Womöglich war es das einzige Mal in meinem Leben, dass ich wirklich etwas getan habe. Ich fühlte mich, als würde ich seit langem wieder klar sehen können und die Luft, war die Luft immer so frisch? Die Schatten um mich, sollte nie wieder gestaltlose Schemen sein. Sie waren das Rudel in dem ich lebte, meine Familie und der Grund, warum ich zurück kam.

Hatten mich manche vergessen? Vielleicht war ich für eine nichts als eine Fremde, aber ich hatte es selbst zu verantworten, wenn ich für Nichten und Neffen nichts als die komische, schweigsame Tante war. Es brach mir das Herz, dass ich selbst so viele nicht kannte. Aber ich wollte nie wieder zulassen, dass die Schwere in meinem Inneren Überhand gewann. Ich musste mich zusammen reißen und der Aufgabe entgegen gehen. Nicht mit hoch erhobenem Haupt, aber ich ging. Und es gab Wölfe, die mir beistanden. Gerade meine sprunghafte Nichte Caylee. Ach, meine gute Caylee… Du warst ein Engel für mich, weißt du das? Als du mir beigebracht hast, stolz zu schauen und selbstbewusst zu sein? Deiner alten Tante bringst du so etwas bei und soll ich dir etwas sagen, kein Lächeln war eine Maske. Und Tyraleen, meine Schwester, meine Freundin. In so vielem hast du mich an Mutter erinnert und wo wir ihr nicht mehr folgen konnten, hätte es keine andere Wölfin gegeben, in deren Pfotenspuren ich lieber getreten wäre. Und es gibt noch so viele zu nennen, so viele die ich ewig im Herzen tragen werde.

Dem Rudel wurde so viele Steine in den Weg gelegt. Wir verloren unser Revier, unsere Heimat und werden niemals erfahren, ob wir diese Berge und Täler wiedersehen werden. Es war eines der schwersten Ereignisse in unsere Geschichte und doch war ich fähig Hoffnung zu sehen. Gerade ich, wie merkwürdig. Für mich hatte wahrlich ein neues Leben begonnen und ich sah das Licht. Ich konnte es sehen, Freunde, und wäre hindurch geschritten. Hätte ich am Ende meine Seele heilen und die Dunkelheit hinter mir lassen können? Hätte ich das Glück und vielleicht sogar die Liebe greifen können? Ich weiß es nicht. Es bleibt am Ende wieder Wunschtraum.
Linalee
Es ist vorbei, haben sie gesagt. Habe ich nicht wirklich verstanden. Vorbei. Zu Ende also. Chardím konnte es nicht erklären. Keiner konnte es erklären, also bleibt mir nichts, als so zu tun, als würde ich verstehen. Ich habe oft so getan, als würde ich etwas verstehen. Im Nachhinein kommt es mir ein bisschen gelogen vor. Und ich wollte mich entschuldigen: bei Taleesha, weil ich immer eingeschlafen bin, wenn sie mir etwas erzählt hat. Isaí, weil ich ihm nie helfen konnte. Malik, weil … die ganze Sache mit seiner Verletzung eigentlich nur wegen mir passiert ist. Chardím, weil ich ihm seinen Kummer nicht nehmen konnte. Daylight, weil sie Erwartungen in mich gesetzt hat. Krolock, weil…. ach.
Hätte ich mehr Zeit gehabt, vielleicht… ja, vielleicht hätte ich es dann hinbekommen. Irgendwann. Mein großes Ziel war es immer, mutig zu werden, und das ist schwerer, als es sich anhört. Mut ist so etwas Großes. Ich, ich bin ein Hasenherz. Ich konnte nicht so werden, wie ich mich selber wollte. Aber vielleicht, mit etwas mehr Zeit…
…werde ich euch vermissen? Oh ja. Ich vermisse euch ja schon nachts, wenn ich geschlafen habe, einfach weil Träumen etwas ist, das man nur alleine tun kann. Ich habe nie jemandem von meinen Träumen erzählt. Habe mich nie getraut. Ich hätte vielleicht, eines Tages. Was wird jetzt aus euch? Es geht mir nicht um mich. Es ging mir immer um euch, ehrlich. Ich saß herum und dachte nach und habe mich nicht getraut, etwas zu sagen, aber es ging mir nie um mich. Und ich wäre euch gefolgt.

Nicht, weil ich Angst davor hatte, allein zu sein, sondern weil ich mich panisch davor gefürchtet habe, euch allein zu lassen.
Malik Hikaji
Ich will nicht nochmal fragen, warum das passiert ist. Ich hab sie schon alle gefragt, Mama, Papa, Isaí, Linalee und sogar Madoc. Und alle haben mir so viel erklärt wie sie wussten, aber ich weiß trotzdem nicht, was ich denken soll. Über das Warum. Ich weiß jetzt nur, dass wir nicht mehr weiter wandern können. Wir können nicht mehr herausfinden, warum die Steine in der Höhle aussehen wie schlafende Wölfe und niemand wird mehr erfahren, dass gar nicht Krolock mir weh getan hat, sondern Caylee. Aber das finde ich nicht so schlimm. Denn das bedeutet auch, dass sie meiner Familie nichts mehr tun können. Jetzt sind wir alle zusammen, aber es geht … einfach nicht mehr weiter. Das ist seltsam und ich verstehe es nicht, aber vielleicht muss ich das auch nicht. Vielleicht reicht es, dass ich es ganz ganz gaaaanz schade finde. Und ich glaube und denke, dass auch viele von euch das schade finden. Wir sind ja jetzt gar nicht gestorben, aber vielleicht könnt ihr uns trotzdem sehen, wenn ihr nachts in den Himmel schaut. Wir sind nur nicht dort, wo der rote Stern ist, denn das ist Madoc und bei ihm sind wir nicht. Vielleicht findet ihr uns leichter, wenn ich euch die Anderen ein bisschen beschreibe … so wie ich sie mir als Sterne vorstelle.

Tyraleen ist ein ganz heller Stern und der größte am Himmel, da bin ich mir sicher. Und ganz nah bei ihr ist Averic. Aber irgendwie auch nicht nah. Mama hat gesagt, dass Sterne viel weiter von einander entfernt sind, als man von hier unten sehen kann und bei Averic und Tyraleen ist das ganz sicher so. Aber Averic leuchtet bestimmt auch sehr hell, denn er war für viele viele Wölfe sehr wichtig. Bei den beiden schönen Sternen sind dann sicher auch ein paar kleinere, aber fast genauso helle. Nur der von Atalya ist vielleicht ein bisschen dunkler, sie ist nämlich oft schlecht gelaunt. Während der von Avendal sicher seeehr hell ist, so weiß und leuchtend wie ihr Fell und ihre gute Laune. Dann wäre da noch der schwarze Stern von Krolock, aber den seht ihr nicht, denn der Himmel ist ja auch schwarz. Das macht nichts, den müsst ihr auch nicht sehen, da verpasst ihr nix. Irgendwo bei ihm ist Caylees Stern und der flackert manchmal. Mal ist er heller, mal etwas dunkler. Vielleicht wird er auch irgendwann schwarz. Das wäre schade, dann sieht man die beiden gar nicht mehr. Nicht zu übersehen sind auch Mama und Papa. Mama leuchtet sehr sehr hell und ein bisschen gelblich, wie ihre Augen. Wenn Sternenlicht kalt ist, dann ist sie der einzige Stern, der warm leuchtet, wie eine kleine Sonne. Das ist meine Mama. Papa ist ein großer Stern der immer bei ihr ist und auf sie aufpasst. Und er leuchtet immer weiß und hell, so dass man ihn am Himmel ganz leicht findet. Von dort ist es auch ganz leicht, meine Geschwister zu finden. Taleesha leuchtet auch ein bisschen warm und ihr Stern wird mal so groß und schön wie Mamas. Sie ist ganz nah bei ihr. Daneben ist Isaí, und er ist auch ein bisschen rötlich, wie Madocs Stern. Isaí ist aber nicht nur nah bei Mama und Papa, sondern auch bei Tyraleen. Wenn sich Sterne bewegen können, dann rutscht er später bestimmt nochmal ein Stück nach oben und wird sehr groß und hell. Dagegen ist Linalee eher klein und ein bisschen versteckt, bei all den leuchtenden und großen Sternen. Aber ich bin mir sicher, dass sich das noch ändert. Nicht dass ihr euch wundert, wenn der kleine, blasse Stern da oben immer heller und größer wird, denn ich glaube das steht ihr bevor. Zu guter letzt dürfen wir Amáyas Stern nicht vergessen. Der ist auch etwas dunkler und weiter weg von den anderen, aber gut zu sehen. Wenn man ihn ansieht, weiß man sofort, dass das Amáya ist. Er ist ein bisschen bläulich und hat eher kaltes Licht, aber das scheint nur so. Eigentlich ist er wunderschön. So einen tollen Nachthimmel hätte ich auch gern.

Wo mein Stern ist, weiß ich gar nicht so richtig. Denn eigentlich möchte ich kein Stern sein, noch nicht. Ich wollte noch so viel erleben, ich wollte unser Zuhause wiedersehen und das kennenlernen, was die Erwachsenen Frühling nennen. Das soll eine schöne Zeit sein. Meine Geschwister und ich, wir haben nur den Herbst und den Winter kennengelernt. Ich weiß nicht wie die Bäume aussehen, wenn sie richtige grüne Blätter haben, oder wie der Boden aussieht, wenn er nicht von Schnee bedeckt ist. Als Stern kann ich ja weder riechen noch fühlen, nur sehen. Aber es ist auch niemand mehr da unten, dem ich dabei zusehen könnte, wie er das kennenlernt, was ich hätte kennenlernen sollen. Meine Familie ist bei mir, das Rudel der Sternenwinde ist zu einem Sternenrudel geworden. Und auch wenn wir das Tal der Sternenwinde nie wieder betreten werden … irgendwann werden wir es wiedersehen. Wenn wir alle die Sterne sind, die ich euch beschrieben habe, sind wir angekommen.
Kisha
„Alle reden von Ende – von aufhören. Ich mag da gar nicht hinhören. Dieses ganze negative Gehabe, das macht einen ja... krank macht einen das! Die tun wirklich alle so, als wären wir in einem schwarzen Loch gefangen, das uns einfach gefressen hat. Weg und Ende. Schwachsinn sage ich euch! Unsere Reise hat doch gerade erst begonnen – wir sind ja noch nichtmal in der Nähe des Tals der Raben! Und die Welpen – Isaí! - sie sind noch so klein! Wo soll da also ein Ende sein? Das ist ja nicht wie beim Nichts, wo einfach Nichts mehr war. Aber wir sind doch noch da. Wenn ich die Pfote hebe, seht ihr das, ihr könnt es euch vorstellen! Schaut her! Soooo! Und?! Sie hat sich bewegt – es ist also kein Ende. Engaya würde es nicht zulassen, dass wir einfach so ZACK weg sind. Nicht sie! Fenris vielleicht, aber der würde ordentlich etwas von Engaya zu hören bekommen. Und von Banshee und Acollon sicher auch! Bei manchen von uns habe ich Nichts anderes erwartet, aber ey! Wo ist der Optimismus, wo sind die tollen Gedanken?! Avendal schafft es, wieso schafft es dann kein Anderer? Pah – ich werde niemals an ein Ende glauben! Wir sind so viele und wir sollen es nicht aufhalten können?! Ich hab' Daylight gesehen, strahlend wie immer. Alleine ihr Name sagt doch schon, dass ihr alle falsch liegt. Sonnenaufgänge – Tageslicht! Das ist kein Zeichen für ein Ende, also hört auf, so etwas Schreckliches zu sagen! Wir haben so viel überstanden, so viel zusammen durchgemacht. Die Flucht vor dem fremden Rudel, das Nichts, Banshees Tod. Und da glaubt ihr, wir lassen uns so einfach unterkriegen? Wir haben das Nichts mit unseren Gedanken besiegt – vielleicht können wir das noch einmal machen! Wenn wir alle zusammen halten und uns gaaaanz fest darauf konzentrieren...! Einfach darauf zu laufen, so eine weiße Wand hält uns nicht Stand! Ich habe zwar schon Kopfschmerzen, aber ich war auch alleine. Alleine schaffe ich das nicht – wir brauchen jeden, den wir bekommen können! Denkt nicht daran, dass das ein Ende sein soll – sieht doch einfach den Anfang von etwas Neuem! Es ist anders, und es macht einem Angst, aber hey – wenn wir die weiße Wand besiegt haben, ist dahinter ganz sicher etwas Tolles! Neue Erinnerungen, die wir im Herzen tragen können. Vermischt mit den alten machen sie uns doch aus – jeden von uns! Und es ist erst zu Ende, wenn der letzte vergessen wurde. Und wer kann uns schon vergessen?“
Atalya
„Es war ein Moment, in dem wir alle die Luft angehalten haben. Der Moment, in dem unsere Welt bröckelte. Sie hatte vorher schon kleine Teile verloren, aber erst jetzt konnten wir wirklich sehen, welches Ausmaß das alles hatte. Kisha hat das Nichts erwähnt, und ich denke, das beschreibt es ganz gut. Wie man einem unbesiegbarem Gegner gegenübersteht, hoffnungslos. Und auch wenn ich Kisha gern dabei zusehe, wie sie mit ihrem Holzkopf vor eine Wand läuft, so muss ich ihr doch Recht geben. Wir mögen einiges an Hoffnung verloren haben, aber wenn wir uns umsehen, so haben wir immernoch uns. Wir sind nicht allein, und solch eine dumme Kleinigkeit kann uns nicht auseinander reißen. In Wirklichkeit sind wir immernoch da, aber nicht jeder sieht uns. Wir leben durch Gedanken weiter. Wir laufen weiter über Wiesen, jagen unsere Beute, genießen die Zeit bei unseren Familien. Und sicher wird es auch den ein oder anderen Streit geben. Aber das ist Nichts, was wir nicht überstehen können. Wir haben bisher alles überstanden. So wie damals, als Tascurio sterben musste. Mama, es war so ein Schock, ich wollte und konnte nicht glauben, was du getan hast. Ich habe Nichts mehr versucht, als die zu verzeihen, weil ich dich liebe, und ich weiß, dass ich mich immer auf dich verlassen kann. Und ich denke, ich habe es geschafft. Wir werden nie wieder die selben sein – aber wir können daran arbeiten, dass sich Nichts zwischen uns, zwischen unsere Familie stellt. Dafür wichtig bist auch du, Papa. Du warst mir immer ein Vorbild, der Wolf, zu dem ich am meiste aufgeblickt habe. Du warst und bist mir so wichtig, ich wäre ohne dich nicht die, die ich heute bin. Auch dich liebe ich über jedes Ende hinaus, daran wird Nichts etwas ändern.
Der Tod meines Bruder ist nur eine von so vielen Erinnerungen. Zu einigen meiner Erinnerungen gehört mein wundervoller Bruder Turién. Ihm war ich von allen immer am nächsten, wo ich an anderen gezweifelt habe, wußte ich, dass ich mich immer auf meinen silbernen Bruder verlassen konnte. Wir waren nicht immer einer Meinung – aber wir gehörten zusammen. Selbst, als er mich für mein Leben gekennzeichnet hat. Komplizierter war es bei Avendal. Sie ist eine besondere Schwester und wird es immer sein. Ich mochte immer ihre Geschichten vom Wind – aber ich glaube, so wichtig sie mir auch immer sein wird, dass wir uns zum Schluss ein wenig auseinander gelebt haben. Aber was zählt das jetzt? Jeder Streit ist vergessen, jeder Fehler nur noch eine blasse Erinnerung. Mit dir, Chardím hätte ich so gern so viel mehr Zeit verbracht. Jetzt glaube ich, fehlt mir so viel, was wir von einander hätten lernen können. Caylee... ich hätte dich so gern vor diesem Idioten Krolock bewahrt. Er war schlecht für sich – auch wenn du das nicht wahrhaben wolltest. Du warst mir immer eine wichtige Schwester und deine Veränderung hat mir immer etwas Angst gemacht. Aber auch Amúr und Chanuka – wir waren eine Familie und ihr wart mir immer wichtig – auch wenn uns nicht so viel Zeit zusammen vergönnt war.
Wir waren so viele Wölfe, wir haben so viele Geschichten geschrieben – dass man da nicht mit jedem Wolf zurecht kommt, ist wohl kein Wunder. Krolock zum Beispiel – eine Paradebeispiel dafür. Ein dummer Unruhestifter, von dem ich bis heute nicht weiß, wieso er bei uns bleiben durfte. Ein anderer, nerviger Wolf war Isaí, nicht so schlimm wie Krolock, aber ich habe ihn trotzdem lieber gemieden. Obwohl es sicher spannend gewesen wäre, ihn als Erwachsenen zu erleben. Aber er hatte immer etwas mit Chivan zu tun... eine merkwürdige Verbindung – von zwei so verschiedenen Wölfen. Und das, wo Chivan ein recht angenehmer Zeitgenosse war. Zwei unvergessene Wölfe sind mein Pate Liam und Madoc, mein bester Freund. Sie konnten uns nicht bis zum letzten Atemzug begleiten, sie haben uns vorher verlassen – und trotzdem gehören sie dazu.

So viele Wölfe – so viele Erinnerungen, die ich nie vergessen werde. Auch wenn wir vorerst an einer Stelle stehen bleiben, keinen genauen Weg haben, dem wir folgen können, so glaube ich trotzdem, dass wir weiter leben. Manche lassen wir zurück, aber es war schon immer ein Kommen und Gehen. Die wichtigsten sind geblieben – und wir werden alle entgegen gehen, zusammen. Wir fallen nicht, wir gehen nicht zu Boden. Wir stehen zusammen, über jedes Ende hinaus. Wir sind ein Rudel, eine Familie. Wir gehören zusammen – und ich werde nie auch nur einen von euch vergessen.“
Turién
Und so endet unsere Reise plötzlich. Unerwartet. Wer hätte das gedacht?

Schwerelos sind wir nun, anfassend kann man uns nicht mehr, existieren nur noch in unseren Köpfen. Wir sind nicht mehr da, aber werden trotzdem immer bleiben. Denn uns kann man nicht vertreiben. Wir sind eine Familie und auch wenn es uns manchmal zerschlägt und wir taumeln, können wir stetig auf uns zählen. Wir werden immer da sein.

Nerúi - verzeihe mir. Ich habe niemals aufgehört dich zu suchen, niemals. Finden konnte ich dich aber auch nicht. Es tut mir so Leid... Aber jetzt können wir endlich wieder gemeinsam durch unsere Gedankenwälder ziehen.
Tyraleen - Mama. So sehr ich mich auch gewehrt habe und dich nicht verstehen konnte und wollte, du wirst für immer meine liebe Mama sein. Egal was du tust. Denn du warst immer für mich da, wenn ich dich brauchte. Es tut mir Leid, dass ich dich allein gelassen habe. Wir sind eine Familie und ich liebe dich.
Averic - Mein lieber Papa - erinnerst du dich, was für eine schreckliche Angst ich hatte, als ich zum ersten Mal in meinem Leben Schnee sah? Oh, ich bin so stolz dich als Papa zu haben. Jeder respektiert dich und schaut zu dir auf. Du bist mein Vorbild. Nun kannst du mir mehr Lebensweisheiten erzählen - in unserer Gedankenwelt!
Atalya - es tut mir Leid, dass ich dein Ohr 'gelocht' habe. Aber auch irgendwie nicht... haha! Es passt zu dir, Schwesterherz! Du warst immer für mich da, die Stütze, die ich brauchte, als mir das Wichtigste fehlte. Ich danke dir dafür! Lass uns zusammen die Aussicht vom Himmelsfelsen genießen...

Vielleicht sind wir nicht mehr da, aber fort sind wir auch nicht.
Sheena, Liel & Kaede
„Mama? Kannst Du mich hören? Etwas Schreckliches ist passiert…“ Die Worte der jungen Fähe flogen gen Himmel, getragen von seichten Böen. Liel saß aufrecht unter einer alten Weide. Sie war noch nicht weit gelaufen, seitdem die schlechte Nachricht an das Rudel herangetragen wurde. „Mama?“

Ruhig schritt die weiße Fähe durch das unwegsame Gelände. Langsam spielten ihre Ohren vor und zurück. Da! Da war doch gerade eine Stimme gewesen? Aufmerksam blieb sie stehen und lauschte den verhallenden Worten nach. Dann trugen sie ihre Pfoten ohne zu zögern zu der grauen Fähe. „Liel – wie schön Dich hier zu treffen.“

„Sheena! Ach, wie gut es tut Dich zu sehen!“ Die Graue lächelte leicht. „Ich… Ich wollte gerade meiner Mama, also Kaede, erzählen was geschehen ist. Meinst Du sie kann mich hören?“

Die ehemalige Betafähe lächelte der jüngeren Wölfin aufmunternd zu. „Natürlich kann sie Dich hören. Erzähle ihr ruhig von dem Schicksal ihres ehemaligen Rudel.“ Sie zögerte kurz. „Darf ich mich zu Dir setzen?“

Liel nickte glücklich. Zwar erschien es ihr ein wenig merkwürdig vor einem weiteren Wolf zu ihrer verstorbenen Mutter zu sprechen, aber alleine sein wollte sie auch nicht.
„Hallo Mama. Sheena ist soeben zu mir gekommen – aber vielleicht siehst Du uns hier unten ja auch… Mama – das Rudel musste sich trennen! Es scheint mir, als ob das Verlassen unseres geliebten Tals erst gestern war. Wir waren auf dem Weg in ein neues Leben und jetzt stehen wir alle ohne ein Rudel dar…Dabei dachte ich immer ich würde bis zu meinem Tod diesem Rudel angehören. Im Tal geboren, im Tal sterben. Zumindest in dem Rudel der Sternenwindwölfe. Ich wollte… noch so vieles erleben!“ Sie verstummte.

Sheena wiegte nachdenklich ihren Kopf ehe sie anfing zu sprechen. „Kleine Liel. Wenn Deine Mama Dich hören kann, vielleicht können es die anderen Wölfe der Sternenwinde auch noch… Lass doch den Wind Deine Abschiedsworte tragen – auch ich werde mich Dir gerne anschließen.“

Liel zögerte. Aber warum sollte sie es nicht versuchen.
„Liebes verstreutes Rudel. Ich danke euch allen für die wunderbare Zeit mit Euch. Auch wenn ich viel mit mir und meinen Brüdern beschäftigt war, habe ich es sehr genossen in Eurer Geborgenheit aufwachsen zu können. Auch wenn der frühe Tod meiner Eltern mich, uns sehr belastet hat, habt ihr uns dennoch aufgefangen und, auch wenn wir uns daneben benommen haben, nicht aus dem Rudel gejagt.
Liebe Tyraleen, ich danke Dir dafür, dass Du mir meine Brüder nicht genommen hast – obwohl Dir vor allem einer der beiden genügend Gründe geliefert hat.
Liebste Brüder, ich hoffe ihr lebt Euer Leben nach Euren Wünschen und Vorstellungen.
Liebes Rudel, jedem von Euch wünsche ich eine wundervolle Zukunft.
Lieber Chanuka…“
Sie lächelte bei dem Gedanken an ihn. „Ich wünschte mir, ich hätte den Mut gehabt Dir zu sagen wie viel Du mir bedeutest. Aber vermutlich weißt und wusstest Du es. Ich habe stets davon geträumt mit Dir an meiner Seite alt zu werden, unsere Welpen aufwachsen zu sehen, deren Welpen…“ Sie verstummte, dabei würde sie so gerne noch viel mehr sagen. Aber wahrscheinlich würde sie dann nie wieder aufhören zu sprechen.

In Sheenas Augen war ein freudiger Glanz getreten, während sie den Worten der jungen Fähe lauschte. „Wunderbare Worte liebe Liel! Dann werde ich mich Dir mal anschließen…
Liebstes Rudel. Jedem von Euch wünsche ich nur das wunderbarste was ich mir ausmalen kann. Lebt Euer Leben mit Freude und Träumen die ihr zu Wirklichkeit werden lassen könnt. Und irgendwann werden wir uns alle im Jenseits wiederfinden! Und ich werde mich freuen, denn ihr seid alle in meinem Herzen.
Und damit sich niemand zurückgestellt fühlt möchte ich hier nur unserer wundervollen Alphafähe und meiner kleinen, geliebten Familie noch einige Worte widmen…
Liebste Tyraleen, ich danke Dir für Deine Freundschaft, Dein Vertrauen und Deine stetigen Bemühungen das Beste für das Rudel zu tun. Herzallerliebster Jakash! Meine Liebe wird dich überallhin begleiten. Ich danke Dir für unsere gemeinsame Zeit und unsere bezaubernden Welpen. Isaí, Malik, Taleesha und Linalee – ihr meine geliebten Schätze. Es tut mir Leid, dass ihr in eine Zeit so voller Unruhe geboren wurdet. Dennoch – bereuen werde ich es niemals! Denn ihr seid ein Teil von mir – ich bin ein Teil von Euch. Und egal wohin Eure Pfoten euch tragen werden – ich werde immer, immer, immer bei Euch sein. Tief in Eurem Herzen – so wie ihr in meinem.“
Damit verstummte auch Sheena nun.


Und so saßen die beiden Wölfe beinahe regungslos unter der Weide. Ihre Ohren schnippten sachte umher, so, als ob sie eine Gegenwart spürten, sie aber nicht ihr zuordnen konnten. Kaede lächelte und blickte mit ihren meerblauen Augen zu ihrer Tochter. „Liebes Rudel der Sternenwinde – geliebte Liel, geliebter Ciradan und geliebter Krolock.
Danke für alles was ich mit Euch allen erleben durfte und für das, bei dem ich Euch im Herzen begleiten durfte. Es war eine wundervolle Zeit – ich tanze auf tausenden Sternen und freue mich darauf, irgendwann wieder mit Euch allen vereint zu sein. In der Unendlichkeit, in der Ewigkeit, in unseren Herzen.“
Isaí Caiyé & Chivan
Ein Ende? Pfff! Was wollen sie jetzt machen? Stehenbleiben? Tag und Nacht? Bloß, weil irgendwer sagt, hier wäre Schluss? Dachten wir das nicht auch, als unsere Heimat in Flammen stand, die Luft brannte und es schwarzen Regen regnete? Aber damals hat auch niemand vorgeschlagen, einfach stehenzubleiben, weil es das "Ende" sein könnte. Warum also jetzt, nur weil sich "unsere" Wege vorerst trennen - wer weiß, wo sie uns wieder zusammenführen, so wie sie beispielsweise auch Kisha oder Opa Hiryoga zurück zu uns gebracht haben.
Ich habe Tyraleen versprochen, zu laufen bis es nicht mehr geht und ich habe versprochen, alle anderen anzuspornen, die die Hoffnung verlieren und nicht weitergehen wollen. Natürlich werde ich euch alle vermissen, die ihr uns dort draußen beigestanden und unsere Abenteuer mit uns erlebt habt, aber dieser Abschied bedeutet noch lange nicht, dass es keine Abenteuer mehr auf der Welt geben wird. Im Grunde erleben wir doch jetzt noch viel mehr Spannendes! Gut, wir sind nicht überall dabei, aber wenn wir uns wiedersehen, können wir uns so viel berichten. Wir schreiben unsere eigene Geschichte und das geht nicht, wenn wir hier jetzt Wurzeln schlagen, weil irgendwer "Ende!" gerufen hat.
Das Tal der Raben wartet auf uns und danach sicher noch viel mehr, zu guter letzt aber auch unsere Heimat, das Tal der Sternenwinde - ganz egal wie viel schwarzer Regen gefallen ist! Immerhin ist das der Ort, an den wir gehören - wir, das Rudel der Sternenwinde. Ha! Und außerdem - habt ihr je einen Wind gesehen, der sich hat sagen lassen, wo sein Ende ist? Ich nicht! Und ich will auch nicht zu den ersten gehören. Erst, wenn ich nicht mehr laufen kann, dann akzeptiere ich ein "Ende". Bis dahin laufe ich voran, wie ich es versprochen habe - an der Seite meiner Familie. Und wehe dem, der aufgibt!

Weise Worte, junger Wolf. Ein Abschied muss nicht zwangsläufig ein Ende bedeuten. Vor allem dann nicht, wenn man im Herzen verbunden bleibt. Diese Bindung, diese "Freundschaft" ist im Stande, auch die längste Zeit, die weiteste Strecke, ja gar Fenris' Weg zu überdauern. Sag, Isaí, weißt du, was für dich ein Ende bedeutet?

Auf jeden Fall kein Abschied. Ein Abschied schließt nie aus, dass man sich wiedersieht, denn keiner von uns weiß, was die Zukunft bringt. Vielleicht laufen wir uns ja morgen schon wieder über den Weg? Mhhhh... Viele sagen ja, der Tod wäre ein Ende, aber eigentlich ist das doch auch bloß ein Abschied, oder, Chivan?

Für viele ist es schwer, etwas als Nichtverloren anzusehen, wenn es nicht mehr in unmittelbarer Nähe ist. Das Wissen, jemanden nicht mehr körperlich erreichen zu können, obwohl man seine Nähe doch so sehr begehrt, ist ein nur sehr schwer überwindbares Gefühl von Hilflosigkeit. Umso härter ist es, sich bewusst zu machen, dass niemand jemals vollkommen verschwindet. Im Falle des Todes sind es gemeinsame Erinnerungen, Gedanken und Gefühle, die man noch immer teilt, hierbei zusätzlich noch das Wissen, dass der andere irgendwo unter demselben Himmel wandert.
Wo denkst du, liegt noch ein Unterschied?

Darin, dass es eine freiwillige Entscheidung ist. Irgendwann ist für jeden der Augenblick gekommen, die ewigen Hallen zu betreten. Es ist eine Reise ohne Wiederkehr, ohne freien Willen und trotzdem etwas, gegen das man sich weder stellen kann noch will. Das hier ist mehr ein Entschluss, etwas worüber man sich Gedanken machen kann, die in der Lage wären, etwas zu verändern. Wir haben es in der Pfote, ob sich unsere Wege trennen sollen oder nicht. Gleichzeitig wissen wir aber auch nicht, ob wir uns erst in den ewigen Hallen oder schon im nächsten Tal wiedertreffen.

Ändert es etwas für dich, dass es eine freiwillige Entscheidung ist, diesem gemeinsamen Weg ein Ende zu setzen?

Nein. Irgendwann kommt die Zeit, in der man tun muss, was einem das Herz sagt. Dieser Abschied - ich weigere mich, es 'Ende' zu nennen! - ist nicht leicht; nicht für uns und nicht für sie, aber er ist notwendig, so wie wir uns von unserem Revier verabschieden mussten. Ich bin traurig, aber ich weiß, dass es so sein muss und auf irgendeine Art richtig ist, die vielleicht nur die Götter verstehen. Gottvertrauen ist wichtig. Mit Sicherheit haben sie ihren Grund, diesen Weg hier zu teilen. Wäre das Vertrauen manch anderer ebenso unerschüttert wie deines, wäre dieser Abschied weitaus einfacher. Nicht alles auf dieser Welt hat einen Grund, eine Erklärung, die wir auch verstehen. Vieles ist einfach ein Gefühl, ein innerer Drang, dem wir uns hingeben sollten, denn es weist uns stets den richtigen Weg.
Chivan? Denkst du, dass wir sie irgendwann wiedersehen, um ihnen zu erzählen, was wir erlebt haben und was aus uns geworden ist?

Bestimmt, Rotpelz. Solange wir den Glauben daran nicht verlieren und uns gegenseitig nie vergessen. Denn solange sind wir im Herzen verbunden und unantastbar für jede Distanz.

Darf ich dich noch etwas fragen? Was ist für dich ein Ende?

Nun... Ich denke, dass Vergessen ein Ende ist, welches und gar nicht so bewusst ist. Doch solange wir nicht vergessen, gibt es kein Ende - nur Veränderung und neue Anfänge, für die wir offen sein müssen, um das beste daraus zu machen.
Ob wir etwas enden lassen oder nicht, bestimmen wir also ganz für uns allein. Und alles, was wir nicht vergessen, was wir nicht beenden wollen, wird für uns eine unendliche Geschichte.

Das gefällt mir. Die unendliche Geschichte der Sternenwinde, die niemals jemand vergessen wird.
Kursaí
Mein ganzes Leben ist eine Reise ins Ungewisse. Und nun soll diese Reise ein Ende gefunden haben? Ein Ende, ohne Zukunft? Dies ist wohl die Bedeutung von einem Ende und doch klingt es so trostlos. Ich denke nicht, dass dies unser einziges Schicksal ist. Denn auch wenn die Reise nun vielleicht nicht mehr geschrieben wird, kann dies doch kein Ende sein. Denn auch wenn wir nicht mehr wahrgenommen werden, nur noch wir irgendwo sind, so stehen wir noch immer unter dem Blick der Götter. So wird unsere Geschichte wohl im Nebel verschwinden. Jedoch im Innersten werden wir immer verbunden sein, genauso wie mit den Göttern. Diese sind zwar auch nicht in unserer Reichweite und auch sehen können wir sie nie. Dennoch bin ich mir sicher, dass sie immer da sein werden, und auch immer bei uns sind, um ein wachsames Auge über uns zu haben.
Dies alles wird wohl aber über das tatsächliche Ende nicht hinweg täuschen können, so sehr ich es mir auch wünschte. So bleibt mir nur der Glaube, der mir Halt gibt - es schon immer gegeben hatte. Der Glaube an unsere Welt, und an meine Familie. Damit weiß ich, dass trotz allem etwas fortbestehen wird. Ich werde euch alle vermissen und nie den Glauben verlieren. Wir werden uns wiedersehen, auch wenn dies in einer Form stattfinden wird, die wir uns alle noch nicht vorstellen können - daran glaube ich fest.
Daylight
Sie saßen stumm nebeneinander, ohne sich zu berühren – ihr Atem und das stetige, sachte Rauschen des Meeres war das einzige Geräusch in der vollkommenen Stille des Nachmittags. »Ich möchte dir etwas erzählen, Amir«, sprach die kleine Fähe an seiner Seite schließlich leise. Ihr Tonfall war ruhig, aber bestimmt. »Was geschah bevor du herkamst?«, riet er und sah sie im Augenwinkel nicken. »Okay«, sagte er und bedeutete ihr mit einer stummen Geste zu beginnen. Er hatte bereits viel von ihrer Familie erfahren, kannte die meisten Namen und einige Verhältnisse, doch nie hatte sie ihm mehr, alles erzählt. Er hörte sie tief Luft holen, wie als rüste sie sich für einen langen Lauf und er musste Lächeln, als sie in recht förmlichen Ton zu erzählen begann.
»Als Tochter der Leitwölfe Banshee und Acollon verlebte ich viele glückliche Welpentage im Tal der Sternenwinde; ich verbrachte viel Zeit mit Kisha, meiner älteren Schwester und Patentante, und mit Merawin, meinem einzigen gleichaltrigen Bruder. Es gab nichts, um das es ich mich sorgen musste. Meine Mutter kümmerte sich liebevoll um uns alle – und vermutlich war auch dies der Grund, warum ich meinen Vater nie vermisste. Gemeinsam mit meinen Wurfgeschwistern stand ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des gesamten Rudels und ich genoss dieses Gefühl. Ich liebte meine Familie und im Tal gab es so viel zu entdecken, dass es für uns Welpen nie langweilig wurde; Kisha gab auf mich ab, meine Mutter und meine ältere Schwester Parveen beantworteten mir gewissenhaft all meine Fragen – erklärten mir die Welt – und Merawin war der beste Spielgefährten den ich mir wünschen konnte. Ich war ein aufgedrehter, wissbegieriger Welpe, ich wollte die Welt erkunden, ich hatte viele Träume und ich war niemals allein; schließlich war meine Familie schon damals sehr groß. Ich war so glücklich; es verging kein Tag, an dem ich nicht lachte – sogar Facie dem alten Griesgram wollte ich das Lächeln beibringen. Und vermutlich war auch dies der Grund, der mir meine Rolle des Sonnenkindes zutrug. Ich trug und trage diesen Titel mit Stolz, wuchs mit ihm auf, versuchte stets seiner Bedeutung gerecht zu werden; so auch, als mit dem Sommer ein fremdes Rudel in unser Tal kam. Meine Mutter, Banshee, war eine kluge Alphawölfin (die beste, wenn du mich fragst), sie wusste, dass wir den Fremden nicht würden standhalten können und so flohen wir, verließen das geliebte Revier und versteckten uns in den Bergen. Und ich lächelte. Die zerklüftete Felslandschaft gefiel mir; die Reise erschien mir wie ein kleines Abenteuer, ich hatte Spaß – ich begriff nicht, was er uns kostete.
Erst als schließlich unser Vater erschien und ich Merawins toten Körper erblickte dämmerte es mir allmählich – doch der Schmerz, mein eigener und der der anderen (den ich fortan in mir spüren konnte), drohte mich zu erdrücken. Anders als Tyraleen konnte ich meinen Vater nicht mit der gleichen Begeisterung begrüßen, stattdessen spürte ich den Hass meines älteren Bruders Averic auch in mir auflodern; ich gab Acollon die Schuld an Merawins Tod, so wie Averic ihm die Schuld an Cylins gab. Und zum ersten Mal fühlte ich mich Averic nah, vielleicht hoffte ich, er würde mir Merawin ersetzen können – irgendwie. Doch er hasste mich von Beginn an und obwohl ich stetig versuchte mit ihm befreundet zu sein, gelang es mir nie ihn zu erreichen. In den Bergen stieß auch Nyota zu uns, die sich als die Schwester meiner Mutter – also meine Tante – vorstellte.
Es geschah so viel auf einmal. Ich war traurig wegen Merawins Tod, sauer, weil Averic mich nicht mochte, beleidigt, weil mich niemand beachtete – die wirren Gefühle der vielen Wölfe brachten mich vollkommen durcheinander und gleichzeitig versuchte ich trotzdem irgendwie glücklich zu sein. Ich war noch immer ein Welpe, ich wusste es nicht besser und so suchte ich meinen Trost in einem der Bergseen; ich hoffte einige Fische erbeuten zu können, um wieder ein wenig Anerkennung zu gewinnen. Das Wasser war eiskalt, doch es kümmerte mich nicht – ich war wie besessen von den Fischen und meinem Plan, dass ich gar nicht bemerkte, wie sich das Rudel von mir entfernte. Offenbar fiel niemandem auf, dass ich fehlte. Ein Schneesturm setzte ein, und ich hatte mühe den rasch verschwindenden Spuren zu folgen – doch es gelang mir. Ich war müde, mein Fell war nass bis auf die Haut und es war so kalt, dass das Wasser zu Eiskristallen gefroren war. Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte und ich konnte Kisha nirgends entdecken, also flüchtete ich mich zu Amáya – meiner Wurfschwester – wir hatten uns nie nah gestanden, sie immer fremd gewesen, doch sie kümmerte sich um mich, wärmte mich und wich nicht mehr von meiner Seite. Und ich gewann mein Strahlen zurück. Amáya und ich wurden Freunde – Schwestern. Wir verbrachten gemeinsam eine schöne Zeit auf dem Berg, der uns wie ein zweites Zuhause geworden war und entwuchsen gemeinsam dem Welpenalter, wurden zu jungen Wölfinnen.
Im darauf folgenden Sommer eroberte unser Rudel mit Hilfe von Acollon und Nyota das Tal zurück, sodass wir alsbald in unser altes Revier zurückkehren konnten. Ich freute mich sehr darüber wieder das vertraute Gras unter den Pfoten zu spüren, obgleich ich mich kaum an etwas erinnern konnte; doch natürlich lächelte ich. Ich genoss wunderschöne, warme Tage gemeinsam mit Kisha und lernte schließlich Aryan kennen. Ich war jung, ich war naiv. Und ich verliebte mich in ihn. Er war charmant, mysteriös und hübsch und er roch nach Regen. Er faszinierte mich und wir hingen sehr aneinander. Kurz darauf erlitt meine Mutter Banshee eine Fehlgeburt und zum ersten Mal bemerkte ich, dass sie schwächer wurde, doch Aryan war bei mir, Aryan tröstete mich. Und so kam hinzu, dass meine Schwester Tyraleen bald darauf ihre und Averics Welpen gebar; ein kleines Wunder, doch es war Engayas Wille und so hinterfragte ich nie, dass sie Bruder und Schwester waren. Ich bekam einen Patenwelpen – Avendal. Und Aryan und ich adoptierten die kleine Aléya. Alle schienen glücklich, ich war glücklich, doch ich war jung und ich war eifersüchtig auf eine Fähe names Gani, mit der Aryan viel Zeit verbrachte. Ich vermisste seine Aufmerksamkeit, die Komplimente, die er mir oft gemacht hatte und so lernte ich einen Rüden namens Nightmare kennen; seine düstere und doch freundliche, ruhige Art zog mich an – das Verhältnis zu ihm war gleichsam spielerisch, doch nicht so kindisch, wie es die ersten zarten Annäherungsversuche mit Aryan gewesen waren. Nightmare war sehr nett zu mir, er sagte mir wie hübsch ich war und ich sog die Komplimente in mich ein, wie eine verdurstende Blume den Regen und alsbald fanden wir uns tanzend auf einer Lichtung wieder. Man muss mir zugute halten, dass ich immer ehrlich war – ich verschwieg Aryan die Liebelei mit Nightmare nicht. Doch mir blieb nicht viel Zeit, über meinen Fehler nachzudenken oder ihn gar wieder gut zu machen, denn kurz darauf starb meine Mutter Banshee, gemeinsam mit meinem Vater, der nach der Eroberung des Tals erneut spurlos verschwunden und erst und nur zu seinem Tod zurückkehrt war. Ich war traurig, ich war verwirrt, doch ich hatte niemanden, der mir beistand; Aryan entfernte sich von mir und auch Amáya verzieh mir nicht, dass ich sie in den Monaten, die ich mit Aryan verbracht hatte, vernachlässigt hatte. Stattdessen entwickelte sie ein nie gekanntes, aggressives Wesen – sie verlor sich, war nicht mehr die Amáya die ich kannte. Ich war bestürzt, ich begann mich selbst zu hinterfragen – war ich denn noch die, die ich vorgab zu sein? Daylight? Immer lachend, tanzend, lächelnd auf der Sonnenseite des Lebens? Ich begann zu zweifeln und als sich das Nichts – eine unbekannte Bedrohung – immer weiter im Tal auszubreiten schien, und bereits einige Wölfe mit sich gerissen hatte, schlich ich mich eines Nachts davon. Entfernte mich rasch von dem Tal, indem ich geboren war. Ich war feige, ich ließ meine Familie im Stich, das wusste ich, doch gleichzeitig wusste ich auch, dass es für mich selbst keinen anderen Ausweg gab. Ich konnte nicht dort bleiben, solange ich mich selbst nicht kannte; ich konnte ihnen nicht beistehen als jemand, der nicht wusste wer er war. Ich fühlte mich plötzlich immer unvollständiger. In den Momenten, die ich allein in der Wildnis verbrachte, gelang es mir die Maske, das Lächeln abzulegen, ich fühlte mich frei, aber ich fühlte mich auch genauso hässlich. Mir gingen oft Face Taihéyos Worte durch den Kopf, dass er das Lächeln verlernt hätte. Und ich fragte mich, wann ich selbst das letzte Mal ehrlich gelächelt hatte – und wie viel von dem nur die Rolle war, die mir bereits im Welpenalter auferlegt worden war; ein Vermächtnis, genau wie die Gabe, die Gefühle anderer lesen zu können, wie eine frische Fährte. Ich irrte lange umher, kam in immer unwirtlichere Gegenden, in denen die Beute zunehmend rar wurde. Mein Körper war mager und ausgezerrt und durch die sumpfigen Gebiete, die ich durchquert hatte, war mein weißes Fell bis zum Bauch verdreckt. Ich war müde und hungrig und als ich einen Waldrand erreichte, indem es endlich wieder viel versprechend nach Frischbeute roch, ließ ich mich einfach ins Laub fallen – mit dem Gedanken für nur einige Herzschläge zu verschnaufen; doch die Erschöpfung überwältigte mich augenblicklich und ich fiel in einen unruhigen Schlaf... den restlichen Teil der Geschichte kennst du ja.«

Daylight hatte ihre Geschichte nicht ohne Stolz vorgetragen; und das obgleich sie so viel Schreckliches erlebt und Fehler gemacht hatte, und er kam nicht umhin sie dafür zu bewundern. Die Erlebnisse hatten sie nicht verbittert, sie hatten sie stark gemacht, hatten eine selbstbewusste, ehrliche Wölfin aus ihr gemacht. Er schwieg eine Weile; beobachtete sie im Stillen. Der kleine, zierliche Körper in aufrechter Haltung, das reinweiße Fell, das im Sonnenlicht golden schimmerte und niemals glatt am Körper anlag, sondern stets ein wenig zerzaust wirkte – wie Wolkenfetzen, die sich vor die gleißende Sonne schoben und ihre Augen hatten die Farbe von fließendem Honig. Sie war keine Wölfin, die sich leichtfertig etwas befehlen ließ, sie mochte launenhaft sein, doch immer bemüht freundlich, niemals willkürlich boshaft und war ihr Lächeln auch eine Maske, so trug sie diese mit Würde. Er hatte sie als liebenswürdige, beherzte und loyale Fähe kennen gelernt – ihre Geschichte zu kennen, veränderte dieses Bild nicht, sondern machte es facettenreicher, perfekter, verlieh ihr Ecken und Kanten, die er zuvor nicht an ihr bemerkt hatte und machte ihre ganze Erscheinung noch reizvoller, liebenswürdiger.
»... und du lächeltest«, sinnierte er schließlich und bedachte sie mit einem verhaltenen Schmunzeln. »Was?« - »Du lächeltest, als wir uns das erste mal begegneten.« Auf ihrem Gesicht erschien ein nachdenklicher Ausdruck, ihre Lefzen zuckten kurz, doch sie antwortete nicht gleich. »Du warst vollkommen verdreckt und abgemagert, aber du lächeltest – ich finde das bewundernswert«, fügte er noch hinzu. Man sah ihr gleich an, das seine Worte ihr schmeichelten, denn sie wandte den Blick ab und ließ verlegen die Ohren schnacken. Die Geste entlockte ihm ein raues Lachen, sie wich seinem Blick aus, dann, zögerlich, lächelte sie. »Du verachtest mich nicht«, stellte sie fest und schaute ihm fest in die Augen, suchte die Bestätigung ihrer Worte darin, fand sie und strahlte ihn an. »Warum sollte ich dich verachten? Wir alle machen Fehler, niemand von uns ist perfekt, aber gerade das ist es, dass uns perfekt macht, findest du nicht? Dass wir Fehler haben, Ecken und Kanten. Du hast es nie nötig gehabt deine Gefühle zu verbergen, deine Wut herunter zu schlucken. Natürlich war es nicht richtig deinen Gefährten zu betrügen, aber du bist immer dir selbst treu geblieben und diese Ehrlichkeit ehrt dich – du bist bewundernswert, Daylight.«
Sie lachte – teils verlegen, teils glücklich – und rückte näher zu ihm, schmiegte sich dankbar an ihn. »Ich habe dir so viel zu verdanken«, begann sie, »du hast mich bei dir aufgenommen, du warst so freundlich zu mir, hast mich durchgefüttert, selbst als dein Rudel im Winter kaum selbst Nahrung fand, du hast mir gezeigt, wie man nach Fischen taucht, du-« - »Du bist ein Teil meines Rudels, Daylight«, erwiderte er ruhig, »du hast für die Welpen gesorgt, als meine Gefährtin nicht mehr in der Lage dazu war, du hast Futter herangeschafft, als meine Wölfe zu schwach waren um selbst zu jagen – ohne, dass ich dich je darum habe bitten müssen. Du bist ein sehr wichtiger Teil meines Rudels geworden, der wichtigste...«, er ließ den Satz unbeendet in der Luft hängen. Auf Daylights Gesicht hatte sich Traurigkeit ausgebreitet. »Was ist?«
»Amir? Ich-« Er sah, wie sie mit sich haderte, ihre sonst hellen Augen verdunkelten sich – er sah Schuld in ihnen, den Kummer, das schlechte Gewissen. Und da wurde es ihm mit einem mal klar. »Du kehrst zurück. Nur deshalb hast du mir deine Geschichte erzählt.« Er sah sie schwer schlucken. »Es tut mir Leid... es ist wunderschön hier. Ich liebe das Meer, den Strand, die Wölfe, es macht Spaß zuzusehen, wie die Kleinen heranwachsen, es macht Spaß Fische mit dir zu fangen, aber...« - »... du vermisst sie, schon klar«, beendete er ihren Satz kalt und erhob sich langsam. »Tyraleen braucht meine Unterstützung als neue Leitwölfin, Aléya braucht eine Mutter, Avendal braucht ihre Patentante und Amáya braucht ihre Schwester.« »Und was ist mit uns? Wir brauchen dich auch.« Es tat weh ihren Schmerz zu sehen, ihre Zerissenheit, wie sie dort auf der Lichtung saß, ihn anblickte und schließlich traurig den Kopf schüttelte. »Nein, Amir, es ist nicht richtig. Diese Welpen sind nicht meine eigenen und Jani wollte mich nie hier haben. Ich liebe euch alle, von ganzem Herzen, aber dies hier ist nicht mein Zuhause.« - »Blut ist eben doch dicker als Wasser«, stellte er fest. Er wollte es nicht verächtlich klingen lassen, schaffte es aber nicht den rauen Tonfall vollständig aus seinen Worten zu verbannen. »Ja«, mehr schien ihr nicht dazu einzufallen, doch er sah, wie sie zögerte und schenkte ihr einen spöttisch-erwartungsvollen Blick und sie setzte hinzu: »Gibst du mir deinen Segen?« Dieser kindliche, bittende Ausdruck auf ihrem Gesicht brach ihm das Herz. Er räusperte sich. »Woher willst du wissen, ob sie überhaupt noch leben? Woher willst du wissen, dass das Nichts sie nicht längst alle verschlungen hat oder dass sie geflohen sind, irgendwohin, wo du sie nicht finden kannst?« Er beobachtete fasziniert ihr Mienenspiel, wie sich der bittende Ausdruck auf ihrem Gesicht verhärtete, Züge von Entschlossenheit annahm. »Ich spüre es.« Ihr Todschlagargument traf ihn so hart, wie der Prankenschlag eines Bären. Er wusste, dass er sie nicht würde abhalten können, sie nicht vom Bleiben würde überreden können, wenn sie selbst es nicht wollte. Er fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lefzen. »Du hast meinen Segen«, entgegnete er schließlich harsch, doch ihr strahlendes Lächeln ließ seine abweisende Haltung rasch schmelzen. »Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder.« - »Ja, vielleicht...«, wiederholte er, aber er glaubte nicht daran. Er ließ zu, dass sie sich ihm näherte und ihr Gesicht in seinem Pelz vergrub. »Masch's gut, Amir und danke für allesch«, nuschelte sie, das Maul voller Fell. Und er konnte nicht anders als zu lächeln, als sie sich von ihm löste, ihm einen letzten Blick schenkte und schließlich ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen davonging. Bei den Bäumen angekommen verfiel sie in einen leichtfüßigen Trab, der sie davontrug, weg vom Meer und weg von ihm – Amir. Es fühlte sich an, als trüge sie sein Herz mit sich davon. Er seufze schwer und ihm wurde klar, dass Aryan und Nightmare nicht die einzigen Rüden waren, denen Daylight mit ihrer kindlich-naiven, ehrlichen Art den Kopf verdreht hatte.
Hiryoga
“Wo bin ich hier? Es ist so still...bin ich wieder im 'Nichts'? Aber das kann nicht sein, ich habe das 'Nichts' hinter mir gelassen, ich war doch eben noch bei meiner Familie! Konnte ich meine letzte Chance nun doch nicht nutzen, war alles umsonst?“

.oO( Es ist still um mich herum, aber diese Stille stammt nicht vom „Nichts“. Wo ist Shani nur hin? Wo ist Isaí, wo ist meine Familie hin?! )Oo.

“Es ist vorbei? Einfach so? Aber, aber ich wollte doch meine Chance nutzen! Ich wollte doch nun alles besser machen! Ich wollte für sie da sein, ich wollte...ich wollte doch noch so viel mehr als das, was ich bisher hatte!“
- So ist das im Leben. Du musst es hinnehmen. -

“Einfach hinnehmen sagst du? So wie ich den Tod meiner Mutter und meiner Patin hinnehmen musste?!“

- Ja. Nutze lieber die letzte Chance, dich denen anzuvertrauen, denen du noch so viel schuldest. -

“Meine letzte Chance? Aber ich dachte, die hätte ich mir schon verspielt?“

.oO( Bin ich verrückt geworden? Hat mich das 'Nichts' wieder? Aber das kann nicht sein, denn ich fühle doch! Ich spüre den Schmerz, die überwältigende Trauer, die Angst und auch das Verlangen, sie wieder sehen zu wollen! )Oo.

- Das hier ist nicht das 'Nichts'. Es ist mehr wie ein langer Schlaf. Du wirst schlafen. Kein Leid und keine Trauer werden dich mehr heimsuchen und vielleicht, eines Tages, erwachst du und das Leben hat dich wieder. -
“Schlafen sagst du? Ich kann doch jetzt nicht schlafen! Es muss doch noch so viel gesagt werden! Ich muss Shani finden! Sie muss doch noch erfahren, wie sehr ich bereue, was ich ihr angetan habe! Ich konnte ihr doch noch gar nicht sagen, wie sehr ich sie liebe und wie sehr ich sie brauche. Und sie braucht auch mich! Ich kann sie doch nicht wieder im Stich lassen. Nicht schon wieder...“

- Nur Shani? Und was ist mit deinen Kindern? Was ist mit deinen Enkeln? -

“Meinen Kindern? Auch ihnen habe ich noch so viel zu sagen! Sie werden nie erfahren, wie viel Schmerz es mir eingebracht hat, mich von ihnen zu trennen und wie dumm ich doch war, sie zu verlassen! Wenn ich könnte, würde ich all das rückgängig machen, ich würde der beste Vater sein und ein noch besserer Opa! Ich dachte, dass Schicksal gibt mir eine zweite Chance, indem es mir Enkel bescherte, doch nun muss ich auch diese im Stich lassen. Ich hätte ihnen so gerne beim aufwachsen zugesehen, mit ihnen getollt und ihnen die Welt gezeigt.
Ich wollte, dass wir eine glückliche und zufriedene Familie werden! Ich würde alles dafür geben! So vieles hatte ich mir vorgenommen, so wenig konnte ich erreichen.“


- Du bist zurückgekehrt. Du warst auf dem richtigen Weg. Vergib dir endlich deine Fehlentscheidungen, die du in deiner jugendlichen Dummheit getan hast. Shani hätte dir verziehen und zu deinen Enkeln hättest du eine gute Bindung aufgebaut. Und irgendwann, eines Tages, hätte dir auch bestimmt Jakash verziehen. -

“Glaubst du? Das hört sich zu schön an, um wahr zu sein...“

- Bist du nicht müde? -

“Müde? Ja, das bin ich. Ich könnte schlafen, einfach nur schlafen...“
- Dann schlafe. Dein Tag wird kommen... -
Cylin
Es soll zu Ende sein? Ich kann das nicht glauben. Es hat doch gerade erst angefangen. Die Tage vergehen wie Stunden, die Momente wie Wimpernschläge. Ich habe euch doch so gerne beobachtet. Von hier oben, wo es immer bunt war, wo es immer voller Träume war. Ich hab so oft von euch geträumt, hab euer Leben gesehen und mich gut gefühlt - ich hab mit euch gelebt, gelitten, geträumt, ich war bei euch, selbst im Tode. Ich hätte doch so gerne gesehen wie es weiter ging. Wie ihr zueinander findet, wie mein Rudel eine neue Heimat findet. Selbst nach so vielen Jahren konnte ich euch doch nicht vergessen. Stattdessen habe ich versucht euch Zeichen zu schicken, Averic hat mich sogar einmal erkannt, im Traum, es war ein tolles Gefühl.
Doch jetzt ist alles still hier. Ich kann euch nicht mehr beobachten, die Dunkelheit ist schrecklich. Dabei wollte ich sie doch aufwachsen sehen, die Welpen zu Wölfen, die Wölfe zu Legenden.
Und Averic, oh wie gerne hätte ich gesehen ob er doch noch einmal glücklich werden kann. Ich hätte es ihm so gegönnt, er war doch mein Lieblingsbruder. Mein großer Beschützer, doch nun, wo er gerade erblühen konnte, da wurde es still. Das stimmt mich traurig.

Sie alle waren da, Hiryoga, Malicia, Kisha und Parveen, sie alle haben ihr Leben weiter gelebt und ich hab sie so gerne dabei beobachtet. Hätte gesehen wie sie dieses Leben leben, das mir vergönnt blieb. Ich habe durch sie gelebt, dass weiß ich jetzt. Und wenn ich durch ihre Augen sah dann war es, als würde ich selber wieder sehen können, als wären diese Träume nicht einfach nur noch Träume.

All das vermiss ich, so wie ich es am ersten Tag vermisst habe. Meine Welt ist nun dunkler, stiller, als wäre meine Geschichte noch einmal Zuende. Doch ich weiß es besser. Unsere Geschichte, eure Geschichte, die kann niemals enden, denn sie lebt in meinem Herzen, unseren Herzen, aller Herzen.
Amúr
Es ist ein stilles Gefühl. Eine leere Höhle, die nicht einmal deinen Atem in ein Echo verwandeln kann.

Ich hatte nicht lange Teil an dieser Geschichte, denn ich war jung und ein unbeschriebenes Blatt. Niemals hätte ich mir denken können, das es gerade dann endet, als ich meinen Anfang gefunden habe. Vater, mein geliebter Bruder - sie waren alle wieder bei mir und schenkten mir Nähe und Geborgenheit. Herzschläge, denen ich in jener Dunkelheit folgen konnte und Stimmen, die meine Zuversicht stärkten. Ich hatte nicht viel von dieser Welt gesehen - irgendwo war ich noch ein Welpe; eine naive kleine Fähe, die dabei gewesen war sich in ihrer eigenen Fantasie zu verlieren. Ein Schloss, das mich schützte. Mein Schloss. Gerne hätte ich es euch gezeigt. Ach' diese prunkvollen Steine, hart aus den Felsen eurer Brandung geschlagen und stark genug es zu halten. Mich zu halten. Ich hätte euch gerne mehr über die Tiere erzählt, die Geschichten der Natur, die sie mir erzählten. Ich bereue nicht, dass ich ihnen öfters zugehört hatte, als dem Rudel. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie so viel mehr wussten und mich zu ganz anderen Wegen führen konnten. Irgendwo war diese Bestimmung; diese Bestimmung, dass ich sie hören konnte. Dass ich sie verstand.
Ich weiß, dass ihr mich nicht alle mochtet, dass wir große Unterschiede besaßen und ich nicht gut daran tat, wenn ich mich vom Rudelplatz entfernte und träumte. Ich war schon immer die ruhige, vorsichtige, stille Wölfin aus dem Wurf gewesen, die so sehr an der Stärke ihres Vaters hing. Als er ging, da hat er sie gebrochen. Ich kann und werde ihm nicht sauer sein, doch meinen Glauben hätte ich sogar für ihn hergegeben. Manche sehen diesen Gedanken wohl als schwach und nachgiebig, doch ich empfinde ihn als stark. Ich würde immer zu ihm stehen und ich hoffe ihn in dieser Dunkelheit wieder zu finden. Vereint mit meiner Mutter und meinen Geschwistern.

Doch...

Nun werde ich niemals meine Antworten finden, ich werde keinen Frieden mit Caylee schließen, Vater von all den Dingen erzählen, die ich im Pelz gespürt hatte, als er uns verließ. Ich durfte diese Antworten wohl gar nicht finden. Ich durfte nicht mehr reden. Das Schicksal schenkte mir das Schweigen. Es war wohl Bestimmung. Und jetzt ist alles zu Ende...unsere Pfoten sind müde und schwer, unser Brustkorb noch geschwächt von der Asche, die schon damals unser Tal fraß. Diese Reise - dieser Aufbruch, der uns doch irgendwie alle wieder verbunden hat, war nicht für einen Neuanfang da...es führte uns alle ins Ende.
Es ist vorbei.
Ich war doch noch so jung...
Midnight
Ich dachte immer, die Einsamkeit und das Nichts wäre meine Heimat und es gäbe außerdem nichts anderes mehr, was diese Welt für mich zu bieten hat. Ich habe mich geirrt.
Wie durch ein Wunder führten mich meine Pfoten zu euch und selbst wenn es mir nicht vergönnt war, euch ein Leben lang zu begleiten, so habe ich die Zeit bei euch doch sehr genossen. Mein Wandererherz fand ein zu Hause, eine Heimat, das ist mir bald klar geworden. Ihr alle habt mein Leben mit eurem Lachen, eurem Weinen und eurem ganzen Sein bereichert und meinem Herzen die Liebe geschenkt, die ich so lange vermisst habe. Ich habe das bei euch gefunden, was ich sonst nirgendwo anderes entdecken konnte: Familie. Wir waren eine Familie, egal wie lange ein jeder bei euch weilte und selbst die Freigeister, die es immer wieder in die Ferne gezogen hat, wurden bei ihrer Rückkehr freudig in Empfand genommen. Wie ein verlornes Kind, welches endlich wieder dahin zurück gekehrt ist, wo es hingehört: nach Hause, in die warmen Arme liebender Eltern.
Hier draußen in der Einöde ist es trist. Es ist kalt und leer. Ich dachte, das Leben und diese Welt wäre in der Ödnis gefangen, doch dem ist nicht so. Dort, wo sich Leben und Tod die Hände reichen, dort ist eine jede Seele zu Hause. Heimat, Liebe, Familie – ohne euch ist die Welt leerer geworden. Und auch in meinem Leben fehlt ohne euch etwas wichtiges: es fehlt mir das liebende Herz, welches ich durch euch gewonnen hatte.
So ziehe ich weiter durch die Landen, doch eines ist mir völlig klar: ich werde niemals mehr einen Ort so voller Liebe finden, wie ich ihn bei euch fand.
Avendal
I hear your voice on the wind
And I hear you call out my name

'Listen my child', you say to me
'I am the voice of your history
Be not afraid, come follow me
Answer my call and I'll set you free'

Langsam hob sie den Blick ihrer klaren blauen Augen über das in flammendes Rot getauchte Tal, hinauf in den allabendlich sterbenden Himmel, wobei ihr der Wind frisch um die Nase wehte, sich kurz fröhlich in ihrem Fell verfing, nur um anschließend weiter um sie herum zu tanzen. Es schien als würde ihr langjähriger Freund spüren, dass ihr heute schwer ums Herz wurde, während sie den Untergang der Sonne betrachtete. Er wollte sie aufmuntern, die Trauer lindern, die sich wie ein Schleier über ihr sonst so ausgeglichenes Gemüt gelegt hatte und sie lächelte. „Danke, mein Freund, doch diesmal ist es gut“ Und das war es...

Es war natürlich Trauer zu verspüren, wenn etwas endete, das hatte sie gelernt und es kam ihr falsch vor, dieses Gefühl nicht fühlen zu wollen – so als würde sie diesen schaurigschönen Moment um seine Bedeutsamkeit betrügen. Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Chivan, das sie vor einiger Zeit geführt hatten. Jedes Ende war auch ein Anfang, hatte er damals gesagt und diese Worte waren es, die ihr in diesem schweren Moment die Kraft gaben dennoch voller Hoffnung gen Horizont zu blicken, wo der flammende Feuerball nur langsam sterbend der Nacht erlag. Dies war ein Ende, das Ende einer langen Reise, das Ende einer Geschichte. Doch es war nicht ihr Ende, das wusste sie und auch das gab ihr Kraft. Ihr Blick wandte sich für einen Moment von dem zugleich so schönen, wie traurigen Bild ab und flog hinüber zu den anderen. Sie alle waren hier, Tyraleen und Averic, Cayleen und Atalya, die Welpen, ihre Tanten und Onkel, ihre gesamte Familie und jene, die sie zu ihren Freunden zählte, selbst die längst Vergangenen waren nun bei ihnen, Banshee, Acollon, Nyota und Ayala... alle waren da. Einen Augenblick betrachtete sie ihr Rudel in seinem trägen und doch bunten Treiben, während ihr das Herz schwer wurde. All die Zeit... und dennoch war es zu wenig gewesen. Doch so war es immer, nicht wahr? Es gab keinen Moment an dem man genug hatte, es sollte immer weiter gehen. Ihr Blick richtete sich wieder auf die untergehende Sonne und sie lächelte mütterlich über den welpenhaften Trotz, der sich in ihrem eigenen Herzen regte. Nichts hielt für immer, das hatte sie schon vor langer Zeit gelernt – es ging immer weiter und die Veränderung war nicht aufzuhalten. Es war wie der stetige Wechsel von Tag und Nacht, Gut und Böse, den es brauchte um das Gleichgewicht zu halten. Es brauchte sowohl Engaya, wie auch Fenris, damit ihre Welt weiterhin bestehen konnte und alles blieb im Fluss... in Bewegung... selbst wen man nicht in der Lage war, es zu sehen.

Der Wind strich ihr tröstend durch das helle Fell und sang leise in ihren Ohren von all den Dingen, die da noch kommen würden...

Ja, dies war ihr Ende, doch eigentlich war es gar nicht so schlimm. Das Tal der Erinnerungen, das sich hier vor ihnen erstreckte war groß und wunderschön. Hier waren sie nun und hier würden sie bleiben. Sie würden sich alte Geschichten erzählen und neue Wege erkunden... sie würden leben, auch wenn man sie nicht mehr finden konnte. Sie waren verschwunden und doch waren sie noch hier, unvergessen. Als Welpen hatte sie die alten Legenden geliebt und davon geträumt selbst Geschichte zu schreiben und nun gehörte sie zu etwas viel Größerem. Sie waren jetzt eine ganz eigene Legende und sie, Avendal, war ein Teil davon...
Aszrem
Folg mir hinab ins Dunkel, ich hab die Spur gelegt
Die Trümmer meines Herzens zeigen dir den Weg
. Doch warte auf mein Zeichen, nicht von der Stelle weichen
Darfst du, solang der bleiche Mond am Himmel steht.

Bist du bei mir, bei mir wenn es beginnt?


Das Beginnen ist längst vorbei. Im Grunde gab es kein 'Beginnen', denn dann hätten wir es gewusst. Hätten gespürt, dass das Ende kommt. Stattdessen war es einfach da, von einem Moment zum anderen. Eben war noch alles da: Leben, Wirklichkeit, die Welt. Und jetzt - Jetzt ist da nur noch Leere.

Die Schleier werden dichter, die letzten Sternenlichter
Bedeckt ein dunkler Mantel und die Welt wird blind.
Es weicht die letzte Helle, wir geh'n über die Schwelle
Und wandern tief und tiefer in das Labyrinth.

Bist du bei mir, schließ die Augen, schließ dein Herz!
Bist du bei mir, bei mir wenn es beginnt?


Ich bin mir noch meiner Selbst bewusst. Ich bin mir auch aller anderen bewusst - sie sind noch da. Und auch wieder nicht. Ich weiß, dass das, was mit mir passiert ist, auch den anderen geschehen ist. Aber ich glaube nicht, dass wir tot sind. Wir sind irgendwas dazwischen - nicht tot, nicht lebendig, nichts existent, nicht ausgelöscht. Irgendwas dazwischen.

Komm mit mir, komm aus dem Licht,
Wir stürzen in die Nacht, die uns zu Schatten macht.
Komm mit mir, komm zöger nicht,
Wir besiegen Angst und Leid, denn Schatten schwinden in der Dunkelheit.


Erinnerungen. Ja, das ist es.
Wir sind Erinnerungen.

Was weltlich ist, hält inne, wir lenken alle Sinne
Und alle unsre Träume in die dunkle Nacht.
An ihrem Rand geboren, da haben wir geschworen
Zu suchen und zu finden, was unsterblich macht.

Bist du bei mir, schließ die Augen, schließ dein Herz!
Bist du bei mir, bei mir wenn es beginnt?


Nyota ist da. Wir sind uns so nah, wie es nur geht, aber wir sind nicht wirklich wieder vereint. Nicht auf die richtige Weise. Ich bin um meinen Tod betrogen worden. Ich weiß jetzt, dass er nah war, auch wenn mir das vorher noch nicht bewusst war. Aber meine Tage waren gezählt, und oh, ich hätte sie gezählt, bis zur Stunde unserer Wiedervereinigung. Ich habe mich nicht nach dem Tod gesehnt, nein, aber ich hätte ihn willkommen geheißen. Es wäre besser gewesen als - dies.

Komm mit mir, komm aus dem Licht,
Wir stürzen in die Nacht, die uns zu Schatten macht.
Komm mit mir, komm zöger nicht,
Wir besiegen Angst und Leid, denn Schatten schwinden in der Dunkelheit.


Und Nerui. Wiedergefunden, wiedervereint. Und doch nicht. Glück und Schmerz miteinander vereint. Viel lieber hätte ich mit deiner Mutter von den Sternen aus über dich gewacht. Dich aufwachsen sehen. Deinen Gefährten, deine Welpen. Zu wissen, dass es keine Zukunft für dich gibt, ist das Schrecklichste von allem.

Hab keine Angst, (schließ die Augen, lass uns nun gehen,)
Ich bin bei dir, (Hab keine Angst, schließ die Augen,)
Lass uns nun gehen, (zähl leis bis zehn)
Hab keine Angst, (zähl leis bis zehn, lass uns nun gehen,)
Ich bin bei dir, bei dir, wenn es beginnt


Was bleibt uns noch? Wir können nichts tun, außer uns zu erinnern.
Und zu hoffen, erinnert zu werden.

Komm mit mir, (Komm mit mir, komm aus dem Licht,)
Wir stürzen in die Nacht, (die uns zu Schatten macht.)
Komm mit mir, (Komm mit mir, komm zöger nicht,)
Wir besiegen Angst und Leid
Denn Schatten schwinden in der Dunkelheit
Denn Schatten schwinden in der Dunkelheit


Subway to Sally - Ins Dunkel
Jakash Caiyé
Schwarz wie die Nacht, der Nächte,
Tod der Erlösung brächte,
Keiner kann hier noch etwas tun.
Fallend aus finsteren Träumen,
taumelnd in Zwischenräumen,
dabei will ich nur einfach Ruh'n.


Ich kann nicht ruhen. Ich möchte - ich will die Augen schließen und mir vorstellen, das alles wäre nur ein Traum. Ein furchtbarer Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Ich weiß, dass es kein Erwachen gibt, denn ich hab's versucht. Mit aller Kraft hab ich's versucht. Es geht nicht.
Es geht nicht.

Schwarz hinter Spinnenweben,
Geister mit Eigenleben,
Wo kommst du her, wo willst du hin.
Ich brech die Zeit in Stücke,
steh auf der letzten Brücke
und frag die Zukunft, wer ich bin.


Ich weiß, wer ich war. Ich weiß, was Leben war. Ist dies der Tod? Ist dies die Lüge vom Jenseits?

Von ungefähr, von ganz weit her da kommt ein Licht,
ich weiß nicht mehr, bin ich oder nicht.
Ein kleiner Funke breitet sich ins weite Meer,
die Antwort ist so nah und doch so schwer.


Betrogen. Meine Kinder, meine Liebste - wir wurden alle betrogen. Ermordert binnen eines einzigen Herzschlages.
Tock-tok Tock-tok tock-tok Tock-

Schwarz wie die Meerestiefe,
stumm wie die Hieroglyphen
die dort im Meißel steh'n in Stein.
Wispernde Stimmen warnen,
vor Trug und Geheimgefahren.
Vergiss wer du bist, dann bist du mein.


Nein, ich werde nicht vergessen! Nicht was war, und nicht was ist! Denn was auch immer kommen mag, ich werde den Mord an uns nicht verzeihen! Wenn ich könnte, würde ich uns rächen! Wenn ich könnte, oh, wenn ich nur könnte!

Von ungefähr, von ganz weit her, da kommt ein Licht,
ich weiß nicht mehr, bin ich oder nicht.
Oh Engel, komm zu mir, solange ich existier
und lass mich nicht in der Hölle hier.


Engaya, wenn es dich nocht gibt, so flehe ich dich an: Rette sie! Ich nehme mein Schicksal mit Freuden an, wenn du nur meine Liebsten rettest!
Engaya, hörst du mich?!

Eine Gestalt ergreift mich, zieht mich auf den Grund,
er schenkt mir seinen Atem Mund zu Mund.
Ich kann nichts sehen, kann nur tasten und berühr'n,
doch ich kann seine Fremdheit deutlich spür'n.


Fenris, gib mir Kraft, mein Schicksal zu ertragen. Ich weiß jetzt, dass dies nicht dein Werk ist, und auch nicht dein Reich. Fenris, was kann ich tun, um dieses Verbrechen zu vergelten?
Fenris?!

Schwarz wie die Rabenfedern,
ich tauche und darf nicht zögern,
jeder Versuch kostet Verstand.
Niemand wird mich hier finden,
und mich aufs neue binden,
ich geb mich auf, nimm meine Hand.


Was wird aus uns?

Schwarz wie die Nacht, der Nächte,
Tod, der Erlösung brächte,
Für mich bleibt hier nichts mehr zu tun.
Fallend aus finsteren Träumen,
gefangen in Zwischenräumen,
ich möchte nur für immer ruh'n.


Juliane Werding - Schwarz
Taleesha
"...Leise, aber wunderschön wie immer, zogen die Sternenwinde ihre Bahn durch den Nachthimmel. Es war ein einmaliger Anblick, die Natur hatte sich vom Unwetter in das schönste Schauspiel der Nacht verwandelt. Die glitzernden Sternschnuppen schwebten so sacht, als wären sie aus Engayas Gedanken allein entsprungen. Nun war sie zufrieden, sie hatte ihre Symbole der Freude und der Zufriedenheit gesendet…diese Augenblicke würden unantastbar bleiben, einmalig für immer…"
Amáya
Es geht zu Ende - und es ist so friedlich, dass ich lächeln muss. Ich weiß nicht, ob in der Zukunft sich etwas gebessert hätte. Es gibt Wölfe, die finden nie aus dem Irrgarten heraus. Ich blinzele und denke an all die Fehler, die ich begangen habe. Bitter vielleicht und auch etwas traurig - ich bereue nicht weniger. Wenn ich ehrlich bin, es wäre vielleicht besser gewesen, ich wäre mit meiner Zwillingsschwester im Leibe Mutter Banshees gestorben. Doch jetzt, wo alles endet, ist es mir seltsam gleich. Auch wenn alle Gedanken und Gefühle da sind, der Schmerz ist nur noch dumpf und ich spüre eine schlaffe Müdigkeit über mich kommen. Es ist schade um die Welpen. Ich hätte sie gerne aufwachsen sehen, besonders Malik.

Es ist seltsam, dass mir in diesem Moment Mayhem am weitesten entfernt scheint. Alles ist so still und ruhig. Tatsächlich, ich lächle, aber vielleicht weine ich auch zur gleichen Zeit leise. Es ist hässlich und schön zugleich. Ich spüre, dass wir tatsächlich Sternenwinde sind und es auch immer bleiben werden - selbst ich, die die anderen immer nur zum harten Grund gezogen hatte. Auch wenn nicht alles vergeben ist und längst nicht alles gelöst, ist das in Ordnung, weil nichts von uns vergessen sein wird. Eine Geschichte wie die unsere kann einfach nie in Vergessenheit geraten.
Averic
Es ist schon etwas seltsam. Ich blicke über das Rudel und jeder von ihnen schläft so tief und fest, dass ich sehen kann, wie sie träumen. Hier und da zucken ihre Pfoten im Schlaf, dann hört man mal ein leises Winseln. Was mich jedoch verwundert ist, dass ich immer wieder jemanden vom Ende murmeln höre. Einer wispert leise, dass er nichts mehr sieht und da nur noch Dunkelheit ist. Ich höre vom altbekannten, doch längst besiegten Nichts, von Abschied, vom Vorbei sein. Ich bin nicht schlüssig, ob sie alle ein und den selben Albtraum haben, aber ich wecke sie nicht. Sie wirken nicht so, als würde er sie quälen und jeder von ihnen hat Schlaf nötig. Uns steht noch eine weite Reise bevor. Es muss an dieser Höhle liegen, uns war von Anfang an aufgefallen, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Vielleicht sollte ich beunruhigt sein, aber ich spüre keine Anspannung, keine Unruhe. Ein Albtraum tut nicht weh. Irgendwann schrickt man aus ihm heraus und findet sich erleichtert in der Realität wieder. Wenn das ein neues Spiel von Fenris sein sollte und er mich prüfen will, so wird er sich an mir die Zähne ausbeißen. Ich bin hellwach und habe nicht vor einzuschlafen. Ich meine zu verstehen, was es mit den steinernen Wölfen auf sich hat, mit denen wir unseren Schlafplatz teilen. Vermutlich waren sie einstmals auch hier eingeschlafen, aber ihre Geister waren zu schwach gewesen, sich wieder aufzuwecken. Und so hatte sie diese Höhle über die Zeit zu Stein werden lassen. Ich bin immer noch ganz ruhig, denn dieser Vogel hatte schließlich prophezeit, dass die Höhle keine Gefahr bergen würde. Ein spöttisches Lächeln huscht über meine Lefzen. Etwas Nettes hast du dir da ausgedacht, Fenris, aber es wird nicht funktionieren. Du brauchst mich und ich werde sicher nicht zulassen, dass meine Rudelgefährten zu Stein werden. Eine Weile werde ich sie noch schlafen lassen und über sie wachen, dann werde ich sie wecken. Solange dürfen sie in ihrem Traum verweilen und letztendlich werden sie sehen, dass es nichts anderes war als das – nur ein böser Traum – und dass nichts zuende ist.
Ich gehe ein wenig zwischen den Wölfen umher. Neben Atalya halte ich inne und senke den Kopf zu ihr hinab, als ich sie ein „Hoffnungslos ...“ murmeln höre. Kurz fährt meine Zunge beruhigend über die Wange meiner Tochter. Sie liegt neben Turién, dem ich ebenfalls kurz mit der Nase über die Stirn streiche. Ein leises Wimmern lässt mich den Kopf herum drehen und nach Amúr schauen. „Alles ist gut.“, flüstere ich mit dem Fang an ihrem Ohr und stupse sie sanft an. Prüfend sehe ich auch nach Avendal, Chanuka, Caylee und Chardím. Sie alle schlafen nur, ihre Herzen schlagen und keiner von ihnen wird zu Stein. Das ist alles, was für mich zählt. Ich weiß nicht, was die Zukunft für uns bereit hält, aber das Wohl meiner Familie wird immer an erster Stelle stehen. Ich weiß, dass dies gleichzeitig bedeutet mich Fenris nicht zu widersetzen und mir meine Pflichten als Sohn des Todes immer vor Augen zu halten. Ich bin es ihm schuldig.
Ich drehe mich um und blicke zu Tyraleen hinüber. Im Gegensatz zu den anderen wirkt sie ganz ruhig und zufrieden. Eine Weile sehe ich die Wölfin, die ich immer noch liebe, einfach nur an, so wie ich es oft tue, wenn ich mich unbeobachtet fühle. Bevor das altbekannte Gefühl von Bitterkeit nach meinem Herzen greifen kann schüttele ich es ab und rufe mir ins Gedächtnis, was ich ihr damals im Trauerweiden Hain sagte: „Wenn du es wünscht, dann bin ich an deiner Seite.“ Ich trete auf leisen Pfoten an sie heran und lege mich eine Wolfslänge entfernt von ihr neben sie. Ganz gleich, was wir uns angetan haben - hier gehöre ich hin. An deine Seite.
Das Haupt erhoben blicke ich noch einmal über das Rudel. Sobald sie wieder wach sind, sollten wir die Höhle so schnell wie möglich hinter uns lassen. Wir haben noch einen langen Weg zu gehen. Einen Weg ins Ungewisse.
Face Taihéiyo
Ich bin einen endlos weiten Weg gewandert. Ich bin so weit gelaufen, um meine Bestimmung zu erfüllen und doch habe ich mein Herz zurückgelassen. Früher war es für mich nicht mehr als ein Muskel, der manchmal schmerzte und irgendwann taub geworden war. Die Stille war mein ewiger Begleiter und das Nichts in meiner Seele. Einstmals war ich weder in der Lage zu sterben, noch zu leben. Glück hätte mir vielleicht etwas bedeuten können, wenn ich ihren Unterschied zur Leere erkannt hätte. Ich war eine rastlose Seele, bis ich eines Tages auf ein Götterkind traf. Sie war das Kind des Lebens und sie nahm mich bei sich auf und störte sich nicht daran, dass ich eigentlich nicht mehr in ihre Welt gehörte. Ihr Liebster, der Tod wollte mich nicht haben und sie hatte Mitleid mit mir. Ich war nicht willig zu sehen, was auf der Seite der Lebenden noch auf mich wartete, denn ich hatte mich mit meinem Dasein als Nichts angefreundet, auch wenn mir selbst das nicht bewusst war. Das Götterkind gab mir ihre eigene Tochter an meine Seite und bat mich auf sie Acht zu geben. Sie war sich sicher, dass ihre Tochter mir zeigen konnte, was es bedeutete zu leben. Und so kam der Tag, an dem ich das Geschenk des Lebens endlich annehmen konnte. Ich ließ das Nichts hinter mir und die Tochter des Lebens gab mir meinen Herzschlag zurück. Meine nächste Lektion war es zu lernen, wie man auf andere achtet und wie man Verantwortung für sein Leben übernahm. Sie gab mir eine Aufgabe, die mir wohl niemand anderes so leichtfertig anvertraut hätte. Ich hätte sie selbst für verrückt gehalten, wenn ich nicht ich wäre. Ich tat einfach was mir aufgetragen wurde, ohne zu hinterfragen. Und über die Jahre hinweg merkte ich mehr und mehr, dass meine Seele nicht mehr leer war. Ich habe immer geglaubt, ich wäre nicht in der Lage Liebe zu empfinden und auch nicht die anderen Gefühle, die damit verbunden sind. Doch ich tat es. Ich lernte meine Patentochter zu lieben, als wäre ich selbst ihr Vater. Aber gesagt habe ich ihr das nie. Ich war schließlich immer noch ich und die Fähigkeit meine Gefühle zu zeigen fehlte mir nach wie vor. In socherlei Dingen bin ich immer so unbeholfen geblieben, wie ein Welpe. Ich war immer ein Wolf, der nie lächelte, weil ich nicht wusste, wie das geht. Die Jahre vergingen und als das Götterkind im Sterben lag, versprach sie mir, dass sie an meiner Seite sein würde, wenn ich meinen letzten Weg antrat. Ich wusste schon damals, das ich noch eine weitere Pflicht zu erledigen hatte und das allein tun musste. Doch sie versprach, dass sie bei mir sein würde, weil niemand auf dieser Welt allein seinen soll, wenn das Ende kommt.
Die Jahre sind äußerlich spurlos an mir vorbeigezogen. Alle Wölfe wurden älter, manche starben, doch ich blieb, wie ich war. Ich wusste, dass ein Teil von mir noch immer unsterblich war und ich diese Unsterblichkeit ablegen musste, um meinen Frieden finden zu können. Dazu musste ich an den Ort zurückkehren, an dem ich einst gestorben war, ohne wirklich zu sterben. Es war ein endlos weiter Weg. Mein Herz ließ ich bei Tyraleen.

Ich fühlte mich keine Sekunde lang allein. Banshee, ich weiß, dass du bei mir bist. Ich weiß, dass du jeden meiner Schritte bewachst. Ich kehre jetzt zurück und fühle mich so lebendig, wie nie zuvor in meinem Leben. Ich spüre jetzt, wie alt mein Körper in Wirklichkeit ist, und jeder meiner Schritte ist so schwer – aber es fühlt sich gut an. Es ist der Körper eines Wolfes, der viel erlebt hat. Ich hatte ein langes Leben und du hast mir den Sinn dafür geschenkt. Ich danke dir.
Banshee, ich sehe das Tal der Sternenwinde am Horizont. Aber ich wittere nicht einen einzigen Wolfsgeruch und das Tal wirkt so leer und trist. Wo sind sie alle hin? Was ist mit ihnen geschehen? Hm ... Es geht ihnen gut und sie werden zurückkommen? Gut. Dann soll es so sein. Noch habe ich alle Zeit der Welt. Ich werde hier warten – Zuhause. So lange, bis sie auch wieder Zuhause sind.