18.03.2013, 10:50
Aszrems Blick wanderte über das rastende Rudel. Die meisten Rudelmitglieder hatten sich hingelegt oder zumindest gesetzt, um ihre müden Pfoten zu entlasten oder gar etwas Schlaf zu finden. Er vermochte noch nicht zu schlafen, aber auch seine Läufe waren dankbar für diese Pause. Aszrem hatte sich auf einen etwas erhöhten Felsvorsprung zurück gezogen und lag dort, die Vorderpfoten leicht über den Felsrand hängen lassend und mit Blick über das Rudel und das noch immer rauchende Tal in der Ferne. Sein Blick blieb auf dem orangen Glühen der dünnen Lavaströme hängen, die nicht mehr so breit und stark erschienen wie noch vor Stunden, aber die noch immer hinab ins Tal flossen.
Tyraleen wollte sich zur Ruhe legen, aber noch trieben Sorgen und Unruhe sie dazu, durch die Reihen des Rudels zu streifen. Wie als hätte sie nach ihm gesucht, hielt ihr Blick beim Erfassen Aszrems inne und ihr wurde klar, dass sie noch nicht über diese Entscheidung gesprochen hatten, die Tyraleen ganz selbstverständlich getroffen hatte. Sie sollte zumindest diese Sorge nicht länger mit sich herumtragen, weshalb sie kurzentschlossen zu dem kleinen Felsvorsprung trabte und sich neben dem Schwarzen niederließ. Jetzt sah sie auch, wohin sein Blick ging und der Anblick ihrer einstigen Heimat ließ ihr Herz noch schwerer werden. Sie hatte den Leitwolf begrüßen wollen, aber jetzt blieb ihr Blick stumm und schmerzerfüllt auf dem Tal der Sternenwinde liegen.
Aszrems Ohren verrieten frühzeitig, dass er Tyraleens Nahen bemerkte, drehte den Kopf aber nicht zu ihr um. Selbst als die Weiße sich neben ihn legte, wandte er den Kopf noch nicht zu ihr um. So verstrichen ein paar Momente der Stille, in der sie beide zu ihrer ehemaligen Heimat blickten. Bevor das Schweigen jedoch unerträglich zu werden schien, durchbrach der Leitwolf die Stille. Seine Stimme war leise, als wollte er vermeiden das Rudel zu wecken, dabei bestand diese Gefahr eigentlich nicht einmal im Ansatz. "Ich muss ständig an Neruí denken. Selbst wenn sie einmal den Weg zurück zum Tal finden sollte ... wir werden nicht da sein. Und sie wird keine Ahnung haben, wo sie nach uns suchen soll. Wie sollte sie auch.“, sprach er ruhig, und doch lag ein unterschwelliger Schmerz in seinem Tonfall, den der Schwarzbraune nicht gänzlich verbergen konnte.
Tyraleens Ohren drehten sich augenblicklich zurück, als Aszrem leise das Wort ergriff und noch einen ganz anderen Aspekt des Verlustes der Heimat hinzufügte. Neruí. Die Weiße schluckte und senkte den Blick auf ihre Pfoten. "Neruí ist fast erwachsen ... und eine starke Wölfin, wie ihre Mutter. Dass wir sie vielleicht nicht wiedersehen werden, schmerzt auch mich, aber sie wird nicht verzweifeln. Deine Tochter wird irgendwo ein eigenes Rudel gründen und führen. Vielleicht kann dich das trösten.“ Alles wäre einfacher, wenn sie nur wüssten, was wirklich mit Neruí geschehen war. Ob sie damals nach dem Streit mit Krolock nicht mehr zurückkehren hatte wollen oder können ... im Endeffekt war es aber auch egal. Sie war stark, ob freiwillig von ihrer Familie getrennt oder nicht.
Aszrems Lefzen verzogen sich für einen kurzen Moment zu einem leichten Schmunzeln. "Ja, ich weiß. Sie ist stark und wird ihren Weg gehen, wie auch immer dieser aussieht. Und Nyota wird weiter über sie wachen.“ Es klang wie Gewissheit, so wie der Schwarzbraune es sagte, aber als er nun endlich für einen Moment den Blick zu Tyraleen wandte, war auch die Ungewissheit ersichtlich, die seit jeher an seiner Zuversicht ob des Schicksals seiner Tochter nagte. Ein paar Herzschläge lang schwieg der dunkle Rüde erneut, bevor er das Gespräch wieder aufnahm. "Bleibt für uns zu hoffen, dass auch uns jemand beisteht. Das Tal der Raben, hm?" Es klang ein wenig resigniert, allerdings der erste Satz mehr als der zweite.
Tyraleen war froh, dass sie es geschafft hatte, den Schwarzen zum Lächeln zu bringen - meist hatte sie das Gefühl, dass er was sie betraf eher zum Gegenteil neigte. Den Blick wieder von den eigenen Pfoten nehmend und fast ein wenig leichter auf Aszrem legend lächelte auch sie. Schnell fiel ihr Gesichtsausdruck aber wieder in sich zusammen und ihre Ohren zuckten leicht zurück. "Ich wollte nichts über deinen Kopf hinweg entscheiden."
Aszrem wandte sich wieder Tyraleen zu und sah sie einen Moment lang mit unbewegter Miene an. "Manchmal muss man auf seinen Instinkt vertrauen.", meinte er schließlich, und obwohl sich seine Mimik eigentlich nicht veränderte, schienen seine Züge doch auf eine subtile Art und Weise weicher zu werden. "Außerdem scheint mir das alles ... irgendwie noch immer eine Sache der Götter zu sein. Das sagt mir MEIN Instinkt, also werde ich mich dem Instinkt der Götterkinder fügen.", sprach er weiter, und wandte schließlich auch für einen kurzen Moment den Blick ab zurück zum zerstörten Tal. "Ich könnte überall eine neue Heimat finden, so wie ich es schon immer getan habe ... aber du und Averic, und eure Familie ... ihr seid in gewisser Weise gebunden. Und dem werde ich mich nicht in den Weg stellen."
Tyraleen spürte Erleichterung, vermochte es nun aber sie nicht offen zu zeigen. Es gab so gute Gründe, warum sie Aszrem vertraute, ihn achtete und manchmal wohl fast ein wenig zu sehr respektierte. Er war weise, gerecht und wusste, dass es mehr gab, als nur sie selbst. Jetzt lächelte sie wieder. "Ich bin froh, dass du dich nicht übergangen fühlst. Du hast Recht, es war einfach mein Instinkt, das Wissen, dass es nur einen Weg für uns gibt." Sie folgte seinem Blick zum rauchenden Vulkan und konnte nicht anders, als in der schwarzen Asche Formen und Gesichter zu erkennen, die nicht da waren. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Vertreibung Zufall war. Aber ich weiß nicht, wer sie gewünscht hat ..." Feuer war weder Engaya, noch Fenris, Feuer war ... "Nyota.", flüsterte sie leise, mehr zu sich selbst. Natürlich war das Unsinn, ihre Tante würde wohl kaum einen Vulkan zum Ausbrechen zwingen können und doch war Feuer das Werk beider Götter gemeinsam. Ein seltsamer Gedanke. "Ich fühle mich vor allem an meine Familie gebunden ... manchmal weiß ich nicht, ob es richtig ist, was meine Mutter getan und ich nun ebenfalls tue. Mit dem Sohn des Todes im Tal der Sternenwinde leben ..."
Aszrems Ohren flippten kurz, als Tyraleen so leise Nyotas Namen flüsterte, dass der Schwarzbraune im ersten Moment nicht sicher war, ob er richtig verstanden hatte. Da auch die Weiße wieder gen Tal blickte, suchten seine Augen nun nach etwas, dass sie zu diesem Namen verleitet haben könnte, konnte jedoch nichts entdecken. Nun, vielleicht ging Tyraleens Blick auch gar nicht zum Tal, sondern nach innen, und Nyotas Namen war durch irgendeinen Gedanken oder eine Erinnerung geweckt worden? Aszrem war versucht, nachzufragen, und tat es dann doch nicht. Stattdessen griff er ihre nachfolgenden Worte auf. "Vermutlich spielt das nun keine Rolle mehr, ob es richtig oder falsch war. Jetzt liegt die Zukunft der Kinder von Leben und Tod wohl erst einmal im Tal der Raben. Ob es nun auch Fenris selbst war, der uns aus dem Tal der Sternenwinde vertrieben hat oder nicht, werden wir wohl nur erfahren, wenn er oder Engaya es euch offenbart.", sagte er, den Blick kurz zu Tyraleen gewandt und dann wieder zum Tal zurückkehrend. Seine Gedanken kehrten zu Nyota zurück, und ebenso ins Tal. "Das werde ich wohl am meisten vermissen: dass ich ihr Grab nicht mehr besuchen kann.", meinte er nach einigen stillen Herzschlägen leise, und scheinbar aus dem Zusammenhang gerissen.
Tyraleens Blick wanderte wieder zu Aszrem und langsam nickte sie. "Ja, jetzt ist es sowieso egal. Aber vielleicht war es ja auch ein Wink. Ich hoffe nur, dass wir nicht im Tal der Raben bleiben müssen. Ich fürchte mich fast ein wenig davor, als wäre es für mich eine lebensfeindliche Umgebung." Sie senkte wieder den Blick, sich der Tatsache bewusst, dass Averic auch gut im Tal der Sternenwinde hatte leben können. "Ihre Gräber haben das Nichts überlebt, sie werden von Feuer und Zeit genauso unberührt bleiben." So wie Aszrem an Nyota dachte, waren Tyraleens Gedanken auch stets bei ihren Eltern.
Aszrem legt den Kopf ganz leicht schief und bedeutete Tyraleen so, dass er nachdachte, ohne den Blick vom fernen Tal zu nehmen. "Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Kinder Engayas derart unwillkommen in Fenris' Tal sein werden, wenn doch auch Fenriskinder in Engayas Tal willkommen waren. Wir assoziieren Tod und Zerstörung - und damit Fenris - meist nur mit schlechten Gedanken, aber wenn ich eines hier über die Götter gelernt habe, dann, dass es so simpel nicht ist, nicht wahr?" Nun sah er sie wieder an und hielt den Blick auch weiterhin auf Tyraleen gerichtet, als sie von den Gräbern ihrer Eltern und Nyotas sprach. Der Schwarzbraune nickte leicht, dann kehrten seine Augen wieder zum Tal zurück. So viel war mit diesem Ort verbunden, was ihm selbstverständlich erschienen war und sich jetzt schlicht als Irrtum entpuppte. "Ich war den Großteil meines Lebens auf Wanderung, aber als ich Nyota fand und Neruí geboren wurde, dachte ich, ich würde den Rest meines Lebens in diesem Tal verbringen. Selbst, als wir das Nichts überstanden hatten und Nyota tot war, dachte ich das noch ... vielleicht mehr noch als zuvor. Jetzt ist es fast ein wenig, als hätte mich meine Vergangenheit eingeholt. Nur, dass es sich jetzt seltsam anfühlt. Vertraut und fremd zugleich.", meinte er schließlich, dem Gespräch eine neue Richtung gebend. Aszrem war selbst nicht sicher, warum er Tyraleen so viele seiner Gedanken preis gab, ohne dass sie ihre Unterhaltung selbst in eine entsprechende Richtung gelenkt hätte. Vielleicht, so sinnierte er, war es einfach an der Zeit. Vielleicht auch, weil es niemanden sonst für derartige Gedanken gab, als seine Mitalpha, so jung sie auch war.
Tyraleen nickte, es war reichlich unwahrscheinlich, dass irgendjemand tot umfallen würde, wenn sie das Tal der Raben betreten hatten. Die Legenden gaben darüber ebenfalls Aufschluss, auch wenn sie den Tod Engayas im Tal der Raben gut im Gedächtnis hatte. "Ja, du hast natürlich Recht. Vielleicht ist es auch die Ungewissheit, die mich so sorgt. Fenris wird Averic nicht aus Spaß in sein Tal gerufen haben, aber ich kann mir nur schlimme Gründe dafür vorstellen. In meinen Träumen tauchen Horden von Vargen oder endlose Weiten von Nichts auf. Alles Dinge, in die ich mein Rudel nicht führen möchte." Sie erzitterte leicht und versuchte die Bilder ihrer Albträume zu verscheuchen. Das fiel ihr leichter, als Aszrem von seinem früheren Leben zu erzählen begann. Nur flüchtig kam ihr der Gedanke, dass er sich ihr öffnete, dann berührte sie ihn ganz leicht an der Lefze. "Du bist nun nicht mehr alleine auf Wanderung und auch wenn Nyota und Neruí nicht mehr bei uns sind, hast du jetzt doch eine große Familie und ein Rudel, das hinter dir steht. Zudem ... bin ich mir sicher, dass wir zurückkehren werden. Ich habe mich nicht für immer vom Tal der Sternenwinde verabschiedet."
Aszrem nickte verstehend. "Wer will das schon? Aber ich bin sicher, was immer im Tal der Raben auf uns wartet, wir werden damit zurechtkommen. Also fasse Mut, Tyraleen.", erwiderte er, sogar mit einem nicht geringen Maß an Zuversicht in der Stimme. Zwar sollte Tyraleen nicht sorglos an diese Angelegenheit heran gehen, aber zu viel Verzweiflung und Angst konnten nur schaden. Als es dann die Weiße war, die ihn fast tröstend leicht berührte, stand erst so etwas wie Verwunderung in Aszrems Miene, dann schenkte er ihr jedoch ein kleines, dankbares Lächeln. "Ja, vielleicht ist es auch das, weshalb es sich nun anders anfühlt. Früher bin ich fast nur allein gereist.", meinte er, ließ aber die letzten Worte der Weißen unkommentiert. Stattdessen sah er einmal mehr zum Tal zurück. Tyraleen mochte sich vielleicht noch nicht von ihrer Heimat verabschiedet haben, aber wenn der Schwarzbraune ehrlich war - er schon.
Tyraleen fasste tatsächlich Mut, vielleicht nicht unbedingt aufgrund von Aszrems Worten - aber wegen dem Schwarzen an sich. Wieder wurde ihr bewusst, dass er das größte Geschenk ihrer Tante gewesen war. Als sie ihre Nichte verlassen hatte, musste ihr klargewesen sein, dass ihr Gefährte - zwar auf eine andere Art und Weise aber genauso treu - ihre starke Schulter für Tyraleen weiterleben lassen würde. "Ich bin sehr froh, dass du bei uns bist, Aszrem. Die meisten meiner Schritte hätte ich ohne dich wohl nicht setzen können." Sie erwiderte Aszrems Lächeln und fragte sich dann, ob sie es geschafft hätte, so lange alleine zu sein. "Wie war das, keine Familie zu haben?" Sie konnte es sich wirklich nicht vorstellen.
Aszrem musste unwillkürlich erneut lächeln, breiter diesmal noch und auch länger. Tatsächlich überraschte ihn ein wenig, wie gut es sich anfühlte, das zu hören - gerade von Tyraleen, der er den Beginn ihrer Zeit als Leitwölfin zusätzlich erschwert hatte. Am Anfang zumindest. "Beinahe hättest du sie vielleicht nie gesetzt.", erwiderte er in Anspielung auf die verständlicher Weise schwierige Zeit, die sie beide miteinander gehabt hatten, ging aber nicht weiter auf dieses dunkle Kapitel der Rudelgeschichte ein. "Ehrlich gesagt, habe ich sie nie wirklich vermisst. Zumindest nicht in dem Maße, dass ich überlegt hätte umzukehren. Ich war Jährling, als ich loszog und war so überwältigt von dieser riesigen Welt, die gar nicht hätte da sein sollen, dass ich erst ein wenig Sehnsucht nach meiner Familie spürte, als ich mich schon an das Alleinsein gewöhnt hatte. Ab und zu traf ich dann auf andere Wanderer, und wir reisten ein Stück des Weges gemeinsam, aber es hat mich nie lange an einem Ort gehalten.", begann er schließlich zu erzählen.
Tyraleens Rute wischte ganz schwach über den kühlen Fels, auf dem die beiden Wölfe lagen. Offensichtlich freute sich Aszrem über ihre Worte und das machte auch die Weiße froh. Nicht einmal die knappe Anspielung auf ihre schwierige Zeit ließ sie da den Blick senken. "Ich musste noch vieles lernen. Und bin an dir gewachsen." Ihr Lächeln wurde beinahe verschmitzt, selbst fast erstaunt, dass sie so locker über dieses schwierige Thema reden konnte. Sie fuhr sich über die Lefzen und legte dann den Kopf leicht schräg. "Die nicht hätte da sein sollen?"
Aszrem warf ihr einen Seitenblick zu, beließ es aber bei ihrer Erwiderung. Sein Lächeln blieb jedoch, auch wenn es inzwischen wieder schwächer geworden war. Aber es war da, und es blieb auch noch, als Aszrem wieder die Stimme erhob. "Ganz genau. Unser Revier wurde zur Hälfte durch ein hohes Gebirge begrenzt. Zur anderen Seite hin gab es noch zwei angrenzende Reviere, aber die endeten irgendwann am Meer. Dort ging es also nicht weiter, da endete die bekannte Welt, so wie bei unserem revier am Gebirge. Das wiederum galt als unüberwindlich, und als Ende der Welt, hinter dem jede Nacht die Sterne geboren werden würden. So erzählte man es uns, und obwohl niemand je nachgesehen hatte, stellte niemand diese Behauptung in Frage. Aber das reichte mir nicht, ich wollte den Beweis. Ich wollte sehen, wie die Sterne geboren werden. Du kannst dir vielleicht meine Überraschung vorstellen, als ich hinter den Bergen mitnichten das Ende der Welt fand, sondern vielmehr ihren Anfang."
Tyraleen legte langsam den Kopf auf die Pfoten, hatte die Ohren aber aufmerksam zu Aszrem gedreht. Sie kam sich fast ein bisschen wie ein Welpe vor, dem eine abenteuerreiche Geschichte erzählt wurde. Irgendwie fühlte sich das gut an. Ob sie wohl auch aufgebrochen wäre, um die Geburt der Sterne mit anzusehen? "Diese Geschichte musst du Isaí und Taleesha erzählen. Aber dann solltest du dir vorher überlegen, wo die Sterne denn wirklich geboren werden." Sie lächelte vor sich hin, glücklich in diesem Moment.