Caleb
06.02.2010, 12:48

Er lief und lief und lief und lief und - fiel.
Caleb stürzte der Länge nach hin, einen erstickten Aufschrei im Hals. Noch etliche Momente später schien er nicht atmen zu können, während seine Brust schmerzte und die Kälte von allen Seite auf seine nackte Haut einstach. Der junge rollte sich herum, auf den Rücken und zog die Beine an den Unterleib, mit den Armen umklammernd. Es half nicht viel gegen die Kälte, besonders nicht da, wo seine Haut den Boden berührte. Caleb sog in gierigen Zügen die Luft ein. Er musste aufstehen. Liegen zu bleiben würde auf Dauer den Tod bedeuten.

'Aber ich sterbe ja sowieso.'

Der Gedanke war nicht nur nüchtern, sondern auch ernüchternd. Er war weit von zuhause fort. Er hatte keine Ahnung, wie weit genau, aber er wusste, er würde nicht zurück finden. Selbst, wenn er gekonnt hätte. Denn dass das unmöglich war, war ihm so klar wie Glas, und genauso schmerzhaft wie eine Scherbe. Gott hatte ihn verflucht und ihn aus seinem Heim vertrieben.

'Und nun muss ich sterben. Hätte er mich doch einfach mit einem Blitz erschlagen!'

Aber so einfach war es nunmal nicht. Auf diese Weise hätte er keine Zeit gehabt, über seine Sünde nachzudenken. Außerdem war es ein Vater gewesen, der die Art seiner Bestrafung bestimmt hatte, wenn auch unbewusst, und die Geschichte lehrte, dass Gott an solchen Zusammenhängen gefallen fand. Vielleicht hatte er ja schon länger auf so eine Gelegenheit gewartet.
Caleb rollte sich ruckartig herum und versucht schwungvoll aufzustehen. Seine zerschnittenen und geschundenen Füße machte ihm einen Strich durch die Rechnung und ließen ihn prompt auf die Knie sinken. Es war eindeutig ein Fehler gewesen, weiter zu laufen, als er sich zurück verwandelt hatte, aber ihm war nichts anderes zu tun eingefallen. Vielleicht hatte er gehofft, aus diesem Alptraum aufzuwachen, wenn er nur weit genug weglief. Offensichtlich ein Irrtum.

'Verdammt, ist mir kalt! Was gäbe ich jetzt nicht für eine Jacke! Oder einen Pullover. Oder wenigsten ein Hemd!'

Seine Kleider waren in der Wohnung seiner Eltern von ihm abgefallen und natürlich nicht auf wundersame Weise mitten in der Wildnis wieder zu ihm zurück gekehrt. Sowas geschah nur in Büchern oder Filmen. Der Held der Geschichte brauchte sich nicht darum zu sorgen, plötzlich mitten in der Pampa nackt dazustehen.
Caleb stand langsam auf und schlang die Arme um sich. Er fühlte, wie die Tränen zurück kamen, und mit ihnen die Verzweiflung. Er wollte nicht sterben. Aber was konnte er schon dagegen tun?

Minyala
06.02.2010, 18:37

Die Nase in die Luft gereckt, die Schnauze leicht zitternd, stand Minyala auf fremdem Gebiet und traute ihrem Geruchsinn nicht.
>>Papa? Papa, bist du das?<<
Immer wieder sog sie den Geruch ein, vergaß dabei auszuatmen, spuckte die Luft aus wie eine ungenießbare Wurzel und begann gleich wieder mit dem inhalieren. Es roch … es roch so nach Papa. Aber Minyala war der Haken schon aufgefallen, etwas stimmte da nicht. Irgendetwas war da … frischer … fast süßlicher … nicht ganz so … hart. Und je länger sie hier stand, die Nase in die Luft reckte und versuchte, das Unpassende aus dem Geruch zu vertreiben, desto klarer wurde ihr, dass es nicht ihr Papa war. Wie auch? Dumme Minyala, das war klar. Glasklar. Den ersten Moment der Enttäuschung verdauend machte sich Minyala über den Gedanken her, wer sonst so riechen konnte … weder Wolf, noch Mensch – etwas dazwischen. Die Antwort lag auf der Pfote, dennoch konnte die silberne Fähe nicht so ganz daran glauben. So lange war sie nun noch nicht von zu Hause fort und schon stolperte sie über einen weiteren Werwolf? Irgendwie unglaubwürdig. Aber dennoch, natürlich musste Minyala nachschauen, also begann sie sich flugs aus ihrer Starre zu lösen und in Richtung des Geruchs zu galoppieren. Galoppierende Wölfe können sehr schnell werden und so war die Silberne innerhalb kürzester Zeit zwischen den vereinzelnd herumstehenden Bäumen hindurch gewetzt und entdeckte so wenige weitere Bäume entfernt einen nackten, herumstolpernden Menschen. Zumindest sah er aus wie ein Mensch, aber Minyalas Nase sagte da etwas anderes und wenn die Fähe eines konnte, dann Werwölfe erschnuppern. Etwas langsamer und mit einem fast spöttischen Grinsen auf den Lefzen kam sie näher, musterte das seltsame starre Gesicht des Menschen und stellte dann bemüht analytisch fest, dass er unglücklich war. Da sie keine schadenfrohe Wölfin war und sich selten an dem Leid anderer erfreuen konnte, verschwand das Grinsen wieder und ihr verbliebenes Ohr drehte sich leicht nach hinten. Wie der Mensch so stolperte und sich umfasst hielt, hatte er tatsächlich etwas Mitleiderregendes, dabei war Minyala nicht gerade die beste im Menschen-Emotionen-Deuten. Langsam kam sie näher.

“Hey.“

Ihre Stimme war bemüht sanft und einfühlsam.

“Wenn du weiter so herumstolperst, tust du dir noch ernsthaft weh.“

Ihr Blick fiel auf seine Pfoten, sie gar nicht gut aussahen. Frei von Fell oder einer härteren Sohle schien jeder kleiner Stein sie aufzuschlitzen. Wirklich unnütz, solche Menschenpfoten, das hatte ihr Papa auch immer gesagt. Dafür wären die anderen Pfoten, die nicht laufen müssen, umso nützlicher. Prüfend betrachtete sie diese, die sich gerade sehr eng um den Körper des Menschen gelegt hatten … sie sahen anders aus, als die Laufpfoten, seltsam.

“Ich würde dir empfehlen, dich mal zu verwandeln. Erstens würde das deinem Körper gut tun, zweitens würde es mir einfacher fallen, mit dir zu reden und drittens sind wir hier eher im Wolf- als im Menschenland und manch ein Wolf könnte bei deinem Anblick ungemütliche Gedankengänge bekommen.“

Sie stand mittlerweile vor ihm, lächelte schief und wedelte mit der Rute, auch wenn sie sich vorstellen konnte, dass der Mensch diese Geste sowieso nicht verstehen würde. Wobei, das kam darauf an … Papa hatte erzählt, schon vor seiner ersten Verwandlung sehr viel über Wölfe gewusst zu haben. Um genau zu sein, weit mehr, als je ein Wolf über seine eigene Art wissen würde. Vielleicht sollte sie den Menschen also nicht unterschätzen.
Ihre Rute begann ein wenig eifriger hin und herzuschwenken.

Caleb
07.02.2010, 10:18

Die Tränen schwammen heiß in seinen Augen, obwohl er sie wegzublinzeln versuchte. Die nasse Wärme erinnerte ihn nur umso deutlicher daran, wie verdammt kalt es hier draußen so ganz ohne Kleidung war.

'Statt des Hemdes würde ich auch eine Hose nehmen...',

setzten sich seine Gedanken fort und begannen, im Kreise alle möglichen Kleidungsstücke erneut durchzunehmen. Die Leute sagten immer 'Wenn dir kalt ist, mach dir warme Gedanken'. Völliger Blödsinn, fand Caleb. Je länger er an warme Dinge dachte, desto kälter wurde ihm. Es gab nur eine Sache, die positiv an dieser Kälte war, und das war eigentlich etwas Negatives: Die Schmerzen in seinen Füßen wurden einmal mehr betäubt, weil er langsam aber sicher seine Füße nicht mehr spürte. Oh, und wo er schonmal dabei war: Denken war auch nicht mehr so leicht. Außer an Klamotten.
Jemand rief. Im ersten Moment glaubte er, ein knurrendes Bellen zu hören, was aber Blödsinn war, denn sein Gehirn meldete seinem Bewusstsein eindeutig ein 'Hey'. Caleb blieb stehen und drehte sich dem Rufenden zu. Nur... da stand ein... Hund? Ein hässlicher Hund, vielleicht hatte er die Räude oder Tollwut?

'Oh Gott, lass ihn mich nicht beißen!'

Tod durch Erfrieren war wie einschlafen, hieß es immer, aber wenn er auch noch krank wurde, könnte das am Ende eklig für ihn werden.
Der Hund sprach ihn an und klang eher nach einer Hündin. Caleb setzte zu einer Antwort an, während eine wichtige Information noch auf dem Weg in sein Bewusstsein war.

"Ach, tatsächlich? Erzähl mir mal was Neues!"

Er klang nicht so sarkastisch, wie er eigentlich gewollt hatte. Die Kälte ließ seine Zähne klappern und seine Stimme Zittern, sodass der Tonfall verloren ging.
Der Hund - pardon, die Hündin - sprach wiederum. Der Junge starrte sie verblüfft an.

"Verwandeln? Woher weißt du, dass ich - "

JETZT kam der eigentlich essentielle Gedanke bei ihm an. Caleb klappte den Mund auf, und seine Augen weiteten sich, als wollten sie ihm aus dem Kopf fallen.

"Du...! Du kannst sprechen!"

Entsetzen gesellte sich hinzu.

"Ich spreche mit einem Hund!"

Caleb schlug die Hände über dem Kopf zusammen und hielt sich die Ohren zu, heftig den Kopf schüttelt.

"Oh Gott, ich spreche mit einem Hund! Ich werde wahnsinnig, oh lass es aufhörenlassesaufhörenlasses - "

Ein Schmerz lief durch seinen ganzen Körper wie von einem umgekehrten reißen. Der Junge verstummte abrupt, beugte sich vor und rang nach Luft, als hätte ihm jemand gerade eine Faust in die Magenkuhle gerammt. Die Hände umschlangen den gekrümmten Körper, während Muskeln sich ungewollt verzogen und neu ausrichteten, sich Knochen verformten und kurze Haare am ganzen, sich umformendem Körper sprossen. Caleb gab einen erstickten und schmerzerfüllten Schrei von sich und dann setzten Vorderpfoten auf dem Boden auf, um den Körper in einer halbwegs sitzenden Position zu halten. Der Schwerz verschwand, dafür schien er nun Muskelkater am ganzen Körper zu haben. So war es die vorherigen zwei Verwandlungen auch schon gewesen.
Caleb öffnete die Augen und er gab ein entsetztes Winseln von sich. Sinneseindrücke stürmten auf ihn ein, ließen seine Augen wild umher huschen und seine Ohren wie Radarschüsseln drehen. Überall waren Geräusche, laute knackende und reißende Geräusche und, oh Gott, überall waren Gerüche, so dicht und schwer wie in einem Parfümladen! Er hatte den Eindruck, Gerüche zu sehen!
Sein irrender Blick blieb an der Hündin hängen. Seine Nase erhob Einpruch und verkündete, dass der Geruch zwar irgendwie hündisch war - Caleb kannte den Geruch von Hunden, besonders von nassen - aber es gab hier etliche Komponenten mehr, und die meisten waren... anders.

"Wolf",

hörter er sich sagen, atemlos und völlig fertig, weil es sein erster Gedanke war.

Minyala
07.02.2010, 11:07

Der Gesichtsausdruck des Menschen wandelte sich und Minyala registrierte das mit stummer Zufriedenheit. Er sah nicht mehr so … unglücklich aus. Dafür irgendwie … naja, zumindest nicht glücklich. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, er war ganz anders als Papa. Für seine prekäre Lage gab er ihr dann aber eine sehr spitzfindige Antwort, auch wenn sie die nicht so richtig verstand – die Zähne des Menschen zitterten ganz seltsam. War ihm etwa kalt? Mh, sie fand es angenehm, so wie es nun mal im Herbst sein sollte, aber der Mensch hatte ja auch kein Fell, da wäre es nicht weiter verwunderlich, wenn er fror. Minyala hätte ihm gerne geholfen – trotz seiner blaffenden Antwort – aber Fell konnte sie ihm nun wirklich nicht besorgen. Dazu müsste er sich schon verwandeln, aber dagegen schien er ja auch etwas zu haben. So wie er sie ansah … mochte er vielleicht keine Wölfe. Das wäre für einen Werwolf natürlich eine schwierige Lage. Papa hatte erzählt, dass viele Werwölfe anfangs große Probleme mit ihrem Dasein hätten – sie wären nicht mehr gesellschaftsfähig, könnten ihre Tiergestalt nicht ertragen und wüssten nicht damit umzugehen. Vielleicht war der Mensch hier ja so einer. Gerade frisch geschlüpft, sozusagen. Jetzt musste die Fähe lächeln und schon begann dich der Gedanke zu formen, dem armen Tropf zu helfen. Immerhin war es einfach grandios, ein Wolf zu sein, das musste man ihm nur beibringen. Es wollten sich bereits großartige Pläne in ihrem Kopf formen, als der Mensch plötzlich eine Wandlung durchlebte und sie anstierte, als wäre sie von einem anderen Stern. Ah, er stellte nun die erste gute Frage, warum war Minyala so schlau, wie sie war?

“Weißt du, mein Papa …“

Er unterbrach sie einfach, bevor sie ihm mitteilen konnte, dass ihr Papa auch ein Werwolf gewesen war und sie somit eine Menge darüber wusste. Darauf war sie wirklich stolz, aber der blöde Mensch wollte das gar nicht hören, sondern regte sich plötzlich furchtbar darüber auf, dass er mit … einem Hund!? Sagte er Hund?! Minyalas Gesichtsausdruck wurde säuerlich, da konnte der Mensch vor ihr noch so verzweifelt tun. Nicht, dass sie konkret etwas gegen Hunde gehabt hätte, Papa hatte sie immer als gute Freunde und wahre Gefährten bezeichnet, aber man konnte auch nicht hinwegleugnen, dass Hunde ein wenig dumm und ziemlich abhängig waren. Und das war Minyala ganz sicher nicht!

“Also hör mal zu, du magst ja ein armes Würstchen sein, aber Hund! lass ich mich deshalb trotzdem nicht von dir nennen. Ich bin ein Wolf, ein wunderschöner Wolf! Wölfe sind im Gegensatz zu Hunden weit aus intelligenter, überleb …“

Schon wieder wurde sie unterbrochen! Diesmal aber nicht von einem neuerlichen Ausruf des Menschen, sondern von seinem plötzlichen erstickten Laut, seinem Vorbeugen und seiner … Verwandlung. Zufriedenheit kehrte in ihr Gesicht zurück. Immerhin machte er jetzt mal etwas Sinnvolles, davon ließ sie sich besänftigen. Interessiert verfolgte sie, wie sich Knochen verformten, Muskeln verschoben und aus der winzigen Nase des Menschen eine prächtige Schnauze hervorquoll. Das war wie bei Papa. Fertig verwandelt stand ein hübscher Jungwolf vor ihr – größer als sie, nicht gerade kräftig, aber auch nicht schmächtig. Er sah ziemlich ängstlich und verwirrt aus, das hatte Papa ihr auch erklärt. Menschen konnten viel weniger riechen, hören, wahrnehmen und im ersten Moment nach der Verwandlung kam es einem Werwolf vor, als würden seine Sinne explodieren. Minyala hätte das gerne mal erlebt, für sie war alles normal, hier ein Blumenduft, dort der Menschwolf und dahinten kündigte sich Wasser an. Ganz die Ruhe selbst schleckte sie sich über die Schnauze, blinzelte dann zu dem Mittlerweile-Wolf, der nun ein intelligentes „Wolf“ von sich gab und nickte beiläufig.

“Gut gemacht. Das ist doch schon viel angenehmer. Lässt du mich jetzt auch mal ausreden? Ich bin Minyala und mein Papa war ein Werwolf.“

Sie lächelte nun wieder, bemüht, den aufgebrachten Wolf vor ihr ein wenig zu besänftigen. Das verbliebene Ohr schnippte einmal, dann reckte sie leicht die Schnauze vor um sich seinen Geruch jetzt als Ganzwolf genauer anzuschnuppern.

“Und wer bist du? Die wievielte Verwandlung war das?“

Caleb
07.02.2010, 21:19

Caleb schloss die Augen in der Hoffnung, den Rausch der Sinneseindrücke dämpfen zu können. Das Sehen verschwand natürlich sofort, aber die grellen und so schrecklich nahen Geräusche blieben ebenso wie die schier erdrückende Fülle an Gerüchen. Er war versucht die Luft anzuhalten, was ihm nicht gelang, da sein Körper nach Sauerstoff schrie und ihm einen tiefen Atemzug nach dem anderen abverlangte. Caleb versuchte sich zu beruhigen und an nichts zu denken. Es glang ihm genau so lange, bis die Wölfin wieder zu sprechen anfing.
Caleb öffnete die Augen. Die Wölfin wirkte jetzt viel größer als zuvor, ganz einfach weil er jetzt wesentlich kleiner war. Hübscher war sie dadurch nicht geworden, auch nicht - oder vielleicht erst recht nicht - für seine Wolfsaugen, deren Braun nun einen Goldstich angenommen hatten.
Gut gemacht? Angenehmer? Hölle, war das ihr Ernst?! Seine Frage war dann jedoch eine ganz andere:

"Du hast 'nen Namen?"

Die nächste Frage drängte schon heran, bevor die Wölfin gelegenheit zur Antwort hatte.

"Werwolf?! Schlechter Witz, es gibt keine Werwölfe!"

Die Wölfin reckte den Kopf vor und witterte. Sie konnte ihn dadurch nicht berühren, aber Caleb lehnte sich trotzdem zurück.

"Hey, lass das, lass mich in Ruhe!"

Er versuchte zu fliehen. 'Versuchte', weil es ihm zwar gelang sich aufzurichten, er jedoch schon beim ersten Schritt den Fehler machte, seine Hinterläufe zerst in Bewegung setzen zu wollen. Da er sich dabei abwandte, kippte er plötzlich zur Seite und schaffte es nicht mehr rechtzeitig, die Vorderpfoten nachzusetzen. Caleb konnte nur noch den Kopf schützend hochrecken, landete schmerzhaft auf Brust und Hals und konnte sich danach nur noch winselnd zusammen rollen.

"Lass mich aufwachen, bitte, ich will aus diesem Alptraum aufwachen!",

wimmerte er. Erst nach ein paar Minuten hatte er sich wieder genug unter Kontrolle, um der Wölfin doch noch zu antworten.

"Ich h-heiße Caleb... die zweite... bitte, bitte es soll aufhören, ich bin ein Mensch, ICH BIN EIN MENSCH!"

Minyala
08.02.2010, 10:37

Minyala stellte interessiert fest, dass sich die Augenfarbe des Werwolfes mit seiner Verwandlung geändert hatte. Vorher war sie dunkelbraun, sehr dunkel, gewesen und nun plötzlich strahlte sie in einem hellen Gelb. Sehr interessant. Bei ihrem Papa war das anders gewesen, der hatte vorher und nachher blaue Augen gehabt und erklärt, dass das normal sei. Sie musste ihm unbedingt erzählen, dass sie einen Werwolf getroffen hatte, der die Augenfarbe wechselte, er … ach nein. Das ging ja nicht mehr. Bevor melancholische Gedanken die Fähe einholen konnten, hatte der Werwolf seine Sprache zurückgefunden und bombardierte sie mit den nächsten seltsamen Fragen. Natürlich hatte sie einen Namen! Und … warum zum Teufel behauptete er, kein Werwolf zu sein? Ihr Papa hatte ihr eine Definition – das war ein Wort, das nur Menschen benutzen und sie solle es für sich behalten – von Werwolf geliefert und die war ziemlich eindeutig: Ein Werwolf (von germanisch „wer“: „Mann“) ist ein Mensch, der sich unter bestimmten Umständen in einen Wolf verwandelt/verwandeln kann. Und … was war denn dieses Menschlein vor ihr sonst? Etwas verwirrt und gleichzeitig verbrummt krauste sie die Stirn.

“Natürlich habe ich einen Namen! Warum sollte ich keinen haben? Du hast doch sicher auch einen.“

Atempause, dann sich der lächerlichen Behauptung annehmen, er wäre kein Werwolf. Kurz darüber nachdenken … er war ein armer Tropf.

“Wenn es keine Werwölfe gäbe, gäbe es auch mich nicht, Dumpfbacke. Was denkst du denn, was du bist? Ein Mensch mit der seltenen Krankheit des spontanen Haarwuchses? Ah, da sind halt noch ein paar Knochenumformungen, Gesichtsmodellage … alles ganz normal, mh?“

Als nächstes wurde sie Zeuge der ersten Gehversuche eines gerade Verwandelten. Papa hatte erwähnt, dass ihm das Laufen ganz zu Anfang schwer gefallen war – immerhin hatte er vorher nur zwei Läufe gehabt – aber er mit der Zeit bestens damit zu Recht gekommen wäre. Ihr neuer Freund hier hatte die Phase wohl noch nicht erreicht. Und sich dann noch darüber aufregen, dass sie schnupperte, meine Güte, er musste wirklich ganz frisch geschlüpft sein. Eigentlich wäre es ja lustig anzusehen, wie der Werwolf über seine eigenen Pfoten stolperte, kippte und eine Bruchlandung hinlegte, aber … wie er nun da lag, zusammengerollt und unglücklich, dazu leise winselnd … da konnte Minyala nur Mitleid haben. Vorsichtig kam sie näher, stupste den Werwolf bemüht sanft gegen ein Ohr. Wie als Antwort darauf verriet er ihr nun auch seinen Namen, bestätigte sie in ihrer Vermutung und heulte wieder, er sei ein Mensch. Mh … irgendwie hatte Papa das ganze weit aus verkraftet. Was sollte sie denn jetzt tun? Papa hätte jetzt sicher eine Lösung gewusst … so von Werwolf zu Werwolf war das sicher eine einfachere Sache. Sie dagegen mochte ja noch so viel Wissen herumschleppen, nachempfinden, was in Caleb vorging, konnte sie nicht.

“Hey …“ Wieder dieses ganz sanfte Hey. “… nicht weinen.“ Weinte er? Wahrscheinlich nicht, egal. “Momentan mag für dich noch alles schrecklich sein, aber … es ist einfach toll, ein Wolf zu sein, glaub mir. Mein Papa hat immer mit Wölfen zusammengelebt, der wollte gar nicht mehr zu den Menschen zurück. Und ich bin jetzt hier, du bist also auch nicht mehr alleine.“

Mittlerweile doch ein klein wenig hilflos stand sie neben dem wimmernden Caleb und fragte sich, was ihr Papa jetzt gemacht hätte. Er hatte auf alle Probleme eine Lösung gefunden und wenn es mal keine gegeben hatte, hatte er irgendwo ein Lächeln gefunden und es ihr geschenkt. Aber leider hatte er ihr dieses Kunststück nicht beibringen können …

Caleb
08.02.2010, 13:41

Ich weine ja gar nicht! wollte er sagen. Aber es war eine Lüge, und deshalb sagte er es doch nicht. Lieber verbarg er die Augen und den Vorderpfoten und versuchte die Tränen wegzublinzeln, die sich in seinen Augen gesammelt hatten, damit die Wölfin sie ja nicht sah. Jungs weinen nunmal nicht!
Und eigentlich wollte er genau deshalb auch nicht so betuttelt von ihr werden wie ein kleines Kind, das die Mama trösten muss. Er war immerhin schon sechzehn! Obwohl, hier draußen musste es wahrscheinlich 'erst sechzehn' heißen, und ein Teil von ihm war herzlich froh, eine freundliche Stimme zu hören, selbst wenn diese Stimme von einem wilden Tier kam.
Caleb ließ die Läufe sinken und blieb einfach auf der Seite liegen. Er war total erschöpft und müde, aber zum Glück war ihm jetzt nicht mehr so kalt. 'Zum Glück', ha, Ironie!
Ein gelbes Auge schielte zu der Wölfin hoch. Er hatte nicht recht die Kraft, sich weiter mit ihr zu streiten, aber er konnte auch nicht anders, als ihr zu widersprechen und seinen Standpunkt zu verdeutlichen.

"Natürlich habe ich einen Namen - ich bin ein Mensch, Menschen haben nunmal Namen. Du bist aber ein Tier, und Tiere haben keine Namen, weil sie keine brauchen. Sie erkennen sich gegenseitig am Geruch und so. Das hab ich mehrmals gelesen! Und ich sagte doch schon: ich bin ein Mensch, kein Werwolf! Gott hat mich verflucht und mich in einen Wolf verwandelt, zur Strafe! Aber das kannst du gar nicht verstehen..."

Er sah sie mit einem Auge grimmig an und versuchte dann, aufzustehen. Das auf den Bauch rollen ging noch ganz gut, das Aufstehen selbst war schon schwieriger. Ständig hatte er das Bedürfnis, sich auf die Knie zu stützen, aber das funktionierte irgendwie nicht ganz so. Er musste sich schon auf die Zehen stellen - Gott, fühlte sich das komisch an! - und dann auf die Finger. Schließlich stand er tatsächlich. Es wirkte irgendwie... steif.
Er sah nun wieder die Wölfin an. Sie schien ja fest davon überzeugt zu sein, dass ihr Vater ein Werwolf war und freiwillig unter Wölfen gelebt hatte. Allein diese Vorstellung war absurd, wenn er denn in Betracht zog, dass Werwölfe vielleicht eventuell existieren könnten. Komisch an der Sache war, wofer sie überhaupt die Idee des Werwolfes nahm. Das war schließlich eine von Menschen erschaffene Figur, die als Erklärung für Krankheitsbilder wie Tollwut herhalten hatte müssen! In seinen Augen stand deutlich der Zweifel geschrieben.

"Also selbst wenn es so wäre, wie du sagst, kann ich mir nicht vorstellen, warum ein Werwolf im Wald bleiben wollen würde, außer eben, dass er ohnehin keine andere Wahl hat. Ich meine, es gibt kein Fernsehen, kein Internet, kein warmes Bett, man wird immer nass im Regen, es gibt keinen Ketchup und so weiter und so fort. Was bitte soll also so toll am Wolfsein sein?!"

Er sah zur Seite, damit sie nicht sah, dass ihm schon wieder die Tränen kamen.

"Ich will nach Hause",

winselte er leise.

Minyala
09.02.2010, 10:58

Minyala kam es vor wie eine Ewigkeit, bis Caleb endlich die Pfoten sinken ließ, ihr seine doch ein klein wenig verweint aussehenden Augen präsentierte und dabei da lag, als wäre er tot. Nunmehr machte er den Eindruck vollkommener Erschöpfung und kurz fragte sie sich, ob sie ihn nicht einfach schlafen lassen sollte. Sie würde auf ihn aufpassen und er könnte die ganze Werwolfsache erstmal träumend verdauen. Aber … um ehrlich zu sein, Minyala war zu neugierig! Zunächst wollte sie mehr erfahren, ihm ein paar Flausen aus dem Kopf vertreiben – als ob Wölfe keine Namen hätten! – und dann würde er schon schlafen dürfen. Er schien irgendwo der gleichen Meinung zu sein und knüpfte mit ruhigerer Stimme an ihr Gespräch an.

“Klar erkennen wir uns am Geruch … so wie ihr euch … äh … am Aussehen. Aber dann wollen wir eben nicht „Hey du da mit dem süßen Geruch!“ rufen, sondern lieber „Hey Minyala!“. Ist doch klar.“

Ihre Argumente gefielen ihr, auch wenn sie sich vorher noch nie darüber Gedanken gemacht hatte, warum oder warum nicht man sich Namen gab. Das musste mit der sozialen Rudelstruktur – noch so ein Ausdruck von ihrem Papa – zusammenhängen. Soziale Tiere gaben sich Namen, dagegen … diese Pumaschnepfen sicher nicht! Die waren ja immer alleine. Zufrieden mit ihrer mehr innerlich geführten Argumentation wandte sie sich dem Ich-bin-gar-kein-Werwolf!-Problem zu.

“Du bist so ein verrückter Gottestyp? Oh nein, das sind alles Spinner, hat mein Papa gesagt. Ist mir aber eigentlich total egal, ob du dich jetzt als Gottes Werwolf oder als normaler Werwolf bezeichnest, ein Werwolf ist ein Mensch, der sich in einen Wolf verwandelt und was bist du denn daran nicht?“

Ihr kam gar nicht erst in den Sinn, dass sie ihn mit ihren ersten Worten über Gott beleidigen könnte. In ihrem Rudel hatte es keine Gläubigen gegeben und ihr Papa hatte ihr ein wenig über den menschlichen Gott erzählt, den er als Hirngespinst der Menschen bezeichnete. Das hing irgendwie mit einer Kirche zusammen, die die meiste Zeit ihre Macht ausnutzte oder so. Ach, Minyala hatte da nie so genau zugehört, Menschen an sich hatten sie weit weniger interessiert, als Wölfe oder eben Werwölfe. Jetzt zum Beispiel wurde sie wieder Zeuge eines Aufstehversuches, wie ihn nur ein Mensch im Wolfskörper vollbringen konnte. Schrecklich kompliziert und ungelenk, nicht einmal Welpen stellten sich so konfus an. Immerhin hatte es Caleb irgendwann geschafft auf seinen vier Pfoten zu stehen und widmete ihr nun wieder seine Aufmerksamkeit. Mit einer gewissen Genugtuung registrierte sie den leisen Zweifel in seinen Augen. Was als nächstes kam, musste sie jedoch zu erst einmal verdauen. Eine ganze Menge seltsamer Begriffe. „Bett“ kannte sie, „Regen“ natürlich auch – wurden Menschen nicht auch nass im Regen? -, aber dann wurde es kompliziert. „Fernsehen“ … da regte sich etwas in ihren Kopf, ganz so, als hätte Papa schon mal davon erzählt. Doch sie konnte sich nicht erinnern, wer oder was es war. „Internet“ war ihr vollkommen fremd und auch „Ketchup“ hatte sie noch nie gehört – klang aber ein bisschen wie „Caleb“. Sie könnte natürlich nachfragen, aber so richtig interessiert war sie nicht. Vielleicht sollte sie eher wieder versuchen, einfühlsam zu sein, Caleb machte schon wieder den Eindruck, gleich losweinen zu wollen.

“Ist Ketchup ein Freund von dir? Du kannst ihn doch sicher auch so wieder sehen. Und überhaupt … warum gehst du denn nicht einfach nach Hause? Verwandle dich in einen Menschen, geh zurück und alles ist gut. Mein Papa hat im Prinzip das gleiche, nur eben andersherum gemacht. Hat super geklappt.“

Mh, warum war Caleb überhaupt hier? Wenn er ein Zuhause hatte und da bleiben wollte … warum hat er das nicht einfach getan? Sicher, als Wolf ging das nicht, aber er war ja immer noch ein Mensch. Und wenn er sich irgendwann mal nicht mehr zurückhalten konnte und zu einem Wolf werden musste – bei Papa hatte es das manchmal natürlich wieder umgekehrt gegeben – würde er sich eben in einem dieser Häuser verstecken.

Caleb
09.02.2010, 15:16

Ihre Antowort machte ihn sprachlos. So, wie sie es sagte.. war es ganz logisch, dass auch Wölfe Namen haben musste. Denn wenn sie miteinander 'sprachen' - und Caleb musste es wohl oder übel als offensichtlich hinnehmen, dass sie es taten - machten Namen natürlich ungeheuren Sinn als Anrede. Ohje, konnten Hunde dann auch 'sprechen'? Und was für Namen nutzten sie, wenn sie es taten? Gaben ihnen ihre Mütter Namen oder lebten sie mit denen, die ihnen ihr Herrchen oder Frauchen gab?

'Oh Gott, die armen Fiffi's dieser Welt',

dachte er voll Grauen, wurde dann aber von der Wölfin - Minyala, korrigierte er nun endlich - auf ein anderes Thema zurück gelenkt. Sein Blick verfinsterte sich bei ihren Worten. Sicher, er selbst nahm es mit der Religion nicht allzu genau, was ihm ja auch seine missliche Lage eingebrockt hatte, aber deshalb musste sie nicht auch noch seine Familie beleidigen! Er setzte zu ein paar bissigen Worten an... und blieb doch stumm. Seine erboste Miene wandelte sich zu einer verblüfften.

"Aber.. aber... Werwölfe sind ganz anders, sie verwandeln sich nur bei Vollmond und werden zu reißenden Bestien, halb Mensch und halb Wolf, und nur wenn man von einem Werwolf gebissen wird, wird man..."

Seine Stimme klang eher mechanisch als protenstierend und wurde immer leiser, bis die letzten Worte nur noch in einem stummen Flüstern unter gingen. Sein ging wanderte langsam zu seinen Pfoten, und er hob die rechte "Hand" und drehte sie herum, wie Menschen es nunmal zu tun pflegen, wenn sie sich von der Existenz ihrer selbst überzeugen wollen oder müssen. Der dunkle Pfotenballen machte keine Anstalten, ihm beizupflichten.

"Dein Paps war ein Werwolf, sagtest du?"

Es erklärte ihre Selbstsicherheit in puncto Werwolf. Und ihr Wissen über die Menschen, was er sich sonst so wirklich gar nicht erklären konnte, außer eben, jemand hatte ihr ausführlich von ihnen erzählt.
Naja, 'Wissen' war eindeutig relativ. Caleb hätte laut losgeprustet und sich auf dem Boden gewälzt, wäre ihm zum Lachen zu Mute gewesen.

"Wie? Ketchup ist was zu Essen, man macht dadurch Schnitzel und so viel leckerer!",

korrigierte er sie. Und ließ dann den Kopf hängen.

"Ich kann aber nicht nach Hause. Ich kann mich nicht verwandeln, wie ich will, es passiert einfach! Außerdem hat meine Familie mich schon als Wolf gesehen, sie wissen bescheid, dass ich verflucht bin, und wenn ich zurück gehe, werden sie Angst vor mir haben oder mich verjagen oder sogar auf mich schießen! Und meine Freunde auch. Bestimmt erzählen meine Eltern allen, dass ich nen tödlichen Unfall hatte oder krank bin, und in ein paar Wochen 'sterbe' ich dann, oder so."

Caleb hatte auf seiner Flucht genug Zeit gehabt, sich zu überlegen, wie seine Eltern sein Verschwinden wohl erklären würden. Sein Denken hatte sich beim Laufen leider nciht ausschalten lassen.

Minyala
10.02.2010, 09:52

Minyala betrachtete interessiert, wie sich Calebs Mienenspiel wandelte – es war ein wenig wie bei einem Welpen, er war ein offenes Blatt. Wahrscheinlich musste man erst lernen, nicht alle Gefühle schutzlos preiszugeben oder aber Caleb war das vollkommen egal. Immerhin sprach er hier „nur“ mit einer Wölfin. Wenn sich Minyala eins über Menschen gemerkt hatte, dann wohl ihre Arroganz. Die konnte man nicht hinwegleugnen, nicht einmal ihr Vater, auch wenn der grundsätzlich positiv gegenüber Menschen eingestellt war – logisch, er war ja selbst einer. Nun aber stellte Minyala interessiert fest, dass Caleb sie noch kein einziges Mal als „Tier“ bezeichnet hatte oder sonst in irgendeiner Weise heraushingen ließ, dass er sich für etwas Besseres hielt. Entweder war er viel zu verwirrt und verängstigt, oder ihr Papa war manchmal doch ein wenig zu pauschalisierend gewesen. Sie hätte Caleb sehr gerne ihrem Papa vorgestellt … es wäre sicher schön gewesen.
Bereitwillig ließ sie sich von den verblüfften Worten des Werwolfs ablenken und schlenkerte mit der geknickten Rute. Darüber hatte ihr ihr Papa viel erzählt, darüber könnte sie ewig reden!

“Es gibt verschiedene Arten von Werwölfen. Den meisten Menschen ist nur die Version mit Vollmond und blutrünstigen Bestien bekannt und mein Papa meinte, dass die wahrscheinlich sogar totaler Humbug ist. Es geht nämlich auch ganz anders, wie man bei dir oder meinem Papa sieht. Er – und du wahrscheinlich auch – hat Werwolfblut in sich getragen, von irgendwelchen längst toten Ahnen und bei ihm ist es zufällig wieder hervorgekommen. Naja, Zufall oder Schicksal, das darfst du dir aussuchen. Auch der Vollmond spielt in diesem Fall keine Rolle, viel eher kann der Werwolf mit ein wenig Übung seine Verwandlungen selbst kontrollieren. Ist er jedoch zu lange in einer Gestalt, kann der Drang zur Verwandlung irgendwann den Willen besiegen. Deshalb hat sich mein Papa etwa alle zwei Monate zurückgezogen und ist einen Tag lang alleine als Mensch durch den Wald gewandert. Ich habe ihn oft begleitet …“

Ihr Blick ging nun knapp an Caleb vorbei in den Wald, unscharf und träumend. Diese Tage waren immer schön, denn sie war ganz alleine mit ihrem Papa gewesen, bedacht darauf, niemanden zu treffen. Er hatte ihr gerade dann viel erzählt, von Wölfen, Menschen und Werwölfen. Als sie etwas älter war, ging es auch oft um sie, die Tropfen von Werwolfblut in ihren Adern und die Möglichkeit, sich vielleicht doch noch irgendwann zu verwandeln. Auch, wie sie mit ihrem für einen Wolf enormen und untypischem Wissen umzugehen hatte und dass sie einen anderen Wolf möglichst nicht mit Begriffen wie Leerlaufhandlung, Appetenzverhalten oder soziale Rudelstruktur behelligen sollte – der könnte sie für verrückt erklären. Wahrscheinlich hätte er sich nie träumen lassen, wie schnell sie mit all dem Wissen helfen konnte. Eine Frage riss sie aus ihren Gedanken, ihr Blick hüpfte wieder zu Caleb und sie nickte – noch immer etwas abwesend. Paps klang süß … und Ketchup wohl eher nicht wie Caleb. Sie verzog leicht den Mund, als ihr Gegenüber sie aufklärte, auch wenn sie mit dem Begriff „Schnitzel“ nichts anfangen konnte. Na gut, sie war knapp daneben gelegen, also hielt sie nun einfach lieber den Mund, wenn es um menschliche Begriffe ging.

“Oh.“

War dann ihr erster Kommentar zu Calebs Offenbarung, seine Verwandlungen nicht kontrollieren zu können. Das war ja ziemlicher Mist. Dann konnte er weder bei Menschen, noch bei Wölfen leben, sofern sie nicht ein Rudel einer der beiden Arten fand, die Werwölfe als normal betrachteten. Minyala vermutete – vielleicht nur aus Naivität und weil sie bisher nur ihr eigenes Rudel kannte – dass sie da bei Wölfen bessere Chancen hätten. Oder eben Calebs Familie, die … ihr verbliebenes Ohr sank leicht zur Seite, während Caleb seinen Satz beendete.

“Aber sie wissen doch, dass du ihr Sohn bist! Wenn sie dich wirklich lieb haben, werden sie dir doch helfen und dich unterstützen. Natürlich, du müsstest dann vorerst immer in euren seltsamen Häusern bleiben, aber irgendwann kannst du die Verwandlungen vielleicht kontrollieren. Bis dahin bleibst du bei deiner Familie versteckt.“

Das klang nach einer tollen Lösung, aber Minyala hatte Caleb schon zugehört. Es hatte gesagt, dass seine Eltern so tun würden, als wäre er tot … das klang nicht sehr nach Liebe. Sie erinnerte sich, dass ihr Papa, wenn er mal wütend auf die Menschen war, sie als engstirnig, intolerant und grausam beschimpft hatte. Im Nachhinein hatte er sich korrigiert, ihr jedoch mitgeteilt, dass auch diese Eigenschaften an viel zu vielen Menschen viel zu stark vorhanden sind. Sollte Caleb Recht haben, hatte sie mit seiner Familie wohl ein Paradebeispiel gefunden.

Caleb
10.02.2010, 18:38

Mittlerweile war ein teil seiner Gedanken damit beschäftigt zu reflektieren, was er hier gerade tat. Er war in einem Wald, weit ab seiner Heimatstadt und fern seiner Familie und Freunde. Mutterseelenallein, nur 'in Begleitung' einer Wölfin, die aussah als wäre sie gerade durch einen Stacheldrahtzaun gekrochen. Oh, und er redete mit ihr, und sie mit ihm. Als wäre es das natürlichste von der Welt, dass ein Mensch mit einem Tier sprach. Was es vermutlich sogar war, wenn er bedachte, dass er seit ein paar Stunden verlfucht war und sich unkontrolliert in einen Wolf und wieder zurück verwandelte.
Hm, erst seit ein paar Stunden? Oder war es schon fast ein Tag? Der Himmel war wolkenverhangen und Caleb anfangs nur kopflos durch die Gegen geirrt, ohne jegliches Gefühl für eine Richtung oder gar die Zeit.
Sein Verstand analysierte all das überraschend neutral, fand Caleb. Oder eher mechanisch, grad so, wie er Minyala gerade zuhörte. Mechanisch. Die Erschöpfung holte ihn nun vollends und legte sich mit bleierner Müdigkeit über ihn. Caleb setzte sich. Es gelang ihm erstaunlich mühelos - weil er nicht darauf achtete, was sein Körper tat. Calebs Gehirn lernte, im Gegensatz zu Caleb, sehr schnell mit dem neuen Körper umzugehen.

"Werwolfblut? Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Großeltern sich je verwandelt hätten",

brachte er etwas leiernd hervor. Er war sich vage bewusst, dass seine Antwort nicht gerade als gutes Gegenargument taugte, aber er war derzeit nicht mehr allzu fähig, vernünftig zu denken.
Seine Augen lider wurden schweeeeer. Trotzdem versuchte Caleb, sich zusammen zu reißen.

"Ich bin dann wohl jetzt ein toter Sohn",

klang es bitter von ihm.

"Sie sind - wie nanntest du es vorhin so nett - 'verrückten Gottestypen', und zwar vielmehr als ich es bin. Werwolfblut hin oder her, für sie bin ich auf jeden Fall verflucht, aussätzig, so wie..."

Er versuchte einen Vergleich zu finden, den sie besser verstehen konnte.

"...so als hätte ich Tollwut, verstehst du?"

Minyala
15.02.2010, 11:06

Caleb machte den Eindruck nur noch müder geworden zu sein. Ein prüfender Blick in den Himmel bestätigte Minyala, dass es bald dämmern würde und sie somit auch schon wieder eine längere Zeit seit ihrer letzten Rast unterwegs war. Somit könnte sich ihr neuer Werwolffreund schlafen legen und Minyala in ihren Dämmerschlaf verfallen, aus dem sie bei dem leisesten ungewohnten Geräusch sofort wieder erwachen würde. Klang eigentlich ganz vernünftig, vielleicht half der Schlaf auch Calebs verdrehtes Gehirn ein wenig zu ordnen. Der bemerkte jetzt nämlich – zum Glück selbst nicht überzeugt klingend – dass seine Großeltern keine Werwölfe gewesen wären. Das war nicht weiter verwunderlich, Papa hatte erzählt, dass er ein wenig nachgeforscht hätte und vermutet, dass die Schwester der Mutter seiner Urgroßmutter eine Werwölfin gewesen war. So einfach war das natürlich nicht herauszufinden, da Werwölfe bevorzugen, sich verdeckt zu halten, aber die Geschichten und teilweise Schriften, die er über sie finden konnte, klangen alle sehr verdächtig. Natürlich war diese Frau bei der Geburt ihres Urururgroßneffens – waren das genug „ur“? – schon längst tot und hatte weder dann, noch später wenig erklären können. Sicher war es bei Caleb ganz ähnlich. Abgesehen davon schien er sowieso nicht in der Lage zurückzukehren und Nachforschungen anzustellen, ob es denn noch einen lebenden Werwolf in seiner Familie gab. Denn seine Eltern waren wohl ziemliche Fieslinge, Minyala wusste es ja, Menschen, die an Gott glaubten waren alle verrückt! Gerne hätte sie ihrem Papa davon erzählt, aber …

“Mh, okay, deine Eltern sind wohl nicht so nett. Aber keine Sorge, du hast ja jetzt mich. Ich helf’ dir.“

Wieder schwenkte sie die geknickte Rute und lächelte, selbst ganz froh darüber, eine Aufgabe gefunden zu haben.

“Ich würde vorschlagen, dass du dich erstmal schlafen legst. Du siehst aus, als würdest du gleich umfallen, in diesem Zustand kann man sowieso nicht vernünftig mit dir reden. Und wenn du dann ausgeschlafen bist, überlegen wir uns einen Plan.“

Diesen ersten Plan fand Minyala ziemlich gut. Sie hatten Glück in einem ruhigen, verschwiegenen Waldstück zu sein, in dem viele große Nadelbäume standen, die mit ihren tief herabhängenden und weit ausladenden Ästen nur so zum darunterkriechen einluden. Behänd sprang Minyala auf eine dieser Tannen zu, schwenkte erneut die Rute und deutete mit der Schnauze unter die Äste.

“Schau, das sieht doch gemütlich aus.“

Caleb
17.02.2010, 19:05

Eigentlich wollte Caleb lächeln. Minyala war nett zu ihm, und sie wollte ihm sogar helfen. Für sie schien er normal zu sein - nein, besser gesagt, nicht allzu ungewöhnlich zu sein. Er wollte also lächeln, als eine Art Dankeschön.
Es gelang ihm nicht. Seine Mundwinkel - oder wie das jetzt heißen musste - waren so schwer wie seine Augenlider und seine Gliedmaßen. Und sein Sinn für Dankbarkeit war letztendlich doch nicht so groß, nach all dem negativen, das ihm heute widerfahren war, als dass er sich für diese Wölfin ein Lächeln abgerungen hätte.
Ähnlich klein waren mittlerweile auch sein Widerstand und seine Aufmerksamkeit. Er hörte kaum noch, was Minyala sagte, verstand nur wenig mehr als "schlafen", "umfallen" und "Plan".

'Guter Plan',

dachte Calebs müdes Hirn,

'Einfach umfallen und schlafen, schlafen, schlafen...'

Beinahe wäre er tatsächlich umgekippt, doch diesmal fing er sich rechtzeitig. Mühsam stand er auf und schleppte sich zu der Tanne, zu der Minyala gelaufen war. Er musterte das kleine Versteck, in das sie ihn verfrachten wollte, und tatsächlich war er noch wach genug für eine gehörige Portion Skepsis.

"Gemütlich? Gemütlich wäre jetzt ein Bett",

murmelte er leise und mehr zu sich selbst. Ein Bett! Was gäbe er jetzt nicht alles... Aber da lag wohl das Problem. Er hatte nichts zu geben.
Caleb duckte sich kroch unter die hervorhängenden Äste, und robbte sogar ein Stück. Der Boden war hart und hier und da stachen alte Nadeln durch sein Fell. Nun, immerhin konnte er kaum dreckiger werden, als er wohl ohnehin schon war, oder sich zumindest fühlte. Dafür war es aber erstaunlich angenehm zu liegen, anstatt zu stehen oder zu sitzen, und vielleicht, wenn er müde genug war, könnte er sogar einschla...

Minyala
18.02.2010, 08:24

Minyala betrachtete lächelnd wie Caleb ihrer Aufforderung ohne ein Murren folgte. Er wirkte beinahe ein wenig betrunken – Alkohol! Noch so ein Menschenteufelsding. – auch wenn sich die Weiße ziemlich sicher war, dass er einfach nur Schlaf brauchte. Sie konnte es schwer nachvollziehen, aber Verwandlungen waren sicher anstrengend und wenn es erst seine zweite gewesen war und er sich zudem seit dem ganzen Stress mit seinen Eltern nicht mehr hingelegt hatte, konnte er ja jetzt nur zum umfallen müde sein. Also nötigte Minyala ihn nicht weiter zu reden, auch wenn er keine Antwort auf ihren Plan gab. Vielleicht stimmte er ihr auch einfach stumm zu, was sie innerlich sehr erfreute. Immerhin ließen Menschen sich nicht unbedingt einfach so von einem Wolf helfen. Zumeist waren sie der Meinung, alles besser zu können. Allerdings war Caleb ja auch noch ein junger Mensch und die freie Natur – so sagte das Papa – wäre für Menschen sehr beängstigend. So ganz erklären konnte er das nicht, es wäre die Zivilisation, die ihnen Sicherheit gibt und wenn man sie verließ musste man sich mit einer gewissen Schutzlosigkeit vertraut machen, was nicht allen gelang. Stumm hoffte die junge Fähe, dass Caleb sich damit anfreunden würde, denn so wie es aussah würde er von jetzt an in dieser freien Natur leben – erst Recht wenn er sich von Minyala helfen lassen würde, wo von sie ausging, denn die würde sicher nicht zu Menschen gehen. Dafür hatte sie zu viel von ihrem Papa gelernt.

“Du mit deinem Bett, ihr Menschen seid wirklich verwöhnt. Moos und Humus ist weich wie ein Bett und duftet wunderbar nach Leben. Das ist das Bett der Wildnis und sehr viel schöner als eure Holz …“

Ein ganz leises Schnarchen machte sie darauf aufmerksam, dass Caleb unter der Tanne bereits eingeschlafen war. Na toll, er war in jedem Fall gut darin, sie zu unterbrechen und nicht ausreden zu lassen. Seufzend und doch sehr zufrieden, dass ihr neuer Werwolffreund sich mit der Lage arrangiert hatte, kroch sie ihm hinterher und rollte sich dann zusammen. Die Schnauze unter der Rute und mit dem Rücken an Caleb gekuschelt – weniger der tiefen Verbundenheit oder Freundschaft wegen sondern einfach deshalb, weil es Nacht wurde und dann wurde es bekanntlich kälter – war auch Minyala froh, eine Mütze Schlaf abzubekommen und spürte sich fast ebenso schnell wegdämmern wie zuvor Caleb.
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Einen wirren Traum später schreckte Minyala auf. Es war dunkel, kein Laut hatte ihren Schlaf gestört und Caleb schlief noch immer neben ihr. Was hatte sie geweckt? Sicher, sie hatte etwas von sich selbst aufessenden Ketchup-Wölfen und weisen Ururururgroßtanten Calebs geträumt, aber normalerweise schrak sie dann nicht so aus dem Schlaf auf. Im nächsten Moment wurde sie grob in den Rücken gestoßen. Erschrocken machte sie einen Hüpfer im Liegen, drehte sich um und sah Caleb ein wenig unkoordiniert mit den Läufen zappeln. Was machte er denn da? Ein konstant leises Schnarchen beteuerte auch jetzt den Schlaf des Werwolfes, also musste er wohl träumen. Dass er dabei so mit den Läufen rudern musste und sie höchst wahrscheinlich geweckt hatte, verzieh Minyala ihm nach einigen Momenten grinsenden Zusehens. Ein wilder Traum. Entschlossen Caleb noch ein wenig weiter zappeln zu lassen kroch die Weiße unter der Tanne hervor und richtete den blauvioletten Blick in den Himmel. Sterne glitzerten ihr entgegen und ein halbvoller Mond kratzte bereits an einigen Berggipfeln, die sich aus dem Wald hervorhoben. Sie hatten lange geschlafen. Ausgiebig begann sie zu gähnen, streckte zuerst die Vorder- und dann die Hinterläufe und sah sich schließlich nach etwas um, das ihren Durst stillen könnte. In Ermangelung eines Bachs oder Sees gab sie sich bescheiden mit einigen Moospolstern zufrieden, an denen schimmernde Tautropfen hingen. Bis Caleb aufwachen würde, könnte sie sich überlegen, wie sie weiter vorgehen würden. Und was sie, Minyala, eigentlich für sich selbst geplant hatte.

Caleb
20.02.2010, 10:47

Celab schlenderte die Straße entlang. Die lederne Schultasche hielt er in der Hand, hatte sie sich aber über den Rücken geworfen. Mit der freien Hand winkte er von weitem seinen beiden besten Freunden entgegen, Mira und Jeremy, die wie gewöhnlich an der Bushaltestelle auf ihn warteten. Die drei Teenager begrüßten einander und liefen dann zusammen weiter. Am Horizon zogen Wolken auf, aber noch schien die Sonne und die drei wollten lieber zu Fuß zur Schule gehen statt den Bus zu nehmen. Caleb erzählte ihnen von dem irren Traum, den er gehabt hatte: wie er als Wolf im Wald umher gelaufen war und mit einer Wölfin geredet hatte, und sie ihm erzählt hatte er wäre ein Werwolf. Mira und Jeremy lachten, Caleb stimmte mit ein, und angeregt unterhielten die drei sich übe die seltsamsten Träume, die sie je gehabt hatten. Sie kamen an dem Altbau mit dem kleinen Vorhof vorbei. Wie immer zog Caleb eines seiner Pausenbrote aus der Tasche, das er immer extra für Jester mitbrachte. Jester war der Schäferhund der Familie, die im untersten Stock wohnte, und durfte immer in dem kleinen umzäunten Hof herumlaufen. Wie jeden Tag kam der Hund angelaufen, doch heute wedelte er nicht mit dem Schwanz, sondern bellte wütend, mit aufgerichteten Nackenhaaren und knurrte und schnappte. Erschrocken wichen die drei zurück, aber Jester schien sich allein für Caleb zu interessieren. Bestürzt liefen sie weiter, und von da an verfolgte Caleb ein ungutes Gefühl durch den ganzen Tag. Jeder Hund, ob groß oder klein, musste wild kläffenden von seinem Herrchen weitergeschleift werden, wenn sie Caleb passierten. In der Schule staunten seine Mitschüler über die coolen Kontaktlinsen, die er trug. Caleb behauptete, keine zu tragen. Er bemerkte, wie Mira und Jeremy sich einen seltsamen Blick zu warfen und flüsterten, und es überraschte ihn, dass er sie trotzdem verstehen konnte. Es ging darum, dass sie nicht bemerkt hatten, wann er die Kontaktlinsen denn aufgesetzt hätte, sie wären doch die ganze Zeit bei ihm gewesen. Auf der Schultoilette offenbarte ihm schließlich der Spiegel, dass seine Augen gelb statt braun waren. Erschrocken meldete er sich im Sekretariat krank und kehrte nach Hause zurück. Zuhause fuhr ihn sein Vater an, warum er nicht in der Schule war. Caleb meinte, er fühle sich nicht wohl, aber sein Vater bezichtigte ihn der Lüge und Faulheit. Es werde noch ein schlimmes Ende mit ihm nehmen, sagte er, Caleb solle sich endlich wieder wie ein Mensch verhalten und nicht wie ein Tier, Tier, Tier... Die Worte hallten nach und ebbten nicht ab, Benjamin Dwyre wuchs in die Höhe, den Finger auf ihn gerichtet. Er brach durch die Decke, das Haus selbst zerbrach und löste sich aus, dahinter ein Strudel aus rot, lila und schwarz. Davor sein Vater, sein riesiger Vater, der mit donnernder Stimme immernoch 'Tier, Tier, Tier' verkündete. Durch Calebs Körper wallten Schmerzen, und er schrie...

Caleb erwachte mit einem Schrei und fuhr auf. Er knallte mit dem Kopf gegen einen Ast, zog scharf die Luft ein und schlug die Hände über dem pochenden Kopf zusammen. Enge umschloss ihn von allen Seite, Kälte strömte auf ihn ein. Caleb öffnete die Augen und sah im ersten Moment nichts als Dunkelheit. Panik durchzuckte ihn, er wand sich und versuchte aufzustehen. Kalte Erde unter ihm, etwas hartes und piekendes über und um ihn. Orientierungslos schlug Caleb um sich, traf mit der einen Hand etwas weiches, warmes und erschrack nochmehr, und kroch dann hektisch auf die eine Stelle zu, bei der seine hektisch tastende Hand keinen Widerstand gefunden hatte. Caleb stolperte ins Freie und blieb erschöpft am Boden knien, um wieder zu Atem zu kommen und sich zu beruhigen. Kalte Luft füllte seine Lungen und sein Atem bildete weiße Wolken vor seinem Gesicht. Er fühlte kalten Schweiß und Erde an sich kleben, und erst nach und nach drang wieder in sein Bewusstsein, wo er war und was passiert war. Er hatte geträumt. Aber die Wirklichkeit war nicht weit von diesem Traum entfernt.

Minyala
20.02.2010, 19:50

Ihr Plan. Das war ein ziemlich verteufeltes Thema. Denn wenn Minyala ehrlich zu sich war, hatte sie keinen Plan. Überhaupt keinen Plan, so zu sagen. Irgendwie kein Ziel, weil keinen Traum, keinen Wunsch. Außer vielleicht, sich endlich verwandeln zu können, aber dafür konnte sie nicht arbeiten, nicht irgendwohin gehen, darauf konnte sie nur warten. Und das war nun wirklich kein Plan. Eigentlich hatte sie ziemliches Glück gehabt, einfach so über einen Werwolf zu stolpern, der sie, explizit sie und nicht irgendeine andere Wölfin, brauchte und ihre Hilfe annahm. Sonst wäre sie jetzt wie alle die Tage zuvor auch einfach unterwegs, würde herumwandern, sich vornehmen, sich einem Rudel anzuschließen und dann doch kurz vorher kneifen. Ganz anders jetzt. Nun gab es einen richtigen Plan, nämlich Caleb das Wolfsleben schmackhaft machen, da ihm das Menschenleben nicht mehr möglich war. Die Frage war jetzt nur, ob ein Rudel für ihn – huch! Plötzlich hatte es hinter Minyala laut gekracht und geschrieen. Die Weiße fuhr herum, blinzelte in die Dunkelheit hinein und hüpfte dann rasch auf die Tanne zu. Schon kroch unter den Ästen ein Menschlein hervor, stolperte und blieb dann kniend auf dem Boden sitzen, sichtlich erschrocken. Rückverwandlung Nummer zwei. Willkommen in der Welt der Werwölfe.

“Hey, du solltest echt lernen das zu kontrollieren. Erstens erschreckst du mich mit deinem Krach und zweitens wäre es für unser weiteres Vorgehen von Vorteil zu wissen, ob man mit dir als Mensch oder mit dir als Wolf planen muss.“

Trotz ihrer krittelnden Worte kam sie lächelnd auf ihn zu, stupste ihn freundlich begrüßend an den Kopf – an die Stelle zwischen Augen und Mund, da wo unten drunter die Zähne sein mussten – und setzte sich neben ihn.

“Weißt du, ich hab nachgedacht. Ich meine, du kannst in der Menschenwelt nicht bleiben, also musst du in die Wolfswelt kommen. Wir könnten uns einem Rudel anschließen. Natürlich eines, das Werwölfe kennt, das nicht in Panik ausbricht, wenn du plötzlich ein Mensch bist. Uns würde das viele Vorteile bringen. Das Jagen alleine ist nicht so einfach und mit dir als zusätzlicher Esser könnten wir ab und an wirklich Hunger bekommen, zudem gibt es allerlei Gefahren, die mir alleine schon genug zu schaffen machen. Du bist in der Hinsicht … so gar keine Hilfe, also wäre es gut, dich erstmal in Sicherheit zu bringen, verstehst du? Zudem wären wir unter Wölfen, was meiner Natur entspräche und dir zeigen könnte, dass es als Wolf doch nicht so übel ist. Vielleicht sind sie ja nett und dir gefällt es.“

>>Vielleicht sind sie ja nett und mir gefällt es …<<

Sie schnippte mit ihrem verbliebenen Ohr, sprang dann auf und positionierte sich direkt vor Caleb.

“Was meinst du? Einen Versuch ist es wert, oder?“

Sie lächelte wieder, schwenkte die geknickte Rute und hoffte inständig, dass Caleb nicht wieder mit seinem Ketchup anfangen würde. Ja, als Wolf würde es keinen Ketchup geben. Zum Glück, dieser sich selbst aufessende Wolf aus ihrem Traum war irgendwie bäh gewesen.

Caleb
21.02.2010, 15:27

Die Stimme neben ihm ließ ihn sich umsehen, nur erschreckte er sich diesmal nicht mehr. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Nacht, die gar nicht so dunkel war. Ein halber Mond beleuchtete den Wald gut genug, um zu sehen, was ihn umgab. Leider wurden die Schatten dadurch so richtig tief schwarz und zeichnete Figuren und Gestalten, an die Caleb lieber gar nicht erst denken wollte. Stille umgab ihn, zumindest für seine Menschenohren. Caleb war eigentlich kein Angsthase, aber jetzt gruselte es ihn. Und es war schon wieder verdammt kalt.

"Ach, und wie kontrolliert man sowas? Ich hab doch gesagt, ich hab keine Ahnung!"

Caleb blieb auf dem Boden knien und schlang die Arme um den Körper, um sich die Oberarme zu reiben. Es half leider nicht viel. So gerne er einfach ein ganz normaler Mensch wieder wäre, er wünschte sich jetzt das warme Fell zurück.
Ein Stupser an seiner Nase ließ ihn erschrocken aufsehen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Minyala sich heran gekommen war.

'Moment', schaltete sich ein ganz anderer Gedanke spontan ein, 'Minyala ist eine Wölfin. Ein Mädchen! Ich hocke hier völlig nackt vor einem Mädchen!'

Calebs Hände schnellten augenblicklich nach unten und bedeckten seinen Intimbereich. Er spürte, wie er errötete - Wärme kroch über sein Gesicht, und beschämt senkte er den Blick. Etwas stupste gegen seine Handflächen.

'Oh Gott, nein, nicht jetzt, bloß nicht jetzt, nein nein nein...!'

Ein Reißen ging durch seinen Körper. Caleb biss die Zähne aufeinander, kniff die Augen zu und beugte sich vor Schmerz vor. Kurze Zeit später kippte ein junger Rüde zur Seite, da seine tierischen Beine ihm ein Knien einfach nicht erlaubten. Caleb keuchte und versuchte, sich zumindest halb wieder aufzurichten. Dabei schielte er zu seinem besten Stück - es war jetzt kleiner, von Fell überzogen und klebte direkt unter einem Bauch. Aber zumindest guckte nichts Rosanes heraus, wie man es manchmal bei Hunden sehen konnte. Das war doch ein klein wenig beruhigend, aber das ganze war ihm trotzdem immernoch peinlich. Schnell versuchte er, an sein Gespräch mit Minyala anzuknüpfen. Vielelicht hatte sie gar nichts von alledem bemerkt?

"Wie stellst du dir das vor? Ich meine, ich habe keine Ahnung von Wölfen außer dem, was ich mal in irgendwelchen Dokus gesehen habe! Ich weiß gar nicht.. was ich sagen soll und wie ich mich verhalten soll - du hast ja selbst gesagt, ich bin zu nichts nütze, und leider stimmt das!",

wandte er ein. Er hielt das Ganze für keine so gute Idee, leider mangelte es ihm an einer besseren bzw. überhaupt an einer Alternative.

"Ich hab aber wohl keine Wahl, oder?"

Ein Gutes hatte das Wolfsein aber schonmal - ihm war jetzt wieder warm. Aber so richtig konnte ihm das die Angst vor dem Gedanken, auf einen Haufen wilder Wölfe zu treffen, nicht nehmen.

Minyala
21.02.2010, 18:32

Calebs nörgelnde Worte gaben Minyala zu denken. Er hatte gerade eine ziemlich gute Frage gestellt. Wie kontrollierte man das Verwandeln eigentlich? Ihren Papa hatte sie erst kennengelernt, besser gesagt, sie war erst geboren worden, als er das kontrollierte Verwandeln schon perfekt beherrschte. Mit leicht gekrauster Stirn versuchte sie sich an Worte darüber zu erinnern, aber es war kein Thema gewesen, mit dem sie sich all zu lange beschäftigt hatten. Eigentlich hatte Minyala immer gedacht, dass alle Werwölfe ihre Verwandlungen kontrollieren könnten. Sie war eben auch nicht allwissend, so viel sie sich auch auf ihr Wissen einbildete. Also, was hatte Papa erzählt? Es ging um sehr emotionale Situationen, extreme Gefühle, Momente, in denen der Verstand nebensächlich war. Im Prinzip klang es somit recht einfach, sich zu verwandeln, einfach an eine emotionale Situation denken. Andersherum, sich nicht zu verwandeln musste funktionieren, indem man ein wenig ruhiger wurde, sich nicht so emotional mitreißen ließ. Klang irgendwie gut. Minyala hätte das Caleb sicher mitgeteilt, hätte der nicht plötzlich ein seltsames Verhalten an den Tag gelegt. Zunächst wirkte er irgendwie erschrocken, dann hielt er die Hand vor das undefinierbare Etwas zwischen seinen Läufen, das daraufhin zu wachsen schien. Interessiert richtete sich Minyalas Blick darauf, bevor sie jedoch gewisse Schlüsse ziehen konnte, verwandelte sich Caleb schon wieder zurück. Eigentlich recht zufrieden stellend, aber auch jetzt hörte er nicht auf, und blickte umständlich auf sein Geschlechtsteil. Was zum Teufel war denn los?

“Hast du irgendein Problem? Tut dir was weh?“

Dumpf erinnerte sie sich an ein paar Worte ihres Vaters über die Menschen und ihr Schamgefühl. Sie würden Kleidung nicht nur tragen, weil ihnen sonst, felllos wie sie waren, kalt werden würde, sondern auch, weil sie gewisse Körperteile vor den Blicken anderer Menschen schützen wollten. Es wäre ihnen peinlich. Das hatte Minyala nicht begriffen, aber war damals nicht interessiert genug um nachzufragen. Was wohl das wachsende Etwas gewesen war? Minyala hatte da ja eine Vermutung, aber warum war es denn einfach gewachsen? Hätten die beiden nicht wichtigeres zu besprechen gehabt, hätte sie vielleicht gefragt, so aber widmete sie sich lieber dem Thema Rudel.

“Hey, du hast doch mich! Ich weiß, wie man mit Wölfen umgeht und kann dir das Wichtigste erzählen. Und wenn das Rudel weiß, dass du eigentlich ein Mensch bist, werden sie sich auch nicht über ein paar seltsame Verhaltensweisen deinerseits wundern. Außerdem wirst du das Zusammenleben mit Wölfen nur lernen können, wenn du mit ihnen zusammenlebst. Das ist weniger schwer, als es aussieht.“

Sie lächelte wieder, hüpfte dann einen Schritt näher und schnappte spielerisch nach seinem Ohr.

“Natürlich hast du keine andere Wahl, aber so oder so wäre diese die beste. Ich helf’ dir doch, du musst dir also keine Sorgen machen. Außerdem hab ich mir überlegt, wie wir das mit deinen unkontrollierten Verwandlungen in den Griff bekommen könnten. Aber das erzähle ich dir, wenn wir endlich losgegangen sind. Je schneller wir ein Rudel gefunden haben, desto besser.“

Ungeduldig hüpfte sie die ersten Schritte in irgendeine Richtung – egal welche, solange es nicht die war, aus der sie beide kamen.

Minyala
01.03.2010, 15:18

((Wir sind hier fertig :D ))