20.02.2010, 16:16
Chanuka lag im Schatten unter seinem Federbaum, die Augen geschlossen. Hier und da verirrte sich noch ein Sonnenstrahl auf seinen schwarzen Pelz. Er nahm keine Witterung wahr, nur den Geruch von Gras, direkt vor seiner Nase. Um ihn herum war alles ruhig und friedlich, so dass es nicht verwunderlich war, dass es in ihm genauso aussah. Der bevorstehende Frühling und dass es nach der aussichtslosen Flucht doch noch einen Morgen gegeben hatte, erfüllte die ganze Welt mit dieser unbändigen Lebensfreude, dass Chanuka sich fühlte, als würde er vor Freude platzen. Wie hatte er nur unglücklich sein können? Im Licht der Sonne fühlte er sich nicht einsam, sondern seiner Mama ganz nah, obwohl sie noch soviel Zeit voneinander trennte.
20.02.2010, 17:28
Ruhig und glücklich setzten sich Tyraleens Pfoten voreinander. Sie hatte die Augen geschlossen und hielt die Schnauze in die Sonne, das wundervolle Gefühl von in der Nase kitzelnden Lichtstrahlen genießend. Sie war auf dem Weg vom Mischwald im Süden über die wunderschöne Blumenwiese mit dem Federbaum zum Fluss. Jetzt im Winter blühten auf der Wiese nur ein paar vereinzelte Schneeglöckchen, aber schon jetzt konnte sich die Weiße vorstellen, in was für einem Meer von Blumen man hier im Frühling baden würde können. Sie freute sich darauf. Beinahe hatte sie den Federbaum erreicht und erkannte erst jetzt, dass dort eine kleine, mittlerweile aber doch schon sehr große Gestalt lag. Vor lauter Sonne in der Nase hatte sie den Geruch ihres Sohnes gar nicht aufgenommen. Chanuka … sie war nun fertig ausgebildet, niemand konnte ihr mehr verwehren bei ihrem Sohn zu sein. Kurz entschlossen änderte sich ihr Plan und ihre Schritte wurden langsamer, bis sie vor Chanuka halt machten. Er war so groß geworden. War er jemals klein gewesen?
“Chanuka, darf ich mich zu dir legen?“
Wie schon Banshee hatte auch Tyraleen sich angewöhnt, ihre Kinder seltener bei ihren richtigen Namen zu nennen, sondern viel öfter auf Kosenamen oder schlicht mein Sohn umzusteigen. Aber bei Chanuka war das nicht so einfach.
20.02.2010, 17:41
Chanukas Ohren zuckten, als sich Schritte näherten. Er hielt die Augen geschlossen, nicht glaubend, dass sich jemand zu ihm gesellen würde. Als er dann aber wahrnahm, dass sich ein Wolf direkt auf ihn zu bewegte, öffnete er seine bernsteinfarbenen Augen. Im ersten Moment blinzelte er einige Male, geblendet von der Sonne, ehe er eine weiße Wölfin und schließlich seine Mutter erkannte. Kam sie zu ihm? Warum?
“Äh, klar.“
Etwas unschlüssig, wenn nicht unsicher, drehte er sich in eine aufrechter liegende Position und betrachtete die ihm eigentlich völlig fremde Wölfin. Aus nächster Nähe hatte er sie nie beobachtet, nur aus der Ferne. Es erschien ihm merkwürdig, sich nun mit ihr zu unterhalten.
“Ist alles in Ordnung?“
Fragte er, legte den Kopf dabei schief.
20.02.2010, 17:58
Beinahe war Tyraleen erleichtert, dass Chanuka sie nicht wegschickte. Sie hatte es nicht erwartet, aber sich dennoch davor gefürchtet. Was für eine Beziehung mochte er zu ihr haben? Auch wenn sie kaum ein Wort mit ihm hatte wechseln dürfen, war er für sie immer ihr Sohn gewesen. Sie war für ihn wohl nur irgendeine Wölfin … die Tochter seiner Mutter. Dennoch lächelnd ließ sie sich neben Chanuka nieder, nicht zu nahe und doch näher als zwei Fremde. Über seine Frage musste sie noch mehr lächeln.
“Ja, mir geht es gut. Ich habe mich nur gefragt, wie es dir geht.“
So gesehen musste sie ihren Sohn in einer Lage betrachten, in der sie ebenso war. Ihre und seine Mutter war gestorben. Das mochte nun schon schreckliche lange her sein, aber keiner von ihnen hatte Zeit gehabt, es zu verarbeiten. Erst jetzt, da der Frieden und die Ruhe zurückgekehrt waren, konnte man traurig sein.
“Und … wer ich für dich bin.“
Sie war sich nicht sicher, ob sie diese Frage überhaupt hatte stellen dürfen. Gleichzeitig war Chanuka kein Welpe mehr, er war irgendwann zum Jungwolf geworden, wenn er das nicht schon immer gewesen war.
20.02.2010, 18:23
Chanuka musterte seine Mutter sehr gründlich, ohne sich dies übermäßig anmerken zu lassen. Er sah sie an, ohne ihr in die Augen zu sehen, aber beinahe unaufhörlich in ihr Gesicht blickend. Nur ab und an huschte sein Blick über den restlichen Körper der Wölfin, die nun so nah vor ihm im Gras lag.
“Oh, hm… also mir geht’s auch gut.“
Er lächelte bestätigend. Sorgte sie sich, weil er nun allein war? Ohne seine Mama? Und wenn ja, warum? Warum jetzt? Es war irritierend, aber er freute sich, auch mal mit ihr reden zu können. Es fühlte sich gut an, ihr nicht egal zu sein.
Ihre nächste Frage wischte das Lächeln wieder von seinem Gesicht, auch wenn sein Blick nicht traurig wurde. Nachdenklich und konzentriert versuchte er in sich hinein zu hören, um herauszufinden, wer Tyraleen für ihn war. Und als er glaubte, eine vorläufige Antwort gefunden zu haben, dachte er noch ein bisschen darüber nach, wie er sich ab besten ausdrücken sollte und ob er einfach sagen durfte, was er dachte und fühlte. Vielleicht wollte sie die Wahrheit gar nicht hören?
“Ich weiß nicht so genau…“
Fing er an, ehrlich, weil er gar nicht anders konnte. Er wollte nicht lügen. Hätte er ihr nun gesagt, dass er in ihr seine Mutter sah, wäre er dann ein Teil der Familie geworden? Sie wollte immerhin wissen, wen er in ihr sah, als war er ihr nicht egal, oder?
“Du bist Tyraleen, meine Mutter… aber ich kenn dich ja gar nicht, also kann ich es nicht so genau sagen. Meine Mama ist Banshee. Aber… ich bin trotzdem dein Sohn, oder? Also bist du auch irgendwie trotzdem meine Mutter.“
20.02.2010, 18:48
Tyraleen spürte Chanukas Blick und fragte sich nur einmal mehr, was in seinem Kopf vorgehen mochte. Auch wenn sie nie viel mit ihm hatte zu tun haben dürfen, hatte sie doch versucht, ihn so gut es ging kennen zu lernen. Er war schon immer nachdenklich und verschlossen gewesen, hatte sich von anderen ferngehalten, auch von seinen Geschwistern, obwohl diese ihm nie verboten worden waren, genauso wenig wie sie irgendetwas von Chanukas Sonderstellung gewusst hatten. Abgesehen davon, dass er immer bei Banshee gewesen war. Das hatte wohl gereicht um ihn zu einem Außenseiter zu machen.
“Das freut mich wirklich. Mich macht es immer sehr traurig, wenn ich dich unglücklich sehe.“
Sie hatte das Gefühl, ihm das sagen zu müssen. Am liebsten hätte sie ihm gleich beteuert, wie viel er ihr bedeutete, auch wenn sie sich stets von ihm ferngehalten hatte, aber natürlich hätte Chanuka das nur überfordert. Er kannte sie doch kaum. So einfach war das leider nicht. Das verschwundene Lächeln ihres Sohnes zeigte dazu, dass es für ihn ein schwieriges Thema war und sie über etwas sprachen, das ihm sehr nahe ging. Kein Wunder.
“Ja, ich habe dich geboren, aber leider durfte ich nie deine Mama sein, auch wenn ich mir das immer gewünscht habe. Wie viel weißt du von Engaya und Fenris?“
Die Frage mochte ihm fern vom Thema erscheinen, aber plötzlich wurde Tyraleen bewusst, dass sie sich nichts mehr wünschte, als Chanuka seine Andersartigkeit zu erklären. Auch wenn sie von seiner stummen Verbindung zu Fenris wusste. Und auch wenn diese so schrecklich unsichtbar war.
20.02.2010, 19:40
Chanuka fragte sich, wann er traurig ausgesehen haben mochte, dass es Tyraleen aufgefallen war. Er erinnerte sich nicht so genau an die Zeit, als er noch viel jünger war. Natürlich waren da ein paar Augenblicke, in denen er nicht so ganz genau gewusst hatte, wieso er nicht zu seiner Familie gehörte, aber er hatte seine eigene gehabt. Und eigentlich gehörte dass alles auf komische Art zusammen und doch wieder nicht.
“Ich war sehr traurig als Mama-Banshee gestorben ist, aber ich bin sicher, dass es ihr jetzt gut geht und sie passt auf mich auf. Ich darf auch mit ihr reden, wann immer ich will, hat sie gesagt. Natürlich vermiss ich sie immer noch, dass hört sicher auch nie auf, aber es ist schon in Ordnung. Ich bin glücklich, dass sie meine Mama war. Und ich war auch nie so direkt unglücklich darüber. Nur… hab ich es nicht verstanden. Ich weiß nicht, was mich so anders macht, als meine Geschwister und warum dass schon immer so war.“
Noch immer hatte er den Blick kein einziges Mal abgewandt, auch wenn er während der Gedanken an Banshee nicht mehr Tyraleen gesehen hatte, sondern Bilder aus der Vergangenheit. Eigentlich sahen sie sich ähnlich, aber sie waren doch ganz unterschiedlich. Chanuka war sich nicht sicher ob alle Wölfe sehen konnten, dass in der Ähnlichkeit kaum Gemeinsamkeiten vorhanden waren, oder ob diese Sicht ihm vorbehalten war, weil die Wölfinnen unterschiedliche Bedeutungen für ihn hatten.
“Mama-Banshee hat mir von den beiden Göttern erzählt, von den Gegensätzen. Leben und Tod. Und davon, dass Engaya und Fenris ihre Kinder auf die Welt geschickt haben und dass sie selbst einmal die Götterkinder waren, die geschickt wurden. Und dass der Tod nicht böse ist.“
Der letzte Satz klang anders als die restliche Widergabe der Geschichte. Die Erkenntnis, dass der Tod nicht mit Böse gleichzusetzen war, schien ihm wichtig zu sein.
“Tyraleen, magst du mir von Opa-Acollon erzählen? Ich hab ihn gar nie kennen gelernt, obwohl er Mama-Banshee so wichtig war.“
Es war ein bisschen merkwürdig. In diesem ganzen Satz war die Bezeichnung Opa, für Acollon, die einzige, die wirklich stimmte. Aber sie klang komisch. Wenn der große, schwarze Rüde nicht fort gewesen wäre, wäre er vielleicht so etwas wie ein Papa gewesen. Nicht dass es die Sache weniger kompliziert gemacht hätte. Chanuka nannte seine Mama nun in Verbindung mit ihrem Namen. Er wusste nicht so genau, ob er dies beibehalten würde, oder ob er es nur gegenüber Tyraleen so formulierte. Es erschien ihm komisch, Banshee in Gegenwart seiner Mutter Mama zu nennen. Irgendwie abweisend. Und dass wollte er nicht. Da formulierte er es lieber ein bisschen um.
21.02.2010, 13:09
Wehmütig hing Tyraleens Blick auf ihrem Sohn. Auch wenn er die Sprache der Welpen benutzte, beschrieb er doch sehr genau die Gefühle, die auch in ihr vorgingen. Das wirklich Traurige war aber die Eindeutigkeit, mit der Chanuka von seiner Mama sprach und je länger Tyraleen ihm zu hörte, desto bewusster wurde ihr die Tatsache, dass sie wohl nie zu seiner Mama werden würde. Selbst wenn sie alles erklären, sich viel um ihn kümmern und ihm Zeit geben würde - Banshee war für immer seine Mama und dieses „für immer“ war für die Weiße in diesem Moment wie ein Schlag in den Magen. Sie hätte niemals zulassen dürfen, dass er ihr weggenommen wurde, sie hätte um ihn kämpfen müssen. Ein bitterer Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus und ließ sich nicht hinunterschlucken.
“Würdest du denn wissen wollen, was dich anders macht?“
Plötzlich war sie vorsichtig, als könne eine Erklärung Chanuka nur noch mehr enttäuschen. Und war es überhaupt ihr Recht, es ihm zu erklären? Ihm zu offenbaren, dass er eine für Tyraleen schädliche Beziehung zu Fenris hatte? An die sie selbst nicht glauben konnte? Sie sah sich vor eine Entscheidung gestellt, die sie zu fällen noch nicht im Stande war, nur ihr Herz hatte wie immer eine eindeutige Antwort. Chanuka verdiente es. Chanuka hatte ein Recht darauf es zu erfahren. Wenn er es hören wollte.
“Genau, Banshee hat auch mir schon alles über die Götter beigebracht. Fenris steht zwar für das Böse, das Dunkle und das Schlechte auf dieser Welt, aber er selbst ist es dennoch nicht. Er ist notwendig, so wie Engaya das auch ist. Weißt du, dass ich mit dem Tod Banshees zur Tochter Engayas wurde? Ihre Vertretung auf dieser Welt. Ebenso wie ich Priesterin bin, mit Rakshee und Sheena zusammen. Als ich dich geboren habe, war ich noch in der Ausbildung …“
Ihr war bewusst, dass sie bereits Erklärungen abgab – auch wenn er sie als solche noch nicht erkennen konnte - obwohl er ihr noch nicht bestätigt hatte, dass er hören wollte, was ihn anders macht. Unauffällig biss sie sich auf die Lefzen.
Als Chanuka sie aufforderte von Acollon zu erzählen, zuckte ihr rechtes Ohr leicht zurück. Wie kam er nun darauf? Er brachte sie ein wenig aus dem Konzept, trotzdem freute sie sich, über ihren Vater sprechen zu können. Selten hatte sie dazu die Gelegenheit.
“Mein Vater Acollon war der Sohn Fenris’. Er war oft kühl, abweisend und erschien manchmal grausam. So wie er auch sehr selten hier war und nie erklären konnte, warum er uns so oft alleine ließ. Dein Vater Averic ist deshalb immer sehr böse auf ihn gewesen, aber ich glaube nicht, dass Acollon es extra gemacht hat. Er musste es tun, so wie Banshee bleiben musste. Wenn er da war, war er immer sehr lieb zu mir und hat sich viel um mich gekümmert. Er war ein guter Wolf, auch wenn er durch seine Verbindung zu Fenris von vielen nicht gemocht wurde.“
21.02.2010, 13:51
Chanuka legte den Kopf erst nachdenklich in die eine Richtung schief und dann in die Andere, als ließe sich so besser darüber nachdenken, wie er zu antworten hatte. Bislang hatte es keine Antworten gegeben und Tyraleen bot ihm diese nun an. Er hatte es immer wissen wollen und nun zögerte er. Es war albern. Zunächst hörte er seiner Mutter zu, was sie über die Götter sagte. So genau hatte er noch nicht darüber nachgedacht, wie sich alles nun verhielt, da Banshee gestorben war, aber er wunderte sich auch nicht darüber, dass Tyraleen nun diesen Platz eingenommen hatte. Ein Götterkind. Und eigentlich war dann seine Mama die Göttin des Lebens, oder nicht?
“Hm, ja. Ich würde es gerne wissen. Ich meine, alles. Mama-Banshee sagte, ich wäre nicht falsch, sondern etwas besonderes. Dass klingt zwar nett, aber eine wirkliche Antwort ist es nicht. Ich würde gerne alles wissen und nicht mehr nur den Teil, den man einem Welpen erzählen kann.“
Er sah Tyraleen mit seinen bernsteinfarbenen Augen direkt an. Erwartungsvoll, abwartend. Auf viele Fragen hatte er Antworten finden können, aber nie darauf, wieso er eine andere Mama hatte bekommen müssen. Es tat eigentlich nicht mehr weh, darüber nachzudenken. Er hatte einfach nur seinen besonderen Weg zu gehen. Banshee als Mutter gehabt zu haben, machte ihn nicht unglücklich. Und nun mit Tyraleen reden zu dürfen fühlte sich gut an.
“Was macht eine Priesterin? Und was unterscheidet sie von den Anderen?“
Eine Weile ließ er sich die Erzählung über Acollon durch den Kopf gehen. Er mochte, wie Tyraleen über ihn sprach und besonders den Teil, in dem sie beteuerte, wie lieb er zu ihr war. Dass bestätigte nur wieder, dass auch der Sohn von Fenris nicht böse war. Chanuka überlegte, wie es sich für seine Mama wohl angefühlt haben musste, immer die zu sein, die zurückbleibt. Sicher kein schönes Gefühl, aber Liebe hörte davon nicht auf, oder?
Und als Tyraleen von Averic sprach, grinste er amüsiert. Dass passte zu seinem Vater, der immer so brummig war. Chanuka war nicht sicher, ob er die gleiche Ablehnung noch gespürt hatte, als sie alle sich von Acollon und Banshee verabschiedet hatten. Bislang hatte er seinen Vater aber auch nicht fragen können.
21.02.2010, 17:29
Ein weiteres Mal bewies Chanuka, dass er kein Welpe mehr war. Tyraleen war sich sicher, dass ihn seit seiner Geburt die Frage quälte, warum er anders war, aber jetzt, da er gefragt wurde, ob er es wissen wolle, ließ er sich Zeit. Er musste wissen, dass die Antwort etwas verändern könnte und sicher nicht schön war. Seine Entscheidung fiel und Tyraleen akzeptierte sie, sie würde reden, egal ob das Banshees Wunsch gewesen sein könnte. Chanuka wünschte sogar noch mehr, er wollte alles wissen, mehr als man einem Welpen erzählen würde. Was hätte Tyraleen ihm erzählt, hätte er das nicht gefordert? Es gab keine Light-Version dieser Geschichte, denn sie war weder schrecklich noch in sonst einer Art nicht kindgerecht. Sie war nur für Chanuka schwerwiegend, denn ihm würde etwas offenbart werden, mit dem er noch nicht umgehen konnte. Oder zumindest, was ihm Tyraleen noch nicht zutraute. Sie ließ sich ein wenig Zeit und beschloss dann, die Antworten auf seine Fragen zu verbinden.
“Eine Priesterin ist die Verbindung zwischen den Wölfen und Engaya. Sie haben eine besondere Verbindung zu der Göttin und wissen mehr über die Götter, als andere Wölfe. Sie können Engaya um Hilfe bitten und manchmal mit ihrer Kraft Dinge auf dieser Welt vollbringen, die normale Wölfe nicht vermögen. Banshee zum Beispiel hat einmal eine Wunde von Nyota geheilt, als diese drohte zu verbluten. Die Wunde war nicht verheilt, aber sie blutete nicht mehr und Nyota hatte auch keine Schmerzen mehr. Priesterinnen wollen Wölfen helfen und bringen die Liebe Engayas in die Welt.“
Sie machte eine kurze Pause, sodass ihr Sohn mit dem Verstehen hinterher kommen konnte.
“Priesterinnen, die noch in der Ausbildung sind, müssen all das erst lernen. Sie haben noch keine feste Verbindung zu Engaya, ihre Aufgabe ist, diese zu finden. Dabei ist es sehr gefährlich, wenn diese Suche von Fenriswölfen gestört wird. Es kann passieren, dass eine in der Ausbildung stehende Priesterin dadurch die Verbindung zu Engaya ganz verliert und nicht mehr dazu fähig sein wird, Priesterin zu werden. Sie könnte auch verwirrt werden und schlimmsten Falls in den Wahnsinn stürzen. In dieser Phase ist eine junge Auszubildende sehr verletzlich.“
Eine weitere Pause, Chanuka Zeit lassend.
“In dieser Phase befand ich mich, als ich dich und deine Geschwister geboren habe. Bei der Geburt passierte dann aber etwas Unvorhergesehenes. Fenris tauchte auf, ganz am Ende, als du als Letztgeborener das Licht der Welt erblickt hast. Es war ein Zeichen, dass du ein Kind Fenris’ bist und Banshee beschloss, dass ich dir nicht zu nahe kommen dürfte. Eine so enge Beziehung wie eine Mutter zu ihrem Sohn aufbauen würde, durfte ich in dieser Phase zu einem Kind Fenris’ nicht eingehen. Ich musste dich weggeben um meine Ausbildung und meine Bestimmung nicht zu zerstören.“
Bei ihren letzten Worten wurde ihre Stimme zittriger. Sie hatte noch nie so klar ausgesprochen, für war sie sich entschieden hatte. Auch wenn Banshee ihr damals keine Wahl gelassen hatte, Tyraleen wurde nicht gefragt. Es mochte hart klingen, aber sie hatte ihre Mutter verstanden – die Härte, die sie als Ausbilderin oft angekündigt und hier deutlich gezeigt hatte.
“Sie nahm dich zu sich ohne viel Zeit zu verlieren. Mir wurde der enge Kontakt mit dir verboten. Doch heute ist meine Ausbildung abgeschlossen, ich bin nicht mehr länger beeinflussbar und gefährdet. Ich darf wieder bei dir sein. Und … das möchte ich dir auch noch sagen, auch wenn es dich verwirren könnte: Ich weiß nicht, ob das alles richtig war. Du warst nie wie ein Welpe Fenris’. Ich möchte Banshees Entscheidung nicht anzweifeln, aber du bist nicht böser oder weniger liebenswert als andere Welpen.“
21.02.2010, 18:12
Chanuka entschied, schweigend zuzuhören, bis Tyraleen zu Ende erzählt hatte. Egal ob er Fragen haben würde, oder nicht. Und so verfolgte er aufmerksam, was seine Mutter ihm erzählte. Er war kein Dummkopf, nach einer Weile fügte sich ein Bild in seinem Kopf zusammen, von dem, was sich wohl zugetragen haben musste. Noch ehe die entscheidenden Worte fielen, hatte er bereits geschlussfolgert, dass er wohl irgendetwas mit Fenris zu tun haben musste. Einer der Götter war also gekommen, als er geboren worden war? Ihm schmeichelte der Gedanke irgendwie, auch wenn ihm Engaya lieber gewesen wäre. Dann hätte er immerhin auch bei seiner Familie bleiben können. Noch immer wusste er nicht, ob er sich dies wirklich wünschen sollte. Er liebte Banshee und er würde sie heute nicht so lieben, wenn sie nicht seine Mama geworden wäre. Soviel war ihm klar. Die ganze Zeit redeten sie von Engaya und Banshee, deren Platz Tyraleen eingenommen hatte, aber was war dann mit Fenris? Wer war der Nachfolger von Acollon? Da kam doch eigentlich nur sein Vater in Frage, oder nicht? Und er liebte seinen Vater und Tyraleen liebte Acollon. Also war es wohl auch nicht schlimm, ein Fenriswolf zu sein.
Es widerstrebte ihm dennoch ein bisschen. Vielleicht musste er aber auch einfach erst älter werden, um dass alles ganz genau zu verstehen. Und womöglich war es tatsächlich ein Irrtum.
“Vielleicht hat er sich ja in mir geirrt und mit der Zeit gemerkt, dass ich gar nicht zu ihm passe.“
Überlegte Chanuka, seine Gedanken aussprechend. Böse, gemein, liebenswert oder nett, wo war schon der Unterschied? Geliebt konnte doch wohl jeder werden, oder? Und gehasst auch. Es würde also nicht wirklich eine Rolle spielen, ob Fenris nun zu ihm gekommen war, oder nicht.
“Hm. Dass ist alles…“
Murmelte er, ehe er vergnügt quietschte und sich ins Gras fallen ließ. Unbefangen drehte er sich auf den Rücken, seiner Mutter immer noch ins Gesicht schauend. Ein bisschen fühlte es sich an, als wäre er noch gänzlich in all die Worte gehüllt und eine Weile tanzten Bilder aus vergangenen Tagen in seinem Geiste, die er nun mit anderen Augen sehen konnte.
“Danke, dass du mir alles erklärt hast.“
Schloss er das Thema. Dass war die Antwort gewesen, die er nie gefunden hatte. So einfach, so unscheinbar und trotzdem hatte sie sein ganzes Leben bestimmt. Komisch, einfach davon freigesprochen zu sein, sich zu Sorgen, wo der Unterschied lag, zwischen ihm und seinen Geschwistern.
Mit einer raschen Bewegung drehte er sich wieder und setzte sich schließlich aufrecht vor seine Mutter.
“Weißt du, wo dieser Baum her kommt?“
Er legte den Kopf in den Nacken und sah zu seinem Federbaum nach oben.
23.02.2010, 17:29
Nachdem Tyraleen endlich ihren langen Vortrag und damit die ganze Geschichte beendet hatte, betrachtete sie ihren Sohn aufmerksam und hoffnungsvoll, er möge es irgendwie positiv aufnehmen. Chanuka ließ sich Zeit und schien über alles sehr genau nachdenken. Schließlich wirkte er aber entspannt, fast fröhlich und noch bevor er etwas sagte war sich die Weiße sicher, das Richtige getan zu haben.
“Ja, das könnte wirklich sein. Du hast wenig mit dem Düsteren eines Fenriswolfes gemeinsam. Du bist hell.“
Natürlich sprach sie nicht von Chanukas Fellfarbe, die alles andere als hell war. Aber in ihm drin hatte sie nie etwas Dunkles sehen können, nur war sie ihm möglicherweise dafür nie nahe genug gekommen. Vielleicht würde sich das jetzt endlich ändern. Mit aufkeimender Freude betrachtete sie ihren Sohn, wie er sich ins Gras fallen ließ und quietschte. Lächelnd reckte sie sich vor, pustete Chanuka auf den Bauch und berührte ihn sanft und kurz, ein wenig so, als wolle sie ihn kitzeln. Eine kleine, zögernde, zärtliche Geste, die die Hoffnung ausdrückte, irgendwann zur Normalität zu werden.
“Ich weiß, dass ich nicht mehr deine Mama werden kann, aber ich werde versuchen, deine Mutter zu sein, ja? Du kannst immer zu mir kommen.“
Bereitwillig ließ sie sich von ihrem Sohn ablenken und folgte seinem Blick den Baum hinauf. Die Federn die daran hingen und sachte im Wind schwangen sahen hübsch aus, aber fremd. Kein heimischer Vogel trug solch ein Federkleid.
“Nein, aber irgendwer muss ihn in seinen Gedanken getragen haben.“
Sie erinnerte sich an die Feder, die Chanuka von Isis bekommen hatte, ebenso wie Liam Atalya eine Feder geschenkt hatte.
“Von dir?“,
mutmaßte sie lächelnd. Naheliegend, wenn Chanuka sich alleine hierher zurückzog.
23.02.2010, 21:02
Chanuka sah erst seine Mutter an und blickte dann an sich hinunter. Betrachtete seinen schwarzen Pelz, so schwarz wie die Fenriswölfe waren, die er kannte. Averic und Acollon. Er grinste, hatte das Gefühl dass es sich bei Tyraleens Worten um ein Kompliment handelte. Hell. Dabei konnte düster auch keinen schlimmen Klang haben. Nur hell fühlte sich mehr nach ihm an, da hatte sie schon recht.
Als seine Mama ihn auf den Bauch pustete, quietschte er erneut und lauter als zuvor, ehe der sich unter ihr windende Laut in ausgelassenes Kichern überging. Zuletzt lächelte er Tyraleen an, mit dem seltsamen Gefühl, dass es so immer hätte sein müssen. Schwer vorstellbar, wie er als Welpe immer geglaubt hatte, keinen falschen Schritt machen zu dürfen und wie er einfach nicht zu ihr gehört hatte. Nun, da er auf eigenen Pfoten stehen konnte und keine Mama mehr brauchte, war sie da. Dass war noch schöner. Sie war zu ihm gekommen und sie war lieb zu ihm. Ohne dass es unbedingt ihre Pflicht war. Sie wollte es und er durfte entscheiden, ob er es auch wollte. Vielleicht war es so sogar besser, als wenn es anders gekommen wäre.
“Ich bin eben der einzige Wolf mit zwei Müttern.“
Entgegnete er, mit der Andeutung seines Einverständnisses. Eine Weile dachte er darüber nach, welche Bedeutung es hatte, zwei Mamas zu haben. Es gab immerhin zwei Mamas, die ihn liebten. Zwei Mütterherzen die immer für ihn geschlagen hatten.
Es war dennoch bedauerlich, dass er sein bisheriges Leben nicht Teil dieser Familie gewesen war. Und es würde kompliziert werden, aufzuholen, was er versäumt hatte. Er war nicht einmal sicher, ob es überhaupt möglich war. Vielleicht würde er nie ganz dazu gehören können? Die Möglichkeit erschien ihm gar nicht schlimm. Es war in Ordnung.
“Als Isis meine Patentante wurde, schenkte sie mir eine rote Feder und eilte davon. Ich wusste nicht so genau, was ich mit der Feder tun sollte, also hab ich Averic gefragt, ob ein Vogel aus ihr wächst, wenn ich sie eingrabe. Und schließlich haben wir sie gepflanzt. Es war schön. Aber es ging mir nicht um die Feder, sondern darum, dass ich das erste Mal Zeit mit meinem Vater verbringen konnte. Und ich mochte den Ort, aber bald hatte das Nichts die Feder geschluckt. Und jetzt ist sie wieder da. Sogar ganz viele Male. Und ich mag den Baum, so wie die Feder damals, die Sinnbild für einen schönen Tag war. Der Baum ist so etwas, wie ein Gefühl, das Gestalt angenommen hat.
Vielleicht ist ja jede Feder eine schöne Erinnerung von irgendjemandem. Mir würde der Gedanke jedenfalls gefallen.“
Er lächelte seine Mutter an, nach dem er die Geschichte zu Ende erzählt hatte. Die Feder erzählte mehr über ihn, als vieles Anderes und er wollte dass seine Mutter daran teil hatte, damit sie ihn kennen lernen konnte. Er wollte kein Fremder mehr sein.
25.02.2010, 15:04
Chanukas plötzliche Ausgelassenheit und sein Lächeln, das wirkte, als wäre alle Last der Welt von seinen Schultern genommen worden, ließen Tyraleens Herz federleicht werden. So hatte sie es sich gewünscht, in manchen Träumen ausgemalt und doch selten daran geglaubt. Wer hätte gedacht, dass ihr Sohn so strahlen konnte?
“Siehst du, dann bist du doch etwas Besonderes, so wie Banshee es gesagt hat. Sie hatte fast immer Recht.“
Lächelnd lauschte sie Chanukas Erzählungen über den Federbaum. Sie hatte richtig vermutet, ließ sich aber von dem Gedanken, dass jede Feder eine schöne Erinnerung war, noch bereitwilliger einnehmen. Es waren genug Federn für alle und der Baum schien, als würde er gerne noch mehr nachwachsen lassen.
“Vielleicht wächst bald eine Feder mit dem Moment, den wir jetzt gemeinsam erleben, an ihm?“
Ihr kleiner großer Sohn hatte schöne Gedanken und Tyraleen war froh, dass er sie mit ihr teilen wollte. Ihr Blick richtete sich in die Ferne nach Norden, wo sie weit weg etwas Graues ausmachte, das ihr Steinwald sein musste.
“Kennst du den steinernen Wald? Ich glaube, er entstammt meinen Gedanken.“
25.02.2010, 21:18
Chanuka schmunzelte. Etwas Besonderes. Dass klang gar nicht mehr negativ. Es erfüllte ihn eher mit Stolz. Ob seine Mama ihnen gerade zusah? Bestimmt lächelte sie und freute sich. Komisch, dass er nicht mehr zu ihr laufen konnte, um ihr davon zu erzählen. Dass war es, was den Tod so traurig machte. Ganz plötzlich wurde ihm wieder klar, dass er sie immer vermissen würde. Es würde sicher noch oft eine Situation geben, von der er ihr gerne erzählt hätte. So musste er sich damit trösten, dass sie zwar alles wusste, es aber nur von Außen betrachten konnte.
Tyraleen zog seine Aufmerksamkeit wieder auf sich und er strahlte sie an, ehe er nickte. Sein Blick wanderte den Baum hinauf, zu all den Federn. Ob sie im Herbst zur Erde fallen würden? Oder blieben sie immer dort?
“Und noch viele mehr… Irgendwann wird gar kein Platz mehr sein, für die vielen Federn.“
Schließlich konzentrierte er sich auf die Frage, die sie ihm stellte. Der steinerne Wald? Er war einige Male an ihm vorüber gegangen, wenn er sich vom Rudelplatz hier her bewegt hatte. Nie hatte er eine Pfote hineingesetzt. Überhaupt hatte er sich wenig im neuen Revier umgesehen, nicht mehr, nach dem er quasi direkt auf den Federbaum zugesteuert war. Er musste über sich selbst lachen.
“Vom Rudelplatz hier her und wieder zurück bin ich einige Male vorbei gelaufen. Allerdings habe ich ihn mir bislang nicht näher angeschaut. Ich hab noch keine Erkundungstouren unternommen. Ich kam gar nicht auf die Idee! Als ich klein war wollte ich niemandem Ärger machen, in dem ich verschwinde, um meine neugierige Nase irgendwo rein zu stecken. Und irgendwie hab ich dass unterbewusst so beibehalten. Nur von diesem Baum konnte ich mich nicht fernhalten.“
Er grinste, beschämt über sich selbst. Was war er doch nur für ein hoffnungsloser Träumer? Nicht einmal zu merken, dass ihm die ganze Welt offen stand!
“Willst du ihn mir zeigen?“
Fragte er schließlich, ihr freundlich, aber ernst ins Gesicht blickend. Es käme ihm nun, da sie gesagt hatte zu glauben, ihn aus ihren Gedanken erschaffen zu haben, komisch vorgekommen, ohne sie dort hin zu gehen. Er hatte das Gefühl, als wäre es ein sehr persönlicher Ort und er wollte lieber durch sie verstehen, welche Bedeutung sich dahinter verbarg.