Atalya
24.12.2009, 20:05

Die Zeit der Welpenerziehung hatte begonnen. Unermüdlich hielten die Kleinen das gesamte Rudel auf Trab und nur ab und an schliefen mal alle zwölf kleinen Wölfe auf einmal – eine Erholung für Eltern, Paten und jedes andere Rudelmitglied, das sich in der Nähe aufhielt. Die meiste Zeit aber wurde am Rudelplatz getobt, gespielt, gebalgt, geschrien, geheult und manchmal auch erzählt – eine Welpenerziehung wie jede andere. Doch bei all diesen Frühlingsabenteuern ließ sich die Sonne kein einziges Mal blicken, viel eher wurden die Wolken immer dichter und oft regnete es. Der Wald und die Blumen ließen sich davon nicht unterkriegen und blühten tapfer weiter, doch schienen die Farben dieses Frühlings lang nicht so kräftig wie sonst. Und auch die Welpen hatten noch nie einen Blick auf die Sonne werfen können. Nicht nur die fehlende Sonne rief Sorge in den Erwachsenen hervor, auch das Nichts breitete sich unaufhaltsam aus. War es zuvor noch tief im Wald versteckt und somit wenigstens nicht immer im Blickfeld, hatte sich jetzt ein kleiner Fleck am Ostufer des Sees gebildet. Weit weit fort vom Rudelplatz und doch von dort aus gut sichtbar. Wie eine winzige Nebelbank, die sich im Schilf verhangen hatte. Doch dieses kleine Fleckchen Nichts verursachte noch mehr, als nur das stete Vorhandensein der Gefahr. Die Enten, Schwäne, Gänse und anderen Gefiederten vom See hatten sich zurückgezogen. Das sonstige muntere Gequake und Getratsche, das über dem See gelegen hatte, war weitgehend verstummt, nur manchmal hörte man noch den Laut einer Ente oder das leise Platschen eines paddelnden Fußes. Es war leise auf dem See geworden. Und mit dieser Stille manifestierte sich die Gefahr noch viel deutlicher im Bewusstsein der Wölfe. Zudem waren auch die anderen Nichtsfelder weiter gewachsen und schienen die Geschwindigkeit des Größerwerdens angezogen zu haben.
Es ist ein recht warmer Abend, jedoch sehr schwül. Immer wieder gibt es kurze Schauer, die Wolken hängen tief über dem Tal. Eine Woche ist seit der Welpenzeremonie vergangen, Zcale, Lucina und Iroi sind aufgenommen worden. Das Rudel ist auf dem Rudelplatz verstreut.



Es war wie Blindsein. So wie Kaede sich fühlen musste. So wie sie den Tag und die Nacht sah, den Wald und das Gras. Es war ein leiser Schmerz. Banshee musste den Blick von dem winzig wirkenden Nichts am anderen Ufer des Sees abwenden. Ihre Augen schmerzten. Es mochte dort hinten noch so weit fort sein, in ihr hatte es sich schon wie eine Krankheit ausgebreitet. Und nicht nur in ihr. Es vergiftete ebenso das Revier. Wo waren all die Vögel? Sie hatte es geliebt, ruhig am See zu dösen, die Augen geschlossen und den Enten bei ihren Konzernten zu lauschen. Sie hatte auch die Reiher gemocht, die auf langen Beinen durch das seichte Ufer gestrackst waren und nach Beute Ausschau gehalten hatten. Und auch die Schwäne, die gemächlich in der Mitte des Sees getrieben waren, hatten mit ihrer Schönheit Banshees Herz erfreut. Doch sie alle waren nun fort und hatten einen trostlos grauen See hinterlassen, der stumm und farblos in der Landschaft lag. Was geschah nur mit ihnen? Ihr Blick huschte sorgenvoll über den Rudelplatz und die Wölfe, die darauf verstreut waren. Würden sie bald alle fliehen müssen? Nur wohin? Es war wie damals, als die fremde Schar gekommen war, nur war diese Gefahr noch viel erschreckender. Wer wusste, ob das Nichts auch in den Bergen lauerte? Und selbst wenn nicht, sollten sie sich erneut dem Grauen des ewigen Eises aussetzen? Konnte sie das erneut ihrem Rudel antun? Und dann auch noch ohne sie. So viel war klar … sie würde dieses Tal nicht mehr verlassen. Ihre Zeit war zu Ende und wenn sie das Nichts beenden sollte, dann würde sie das akzeptieren. Aber ihrem Rudel konnte sie das nicht antun. Nur wohin sollten sie gehen? Mit all den Welpen. Hätten sie diese Bedrohung nur schon früher entdeckt, dann wäre jede Welpenzeugung verboten worden. Aber dafür war es nun zu spät. Jetzt standen sie dieser Gefahr schutzlos gegenüber. Vielleicht würde jede kleine Familie einzeln fliehen können? Tyraleen mit Averic und ihren Welpen in die eine Richtung, Kaede und ihre Lieben in die andere. Nyota und … Aszrem und Neruí in die andere. Hiryoga und Shani mit Welpen. Ja, vielleicht würde das gehen. Aber wie könnte ihr Sohn und ihre Tochter acht Welpen auf einmal durchbringen? Welches Rudel würde sie aufnehmen?
Banshee vergrub die Schnauze im eigenen Fell. Es gab kein Vor und kein Zurück. Die einzigen, die helfen könnten, wären die Götter, aber Banshee hatte keinen Kontakt mehr zu ihnen. Vielleicht würden sie Gnade walten lassen? Einen Ausweg finden? Die weiße Leitwölfin hoffte mit all ihrer verbliebenen Kraft, Engaya möge eingreifen und ihr Rudel aus dem Schrecken führen. Banshee würde es ertragen, zurückgelassen zu werden. Solange nur ihre Kinder und Kindeskinder und all die Wölfe, die ihr vertrauten, gerettet werden würden.
Unruhig erhob sie sich, als wolle sie die Gedanken loswerden. Kraftlos und nicht sehr schnell begann sie am Rand des Rudelplatz zu gehen, kreuzte ihn dann, blieb stehen und lief in die andere Richtung weiter. Es wirkte fast ein wenig wirr, zeugte aber noch viel mehr von ihrer tiefen Unruhe. Sie suchte nach etwas, das sie ablenken würde, doch nichts tat sich auf. Nur das Nichts am anderen Ufer.


Regen! Regen war toll. Caylee mochte Regen noch immer, obwohl er schon oft seit der einen Woche in Freiheit gefallen war. Er war ziemlich nass und nahm einem manchmal die Sicht, trotzdem war er toll. Er plätscherte im See und in den Pfützen, die er selbst machte. Und er kitzelte einen in den Ohren und lief einem durchs Fell. Man konnte ihn jagen, auch wenn er sehr sehr schnell war und oft schon auf der Erde angekommen, bevor Caylee ihn richtig fixiert hatte, aber das macht ihr nichts. Es gab ja genug andere Tropfen, die man fangen konnte! Jetzt gerade hatte Caylee aber etwas anderes zu tun, als den Regen zu jagen. Gerade hocke sie nämlich am Waldrand und betrachtete eine sehr interessant aussehende Pflanze. Irgendwer hatte sie aus der Erde gezogen und jetzt lag die weiß-bräunliche Wurzel mit ein paar grünen Blättern oben dran ausgestreckt auf der Erde. Die Wurzel sah lustig aus. Sie hatte eine längliche, seltsame Form und irgendwie roch sie komisch. Die Kleine schob sie vorsichtig mit der Pfote nach rechts und dann wieder zurück nach links. Irgendwie war sie unsicher, gleichzeitig aber schrecklich neugierig. Schmeckten Wurzeln? Und besonders diese seltsam Aussehende? Skeptisch schnüffelte sie an dem erdigen Klumpen, schob es wieder ein wenig hin und her und nahm es schließlich ins Maul. Vorsichtig biss sie fast zaghaft darauf und stellte erleichtert fest, dass es gar nicht so schlecht schmeckte. Mutiger geworden kaute sie drauf los und spuckte, als der Geschmack langweilig geworden war, die Wurzel samt Blätter wieder aus. Mh. Ob sich im Wald noch etwas Schmackhafteres finden ließ? Aber alleine in den Wald durfte sie ja nicht. Vielleicht achtete ja gerade niemand auf sie? Langsam drehte sie den Kopf und schielte hinter sich auf den Rudelplatz, um festzustellen, ob jemand sich beobachtete. Doch dieses Vorhaben vergaß sie im gleichen Moment. Boah! Da lief ein rosaner Wolf. Einfach so, mitten über den Rudelplatz! Caylee starrte mit riesen Augen auf den Wolf, bemerkte nicht mal, dass ihr Mund offen stand. Und – hammer geil! – da kam noch einer. Ach was, richtig viele! Alle rosa. Und da war noch was drauf. Die hatten Blumen im Fell. Ja, eindeutig, blaue und lilane und gelebe Blumen. Caylee wollte auf sie zu laufen, stolperte aber über die eigenen Pfoten. Hey, irgendwie waren die schwerer geworden. Aber die rosanen Wölfe! Sie wollte doch sofort zu denen.

“Hey! Kooomt zuuu mia!“

Rief sie so laut sie konnte, aber irgendwie war ihre Zunge schrecklich schwer. Hoffentlich hatten sie sie trotzdem verstanden. Sie sollten nicht einfach so weglaufen!


Die vergangene Woche war ihm ewig erschienen. Angst hatte sein Zeitempfinden gedehnt, sein neuer ständiger Begleiter. Seit dem Vorfall mit Rakshee hatte sich Jakash etwas zurückgezogen und begab sich nur noch vorsichtig unter die Wölfe des Rudels, aus Furcht ein weiteres Mal Dinge zu sagen oder gar zu tun, die er gar nicht wollte. Selbst wenn nichts dergleichen geschah un der junge Schwarze mit seiner Schwester oder Chardím lachte, war die Angst doch unterschwellig da und ließ sein Innerstes unruhig sein. Würde sich seine Sicht bald ein weiteres Mal verzerren? Einmal war es schließlich schon passiert, als Amáya und Urion gegeneinander gekämpft hatte. Jakash hatte dieses Ereignis schon vergessen gehabt, aber was da zwischen ihm und Rakshee geschehen war, hatte die Erinnerung wieder so klar in seinen Kopf gebrannt, als hätte er sie gerade erst erlebt. Nun war es also schon ein zweites mal passiert - was immer Es auch war. Der junge Schwarze befürchtete, dass mit seinem Kopf irgendetwas nicht stimmte. Ein schrecklicher Gedanke.
So waren die Tage dahin geschlichen, und Jakash hatte gemerkt, dass er kein guter Einzelgänger war. So sehr einen weiteren 'Ausraster' in Gegenwart eines Rudelmitgliedes fürchtete, so sehr brauchte er doch deren Gesellschaft. Er spürte, dass das Alleinsein ihm auf Dauer nicht gut tat, und so wagte er sich zunehmend unter das Rudel. So auch jetzt, da er den Wald verließ und den Rudelplatz betrat. Dennoch hielten ihn seine Schritte eher am Rande, während seine Augen über die Gegend huschten und nach Wölfen ausschau hielten. Er wollte die Rudelmitglieder unbedingt erst sehen und abwarten, ob sich ihm die Sicht wieder verzerrte, bevor er zu ihnen ging. Sein Blick fiel auf seine Mutter. Etwas stach in ihm, erinnerte er sich doch daran, dass er ihre Gesellschaft schon lange nicht mehr gesucht hatte. In den letzten Tagen hatte ihn der Gedanke an seinen Vater noch zusätzlich davon abgehalten ihre Nähe zu suchen, obgleich er sich von ihrer Gegenwart irgendwie Trost erhoffte. Immerhin war sie seine Mutter...
Jakash fixierte die Weiße ein Weilchen, und schritt dann, geradezu erleichtert, auf sie zu. Den Kopf hielt er gesenkt, die Ohren nach hinten geklappt. Eine stumme Bitte um Verzeihung, dass er so lange nicht mehr bei ihr gewesen war. Hoffnungsvoll pendelte leicht die Rute, und unsicher lächelte er sie an.

"Hallo, Mutter..."

Es klang selbst in seinen Ohren furchtbar steif, aber er wusste nicht anders zu beginnen...



Ein feines Netz aus Stille und Einsamkeit spann sich um sein Herz, betäubte den stählernen Schmerz, der an seinen Sinnen nagte und bewahrte ihn davor zu stürzen, zu fallen.
Es hatte immer etwas gegeben, an das er sich hatte klammern können, etwas, das seinem Leben einen Sinn gegeben hatte, doch dieses 'etwas' war verschwunden und mit ihm auch der Sinn seiner gesamten Existenz. Denn was nützten einem Flügel, ohne einen Ort, an den man fliegen konnte?
Was war eine Blume ohne Sonnenlicht? Ein Herz, das nicht schlug?
Der tiefschwarze Wolf legte den Kopf in den Nacken, als wolle er zu einem Heulen ansetzen, doch er blieb stumm. Es gab niemanden, den er hätte Rufen können. Niemand, der ihn hätte hören können. Stattdessen glitt sein ruheloser Blick über den grauen, von Wolken verhangenen Abendhimmel, so als suche er etwas... doch was gab es schon, was er hätte suchen können? Regentropfen strömten über das reglose Gesicht und erinnerten an Tränen. Manchmal wünschte er sich, er könne weinen, könne die Tränen seinen Schmerz fortspülen lassen, ihn vergessen lassen.
Doch er konnte nicht weinen.
Des sinnlosen Suchens müde geworden ließ der Schwarze den Kopf hängen, betrachteten einen Moment lang sein stummes Spiegelbild im Wasser, ehe die Konturen unter seinen Pfoten verschwammen und dann begann sich die Stille zu lichten, wurde durchbrochen von einer klaren, hellen Stimme. Lunar hob den Blick und löste sich mühevoll aus dem Strom seiner Gedanken, ehe er einige Schritte auf den Welpen zu trat. Die saphirblauen Augen verengten sich, als er das Kind musterte... mehr war sie nicht – nur ein Kind. Ein kleines, schreiendes Wesen, unbedeutend, wie er, unbedeutend, wie sie alle.

„Du solltest nicht so laut schreien.“

Seine Stimme war ohne jeden Klang. Weder zornig, noch tadelnd. Einfach leer. Leer und ausdruckslos, wie sein Herz. Still ließ er sich vor der Welpin auf die Hinterpfoten sinken, ohne den Blick von dem kleinen, weißen Geschöpf zu nehmen. Sie erinnerte ihn an Shani. Nur ein wenig... - kaum. Shani schrie nicht. Shani flüsterte.
Der Schwarze senkte den Kopf auf Augenhöhe des Welpen und stieß ein stummes Seufzen aus.

„Wenn du willst, dass dir jemand zuhört...“, begann er leise. „... dann flüstere.“

Noch ehe er geendet hatte richtete er sich erneut zu voller Größe auf und trat einen Schritt zurück, ohne jedoch den Blick von dem Welpen zu nehmen.
Warum erzählte er ihr das? War es nicht seines und Shanis Geheimnis? Er schüttelte den Kopf, wie um sich selbst zu antworten. Doch es war kein 'nein', eher eine ratlose Geste.
Er wusste es nicht.


Jede Bewegung war langsam, jedoch genau durchdacht. Die Wärme hielt sie nicht auf, auch diese drückende Luft konnte ihren Weg nicht unterbrechen. Der Kopf der Schwarzen war leicht gesenkt, die Ohren angelegt. Sie wanderte nun schon so lange, es kam ihr wie unzählig viele Monate vor. Und warum.. das wußte sie nicht ein mal mehr. Es hatte etwas mit ihrem Rudel zu tun. Aber was..? Aceyscha biß die Fänge aufeinander. Sie hatte es verdrängt. Aber jetzt, wo sie versuchte sich daran zu erinnern, fand sie keine Erinnerungen mehr in sich. Überhaupt.. sie war verwirrt. Gerüche lagen ihr in der Nase. Und einige waren darunter, die sie unglaublich nervös machten. Seit Tagen fühlte sie sich unglaublich schwach und verlassen. Und sie konnte es sich nicht erklären. Was war es, das sie so beunruhigte? Hier war doch nichts besonderes. Die Sonne schien vielleicht nicht so, wie sie es gewohnt war, aber.. das verstörte sie doch nicht gleich so. Es schienen viele Wölfe in der Nähe zu sein, und irgendwie zogen sie sie magisch an. Aber warum? Langsam bekam sie Kopfschmerzen, je näher sie dieser Schar kam. Irgendwie beschlich die Fähe das Gefühl, dass etwas in ihr hoch kochen wollte, sie es aber unterdrückte. War da vielleicht noch etwas, was ihr das Rudel verheimlicht hatte? Hatte sie außer ihnen noch andere gekannt und sie nur durch diesen Unfall vergessen?
Schnell schüttelte die Schwarze den Kopf, blieb ruckartig stehen. Nicht nachdenken. Einfach vergessen. Ihr Kopf senkte sich nun zum Boden, ruhig schnüffelte sie umher. Vielleicht konnte sie dieses Rudel einfach umgehen? Aber.. woher sollte sie wissen, ob sich vor ihr ein Rudel befand? Vielleicht war es nur eine kleine Ansammlung von Wölfen? Die hellen Augen schließend hob die Schwarze den Kopf nun an, starrte in den grauen Himmel. Warum schien hier nicht die Sonne? Es war doch Frühling, die Zeit des Erwachens? Sie seufzte und senkte das Haupt dann wieder, um sich wieder in Bewegung zu setzen. So viele Fragen, die ihr wohl nie jemand beantworten können würde. Und am wenigsten wohl fremde Wölfe, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Wenn sie sich nicht irrte, nahm sie den Geruch von Welpen wahr. Eine weit zurück liegende Erinnerung zeigte ihr, wie Rudel auf Fremde reagierten, die sich unangekündigt dem Revier näherten.. vor allem wenn Welpen anwesend waren. Aber etwas in ihr wehrte sich dagegen, dass sie sich ankündigte. Vielleicht sollte sie einfach davon laufen? Einfach einen Umweg gehen? Sie hatte doch kein Ziel, wieso musste sie gerade diesen Weg einschlagen? Es half nichts. Sie würde irgendwie mit diesen Wölfen konfrontiert werden. Es war zu spät, um sich zurück zu ziehen. Sie hatten sie sicher schon gewittert. Aber eine einzelne Fähe war schwach, und wenn sie ihren Sinnen vertrauen schenken konnte, bestand dieses.. Rudel aus mehr als zehn Wölfen. Viel mehr. Sie bewegte sich also immer vorwärts, wurde mit jedem Schritt unruhiger. Ihre Muskeln waren angespannt, bereit einem Angriff aus zu weichen.
Es dauerte nicht lange, bis sie urplötzlich wie versteinert stehen blieb. Sie war in ihren eigenen Gedanken versunken gewesen, hatte auf keine Fährten geachtet. Und nun stand sie in der Nähe einer riesigen Anzahl von Wölfen. Welpen, und Erwachsene. Aceyschas Herz begann zu rasen, während sie sich weg drehen wollte, die Flucht antreten. Aber es funktionierte nicht. Sie konnte sich nicht bewegen, war vollkommen von diesem Anblick gebannt. Und diese Gerüche.. Es war alles so.. merkwürdig verwirrend. Und sie konnte sich kein Stück bewegen, glaubte für einige Momente wirklich, dass ihr Herz stehen bleiben würde. Aber es tat sich nichts. Das Leben ging weiter. Und ihr brauner Blick hing an den Wölfen, die sich wenige Meter von ihr tummelten. Es war so verwirrend..


Es war grau. Und es regnete ab und zu. Davon abgesehen war es warm, feuchtwarm, und Malakíms blaue Augen prüften am Himmel die Färbung der Wolken. Sie waren noch nicht dunkel genug für ein Gewitter, aber der Schwarze wusste, dass sich das auch bald ändern konnte. Er grinste bei dem Gedanken. Malakím mochte Gewitter, mochte das überraschende Zucken der Blitze, das Grollen des Donners, den vergleichsweise warmen Regen. Aber der dreijährige Rüde mochte ohnehin so gut wie alles, selbst die Wüste hätte er wohl geliebt. Daher störte ihn auch nicht, dass er seit Tagen die Sonne nicht mehr gesehen hatte. Wolken waren auch schön, selbst so eine dichte Decke wie jetzt hielt Spannendes bereit. Malakím hatte schon die verschiedensten Wesenheiten in den verschiedenen Grauschattierungen versteckt gesehen, von monströsen Schmetterlingen über langhälsige Vogel hin zu einem Hirschkopf, dessen Geweih sich den Ästen eines Baumes gleich in den Kluften der Wolkenberge eingebettet lag.
Unter seinen Pfoten platschte ein jeder seiner Schritte, und eine ganze Weile vertrieb er sich seine Wanderung damit, die verschiedensten Rhythmen allein durch seine Schritte zu trommeln. Derart vertieft in die verschiedenen Variationen aus Sprüngen und Tänzeln, bemerkte er die Reviergrenze nicht, die er dabei überquerte.
Wenig später fand er sich in einem Wald wieder, der sein Spiel vorerst unterbrach. Auf seinem Weg fand er jedoch einen kurzen Ast, den er flugs ins Maul nahm um darauf herum zu kauen. Als sich vor ihm der Wald lichtete, trat der Schwarze ohne zu zögern hinaus. Und blieb sogleich stehen.
Huch, da war er mitten in ein Rudel gelaufen! Sowas, wann hatte er das Revier denn betreten? Da hätte er sich doch ankündigen müssen! Na, nun war es ohnehin zu spät, entweder sie waren ihm nun böse, oder sie verziehen ihm. Malakím war erpicht darauf, es heraus zu finden.
Nicht weit entfernt entdeckte er eine weiße Fähe. Der Schwarze ließ den Stock fallen und wuffte der Weißen entgegen, ganz so, wie ein Jungwolf einen Freund begrüßen würde, und trabte lockeren Schrittes auf sie zu. Er lächelte und ließ entspannt die Zunge aus dem Maul hängen, dabei strich seine Rute freudig hin und her. Es wirkte gar, als gehöre er hier hin, dabei war er ein vollkommen Fremder...


Shanis Kopf lag weich auf ihren Pfoten gebettet. Sie hatte die Augen offen und betrachtete ruhig das Treiben auf dem Rudelplatz. Es nahm seinen Lauf wie immer. Sie fühlte sich ein wenig seltsam, irgendwo zwischen tiefer Sorge und sorgloser Leichtigkeit. Hiryoga war wieder da, gleichzeitig stand ihr das Nichts ebenso wie jedem anderen vor Augen. Wobei sie sich wohl weit weniger Gedanken darüber machte, als andere. Sie hatte ja Banshee und Nyota. Ihre Leitwölfe würden sicher irgendwann eine Lösung parat haben. Shani vertraute der Mutter und der Tante ihres Gefährten und Vater ihrer Welpen bedingungslos. Sie waren schließlich ihre Leitwölfe. Sie seufzte leise und war sich nicht sicher, ob es jetzt glücklich oder traurig klang. Etwas ziellos irrte ihr Blick über den Rudelplatz und blieb an Lunar hängen, der am See stand. Sie hatte schon lange nicht mehr mit ihm gesprochen. Was wohl in ihm vorging? War er glücklich? Beinahe wäre sie aufgestanden und zu ihm gegangen, doch ihr Bruder hatte sich bereits Caylee zugewandt, die irgendetwas gerufen hatte. Vielleicht ein andermal. Wo waren denn ihre eigenen Welpen? Sie konnte keinen von ihnen entdecken, suchte aber auch nicht direkt. Ließ ihren Blick nur treiben, gewohnt, dass ihre Kinder sich überall mögliches herumtrieben. Es war so schwer, loszulassen. Umso überraschter war sie, als sie Jakash entdeckte, der eindeutig auf sie zusteuerte. Jakash. Wie lange hatte sie mit ihm nicht mehr richtig geredet? Er war ihr einziger Sohn und dabei auch derjenige, den sie am wenigsten verstand. Von dem sie am wenigsten wusste, was in ihm vorging. Sie wusste nicht mal, ob er sie liebte, so wie ein Sohn seine Mutter liebt.
Er sah fast traurig aus, mit gesenktem Kopf und zurückgeklappten Ohren. Immerhin lächelte, wenn auch unsicher. Was dachte er, wie sie auf ihn regieren würde? Wusste er, wie sehr sie die Zeit vermisste, in der er und seine Geschwister immer an ihrer Seite geklebt waren? Wahrscheinlich nicht. Und doch schien er sich entschuldigen zu wollen, für was auch immer.

“Hallo mein Sohn.“

Sie lächelte ebenfalls. Langsam richtete sie sich auf und fuhr ihm mit der Schnauze durch das weiche Nackenfell. Ob er wusste, dass sie sich noch immer so oft Sorgen um ihn machte? Noch viel mehr, wenn er so traurig aussah. Und wenn er sich wie in letzter Zeit, vom Rudel fernhielt. Einer Mutter entging nichts.

“Geht es dir gut?“

Ihre Augen sprachen von ihrem Wissen. Es war nicht viel, aber sein Fernbleiben vom Rudel und auch von ihr, seine Miene und seine relative Stummheit sagten ihr doch, dass es ihm wohl nicht zu gut ging. Sie liebte ihn, so wie eine Mutter ihren Sohn liebt.


Und mehr und mehr und immer mehr! Mannomann, wie viele rosane Blumwölfe waren denn noch im Wald? Und warum reagierten sie nicht auf Caylee? Sie hatte sie doch gerufen. Gemein. Hoffentlich würden noch so viele kommen, dass Caylee es bis zu ihnen schaffen würde. Momentan kam sie nämlich nur langsam voran. Oder halt. Kam sie überhaupt voran? Sie riskierte einen Blick auf ihre Pfoten und stellte fest, dass die sich gar nicht bewegten. Hey! Wie gemein. Die wollten gar nicht mehr auf sie hören. Und als sie wieder aufsah … waren auch noch die rosanen Wölfe weg! Och nöööö! Wie fies. Wo sind die denn einfach hingerannt? Die müssten doch noch irgendwo sein. Suchend flatterte ihr Blick zum See, doch in ihr Sichtfeld schob sich etwas großes Schwarzes. Caylee betrachtete verblüfft, wie sich dieses Schwarze auf sie zuschob und schließlich bei ihr stehen blieb. War das ein Wolf? Ja, hey, sie hatte ja Lunar gar nicht erkannt! Doof war sie. Aber was hatte der denn da auf dem Kopf? War das … hui, das war eine Riesenmuschel! So eine wie Neruí bekommen hatte. Die wuchs einfach so auf Lunars Kopf! Caylee musste lachen und verpasste so beinahe, was der Schwarze zu ihr sagte.

“Nis schreie?“

Sie blinzelte ihn verwirrt an, kicherte aber noch immer über die Riesenmuschel auf seinem Kopf. Was er dann sagte, bekam sie gar nicht mehr mit. Verstand sie auch nicht und war ihr jetzt auch egal. Sie musste Lunar von der Riesenmuschel auf seinem Kopf erzählen.

“Hey. Du has da was.“

Wieder ein albernes Kichern.

”Du has ne Riesenmupfel aum Kopf.”

Sie blinzelte mehrmals und stierte jetzt angestrengt auf seine Augen.

“… und … dreiaugen!

Ihr Kopf kippte zur Seite, während sie weiter ein wenig debil in sein Gesicht starrte und dabei grinste. Wo wohl ihre Geschwister waren? Die mussten sich unbedingt Lunar ansehen! Der war schon ein wenig hässlich. So eine Riesenmuschel war ja eine Sache für sich, aber diese drei Augen standen ihm nicht. Was wollte er damit eigentlich? Und woher hatte er sie?


Tyraleen stand ein paar Baumlängen vom Rudelplatz entfernt am See. Hier grenzte der Wald direkt an das Wasser, sodass sie die Pfote ins Wasser tauchen könnte und trotzdem vom Blätterdach der Bäume vor dem Regen geschützt wurde. Sie mochte diese Stelle, weil sie gleichzeitig zwischen Baumstämmen und Schilf saß und zwei Lebensräume sich vermischten. Hier hüpften die Frösche im Riedgras herum und gleichzeitig kamen scheue Waldtiere um im Schutz der Bäume zu trinken. Hier fühlte sie sich aus irgendeinem Grund sicher, vielleicht, weil sie das Nichts aus diesem Winkel nicht sehen konnte. Das bewaldete Ufer und einige Geröllblöcke versperrten ihr die Sicht auf die Gefahr. Als könnten diese das Nichts aufhalten. Ihre Stimmung war eigenartig. Natürlich verspürte sie tiefe Angst und Sorge über diese bedrohliche Gefahr, gleichzeitig war ihr Kopf noch immer voller mütterlicher Hormone, die sie auch jetzt schon wieder zum Rudelplatz zurückriefen. Zu ihren Welpen, die jetzt seit einer Woche aus der Höhle waren. Seit dieser Woche hatte sie endlich auch wieder Zeit für sich und hatte zum Beispiel dieses schöne Plätzchen entdeckt, gleichzeitig sprudelte ihr Herz über vor Sorge um ihre Kleinen. Wie wohl bei jeder Mutter. Schade nur, dass nie die Sonne schien. Tatsächlich hatten ihre Welpen noch nie die Sonne gesehen. Und Tyraleen selbst hätte auch zu gerne die Frühlingssonne kennengelernt, die doch selbst in den Bergen ganz anders als die Herbst- oder die Wintersonne war. Ob sie noch ein ganzes Jahr darauf warten musste? Ein schweres Gefühl in ihrem Bauch sagte ihr, dass diese Wolken keine ganz normalen, vergänglichen Regenbringer waren. Dafür hingen sie schon viel zu lange am Himmel.
Mit einem schwachen Lächeln wandte sie sich um und trat zögernde Schritte in den Wald hinein. Sollte sie schon zurück zum Rudelplatz? Es gab dort so viele Augen, die auf ihre Kleinen achteten … noch eine köstliche Sekunde lang wollte sie sich der Präsenz des Rudels entziehen. Wie als wolle man ihr ein Zeichen senden, entdeckte sie kaum fünf Wolfslängen von sich entfernt einen weißen Pelz zwischen den Bäumen hervorleuchten. Neugierig, wer dort war, schlüpfte sie zwischen zwei Eichen hindurch und erkannte dann Lucina. Die Fähe war erst vor einer Woche zu ihnen gestoßen und war ihr selbst noch kaum bekannt. Ohne lange nachzudenken, steuerte sie weiter auf die Weiße zu und rief dabei:

“Lucina!“

Schon hatte sie sie erreicht und blieb lächelnd schräg vor ihr stehen. Bis auf den Namen wusste sie nichts von ihr und so viel sie mitbekommen hatte, wusste auch die Weiße nicht viel von diesem Rudel. Und hatte wohl auch noch keine Freundschaften geschlossen. Tyraleen wusste zwar nicht, wie es war, alleine in einem fremden Rudel zu sein, zwar aufgenommen aber praktisch unbekannt – aber sie wusste, wie es war, alleine zu sein und der Natur ihrer Seele und ihrer Priesterinnenausbildung entsprechend wünschte sie jedem, dieses Gefühl nicht haben zu müssen. Und versuchte es jemandem zu nehmen, wenn ihr das möglich war.

“Suchst du auch Schutz vor dem Regen? Es ist elend. Immer nur Wolken und Regen und das im Frühling. Ich hatte mich so auf Sonne gefreut.“

Sie hatte keine Ahnung, ob Lucina nun Regen mochte oder eher nicht und ob sie in dieser einen Woche schon bemerkt hatte, dass die Sonne sich vom Tal der Sternenwinde verabschiedet hatte. Wenn nicht, würde sie das wohl noch feststellen, früher oder später.


Ihr Lächeln tat ihm gut, und er richtete sich gleich noch etwas auf, schien daran regelrecht zu wachsen. Sie war ihm nicht böse. Jakash hätte es nicht ertragen, wenn sie sauer auf ihn gewesen wäre, aus welchem Grund auch immer. Sie sollte stolz auf ihn sein können, mehr hatte er nie gewollt, und mehr wollte er auch jetzt nicht.
Shani erhob sich und unterstrich ihren Gruß mit einer innigen Berührung. Jakash schmiegte sich an seine Mutter und genoß die Liebkosung sichtlich. Er hatte vergessen, wie sich das anfühlte, hatte die Liebe seiner Mutter sträflich vernachlässigt. Der schwarze Jungwolf wich ein wenig zurück und leckte seiner Mutter liebevoll über Schnauze und Gesicht, so wie Welpen es zu tun pflegten. Von Rakshee wurde er zwar mit Zuneigung überschüttet, doch waren ihre Liebkosungen anders, immer ein wenig neckisch und spielerisch, und ihr gab er auch alles wieder zurück. Seine Mutter hatte dagegen lange nichts mehr von ihm bekommen, dabei war seine Liebe zu ihr nie geschwunden. Nur in den Hintergrund geraten, eine Selbstverstädnlichkeit. Jakash begriff plötzlich, dass nichts davon selbstverständlich war. Eigentlich hätte er in dem Augenblick darauf kommen müssen, in dem er seinen Vater gesehen hatte.
Jakash lächelte und sah Shani an. Auf ihre Frage hin senkte er den Blick, doch das Lächeln blieb. Wieviel wusste sie? Eigentlich konnte sie gar nichts wissen, doch er hatte in ihrem Blick gesehen, dass sie etwas ahnte. Sie wusste nur nicht, was. Leider wusste Jakash es nicht mal selbst genau.

"Ich.. bin nicht sicher...",

antwortete er wahrheitsgemäß. Er dachte an Rakshee, an die verzerrte Sicht und die fremden Emfpindungen, die er im Nachhinein nicht begreifen konnte. Sie waren echt gewesen, intensiv - und in dem Moment absolut richtig.
Das Lächeln verblasste. Flüchtig sah er zu seiner Mutter auf, dann trat er noch einen Schritt auf sie zu, duckte sich dabei und legte sich schließlich so direkt vor sie, dass er dicht an sie gepresst und halb zusammen gerollt dalag. Es war ein gutes Gefühl, ein Behütendes, warmes Gefühl. Den Kopf auf die Pfoten gebettet, den Blick geradeaus, und doch nichts sehend.

"Ich glaube, mit mir stimmt etwas nicht...",

flüsterte er rauh und drückte sich enger an die Weiße...


Gähnend erhob sich der Schwarze und starrte über den Rudelplatz. Es war abends und leichter Regen durchnässte die Erde. Ein schönes Wetter, allerdings war es den Erwachsenen nicht ganz angenehm. Sie machten sich Sorgen, um Wetter und das Nichts. Zwar wusste Krolock noch nicht ganz was es mit dem Nichts auf sich hatte, allerdings war er auch noch nie nage genug heran gekommen um es zu erforschen. Die Alten machten einen tierischen Aufstand, wenn man sich dem Verbotenen nährte. Aufgeben kam allerdings nicht in Frage! Das wäre ja gelacht, wenn er sich unterkriegen lassen würde. Dennoch musste er geschickt sein, nicht auffallen. Sein schwarzer Pelz war ideal dafür.
Leise schlich er an größeren Ansammlungen vorbei und in Richtung Ostufer. Dort war das Nichts. Und diesmal würde es nichts geben, was ihn aufhalten könnte. Er würde es endlich von nahen sehen, richtig dicht. Er würde es verjagen. Damit waren alle sicher. So würde es auch Nightmare machen, so machen es die mutigen Wölfe. Ohne Angst und Furcht.
Allerdings kam er nicht weit, denn ein Mark erschütterndes Quietschen ließ den Welpen gut einen Meter in die Luft springen. Erschrocken und mit gesträubten Nackenfell sah er sich um und erkannte Caylee, die lachend und kichernd am Boden lag. Ein wirres- nein, ein irres Bild bot sich. Was war passiert? Was war mit ihr geschehen? Es war jedenfalls nicht normal; selbst für die Verhältnisse der Weißen nicht. Sie war schon verrückt, aber nicht so seltsam wirr. Murrend musste Krolock seinen Weg abbrechen, um sie wieder einmal aus der Gefahr zu ziehen, auch wenn er noch nicht ganz wusste, wie er es anstellen sollte. Erst als er näher trat, erkannte er einen schwarzen Rüden bei der weißen Freuden stehen. War er es, der sie so veränderte? Was machte er da mit ihr? Das war ein böser Zauber, er war ein schlechter Magier. Er wusste, dass es gute Zauberer gab, sowie Kylia, aber Lunar musste irgendetwas Schreckliches mit Caylee gemacht haben.
Schnell rannte er das letzte Stück zu den beiden Wölfen. Heftig und wütend knurrend stellte er sich vor Caylee und starrte Lunar böse an. Das Nackenfell war noch weiter gesträubt und die kleinen Läufe zum Sprung bereit.

“Was machst Du da mir ihr?!“, zischte er den Schwarzen an. Die kleine Stirn mit krausen Wellen überzogen. Die Augen funkelten den ihm sehr ähnelnden Wolf an.

Leicht neigte sich Krolock zur Weißen, die helle Schulter dem Feind entgegen gestreckt. Er musterte die kichernde Caylee noch einige Momente, bevor er beschloss, sie anzusprechen. Er war sich nämlich nicht ganz sicher, ob es nicht ansteckend war.

“Hey, Caylee! Was ist passiert? Was hat er mit Dir gemacht?“- Du bist so doof, warum lässt Du auch Alles mit Dir machen? Kannst Du nicht alleine auf Dich aufpassen?, fügte er im Stillen hinzu und konnte einfach das Augenmerk nicht von dem seltsamen Bild abwenden.


Knurrend schritt er seines Weges. Wenn man es genau nahm, war es nicht sein Weg- es war nicht einmal ein richtiger Weg. Ziellos irrte er umher. Seine Laune hatte sich dem regnerischen Wetter angepasst. Eine Weile hielt Akru sich dem Rudel schon fern , lief an den Reviergrenzen entlang und war einfach nur versucht sie zu überschreiten um endgültig diese Ländereien zu verlassen. Es war nur ein kleiner Schritt, nur ein winziger Augenblick und er war weg. Verschwunden und niemand würde nach ihm suchen, außer Isis- Gani vielleicht auch. Aber der Reiz, der ihn immer noch hier festhielt hatte an Glanz gewonnen. Mehr und mehr konnte er sich in der Einsamkeit in seinen perfiden Plan stürzen. Jedes Detail war geplant, jedes Wort, jeder Schritt. Es war zu einfach. Und obwohl es eine Leichtigkeit war, quälte es ihn mehr und mehr.
Unbemerkt war er dem Rudel wieder gefährlich nahe gekommen- nur sein kurzes Aufsehen hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Allerdings war es nicht das, was ihn so urplötzlich stehen ließ. Dort lag das, was er am meisten begehrte. Eine weiße Schönheit ohne Makel. Nur ein trauriges und müdes Gesicht machte die wundervolle Illusion zu Nichte. Zwar wusste der Graue, dass Banshee nicht über die verlorene Vergangenheit nachdachte, trotzdem zerbrach sein Herz fast daran. Sie so zu sehen war immer noch schwer, obwohl er sich von ihr distanziert hatte.
Langsam trat er an sie heran. Blieb doch vorerst im Verborgenen. Sollte er einfach zu ihr gehen? Sie neben sie setzen und die Stille genießen? Konnte er das überhaupt? Oder würde sie sofort verschwinden, wenn er kam? Verübeln würde er es ihr nicht. Vielleicht fand er sogar Verständnis dafür. Aber um nichts in der Welt wollte er jetzt einfach an ihr vorbei gehen. Er wollte nur noch einmal in ihrer Nähe sein, allein. Einmal ihren süßlichen Duft einatmen. Er wollte leiden, wollte diesen Schmerz ertragen, wenn es das Einzige war, dass sie noch verband. Seine Augen fixierten den weißen Körper. Er kannte Alles an ihr. Jedes weiße Fellhaar, dass sich glatt und mit wenig Widerstand an ihren Körper lehnte, die kräftigen Läufe, das zierliche Gesicht. Die Bernsteinfarbenen Augen. Alles an ihr war so verdammt vertraut.
Er schritt auf sie zu. Er wusste, dass er sich nicht ankündigen brauchte, sie hatte ihn schon längst bemerkt. Spätestens nach seinem leisen Stöhnen. Akru hatte sich verboten wieder Kontakt zu ihr zu suchen, er wollte ihr kein Leid zufügen. Doch nun mehr verlangte er einfach nur Nähe. Ihre Nähe.
Still setzte er sich in einem respektablen Abstand zu ihr auf die Hinterläufe und starrte zum Himmel. Ein Schauer fuhr ihm über den grauen Rücken. Es war das, was er so sehr liebte. Es war ihre Nähe. Selbst wenn er jetzt gegen jegliche seiner eigenen Regeln verstieß.
Jetzt senkte er leicht den Blick und beobachtete ihren Gang. Wie sie von eine in die andere Richtung lief. Es machte keinen Sinn, das brauchte es aber auch nicht. Sie hatte ihr ganz eigenes System. Und es sah fast so aus, als sei ihr Weg beabsichtigt. Jeder ihrer Bewegungen schien einstudiert und glich einem Tanz. Jenem Tanz, den er schon einmal erleben durfte. Nur damals waren sie allein- völlig allein- gewesen und er durfte mit ihr tanzen. Doch dieser Tanz hatte ein schlechtes Ende gehabt. Und jetzt durfte er nicht mehr mitgehen, durfte ihr nicht mehr so nahe kommen. Abrupt erhob er sich. Nun stand Schreck in seinem Gesicht. War er zu weit gegangen? War seine Nähe jetzt schon eine Gefahr? Würde es wieder zu einem schlimmen Ende kommen?
Verzweifelt biss er sich auf die Lefzen. Zum einen um seinem Gefühl Ausdruck zu verleihen, zum anderen um nicht auf zu schreien. Und ihm war wirklich zum schreien zu mute. Er wollte all seiner Gedanken Luft machen. Doch nicht mehr als ein gequältes Murmeln kam aus seiner Schnauze. Warum war es denn nicht so einfach? Warum durften all die Anderen ihr Glück finden und er sah seines gedankenverloren durch die Gegend streifen? Warum konnte es so eine Ungerechtigkeit geben? Was scherte ihn denn das Schicksal, was die Götter? Er würde Alles für sie geben und bekam noch weniger. Er hatte dieses Spiel verloren, bevor es erst richtig angefangen hatte. Er hatte nicht einmal kämpfen dürfen, obwohl er es so gern wollte. Er konnte sich nicht behaupten und war deswegen verhöhnt. Banshees Kinder hassten ihn, das Rudel missachtete ihn und seine eigene Tochter hatte ihren Vater erst wiedergefunden. Wo lag jetzt noch die Gerechtigkeit? Wo konnte er denn behaupten, er durfte es wenigstens versuchen? Es war ein ungeschriebenes Gesetz, es war fast so, als sei es schon festgelegt, dass er sie nicht lieben durfte.
Unentschlossen stand er in der Schwebe. Wusste nicht, ob er gehen sollte. Wusste nicht, ob er warten sollte.


Malicias Kopf lag auf ihren Vorderläufen, ihre Ohren hingen müde. Gelangweilt blinzelte die Schwarze mit den Augen, ließ ihren Blick über den Boden schweifen und schloss sie dann. Vor sich sah sie ihre Mutter, als sie von ihrer langen Reise zurück kam. Sie würde jetzt gerne mit ihrer Mutter sprechen - über all das, was sie erlebt hatte und nun verarbeiten musste. Vielleicht sehnte sie sich auch nach einem Gespräch mit Yerik oder mit einem ihrer Geschwister - sie wusste es nicht genau. Aber eines war ihr klar, wenn sie noch weiter Trübsal blies, würde sie ausflippen. Unsicher rappelte die schwarze Alphatochter sich auf und schüttelte Staub und Dreck aus ihrem Fell. Ihre Augen glänzten, obwohl sie weder froh war noch die Sonne schien. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht - das Wetter passte perfekt zu ihren Gedanken. Doch dann seufzte die Fähe leise, ihr Problem war immer noch nicht abgetan. Sie hatte niemandem zum Reden ...
Hin und Her gerissen trottete sie zum See und ließ sich nieder. Das kalte Wasser umspülte ihre Pfoten, doch es störte Malicia nicht im Geringsten. Auch das passte zu ihrer Stimmung. Kalt, leer und grau. Die Wellen brachen sich an ihrer Flanke, noch immer hingen ihre Ohren müde herab. Die Schwarze sah zum Himmel - so trüb, langweilig und regnerisch war ihre Stimmung auch. Irgendwo hörte sie ein leises Gespräch. Eine Krähe flog an ihrem Kopf vorbei.

.( Krähe? Wer war nochmal Krähe? Ach ja, diese Jumanji oder so ... na ja ... wie unwichtig ... ).

Malicia reckte ihren Kopf gen Himmel und schloss die Augen. Die dunklen Wolken sammelten sich über ihrem Kopf und schlossen sie komplett in eine Wolke. Jeder, der sie so sah, würde wissen, dass Malicia traurig war. So traurig wie nie - nicht einmal, als sie das Rudel verlassen musste um ihren Weg zu gehen.
Jetzt war alles viel, viel leerer, kälter und trüber als je zuvor. Ihre Rute zuckte leicht, weil sie fror. Und das, obwohl die Temperaturen im angenehmen Bereich waren, und nur der Himmel so regnerisch und kalt schien. Doch Malicia ließ sich von der Realität nicht beeinflussen.


Alleinsein…wie sehr hasste es Kalassin doch. Wochenlang war sie nun schon unterwegs. Nässe machte ihr Dickes Fell schwer und die Wärme ließ sie hecheln vor Durst. Sie hatte Hunger. Mächtigen Hunger, doch sie unterdrückte ihn. Was machte das alles schon?, seit so langer Zeit war sie keinem mehr begegnet. Sie hatte es sich so sehr gewünscht. Doch seitdem sie hier in dieses Gebiet kam, war es fast ein bisschen zu still. Vögel hatte sie schon lange nicht mehr zwitschern gehört. Füchse waren auch selten geworden und Krähen, hach ihre heiß geliebten Krähen…nur einmal seit drei Tagen kreisten sie über ihrem Kopfe.
So lief Kalassin weiter, immer weiter, so weit sie ihre Wunden Pfoten noch tragen konnten. Ihre Vergangenheit vernebelte ihr ihren Blick, verscheuchte jegliche Gerüche um sie herum und schien nur noch verbrannt und angesengt zu riechen. Ihre Augen flackerten bei dem Gedanken an damals. Ihre Ohren hörten rufe, rufe die es nicht mehr geben konnte. Und dann… als wäre sie gegen einen Baum gelaufen blieb sie stehen. Waren das…Nein…nein das…Doch! Sie roch die Reviermarkierung eines Rudels. Das Musste ein Tagtraum sein! Sie schniefte einmal, doch der Geruch wich nicht. War sie gerettet? War hier ein Rudel das sie aufnehmen würde? Sie setzte sich einen Moment hin. Ihren kopf schräg gelegt, sah sie in das Gebiet hinein. Schön war es hier, auch wenn unterschwellig irgendetwas lauerte. Doch wann lauerte mal nicht etwas? Sollte sie es wagen? Was hatte sie schon großartig zu verlieren?
Sie nickte einmal als würde sie sich selber zustimmen und legte den Kopf in den Nacken. Ihr heulen überflog das Land. „Melodisch wie der Gesang der Nachtigal“ wie alle früher es sagten. Sie bat um Einlass um sich vorzustellen, so verharrte sie nun und wartete auf Antwort.


Aszrem saß am Seeufer, jedoch mit dem Rücken zum Wasser und auf den Rudelplatz blickend. Eine ganze Weile hatte er versucht, das Nichts zu beobachten, doch dieses Unterfangen war aufgrund von schmerzenden Augen gescheitert. Sein Gehirn schien gegen die Informationen, die seine Augen lieferten, zu protestieren und zu streiken und hatte die Sturheit des Schwarzbraunen schließlich mit Augen- und Kopfschmerzen bestraft. Und so hatte der dunkle Rüde sich abgewandt und für ein Weilchen einfach die Augen geschlossen, um dem Schmerz entgegen zu wirken. Dieser war inzwischen auf ein kaum merkliches Maß abgeklungen, wofür Aszrem dankbar war. Kopfschmerzen gehörte zu den Dingen, die er gar nicht mochte, da sie seine Konzentration störten und ihm die Lust und Freude am Beobachten nahmen.
Beobachten. Sein liebstes Beobachtungsobjekt zur Zeit hieß Nerúi. An der brodelnden Energie und Entdeckerfreude seiner Tochter konnte er sich einfach nicht satt sehen. Wundervoll mit an zu sehen, wie sie mit ihren selbsternannten Geschwistern herum tobte, die Welt entdeckte und sich den kleinen großen Herausforderungen ihres Welpendaseins stellte. Oder besser gesagt: entgegenwarf.
Aszrems Gedankengänge wurde durch eine Bewegung unterbrochen, die er am Rande seines Sichtfeldes wahrnahm. Langsam wandte er den Kopf in die entsprechende Richtung und beobachtete die schwarze Fähe, die sich nicht allzu weit von ihm entfernt am Ufer niederließ. Eine ganze Weile verharrte er so und sah sie nur an, beobachtete, musterte. Schließlich stand er auf und näherte sich ihr ein paar Schritte, setzte sich dann in einer Entfernung wieder nieder, die er als nicht zu aufdringlich erachtete.

"Schwer zu sagen, wer von euch beiden deprimierter aussieht: du oder Banshee",

sagte er völlig ernst und ließ seinen Blick weiterhin auf ihr ruhen. In seinen Worten lag die versteckte Botschaft, dass er ihren Zustand erkannt hatte und sie mit ihm reden konnte, wenn sie wollte. Oder eben auch nicht. Aszrem versuchte nie jemanden zu einem Gespräch zu zwingen, egal, wie sehr ihn die Thematik interessierte...


Aradis lag da. Sie hatte herumgedöst, hatte keine Beschäftigung gefunden. Daliegen. Das war in letzter Zeit eine häufige Beschäftigung gewesen. Ihre weißen Ohren schnippten ein wenig hin und her, sie versuchte, ein paar Gesprächen zuzuhören, doch sie konnte einfach nicht die erforderliche Konzentration dafür aufbringen. Sie seufzte. Dann hob sie ihren Kopf. Ihre grünen Augen schienen etwas braun zu werden. Es lag am Wetter. Lange hatte die Sonne nicht mehr geschienen. Aradis vermisste sie, das Warme, freundliche. Zum Frühling gehörte doch einfach der glühende, orangerote Feuerball. Doch er ließ sich beharrlich nicht blicken. Es war einfach zum Verrücktwerden. Die Weiße sprang geschickt auf die Beine und schüttelte leicht ihr schneeweißes Fell. Wenigstens schneite es nicht. Die Weiße mochte Schnee. Aber nicht mitten im Frühling, es war einfach nicht natürlich, dass die Sonne nie schien. Aradis Gedanken wanderten, mal wieder, zum Nichts. Es machte allen Angst, und niemand wusste, was es jetzt eigentlich machte. Oder doch. Es verschluckte einfach alles. Doch man wusste nicht, ob man etwas dagegen tun konnte. Die weiße Wölfin machte ein paar Schritte. Ihre weißen Pfoten hinterließen leichte Abdrücke im sandigen Boden. Die weißen spitzen Ohren schnippten nach vorne. Langsam ging sie weiter. Dabei ließ sie ihre Augen über das verstreute Rudel wandern. Immer wieder wurden es mehr. Und mehr. Und mehr. So was war doch nicht normal! Zumindest kannte die weiße Polarwölfin solch große Rudel nicht. Ein leiser Seufzer entwich ihrer Kehle. Dann nahm sie eine Fährte auf. Etwas Bekanntes lag in ihr, doch auch etwas völlig Unerkennliches. Verwirrt schaute Aradis sich um- doch sie erkannte nur vertraute Gesichter. Banshee, Aszrem, Akru. Alle bekannt. Ihr Blick wanderte etwas weiter. - Wer war diese schwarze Fähe dort? Aradis ging weiter, sie war, während sie sich so ihre Gedanken gemacht hatte, die ganze Zeit weitergegangen. Sie legte den Kopf ein wenig schief. Warum, warum bloß kam ihr die Fähe so bekannt vor?

oO(Die einzige solch schwarze Fähe, die mir bekannt ist, war Kisha. Doch diese ging doch weg. Ich verstehe das nicht. Es ist schon länger her. Ist sie zurückgekehrt? Warum kehren immer wieder Wölfe zurück und sind dann so verändert? Was müssen sie erleben, dass sie sich so verändern? Schreckliche Sachen? Schöne Dinge? Ich wüsste es zu gerne. Und das. Das. Das... ist Kisha! Diese braunen Augen. Ich erkenne sie wieder. Ganz sicher.
Und was, wenn sie es nicht ist...?)


fragte eine weitere Stimme in ihrem Kopf. Doch sie wischte sie fort. Das war Kisha. Die Weiße ging nun etwas schneller auf die schwarze Fähe zu. Sie war etwas größer geworden, und sah auch etwas... verändert aus. Und doch. Ihre alten Züge waren nicht vollkommen verwischt worden. Die junge Fähe seufzte. Vielleicht erkannte sie Kisha auch nur, da sie mit ihr ein halbes Jahr herumgezogen war. Andere würden sie wohlmöglich nicht wiedererkennen. Aradis war nun nur noch wenige Meter von der Fähe entfernt. Hoffentlich erkannte Kisha sie auch...

"Bist du es? Kisha...?"

Ein kleiens Lächeln stahl sich auf die geschwungenen Lefzen der weißen Fähe. Ihre grünen Augen sahen in die braunen. Hatte sie sich stark verändert? Erkannte sie die Weiße vor sich überhaupt?



Eine Woche war nun vergangen, in der sie viel geschlafen hatte. Wie anstrengend die große weite Welt doch war! Natürlich war sie, wie ihre vielen Geschwister auch, über den Rudelplatz gestromert, hatte sich mit einigen Wölfen unterhalten, mit ihren Geschwistern getobt und Neues kennen gelernt. Viel öfter als all dies jedoch, hatte sie bei ihrer Mutter gesessen und ihr versucht zu erklären wie wunderschön die Welt doch war. Wobei diese, merkwürdigerweise, viel geseufzt hatte. Auf ihre Frage, ob sie das Beschreiben nicht mochte, hatte ihre Mutter zuerst ausweichend geantwortet. Eigentlich wusste Liel schließlich, dass Mama Kaede sich sehr darüber freute, wenn ihr jemand die Schönheiten des Lebens beschrieb. Es hatte einige Zeit gedauert, bis Liel den Grund der Seufzer herausgefunden hatte. Kaede störte der Regen, der graue Schleier den Liel immer wieder beschrieb. Ihr selber war es gar nicht so aufgefallen, kannte sie es doch schließlich nicht anders. Es waren doch trotzdem überall Farben. Woher sollte die Kleine auch wissen können, dass es sonst noch viel bunter und prächtiger war. Und, wie sollte sie Chanukas Satz richtig verstehen können? „Du bist wie die Sonne. Die muss einen auch nur anstrahlen, damit man sich glücklich fühlt“. Woher wusste er das eigentlich? Hatte sie die Sonne verpasst? Wie auch immer, so war gespannt darauf, wie es wäre, wenn der Regen aufhören würde. Es gab ihr einen kleinen Dämpfer Mama nicht ganz so glücklich zu sehen, doch da sie es nicht anders kannte, war diese kleine Sorge über die weniger bunte und prächtige Welt schnell vergessen.
Schließlich war auch nach einer Woche alles noch sooo aufregend!
Gerade tapste sie alleine über den Rudelplatz. Mama Kaede hatte gemeint, sie solle doch mal ihren Paten aufsuchen, bei der Zeremonie war er kurz da gewesen, danach hatte sie ihn nicht mehr erblicken können. Und Mama wollte sich wohl ausruhen, sie sah geschafft aus. Sie hatte eine Ruhepause verdient.
Krolock konnte sie gerade auch nicht ausmachen, ihn hatte sie innerhalb der Woche wenig gesehen, sie hatte ihn vermisst. Warum auch immer er so viel unterwegs gewesen war, er langweilte sich wohl, wenn er nichts Aufregendes unternahm. Und Ciradán. Er dachte ständig nach, Liel wollte dass ihre beiden Brüder sich miteinander verstanden, sie würde so gerne mit beiden zusammen etwas unternehmen, aber irgendwie ahnte sie, dass dieser Wunsch kaum in Erfüllung gehen würde.
In Gedanken, die in einem Welpenkopf eigentlich nicht so viel zu suchen hatten, versunken, tappte sie weiter und wäre dabei fast gegen etwas kräftig und haariges gelaufen. Irritiert über das, was sie da aus ihren Gedanken gerissen hat, hob sie ihren Kopf. Huu, sie musste ihn richtig in den Nacken legen damit sie das vollständig sehen konnte, was vor ihr war. Und nach einigem Blinzeln erkannte sie auch wer dieses Etwas war, welches sich da so, Felsen ähnlich, vor ihr aufgetürmt hatte.
Ihr Pate, Ilias.
Sie zauberte ihr süßestes Welpenlächeln auf die Lefzen und schüttelte kurz ihren kleinen Kopf, sodass die Ohren schlackerten. Na so was, da brauchte sie ihn ja schon gar nicht mehr suchen! Sie musste sich unbedingt seinen Geruch einprägen, es konnte ja nicht angehen, dass sie ihren Paten nicht erkennen konnte. Spielerisch hob sie ihre Pfote und tappte nach dem starken Bein des Rüden. Hui, das bewegte sich ja keinen Zentimeter. Verwundert und überwältigt von der Kraft dieses großen Rüden trat sie zwei Schritte zurück. Sie hatte gar nicht gewusst wie stark, stark, stark die Erwachsenen waren. Da war Krolock ja gar nichts gegen. Das würde sie ihm unbedingt erzählen müssen. Das würde ihm gar nicht gefallen!
HiHi, auch ihr Lieblingsbruder durfte mal ein wenig geärgert werden. Selbstverständlich nur von ihr!
Ihr fiel auf, dass sie zwar immer noch bezaubernd lächelte, aber ganz vergessen hatte etwas zu sagen.

„Hallo Ilias!“

Wieder blinzelte sie, es war ja soo anstrengend den Kopf so in den Nacken zu legen um etwas zu sehen. Vielleicht würde Ilias sich ja ein wenig kleiner machen, wenn er sie denn bemerken würde. Konnten große Wölfe die Kleinen übersehen? Wahrscheinlich nicht, schließlich hatten die dort oben ja den Überblick.
Sie schleckte sich über die Schnauze, gleichzeitig ließ sie ihre Nackenmuskulatur locker und ließ den Kopf für einen Moment in seine normale Position fallen. Hu, das zog und kribbelte. Nichts desto trotz legte sie ihn gleich wieder zurück und lachte Ilias nun weiter an. Warum auch immer sich sofort zurück gezogen hatte, nun war er ja da und sie war bei ihn, bereit ihn kennen zu lernen.

„Falls du es vergessen hast, ich bin Liel, dein Pa..dingsda Welpe! Du warst so schnell weg, da konnte ich gar nicht hinterher kommen. Immer wenn ich schnell laufen will, stolpere ich nämlich… Aber bald, da wette ich mit Kro drum, kann ich genauso schnell laufen wie er, ohne hinzufallen!“

Kindlicher Übermut glitzerte in ihren Augen, welcher diese noch intensiver wirken ließ. Selten hatte man diese Übermütigkeit in ihnen gesehen, war sie meistens zu sehr in ernsteren Gesprächen vertieft.

Atalya
24.12.2009, 20:07

Der Wind ließ die Bäume hinter ihm rascheln, und ganz besonders den Großen unter dem der kleine Welpe saß. Für ihn war dieser Baum einfach riesig, unerreichbar hoch, er ragte bis in den Himmel hinauf, wenn er hochsah. Und er wusste nicht ob es schon das Ende war, das er sah, oder ob die langen Zweige nicht schon im grauen Himmel verschwanden. Und wo der Himmel endete, das wusste er auch nicht. Und niemand konnte es ihm sagen… niemand. Na gut, er hatte noch nicht viele gefragt, doch seine Neugierde wurde nicht gestillt durch Auskünfte wie „Weiß nicht…“ oder „Das weiß niemand!“ oder „Der Himmel hört nie auf!“. Alles muss einmal aufhören, nichts bleibt für ewig. Oder vielleicht doch? Der junge Welpe ließ seinen Kopf sinken, und betrachtete gähnend das nasse Gras unter ihm. Er musste es einfach wissen, es ließ ihm keine Ruhe.

Es regnete wieder und nur wenn man genau hinsah konnte man eine Scheibe erkennen, die leuchtete, hinter dem Himmel und den Wolken. Alle sagten es sei die Sonne, doch warum sie sich versteckte, dass wusste Turién nicht. Sie brauchte sich nicht vor ihm und all seinen Geschwistern schämen. Er wollte doch auch mal mit der Sonne spielen und nicht nur immer mit dem Regen und dem Wind. Fast schon Sehnsüchtig warf er einen Blick gen Himmel, musterte die schwache Silhouette der Sonne und erhob sich dann. Seine Stirn wurde ganz kraus, als ob all seine Fragen anfingen in seinem Kopf überzuquellen. Er musste jemanden fragen doch wen denn? Er hatte schon so vielen Löcher in den Bauch gefragt, dass er nicht mehr wusste, wen er was gefragt hatte, und was er überhaupt für antworten erhalten hatte. Die große Welt war doch soooo groß. Da konnte man sich einfach nicht alles merken, das ging doch gar nicht. Seine kleine Rute fing an hin und her zu wedeln, und er drehte sich einmal im Kreis um sich selbst, wuffte dann auf, als er sich auf den Weg machte. Erst stolzierte er ziellos über den Rudelplatz, lief mal hier und dann mal dorthin, bleib stehen und schnüffelte an ihm unbekannten Dingen – doch da war nicht viel Neues mehr übrig, eine ganze Woche war viel Zeit für sie gewesen um den Platz zu erkunden. Jede freie Minute hatte er dazu genutzt, und wenn er nicht auf Erkundungstour gewesen ist, dann hatte er Fragen gestellt oder mit seinen Geschwistern getollt. Ein seichtes Lächeln schlich sich auf seine Lefzen. Es sollte immer so bleiben, für immer und ewig. Auch wenn die Sonne ihn anscheinend nicht sehen mochte. Wenn sie raus kam, dann würde er sie empfangen, auch wenn sie sich noch etwas Zeit lassen wollte. Sein zielloser Blick blieb schließlich bei Nerúi hängen. Er drehte seinen Kop etwas schief und tapste dann auf seine Schwester zu, versuchte sich dabei schräg von hinten an sie ran zu schleichen. Als er merkte, dass er in ihr Blickfeld kam sprang er auf sie zu und kniff sie in ihr Ohr. Anschließend sprang er zurück, blieb aber ganz nah bei ihr. Sein Gesicht war kaum ein paar Zentimetern von ihrem entfernt, und er starrte ihr direkt in die Augen.

„Weißt du wo der Himmel aufhört? Und ob die Bäume in den Himmel wachsen? Und warum die Sonne Angst vor uns hat?“


Cyriell war ein munterer Geselle von Natur aus, doch mittlerweile gelang es dem immer regnerischen Wetter, seine Grundstimmung um einiges zu senken. Dazu kam das Problem mit Ruiza, dass er nach wie vor vor sich herschob und verdrängte, sobald es ihm in den Sinn kam. Leider kehrten seine Gedanken immer öfter an die weiße Fähe zurück, nämlich immer dann, wenn er auch nur eine andere weiße Wölfin sah. Dann war da Aryan, dem irgendetwas auf der Seele lag, ohne dass der Graue wusste, was es war. Doch als Bruder spürte er, dass etwas nicht richtig war, und so war er hin und her gerissen zwischen dem Impuls, dem Schwarzen zu helfen, und der Furcht, sich dann mit noch einem Problem belasten zu müssen. Cyriell wünschte sich eine Welt ohne Probleme. Wie wunderbar einfach dann alles wäre...
Kein Wunder also, dass Cyriell für zumindest eine kurze Weile das Weite gesucht hatte, und nun durch den Wald streunte. Als Ablenkung diente ihm die Mäusejagd. Der Graue war ein geschickter Hasenjäger, und so blieb ihm verborgen, warum ausgerechnet Mäuse ihm mehr Schwierigkeiten machten. Sie waren kleiner, ja, aber nicht schneller als Hasen, obgleich sie flink waren. Doch irgendwie gelang es den kleinen Nagern stets, ihn zu verwirren, bis sie entwischten. Umso besser war jedoch der Ablenkungseffekt, der alle Sorgen und sonstige Gedanken aus seinem Kopf fegte. Das sollte er vielleicht öfter mal machen, beschloss er so im Stillen, und lauschte auf das leise Rascheln kleiner Mäusepfoten und ihrem rasenden Herzschlag. Wenn er ganz leise war, konnte er das eilige Pochen hören, ebenso wie das leise Trippeln. Da der Boden ganz durchnässt war und das alte Laub aneinander klebte, waren die huschen Bewegungen der Nager nur gedämpft zu hören. Eiine Herausforderung, der sich Cyriell mit äußerster Konzentration stellte...


Tascani Amour, ein großer Rüde, dessen Körper vor Kraft und Lebensenergie nur so strotzte, tänzelte auf seinen vier Pfoten einer Reviergrenze entgegen. Er fühlte sich leicht wie eine Feder und bewegte sich dieser ähnlich in wiegenden, geschmeidigen Schritten. Während er den Geruch des fremden Rudels verinnerlichte, kräuselte ein Lächeln seine Lefzen. Tascani genoss die Mischung aus wohligen Düften fremder Fähen und lieblichen Blumendüften, die rings um ihn zu finden waren. Wären doch nur so viele Fähen um ihn, wie Blumen es waren … Die Erwartung, bald auf genügend weibliche Wesen zu treffen, ließ ihn etwas schneller laufen. Seinen federnden Gang behielt er aber bei. Tascani Amour bemerkte weder den leichten Nieselregen, noch die Gespanntheit, die in der Luft um ihn lag. Ach, wie fröhlich es ihn stimmte, auf Artgenossen zu treffen! Wie es ihn die Erlösung erfüllte, die Hoffnung, nicht mehr alleine zu sein. Er war lange umher gewandert … nunja, zumindest für seine Verhältnisse. Tascani Amour sog noch einmal die Schönheit der Natur ein, spürte diese Leichtigkeit und kündigte mit einem kurzen, fröhlichen, beinahe welpenhaften Aufheulen seine Ankunft an. Er lief immer weiter – der Gedanke, stehen zu bleiben und abzuwarten kam ihm nicht in den Sinn, so sehr freute er sich auf die Gemeinschaft – er würde bestimmt freundlich begrüßt werden! Es konnte nicht mehr weit sein, bis er die ersten Fähen erblicken würde! Inzwischen konnte er sich noch schnell überlegen, wie er sich am besten vorstellte. Sollte er erwähnen, dass er einmal Beta gewesen war? Oder dass er ein fürstlicher Principauté war? Sicher gab es auch hier bestimmte Bräuche und höfliche Gesten … aber welche? Er wollte sich schließlich nicht lächerlich machen. Nun, am besten wäre wohl, wenn er sofort mit seiner Herkunft heraus rückte. Ganz bescheiden, natürlich.

Eigentlich war es gar nicht so. Es war schon immer etwas anders gewesen, aber vielleicht war es auch nur ein Irrtum. Aryan war schon immer ein Freund von Helden und Rettern gewesen- von den Guten. Natürlich waren es immer die gewesen, die Andere in völliger Selbstlosigkeit gerettet haben. Oder? Warum war er denn immer Karmároon gewesen, warum hatte er ihn denn verehrt? War es denn überhaupt so? Irrte sich Cyriell nicht doch?
Es passte dem Schwarzen gar nicht, dass er nun den Tyrannen in ihren alten Spielen dargestellt haben soll- warum ausgerechnet derjenige, der Leid wollte? Vielleicht war es ja wirklich so, vielleicht war das Regenauge von einer tyrannischen Macht besessen, die töten wollte, die nach Blut gierte. Das würde zumindest die Bilder in seinem Kopf erklären. Es würde erklären, warum Aryan sich manchmal nicht mehr unter Kontrolle halten konnte. Es war wohl auch ein Grund dafür, dass er mehr und mehr sein gewolltes Ich verlor- wenn es denn so war. War es denn so?
Er hatte Angst. Er mied den Kontakt zu den anderen Rudelmitgliedern. Vor allem wollte er nicht in Nähe von Welpen, und zu Daylight zog er eine große Distanz auf. Es schien gerade so, als schnürte ihm eine dicke rostige Kette die Luftzufuhr ab. Ständig rang er nach Luft; sowie er nach Antworten schnappte. Ein ständiger Kampf gegen sich selbst, gegen seine eigen aufgebauten Vorurteile. Er war ein Monster, eine Zeitbombe, die jeder Zeit hochgehen konnte. Dabei wollte er das doch gar nicht. Er wollte in Frieden bei seiner Familie leben. Er wollte nur Zuneigung schenken und Selbstlos für Andere einspringen. Aryan wollte ein Retter sein. Ein Held. Aber es sah so aus, als sei er es, dem man mit einen wahren Helden bekämpfen musste.

Knurrend schüttelte er die wirren Gedanken weg. Das regennasse Fell befreite sich kurz vom Wasser. Das wehrte nicht lange. Es dauerte nur wenige Sekunden und sein Fell hing wieder fest am Leib. Eigentlich liebte er das Wetter, es war ihm die schönste Zeit. Das leichte Gewittergrollen, der Nieselregen, die drückende Stille. Es war das gleiche Wetter wie damals, als er seinen Bruder gestorben geglaubt hatte. Doch diesmal war die herrliche Stille mit einem zitternden Brummen erfüllt. Mit einem schrägen und schiefen Geräusch.
Die feine Narbe pochte als der Schwarze allein durch den Wald schritt. Monoton und sehr langsam setzte er die Pfoten voreinander. Er hatte kein bestimmtes Ziel. Er wollte nur fliehen. Er wollte die Blicke seiner Gefährtin nicht sehen müssen. Er wollte kein verächtliches Lachen seinerseits verlauten lassen müssen.

Als er auf sah, erkannte er das graue Fell auf Anhieb. Es war sein Bruder, der irgendwie seltsam in Konzentration schwelgte. Was trieb er da? Mit einem kurzen Satz sprang er an die Seite seines Bruders und starrte auf dieselbe Stelle. Da waren Mäuse- gewesen. Leider hatte Aryan die Jagd seines Bruder unbeholfen und unabsichtlich beendet. Wieder ein Missgeschick oder pure Absicht? War er wieder ein Spielverderber? War er so grausam und gönnte schon jetzt seinem eigenen Bruder keine Mahlzeit mehr? War er wirklich auf dem besten Weg ein Monster zu werden?
Knurrend schüttelte er wieder den Kopf. Diesmal heftiger. Es brauchte eine Weile bis er wieder klar denken konnte. Dann richtete er seinen Blick zur Seite und konnte auf das Antlitz seines Bruders sehen. Nein, er wollte kein Monster sein. Er wollte niemanden töten. Er wollte leben, mit seinem Bruder, seinem Welpen, seiner Gefährtin, seinem Rudel.

“DU IRRST DICH!“, platzte es aus ihm heraus. Ohne Vorwarnung hatte er das Nackenfell erhoben und starrte seinen grauen Freund erbost an. Nein, er war kein Monster. Cyriell irrte sich. Natürlich. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern.

“Du lügst mich an“, zischte er. Die Traurigkeit ging in einem Grollen unter. Die blauen Augen verengten sich leicht. Nein, Aryan war kein Monster.


Warum musste eigentlich immer ihr sowas passieren? Mit einem Seufzen schlenderte sie Richtung Wasser. Irgendwie musste sie diesen eckeligen Schlamm ja abkriegen. Und wenn schon das Abwischen an Gras und Blättern scheiterte, so musste es doch wenigstens mit Wasser funktionieren. Eigentlich hätte sie auch schon vorher auf die Idee mit dem Abwaschen kommen können, aber wer denkt schon logisch, wenn er grade kopfüber in eine riesige Schlammpfütze gestolpert ist? Zwar zeugten die Blätter und das Gras nur von mäßigem Erfolg, doch waren immerhin nur noch ihre Läufe voll Schlamm.
Während sie zur sicheren Sauberkeit lief, versuchte Lucina sich die Gegend weiter einzuprägen. Sie hatte es sich selbst zur Aufgabe gemacht, ihre Verlauf-Rate möglichst gering zu halten. Gelöst hatte sie diese in der vergangenen Woche vorwiegend indem sie sich einfach nicht weit vom Rudelplatz entfernte. Doch hatte sie dieses sich im Wald ausbreitende, gefährliche Etwas, von dem Nyota erzählt hatte, neugierig gemacht, weswegen sie schließlich ihrer Neugierde nachgab, und ein wenig im Wald umherstreifen wollte. Mit dem Ergebnis, dass sie nun aussah, als wäre sich die Natur bei der Farbe ihres Fells nicht ganz einig gewesen.
Während sie sich so über sich selbst ärgerte, bemerkte sie nicht, dass sie unbewusst die Richtung gewechselt hatte und nun gradewegs vom Seeufer wegsteuerte. Ihren alles beobachtenden Augen sei dank, fiel ihr zwar auf, einige, teilweise seltsam geformte, Bäume schon einmal gesehen zu haben, realisierte aber erst recht spät wo sie eigentlich hinlief. Die junge Fähe wusste nicht genau was an den Bäumen für sie so seltsam war. Sie waren einfach...anders. Sie zermürbte sich schon ein paar Tage lang darüber den Kopf, kam aber immer wieder nur zum den Schluss, dass sie eben seltsam waren. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb sie sich noch mit niemandem so wirklich richtig unterhalten hatte. Sie musste einfach die ganze Zeit über dieses Tal nachdenken. Von dem Moment an in dem sie es betreten hatte, wusste sie, dass sie hier bleiben wollte, genauso wie sie gewusst hatte, dass das Rudel hier mit Sicherheit freundlich sein würde. So gerne wollte sie die anderen kennen lernen, doch wusste die Weiße nicht so ganz wie sie das genau anstellen sollte. Viel Erfahrung in sozialen Dingen hatte sie ja nicht.
Als sie ihren Namen hörte, schnappten ihre Ohren aus Reflex zwar ein wenig nach hinten, doch war sie so in Gedanken versunken, dass sie erst bemerkte, dass tatsächlich sie gemeint war, als plötzlich eine weiße Fähe vor ihr stand. Erschrocken tat sie einen kleinen Satz zur Seite.

"Wa-!...oh, tut mir Leid, ich hatte dich gar nicht bemerkt."

Verwirrt und doch aus irgendeinem Grund glücklich, erwiderte sie das Lächeln. Regen? Tatsächlich. Sie hatte wohl so konzentriert versucht sauber zu werden, dass ihr gar nicht aufgefallen war, dass der Regen dies bereits überflüssig gemacht hatte. Sie sah an sich runter und musste grinsen.

"Eigentlich kommt mir der Regen sehr gelegen. Jetzt brauch ich mir nicht mehr die Mühe machen den Schlamm abzuwaschen. Aber ich vermisse die Sonne auch. Dieses kalte, graue Wetter gehört einfach nicht in den Frühling. In den Herbst vielleicht.....zusammen mit dem Wind. Ist das hier eigentlich immer so? Ich kann mich nicht erinnern auch nur einen Sonnenstrahl gesehen zu haben seit ich hier bin."

Fragend blickte Lucina zu der Fähe vor ihr. Wie war doch gleich ihr Name? Sie wusste, dass sie ihr der Name bekannt war, doch wollte er ihr einfach nicht einfallen. Wie immer wenn sie eine Information dringend benötigte.


Kraftvoll und ausdauernd bewegte sich der braun melierte Rüde in einem geschmeidigen Wolfstrab vorwärts. Mit jedem seiner Schritte meinte man ein leichtes Beben im Boden zu verspüren. Doch dies rührte nicht von seiner körperlichen Masse, war er doch eher mit einem durchschnittlichen Gewicht ausgestattet. Es schien sich dabei eher um eine verborgene Kraft zu handeln, die den Boden unter seinen Pfoten erzittern ließ. Cocaine sah sich um. Wo er hier nun nach seiner langen Reise gelandet war, wusste er nicht und es interessierte ihn nicht, er suchte lediglich einen Platz zur Erholung nach den vielen Tagen der Wanderung. Doch eines war ihm bewusst. Seine Sinne konnten ihn nicht belügen. Dieses Gebiet, was er vor wenigen Tagen betreten hatte, war das Revier eines fremden Rudels. Ein gewaltiger See erstreckte sich vor ihm und die ganze Landschaft bot sattes Grün, große Wälder und schien ein Paradies für jedes lebende Geschöpf. Der Rüde reckte die Nase gen Himmel und sog die verschiedensten Gerüche seiner Umgebung auf, während ihm ein strenger Wind, der über den See zog, um die Ohren peitschte. Nur kurz dachte der Assassin daran, wie dieses fremde Rudel wohl reagieren würde, wenn er auf sie traf. Doch ob freundlich oder feindselig trug relativ wenig zur Sache bei. Egal wie ihm Artgenossen gesinnt waren, er würde mit allem zurecht kommen. Und waren sie extrem töricht, so würden sie einen hohen Preis bezahlen. Noch einmal sah sich der Rüde um und setzte seinen Weg dann weiter fort. Immer weiter trugen ihn die sehnigen Läufe und schließlich war das andere Ende dieses Sees in Sichtweite. Der Geruch seiner Artgenossen wurde stärker mit jedem Meter, den er sich jetzt vorwärts bewegte. Und ehe er dort hinten eine Wiese oder eine Art ziemlich großen Platz entdeckte. Nun trug der melierte Rüde seinen Kopf geduckt, wollte nicht sofort auffallen als er diesem Platz, welcher umgeben von hohen Bäumen und dem Seeufer friedlich vor ihm erschien, immer näher kam. Die außergewöhnlichen, rot funkelnden Augen schnellten von einer Seite zur anderen, die Ohren schnippten nervös. Jede kleinste Bewegung, jedes noch so leise Geräusch würde er mit seinen Sinnesorganen wahrnehmen und sie in seinem Hirn sofort verarbeiten.

Und schließlich waren sie da. Artgenossen. Zwei Stück. Cocaine sah sich um, versuchte noch weitere Wölfe zu entdecken und hielt vor allem Ausschau nach dem Rudelführer. Doch wahrscheinlich würde er vorerst nicht fündig werden. Die Gerüche waren so stark, dass er es hier mit einer ganzen Horde von Wölfen zu tun haben musste. Dies konnte einen mörderischen Spaß bedeuten. Oder eine ganz neue Herausforderung. Eine Aufgabe. Ja, er wollte, dass seine Fähigkeiten zu gebrauchen waren. Doch vorerst sollte davon keiner erfahren. Sein suchender Blick verdunkelte sich wieder und traf erneut auf die beiden Wölfe, welche er zuerst gesehen hatte. Eine weiße Fähe, so glaubte er und einen melierten, etwas dunkleren Rüden. Langsam ließ Cocaine sich auf sein Hinterteil sacken. Er würde warten. Warten bis sich dieser Platz hier füllte und er einen Alphawolf erkennen konnte, oder bis sich jemand seiner Person annahm.


Seine Ohren waren so sehr auf die Geräusche der Mäuse fixiert, dass er die kleinen Nager zwar hörte, jedoch alles andere um ihn herum vollkommen ausblendete. Völlig unbemerkt von ihm selbst kauerte sich sein Körper bereits in eine halb anpirschende, halb zum Sprung bereite Haltung. Plötzlich krachte etwas neben ihm. Cyriell tat vor Schreck einen Satz in die Höhe und fuhr dabei halb herum, die Augen weit aufgerissen und die Ohren angelegt. Er hatte seinen Bruder nicht kommen hören und hatte nun das Gefühl, sein Herz müsse ihm stehen bleiben. Tatsächlich stachen die nächsten Schläge auch leicht in seiner Brust. Kaum hatte der Graue seinen Bruder erkannt, erschlafften seine angespannten Muskeln, und kraftlos ließ Cyriell sich einen Moment hängen, während er mehrmals tief ein und aus atmete.

"Bei der Regenmutter, Aryan! Hast du mich erschreckt!",

er lächelte bei diesen Worten, sie sollten schließlich nicht als wirklicher Vorwurf angesehen werden. So beschäftigt mit sich selbst, entging dem Grauen im ersten Moment sogar der angespannte Gemütszustand seines Bruders. Zumindest so lange, bis der Schwarze ihn anschrie.
Ruckartig hob Cyriell den Kopf und legte erneut die Ohren an. Erschrocken und vollkommen verwirrt starrte er seinen Bruder an, verstand überhaupt nicht, was der Schwarze meinte oder von ihm wollte. Gelogen? Er? Wann denn, wobei denn?! Und worin irrte er sich?!
Der Ausdruck auf Aryans Gesicht machte ihm Angst, verstärkt durch die drohende Haltung des Schwarzen. Cyriell duckte sich unwillkürlich und wich zurück. Seine Läufe wollte ihn kaum tragen, und er spürte seinen ganzen Leib zittern.

"W-Was ist los? Aryan, Bruder...?"

Mehr brachte er nicht heraus, das Wort 'Bruder' klang völlig verkehrt in diesem Moment. Der da vor ihm stand war nicht Aryan, sein Bruder. Das war irgendwer. Cyriell klemmte die Rute an den Bauch.

"I-Ich hab d-dich nie angel-logen..."

Er versuchte sich an einem Lächeln. Und scheiterte kläglich...



Rakshee hatte den Regen gemocht. Tag für Tag. Immer wieder, immer weiter. Regen war schön. Aber die Sonne war es auch. Und wann immer die Braune ihren Kopf zum Himmel erhob, war da keine Sonne. Nur Wolken. Keine weißen, quillenden Wolken, oder ausfransende Federwolken, nein, immer nur graue, trübe Wolken, die so dicht hangen dass sie glaubte sie müsse bald vergessen haben wie der Himmel darüber aussah. Vermutlich hätte sie dass wirklich getan, wenn sie nicht in ihren Reisen zu Engaya immer wieder zu Gesichte bekam was sie hier so vermisste. Das Licht.
In ihrer Aufgabe als Priesterin hatte sie sich immer wieder darauf bedacht, dass sie selbst anderen die Sonne ersetzen sollte. Aber so regnerisch wie es war, fiel es ihr immer schwerer. Und dann kamen da noch gewisse Umstände hinzu...
Zu aller erst war da ihr Bruder. Seit dem seltsamen Vorfall nach der Zeremonie war ihre Beziehung eine andere gewesen. Daaraus war Nähe gewachsen, aber auch Angst. Angst, dass es wieder passieren könnte. Rakshee hatte nicht gewagt mit jemandem darüber zu sprechen, und das einzige Mal da sie es versuchen wollte, hatte Omas unglückliches Gesicht sie davon abgehalten. Ihre große, starke Oma hatte sich sehr verändert. Nur im Unterricht schien sie die Gleiche zu sein, obwohl Rakshee inzwischen auch da immer wieder diese ungeliebte Traurigkeit bei Banshee zu entdecken glaubte. Und damals hatte sie Oma nicht auch noch mit seltsamen Vorfällen traurig machen wollen. Es war schlimm genug dass die Braune sie nicht hatte aufheitern können. Nicht für Lange.
Mama war glücklicher gewesen seit Papa zurück gekommen war - aber Oma! Rakshee litt mehr und mehr darunter ihre Oma so traurig zu sehen, aber sie konnte nichts tun. Gar nichts. Und weiter ging es in Rakshees Sorgenliste: Kursaì war verschwunden. Und dass schon seit einer ganzen Weile. Inzwischen war auch Ahkuna fort - und sie sorgte sich um ihre Schwestern. Sharìku sah sie immer wieder, obwohl sie sich eingestehen musste auch zu ihr kaum Kontakt gehalten zu haben - aber immerhin musste sie um sie keine Angst haben...oder zumindest nicht mehr, als man es bei einer stummen Schwester eben muss.
Rakshee lag am See, weitab von Banshee, Aszrem, Malicia und allen. Sie sah zu ihnen herüber, ohne wirklich zuzusehen, und wusste das Nichts in ihrem Nacken. Auch das machte ihr Angst, aber sie hatte keine Ahnung was man dagegen tun konnte - und auch Engaya hatte ihr darauf noch keine Antwort gegeben. Etwas Graues schob sich in ihr Blickfeld, und Rakshee erkannte Akru, der zu Banshee herüber sah, während sich plötzlich, vom Waldrand her, ein Fremder ihrer Oma näherte. Etwas irritiert hob sie den Kopf, beobachtete das Verhalten beider Rüden und schüttelte dann das Haupt. Akru...war sowieso komisch, und sie wusste nicht so Recht wie sie zu ihm stand, aber warum hüpfte der Fremde so...der sah gar nicht so jung aus, von hier hinten. Unschlüssig erhob sich die Braune, und lief am Waldrand entlang, als ihr plötzlich Kisha im Weg stand. Abrupt beschleunigte sie ihr Tempo, und sprang lächelnd und mit wedelnder Rute auf ihre Tante zu.

"Tante Kisha!"

rief sie fröhlich, bemerkend dass sie die immerfröhliche Fähe schon eine ganze Weile nichtmehr gesehen hatte. Und glücklich, eine Ablenkung von all ihren trüben Gedanken und Beobachtungen gefunden zu haben.


Es war jetzt eine Weile her als der kleine weiße Rüde sich gegen seinen eigenen Vater aufgelehnt hatte. Urion hatte es wahrscheinlich schon längst vergessen, aber Ciradán ließ es einfach nicht los. Immer wieder rief er sich seine genaue Wortwahl ins Gedächtnis und zuckte jedes Mal zusammen als er die Todesdrohung ausgesprochen hatte. Er war sich zum dem Zeitpunkt seiner Worte sehr sicher gewesen. Er war ganz überzeugt auf seinen Vater zugegangen und jetzt? Jetzt bereute er es schon fast wieder. Es stand in keinem Verhältnis zu seinem eigentlichen Ich. Aber wäre das nicht schon genug gewesen, gab es da noch ein ganz anderes Problem. Nein, es war nicht direkt ein Problem, viel mehr eine schwierige Angelegenheit- nun gut, man konnte es ein Problem nennen. Es ging um Caylee. Nein, sie war nicht das eigentliche Problem. Es war viel mehr das nervöse Zucken, dass er bekam, wenn er in ihrer Nähe war. Es war so ein komisches, entsetzliches Kribbeln. Und zu allem Überfluss fühlte er sich immer so schlaksig und unbeweglich in ihrem Beisein. Gerade so als fiele ihm immer dann auf, wie ungebräuchlich seine Gliedmaßen wirklich waren. Zuerst wusste der weiße Welpe nicht viel mit diesem Gefühl anzufangen und schob es auf seine Angst. Nur mehr und mehr hatte sich ein festes Bild in seinen Kopf gebrannt. Es war nicht nur die einfache Bewunderung für ihr Wesen. Es war etwas viel Tieferes. Etwas mit Bedeutung. Ob man ihm Zurechnungsfähigkeit schenken sollte, wusste er selbst nicht ganz so genau. Aber eines war klar: obwohl er sich in ihrer Nähe immer sehr dämlich vor kam, musste er immer wieder zu ihr. Wie eine dumme Motto, die von einem schönen, aber tödlichen Licht angezogen wurde. Es konnte ja nur eines bedeuten. Alle Erwachsenen wussten was es war. Und Ciradán vermutete, es ist wohl dasselbe. Liebe. So ein Gefühl, dass er bei Mutter und Liel hatte. Nur ein wenig anders. Natürlich war er noch ein Welpe, aber es soll schon so einiges gegeben haben. Es gab verfluchte Wölfe, Gott gesegnete, sehr kluge Artgenossen- warum sollte es denn nicht auch einen verliebten Welpen geben? Allerdings wäre es nicht ein Problem gewesen, wenn es nicht nur die Tatsache eines wirren Gefühls gewesen wäre. Dazu kam noch das Wissen, dass sie ihn gar nicht so richtig wahrnahm. Und Krolock war ständig in ihrem Umfeld. Sie war so gut wie nie allein. Er hatte nicht einmal die Möglichkeit einen Annäherungsversuch zu starten. Selbst wenn er nicht einmal wusste, wie man einem Wolfsmädchen seine Gefühle klarmachen sollte. Und was war, wenn sie ihn gar nicht mochte? Wenn sie ihn vielleicht genau so hasste wie Urion und Krolock? Dann würde es ihm das Herz brechen und wahrscheinlich würden gewisse Wölfe auch noch darauf herum trampeln. Also: diese Möglichkeit eines Geständnisses schied vollkommen aus. So blieb ihm also nur das schweigsame Schmachten.

Der Regen prasselte auf ihn nieder. Ein schönes Wetter zum Grübeln. Ein Wetter, bei dem keine Tränen auffielen. Selbst die Schuldflammen konnten nicht gänzlich über ihn hinein brechen. Allerdings brannte diese Schuld, sowie auch der Hass auf sich selbst tief in seinen Atemzügen. Es war dunkel geworden. Niemand würde ihn sehen. Niemand würde merken, wie es dem Welpen ging. Wo war bloß Jumaana? Wo war die Wölfin, die ihn verstand und ihm Mut geschenkt hatte? Wo war sie? So gut hätte er sich auf fragen können, wo seine Mutter oder seine Schwester waren. Er hatte doch eh keinen Blick für das erfolgreiche Finden. Er wollte vielleicht auch gar nicht in Gesellschaft sein. Er wollte einsam sein. Hier spottete niemand. Hier ließen sie ihn sein wie er war. Hier konnte er das verkörpern, was er wirklich war. Die pure Angst. Die Angst vor dem Hass, vor dem Versagen, vor der Flucht, vor dem Hohn. Ja, er hatte entsetzliche Angst. Mehr noch. Ein Gemisch aus vielen negativen Gefühlen lastete auf Ciradáns Herz.
Eben noch war er langsam über den Rudelplatz geschlendert, völlig unbemerkt. Doch nun, wo die Welle einbrach, erhöhte er sein Tempo und jagte los. Wie besessen. Wie auf einer Flucht. Die kleinen Pfoten machten große Sätze. Und er kam voran. Allerdings wusste er nicht wohin er lief. Tränen und Regenwasser verschmierten ihm die Sicht. Er konnte nichts sehen. Erahnte nicht einmal die Richtung in die er lief. Vielleicht war er schon im Wald? Vielleicht schon im Nichts? Das Nichts! Schlagartig musste er abbremsen. Vielleicht wäre es eine Erlösung gewesen einfach in das Nichts zu rennen, aber es war so unbekannt. So voller Geheimnisse. Mit Schreck behaftet wollte er stehen bleiben, rutschte aber über den schlammigen Boden und fand keinen Halt. Die kleinen weißen Läufe überschlugen sich und er geriet ins Straucheln. Er rutschte einen kleinen Hang hinab und prallte schmerzhaft auf. Immer und immer wieder. Bis er endlich still lag. Lange lag er. Vielleicht Tage lang, vielleicht nur wenige Minuten. Wo war er? War er im Nichts? Nebel schwirrte vor seinen Augen. Er versuchte sein Blickfeld zur schärfen. Es gelang nicht. Er sah in ein wirren Schleier, grau und immer dunkler. Bis es schwarz um ihn herum wurde. Ein brennender Schmerz erfüllte seinen Kopf. Seine Stirn pochte und er schmeckte Blut. Metallisch und hölzern. Ihm wurde übel. Zwar versuchte der Weiße sich zu sortieren, versuchte klar zu denken. Er musste um Hilfe rufen. Ja, er musste ein Feigling sein, denn er brauchte Hilfe. Doch bevor er auch nur ein Murmeln von sich geben konnte, erbrach er. Die Galle mischte sich mit dem Blut. Und ein ätzender Geschmack brannte ihm in der Kehle. Was war denn passiert? Hatte es denn nicht eben noch geregnet? Hatte er nicht gerade an die bezaubernde Caylee gedacht? Wollte er denn nicht Jumaana suchen? Machten sie sich schon Sorgen? Wie lange war er weg? Er träumte. Ja, es war sicherlich ein seltsamer Traum. Ein Traum, der nicht enden wollte. Ein Traum, der sehr realistische Schmerzen zeugte. Sekunde um Sekunde verstrich. Schmerz hielt ihn am Boden. Er war wirklich unentdeckt. Er lag in einem Unterholz. Es roch moderig, nach Blut und Galle.
Erschöpft blieb Ciradán liegen. Es wurde angenehm warm um ihn herum. Eigentlich ein ganz schönes Gefühl. Es erschwertes das Denken, es ließ die Angst abfallen. Er flog, ja vielleicht flog er ja wirklich. Ein freies Gefühl, dem er sich gerne hingab. Oder starb er gerade?
Schlagartig riss er die Augen auf und sah nichts. Wieso konnte er nichts sehen? Schwach hob er den Kopf an. Doch, leichte Konturen zeichneten sich ab. Aber nur auf seinem linken Augenfeld. Warum konnte er nicht auf dem rechten Auge sehen? Ein Stück weiter rappelte er sich hoch. Wartete. Nein, das rechte Sehfeld wurde nicht klarer. Es wurde immer dunkler. Was war denn passiert? Zitternd hievte er sich auf und stand wackelig auf den Läufen. Er konnte nicht lange stehen bleiben und legte sich nun ganz flach auf den Bauch. Wieder musste er brechen, diesmal unter den Druck, der auf seinem Bauch lastete. Er ließ es einfach aus seiner kleinen Schnauze sickern. Ciaradán wollte nicht wahrhaben, dass sein rechtes Augenlicht verloren war. Er wollte es nicht akzeptieren und wartete auf Erlösung. Wartete auf warme Worte, die ihn in Sicherheit wegen würden. Die ihm erzählen würde, dass Alles in Ordnung sei. Worte, die ihm einfach nur erzählten, dass sie ihn gesucht hatten und er sich nicht verstecken soll. Es war Kaede, die zu ihm sprach. Und Jumaana würde ihn an stupsen und schließlich ihr schönes Lächeln lächeln. Liel würde ihn in die Ohren zwicken und lachen. Und vielleicht wäre auch Caylee da und tröstete ihn etwas. Er hatte sich sicherlich nur verlaufen und fand nicht mehr zurück.
Aber nichts passierte. Es blieb still. Nur das leise Rauschen des entfernten Regens erinnerte ihn daran, dass er noch immer unter den Dächern einiger Bäume lag. Keiner würde kommen, keiner hatte bemerkt, dass er fort war. Und er war blind. Wie seine Mutter. Mit dem linken Augenlicht versuchte er sich zu orientieren und Klarheit in die ganze Lage zu schaffen. Noch einmal hievte er sich auf und tat einige bebende Schritte. Erneut erbrach er, nur noch Galle. Es gab nichts mehr, was er ausspucken konnte. Das Blut sickerte immer noch in langsamen Strömen hervor. Er konnte nicht lange stehen und ließ sich wieder fallen. Er würde sich nicht aus eigener Kraft befreien können. Er war ein Feigling, ein Angsthase. Der Kompass hatte sich in die falsche Richtung gedreht und brachte ihn nicht mehr sicher nach Hause. Wo war sein Zuhause? Wo lag es denn? Wo war er?
Ein leises Wimmern unterbrach die monotone Stille. Ein Jaulen und schließlich ein Heulen. Ein schwaches. Unterbrochen von dem gurgelnden Geräusch der Magensäure, die ihm bei dieser Anstrengung wieder nach oben kam. Er versuchte lauter zu werden, konnte sich nicht mehr steigern.

“Hilfe“, er brach ab und ließ den Kopf ganz sinken. Wieder rannten ihm Tränen über das Blut verschmierte Gesicht. Aber nicht mehr aus dem rechten Auge. Nur noch das Linke konnte weinen. Verzweifelt schniefte in seine Vorderpfoten hinein. Vergrub die Nase in dem schlammigen Boden. Es roch angenehmer. Der nasse Boden beruhigte etwas und betäubte den fiesen Geruch. Warum kam denn keiner? Er wollte hier nicht alleine sein.


Natürlich hatte Cyriell gelogen. Aryan war kein Monster. Er wollte nicht töten. Das war nie seine Absicht gewesen. Also musste sein Bruder lügen. Nie wollte er so wie Karmároon sein. Ganz bestimmt nicht. Er würde niemanden etwas antun. Nein, das durfte einfach nicht passieren. Er irrte sich wirklich, anders konnte es nicht sein. Nein. Cyriell hatte den Schwarzen belogen, damit er sich Vorwürfe machte, damit er wahrscheinlich noch zu einem Tyrannen werden würde. Diese abstruse Ideen brannte sich ihm ins Gedächtnis und ließ ihn noch heftiger beben. Aber nicht wie den Grauen, mehr aus Wut heraus. Aus der puren Aggression- aus Angst. Schnell richtete er sich noch ein Stück auf. Doch plötzlich sah er wieder dieses hässlichen Grinsen. Es lag auf dem vertrauten grauen Gesicht. Nein, es war Aryans Gesicht. Es waren seine Züge, voller Bosheit, voller Abscheu und Hass. So süffisant und gehässig. Dieses Gesicht würde töten und Anderen Schaden zufügen. Diese Züge würden Daylight verletzen, Aléya vernichten und Cyriell fortjagen.

“Und jetzt lügst Du schon wieder. DU HAST MICH BETROGEN! ICH BIN KEIN MONSTER!“, brüllte er zornig und ließ sich von seiner Wut leiten. Die Rute suchte sich den Weg ganz nach oben. Aufgerichtet, mit gesträubten Fell, gebleckten Zähnen.

Er schüttelte sich heftig. Warum wollte sein eigener Bruder ihn zerstören? Liebte er Aryan denn nicht? Oder war es die Rache? Ja, Cyriell wollte sich für seinen Fasttod rächen. Es war der Zorn den der Graue bewegte. Und dann will er noch lächeln? Dann will er den Schwarzen auch noch zum Narren halten? Nein, er war nicht wie Brégon. Oder doch? Aryan war ein Monster-

“UND DAS NUR WEGEN DIR! DU BIST ABSCHEULICH, EIN BASTARD!“, erschrocken über seine eigene Wortwahl hielt er inne und konnte nicht ganz glauben, dass er nun vor seinem Bruder stand.

Stopp- das durfte nicht passieren. Er ließ es passieren und wollte es doch eigentlich verhindern. Er war ein Tyrann. Er war Karmároon. Das Monster. Er hatte es zugelassen. Das Schwarze hatte die Überhand gewonnen und zog ihn ohne zu zögern in den Abgrund. Und jetzt erkannte er diese Macht. Viel hatte er von den Göttern gehört, geglaubt nur wenig. Es war Fenris, der sich den Weg in sein Herz gestohlen hatte. Voller Abtrünnigkeit. Jedes Leben brauchte ein Gegenstück.
Die Abscheu stand ihm im Gesicht geschrieben, unfähig noch etwas zu sagen.


Nerúi hatte sich unter ihrem Mup-schelbaum sozusagen häuslich eingerichtet. Alle wollten irgendetwas haben das Sonne hieß, und hatten Angst vor etwas namens Nichts, aber die kleine Schwarze sorgte sich darum nicht. Stattdessen hatte sie versucht ihre Muschel zu füttern, und ihr Gras und Pflanzen in ihr Versteck hinaufgereicht. Besonders gut schmeckte das alles nicht, aber was sonst sollte die Muschel essen? Immerhin schien sie keine besonders scharfen Zähne zu haben, und jagen hatte sie die Mupfel - Nerúi verfiel immerwieder auf diesen Namen - auch noch nicht gesehen. Die Erwachsenen machten sowas manchmal. Gerade hatte die Schwarze sich erhoben, um an ihren Großzauberungskünsten zu feilen, als sie hinterhältig von Turién angegriffen wurde. Sofort warf sie sich auf die Seite, entging seinem Angriff trotzdem nicht, und sprang sofort wieder auf, um sich ihm drohend knurrend entgegen zu stellen. Ihr Knurren ging in ihrem Lächeln unter, als das Gesicht ihres Bruders ihrem so nahe kam, und er sie ansah als wollte er sie mit seinen Blicken bekämpfen. Grinsend erwiederte sie seine Attacke, und antwortete ohne lange darüber nachzudenken.

"Der Himmel hört da auf wo die Wolken anfangen, die Bäume wachsen höher als der Himmel, die Sonne hat Angst weil ich stärker bin als sie!"

Natürlich war sie stärker. Nerúi war stärker als alle! Ausgenommen vielleicht Papa, Mama und Kylia, die sie sogar fliegen lassen konnten. Ein wunderbares Vergnügen, in dessen Genuß man besonders dann kam, wenn man sich direkt vor der Nase der Genannten in den Wald stahl. Das System hatte sich bislang fast immer als funktional erwiesen. Munter pfotete sie nach Turién, und konterte dann, nach einem Moment überlegenen Grinsens.

"Was ist der Mond, warum können Vögel alleine fliegen, welche Farbe hat diese Sonne?"

zufrieden mit ihrer besonders schwierigen Fragestellung lachte sie zu ihrem Bruder herüber, und tänzelte um ihn herum. Darauf hatte er bestimmt keine Antwort!


Sie musste weg. Und zwar so schnell wie es nur irgendwie möglich war. Langsam aber sicher sorgte sich die Schwarze um ihren Verstand, um den man sie bringen wollte. Angefangen von ihrer Familie, die nichts dafür konnte, dann Zack, ihr auch so wunderbarer Pate, Urion, der zumindest noch einen Unterhaltungsfaktor hatte und schließlich Yerik. Der Braune, der ihr den Spaß verdorben hatte und mehr an ihren Nerven zehrte, als sonst jemand. Das es jemand so weit geschafft hatte ständig in ihren Gedanken aufzu kreuzen. Leicht kräuselten sich die dunklen Lefzen, als sie an den fröhlichen Rüden dachte. Sie wollte ihn ignorieren, aber dennoch kreuzte er - unbewusst oder auch nicht - ihren Blick.
Das konnte so nicht mehr weiter gehen. Schnell hatte sich die Dunkle aus dem Staub gemacht, war geflohen, noch ehe der Welpe, der ihr aufs Auge gedrückt worden war, auf die Idee kam, irgendwelche Spaziergänge sonst wohin zu unternehmen.
Amáya wollte für sich sein, alleine. Die Gedanken klären und sich wieder finden. Sie hatte zu sehr ablenken lassen, ihr Ziel aus den Augen verloren.
In einem günstigen Augenblick war der Todesengel schnell im dichten Wald verschwunden, nicht ohne vorher mit den Augen nach ihrem Babysitter Akru zu suchen, der zum Glück seine Aufgabe schleifen ließ. Er schien mit anderen Dingen beschäftigt zu sein und beabsichtigte eindeutig nicht, sich mit ihr abzugeben. Wunderbar. Besser konnte es nicht laufen.
Lockeren Schrittes lief die Dunkle zwischen den großen Bäumen hindurch. Hier draußen würde sie kaum einer Wolfsseele über den Weg laufen, obwohl der nervige Strom von Neuankömmlingen nicht nachzulassen schien. Nicht ihre Angelegenheit, auch wenn sich Amáya schon ab und an fragte, wie Banshee diese ganzen Nutznießer durchfüttern wollte. Altersschwache, Blinde, Behinderte... war das hier in ihrer Abwesenheit zum Wolfsasyl geworden? Und zwischendrin diese Plage von Urions Brut und die ganzen anderen Quälgeister.
Sachte schüttelte die Schwarze den Kopf, atmete tief die regenschwere Luft ein. Immerhin war das Wetter hier auf ihrer Seite und ganz nach ihrem Geschmack. Bei einem kühlen Klima fiel es einem schon gleich viel leichter einen ebenso kühlen Kopf zu bewahren und einen klaren Gedanken zu fassen.
Mit weichen Bewegungen lief Amáya in Richtung der Reviergrenzen - möglichst weit weg vom Rudel, als ihr ein Heulen, welpenhaft und naiv, an die Ohren klang. Allein schon wegen der Stimmfarbe hätte sich ihr Magen am liebsten umgestülpt und entleert. Wie konnte es nur solche verblödeten Erwachsenen geben?
Das war es mit der Ruhe und Einsamkeit, denn ein Stück eines braunen Fells tauchte zwischen den Bäumen auf.

.oO(Na großartig.)

Leicht verdrehte Amáya die Augen, ging allerdings näher heran, bis sie den Rüden erreichte. Früher oder später - im Falle ihrer Mutter leider früher - würde die Weiße den Fremdling herein bitten. Also konnte sie es auch hin nehmen, dass sie eine Runde Wegführer spielen würde und brachte es schnell hinter sich.

Ich grüße dich, Fremder.

Wer näher hin hörte, konnte überdeutlich den Sarkasmus in ihrer Stimme hören und den Spott in ihren regenblauen Augen lesen.

Willkommen im Paradies für alle, die den Kopf in den Wolken haben. Was auch immer du für ein Typ bist: Verrückt, erbärmlich, langweilig, ob du lügst oder einfach nur ein hoffnungsloser Fall bist... du bist hier genau richtig.


Cyriell sank unter den Schreien seines Bruders in sich zusammen. Entsetzen und Verzweiflung jagten durch seinen Geist, seinen Körper. Rissen sein Herz entzwei. Lähmende Übelkeit stieg in dem Grauen auf, ließ ihn sich krümmen und zittern und würgen. Er konnte nicht glauben, dass dies passoerte, dass Aryan ihm diese Bosheit entgegenschleuderte. Sein geliebter Bruder hasste ihn, hasste ihn, HASSTE IHN! Und Cyriell verstand nicht warum, suchte verzweifelt nach einem Grund und fand nichts als Leere und Fragen und Verzweiflung. Tränen netzten seine Augen, flossen ungehemmt die grauen Wangen herab. Der junge Rüde schluchste elendig. Sterben wollte er, tot umfallen und nichts mehr hören, seinen Bruder nicht mehr sehen. Was hatte er getan, was nur, was nur?! Er hatte nie gelogen, er war kein Bastard, keine Abscheulchkeit! Warum sagte Aryan so etwas, warum tat er ihm so weh? Jedes Wort des Schwarzen schnitt tiefer in Cyriells Seele, stach, brannte und ließ sein Herz bluten. Der Graue krümmte sich dem Boden entgegen, weinte hemmungslos und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Das konnte alles nicht wahr sein! Das musste ein Aptraum sein, musste, musste, MUSSTE! Irgendwie gelang es Cyriell, den Kopf etwas zu heben und zu dem Schwarzen aufzusehen. Der Abscheu, der Aryan ins Gesicht geschrieben stand, ließ ihn zusammenzucken. Und doch fand irgendetwas in ihm die Kraft, sich umzudrehen und aus dem Stand loszulaufen. Fort, nur fort, weit weg. Der Graue stürzte davon, und die Verzweiflung verlieh ihm Flügel. Er sah kaum, wohin er rannte, seine Sicht war von Tränen verschleiert. Es war ihm egal, ob er gegen einen Baum rannte und sich den Schädel zerschmetterte oder das Genick brach, der Tod schien ihm geradezu erlösend. Nur fort, fort, und vergessen oder sterben. Doch seine Pfoten fanden wie von selbst sicheren Weg, schleusten ihn an allen Hindernissen vorbei oder darüber hinweg. In einiger Entfernung erkannte Cyriell soetwas wie eine Nebelbank, so dicht wie eine Wand. Ein winziger Teil in ihm schrie auf, der weitaus größere hielt geradewegs darauf zu. In diesem dichten Nebel konnte er Aryan entkommen und unentdeckt verschwinden, und vielleicht rannte er dann ja gegen ein Hindernis oder stolperte und stürzte sich zu Tode. In diesem Augenblick war dem Grauen alles recht, wenn es ihn von dieser Qual erlöste...

Leere, fassungslose Leere. Nichts. Gar nichts. Leere. Cyriell weinte, schluchzte, hemmungslos überließ er sich seiner Trauer. Er krümmte sich unter Schmerzen, es brach eine Welt zusammen. Seine Welt, Aryans Welt. Das Band zerriss und der Schwarze fiel. In Schwärze, in Leere. Und als der Graue fort lief riss er ein Stück seines Herzens mit sich. Es war so als schien das Regenauge nun ganz allein. Nein, es war kein Schein, es war die Wirklichkeit. Und er war Schuld daran gewesen, nur Aryan. Er hatte sich von Fenris leiten lassen. Fenris. Er sah sein Hohn volles Gesicht, hörte sein gehässiges Lachen, schmeckte sein Blut, roch den fauligen Tod. Direkt vor ihm stand er, der Tod. Der Vater jedes Unglücks. Sein Vater. Er war zu dem geworden, was er gefürchtet hatte. Er hatte das verloren, was ihn am Leben hielt. Er wollte sterben. Er wollte sich ganz dem Tod hingeben und vergessen. Der Schmerz züngelte sich an seinem Herz vorbei, in seiner Brust hoch und schnürte ihm die Luft ab. Er brannte, die Qual entlockte ihm ein leises Stöhnen. Blind war er. Blind vor Angst, Wut und Schmerz. Er war nun der Feind. Er musste sich dem Schicksal ergeben und mit diesem Leid leben. Oder sterben. Ein Ozean breite sich vor ihm aus. Zu schwach um hinein zu springen und sich selbst zu ertränken. Er konnte dem Feuer nicht entfliehen. Es leckte bereits an seiner Seele. Sein Herz setzte aus, hörte auf zu schlagen. Cyriell war fort. Und der Schwarze war allein, einsam. Er wollte sterben. Fallen und einfach alles vergessen. Er wollte nicht ohne seinen Bruder leben, er konnte es nicht.

Und dann spürte er eine neue Welle von Flammen, diesmal stärker, sodass er sich krümmen musste. Er sah vor seinem inneren Auge, was passierte. Spürte wie Cyriell dachte. Sah, was Cyriell nicht sehen wollte. Aryan konnte ihn deutlich spüren, den Schmerz. Es war nicht seiner, es war der des Grauen. Es war der Schmerz seines Bruders. Aus dem Stand heraus sprang er los. Jagte hinterher. Er würde nichts ändern können, aber er wollte nicht zusehen. Er wollte sein Leben. Er wollte den Grauen leben sehen. Er musste sich entschuldigen und fort gehen. Aber der Bruder sollte leben. Ohne ihn würde Aryan sterben und umgekehrt. Sie waren zu tief miteinander verbunden.
Seine Läufe brannten, die Pfoten bohrten sich tief in die Erbe. Er hielt den Atem an, konnte sich keine Sekunde schenken. Er konnte nicht anhalten, nein, er würde nicht stehen bleiben. Er wäre sonst zu spät. Er liebte Cyriell. Er liebte seinen Bruder.
Die rostigen Ketten zogen ihn zurück, doch er sprengte sie. Sollte er bluten, sollte er Schmerzen empfinden. Cyriell. Cyriell. CYRIELL!

Er sah ihn. Vor ihm war nichts. Das Nichts. Er wollte sterben. Er hielt nicht an. Zorn entbrannte in der Brust des Schwarzen. Ein strahlender Ruck glitt durch seinen Körper und mit einem Satz war er vor dem Grauen gelandet. Nun war der dichte Nebel hinter ihm. Er spürte es. Es zog an ihm. Es trachtete nach Leben. Nicht nur nach Cyriells, auch nach seinem. Fenris wollte sie tot sehen, wollte ihre Seelen. Ein grollender Schrei riss den Schwarzen von den Pfoten. Der Graue war in ihn hinein gelaufen und riss den kräftigen Hünen von den Pfoten. Doch er packte seinen Bruder am Nackenfell und schleuderte ihn zur Seite. Er wusste nicht, ob es reichen würde. Denn schon spürte er, wie der Sog an ihm zerrte. Mit aller Kraft bohrte er die Läufe in den Boden. Er spürte, wie ihm die sensiblen Pfoten zerrissen. Ein donnerndes Brummen erfüllte die Luft und ein lautes Knacken verkündete das Brechen von Knochen. Ein Schmerz erfüllter Schrei.

Doch er hielt an. Den Rücken zum Nichts, den Blick auf den Grauen. Flehend und Angst erfüllt. Stille. Nun war es der Schwarze der bebte und zitterte. Keuchend zog er sich hoch und taumelte auf den Grauen zu. Nein. Er durfte es nicht noch einmal versuchen. Schwer legte er sich an die Seite des Grauen und brach zusammen. Nur die hellen Augen auf das Gesicht des Bruder gerichtet. Körperlicher Schmerz war nicht zu spüren. Aber seine Seele brannte.


Ein keckes Grinsen schlich sich auf seine Lefzen, als Nerúi versuchte ihm auszuweichen, doch entwischen konnte sie ihm, dem einfach Größten, natürlich nicht. Doch Nerúi konterte auf seine Fragen, scheinbar ohne überhaupt nachdenken zu müssen, und das hatte er nicht erwartet. Der kleine Rüde entfernte sein Gesicht etwas von dem der kleinen Schwarzen und wiegte seinen Kopf dann hin und her. Die ersten beiden Antworten hörten sich ja ganz logisch an, aber mit der dritten Antwort konnte er sich sogar nicht anfreunden. Das konnte schon mal gar nicht sein… Nerúi und stärker als die Sonne, haha! Das ging doch gar nicht. Doch bevor er sie dannach fragen konnte, musste er einer kleinen Pfote ausweichen und sich dann selbst 3 schweren Fragen stellen. Seine sonnengelben Augen musterten die Schwarze, während er scharf darüber nachdachte, was er antworten könnte… das waren wirklich gemeine Fragen, und dennoch würde er sie nach bestem Gewissen beantworten. Er konnte Nerúi schließlich nicht gewinnen lassen.

„Der Mond ist die Sonne in der Nacht, und die Sonne ist der Mond am Tag. Vögel können fliegen, weil sie so leicht sind, ihr Fell besteht aus Federn und Federn sind soooo leicht und außerdem hilft der Wind ihnen! Und die Sonne ist ganz hell, man kann sie schließlich durch die Wolken sehen, aber sie schämt sich und will sich nicht zeigen – sie ist bestimmt ganz weiß, weil weiß das hellste ist, was es gibt!“

Er lächelte leicht, bevor er, das sagte, was er schon vor seinem Konter antworten wollte. Keck streckte er ihr die Zunge heraus.

„Gar nicht war! Du bist nicht stärker als die Sonne!

Seine Stirn wurde ganz kraus und er deute mit einem Kopfnicken hinüber zum Wald.

„Die Sonne lässt Bäume und Blumen wachsen, sie zieht sooo kräftig an ihnen, dass sie ganz lang und groß werden. So stark kannst du gar nicht sein, sonst könntest du auch Bäume bis in den Himmel wachsen lassen!“

Er wirbelte einmal um sich selbst und starrte dann in die Höhe, um in die Baumkronen zu sehen, die sooooo groß in den Himmel wuchsen. Hechelnd blickte er wieder zu Nerúi, in seinen Augen funkelte die Neugierde.

„Wieso wissen die Erwachsenen immer soviel?“


Das Nichts kam immer näher. Die Welpen waren inzwischen selbstverständlicher Teil des Rudels, und trotzdem Nyota und Aszrem nur eine Tochter hatten, war die Schwarze immer wieder dankbar sich auf Kylia verlassen zu können, was Nerúi anging. So konnte sie sich darauf konzentrieren nach einer Lösung für das Nichts-Problem zu suchen, und ausserdem hatte Jakash' Training in letzter Zeit sehr gelitten.
Das lag zum einen an Jakash Motivation, und zum anderen an Nyota selbst - inzwischen hatte sie sich von ihrer Geburt wieder vollständig erholt, aber die Zeit kurz davor und danach war mit ihr nicht viel anzufangen gewesen. Und jetzt bedrängten düstere Wolken und herrannahendes Nichts ihren Geist. Immer wieder hatte sie sich in letzter Zeit zu Banshee oder Aszrem zurückgezogen, um sich an ihrer puren Nähe zu stärken. Nerúi war ebenfalls gut darin, ihr jederzeit ein Lächeln auf die dunklen Leftzen zu zaubern, jetzt aber war ihr nicht danach zumute. Banshee sah so gut gelaunt aus als wollte sie sich schon am nächsten Tag im See ertänken, und die ausbleibende Sonne verursachte allgemein schlechte Laune und Sorgen. Leise seuftzend änderte Nyota ihren Kurs, der zuvor noch Banshee zum Ziel hatte, als ein Fremder auf sie zuhüpfte, mit einer Gestik wie ein Welpe, und sie auch Akru in der Nähe erkannte. Ein leises Knurren, mehr zu sich selbst, dann wand sie sich um, und entdeckt noch einen Fremden, der einfach so herum stand. Leise grummelnd schüttelte sie den Kopf, und lies dann die Ohren zucken, als sie eine fremde Stimme heulen hörte. Na wenigstens eine war freundlich genug sich anzukündigen. Noch immer etwas grollig warf sie den Kopf hoch, und heulte der Fremden ihren Gruß zu, mitsamt der Erlaubnis näherzukommen und sich vorzustellen. Ihr Blick flog eilig über das Rudel, das immer weiter zu wachsen schien. Es musste Engaya sein, die soviele Wölfe ins Tal führte. Und das selbst noch, wo sie vom Nichts bedroht wurden...
Ruhelos glitt der Blick der Schwarzen über den Waldrand, Ausschau haltend nach der Fremden, die sie erwartete. Und außerdem war da ja noch einer...Nyota wand sich wieder zu dem Rüden um, der in der Nähe des Sees stand, und sah ihn an. Sie musterte ihn, sogut die Entfernung dies zulies, und suchte seinen Blick. In seine Richtung bewegte sie sich nicht. Er hatte zu ihr zu kommen, nicht andersherum. Und hier war sie und wartete.

'Schwesterherz, wir sollten uns einfach mal verstecken...'

dachte sie bei sich, und merkte dass ihre Züge sanfter wurden. Freundlicher.


Nerúi hüpfte munter um Turién herum, fröhlich um jeden Moment an dem er ihr nicht antwortete. Haha, er musste ganz viel überlegen, weil er nicht so schlau war wie sie! Natürlich war das der Grund. Bestimmt war sie die schlaueste Fähe der Welt!
Zufrieden mit ihren schweren Fragen blieb sie wieder direkt vor ihrem Bruder Silberpelz stehen, lies die hocherhobene Rute siegessicher schwanken und lachte ihm ins Gesicht. Und dann antwortete er doch. Mist. Und Recht hatte er bestimmt auch, zumindest klang nichts davon in ihren Ohren unlogisch. Oder zumindest nicht unlogisch genug, als dass es ihr falsch vorgekommen wäre.

"Bin ich wohl!"

Böse sah sie ihn an, als er einfach behauptete sie sei nicht stärker als die Sonne. Klar war sie stärker als die Sonne. So wie sie auch stärker war als jeder andere! Beleidigt kläffte sie ihn an, und hörte nur noch mit weggedrehten Ohren zu. Sie hielt ihre Haltung für sehr überlegen, tatsächlich sah es vorallem etwas krakelig aus, wie sie dastand, eine Schnute zog, böse guckte und die Ohren hinter sich richtete.

"Und wer sagt dass ich keine Bäume in den Himmel wachsen lassen kann?!"

verlangte sie beleidigt zu wissen, wand sich ab und sprang auf ihren Muschelbaum zu.

"Guck! Der hier ist meiner, der wächst auch in den Himmel, weil iiich es will!"

stellte sie fest, nickte zweimal wie um sich selbst zuzustimmen, und guckte Turién dann wieder grummelig an.

"Wenn ich nicht stärker bin als die Sonne, dann bin ich die Sonne!"

stellte sie selbstverständlich fest, und vergas über Turiéns Frage noch im selben Moment ihren Ärger.

"Weil sie sich alles was sie wissen gegenseitig erzählen. Dann wissen alle alles"


Seine silberne Rute wischte aufgeregt hin und her, während er auf Nerúis Antwort lauschte. Er zog eine beleidigte Schnute, obwohl er ja gar nicht beleidigt war, sondern sie. Sie war eben nicht stärker als die Sonne, das war so und das konnte man nicht ändern! Doch ihr böser Blick machte sogar ihn, Turién, den Tollsten, etwas unsicher. Doch dann wirbelte sie schon herum und deutete auf einen Baum, ihren Baum. Turién tappte leicht zur Seite und kam dann näher, starrte den Baum argwöhnisch an. Er wog den Kopf hin und her, brummte einmal wissend, bevor er um den Stamm herumschlich und den Baum inspizierte. Bei Nerúi blieb er wieder stehen.

„Du warst das gar nicht! Zeig mir wie du es machst! Du kannst das nicht beweisen, dass du das bist!“

Er kleffte einmal auf, und erwiderte den grummeligen Blick von Nerúi mindestens genauso grummelig. Dann begutachtete er noch mal den Baum skeptisch.

„Du kannst gar nicht die Sonne sein, weil du nicht im Himmel schweben kannst! Und außerdem sehe ich dich, und du bist gar nicht hinter den Wolken versteckt. Und du bist gar nicht hell und weiß, sondern schwarz und dunkel!“

Er nickte, nach seiner erfolgreichen Argumentation, und schloss dann seine Augen.

„Aber wer wusste am Anfang alles?“

Er seufzte laut, und schmiss sich dann rückwärts zu Boden, so, dass er auf dem Rücken lag und in die grauen Wolken blicken konnte. Der Regen konnte ihn nun auch am Bauch berühren und beinahe kitzelte das Gefühl. Doch noch nicht ganz. Er drehte den Kopf, so dass er seine Schwester sehen konnte.

„Komm, wir machen was total spannendes!“


Mit dieser ganzen Situation überfordert verharrte die Schwarze, als wäre sie nicht mehr als eine Statue, die schon ewig an einem Ort stand. Was war bloß los mit ihr? Sie fühlte ein Stechen, ein sehnsüchtiges Ziehen in ihrer Brust. Sie hatte das Gefühl, als könne sie los springen, jeden der Wölfe in ihrem Blickfeld anspringen und freudig begrüßen. Aber sie blieb stehen, kämpfte eisern mit dem Willen, sich fort zu bewegen. Vielleicht auch davon zu rennen. Aber tief in sich spürte die Schwarze, dass das Stechen in ihrer Brust nicht vergehen würde. Aber ein bestimmter Geruch ließ die Schwarze den Kopf hoch reißen. Eine Fähe näherte sich ihr, als wäre es das normalste der Welt. Vielleicht.. gehörte sie zu den Wölfen in der Nähe? War sie geschickt worden, um sie, Aceyscha, zu verjagen? Oder.. ach, sie musste aufhören, darüber nach zu denken! Und wenn sie sie verjagen wollte, dann war es halt so! Die hellen Augen verfolgten die Bewegungen der Fähe, bis sie in ihrer Nähe stehen blieb. Sie sprach. Aber.. zu wem? Verwirrt wandte die Fähe den Kopf herum, suchte nach dieser besagten.. Kisha. Nur kurz sah sie der Weißen in die Augen, blinzelte dann wieder zur Seite. Wieso.. wieso fragte sie, ob sie Kisha war?

“Es tut mir Leid aber.. wer.. bist du? Und wer ist diese.. Kisha? Ich.. mein Name ist Aceyscha. Ich komme von weit her, und..“

Und da war schon die nächste Fähe bei ihnen. Die Schwarze zuckte zusammen, wich einen Schritt zurück. Wer war diese Kisha? Auch die Braune bekam einen verwirrten Blick zugeworfen.

“Ich.. bin nicht Kisha. Wer auch immer das ist..“

Sie bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten. Aber war das Zittern zu verbergen? Ihre Unsicherheit? Den Kopf leicht senkend und die Ohren nach hinten neigend sah sie die beiden Fähen fast schon unterwürfig an. Was.. wollten sie bloß von ihr?


Während Tascani Amour innerlich seine Rede einstudierte, zu heroische Elemente mit etwas bescheideneren austauschte und nach wie vor von unglaublicher, pochender Neugier erfüllt war, entging ihm, dass sich eine Fähe näherte. Später würde er noch lange nachgrübeln, wie ihm das hatte passieren können, als die Schwarze jedoch vor ihm stand, hatte er keine Zeit mehr groß nachzudenken. Während sich beim theatralischen Einatmen sein muskulöser Brustkorb hob, seine Vorderpfoten bereit waren, sich elegant zu senken, sein Haupt auf ein würdevolles Nicken eingerichtet war, jede Faser seines Körpers nach Perfektion ausgerichtet war und überwiegend sein Seh- und sein Geruchssinn auf Hochtouren arbeiteten, um alles möglichst schnell in sich aufzusaugen, … da … waren bereits eine Begrüßung und weitere Sätze gefallen: Sie waren wie ein Gewitterregen über ihn hernieder geprasselt und hatten ihn wie einen begossenen Pudel stehen lassen.
Tascani brauchte einen kurzen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte.
Die kurze, knappe Begrüßung hatte zwar in seinen Ohren unterkühlt geklungen, aber sicher, ganz, ganz sicher, würde die ihm gegenüber stehende Fähe ihn bald nicht mehr als einen „Fremden“ bezeichnen. Wenn er sie näher betrachtete … sie war ja eigentlich ganz nach seinem Geschmack. Zierlich, ja, beinahe schon von zerbrechlicher Zartheit war ihre Gestalt. Und dazu die Wildheit, die er für einen kurzen Moment in ihrem Auftreten zu erkennen gemeint hatte. Was ihn jedoch irritierte, war ihr tiefschwarzes Fell. So etwas hatte es bei den Principauté nicht gegeben.

„Oh mondieu! Welsch unglaublische Temperament! Isch bin ganz entzückt! So ein wunderschöne Farbe in Eure Augen … wie ein Blau von die Himmel … nur etwas davor wie eine Schleier … aber nur ganz leischt … oui, oui, sehr entzuckend!“

Während seiner Lobeshymne hatte Tascani Amour die Schwarze mit tänzelnden Schritten einmal umrundet und sie mit vor Bewunderung geweiteten Augen angestarrt. Sie war wirklich etwas ganz Besonderes! Nicht von dieser vornehmen Blässe, wie sie beispielsweise Chanel gehabt hatte. Chanel … sie war auch etwas ganz Besonderes gewesen! So unglaublich sanftmütig … aber nicht so naiv wie die wunderschöne Lee. Tascani blieb stehen. Was sollte er schon in Erinnerungen schwelgen, wenn er doch hier – vor sich – eine Schönheit stehen hatte! Überhaupt … wie unhöflich er sich benahm! Er durfte sie nicht so unverhohlen anstarren, das ziemte sich schließlich nicht. Doch so sehr er sich anstrengte, er kam von ihren Augen kaum los.

„Oh, die Dame entschuldigen, bitte! Ich habe misch gar noch nischt vorgestellt … isch bin der weit gereiste Sohn von … "

Der Braune brach kurz ab. Das konnte er auch noch später erzählen, er wollte ja schließlich ganz bescheiden sein.

„ … isch habe die Name Tascani Amour.“

Der große Rüde verneigte sich graziös vor der zierlichen Fähe und sprach, noch während sein Haupt dem Boden entgegen geneigt war, weiter:

„Es ist mit eine große Ähre von Eusch willkommen geheißt zu werden! Isch danke eusch! Darf isch Eure sischer sehr schöne Name erfahren, ebenso schöne Wölfin?“

Dass die Schwarze ihn indirekt beleidigt hatte, entfiel Tascani – er war wie immer in der Lage, vorübergehend nur das Beste in seinem Gegenüber zu sehen – er verdrängte das Negative vorerst.


Lang ist es her gewesen, dass sich Ilias in voller Öffentlichkeit zeigte, lebte er doch schon seit längerem ziemlich ruhig und zurück gezogen. Klar hatte er das Rudel immer im Auge betrachtet und hatte den anderen gezeigt, dass es ihn noch gibt. . . Aber solange es keine Pflichten zu erledigen gab, blieb er doch lieber allein um nachzudenken.Glück mit der Liebe hatte er ja irgendwie noch nie und so kam es dann, dass er lieber alleine am See lag, das Nichts ansah, die Ähnlichkeit mit einem sehr dichten Nebel erkannte.

o0 Nebel sind schön, wenn sie diese besondere Atmosphäre vermitteln, aber dieses Nichts ist unheimlich. Es ist nichts und es verschluckt alles, sogar die Geräusche0o

dachte Ilias, als er sich dann vom See abwandte, um wieder zurück zum Rudel zu gehen. Es war wie immer seit die Kleinen da waren, ziemlich voll und laut, genoss Ilias doch eigentlich gerade die Stille und die Gemütlichkeit des Regens, der von den Blättern der Bäume aufgefangen wurde, sodass dieses schön beruhigende Geräusch aufkam. Auch das triste mit den trotzdem blühenden Pflanzen im Kontrast empfand Ilias als schön im Gegensatz zu den vielen anderen. Sie hatten schon recht, dass es in letzter Zeit ziemlich viel geregnet hatte, und die Sonne liebte Ilias auch, nur der Regen drückte seine momentanige Melancholie perfekt aus. Am Rudelplatz angekommen, blieb Ilias erstmal stehen, um die Lage zu checken, ob noch alles in Ordnung sei und wer da war, den er kannte. Nienna hatte sich nicht mehr blicken lassen, seit einiger Ewigkeit, was wohl auch der Zeitpunkt war, warum Ilias lieber alleine bleiben wollte. Gerade fing er wieder an zu viel nachzudenken, als er bemerkte, wie Liel, sein Pate vor ihm stand.

o0 Sie lacht sehr viel, hat sehr viel Lebensfreude . . . 0o

bemerkte Ilias schnell und war schon fast auf dieses kindliche Eifersüchtig.

"Hey Liel, aber klar kenne ich dich. Ich bin schließlich dein Pate"

sagte er in einer sehr beruhigenden aber auch sehr lieb klingenden Art zu ihr.

"Verzeih mir meine kleine Prinzessin, dass ich so wenig Zeit hatte. . . Ich mache mir im Moment einfach zu viele Sorgen um alles, aber ich befürchte du bist nicht der richtige Gesprächspartner dafür"

diesmal grinste er und zwinkerte ihr anschließend zu, in der Hoffnung sie verstehe was er meinte.

"Magst du den Regen? Dieses grau alles hier macht wohl viele Wölfe im Rudel nervös und ich kann sie verstehen. Die Sonne hat sich noch nicht blicken lassen und die Sonne ist etwas sehr wichtiges für uns, musst du wissen. Freu dich schon mal darauf, wenn du sie das erste mal am Himmel stehen siehst."

murmelte er Liel auf eine altkluge Art zu. Erst jetzt bemerkte Ilias, dass sie scheinbar Schwierigkeiten hatte, ihren Nacken so zu strecken, dass es kein Problem wäre ihn anzuschauen, sodass er sich kleiner machte.

"Krolock mh? Ich hoffe doch ihr streitet euch nicht all zu oft. . . Immerhin ist er dein Bruder, und du solltest wissen, dass es wichtig ist, dass ihr aufeinander aufpasst"

Ilias seufzte. . .

o0 Ich klinge viel zu alt für mein alter. Ich hoffe Liel versteht wenigstens einige meiner Gedanken die ich verbalisiere. . . 0o

Während er das dachte musste er grinsen, weil selbst in seinen Gedanken, oder gerade da, hatte er diese besondere Sprache, die nicht zu viele verstehen konnten.

o0 Ein Resultat der Einsamkeit, in der ich Vergessen habe alltäglich normal zu sprechen 0o

kam ihm in den Sinn. Er machte mit Absicht nicht den Eindruck das er nachdachte, denn es störte bestimmt viele, wie Ilias in letzter Zeit lebte, vor allem weil er so verschwiegen war. Er lächelte lediglich freundlich zu Liel. . .

Atalya
24.12.2009, 20:08

In Lautloser Eintracht marschierte er nun schon sehr lange einfach geradeaus. Manchmal zwar war sein Weg von Umwegen gespickt aber er war unabbringbar geradeaus gelaufen. Einfach gerade aus. Da er nichts sehen konnte blieb es ihm auch erspart das Leid und den Kummer des Landes zu beachten, durch welches er lief. er war so weit gelaufen, Immer wieder hatte er Menschen ausweichen müssen die da ihre unsinnigen Kriege führten und das Land und seine Tiere somit in Eskapaden voller Schmerz und Leid führten aber das kümmerte sie nicht. Es schien fast so als würde er, der seltsame Blinde Wolf den Tod magisch anziehen. Lag es vielleicht daran dass er an Fenris glaubte? Oder auch daran dass er sich als Diener des genannten fühlte? Dem Tod verpflichtet, Leid und Kummer über die Welt zu bringen? War es das? Seine Aufgabe? Vielleicht.
Er sprach nie über seine Absichten. Seine Rute pendelte gemächlich um seine Hinterbeine und zeugte von der selbstsicheren Ruhe die ihn erfüllte und deutlich machte dass er sich sicher fühlte. Warum auch nicht. Angst kannte er nicht. Angst machte nur schwach. Stark waren die, die die Angst hinter sich ließen und daraus den Nutzen zogen. So wie er. Kengo. Der Wolf. Der Blinde. Diener des Fenris. Unbekannter aus dem Fernen Land. Langsam kam der Wald in Sicht, natürlich nicht in seinen, denn er war ja blind. Aber das störte ihn längst nicht mehr, er kannte es schließlich nicht anders. Die kurze Zeit die er hatte sehen können war vergraben in den Erinnerungen die er nicht mehr brauchte, die er in sich vergrub die schlamm einen alten Baum. Es war nicht wichtig wie die Welt aussah, das wollte er gar nicht wissen. Für ihn war es sowieso egal, die Welt von Fenris war doch sowieso dunkel und in der Hölle brauchte man schließlich kein Licht, keine Farben, keine Freude und kein Glück. Es war als würde man....ja...was....mhh? Nicht so wichtig. Es waren bloß Reisegedanken. Er öffnete den Fang und stieß ein heiseres hustendes Lachen aus, welches einsam in der Luft verpuffte, ungehört. Erst als sich der Boden unter seinen Pfoten veränderte, wusste er dass er den Wald betreten hatte. Sogleich umschwirrte ihn der Geruch eines Rudels, herber Geruch von Harz und Fichtennadeln. Der würzige Duft nasser Erde und kleiner Tiere, Nasses Fell und Wasser. So viele Gerüche, so viele Erinnerungen. Pff. Wer brauchte denn bitte sowas? Kam er nicht bisher auch gut allein Klar? Er ignorierte die Reviergrenze und trat einfach drüber hinweg als würde sie gar nicht existieren. Und mit dem blinden, scheinbar altersschwachen Rüden betrat auf ein Schatten den Wald, schwärzer als die tiefste Nacht. Es schien fast als wäre Fenris selbst nach Hause gekommen.


Zusammen gerollt lag die Graue neben einem Busch, unter dem sie ihre Feder versteckt hatte. Das Geschenk ihres Paten hatte sich in den letzten tagen zu ihrem ersten, eigenen, kleinen Heiligtum entwickelt. Sie war unglaublich stolz über dieses wunderbare Geschenk. Und nun lag sie da und beschützte ihr Versteck. Da durfte niemand anderes dran, nachher schnappte sich noch jemand ihre Feder und verschwand damit. Das durfte sie doch nicht zu lassen! Die Ohren hatte die kleine Welpin aufmerksam aufgestellt, während ihre Augen versuchten, jede Bewegung in ihrer Umgebung wahr zu nehmen. Hah, das wäre doch gelacht, wenn jemand an ihr Versteck heran kam! In der Nähe huschten Turién und Nerúi herum, aber die waren wohl eher mit sich selbst beschäftigt, als sie zu beachten. Gut so! Allerdings war sie schon neugierig, was die zwei da trieben. Vor allem, als sich ihr Bruder auf den Rücken schmiß. Aber ehe sie sich erheben konnte, um die beiden in ihrer Zweisamkeit zu stören, zuckten ihre Ohren und sie nahm einen Geruch war. Er schien aus dem Wald zu kommen. Die anderen schienen nicht zu reagieren, also musste sie das übernehmen. Wer wußte schob, ob das fremde Tierchen sich nicht auf ihre Feder stürzen würde? Also sprang die kleine Welpin nun doch auf, begab sich wie die Ruhe selbst in die Richtung, aus der der fremde Geruch kam. Angst hatte sie keine, natürlich nicht! Das wäre doch gelacht. Mit federnden, leichtfüßigen Schritten huschte die Fähe also voran, immer wieder zurück blickend. Sie musste auf alles ganz genau aufpassen! Aber sie durfte auch nicht zu weit weg.. sonst wurde noch jemand böse. Aber.. war sie nicht schon zu weit? Aber.. aber.. sie musste doch gucken gehen! Atalya versuchte, diese dumme Neugierde zu unterdrücken. Allerdings ohne Erfolg. Einen letzten Blick zurück werfend rannte sie also los. Man würde es ihr schon verzeihen, immerhin wollte sie das Rudel doch beschützen! Ein welpenhafter Gedanke. Wie sollte sie allein ein ganzes Rudel beschützen? Naja, nicht darüber nachdenken!
Es dauerte etwas, bis sie den Wald erreicht hatte. Oha. Jetzt kam es drauf an.

“Hallo..?“

Die leise Welpenstimme verstummte schnell wieder, während sie sich hinter einem Bäumchen versteckte. Sie hatte keine Angst, aber sicher war sicher. Und vielleicht konnte sie den Gegner so überraschen?


Tyraleen hatte eigentlich erwartet, sich mit dem Ruf nach der Weißen ausreichend angekündigt zu haben und bekam deshalb gleich ein schlechtes Gewissen, als sich Lucina so erschreckte. Offensichtlich war sie so in Gedanken versunken gewesen, dass sie sie gar nicht gehört hatte. Das Lächeln der Weißen wurde etwas unsicherer, verlegen fuhr sie sich mit der Pfote über die Schnauze.

“Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Habe dich nur gerade im Vorbeigehen hier laufen sehen und dachte mir, dass du über ein bisschen Gesellschaft sicher nicht unglücklich bist.“

Es lag eine leise Frage in ihren Worten, ob Lucina lieber alleine sein wollte. Wenn die Unsicherheit Tyraleen einmal gepackt hatte, breitete sie sich gerne auf all ihre Gedanken aus und ließ sie an vielem Zweifeln. Auch daran, dass Lucina sicher keine Fähe war, die die Einsamkeit vorzog und sie sicher selbstbewusst genug sein würde, einfach zu gehen, wenn sie ihre Gesellschaft nicht schätzte. Tyraleen versuchte die Gedanken zu verbannen und sich dafür lieber auf das glückliche Lächeln der Weißen zu konzentrieren. Sie sah wirklich erfreut aus, so würde man sicher nicht gucken, wenn man den Gegenüber fort wünschte. Erst jetzt fiel ihr auch auf, dass an einigen Stellen in dem Fell der Weißen Schlamm klebte und sie insgesamt ein wenig zerzaust aussah. Auch wenn es, nach ihrer Aussage, wohl schon viel besser geworden war. Dank dem Regen, den sie ebenfalls nicht bemerkt hatte. Sie musste wohl sehr in Gedanken versunken gewesen sein, Tyraleen jedenfalls musste schon wieder lachen.

“Wo bist du denn gewesen, dass es dich so verschlammt hat? Wobei bei diesem nassen Wetter natürlich kaum ein Stückchen Erde nicht irgendwann zu Schlamm wird.“

Sie wurde bei der Frage Lucinas wieder ernster und erstmals legte sich Sorge in ihre Augen. Nein, immer war das eigentlich nicht so. Aber vielleicht zählte seit dem Winter ja schon fast als „immer“. Schließlich war tatsächlich die Herbstsonne die letzte Sonne, die sie gesehen hatte. Und das war schon lange lange her.

“Ich kann darüber sicher weniger sagen, als andere Rudelmitglieder, aber normalerweise kann bei uns schon die Sonne scheinen. Aber die letzte, die ich gesehen habe, war die Herbstsonne. Seit der Winter mit seinen Schneegefüllten Wolken zu uns kam, hat keine Sonne mehr geschienen. Das schlägt sich schon irgendwann auf das Gemüt. Ganz so, als hätte sie uns vergessen.“

Ein längerer Blick ging durch das Blätterdach in den Himmel, der heute von besonders dunkelgrauen Wolken verhangen war. Manchmal wurde es etwas heller und man dachte schon, dass sich gleich eine kleine Lücke bilden würde und ein Sonnenstrahl sich durchmogeln würde, aber … das war bis jetzt nie geschehen. Und heute würde es das auch ganz sicher nicht. Mit einem leisen Seufzen sah sie wieder zu Lucina, deren verzweifeltes Versuchen, sich an ihren Namen zu erinnern, sie gar nicht bemerkte.


Shani ging es sofort besser, als sie sah, dass auch Jakash sich ein wenig aufrichtete. Ein wenig glücklicher schien. Lag das nun an ihr? Sie war sich nicht sicher, obwohl es eigentlich kaum einen anderen Grund geben konnte. Trotzdem zweifelte sie an sich als Mutter und an den Gefühlen ihrer Welpen ihr gegenüber. An der Zuwendung, die ihre fast erwachsenen Kinder noch brauchten oder – noch viel mehr – noch wollten. Jakash jetzt verhielt sich aber ganz genau so, wie sie es sich wünschte. Er schien ihre Liebkosung zu genießen und erwiderte sie, wenn auch noch immer ein wenig zurückhaltend. Gab er sich vielleicht viel erwachsener, als er war? Oder brauchten Erwachsene von ihrer Mutter noch immer ab und an die Liebe, die sie ihnen nur all zu gern geben wollte? Shani selbst konnte das nicht beurteilen, schließlich hatte sie ihre Mutter schon mehr als zwei Jahre nicht mehr gesehen und hatte andere Wölfe, von denen sie sich Liebe ersehnte. Sie nahm ihre Schnauze nicht mehr aus seinem Fell, sondern zog sanfte Linien hindurch.
Als er den Blick auf ihre Frage hin senkte, wusste sie sofort, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Dass sie vielleicht sogar genau das angesprochen hatte, warum er überhaupt erst zu ihr gekommen war. Eine Mutter war auch jemand, mit der man über alles reden konnte. Der man gestehen konnte, dass man ein Mörder war – sie würde einen trotz allem bedingungslos lieben. Vielleicht führten deshalb auch so viel zufällige Wege zu Müttern, denen man dann scheinbar zufällig seine Sorgen beichtete – das Unterbewusstsein hatte es aber genau so geplant. Weil Mütter immer da waren.
Seine Unsicherheit, durch seine Worte und Gesten ausgedrückt zeigten ihr erneut, dass an ihrem Sohn weniger erwachsen war, als er manchmal vorzuspielen schien. Wenn sie ihn mit Chardím, seinem Patensohn, zusammen sah, war er so vernünftig und sicher. Natürlich manchmal auch vom Schalk getrieben oder ein wenig übermütig, aber das waren genug Erwachsene ebenso. Jetzt aber schien er plötzlich wieder wie ihr kleiner Welpe, kuschelte sich an sie und schien sich nach nichts mehr, als Sicherheit und Geborgenheit zu sehnen. Und Shani gab ihm diese gerne. Hatte sie sich doch danach gesehnt, endlich wieder genau dafür gebraucht zu werden. Wärme zu geben. Sanft ließ sie sich neben ihren Sohn gleiten und legte ihm den Kopf über die Schulter. Das Gefühl, wie er sich an sie drückte und scheinbar nach noch mehr Wärme verlangte, ließ ihr Herz aufblühen.

“Was ist passiert, dass du so etwas denkst?“

Ihr kam es albern vor, zu beteuern, dass mit ihrem Sohn alles normal war. Aber sie hatte auch nicht das Gefühl, dass er das hören wollte. Viel eher jemandem, der ihm zuhörte und der verstand, was er meinte. Auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, um was er Jakash ging.


Lucinas Lächeln wurde ein wenig breiter als sie sich leicht schüttelte, um die Nässe aus ihrem Fell zu verjagen, jedoch darauf bedacht ihr Gegenüber nicht auch dabei nachzuspritzen. Sie wirkte plötzlich verunsichert... War das ihr Schuld? Lucina wusste nur zu gut wie sich das anfühlte, nicht zu wissen ob es richtig oder falsch war, was man tat oder sagte. Und es war definitiv kein schönes Gefühl.

"Im Moment kann ich von Gesellschaft kaum genug kriegen."

Sie musste über die Wahrheit, die in ihren Worten lag lachen. Ja, sie verabscheute diese ständige Einsamkeit mittlerweile. Jede Sekunge in der sie alleine war, musste sie nachdenken. Und nachdenken konnte...wollte sie nicht. Denn wenn sie nachdachte, lief es immer darauf hinaus, dass einmal mehr diese quälenden Schuldgefühle in ihr hochkamen... Die junge Fähe hatte einfach viel zu viel Zeit mit eben diesen verbracht. Viel zu lang ist sie allein durch die Landschaften gestreift. Viel zu früh musste sie erfahren, was es bedeutet einsam zu sein.
Bei dem Gedanken an ihre Eltern senkte sie den Blick, setzte aber wieder ein Grinsen auf, als Tyraleens Lachen hörte. Da stutzte Lucina auf einmal. Tyraleen....ja, das war ihr Name! Sichtlich erleichtert breitete sich das Grinsen auf ihrem zierlichen Gesicht aus, glücklich darüber, dass ihr der Name doch noch rechtzeitig eingefallen war. Ein gutes Zeichen. Hoffte sie jedenfalls.

"Naja, den verzweifelten und wohl auch ziemlich erfolglosen Versuch meinen Orientierungssinn zu...erweitern fand der Boden wohl nicht ganz so toll und hat mir buchstäblich ein paar Steine in den weg gelegt, über die man ganz prima stolpern kann."

Als Tyraleen weitersprach, bemerkte sie, wie sie auf einmal ernster wurde. Wie eine stumme Antwort, sah sie die Weiße vor ihr durch ihre tiefen Augen an und lächelte aufmunternd.

"Das Wetter hat wirklichen einen seltsamen Einfluss auf einen. Aber ich glaube nicht, dass die Sonne dieses Tal vergessen hat. Sie ist immer da. Selbst wenn man sie nicht sehen kann. Sie hat sich nur irgendwo versteckt. Die kommt schon wieder."

Lucinas Blick folgte dem Tyraleens, doch sah sie dort nicht eine bedrückende, triste Wolkendecke, sondern riesige Baumkronen deren Blätter im Wind zu tanzen schienen. Fasziniert sah sie ihnen zu...


Jakash spürte, wie seine Mutter sich zu ihm legte und ihren Kopf auf seine Schultern bettete. Ein wunderbares Gefühl. Es vertiefte die Nähe, die Geborgenheit und Vertrautheit. Versprach noch mehr Sicherheit und Schutz. Jakash entspannte die Muskeln und spürte Wärme durch seinen Körper fluten, die ihm half, sich auch innerlich zu lösen. Leider konnte sie die unterschwellige Angst nicht vertreiben, aber zumindest für ein paar Augenblicke konnte der junge Schwarze so tun, als gäbe es keine quälenden Sorgen. Der junge Rüde schloss die Augen, atmete tief und gleichmäßig. Seine Mutter war für ihn da, liebte ihn und war ihm nicht böse. Alles war gut. Zumindest im Augenblick.
Doch wie würde sie reagieren, wenn er ihr von seinem Problem erzählte? Würde sie dann noch immer so an ihn geschmiegt liegen wollen, würde sie ihn dann noch immer lieben? Jakash zog die Läufe ganz dicht an seinen Körper bei dieser Vorstellung, in seinem Magen entstand ein Klumpen. Er wollte seine Mutter nicht verängstigen, wollte nicht, dass sie ihn mit anderen Augen sah als jetzt gerade. Er wollte der Sohn bleiben, den sie liebte, auf den sie stolz sein konnte.
Jakash tröstete sich an der Wärme seiner Mutter, während er innerlich mit sich rang. Ihre Frage ließ ihn schlucken. Natürlich hatte er sie erwartet, doch es fiel ihm schwer, sich zu einer Antwort durchzuringen. Unzählige Satzfetzen schwirrten in seinem Kopf herum, doch keiner wollte für einen Anfang passen. Auch wollte er nichts Falsches sagen, aber woher sollte er wissen, wie sie reagieren würde? Womit würde er ihr Angst machen und diesen friedvollen Moment zerstören? Mehrmals setzte Jakash zu einer Antwort an, stockte, und musste sich wieder sammeln. Das Schweigen dehnte sich unangenehm, sodass der junge Schwarze sich mehr und mehr zu einer Antwort genötigt fühlte. Ein nervenaufreibender Antrieb, der seine Wirkung jedoch nicht verfehlte.

"Ich... ich war gemein zu Rakshee. So richtig... gemein. Ich hab sie angeschrien, und gesagt, sie solle verschwinden... und hab geknurrt und... und als sie nicht ging, wollte... da wollte ich sie beißen... sie verletzen..."

Jakash verkrampfte sich und presste die Augen fest zusammen, als die Erinnerung in ihm klar und lebendig wieder hochstiegen. Er wusste, der durfte sich jetzt keine Pause gönnen, sonst würde ihn seine Mutter falsch verstehen, udnd as durfte sie auf keinen Fall!

"Es war.. es war so komisch... so echt, aber... auch wieder nicht echt. Das Gras, die Bäume.. alles war grau und verzerrt, wie bei starkem Sturm, aber da war gar kein Wind.. und Rakshee.. ihr Fell war ganz weiß, und es hat geleuchtet, so richtig grell. Es hat weh getan in den Augen, und es war ganz heiß... Ich hab gedacht, sie wollte mich verbrennen, ihre Nähe hat so weh getan..."

Jakash brach erneut ab, zitterte und presste sich noch enger an seine Mutter, obgleich das kaum möglich war. Es dauerte eine Weile, bevor er sich wieder etwas beruhigt hatte und wieder sprechen konnte.

"Ich hab sie gehasst dafür... in dem Moment... hab ich sie nur gehasst! Dabei liebe ich meine Schwester doch! Aber es hat sich so echt angefühlt.. so wirklich... dabei geht das gar nicht... Rakshee ist nicht weiß und strahlt auch nicht... und die Welt ist nicht grau und... und wasweißich... ich hab halluziniert...",

schloss er. Er hatte die Augen wieder geöffnet, sah aber nur zu Boden. Und wartete. Wartete, dass seine MUtter reagierte, dass sie ihn tröstete oder wegjagte. Ersteres wünschte er sich, Letzteres fürchtete er.

"Das war schon das zweite Mal...",

gestand er noch...


Chanuka saß nachdenklich im Eingang der Höhle und sah auf den Rudelplatz hinaus. Wie immer war seine Mama sehr beschäftigt, doch er wollte sich nicht daran stören. Sie hatte als Leitwölfin eben Verpflichtungen und es gab keinen Grund, ständig an ihrem Rutenzipfel zu hängen. Er wurde älter, ein bisschen mutiger und selbstständiger. Trotzdem wollte er nach wie vor nicht so gerne auf Fremde zugehen, konnte nicht so viel mit den anderen Welpen anfangen, außer sie irgendwie für ihre sonnige Art zu mögen, oder für ihr unbefangenes Dasein. Er wünschte sich, jemand anderes zu sein. Einer von ihnen. Gleichzeitig akzeptierte er sich selbst, wie er war. Etwas Besonderes. Jemand anderes. Ein Fehler. Was auch immer. Der Unterschied wollte ihm noch nicht einleuchten. Seit er mit Averic seine rote Feder eingepflanzt hatte, war er noch einmal mit seinem Vater dort gewesen. Die Momente waren unglaublich wertvoll, obwohl er nicht so sicher war, ob der große schwarze Rüde mit den magischen Streifen unter den Augen wusste, dass ihm die Feder nicht annähernd so wichtig war, wie die wenigen, kostbaren Augenblicke mit seinem Vater, in dene sie allein waren.
Schüchtern wie er war grübelte er schon seit geraumer Zeit, ob er dem großen Wolf erneut zu Leibe rücken durfte, ohne ihn damit zu nerven. Letztlich hielt er sich nicht länger zurück und machte sich auf den Weg über den Rudelplatz. Überall tobte wie immer das Leben und das Chaos, dass dieses mit sich brachte. Und irgendwo beim See war etwas bedrohliches, was größer wurde und näher kam. Aber so genau konnte er damit nichts anfangen. Er wusste nur, was gemunkelt wurde. Antworten schien niemand zu kennen, auch keiner der Erwachsenen. Dass der See so ruhig und verschwiegen geworden war, störte Chanuka im Grunde nicht. Dennoch hatte er gelernt, dass nicht jede Stille angenehm war. Er hoffte nur, seiner Feder würde nichts geschehen und er durfte sie weiter besuchen.

“Averic?“

Fragte er mit vorsichtiger, zaghafter Stimme, als er seinen Vater erreicht hatte. Etwas unschlüssig blieb er vor ihm stehen und wartete ab. Er wollte nicht gleich loslegen, mit reden, ohne zu ergründen, ob es überhaupt in Ordnung war, dass er hergekommen war.


Akrus Nähe hätte Banshee nicht entgehen können. Nicht sein leiser Duft, der ihr trotz Regen und schwachem Wind zugetragen wurde und nicht seine Präsenz, die sich immer wieder wie ein Netz um sie legte, kaum spürte sie ihn in ihrer Nähe. Trotz der Zeit, die mittlerweile vergangen war, hatte sich nichts zwischen ihnen geklärt. Ihre Haut prickelte noch immer, wenn er bei ihr war und sie wusste, dass er sich ihr kaum entziehen konnte. Sie hätte gedacht, dass sich das alles verflüchtigen würde nach ihrer Fehlgeburt und ihrem schwachen Erstarken in Nyotas Läufen … doch dem war nicht so. Nichts hatte sich geändert, nur wagte sie es jetzt nicht einmal mehr in Akrus Nähe schwach zu sein. Dabei war allein er es gewesen, dem sie diese Schwäche anvertrauen konnte.
Noch lief sie nicht direkt in seiner Nähe, doch ihre Schritte hatten sich längst entschlossen, ihn anzusteuern. Er stand dort im Regen und folgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen. Wusste er, wie er sie noch immer gefangen nahm? Oder dachte er, sie hätte auch ihn vor die Mauer ihres Herzens gesetzt? Sie wusste es nicht, aber beides wäre gut. Sie hatte ihn fast erreicht, da kam aus dem Wald ein junger Rüde gesprungen. Nein, eigentlich war er gar nicht so jung, er machte nur den Eindruck. Hatte er gerade zu ihr gebellt? Er sah aus, als würde er sie verwechseln. Als dächte er, sie wäre seine Mutter oder seine Schwester. Fast verwirrte er sie. Doch bevor er sie erreicht hatte, war sie neben Akru stehengeblieben. Sie sah ihn nicht an, berührte ihn auch nicht und doch musste er spüren, dass ihre Sinne noch viel mehr auf ihn, als auf den jungen Fremden gerichtet waren. Eine kleine Weile lang stand sie stumm so da, dann trat sie einen winzigen Schritt näher zu Akru und rief dem fremden Rüden zu.

“Fremder, willkommen.“

Viel mehr fiel ihr dazu nicht ein, sicher würde der Rüde sich gleich erklären. Hoffentlich. Sie wurde sich der Tatsache bewusst, dass Akru und sie aussehen mussten wie das Leitwolfpaar. Schmerzlich erinnerte es sie an die wenigen Male, an denen sie so mit Acollon einen Fremden begrüßt hatte. So viele Wölfe hatten sich schon zu ihnen verirrt, so viele Namen hatte sie sich gemerkt … so wenige kannte Acollon. Ihre Gedanken wurden von einem Heulen und von der Antwort Nyotas darauf unterbrochen. Sie war dankbar dafür. Ihre Schwester stand hoch aufgerichtet inmitten des Rudelplatzes und sah hübsch aus. Der Regen klebte in ihrem Fell und ihr Pelz war zerzaust, trotzdem wirkte sie genau so, wie eine Leitwölfin zu wirken hatte. Banshee warf ihr ein Lächeln zu, auch wenn die Schwarze es wohl nicht sehen würde. Im gleichen Moment wurde sie sich einer weiteren Präsenz gewahr. Ihr Kopf schnellte herum und schnell hatte ihre Nase einen weiteren Fremden geortet, auch wenn sie ihn noch nicht sah.

“Fremder, zeigt Euch!“

Ihre Stimme klang stärker, als sie war. Sie mochte es nicht, wenn neue Wölfe sich unangekündigt irgendwo im Gebüsch herumtrieben und sich den Eindruck verliehen, nichts Gutes im Sinne zu haben. Noch immer streiften ihre Augen aufmerksam über den Waldrand, wurden jedoch immer wieder von Akrus Gesicht angelockt.


Nerúi hatte gerade wieder angefangen zu lächeln, als Turién ihr die Freude sogleich wieder mit Ärger zerwühlte. Natürlich war der Baum nur wegen ihr so! Immerhin hatte sie ihn zum Wächter für ihre Muschel gemacht! Grimmig wirbelte sie zu ihrem Baum herum.

“War ich wohl! Ich hab ihm meine Mupfschel gegeben, und darum ist er viel größer und schöner geworden, weil er auf sie aufpassen darf! Und weil meine Muschel lebt!“

Was auch immer das damit zu tun hatte - das hatte Turién bestimmt noch nicht gewusst! Und sie verstand es auch nicht so richtig. Aber Bäume lebten ja auch. Was aßen eigentlich Bäume?

"Kann ich wohl beweisen! Ist immerhin meine Muschel!"

rief sie ihm über die Schulter hinweg zu, und hob die Rute so hoch wie es nur ging, um so um den Baum herum zu stolzieren.

"Jah, ich muss mich auch hinter keinem verstecken, weil ich stärker bin!"

keifte sie ihn an, und trat wieder auf Turién zu.

"Und Fliegen bringt mir Kylia auch noch bei!"

Auf das Problem mit der Farbgebung konnte sie jedoch nichts erwiedern. Sie war wirklich nicht besonders hell, sondern dunkel und...naja, dunkel eben. So wie Mama und Papa auch. Als Turién die Augen schloß duckte sie sich augenblicklich zum Sprung, und hopste genau an ihm vorbei, weil er mit einem fiesen Trick unter ihr hinwegtauchte und plötzlich auf dem Rücken lag. Ungeschickt landete sie auf zwei Pfoten plus Nase, kugelte sich auf den Rücken und rollte dann zu ihrem Bruder zurück, ohne aufzustehen.

"Na Engaya. Und die hat es den Wölfen verraten!"

versuchte sie zu erklärten. Das mit Engaya hatte sie noch nicht so genau verstanden, und wenn sie es genau betrachtete dann schwebte noch immer keine Pfote über ihrem Kopf, aber irgendwie musste die ja wichtig sein...

"Was denn, was denn?"

fragte sie, sich ebenfalls zu Turién wendend, und sofort Feuer und Flamme für jegliche Vorschläge.


Oha. Schneller als erwartet durchquerte er den Wald. Der vom Regen aufgeweichte Boden schien seine Pfoten festhalten zu wollen und doch schaffte er es immer wieder locker sich aus dem Sog des Schlamms zu befreien und seinen dürren alten Körper dem unerklärlichen Ziel näher zu bringen. Wie ein Geist tauchte er zwischen den Bäumen auf, die Blinden Augen ins nichts gerichtet als erhoffe er dort etwas zu finden. Noch immer war da diese finstere Präsenz die an ihm zu kleben schien wie Pech an einem Wattebausch. Es schien wirklich als kehre Fenris selbst im Schatten den Blinden an diesen Ort zurück. Kengo schnaufte als er diese kindliche Stimme vernahm. Wieder öffnete er den Fang, entblößte die vergilbten bleichen Zähne und stieß ein hustendes Gelächter aus. Der Geruch eines Welpen umwehte seine alte Nase und die ergraute Schnauze zuckte in eisiger und stummer Erwartung.

"Komm hinter dem Baum hervor, Kindchen"

Er mochte sie nicht sehen aber seine Ohren und seine Nase mussten dieses Defizit ja irgendwie ausgleichen und so waren sie schärfer geworden damit er durch das verlorene Augenlicht nicht zu schaden kam. Er blieb stehen. Zwar vermochte er nicht genau zu sagen wo sie sich aufhielt, aber DASS sie da war, stand außer Frage. Seine Rute hing locker nach unten. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Keine Angst, Keine Gnade. Schon gar nicht vor einem Welpen. Auch wenn sie wahrscheinlich dem hier lebenden Rudel angehörte, so war sie ihm doch unterlegen. Ein Haps und die Kleine wäre Geschichte. Wie alt sie wohl sein mochte. Sicher nicht Älter als ein Mondlauf. Demnach musste er ihr doch Respekt erweisen wenn sie sich allein und ohne Begleitung in den Wald wagte wo ein Fremder herumstreunte. Noch einmal lachte er hustend auf ehe er erneut das Wort an sie richtete.

"Bist du kühn oder einfältig? Wohl eher letzteres wenn du allein in den Wald läufst. In deinem Alter. Haben dir deine Eltern nicht erzählt dass im Wald, im tiefen, dunkelen, finstren Wald das Ungeheuer namens Fenris darauf lauert, dumme Welpen mit in die Hölle zu nehmen?"


Ruhig verharrte die Graue hinter dem Baum, ihre Augen suchten jedoch aufmerksam die Umgebung ab. Die Ohren der kleinen Fähe neigten sich nach hinten, als die Fähte des Wolfes wirklich näher kamen. Er kam näher, sprach aber kein Wort. Ganz vorsichtig streckte Atalya den Kopf an dem Baum vorbei, die rot-braunen Augen auf den Schatten gerichtet, der nun näher kam. Hah! Der erste Fremde den sie traf. Ok.. der nicht zum Rudel gehörte. Gehörte er ihr, jetzt, wo sie ihn gefunden hatte? Gute Frage. Vielleicht würde sie ihre Eltern danach fragen. Aber erst musste sie sich um ihren Wolf kümmern. Sofort stellten sich Atalyas kleine Ohren auf, als eine Stimme zu ihr durchdrang. Und da war er auch schon. Ein fremder Rüde. Braun, um einiges größer als sie. Mutig wie sie war trat sie hinter dem Baum hervor, den Kopf hoch erhoben. Sie musste ja gleich mal zeigen, wer hier das Sagen hatte. Immerhin war der Rüde fremd. Und so roch er auch.

“Ich bin ja schon da.“

Wenige Meter gegangen ließ sich die Welpin auf die Hinterläufe sinken, den Kopf aber immer noch in die Luft gestreckt. Vielleicht.. ließ er sich davon beeindrucken? Konnte doch sein. Atalyas Kopf neigte sich zur Seite, lauschte den weiteren Worten des Rüden.

“Fenris?“

Fragend neigte sie den Kopf zur anderen Seite. Kam es ihr nur so vor, oder sah dieser Wolf sie nicht an? Aber er schien gern zu reden. Und dazu so verwirrend. Schmunzelnd brachte sie den Kopf in aufrechte Position, blickte den Braunen aber fragend an.

“Ich habe keine Angst. Warum sollte ich Angst haben? Und meine Eltern sind da hinten und passen von da auf mich auf! Außerdem sind da auch noch Madoc und Liam, die passen auch auf mich auf!“

Überzeugt grinsend reckte Atalya den Kopf wieder etwas höher. Ja, sie würden sie beschützen! Da war sie sich sicher.


Der Regen tropfte von ihrem weißen Fang hinab zur Erde. Ihr nasses Fell schmiegte sich seidig an ihren Leib. Die bernsteinfarbenen Augen strahlte durch die graue Luft. Und sie kam zu ihm. Zwar sah sie nicht auf und sagte auch nichts, doch sie war auf ihn zugekommen. Sein Herz pochte schmerzhaft gegen seine Rippen, als wolle es ihm aus der Brust springen. Kurz keuchte er auf. Ihre Nähe war warm und süß. Ihr Duft war nun, wo sie neben ihm weilte, stärker und riss ihn aus der Wirklichkeit. Akru schloss die Augen und verharrte, still und genoss die gemeinsame Stille. Genoss den Augenblick, der ihn aus seiner fernen Vergangenheit befreite. Banshee war hier, bei ihm. Er war ihr nicht zuwider. Ein seliges, leises Lächeln trat auf seine Lefzen. Hier lag sein Leben, hier lag der Beweis seiner Liebe und ihrer Zuneigung. Der Graue nutzte seine Anziehungskraft nicht aus, er wollte Banshee nur frei. Die Zeit blieb stehen. Sie wollte ihm diesen Moment nicht zerstören, ließ ihn einfach schweben. Und er ließ sich fallen...
Allerdings wehrte dieses Glück nicht lange und er vernahm begrüßende Worte der Weißen. Widerwillig öffnete er die Augen und erkannte die Fremdlinge. Der eine war offen auf die Leitwölfin zu gegangen- und für einen Moment wollte er aufspringen und sich schützend vor Banshee stellen, doch er blieb still. Der andere wartete. Und schon wieder waren sie nicht für sich. Schon wieder konnte der Graue nichts zu ihr sagen. Wieder einmal wurde diese Zweisamkeit gestört. Gönnte man ihm denn rein gar nichts?
Seufzend- nein, es klang eher nach einem Stöhnen- erhob er sich und rückte ein Stück näher an Banshee heran. Nur einmal noch wollte er sie spüren. Ein letztes Mal, bevor sie ihn fort schicken würde. Ein sanftes Murmeln verließ seinen Fang. Mit einem leichten Lächeln versuchte er ihr in das schöne Gesicht zu sehen. Versuchte sich zu erklären. Wollte Antworten. Aber er wusste, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür gekommen war.
Leicht berührte er mit seiner Flanke ihren Bauch, die Schnauze glitt sacht über ihren Rücken. Streifte nur zart über das herrliche Fell. Er sog den Duft ein, ihren Duft. Sie roch nach Flieder, wie der erste Tau, wie ein Frühlings Morgen. Wieder schloss er die Augen, doch diesmal nur um zu verstecken, welch Schmerz es ihm bereitete. Dann rückte er ab. Ein furchtbares Zerren wollte ihn wieder in Banshees Richtung ziehen. Wie gern würde er diesem Verlangen nachgeben. Alles hätte er dafür gegeben. Alles. Doch sein Verstand wusste es besser. Es würde sie nur wieder verletzen, es würde sie noch tiefer in den Abgrund ziehen. Dabei wollte er ihr doch nur helfen, dabei wollte er sie doch nur beschützen. Einfach nur in ihrer Nähe sein. Mehr nicht.
Leicht ließ er den Kopf hängen. Der Regen rollte von seiner Stirn, seinen Fang hinab zum Boden. Tränen aus Regen. Er wollte vor Banshee keine Schwäche zeigen, wollte ihr nicht wehtun. Sie würde sich sonst schlechter fühlen. Nein, sie sollte glücklich werden.

“Banshee... es- tut mir leid!“,

damit drehte er ihr den Rücken zu und machte nur leichte Anstalten in Richtung Wald zu verschwinden. Blieb stehen. Unentschlossen. Wieder ein schmerzhaftes Pochen. Er zuckte zusammen und kniff die Augen zu. Würde es mit diesem Abbruch ihre letzte Begegnung sein? Würde er sie je wieder sehen? Sollte er es überhaupt? Und nun traten wirklich Tränen in seine Augen. Sie würde sterben, er hatte es gesehen. Sie würde an ihm zerbrechen. Keine Schwäche, sagte er sich selbst, aber konnte sich nicht rühren. Die beiden Fremden hatte er völlig ausgeblendet. Nur eines hatte Platz in seinem Leben. Und er wusste, seine Seele würde mit ihr verschwinden. Er war ihrer nicht wert und doch würde er sie beschützen, bis... bis Acollon wieder bei ihr sein würde. Wieder ein Keuchen, noch ein Schritt.


Aradis starrte Kisha erstaunt an. Ah ja. Neuerdings schafften es wirklich alle, sie zu verwirren. Doch die arme Fähe vor ihn schien wirklich orientierlos zu sein. Aradis seufzte innerlich. Doch was sollte man machen? Sie tat einfach so, als würde sie Kisha auch noch nicht kennen. Etwas anderers würde die Arme nur noch mehr verwirren. Dann stieß auch noch Rakshee hinzu. Aradis begrüßte sie wortlos, mit einem freundlichen Lächeln.

"Ich heiße Aradis. Es freut mich, dich kennenzulernen. Du bist hier im Tal der Sternenwinde. Banshee ist die Leitwölfin, zusammen mit Nyota. Das sind die weiße Fähe und die Schwarze dort."

Sie lächelte Kisha weiter ermunternt zu. Vielleicht würde sie ihr Gedächtnis irgendwann wieder zurückgewinnen.
Man konnte nie wissen. So konnte sie nur eines tun: Ihr dabei helfen. Ihr jedoch nichts aufdrängen. Wenn sie sich nicht an ihr altes Ich erinnern konnte, hatte es wenig Sinn, ihr davon zu erzählen. Es würde sie einfach nur maßlos verwirren, ja, wahrscheinlich sogar verängstigen. Die grünen Augen schauten warm in die kastanienbraunen der Fähe. Ihr Aussehen hatte sich wenig verändert. Kisha hatte immer noch schwarzes Fell,es war jedoch nicht mehr so seidig glänzend, wie es einst war, sondern etwas... hm. Zerrupft. Nein, das wäre vielleicht ein wenig hart gesagt. Aber es glänzte einfach nicht mehr. Genau wie ihre Augen. Sie waren immer noch vom gleichen Braun. Doch ihre Augen glänzten nicht mehr vor Lebensfreude, sie waren irgendwie ... stumpf. Hatte sie mit dem Gedächtnisverlust auch die Lebenslust verloren? Es war einfach nur traurig. Wie konnte jemand wie Kisha nur so zurückkommen? Vielleicht hätte sie sie nicht allein weitergehen lassen dürfen.

oO(Was soll das? Warum gibst du dir selbst die Schuld für etwas, das du doch nicht verhindern konntest? Lass es einfach. Und hilf ihr, so gut du kannst. Alles andere wäre unfair- auch dir selbst gegenüber)

Doch eine Frage stellte sich der weißen Aradis immer wieder: Wie hatte Kisha zurückgefunden? Aradis nannte die 'neue' Kisha absichtlich 'Kisha', wie früher. Hoffentlich, hoffentlich würde Kisha ihr Gedächtnis wiedererlangen.


Naiv, einfältig und frech noch dazu. Wusste sie denn nicht welche Gefahren hier im Wald auf sie lauern konnten? Hatten ihr Ihre Eltern denn nicht beigebracht auf alles zu achten? Was waren das nur für Eltern. Kengo drehte nachdenklich ein Ohr zur Seite, schien nachzudenken. Ihre Eltern waren in der Nähe. Aber das war nicht unbedingt ein Schutz. Schutz wäre es gewesen wenn sie hinter dem nächsten Busch gehockt hätten, aber da war niemand, das hätte er gehört, oder gewittert. Er scharrte leicht mit der Pfote über den schlammigen Boden ehe er sich ebenfalls dazu bequemte sich hinzusetzen.

"Angst ist keine Schwäche, zumindest nicht in deinem Alter. Angst ist nichts weiter als der Instinkt zum Überleben. Wenn du keine Angst hast, wirst du leichtsinnig und das kann schnell dein Ende bedeuten, Kleine. Ich zum Beispiel, könnte dir mit zwei Bissen den Kopf abreißen. Ohne dass deine Eltern es mitkriegen würden."

Er lachte schnarrend und plusterte die Rute auf um den Schlamm abzuwehren. Da er aus dem Norden Japans stammte, wo die Winter mit viel Schnee und Matsch daherkamen, war sein Fell Wasserabweisend. Wie praktisch in solch einer Gegend wie hier. Prüfend sog er Luft ein, versuchte zu erahnen wie sein Gegenüber war, wie Groß, wie Alt. Er schätzte sie ja immernoch auf höchstens einen Mondlauf. Wenn überhaupt. Er bleckte leicht die Zähne, neigte den Kopf und versenkte die Zähne in seinem Brustfell, nagte darin herum ehe er losfluchte.

"Verdammte Brut, ich hasse Flöhe"


Von sich selbst vollkommen überzeugt blieb die junge Fähe sitzen, beobachtete neugierig den Fremden. Nein. Sie hatte keine Angst. Nicht vor dem Rüden und auch nicht vor dem, was dort vielleicht im Wald hauste. Sie wußte ja auch nicht mal, was da war. Und vor unbekanntem hatte sie erst recht keine Angst. Hatte der Rüde vielleicht nur Angst und versuchte das zu verstecken? Jetzt setzte sich auch der Fremde. Und ganz kurz konnte sie einen Blick auf seine Augen erhaschen. Komische Augen. Sie erinnerte sich an Madocs Augen. Sie waren rot.. Die ihres Vaters waren blau. Und diese Augen.. Kaede hatte solche Augen. Ja, genau! Die Wölfin, die zusammen mit ihrer Mama Welpen bekommen hatte. Was war das bloß, bei seinen Augen?

Das würdest du dich gar nicht trauen! Dann würde mein Papa dir bestimmt weh tun! Der würde das merken, weil ich dann ganz laut schreien würde!“

Ein fast schon stolzes Grinsen legte sich auf die Lefzen der jungen Fähe. Auf ihre Eltern, Geschwister und das ganze Rudel konnte sie sich verlassen. Auch auf Oma Banshee. Wieder neigte sich Atalyas Kopf zur Seite. Was.. machte der Braune den da? Er biß sich im Brustfell herum. Einige Male blinzelnd machte die Graue einfach mit. Ein paar kurze, zwickende Bisse, ehe sie den Kopf wieder hob und mit einem Schnauben auf die Pfoten sprang.

“Da ist gar nichts! Was sind Flöhe? Kann ich da auch was von haben?“


Eine Woche war bereits vergangen. Eine gesamte Woche, in der Zcale mit den anderen Neuzugängen ein paar Gebräuche, Sorgen und Nöte, aber auch ebenso den Alltag des Rudels mitbekommen hatte und doch, er fühlte sich nicht heimisch. So, wie er sich nirgendswo auf dieser Welt geborgen fühlte. Warum war er zu dieser Gemeinschaft gestoßen? Was hatte ihn nur so magisch angezogen? Der Rüde wusste es nicht und doch fühlte er immernoch dieses Tiefe Verlangen hier zu bleiben. Bei diesen Wölfen, die ihm immer noch allesamt unbekannt waren und die er wahrscheinlich niemals so sehr kennenlernte, als dass er sie als 'Freunde' bezeichnen konnte. Warum eigentlich?

Fragen über Fragen rauschten in seinen Ohren, schrien in sein Bewusstsein, manifestierten sich zu einer uneinnehmbaren Festung seines Herzens. Nie konnte der Graue eine eindeutige Antwort auf irgendeine von diesen kleinen und großen Biestern geben, aber dennoch brannte in seinem Geist immer dieses Warum, dieses Wie, dieses Wo und Was...ein endloser Kreislauf und gleichzeitig Fluch und Segen. Er hatte damit leben gelernt und würde mit dieser Ungewissheit sterben und auf den Pfaden dahinwandeln, die so viele Wölfe vor ihm gegangen waren. Vielleicht schon morgen, vielleicht in einer Woche, vielleicht aber auch erst in ein paar Jahren. Wer wusste das schon?

In den letzten paar Tagen war Zcale immer derjenige gewesen, der sich zurückgezogen hatte, der oft Stundenlang verschwunden war, um dann lediglich etwas abseits der Gemeinschaft zu schlafen, oder auch mal ein Auge auf die Welpen zu werfen. Er war wie ein unsichtbarer, aber präsenter Schatten. Ein Fels in der Brandung, dem man zwar keine Beachtung schenkte, aber immer die stumme Gewissheit hatte, dass er da war. So war es nun auch an diesem Tag, als er alleine durch den Wald streifte. Dass das Nichts sich hier deutlicher zeigte, als anderswo erkannte der Rüde und er vermied es tunlichst, sich diesem unergründlichen Etwas zu nähern, obwohl seine Seele danach letzte, dieses genauer zu erkunden, hatte Zcale dennoch eine instinktive Angst, die ihn anhielt, es mit seiner Neugierde und seinem ruhelosen Geist nicht zu weit zu treiben.

Schließlich blieb er stehen und sah mit seinen hellblauen Augen nach oben. Der Himmel erstrahlte wie jeden Tag, seit er hier angekommen war in demselben, hoffnungs- und trostlosen Grau. Leise seufzte er und eine tiefe Stimmung angenehmer Melancholie breitete sich in ihm aus. Seine Ohren waren starr nach vorne gerichtet, seine Rute sanft zwischen seinen Läufen hängend und geruhsam schloss er die Augen. Frieden....er empfand so etwas wie wohltuenden Frieden. Ob es falsch war? In solch einer unheimlichen Zeit Frieden zu empfinden? Vielleicht, doch dem Grauen war dies in dem Moment vollkommen gleichgültig. Er war schon immer ein Sonderfall seit seiner Geburt. Er war, was er nun einmal war. Unergründlich, tief und voller Fragen, die er nie lösen würde können.


Cyriell hörte nicht, dass er verfolgt wurde, spürte er doch kaum, dass er überhaupt lief. Sein Körper arbeitete von ganz allein, trieb ihn an, weiter und weiter und weiter. In seinem Kopf dagegen pochte es, hallten Aryans Schreie nach und echoten schmerzhaft in den Ohren des Grauen nach. Zweige peitschten ihm ins Gesicht, rissen an seinem Flankenfell, doch er spürte nichts davon. Vor ihm von Tränen verschleiert die Nebelbank. Und dann plötzlich ein Schatten, groß und schwarz und bedrohlich. Cyriell erstarrte innerlich, nur seinen Körper konnte nicht zum Stoppen bringen. Der Graue wusste, dies war sein Ende. Es spielte keine Rolle, ob die schwarze Gestalt sein Bruder oder der Tod persönlich war - sie würde ihn töten. Es war zu Ende. Vorbei. Cyriell konnte nur noch die Augen fest zusammen kneifen, dann prallte er auch schon in den Schwarzen hinein. Die Wucht trieb ihm die Luft aus den Lungen, ließ seine Knochen knirschen und seine Muskeln vor Agonie schreien. Glühend bohrten sich Lanzen aus Schmerz in seinen Nacken, breiteten sich heiß wie Feuer in ihm aus. Unbändige Kraft riss ihn herum, wehrlos, haltlos. Der Graue spürte nur das Wirbeln, glaubte für einen Moment im freien Fall zu sein. Ein Schrei wollte sich seinen Weg nach außen bahnen, Cyriell öffnete den Fang, doch gierig sogen seine Lungen Luft ein und erstickten jeden Laut. Dann wieder ein aufprall, diesmal rücklings, der Graue riss das Maul auf und spie Blut. Wieder presste es ihm die Atemluft weg. Der Schwung ließ ihn sich noch herum drehen, sodass seine halb gestreckten, halb angewinkelten Läufe auf den Boden schlugen und der junge Rüde seitlich zu liegen kam. Alles drehte sich, verschwamm, während jede Bewegung durch pulsierenden Schmerz gelähmt wurde. War er jetzt tot? Cyriell wusste es nicht, fühlte sich weder lebendig noch völlig losgelöst. Da war nur Schmerz, körperlich wie seelisch, obgleich seine Gedanken nunmehr durch die pulsierende Glut verstummt waren.
Schritte. Schritte, die sich näherten. Also war er doch noch nicht tot. Aber gleich. Der Schatten kam, um es zu beenden. Cyriell rührte sich nicht, konnte es gar nicht. Etwas Schwarzen sank in sein Gesichtsfeld, regenblau Augen sahen ihn an. Aryan.

'Bruder... tötest du mich jetzt, Bruder?',

dachte er nur, dann senkte sich Schwärze über ihn...


Der Wolf vor ihr war verwirrend. Er sprach von Dingen, die sie nicht kannte. Die kleinen Ohren drehten sich vor und zurück, nur um ja kein Wort zu verpassen, was die Lefzen des Braunen verließ. Konnten ja wichtige Informationen sein. Und dann lachte der Rüde auch noch. Wieder neigte sich Atalyas Kopf etwas zur Seite, während sie das Gesicht etwas verzog. Was war den nun soo lustig? Naja, sie grinste einfach mal etwas unbeholfen. Was sollte sie auch anderes machen? Aber wenigstens sprach er dann weiter, worauf sie wieder reagieren konnte. Hah! Aber seine Frage war schon komisch.

“Siehst du denn nicht, das ich viiel kleiner bin als du? Ich bin noch ganz jung! Vor ein paar Tagen sind wir erst aus der Höhle raus gekommen. Und wenn du mir was tust, dann kommt jemand anderes und tut dir weh!“

Nun reckte der Braune den Kopf hoch. So wie sie es zuvor getan hatte. Sie allerdings blieb stehen wie zuvor, beobachtete den Fremden. Fremder, Rüde, Brauner. Er hatte sich noch nicht vorgestellt! Bei Gelegenheit würde sie das mal nachholen. Kurz schüttelte die Graue ihr Fell, richtete den Blick dann aber auch schon wieder auf den besagten Fremden. Wir auf Kommando richtete sie den Blick bei seinen Worten auf ihr Fell. Nun stellte sie sich kleine Tierchen vor, die wie ihr Pelz aussahen und Blut saugten.

“Aber wenn man ganz viele davon hat, so viele wie Fell, ist man dann nicht leer? Wie viel Blut hab ich den? Hast du viele Flöhe?“

Blinzelnd und auf eine Antwort wartend machte die kleine Fähe einen Schritt auf den Rüden zu. Dann beobachtete sie wieder ihr Fell. Hatte sie vielleicht auch solche Tierchen, irgendwo in ihrem Pelz? Wenn sie genau darüber nachdachte, begann es sie auch zu jucken. Wieder schüttelte sich Atalya. Oh man! Jetzt wurde sie auch ausgesaugt? Prüfend drückte sie ihre Schnauze in das graue Fell und schnüffelte darin herum. Da schien nichts zu beißen. Hmm, komisch. Beobachtend, wie sich der Rüde streckte, sah sie sich bei seinen Worten skeptisch um. Mit ihm kommen? Warum wollte er den nicht über den Rudelplatz? Hatte er vielleicht doch Angst bekommen? Ihre Gedanken wiederholten sich.

“Da ist aber irgendwo ein Nichts! Also.. da ist einfach nichts. Ganz viele Wölfe haben Angst davor, wir dürfen da nicht hin. Willst du nicht lieber mit zu den anderen kommen? Vielleicht kannst du uns allen etwas erzählen!“

Sie hatte keine Angst, in die Nähe des Nichts zu gehen. Aber sie wollte auch nicht den „Gesetzen“ des Rudels widersprechen. Vielleicht waren ihre Eltern böse, wenn sie mit dem Fremden dort hin ging? Aber es war schon verlockend, etwas erzählt zu bekommen. Sie seufzte.

“Wie heißt du eigentlich?“

Nun wandte sie, ohne auf eine Antwort zu warten, den Kopf herum. Da war doch noch jemand! Ein lautes Wuffen verließ die Kehle der Welpin. Der Geruch kam ihr schon bekannter vor. Ihr Blick glitt wieder zu dem Braunen. Sie war gespannt, was nun alles noch passieren würde..


Lucinas Bestätigung, dass sie Tyraleens Anwesenheit schätzte, erleichterte die junge Mutter und gab ihr wieder ein wenig mehr Selbstvertrauen zurück. Immer das gleiche mit ihr. Sie ließ sich viel zu schnell verunsichern, auch wenn sie danach relativ schnell erkannte, dass ihre Reaktion übertrieben war. Daran würde sie sicher noch arbeiten müssen. Eine Priesterin, die mitten in einem Ritual plötzlich dachte, etwas falsch gemacht zu haben, kam sicher nicht so gut an. Von einer Leitwölfin ganz zu schweigen. Wie gut, dass sie beides noch nicht war. Nur Mutter – das war sie schon und auch wenn sie auch in dieser Rolle noch viel lernen musste, hatte sie nicht den Eindruck, etwas falsch zu machen. Zum Glück. Und außerdem hatte sie das ganze Rudel, das ihr dabei half. Plötzlich war sie all den Wölfen wahnsinnig dankbar, selbst Lucina, auch wenn die bisher wahrscheinlich kaum etwas mit den Kleinen zu tun gehabt hatte. Ein warmes Lächeln hatte sich auf Tyraleens Lefzen gelegt.

“Wie gut, dass wir so ein großes Rudel sind. Da hat man fast immer Gesellschaft. Auch wenn man manchmal auch in der Masse alleine sein kann.“

Die Weiße lauschte ihren Worten nach und fragte sich, warum sie so oft in allem Guten auch das Schlechte sehen musste. Das war nichts Neues, von Anfang an hatte sie nie nur Gutes sehen können. War sie übermäßig kritisch oder sah sie mehr als andere? Angesichts der teilweise fast schon übertriebenen Sorglosigkeit mancher Mitglieder im Angesicht des Nichts, meinte sie genau das manchmal bewiesen zu sehen. Wie wohl Lucina darüber dachte? Eigentlich hätte sie es sehr interessiert, sie wollte aber nicht noch mehr negative Themen ansprechen, also hielt sie lieber den Mund. Zudem schien Lucina sowieso viel zu vergnügt für sorgenvolle Gedanken.

“Du wolltest das Revier erkunden? Hier im Westen gibt es nicht so viel, im Osten ist es viel interessanter. Dort sind die Berge … und weiter südlich der Fluss und ein totes Waldgebiet. Leider liegt unser Rudelplatz fern davon …“

… und außerdem hatte das Nichts möglicherweise schon einiges davon verschluckt. Es wäre sicher keine gute Idee, in den Osten zu wandern, wer wusste schon, wie viel bereits verschwunden war? Doch ihre Gedanken weilten nicht all zu lange beim Nichts, viel zu schwärmerisch war ihr Blick geworden, als sie die Berge angesprochen hatte. Sehnsucht hatte in ihrer Stimme gelegen und vor ihren Augen war das Bild einer kristallklaren Schneelandschaft gelegen. Wie schön es jetzt dort oben sein musste. Die Wolken lagen sicher so tief, dass die Bergspitzen darüber hinausragten. Vielleicht schien dort oben ja die Sonne … Ihre schwärmerischen Gedanken wurden von Lucina unterbrochen, die sie nun auch aufmunternd anlächelte.

“Ja, vielleicht hat sie sich nur versteckt … hoffentlich.“

Es klang zweifelnd. Viel eher stiegen Bilder vom Nichts auf, dass langsam die Sonne verschlang. Warum auch nicht? Wenn es hier auf der Erde war, vielleicht war es dann auch im Himmel? Es hatte die Sonne verschluckt, den Mond, die Sterne und ihre wunderschönen Sternenwinde … wie grausam das wäre.


Eine Woche war vergangen. Eine Woche in der er Liam nicht von der Seite gewichen war. Kandschur hatte den Kopf auf die Pfoten gelegt, die Augen geschlossen. Seine Ohren verrieten Aufmerksamkeit, die schlanke glatte Rute lag um ihn geschlungen. Er mochte es nicht wirklich auf nassem Boden herumzuliegen aber was blieb ihm anderes übrig? Nicht viel. Kaum etwas. Und seit das Nichts am anderen Seeufer zu sehen war, spürte er wieder das ferne Drängen fortzuziehen, aber ohne Liam wollte er nicht fort. Es war ein Tanz, taumelnd. Er wollte gehen, weit fort von dieser Gefahr aber er wusste dass Liam nicht gehen würde wegen Atalya und so war er gezwungen zu bleiben. Ein Auge öffnend blinzelte er in die Umgebung welche trüb unter den lastenden Regenwolken litt. Verzweifelnde Blumen reckten sich vergeblich gen Himmel. Die Sonne blieb verschwunden und der schwarze wurde immer trübsinniger. Und müder. Es war seltsam. als würde das herankriechende Nichts ihm schaden ohne ihn zu berühren. Er öffnete auch das zweite Auge, blinzelte kurz und hob den Kopf.

"Liam?"

Er war sich nicht ganz sicher ob sein Gefährte noch neben ihm lag und nachsehen wollte er jetzt auch nicht denn sein Blick hing über dem See am Nichts. Es nahm ihn in seinem Bann gefangen und doch wollte er nur noch eins: Fliehen. und zwar so weit wie Möglich. Er wollte Distanz zwischen sich und das Nichts bringen


Es war ein Wunder wie schnell sich sein Gemüt wandeln konnte. Verblüffend und erschreckend. Eben noch war er im Begriff schon jetzt um den Tod seiner Geliebten zu trauern und plötzlich funkelten seine Augen boshaft auf. Ein fettleibiger Wolf hatte sich den Weg zum Rudelplatz erkämpft- man sah ihm die Anstrengung noch an. Seine dreisten Worte entlockten ihm ein bloßes Zischen und er richtete sich auf. Der Abstand zu Banshee verringerte sich. Schützend stellte er sich vor sie, nicht, weil er glaubte, dass jemand so dämlich wäre sie angreifen zu wollen, die verbalen Angriffe reichten schon. Das Nackenfell strecke sich in die Höhe. Angewiderte ließ er seinen Blich auf dem fülligen Artgenossen liegen. Vorbei war es mit der Verletzlichkeit. Er gab Banshee nicht einmal die Möglichkeit zu reagieren. Er war ein wenig schneller, beabsichtigt.

“Wie kannst Du, Fettsack, Dir an zu maßen andere Deiner Art so in den Dreck zu ziehen.“, es war nicht einmal eine direkte Frage, viel mehr eine Zurechtweisung. “Du wagst es tatsächlich jemanden wie Banshee in den Dreck zu ziehen? Ich sollte Dir den Kopf abreißen. Danke Deinen Flöhen und Zecken, dass ich es nicht auf der Stelle tue!“, ein leises Knurren entfuhr seiner Kehle. Die klaren Augen verengten sich.

Und nun auch noch ein weiterer Witzbold, der meinte das Leben sei ein Zuckerschlecken und man müsse sich nur bedienen. Klar, seine Erfahrung reichte nicht an die von Akru heran, aber ein wenig mehr Feingefühl wäre schon angebracht gewesen. Prima, dachte der Graue sich. Er war gerade so schön in Fahrt. Der Moment war eh zerstört und es würde nichts geben, dass ihm eine Besänftigung schenken könnte. Nun gut, eine Sache gab es da schon...
Barsch schüttelte er den Gedanken ab und fixierte Malakím.

“Freund? Wünsche es Dir lieber nicht.Und ja, ich würde immer noch lächeln können, wenn man mir diesen Augenblick nicht gestohlen hätte. Auch Dir sollte man etwas Respekt einbläuen, Malak.“, zischte er. Die Zähne gebleckt. Der Schwarze konnte nicht erahnen, warum gerade er mit seiner freundlichen Art den Schmutz anderer ins Gesicht geworfen bekam.

Schließlich wandte Akru sich gänzlich ab. Nur ein kurzer trauriger Blick noch für Banshee. Dann zog er ab. Beim Vorbeigehen streifte er den seltsamen Rüden mit den roten Augen (Cocaine) mit Absicht und verschaffte sich damit den freien Weg zum Wald. Seine Wut pochte im heftig in der Schläfe. Entnervt verdrehte er die Augen. Warum konnte man ihm denn gar nichts gönnen? Und zum puren Überfluss würde Banshee nun ein schlechteres Bild von ihm haben als zuvor. Dass er damit vielleicht im Unrecht lag, konnte er ja gar nicht ahnen. Kannte die weiße Leitwölfin dieses Verhalten nur zu gut von ihrem Gefährten. Doch Akru machte sich schon jetzt Vorwürfe. Ergab sich aber den leisen Schritten seiner Pfoten.


Ein leises Kopfschütteln, als wolle er die ungestellte Frage seines Bruder beantworten. Und vielleicht tat er es auch. Ein tiefes Band hatte sich zwischen die Brüder gelegt, in dem Moment als Aryan glaubte seinen Cyriell verlieren zu müssen. Und dann glitt der Graue in eine andere Welt. Dorthin, wo er dem Schmerz entfliehen konnte. Reglos blieb der Schwarze. Selbst wenn er sich hätte bewegen wollen, ließ es sein Körper nicht zu. Eigentlich wusste er auch genau warum. Es fühlte sich verdreht an. Etwas lag nicht an seinem Platz. Nur ein kurzer Blick und es war klar, was nicht stimmte. Die Schulter stand in einem schrägen Winkel ab- wie hatte er zu seinem Bruder gelangen können?

'Keine Angst, kleiner Bruder. Ich bin bei Dir. Ich werde Dir nicht mehr weh tun, ich werde es beenden. Ich werde Dir kein Leid mehr zu fügen. Es tut mir Leid, Cyriell. Es tut mir so unendlich Leid. Verzeih´ mir bitte. Ich war dumm, ich sah nur mich. Ich sah, wie ich euch alle in Gefahr bringen würde und wollte es verhindern. Dabei habe ich es nur schlimmer gemacht. Aber ich hatte Fenris in mir gespürt und wollte es nicht wahr haben. Ich wollte nicht zu den Bösen gehören. Ich wollte nicht Karmároon sein. Ich wollte Dich doch nur vor mir beschützen, oh mein liebster Bruder. Es tut mir Leid. Wie kann ich es je wieder gut machen?',

sein Gedankenschwall brach ab. Er wusste, wie er es wieder gut machen konnte. Er wusste, wie er seinen Bruder in Sicherheit wissen würde. Und Daylight und Aléya. Und Gani. Was würde sie jetzt sagen? Sie hätte ihn ausgelacht und wahrscheinlich damit aufgezogen.
Der Graue lag reglos am Boden, friedlich und doch war seine Miene Schmerz verzehrt. Er hatte sicherlich einige innere Verletzungen. Er brauchte Ruhe und die Pflege des Rudels.
So streckte er den schwarzen Fang zum Himmel:

“Nyota, ich brauche Deine Hilfe. Cyriell ist gestürzt, schwer verletzt. Bitte komme mit Hilfe hierher. Gani, hilf Cyriell!“, dann brach er ab. Widerwillig hievte er sich hoch. Das ächzende Geräusch seiner ausgekugelten und verletzten Schulter war ohrenbetäubend. Aber der Entschluss war gefällt.

Er konnte nicht hier bleiben. Er musste gehen, verschwinden. Zärtlich schlechte er seinem Bruder über die Lefzen. Kuschelte seinen Kopf an dessen Hals. Die letzte Berührung.
Schließlich drehte er sich zum Dickicht, das Nichts rechts von ihm. Die Schritte waren lahm und schwer fällig. Aber mit einiger Geduld und Mühe trug er sich unter den brennenden Schmerz davon. Würde er mit dieser Verletzung enden? Nun ja, das wäre im Augenblick nicht so wichtig.


Sie war nicht wie Shani. Shani war nicht albern. Shani war... Shani. Gewesen. Seufzend löste er den Blick von der kleinen Welpin, ließ ihn über den Rudelplatz schweifen und blieb schließlich an seiner Schwester hängen. Erneut entfloh ein tiefes Seufzen seinen Lefzen. Jetzt dachte er schon über sie, als ob sie tot sei. Seine kleine Shani. Gerade, als seine Gedanken davonzugleiten drohten riss er sich mit aller Macht in die Realität zurück und bekam gerade noch ein aufgedrehtes Kichern Caylees mit - und eine weitere schwarze Fellkugel, die sich schon im nächsten Moment in sein Blickfeld schob. Womit hatte er das nur verdient? Seit wann war er der Babysitter? Schließlich gab es in diesem Rudel noch eine ganze Reihe welpenfanatischer Idioten, die sich bestimmt mit all ihrer heuchlerischen Hingabe diesen kleinen nervigen Energiebündeln widmen würden. Also warum ausgerechnet er? Nur, weil er ihr gesagt hatte, sie solle nicht schreien, hatte er nun die halbe Bagage an der Rutenspitze hängen?
Lunars Blick wandterte wieder zu der kleinen Fähe hinab, die nun beachtlich zu schwanken begonnen hatte. Den schwarzen Welpen schob er, ohne ihn weiter zu beachten, mit der Pfote beiseite. Irgendetwas stimmte nicht mit der Kleinen, dass konnte selbst er, mit der Sentimentalität einer Abrissbirne feststellen. Diese Welpin phantasierte nicht, sie halluzinierte. Suchend wanderte sein Blick über den Boden und blieb schließlich an einer merkwürdig aussenden Pflanze hängen. Deutliche Bissspuren zeichneten sich an der Wurzel ab. Die stahlblauen verengten sich zu minimalen Schlitzen, er blickte auf die Welpin hinab.

„Hast du davon was gefressen?“

Fragte Lunar scharf, diesmal lag etwas tadelndes, leicht panisches in seiner Stimme. Er hatte schon Wölfe an einer Vergiftung sterben sehen. Und auch wenn diese Welpin ihn nicht im geringsten interessierte. Den Tod wünschte er ihr trotzdem nicht. Deshalb wartete er auch gar nicht erst eine Antwort ab, sondern hob sie am Nackenpelz vom Boden, um den kleinen Körper unsanft zu schütteln, ehe er sie genauso unsanft wieder absetzte.

„Hast du das gefressen?“

Kurz huschte sein Blick zu der Pflanze hinüber, ehe er wieder auf die Kleine hinab sah. Sein Blick war kalt und gefühllos und doch durchbrochen von einem winzigen Anflug von Panik. Was, wenn sie hier vor seinen Augen starb?
Und schon hatten sie ihn doch wieder als Babysitter engagiert und als Sündenbock, falls die kleine hier zu seinen Pfoten verreckte, gleich mit. Er verfluchte sich für seine Selbstlosigkeit. Da wollte man einmal in seinem Leben kooperativ sein... und was hatte man davon? Einem konnte gleich der Tod eines nervigen kleinen Fellknäuls angehängt werden. Und nun konnte er sehen wie da am besten wieder raus kam. Das Schicksal meinte es offenbar alles andere als gut mit ihm. Hatte er für seine Sünden nicht mehr als genug gebüßt? Offenbar... nicht.


Averic saß hoch aufgerichtet am Rande des Rudelplatzes und versuchte so gut wie möglich den Überblick zu behalten. Auf seine Welpen, natürlich. Tyraleen war nicht bei ihm, also musste er irgendwie doppelt aufpassen. Es lag einfach nicht in seiner Natur, anderen einfach so etwas an zu vertrauen, was ihm wichtig war. Erst Recht nicht seine Kinder. Der Pechschwarze konnte Turién bei Nerúi erkennen, irgendwo her meinte er grade Caylees Stimme vernommen zu haben, doch bevor er seinen Blick auch noch nach ihr suchen lassen konnte, erwischte er Atalya, die sich grade Richtung Wald verkrümelte. Sofort waren seine Sinne in Alarmbereitschaft und auch die fremde Witterung sehr schnell aufgenommen. Averic wollte augenblicklich losgehen und seiner Tochter hinterher, als plötzlich ein schwarzer Fellball vor ihm stand. Der scharfe und kühle Blick des Pechschwarzen wurde ganz automatisch weicher, als er den Kopf etwas zu Chanuka schwenkte. Es war fast ein wenig paradox, dass ausgerechnet der Welpe, dessen Erziehung ihm nicht mehr zustand, am Häufigsten die Zweisamkeit mit ihm suchte. Während seine Geschwister einfach nur toben, spielen und mit Schabernack die Welt erkunden wollten, war der Schwarze mehr der stille, kleine Beobachter. Genau darüber nachgedacht, tat ihm das ein bisschen weh. Immer wieder musste er mit sich hadern und sich fragen, ob die Entscheidung die Richtige gewesen war. Dieser liebe, kleine Kerl. Sicher konnte man sich alles so drehen, wie man wollte: Chanuka suchte seine Nähe, weil er eine enge Verbindung zur Finsternis hatte. Großvater und Vater wurden mehr und mehr ein und das Selbe. Der Tod. Und Fenris war doch der Grund, warum Chanuka in Banshees Obhut war. Fast sogar hatte sich auch Misstrauen gegenüber Isis in ihm aufgebaut. War sie wirklich gut genug für seinen Sohn? Für eine Verantwortung, die noch ein bisschen größer war, als die der anderen Paten? Immer wieder musste er zweifeln. Nicht zuletzt war ihre Szene am See daran Schuld.

Hey, Chanuka.“

Die finsteren Gedanken beiseite schiebend, betrachtete Averic seinen Sohn. Das Atalya grade abgehauen war, kam mit großer Dringlichkeit wieder in sein Gedächtnis zurück – solange er das Nichts sehen und spüren konnte, würde er keine ruhige Minute mehr haben, wenn er nicht jeden seiner Welpen in Sicherheit wusste.

Ich wollte grade nach deiner Schwester sehen ... magst du mich begleiten? Dann musst du aber dicht bei mir bleiben.“

Lächelnd stupste er den Schwarzen ganz leicht mit der großen Pranke an, die momentan noch größer war, als die Schnauze des Kleinen. Averic wandte sich Richtung Wald, lief los und erkannte noch aus den Augenwinkeln, dass Chanuka ihm folgte. Gut so. Damit schob er den Welpen nicht ab und wusste ihn zugleich in Sicherheit. Immerhin war er bei ihm.
Averic musste nicht sehr weit laufen, da drang schon Atalyas Stimme an seine Ohren. Allerdings auch eine fremde, ältere und raue Stimme. Ganz automatisch sträubte sich das Nackenfell des Dunklen ein wenig und seine Schritte wurden stiller. Wenn auch nicht langsamer. Er machte sich nicht die Mühe, dass Stimmengewirr zu entknoten und genau mit zu hören, was er hören musste, fand trotzdem gefährlichen Anklang in seinen Ohren: „Magst du mitkommen? Ich will den Platz dort umgehen, durch den Wald. Vielleicht kann ich dir ja etwas über Fenris erzählen....“
Ein bräunlicher Rüde und seine Tochter wurden sichtbar, Averic tauchte direkt hinter dem Alten auf.

Fenris steht hinter dir, alter Wolf.“,

knurrte der Hüne bedrohlich und blieb stehen. Seine dunklen Augen wanderten zu seiner Tochter und gaben ihr per Augenkontakt den unmissverständlichen Befehl, sofort an seine Seite zu kommen. Weitere Worte sparte er sich erst mal. Die meisten konnten wegen Anwesenheit von Welpenohren eh nicht ausgesprochen werden.

Atalya
24.12.2009, 20:09

Tascani Amour stand nach wie vor vor dieser schwarzen Fähe und konnte nicht anders, als sie ganz offensichtlich anzustarren. Wie sehr sie doch von den Höflichkeits- und Verhaltensformen abwich, die er aus seiner Heimat gewohnt war. Sie sprach ohne jegliche Beschönigung - im Gegenteil, sie unterstützte mit ihren Worten eine Grobheit, die ihm bisher unbekannt war.
Der Umgang miteinander war definitiv nicht so gepflegt wie im Vall´ee des Loups ... würde er sich hier wohl fühlen? Aber warum eigentlich nicht!? Schließlich wollte er Neues erleben! Der Drang, andere von ihrer Sorte kennen zu lernen, wuchs.
Als die Fremde seinen Namen aussprach und ihr wunderschönes Gesicht sich in Falten legte, lächelte er sie an. Offesichtlich war ihr sein Name so fremd wie ihm ihr Verhalten. Ihm gefiel, dass sie mit ihrer Mimik in der Lage war, mehr auszusagen, als mit ihrem Tonfall.
Als sie jedoch kurz darauf auf Tascanis Frage antwortete, war er zutiefst schockiert.

"Mon dieu! Wie kann man beschimpfen eine so wunderbare Wäsen wie du? Wer hat diese schreckliche Name gegeben? Isch werde Ärger machen mit diese Monster!"

Sichtlich empört wandte er sich in die Richtung, aus der sie gekommen war.

"Zeig mir der Bösewischt!

Tascani dachte kurz über die letzte Frage der Schwarzen nach. Genau genommen verstand er sie nicht ganz ... wieso ihm helfen? Was meinte sie? Naja, Hautsache sie hatte Leitwölfin gesagt!

"Du kannst mir auch gerne vorstellen eure Leitwolfin, wenn sie ist ein so schöne Dame wie du."

Das sagte er mit überzeugendem Ernst; trotzdem lächelte er sie an. Sie würde sicher noch lieblicher sein, wenn sie lächelte.


Woah, wuuush, whao, whuuu. Caylee ging es gerade blendend. Und dem Rest der Welt um sie herum auch! Alles glitzerte und funkelte irgendwie. So ein wenig rosa. Und glitzernd. Es sah toll aus. Sie konnte gar nicht mehr aufhören, darüber zu lachen, so schön und lustig war das alles. Und dann war da eben auch noch Lunar mit seiner Riesenmuschel und den drei Augen und er sah so doof aus. Blöd nur, dass er nicht mitlachte sondern immer nur so ernst guckte. Sah er nicht die tollen Farben überall? Mit seinen drei Augen musste er das doch eigentlich können. Sie kicherte und gackerte und schwankte dabei immer ein wenig hin und her und kam sich vor, als könne sie fliegen. Toll war das. Und … wohaaaaaa! Da kam noch ein schwarzer Blitz angesaust und … whuuuuuuuush! Er hielt an und stellte sich zwischen Lunar und sie. Hey, das war ja Krol!

“Krohohohohohlohohohohock … Krohohohohohoholooooooooohooooooock!“

Quietschte sie vergnügt und dappte mit der Pfote nach dem Kopf ihres Bruders. Sie verfehlte ihn um mindestens eine Lauflänge aber das war ja egal. Außerdem geschah gerade was ganz gruseliges mit den Pfoten von Krol. Die wurden lilaner und lilaner und es wuchsen Blumen daraus hervor! Whoa. Wieder begann sie zu starren und dabei zu kichern, versuchte auf die Pfoten ihres Bruders zu zeigen, schaffte aber nicht, sich gerade zu halten.

“Krohohohohohohl … schau ma auf Pfotäään.“

Die Blumen waren richtig hübsch, aber so an Krol festgewachsen wirkten sie irgendwie unpassend. Zum Glück wurde ihr Bruder immer lilaner, sodass es schon viel besser passte. Hach, war das alles lustig. Hatte er eigentlich was zu ihr gesagt? Wenn ja, hatte sie das nicht mitbekommen. Auch wenn er so aussah … egal. Wo war eigentlich Lunar hin? Sie hatte Krol doch die Riesenmuschel und die dämlichen drei Augen zeigen wollen! Suchend wollte sie sich umdrehen, fiel dabei einfach um und fand das wahnsinnig komisch. Die vier Läufe in die Luft gestreckt kicherte sie vor sich hin und achtete gar nicht auf Lunar, der ihr eine Frage stellte. Im nächsten Moment blieb ihr aber gar nichts anderes übrig, als er sie unsanft vom Boden hochriss und sie schüttelte.

“Auaaaaaaaaaaaaaaa!“

Schrie sie, als hätte man ihr den Lauf gebrochen. Schon saß sie wieder auf der Erde, war aber gar nicht mehr so gut drauf. Lunar hatte ihr wehgemacht. Er war gemein, da konnte er noch so viele Riesenmuscheln auf dem Kopf haben.

“Du bis … du bis … totaaal fiiiiiez.“

Kam es von ihr, dann war sie wieder umgekippt. Irgendwie war ihr schlecht. Alles war zwar immer noch wunderschön farbig und lustig, aber Caylee konnte nicht mehr lachen. Das lag sicher an dem blöden Lunar. Aber schlecht war ihr auch. Und Bauchweh hatte sie. Schreckliches Bauchweh. Das Kichern war ihr längst vergangen.


Stumm saß Face Taihéiyo am Rande des Rudelplatzes, irgendwo zwischen den Bäumen und beobachtete mit müden Augen das rege Treiben. Die Rolle als eine Art Beobachter und Wächter war ihm wohl bereits ins Blut über geflossen. Was gab es auch sonst noch, was er hätte tun können? Das letzte Bisschen Willen zu Anschluss war ihm letztendlich auch verloren gegangen. Jetzt war er einfach nur noch für sie da, tat was gut für sie war, agierte im Sinne seines Ranges. Mehr nicht. Und die Welt da draußen wollte dazu so gar nicht passen.
Face erwischte sich immer wieder dabei, wie er die spielenden Welpen einfach nur beobachtete. Verfolgte, was sie taten, wie sie spielten, lachten und Schabernack trieben. Ja, und selbst wenn er sich dabei erwischte, so wandte er die saphirfarbenen Augen doch nicht ab. Es war wie durch ein Fenster zu sehen und das Leben von anderen zu erblicken. Jetzt grade hing sein Blick an Caylee, einer Welpin die Tyraleen zwar sehr ähnlich sah, doch mit ihrem Charakter nicht sehr viel gemein hatte. Was ja nicht hieß, dass es schlecht war. Nur was sie jetzt tat, ließ ihn ein wenig die Stirn runzeln. Hatte sie da irgendwas? Und dann rief sie rum, alle sollten sie zu ihr kommen, nur außer Lunar kam vorerst niemand ihrer Bitte nach. Face selbst fühlte sich nicht mal angesprochen. Er konnte nicht hören, was die Weiße zu dem Rüden sagte, nur sehen, dass sie sich irgendwie komisch bewegte und dann Krolock herbei geschossen kam, um Lunar an zu knurren. Eines der Ohren des stillen Ozeans zuckte leicht. Ihm war, als stimmte dort irgend etwas nicht. Auf einmal lag Caylee auf dem Boden, Lunar hob sie wieder auf und was er mit ihr machte, sah aus seinem Blickwinkel ziemlich unfreundlich aus. Das die Welpin anfing zu schreien, weckte schließlich auch das letzte Alarmsignal in seinem Kopf und machte ihm wieder bewusst, dass er sich auch noch in dieser Welt befand. Nicht nur ein Beobachter von außen. Mit einem Ruck hatte sich der Beta erhoben und lief – sich weiter am Rand des Platzes haltend – direkt auf Lunar, Caylee und Krolock zu. Schnell, aber nicht hastig. Bei der Gruppe angekommen warf er einen kurzen Blick zu dem großen Rüden, auch wenn er wohl nicht sehr aufschlussreich war.

Was ist passiert?“

Vorsichtig ging er noch einen kleinen Schritt näher an die Welpin heran, stand damit direkt vor ihr und senkte den Kopf zu ihr herab. Sie roch etwas komisch ... und sah jetzt so aus, als würde es ihr nicht sonderlich gut gehen. Nun bedachte Face Lunar kurz mit einem etwas schärferen Blick. War er daran schuld? Aber dieser Geruch ... das musste etwas anderes sein. Er stupste Caylee ganz sachte an.

Caylee, äh ... fühlst du dich irgendwie komisch?”

Komisch kam zumindest er sich vor. Wenn nicht sogar etwas dämlich, in dieser Situation.


Er wurde einfach zur Seite geschoben- ohne weitere Beachtung, ohne Worte. Als sei er ein Stein, den man zur Seite kicken konnte. Mürrisch schlängelte er sich an dem Schwarzen wieder vorbei und sah zu Caylee. Sie machte komische Anstalten in seine Richtung zu kommen, und Krolock konnte nicht anders als zu lachen. Es war verdammt komisch und lustig zu gleich. Die Weiße wusste wohl nicht so recht, was sie mit ihren Pfoten anstellte. Und ebenso fand er es zum lachen, als die witzige Caylee seinen Namen unendlich in die Länge zog. Kichernd setzte er sich auf die Hinterläufe. Doch schon blieb ihm der Kehllaut im Hals hängen, als die beschwipste Freundin ihn auf seine Gliedmaßen aufmerksam machen wollte. War es wirklich ansteckend? Was war mit seinen Pfoten? Mit einem raschen Blick erkannte er: nichts. Seine Pfoten waren ganz normal. Was wiederum bedeutete, dass Caylee nicht ganz normal war.

“Ich sehe nichts. Was soll mit meinen Pfoten sein?“, fragte er lächelnd.

Im nächsten Moment lag nur ein bedrohliches Knurren in seiner Kehle. Was machte Lunar da? Sah er nicht, dass er Caylee weh tat?
'Du hirnverbrannter Idiot. Lass Dein dreckiges Maul am besten geschlossen. Du siehst doch, dass es ihr weh tut, also, Du Bastard, lass sie los', nur gut, dass man seine Gedanken nicht hören konnte. Wäre er ein wenig älter gewesen, wäre es wohl nicht nur bei Gedanken geblieben. Die kleinen Milchzähne gebleckt tat er einen Schritt auf den Pechschwarzen zu.

“Hast Du sadistischer Floh Träger überhaupt eine Ahnung, was Du da gerade tust? Lass es am besten Averic nicht sehen, sonst reißt er Dir den Kopf ab und zerlegt Dich in Einzelteile.“, den mürrischen Unterton konnte er sich nicht verkneifen. Vorwurfsvoll legte er die Stirn kraus. Und fügte in einem Flüstern hinzu: “Nur schade, dass ich es noch nicht selbst kann.“

Sofort trat er an seine weiße Freundin heran und beäugte sie. Ihr ging es offensichtlich nicht mehr so gut, und selbst wenn es nicht Lunars Schuld gewesen war, musste man ihr Hilfe holen.
Die blauen Augen lagen sanft auf Caylees Körper. Er konnte ihr nicht helfen, aber er würde bei ihr bleiben. Der Ausflug zum Nichts war eh gestrichen worden und zum Sumpf konnten sie auch ein anderes Mal. Langsam strich er mit seiner Schnauze über ihre Ohren. Stupste sie ein wenig an.

“Hast Du Schmerzen?“, fragte er unverblühmt. Er wusste, dass er für sein Alter recht weit war. Und es war egal, ob nun ein Erwachsener das erkennen würde. Hauptsache dieser Irrsinn fand ein Ende. Ein letzter scharfer, aber bedeutungsvoller Blick zum großen Lunar. Allerdings bedurfte es schon gar keiner Hilfe mehr. Face war aufgetaucht und dankbar wich Krolock etwas zurück um ihn Platz zu machen.

“Sie hat so eine komische Wurzel an gekaut. Und hat eine ganze Zeit über gekichert. Jetzt scheint es ihr nicht mehr ganz so gut zu gehen.“


Nachdem er ein wenig mit seiner kleinen Patenwölfin Atalya gequatscht hatte, war er vorerst wieder zurück zu Kandschur gegangen. Er wollte ihn nicht so lange alleine lassen, er hatte das Gefühl, dass Kandschur nur noch ihm zu Liebe hier in diesem Revier verweilte. Er spürte, dass Kandschur sich nicht sonderlich wohl fühlte, die Bedrohung des Nichts machte ihn nicht gerade glücklich. Deshalb hatte er sich still neben seinen Geliebten gelegt, welcher, mit geschlossenen Augen Richtung See lag. Eigentlich musste Kandschur seine Anwesenheit spüren und trotzdem kam nach einer langen, oder auch kurzen Zeit, Liam wusste es nicht genau, die Frage, ob er denn noch da wäre.
Die Zeit über hatte Liam in einer Meditation verbracht, in der er zwar im hier und jetzt war, aber seine Gedanken hatte er geleert und demnach wäre es ihm auch kaum aufgefallen, dass Kandschur zu ihm sprach.
Er lächelte, blinzelte und blickte zu seinem Gefährten hinüber, der über den See zu dem Nichts starrte.

„Warum macht es dich so nervös?“

Liam fand den Gedanken nicht unbedingt beruhigend, dass da etwas war, was nichts war. Was alles verschluckte und eine große Bedrohung für sie war. Aber er war sich sicher, dass Buddha ihnen einen Pfad aus diesem Übel zeigen würde. Und sollte dem nicht so sein, dann war dies wohl ihr Schicksal. Er war nicht der Typ von Wolf der sich darüber zu sehr Gedanken machte. Langsam hatte er gelernt sich nicht mehr vor dem plötzlichen Tod zu fürchten. Nur vor dem, der durch das Alter kam. Alter. Es überkam ihn ein Frost, der seinen ganzen Körper überzog. Schüttelnd sprang er auf die Pfoten. Er hatte das Bedürfnis irgendetwas zu tun, wollte den Gedanken an dieses Wort ‚alt’ vergessen.

„Es gibt keine Zufälle, Kandschur – Liebster.“

Er strich mit seiner Schnauze sanft über den liegenden schwarzen Wolf. Er sah müde aus, er sah so aus, als ob er am liebsten fortlaufen wollte. Das gab Liam einen kleinen Stich. Natürlich wollte er nicht, dass Kandschur ihn alleine ließ, aber er wollte auch nicht, dass er sich quälen musste. Und gleichzeitig wusste er, dass er nicht mit ihm gehen konnte. Er hatte hier eine Verantwortung, er war nicht gewillt Atalya alleine zu lassen, sie wurde ihm anvertraut. Liam hoffte, dass Kandschur dies verstehen würde, so sehr er den Rüden liebte, irgendwie musste man einen Kompromiss schaffen können. Vielleicht, wenn Kandschur Atalya richtig kennen lernen würde, vielleicht würde er dann auch das Gefühl bekommen, für sie da zu sein. Wahrscheinlich nicht.
Er zermaterte sich das Gehirn, es fiel ihm einfach nichts Gescheites ein, mit dem er hätte heraus platzen können. Deshalb schwieg er. Wenn es nichts zu sagen gab, dann musste man auch nicht unnützes Zeug von sich geben. Nicht in solchen Momenten.
Doch eigentlich wollte er nicht Trübsal blasend am Seeufer liegen und das Nichts bestarren. Er wollte irgendetwas unternehmen, auch wenn die Sonne mal wieder nicht schien und alles ein wenig grau wirkte, war dies noch lange kein Grund genauso grau zu sein. Er lächelte Kandschur an.

„Na komm, wollen wir zu Kaede gehen? Ich weiß doch wie gerne du sie magst…!“

Er kannte die graue, blinde Fähe so gut wie gar nicht, aber er wusste, dass Kandschur sie sehr mochte und sie ihn wohl auch. Natürlich nicht auf der Ebene, wie sie beide sich mochten, deshalb gab es auch gar keinen Grund eifersüchtig zu sein. Es würde ihm genügen sich ein wenig zu bewegen und dann, später, in Kandschurs Nähe sein zu können. Und vielleicht würden sie danach ja bei Atalya vorbei schauen können. Vielleicht lief sie ihnen beiden ja sogar über den Weg. Wie auch immer, zu allererst galt es Kandschur zu motivieren und die Lebensgeister in ihm aufzuwecken.


Lächelnd hatte Liel auf eine Antwort von ihrem großen Patenwolf gewartet. Er schien zwar irgendwann zu merken, dass es sie anstrengte ihren Kopf so in den Nacken zu legen, aber trotzdem machte er keine Anstalten sich zu setzen oder vielleicht sogar zu legen. Er duckte sich nur ein wenig, sonderlich bequem konnte sie sich das nicht vorstellen. Außerdem brachte ihr das auch nicht sonderlich viel. Hm, komisch. Wahrscheinlich konnten Erwachsene sich nicht mehr vorstellen, wie anstrengend so etwas war. Ilias meinte es sicherlich nicht böse, er erschien ihr zwar ein wenig seltsam, nicht aber böse. Gab es überhaupt böse Wölfe? Sicherlich nicht, sie hatte zumindest noch keinen kennen gelernt. Sie befand, dass es nur Wölfe mit anderen Ansichten gab, aber böse waren diese bestimmt auch nicht. Was war eigentlich genau böse?
Ihre Stirn kräuselte sich, so angestrengt versuchte sie zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen. Gelingen wollte es ihr nicht so recht. Nun, das konnte sie ja gleich Ilias fragen. Er war schließlich auch dazu da ihr einiges beizubringen. Aber sie wollte ja nicht unhöflich sein. Zu allererst würde sie auf seine Fragen antworten.
Langsam glättete sich ihr Gesichtsausdruck wieder und das fröhliche Lachen und Leuchten in den Augen kehrte zurück.
Hui, er hatte sie Prinzessin genannt. Was auch immer eine Prinzessin war, es klang wunderschön und irgendwie liebevoll. Komisch, so etwas hatte ihr Vater noch gar nicht zu ihr gesagt. Sowieso, wirklich viel hatte sie mit ihrem Vater bis jetzt noch nicht zu tun gehabt. Doof. Sie musste ihn demnächst unbedingt aufsuchen und sich ein wenig mit ihm unterhalten. Ja, das war wichtig!
Huch, jetzt war sie schon wieder mit den Gedanken wo anders gewesen, man, man, man, das war ja wirklich schlimm mit ihr. Sie konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen, komisch, sie unterhielt sich mit sich selber in ihrem Kopf. Ob das jeder so machte.
Nicht schon wieder.
Sie schenkte Ilias ein unwiderstehliches und gleichzeitig entschuldigendes Lächeln, sollte er es auffassen, wie er wollte.

„So natürlich war mir das nun nicht, ich bin schließlich auch dein Patenwelpe und ich wusste nicht sofort gegen wen ich da gelaufen bin…“

Dass sie es zuerst nicht einmal einem Wolf zugeordnet hatte, verschwieg sie lieber. Sicherlich wäre er dann gekränkt gewesen. Ach ja, lügen wollte sie nicht, aber Sachen verschweigen, das war ja nicht unbedingt schlecht. Solange es zum Vorteil des anderen war. Oder? Komisch, irgendwie konnte man alle Dinge von zwei Seiten aus betrachten. Es fiel ihr schwer nicht dauernd abzuschweifen, wenn es doch so viel zu bedenken gab. Wie sollte das denn alles in einen so kleinen Kopf passen? Konnten Köpfe platzen? Was für eine gruselige Vorstellung. Ein platzender Kopf, würden die einzelnen Stücke durch die Gegend fliegen und… Was hatte sie nur für widerwärtige Gedanken! Das lag ihr ja gar nicht, sie wollte nichts von umher fliegenden Köpfen wissen. Wie war sie eigentlich auf den Gedanken gekommen? Angewidert verschob sie ihr kleines Schnäuzchen zu einer komischen Grimasse. Hm. Egal.
Bellend lachte sie auf, komische Welt!

„Worüber machst du dir denn Sorgen? Warum sollte ich nicht die richtige sein um mich mit dir darüber zu unterhalten?“

Sie hatte sein zwinkern sehr wohl gesehen und eigentlich dachte sie sich schon, dass er dachte, dass sie zu jung für solche Themen war. Aber so jung war sie doch gar nicht mehr. Sah er nicht wie groß sie geworden war in der letzten Woche? Sah er denn nicht die Muskeln unter ihrem Fell? Na, komische Erwachsene. Sie fühlte sich schon ganz schön Erwachsen, schließlich tat sie nicht ganz so viele komische Dummheiten wie viele der anderen Welpen. Beispielsweise ihr Bruder Kro. Manchmal hatte sie das Gefühl, er tat den ganzen lieben langen Tag nichts außer sich irgendwelche Sachen auszudenken die gar nicht erlaubt waren. Wobei das natürlich schon abenteuerlich war. Hui, schon wieder musste man sich entscheiden. Abenteuer oder Erwachsen. Konnte man das nicht auch verbinden?
Seufzend kniff sie die Augen ein wenig zusammen und schielte zu Ilias hoch. Anscheinend ging ihm auch so viel durch den Kopf, aber sicherlich machte er sich über andere Dinge Sorgen, sie hoffte sie würde erfahren um was er sich sorgte.

„ Natürlich freue ich mich auf die Sonne, schließlich möchte ich auch verstehen, was Chanuka genau mit seinem Satz zu mir meinte! Aber gegen den Regen habe ich auch nichts. Der kitzelt so lustig, wenn er mal durch meinen dicken Pelz hindurch gedrungen ist. Dann laufen die Tropfen so lustig an der Haut entlang. Oder wenn ein Tropfen auf der Nase landet, da erschrecke ich mich immer so. Außerdem sind hier ja trotzdem überall Farben die ich Mama Kaede beschreiben kann. Aber ich weiß was du meinst, auch sie ist traurig, dass die Sonne sich noch nicht gezeigt hat!“

Wieder runzelte sie die Stirn. So was Doofes. Sie wollte nicht, dass ihre Mama traurig war, aber langsam wusste sie nicht mehr, was sie machen sollte. Vielleicht musste sie Papa mal zu Mama schicken…? Na, das würde sie auch dann machen können, wenn sie sowieso zu Papa ging. Nun war erst mal Ilias dran.
Mit schräg gelegtem Kopf hatte sie den weiteren und letzten Worten Ilias gelauscht. Er klang plötzlich noch viel älter und so als ob er sich aufspielen wollte.
Häh, streiten. Sie stritt sich doch gar nicht mit ihrem Bruder, sie hatte sich noch gar nicht gestritten. Was war das eigentlich genau? Streit, das klang ein wenig wie, ja, wie klang das eigentlich.

„Streit klingt ein wenig wie schreit. Schreien, kommt es daher? Wenn man Streit hat, schreit man dann?
Ich streite mich mit Kro gar nicht, ich liebe meinen Bruder doch!“


Ein wenig Verwunderung lag immer noch in ihrem Blick, wieso sollte sie ihren Bruder denn anschreien?
Fragen über Fragen purzelten durch ihren Kopf. Da fiel ihr ein, sie wollte auch noch zu Kro. Und zu Cirádan. Mist. So viel auf einmal. Und dann fiel ihr noch was ein, sie hatte fragen wollen, was Böse ist, und was eine Prinzessin ist. Hach, das musste sie sofort erledigen, bevor wieder die vielen Gedanken ankamen und ihre Fragen überrannten. Schade wäre es drum.

„Ili?“ Das klang lustig, Cirádan würde auch nur noch Cirá heißen… „Ili, was ist eine Prinzessin? Und, und was ist Böse? Also, ich meine, gibt es wirklich das Böse, und Menschen, die böses tun?“

Hoffentlich konnte Ilias, Ili, ihr die vielen Fragen auch so beantworten, dass sie diese verstehen konnte.


Der Blick der Weißen löste sich von den Baumkronen über ihr und richtete sich wieder auf Tyraleen. Für eine so junge Fähe, wirkte sie ziemlich besorgt. Es schienen alle, oder viele, hier wegen irgendetwas besorgt zu sein. Aber warum? Lucina überlegte, ob sie nicht einfach fragen sollte. Schnell verwarf sie diesen Gedanken aber wieder, denn sie befürchtete, dass man es ihr nicht sagen würde. Es wäre schließlich durchaus möglich, dass irgendsoeine "geheime" Sache ist, von der nur ein paar hier wissen durften. Sie begann sich wilde Verschwörungstheorien auszudenken und vergaß fast, dass sie sich mitten in einer Unterhaltung befand. Buchstäblich schüttelte sie ihre Theorien ab und wäre beinahe wieder gestolpert. Sie war wahrscheinlich das einzige Wesen überhaupt, dass es schaffte im stehen zu stolpern.
Hatte sie da eben Berge gehört? Hier gab es tatsächlich ein Gebirge? Als sie kurz Richtung Osten sah, begann ihr Rute erfreut hin- und herzuwedeln. Wo Berge waren, war auch Schnee und Schnee war eins der wunderbarsten Dinge die sie je hatte sehen dürfen.

"Vielleicht werde ich da später irgendwann einmal hingehen."

Sie dachte eher laut, als das sie sprach und beschloss gleichzeitig frühestens morgen zu gehen. Sie war den ganzen Tag umhergelaufen und furchtbar müde. Die junge Fähe machte Anstalten sich hinzusetzen, unterbrach diese jedoch schnell, als ihr einfiel, dass der Boden auch hier noch ziemlich matschig war. Hinsetzen war da wohl eine weniger gute Idee.
Tyraleens Worte hörten sich in den Ohren der Weißen nicht wirklich überzeugt, was ebenfalls bedeutete, dass ihr Aufmunterungsversuch kläglich gescheitert war. Ihr Gesicht wurde nachdenklich. Sie mochte es nicht wenn andere traurig, wütend oder sonst irgendwas in der Richtung waren, selbst wenn sie sie nicht kannte. Lucina würde lieber selbst die Sorgen all der anderen tragen, als sie traurig zu sehen. Aber wusste sie genauso, dass das niemals möglich ist und beschränkte sich also darauf ihr bestes zu tun von diesen Sorgen abzulenken. Mal mehr mal weniger erfolgreich. Sie hoffte, dass ihr bald was einfallen würde.
So sehr sie es auch versuchte, sie schaffte es einfach nicht den Gedanken loszuwerden warum alle so besorgt waren. Um nicht eine weitere von vielen schlaflosen Nächten herraufzubeschwören, riskierte Lucina es lieber mit ihrer Frage anzuecken. Fragen kostete ja schließlich nichts.

"Ich bin mir nicht sicher ob ich das überhaupt fragen sollte, aber warum sind hier alle so...in Sorge? Es spricht zwar niemand drüber aber irgendwie..."

Das war einer ihrer Eigenschaften, zu wissen das etwas nicht stimmte ohne große Andeutungen oder Anzeichen. Ob das nun eine gute oder schlechte Eigenschaft war, war wohl Interpretationssache, obwohl sie sich schon oft gewünscht hätte solche Dinge einfach zu übersehen und sich dann auch nicht die ganze Zeit den Kopf darüber zu zerbrechen.


Eine kleine Fähe, ganz wie jeder Welpe, der gerade mal zwei Tage alt war, stand am Rand eines Waldes und tapste unbeholfen umher. Doch sie war nicht hilflos und abhängig, sondern wusste ganz genau, was sie tat. Sie hatte einen schärferen Verstand als jeder andere alte Wolf und war geschickter als die geschicktesten Wölfinnen. Doch das ließ sie sich nicht anmerken. Sie hatte einen Plan, einen bösartigen Plan, den ihr Fenris eingeflüstert hatte. Stundenlang wartete sie, bis sich ihr Vater, oder wenigstens ihre Mutter Sorgen machen würde und zu ihrem Lieblingsplatz, dem Abgrund am Waldrand, kommen würde. Doch dann hörte sie Rufe - Rufe nach ihr. "Amíiiiiiira, wo bist duu??", hörte sie ihren Vater, Akru, rufen. Ja, bis zu jenem Zeitpunkt, war sie noch Amíra - die Prinzessin. Doch dann, listig und hinterhältig, gab Fenris ihr den Namen einer blutroten Prinzessin. Und es gefiel ihr. Und als jener Zeitpunkt immer näher rückte, tappte die kleine Graue im Schatten ihres Vaters hinter ihm her. Seine Gefährtin, Ganis Mutter vor ihm. Sie humpelte stark. Was ist geschehen? Die Welpin wusste, was sie wollte und ging hinter ihren Eltern her. Leise und gar nicht mehr unbeholfen. Plötzlich quietschte die schwarze Wölfin auf und stürzte in den Abgrund. Gani wusste es zwar nicht, aber ihre Mutter war nicht tief gefallen, an einem Felsvorsprung hielt sie sich fest. Doch ihre Pfoten rutschten immer wieder ab. Der Graue beugte sich leicht, nur ganz leicht, über den Abgrund und seine eigene Tochter versetzte ihm, mit all ihrer aufgebrachten Kraft einen Stoß. Erschrocken jaulte Akru auf, doch Gani, blind vor Rachedurst war schon verschwunden, hinter den Bäumen und wollte, dass Fenris sie für ihre Tat lobte.
Ein klägliches Jaulen hallte durch die Nacht. Am toten Leib der grauen Fähe hockte ihre Tochter, die gerade einmal wenige Tage alt war. Ihre Mutter hatte sie verlassen und jetzt war sie ganz allein. Mit tapsigen Schritten ging sie zu ihrem Vater und fragte leise: "Was ist jetzt, Papa?" Der große Rüde antwortete nicht, starrte nur auf die Leiche seiner Gefährtin, beachtete die kleine Gani gar nicht. Ihm schien sie völlig egal zu sein. Doch der Welpin war ihr einziger Vertrauter gar nicht egal. Sie wollte ihm zeigen, wie wunderbar und lieb sie war. Und wie sie ihn liebte. Die Prinzessin wollte, dass er sie liebte wie ein Vater seine Tochter eben zu lieben hatte. Und das war ihr Ziel. Sie wollte ihn überzeugen. Denn ihre Mutter war jetzt tot. Sie hatte nur noch ihn. Und er sie. Sonst niemanden. Und da war es ihr völlig egal, was sie getan hatte. Akru hatte seinen Bruder getötet, doch es störte sie nicht. Fenris hatte sie gelobt für ihre Tat, doch ihr Vater wurde verflucht. Na und? Es machte der Grauen nicht das Geringste aus.
Die Jungwölfin hatte sich abgewandt, stumm starrte sie auf den Boden. Es war Herbst geworden, Winter, Frühling und bald war Gani zu einer wunderschönen Fähe geworden. Stolz und eingebildet, aber offen und freundlich zu jedem. Doch jetzt war alles plötzlich anders. Gani Amíra hatte das getan, was sie machen musste. Weiter nichts.
Schon zwei Jahre waren vergangen, seit die kleine Fähe geboren wurde. Jetzt war sie anders geworden. Viel lebhafter, aggressiver und naiver. Sie bildet sich eigene Meinungen und trägt einen tiefen Hass gegen die 'anderen', wie sie alle Wölfe nennt in sich. Sie hatte sich aus dem Rudel geschlichen, feige wie sie war, und alleine umher gewandert. Ihren Vater verlassen. Und es war ihr egal.

Gani Amíras Körper lag kraftlos auf der Seite, ihre Augen waren geschlossen, doch der Regen drang bis auf ihre Haut durch. Das Fell durchweicht vor Nässe, zitternd vor Kälte, rappelte sich die müde Fähe auf und folgte ihrem Instinkt. Wenn es nach ihrem Kopf gehen würde, wäre sie noch am Schlafen, doch ihr Gewissen forderte sie zum Laufen auf. Ein irres Knurren verließ ihre Kehle. Gani war selten wirklich schlecht gelaunt, was jetzt der Fall war. Deprimiert schüttelte sie den Regen aus dem Fell und tappte Richtung Wald.
Doch dann vernahm sie den Ruf ihres Freundes und hob ruckartig den Kopf, um ihn sobald wieder zur Erde zu senken, während sie versuchte, Aryans Fährte aufzunehmen. Sie lief und lief, immer weiter in den Wald hinein. Doch dann traf sie nicht auf Aryan, dennoch auf seinen Bruder Cyriell. Er lag bewusstlos am Boden, Gani senkte instinktiv den Kopf und stupste ihn an. Ein seltsames Gefühl machte sich in ihrem Kopf breit. Benebelt sank sie auf den Boden, stand jedoch sofort wieder auf.

“Cyriell, kannst Du mich hören. Bitte sag’ Ja.“ Als sich der Graue weiterhin nicht regte, wurde die Prinzessin ungeduldig. “Cyriell, so öffne Deine Augen und sprich zu mir – Du verdammtes, elendiges … Miststück!“

Die letzten Worte schrie sie mehr als sie sie sprach. Grob rupfte die Fähe dem Rüden am Ohr, schob in mit der Schnauze zur Seite. Der seltsame Nebel wollte jedoch nicht auch ihrem Kopf verschwinden. Verwirrt schüttelte Gani sich, fühlte sich noch matter als vorhin am Rudelplatz. Wieder blutete ihre Narbe am rechten Vorderlauf. Unwillkürlich erinnerte sich Gani an ihre Auseinandersetzung mit Takashi. Dann kamen Jumaana und der Welpe. Und Urion. Dass Jumaana den großen Grauen hasste, war nicht zu übersehen. Auch Gani spürte eine heftige Asympathie gegen ihn, er war so grob, hässlich und dreckig. Und verflucht. Das das stimmte, wusste die Fähe aber nicht.


Zu spüren wie sich Jakashs Anspannung löste, wie sein Herzt langsamer schlug und seine Augen sich beruhigt schlossen, löste ein wohlbekanntes und doch so lange nicht mehr gespürtes Glücksgefühl in Shani aus. Ein Gefühl, alles richtig zu machen und einem ihrer Liebsten genau das zu geben, nach dem er sich sehnte. Es war eines der schönsten Gefühle der Erde. Das Vertrauen, das aus den Gesten ihres Sohnes sprach und die Wärme, die er von ihr zwar aufsog, aber auf eine andere – seine - Art auch zurückgab, ließen sie fast vergessen, dass er selbst tiefe Sorgen hatte und das es nicht reichte, ihm ein wenig Geborgenheit zu spenden. Er erinnerte sie schnell wieder daran, indem er immer wieder versuchte, etwas zu sagen und doch bereits bevor ein Laut seine Kehler verlassen hatte, aufgab. Es mussten ihn schwere Sorgen quälen, Sorgen, die man nicht einfach so aussprechen konnte. Beinahe meinte sie den Knoten in seiner Brust selbst zu spüren. Er lag so deutlich in der Luft wie der Geruch des immer währenden Regens.
Schließlich kamen die Worte. Stockend und zögernd. Sie lösten in Shani in aller erster Linie Verwunderung aus, wusste sie doch, wie innig das Verhältnis zwischen Jakash und seiner Schwester war. Die beiden liebten sich und unternahmen so vieles gemeinsam, waren weit mehr Bruder und Schwester, als sie Mutter und Sohn waren. Und doch mussten Jakash in diesem Augenblick schrecklich wütend gewesen sein. Der mittlerweile stark verkrampfte Körper ihres Sohnes begann – bevor sie all zu viel nachdenken konnte – weiter zu reden. Diesmal rann ein kurzer, prickelnder Schauer über ihren Rücken. Obgleich sie wenig von Göttern, Magie und Mystik verstand, spürte sie ganz genau, dass Jakash Erzählung von eben dem handelte. Von all dem, was Banshee so oft erzählte – oder erzählt hatte – und was Rakshee gerade in ihrer Ausbildung lernte. Von was auch sonst? Wie sonst sollte sich alles grau verzerren können, woher sonst könnte Hitze kommen? Oder wurde ihr Sohn verrückt? Auch das gab es. Wölfe, die halluzinierten, sich Dinge einbildeten, die nicht da waren und doch in diesem Moment mehr daran glaubten, als an ihre Vernunft. Aber das doch nicht bei ihrem Jakash. Nicht bei ihm kleinen Sohn, der noch nicht einmal ausgewachsen war. Jakash war nicht verrückt. Trotzdem wusste sie nicht genau, was sie sagen sollten. Sein zitternder, sich immer enger an sie pressender Körper erinnerte sie daran, dass sie ihn beruhigen musste, gleichsam wollte sie ihn aber nicht anlügen. Nur verstand sie davon doch nichts.

“Das warst nicht du, Jakash. Das kannst nicht du gewesen sein. Manchmal geschehen Dinge, die wir nicht verstehen, für die wir aber nichts können. Ich kann dir nicht sagen, was passiert ist … aber du wolltest nicht Rakshee angreifen und du hast sie auch nicht gehasst. Nur irgendetwas anderes muss es gegeben haben, das dich dazu gebracht hat.“

Ja, das klang gut. Und auch nachvollziehbar, so muss es gewesen sein. Aber sie präsentierte ihm keine Lösung, keine Möglichkeit, so etwas erneut zu verhindern. Aber wie sollte sie diese auch finden können? Sie sicher nicht … wer könnte helfen? Rakshee? Vielleicht …

“Wie kam es dazu? Was war bevor sich alles verzerrte? Und hast du mit Rakshee darüber geredet? Vielleicht können wir dir gemeinsam helfen.“

Ihr Ohr zuckte bei seiner leisen Anmerkung leicht zurück. Schon das zweite Mal? Wer machte da ihren Sohn unglücklich? Wer ließ ihn so verzweifeln und schickte ihm diese bösen Bilder? Ihr Blick huschte über den Rudelplatz, als könne sie so diesen neuen Feind finden. Jemand, der ihrem Sohn wehtat, würde es mit einer fuchsteufelswilden Mutter zu tun bekommen. Nur kam niemand und die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu treffen, war wohl eher gering. Trotzdem würde sie kämpfen.

“Erzähl mir davon.“


Er lauschte dem leichten Atem seiner grauen Freundin. Sie war tatsächlich seinem Ruf gefolgt. Gani würde ihn nicht mehr hören können- warum er es konnte? Er wusste es nicht genau, aber seine Sinne waren so scharf und zum reißen gespannt. Ob es am Adrenalin liegen mochte oder an etwas anderem, konnte der Schwarze noch gar nicht sagen. Nur eines wusste er: sein Wesen musste fern von jeder Liebe gehalten werden. Er hätte fast seinen geliebten Bruder getötet. Das war ein unverzeihliches Vergehen.
Die drückende Stille des dichten Waldes beruhigte sein wild pochendes Herz. Nicht einmal Vogelgesang erhellte die Luft. Nur die dumpfen, und fast lautlosen Schritte seiner Pfoten konnte er wahrnehmen. Dann wieder ein befremdlicher Laut. Ganis heisere Stimme drang an seine Ohren. Jeden anderen Wolf hätte Aryan nicht gestattet so mit seinem Bruder zu reden. Die Graue meinte es aber nicht so, wie sie es sagte. Das wusste Aryan. Fast wäre ihm sogar ein Schmunzeln über die Lefzen gehuscht. Gani war auf ihre Art und Weise etwas Besonderes. Sie konnte sich noch immer nicht richtig in das Rudelleben integrieren, doch ihre Versuche und ihren Mut zu diesen war verblüffend.
In seiner Schulter zuckte ein seltsamer Schmerz. Nicht mehr so schlimm, wie zu dem Zeitpunkt des Bruches, doch so langsam kam ein anderes unangenehmes Gefühl auf. Es war, als bestünden seine Gelenke und Knochen aus einer weichen und elastischen Substanz. Als wollten sie sich ganz allein wieder an ihren ursprünglichen Ort positionieren. Gut, es war kein angenehmes Gefühl, aber weitaus besser als der Gedanke an das eben Passierte. Der Schwarze wollte unbedingt die Bilder von Cyriells schmerzverzerrten Gesicht ausblenden. Jetzt zu schwächeln wäre nicht ratsam. Er würde Alles nur schlimmer machen. Er würde erklären müssen, warum Cyriell so zugerichtet war. Warum er verletzt war. Und dann hätte man ihm einen schweren Vorwurf machen können. Klar, es wäre berechtigt. Schließlich war der Schwarze gefährlich, man würde ihn verbannen müssen. Diese Schmach wollte er Daylight ersparen, auch seiner baldigen Adoptivtochter konnte er eine solch bedrohliche Situation nicht zu muten. Woran erinnerte ihn das bloß? Amáya, Daylights Schwester. Auch sie war des Mordes gestraft.
Wohin sollte seine Reise jetzt gehen? Was sollte er als Nächstes tun? Wichtig war, Abstand zwischen ihn und sein Rudel zu bringen. Das hatte die höchste Priorität. Und um seine Verletzung musste er sich kümmern. Würden die Knochen schief zusammen wachsen, würde der Schwarze nicht mehr jagen können und verhungern. Er würde zum Sumpfgebiet wandern. Dort konnte man ihn nicht gut wittern und wahrscheinlich auch nicht finden. Das Revier würde er erst einmal nicht verlassen können. Nicht in seinem Zustand. Und da war auch noch eine kleine Hoffnung, dass sich Alles zum Guten wenden würde- nein, so durfte er sich nicht leiten lassen. Nicht von irgendwelchen Gefühlen.
Aryan kannte das einsame Leben gut. Damals; bevor er zu den Sternenwinden kam; hatte er nach strikten Regeln gelebt. Jagen, laufen, schlafen. Kein Kontakt zu Artgenossen. Er war ganz Wolf. Er war nicht interessiert an Gefühlen und großen Gedanken gewesen. Er hatte sich auf das Hier und Jetzt beschränkt und es war ihm gut gelungen.
Nur langsam kam er voran. Auch wenn der Schmerz nachgelassen hatte, war er immer noch nicht in Stande zu traben. Er konnte nur darum beten, dass keiner auf die glorreiche Idee kommen würde, ihm zu folgen. In ein oder zwei Tagen wären seine Spuren verwischt. Der Regen war ihm denn je der beste Freund. Er half ihm seine Flucht gut zu planen. Er würde den Geruch und die Abdrücke seiner Pfoten einfach wegwischen. Als sei Aryan nie dort gewesen, als gäbe es ihn nicht.


Lunars Blick wanderte von Caylee zu Krolock und blieb schließlich an Face hängen. Ein leicht amüsiertes Lächeln schlich sich auf seine Lefzen, er trat einen Schritt zurück. Offenbar war er mittlerweile überflüssig. Wunderbar.

„Wenn ich du wäre“, begann er an Krolock gewandt und blickte Face über den Kleinen hinweg weiterhin vielsagend an. „würde ich mein Mundwerk hüten. Wenn du Glück hast habe ich deiner kleinen Freundin gerade eben das Leben gerettet, wenn nicht nun...“, er warf einen unberührten Blick auf den kleinen weißen Körper zu seinen Pfoten. „... dann stirbt sich vermutlich am Gift dieser Pflanze.“

Seine Stimme hatte einen unberührten Plauderton angenommen, untersetzt von dem gewohnten Spott, der auch aus den stahlblauen Augen sprach. Einen Moment schien er zu überlegen und entschied sich für einen auf einen heuchlerisch respektvollen Abstand.

„Vermutlich leidet sie an einer Vergiftung.“

Erklärte er erneut, nun direkt an Face gewandt. Diesmal auf eine sachliche, jedoch ebenso unberührte Art und Weise. Lunar war kein Idiot. Er war provokant, keine Frage. Doch er wusste wo seine Grenzen lagen, was noch lange nicht hieß, dass er sie nicht überschritt. Aber zumindest kannte er den Weg zurück, wenn er einmal zu weit gegangen war. Face war größer als er, vielleicht sogar stärker, aber von ganz anderem Gemüt und trotzdem war der Schwarze nicht gerade scharf darauf sich mit einem Betawolf anzulegen. Und trotzdem wollte er nicht länger der eingesperrte Vogel sein, der sich auf seinem Fluchtversuch die Flügel brach. Er wollte wieder fliegen können.
Langsam löste er sich noch einige Schritte von dem Geschehen, die tiefblauen Augen fixierten Face auf eine aufmerksame, beinahe lauernden Art. Gut, dass niemand seine Gedanken kannte. Gut, dass niemand den Schmerz sah. Gut, dass das Gesicht hinter der Maske auf ewig verborgen bleiben würde. Oh ja, es war gut.


Er musste lachen, nur leise, fast väterlich. Fast hätte er vergessen wie es war....nein. er hatte das nicht so erlebt wie sie. Er hatte keine Kindheit gehabt. Jedenfalls nicht so. nicht wie sie. Ein Schmunzeln huschte über seine ergraute Schnauze. Sie war wirklich zu putzig. Wirklich fast schon herzerweichend wenn Kengo denn ein Herz gehabt hätte. Aber er war nicht wie alle Wölfe. Es war sogar ein wenig fraglich ob er denn überhaupt ein Canide war. Sicher, er sah nach einem aus, doch was in ihm schlummerte, konnte mit keinem Caniden der Welt verglichen werden. Er war von Menschen erschaffen worden, ein Experiment, nichts weiter.

"Nein, sie können dich nicht aussaugen. Auch wenn du viele auf dir hast. Dein Körper funktioniert wie eine Wolke, je mehr Blut du verlierst umso mehr wird wiederhergestellt. Es ist wie beim Regnen: je mehr Regen fällt umso mehr kann die Wolke absorbieren, und beim nächsten Mal fällt noch mehr Regen"

Er beendete seine Erklärung mit einem seufzenden Huster und stellte die Ohren auf, streckte eine Pfote und kratzte damit durch den aufgeweichten Boden als wolle er sich vortasten. Aber es war nur damit das nicht taub wurde denn zu langes Sitzen bekam seinem alternden Körper nicht sonderlich gut. Er wollte sich erheben als sie nach seinem Namen fragte. Mit einem Brummen schüttelte er sich den Regen aus dem Pelz dass die Tropfen nur so davonflogen.

"Namen sind vergänglich. Sie sind kaum mehr als das Leben eines Floh's. Ich habe viele Namen gehabt, keiner blieb mir lang genug erhalten als dass ich ihn dir nun nennen könnte....aber du kannst mich Kengo nennen. Das ist der letzte Name den ich bekommen habe"

Eigentlich hatte er nur eine Nummer gehabt: F-E-2-9-450. Das war er von anfang an gewesen. Er war ein Experiment. Die Menschen hatten versucht Fenris zum Leben zu erwecken indem sie Wölfe mit Virusgenen erschufen. Leider war es ihnen nie gelungen. Oder zum Glück? Doch was war mit ihm? War er auch bloß ein missratenes Experiment?
Als plötzlich hinter ihm jemand flüsterte, behauptete Fenris zu sein, blieb ihm nur ein leichtes Kopfschütteln.

"Fenris? Ich bin ein Teil von Fenris aber niemand kann Fenris sein, denn er ist eine begrabene Legende. Nichts weiter."

Kengo rappelte sich auf und schüttelte sich erneut ehe er sich streckte und wohlig schnaufte als seine Muskeln sich lockerten.

"Außerdem greift man keine alten, schwachen, wehrlosen und Blinden Wölfe an oder hat deine Mutter dir keinen Anstand beigebracht, Jungchen?"

Er drehte sich nicht um, wozu auch? er konnte den Wolf hinter sich sowieso nicht sehen. Die Worte richtete er mit rauchiger Stimme an Averic


Momente der Ruhe zogen über dieses Land. Wohltuender Frieden fand Anklang in jeder Faser des Grauen. Es war nicht falsch, noch so etwas wie Geborgenheit hier zu finden. Das konnte unmöglich falsch oder gar unmoralisch sein. Viel schlimmer wäre es gewesen, wenn Zcale Unruhe und Beklommenheit feststellen hätte müssen. Doch lag nicht gerade das über diesem Gebiet? Diese erdrückende, allgegenwärtige, schemenhafte und stumme Angst? Spürte es nicht jeder, der Wölfe hier ganz genau und konnte es dennoch nicht sagen? Wollte es vielleicht auch gar nicht aussprechen aus Furcht vor den eventuellen Konsequenzen?
Schon wieder tausende Fragen, die in die Ohren des Rüden schrien und von denen er sich nicht befreien konnte. Nirgendswo, nie...Vielleicht war ihm Ruhe vor all dieser Ungewissheit, diesen Sehnsüchten nach Antwort nur für kurze Augenblicke vergönnt, doch diese reichten aus, um das Herz von Zcale wieder mit neuer Kraft zu betanken und dem Kommenden mit der gleichen Zuversicht wie vor Jahr und Tag zu begegnen.

Langsam öffnete der Graue seine Augen wieder und es hatte sich nichts geändert. Alles war immer noch grau und drist, aber es kümmerte ihn nicht. Es erschien ihm sogar so, als ob genau dieser Umstand allen Mitgliedern Sicherheit gab. Vielleicht war es auch nur ein sehr dummer Gedanke. Wer wusste das schon?

Gemächlich lies Zcale seine Rute hin und her pendeln und sein Ohren schnippten ruhig in jede erdenkliche Richtung. Es war ein Instinkt, dass er seine Umgebung auf diese Weise belauschte und eventuelle Gefahren sofort ausmachen konnte, damit sie nicht überraschend auf ihn zukamen. Sein Gang war schwer, besaß keine Leichtigkeit mehr, wie noch in seinen Welpentagen und doch erschien ihm die Strecke, die er lief nicht als anstrengend. Sicher, die Jugendlichkeit hatte er verloren und an jedem Tag, der verstrich, sorgte die Zeit dafür, dass sein Körper alterte und die Kraft und Dynamik aus ihm herauszog. Unerbitterlich und stetig, aber das war das Schicksal eines jeden von ihnen. Sie wurden geboren und schon mit dem ersten Atemzug, steht der Tod als Begleiter nebendran und begerüßt das neue Leben. Niemand konnte sich diesem entziehen. Umso würdevoller war es doch da, dass man diesem Umstand ins Auge sah, so schwer es auch fiel.

Durch ein kurzes Wuffen abgelenkt, blieb der Rüde stehen und versuchte die Stimme einzuordnen. Hatte er sie schon einmal gehört? Bestimmt, er hatte in der letzten Zeit unzählige gehört und doch fiel es ihm schwer, richtig zu erkennen, wer es war, der seine Stimme zu ihm schickte. Die Momente zogen sich wie Sirup durch Zcale's Gemüt, bis ihm einfiel, wer es war zu dem sie gehörte: Atalya, die kleine Fähe. Ein sanftes Lächeln legte sich auf die Lefzen des Grauen. Er mochte Welpen, auch wenn er immer das Gefühl hatte, dass er mit ihnen nicht sehr gut zurecht kam. Zcale setzte seinen Weg fort. Es war gefährlich für einen Welpen, sich ganz alleine im Wald aufzuhalten. Gerade in dieser Zeit. Der Graue wusste zwar nicht, was das Nichts war, aber, dass es nichts gutes verhieß, dessen war er sich durchaus bewusst. Aber, gerade ein paar wenige Schritte gelaufen, blieb er erneut stehen und witterte. Atalya war nicht allein; da waren zwei andere Rüden, deren Gerüche er nicht wirklich einordnen konnte und ein zweiter Welpe. Jetzt konnte jeder, der Zcale in diesem Moment beobachtete, auf seine Gesichtszügen lesen, dass er angstrengt über sein Handeln nachdachte. Sollte er einfach dazustoßen? Nein, warum auch? Es waren genug Wölfe anwesend, da brauchten sie sicherlich nicht noch einen, der sie nervte. Aber was sollte er dann machen? Nichts...Und doch konnte er genau das nicht tun. Irgendwas trieb ihn dazu an, nachzusehen, ob auch alles stimmte, also zog er langsam seinen Weg fort. Die Pfoten des Grauen legten sich weich auf den nassen Waldboden und eine angenehm, kribbelnde Feuchtigkeit spürte er unter seinen Ballen, bis er in unmittelbarer Nähe zu den gewitterten Wölfen stand.

Kengo, der blinde Wolf und Averic, welchen Zcale keinen Deut besser kannte, schienen wohl eine kleine Auseinandersetzung zu führen. Es waren schwierige Zeiten für jeden, das konnte der Rüde durchaus verstehen, aber deswegen zu Fremden gleich unhöflich sein? Das war neu für ihn. Gut, er hatte nie das Glück gehabt, selbst einmal Vater von irgendjemanden zu sein, geschweige den Pate oder dergleichen, weswegen er sich auch nicht in das Gespräch einmischte. Was hatte er auch schon großartig zu sagen? Er kannte keinen, der anwesenden Wölfe auch nur im Entferntesten.


Die Augen der Grauen blieben stets aufmerksam aufgestellt. Sie wollte nichts verpassen, was er sagte. Alles musste genau aufgenommen werden. Vielleicht konnte sie ihren Geschwistern dann ganz viel erzählen! Aber sie war immer noch verunsichert, ob sie mit dem Braunen mitgehen sollte. Und wieder lachte er. Das schien ja sehr lustig zu sein. Atalya schmunzelte kurz, während ihre kleine Rute dann munter hin und her pendelte. Er war sicher nicht böse, wenn er doch so viel lachte. Aber... ihr Körper wie eine Wolke? Automatisch huschte der Blick der kleinen Fähe nach oben, zum Himmel. Eine Wolke... Das hörte sich alles wahnsinnig kompliziert an. Irgendwann würde sie sich noch mal damit beschäftigen. Erst mal merken: Flöhe saugen Blut, können einen aber nicht leer saugen. Ok, so viel dazu. Sie beobachtete seine komischen Verrenkungen, zog auf sein Schütteln hin den Kopf etwas zurück. Sonst bekam sie die Hälfte noch ab.

“Aber wieso hast du den so viele Namen? Ich hab nur einen, und meine Geschwister auch. Haben deine Eltern dir mehr Namen gegeben?“

Oh nein! Sie war viiiel zu neugierig! Das musste sie einstellen. Nachher bemerkte er noch, dass sie so viel wissen wollte. Oder war es schon zu spät? Abgelenkt durch bekannte Gerüche und ein leises, näher kommendes Geräusch, streckte sie den Kopf in die Höhe, blickte dem schwarzen Wolf freudig entgegen. Sie neigte den Kopf zur Seite, als ihr Vater von Fenris sprach. Häh? Er hieß doch nicht Fenris. Verwirrt hob sie den Kopf wieder zu Kengo, der sich nicht umdrehte und ihrem Vater trotzdem antwortete. Ihr rot,brauner Blick wandte sich an Chanuka, der hinter ihrem Vater her gekommen war. Die Rute Atalyas wedelte zur Begrüßung leicht hin und her, sie wuffte dem Schwarzen fast vorsichtig zu. Dann spürte sie den Blick, der auf ihr lag. Sofort neigten sich die kleinen Ohren nach hinten, Atalya neigte den Kopf leicht zu Boden. Während die Rute der Grauen wild durch die Gegend schwang, bewegte sie sich langsam auf ihren Vater zu. Mit einem vorsichtigen Lächeln drückte sie sich bei ihm angekommen auf den Boden, den Blick jedoch zu ihm hoch gerichtet. Nun wischte ihre Rute über den Boden und die Ohren stellten sich wieder etwas auf. Nur ganz kurz huschte ihr Blick zu Zcale, der nun näher gekommen war, sich aber anscheinend doch lieber im Hintergrund hielt. Dann blickte sie wieder entschuldigend zu ihrem Vater empor.

“Tut mir Leid. Ich bleib‘ jetzt immer beim Rudel, Papa..“


Chanuka legte den Kopf schief und sah sich um. Er wusste nicht, von welcher Schwester Averic sprach und empfand es nach wie vor als merkwürdig, wenn man die anderen Welpen als seine Geschwister bezeichnete. Es fühlte sich nicht so an, obwohl er öfter mal bei seinem Vater gewesen war. Dadurch wurde er auch nicht zugehöriger. Banshee war seine Mutter und es gab keine anderen Welpen, die sie mit ihm großzog.

“In Ordnung, ich bleib nah bei dir.“

Versprach er nickend. Averic brauchte ihm nicht zu sagen, warum er dieses Mal nicht einfach ein Stück voraus rennen sollte. Es war das komische, unheimliche Ding, das den See schweigen ließ. Artig zottelte er neben seinem Vater her, sich aufmerksam umsehend. Er wollte auch ein bisschen selbst auf sich aufpassen, obwohl er sich des Schutzes sicher sein konnte.
Neugierig näherte sich Chanuka mit Averic dem Fremden und seiner älteren Schwester. Sehr aufmerksam lauschte er den Worten, die ausgetauscht wurden, oder ausgetauscht worden waren. Fenris. Damit konnte er nichts Wirkliches anfangen. Es musste sich um einen Namen handeln, aber genau erklärt hatte man ihm noch nichts darüber. Er kannte die Namen der Götter, ihm fehlte aber das Verständnis für den Unterschied und die Bedeutung.
Fasziniert beobachtete er seinen Papa, der knurrend behauptete, da würde jemand hinter dem Fremden stehen. Aber da war gar niemand. Neugierig streckte er die Schnauze etwas aus, um zu sehen, ob da auch wirklich nichts war.

“Averic, wer ist der Wolf da denn?“

Fragte er flüsternd, als wisse er nicht, ob er etwas sagen durfte und als wäre es ein Geheimnis, dass zwischen Vater und Sohn ausgetaucht werden müsste. Dann sah er zu Atalya hinüber und tappte unter Averic hindurch auf sie zu.

“Warum bist du in den Wald gegangen? Das dürfen wir doch gar nicht…“

Noch immer sprach er leise, als könnte der Fremde ihm seine Worte aus dem Maul stehlen.


Die Zeit verging. Sekunde um Sekunde. Minute um Minute. Vielleicht lag er schon Tage lang da. Doch ein Hungergefühl oder ein Trinkbedürfnis war nicht entstanden. Nur der quälende Schmerz in seiner Augenhöhle. Die stechende Übelkeit, obwohl er nur noch Galle erbrach.
Er war nicht wichtig, man suchte nicht nach ihm. Eine blasse Erinnerung, die anderen nur zeigte, dass es einmal einen ängstlichen und schüchternen Welpen gab. Doch diese Erinnerungen würden nicht lange halten. Zu wenig hatte er seine Artgenossen geprägt. Nur seine Mutter, seine Patin und seine Schwester würden sich ein bisschen besser an Ciradán erinnern können. Sie hatten ihn sprechen hören, sie hatten ihn gekannt. Vor allem Jumaana hatten den weißen Welpen gemocht. Sie war ihm eine Stütze auf der kurzen Reise gewesen.
Der dumpfe Regen durchnässte immer noch sein Fell, langsam fing er an zu frieren. Eine eisige Kälte hüllte ihn vollkommen aus, selbst das Brennen in seiner Schläfe erlosch und ließ einfach nur einen zerrenden Schmerz zurück. Aber das war nicht das Schlimmste. Auch sein Augenlicht vermisste er nicht. Es war die Einsamkeit, die ihm Angst machte. Aber es war keine Angst, die er sonst in sich spürte. Es war eine ruhige Angst. Mal mehr, mal weniger. Sie ließ den Welpen nicht zittern- das war die Kälte. Diese Angst sagte ihm einfach nur, dass es keinen anderen Ausweg gab. Er musste sich mit seinen jungen Jahren schon dem Tod stellen. Wie lange es wohl noch dauern würde? Verhungern war nicht der schönste Tod. Vielleicht fand ihn ja ein Raubtier, dass ein wenig Hunger aus Aas hatte. Das würde auf jeden Fall den Prozess im Übergang zum Jenseits etwas erleichtern. Es wäre nicht ganz so langsam. Ja, langsam sterben war unangenehm. Aber noch war er zu sehr am Leben als sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, deswegen auch diese Angst. Natürlich hatte er noch Hoffnung darauf, dass irgendjemand ihn fand. Wer es auch sein sollte, das war egal. Nun ja nicht ganz. Er wollte seinem Vater nicht so ausgeliefert sein. Er wollte seinem Vater nicht den Ekel ansehen müssen. Urion wäre enttäuscht von seinem weißen, missratenen Sohn. Noch mehr als sonst. Schließlich hatte Cirádan damit mal wieder bewiesen, dass er zu nichts taugte. Dass er nicht einmal den Mut hatte zu leben. Er wollte nicht, dass sein letztes Bild eines enttäuschten Vaters war. Zwar hatte er jetzt nur Bilder von seinem Vater, die ihm eindeutig zeigten, dass er zu wenig Mut und zu viel Angst besaß. Warum machte er sich darüber überhaupt noch Sorgen? Es war ja gar nicht mehr wichtig, er würde es ja bald nicht mehr wissen. Sterben war unglaublich leicht, Leben dagegen war so viel schwerer. Ob es etwas nach den Tod gab? Wohl nicht. Der Weiße betrachtete es nüchtern. Er würde nichts erwarten, und auch nichts bekommen. Wie ein langer, dunkler, fester Schlaf. So würde es sein. So wünschte er es sich. Aber musste er dafür vergessen, wen er liebte- geliebt hat?
Sein Körper kühlte aus. Das kleine Herz schlug schnell und versuchte warmes Blut in die wichtigen Organe zu pumpen. Wie lange würden seine Körperfunktionen noch ums Überleben kämpfen müssen? Eigentlich würde er es lieber schneller beenden wollen. Das dauerte einfach viel zu lange. Es ließ noch Hoffnung zu. Und das wollte er sich jetzt nicht mehr antun. Er wollte nicht darauf hoffen, dass man ihn finden und retten würde.
Einmal war er verliebt gewesen, hätte er im Alter sagen können. Vielleicht zu seinen Enkeln. 'Ich war in das schönste Wolfsmädchen verliebt. Sie war wirklich sehr klug und mutig', und seine Enkel würden staunen und nach ihr fragen. Und er würde antworten können: 'Es ist eure Oma. Caylee. Damals wollte sie jeder haben.'
Fast hätte er gelacht. War das ein Bonus von seinem Unterbewusstsein, dass er jetzt von seiner gewünschten Zukunft träumte?Selbst wenn er noch bis dahin leben würde, wäre weder Caylee noch irgendwelche Enkel an seiner Seite.
Langsam schloss er die Augen. Ein Lid verdeckte das dunkle, blaue Auge. Das andere Lid deckte sich über die blutige, trübe Linse. Er wollte schlafen.
Schlafen würde jetzt helfen. Er würde vergessen können und sich ein wenig ausruhen, auch wenn er das nicht mehr brauchte. Aber vielleicht ging es ja so besser.
Zumindest musste er nicht mehr spüren, dass sein Sichtfeld eingeschränkt war. Das beruhigte. Es war fast so, als wäre er nie erblindet. Ja, als läge er hier und lausche der Natur, der Nacht, dem Regen.


Nyotas Augen hatten den Waldrand kontrolliert, nach Fremden Ausschau gehalten. Und voller Schreck hatte sie das Monster registriert, dass sich keuchend und Schritt für Schritt in Richtung Banshee wälzte. Noch nie hatte Nyota einen dicken Wolf gesehen, aber dieser hier war einfach nur fett! Und offensichtlich ausserdem zu kurzatmig für Höflichkeiten. Nyotas Leftzen kräuselten sich, während sie das Auftreten des Fettwolfes gegenüber Banshee beobachtete, aber auch Akrus Worte misfielen ihr. Apropos, wo war eigentlich Amáya...? Ein leises Grollen erklang, mehr wie zu sich selbst, dann rief sie über den Platz.

"Akru! Amáya!"

Mehr hatte sie dem Grauen nicht zu sagen, und er würde es verstehen. Und er würde die leise Drohung in ihren Worten genauso gehört haben, wie sie die Abscheu gegenüber Fetty in seinen.
Entschuldigend wand sie den Blick zu Banshee, denn obwohl Nyota nicht verstand wie ihre Schwester nach ihrem Fall noch immer Akrus Nähe genießen konnte, merkte sie dennoch dass sie es tat. Aber auch sie war es gewesen die Akru seine Aufgabe gegeben hatte. 'Keine Sekunde lässt du sie aus den Augen!' - und Nyota würde dem Grauen ein Versagen nicht verzeihen...
Die Schwarze wand ihren Blick wieder zum Waldrand, und tatsächlich - da kam eine Fremde näher. Aber...wieso kroch die denn so komisch? Nyota biss sich auf die Leftzen, um nicht so blöd zu gucken, und wartete geduldig bis die Fähe sie erreicht hatte. Na, ihre Worte klangen doch deutlich vernünftiger als ihr Auftritt vermuten lies.

"Sei willkommen im Tal der Sternenwinde. Mein Name ist Nyota, ich führe mit meiner Schwester Banshee dies Rudel. Ähm, du kannst auch Stehen"

meinte sie, und zwinkerte Kalassin zu, damit sie ihre Worte nicht missverstand.

"Du darfst bei uns bleiben solange du es wünscht und dich friedlich verhälst"

entschied sie. Jemand der dermaßen unterwürfig auftrat, konnte einfach keine Gefahr darstellen. Zumindest nicht ohne eine ganz ordentliche Portion Hinterlist, die Nyota der Braunen nicht zutraute.
Ein neuerliches Heulen riss Nyotas Aufmerksamkeit von Kalassin los, und besorgt lies die Schwarze ihren Blick über den Rudelplatz gleiten. Nerúi war noch da, Aszrem war hier, sie konnte ruhig gehen. Nur dass sie die Fremde einfach so stehen lassen musste tat ihr Leid. Aber das hatte ernst gekjlungen.

"Bitte entschuldige dass ich dich stehen lassen muss, aber du hast es gehört. Du darfst bleiben, ruh dich nur aus"

meinte sie, höflich aber bestimmt, schenkte Kalassin noch ein entschuldigendes Lächeln und preschte dann an ihr vorbei auf den Waldrand zu. Sie konnte die Richtung in die sie musste nur abschätzen, denn nach Aryans Fährte zu Suchen war keine Zeit. Wild trommelten ihre Pfoten über den Waldboden, und trotzdem sie nicht glaubte so einfach fündig zu werden, zog sie jeden Atemzug intensiv ein, in der Hoffnung nach einer Spur. Aber sie fand nichts, wusste jedoch dass sie sich dem Nichts immer mehr näherte - und sah zwei graue Schemen vor sich größer werden. Gani und Cyriell. Aber wo zum Henker steckte Aryan!? Erst direkt bei den Beiden stoppte sie ihren Lauf, knurrte gani zur Begrüßung zu - es war nicht agressiv, es war nur eben ihrer Laune entsprechend. Erst rief er sie von der Fremden weg, dann tauchte er selbst unter und lies seinen Bruder direkt vor dem Nichts zurpück! Na, vielleicht war Aryan ja hereingesprungen. Das könnte sie Akru ja auch einmal nahelegen...

"Er muss hier weg"

befahl sie, packte Cyriell an der Schulter, und begann ihn vom Nichts fortzuzerren. Ein weiteres Mal fiel ihr auf wie schwer so ein Wolf doch selbst in Cyriells jugendlichem Alter doch war, und wie mühsam es war ihn zu transportieren. Sie war einfach zu alt für diesen Job...
Sich selbst ob ihrer Gedanken anknurrend lies sie Cyriell los, nach dem sie einige Meter zwischen ihn und das Nichts gebracht hatte. Tief einatmend sah sie zu Gani herüber, bermerkte das Blut an ihrem Lauf.

"Hallo erstmal"

sie klang sogar noch mürrischer als sie sich fühlte,

"Was ist hier passiert? Und wo ist Aryan hin?"

fragte sie, in der Erwartung dass Gani es natürlich wissen musste. Sorgenvoll senkte sie den Kopf zu Cyriell herunter, und hielt die Schnauze prüfend vor seine Nase. Sie musste wissen ob er noch atmete...


Dieses bescheuerte Gestarre ging der Schwarzen so langsam aber sicher auf den Geist. Was war an ihr schon so besonderes? Schwarzes Fell und blaue Augen – genau wie ihr beschissener Vater, der sich schon lange nicht mehr hatte blicken lassen. Welch ein Glück aber auch. Diesen hirnverbrannten, alten Trottel konnte sie genauso wenig gebrauchen, wie diesen Idioten vor ihrer Nase.
Sie sollte zu sehen, dass sie ihn zum Rudel brachte, artig dort ablieferte und sich dann schleunigst aus dem Staub machte.
Auf die Entrüstung des Rüden zeigte Amáya nur grinsend eine Reihe makelloser Fangzähne, die alleine schon eine Antwort gewesen wären.

Ganz einfach: Sie haben alle vollkommen recht.

Ruhig bedachte sie den Rüden mit einem kühlen Blick, der eindeutig verriet, dass sein Gehabe überflüssig war. Er brauchte hier niemanden zu verteidigen –erstrecht nicht sie -, noch sich in irgendwelche Angelegenheiten einmischen, die ihn nichts angingen.
Auf das Kommentar zu Banshee zogen sie die Augenbrauen der Schwarzen zusammen und ein warnender Ausdruck lag in ihrem Blick. Sie traute diesem seltsamen Wolf keinen Meter über den Weg, sondern nahm ihrer Mutter nur die Arbeit ein wenig ab. Zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort und schon kam sie wie der barmherzige Samariter rüber.

Die Leitwölfin heißt Banshee und ist meine Mutter.

Während sich die Fähe langsam umdrehte um den Weg zurück zu laufen, den sich hier gegangen war, warf sie Tascani noch einen Blick über die Schulter zu.

Und sie ist bereits vergeben.

Dieser eitle Geselle sollte sich bloß nicht etwas auf sich ein bilden oder glauben, dass er mit seiner seltsamen Masche jede um die Rutenspitze wickeln konnte. Das konnte er bei ihr vergessen und Amáya würde dafür sorgen, dass man ihre Mutter nicht noch weiter ins Unglück stieß. Das hatten bereits zwei verdammte Rüden getan. Apropos... wo steckte Akru eigentlich? Nicht das sie ihn vermissen würde, aber ein wenig könnte sie dem Grauen doch auf den Zahn füllen. Schließlich war er Schuld daran, dass ihre Mutter am Boden zerstört war. Fehlgeburt. Von Engaya verlassen. Amáya schnaubte nur innerlich. Diese Tatsache wäre kein Problem gewesen, für ihre sanfte Mutter hingegen, die so sehr an ihrem Glauben hing war dies eine große Katastrophe. Schade. Dabei hätte die Weiße ein so schönes Leben führen können, welches sie an der Seite von zwei Hohlköpfen völlig verschwendete.
Ohne sich noch ein weiteres Mal um zu blicken schlug die Dunkle ihren Weg ein, genoss das Gefühl ihrer geschmeidigen Bewegungen, den Boden unter ihren Pfoten und vor allen Dingen die Ruhe. Wunderbar. Einen Augenblick vergaß Amáya, dass sie ein nettes Anhängsel hatte. Ignoranz war in solchen Fällen meistens die beste Wahl.
Lockeren Schrittes trabte die Fähe durch das Unterholz, bis ein beißender Geruch ihr in die Nase stieg. Alarmiert hob Amáya den schmalen Kopf, die Ohren aufmerksam gespitzt. Was war das für ein Geruch? Nach Blut und etwas Bitterem, Scharfen. Mit funkelnden Augen blickte sich Amáya um, suchend. Kein Kampfplatz, keine Anzeichen von Gewalt, von aufeinander treffenden Kiefern, kein Geifer, keine Spur von Tod. Was war es dann? Verwesung roch anders. Unruhig zuckte die schwarze Rutenspitze, als die Fähe den Kopf zu Boden senkte, um mehr von dem ekelhaften Geruch in sich auf zu nehmen, zu analysieren und zu deuten. Es war keine Fährte, also war es kein verletztes Tier, welches sich gepeinigt durch das Unterholz quälte.
Dieser Geruch wurde vom Wind getragen und dieser machte sich einen Spaß daraus die Wölfin zu verwirren, in dem er immer mal wieder die Richtung änderte.
Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend tänzelte der Todesengel hin und her, versuchte dem Geruch zu folgen und fletschte gereizt die Zähne, als sie sich immer wieder im Kreise drehte.
Wieder drehte sie sich um, wollte die Richtung ändern, als ihr plötzlich etwas Weißes zwischen den Ästen im Unterholz auffiel. Mit langen Schritten war sie zwischen den Bäumen und erblickte einen der Welpen, der von Schlamm, Blut und dieser bitter riechenden Flüssigkeit bedeckt war. Sofort senkte sie den Kopf nieder, zwängte sich mit den Schultern zwischen ein paar Ästen hindurch, die ihr in die Seite stachen und angelte mit der Pfote nach dem Kleinen. Reglos. Der junge Wolfkörper regte sich nicht, war aber noch warm.
Ohne nach zu denken brach die Fähe die Äste weiter zur Seite, knurrte grollend auf, als die Zweige ihr ins Gesicht und gegen den Bauch schlugen und schnappte sich dann schnell die kleine Pelzkugel.
Es knackte und raschelte, als die Schwarze mit einem Ruck rückwärts ging und dabei die Zweige, die an ihrem Fell hängen geblieben waren, heraus riss.
Für ihre Verhältnisse umsichtig legte Amáya den geschundenen Welpenkörper auf den Boden. Und was nun? Ratlos blickte sie zu Tascani auf. Vielleicht hatte der mehr Ahnung von Welpen oder zumindest darin, was nun zu tun war.

Atalya
24.12.2009, 20:09

Der braun gescheckte Rüde war insgeheim erleichtert, dass Amáya definitiv kein Interesse daran hatte, verteidigt zu werden. Er mochte Auseinandersetzungen nach wie vor genauso wenig wie ungepflegte, schlecht gelaunte Rüden und tat stets alles dafür, diesen - und auch jenen - aus dem Weg zu gehen. Er hatte ja bloß so tun wollen, als würde er sich denjenigen vorknöpfen, der die Schwarze so dermaßen beschimpft hatte! Innerlich war er noch immer empört über diese Unverfrorenheiten und fühlte sich beinahe schon persönlich angegriffen. Desto heftiger musste er nach Luft schnappen, als Amáya scheinbar absolut nachvollziehen konnte, dass sie als „Miststück“ bezeichnet wurde.

„Non, non , non! Also wirklisch, non!“

Tascani mühte sich noch immer, Worte zu finden, als die hübsche Fähe schon weiter sprach. Sie verkündete ihm soeben, dass sie Tochter der Leitwölfin war. Nun konkurrierten einerseits Bewunderung und Erstaunen und andererseits nach wie vor Empörung darüber, dass Amáya eine solche Gleichgültigkeit an den Tag legte. Bildete sie sich denn überhaupt nichts darauf ein, Tochter der Alpha zu sein? War sie nicht stolz darauf? Sie besaß in Tascanis Augen eindeutig etwas Würdevolles an sich. Während ihn diese Fragen verstummen ließen – was relativ selten vorkam – begann die Schwarze loszulaufen. Vermutlich in Richtung des Rudelplatzes, um ihm alle anderen wunderschönen Geschöpfe dieses Rudels vorzustellen. Vielleicht wollte sie aber auch allein sein? Tascani war in jenem Moment, als er dies dachte, ein wenig stolz darauf, dass er so sensibel war und in ihm die Frage aufkam, ob er eventuell stören könne. Er hatte sich eindeutig gebessert… zumindest … ein wenig. Er wollte nicht zu aufdringlich sein … dennoch lief er Amáya einfach hinterher, statt danach zu fragen, ob er ihr folgen durfte: Ihre Anziehungskraft auf ihn war einfach zu groß, um in diesem Fall so viel Wert auf Höflichkeit zu legen (der sie ja schließlich auch nicht in hohem Maße frönte) und in Kauf zu nehmen, sie könne ihn verlassen.
Ah, jetzt blickte sie ihn an.

…oO(Mon dieu…)

Nein, in ihrem Blick lag keine Zurückweisung. Ihr Tonfall kündete zwar an, dass Vorsicht geboten war, aber ihre Worte ließen ihn wiederum schmunzeln. Dass die Alpha bereits einen Gefährten hatte, hatte er stark vermutet. Aber ob sie ihn wirklich liebte, war ja eine ganz andere Frage! Ach, er hatte schon genügend Fähen getroffen, die plötzlich merkten, dass sie ihr Herz an einen Falschen verschenkt hatten. Dann hatte er es meistens ritterlich zurückgeholt und der Angebeteten übergeben. Und natürlich darauf spekuliert, dieses Herz als Nächster zu erringen.
Hätte Amáya in diesem Moment wieder über ihre Schulter zurückgeblickt, wäre er vor Scham errötet. Er spinnte sich liebend gern die heldenhaftesten Fantasien aus … in Wahrheit musste er jedoch zugeben, dass er ein viel zu großer Feigling war, um tatsächlich um eine Fähe zu kämpfen.
Aber die Schwarze ging nach wie vor stur geradeaus. Tascani tänzelte ihr hinterher und überlegte sich, ob diese … wie war der Name doch gleich gewesen? Bändschi? Bännschi? Bandschy? … naja, ob eben die Alpha ebenfalls schwarzes Fell hatte und diese besonderen Augen. Oder vielleicht war ja das ganze Rudel schwarz und … Tascani konnte sich durch einen spontanen Seitwärtsschritt noch scharf an Amáya vorbei drücken, sonst wäre er direkt auf ihr schönes Hinterteil geprallt und hätte sich eventuell eine hässliche Beule an seiner Schnauze zugezogen. Aber es war ja noch einmal gut gegangen. Aber warum war sie denn langsamer geworden? Der Rüde blickte die Schwarze mit zur Seite geneigtem Kopf fragend an. Amáya aber lief mit der Schnauze am Boden, aufgestellten Ohren und nervös zuckender Rute einfach weiter. Sie würdigte ihn keines Blickes.

.oO(…und isch? )

Als sich Tascani endlich wieder in Gang setzte, um ihr zu folgen, wurde ihm klar, was los war. Jetzt nahm auch er den Geruch war. Er war einerseits auffallend bitter, andererseits kündete eine süßliche Note von Blut. Sie mussten dem Ursprung dieses Geruches schon ziemlich nahe sein. Wieso nur hatte er es zuvor nicht bemerkt? Erneut kam eine Windböe auf, die Tascani leicht würgen ließ. Er verspürte den Drang, kurz aufzuheulen, den Kopf in die Pfoten zu vergraben und darauf zu warten, dass ihn jemand von hier wegholte. Er war sich sicher, dass etwas nicht in Ordnung war, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Aber er wusste auch, dass er nicht einfach davon laufen konnte; Amáya brauchte vielleicht seine Hilfe. Amáya …. Wo war sie? Hatte er sie verloren?
Seinen ihn besonders auszeichnenden Gang vergessend, begann Tascani nun zu laufen. Sie konnte noch nicht weit sein. Unterholz zerrte an seinem Fell und würde sicher hässliche Striemen hinterlassen.
Außerdem war kein einziger Sonnenstrahl zu sehen und der Rüde fror. Gleich würde er das Schreckliche sehen, was auch immer es war. Inzwischen konnte er das schwarze Fell Amáyas in seiner Nähe zwischen einigen Baumstämmen ausmachen. Sie zerrte etwas aus dem Unterholz. Der Braune kam näher, um ihr zu helfen. Doch inzwischen hatte sie das kleine Fellbündel schon hervorgeholt und legte es vor sich nieder. Es war ein kleiner, unschuldiger, hilfloser Welpe. Sein Fell war mit Blut und galleähnlichen Körpersäften verklebt. Schmutz überzog den kleinen Körper wie eine neue Haut. War er etwa tot?
Tascani nahm nur noch dunkle Rot des Blutes wahr, das in seinen Augen wie ein Signalrot leuchtete. Bevor er in Ohnmacht fiel, sah er noch, wie Amáya ihn fragend anblickte.


Eine weitere vertraute Stimme drang an seine überempfindlichen Ohren. Eine vertraute, feurige Stimme. Nicht so gekannt wie die seines Bruders oder Daylghts oder Ganis, aber diese Stimme bedeutete weitere Hilfe für Cyriell. Nyota wusste, was tun war. Der Schwarze konnte sich auf die tatkräftige Hilfe der Leitwölfin verlassen.
Ein seliges Lächeln stahl sich auf Aryans Lefzen, ungewöhnlich falsch fühlte es sich an. Es sollte eigentlich Erleichterung und Freude zeigen, aber irgendwie zeigte es nur eine Grimasse. Zu weit auf einem ganz falschen Weg. Und dann- brannte es. Nicht in seiner Schulter, nicht das altbekannte Pochen in seiner Stirn. Nein, es brannte innerlich. In seiner Kehle. Ein ätzendes Verlangen nach Tod und Blut vermischte sich mit den Schuldgefühlen. Eine unbekannte Kraft riss ihn fast von Pfoten. Er wollte umkehren. Nicht direkt wegen den Grauen, viel mehr wegen seinem Blut, dass er nach seinem harten Aufprall gespuckt hatte. Er wollte es schmecken, es dürstete ihn danach. Denn Blut bedeutete Tod. Und Tod bedeutete, dass dieses Brennen erlöschen würde. Woher er das wusste, war nicht wichtig. Viel schlimmer war das brennende und fordernde Verlangen nach so einer abscheulichen Sache. Aryan wusste, das war Fenris. Er hatte sich einen neuen treuen Anhänger geschaffen. Aber war er treu? Wollte er unter diesem Verlangen leben? Konnte er in diesem Zustand je wieder unter Artgenossen? Die letzte Hoffnung verebbte. Dafür musste er mehr Konzentration und Willen aufbringen, nicht einfach umzukehren und seinem Trieb nach zu gehen. Das Beste an diesem Zustand war, dass er die körperlichen Beschwerden gar nicht mehr wahrnahm. Konnte man ihm helfen? Würde dieses Verlangen jemals wieder aufhören? Wie wild rasten die verschiedensten Gedanken durch seinen Kopf. Seltsam viel Raum hatte er für jeden Gedanken, zugleich nahm er einzelne Geräusche, Wandlungen wahr. So auch spürte er, wie die Luft sich langsam veränderte. Er kam dem Sumpfgebiet näher. Ein seltsamer Fäulnisgeruch stieg auf. Komisch nur, dass Aryan sich nicht unwohl fühlte, obwohl der Geruch in seiner Nase eine ätzende Wirkung hatte. Es lenkte gut von der Gier nach Blut ab. So erhöhte er das Tempo, soweit es ging. Schon bald erspähte er das sumpfige, modrige Gebiet. Es breitete sich eine schlammige, tote Landschaft vor ihm aus. Zufrieden nickte er seiner neuen Behausung zu. Kein anderes Lebewesen wollte hier wohl gern lange bleiben. Keine guten Lebensbedingungen. Zum Jagen würde er wohl in den Wald hinein müssen. Hasen und Mäuse wären dabei die bevorzugte Beute. Mehr würde er in der nächsten Zeit nicht jagen können. Gradlinig lenkte er seine Gedanken auf jeden einzelnen Stein, auf jeden braunen und verwelkten Grashalm, auf jeden toten und verdorrten Baum. Nur um nicht an seine neu gewonnene Blutliebe denken zu müssen. Lange konnte er sich damit nicht beschäftigen, er würde sich früher oder später damit auseinandersetzten müssen. Vor allem mit seinen nächsten Schritten.

'Zurück kann ich nicht mehr. Es wäre unverantwortlich. Diese neue Vorliebe muss erst einmal unter Kontrolle gehalten werden. Unvorstellbar, wenn ich jemanden in einem Wahn verletzen würde. Abgesehen davon wird Cyriell mir eh nicht mehr unter die Augen treten wollen. Ich habe ihn zu tief verletzt als dass er mir verzeihen könnte. Merkwürdig war doch, dass ich seine Gedanken lesen konnte, wenn es denn seine waren. Es schien gerade so, als sei er in meinem Kopf verankert, wie damals die Stimmen. Nur jetzt war es der Wirklichkeit näher, es war greifbarer. Und genau so interessant ist es doch, dass ich eine unglaubliche Wahrnehmung habe. Ist das ein Bonus eines Fenrisgeweihten? Auf jeden Fall ist es sehr nützlich- für die Jagd. Selbst wenn ich meinem Bruder nicht mehr gegenüber treten kann, seine Gedanken sind vielleicht ganz nützlich. Vielleicht denkt er ja über die Sache ganz anders- nein, so darf ich nicht denken. Es gibt kein Zurück mehr. Ich werde mich ihm wohl noch erklären und dann endgültig gehen. Wenn das bloß so einfach wäre. Eigentlich kann ich nicht gehen. Daylight, was soll sie denn ohne mich machen- was soll ich ohne sie machen? Sie ist die Liebe meines Lebens. Und schon jetzt habe ich das Gefühl und die Verantwortung eines Vaters. Und wer soll dann auf Gani aufpassen? Niemand wird sie verstehen. Niemand wird ihr Verhalten richtig deuten. Wahrscheinlich wird sie nach wenigen Monaten zum Omega und schließlich verbannt, nur weil sie „hallo“ sagen wollte.',

er lachte leise auf als er sich an die vergangene Begegnung mit Gani erinnerte. Sie war schon äußerst seltsam. Allerdings kein schlechter Wolf. Ein wenig anders als die Anderen. Aber das machte sie besonders. Genau zu dem Wolf, der ihm am ähnlichsten schien. Auch wenn es einige Unterschiede gab.


Huch- was war das? Ein leichter Sog, der ihn bewegte. Ein seltsames Gefühl. Es tat nicht weh, es war nur fremd. Gehörte das auch zum Übergang zum Tod? Oder war es was anderes? Ciradán kannte sich mit dem sterben nicht aus, dass machte ihn etwas unsicher. Sollte dieses Ziehen zum sterben gehören? Er musste sich vergewissern, aber die Augen wollte er nicht öffnen. Er wollte nicht wieder spüren, dass sein eines Auge blind war. Er wollte nicht feststellen müssen, dass er immer noch lebte. Das würde bedeuten, dass er noch so einen langen Weg vor sich hatte, dass würde bedeutet- das er noch lebte und gerade gerettet wurde? Behutsam öffnete er die Augen und sah erst einmal gar nichts. Wie auch? Er war ja auf einem Auge erblindet und würde sich auf ein Sehfeld beschränken müssen. Gut, das war also nicht die richtige Reaktion. Also schloss er die Lider wieder und versuchte von seinen anderen Sinnesorganen Gebrauch zu machen. Hören war der zweite Reflex. Und tatsächlich. Er konnte ein grollendes Knurren vernehmen, Geräusche von brechenden Ästen. Was ging da vor sich? Ein leiser Ruck und er lag wieder auf der vertrauten Erde. Hier roch es modrig und nass. Ja, das kannte er. Hier fühlte er sich wieder besser, konnte in seinen Rhythmus über gleiten. Wäre nicht ein weiteres Geräusch auffallend gewesen. Es klang, als hätte man einen Baumstumpf einfach fallen lassen. Es zog ihn mehr und mehr aus seinem Flug. Er war zu unregelmäßig. Nicht einmal der leise Atem in der Nähe seines Hörfeldes konnte ihn nicht beruhigen und wieder schlafen lassen. Wie sollte er wissen, was passierte, wenn er es nicht sah? Er gebrauchte seine Nase und roch einen nicht ganz so vertrauten Geruch. Der eines Artgenossen. Dieser Duft schwebte auch über den Rudelplatz, aber zu wem gehörte er? Noch wusste er es nicht so direkt. Dafür bewunderte er seine Mutter. Klar, sie hatte sich an ihre Blindheit gewöhnt und verließ sich ganz auf ihre anderen Sinne. Aber Ciradán war erst seit kurzer Zeit blind, und das nur auf einem Auge. Außerdem glaubte er bis jetzt, dass er im Sterben lag. Die geforderte Konzentration konnte nicht so schnell aufgebracht werden.

“Ich dachte... ich- sterbe. Lebe... lebe- ich?“,

fragte er leise. Aber seine Stimme wollte ihm nicht gehorchen, brach an einigen Stellen. Ein raues Flüstern. Immer noch brannte seine Lunge von der Gallenflüssigkeit. Es kratzte sehr in seiner Kehle.

Einem Moment verharrte er still, lauschte angestrengt auf jedes Nebengeräusch außer des Regens. Zu lange hatte er nur dem dumpfen Trommeln gelauscht, hatte es zu seinem Mittel zum Abzählen der Sekunden genommen. Es war wie sein schwacher Herzschlag. Ausblenden wollte er diese Vertrautheit nicht, lieber wollte er sich noch schmerzlich an sie klammern. Vielleicht war er ja nur in einem seltsamen Traumzustand gefangen. Und wenn er jetzt aufhören würde zu zählen, dann- dreitausendvierhundertzweiundzwanzig.
Ein neuer Beweis musste her. Wenn er nicht träumte, dann musste er verstehen, was vor sich ging. Wer ihn gefunden hatte, wem er ewig dankbar sein wollte. Wieder öffnete er die Augen. Diesmal ließ er das verschwommene Bild auf sich wirken. Er war blind auf einem Auge. Das Bild wollte nicht schnell schärfer werden, und je länger er die Augen auf ließ, desto stechender wurde das Verlangen nach Tränenflüssigkeit. Eine schwarze Gestalt über ihm. Eine Gestalt mit klaren blauen Augen. War das etwa Fenris? Dreitausendünfhundertdreiundsechzig.
Es gab doch gar keine Götter, wieso sollte also Fenris hier sein? Er schloss die Augen wieder.

“Bis... bist- Du... ei-ei-ein... Tod-Todesengel?“, fragte er leise.


Er öffnete einfach nur leicht den Fang und bleckte die Zähne. Eine Antwort auf den bissigen Hinweis von der schwarzen Leitwölfin. Sie mochte ihn also nicht, gab ausschließlich ihm die Schuld an Banshees Untergang. Verständlich, ganz klar. So hätte es der Graue wohl auch getan. Wenn er nicht wüsste, wie man auch bis in die Tiefe denken konnte. Zu oft hatte der Zeitwächter verkehrte Situationen richtig verstanden, oder vielleicht doch andersherum? Nun, er gehörte zu einer speziellen Sorte von Wölfen, die fast schon ausgestorben war. Er war wohl der letzte seiner Art und Gani würde sein Erbe antreten. Dabei sprach er nicht von der Aufgabe des Zeitwächters. Sie waren einfach anders. Selbst bezogen, leidenschaftlich, liebend und zornig. Eine schlechte Mischung und im Zusammenhang mit der wahren liebe ganz schlecht.
In diesem Moment wäre er nur liebend gern auf ein Streitgespräch mit Nyota eingegangen, hätte sie ein wenig zurecht gezupft. Keine gute Idee, aber eine so befriedigende. Akru hatte an sich nichts gegen die Schwarze, war er ihr sogar dankbar. Aber sie ließ sich gerne auf wenige drohende Zeichen ein. Und jetzt wollte Akru darauf eingehen. Jetzt wollte er sich streiten, wollte provozieren, wollte kämpfen, wollte die unbändige Wut loswerden. Natürlich auch mit unfairen Mitteln, Hauptsache irgendwie der aufgetaute Aggression Luft machen. 'Der liebende Sündenbock', dachte er gehässig- 'Mit mir kann man es machen, Liebste'.
Das Nackenfell war wild in die Luft gestreckt, obwohl es immer noch leicht regnete. Murrend grollte er vor sich hin. Die liebste Amáya war also sein neues Ziel. Ein schöner Gedanke, wenn er nicht auf sie aufpassen sollte. Sie wäre wohl die Einzige, die seinen Zorn verstehen und erwidern konnte. Sie wäre der richtige Partner- oder Feind.
Den Kopf schwenkte er leicht hin und her. Er wog seine Chancen nicht ab oder überlegte. Es war eher eine Angewohnheit, die ihn im Takt seiner Wut hielt. 'Mit dem größten Vergnügen. Die beste Aufgabe, die man mir geben konnte. Ich und Welpensitter. Prima. Glaubt sie tatsächlich, dass sie mich damit von Banshee fern halten kann? Wohl kaum. Dafür braucht sie solche Mittel nicht einmal, es gibt genügend Störenfriede', dachte er grimmig und gab zur lauten Bestätigung ein Knurren.
Er brauchte die Nase nicht einmal auf den Boden drücken, schon erkannte er Amáyas Geruch. Er war ihm leider vertraut. Zu oft hatte er seine Aufgabe ernst genommen und war ihr heimlich gefolgt. Sie hatte es nie bemerkt, was natürlich auch Sinn und Zweck der ganzen Sache war. Er wollte keine Auseinandersetzung, wenn es ihm gerade nicht passte.
Eben noch im siebten Himmel und nun auf den Weg zur Hölle, das war doch was ganz Feines.
Ein paar Momente lang lauschte er nur dem Regen, bis er endlich den schwarzen Pelz erkannte. 'Da ist ja mein kleiner Todesengel', begrüßte er sie in seinen Gedanken. Hämisch und mit einer reichlichen Portion Sarkasmus. Allerdings währte diese Ader nicht lange und er roch das, was er noch riechen sollte: Blut. Leicht verdrehte er die Augen. Wie lange hatte er schon seinen Durst nicht mehr gestillt? Wie lange hatte er schon den Rausch nicht mehr empfunden? Ewigkeiten. Er wollte es jetzt wieder haben. Doch der Zeitpunkt war undenkbar schlecht. Denn als er näher heran trat, konnte er ein kleines weißes Fellbündel erkennen. 'Oh, Amáya, Du hast doch wohl nicht wieder getötet?!', es laut zu sagen, wäre der größte Fehler. Er musste sich erst wieder sammeln. Die Gier war eben noch nicht ganz gebrochen. Er wollte dieses Blut, jetzt und hier. Nur die Moral hielt ihn zurück. Als er genauer hinsah und schon an der Seite der Schwarzen stand, bemerkte er einen fremden braunen Wolf. Er lag tatsächlich ohnmächtig am Boden und rührte sich nicht. Was war das für ein Paradiesvogel? Ein Wolf, der kein Blut sehen oder riechen konnte? Und wäre diese Situation nicht so urkomisch gewesen, hätte er wohl im nächsten Moment Amáya den Kopf abgerissen. Der Welpe, der dort am Boden lag war Urions Kind. War sie so dumm, um ihren Erzfeind einen erneuten Grund zum Angriff zu geben?

“Scheiße aber auch. Ciradán, kannst Du mich hören?“, fragte er rasch und trat mit der grauen Pfote nach dem weißen Welpen aus, nicht zu stark. Nun mit seinem Fang der Blutquelle zu nahe kommen, wäre die Krönung des Ganzen.

“Amáya, Du solltest von hier verschwinden, wenn Dich jemand“- wenn Urion, “in dieser Lage erwischt, bist Du Deiner Lebtage nicht mehr sicher. Den Grund kennst Du dafür selbst. Außerdem würde es auch mich in Schwierigkeiten bringen. Als Welpensitter sollte ich wohl Verantwortung tragen“, sagte er barsch. Natürlich ging es ihm um sein Fell, wenn er auch Amáya nicht in Schwierigkeiten wissen wollte.


Cyriell lag in der Schwärze. Oder schwebte. Oder fiel. Genau wusste der Graue es nicht zu deuten, aber das war auch unwichtig. Alles war unwichtig. Vielleicht hatte er die Augen geöffnet, vielleicht geschlossen. Er spürte seine Lider nicht, so wie er nichts von seinem Körper spürte. Da war nur Schwärze. Schwärze und gähnende Leere in seinem Kopf. Keine Gedanken, keine Gefühle. Kein Schmerz. Und das war gut so. Er brauchte nicht zu denken, brauchte sich nicht zu erinnern. Konnte es gar nicht. Und nur halb war sich überhaupt seiner selbst bewusst.
Zeit spielte ebenfalls keine Rolle. Verging sie überhaupt? Hier - wo auch immer 'hier' war - vemutlich nicht. Zeit war Veränderung, und Veränderung gab es hier nicht. Nur Schwärze, und Leere im Kopf. Schon der erste Moment war die Ewigkeit, und da keine Zeit für Cyriell verging, gab es auch nur diesen einen. Ein langer, langer Moment.
Der zu einem zweiten wurde, als die Stimme erklang. Fern, ein Echo, aber tatsächlich da. Der Graue reagierte nicht - bis zu dem Wort 'Miststück'. Ein Stechen, ein Schmerz. Plötzlich schien die Schwärze ein wenig heller zu sein. Nur eine Spur weiter ins Grau gerückt, aber für Cyriell, der zuvor in blößer Dunkelheit gehangen hatte, deutlich wahrnehmbar. Blasse Erinnerungen drangen in sein Bewusstsein. Aryan, der ihn anschrie. Ihn verfluchte. Nein. NEIN! Er wollte sich nicht daran erinnern! Und noch ein Stück ins Grau gerückt.
Da, eine zweite Stimme, nur gering deutlicher zu vernehmen als die erste, aber insgesamt immernoch nur ein fernes Rauschen. Und doch wich wieder die Dunkelheit ein kleines Stück, wieder stach der Schmerz in seiner Brust, und wieder tanzten die Erinnerungen. Nur ging der Schmerz nicht mehr fort, blieb in seiner Brust, in seinem Bauch erhallten, pochte, während die Erinnerungen an den schwarzen Bruder erstarkten. Heller wurde es um ihn. Cyriell sah ihn wieder vor sich stehen, wütend, hassend, schimpfend. Sah den großen Schatten und spürte, wie sich Zähne in seinen Nacken gruben... -
Schmerz! Schmerz in seiner Schulter! Er war wieder da, Aryan war wieder da, um ihn zu töten! War er denn noch gar nicht tot? Wich die Schwärze deshalb dem hellen Grau? Oh nein - er wollte nicht aufwachen! Aber der Schmerz! Der Schmerz in seinem Herzen, in seinem Nacken, seiner Schulter!
Cyriell spürte plötzlich Bewegung unter sich. Steine, Zweige, kalte Erde. Mit jeder weiteren Empfindung für seinen Körper wich das Grau weiterer Helligkeit, schneller und schneller und schneller. Er roch Regen, Wald, Blut, Wolf - Fähe, noch eine Fähe, Aryan...
Cyriell wimmerte, seine Läufe zuckten. Kurz darauf hörte das Schleifen auf, und eine Stimme erklang erneut - die Zweite, und diesmal war sie für seine Ohren schreiend laut. Aryans Name fiel. Der Graue zuckte erneut und krümmte sich dann langsam zusammen, winselte.

"Aryan...",

flüsterte er leise. Dann öfnete er langsam die Augen. Cyriell starrte geradeaus, sah seine Läufe, den Wald, den Nebel. Vage war er sich der Anwesenheit der beiden Fähen bewusst, aber da sein Gehirn noch immer nicht an sein Bewusstsein vermeldet hatte, wer die beiden waren, blieben sie ohne Bedeutung für ihn.

"Er wollte mich umbringen...",

hauchte er, und selbst jetzt war noch die Fassungslosigkeit und die Verzweiflung in seiner Stimme zu hören...


Regen. Regen der die Welt in eintönige Geräusche hüllte. Regen der alle anderen Geräusche und Stimmen verschluckte. Regen. Ihr wurde klar, dass sie Regen mochte. Er vertrieb die Geräusche der Welt und betäubte alles mit seinem Plitsch-Platsch. Es herrschte Stille. Amúr konnte nur den Regen hören. Wunderbar.
Dennoch. Kesar hatte sich ewig nicht mehr hergewagt. Der Regen verwandelte alles in eine Schlammgrube und sie wurde ganz nass. Sie war voller braunem Schlamm. Er verklebte ihren Pelz und fühlte sich seltsam kühl und feucht an. Dennoch rührte sie sich nicht sondern verharrte mit unter den Körper gezogenen Beinen an ihrem Liegeplatz. Da es alles nicht besser wurde, das Wetter, musste man abwarten. Das musste irgendwann ja aufhören. Alles endete irgendwann. Also auch der Regen. Sie glaubte mit ihrem ganzen Wissen daran, auch wenn das nicht viel war.
Sie vermisste Kesar und seine Geschichten. Vielleicht sollte sie sich aufraffen und ihn einfach selbst suchen. Wie sollte sie denn ahnen dass es mehr als einen Hasen im Wal gab. Sie konnte das nicht wissen, sie war zu jung.
Seufzend stand sie auf, versuchte erfolglos den Schlamm loszuwerden. Den Blick zum Wald gerichtet erhob sie sich. Irgendwo in den Tiefen des Waldes lebte Kesar. Und zu ihm musste sie, denn sie hatte wieder viele Fragen an den Hasen. Ein hastiger Blick wurde über die Schulter geworfen - niemand beachtete sie. Hastig rannte sie los, so schnell es der Boden zuließ

oO Kesar.....ich komme.....Oo


Mit dem andauernden Regen kam die Plage zurück. Er war wieder krank. Schwach und erschöpft hatte er sich unter die Bäume zurückgezogen. Sich einen halbwegs trockenen Ort gesucht. Ohne Regen. Denn der Regen brachte ihm nur Schmerzen. Bei kaltem und Nassem Wetter fühlte Iori sich stets als würde er jeden Moment auseinanderfallen. Alt sein. Schrecklich. Genervt klappte er die Ohren nach unten und drückte die Pfoten darauf um das andauernde Plop der Regentropfen auszublenden, welches ihn nun schon seit fast einer Woche in den Wahnsinn trieb. Er rutschte auf dem Waldboden herum, um dem Regen so gut es ging zu entgehen. Es NERVTE ihn so sehr. Nicht dass es in seiner Heimat nicht andauernden Regen gegeben hätte, aber da hatten sie eine Höhle gehabt, außerdem gab es auch Ruinen und jede Menge anderer trockener Orte dort. Nicht so wie hier. Und der Regen dort brachte Abkühlung von der trockenen Hitz Indiens. Nicht so wie hier. der Regen hier brachte eher Auskühlung und das Wetter hier war auch nicht unbedingt 'warm'. Mit einem sich selbst bedauernden Seufzer rollte er sich zusammen, blendete das Plop des Regens aus seinen Gedanken aus und beobachtete lieber in stiller Selbstvergessenheit die Wölfe nahe des Sees. Er gähnte, leicht nur. Nervtötendes Plop, Plitsch, Platsch, Plop von allen Seiten ließ ihn genervt brummen. Er hustete leise, den Blick auf 2 weiße Fähen gerichtet. Beide waren schön und beide waren Jung. Früher hätte er sie ohne zu Zögern getötet aber er wollte nicht mehr töten, wollte keine Familien mehr auseinanderreißen, wollte kein Blut mehr vergießen. Er war immerhin alt und er wollte die letzten Jahre ohne Kummer verbringen, aber war das hier der Ort dafür? Sicher sie hatten ihn hierherkommen lassen aber war er wirklich Willkommen oder bloß geduldet?

Urion kreiste wie ein ruheloser Tiger im Käfig über den Rudelplatz. Takashi war weg, Kaede hatte sich auch nicht mehr blicken lassen und der Fluch breitete sich immer weiter in ihm aus. Mittlerweile färbte sich das einst graue Fell nachtschwarz.
Urion beschloss im Wald spazieren zu gehen. Allein auf dem Rudelplatz war es langweilig. Die ganzen Wölfe hatten sich eh irgendwo verteilt, sodass Urion seine Ruhe haben könnte, jedoch irrte er sich gewaltig, denn in seine Schnauze kroch die Fährte von Ciradrán und einem Fremden. Der Verfluchte blieb stehen und sog mit geschlossenen Augen die Luft weiter in sich hinein. Amáya und Blut! Sie wird doch nicht...
Urion spannte seine Muskeln an und raste in die Richtung aus der die Fährte kam.
Schließlich erreichte er die Quellen. Erkannte einen Wolf am Boden liegen, Amáya, Akru und seinen Sohn, der völlig erschöpft am Boden lag.
Urions rote Augen wanderten zu jedem einzelnden Wolf, ein leises Grollen trat aus seiner Kehle, doch war es an niemanden bestimmtes gerichtet.
Der fremde Wolf schien noch zu leben. Ohnmächtig geworden? Aber warum?
Die Antwort war unwichtig. Urion sah aus den Augen des Fluches auf seinen Sohn oder doch dessen Sohn? Die Grenzen zwischen den beiden Seelen verschwammen immer mehr. Nur eines hatten sie gemeinsam. Die Angst ihre Familie zu verlieren.
Urion senkte seinen Kopf und wusch seinen weißen Engel mit der Zunge rein. Eine unerklärliche Zuneigung zu Ciradrán kroch in ihm hoch. Urion legte sich zu seinem Sohn um ihn zu wärmen.

"Alles wird wieder gut mein Kleiner... alles gut."

urion hob kurz seinen Kopf, blickte Amáya in die Augen.

"Du hast ihn gefunden, nehme ich an. Danke..."

Rakshee verharrte irritiert vor Kisha, als diese plötzlich behauptete gar nicht Kisha zu sein. Das stürmische Wedeln verklang, und sie legte besorgt den Kopf schief. War das ein Trick? Es konnte ja gar nichts anderes sein. Erst jetzt bemerkte Rakshee auch Aradis, die ebenfalls bei Kisha stand...und das Spiel jetzt offenbar mitspielte. Rakshee fand das nicht lustig. Rakshee wollte nicht mitspielen.

"Kisha, hör auf damit"

bat sie, und zog eine Schnute.

"Duuh bist Kisha, meine Tante, Tochter von Banshee und Acollon, Schwester von Averic, Papa, Tyraleen, Malicia, Amáya und Daylight!"

erklärte sie unglücklich, lies sich vor Kisha auf den Hintern sinken und spürte das feuchte Gras unter sich. Es war viel zu kalt.

"Warum warst du so lange weg, Kisha? Ich hab dich vermisst. Und Oma Bani bestimmt auch"

stellte sie fest, und sah die Schwarze fragend aus bernsteinernen Augen an. Jetzt erst wand sie sich an Aradis.

"Hey Aradis"

meinte sie nur, und sah Kisha dann wieder an. Die schwarzbraune Fähe war immer schon verspielt gewesen, aber sie hoffte wirklich dass sie dieses Spiel nicht weitertreiben wollte...dafür hatte es Rakshee zu sehr erschreckt. Und sie in einem Rutsch ihre ganze gute Laune gekostet...


Tyraleen folgte flüchtig dem Blick Lucinas nach Osten. Ganz offensichtlich schien die Weiße etwas von dem Aufgezählten sehr schön zu finden … und eigentlich blieben da nur die Berge. Oder wer fand ein totes Waldgebiet betretenswert? Ob die Fähe wohl auch die Berge so sehr liebte wie Tyraleen selbst?

“Magst du die Berge? Ich liebe sie. Leider sind sie weit entfernt, es dauert drei Tage, bis du auf einer annehmbaren Höhe bist. Schade, dass unser Rudelplatz hier im Westen liegt. Aber irgendwann werde ich auch wieder hinaufsteigen.“

Das meinte sie ernst. Und Averic hatte ihr versprochen mitzukommen. Eines Tages wieder die endlosen Höhen, die eiskalte Luft und die Stille der Berge spüren. Von dort aus wären das Nichts, der Regen und all diese belanglosen Sorgen so weit weg. Dort wäre nichts mehr wichtig. Aber für Tyraleen war mit ihren Welpen dieser Traum erstmal in weite Ferne gerückt. Schließlich musste sie bei ihnen bleiben und mitnehmen könnte sie sie ganz sicher nicht. Und wenn sie irgendwann Leitwölfin sein würde … könnte sie dann einfach so ihr Rudel alleine lassen und in die Berge wandern? Das klang mehr als abwegig. Aber vielleicht … eines Tages. Eine süße Verführung. Sie ließ ihre Gedanken zurück und konzentrierte sich wieder auf Lucina, deren Gesichtsausdruck sie zwar nicht deuten konnte, trotzdem das Gefühl hatte, die Weiße wollte etwas loswerden. Das kam auch bald in Form einer sehr berechtigten Frage. Nur wusste Tyraleen nicht genau, wie sie darauf reagieren sollte. Zuerst einmal das Nichts, das Lucina unmöglich entgangen sein konnte. Innerhalb einer Woche hatte sie allerdings sicher nicht viel über es herausgefunden. Und dann kam noch die Sache mit Banshee … das einer Neuen zu erzählen, war aber wohl nicht so gut.

“Ach, weißt du … momentan geschieht viel auf einmal. Sicher hast du schon das Nichts bemerkt. Diese Flecken, die unser Tal verschlingen und jedes Wesen verschwinden lassen, das ihnen zu nahe kommt. Wir wissen nicht, woher es kommt, warum es da ist und wie es wieder gehen könnte. Wir wissen nur, dass es immer größer wird und dass wir sehr bald irgendetwas unternehmen müssen.“

… ansonsten würden früher oder später alle im Nichts enden und Tyraleen hatte das unbestimmte Gefühl, dass das kein schöner Tod sein würde. Nur was man dagegen unternehmen sollte, war furchtbar unklar und Banshee …

“… und unsere Leitwölfin – meine Mutter – wird immer schwächer. Manche glauben, dass sie sehr bald sterben wird. Dabei wäre sie die einzige, die dieses Problem lösen könnte. Vielleicht. Wenn es überhaupt lösbar ist.“

Verzweiflung stand ihr jetzt offen im Gesicht, durchmischt von leiser Trauer. Sie konnte sich nicht vorstellen, was sein würde, wenn ihre Mutter tot war. Wenn das Nichts dann noch immer wuchs und sie alle ohne ihre Leitwölfin daständen. Sicher war Nyota noch hier – auch wenn sie genauso immer älter wurde – trotzdem war es ein bekanntes Geheimnis, dass Banshee diejenige war, die mit solch Mysterien umzugehen wusste.


Banshee spürte es sehr wohl, als Akru näher rückte, reagierte darauf aber nicht, sah ihn weder an, noch rückte sie zu oder weg von ihm. Sie war sich nicht sicher, was er damit bezweckte und ob er glaubte, sie hätte sich unabsichtlich nicht so gesetzt, dass sich zumindest ihre Flanken beim atmen berührten. Vielleicht aber wollte er auch wieder mehr, als sie ihm geben konnte. Konnte, nicht wollte. Oder doch wollte? Es war keine Zeit, sich jetzt mit diesen feinen Unterscheidungen zu beschäftigen und sollte Akru eine Reaktion erwartet haben, so war es vielleicht auch gut, ihn jetzt so zu enttäuschen. Eine Zeit lang kam nicht von dem Grauen, dann hauchte er Worte, die die Weiße durchaus verstand und wandte sich leicht ab. Auch darauf reagierte sie nicht. Er hatte ihr schon mehrmals gesagt, dass es ihm leidtat und Banshee hatte die Entschuldigung schon mehrmals angenommen. Das würde jetzt nicht anders sein. Gleichzeitig spürte sie dabei auch nichts mehr, weder Dankbarkeit noch Ablehnung. Und zudem war der schweifwedelnde Fremde nun bei ihnen angekommen und forderte ihre Aufmerksamkeit.

“Ich danke dir für deine warmen Worte, Malak. Du hast auch richtig geraten, ich bin die Leitwölfin und heiße dich im Tal der Sternenwinde Willkommen. Was führt dich zu uns?“

Seine Worte zu Akru kommentierte sie nicht weiter, konnte sich ein leichtes Lächeln jedoch nicht verkneifen. Es verdeckte die Traurigkeit. Akru lächelte wirklich selten, allerdings gab es auch nicht viel in seinem Leben, was ihn zum Lächeln bringen konnte. Nicht einmal mehr sie. Ziemlich abrupt und unsanft wurde sie von einem äußerst erschreckenden Wolf aus ihren Gedanken gerissen. Er wälzte sich wie ein Bär zu ihnen und sprach sie dann auf eine Art an, auf die sie noch nie in ihrem Leben angesprochen wurde. Halbtot. Ja, so sah sie aus. Aber ihr gekränkter Stolz konnte sich kaum entfalten, noch immer war sie viel zu verblüfft über diesen Fremden. Er war dick, mehr als dick … er war fett. Anders konnte man ihn nicht beschreiben. Woher kam er, dass es ihm so gut gehen konnte? Und warum war er dort fortgegangen? Aus einem Land, in dem man immer fressen konnte? Bevor sie irgendetwas sagen konnte, meldete sich Akru zu Wort und übernahm ihre Verteidigung, zu der sie vor lauter Verblüffung wohl nicht fähig gewesen wäre. Dass er sich dabei vor sie stellte, als wäre sie nicht imstande, sich selbst zu beschützen, störte sie aber und auch seine unfreundlichen Worte zu Malakím fand sie weniger angebracht. Aber sie erinnerte sich auch noch an andere Situationen, in denen Akru ganz und gar nicht angebracht reagiert hatte. Er ließ ihr jedenfalls nicht viel Zeit, dampfte schon in den Wald davon und ließ sie mit dem schrecklich fetten Wolf und Malakím stehen. Sie würde später mit ihm reden.

“Nun, das war Akru und er hat treffend festgestellt, dass es sicher nicht gut ist, eine Leitwölfin zu beleidigen, wenn man danach noch etwas von ihr will. Es wäre nun also angebracht, sich zu entschuldigen und sich danach ein wenig … vorteilhafter zu präsentieren.“

Die Frage, wie es zu diesem Zustand des Rüden gekommen war, lag ihr auf der Zunge, sie schluckte sie aber vorerst hinunter. Dass sie dem fetten Wolf nicht böse war, wunderte sie selbst, vielleicht lag es an seinem Zustand, vielleicht auch an Akru. Und vielleicht auch daran, dass sie sich zwang, nicht über diese Bezeichnung nachzudenken. Sie traf. Mit einem entschuldigenden Lächeln wandte sie sich an Malakím.

“Ich muss mich für Akru entschuldigen. Er ist manchmal sehr aufbrausend.“

Etwas besseres fiel ihr dazu nicht ein.


Stopp, stopp, stopp. Irgendwie lief da gerade so einiges verkehrt.
Also noch mal alles auf Anfang. Sie und dieser seltsame Paradiesvogel von Wolf trampten also gemütlich durch die Weltgeschichte – oder sie mit ihm, wie auch immer – dann fand sie dieses Bündel von Wolf mitten in der Botanik und das erste, was man von einem Helferlein hätte erwarten können: Es fiel in Ohnmacht. Bravo. Ausgezeichnet.
Amáya hatte nur die Augen verdreht, als der Rüde in sich zusammen sank und auf dem Boden aufgeschlagen war. Großer Gott, das konnte doch nicht sein Ernst sein!!
Der wollte ein... ahm... ein was eigentlich?... vielleicht ein Beschützer sein und alles was er fertig brachte war, alleine vom Anblick eines bewusstlosen Welpen um zu kippen.

Deine Pfoten haben schon mal nicht den perfekten Halt, mein Lieber.

, murmelte sie nur leise. Ihre Aufmerksamkeit wurde allerdings von dem Zwerg abgelenkt, der sich nun zu ihren Pfoten regte. Immerhin war er am Leben. So halbwegs zu mindest.
Um die Worte besser verstehen zu können, die der Weiße so vor sich hin brabbelte, senkte Amáya ein wenig den Kopf zu dem kleinen Körper hinab. Mit starrem Blick musterte sie den kleinen Körper, als sie seine Worte vernommen hatte, bevor dieser endgültig ins Nirwana entschwand. Zumindest vorüber gehend.
Da sie das schwache Heben und Senken des Brustkorbes ausmachen konnte, wusste sie, dass sie ihrem Ruf noch nicht nach gekommen war. Todesengel ja, bei Wesen unter einem Meter vorläufig aber nein.
Perfekt das in genau diesem und keinem anderen Augenblick zuerst ihre persönliche Leibgarde anmarschiert kam und die Situation gleich richtig fest stellte. Mit deutlich erkennbaren zusammen gekniffenen Zähnen fauchte die Schwarze Akru an.

Genau. Schieb immer alle Scheiße mir in die Läufe. So ist es richtig, du feiger Hund. Als wärst du wirklich um mein Leben besorgt.

Von ihr aus konnte man ihr viel erzählen, dass aber ausgerechnet Akru, der sich sonst nur um sich und seine Freuden – bevorzugt mit ihrer Mutter – kümmerte und sich sonst einen Dreck um andere scherte, sich nun Gedanken über ihr Wohlbefinden machte... dies konnte er versuchen irgendeinen Trottel zu verkaufen, aber Amáya glaubte ihm kein Wort. Generell waren in ihren Augen die meisten Wölfe Lügner und verdammt schlechte obendrein.

Scheut sich der werte Herr etwa um Verantwortung, häh? Schon scheiße, wenn man springen muss, wenn die Angebetete einen Wunsch äußert, nicht wahr?

Weiter kam sie allerdings nicht, denn – oh, welch ein Zufall und wie ungemein passend – marschierte jetzt ihr Oberliebling Urion auf den Platz und mischte sich in diese entzückende Runde. Zumindest schien er Herr der Lage zu sein und alles bestens zu verstehen, da er ja auch anwesend gewesen war.

Versteh das nicht falsch, du Landplage. Ich wollte nur dem Mief auf den Grund gehen. Aber war ja klar, dass es sich um deine Brut handeln musste. Ihr müffelte beide gleich widerlich.

Leicht schüttelte Amáya den Kopf, kehrte dann dieser seltsamen Szene, die sie beim besten Willen nicht verstehen konnte, den Rücken zu und pfotete nach dem bewusstlosen Rüden am Boden.

Hey, Schlafmütze. Die Show ist vorbei und die kannst die Augen wieder aufmachen.

Immerhin war sie nicht so ein Feigling, der davon rannte, nur weil es vielleicht gefährlich werden konnte?

.oO(Wer sagt’s denn? Papi Urion kann ja auch zahm sein. Olles Schäfchen.)


Dumpf bekam Caylee irgendwo am Rande mit, dass Krol herumschimpfte. Aber sie verstand gar nicht mehr mit wem und was er überhaupt sagte. Aber es klang so, als würde er sie beschützen. Und das war toll. Auch wenn er sie natürlich nicht zu beschützen hatte, das konnte sie ja sehr wohl selbst, aber … ja, in diesem Moment war das toll. Ihr war nämlich immer noch ziemlich schlecht und irgendwie wurde das nur immer schlimmer. Mittlerweile hatte sie auch die Augen geschlossen, weil ihr sonst schrecklich schwindelig wurde. Als sie jedoch von einer Schnauze berührt wurde, schlug sie die Lider wieder auf, sah aber nur eine seltsam verformte, lila Nase, die hin und her schwang und sich immer mehr verbog. Komisch. War das Krolocks Nase? Sie wusste gar nicht, dass der so komisch aussah. Und er sagte wieder was. Schmerzen?

“Auaaaaa.“

Stieß sie hervor, allerdings nicht sehr laut. Das sollte so viel heißen, wie dass sie wirklich Schmerzen hatte. Richtig antworten konnte sie irgendwie nicht mehr, ihre Zunge wollte sich gar nicht mehr bewegen. Und abgesehen von dem ganz fiesen Wehtun im Bauch, brummte auch noch ihr Kopf. Und die Augen hatte sie wieder zugemacht, sie bekam nur noch mehr Kopfweh von Krolocks komischer Schnauze. Aber lange konnte sie das nicht so halten, weil da schon wieder jemand war. Etwas stupste sie an und vorsichtig öffnete sie erneut die Augen. Schwarz war überall um sie herum … schreckliches Schwarz. Wieder eine Stimme, aber sie bekam die Worte nicht zu fassen. Kopfaua. Bauchaua.

“Muss is … sterben?“

Fragte sie ganz leise während sie die Augen wieder schloss. Das ganze Schwarz um sie herum und die Schmerzen … fühlte sich so Sterben an? Vielleicht … das wäre aber sehr schade. Sie wollte doch ihrer Mama und ihrem Papa noch sagen, dass sie sie liebt hatte und ihren ganzen Geschwistern auch … sogar Krol! Aber ihre Zunge war so schrecklich schwer … und ihr Bauch tat so weh.


Isis striff allein durch die Wälder. Seit Akru das Revier verlassen hatte, wollte sie mit niemanden so recht reden. Auch wenn die kleine Fähe selbst der Meinung war, dass die Trennung zwischen ihnen das beste wäre, sehnte sie sich nach dem grauen Zeitwächter. Die Wüstenwölfin seufzte leise und sah nicht hin, wohin ihre Pfoten sie führten. Nur aus dem Augenwinkel registrierte sie, dass der Wald hier irgendwie anders aussah. Ganz ehrlich? Hier war sie noch nie im Leben gewesen.
Neugierig blieb Isis stehen. Sollte sie weiter gehen oder lieber umkehren? Immerhin kannte sie das Gebiet nicht, aber verlaufen war auch unnötig. Banshees Fährte war zwar schwach, aber deutlich zu wittern, sodass die Ägypterin sich schließlich weiter wagte. Plötzlich erschnüffelte sie eine weitere Fährte. Der Rüde gehörte mit zum Rudel, aber gesprochen hatte sie noch nicht mit ihm. Er schien allein zu sein und war der Gefährte von Daylight...Aryan.
Aber was machte er so allein hier? Isis spitzte die Ohren und vernahm seine Stimme. Hatte sie sich gettäuscht oder redete der Schwarze mit sich selbst?
Isis erkannte den Dunklen schließlich. Er war allein und niedergeschlagen, in völliger trauer. Isis Ohren legten sich an ihren Kopf. Die Stimmung kannte sie nur zu gut von Akru, sodass sie auf den Rüden zu steuerte, immerhin konnte sie eigentlich mit solchen Rüden umgehen.

"Aryan! Ich hoffe ich störe dich nicht, aber was machst du denn hier so allein? Ganz so gemütlich ist das hier nicht."

Isis schüttelte es tatsächlich. Nein, das Sumpfgebiet war nicht wirklich behaglich. Trotzdem wedelte die Fähe leicht mit der Rute und blickte Aryan freundlich an.


Während Ilias Liel, seinen kleinen Patenwelpen, musterte versuchte er sich an seine Kindheit zu erinnern, was ihm garnicht leicht viel. Zu viel war in letzter Zeit passiert, welche den Erinnerungen an Kapazität raubte.

"Dann freu ich mich aber, dass du mich doch noch erkannt hast"

sagte Ilias erfreut und gab ihr ein freundliches Nicken als antwort auf ihr entschuldigendes Lächeln. Er bemerkte, dass sie immernoch Probleme hatte, ihn anzuschauen, war sich aber nicht bewusst, ob er sich hinlegen durfte, aufgrund der Rangordnungen etc., die er nie richtig kennen gelernt hatte. Er tat es einfach und hoffte, dass er nicht irgendwelchen Regeln, nach denen er eh nicht gerne spielte, brach.

"Mh, meine Sorgen. . . ich könnte jetzt sagen, das sie mein Problem sind, dass ich alleine mit meinen Problemen fertig werden müsste. Aber darf ich dich fragen, ob du weißt was Liebe ist?"

Auf Liels Antwort war er gespannt, denn er hatte erst recht spät erfahren, was die Liebe ist, und was sie alles Bedeuten kann, ebenso welche Folgen sie haben kann.
Und natürlich, dass sie nicht immer gut tut, obwohl es eigentlich dabei um eben tolle Gefühle gehen sollte.
Bevor er jedoch abschweifte, wollte er Liel ersteinmal aufmuntern, da sie recht nachdenklich wirkte, als sie davon erzählte, dass Kaede es traurig machte, dass die Sonne schon eine Zeit lang nicht mehr schien.

"Ja ich mag den Regen auch, er beruhigt mich, ich kann besser nachdenken und fühle mich wohl. Mach dir keine Sorgen um Kaede, bald wird sicherlich die Sonne wieder scheinen und du kansnt ihr von all der Farbenpracht der Welt erzählen. Sicher würde sie sich sehr freuen. Aber auch jetzt kannst du sie ja aufheitern, denn ich denke, dass es das ist, was sie jetzt braucht. Jemand der sie zum lachen bringt."

beschämt schaute er sie an, dass er ihr einen Vorwurf wegen Krolock gemacht hatte, obwohl es garnicht von Nöten war. Ilias war sich schlichtweg nicht sicher, wie Liel zu ihrem Bruder stand, weswegen er sich vergewissern wollte. Die Antwort hatte er jetzt in Form einer Frage.

"Ja, manchmal schreit man auch, wenn man streitet, aber ich hoffe in deinem Leben wird es nie so weit kommen, denn das kann einen ganz schön weh tun, aber nicht dem Körper, also man ist nicht verwundet, sondern man fühlt den Schmerz in sich.
Tut mir Leid, dass ich das ganze so schlecht beschreiben kann, ich habe eher seltener mit Welpen zu tun. Auch wenn du schon sehr erwachsen und reif wirkst."


tröstete er sie, als entschuldigung darauf, dass er ihr das alles nicht genauer beschreiben konnte.

o0 Verdammt, bin ich ein schlechter Lehrer 0o

verfluchte er sich in Gedanken und fühlte sich bei dieser Konversation etwas fehl am Platz. Rumturnen und albern mit Welpen war nie ein Problem für ihn, aber Dinge leicht verständlich beschreiben, waren so garnicht seine Stärken, wie er gerade feststellen musste.

"Es ist schön, dass du dich gut mit deinem Bruder verstehst, denn Zusammenhalt ist wichtig."

Glücklicherweise, kamen jetzt einfachere Fragen, die man sicher leichter beantworten konnte, als die vielen tiefgründigen Fragen, mit denen er sich selber Tattäglich auseinander setzte.

"Eine Prinzessin, ist ein wunderschönes und kluges Weibchen wie du es bist. Es heißt auch, dass du es zu etwas großem in unserem Rudel machen wirst, und ich bin mir ziemlich sicher, dass du ein sehr wichtiger Teil des Rudels wirst."

Das mit dem bösen war doch wieder etwas schwieriger zu beantworten, da man es sehen konnte, wie man will. . . Doch Ilias versuchte tapfer zu antworten, wie er nur konnte.

"Das Böse ist, wenn dir zum Beispiel jemand etwas schlechtes tun will. Für dich ist er in diesem Moment zumindest böse, auch wenn es aus der Sicht des anderen vielleicht garnichts böses ist, verstehst du?
Es liegt immer im Auge des Betrachters und deswegen ist es wichtig, dass man sich in die Lage anderer reindenken kann, damit man andere besser versteht und welche Ansichten sie haben. Aber nur für den Fall, jemand will dir böses tun, dass ruf mich ok? Ich bin für dich da, es ist mein Versprechen das ich dir gebe, als Zeichen dafür, dass ich dein Pate bin. Ich will doch nicht, dass meiner kleinen Prinzessin etwas passiert."


Leise seufzte Ilias in der Hoffnung, dass Liel wenigstens einen kleinen Teil dessen verstanden hatte, was er ihr gesagt hatte. Er schaute sie mit großen freundlichen Augen an, während er schon wieder ganz weit woanders inmitten seiner Welt und seinen Gedanken befand. Irgendwo zwischen Glückseligkeit und Trauer, in Gedanken bei der Liebe. .

Unweigerlich musste Akru schmunzeln. Sie war so erfrischend ehrlich und treffend. Er scherte sich nicht sonderlich viel um anderer Wölfe. Es ging ihn nichts an und er hatte so seine eigenen Dinge im Kopf. Allerdings war auch etwas Wahres in seinen Worten. Vielleicht mochte es nicht so aussehen, aber er machte sich schon ab und an mal Gedanken um Andere. Und das Letzte, was er wollte, war Amáya wieder auf der Anklagebank zu sehen. Mürrisch verdrehte er die Augen und stieß dabei einen Schwall Luft aus. Keine gute Idee- jetzt war er gezwungen den Blutgeruch tief ein zu atmen. Oh ja, er wollte es haben, besitzen. Er wollte es ganz für sich allein- aber nicht jetzt. Er befahl seinen Körper still zu halten. Und tatsächlich versteinerte er. Regungslos und mit einem sehr flachen Atem. Nicht einmal der Brustkorb senkte sich. Der Herzschlag allerdings war beträchtlich schnell.

“Ich kümmere mich nicht um Dich, sondern um Deinen Dreck. Nicht Dir zu Liebe, sondern mir. Egal, wer diesen Befahl zu Deiner Obhut gab, ich tue es, damit ich bleiben kann. Egoismus, Schätzchen. Sollte Dir bekannt sein, hm?“, zischte er so leise, dass er selbst nicht der heran trabende Urion verstehen konnte.

Der Verfluchte beugte sich über seinen Sohn, und für einen Moment sah es wirklich so aus, als wolle er ihn fressen. Wieder wurde die Luft zu schnell aus den Lungenflügeln gepresst. Gut, dann hielt er eben für einige Momente die Luft an. Dass Amáya nicht Schuld an der Verletzung des Welpen war, erleichterte ihn ungemein. Allerdings brauchte er sich bei ihr nicht entschuldigen, es traf eh auf taube Ohren. Vielleicht irgendwann mal.
'Nicht einmal seiner Aufgabe kann man in Ruhe nachgehen. Alles Irre und Verrückte. Ich müsste treffend gut in diese Runde passen. Ein Ohnmächtiger, eine Mörderin, ein Verfluchter, ein blinder Welpe und ein Liebeskranker- pah! Welch Ironie. Man lernt aus Fehlern, das nächste Mal hüpfe ich über die Reviergrenze!', dann musste er nach Luft schnappen. Knapp drei Jahre lebte er schon mit dieser unstillbaren Gier nach Blut. Und es wurde nie besser, nur die Beherrschung konnte perfektioniert werden, wenn man es dann wollte. Denn der Genuss war unbeschreiblich- bloß nicht daran denken.

“Dann werde auch ich mich entschuldigen, Amáya. Nur die Gewohnheit, ein alter Wolf. Wirst Du wohl verstehen“, dann drehte er dem Geschehen den Rücken zu und verschwand wieder in das dichte Dickicht. Erst einmal weg vom Blut.

Und somit wieder in eine Gegen mit mehr Sauerstoff. Schnell sog er die reine Luft ein und befand sich im Begriff wieder zum Rudelplatz zu marschieren. Oh nein, das wäre nicht gerade der perfekte Ort um sich eine Erholung zu gönnen. Immer noch schwirrte der süßliche Duft der Leitwölfin ganz nah. 'Ein Masochist mit Leib und Seele. Ich verbeuge mich vor meinem Publikum. Der Narr unter euch. Der liebende Narr. Einer von der Sorte, die sich in die falschen Wölfe verliebt und mit ihnen zu Grunde geht. Diejenigen, die eine mordsmäßige Gier nach Blut haben. Danke, meine treuen Fans und Anhänger. Ich danke euch. Meine nächste Vorstellung findet im nächsten Frühjahr statt. Sichert euch schon einmal die besten Plätze. Meine Hinrichtung wird ein Mordsgaudi!', sprach er zu seinen imaginären Zuschauern. Grimmig grinste er vor sich hin, die Genugtuung seiner eigenen Geisteskrankheit war die geniale Abrundung zum restlichen Vergnügen.
Mit dem Motto: Wer hat Akru noch nicht verletzt?, wer will nochmal? Prima, ausgesprochen irr witzig. Wäre er nicht gerade so verbissen gewesen, hätte er wohl noch laut gelacht. Er brauchte dringend eine Abkühlung. Schleunigst. Sonst würde noch jemand Wind von seiner abgestürzten Existenz bekommen. Und das war nicht sehr wirkungsvoll, nicht vorteilhaft.


Schon von der Ferne her, konnte er die Pfotengeräusche wahrnehmen. Das Pulsieren des Blutes in den Adern und Venen. Der verführerische Geruch von Leben. Der Atem ging flacher, die Muskeln angespannt. Die verletzte Schulter nicht mehr unter Bedacht. Wie konnte es sein, dass sich jemand, der noch jeden Verstand besaß, hierher traute. Abgesehen von ihm, war es für niemanden der richtige Ort. Er musste weg. Er würde sich sonst nicht unter Kontrolle haben. Allerdings war es nicht ganz so einfach. Schnaufend verharrte er still, jede Faser seines Körpers musste beherrscht werden. Alles in ihm musste in die andere Richtung gelenkt werden. Aryan hielt die Luft an, bevor er sich umdrehte und in das Gesicht der hellen Fähe Isis sehen konnte. Der Kiefer war fest zusammen gepresst. Die Augen zu Schlitzen verengt. Unweigerlich sträubte sich das Fell.

“Es wäre besser, wenn Dich verschwindest. Hau ab! Ich kann es nicht lange aufhalten. Lauf!“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Automatisch schätzte er das Gewicht und die Kraft seines Gegenüber ab. Ein Reflex, den er nicht kannte, aber der ihm sehr vertraut schien. Das Resultat sprach für sich. Er hätte sie ohne Weiteres töten können. Und niemandem wäre es aufgefallen. Die erste Beute war zu ihm gekommen. Sollte er das denn nicht ausnutzen? Fenris würde ihn dafür belohnen. Aber er wollte es gar nicht. Er wollte niemanden verletzen. War das denn nicht der Grund warum er abgehauen war?

Mit einem Satz stand er vor der Wüstenwölfin und bleckte die Zähne. Nur wenige Zentimeter und er hätte seinen Fang öffnen und sie erwischen können. Ihr warmes, frisches Blut schmecken. Ein großes Vergnügen, was ganz Natürliches. Es war ein Instinkt, er durfte es. Jemand sagte ihm ganz deutlich, dass dies seine erste Chance war. Nur wenige Momente war er wirklich im Begriff mit dem Tod eines Artgenossen leben zu können. Einfach töten. Das war gar nicht so schwer. Er hatte schon einmal mit einem Mord leben können. Doch jetzt wäre das Vergnügen schöner. Jetzt wäre der Durst gestillt. Fenrisgefreiter. Ein Soldat, der seine Befehle ausführte. Ein Soldat, der durstig war.

“Nun lauf schon! Erzähle es jedem, warne sie!“, Befehl über Befehl. Anders ging es nicht mehr. Zu viel Mühe hatte er sich im Zaum zu halten. Jeder Augenblick wurde gestochen scharf wahrgenommen. Alles war so, wie es sein sollte. Nur wenige Zentimeter- er war ja durstig.

Ein gequälter Gesichtsausdruck legte sich auf die harten Züge des Schwarzen. Er wollte, er wollte nicht. Er wollte niemanden verletzten, er wollte das Brennen in seiner Kehle löschen. Er wollte sie töten, er wollte fliehen. Zerrissenheit würde man es nicht nennen können. Eigentlich war es ganz klar. Aryan, oder der Teil, der noch Aryan war, wollte sie nicht töten. Der durstige Teil wollte ihr Blut. Welche Seite war stärker?


Sofort verengten sich die Augen zu Schlitzen, das Bild von Lunar wurde schärfer. Die Umrisse waren klare Konturen. Auch Krolock sah für einen Moment lang nichts anderes als den schwarzen Wolf mit der sadistischen Art. Die kleinen Lefzen spannten sich über die Zähne. War das ein Fletschen? Oder ein übergroßes Grinsen? Egal, es sollte ekelig aussehen. Es sollte dem blöden Flohträger sagen, dass er die Klappe halten sollte. Dass es besser wäre, wenn er nicht zu vorlaut war. Denn Caylee würde nicht sterben. Face war ja da. Face würde wie Nightmare ein Held sein. Er würde seine weiße Freundin schon irgendwie wieder hinkriegen. Egal, ob sie nun ihr Leben lang mit diesem dämlichen Kichern herum laufen würde. Aber sie würde ganz sicher nicht sterben.

“Du hast doch keine Ahnung, Du elender Idiot. Sag so was nicht, Caylee wird leben, klar?! Sie wird wieder ganz!“, seine Stimmlage war zwei Oktaven nach oben gerutscht, und er klang mehr hysterisch als wirklich ernst oder bedrohend oder feststellend.

Allerdings durch fuhr ihn ein Schauer als Caylee tatsächlich fragte, ob sie sterben würde. Nun weiteten sich die Augen und er hüpfte wieder dicht an ihre Seite. Forsch sah er sie an. Nein, sie war noch ganz und das würde auch so bleiben. Ganz bestimmt.

“Rede keinen Unsinn! Du wirst nicht sterben, weder heute noch morgen, klar soweit?“, das waren aufbauende Worte. Zuversichtlich nickte er und fügte hastig hinzu: “Und übermorgen.“

Aber was konnte er tun, damit es ihr schnell wieder besser ging? Sollte er sie wach halten? Sollte er sie rütteln? Sollte er sie schlafen lassen? Was brauchte sie denn? Fragend schaute er in das tiefschwarze Gesicht von Face. Er sollte mal langsam loslegen mit der Heldentat. War ja unnötig, Caylee noch leiden zu lassen.

“Willst Du Deinen Engayastein? Soll ich ihn Dir holen, Caylee? Er wird Dich beschützen.“, was für eine schwachsinnige Idee. Was sollte so ein blöder Stein denn schon groß machen? Er lebte ja nicht einmal.


Cocaine stand da, wartete, hoffte, lauerte. Nun langsam wurde ihm das Ausmaß dieses Rudels, in das er hier reingeraten war, bewusst. Artgenossen von allen Seiten drangen sie sich auf den großen Platz vor ihm, unterhielten sich, keiften einander an. Noch immer hatte er den unberechenbaren Blick aus seinen rot glühenden Augen starr gerade aus gerichtet. Das ganze Geschehen um ihn herum schien einfach nur vorbeizuziehen. Wie in Zeitlupe und als wäre das einzig Bedeutende, was sich an diesem Ort befand, der melierte Assassin. Hin und wieder zuckte eines seiner Ohren in eine andere Richtung, aber nicht, weil ihn irgendetwas oder irgendjemand Unbedeutendes hier interessierte. Diese ganzen Wölfe waren keiner Aufmerksamkeit wert. Es galt lediglich das Alphatier unter ihnen ausfindig zu machen.

Schließlich nahm er eine weiche, zarte Stimme, die allerdings eher auf die fordernde und herrschende Art in seine kleine Ohren traf, wahr und scheinbar ihm befahl, näher heran zu treten. Er witterte in die Richtung aus der er die Stimme vernahm und sog den süßlichen Duft der Fähe in seine Nase. War diese Wölfin etwa ihr Führer? Nur kurz dachte Cocaine über diese Eventualität nach. Die Muskeln des unscheinbaren Rüden spannten sich als schließlich der fremde Rüde (Akru) in seine Richtung steuerte. Doch anstatt im letzten Moment einen Bogen um Cocaine herumzulaufen, rempelte er mit seiner Gestalt direkt gegen den harten und wohltrainierten Körper des Assassin. Was dachte sich der Trottel? Diese Aktion rüttelte zwar wenig an Cocaines Selbstbewusstsein, doch sollte dieser fremde Rüde seine Launen besser nicht zu oft an jemandem wie den Melierten auslassen. Cocaine zog die Lefzen hoch, allerdings nicht auf drohende Weise. Er entgegnete Akru lediglich mit einem Schmunzeln, ein leichtes Lächeln, welches seine spitzen, weißen Raubtierzähne kurz hervorblitzen ließ. Doch so charmant diese Gestik an Cocaine auch aussehen mochte, beinhaltete sie immer eine versteckte, unterschwellige Drohung. Ein Kommentar dazu war nicht notwendig und so verschwendete der Melierte keinerlei Worte an diesen fremden Rempler, sondern setzte seinen neuen Weg auf die Wölfin, welche die Führerin zu sein schien, fort.

Mit jeder Bewegungen des Rüden konnte man eine unbändige Kraft erahnen, die sich in dem geschmeidigen Muskelspiel unter seinem dichten Pelz abzeichnete. Je näher er der Wölfin (Banshee) kam, desto konzentrierter und fixierender wurde sein Blick. Seine Präsenz war allerdings nicht drohend, aber sie war souverän und stolz. Eine immense Selbstsicherheit umspielte seine Züge. Alles an ihm zeugte von seiner Überlegenheit. Die Rute hing schlaff herunter, er hatte es gar nicht nötig sie imponierend über seinem Rücken hin und her schwenken zu lassen. Besonnen trat er an die weiße Wölfin heran und obwohl er ihr nun so nah stand, war da eine durchsichtige, unüberwindbare Barriere zwischen ihnen, die eine riesige Distanz aufbaute. Das war seine Höflichkeit. Seine Höflichkeit ihr trotz seiner körperlichen Nähe doch so fern zu sein. Eine Weile noch verharrte er so. Den Spott in seinen Augen ließ er ruhen, er wollte es sich mit dieser Dame nicht verscherzen.

"Verzeiht, wenn ich euch störe. Und verzeiht, wenn es euch missfällt, dass ich unangekündigt dieses Revier betreten habe. Ich wäre euch dankbar, wenn ihr mir verraten könntet, wer der Anführer dieser Gruppe ist."

Seine tiefe Stimme klang schroff, aber nicht unfreundlich. Er hatte sie lediglich lange nicht mehr benutzt. Und ehrlich gesagt hätte er es auch nicht gedacht, dass er sie jemals wieder gebrauchen würde. Vorallendingen nicht um sich mit einem Rudel zu verständigen. Vielleicht würde er sogar hier verweilen. Eine momentan absolut abstruser Gedanke.


Das angenehme, neutrale, fast schon samtige Schwarz färbte sich in leidenschaftliches, pulsierendes Rot. Das Lebendige kehrte zurück und zog ihn aus seinem Sumpf der Träume. War es doch eben noch so wunderbar still um ihn und in ihm gewesen, so ursprünglich, vernahm Tascani Amour nun ein lauter werdendes Pochen. Es durchzog grausam jene Ruhe, die für ihn geschaffen worden war. In deren schützender Höhle er vorerst bleiben wollte. Sein Körper hatte ihm einen Fluchtweg angeboten, den er bereitwillig angenommen hatte, da es ihm zuviel wurde. Wo war er hier nur gelandet? Ja, wo war er überhaupt? Wie … was war genau passiert? Inzwischen war das dumpfe Pochen etwas leiser geworden, dafür nahm er jetzt Stimmen wahr. Verzerrte, seltsam klingende Stimmen, die so klangen, als stünde der Sprecher sehr weit entfernt von ihm. Nach und nach schoben sich einzelne Frequenzen übereinander, überlappten sich und schließlich waren sie zu nur einer einzelnen, weiblichen Stimme vereint. Eine schöne Stimme. Dies gab den entscheidenden Anstoß, dass Tascani endlich wieder bereit war, sich endgültig aus seinem komatösen Zustand zu lösen und mit theatralischem Entsetzen seine Augen aufzureisen.

„Oh mon Dieu! Wo bin isch hier?“

Dann erst hob Tascani seinen Kopf, um ihn verwirrt hin und her zu schwenken und seine Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit damit auszudrücken. Letztendlich blieb sein Blick an der schwarzen Fähe neben ihm hängen. Sie war ihm nahe, das gefiel ihm. Er riss seine Augen noch etwas weiter auf und wenn man ganz genau hinsah, konnte man ein keckes Kräuseln an seinen Lefzen erkennen.

„Oh, Amáya. Meine Engel. Vielleischt isch bin gelandet in die Paradies?“

Mit einem Satz war er wieder auf den Beinen, um sich das Gras und die kleinen Äste angewidert aus seinem dichten Fell zu schütteln.
Gerade, als er auf Amáya zugehen und schauen wollte, was passieren würde (inzwischen fand er selbst die Situation nämlich urkomisch), nahm er zum ersten Mal wahr, dass sie nicht alleine waren.
Wie enttäuschend.
Tascani wandte sich dem Rüden zu, der sich nun offenbar um den so übel zugerichteten Welpen kümmerte. Er nickte jenem nur kurz zu.

„Bon jour, isch bin Tascani Amour und isch hoffe, dass der Kleine wird wieder gesund.“

Er mied es, den Kleinen anzublicken; der Rüde wollte nicht erneut riskieren, in Ohnmacht zu fallen.
Dann wandte er sich wieder seinem Objekt der Begierde zu und sah sie mit zur Seite geneigtem Kopf an. So, als frage er: Und nun? Er hoffte, sie würden bald wieder alleine sein.

Atalya
24.12.2009, 20:10

DA. Da war dieses Eigenartige Gefühl wieder. Als würde noch etwas anderes in ihm sein. Das Nichts. Es würde Kandschurs Tod und Gleichzeitig seine Bestimmung sein. Ungeachtet seiner eigenen Gefühle empfand er etwas wie Trost. Als würde eine riesige Hand ihn halten. Er schloss die Augen, spürte wie sein Körper sich anspannte und wie sein Atem langsamer wurde. Das hatte er schon einmal mitgemacht, ein einziges Mal kurz vor seiner ersten Priesterweihe. Und damals hatten sie ihn direkt einen Heiligen genannt. Und zugleich war das auch der Grund warum er Tibet verlassen hatte. Er war doch nicht heilig, oder etwa doch?

oO Du bist Ich. Und Ich bin Du Oo

Eine Stimme brachte sich in seine Gedanken und ließ ihn aufspringen. Angespannt blickte er zu Liam, konnte sehen dass dieser mit ihm redete aber er verstand ihn nicht mehr. Die Stimme sprach Tibetisch. Kandschur seufzte glücklich, die Sprache seiner Heimat klang wie Musik in seinen Ohren und er entspannte sich wieder. Die Rute sank nach unten und er hob den Kopf, ein Hinterbein zurückgestreckt wirkte er plötzlich wie ein junger dynamischer Leitwolf, ein mächtiger Krieger. Nicht wie Kandschur, der Alte Tibeter. Etwas ging in ihm vor, etwas das so vorherbestimmt war.

"Liam.....Lotusblüte....folge mir"

Seine Stimme klang tief und vibrierte vor Lebendigkeit die vor wenigen Momenten noch nicht dagewesen war. Sie klang fremd und zugleich kam sie aus dem tiefsten Inneren des Rüden. Diese war die wahre Stimme von ihm, die Stimme des Herzens. Die blauen Augen erstrahlten seltsam und an sich selbst schien er zu strahlen als würde die Sonne in seinem Inneren gefangen sein und versuchen auszubrechen indem sie ihn mit ihren Strahlen durchbohrte. Er schien zu glühen, erstarkt durch die innere Stimme die nicht die seine war, und zugleich sein ganzes Selbst verkörperte


Isis kannte diese Züge, aber so deutlich hätte sie nicht damit gerechnet. Er war wie Akru, wie Gani. Vom völlig gleichen Schlag. Die Äypterin bemerkte wie er sie musterte. Mit diesem Blick, als wäre sie eine wunderbare Beute. Sie war unterlegen, sie würde unter seinem Kiefer sterben, aber ihr gutes Herz, ihre Liebe zum Anderen, würden sie nicht gehen lassen. Die Kleine konnte den schwarzen Rüden nicht sich selbst überlassen. Wer weiß was dann geschehen würde. Sollte er ruhig seine Gier an ihr auslassen, dann würde es Aryan besser gehen.

"Wer bist du, dass du es wagst mir Befehle zu erteilen, Aryan?"

Es war ihr Stolz. Ihr königliches Blut, was sie so standfest und sicher erscheinen ließ. Vielleicht würde das etwas den Rüden verwundern, aber tief im Inneren wusste Isis, dass sie Angst hatte. Am liebsten würde sie los rennen, aber was dann? Was brachte es ihnen? Was brachte es Aryan.
Dieser hatte mittlerweile die Zähne gefletscht. Auch das kannte Isis.
Sie erwiederte die Geste, war bereit für einen Kampf in dem er sich austoben konnte. Ihre Ohren lagen völlig flach an ihren Kopf, ihre Augen zu schlitzen verengt, das Maul leicht geöffnet.

"Labe dich an meinem Blut, wenn es dir besser geht. Ich habe keine Angst vorm Tod, aber habe du dann keine Angst Akru zu erzählen, was du mit seiner Schwester getan hast. Traue dich Tyraleen meine Leiche zu zeigen."

Seinen gequälten Ausdruck sah sie, aber sein böser Teil würde überwiegen.
Isis bot ihm ihre Kehle da.


Nerúi horchte auf, als Turién sie nach Fenris fragte. Warum..ääh...weil...naja, darum halt.
Aber vielleicht wusste Fenris ja auch viel und hat es anderen Wölfen gesagt?

"Vielleicht ja auch Fenris. Aber Tante Banii hat gesagt dass Engaya auf uns aufpasst. Und zu Fenris hat sie nichts gesagt"

stellte sie fest, und spitzte dann die großen Ohren, als Turién ihr seinen Plan verriet. Sofort rollte sie sich auf den Bauch, bereit aufzuspringen, und sah ihren Silberbruder mit verschwörerisch funkelnden Augen an.

"Ha! Du traust dich doch nicht mal auf 10 Schritte ans Nichts!"

flüsterte sie ihm herausfordernd zu, und stand sofort auf den kleinen Läufen. Wedelnd, grinsend und mit hocherhobenem Kopf stand sie vor ihm, und sah theatralisch in Richtung des Nebelnichts am See.

"Los gehts!"

Kaum hatte sie es ausgesprochen, wetzte sie auch schon drauf los. Immerhin wollte sie zuerst da sein! Dass ihr plötzlich eine braune Fähe im Weg stand machte ihr gar nichts, sie lief einfach unter ihrem Bauch hindurch und sah sich plötzlich vor das Hindernis von sich bewegenden Läufen gestellt. Mit einer großen Portion Glück und etwas Geschick sprang sie im richtigen Augenblick unter dem Rüden hindurch, ohne in ihn hineinzulaufen, machte dann einen Bogen um Banshee, übersah einen weiteren Wolf und rannte mit voller Wucht gegen Malakìms Beine. Verdutzt lag sie vor ihm, sah zu ihm hoch und knurrte bedrohlich. Es wirkte eher süß.

"Du stehst mir im Weg!"

stellte sie fest, rappelte sich auf und rannte sofort weiter. Dieser Schwarze hatte sie ihren ganzen schönen Vorsprung gekostet! Also musste sie die letzten Meter um den See nocheinmal voll ausnutzen, und beschleunigte so sehr sie konnte.


Sie blieb tatsächlich stehen. Wie dumm konnte ein Wolf sein? Verstand sie denn seine Aufforderung nicht- hatte er sich unklar ausgedrückt? Nein, er hatte ihr gesagt, sie solle verschwinden. Warum also war sie noch an Ort und Stelle, und bot ihm die Stirn. Ihre Worte machten die Situation nicht besser. Nur viel schlimmer, und es kostete mehr Kraft sich an Ort und Stelle zu halten, als mit dem Wind zu laufen. Die Muskeln verhärteten sich. Bereit zum Absprung, nur der leise, zu flache Atem zeigte Leben. Moment um Moment verging. Das Brennen in Aryans Kehle wurde schlimmer, die Sehnsucht nach Blut stärker. Der Zorn grollte in dem Schwarzen.

“Verschwinde einfach, Isis! Mach´ es nicht schlimmer, als es ist. Ich will Dir nicht wehtun, und wenn Dir etwas an Deinen geliebten Freunden liegt, solltest Du Dein Leben in Sicherheit bringen- solange ich mich noch unter Kontrolle habe“, zischte er ganz leise.

Jeden Luftschwall, der seine Lunge verließ, musste ersetzt werden. Und jeder neue Sauerstoff brachte den geliebten Blutgeruch mit. Das frische, warme Blut in ihren Adern. Sein Kiefer spannte sich noch mehr an, als sie in Angriffsstellung ging. Nun stand er so regungslos und steif da, als sei er aus Marmor gehauen. Selbst sein schon ohnehin flacher Atem erstarb.
Der Regeln prasselte laut in die Stille hinein. Und obwohl er relativ kühl war, kochte Aryan. Er verbrannte innerlich. Der Verlust des Bruders, Daylights, Ganis, Aléyas. Die Gesinnung zum Tod, die urplötzlichen Instinkte und Fähigkeiten. Die frische beute, die Provokation. Alles ließ ihn brennen. Dem ein Ende zu setzten, wäre gar nicht einmal so übel gewesen. Sie töten und verschwinden, wie er es vorgehabt hatte. Alles fügte sich wunderbar zusammen und doch wollte er nicht angreifen. Er war nicht Karmároon. Nur sein schwaches Abbild.

Ruckartig drehte er sich um und spurtete los. Riss sich weg von der Sucht nach ihrem Lebenssaft. Wenn sie nicht ging, musste er es tun. Es war zu ihrer Sicherheit, und wenn sie nicht verstand, dass sie weg musste, so musste er es halt für sie machen. Die schweren Pfoten trommelten über den Boden, während er sich seinen Weg durch das Sumpfgebiet suchte. Der Regen platschte seltsam dumpf auf die Brühe. Hier und da war es so matschig, dass er fast stecken blieb. Aber das konnte er sich natürlich nicht leisten.
Egal wie schnell er lief, der Durst verschwand nicht, wurde schlimmer. Er hätte ihn ja stillen können. Er hätte sie töten und ihr Blut haben können.
Grollend schüttelte er diese Gedanken ab. Nicht jetzt.


Feigling!
Aryan tat so als würde sie um ihn bescheid wissen, um das bescheid wissen, was in ihm hauste. Aber sie wusste nichts, überhaupt nichts und doch wagte sie es ihm die Stirn zu bieten. Er redete der Kleinen in das Gewissen, dass sie doch endlich verschwinden sollte. Wie der Schwarze mit sich kämpfte. Sie sah es an seiner Mimik. Oh ja, es war bestimmt ein harter Kampf, den er aufgab. so schnell wie seine Pfoten ihn tragen konnten, so schnell war er verschwunden. Weiter in das Sumpfgebiet hinein.

"Warum läufst du davon. Warum läufst weg von mir?"

Ihre Stimme klang zornig. Kurz wartete die Ägypterin auf eine Antwort oder eine andere Regung, dann drehte sie sich um und steuerte den Rudelplatz an, aber Moment. Sie konnte es nicht zulassen, dass Aryan irgendwen etwas tat. Wie sie darauf kam, dass er jemanden etwas tun konnte? Seine Art, wie er ihr gegenüber trat, die Flucht ergriff und seine Mimik. Isis riet einfach in das Blaue hinein. Erfahrungen von Akru, seine Wandlungen, Erfahrungen, die sie auch von Urion wusste. Solche Wölfe waren nicht normal.
Isis begann ihn mit großen Sätzen nach zu jagen. Ihr Vorteil war es, dass sie so zierlich war und daher schneller voran kam.
Schon bald erkannte sie den schwarzen Rüden wieder. Noch einen Spurt und sie ist drann. Mit einem leichten Grollen rannte sie eine kleine Erhöhung hoch, konnte somit überholen und sprang schließlich auf Aryan direkt rauf, verbiss sich in seinem Nackenfell. Isis hatte Angst. Sie hatte Angst zu sterben, aber sie wollte ihn sich nicht selbst überlassen. Wollte er tatsächlich Daylight allein lassen.

"Verdammt Aryan, was ist nur los mit dir? So verhält sich kein normaler Wolf!"

Isis grollte es unter seinem Fell hervor.

Seine Sinne waren plötzlich geschärft, als er aufgesprungen war, jederzeit bereit loszurennen. Pah! Glaubte sie das wirklich? Das er sich das nicht traute? Da kannte sie ihn aber schlecht. Er hätte ja nicht gefragt, wenn er nicht wollte… oder? Er war bestimmt viel mutiger als sie, hehe. Die würde noch was erleben…

„10 Schritte?! Natürlich trau ich mich das! Ich würde auch 8 Schritte nah dran gehen! Und 5 wenn du das willst… von mir aus kann ich auch rei-…. EY!“

Er hatte sich eindeutig verplappert. Denn mit einem Startruf war sie schon losgewetzt und hinfort. Turién sah mit einem Mal nur noch ihr Hinterteil und grummelnd warf er sich vor und beschleunigte seinen Lauf. Immer noch ungeschickt und sehr welpenhaft, wie sie eben noch alle in ihrem Alter waren, sprang er rennend über den Rudelplatz, immer Nerúi hinterher, die aber leider schon einen beachtlichen Vorsprung hatte. Und erst als die Welpin aus seinem Sichtfeld verschwunden war, er irritiert die Ohren verdreht hatte, bemerkte er, dass sie heimtückisch eine Abkürzung genommen hatte und einfach unter jemandem durchgelaufen war. Haha! Das konnte er auch. Er tauchte unter der Selben Fähe hindurch, die auch Nerúi als Abkürzung missbraucht hatte – und schon war er unter ihr hindurch, ging ganz einfach! Er wich einem sich bewegenden Objekt aus, und konnte so schnell gar nicht sehen wer oder was es überhaupt gewesen war… und dann. Dann war da plötzlich ein Berg. Ein Berg und er konnte nicht mehr ausweichen. Doch da! Da war eine kleine Lücke unter dem Berg…? Eigenartig, aber er musste seine Chance nutzen, bremsen konnte er jetzt eh nicht mehr. Turién warf sich mit einem Hechtsprung zu Boden und versuchte unter diesem Berg unterzutauchen, und auf der anderen Seite wieder raus zu kommen doch… mit einem Mal wurde er abgestoppt, und nur noch ein leises

„Urrgggh!“

verließ seinen Fang. Quietschend versuchte er rückwärts wieder aus dem Loch herauszukommen, und schaffte es dann –endlich- nach unendlichen Sekunden. Er machte eine Rückwärtsrolle und blieb aus dem Bauch liegen, starrte den Berg an und … musste feststellen, dass es gar kein Berg war, sondern ein… Fellknäuel. Und das Ding atmete sogar. Ziemlich keuchend. Sein Fang klappte auf und seine Augen wurden ganz rund. Was war das denn?!

„Krass!“

Mehr konnte er nicht sagen, sah verwirrt Oma Banshee an, und schüttelte seinen Kopf. Er blickte das Fellmonster noch mal schief an, schaute Banshee ein weiteres Mal fragend an, so als ob er eine Antwort auf DAS haben wollte, bevor er einige Schritte zurückging, als er sich endlich aufgerappelt hatte. Er klappte noch ein paar mal seinen Kiefer auf und zu, bevor er endlich noch etwas sagte.

„Bist du… ein lebender, weicher Berg…?“

Er runzelte die Stirn, und sah plötzlich Nerúi, die geschwind davonjagte. Er sprang auf, und ohne noch auf eine Antwort zu warten, die er jetzt ohnehin nicht mehr hören würde, wetzte er hinter ihr her. Der Berg ging ihm nicht aus dem Sinn, denn er war ja gar kein Berg, sondern einfach nur riesig und rund. Und seeeeeehr weich. Bestimmt irgendwas Kuscheliges. Aber egal, jetzt musste er erstmal Nerúi fangen. Doch sie war so weit vorne… einholen würde er sie jetzt bestimmt nicht mehr. Also andere Taktik. Er hob seinen Kopf im Lauf, stolperte dabei einmal und flog fast auf die Nase.

„Neeeerrrrúúúúúiiiiiiiiii!“

Er hechelte einmal kurz nach Luft.

„Heeeeeee, hast du das geseeeheheeeen? Daaaa waaaarrr eiiin Kuuuuscheeeelbeeeerg!“

Okay, er wusste nicht ob es ein Kuschelberg war, und hatte auch keine Zeit das Ungetüm näher zu betrachten, aber irgendwas in der Art war es schon. Naja, während er also darüber nachdachte, näherten sich die beiden Welpen aber immer weiter dem Nichts.


Das Poltern ihrer Pfoten war schon von Weitem zu hören. Allerdings wollte der Schwarze nicht anhalten. Er hatte gerade einen Rhythmus gefunden, in denen er das merkwürdige Pochen in seiner Schulter nicht mehr spüren musste. Seine Wut war nicht verebbt, aber langsam fand er einen besseren Zustand- den gedankenlosen. Doch diese irr witzige Harmonie wehrte nicht lange, denn Isis war ihm nicht nur gefolgt, sondern griff ihn nun an.Wie dumm sie war. Wie blind. Wie lebensmüde. Er hatte ihr doch deutlich gesagt, sie solle verschwinden. Warum tat sie es denn nicht? Auch wenn sie nicht wusste, was in Aryan vorging- er hatte ja selbst noch nicht den blassesten Schimmer- konnte sie wohl erkennen, dass er keine Gesellschaft wünschte. Seine Worte waren über deutlich gewesen.
Die Beherrschung drohte ihm zu entgleiten, nur der feste Gedanke an Cyriell war wie eine Rettung. Er klammerte sich an jede Erinnerung an seinen Bruder, jedes Lächeln, die kleinen Grübchen, die strahlenden, blauen Augen. Nein, sein Bruder hätte es nicht gewollt- Aryan wollte es nicht. Er wollte der Wüstenwölfin nicht weh tun. Aber warum stürzte sie sich so auf ihn? Was hatte sie vor, wollte sie unbedingt sterben? Brauchte sie Aufmerksamkeit?
Fragen über Fragen. Nur ein Bruchteil einer Sekunde verharrte er still, als er schließlich seinen Kopf umdrehte und nach der Fähe auf seinen Rücken schnappte. Der Kiefer war immer noch verhärtet. Angespannt und starr versuchte er sich am Boden zu halten. Abrupt riss er sie von sich weg. Es hatte ihn keine Mühe gekostet. Schnell ging es, fast, als sei keine Zeit verstrichen.

“Warum willst Du unbedingt Stress?“, fragte er in einem Flüsterton.

Die Antwort interessierte ihn tatsächlich. Vorsichtshalber trat er einige Schritte zurück und hielt den Atem wieder an. Wartete, lauschte. Das Brennen in seiner Kehle brachte ihn fast um den Verstand. Vielleicht würde es ja nie aufhören. Würde es bedeuten, dass er seiner Familie nicht wieder gegenüber treten konnte? Aber das kam eh nicht in Frage, er war eine Gefahr für jeden. Außerdem war Cyriell... nicht mehr sein Bruder- er würde Aryan wohl nie wieder sehen wollen.


Ruiza Tsuki hatte die Zeit während des Regnens an einem mehr oder weniger trockenen Ort im Wald verbracht. Dort hatte sie genug Zeit gehabt über die Sache mit Cyriell nachzudenken. Und über seine Reaktion ihrer verzweifelten Trauer gegenüber. Irgendwie konnte sie seine Reaktion ja verstehen. Es musste ihn zutiefst erschreckt haben sie so jämmerlich zu sehen. Sie seufzte. Noch immer lag sie an ihrem Platz im Wald, die Rute um den Körper geschlungen. Langsam die Augen öffnend wurde ihr Klar, dass sie die Sache mit Cyriell regeln musste. Am besten sofort. Sich erhebend schüttelte sie sich Blätter und Regen aus dem weißen Pelz und streckte sich erst einmal denn sie hatte sich während der letzten Woche kaum bewegt. Es war kalt, das musste sie leider feststellen aber in ihrer Heimat war es auch oft kalt gewesen, sogar kälter als hier und jetzt. Warum also fiel ihr das auf? Lag es daran dass IHR Cyriell nicht da war? Wahrscheinlich.
Langsam setzte sie die Erste Pfote ehe die anderen folgten und sie in einen langsamen aber stetigen Schritt Richtung Süden verfallen ließen. Sie wusste selbst nicht genau warum aber sie musste dorthin.
Während des Laufens ging ihr vieles durch den Kopf, auch der Tod ihrer Welpen. Eigentlich wusste sie nun warum es so gewesen war. Zum einen weil Shun kein guter Vater gewesen wäre und zum anderen weil sie selbst einfach zu jung gewesen war. Es war Richtig von Engaya gewesen die Welpen niemals atmen zu lassen.

oO Cyriell, Engelsauge, bald bin ich bei dir. Ich finde dich.....Oo

Mit einem Seufzen verdrängte sie die Gedanken an Vergangenes und wandte sich lieber der Gegenwart zu auch wenn diese merkwürdig war denn außer Cyriell kannte sie noch immer keinen. Er war ihr Halt, der Mittelpunkt ihres Lebens auch wenn sie vor einigen Tagen noch enttäuscht von ihm gewesen war, enttäuscht von sich selbst


Eigentlich war er schon eine ganze Zeit lang wach gewesen. Zuerst lag Takashi bloß träge herum und beobachtete die Anderen aus der Ferne. Ein wenig später stand er auf, da er ein bisschen Bewegung brauchte. Ihm ging es schon viel besser und er hatte auch wieder einiges an Kraft schöpfen können. Außerdem hatte er auch wieder zugenommen und näherte sich langsam, aber sich, seinem Normalgewicht. Jedoch waren seine Gedanken manchmal ein wenig verschwommen oder verstört. Das, was er erlebt hatte, hatte ihn wirklich tief getroffen. Zwar war es ihm unbewusst gewesen, da er zu dieser Zeit noch viel zu schroff und stählern gewesen war, im Nachhinein aber umso mehr darüber nachgedacht hatte. Jetzt taumelte er bloß nur desinteressiert und gelangweilt umher. Er hielt sich ein wenig von den Welpen und dem ganzen aufregenden Geschehen lieber etwas fern. Seitdem er wieder zu Kräften gekommen war, war er nachdenklich geworden. Da wollte er lieber seine Ruhe haben, als etwas vom dem wilden Umher mitzubekommen. Das Wetter empfand er wirklich als sehr mies. Für einen Moment sah er hoch in den Himmel. Die Wolken waren dunkler und dicht, sodass sie den Himmel verschleierten. Schon lange war kein klarer blauer Himmel mehr zu sehen gewesen. Irgendetwas musste mit dem Wetter nicht stimmen. Außerdem war das ganze Federvieh vom Teich verschwunden. Sie schienen alle aus dem Tal geflohen. Es wurde zu einer Seltenheit, dass man so ein Tier erblickte. Sollte man sich nicht darüber Gedanken machen? War es eine Art Warnung, die ernst zu nehmen war? Man würde schon sehen. Irgendwann vielleicht. Jedoch machten ihm seine Gedanken um den Fluch mehrere Sorgen. Langsam zog er eierige Kreise um den Rudelplatz.

.oO(Warum ausgerechnet ich? Warum wurde ich von dem Fluch befreit und nicht Urion? Aber eigentlich hätte es mich ja umbringen sollen. Was wird dann mit Urion geschehen? Wird er auch sterben müssen? Oder wird er es überleben können, so wie ich?)

Fragen über Fragen. Niemand kannte eine Antwort. Niemand wusste, was die Zukunft brachte. Ein leiser rauer Seufzer verließ die Kehle des Schwarzen. Die meiste Zeit hatte er bloß desinteressiert auf den Boden gestarrt. Takashi hob den Kopf. Was war da? Aus seinem Augenwinkel hatte er einen klaren weißen Schimmer wahrgenommen. Ein Wolf? Nein. Der weiße scheinende Fleck war so winzig klein, aber Takashi hatte ihn entdecken können. Das gehörte doch nicht da hin oder? Bestimmt nicht, denn das da hatte er noch nie gesehen! Vorsichtig ging er einige Schritte in die Richtung des weißen Schimmers. Was war das? Eine fremde Gestalt – ein Geist? Seitdem der Schwarze wusste, dass es Flüche gab, glaubte er auch an Geister und alles Mögliche. Deren macht war unberechenbar und brachte so einiges Unheil mit sich. Er entschloss sich also dazu, nicht dort hinzugehen. Nicht, dass er dann schon wieder in die nächste Falle rannte. Vorsichtig beobachtete er das Etwas von seinem sicheren Posten aus.


Wie lange ging er nun schon diesen elend langen Pfad entlang? Wie oft musste er schon ruhen, um seinen Pfoten eine Pause zu gönnen, um seine sonst kräftigen Läufe zu entlasten. Wie oft musste er schon stehen bleiben und tief einatmen um mit neuem Mut den Weg wieder in Angriff zu nehmen? Katsumi drückte seine Pfoten auf den nassen Boden und blieb, wie schon so oft, stehen. Aufmerksam blickte sich der Rüde um, aufmerksam schnippten die Ohren in alle Richtungen. Wo war er hier gelandet? Viele Gebiete hatte der Rüde nun schon gesehen, mehr, als je ein Wolf aus dem Seelenwald, mehr, als je ein Rudelmitglied seines ehemaligen Rudels. Viel mehr. So hatten sich zwar einige schon vor Katsumi auf und davon gemacht, doch der Wind flüsterte die Lebensgeschichten der Wölfe weiter. Also konnten sie nie weit gekommen sein. Jetzt, als der Fünfjährige noch intensiver in die Dämmerung lauschte, hörte er ein Leises Lied. Der Gesang des Windes. Angestrengt lauschte Katsumi, schloss dabei die Augen. Jedes Lied hatte seinen Charakter und sagte so viel über das Hier und Jetzt aus. Ein kalter Schauer durchzog den muskulösen Körper. Trauer, Elend und Leere, vermittelte das Lied. Begleitet von einem weit entfernten Krächzen eines Raben. Kopfschüttelnd setzte der Wolf seinen Weg fort. Keine gute Einladung, das Tal zu besichtigen, aber eine interessante. Der Wind log nie.
Immer weiter und weiter trugen die Läufe den Braunen, längst hatte er das unbekannte Gebirge hinter sich gelassen, als etwas Merkwürdiges vor den gelblichen Seelenspiegeln auftauchte. Vorsichtige, und nur sehr langsam vorankommend, pirschte sich der Rüde an das Etwas heran. Die Nackenhaare sträubten sich und etwas im Herzen des Rüden sagte, dass er von hier verschwinden sollte. Knurrend stand Katsumi da, begutachtete das Etwas. Das Nichts. Und wandte sich anschliessend ab. Auf seine Gefühle war meistens Verlass. Besonders in solchen Situationen. Den Rücken Richtung dem Etwas glitten plötzlich viele Gerüche in die Nase. Gierig sog der Braune jeden Duft ein. Wölfe, viele Wölfe. Und ohne es gross bemerkt zu haben, war Katsumi inmitten einem Revier. Inmitten einem fremden Revier. Mit einem grossen Rudel. Kleine wie auch grosse und ältere Wölfe schienen hier zu Hause zu sein, junge wie auch erwachsene Wölfe und auch Altwölfe. Konzentriert verankerten sich die Pfoten im Boden, das Haupt hoch erhoben. Kein Geruch durfte ausgelassen werden. Er musste bestens vorbereitet sein. Das Wasser – gab es noch so viele, die sagten, sie könnten es nicht riechen – war am nächsten. Kaum Enten, soviel stand fest. Auch keine anderen Wasservögel schienen hier zu hausen. Lag dies an diesem Etwas? Und genau diesem Nichts konnte Katsumi keinen Geruch zuordnen. Weiter entfernt roch es nach Moor, nach Sumpf, nach abgestorbenem Grünzeugs. Und nach noch mehr Wölfen. Beim Lauschen bemerkte der Fünfjährige, wie das Lied des Windes immer noch durch die Dämmerung flüsterte. Augenblicklich drehte sich der Rüde um und fixierte das Nichts. Deswegen sang der Wind also. Seltsam.

.oO(Oh meine Lieben Pfoten, wo habt ihr mich nur hingebracht..?)

Vorsichtig schritt Katsumi weiter, bewegte seine Läufe regelmässig, ging nicht schnell, nicht langsam. Wachsam waren seine Seelenspiegel überall, seinen Ohren entging kaum etwas und die Nase nahm einen etwas stärkeren Wolfsgeruch wahr. Immer der Nase nach, sagte einst Raíshkà, seine Mutter. Perfekt. Ein Wolf schritt in sein Blickfeld. Das Fell, so Grau wie der heutige Tag es war. Nein, sein Fell war dunkler. Katsumis Ohren schnippten nach Vorn. Wie interessant. Der Rüde, der da auf den See zumarschierte schien nicht Glücklich, nicht voller Lebensfreude zu sein. Passte zum Lied. Waren hier denn alle so? Dann passte es definitiv nicht zum Vorstellungsbild Katsumis. Ohne jedoch weiter darüber nachzudenken, trabte der Braune an.

"Seid gegrüsst, Wolf."

Kurz hielt Katsumi inne, schloss und öffnete den Fang, fixierte den Wolf ihm gegenüber mit seinen gelben Seelenspiegel.

"Verzeiht mein unangekündigtes Reinplatzen in dieses Revier. Mein Name ist Katsumi, merkt ihn euch oder vergisst ihn. Doch, Freund und Artgenosse, sagt, mit wem habe ich es hier zu tun?"

Neugierige leckte sich Katsumi über die Lefzen, liess die Rute leicht hin und her schwenken, kurz blitzte Freundlichkeit in den Augen auf. Kaum merklich zuckten die Muskeln. Angespannt waren sie, keine Zweifel. Man konnte ja nie wissen. Nach längerem so stehen, nickte der Braune zur Bestätigung seiner Worte und ein leichtes Lächeln glitt über die Lefzen des Rüden.


Akru hatte sich in das nasse Gras in der Nähe des Seeufers niedergelassen und starrte auf das gesprenkelte Schwarz des Wassers. Noch immer war er zynisch gelaunt, noch immer wollte er sich streiten und prügeln. Eigentlich ungewöhnlich, wo er doch jeder Konfrontation aus dem Weg ging- mehr oder weniger. Es passte ihm nicht, dass man Banshee ohne Weiteres beanspruchte, er ärgerte sich über die Sticheleien der schwarzen Nyota und nicht zu vergessen waren Amáyas abfällige Worte. Nicht, dass es an seinem Stolz kratzte, oder ihn verletzte. Es störte nur. Es war lästig und kratzte an den Resten seines Stolz.
Akru wäre wohl lange so still liegen geblieben und hätte seinen dämlichen Gefühlen gelauscht, seinen perfiden Plan weiter ausgebaut und sich über sämtliche Dinge entrüstet, wäre da nicht ein entferntes „Seid gegrüßt“ an seine Ohren gekommen. Zuerst drehte er nur die Ohren in Richtung des Geräusches, bis ihm auffiel, dass tatsächlich ein Fremder neben ihm auftauchte. War er gemeint? Kurz warf er einen Blick in die Umgebung- ganz eindeutig, er war gemeint. Für einen Moment war der Graue überrascht, dass man ihn ohne Weiteres einfach ansprach, um Information bat, aber schnell fasste er sich. Seufzend erhob sich der graue Leib und trat dem ebenso großen, braunen Rüden entgegen. Sein Körper war mit unzähligen und sichtbaren Narben übersät, die auffälligste war über sein linkes Auge gezogen. Die milchig trübe, trotzdem hell Gold leuchtende Linse schaute ihn freundlich an. Dieser Fremde war also nicht aggressiv oder provokant gestimmt, stellte keine dummen Fragen oder machte irgendwelche eingefahrenen Bemerkungen. Ganz normal- was auch immer das für eine Bedeutung in diesem Rudel haben mochte.

“Sei auch Du mir gegrüßt, Katsumi.“, mit einem leichten Kopfnicken untermauerte er seine Worte. “Mein Name ist Akru- Freund und Artgenosse. Du hast es mit einem-“, 'Haufen voller verrückten Idioten zu tun, und der Größte steht vor Dir', “großen Rudel zu tun. So heiße ich Dich herzlich Willkommen- selbst wenn ich den begehrten Platz neben der Leitwölfin nicht einnehme“, schloss er.

Wäre er Leitwolf gewesen, würde es nicht so unruhig in diesen Ländereien ablaufen. Aber ein Regime mit Herrschaft und Ordnung war nicht gewünscht, und in seinem Zustand war Akru nicht der beste Leitwolf. Noch zu sehr nagte der Tod seiner Welpen an ihm. Ging es Banshee ebenso? Oder hatte sie sich bereits von diesen qualvollen Erinnerungen distanziert?

“Willst Du uns länger mit Deiner Gunst beehren?“, fragte er beiläufig und starrte wieder auf den dunklen See hinaus.


Als sie durch die Luft flog, als Aryan sie von seinem Rücken riss, da war sie sich ihrer Sache nicht mehr so sicher.

o.O(Lass mich für dich hassen, damit du lieben kannst.)

Das waren Akrus Worte. Oh, was war nur aus ihr geworden? Aus ihr, der kleinen Fähe aus Ägypten. Sie hatte zuviel in Aryan gesehen, wollte anscheind zu sehr helfen.
Isis drückte sich an den Boden. Die kleine Fähe wollte nicht mehr. In jedem Wolf sah sie einen hilfsbedürftigen Akru, der Hilfe brauchte um glücklich zu sein. Wie sehr war sie nur von ihm Abhängig geworden.

"Es tut mir leid, Aryan. Es tut mir sehr leid. Ich hab in dich jemanden gesehen, der du aber nicht bist. Entschuldige mein Verhalten und ich werde dich jetzt allein lassen."

Isis stand zittrig auf und drehte dem schwarzen Rüden den Rücken zu. sie wollte zu Tyraleen. Ihrere besten Freundin. Sie musste mit ih reden, sprechen. Über ihre Gedanken und Gefühle. Isis fühlte sich grauenvoll und schlecht. Noch kurz warf sie einen Blick zurück zu Aryan, dann trugen sie ihre Pfoten zurück zum Rudel, weg vom Sumpfgebiet. Akru hatte das Rudel verlassen, sodass sie sich nicht mal die Mühe machte nach ihm ausschau zu halten, sondern schlug den Weg Richtung Rudelplatz mit gesenktem Blick ein.


Ein Schnitt, den er nicht verstand. Wie konnte man in ihm jemanden anderes sehen? Er war anders als andere, selbst als diejenigen, die sich besonders aus der Masse abhoben. Der feine Unterschied zu den anderen- ein ungewollter Mörder. Jemand, der mit einer Zerrissenheit leben musste, die ihn verbot, dass zu lieben, was er zum Leben brauchte. Zugegeben, das, was er dafür im Gegensatz bekommen hatte war nicht schlecht, aber nicht das, was er begehrte. Warum sollte er besser sein, als andere- was hatte er davon? Die Wüstenwölfin entschuldigte sich und verschwand einfach- sie hinterließ einen Rüden, der noch immer wie aus Marmor gehauen schien, doch mehr quälten ihn die Fragen.
Was sollte er tun? Sie einfach gehen lassen mit dem Wissen, dass er im Sumpfgebiet war? Unwillkürlich drang ein Knurren aus seiner Kehle. Er hätte ihr nach setzen können und sie in Stücke reißen, oder zumindest die Zunge heraus beißen sollen. Würde sie ihre Klappe halten?

“Dein Glück, Isis. Gehe und rette Dein Leben. Warne sie alle, damit sie dem Monster nicht begegnen. Wer könnte mich denn jetzt noch aufhalten? Dem besten Jäger, dem nichts entgeht? Genau, verschwinde und kehre niemals wieder hierher zurück, das nächste Mal werde ich keine Kontrolle mehr wallten lassen“, flüsterte er so leise, dass man es durch den Regen nicht mehr hören würde. Außer jemand, der sein Gehör besaß.

Er machte kehrt und stampfte nun wieder langsam tiefer in das verdorrte Land ein. Die toten Bäume schirmten den prasselnden Regen nicht ab. Aber es störte ihn nicht einmal. Er suchte sich einen Platz, an dem er sich ein wenig niederlegen und nachdenken konnte. Er musste sich etwas einfallen lassen. Der erste Plan war immer noch, dass er einfach von hier verschwand- allerdings war es die letzte Idee, die er umsetzen wollte.
Er bleib stehen, den Kopf neigte er, den Blick zu Boden. Er stand in einer großen, spiegelnden Pfütze. Fast wäre er aufgesprungen und hätte den, den er da sah, angegriffen- oder wollen. Er war es selbst, der jetzt perplex zurück starrte. Ein kalter Blick aus festen, schwarzen- nachtschwarzen- Augen. Seine Augenfarbe war verändert, rein Schwarz. Die Farbe seines Fell, nur schimmernd.
Es wurde ja immer schöner. Immer schlimmer und verwirrender.


Ob sie die Berge mochte? Lucina konnte sich kaum vorstellen, dass jemand die Berge nicht mögen könnte. Auch wenn sie dazu neigte in allem etwas Schönes und Tolles zu sehen, sei es Regen, Wind, Schnee, Wälder, Meere, Seen, Felder, Blitz oder Donner, wusste sie, dass wohl jeder zugeben musste, dass die Berge irgendetwas faszinierendes an sich hatten.
Ob es an dem Schnee oder an der Höhe und dem Ausblick lag konnte sie nicht sagen. Obwohl in ihrem Fall wohl ersteres am ehesten zutraf.

"Ja, die Berge sind toll. Vor allem der Schnee dort. So weich..."

Die Weiße machte eine Pause und stellte sich vor wie es wäre wieder im Schnee spielen zu können. Genau wie früher. Einfach umher springen, sich des Lebens freuen. Und wenn einem einmal kalt werden würde hätte man immer eine liebende Famillie die einen wärmt. Sie geriet schon fast ins Träumen bevor sie fortfuhr.

"Drei Tage? Wow, das ist wirklich verdammt weit..."

Zu weit. Es würde wohl noch ziemlich lange dauern bis sie endlich wieder Schnee sehen konnte. Hoffentlich bevor sie vergaß wie er sich anfühlte und wie ihre Mutter sie immer mit ihm verglichen hatte. Sie sei wirklich genau wie der Schnee, hatte sie gesagt, dass sie alles unter einer großen Decke verstecken würde. Viele Fassetten hätte, grausam und schön gleichzeitig zu gleich sein könne. Damals hatte Lucina sich gefreut mit ihrem geliebten Schnee verglichen zu werden. Heute fragte sie sich ob ihre Mutter sich da nicht geirrt hatte.
Plötzlich spürte sie einen kurzen, stechenden Schmerz an ihrem linken vorderen Lauf. Als würde sie lediglich etwas jucken, war die einzige Reaktion der Fähe, dass sie ihr anderes Bein hob und sich die schmerzende Stelle rieb. Sie hatte die Narbe dort schon fast vergessen und auch beinahe erfolgreich verdrängt wie sie entstanden war.
Sie lauschte aufmerksam Tyraleens Worten. Immerhin verstand sie jetzt, warum alle so besorgt waren. Ihr taten die Welpen leid, dass sie so jung schon mit solchen Problemen konfrontiert werden müssen. Und jetzt, wo sie es erwähnte, sie sah Banshee wirklich zum verwechseln ähnlich. Eigentlich hätte Lucina da auch von alleine drauf kommen können.

"Verstehe...."

Als sie den zweifelnden Blick Tyraleens sah, wusste sie nicht recht, was sie sagen oder wie sie darauf reagieren sollte. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber gleich wieder und beließ es vorerst bei einem mitfühlenden Lächeln. Ihr würden jetzt wahrscheinlich sowieso nicht die richtigen Worte einfallen. Was konnte sie auch schon großartig tun oder sagen? Die Weiße hasste es nicht helfen zu können.
Sie war in letzter Zeit ohnehin ungewöhnlich wortkarg geworden. Ganz anders als sie es eigentlich war. Aber wahrscheinlich lag das nur an der neuen Umgebung.
Sie sah sich eifrig um, in der Hoffnung etwas zu finden, womit sie Tyraleen vielleicht wenigstens ein bisschen ablenken könnte. Doch leider ergebnislos. Und ihr fiel immer noch nichts an, was sie sagen könnte. Also lächelte sie ihr weiter mitfühlend zu.


Eigentlich hatte Liam erwartet, dass Kandschur sich über das Angebot, zu Kaede zu gehen, freuen würde. Schließlich war sie die Erste gewesen, auf die er hier getroffen war. Sofort hatte sie ihn liebevoll aufgenommen, hatte ihn verteidigt gegen die bösen Worte ihres Gefährten. Die beiden hatten sich angefreundet und wenn Liam richtig nachdachte, war Kaede die einzige, außer ihm natürlich, zu der Kandschur überhaupt Kontakt hatte.
Es war ja nichts Schlimmes, wenn man nicht viel Kontakt zu anderen Wölfen hatte, Liam selbst ging es da schließlich auch nicht viel anders. Aber irgendwie war es komisch, dass Kandschur auf die Frage von ihm gar nicht richtig einging.
Eher schien es so, als ob Kandschur ihn gar nicht wahrgenommen hätte. Oder zumindest nicht das, was er ihm vorgeschlagen hatte. Kurze Zeit stand Liam also nur da und beobachtete seinen Geliebten. Fast machte er einen Satz rückwärts, als Kandschur dann so plötzlich aufsprang. Gerade noch konnte er sich zusammenreißen, damit hatte er nun nicht gerechnet! Eben noch hatte Kandschur so alt und erschöpft ausgesehen und nun stand er da, als ob er ein junger Wolf wäre. Und trotzdem schien ihm, als ob Kandschur eher durch in hindurch schaute. Anstatt einer Antwort, mit der Liam deutlich mehr hätte anfangen können, ertönte plötzlich eine Stimme, die zwar eindeutig aus der Schnauze Kandschurs kam, ihm aber sicher nicht gehörte.
Liams Ohren klappten sich nach hinten, misstrauisch und mit schräg gelegtem Kopf beobachtete er den dunklen Rüden vor sich, der mit einer ungewohnten, tief vibrierenden Stimme ihn aufforderte ihm zu folgen. Komisch, irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor. Er hatte sie ganz sicher schon einmal vernommen, aber wenn er sich recht entsann, war dies in seinem Kopf gewesen. Er wusste, nein, er ahnte auch wem diese Stimme gehörte, aber warum in alles in der Welt sprach sie aus Kandschur heraus?
Und, blinzelnd kniff er die Augen zusammen. Kandschur fing an zu strahlen, von der Schwäche und der Erschöpfung war nicht im Geringsten etwas zu sehen! Nun riss er die Augen auf.
Kandschur hatte ihn Lotusblüte genannt. So sprach Buddha zu ihm! Eindeutig, er konnte es sich nicht anders erklären, die Stimme, der Name, das Strahlen. Aber um Himmels Willen, war er etwas mit einem Heiligen vereint?
Unsicher was er nun tun sollte setzte er sein altbekanntes Lächeln auf. Doch er merkte, wie er es sich aufzwingen musste. Dem sonst recht redegewandten Rüden fehlten schlichtweg die Worte.
Doch, er begriff, Kandschur redete nie sehr viel, er sprach kaum unnütze Worte, ganz im Gegensatz zu ihm selbst. Aber es war ihm, als wäre ein Licht aufgegangen. Es gab Situationen, da wären unnütze Worte einfach fehl am Platz. So wie jetzt.
Also verkniff er sich seine verwunderte und wahrscheinlich eher gestammelte Frage „Warum und wohin?“ und nickte Kandschur nur leicht zu.
Langsam wurde auch das gezwungene Lächeln wieder echter, er hatte seine Fassung wieder gefunden, hatte seinen Schreck überwunden und war gespannt auf das, was weiter geschehen würde.
Sollte Kandschur wirklich ein Heiliger sein? Und, was hatte er vorhin gehört oder gesehen, als Liam ihn eigentlich hatte erreichen wollen?
Liam bewunderte Kandschur sehr, nicht, dass er auf ihn eifersüchtig gewesen wäre, das würde ihm gar nicht in den Sinn kommen. Er freute sich für ihn, aber er bewunderte ihn auch um die Erfahrungen, die ihm selber noch fehlten. Zu denen er in diesem Leben vielleicht gar nicht mehr gelangen würde. Nun, dann würde er wohl erneut auf die Erde zurückkehren müssen, sollte er dann mal sterben. Vielleicht würde er im Neuen, nächsten Leben dann auch keine Angst mehr vor dem… Stopp, nicht das Wort denken. Er wusste schließlich auch so was er meinte.
Da Kandschur, er war nun wichtig, nicht die Sorgen und Ängste seiner vielen Leben!


Es wärmte ihn von innen heraus. Wie eine in ihm gefangene Sonne. Sie tanzte durch seinen Körper und ließ ihn erstrahlen. Er fühlte sich so wunderbar, so schwerelos wie eine Feder und doch fest mit dem Boden vereint. Seltsam. Dabei hatte er immer geglaubt die Geschichte, die Legende aus seinem Rudel sei Unsinn, aber nun musste er erleben dass ER die Geschichte selbst war. dass er..... Nein, doch. Verwirrung zeichnete sein Herz auch wenn es längst keine Zweifel mehr gab, wer und was er wirklich war. Jetzt bekam diese Legende eine völlig neue Perspektive für ihn. Er war nicht mehr er selbst und zugleich doch. Wie sollte er das nur Liam erklären? Ach, der Herr würde dies tun, ganz sicher.
Langsam bewegte er sich zum See hin, bis seine Vorderläufe gänzlich im Wasser eingetaucht waren.

"Sieh hin Lotusblüte....sieh genau hin....."

Das Wasser schien zu brodeln und als es sich glättete war dort wo Kandschur's Spiegelbild hätte sein sollen......Kandschur aber er wirkte fremd, anders und zugleich doch vertraut. Aber auch das Spiegelbild strahlte. Es wirkte echt und der schwarze Rüde der dies hervorrief stand so....imposant und königlich da dass man meinen Konnte es wäre ein völlig fremder.
Sie standen am Seeufer, Regen plätscherte aufs Wasser aber da wo sie waren schien es als würde der Regen durch irgendwas ferngehalten um das Spiegelbild nicht zu stören. Kandschur wirkte jung und dynamisch als wäre er erst 3Jahre alt und nicht schon das doppelte. Die Ohren gespitzt lauschte er auf etwas, das Liam nicht hören konnte. Die Luft um sie herum vibrierte unter dieser Stimme und war von einer starken Präsenz erfüllt die von Kandschur selbst auszugehen schien


Ihre Stimme klang ruhig und warm in seinen Ohren. Dennoch lauschte er furchtsam auf einen Unterton, der auf Sorge oder gar Angst hindeutete. Er war nicht sicher, ob er tatsächlich etwas derartiges heraushörte, ab und an war ihm so, und dann wiedeum nicht. Jakash wusste nicht zu sagen, ob er seinen Sinnen trauen konnte, oder ob seine eigene Angst ihn Dinge hören ließ, die nicht da waren - oder umgekehrt, dass er nicht hörte, was er nicht hören wollte. Also suchte er in ihren Worten nach versteckten Informationen, ob sie ihre tröstenden Versicherung ernst meinte oder - Jakash schämte sich für diesen Gedanken - ob sie ihn belog. Dabei wollte er glauben, was seine Mutter ihm sagte, wollte glauben, dass es nicht an ihm lag und er nichts dafür konnte. Aber an wem lag es denn dann, wenn nicht an ihm? Waren die Götter Schuld? Aber wenn dem so wäre, warum? Er war ja kein Priester, er wurde nicht ausgebildet wie Rakshee.
Jakash spürte, wie seine Gedanken einen Weg nahmen, den er nicht gehen wollte, gegen den er sich aber auch nicht wehren konnte. Er war böse zu Rakshee gewesen, und Rakshee hatte Engaya. Bedeutete das, dass er... Nein! Der Knoten in der Brust des schwarzen Jungrüden wuchs. Nein, nein, er wollte nicht zu Fenris gehören!
Jakash biss die Lefzen aufeinander. Er hatte Angst vor dieser Vermutung. Eigentlich war dieser Gedanke absurd, was sollte der Todesgott schon von ihm wollen? Schließlich zeichnete er sich doch durch keine Qualitäten aus, die Fenris lohnenswert erscheinen könnten!
Und trotzdem... der Gedanke blieb und nagte an Jakash, und nahm dabei so schreckliche Ausmaße an, dass er es nicht wagte, seiner Mutter davon zu erzählen. DAS hätte sie dann sicherlich doch verängstigt, da war er sich fast sicher.
Auf ihre Worte hin nickte er also stumm, hob jedoch auch den Kopf und sah seiner Muter von unten herab an. Unsicher lächelte er, leckte ihr einmal kurz über die Wange und ließ die Rute zweimal auf den Boden klopfen. Seine verkrampfte Haltung hatte sie wieder entspannt, nur der Knoten in seinem Inneren wollte sich nicht lösen. Kurz ließ er den Blick über den Rudelplatz schweifen, dann sank sein Kopf auf die weißen ausgestreckten Läufe seiner Mutter.

"Naja... Rakshee wollte, dass ich mit zu dir und.. und Vater komme. Sie hat sich so gefreut, dass er wieder da war, aber.. aber ich nicht. Gar nicht. Ich wollte nur weg, bin auch gegangen, und dann kam Rashee angelaufen und.. und.. und dann verzerrte sich plötzlich alles..."

Jakash hatte die Ohren nach hinten gelegt. Er schämte sich dafür, sich nicht über die Rückkehr seines Vaters gefreut zu haben, aber es war nun einmal so. Vermutlich hatte er Shani nun damit verletzt, und das Tat ihm furchtbar leid. Er wagte es daher auch nicht sie anzusehen, sondern zwang sich dazu, gleich weiter zu erzählen.

"Rakshee war gar nicht böse aus mich, ich glaube, sie hatte mehr Angst um mich als um sich selbst. Sie hat gesagt, Engaya wäre bei ihr gewesen..."

Jakash zögerte kurz. Mist, vielleicht zog seine Mutter jetzt die gleichen Schlussfolgerungen wie er. Aber nun war es zu spät, also schnell weitererzählt!

"Und beim ersten Mal... das war, als Amáya und Urion gegeneinander gekämpft haben. Die beiden sind aufeinander losgegangen, und die anderen standen nur herum und sahen zu, und... und dann verzerrte sich alles, wurde grau und stürmisch... Amáya und Urion wurden ganz schwarz und haben geglüht.. und Daylight war da und hat weiß geleuchtet, wie Rakshee - nur etwas blasser, glaube ich. Aber Yerik und.. ich weiß nicht mehr, wer, aber sie waren dagegen kaum zu sehen. Waren grau und unscheinbar, verschwanden fast. Mir ist dabei so schlecht geworden... so furchtbar schlecht, und schwindelig.. ich bin dann von da abgehauen und gelaufen, bis alles wieder normal wurde..."


Tyraleen freute sich aus irgendeinem Grund darüber, dass Lucina die Berge mochte. Vielleicht, weil endlich jemand ihre Liebe bestätigte – was aber auch daran liegen konnte, dass Lucina kein ganzes Jahr dort oben verbracht und nicht das gesehen hatte, was die anderen Rudelmitglieder miterlebt hatten. Schönheit und Grausamkeit war mit den Bergen so eng verknüpft, dass auch die Liebe zu ihnen eine Gradwandlung war. Schließlich wollte Tyraleen niemals behaupten, sie fände es schön, wie die Lavinen Wölfe umgebracht hatten oder der Hunger sie immer weiter dezimiert hatte. Es war grausam gewesen, aber gleichzeitig so schön. Langsam nickte sie.

“Ja, der Schnee … und die Luft. Sie ist kristallklar und so still.“

Es war schön, sich gegenseitig ein wenig vorzuschwärmen. So wie man das eben gegenseitig tat. Es gab einem das Gefühl nicht alleine zu sein und das war ja sowieso das primäre Ziel der Weißen gewesen – Lucina ein wenig Gesellschaft in dieser neuen Umgebung zu leisten. Auch wenn sich jetzt leichte Enttäuschung im Gesicht ihres Gegenübers abzeichnete. Drei Tage waren wirklich sehr lang und auch wenn sich Tyraleen nur noch schemenhaft an die Wanderung von damals erinnern konnte und sowieso die meiste Zeit getragen worden war, hatte sie die Flucht als schrecklich anstrengend in Erinnerung.

“Eines Tages möchte ich aber wieder hinauf. Vielleicht möchtest du mich dann ja begleiten … auch wenn es wohl noch eine Weile dauern wird, bis es so weit ist?“

Sie wollte Lucina eine Freude machen und sie ein wenig teilhaben lassen, an Aktivitäten in und um das Rudel. Auch wenn diese Aktivität wohl primär nur von Averic und ihr ausging … wer wusste schon, wer sich noch alles anschließen würde.
Die Reaktion der Weißen auf ihre Worte über das Nichts war zwar nicht sehr ausführlich, trotzdem machte Lucina den Eindruck, als würde sie gerne noch mehr dazu sagen, fand nur nicht die richtigen Worte. Aber was sollte man dazu auch groß sagen? Die Weiße würde sicher keine Lösung aus dem Ärmel zaubern können und so etwas wie „Das tut mir leid.“ wäre ja noch viel schlimmer gewesen. Tyraleen nahm es ihrem Gegenüber also nicht übel, keine großartige Antwort zu bekommen, wenn sie genau darüber nachdachte, war sie sogar froh. So hatte Lucina zwar ein wenig Durchblick, sie mussten aber trotzdem nicht gezwungen darüber referieren, was denn Banshees Tod so mit sich bringen würde. Das wäre der Albtraum gewesen.
Ein Blick zum Rudelplatz rief Tyraleen wieder ihre Welpen in Erinnerung und die Tatsache, dass sie hier schon eine ganze Weile beieinander standen. Vielleicht wäre es an der Zeit, zurück zu kehren … oder versuchte sie gerade nur dem möglichen Gespräch über unangenehme Gedanken zu entfliehen?

“Warst du gerade auf dem Weg zum Rudelplatz oder wo ging dein Weg hin? Ich denke, ich sollte bald zu meinen Welpen zurückkehren …“

Sie ließ den letzten Satz ein wenig in der Luft schweben, fast wie eine Frage.


Malicia zuckte leicht zusammen, als sie den rauen Klang einer fremden Stimme vernahm. Sie wachte aus ihrem Tagtraum – die Regenwolken um sie herum verblassten – und drehte ich Kopf nach rechts, von wo die Stimme kam. Ein großer – riesiger – Wolf saß in einem Abstand von mehreren Metern neben ihr am Ufer und sah sie an. “Du oder Banshee.“ Die Schwarze hatte nur den Namen ihrer Mutter und ihrer Selbst vernommen, mehr nicht. Ein schwaches Lächeln glitt auf ihre Lefzen, verschwand jedoch wieder. Das kalte Wasser umspülte ihre Pfoten; diese jedoch spürte die Fähe nicht mehr, so kalt war ihr geworden. Zitternd erhob sie sich und schritt auf den fremden Rüden zu, der aber ohne Frage in dieses Rudel gehörte. Ihre sonst so weiche, helle Stimme war kaum mehr als ein klangloses Flüstern, das ihrer Kehle entwich.

“ Tut mir leid.“ Die nächste Frage des Schwarzbraunen würde sein, warum sie das sagte. Was ihr leid tat. Darum beantwortete sie diese gleich mit. “Alles.“

Da fiel ihr wieder der Name des Rüden ein. Aszrem müsste er heißen – der Gefährte von Nyota, Malicias Tante, der Vater von Nerúi ihrer … Cousine!? Malicia war sich nicht sicher. Banshee war ihre Mutter, Nyota deren Schwester. Das musste bedeuten, dass die Tochter von der Schwarzen … ihre Cousine war. Malicia konnte sich damit selbst recht geben. Aber auch das tat nichts an der matten, seltsamen Erscheinung der Fähe. Ihre Augen hatten ihren Glanz verloren und das Fell war stumpf geworden. Es gab jetzt niemanden, der sie aufheitern konnte. Malicia strafte sich für diesen Gedanken. Es gab jemanden, den sie so liebte, dass sie für ihn ihren Missmut abwerfen würde – Acollon. Niemand bedeutete ihr soviel wie ihr Vater, nicht einmal Banshee war der jungen Wölfin so wichtig. Natürlich, sie hatte eine riesige Familie, doch nur Acollon war in der Lage, ein Lächeln auf das Gesicht Malicias zu zaubern – wo sie ihn doch so wenig kannte. Was würde sie dafür geben, ihren Vater näher kennenzulernen; nur noch einmal zu treffen. Alles könnte sie ihm erzählen, auch wenn es ihn nicht interessierte. Malicia hatte keine Angst davor, anderen von ihren Gefühlen zu erzählen, doch ihre innersten Gedanken sollten nur ihr gehören. Nur ihr allein – und vielleicht auch noch ihrem schwarzen Vater, von dem sie so viel geerbt hatte. Ohne ihn fühlte sie sich, als wäre ein Loch in ihrem Herzen, wo einst Acollon seinen Platz gefunden hatte.
Und doch wusste die schwarze Alphatochter, dass sie ihr Leben lang mit einem Loch im Herzen herumwandeln musste, denn Acollon würde nie wieder kommen. Malicia wusste es, es war eine schreckliche Vorahnung, die sich erfüllen mochte. Vielleicht aber auch nicht. Eine stumme Träne verließ das himmelblaue Auge der Fähe.
Sie hob vorsichtig den Kopf und blickte in die goldgelben Augen des Rüden; distanziert und ängstlich. Ihr Blick verriet ihre Gedanken und Gefühle - alles zusammen. Niemals - wirklich niemals - hätte Malicia das bei jemand anderem getan, eigentlich auch nicht bei Aszrem, aber bei ihrer Stimmung war es unmöglich, ihre Angst und Sorge nicht zu spüren. Ein leises, fast unmerkliches Winseln kam aus dem Maul der Schwarzen. Sie setzte sich nieder, der Rüde überragte sie um mindestens zehn Zentimeter, obwohl Malicia groß war für eine Fähe; das hatte sie von ihren Eltern.


Shani meinte sehen zu können, wie sich im Kopf ihres Sohnes die Gedanken überschlugen. Wie gerne hätte sie in diesem Moment durch seine Augen dort hinein geschaut um so herauszufinden, was wirklich in ihm vorging. Und was ihre Worte ihm halfen - ob sie das überhaupt taten. Auf jeden Fall schien mehr darin vorzugehen, als er ihr sagte und das ließ sie fast ein wenig verzweifeln. Sie wollte doch wissen, worum es ihm ging, was ihn jetzt gerade beschäftigte, was er ihr noch nicht anvertraut hatte.

“Worüber denkst du nach?“

Fragte sie also einfach in die verkrampfte Stille hinein. Jakashs Zähne-aufeinander-beißen und die ganze Haltung sagte ihr, dass er nicht einfach nur ein wenig das Gras betrachtete. Was in diesem Moment aber sowieso relativ unwahrscheinlich wäre. Dass seine Haltung ein wenig entspannter wurde und er sie nun auch kurz ansah, ihr über die Wange fuhr, beruhigte sie in wenig. Sacht erwiderte sie das Lächeln und ließ ihren Sohn dann wieder behütet auf ihren Läufen ruhen. Sie spielte ein wenig mit der Schnauze in seinem Fell und an seinen Ohren, was weniger ihrem Vergnügen, als viel mehr seiner Beruhigung dienen sollte. Wärme noch auf eine andere Art übermitteln sollte. Als er wieder sprach und jetzt davon redete, dass er sich nicht darüber gefreut hatte, Hiryoga wiederzusehen, gab ihr das einen leichten Stich ins Herz. Hatte er sich wirklich nicht gefreut oder war das auch nur dieses andere gewesen, was ihn auch so seltsame Dinge hatte sehen lassen? Aus seinen Worten konnte sie nichts schließen, wollte aber auch gerade jetzt nicht nachfragen. Das hatte schließlich damit nichts zu tun. Vielleicht würde sie ihn später irgendwann einmal fragen, ob er seinen Vater eigentlich mochte. Dumpf kam ihr Averic in den Sinn, der Acollon über alles hasste, weil er Banshee alleine ließ. Könnte es Jakash ebenso gehen? Der Gedanke tat ihr furchtbar weh, aber sie verdrängte ihn. Später würde sie ihn das fragen. Später.
Als Jakash Engaya erwähnt, lauschte sie auf. Was hatte ihre Tochter damit gemeint, Engaya wäre bei ihr gewesen? Eine leise Ahnung stieg in ihr auf, aber sie wusste doch kaum etwas von Göttern und deren Gesetzen. Doch sie mussten etwas damit zu tun haben. Ihr Sohn redete gleich weiter, doch was er sagte, fügte sich in das Bild. Daylight … auch sie war eine von Banshees Töchtern, die auf den Pfaden Engayas wandelten, ohne jedoch zur Priesterin ausgebildet zu werden. Ihre Ohren zuckten leicht zurück, während ihr Blick nun fast fragend auf Jakash lag, auch wenn der sie nicht ansah.

“Hast du das so Rakshee erzählt? Was hat sie dazu gesagt?“

Sicher war Rakshee ihre Tochter, aber über die Götter wusste ihre Kleine weit mehr, als sie selbst. Selbstverständlich, sie war schließlich auf dem besten Weg, Priesterin zu werden. Vielleicht verstand sie besser, was dort geschah …


Nerúi hatte ihr Ziel beinahe erreicht - ihre Pfoten trugen sie springend und laufend immer weiter auf das Nebelnichts zu, dass ihr inzwischen sogar in den Augen schmerzte, wenn sie direkt hineinsah. Aber mit jedem Schritt voran - und der schnelle Lauf hatte ganz schön Kraft gekostet, besonders nach ihrer Verzögerung - erschien ihr das, woran sie sich annäherte gruseliger. Wie am Tag der Zeremonie bei Urion empfand sie auch jetzt wieder ein tiefes Mißtrauen gegen dieses farblose Etwas, und etwa 3 Meter davor hielt sie inne, sträubte ihr Nacken- und Rückenfell und begann das Nichts anzuknurren. Sie hatte einfach dass Gefühl dass es nach ihr griff, dass es sie bedrohte. Ohne dass es sich sichtlich bewegen oder sonst irgendetwas tun würde. Es war einfach einschüchternd, und was sie einschüchterte musste sie besiegen, damit es ihr keine Angst mehr machen konnte. So würde sie das auch mit Urion machen.
Hinter sich hörte sie Turién, und mit einem Schritt vom Nichts weg wand sie sich ihm zu, den Kopf immer wieder zum Nebel richtend. Erst verstand sie gar nicht was ihr Bruder von ihr wollte, als sie das gewaltige Etwas erkannte, dass da bei Tante Banshee...war. Ob es saß oder stand konnte sie nicht erkennen...

"WHOA!"

war alles, was sie im Moment von sich geben konnte, und mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen sah sie das Ding an, was Turién beinahe gefressen hätte. Als ihr Bruder bei ihr ankam starrte sie noch immer auf das Ding.

"Lebt das?!"

war die erste Frage die ihr auf der Zunge brannte, und verständnislos sah sie Turién an - was war das? Aber klar war - Turién hatte es gefangen, also war es seins.

"Das gehört dir, weil du es zuerst gesehen hast. Wollen wir ausprobieren ob man darauf hüpfen kann?"

fragte sie, im Angesicht der wabbelnden Massen dort drüben, und fragte sich zugleich was das Etwas mit Tante Banshee und dem Im-Weg-Steh-Wolf zu tun hatte...

"Ist das gefährlich?"

man wusste jah nie. Und auf jeden Fall sah der Kuschelberg sehr komisch aus.


Aszrem beobachtete Malicia genau, ihre Haltung, ihre Mimik, ihren Blick. Das leichte Lächeln, dass sie ihm zuwarf, verstärkten eher den traurigen Eindruck, den sie machte, als sie fröhlicher wirken zu lassen. Ihre Worte waren mehr gehaucht als gesprochen, dennoch musste Aszrem leicht schmunzeln. Sie beantwortete ihm eine Frage, die er zwar nicht ausgesprochen, sich selbst jedoch gestellt und versucht hätte, Antworten darauf zu erhalten. Nur direkt gefragt hätte er nicht, das war nicht seine Art. Wenn es die Situation erlaubte, steuerte der Schwarzbraune seine Ziele in Gesprächen lieber auf Umwegen an. Amüsant war ihre vorweg genommene Antwort darum aus dem Grund, weil fast jeder andere nach dem Warum gefragt hätte. Malicia hatte die grundlegenden Verhaltensmuster ihrer Mitwölfe erkannt und schlussfolgerte auf die Allgemeinheit. Ein Fehler, der Aszrem in seiner Jugend häufiger unterlaufen war, und den man wie eine alte Angewohnheit nur schwer ablegen konnte, selbst jemand wie er, der viel Erfahrung im Beobachten hatte.

"Alles",

wiederholte er, und ließ seinen Blick langsam von ihr fort und über den Rudelplatz schweifen. Über die Wölfe, über den Wald, zum Himmel hinauf und in die andere Richtung über den See und das Nichts. Seine Augen verharrten auf den zwei kleinen Gestalten, die sich nahe des nebelähnlichen Gebildes aufhielten, und augenblicklich durchzuckte ihn der Impuls, aufzuspringen und dort hin zu stürmen. Ohne den Blick von den Welpen zu nehmen, erhob er sich, dann wandte er sich an die schwarze Fähe.

"Dann bist du perfekt dafür geeignet, mir dabei zu helfen zwei Welpen vor 'Nichts' zu bewahren. Komm, und tu etwas, dass dir nicht leid tun muss",

forderte er sie mit einem leichten Schmunzeln und einem Kopfnicken auf, dann trat er an ihr vorbei und und mit schnellen Schritten auf die Welpen zu, ohne jedoch zu laufen. Sein Blick ruhte wieder auf seiner Tochter und Turién, seine Muskeln waren bei jedem Schritt gespannt und bereit zu einem Sprint, sollte sich einer von ihnen auch nur einen Schritt weiter dem Nichts nähern. Es war nicht weit zu den beiden, aber Welpen konnten unberechenbar sein.

"Nerúi, Alphastochter, und Turién, Gammassohn! Wenn ihr noch näher an das Nichts heran geht, werdet ihr eure Geschwister und Eltern nie wieder sehen! Kein Spielen, kein Zaubern, überhaupt niemand wird dann noch für euch da sein",

warnte er, als er bei den Welpen ankam. Beide tadelte er mit einem strengen Blick.

"Und wenn ihr nicht gleich wieder zurück zum Rudelplatz lauft, erzähle ich euren Müttern davon und ihr müsst wieder zurück in die Welpenhöhle!"

Na wenn das mal keine Drohung war!


Stumm staunte die Alphatochter über das, was der Rüde machte. Es imponierte ihr und verwirrte sie zugleich. Diese Fürsorge, die Aszrem an den Tag legte, zeigte ihr, wie schwer es sein musste, Mutter zu sein. Sie seufzte und folgte Nyotas Gefährten still zu den beiden Welpen. Wie sie Yerik schon verraten hatte, mochte sie die kleinen Geschöpfe nicht besonders, doch der Braune hatte ihr eher das Gegenteil bewiesen. Malicia sah Turién und Nerúi an, deren Namen sich so unglaublich ähnelten, und lächelte schwach.

"Tut, was Aszrem euch befiehlt und später werdet ihr glücklich darüber sein. Wehre Dich nicht gegen den Befehl eines Obersten, so lehrte mich meine Mutter - Banshee." Dann wandte Malicia sich an ihre eigene kleine Cousine, Nerúi. "Du weißt gar nicht, wie sehr Dein Vater im Recht steht."

Auch diese Worte waren nur geflüstert. Ihr fiel nicht mehr ein, aber auf jeden Fall wollte sie das losgeworden sein. Mit einem klitzekleinen Lächeln auf ihrem Gesicht schritt sie noch weiter auf die Welpen zu; das Nichts brannte in ihrem Kopf. Die Schwarze stieß Turién leicht an und schob ihn mit der Schnauze zur Seite. Das gleiche tat sie auch mit Nerúi. Das seltsame Gefühl wollte nicht aus ihrem Kopf schwinden. Sie hatte nie so etwas erlebt; dieser intensive Schmerz und das durchgehende Brennen. Das Nichts schlich sich in ihren Kopf und wollte nicht wieder gehen.

"Nun geht endlich, ihr beiden. Ihr dürft hier nicht sein."

Ihre Worte sollten nachdrücklich sein - immer in den Köpfen der beiden Welpen bleiben. Niemals sollten sie die Gefahr, die von dem Nichts ausging, vergessen, denn das Nichts war nicht nur irgendetwas, sondern etwas Schreckliches und Böses. Etwas, mit dem man nicht spaßen sollte.


Tascurio versteckte sich zwischen einigen hochgewachsenen Grashalmen. Es wäre kein Problem gewesen, ihn zu finden, wenn man ihn gesucht hätte. Doch wer sollte sich nach ihm umsehen? Seine Eltern vielleicht? Die waren mit sich und seinen Geschwistern beschäftigt. Und der Rest des Rudels war ausgelastet damit, sich mit den gewöhnlichen Problemen des Lebens zu beschäftigen, die sie sich selbst machten. Er hatte also das große Glück allein zu sein und den Duft des Grases zu genießen. Von seinem Versteck aus konnte er den See sehen und das, was sich dort ausgebreitet hatte, seit kurzer Zeit. Er sinnierte darüber, woher es wohl kommen mochte und machte sich seine Gedanken. Das Leben des Rudels interessierte ihn allerdings weniger und während er so dalag und glaubte, es nicht noch einen Tag ertragen zu können, den langweiligen Rudelplatz unter die Lupe zu nehmen, kam ihm Amáya in den Sinn. Zeit seiner Patentante auf die Nerven zu gehen.
Munter sprang er einfach los, wie Welpen dies eben zu tun pflegten. Übereilig, tollpatschig, schwankend, sich aber rechtzeitig fangend. Danach stolzierte er arrogant weiter. Es scherte ihn nicht, dass es potenzielle Beobachter des Missgeschicks gegeben haben könnte. Er versuchte möglichst finster zu blicken, so ließ es sich nämlich abwenden, von irgendwelchen nervigen Kreaturen angesprochen zu werden. Sie wussten doch sicher schon, dass er sie ohnehin nicht sonderlich gerne mochte. Auch wenn dahinter keine persönliche Abneigung steckte. In der Summe und Masse mochte er jegliche Gesellschaft nicht.
Dass er nun seiner Patentante auf die Pelle rückte lag an der ungestillten Neugierde und seiner Art, zu der die Liebe zur Natur gehörte. Hier am Rudelplatz gab es zu viel Gemeinschaft und zu wenig Ruhe. Zu seinem Glück war Amáya in der Nähe. Mit beschwingten Schritten trat er auf sie zu, um sich neben sie zu stellen und dann die Situation zu analysieren. Kurzum interessierte sie ihn aber nicht, weshalb er sich allein an die schwarze Wölfin wandte.

“Hallo liebe Tante Amáya.“

Mit einem strahlenden, offensichtlich falschen und unschuldigen Lächeln sah er sie an. Eigentlich hatte er noch mehr sagen wollen, doch dann wollte er sehen, welchen Effekt sein Auftreten nun auf sie haben würde. Nebenbei sah er den fremden Rüden skeptisch an, der doch hoffentlich kein Störenfried war, der wie Yerik damals, seinen Plan zerstören würde.


Vorbei war all sein Sehnen. Vorbei war die Angst, vorbei war der fliehende Drang. Vorbei war die Angst. Vorbei war der Wahn. Alles war in sich richtig geworden. Der dunkle Wolf trabte durch den verlorenen Wald, der Kopf zuckte immer wieder hinauf in die Baumkronen, die sich in den Traumbehangenen Himmel stemmten. Der Ton der aufschlagenden Pfoten hallte in ihm wieder, vermischte sich mit dem ruhigen Herzschlag, der schon lang nicht mehr von der grauen Angst geprägt war. Hier war es sicher... so unendlich sicher.
Nightmare hätte nie gedacht jemanden auszunutzen. Er tat es eigentlich auch nicht. Er suchte sich nur kleine Schlupfwinkel, Verstecke vor seiner Vergangenheit. Und er würde sie vergessen. Er würde sie vergraben und abtöten wie ein erlegtes, krankes Wild. Er würde sie in der Luft zerfetzen, und dann den Mond der neuen Welt preisen. Sollte er ihn je wieder sehen. Die Wolken hier hingen so tief, dass es aussah als wolle er die Vögel selbst einfangen. Die Wolken verbargen die Sonne... Die Wolken verbargen alles. Der Regen der diesig durch das Fell sumpfte war die einzige Schöneuit, die die Natur hier bot. Keiner der Bäume roch so gut wie der Regen der filigran in der Luft hing. Keiner der majestätischen Bäume wagte es, an die Schönheit des Regens heranzukommen. Kein springendes Reh mochte die Schönheit und Kraft der Sonne ersetzen. Und kein Welpe würde die verspieltheit ihrer Strahlen verkörpern können.
Nightmare wollte konnte... und ahnte nicht warum die Sonne hier nie schien, warum Es bewölkt und kalt war. Er wusste es nicht... und doch genoss er die Kühle. Er liebte das Wasser, was vom Himmel viel, und sich in das Nachtschwarze Fell setzte. Er liebte die Leichtigkeit, die bis in die laufenden Pfoten glitt. Geschmeidig und locker .... Die Zeit hier hatte ihm nur gut getan.
Es war das erste mal, dass er sie hier sah. Es war das erste Mal, dass Nightmare stockte. Es war das erste Mal, dass sein Blick nicht weit fort und weit weg schien. Fixierend stellte sich sein Sichtfeld ein, und der Wolf sah wohl die lieblichste Gestalt, die sein noch so junges Leben einfangen durfte.
Das Fell so hell.... Das Fell so warm. Ohne zu blenden schimmerte es stolz durch das triste Grau des Waldes. Das Schwarz weiß seiner Welt verschwand, alle Farben schienen in diesem Körper gewahrt zu sein, alle Farben die ihm die Welt enthalten hatte. Sein Blick hing lange an der Hoffnungsträgerin seiner kleinen Welt. Der Tritt verlangsamte sich. Der Tritt zögerte und wurde unsicher, als er kurz hinter der liegenden Gestalt zum stehen kam. Unweit trollten sich ein paar Welpen, doch der interessierte Blick galt diesmal nicht ihnen. Der Blick ruhte sanft auf der hellen Wölfin.

"Dich sehe ich zum ersten Male hier...."

Er trat neben sie. Sie roch nach Regen.... Sie roch nach der ungebändigten natur. Sie roch gesund. Sie schien perfekt. Ihr schlanker Körper, das feine Fell, welches wie das Sonnenlicht selbst Hoffnung in das Herz brachte. Und dabei hatte sie kein Wort zu ihm gesagt. Sie war einfach nur da. Und ihre Wärme... Ihre Kraft konnte man spüren. Immer und immer besser.... je näher man ihr kam.
Nightmare setzte sich neben sie, durch das feuchte Laub schlug eine zaghaft wedelnde Rute... eine Bewegung die Alsbald versiegte. Die grauen Augen suchten den Kontakt zu denen der Fähe. Ein saghaftes Lächeln lag auf den Lefzen....

Atalya
24.12.2009, 20:11

Mit langen und weiten Sprüngen näherte sich der Silberrüde schnell und aufgeregt seiner Schwester, die mittlerweile beim Nichts angekommen war. Seine Begegnung mit dem Kuschelberg hatte er immer noch nicht ganz verdaut. Das war… wirklich irgendwie gruselig gewesen. Er bremste mit den Beinen in den Boden gerammt ab, und blieb nur knapp vor Nerúi stehen. Seine Augen waren auf „Das Nichts“ gerichtet, und ob er es wollte oder nicht … seine Nackenhaare stellten sich langsam auf. Ihm war gar nicht wohl, wo er nun hier so na dran war. Sein Maul hatte sich mittlerweile geöffnet und mit einer Mischung aus Abwehrhaltung und Faszination starrte er das neblige Etwas an. Es war nicht wie eine Wolke und sah jetzt, vom nahem ganz anders aus, als von weit weg. Aber was es war, das konnte er nicht sagen. Es war eben „Nichts“. Sein Blick glitt zur Seite, als Nerúi in fragte ob der Kuschelberg lebte. Er runzelte kurz die Stirn, zog eine Schnute und nickte dann. Seine Stimme nahm einen Verschwörerischen Ton an.

„Jaah… es hat sogar geatmet… und es ist soo groß!“

Er hob einen Lauf an um anzudeuten wie grooooß dieser lebende Berg wirklich war, doch natürlich konnte sein Lauf nicht mal annähernd die Größe des Monsters beschreiben. Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Hah, klar war es seins! Er hatte dagegen gekämpft und es war keuchend zusammengesunken. So war das nämlich gewesen, ohja. Er neigte seinen Kopf leicht zur Seite.

„Der Berg wollte mich fressen! Oder verschlucken oder so… aber das war darunter. Wenn man draufklettert, ist es bestimmt lustig!“

Seine Rute begann hin und her zu wedeln, bevor er zu schmunzeln began und das pendeln innehielt.

„Haha! Ich weiß warum du zum Kuschelberg willst… Weil du Angst vor’m Nichts hast! Ertaaaappt!“

Er sprang um Nerúi herum, so dass er mit dem Rücken zum Nichts stand, und somit näher dran war als sie. Vorsichtig setzte er einen Lauf zurück und wollte ihr so zeigen, dass er ja gar keine Angst hatte. Auch wenn sein Nackenfell sich wieder widerstrebend aufgestellt hatte. Er schluckte dieses seltsame Gefühl, was ihn beschlich einfach runter. Er mochte es ohnehin nicht, und ein Angsthase war er auch nicht. Doch bevor er noch mehr seinen Mut beweisen konnte, zuckte er zusammen, als eine drohende Stimme ertönte. Automatisch duckte er sich und legte die Ohren an, bevor er merkte, dass es Aszrem war. Freudig fing seine Rute an hin und her zu pendeln.

„Hallo Papa Aszrem!“

Doch sobald der Rüde geendet hatte machte sich unverstädnis auf seinen Zügen breit. Warum würden sie alle anderen nie wieder sehen?

„Wieso…? Wollt ihr etwa alle weggehen!? , seine Unverständnis wich Entsetzen, „Oh nein, warum wollt ihr gehen?! Wir haben doch nichts gemacht! Ihr müsst hier bleiben, das ist sonst richtig gemein von euch!“

Seine Augen suchten Nerúi, die er mit der Schulter anstieß um sie auch dazu zu bewegen was zu sagen. Sie durften nicht alle fortgehen! Er wollte doch seine Geschwister und alle Eltern und auch alle anderen wieder sehen…

„Und wir haben auch noch gar nichts gemacht!“

Sein Blick glitt zu einem anderen Wolf, der mit Papa Aszrem mitgekommen war… eine dunkle Fähe… hmm. Er konnte sich nicht an den Namen erinnern. Seltsam.
Seine Ohren stellten sich auf, damit er überhaupt hören konnte, was die Fähe sagte, weil sie so leise sprach. Er war sich nicht mal sicher, ob die Worte an ihn und Nerúi gerichtet waren, erst als sie geendet hatte, wusste er es. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Oma Banshee ist deine Mama? Dann bist du die Tante von meiner Mama! Oder die Schwester? Oder so…? , er war sich seiner Sache nicht ganz so sicher, Aber ist egal, wir sind nämlich dann verwandt und so! Du gehörst zu meiner Familie!“

Er machte einen Schritt auf die dunkle zu.

„Magst du mich denn? Du musst mich mögen, weil wir verwandt sind. Ich mag dich auch!“

Ein unschuldiges und naives, frohes Lächeln zierte das Gesicht des Silbernen, während er zu der Schwarzen sprach.


Der Geruch des Grauen stieg Katsumi in die Nase, stärker als noch zuvor. Sofort arbeitete sein Geruchszentrum in Hirn auf Hochtouren, Analysierte und Speicherte ab. Immer wieder versuchte der Braune doch noch Leben auf dem See auszumachen, doch der See war leer. Beinahe so leer wie das Etwas, das geruchslos einfach da war. Als hätte man jeden Baum gelöscht. Es war unglaublich, beinahe so unglaublich, dass es doch wieder einen wahren Effekt hatte. Katsumi beäugte das Nichts, versuchte nochmals einen Geruchsfaden zu finden, der das Etwas beschrieb. Nichts. Unsicher zog Katsumi die Nase kraus und wandte sich an den Rüden, als dieser begann zu sprechen. Mit gespitzten Worten lauschte de Fünfjährige den willkommen heissenden Worten und mit den Augen wurde mitgelesen, jede Bewegung des Fanges wurde beobachtet, stetig mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Dass Akru – so war sein Name – kurz stockte, bemerkte Katsumi nur am Rande, denn die Information über das Rudel war sehr viel interessanter. Auch wenn es nicht viel war. Was der Rüde jedoch nicht verstand, waren die letzten Worte, womit Akru endete. Katsumi nickte nochmals nett und folgte dem Blick des Grauen. Der See sah traurig aus und übertrug seine Laune beinahe. Leicht legte der Braune seinen Kopf schräg. Warum nur?
Schnell schnippten die braunen Ohren in Richtung des grauen Rüden, als dieser beiläufig fragte, ob Katsumi hier bleiben wollte. Doch wollte das er wirklich? Hier verweilen und das Rudel kennenlernen? Nachdenklich blickte der Fünfjährige in die Dämmerung, in den bewölkten Himmel. So weit sich Katsumi zurückerinnern konnte, hatte er sich nie einem Rudel angeschlossen, seit er aus seinem eigenen vertrieben wurde. Er hatte lediglich andere Wanderer angetroffen und war mit denen unterwegs. Ganz am Anfang war der Braune sogar davon überzogen, sein Revier zurück zu holen. Jedoch liess er es bleiben, er hätte so oder so nur verloren. Neben dem restlichen Stolz auch sein Leben. Gerne jedoch wäre die raue Zunge Katsumis noch einmal über die Schnauze seiner Welpen geglitten, gerne hätte er seinen Kopf noch einmal auf Nishas Rücken gelegt. Doch das Schicksal hatte anderes mit dem Rüden vor. Aber jemals wieder einem Rudel angehören? Konnte Katsumi das überhaupt? Der braune Rüde liess sich Zeit mit der Antwort, starrte weiter in den Himmel. Was sollte er als Antwort geben. Was hätte Nisha getan in solch einer Situation? Nisha wäre bestimmt geblieben. Leise winselte der Braune, war die Sehnsucht zu der Weissen unendlich gross.

"Hast du manchmal auch Sehnsucht nach jemanden, den du nie wieder sehen wirst?"

Tonlos glitten die Worte über die Lefzen, weder an Akru gerichtet noch an sich selber. Ein Bild des wunderschönen Lächelns der Weissen Fähe, das Gelächter der drei gesunden Welpen, alle zusammen am Spielen. Und er sah zu. Obwohl der Graue die Frage mit Sicherheit gehört hatte, wartete Katsumi nicht auf eine Antwort.

"Ja, mein Freund. Das hört sich gut an."

Nun schwenkte Katsumi seinen Kopf in Richtung Akru, lächelte ihn an. Es hörte sich wirklich gut an. Es hörte sich fast nach einem neuen zu Hause an. Zumindest für eine Weile. Etwas Gesellschaft und Unterhaltung konnte schliesslich nie schaden. Zudem, mal an einem Ort zu verweilen war auch nicht schlecht. Später konnte der Braune immer noch wieder gehen. Besonders wusste Katsumi nicht, wie es wohl war, als Neuling in einem Rudel zu sein. Aber mehr als schief gehen, konnte es ja doch nicht.


Sehnsucht verzehrte das vom Regen getrübte Herz. Sie hatte ihn nicht finden können. Überall hatte sie nachgesehen; hinter jedem Strauch, hinter jedem Baum, hinter jedem Fels. Doch nirgends war er gewesen. Es war, als hätte er sich versteckt, als wolle er nicht, dass sie ihn fand. Selbst der Wind wusste keinen Rat, so oft die junge Wölfin ihn auch fragte. Nirgends gab es eine Spur, nirgends den Hauch einer Fährte, die ihn verraten hätte, kein seichter Schatten zwischen den Bäumen, keine verwaschene Silhouette im Halbdunkel.
Jeder Atemzug war erfüllt vom Geruch des Regens, jeder Atemzug rief die Erinnerung an ihn wach und jeder Herzschlag war erfüllt von Gefühlen für ihn, jeder Herzschlag schmerzte vor Liebe.
Das leise Trommeln der schmalen Wolfspfoten verlor sich im Rauschen des Regens und verstummte schließlich vollkommen. Daylight hatte inne gehalten; erschöpft ließ die junge Wölfin sich ins feuchte Laub sinken, den Kopf auf die Pfoten gestützt. Trauer trübte die sonnengelben Augen. Wohin war er nur gelaufen? Wohin, dass sie ihn nicht finden konnte?
Versunken in der verworrenen Welt ihrer Gedanken bemerkte sie den Fremden kaum. Und erst, als er sich neben ihr auf die Hinterpfoten sinken ließ, hob sie müde den Kopf. Er roch nach Regen, nach Nacht und Dunkelheit, nach Wärme und Sehnsucht. Der Anflug eines Lächelns huschte über ihre Lefzen. Sein Fell war schwarz, wie seines, wie Aryans. Die Wärme des riesenhaften Körpers ließ die kleine Wölfin erschaudern. So stark war die Sehnsucht nach der Wärme, nach der Liebe, die in Lage war das Eis zu tauen.

„Du bist... Nightmare, nicht wahr?“

Ihre glockenhelle Stimme war der einzelne Sonnenstrahl, der sich in den Regentropfen brach. Gold streifte Grau. Einen Herzschlag lang begegneten sich ihre Blicke. Ein unsicheres Lächeln legte sich auf die feinen Gesichtszüge.

„Nein...? Ich... mein Name ist Daylight...“

Das zaghafte Lächeln verfestigte sich, leicht, zögerlich strich ihre Rute über den Waldboden, dann wandte sie rasch beschämt den Blick zur Seite. Eine Weile schwieg sie. Zählte die Herzschläge. Seine. Und ihre.

„... was treibt dich hierher? Suchst du auch... jemanden?“

Fragte sie schließlich sanft und wagte einen erneuten Blick in die tiefen grauen Augen. Sie hielt den Kopf leicht fragend zur Seite geneigt, unmerklich schlug die wedelnde Rute durch das feuchte Laub. Zaghaft verlagerte sie das Gewicht, schmiegte den schlanken Körper schutzsuchend an den des Rüden, spürte die Wärme, nach der sie sich so sehr sehnte. Wieder blickte sie zu ihm empor, die Augen erfüllt von einem Lächeln, dass selbst diesen trüben Frühlingabend zu erhellen schien. Eine seichte Hoffnung, kaum mehr, ein Fünkchen und doch... unverkennbar vorhanden, wie die sanfte Brise, die ihr stille Geheimnisse ins Ohr flüsterte. Unverkennbar wie der Regen, der die beiden Wölfe in ihre feuchtkalten Schleier hüllte. Unverkennbar wie seine und ihre Herzschläge... unverkennbar.


Die glatte Oberfläche wellte sich immer und immer wieder unter dem prasselnden Regen. Es störte. Der See wäre in einem glatten, vollkommenen Zustand schöner. Störende Regentropfen auf dem Wasser. Wie Parasiten. Wieder und wieder. Und nichts, was sie aufhalten könnte. Tropfen um Tropfen. Wolf um Wolf. Wann würde er wieder mit ihr allein sein können? War es wirklich die letzte Möglichkeit sie lebend für sich haben zu können? Akru befürchtete es. Und was gab das Leben dann noch an Möglichkeiten es wieder sinnvoll zu gestalten? Wenige, sehr wenige. Sein zweiter Wurf war im Leibe der weißen Leitwölfin gestorben und tot geboren worden. Wenn sie bald von ihm gehen würde, gäbe es nicht mehr viel, was ihn an diesem Leben binden mochte. Gut, es gab seinen Plan und es gab seine Tochter. Aber er hatte sich geprägt. Er liebte eine Wölfin, die er nicht lieben durfte und er konnte nichts dagegen tun. Es war einfach so. Sie litt, er litt und andere beschimpften ihn. Parasit, hatte ihn Tyraleen genannt. Waren die Anderen es denn nicht auch? Sie störten, waren lästig. Keine Möglichkeit sie allein für sich zu haben.
Ein leises, kaum hörbares Winseln holte ihn in die Wirklichkeit. Katsumi fragte. Und der Graue war nicht auf die Reaktion seiner Gefühle gefasst. Krampf artig zuckte er zusammen. Schmerz verzogen das Gesicht. Akru gab auf, mühte sich nicht um eine bessere Miene- so sah er zu dem Braunen auf.

“Nein. Ich habe Sehnsucht nach jemanden, den ich nicht lieben sollte. Der durch diese Liebe sterben wird“, keuchend brach er ab. Ein gequältes, nicht überzeugendes Lächeln trat auf die Lefzen.

Er würde sie bald nie wieder sehen. Sie würde sterben und er leben. Sie würde ruhen und er leiden. Gerechtigkeit- keine Spur. Erlösung? Nein, er war doch selbst schuld. Gerne hätte er das Ganze etwas neutral betrachtet. Aber das war nicht möglich. Nur etwas gab ihm Gewissheit durchhalten zu können- der braune Katsumi litt auch. Er hatte seine eigene Geschichte und schien offenbar mit annähernd den gleichen Problemen zu leben. Er schaffte es, Akru auch?

“So hoffe ich, mein Bester, dass Du Dein Glück hier finden mögest.“, seine Stimme hatte sich wieder etwas gefangen und das Gesicht blieb unberührt.
“Ich führe Dich durch das Revier, mein Lieber, wenn Du es wünschst. Du kannst Dich später bei den Leitwölfen melden- ich übernehme die Verantwortung.“

Der graue Leib erhob sich, die eisigen Augen fixierten den Braunen. Ein Freund?


Merkwürdig - bei fast keinem Erwachsenen den sie kennen gelernt hatte, war auch nur für einen kurzen Augenblick der nachdenkliche Gesichtsausdruck verschwunden, der auf ihren Gesichtern haftete. Es schien, als ob man mit dem älter werden auch immer nachdenklicher wurde. Was sie nicht sonderlich verwunderte, denn sie dachte ja in ihrem jungen Alter schon so viel nach. Aber immerhin war sie noch in der Lage auch von nachdenklich wieder zu fröhlich zu wechseln. Diese Fähigkeit schien bei den Erwachsenen verloren gegangen zu sein. Andauernd blickten sie nachdenklich, wenn nicht sogar grummelig in die Welt hinaus, der Ausdruck klammerte sich an ihren Lefzen fest, als gäbe es kein Morgen mehr. Nun, wenn es so sein sollte. Sie, für ihren Teil, wollte das Beste tun, damit ihr dies nicht passieren würde. Nachdenken war ja schön und gut, aber trotzdem sollte man die Welt genießen.
Und endlich, endlich legte Ilias sich hin, die Erwachsen bedurften aber auch eine Menge Einladungen! Sie lächelte ihm dankbar zu und stupste ihn vorsichtig mit ihrer Schnauze an. Schließlich mussten die positiven Sachen belohnt werden und nicht die negativen Sachen bestraft werden, so sagte Mama Kaede immer.
Ilias fing an von seinen Sorgen zu erzählen, nicht direkt aber immerhin. Er fragte sie nach der Liebe. Natürlich wusste sie, was die Liebe war. Oder war das, was sie darüber wusste etwa nicht alles? Das musste sie unbedingt in Erfahrung bringen und es würde wohl nicht schwer werden, denn Ilias schien auch sehr gerne zu reden, auch wenn er sich vielleicht nicht immer so ausdrücken konnte, wie er es wohl gerne würde.

„Ich weiß was die Liebe ist. Wenn du denn von der Art Liebe sprichst, die mir bekannt ist.
Es gibt zum Beispiel die Liebe innerhalb einer Familie. Ich liebe meine Brüder und sie lieben mich, Kro und Cira lieben sich eher nicht so. Mama und Papa lieben uns drei auch und wir lieben sie. Und Mama und Papa lieben sich auch. Ich glaube, liebe ist, wenn man sich sehr gerne hat, oder? Wenn man zärtlich zueinander ist. Papa ist immer unglaublich lieb zu Mama, auch wenn er gar nicht so lieb aussieht, findest du nicht? Wenn man genau bedenkt, sieht er eher ganz schön gruselig aus, vor allem mit dem ganzen Blut überall. Aber ich liebe ihn trotzdem, nicht nur weil er mein Papa ist. Er kann ein ganz lieber Wolf sein! Kennst du Papa gut? Und, bist du bekümmert, weil deine Liebe gerade nicht bei dir ist? Oder, ist sie hier irgendwo?“


Neugierig blickte sie um sich, konnte jedoch keinen Wolf in ihrer Nähe entdecken, besser gesagt keine Fähe. Denn, Liebe kam ja nur zwischen Fähen und Rüden vor. Zumindest war ihr noch nichts anderes aufgefallen, oder doch? Wenn sie sich recht entsann hatte sie Liam und Kandschur von weitem zusammen gesehen, aber das hieß ja noch nichts. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es so etwas gab, ansonsten wären hier doch bestimmt noch mehr, die ebenfalls mit einem Rüden rumlaufen würde, oder eben Fähen mit Fähen. Die beiden waren bestimmt nur gut befreundet. Vielleicht würde sie dem irgendwann mal, wenn sie all ihre anderen wichtigen Sachen erledigt hatte, auf den Grund gehen!
Empört legte sie ihre Ohren nach hinten, als sie ihren Paten hörte, wie er ihr Tipps geben wollte, was sie mit Kaede machen sollte. Als ob sie ihre Mutter nicht jetzt schon versuchte aufzuheitern. Was dachte Ilias denn von ihr?
Beleidigt schob sie ihre Lefzen zurück und ließ ihre kleinen, aber sehr spitzen Welpenzähne aufblitzen. Sie wollte ihm nichts tun, daran dachte sie nicht einmal, sie fühlte sich nur sehr persönlich angegriffen. Sie wollte nicht, dass irgendjemand ihr vorwerfen konnte, dass sie nichts für ihre Mutter tat. Kurz verfiel sie in ein Schmollen und war nicht gewillt weiter mit Ilias zu sprechen, doch irgendwie kam ihr das doof und falsch vor, ihre Stirn glättete sich wieder und sie sprach Ilias, etwas schärfer als gewöhnlich, wieder an.

„Was denkst du denn von mir? Hast du mich je mit meinen Brüdern durch die Gegend toben sehen? Ich bin bei Mama Kaede gewesen und habe versucht sie aufzuheitern, indem ich ihr erzählt habe wie toll schön und bunt die Welt ist, aber sie wollte es nicht hören! Sie hat sich zwar bemüht zu lächeln, aber es war nicht echt gewesen. Auch die Sonne wird da nicht mehr viel tun können!“

Erschrocken über ihre eigenen Worte weiteten sich ihre Augen und sie klappte den Mund schnell wieder zu. Gerade hatte sie das ausgesprochen, was sie niemals hatte sagen wollen. Das es ihrer Mutter sehr schlecht ging und sie es wusste! Wussten die anderen Wölfe es auch? Sie hatte gelernt, dass es nicht gut war Schwäche zu zeigen, man musste stark sein, so wie Papa Urion, er gab sich immer stark, wenn Liel auch spürte und wusste, dass es auch ihm nicht sehr gut ging. Und sie wusste auch, was passieren konnte wenn es einem Wolf nicht gut ging und er noch dazu alt war. Aber darüber wollte sie nicht nachdenken, es waren ihre Eltern, sie würden für sie drei da sein, bis sie alt genug waren um selbstständig zu sein. Natürlich würden sie das.
Sie streckte ihren kleinen Kopf hoch, straffte ihren ganzen Körper und grinste Ilias an.
Ihr war der Spaß vergangen über ernste Themen zu reden, deshalb ging sie gar nicht mehr auf seine Anspielung auf streiten und Krolock an. Sie hatte verstanden was streiten war, warum sollte sie dazu noch etwas erwidern.
Lieber wollte sie ihm sagen, wie sehr sie sich freute, dass er sie Prinzessin nannte, nach seiner Beschreibung war es etwas wundervolles, eine Prinzessin zu sein. Doch, woher wollte er eigentlich wissen, dass sie etwas Großes im Rudel werden würde? Natürlich würde sie groß werden, das taten doch schließlich alle Welpen!
Verwirrt runzelte sie erneut die Stirn, dass die Erwachsenen sich aber auch immer so komplex ausdrücken mussten!

„Warum sollte ich denn nicht groß werden!? Alle Wölfe werden doch klein geboren und wachsen dann, bis sie groß sind! Das war doch bei dir nicht anders…?“ Sie schlug die Augen nieder und sprach etwas leiser weiter. „Danke, dass du mich für klug und intelligent hältst…!“

Sie blickte ihn wieder an, er versuchte ihr erneut etwas zu erklären doch irgendwie schien er selber nicht ganz zu wissen, wie er sich wirklich ausdrücken sollte. Sie überlegte einen Moment, ließ sich das Gesagte mehrmals Revue passieren und vergaß so für einen kurzen Augenblick, dass sie immer noch vor Ilias stand, der wahrscheinlich darauf wartete, dass sie ihm sagte, ob sie ihn verstanden hatte.
Der Regen tropfte, er machte lustige Ploppgeräusche auf dem schon weichen Waldboden.
Plopp, Plopp, Plopp.

„Wie der Regen! Regnet es zu viel, ist der Regen böse zu uns. Der Boden wird rutschig und schlammig und es ist schwierig sich aufrecht zu halten! Regnet es zu wenig.. Tja, was passiert dann eigentlich?“

Die Theorie die eben in ihrem Kopf noch so logisch ausgesehen hatte, zerplatzte wie eine Luftblase auf dem Wasser. Was passierte eigentlich wenn es zu wenig regnete? Wenn die Sonne zu viel schien? Woher sollte sie dies auch wissen, hatte sie die Sonne doch noch nicht erblickt! Hm, eine andere Lösung musste her, doch, halt. Ilias schien ihr gar nicht mehr zuzuhören, sein Blick war in die Ferne gewandert, er schien gar nicht mehr zu bemerken, dass Liel vor ihm stand. Erwachsene!
Ein wenig pikiert überlegte sie, was sie nun tun sollte. Ihn erneut ansprechen, ihn anstupsen? Er schien so traurig zu sein, da konnte sie nicht anders und schlich sich geduckt an ihn heran, einmal um ihn herum und dann schob sie sich dich an seine, leicht gebogene, Seite, kuschelte sich an ihn und legte sich ebenfalls hin. Ihren Kopf bettete sie auf seinen großen Pfoten, vorsichtig schleckte sie über eben diese. Das hatte Mama Kaede bei Ciradán auch immer gemacht, wenn er mal wieder schreckliche Angst bekommen hatte. Dann musste das bei Trauer auch wirken!



Wie viel Zeit war nun vergangen, seitdem sie die Herausforderung zu schweigen, angenommen hatte? Sie wusste es nicht mehr, hatte aufgegeben die Monde zu zählen. Banshee hatte ihr gesagt, dass es lange dauernd würde, dass es schwierig werden würde. Und Sheena musste ihr in beidem Recht geben. Anscheinend hatte nicht das ganze Rudel mitbekommen, dass sie über einen gewissen Zeitraum hinüber schweigen würde, Rakshee und Shákru hatten sie deshalb ein wenig komisch behandelt. Eher nur Rakshee, und sie wusste auch nicht recht, wie sie die Situation hätte erklären sollte. Natürlich, alle normalen Bedürfnisse konnte sie auch so recht gut mitteilen, aber wie sollte man etwas ohne Worte erklären? Sie schüttelte den Kopf, mittlerweile klappte es doch recht gut, dass sie nicht immer aufseufzen wollte, wenn ihr etwas nicht gefiel. Am Anfang war es schwierig gewesen und oft war es sehr knapp gewesen. Dann hatte sie es gerade noch rechtzeitig geschafft den Laut zu unterdrücken. Auch wenn sie sich gar nicht wirklich sicher war, ob sie wirklich keinen einzigen Laut von sich geben durfte.
Die Woche nach der Zeremonie hatte sie erneut alleine verbracht, doch nun war sie wieder aus dem Wald gekommen und hatte beschlossen Banshee aufzusuchen. Sie wollte ihr zeigen, dass sie es bis jetzt geschafft hatte. Sie war mächtig stolz auf sich, kein einziges Wort war aus ihrer Schnauze gedrungen, kein Gutes und kein Schlechtes. Auch dachte sie weniger über das nach, was sie sagen könnte. Sie hatte gemerkt, dass sie selbst in Gedanken die Wölfe nicht mehr niedermachte und fand, dass dies ein ganz guter Stand war.
Banshee würde gewiss stolz auf sie sein, außerdem wollte Sheena sich bei ihr bedanken, dafür, dass sie ihr diese Chance offenbart hatte. Auch wenn sie die Aufgabe eher mürrisch angenommen hatte.
Umso mehr würde Banshee sich freuen. Schließlich hatte sie gehofft, dass Sheena es schaffen würde, natürlich war die Zeit noch lange nicht vorbei, aber ganz tief in sich drin hatte sie selber nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt solange durchhalten würde.
Wobei sie sich eingestehen musste, dass sie sich viel vor dem Kontakt zu anderen Wölfen zurückgezogen hatte. Doch dies sollte sich nun ändern. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich schon recht gut unter Kontrolle hatte und sie befand die Zeit für recht um einen erneuten Versuch unter Wölfen zu wagen.
Schließlich war dies ihr Endziel, auch unter Wölfen nicht zu sprechen. Jeder würde es wohl schaffen, nicht mehr zu sprechen solange er alleine war. Sie aber wollte es auch schaffen, nicht zu sprechen wenn andere dabei waren.
In der Zeit hatte sie einen engeren Kontakt zu Engaya gesucht und auch gefunden. Fast durchgehend spürte sie die Kraft der Göttin in ihrer Brust. Sobald sie wollte konnte sie sich das Bild Engayas in den Geist rufen, sie nahm an, dass sie es auch schaffte dieses Bild mit anderen zu teilen.
Das war auch das Geschenk, was sie für Banshee hatte. Ein Geschenk um sich zu bedanken. Ein Geschenk, was Banshee, wie sie hoffte, nicht zu traurig stimmen würde. Schließlich war auch Sheena nicht entgangen wie kraftlos ihre Alphafähe geworden war, sie hatte gemerkt, wie Engaya sich immer weiter von ihr entfernt hatte.
Es war, als ob Engaya, mit jedem Stück was sie ihr näher gekommen war, ein Stück von Banshee gegangen war. Das war der einzige Gedanke, der sie momentan traurig und nachdenklich stimmte. Konnte sie wirklich Schuld sein?
Langsam ließ sie ihren Blick über den Rudelplatz gleiten, da vorn, da war Banshee. Zusammen mit drei Wölfen die sie nicht kannte. Selbst der Geruch der hinüber wehte war ihr gänzlich unbekannt. Also hatte das Rudel mal wieder Zuwachs bekommen. Manchmal konnte sie es gar nicht glauben, Banshee musste so viel leisten, ein so großes Rudel, sie konnte es kaum fassen, dass Banshee die Wölfe alle kannte, zumindest soweit, dass sie sagen konnte, dass sie keine Gefahr für das Rudel darstellten. Unglaublich und sehr bewundernswert.
Langsam verfiel Sheena in einen leichten Trab, näherte sich so, nicht zu schnell, aber sehr zielstrebig Banshee und den, ihr drei Unbekannten.
Ihr Fell war dünner geworden, der Winter war vorbei und das sowieso so spärliche Winterfell war ausgefallen, war dem leichten Frühlingskleid gewichen. Sie fror, wie eigentlich immer, denn das Fell bot dem Regen keinen richtigen Schutz. Sie wusste nicht warum ihr Fell sie so wenig schütze. Vielleicht weil ihr Körper einfach nicht genügend hergab um das Fell vernünftig wachsen zu lassen. Nun sah man deutlich den mageren Körper, der die Fähe durch die Gegend trug. Wäre sie etwas besser gebaut, wäre sie eine sehr hübsche Fähe, so war sie gewiss nicht hässlich, aber eben sehr dünn und mager. Fett fand sich an ihrem Körper gar nicht, Muskeln konnte man erkennen, Muskeln die sie weit tragen konnten, Muskeln mit denen sie wendig war und gut kämpfen konnte. Der Kiefer war kräftig. Man konnte erkennen, dass sie die Tochter eines starken Rüden war. Die Kraft die ihr durch die fehlende Masse verloren ging, ersetzte sie durch ihre Muskeln, welche sie durch die vielen Streifzüge gestärkt hatte. Mit leicht gold glänzenden Augen erreichte sie die Gruppe.
Vorsichtig stoppte sie und neigte ihr Haupt zuerst vor Banshee, ihrer Alpha und gleichzeitig ihrer Lehrerin. Dann blickte sie in die Runde, sah zu dem schwarzen Rüden, der eher schmal gebaut war. Weiter glitt ihr Blick zu einem Rüden der…
Fast hätte sie einen lauten Laut der Verwunderung ausgestoßen. Du meine Güte, was war das denn für ein Rüde? Was war das denn für ein Wolf. Gerade rechtzeitig konnte sie sich noch beherrschen, na, was für ein wunderbarer Einstieg in ihren zweiten Versuch. Aber wer konnte mit so etwas ahnen. Der Wolf der neben dem Schwarzen stand war nicht nur dick sondern regelrecht fett. Das Fell, zumindest die Stellen die nicht voller Schmutz waren, ließen eine grau weiße Fellfarbe erkennen. Sheena blickte rasch auf ihr reines, weiß glänzendes Fell. Puh, zum Glück sah sie nicht so aus! Innerlich schüttelte sie ihren Kopf, äußerlich drehte sie ihm nur zu dem dritten Rüden, der anscheinend gerade erst zu der Gruppe gestoßen war. Der Wolf, ebenfalls ein Rüde, war braun, schwarz und weiß und hatte rote Augen.
Noch einer mit roten Augen.
Sie schenkte ihm ein eher weniger überzeugendes Lächeln. Er kam ihr komisch vor, dem fetten Wolf schenkte sie fast schon ein grinsen und dem schwarzen lächelte sie auch nur flüchtig und leicht zu.
Ihr Augenmerk richtete sich gleich wieder auf Banshee, sie trat an sie heran und stupste sie vorsichtig mit der Schnauze an, ihre Augen leuchteten stärker auf, vorsichtig stellte sie ihre Pfoten so, dass diese die von Banshee berührte, ihre Schnauze drückte sie leicht an die Stirn ihrer Alphafähe. Es musste ein komisches Bild abgeben, der Jungwolf der nicht sprach und sich einfach die Leitwölfin krallte.
Sie schenkte Banshee ein Lächeln und dann versank sie sofort in ihrer eigenen Welt. In Sekundenschnelle eröffnete Engaya ihr ihre Welt und ließ sie eintreten und teilhaben. Die Welt, die Sheena bis jetzt immer nur alleine betreten war, in der Anfangs auch Fenris direkt bei ihr verweilt hatte, hatte sich verändert. Fenris war weiter in den Hintergrund gerückt, er war noch immer da und irgendwie wusste Sheena auch, dass er immer da sein würde, auch wenn sie eine vollständige Priesterin sein würde. Natürlich gehörte er dazu und doch war es wohl eher selten, dass er ebenfalls auftauchte. Aber er stellte so gut wie keine Bedrohung mehr da, nicht mehr so wie anfangs. Sie trat in ihrer Gedankenwelt auf Engaya zu, unterwürfig und doch stolz. Engaya wusste, was sie von ihr wollte und anscheinend war sie gewillt ihr diesen Gefallen zu schenken. Ob sie auch so stolz auf sie war, wie sie selbst? Sie spürte wie sie die Kraft durchströmte, spürte, wie sie wenigstens ein wenig an Banshee abgeben konnte, zumindest fühlte es sich so an und eigentlich war sie sich auch sicher, dass Banshee Engaya ebenfalls sehen und spüren konnte. Zumindest ein wenig. Oder bildete sie sich dies nur ein? Sanft trat sie von Engaya zurück, bedankte sich und tauchte wieder ein, in die reale Welt. Das ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert und doch kam es ihr vor, als ob sie Stunden mit Banshee unterwegs gewesen war. Erwartungsvoll blickte sie ihre Leitwölfin an. Ihr Geschenk, das Geschenk, was Banshee hoffentlich hatte empfangen können. Sie blickte die drei Rüden an, sie hatten von der ganzen Aktion nicht viel mitbekommen. Sie hatten nur sehen können, wie Sheena die andere weiße, ältere Fähe, sanft berührt hatte. Vielleicht etwas länger als normal, aber trotzdem nur ein paar Sekunden. Seltsam, es war wirklich wie in zwei unterschiedlichen Welten!


Shani bemerkte, dass er grübelte, und fragte ihn danach. Jakash ließ unwillkürlich die Ohren etwas zur Seite herab hängen. Es war ihm unangenehm, dass seine Mutter ihn so durchschaut hatte, doch musste er sich auch eingestehen, dass das vermutlich gar nicht so schwierig war. Erstens war sie nunmal seine Mutter, und Mütter... spürten sowas einfach irgendwie. Und zweitens war er doch schließlich wegen seiner Sorgen zu ihr gekommen, er wollte ihr alles erzählen, auch wenn ihm das jetzt, wo es soweit war, schwer fiel und er fürchten musste, sie damit zu verletzen. Und schwer fiel es ihm gerade sehr, als ob der Knoten in seiner Brust ihn daran hinderte, die Worte in seinem Kopf auszusprechen, während er gleichzeitig dutzende von möglichen Sätzen gedanklich durchprobierte und wieder verwarf. 'Mutter, meinst du, dass Fenris...' - 'Ich habe Angst, dass Fenris...' - 'Mutter, ich will das nicht, aber was ist, wenn Fenris...' Unmöglich.
Als schwieg Jakash, grübelnd und mit sich ringend, und ließ die Frage unbeantwortet im Raum stehen. Ein wenig Rettung brachte ihm die zweite Frage seiner Mutter, obgleich das unangenehme Gefühl, ihr etwas vorzuenthalten, gar zu verheimlichen, blieb. Der Jungrüde schüttelte langsam den Kopf.

"Nein. Ich hab mich entschuldigt, und sie hat versprochen, niemandem etwas zu erzählen. Aber ich hab ihr nichts weiter erzählt... niemandem",

antwortete er. Er brauchte natürlich nicht zu erwähnen, dass seine Mutter nun die einzige Ausnahme bildete.

"Ich wollte sie nicht ängstigen.... und dich auch nicht..."

Er sah zu ihr auf. '-... aber es zerreißt mich sonst!', stand in seinem schuldbewussten Blick geschrieben, und Jakash drückte den Kopf seitlich leicht an die Brust seiner Mutter, während er den Blick wieder sinken ließ und abwandte. Ziellos wanderten seine Augen umher, ohne halt zu finden, ohne wirklich etwas zu sehen. Tief atmete er mehrmals ein und aus, rang nach Kraft. Die Nähe seiner Mutter, ihre Wärme und Liebe, half ungemein.

"Ich will kein Fenrispriester werden...",

brachte er halb erstickt hervor. Da, nun war es raus...


Es wäre vielleicht ein Leichtes gewesen. Vielleicht wäre es kompliziert geworden. Ein Schritt um den Anderen. Es war nicht einmal durchdacht, er hatte es nicht gewählt. Nicht gewünscht. Es gab Dinge, die man nicht beeinflussen konnte. Es gab Sachen, die einfach passierten. Und Aryan wäre der Letzte gewesen, der sich gegen dieses Schicksal gestellt hätte. Nicht, weil es ihm gefiel. Nein. Aber er war dankbar für die schöne Zeit, die er gehabt hatte. Damals im Herbst, an Daylights Seite. Der geglaubte Mörder und das warme Sonnenlicht. Er erinnerte sich, wie er mit ihr gelacht hatte. Sie hatten sich gegenseitig gejagt. Er hatte sie schnell eingeholt. Hatte sich in einem Dornengebüsch verfangen und war auf ihren zarten Leib gelandet. Diese erste, zarte Berührung. Wie schön sie doch gewesen war. Vollkommen. Von diesem Zeitpunkt an wusste er, dass er sie lieben würde. Und schließlich war Cyriell aufgetaucht. Er hatte den Schwarzen gefunden und von seiner Schuld befreit. Aryan hatte gelebt. Viele Momente, schöne Erinnerungen.
Es war nicht mehr möglich. Wenn Daylight sehen würde, was Aryan getan hatte... sie würde nicht mehr zu seinem Wesen finden. Er wäre verschwunden. Ein Weg, den eine zarte, zerbrechliche Wölfin nicht gehen sollte. Nicht an der Seite eines perfekten Jägers.

“Nein“, stieß er hervor. Die Fassade drohte zu brechen.

Er wollte toben, sich von den schlechten Gedanken befreien, wollte wenigstens die Hoffnung haben, dass sich Alles zum Guten wendet. Der quälende Durst, das gute Gehör, dass alles vernahm und analysierte, das scharfe Bild vor seinen Augen. Ein ganz anderer Wolf, aber er war immer noch Aryan. Nur fleischliche Ketten. Hatte er sich nicht schon einmal aus einer solchen Situation gerettet? Nein, das waren damals Daylight und Cyriell gewesen.

Der Zorn kochte über. Er wollte sich nicht mehr kontrollieren, wollte keine Fassade. Ihn sah eh keiner, er war allein. Er fletschte die Zähne, zum Angriff bereit. Sein imaginärer Gegner setzte einen Schritt nach links, er folgte wie ein Spiegelbild. Der Feind blieb stehen, auch er tat es. Ein Knurren von unbekannter Intensität verließ seine hungrige Kehle. Dann sprang er ab, sein Gegner tat es ihm gleich. Sie trafen sich nie und der Schwarze landete an einem morschen Baum. Warf sich mit dem ganzen Gewicht dagegen, grollte und tobte. Leise Tränen liefen ihm über die Schnauze.
Er war ohnmächtig. So gern wollte er an Cyriells Seite sein. Ihn erklären, sich entschuldigen.

“Verdammt!“, zischte er. Unterdrückte ein Schluchzen.

Wieder nahm er Anlauf, preschte diesmal an den Feinden vorbei und stieß weiter in den toten Wald hervor.


Fünftausendachthunderdreiundsiebzig.
Lange lag er regungslos an der Erde, vernahm nur noch am Rande das Geschehen um sich herum. Ciradán hörte seinen Vater, spürte seine seichten Worte und die Wärme. Der weiße Welpe nahm dankbar dieses Geschenk an. Egal, ob es nun Realität oder doch nur Wunschdenken war. Nicht wichtig für diesen Augenblick. Urion hatte ihm verziehen, das machte die Ohnmacht erträglich. Das machte auch einen Abschied möglich. Aber eigentlich wollte er gar nicht weg, wollte sich noch ein wenig an dieser Wärme erfreuen. Eine Zuneigung, die er sich gewünscht hatte. Und keine Angst war in ihm, nicht einmal der Anflug einfach weg laufen zu wollen. Er verharrte, dicht an dem warmen Körper seines Erzeugers.
Sechstausendeinhunterundsehcs. Der Gallengeruch verflüchtigte sich und selbst das Blut wurde vom hartnäckigen Regen weg gewaschen. Nur ein feuchter, modriger Geruch hielt sich in der Luft. Und der Duft seines Vaters. Urion. Er war nun hier an der Seite von Cirádan. Er war sein Sohn und das erkannte der graue Hüne an. Unbändige Freude schlich ihm in das schwache Herz. Versetzte ihm einen Stich an Lebensmut. Er liebte ihn also doch, selbst wenn er nicht stolz sein konnte. Wie dumm der Weiße doch gewesen war, wie dumm sich von dieser großen Angst zerfressen zu lassen. Hatte er wirklich daran gezweifelt, dass ein Vater den eigenen Sohn liebt? War er so töricht und welpisch gewesen? Er würde es ändern können, er bekam eine Chance. Er schwor sich innerlich, dass er stark sein und die Welt nicht durch ein ängstliches Auge sehen wollte. Es wäre zu schade um dieses Augenlicht gewesen. Das blinde Auge würde ihn an diesen Schwur erinnern. Immer wenn er sich seiner Angst hingeben wollte, würde er die Augen schließen und daran denken, wie es war an den Tod zu glauben.
Sechstausenddreihundertvierundneunzig.

“Ich werde Dich stolz machen, Papa. Ganz bestimmt“, flüsterte er leise. Nicht einmal war seine Stimme gebrochen. Er wollte, dass Urion ihm glaubte und stolz darauf sein würde. Er musste es einfach.

Vorsichtig hob er den Kopf an und vergrub die kleine Schnauze Schutz suchend in das dichte Fell seines Vaters. Er war verflucht und es war egal. Cirádan würde es auf sich abwenden, er würde Alles tun um den Fluch zu übernehmen. Er würde seine Geschwister beschützen. Vor allem Liel. Und Papa würde stolz sein. Er würde seinen weißen Sohn loben und verstehen, dass auch er mutig sein konnte. Er würde es beweisen.
Leicht öffnete er das gesunde Auge und schielte zum Gesicht des Vaters. Zwar brachte ein kein Lächeln zu Stande, aber sein Blick verriet Alles. Er wollte, dass Urion das sah, was sein Sohn sah.
Schließlich wandte er den Blick ab ohne den Kopf zu bewegen. Er erspähte die schwarze Fähe, die ihn gefunden hat. Dankbarkeit trat auf sein Gesicht.

“Wie heißt der schwarze Engel, der mich gefunden hat? Ich- ich... will mich bedanken“, fragte er leise seinen Vater. Unfähig laut zu sprechen. Auch so richtig bewegen konnte er sich noch nicht.


Dass Jakash auf ihre Frage nichts antwortet, bohrte den Stachel der Ahnung noch tiefer in Shanis Herz. Dass er noch etwas auf dem Herzen hatte, das er ihr nicht sagen wollte. Warum? Vielleicht war es ihm peinlich, vielleicht hatte er auch Angst, sie würde ihn dafür verurteilen. Dabei würde sie das nie tun. Wie könnte sie auch? Das Unausgesprochene lag jetzt schwer in der Luft, selbst Jakash musste es spüren. Doch die Weiße hakte nicht erneut nach, sondern folgte dem Gespräch, sollte ihr Sohn etwas sagen wollen, würde er es können. Und dass sie wusste, dass es etwas zu sagen gab, wusste er ebenso.
Rakshee hatte er nichts gesagt, niemandem sonst ebenso … damit war sie nun die erste, die er ins Vertrauen zog – die Erkenntnis löste erneut ungeahnte Glücksgefühle aus. Er war ihr weit weniger fern, als sie gedacht hatte. Doch abgesehen von diesem Glück war es weniger schön, dass er es nicht gewagt hatte, seiner Schwester alles zu erzählen. Schließlich wäre es doch gerade sie, die so viel mehr von all diesen Dingen verstand … und die ihn immerhin in dieser seltsamen Verfassung erlebt hatte. Seinen Entschluss wollte sie dennoch nicht verurteilen, die Beziehung zu seiner Schwester war schließlich doch eine ganz andere als zu ihr. Und die Begründung sie nicht ängstigen zu wollen, klang mehr als vernünftig. Schließlich hatte er auch in das Herz seiner Mutter nun ein wenig Angst gesät, auch wenn das fast noch mehr daran lag, dass er ihr etwas verschwieg.

“Die Angst, die sie im Stummen hat, weil sie merkt, dass es dir nicht gut geht, ist vielleicht noch viel größer als die, die sie hätte, wenn du ihr etwas erzählen würdest. Wir könnten das auch zusammen versuchen. Aber nur, wenn du möchtest.“

Weiterhin war da ein Warten – darauf, dass er ihr sagte, was in seinem Kopf vorging. Sein Blick traf sie hart in der Seite, in dem plötzlich so viel Verzweiflung stand, viel mehr noch, als aus seinen Worten gesprochen hatte. Wieder flammte der Drang auf, ihn vor allem Bösen dieser Welt zu beschützen und ihn mit Geborgenheit ganz zu empfangen. Als er schließlich leise flüsternd das hervorstieß, worauf sie die ganze Zeit gewartet hatte, wurde ihr auch klar, was sie ebenso gedacht hatte. Ihre Schlüsse waren nicht so weit gegangen, aber Jakash hatte Recht. Gegensatz zu Rakshee, brennender Hass auf sie und die Helligkeit, mit der sie umstrahlt gewesen war. Aus seinem kurzen Satz hatte soviel Angst gesprochen, dass sie sich nichts mehr wünschte, als sie ihm nehmen zu können, nur wie?

“Niemand wird ein Fenrispriester, wenn er das nicht will.“

Sie schluckte. Rakshee wurde doch auch nicht einfach zu einer Engayapriesterin gemacht, sie musste es wollen, arbeitete und kämpfte dafür. Wie könnte Jakash dann einfach so zu etwas werden, was er nicht sein wollte?

“Dein Herz ist dafür viel zu gut. Lass uns mit Rakshee darüber reden. Und vielleicht … mit Banshee?“

Shani sah keine andere Lösung, als das Problem in die Pfoten von jemandem zu geben, der darüber bescheid wusste. Sie selbst könnte zwar trösten und Wärme geben, aber trotzdem würden die gleichen Worte aus dem Mund Banshees weit mehr Sicherheit geben, denn sie musste es wissen. Wer sonst?


Eine Frage, eine eher beinahe ungestellte Frage. Eine Frage, die mehr an Katsumi selber war, als an Akru. Eine verdammte Frage. Und eine verdammte Reaktion. Der Braune sah den Grauen an. Ein mit Schmerz umringtes Lächeln zitterte auf den Lefzen. Der Fünfjährige hielt den Atem an und der regelmässige Pulsschlag wühlte den Fluss in den Adern auf, das Gehirn liess eine Sturmwarnung durch und riesige, rote Wellen schlugen an die Wände. Zitternd spannten sich die Muskeln an im vernarbten Körper und mit ein und demselben Blick voller Schmerzen lauschte Katsumi den Worten Akrus. Er litt. Stark. Und der Braune wusste es. Ohne die Geschichte zu kennen. Und doch kannte er sie auf eine Art. Sie schien Ähnlichkeiten zu haben. Nicht, wie die Geschichte verlief, doch wie die Gefühle waren. Katsumi wandte den Blick ab, sah dem Wellengang zu, liess seinen Puls wieder sinken, versuchte sich zu entspannen. Kein Wort glitt aus der Kehle, abwartend liess der Braune seinem Gegenüber Zeit.

"Gerne, mein Freund."

Ruhig und tief, beinahe flüsternd sprach Katsumi als der Graue endlich wieder zu sprechen begonnen hatte. Der Rüde stand ebenfalls auf, schüttelte die Tropfen aus dem Fell, wenn auch gleich wieder neue sich in die Bräune fressen würden. Schweigend erwiderte Katsumi den Blick mit seinen Augen, lächelte freundlich und unterstützend, ehe seine Läufe den gewohnten Ablauf einnahmen. Pfoten erhoben sich und senkten sich, drückten sich in den nassen Boden und erhoben sich aufs Neue. Und Akru tat es genau so, nur das er diesmal zeigte, wo es lang ging und nicht Katsumi selber. Immer noch sang der Wind von Leid und Trauer und der Himmel weinte mit. Weinte, wie die beiden Herzen der Wölfe es taten.

"Hörst du das Lied auch? Der Wind singt schon eine ganze Weile..."

Manchmal war es nötig, die Stille zu brechen. Nötig, um Gedanken, die der Vergangenheit angehörten, zurück in die Realität zu holen. Nötig, um sich abzulenken. Fragen, die mit ja oder nein beantwortet werden konnten, oder mit einer Geschichte. Es war Akru überlassen. Wollte der Graue seine Gedanken mitteilen, so konnte er es, wollte er nicht, konnte er es genau so bleiben lassen. Katsumi hätte dann erzählt, einfach, damit Akru zuhören konnte. Ober er es sich merkte oder nicht war egal. Hauptsache, jemand sprach mit ihm. Denn, so dachte Katsumi, es musste nicht einfach für den Rüden sein. Ungewollt erinnerte sich der Braune an die ersten Tage ohne Nisha, an die erste Tagen alleine, verletzt und schwach an einem fremden Ort. Ohne Nisha, ohne Welpen und ohne Familie. Es waren schreckliche Tage, hätte es dazumal so geregnet, wie es hier regnet, wäre das Bild perfekt gewesen. Aber es war warm. Nein, heiss. Und die Hitze hatte den Braunen in den Boden gedrückt, ihn erschlagen. Aber nicht getötet. Das Vieh war in den Norden gezogen, kein Futter, der Magen leer, aber Katsumi war nicht verhungert. Das Schicksal boxte ihn durchs Leben, mit so vielen düsteren Ecken, so vielen Dinge, die kontinuierlich an Nisha erinnerten. An die Liebe, die einfach aus seinem Leben gerissen wurde. So plötzlich, so hart.
Katsumi schüttelte den Kopf, sah auf den Boden, sah zu, wie sich Pfote um Pfote in den Matsch setzten. Und sah dann seinen Begleiter an. Akru.


Isis trabte weiter allein durch den Wald. Mit einem Schlag schien alles um sie herum einsam, verlassen und dunkel. Das Nichts, trieb es seine Spinnenfäden schon durch den Wald um sich Respekt zu verschaffen?
Isis hielt den Kopf gesenkt. Sie vermisste Akru. Mit ihm konnte sie reden, er würde sie bestimmt trösten. Sein Duft schwebte wie eine schwere Suppe durch den Wald hinein in ihren Kopf und entlockte ihr viele Tränen.
Isis wandt ihren Kopf herum. Was Aryan auch immer vor hat, vielleicht könnte sie ihn begleiten. Egal wohin, aber in seine Welt.
Isis Abgrund wurde immer schwärzer und undurchdringlicher. Wie tief würde sie denn Fallen, wenn sie hinein sprang oder schwebte sie bereits? Die kleine Ägypterin wusste es nicht genau. Sie wusste auch nicht, dass Akru noch im Revier war. Wegen Banshee. Er war noch wegen Banshee hier, aber das könnte sich die kleine Fähe denken.
Wo war nur Tyraleen? Isis schlug wieder den Weg Richtung Rudelplatz ein. Sie musste raus aus diesem wiederlichen Sumpfgebiet. Sie fühlte sich schon so, als würde sie ebenfalls in einem Sumpf feststecken. In einem nebligen Sumpf in dem sie nicht wusste, woher die Geräusche kamen, wohin sie gehen musste.
Es fröstelte der kleinen Fähe und ihre Gedanken streiften nach Ägypten ab. Dort hatte niemand Kummer, niemand Trauer. Die Rudel liebten sich und ihr Leben. Warum war das hier im Norden denn nicht der Fall? Warum ließ der Norden die kleine Königin denn Fallen und umfing sie nicht in ihrem göttlichen Federn.

o.O(Oh Isis, oh Osiris? Wo seid ihr denn nur?)

Keine Antwort, kein Lichtstrahl, keine Hoffnung. Wurde sie von ihren Göttern etwa allein gelassen? Sie, die Schwinge des Osiris? Wurden ihr die Flügel gestutzt? War sie nun völlig allein? Was hatte sie nur falsch gemacht?
Endlich lichtete sich der Wald, der Rudelplatz mit dem See kam zum Vorschein. Isis beeilte sich nicht, lief geduckt über den Rasen, als hätte sie etwas ausgefressen. Ihre linke Schulter schmerzte. Wahrscheinlich von dem Sturz. Sie würde ihren Mund halten, Aryan würde sie nicht verraten. War das der Grund, warum sie von ihren Göttern verlassen wurde? Weil sie die Ungeheuer und Monster in diesem Rudel deckte? Fühlte sie sich deshalb so einsam und verlassen voller Angst.
Isis blickte auf den See. Vielleicht einfach hinein laufen und untergehen. Die Ägypterin weinte immer noch bittere Tränen. Sie fühlte sich so schwach und ausgelaugt. Ein schwaches Rufen nach Tyraleen entkam ihrer Kehle. Ob es die Fähe hören konnte? Immerhin war sie nicht zu sehen, nur ihr Duft wurde leicht mit dem Wind über den Platz getragen. Wie eine weiße Feder der Hoffnung. Schwach, losgelöst und allein.
Isis schlug den Weg Richtung See ein. Sie war blind, sah die Wölfe um sich herum nicht und lief wie in einem Traum an ihnen vorbei. Sie hob weder den Blick, noch zeigte sie eine Form der Lebendigkeit.
Isis spürte das Wasser an ihren Pfoten, sah ihr Spiegelbild.

o.O(Eine Königin weiß, wann sie aufgeben muss.)

Sie wurde in den See hineingezogen. Das Fell wurde ihr schwerer, aber die Pfoten standen noch fest auf dem Grund. Die kleine Ägypterin schnappte nach Luft und ließ sich hineinfallen. Laut platschend klatschte das Wasser über ihren Kopf zusammen, der zierliche Fähe wurde hinunter gezogen. Noch hatte sie genug Luft in der Lunge, noch konnte sie leben.
Schemenhafte Bilder tauchten vor ihr auf. Rime und Akru. Ja, sie liefen zu dritt durch diesen Wald, wurden von dem Rudel bedroht und kämpften zusammen. Die Gestalten verschwanden und Tyraleens Gesicht tauchte vor ihr auf. Augen aus denen das Leben strahlte, fröhlich und glücklich. Schließlich wurde es schwarz. Isis seufzte innerlich und schloss die Augen. Ihre Tränen vermischten sich mit dem Wasser des Sees.

o.O(Hilf mir Tyraleen! Hilf mir!)


Der graue Rüde, der sich bereits zum Gehen gewandt hatte, wandte sich nun der Kugel von einem Wolf zu und fuhr ihn grob an. Sehr grob sogar, bedachte man die Todesdrohung, die in die Beleidigungen gemischt wurde. Malakím legte den Kopf schief und sah den Grauen nur verwundert an. Das blieb auch so, als der Rüde sich schließlich auch noch an ihn wandte. Auch diese Worten waren nicht gerade nett, aber schon wesentlich freundlicher im Vergleich zu dem, was der fette Rüde sich hatte anhören müssen. Genau aus diesem Grund pendelte seine Rute einmal kurz hin und her, während sich seine Miene nicht änderte. Gleichmütig sah er dem Grauen hinterher, als besagter Wolf davon stapfte.
Kurz darauf waren er und seine unfreundlichen Worte bereits vergessen, aus dem Bewusstsein des Schwarzen durch die lieben Worte der Weißen verdrängt. Eifrig begann die Rute in geradezu jungwölfischer Manier zu wedeln, annnte sie ihn doch wie von ihm gewünscht bei seinem Kosenamen. Malakím fühlte sich sofort heimisch.

"Meine Pfoten, verehrte Alpha. Sie brachten mich auf einem Pfad hierher, den der Wind mir darbot, und ich folgte willig, immer auf der Suche nach angenehmen Bekannschaften wie der Deinen. Daher würde ich auch gerne ein Weilchen bleiben, um die Gesellschaft deines Rudels und der Deinen länger genießen zu können. Und vielleicht darf ich auch deinen Namen erfahren, der zweifellos deine anmutige Erscheinung widerspiegeln wird?"

Malakím lächelte und nickte großzügig, als die Alpha sich für das Benehmen des Rüden Akru entschuldigte. Der Schwarze war nicht nachtragend, und außerdem konnte jeder mal einen schlechten Tag haben.
Just in diesem Augenblick gesellte sich ein weiterer Rüde zu ihnen, der, so entnahm Malakím es seinen Worten, auch gerade eben erst angekommen war. Welch Zufall! Aber noch beeindruckender als dieses Zusammentreffen waren die Augen des Fremden. Sie waren rot. War das normal - oder war der Rüde krank?

"Welch glückliche Fügung, Freund, denn vor dir steht eben jene von dir gesuchte Leitwölfin! Aber sag doch, bist du an den Augen verletzt? Oder ist dieses Rot in der Tat deine Augenfarbe?"

Der Schwarze war sich vage bewusst, dass seine ungefragte Antwort als unhöflich aufgefasst werden konnte. Aber wie schon zuvor kümmerte ihn das recht wenig. Risiko eben.
Apropos Risiken - Gefahren lauerten überall, für Erwachsene wie für Welpen. Etwas prallte gegen Malakíms Läufe, und überrascht sah der Rüde nach dem kleinen Angreifer. Da hockte eine schwarze Welpin vor ihm, imitierte ein Knurren und beschwerte sich. Und war sogleich wieder verschwunden. Malakím kam gar nicht dazu, etwas zu erwidern. Auch nicht, als ein zweiter Welpe angesaust kam und vergeblich versuchte, unter dem dicken Wolf hindurch zu laufen. Und schwupps war auch dieser kleine Krieger schon wieder auf und davon. Malakím sah ihnen nach und wedelte aufgeregt mit der Rute. Hier würde er viel Spass haben, das war jetzt schon klar!
Und noch jemand kam heran, wenn auch reichlich gemächlicheren Schrittes. Eine Fähe, jung und schön wie die Leitfähe selbst. Ihre Tochter? Gut möglich! Sie trat dicht zu der Alpha und berührte sie liebevoll, ganz wie zwischen liebender Tocher und Mutter. Malakím trat einen kleinen Schritt näher heran.

"Wenn ich mich vorstellen darf: Malakím ist mein Name, aber nenn mich ruhig 'Malak'. Es freut mich ungemein die Bekannstschaft mit einer so bezaubernden junge Fähe machen zu dürfen! Darf ich dich nach deinem Namen fragen?"

Malakím schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.


Es wurde Zeit, sich mit der Sache auseinander zu setzen. Sache klang besser als Blutdurst oder mörderische Veranlagung. Zwar wäre Aryan lieber noch eine Weile in seiner Wut aufgegangen und hätte diese Ohnmacht über sich ergehen lassen, aber es war besser, wenn er sich gleich mit der Problemlösung- oder Vereinfachung beschäftigte. Was klar war, dass das Brennen in der Kehle und der Drang es zu schmecken mit Blut zusammen hing. Begehrt war dabei das Blut seiner Artgenossen. Natürlich würde er es auch mit anderem Blut versuchen, vielleicht das von einem Grasfresser, vielleicht auch mal von einem Fleischverzehrendem. Es musste ja keinen Unterschied geben. Was er brauchte, war Blut. Um diesen fürchterlichen Schmerz zu lindern. Er hatte keine Ahnung, ob er dieses Verlangen eh noch lange kontrollieren konnte. Es wäre also dienlicher, es so bald wie möglich zu versuchen. Ganz rational gedacht- mit dem Hintergedanke, dass Alles vielleicht nur eine schwierige Phase war. Er glaubte nicht recht an die Hoffnung, aber er würde sie nicht loslassen, bis wirklich jeder Weg erschöpft war. Vielleicht könnte auch Daylight damit leben, vielleicht würde der Bruder ja verzeihen. Und wenn das möglich war, würde er starke Freunde finden müssen, die ihm helfen würde, wenn er die Kontrolle doch mal verlor. Alles war möglich, er wünschte es sich.

Die Jagd begann.
Schon immer wusste der Schwarze, worauf es bei einer Jagd ankam, wie er sich zu verhalten und zu bewegen hatte. Diesmal war es ganz anders. Jede seiner Bewegungen waren durchdacht, aber so automatisch, dass nichts schief gehen konnte. Natürlich stand der Durst im Vordergrund, aber die Kehle brannte nicht mehr so heftig. Alles erlaubte ihm, sich voll und ganz mit seiner Beute zu befassen, ohne das Umfeld aus den Augen zu verlieren. Es glich ein wenig einem Tanz. Das Reh bewegte sich, und er tat es ebenso. Nicht einmal sein Geruch konnte von dem Wind als Warnung voraus getragen werden. Alles war so ausgelegt, dass er es ohne Schwierigkeit an sein Ziel schaffte. Ein Sprung, ein Biss und die Erlösung begann. Er trank er hastig und schnell, wie ein Verdurstender. Nur allmählich konnte er die Kontrolle wieder walten lassen und gesittete sich. Endlich hatte das Brennen ein Ende. Tief sog er die Regenluft ein und spürte, dass nicht mehr war, was weiter verlangte- ein Glück. Allerdings war er schon fast aus den Reviergrenzen getreten. Sein Rückweg war nicht ganz so eilig. Er genoss die gewonnene Freiheit von seinem Durst. Ein freies Gefühl, hatte er es schon einmal so gespürt?

Er hatte das Sumpfgebiet erkundet, kannte nicht alle Ecken, aber hatte sich einen groben Überblick verschafft. Eine Wasserquelle mit klaren Nass gab es auch. Als er sich darin gewaschen hatte und sein Gesicht betrachtete, musste er feststellen, dass sein Augenschwarz nicht mehr so deutlich war. Glücklicherweise ähnelte es eher seinem früheren Blau. Das könnte sich noch als nützlich erweisen. Zumindest würde es Daylight oder Cyriell nach einer ersten Wiederbegegnung nicht erschrecken lassen. Und er war sich sicher, dass er seine Familie wiedersehen würde. Nun, wo er wusste, dass auch anderes Blut reichte. Was ihm allerdings immer noch nicht gefiel, war seine Verbundenheit zu Fenris. Er konnte sich nicht einmal dagegen wehren- als wolle er es nicht. Er schätzte, er würde sich mit der Zeit abfinden können, ihm blieb nichts anderes übrig.
Sein erster Gang zurück zum Rudel plante er sorgfältig. Er würde kurz davor noch jagen gehen. Wahrscheinlich ein anderes Raubtier. Es sollte dunkel sein, wenige Rudelmitglieder in der Nähe. Zuerst würde er Daylight aufsuchen müssen. Sie überzeugen, ihr Alles erzählen. Den Mut zu seinem Bruder zu gehen, war noch nicht wirklich groß. Hatte er ihn doch wirklich tief enttäuscht und würde es so schnell nicht wieder gut machen können. Zuerst also würde er seine Gefährtin um Hilfe bitten müssen. Er hatte sich zeitliche Grenzen gesetzt. Nicht mehr, als wenige Minuten- der Abstand zu ihr würde drei Wolfslängen betragen. Nahe genug, um flüstern zu können, weit genug weg, um ihr nicht wehtun zu müssen. Nach diesem Treffen würde er sich Verbündete suchen müssen. Vorgezogen kräftige Rüden. Die Frage nach 'wem', war schon eher schwieriger. Sie mussten groß sein und Kampferfahrung haben. Das hieß, kein Jungrüde. Urion war der Erste, der ihm in den Sinn kam. Allerdings war problematisch, dass dieser selbst verflucht war und im Falle eines Falles keinen klaren Kopf bewahren könnte. Der zweite Rüde war Aszrem. Er schien nicht direkt Freund der Gewalt zu sein, aber er war in jeglichen Situationen Kopf während. Diese Eigenschaft war durchaus nützlich. Face würde er nicht fragen können, dieser war Betawolf und würde Aryans Geheimnis dem Rudel beichten müssen. Gani wäre noch eine helfende Pfote, sie war groß und stark. Zudem wusste sie, wer Aryan auch vor seiner Wandlung war. Wohl die dritte Anlaufstelle. Alles Weitere musste sich einfach so ergeben. Hierbei würde Aszrem auch sehr praktisch veranlagt sein. Er schätzte sein Gegenüber präzise ein.
Widerwillig ließ er seinen Körper sinken. Er hatte einen kleinen Unterschlupf gefunden, der allerdings nur wenig vor Regen schützte. Er musste nun Geduld beweisen.
Es würde nichts bringen jetzt überstürzt und Gefühl verlagert zu handeln. Das könnte unter Umständen seine letzte Chance zu Nichte machen, zudem musste Cyriell erst einmal versorgt werden. Wie hatte er es aufgefasst? Sein Blick hatte Angst verraten, als wolle Aryan seinem Bruder schweres Leid zufügen wollen. Hatte er es bereits berichtet? Welches Bild hatten nun die Anderen von ihm? Musste er sich stellen?
Es war nur eine Frage der Zeit. Er würde sich nicht ewig hinter einer Fassade verstecken können, nicht immer verschwinden und wieder auftauchen. Man würde ihn früher oder später zur Rechenschaft ziehen und ihm die verheerende Frage nach der Wirklichkeit stellen. Was sollte er sagen- die Wahrheit? Eine Lüge wäre nicht sonderlich praktisch, aber davon abgesehen, wer könnte die Wahrheit glauben? Eine Ausrede für ein schlimmeres Verbrechen? Gut, die Sternenwinde waren nicht eingefahren. Sie kannten ihre Götter und ein Verfluchter weilte offen unter ihnen. Aber ein Blut süchtiger Rüde? Eine zu große Gefahr für die Welpen. Er selbst würde sich die nötige Absicherung besorgen, aber rund um die Uhr bewacht werden, keine Einsamkeit mehr? Keine Zeit mit seiner Familie allein? Natürlich würde es ihn nerven, aber es würde sich auch kein Freiwilliger finden lassen, der sein eigenes Leben um den Schwarzen aufbauen wollen würde.
Es gab trotz alle dem einen Weg, den er gehen konnte. Inwieweit es möglich war, bei seiner Familie und seinem Rudel zu bleiben, stand noch außen vor, doch Zeit für ein Gespräch und einigen kostbaren Momenten gab es wohl wirklich noch. Das klang optimistisch.
Aryan gab sich damit vorerst zufrieden, denn jetzt musste er weder Daylight noch Cyriell noch Gani oder Aléya ins Gesicht blicken und ihre Gefühle bezüglich des neuen Hünen erfassen. Noch blieb es in seinen Vorstellungen möglich, dass Akzeptanz herrschen würde.


Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, der Braune und der Graue. Gleichmäßig und Schritt für Schritt. Es war selbstverständlich- und doch undenkbar. Manchmal war man nicht allein, oft dachte man es nur. Verstanden von einem fremden Schicksal, dass dem eigenen sehr ähnelte. Stillschweigend und unausgesprochen. Zum ersten Mal empfand Akru eine tiefe Verbundenheit; er musste sich nicht erklären und Katsumi wusste. Wie fremde Freunde. Das aufgewühlte Gemüt beruhigte sich langsam und vergessen war der unerbittliche Kampf um sein Recht an Banshees Seite. Es würde keinen Kampf mehr geben, er würde sie nur noch begleiten, bis zum Ende des Weges. Die unerwiderte Liebe würde für die Weiße dort ein Ende finden, für ihn würde der Weg weitergehen. Und nun wusste der Zeitwächter, auch wie. Er sah den Narben übersäten Hünen neben sich und wusste, dass sein Pfad dort hinführen würde. Ein Bild, mit dem er sich anfreunden konnte.

“Ja, mein Bester, ich höre es auch. Und für jeden wird er eine andere Botschaft tragen. Singt er von ihr? Von dem Wolf, den Du nie wieder sehen kannst? Oder erzählt er Dir meine Geschichte, die Geschichte von dem Zeitwächter, der seine eigene Liebe tötet?“, für einen außen Stehenden würden diese Worte keinen Sinn ergeben. Und für den Braunen würden sie vertraut und eindeutig klingen.
Nur langsam fügte er hinzu: “Mir erzählt er von meinen- meinen... toten Welpen.“ >
Er sprach so, als müsse er es einem Begriffsstutzigen erklären, in Wahrheit brannte dieser Gedanke immer noch schwer in seiner Brust.

Sie hatten keine Chance zum Leben gehabt. Man hatte ihnen keine Wahl gelassen und die Götter sprachen die Verdammnis über sein Erbe. Tot zur Welt gekommen. Er selbst hätte sein Leben für sie gegeben. Damals wie heute war sein Flehen zwecklos gewesen- nur sein perfider Plan hielt ihn vom Wahnsinn fern. Nur jetzt, wo er neben dem braunen Hünen herging, spürte er, dass es nicht richtig war. Er ignorierte die Bisse, er konnte sich keine andere Entscheidung leisten- er würde es nicht überleben. Erstaunlich, jedem Kampf hatte er getrotzt, doch jetzt schien nur eine Entscheidung ihn in den Abgrund stürzen zu können.
Die eisigen Augen weilten wieder auf den Braunen. Nachdenklich und überprüfend. Eine alte Gewohnheit, die er bis heute nicht ablegen konnte. Schließlich wendete er wieder den Blick auf den See. Und fast hätte er auf geheult, als er das sah, was er befürchtet hatte.
Isis war versucht sich zu ertränken. Knurrend und grollend straffte er sich.

“Komm´ mit, mein Freund!“, und ohne weiteres Zögern preschte er los.

Er hätte sie nie alleine lassen dürfen. Sie war nicht stark genug, um all diese Verrücktheit zu ertragen, ihr Gemüt zerbrach unter den ständigen Intrigen und bösen Worten. Einen kurzen Blick warf er über die Schulter, um zu sehen, ob Katsumi ihm folgen würde. Schließlich hatte er die Stelle des Sees erreicht, an der er den Kopf der jungen Wölfin verschwinden sehen hatte. Er sprang in das kühle Nass hinein und kämpfte sich vorwärts. Er ärgerte sich, über sich selbst, über die Wüstenwölfin. Wie konnte sie bloß ihre Gefühle ertränken wollen? Wollte sie ihm damit ein eindeutiges Zeichen setzen?
Kurz tauchte er ab; er hasste das Wasser in so einer erdrückenden Stille. Das helle Fell leuchtete in der Dunkelheit. Grob schnappte er danach. Wusste nicht genau, was er erwischt hatte. Und zog es Richtung Ufer. Es stellte sich heraus, dass er die Flanke erwischt hatte. Er ließ ab und nahm vorzugsweise das Nackenfell. Zentimeter um Zentimeter zog er das nasse Bündel aus dem Wasser. Er hielt inne, die Hälte zum rettenden Ufer war geschafft.
Doch eine unbändige Wut brannte auf, riss ihn fast von den Pfoten, wie angewurzelt blieb er an Stelle und Ort stehen und kämpfte gegen ein heftiges Zittern an.

"Wir hatten eine Abmachung", knurrte er mehr zu sich selbst, als dass er wirklich jemanden angesprochen hatte.


Schritt für Schritt gingen die beiden Wölfe nebeneinander her, atmeten miteinander, und wussten voneinander. Ohne Worte, ohne Erzählung. Die Verbindung zwischen den Rüden war grösser, als man ahnen konnte, grösser und enger, als man denken konnte. Und Katsumi musste nicht fragen, ob es Akru auch so erging. Das war nicht nötig, Akru fühlte es genauso. Der Grau sprach und Katsumi lauschte. Liess sich Zeit und dachte nach, hörte dem Lied zu. Erst jetzt fiel dem Braunen auf, dass der Wind nicht dringend von dem Hier und Jetzt singen musste. Ja, es ergab sogar Sinn, dass der Wind die Gefühle wiederspiegelte. Ein unruhiges, kam sehbares Zittern umspielten die Lefzen. Der Fünfjährige senkte den Blick.

"Verzeih, mein Freund..."

Katsumi dachte an seine Welpen, an die lebhaften kleinen Knirpse, die nur Quatsch im Sinne hatten. Ihr Leben nach ihren Regeln lebten und keine Interesse daran hatten, die anderen Rudelmitglieder dösen zu lassen, als die Sonne senkrecht zur Erde stand. Heute mussten sie gross und kräftig sein, beinahe schon erwachsen. Falls sie denn noch lebten.

"Ich weiss nicht, wie es ist, zu wissen, dass seine Welpen, sein eigen Fleisch und Blut, tot sind... Ich kenne nur die Ungewissheit." 'Und den Schmerz'

, flüsterte Katsumi und sah dabei den Grauen an, ehe er weiter sprach:

"In meinen Ohren singt der Wind von uns, mein Freund. Von unseren Wegen. Trauer und Leid, beides doch ständige Wegbegleiter, nicht wahr, Akru, mein Bester?"

Mit Trauer in den Augen sah Katsumi weiterhin in die klaren Augen seines Begleiters. Glaubte dabei alles zu lesen, jedes Gefühl, jeden Schmerz und die ganze Geschichte, die dazu gehörte. Die blauen Augen sagten so viel aus, sprachen von den Welpen, die nicht mehr im Diesseits atmeten, die im Jenseits auf den Vater warteten. Und die Mutter? Nisha hatte immer gesagt, dass es kein Jenseits geben werde, dass nach dem Tod nur noch das Nichts sei. Kein weiteres Leben, kein Wiedersehen. Und der Fünfjährige hatte ihr geglaubt. Erst in den letzten Monaten hatte Katsumi begonnen an das Jenseits zu glauben. Es gibt Kraft und hilft, im Diesseits klar zu kommen. Hilft, sich durchzukämpfen, Kraft zu schöpfen. Schliesslich wollte man als Gewinner seines eigenen Lebens wieder auf die verlorenen Seelen treffen. Obwohl... konnte man überhaupt ein Gewinner sein? War das Leben nicht einfach ein Spiel, in dem man sich keine Fehler leisten durfte? Kaum einen falschen Zug vollbracht, fliegt man auf Leven Null zurück, muss sich wieder hocharbeiten. Und egal auf welchen Level man sich befindet, sterben musste jeder einmal. Früher oder später. Verlieren wird man also immer, egal was man tat.
Das Muskelzucken holte den Brauen aus den bitteren Gedanken zurück, schnell folgte Katsumi dem Blick des neu gewonnen Freundes und entdeckte nur schwach das, was auch Akru sah. Der Braune wusste, dass etwas nicht stimmte und preschte ohne Worte seinem Freund hinterher. Angespannt war der Körper, konzentriert fixierte Katsumi den Punkt im Wasser. Die Nerven im Kopf des Braunen leiteten die Information des rechten Auges ans Gehirn weiter und da Wurde Alarm geschlagen. Ein Wolf befand sich in Gefahr. Der Graue sprang ins kühle Nass und Katsumi tat es ihm gleich, blieb jedoch an dem Punkt stehen, wo die Pfoten den Untergrund noch spürten. Ein dritter Wolf schwamm ins Blickfeld des Fünfjährigen, ebenfalls auf den zappelnden Wolf in der Mitte zu.
Erst als Akru wieder näher kam, Boden unter den Pfoten hatten, entspannte sich der Körper Katsumis wieder. Der Dritte Wolf nahm Akru den geretteten Vierbeiner ab. Eine Fähe. Sofort watete der Braune durch das Wasser zu Akru, sah ihn an, stumm und still. Doch Katsumi war da. Bei Akru.

Atalya
24.12.2009, 20:12

Isis sah Osiris auf sich zu kommen. Er glitt durch das Wasser, als würde es ihm gehören. Sein Antlitz war so strahlend, von überwältigender Schönheit und Hoffnung.

o.O(Kleine Königin, es ist noch nicht soweit, du musst noch Leben und wir werden jeden Schritt von dir begleiten.)

Die Fähe zog die Stirn kraus, da kam auch Isis zu ihr, fuhr durch ihr Fell und liebkoste die kleine Wölfin. Nun drang in ihr Bewusstsein, dass es wirklich noch nicht vorbei war.
Die Lunge begann zu schmerzen, die Muskeln krampften. Isis hatte keine Kontrolle mehr über ihren Körper, aber als der Sauerstoff an ihrer Schnauze kitzelte, dann riss sie ihr Maul auf und atmete gierig die Luft ein. Ihre Lungen füllten sich, als würden sie platzen, das Herz hämmerte gegen ihre Brust. Der Schmerz in der Flanke wurde verdrängt, während sie langsam Boden unter ihren Pfoten spürte.
Wie ein nasser Sack plumpste die Ägypterin auf das Ufer und blieb dort hechelnd liegen. Ihre Augen waren zusammen gekniffen, leichte Gerüche drangen in das Bewusstsein. Isis hatte das Gefühl wieder in mitten diesen fremden Rudels zu liegen und Akru würde sie mit Rime retten.
Langsam schoben sich die Augenlider nach oben, alles war verschwommen. Isis musste einige Male blinzeln bis sie erschöpft ihre Retter ansehen konnte. Akru, Liam und ein fremder Rüde. Wer hatte sie nun gerettet?
Liam und Akru hatten nasses Fell. Sie waren ihre Retter... wieder mal der Zeitwächter.
Sie spürte seinen Zorn, seine Erschütterung. Seine Worte bissen sich in ihrem Herzen fest. Angst. Ein leises Winseln entfuhr ihr und sie schob sich etwas an Liam heran, starrte aber Akru mit großen Augen an.

"Akru...Akru...bitte...ich wollte den Schwur nicht brechen...ich...ich ließ mich leiten...von meinen Gefühlen."

Ihre gelben Augen huschten zu Katsumi, zu Liam. Dann legte sie ihren schweren Kopf auf die Pfoten.

"Danke Liam, danke Akru...es tut mir wirklich leid."


Das Zittern wurde heftiger und übermannte die Kontrolle. Zwar nahm Akru wahr, wie Liam die Helle aus dem Wasser zog und noch etwas zu ihm sagte, aber er war nur Zuschauer des Ganzen. Bild ohne Ton. Geräusche ohne Faden. Der Zorn brannte heiß auf der Zunge, die Wut schmeckte bitter. Katsumi war ihm gefolgt, und es war wohl auch der Grund, warum Akru sich nicht gänzlich vergaß. Er hatte gesehen, dass man auch weiter leben konnte. Konzentriert starrte er dem Freund in die Augen. Schöpfte Beherrschung. Das Gold funkelte leicht. Auch er war ins Wasser gesprungen, bewies eine Solidarität, die der Graue bis dahin noch nicht kannte. Unentschlossen bewegte er den Kopf hin und her, trat näher an den braunen Hünen heran. Immer noch bebte sein Körper und der Atem ging stockend. Er verließ sich auf den Braunen, er würde ihm die Kraft geben, die der Zeitwächter noch nicht hatte. Und zum ersten Mal nahm er einen Atemzug, ohne den Lebensmut aus seinem Plan zu ziehen, sondern berief sich auf die neue Freundschaft mit dem Braunen. Katsumi. Dankbarkeit schlich sich auf seine Gesichtszüge, auch wenn nur kurz. Er vernahm die Stimme von Isis. Hörte ihre Worte und grollte.

“Vergiss den Schwur, keine Versprechen, die Du nicht halten kannst, Isis! Was sollte der Schwachsinn? Wolltest Du damit irgendetwas demonstrieren? Wolltest Du zeigen, wie einfach man das Leben beenden kann- das hättest Du auch leichter haben können!“, zischte er so leise und schnell, dass man ihn wohl kaum verstehen konnte.

Mit einem kurzen Blick hielt er sich noch an der Ruhe Katsumis fest, und schon wollte er sich auf das nasse Bündel stürzen. Der Braune würde seine Reaktion sehen. Er würde Akru zurückhalten. Hilfe suchend stellte er sich an die Seite des Hünen, damit er von dieser Idee Abstand gewann. Der Kiefer war verhärtet. Die Augen funkelten in voller Intensität. Warum in alles in der Welt tat Isis so etwas? Wie konnte sie ihn so verletzen, hatte er denn nicht schon genug zu ertragen?
Die Pfoten verkrampften sich auf dem schlammigen Untergrund, Er hielt sich mit aller Gewalt aufrecht und weg von der Wüstenwölfin. Er musste Luft gewinnen, bevor er drohte völlig den Verstand zu verlieren. Es war ein schlechter Tag- nur eines hatte er gewonnen: einen Freund, der ihm schon in der ersten Situation zur Seite stand. Ein Wolf, der den Zeitwächter verstand.

“Wir sollten gehen, Katsumi, bevor ich mich vergesse“, presse er zwischen den zusammen gebissenen Zähnen hervor.

Allerdings schaffte er es nicht, sich zu bewegen. Die Augen glitten an dem Antlitz seines Freundes vorbei zu Liam, auch er war eine helfende Pfote in einem irren Spiel. Wäre er nicht zur Stelle gewesen...
Wieder ein Blick zu seinem braunen Genossen, diesmal drängender, flehender.


Zitternd, verkrampft. So stand der graue Rüde Akru vor den gelben Augen Katsumis. Der Braune blieb ruhig, sah nur ab und an kurz zu den anderen Beiden, dem Rüden und der Fähe, sah meist jedoch in die blauen Augen von Akru. Zorn flackerte darin, unbeantwortete Fragen. Als der Graue sich an die Seite des Fünfjährigen stellte, spürte Katsumi den stockenden Atem, glaubte das Herz zu hören, das schnell schlug, aussetzte und wieder auf das neue begann zu schlagen. Schnell, langsam, unregelmässig. Der Braune wandte seinen Blick zu der Fähe, die winselnd wie ein Stück Elend am Boden lag und jammerte. Sie jammerte, sprach von einem Schwur. Sie litt. Und Akru donnerte, klammerte sich an die Ruhe von Katsumi, hielt sich an ihm fest. Der Braune blieb einfach stehen, behielt die Ruhe. Es gab schon viele Situationen, die er meistern musste, so viele Aufgaben, die ein Alphatier nun mal mit sich trug. Aufgaben wie diese. Verwickelt in Zorn und Hass, Liebe und Schmerzen. Hier kannte Katsumi den Zusammenhang nicht, kannte die Geschichte nicht, und doch; Akru litt. Und das war ein Punkt, weshalb der Fünfjährige ruhig blieb. Seinen Fang fest verschlossen hielt. Kein Wort konnte aus der Kehle gleiten, keine Sätze das Fass zum überlaufen bringen. Fragen stellen konnte man später, sich aufklären lassen, ins Geheimnis einblicken. Der Graue rutschte noch en Stück näher an die kräftige Seite Katsumis, verkrampft schwankte der Rüde etwas.

"Natürlich, Akru, mein Freund"

Katsumi flüsterte es in die Ohren von Akru und stiess den Rüden etwas Richtung Ufer, als dieser keinen Schritt machte. Kurz folgte der Fünfjährige noch den blauen Seelenspiegeln, sah den Dritten – sein Name war Liam – an, nickte ihm freundlich zu. Danach drehte sich alles nur noch um Akru und ihn. Sorgfältig drückte der Braune seinen Begleiter weg von den beiden Wölfen, weg, aus dem Wasser, zurück ans Ufer. Kurz schüttelte Katsumi das schwere Nass aus dem Fell. Langsam setzte er wieder Pfote um Pfote in den nassen Boden, stemmte seine Läufe gegen die Erde, erhob sie wieder. Regelmässig, Schritt für Schritt. Und ständig darauf konzentriert, dass Akru sich nicht wieder zu dem Schauspiel umdrehte. Der Braune hatte kein Schlechtes Gewissen der Fähe gegenüber, Hilfe war bei ihr. Akru sollte weg. Und Katsumi begleitete ihn, stütze ihn. Als Freund. Der Schmerz stand Akru immer noch ins Gesicht geschrieben und durch die Regentropfen, die ohne Pause aus den Wolken fielen, sah der Graue aus, als hätte man ihm jedes Glück der Erde geraubt. Jede schöne Erinnerung, an die man sich klammern konnte, schien aus dem zitternden Körper herausgerissen worden zu sein.


Die Zeit entflieht.
Sommer, Herbst und Winter werden eines, verschmelzen zu einem Reigen miteinander, verbinden sich und mischen ihre verworrenen Farben umeinander, auf das Leben entsteht.
Dunkle Wolken ballten sich am Himmel und immer wieder fiel Regen auf die Erde herab, als wollten himmlische Wesen niemals mehr aufhören zu weinen, als könnte man ihren Tränen keinen Einhalt gebieten. Die Himmelstränen rannen durch das seidige, schwarze Fell, flossen an seinem Schnauzenrücken herab, als wären es auch seine Kummerkristalle, die in der Abendluft matt glitzerten und dann zu Boden fielen.
Wie ein Wächter saß er schweigend da, wusste nicht, wie lange er schon nicht mehr das Wort erhoben hatte. Es gab keine Worte mehr für ihn zu sagen, keine Dinge zu tun.
Sein fünftes Lebensjahr, aus der kleinen Rakshee war eine hübsche Wölfin geworden.
Und die Zeit entflieht.
Leicht blinzelte der Nachtsohn sich die Regentropfen aus den Augen, während sein Blick ziellos umher wanderte. Es gab nichts, was er tun wollte. Es hatte nie etwas wirklich gegeben. Seine Patin brauchte seinen Schutz nicht mehr, hatte ihn nie wirklich gebraucht. Er war überflüssig. Ein alter Wolf, der nicht wusste, wo er stand, wer er war. Alleine, ohne Existenz.
Mittlerweile hatte es der Nachtschwarze aufgegeben, seinem Leben hinterher zu jagen. Diese Seite an ihm war völlig zerbrochen, die Splitter verloren. Es gab kein zurück, kein früher. Nicht ein mal ein hier und jetzt.
Die einzige Aufgabe, das einzige, was er hatte tun wollen, war vorbei. Zu Ende.
Die Zeit entflieht, aber er nicht mit ihr.
Langsam löste sich Midnight aus dem Schatten der Bäume, lief langsam am Rande des Rudelplatzes entlang. Die blauen Augen wanderten umher, erblickten bekannte und fremde Gesichter gleichermaßen. Zu große Distanz.
Er hatte in der vergangenen Zeit eine zu große Distanz zum Rudel aufgebaut, war er in seinem Herzen doch ein einsamer Wanderer geblieben. Dennoch hatte es ihn nicht ausgefüllt, die lange Wegstrecke hatte ihm kein Gefühl vermitteln können. Alles war so leer und trostlos, schwarz und weiß, wie er es verlassen hatte. Trist.
Der Nachtsohn erkannte die weiße Leitwölfin Banshee, um die sich wie immer einige Wölfe tummelten. Doch die Helle sah gar nicht mehr so aus wie früher. Mehr so, wie er sich fühlte.
Langsam lief der Schwarze weiter, suchte bei ihr keine Gesellschaft und auch nicht die Nähe zu Shani, der Mutter seiner Patin. Weshalb er schweigend in Sichtweite am Rande entlang lief, konnte er sich selber nicht genau erklären. Vielleicht einzig als Zeichen, dass er wieder da war? Hatte es sonst noch mehr Wölfe gegeben, die von seiner Präsenz wussten?
Wie auch immer. Es hatte sich wohl doch einiges getan, obwohl er nicht zu lange abwesend gewesen war. Nur in den Hintergrund gerückt und in Vergessenheit geraten.
Vergessenheit und Vergangenheit.


Ohne Widerstand ließ der Graue sich von dem Freund weg drängen. Folgsam, gleichmäßig. Akru passte sich den Schritten des Hünen an, nicht einmal ein Blick über die Schulter war möglich. Der Zorn wurde schon bald abgelöst, Verbitterung, Schuldgefühle und Trauer. Er kannte den Grund für seine Gefühle, allerdings war die Wucht schlimmer, als er erwartet. Liam war bei ihr, würde sie wohl nicht allein lassen. Es war besser, wenn Akru ging. Seite an Seite. Braun und Grau. Anders als Katsumi ließ der Zeitwächter das Fell durchtränkt. Er fürchtete, wenn er aus dem Rhythmus kam, dass auch seine Gedanken wieder eine Wendung machten. Gemeinsam, Flanke an Flanke, schritten sie voran. Eine geschlossene Formation, der eine stützte den anderen. Freundschaft.
Erst, als der Abstand groß genug war, dass man seine Worte nicht mehr hören konnte, fing sein Atem wieder an kontrollierter zu arbeiten. Auch das Herz beruhigte sich. Allmählich löste sich die Härte aus den Kiefermuskeln.

“Uns verbindet ein Schwur. Der eine kann nicht ohne den anderen. Sie weiß um die Gefühle zu Banshee, sie kennt meine Geschichte, deswegen waren meine Gefühle so mächtig. Ich hoffe, mein Guter, Du kannst mir verzeihen, dass Du diesen Anblick ertragen musstest. Und ich hoffe inständig, dass diese Bilder nicht ausschlaggebend für unser Band ist, mein Freund“, erst bei den letzten Worten blickte er auf und konnte einen Blick in das Gold seiner Augen erhaschen. Das eine matt, das andere glänzend.

Der Weg führte die Gefährten um den See herum. Noch immer verstand er die Aktion nicht. Ihr Leben war nicht unbedingt leicht, aber sie hatte Gründe zu leben. Tyraleen, Chanuka. Sie hatte Verantwortung einigen Wölfen gegenüber. Die einzige Verbindung, die er zu Artgenossen pflegte, war die seiner Tochter und Amáya gegenüber. Und seinem neuen Freund. Wie damals bei Aszrem. Die diese Verbindungen waren anders.
Warum also sollte eine so junge Fähe das Leben beenden wollen? Seinetwegen? Weil er nicht bei ihr gewesen war? Nein, das konnte nicht der Grund sein, es wäre Irrsinn. Wahnsinn.

“Es gibt nicht viele Wölfe, die gut verstehen. Nicht viele, die hinhören. Du, mein Bester, bist anders. Verzeih´ mir meine Frage, aber würdest Du mir erzählen, warum Du mich so gut verstehst? Vielleicht fällt es mir leichter auch meine Geschichte ganz zu erzählen“, diesmal war der Blick nur flüchtig.

Die Ruhe hatte wieder Platz gefunden. Seltsam ruhig. Vor wenigen Momenten war noch nicht einmal daran zu denken, dass Akru fast gleichgültig schaute. Zu viel hatte ihm schon Kraft gekostet und lieber würde er endlich schlafen, um zu vergessen. Doch lieber war er hier, an der Seite des Braunen. Der gekommen war und verstand. Nicht immer war die Zeit ausschlaggebend. Das wusste der Wächter. Und hier brauchte er nicht einmal die Sekunden drängen. Entspannt.


Der Rabe blickte erschrocken auf, blieb kurz wie angewurzelt stehen, entschied sich schließlich aber doch, wegzufliegen. Mit kräftigen Flügelschlägen hob er ab und ließ den matschigen Waldboden hinter sich. Eine einsame Feder segelte sanft zu Boden. Sie landete in einer Pfütze direkt vor ihm. Allein trieb sie dahin in ihrem kleinen Meer aus Töpfchen, Matsch und Dreck… allein… Allein stand Jikken da und betrachtete dieses Schauspiel. Warum?

.oO(Was mache ich hier?)

Sein Atem ging schnell, die Glieder schmerzten ein wenig. Er musste gelaufen sein, schon einige Zeit lang. Warum? Jikken hatte immer noch die einsame Feder fixiert und stand nun da, einfach so. Ohne Grund. Würde er etwas ohne Grund tun? Er setzte sich hin, in den Matsch, in den Dreck. Plötzlich ein unerwartetes Geräusch: erschrocken blickte Jikken auf. Ein Rabe flog über ihn hinweg und setzte sich auf einen nahen Ast. Jikken blickte zurück in die Pfütze. Die Feder war verschwunden. Warum war er allein hier und beobachtete solch unwichtige Sachen? Seine Verwirrtheit stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Und da war es wieder: Dieses Gefühl. Es war ihm sehr vertraut. Er schloss die Augen… und spürte ihre Wärme, ihren Körper neben sich, sog ihren angenehmen Duft durch die Nase ein, genoss jede Sekunde… Als er die Augen wieder öffnete, sah er ihr Spiegelbild in der Pfütze. Satori, seine alte Gefährtin war wieder da. War dies nur ein Traum?

„Jikken, kennst du dieses Gefühl, wenn man weiß, dass man sich auf jemanden wirklich verlassen kann?“

Verwirrt schaute Jikken sie an. Kannte er dieses Gefühl? Satori ging ihre natürliche Ruhe beibehaltend hinüber zu ein paar herumliegenden Ästen. Jikken, der noch immer einfach so da saß, folgte ihr mit seinem Blick. Für einen kurzen Moment schloss er wieder die Augen, doch konnte er seine Gefährtin anschließend nicht mehr sehen. Jikken erhob sich sofort und war geschwind an der Stelle, an der er sie zuletzt gesehen hatte.

.oO(Sie muss wohl schon vorgegangen sein…)

Die Spuren waren nur schwer zu übersehen, doch wirkten sie nicht so frisch, wie sie hätten sein sollen. Warum? Jikken schüttelte sich kurz und erinnerte sich an Satoris Worte. Und dann wurde ihm alles klar. Er war den Spuren gefolgt. Sie würden ihn zu einem alten Freund führen. Aber er musste sich beeilen, sonst würde er ihn vermutlich nicht mehr einholen. Und dann war er auch schon wieder unterwegs, allein in diesem merkwürdigen Wald, oder nicht? Der Rabe schaute sich kurz um und flog dann wieder zurück zu Boden, wo er auch vorhin schon ungestört gesessen hatte, während sich Jikken nun auf den Weg machte. Er ließ dieses Schauspiel hinter sich, hatte es in seiner Eile schon fast wieder vergessen. War es doch so unbedeutend, so belanglos.
Er war erst ein paar Schritte gelaufen, da veränderte sich etwas… Der Waldboden unter seinen Pfoten, die Bäume um ihn herum waren noch da. Auch die Spuren vor sich konnte er noch erkennen: Das war es nicht, nein. Ein unbekannter Geruch hatte Jikkens Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Er wurde langsamer und blieb schließlich stehen. Er hob den Kopf und richtete seine Ohren auf. Der Regen prasselte immer noch auf das Blätterdach über ihm. Das war auch das einzige, was er hören konnte. Der Geruch war aber nicht zu verleugnen: Er musste eben eine Revier Grenze überschritten haben. Vor ihm im Wald gab es folglich ein Rudel. Auf Ärger hatte jetzt keine Lust. Jikken machte kehrt und blickte sogleich in Satoris Gesicht. Sie versperrte ihm den Weg. Jikken machte keinen weiteren Schritt. Er wagte es nicht, einfach weiter zu gehen, sie einfach zu ignorieren. Zunächst schaute er sie einfach hoffnungsvoll an, dann blickte er zu Boden und legte die Ohren an.

„Was ist los? Die Spuren führen in die andere Richtung.“

Ihre wärmende Stimme allein gab ihm neuen Mut. Jikken atmete tief durch und blickte ihr lächelnd in die Augen.

„Danke…“

Meinte er flüsternd. Satori blickte ihn nur fragend an, während Jikken sich wieder umdrehte und die Spuren begutachtete: Sie führten wirklich einfach geradeaus… einfach über die Grenze hinweg. Jikken schaute noch einmal zurück, nur um ein bestätigendes Nicken zu sehen, nein, nur um ihr Gesicht noch einmal zu sehen, doch Satori war nicht mehr dort. Er schüttelte sich kurz. Erneut wandte er sich nun um in Richtung der Spuren.

.oO(Fähen… wer versteht die schon…)

Mit diesem Gedanken setzte er sich wieder in Bewegung, langsamer als zuvor nach dem Schauspiel mit dem Raben, aber Moment mal: war dies nicht so unbedeutend, dass er es eigentlich schon längst hätte vergessen sollen?
Dann endlich bemerkte er etwas Relevantes, so dachte Jikken zumindest darüber: Er hörte Stimmen. Wenn er einfach so Stimmen hören würde, würde er vielleicht an seiner geistigen Gesundheit zweifeln, aber nun kamen auch die Wölfe, die zu den Stimmen gehörten, in Sicht. Eine konnte er sofort einem Wolf zuordnen, eine ältere und raue.

.oO(Kengo?)

Jikken verlangsamte seinen Schritt. Er hatte es also geschafft und ihn doch noch eingeholt, oder spielten ihm seine Sinne einen Streich? Alle samt? Das wäre wohl des Zufalls zu viel… oder etwa nicht? Jikken blickte noch ein letztes Mal zurück. Diesmal bekam er sein bestätigendes Nicken. Satori war wieder da, und beobachtete ihn aus einiger Entfernung. Jikken antwortete mit einem Lächeln und wandte sich wieder der Unterhaltung zu, die in seiner Nähe statt fand.
Ein mehr als großer, schwarzer Wolf, zwei Welpen an seiner Seite, schnauzte Kengo an. Er machte schon allein wegen seiner Größe und seinem dunklen Fell einen bedrohlichen Eindruck. Kengo behielt dagegen seine so typische Ruhe bei. Er hatte schließlich auch das Glück, seinen Gesprächspartner nicht sehen zu können. Sollte Jikken da wirklich einfach hineinplatzen? Er konnte jedenfalls nicht einfach den Schwanz einziehen, schließlich stand Satori noch hinter ihm und beobachtete ihn, zumindest wollte er sich nicht nochmal umdrehen, wollte selbstsicher wirken, zumindest solange Satori bei ihm war, zumindest für den Moment…
Jikken nahm einen weiteren Wolf war, einen grau-weißen. Wie der bedrohlich wirkende Wolf bei Kengo, war auch er eher von stämmiger Natur. Eine weitere Bedrohung? Zumindest verhielt er sich nicht so. Langsam setzte sich Jikken in Bewegung, den Kopf ein wenig gesenkt. Wenn sein Körperbau allein nicht schon aussagte, dass er keine Bedrohung war, dann zumindest seine Körpersprache.

„Gibt es ein Problem?“

Fragte er vorsichtig.

„Schön dich zu sehen, Kengo“

Fügte er hinzu. Für einen Moment lag sein Blick auf den beiden Welpen. Der eine eher dunkelgrau, der andere rabenschwarz, wie der große Wolf neben ihm. Schnell wandte er seinen Blick wieder von den beiden ab und schaute wieder zu Kengo.

.oO(Ein gutes Gefühl, bei jemandem zu sein, dem man vertrauen kann…)

Schoss es ihm durch den Kopf. Langsam wanderte sein Blick weiter… er schien ins Leere zu starren… Jikken jedoch sah dort seine Satori, die ihm ein Lächeln schenkte.


Lucina hätte stundenlang dastehen und von dem Schnee und den Bergen schwärmen können. Die Sehnsucht hatte sie wieder gepackt. Leise seufzte sie und dachte fast sie hätte sich verhört, als Tyraleen ihr anbot einmal mitzukommen. Die Weiße blickte, ungläubig und vorsichtig erfreut zugleich, auf. Noch nie hatte sie jemand gefragt ob sie irgendwohin mitkommen wollte. Geschweige denn freiwillig mitgenommen. Klar, wahrscheinlich hatte Tyraleen das aus bloßer Höflichkeit gefragt, aber selbst das war etwas was sie lange nicht mehr hatte erfahren dürfen. Außerdem konnte sie sich selbst nicht daran hindern sich an dem Fünkchen Hoffnung festzuklammern, dass dieses Angebot vielleicht doch nicht nur pure Höflichkeit war.
Da erkannte Lucina in Tyraleens Gesicht einen leichten Ausdruck von...Trauer? Sie war sich nicht sicher, denn selbst für sie, eine Fähe, die normalerweise sofort wusste, wie es ihrem Gegenüber ging, war es sehr schwer zu erkennen. Es musste wohl etwas mit den Bergen zu tun haben. Sie entschied nicht weiter darauf einzugehen. Wenn sich Tyraleen scheinbar solche Mühe gab dies zu verbergen, sollte sie auch besser nicht nachfragen. Sie hatten ohnehin schon über genug wenig erfreuliche Themen geredet.

"Ich würde wirklich unglaublich gern mitkommen! Aber kannst du als Tochter der Alpha überhaupt so lange weg?"

Lucina stutzte ein wenig. Sie hatte zwar nicht viel, um nicht zu sagen fast gar keine, Ahnung vom Rudelleben, doch mussten die Töchter und Söhne des Alphapaares nicht meist irgendwelche speziellen Aufgaben übernehmen oder Ausbildungen abschließen? Sie dachte kurz darüber nach was das wohl für Aufgaben sein könnten. Möglicherweise gab es ja ein Geheimnis, dass man kennen musste um ein Rudel zu führen, welches dann von Alphatier zu Alphatier weitergegeben wird? Allerdings hatte sie keine Idee, was das für ein Gehmeinis sein könnte...

"Na ja, ich war eigentlich unterwegs Richtung See um den restlichen Matsch rauszuwaschen."

Die, immer noch dreckige, "Braun-Weiße" deutete lachend auf ihre schokobraunen Läufe.

"Oh, du hast Welpen? Wow...es muss toll sein zu wissen, dass immer irgendwo jemand ist, der einen vermisst und liebt."

Lucina lächelte bei der Vorstellung, dass auch sie vielleicht einmal geliebt werden könnte. Auch wenn ihr dieser Gedanke mit jedem Tag zweifelhafter vorkam, so war es doch eine schöne Vorstellung.
Sie malte sich aus, wie Tyraleens Welpen wohl aussahen. Sie waren bestimmt weiß... wie viele es wohl waren? Nachdenklich stand sie da un versuchte dieses Bild in ihrem Kopf zu kompletieren.


Auf die Antwort des Rüden verließ augenblicklich ein kühles, kurzes Auflachen Averics Kehle. Ein Teil von Fenris, obwohl niemand Fenris sein konnte? Eine begrabene Legende? Dann war dieser Wolf vor ihm ja praktisch auch schon Teil einer begrabenen Legende, die es nicht gab und er musste kaum mehr Zahn anlegen.
Auch nach einem weiteren Kommentar, in dem der struppige Wolf seine Blindheit enthüllte, regte sich bei ihm nichts. Sollte er jetzt, nach dieser fast schon pädophilen Frage seiner Tochter gegenüber, um Verzeihung bitten?
Den Wolf erst einmal ohne Antwort verbleiben lassend, wandte sich der dunkle Blick des Pechschwarzen nach unten, als seine kleine Tochter zu ihm gerobbt kam. Auf Chanukas leise Fragen und den gewisperten Tadel hin musste er kurz Schmunzeln, doch der Blinde würde es ja eh nicht sehen. Er fuhr kurz mit der Nase über Atalyas Rücken.

Gutes Kind.“

Er ein paar kleine Schritte von seinen Welpen weg, um den Fremden besser in Augenschein nehmen zu können, der ja eh seine Wehrlosigkeit beteuerte.

Ich kann nicht klagen. Ich weiß im Gegensatz zu dir allerdings, dass man sich nicht einfach in ein Revier einstielt und versucht die Welpen des Rudels klammheimlich fort zu locken, Alterchen.“,

entgegnete Averic nun kühl auf die Worte des Wolfes und zog drohend etwas die Lefzen zurück. Ihm war sehr wohl klar, dass er es nicht sehen würde, durchaus aber, würde er es merken. Das Blinde die Welt auf andere Weise wahrnehmen konnten, hatte ihn die Beta Kaede, – ohne, dass er je großartig mit ihr zutun gehabt hätte – aber er sich selbst gelehrt. Auch der Pechschwarze war blind. Farbenblind.
Averic neigte den Kopf etwas schräg, musterte den Alten mit scharfem Blick.

Und Fenris und eine begrabene Legende? Das ist der schlechteste Witz, den ich je gehört habe.“

Vor allem für jemanden, der ihn zum Großvater hatte, dessen Vater den Platz des irdischen Todes hatte, und der selbst derweil als Todessohn beschimpft wurde. Aber das war nichts für Welpenohren. Er musste sich zügeln. Seine Kinder sollten diesen Teil, den überwiegenden Teil seiner Persönlichkeit so nicht sehen.
Averics tiefblauer Blick huschte zur Seite und erblickte Zcale unweit von sich, den Welpen und dem Alten. Es gefiel ihm nicht, so beobachtet zu werden und mit einem schnellen Schritt, der aber trotzdem nichts Hastiges an sich hatte, war der Schwarze wieder neben Chanuka und Atalya. Kurz überlegend, was er jetzt mit diesem Fremden machte, tauchte plötzlich ein weiterer Wolf auf der Bildfläche auf. Ein kleiner, weißer Rüde, dessen Körperhaltung nicht sehr selbstbewusst schien und ihn deshalb glücklicher Weise auch nicht weiter provozierte. Allerdings schien er den Alten zu kennen, nannte ihn bei einem Namen.

Ich höre es nur nicht gerne, wenn ein wildfremder Wolf meiner Tochter anbietet ‚mal mit ihr in den Wald zu gehen und über Fenris zu reden.’ Verständlich, oder?“,

zischte der hünenhafte Wolf und wandte den Blick kurz wieder zu dem Braunen herum.

Aber wo wir nun schon mal alle hier rumstehen, dürft ihr mir gerne mitteilen, wer ihr eigentlich seid und was ihr hier sucht. Euch scheint beiden nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass es dem ansässigen Rudel nicht gefallen könnte, wenn fremde Wölfe hier herum streunen und versuchen Welpen zu verschleppen, oder?“

Weitere Worte sparte sich Averic erst einmal auf. Immerhin, oder vielleicht auch leider, waren die Zwei noch nicht vom Nichts verschluckt worden. Er hätte sie gleich zu seiner Mutter befehligen können, doch der wollte er nicht noch mehr Fremdlinge zumuten. Sie tat schließlich nichts anderes mehr, als Neue zu begrüßen. Prüfend huschte sein Blick auch noch einmal zu Zcale.


Jakash biss sich ein weiteres Mal auf die Lefzen. Seine Mutter hatte Recht, wahrscheinlich sorgte Rakshee sich jetzt, da er sich von ihr und dem Rudel mehr oder weniger fern gehalten hatte, noch mehr um ihn. Aber er hatte doch nicht riskieren können, dass er ein weiteres mal derart die Kontrolle verlor, dass er sie ein zweites Mal bedrohte - und dann vielleicht sogar angriff! Auf gar keinen Fall wollte durfte! - er seiner Schwester, seiner Familie etwas antun! Jakash würde es sich nie verzeihen, würde es anders kommen.
Vielleicht sollte er ihr aber genau deshalb alles erzählen - damit sie gewarnt war. Damit sie vorsichtig in seiner Nähe war, damit sie auf sich aufpassen konnte, wenn er nicht fähig war, sie zu beschützen. Nicht fähig, weil er die Bedrohung war. Ja, er musste es ihr erzählen. Und Banshee. Banshee würde bestimmt wissen, was zu tun war, und ob tatsächlich Fenris seine Pfoten nach ihm ausstreckte. Jakash schloss für einen Moment die Augen. Denn wenn der dunkle Gott nicht für diese 'Anfälle' verantwortlich war... dann stimmte mit seinem Kopf tatsächlich etwas nicht. Der schwarze Jungwolf war nicht sicher, welche dieser Möglichkeiten ihn mehr ängstigen sollte: entweder griff Fenris nach ihm, oder er wurde verrückt. In beiden Fällen wäre er eine Gefahr für seine Familie...
So sehr ihn die Worte seiner Mutter auch trösteten, so sehr ließen sie auch die zweite Variante plausibel erscheinen. Jakash schmiegte seinen Kopf erneut an den Hals seiner Mutter. Sie liebte ihn, war für ihn da. Hoffentlich war dem auch noch so, wenn sie wussten, was genau mit ihm nicht stimmte.
Jakash nickte langsam.

"Ich... rede mit Rakshee. Und mit Banshee",

verkündete er und nahm den Kopf von ihrer Brust. Sein Blick glitt über die Gegend und suchte nach der weißen Alpha. Er fand sie am anderen Ende des Rudelplatzes, umringt von einer Schar Wölfe, die Jakash nicht alle gleich zuordnen konnte. Waren schon wieder Fremde zu ihnen gestoßen? Wie auch immer, der Anblick entmutigte den Schwarzen sofort. Das waren ihm zuviele ungewollte Zuhörer, über sein Problem wollte er nur mit Banshee allein reden. Stören wollte er die Alpha grad allerdings auch nicht.

"Wenn sie wieder etwas Zeit hat",

fügte er hinzu. Fast automatisch wanderten seine Augen weiter auf der Suche nach Rakshee. Derweil stemmte der junge Rüde sich mit den Vorderläufen hoch in eine sitzende Position.

"Ich werd' dann mal mit Rakshee reden..."

Jakashs Blick glitt noch etwas weiter, dann richtete er sich auf seine Mutter.

"Danke, Mutter..."

Kurz lächelte er, dann verblasste es und sein Blick senkte sich.

"Tut mir leid... dass ich erst jetzt zu dir komme...",

sagte er und meinte damit nicht, dass er ihr erst jetzt von seinem Problem erzählte - sondern, dass er erst wegen eines Problems wieder zu ihr gekommen war...


Akru wehrte sich nicht, folgte Katsumi. Gleichmässig wie der Braune setzte der Rüde seine Pfoten auf den Boden und der Zorn verblasste, wie auch die Muskeln sich immer mehr entspannten. Der Fünfjährig schwieg weiter hin, ein angenehmes Still sein, eines, wofür Akru bestimmt dankbar war. Dankbar für die Freundschaft, für das Verstehen. Katsumi wandte den Blick zu dem Grauen, als dieser seine Stimme ertönen liess.

"Ich Verzeih dir, Akru mein Freund. Gefühle kann man nicht zügeln. Niemand. Es wird sich nichts ändern, nicht jetzt, nicht hier. Nicht für mich."

Katsumis Augen leuchteten auf, ein Lächeln umspielte die Lefzen. Für ihn war klar, dass es jetzt nichts gab, das diese Vereinigung zerstören konnte. Schon gar nicht Gefühle. Er hatte in solch kurzer Zeit einen Freund gefunden, einer, der mit ihm Sprach ohne Worte zu benutzen, ihm mit nur einem Blick alles erklären konnte. Einen Freund, der ihn stützte wie Katsumi ihn stützte. Der Fünfjährige nahm den Blick von den klaren blauen Seelenspiegeln, schüttelte den Kopf um das fallende Wasser aus dem Gesicht zu bekommen, lächelte. Das rote Herz in der Brust des Braunen schlug erfreut im gleichmässigen Rhythmus, schlug und schlug und schlug. Für Akru, seinen neuen Freund.

"Ich glaube, uns verbindet sehr vieles. Viele Emotionen, die uns die Kontrolle über unseren eigenen Körper entreissen. Gefühle, die uns zusammenbinden. Die selben Gefühle, der selbe Schmerz. Ich verstehe dich und du mich..."

Katsumi starrte auf den Boden vor sich, ohne jedoch die Regelmässigkeit seiner Läufe zu stören. Kurz vor dem weitersprechen hob der Braune wieder seinen Kopf.

"Ich war ein sehr glücklicher Wolf, Alpha eines grossen Rudels, Gefährte einer wunderschönen Fähe und Vater drei kleiner Welpen. Die Seelenwölfe standen immer hinter mir, sie ehrten mich. Etwas, das jeden Wolf stolz macht. Aber wie es so ist, mein Freund, spielt das Schicksal nie mit de selben Regeln wie du, ich wurde gewaltsam von der Seite meiner Geliebten gerissen, weg von meinen Welpen, weg von meinem Rudel. Man hat mir alles genommen, beinahe auch mein Leben. Und wollte ich auch noch so sterben, die Geier mussten ewig kreisen. Mein Herz hörte und hörte nicht auf zu schlagen."

Katsumi sah flüchtig in die blauen Augen Akrus. Trauer flackerte in den eigenen Seelenspiegeln. Doch immer noch war der Rhythmus des Gehens derselbe.

"Ich vermisse meine Nisha sehr stark, meine Gefühle zu ihr sind dieselben wie vor langer Zeit. Die Sehnsucht so stark. Ich schwebe in Ungewissheit, was mit ihr und meinem Nachwuchs geschehen ist. Dieses Nichtwissen zerdrückt mich, presst mich in den Boden. Zerreisst mein Herz fast täglich wieder aufs Neue in tausend Stücke..."

Tief sog der Fünfjährige die Luft ein, beruhigte sich innerlich. Akru bewegte sich immer noch dicht an der Flanke des Braunen und es fühlte sich für den Rüden wie eine Stütze an. Halt.

"Ich musste lernen zu verzeihen. Mir zu verzeihen. Musste lernen zu vergessen. Mit viel Kraft und Hoffnung habe ich mir ein neues Leben aufgebaut, als Wanderer. Und die einfachen Wanderwege führten mich an deine Seite, mein Freund. Man darf niemals die Hoffnung verlieren... Niemals Akru, niemals."

Katsumi wusste nicht, wieso, doch kam es ihm vor, als gäbe es die Freundschaft schon lange. Als hätte das Band zwischen ihnen Katsumi den Weg über all die Berge, über Wiesen durch Wälder, gezeigt. Als hätte es so sein müssen.

"Schicksal..."

, flüsterte Katsumi tonlos. Mit liebevollen Augen sah der Braune den Grauen an, fest entschlossen jenen Freund nie wieder loszulassen. Fest entschlossen an Akrus Seite zu bleiben. Da zu bleiben und einfach da sein. Mit ihm die schweren Tage überstehen, mit ihm die schönen Momente geniessen. Ihn unterstützen und sich von ihm unterstützen lassen. Kraft an den blauen Augen schöpfen, lachen, glücklich sein.


Sie verharrte weiter in ihrer geduckten Haltung, blickte zwischen den zwei für die fremden hin und her. Was erwarteten sie? Sollte sie etwas tun, damit sie aufhörten, sie so zu verwirren? Vielleicht sah sie dieser Kisha ja wirklich ähnlich und brachte die beiden damit auch einfach durcheinander. Schluckend hob die Schwarze den Kopf, blickte in die grünen Augen der Weißen. Sie schien begriffen zu haben, dass sie nicht Kisha war. So glaubte sie zumindest. Aceysha nickte auf die Worte der Fähe hin. Sie war dankbar dafür, dass sie sich vorstellte und ihr gleich mit erklärte, wer hier das Sagen hatte. Vielleicht konnte sie hier bleiben?

„Freut mich, dich kennen zu lernen Aradis. Ähm.. vielleicht könnt ihr mich bei Gelegenheit zu dieser Banshee bringen? Es.. muss nicht sofort sein, sie ist sicher beschäftigt..„

Sie brach ab. Himmel, was stammelte sie sich bloß zusammen? Banshee.. Banshee.. Warum? Warum war sie sich sicher, diesen Namen schon ein mal gehört zu haben. Aber auch die Schwarze erwiderte das Lächeln der Fremden, deren Namen sie ja inzwischen kannte. Was sollte sie auch anderes tun? Aber.. eine schien mit dieser Situation gar nicht zufrieden zu sein. Die andere Fähe.. sie.. Kisha sollte aufhören? Aber sie war doch nicht Kisha. Sie war Aceysha, und sie kannte keinen dieser beiden Fähen. Die Braune wirkte sichtlich unzufrieden, und nannte noch einige Namen, die auch nichts an dieser ganzen Situation änderten. Sie beobachtete, wie die junge Wölfn sich sinken ließ, lauschte dann weiter ihren Worten und ließ die Ohren hängen. Sie schüttelte leicht den Kopf, richtete den Blick dann in die hellen Augen der Fähe. Banshee.. hatte Aradis diese nicht eben als Alphawölfin betitelt? Sie, die Tochter einer Alpha?

“Es tut mir wirklich Leid. Aber ich kenne niemanden dieser Wölfe. Und meine Eltern sind schon lange tot.“

Sie wandte den Blick nicht ab, versuchte etwas in den Augen der Braunen zu erkennen. In ihren stand wohl nichts außer Verwirrung.


Aradis seufzte innerlich schwer auf. Warum? Warum ausgerechnet Kisha? Und Rakshee machte alles nur noch schlimmer. Sie sollte nun leise sein. Aradis warf der Braunen einen strengen Blick zu, doch in diesem Blick lag auch Wärme und etwas, dass 'Ich erklärs dir später' versprach. Aradis neigte kurz ihren Kopf und zwinkerte Rakshee zu. Die Jungwölfin konnte natürlich nicht ahnen, dass Wölfe ihr Gedächtnis verlieren konnten. Nun, es war ja auch nicht natürlich. Irgendwas war wohl mit Kisha passiert. Wie nannte sie sich nun? Aveysha. Und woher kannte sie Banshee? Aradis meinte, etwas in den Augen der Schwarzen aufblitzen zu sehen. Doch dieses Blitzen war sofort wieder erloschen. Was wusste Kisha noch? Ja, das musste man fragen, nicht, was sie nicht wusste, denn das schien ja sehr viel zu sein. Die weiße Fähe schüttelte sich kurz, als ein paar Regentropfen auf ihr Fell fielen.

"Ja, natürlich kann ich dich zu Banshee bringen."
oO(Vielleicht schafft deine Mutter ja das, zu dem wir nicht fähig sind. Vielleicht weckt sie Erinnerungen in dir, die wir nicht wecken können. Vielleicht schafft sie es mit Engayas Hilfe. Vielleicht schafft sie es mit ihrer Liebe und ihrer Zuversicht. Vielleicht schafft sie das gerade schier unmögliche zu vollbringen. Banshee. Hoffen. Wozu ist sie Pristerin? Vielleicht schafft es deine Schwester. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.)


Dies alles dachte die schneeweiße Fähe als sie in die braunen Augen der schwarzen Fähe vor sich schaute, die jeglichen Glanz verloren hatten. Doch Aradis ermahnte sich, nicht zu oft darauf zu achten. Jedes Mal war es wie ein Schlag vor ihre Brust. Kisha. War. Tot.

oO(Sie darf nicht tot sein..)

Die Hoffnung.
Würde sie jetzt Rettung bringen? Man musste einfach hoffen, mehr konnte man gar nicht. Glück. Gab es so etwas überhaupt?


Er lauschte den Worten des Braunen. Eines fügte sich zum Anderen. Es verband sich und ergab ein Gesamtbild. Katsumi hatte einen schweren Schlag ertragen müssen. Doch viel bewundernswerter war jedoch seine Kraft, die er bei seinen Worten gebrauchte. Obwohl er Nisha und seine Welpen nicht mehr bei sich hatte, lebte er. Obwohl er nicht wusste, ob sie noch lebten, ging er seinen Weg. Die Hoffnung auf ihr Leben, war ein quälender Wunsch und die Ungewissheit darüber ein brennendes Feuer. Jeden Tag wieder. Jeden Tag zerriss es ihm das Herz. Der braune Alpharüde hatte Alles gehabt und Alles verloren. Anders als Akru und doch mit dem gleichen süßen, bitteren Schmerz. Genau wie der Graue hatte auch der Freund das Leben gewählt, mit keinem klaren Bild. Das Leben um des Lebens Wille. Hoffnung, die nicht schön war und doch so wichtig, dass man sie brauchte um zu atmen.
Ein fremdes Gefühl umfasste den Zeitwächter. Er spürte die Sekunden, die Stunden, die der Rüde am Boden lag und sich nichts mehr wünschte als den Tod. Er fühlte den Willen des Lebens. Die Pfoten Engayas, die ihn zu dieser Entscheidung bewog und Fenris, der hatte aufgelauert. Viel schlimmer war die Intensität der Zeit. Eine fremde und unbekannte Einteilung der Momente. Etwas, was der Wächter noch nicht kannte. Mitgefühl in seiner unbeschreiblichen Form.

“Ich bin dankbar, dass Du nun an meiner Seite bist, mein Lieber, doch um welchen Preis?!“, stieß er hervor. Das erschöpfte Gesicht wandelte sich und nun waren die Züge eines mutigen, ungestümen und zornigen Jungrüdens zu sehen. Die Zeit formte sich, wie Akru es wollte.

Erschüttert über das Schicksal, welches Katsumi widerfahren war. Sein Alter verblasste und ein entgegen gesetzten Bild entstand. Es wühlte ihn so auf, dass er es nicht einmal bemerkte. So tief war er in seiner Entrüstung gefangen. War es ein so hoher Preis, den jeder zahlen musste, den Akru liebte? Sein Schicksal für Andere? Wo wäre die Gerechtigkeit; der Ausgleich; zwischen den Welten?

“Ich habe schon so lange auf Dich gewartet, mein Seelenfreund. Nun bereue ich meinen Wunsch fast- wie grausam war das Schicksal mit Dir? Wenn ich bloß mächtiger wäre; wenn ich es bloß ändern könnte-“, ihm fiel auf, dass sein Freund es wohl noch nicht erkannt haben konnte.

Zwar war die Aura des Grauen anders, allerdings nicht so offensichtlich. Die Aufgabe, die Zeit zu halten und die Lebensfäden neu zu spinnen war in sein Blut übergegangen und war für ihn Normalität geworden. Er lag im Abgrund und gab sein Versprechen- er war selbst Schuld gewesen, dass er Alles verloren hatte.

“Mein Freund, ich fühle mit Dir. Von dieser Sekunde an werde ich Dein Leid teilen, ich werde versuchen Dir eine Stütze zu sein. Mein Liebster, ich werde bei Dir bleiben.“, sagte er entschlossen und sah endlich auf. Und tatsächlich flammte in seinen ungestümen Gesichtszügen etwas Festes auf. Ein grimmiges, entschlossenes Lächeln zierte die jungen Lefzen. Grotesk und ehrlich. Er blieb an der Seite des Braunen.
“Mein Leid ist meine eigene Schuld; Du hingegen wolltest das Alles nicht aufgeben. Nicht Nisha, nicht Deine Kinder, nicht Dein Rudel. Bewusst habe ich mich in mein Schicksal geworfen und all das kaputt gemacht, was ich so sehr liebte. Nun muss ich das Resultat ertragen.“, sagte er langsam.

Immer noch hielt sich das junge Gesicht, er ließ den Schmerz nicht an sein Herz. Nicht jetzt, wo ihm bewusst wurde, was er selbst getan hatte. Wie er sein Leben zu einer schmerzvollen Tortour gemacht hatte. Nicht an der Seite seines Freundes.


Nerúi lachte auf, als Turién versuchte die Größe des Kuschelmonsters darzustellen. Ehe es ihm gelungen wäre hätte er sich auf ihren Rücken und auf die Hinterläufe stellen müssen. Mindestens!
Ihr Grinsen wich jedoch sofort einem Knurren, als ihr Bruder ihr vorwarf, Angst vor dem Nichts zu haben. Sie, Angst? Niemals! Soeben wollte die Schwarze einfach an ihm vorbeiziehen, immer auf das Nichts zu, als sie Papa Aszrems Stimme hörte. Aszrem war der Papa der ihr ein bisschen mehr gehörte als den anderen, genau wie Mama Nyota. Nur Kylia gehörte ihr ganz allein.
Anstatt also loszupreschen hielt sie inne, und sah zu ihrem Papa hoch, dessen strenger Tonfall sie hatte aufhorchen lassen. Neben Turién stehend sah sie nun zu dem Schwarzen hoch, und schüttelte unwillig den Kopf.

"Ich finde dass auch gemein wenn ihr weg geht!"

warf sie trotzig ein, und rückte näher zu Turién heran.

"Wir haben nichts kaputt gemacht, niemandem was weg genommen und auch niemandem wehgetan und waren noch nichtmal im Wald! Ihr könnt nicht einfach weg gehen, das ist ungerecht!"

zerknirscht und sorgenvoll sah sie zu ihrem Papa herauf, als sich seine dunkle Begleiterin zu Wort meldete. Nerúi wusste wer die war, aber geredet hatte sie noch nicht mit ihr.
Und Nerúi fand das was sie sagte doof. Als ob irgendjemand Lust hatte immer das zu machen was man ihm sagte! Trotzig sah sie die Schwarze an, und legte die Stirn kraus, als sie nur sie auf Aszrem ansprach.

"Hä? Er ist aber auch Turiéns Vater"

erklärte sie grummelig, und schüttelte dann den Kopf. Sie hatte jedenfalls keine Lust das zu tun was irgendjemand ihr sagte. Schon gar nicht wenn das jemand war der noch nichtmal wusste wer ihr Bruder war. Turiéns Feststellung konnte Nerúi nun nicht mehr so begeistern - dann war sie ja auch mit der Fähe verwandt, herrje. Musste sie die dann etwa auch mögen? Hoffentlich nicht! Und warum überhaupt musste man jeden mögen mit dem man verwand war?
Auf Aszrems nächste Worte hin klappte ihr die kleine Schnauze auf. Welpenhöhle? Da passte sie doch gar nicht mehr rein!

"Das ist gemein!"

stellte sie fest, drehte sich um, packte Turién an der Rute und zerrte ihn von Malicia weg.

"Komm fnell, Papa Affrem ift sonft gemein!"

rief sie dem Silbernen mit dessen Rute im Maul zu, und pilgerte eiligst auf den Kuschelberg zu.


Wieder seufzte Ilias. . .
er bemerkte, dass er maßlos überfordert war, einem Welpen die Welt und alles was darin geschieht und existiert zu erklären. Dafür dachte er einfach um zu viele Ecken und konnte sich viel zu unpräzise ausdrücken, obwohl all diese Gedanken wie ein Fluss in seinem Kopf waren, konnte er sie nicht von diesem Damm befreien.

"Ja, das was du mir da erzählst ist die Liebe! Du beschreibst sie ziemlich gut, für etwas so kompliziertes.
Die Liebe zwischen Geschwistern ist aber dennoch eine ganz andere Liebe als die zwischen zwei Wölfen die nicht miteinander verwandt sind, sondern sich kennen lernen, gern haben und getrennt voneinander ewig unglücklich wären.
Ich hatte mir der Liebe nie sehr viel Glück. . .
und im moment erinnert mich einfach zu viel an meine Kindheit. . . Um ehrlich zu sein, fühle ich mich hier nicht zu Hause, so als ob ich hier nicht hergehören würde. . .
Und ja, meine Liebe ist hier nicht mehr. . ."


eine kleine Träne kullerte sein Auge hinab.

"Nichts bleibt, alles geht zu Ende. . ."

murmelte er so leise, dass nichtmal er richtig wusste, ob es ein Gedanke war, oder ob Ilias diesen ausgesprochen hatte.
Er schüttelte seinen Kopf, um einen klareren Verstand zu bekommen.

o0 Du kannst doch keinen Welpen mit sowas kommen! 0o

schimpfte er in Gedanken zu sich und achtete mehr auf das was er sagen wollte.

"Nein, ich denke nichts falsches von dir, ich wollte doch nur helfen. . . dir ein paar Tipps geben.
Aber mach dir keine Sorgen, alles wird gut, und bald wird die Sonne scheinen und deine Mutter wieder zum lachen bringen."


Ein vertrautes lächeln entrann seinem Fang.

"Und klar wirst du groß werden. Jeder fängt einmal klein an und wird groß, war bei mir nichts anderes. Aber was ich meinte ist, dass du wichtig für das Rudel wirst, wichtiger als ohnehin schon, dessen bin ich mir Sicher."

"Ja, meiner Meinung nach ist der Regen zwar etwas schönes, doch zu viel ist echt nichts Gutes, hast du ja schon gesagt.
Auch wenn die Sonne zu viel scheint ist das nicht gut.
Die Flüsse würden austrocknen, wir und all die vielen anderen Tiere hätten kein Wasser mehr zu trinken und . . . naja, was dann passiert kannst du dir ja denken. So ist das also. Alles ergänzt sich, es ist alles wichtig und alles ergänzt sich."


Als Liel sich plötzlich ankuschelte, drehte sich sein inneres. Berührungen war er nicht mehr gewohnt.
So schniefte Ilias kurz auf, seufzte und wieder entrann ihm eine Träne.

"Wie lieb du zu mir bist. Und das obwohl du mich fast nicht kennst. Ich danke dir, aber ich denke es ist besser, wenn unsere Wege sich jetzt trennen. Ich will nachdenken, mich bessern, mich wieder mehr ins Rudel integrieren. Danke für alles und ich hoffe ich konnte dir wenigstens etwas erklären."


Rakshee verstand es einfach nicht. Was sollte das für ein blödes Spiel sein?! Es gefiel ihr nicht. Genausowenig wie Aradis strenger Blick ihr gefiel, aus dem sie in ihrem Unmut die Nuancen nicht heraus zu lesen vermochte. Kishas Worte warfen auch den letzten Rest Selbstbeherrschung in ihr über den Haufen. Sie meinte es offensichtlich wirklich ernst. Mit einem Satz war Rakshee ganz dicht vor der Braunen, starrte ihr in die Augen, drückte ihr die Nase gegen die Schnauze.

"In Ordnung, dann halt nicht Kisha, mh?"

meinte sie, und lies unwillig die Rute von Links nach Rechts wischen.

"Riech an mir! Sieh mich an! Fühlst du denn gar nichts dabei?"

Verzweiflung mischte sich unmerklich in ihre Stimme, die honigfarbenen Augen suchten mit unermüdlicher Sorge nach einem Zeichen in Kishas Gesicht. Nach einem Erkennen, einer Reaktion. Nach irgendetwas.
Seufzend wand sie den Kopf von der Schwarzbraunen ab, sah Aradis an, die unter ihrem Schauspiel genauso klug zu sein schien wie sie selbst gerade.
Rakshees Blick glitt in Richtung Banshee hinüber - und mit einem Schlag war jede Sorge vergessen. Mit einem Schritt zurück stellte sie sich zwischen die zwei Fähen, und deutete zaghaft mit der Pfote in Richtung Banshee.

"Guckt mal da!"

da hatte sich ein Wolf zu ihrer Oma gesellt, der derart...voluminös war, dass Rakshee zwei mal hatte hinsehen müssen, um ihn als Wolf zu identifizieren.

"Wie kann denn sowas passieren?"

so befremdlich das Bild war, dass sich ihr bot, so abstoßend empfand sie es auch...


Seine Miene blieb streng - nicht hart zwar, aber ernst. Aszrem wusste aus Erfahrung, dass Welpen Warnungen und Verbote ernster nahmen, wenn der Sprechende in keinster Weise lächelte oder überhaupt freundlich wirkte. Die Worte bekamen dadurch automatisch einen düsteren Hauch verliehen, wurden ein wenig "bedrohlicher" und wurden damit automatisch ernster genommen. Ein Lächeln schwächte dagegen jegliche Bedrohung ab, suggerierte eine heile Welt, in der schon nichts Schlimmes geschah, wenn man das Verbot missachtete - Mama und Papa waren schließlich immer lieb... Aszrem kannte das aus seiner eigenen Welpenzeit. Wehe, wenn die Mutter ein düsteres Gesicht zog - dann ging die welpische Körperhaltung instinktiv in ein Ducken über.
Also verzog er keine Miene, als erst Turién und dann Nerúi zu protestieren begannen. Noch immer waren seine Muskeln für einen schnellen Sprung gespannt, sollte einer der beiden auf die selbstmörderische Idee kommen, aus Trotz zum Nichts zu laufen. Auch unterdrückte der Schwarzbraune ein Schmunzeln, als Malicia sich an die Welpen wandte und ebenfalls auf sie einsprach. Sein Blick blieb unverwandt auf Nerúi und Turién gerichtet.

"Wenn ihr zu nah an das Nichts geht oder sogar hinein lauft, werden wir alle verschwinden und ihr werdet ganz allein sein. Also haltet euch fern von diesen Erscheinungen, dann bleiben wir auch alle bei euch",

verdeutlichte er seine vorherigen Worte und beobachtete dann, wie seine Androhung der Welpenhöhle ihre Wirkung entfaltete. Eiligst machten sich die Welpen in Richtung des Rudelplatzes auf.
Aszrem ließ sie vorlaufen, dann setzte er sich gemächlich in Bewegung. Erst jetzt kehrte das leichte Lächeln auf seine Lefzen zurück.

"Ich sollte dich wohl aufklären: Nerúi hält alle Mütter und Väter für ihre Eltern, und alle anderen Welpen für ihre Geschwister. Wir lassen sie in diesem Glauben, so muss sie nicht da Gefühl haben, in irgendeiner Weiße allein zu sein. Sie wird schon früh genug erfahren, wie es sich wirklich verhält - aber das hat noch Zeit."

Er sprach etwas leiser, damit die vorrauseilenden Welpen seine Worte nicht hören konnten...


Die erste Jagd war mehr als erfolgreich gewesen und lag nun einige Wochen zurück. Shákru Minor hatte sich sehr gut bei den Indianern eingelebt, verkehrte aber auch öfters mit den Wölfen in diesem Gebiet, denn die Angst zahm zu werden war doch recht penetrant.
Minor lag neben Shaikoon, dem Sohn des Alphas, auf dem Felsen in der Tundra. Die Gipfel der Berge lagen wie ein Schatten am Nachthimmel, die Sterne funkelten lautlos.
Die kleine Sternenleier rechnete niemals damit, dass er so lange bei den Indianern bleiben würde, aber das Schicksal spielte nun mal nicht das Spiel, welches er spielte, daher war die Zeit wie auf einer Flucht in das Land gegangen.
Shákru veränderte sich schleichend. Seine Ansichten, die er so intensiv vertrat waren noch da, aber bei den Indianern lernte er es auch andere Kulturen zu respektieren. Konnten ja nicht alle so schlau sein wie er. Außerdem sollte man Dummheit mit Nachsicht behandeln.
Shákru lächelte zufrieden vor sich hin. Am Himmel schimmerten bunte Lichter. Sie tanzten sonderbar herum, kleine Schleier, die sich um die Sterne zu wickeln schienen.

“Nordpolarlichter, sieh nur“,

wuffte Shaikoon leise mit dem Blick zum Himmel. Minor lächelte schweigend. Noch nie hatte er sich so aufgehoben gefühlt wie in diesen Momenten bei dem neuen Rudel und den Indianern.
Lag hier seine Bestimmung? Sein Leben, seine Zukunft? Immerhin zeigte sich das Wolfstotem öfters den Wesen, die in diesem Wald lebten, seit Shákru hier lebte. Das Wolfstotem oder auch Nordlichter. Wer wusste dies schon so genau?
Eine leichte Brise fegte über die Rücken der beiden Wölfe hinweg, zauste ihr Fell, flüsterte Geheimnisse in ihre Ohren, die herum schnippten.

“Shaikoon, was hältst du von einer Wanderung in den eisigen Norden?“

Der schwarz-weiße Rüde hob verwundert den Kopf. Seine blauen Augen schimmerten wie Eis in der Dunkelheit.

“Wie wandern? Wohin denn im Norden?“

Shákru war aufgestanden, schüttelte sich und gähnte, dann legte er den Kopf in den Nacken um seine Entscheidung zu verkünden. Die Wölfe würden es eh verstehen, die Indianer aber auch. Sie waren nicht dumm.
Minor sprang von dem Felsen. Es juckte nun richtig in seinen Pfoten und bellend sprang er über das kurze Gras der Tundra.

“Immer der Nase nach. Komm.“

Shaikonn trabte den Felsen hinunter, stupste Shákru an, dann trabten sie Schulter an Schulter Richtung der Felsen. Dahinter lag seine alte Heimat, das eisige Nordland. Jedoch wollte Minor aus einem anderen Grund dorthin. Er wollte noch intensiver leben, er wollte einfach mehr.
Der Weg würde weit sein, schwer und zermürbend, aber die kleine Sternenleier wusste, dass er es schaffen konnte. Er wusste es.


Urion sah schemenhaft Amáya, blickte zu Akru, der wieder verschwand, erkannte Ciradrán und Tascani Amour, der wieder auferstanden war.
Die schwarze Tochter von Banshee gab einen ekelhaften Kommentar, aber der graue Rüde konnte nicht darauf reagieren. Er blickte hoch zu Amáya. Sein Blick war tot wie eh und je, jedoch verzogen sich seine Lefzen zu einem schiefen Lächeln.

“Meinst du nicht, dass ich wenigstens etwas mit meinem Sohn gemeinsam haben sollte?“

Dann drang die Stimme des kleinen Weißen an seine Ohren. Sie schnippten nach vorne, Urion richtete seine roten Augen auf Ciradrán. Die Worte erfüllten den Vater mit Stolz und Glück, jedoch waren sie genau so naiv und traurig.
Der Verfluchte fuhr seinem halbblinden Sohn mit der Zunge über den Kopf, schob ihn noch etwas näher an seine Brust um ihn zu schützen. Urion wusste nicht vor was, aber der Instinkt war einfach da.

“Kleiner Sohn, deine Worte machen mich Stolz, aber der Fluch wird sich aussuchen, wen er von euch besitzen möchte. Man kann nicht um seine Gunst feilschen. Das geht nicht. Takashi, dein Onkel, wurde ihn los, in mir hat er sich festgesetzt und ich werde ihm bis zu meinem Tod behalten.“

Urion wünschte sich, dass er mit seinem Sohn allein sein konnte. Viel zu wenig kümmerte er sich um diesen. Liel kannte der Graue kaum. Nur Krolock, den kannte er in und auswendig, aber auch nur, weil dieser ihm zu ähnlich war.
Der Nordwolf dachte an seine Zeit ohne Fluch hier bei den Sternenwinden. Es war eine schöne Zeit. Er lebte und dachte wie ein Wanderer, hatte immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Zack half ihm dabei, Kaede auch. Und niemand anderes. Wo war eigentlich Sheena?
Urion ließ den Kopf auf seine Pfoten neben seinen Sohn sinken. Er war zu alt um sich zu kümmern. Viel zu alt.
Den Sohn von Tyraleen und Averic nahm er kaum war.

Atalya
24.12.2009, 20:12

"Trottel. DU hast keinen Schwanz am Arsch."

Mochi Cake verzog die Lefzen zu etwas, das man mit etwas Fantasie als Lächeln bis Grinsen deuten konnte. Dass ihm etwas Besseres nicht gelang, war dadurch zu begründen, dass er das Maul nicht schließen konnte. Seine Lungen schrien nach Sauerstoff und sein Herz stolperte unrhythmisch vor sich hin, während der fettleibige Rüde sich bemühte, das Defizit auszugleichen. Der Wolf, der ihn beleidigt hatte, war plötzlich nicht mehr da, stellte Mochi fest, denn es kam keine Reaktion und der Platz neben ihm war plötzlich leer. Aber was störte es ihn. Im ewigen Kampf mit der Langeweile, die ihn immer wieder überkam, würde ihn der kurzschwänzige Rüde gut unterhalten können. Plötzlich spürte Mochi, wie sich seine Laune merklich besserte. War es das versuchte Grinsen, dass diese Regung in ihm ausgelöst hatte? Oder war es etwas anderes, etwas, dass er noch nicht genau beschreiben konnte, das Gefühl, er könnte hier Spaß haben? Mochi wurde sehr ruhig. Er verstärkte das Hecheln, um sich Zeit zu nehmen. Zeit, die Lage zu analysieren.
Immerhin, er wirkte mal wieder superlächerlich, japsend und am ganzen Körper im Takt seiner Atemzüge vor sich hinschwabbelnd. So, schien es Mochi, sahen ihn die anderen offensichtlich. Die Greisin, ein Schleimbeutel, zwei andere Deppen und zwei kleine Hofnarren, die in ihn hineinrannten - sie alle begegneten seinem körperlichen Zustand offensichtlich mit Erstaunen, Verwunderung - im Fall der kleinen Hofnarren mit unschuldiger Belustigung und Spaß - vielleicht auch mit Mitleid. Die Greisin war Alpha. Dass sie ihm nicht gleich an die Kehle sprang, sagte Mochis Meinung nach alles aus. Er verfolgte den Weg der kleinen Hofnarren kurz aus den Augenwinkeln. Für sie könnte er noch Verwendung haben. Er würde sich ihnen nähern. Später. Mochi lauschte ihren Stimmen nach. Später. Nicht jetzt. Der Schleimer und die anderen Trottel? Nun, hier war Mochi sich nicht sicher. Der Schleimer würde vermutlich langweilig werden mit seiner ausgesuchten Höflichkeit und seinen Worten, die er vor dem Aussprechen dreimal abgelutscht und entlaust zu haben schien. Ihn beschloss Mochi zu piesacken. Solche wie er waren es, die man immer richtig gut belästigen konnte, um dann darauf zu warten, wann sie ausrasteten. Und wie sie das tun würden. Die beiden anderen? Fade. Oder so, Mochi hatte sie kaum beachtet, sie hatten ihn nicht genervt, waren nicht die Vögel gewesen, die sich in seine Träume eingeschlichen hatten mit ihrem närrischen, albernen Geschrei. Diese beiden, die, die waren wie, machten den Mund auf, sagten Sachen wie Mimbelwimbel und Honigbeerenbusch.
Zurück zu der greisen Alpha. Sie brauchte er vorerst noch. Deswegen musste er sich erst einmal zurücknehmen. Vorerst. Er hatte Hunger und er wollte hier richtig Spaß haben. Das stand jetzt im Vordergrund. Allem anderen würde er sich später nähern. Nachdem er zum Beispiel etwas gegessen hatte.

"Ich bin fertig. Tut mir Leid, tut mir Leid. Bin nur gelaufen, bin lange nicht mehr unter Wölfen gewesen, und davor unter sehr vielen, da ist dann irgendwann einer wie der andere und die meisten sind nicht sehr zuvorkommend. Ich bitte nochmal um Rast und Unterkunft. Freundlichst. Ich bin friedlich, ich schwör's. Mache keinen Stress, niemals."

So hätte irgendein anderer Wolf sonst auch reden können. Reden, ohne irgendetwas zu sagen, naiv, dumm, blauäugig, das meiste Gesagte völlig irrelevant und nur als Platzhalter gedacht, um zu verwirren.
Aber dann ging es mit Mochi durch.

"Nur noch folgende Frage: Ist euch hier irgendetwas Seltsames aufgefallen?"

Er hätte sich schlagen können. Mit seiner Rute zum Beispiel, lang genug war die ja. Nur, so dramatisch war es dann auch nicht. Seine Ahnung, das Kribbeln unter der schlaff herabhängenden Haut - es interessierte ihn wirklich, ob es damit etwas auf sich hatte. Und wenn sie ihn für komplett paranoid hielten, hatten sie vielleicht Mitleid mit ihm und gaben ihm mehr zu fressen. Vielleicht sogar einen ganzen Hirsch. Es kam jetzt alles auf diese Alpha an und womöglich noch auf den Schleimbeutel.


Noch nie in ihrem, natürlich auch noch nicht sehr langem, Leben hatte Liel einen Erwachsenen weinen sehen. Etwas erschrocken war sie schon, natürlich hatte sie mitbekommen, wie Mama Kaede des Öfteren gegen die Tränen hatte ankämpfen müssen und natürlich hatte sie auch die vorherige Träne Ilias mitbekommen, aber irgendwie dachte sie, dass Erwachsene eher nicht weinen. Nun lag sie hier, neben einem Erwachsenen der so traurig war, wie es noch nicht mal ihre Mama war. Sie war traurig auf eine andere Art und Weise.
Plötzlich fühlte Liel sich älter, als noch vor ein paar Sekunden. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie nie wie die anderen Welpen spielen würde. Natürlich war sie noch ein Welpe mit kindlichem Verstand und kindlichen Instinkten, aber irgendwie war sie auch schon Erwachsen. Der Gedanke stimmte sie nicht traurig, nur nachdenklich. War sie denn so anders als die anderen? Oder gab es unter den anderen auch Welpen wie sie, die schon Erwachsener waren als andere, gar Erwachsener als sie selbst?
Sie hatte keine rechte Lust mehr auf das vorherig Gesagte einzugehen. Die Themen waren abgeschlossen, es gab dem nichts mehr hinzuzufügen.
Auch nicht zu dem Thema mit dem groß werden. Natürlich wusste sie, dass sie groß werden würde, so doof war sie nun auch nicht, auch wenn sie ein Welpe war. Aber sie hatte nicht verstanden, wieso er wissen konnte, dass sie zu etwas Großem in dem Rudel werden würde. Aber das interessierte sie nun auch nicht mehr.
Vielmehr fand sie es schade, dass Ilias schon von ihr gehen wollte, in seiner Stimme war ein Klang gewesen, der sich sehr endgültig angehört hatte. Es schien, als ob das ‚ins Rudel integrieren’ nicht Ernst gemeint war. Wie konnte man in Ruhe nachdenken und sich gleichzeitig wo integrieren. Das widersprach sich vollkommen und machte Liel misstrauisch.

„Du willst das Rudel verlassen!?!“

Es war keine Frage, eher eine Feststellung. Es betrübte sie ein wenig, nun würde sie ohne Paten da stehen, auch Nienna weilte nicht mehr in diesem Rudel, aber sie würde sich schon durchschlagen können. Sie hatte Geschwister und wunderbare Eltern!
Auch wenn es ihr angenehmer wäre, wenn er bei ihr bleiben würde, sie verstand seine Beweggründe und wollte, dass er glücklich werden würde. Und man konnte nicht in einem Rudel glücklich werden, in dem man sich nicht wohl fühlte. Das man nicht als Heimat ansah.
Sie stupste ihn aufmunternd an und sprang auf die Beine. Sie würde ihn ein Stück begleiten, hinein in den Wald. Sie dachte gar nicht mehr daran, dass sie nicht in den Wald gehen durfte, sie kam sich in diesem Augenblick so alt und reif vor, dass sie völlig vergas, dass dort Gefahren lauerten, denen sie noch nicht gewachsen war.
Ganz unbewusst, tief in ihr drin, hoffte sie aber gleichzeitig, dass auch Ilias dies außer Acht lassen würde. Sie wollte ihn nicht weit begleiten, nur ein kurzes Stück. Den letzten Moment wollte sie mit ihrem Paten teilen, wollte ihm sagen, wie es in ihr drin aussah, was sie ängstigte und sorgte. Sie wollte es nur loswerden, sie war sich sicher, dass er sich darüber nicht mehr sehr lange den Kopf zerbrechen würde. Ohne es böse zu meinen, wusste sie, dass er sich mit seinen Gedanken mehr beschäftigen würde, als mit ihren Problemen. Und das war ja auch okay, sie wollte ihm weiter viel Glück und Lebensfrohsinn wünschen.
Und deshalb würde sie ihn begleiten, auch wenn er, im Gegensatz zu ihr, daran denken würde, dass sie noch nicht in den Wald durfte. Dann würde sie es eben trotzdem tun.
Plötzlich erwachte in ihr eine rebellische Seite, die ihr vorher nie aufgefallen war. Kampfgeist. Gut, sie hatte wohl doch ein wenig von ihrem Vater geerbt. Apropos Vater, zu wem hatte sie nach dem Gespräch mit Ilias gehen wollen. Zu Urion oder zu Kro, oder zu Cira? Sie wusste es nicht mehr, entschied sich, dass sie dafür noch später Zeit hatte, sie würde zu dem gehen, der ihr entweder über den Weg lief, oder der am Nächsten an ihr war. Ach, später.
Sie ging vor ihn, an seinem Kopf, noch immer lag er auf dem Boden, weinte ein wenig und sah wirklich sehr unglücklich aus. Erneut drückte sie ihre Schnauze an die seine und schleckte über eben diese.

„Los, komm, auf geht’s. Ich begleite dich noch ein kleines Stücken, es gibt noch einiges, was ich gerne loswerden würde, dabei können wir schon ein wenig gehen, was meinst du?“

Irgendwie kam sie sich wie ihre Mama Kaede vor. Als ob sie auf Ilias aufpassen musste und nicht umgekehrt. Nun, wie dem auch sei. Innerlich amüsierte sie ihr Verhalten ein wenig. Äußerlich konnte man davon nichts erkennen. Äußerlich war sie der kleine Welpe der Erwachsene Gedankengänge an den Tag legte.


Ilias war sehr erstaunt wie erwachsen Liel wirkte, tröstete es ihn doch etwas, dass sie ein so liebevolles Lebewesen war und wusste, was er wollte.
Auch gerührt war er davon. Er kannte nicht viele Wölfe, die so offen und somit auch erwachsen wirkten. Nichtmal die Erwachsenen.

"Liel, wir kennen uns jetzt leider noch nicht sehr lang und es tut mir Leid, für das was ich vorhabe. Aber ich bin sehr erstaunt wie reif, erwachsen und wie mitfühlend du bist.
Bitte versprich mir, dass du dir diese Eigenschaft niemals nehmen lässt. . . Denn es ist das was dich ausmacht, dich von den anderen abhebt. Du bist eine tolle Fähe und ich danke dir für jede einzelne Sekunde die wir miteinander gesprochen haben."


Das lächeln was auf seinen Leftzen lag, war ein wirklich ernst gemeintes, voller Aufrichtigkeit und voller Dank.
Ein natürlicheres Lächeln kann man sich gar nicht vorstellen.

"Ich danke dir wirklich von ganzen Herzen. Du hast ein großes Herz und ich denke es werden dir noch einige in deinem Leben etwas Ähnliches sagen.
Du bist ein außergewöhnlicher Welpe"


Er hatte gesehen, dass es ihr scheinbar weh tat, und auch schmerzte. Ilias war viel zu lieb für vieles und ließ sich deshalb leicht beeinflussen, ließ sich leicht wegen Mitleid auf etwas ein, was er gar nicht wollte. . .
Doch bei ihr war das etwas anderes. Sie zeigte im Gegensatz zu vielen anderen Verständniss, etwas, was er nicht sehr oft bekam. Es war ein tolles Gefühl.
Und jetzt wuchs in ihm mehr denn je der Wunsch in ihm, seinen eigenen Weg zu gehen, denn Liel hatte ihn Mut gemacht, dass es auch viele tolle Wölfe gibt, die ihn verstehen, die hinter ihm stehen.

o0 Ein Rüde muss tun, was ein Rüde tun muss 0o

kam ihm in den Sinn und er dachte dabei nur daran, dass Rudel zu verlassen und nach Nienna zu suchen.
Viel zu viel hatte er schon erlebt, viel zu lange hatte er schon nachgedacht. Es wäre sicherlich ganz anders gekommen, wenn Ilias sich einmal früher hätte zwischen Sheena und Nienna entscheiden können. Doch dafür war es jetzt zu Spät. Die Zukunft und die Gegenwart waren die einzigen wichtigen Faktoren die noch eine Rolle spielen sollten.

"Danke für alles, dass du mich verstehst und das du für mich da bist. Du bist wahrlich eine Prinzessin und zwar eine richtig tolle. Du zeigst mehr Mitgefühl als die meisten anderen hier und das macht dich besonders.
Tut mir Leid, dass ich dir das mit Kaede oder mit Kro vorgeworfen habe. So sollte es nie klingen, denn ich wollte wirklich nur das es dir und den anderen gut geht."


Er freute sich, was für eine tolle Welpenpatin er hatte und wollte ihr sofort dieses Lob sagen.
Da er sich aber nie wirklich gut ausdrücken konnte, kuschelte er sich etwas an sie, knudelte sie und schleckte sie.

"Danke das du mich zum Wald begleiten willst. Ich denke auch, dass gerade du erwachsen genug bist, dort hin zu gehen. Dieses rebellisch liebe finde ich ganz wunderbar, aber hört auf deine Mamy"

wieder lächelte er sie an.

"Ich denke ich werde Nienna suchen, aber ich werde dich auf jeden Fall noch besuchen kommen, sollte sie nicht zu weit einen Platz zu Leben bekommen hat.
Aber nun erzähl du, was ist los und wo schmerzt das Herz? Ich will für dich da sein, so gut ich kann, denn ich mag dich ziemlich gern."


Jetzt nickte er ihr zu, stand langsam auf und blickte noch mal ins Nichts.
Er bereute es das Nichts mit Nebel verglichen zu haben, da Nebel eine gewisse Ruhe ausstrahlte, wogegen das Nichts Unbehagen und Unruhe in ihm auslöste.

"Sollte etwas wegen dem Nichts geschehen, oder etwas anderes. Bitte versprich mir, dass du mich so laut rufst wie du nur kannst."

Langsam bewegte er seine Schritte in Richtung Wald.


Sicher waren die Worte Malakíms übertrieben und Banshee hatte schon oft genug Schmeicheleien über sie gehört, dennoch freute es sie, dass der Graue sie so ganz anders behandelte, als der fette Rüde. Vielleicht hätte man es beinahe als Ironie auffassen können – das „halbtot“ von dem Fetten und die vielen Komplimente Malakíms – aber der Weißen war Ironie fremd und würde dem Neuankömmling auch niemals einen solchen wenig netten Humor unterstellen. Dafür strahlten seine Augen viel zu ehrlich voller Freude und Freundlichkeit.

“Ich bin Banshee und ich würde mich freuen, wenn du einige Zeit bei uns verbringst. Du bist immer willkommen. Nur halte dich an unsere Regeln, was dir jedoch kaum schwer fallen dürfte.“

Sie nickte noch einmal und wandte sich dann einem näherkommenden Rüden zu, der zweifellos jener war, der sich im Gebüsch versteckt hatte. Sein Blick war starr und hatte sie fixiert … sie war sich nicht sicher, was sie von ihm halten sollte, doch ihr Instinkt sagte ihr, dass hier weit weniger Freundlichkeit herrschte, als bei Malakím. Dennoch blieb ihr leichtes Lächeln auf ihren Lefzen und auch ihre Rute pendelte entspannt. Den Blick des Fremden erwiderte sie ohne sich davon einschüchtern zu lassen. Bevor sie auf die Frage antworten konnte, plapperte Malakím schon los, was sie kurz verärgerte. Dass die Leitwölfe das erste Wort hatten – gerade bei Fremden – war selbstverständlich und es störte sie, dass ein ebenfalls praktisch Fremder das schon missachtete. Es lag wohl in ihrer Natur, dass sie dies ohne ein Wort durchgehen ließ – vorerst.

“Malak hat Recht, ich bin Banshee, Leitwölfin im Tal der Sternenwinde. Was führt Euch zu uns?“

Ein leichtes Nicken zeigte, dass sie ihm das unerlaubte Betreten des Reviers verzieh und die Sache erledigt war. Für weitere Worte hatte sie keine Zeit, denn Sheena näherte sich der Gruppe. Sheena! Wie lange schwieg sie schon? Der Tag, an dem Zack gestorben war, schien ihr schon so lange vergangen. Ob es langsam Zeit wurde, das Schweigen aufzuheben? Wie viel hatte die Weiße in dieser Zeit gelernt, von der Stille und der Stummheit? Gerne hätte Banshee gefragt, aber zum einen hätte sie keine Antwort bekommen und zum anderen war der Zeitpunkt denkbar schlecht. Schließlich standen hier ein jungwölfischer Erwachsener, ein fetter Rüde und ein seltsamer Zeitgenosse mit roten Augen. Alle fremd. Es würde noch ein wenig warten müssen. Die leichte Verbeugung Sheenas, ließ sie lächeln, gleichzeitig zeigte ihr Blick, dass sie so was von niemandem verlangte, auch nicht von einer Schülerin. Was als nächstes geschah, ließ Banshees restliche Gedankenwelt verstummen. Sie spürte es sofort, als Sheena begann, sie mit sich zu ziehen, aus dieser Welt hinein in eine andere. Sie spürte die sanfte Freude der Weißen und wusste, was sie sah – doch Banshee selbst erkannte keine Engaya. Nur ein kurzes Glitzern, wie ein schillernder Schmetterling, ein warmer Windstoß, dann war sie wieder zurück, inmitten der kleinen Gruppe von Neulingen. Freude umspülte auch die Leitwölfin, Dankbarkeit für den Versuch dieses Geschenks. Und sie freute sich, wie nahe ihre Schülerin Engaya gekommen war … und auch ihr selbst hatte sie sich genähert. Was sie so lange versäumt hatte, schien nun endlich zu klappen, vielleicht ein wenig verdreht … oder war Sheena in diesem Moment nicht viel eher für Banshee dagewesen, als andersherum? Sie lächelte und berührte die Weiße sanft an der Stirn. Lange hielt der Moment nicht, zum einen begannen Welpen unter ihnen dahin zu rennen, zum anderen mischte sich Malakím auch jetzt ein und sprach direkt zu Sheena – was wenig Erfolg haben dürfte.

“Malak, Sheena ist momentan in der Priesterinnenausbildung. Sie hat ein Schweigegelübde abgelegt und darf nicht sprechen. Du wirst also keine Antwort erhalten.“

Sie zwinkerte der weißen Wölfin zu und wandte sich dann wieder dem ungemein dicken Rüden zu. Der hatte scheinbar nach einigem Nachdenken den Entschluss gefasst, doch ein wenig höflicher zu sein, auch wenn es gar nicht so leicht war, seinen Worten zu folgen. Außerdem lenkte sein Körper ziemlich ab, schließlich röchelte er vor sich hin und schwabbelte und wankte und … ja … war fett. Und der einzige richtig verständliche Satz war auch noch seltsam. Etwas Seltsames, hier? Nun … er selbst? Vielleicht meinte er das ja.

“Gut, es sei dir verziehen, jetzt wüsste ich noch gerne deinen Namen. Aber du kannst bleiben, sofern du dich an die Regeln des Zusammenlebens hältst. Nun … du bist recht dick, meinst du das?“

Vorsichtig war das ausgedrückt. Sehr vorsichtig. Dick war ja eher ein großes Kompliment für den fetten Rüden. Seine Frage hatte geklungen, als wollte er ein Ratespielchen mit ihnen spielen, von daher war auch ihre Antwort eher uninteressiert. Sie hätte eigentlich besseres zu tun.


Siebentausendvierhundertdreiundachzig. Das Schlagen seines Herzen war wieder normal, weder zu schnell, noch zu langsam. Der Atem ging dagegen immer noch stoß weise und unkontrolliert. Der weiße Welpe drückte sich an die schützende Wärme des Vater und dieser ließ sie zu und schenkte Wohlsein. Wie lange sie schon wirklich am modrigen Boden lagen, konnte er nicht abschätzen, er zählte nur die Herzschläge, den Atem und orientierte sich an die gefühlte Zeit. Mehr blieb ihm im Augenblick nicht übrig. Der Vater sprach und der Sohn lauschte. Noch immer wusste er nicht, wie seine Retterin hieß, er merkte sich den Geruch um später darauf zurück zu kommen, denn im Augenblick beschäftigten ihn eher die Worte seines Vaters. Der Fluch schien seltsam, ohne beständigen Hintergründe. Wen er sich aussuchte blieb ein Geheimnis und war selbst mit Logik nicht zu fördern. Aber Ciádan gab sein Vorhaben trotzdem nicht auf, denn wenn Takashi es geschafft hatte sich gegen die Regeln einer größeren Macht zu stellen, dann war es nicht ganz unmöglich. Man musste sich nur damit auseinandersetzen und sich von etwas Unbekanntem leiten lassen. Kein schöner Gedanke, aber er war zufrieden stellend. Es gab irgendwie eine Chance seine Familie, seine Geschwister zu schützen, die Antwort nach Genauerem blieb nicht eine Frage.
Der geschwächte Körper zerrte an dem klaren und Folge schlüssigen Denken. Es war fast nicht mehr möglich zu zählen und dabei vernünftige Gedanken zu haben.

“Ich werde Dir nicht widersprechen... Papa, aber ich kann meine Hoffnung noch nicht aufgeben- verstehst Du? Ich habe mir selbst geschworen mutig genug zu sein, um meine Geschwister und Mama zu beschützen... es- es aufzugeben wäre zu schwer.“, flüsterte leise und konzentrierte sich ausschließlich auf die Wärme des Vater, auf das Abzählen und seine Worte.

Zu mehr, war er auch nicht im Stande. Und obwohl der Geruch der Gallenflüssigkeit und des Blutes nicht mehr so stark war, war ihm immer noch übel. Es gab nichts mehr, was er hätte erbrechen können, und dennoch schien etwas wieder den Weg ins Freie suchen zu wollen. Er unterdrückte den Drang, nicht an der schützenden Wärme der begehrten Person. Nicht, wo Urion stolz auf die Worte und Gedanken des Sohnes war. Nicht, wo sich der Wunsch nach Stolz erfüllt hatte. Er strebte nach mehr, nach Anerkennung und begründetem Stolz. Noch hatte er nicht viel getan um zu diesem Ziel zu kommen, mehr als sterben war nicht drin- noch nicht.

“Was macht der Fluch mit Dir? Ändert er nur Deinen Körper und die Instinkte“, er vermied 'Deine' Instinkte zu sagen, “oder wird auch Dein Wesen beeinflusst? Liebst Du so wie vorher, oder ist es anders? Warum ist der Fluch so zu Tage gekommen?“, seine Stimme war nicht mehr als ein Wispern.

Er fragte, ohne noch einmal darüber nachzudenken und abzuschätzen. Es war irgendwie nicht mehr möglich und er überließ sich seinem Welpendasein. Genau so wollte er nicht mehr daran denken, dass er entstellt und nicht mehr der gleiche Wolf wie vor seinem Unfall war. Nicht nur, dass er sich bemühen musste, um mitzuhalten, sondern auch die Unterstürzung des Vaters war für eine Veränderung bedingt.

“Können wir bald zu Mama gehen? Ich- ich will sie nicht beunruhigen.“, nuschelte er das warme Fell des Vaters. “Papa“, wiederholte er. Es war ihm möglich ihn so zu nennen, jetzt wo er wusste, dass er nicht ungeliebt war. Er war glücklich, ein ganz normales Kind der Eltern zu sein. Auch die Hilfslosigkeit machte ihm nicht mehr viel aus. Zumindest nicht jetzt.
Siebentausendneunhunterundeins.


Erst langsam fielen Cocaine die ganzen individuellen Artgenossen in seiner unmittelbaren Nähe auf. Es war wirklich eine vielfältig bunte Mischung. Ein paar übermütige Welpen, die vermeintliche Alpha, ein schwarzer Rüde mit überzeugend schmeichelhafter Zunge, ein fettes, undefinierbares Etwas und noch eine Fähe. Es war der Schwarze (Malakím), der als Erster das Wort an den Assassin erhob. Freundlich drangen seine Worte in die kleinen Ohren Cocaines. Ein Süßholzraspler?! Ihm wurde die Annahme, dass es sich bei der älteren, weißen Fähe um die Alphawölfin handelte, bestätigt. Eigentlich war diese Tatsache weniger verwundernswert, irrte Cocaine doch recht selten in seinem Leben.

Doch als würde die Bestätigung des überfreundlichen Rüden nicht reichen, stellte er zu allem Überfluss auch noch eine recht dämliche Frage. Verletzte Augen?! Cocaine blinzelte Malakím einige Sekunden verstummt an, als hätte er nichts verstanden. Doch dann legte sich ein Lächeln auf seine Lefzen, sodass die scharfen Zähne wieder hervorblitzten. Trotz der anfangs leichten Irritation über diese Frage war der Ausdruck des Assassin noch immer überlegen und kühl.

"Nein, Fremder. Meine Augen besitzen in der Tat diese Farbe. Stört dich etwas daran?!"

Entgegnete er ihm selbstsicher, aber nicht provokant. Doch als würde irgendetwas Unbekanntes seine Aussage unterstreichen, funkelten die dunkelroten Augen für wenige Momente etwas stärker als zuvor. Cocaine war diesem Rüden keinerlei Antworten schuldig und eine Rechenschaft für seine Augen schon gar nicht, also sollte sich Malakím glücklich schätzen, dass er überhaupt etwas zurück bekam. Dann zuckte es kurz in seinem Gesicht als dieses fette Etwas seine Stimme erhob. Um Himmelswillen, dieses dumme Ding sollte sich auf ausreichend Luftzufuhr konzentrieren anstatt anzufangen wie ein Wasserfall loszuprappeln. Noch nie hatte er einen Wolf gesehen, der aufgrund seines Körperfettanteils dem Erstickungstod so nah stand. Kaum merklich sträubten sich vereinzelte Nackenhaare des Melierten und er nahm instinktiv etwas Abstand zu dem dicken Tier. Ob dies nun leicht angewidert und unhöflich aussehen mochte oder nicht, war Cocaine mehr als egal. Aber er hatte keine Lust, dass sich sein eigener Geruch eventuell noch mit Mochi Cakes Erbrochenem vermischte, denn der Fette schien kurz davor.

Egal. Zu lange wollte er sich mit diesem Naturwunder nun auch nicht auseinandersetzen, also konzentrierte er sich auf die weiße Alphawölfin.

"Ich grüße euch, Banshee. Mein Name ist Cocaine und es gibt keinen speziellen Grund, der mich zu euch treibt. Allerdings war meine Reise lang und ich würde es begrüßen, wenn ich mich eine Weile erholen könnte. Ob ich mich euch anschließen will, vermag ich jetzt noch nicht zu sagen, verzeiht.."

Keinen speziellen Grund? Eine eiskalte Lüge, die er da auftischte. Aber sie war von großer Notwendigkeit. Sollte er etwa bei seiner Vorstellung schon mit der kompletten Wahrheit rausrücken? Dass er eine Assassine war, die Auftragsmorde begann? Und dazu noch am meisten an mächtigen, einflussreichen Rudelführern? Kaum auszumalen, wer so dumm sein würde.


Schwer war die Luft geworden. Jeder Atemzug wurde ein Kraftakt für sich. Die Seelenspiegel nach Vorn gerichtet, sahen den endgegenkommenden Weg an, starrten einen Stein an, um nicht im Nichts unterzugehen. Katsumi spürte die Flanke des grauen Rüden an seiner, spürte, wie die Wärme hinüberströmte, spürte die Kraft. Trauer durchlief den Braunen, ein Winseln entglitt der Kehle, als erneut Bilder der weissen Fähe vor ihm auftauchten. Wie ging es ihr, was tat sie? Wo war sie? Und: vermisste sie ihren Geliebten genau so, hatte sie auch solche Sehnsucht nach ihrem Gefährten? Schlug ihr Herz überhaupt noch...? Fragen. Tausende von Fragen. Und keine Antwort. Nichts. Nur pures, vernichtendes Ungewissen. Und es frass sich in die Seele des braunen Rüden.
Akrus Worte durchbohrten jegliche Gedankenzüge. Sofort sah Katsumi zu seinem Freund. Der Fünfjährige erwiderte Nichts. Natürlich war er auch dankbar, doch die Zunge schien schwerer als je zuvor, wollte sich nicht bewegen, keinen Laut erlauben. Katsumi war so lange gelaufen, so lange gewandert. So weit gekommen um der Vergangenheit zu entkommen. Und jemanden zu finden wie Akru es war. So lange wurden die Pfoten wundgetreten, so lange wurde Rastlos gelaufen. Und jetzt endlich war der Braune am Ziel.

"Mein Seelenbruder..." Katsumis Worte versagten beinahe. "Was geschehen ist, ist geschehen... Nichts kann es ändern. Doch deine Anwesenheit, dein Verständnis, deine Stütze. Das alles ist mächtig genug..."

Katsumi blickte in das veränderte Gesicht seines Freundes. Ohne Kontrolle glitt ein Lächeln der Erleichterung, der Freundschaft über die Lefzen. Das Schicksal hatte zwar in der Vergangenheit hart mit dem Rüden gespielt, doch das Ergebnis – der Gewinn – konnte nicht besser sein. Katsumi hätte nach solch kurzer Zeit bereits jetzt seinem neuen Freund, seinem Seelenbruder, sein Leben in die Pfoten gegeben. Denn, da war sich der Braune sicher, Akru hätte darauf aufgepasst. Gut, sehr gut. Akru erhob seinen Blick wieder.

"Und ich werde deine Stütze erwidern, an deiner Seite stehen, mit dir leiden. Aber auch die schönen Momenten im Leben mit dir geniessen, Akru mein Bester."

Weiterhin lauschte er den Worten die aus dem Fang des Grauen glitten. Katsumi lauschte, hörte zu, blieb an der Seite von Akru. Wollte da nicht mehr weg. Der graue Hüne war, so sagte er, selber schuld. Der Braune sah in die blauen Augen, sah Entschlossenheit.

"Manchmal zwing das Schicksal einem zu Taten, die man nicht will... Spielt mit uns, als seine wir Wölfe nur Pupen an Fäden..."

, flüsterte der Fünfjährige. Kontrolle findet man erst danach. So war es doch, das Spiel? Kaum gewinnt man ein Level, wird man zwei zurückgeschlagen. Und das das ganze Leben bis zum Game Over, oder nicht?

"Erlaub mir die Frage, mein Liebster. Was ist geschehen, was hat dich dazu getrieben..?"

Katsumi blieb stehen, sah zu, wie auch die Pfoten des Grauen aus dem Rhythmus fielen. Einige kurze Schritte genügten, um dicht beim Grauen zu sein. Langsam hob der Braune seinen Kopf auf die Schulter des Begleiters, schloss die Augen und liess sich im Fell versinken.

"Akru mein Seelenbruder, lass uns bis ans Ende zusammen gehen, unser Leid teilen und zusammen Hoffen. Zusammen unsere Seelen irgendwann ruhen lassen..."

Welpische Träume, welpische Wünsche, welpische Gedanken. Und doch die schönste Vorstellung.


Sekunden wurden zu Minuten, Minuten zu Stunden und Stunden zu Tagen. Das Leben schien zu schleichen, schleppend zog es an ihren grauen Augen vorbei. Eine Woche war vergangen, eine Woche die ihr wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen war. Der Trubel mit den Welpen hatte ein wenig abgeebbt, sie hatten sich über den Rudelplatz verteilt, waren bei ihren Paten oder tobten irgendwo herum, wo irgendwer ein Auge auf sie hatte. Liel war noch einige Zeit in ihrer Nähe geblieben, hatte versucht sie aufzumuntern. Sie hatte sich bemüht, doch es war schwer gewesen, letztendlich war ihre Tochter wohl nicht sehr überzeugt gewesen.
Nun lag sie hier, am Rande des Rudelplatzes, die Augen vor Erschöpfung geschlossen, es machte ja sowieso keinen Unterschied, ob sie geöffnet waren oder nicht.
Sie spürte, wie der Regen langsam, durch die noch mageren Blätterschichten, auf sie hinab tropfte. Er rann an ihr herab, an den kahlen Stellen spürte sie ihn deutlich, er kroch unter ihr Fell und löste kleine Schauer auf ihrem Körper aus. Doch sie war viel zu müde um sich zu schütteln. Am liebsten wollte sie schlafen. Ganz lange, für immer. Doch noch war es nicht ihre Zeit, sie war dazu bestimmt noch länger unter dem Rudel zu weilen, für welches sie als Beta galt. Schon früher hatte sie gezweifelt, ob sie die perfekte Wahl für den Betaposten gewesen war, doch spätestens jetzt, fragte sie sich, warum Banshee nicht jemand Neuen einsetzte. Wäre es doch besser, wenn es vor ihrem Tod geschehen würde, ansonsten würde es einen großen Andrang geben. Oder sollte gar Banshee sterben. Es würde viele Kämpfe geben um die Rangordnung wieder aufzubauen. Oder gab es jemanden, der sofort ihren Posten einnehmen konnte. Vorerst noch Nyota, aber sie war ebenfalls alt.
Müde seufzte die, mittlerweile fast nur graue, Fähe auf.
Sie horchte, Liel schien sich bei Ilias zu befinden, Krolock war zu weit weg, aber sie war sich sicher, dass er auf sich aufpassen konnte, nur Ciradán bereitete ihr Sorge. Hoffentlich war ihm nichts zugestoßen, irgendwie hatte ihr Mutterherz eine böse Vorahnung. Es hatte sich zusammen gezogen, vorhin schon, mittlerweile hatte es sich wieder entspannt, es war wohl alles gut gegangen. Aber trotzdem hoffte sie, dass sie ihn bald treffen würde, damit sie sicher gehen konnte. Eigentlich wäre es ihre Aufgabe gewesen, aber sie fühlte sich zu schwach.
Jemand anderes zog ihre Aufmerksamkeit von den Gedanken zu ihren Welpen weg. Der schwarze Rüde, Midnight, schritt am Rande des Rudelplatzes entlang, schon länger hatte sie ihn nicht mehr bemerkt, vielleicht war er einige Zeit unterwegs gewesen. Er war schon immer eher ein Alleingänger gewesen, soweit sie ihn beurteilen konnte. Sie hatte nicht sehr viel mit ihm zu tun gehabt.
Er schien alleine zu sein, ebenso wie sie. Außerdem war er nicht so sehr weit weg, sie wollte sich zu ihm gesellen, einmal, wenn sie sich recht entsann, hatte sie länger mit ihm gesprochen, es war interessant gewesen.
Ächzend stellte sie ihre Vorderbeine langsam auf, wie schwer ihr Kopf doch war. Vorsichtig stemmte sie sich ganz hoch, blieb kurz stehen, orientierte sich und tat dann vorsichtige Schritte vorwärts. Oder seitwärts? Sie war sich nicht sicher, schwankte sie doch ein wenig hin und her, wenn sie gehen wollte. Kurz pausierte sie, so anstrengend hatte sie es gar nicht in Erinnerung behalten.
Obwohl sie sich die Sonne so sehr wünschte, war das kühle Wetter eigentlich besser für sie. Wenn es nur nicht so regnen würde, es fühlte sich an, als ob ihre Knochen rosten würden.
Wieder setzte sie sich in Bewegung, langsamer noch als vorher, kein wunder, dass die Zeit an ihr vorbei schlich, sie bewegte sich schließlich auch nicht mehr schneller vorwärts.

„Midnight, schön dich zu sehen“

Ein flüchtiges Lächeln setzte sich auf ihre Lefzen, ein paar Male schwang die Rute von rechts nach links und wieder zurück. Sie hatte ihn erreicht, mehr oder weniger, schräg stand sie vor ihm, und blieb so langsam stehen, schaute ihn an. Die Augen geöffnet, sie kam sich noch immer komisch vor, wenn sie mit geschlossenen Augen lief, aber den Kopf hielt sie lange nicht mehr so stolz erhoben, wie sie es einst getan hatte.


Konnten ehrlich klingende Worte trotzdem unehrlich gemeint sein?
Mama Kaede hatte versucht sie zu beruhigen, die Worte hatten ehrlich geklungen, waren aber dennoch nicht ehrlich gewesen. Versuchte Ilias hier auch, sie in Sicherheit zu wiegen, obwohl dem nicht so war?
Sie schaute ihn an, entdeckte das Lächeln auf seinen Lefzen und vergaß ihre vorhergehende Überlegung sofort wieder.
Ein solches Lächeln konnte man sich nicht einfach auf die Lefzen zaubern, sie hatte schon viele, gezwungen lächeln sehen, meistens ihre geliebte Mama, dieses Lächeln aber war eindeutig nicht aufgesetzt. Es kam aus der Tiefe des Herzens, es kam mit einer Ehrlichkeit und einer Freude der Liel nicht gewappnet war.
Groß glänzende Augen, weit aufgerissen. Die Verwunderung war ihr wohl ins Gesicht geschrieben. Noch nie hatte sie jemand so sehr angelächelt. Was nicht heißen sollte, dass sie annahm, dass die anderen Wölfe sich nicht mochten, aber eine solche Reaktion auf ihr Handeln, auf ihre Worte.
Dieses Lächeln würde sie immer in ihrem Herzen tragen, diesen Augenblick würde sie immer abrufen können, das Bild würde niemals verblassen, egal was ihr alles passieren würde, egal wie alt sie werden würde. Dieses Lachen und der Satz von Chanuka brannten sich in ihren Kopf, gruben sich in ihr kleines Herz und ließen es vor Freude ein wenig schneller schlagen.
Sie tippelte wieder näher an Ilias heran und pfotete nach ihm. Mit lustig herunter geklappten Ohren schmiegte sie ihren Kopf ganz eng an seine Brust, atmete den nun sehr vertrauten Duft ein, verschloss diese Information in ihrem Gehirn, niemals wieder würde sie an diesem Rüden vorbeilaufen ohne ihn zu bemerken.
Sie trat zurück, ihre Lefzen waren geziert von einem ebenso ehrlichen Lächeln, wie er ihr eben eines geschenkt hatte. Die blauen Augen zeigten die Wärme und die Liebe, welche Liel tief in sich trug.
Sie musste nichts mehr sagen, sie würden losgehen, sie würde ein wenig erzählen. Es würde ihr danach ein wenig besser gehen, ihre Probleme hatte sie jemand anderem anvertraut. Auch würde es ihre in wenig schlechter gehen, denn dieser jemand würde sie dann verlassen. Aber die Welt würde nicht untergehen, sie würde ihn gewiss irgendwann einmal wieder treffen.

„Danke Ilias, für deine Worte!“

Ein wenig blitze der Schalk in ihren Augen auf, immerhin war sie trotz dem ganzen erwachsenem Gerede immer noch ein kleiner Welpe, der noch nicht sonderlich alt war. Sie schielte Ilias an, machte einen kleinen Hüpfer auf der Stelle bevor sie einen weiteren Schritt tat, streckte sie sich ausgiebig, wobei sie ihren Hintern und die Rute steil in den Himmel streckte und lustig damit wackelte. Wobei das ganze eher ungewollt so komisch aussah.
Als sie wieder gerade stand machte sie einen määächtigen Satz und landete sanft auf Ilias Rücken. Nun, zumindest wäre es sanft gewesen, wenn Ilias ungefähr doppelt so breit gebaut wäre. So rutschte sie ein wenig und musste sich wohl oder übel an seinem Fell festhalten, die Pfoten waren dafür noch zu unkoordiniert, deshalb musste sie von ihrem kleinen Schnäuzchen gebrauch machen.
Sie zog nicht stark, aber merklich, an seinem Fell, schob sich zurecht und bellte dann freudig auf.
Von ihr aus konnte es losgehen! Und, da sie ja gleicht starten würden konnte sie wohl auch schon anfangen zu erzählen.
Aber, halt. Es würde bestimmt schaukelig werden, womit sollte sie sich festhalten, wenn sie doch reden wollte? Sie beschloss, dass sie das Gewicht einfach nur gut verteilen musste und ließ somit die beiden linken Beine, oder waren es die Rechten? Ihr war es unglaublich peinlich und sie gab es auch vor niemandem zu, aber sie wusste nicht genau was links und was rechts war. Nun, bei diesem Manöver würde es ja niemand merken, nur ihre Gedanken, die waren aber ja sowieso stille Zeugen von allem.
Auf jeden Fall ließ sie ihre beiden linken Beinchen, oder eben die rechten, an der einen Seite von Ilias hinunterbaumeln und die anderen auf der anderen Seite.
Baumeln konnte man das ganze nicht nennen, denn obwohl Ilias Rücken für den Sprung noch zu schmal gewesen war, jetzt kam er ihr ganz schön breit vor. Natürlich konnte es auch daran liegen, dass ihre Beine so kurz waren. Aber, eher war Ilias breit, an ihr war wohl alles so wie es sein sollte, schließlich waren alle Welpen so. Hm, es war eine etwas eigentümliche Position, aber sie fühlte sich sicher an.
Jetzt konnte es losgehen!

„Ja, ich will dir von meinen Sorgen erzählen.
Mama Kaede, sie ist so ganz anders als so viele andere Wölfe. Sie wirkt immer so müde und erschöpft. Außerdem kenne ich sie nur traurig. Ist das immer so, wenn man alt wird? Weil, sie ist schon määäächtig alt. Viel, viel älter als ich. Mindestens…“
Ja, mindestens was denn? „mindestens dreimal so alt wie ich!“

Ja, wunderbar, das musste es sein, dreimal, das klang richtig viel. Hui, dreimal so alt wie sie war ihre Mama? Das war wirklich schon uralt!

„Na, auf jeden Fall lacht sie gar nicht mehr und sie will immer nur schlafen.
Weißt du, ich glaube sie wird bald schlafen, ganz lange. Bis auch ich irgendwann ganz lange schlafen werde, und dann werden wir beide im Paradies wieder aufwachen, oder was meinst du?“


Sie sagte es ganz sachlich. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass ihre Mutter sterben würde, wahrscheinlich bald schon. Es stimmte sie sehr traurig, aber sie war nicht verzweifelt. Das brachte schließlich auch nichts. Verzweiflung würde keinen von dem Tod befreien, würden es sonst nicht alle tun? Sie drückte ihre kleine Schnauze in Ilias Rückenfell und musste doch ein kleines aufkommendes Schluchzen unterdrücken.


Er lachte leise auf und drehte sich nun zu Averic um. Er missverstand das etwas. Kengo hatte die Welpin nicht entführen wollen. Er hätte sie bloß einmal um den Rudelplatz bei sich haben wollen, als Hilfe denn er kannte sich hier schließlich nicht aus. Dann wäre er weitergezogen. Er wollte ja auch erstmal nur dass Jikken ein Zuhause fand, denn der weiße Lag ihm sehr am Herzen.

"Jikken....Komm, komm näher"

Wisperte er und trat an Averic vorbei auf den Weißen Rüden zu welcher abseits zu warten schien. Er hatte schließlich auch zum Teil auf seinen Freund gewartet. Averic schien plötzlich ebenso uninteressant wie die Welpin mit der er sich vorher unterhalten hatte. Nur noch sein Weißer Freund erschien wichtig für ihn und seine Ohren schnippten nach vorn um auch ja jedes Wort verstehen zu können welches Jikken sagen würde. Seine Rute pendelte locker um seine Hinterbeine und zeugte von unerschütterlicher Ruhe die sowohl seine Blindheit als auch sein Alter mitsich gebracht hatten. Vielleicht lag es aber auch an seiner Vergangenheit die ihm diese Ruhe gegenüber Artgenossen einbrachte. Wer wusste das schon.

"Jikken, mein Freund. Hör zu. Ich will dass du vorgehst und nach der Alpha fragst. Bleib hier und warte auf mich"

Es war kein Befehl eher eine Bitte, auch wenn es nicht so klang, aber er wusste wie Zweifelnd sein Freund war und daher wusste er auch wie er seine Bitten formulieren musste damit Jikken tat was man ihm sagte. Er meinte es ja auch nicht böse mit dem kleineren, er wollte bloß einen Ort für diesen Finden an dem er in Ruhe bleiben konnte ohne Angst haben zu müssen dass er verstoßen würde. Denn das hatten sie oft genug durchmachen müssen. Er wollte es Jikken ein weiteres mal ersparen.

"Ich Komme nach, sobald ich kann."

Sprach er weiter auf den weißen ein und wandte sich dann ab, an allen vorbei. Er spürte wie der Virus in ihm aufbegehrte, wie er sich durch ihn wälzte und nach Freiheit schrie und Kengo hatte keine andere Wahl als dem Drängen nachzugeben.


Der Rhythmus der Pfoten wurde unterbrochen, noch eben hatte er seinem Freund gelauscht, doch nun standen sie und Katsumi ließ seinen Kopf an die graue Schulter sinken. Eine Berührung, die ihn fast von den Pfoten riss, nicht, weil sie ihm unangenehm war, nicht, weil er sie nicht wollte, es war der Schwung der positiven Gefühle, die ihn übermannte. Er würde den Rest des Weges nicht alleine gehen müssen, er wusste, dass er Seite an Seite mit seinem Seelenbruder sterben würde. Ein Weg, den er vorher mit Qual entgegen sah, jetzt ein Weg, den er gehen wollte. Der Zeitwächter würde Banshee überleben und an der Seite des Braunen sterben, es war ganz klar, er erkannte die Richtigkeit. Erst zögerlich erwiderte er die Berührung, doch dann drückte er seinen Kopf auf den des Freundes und verharrte still. Eine seltsame, ihm doch eigentlich bekannte Ruhe trat in sein Wesen. Zwar klammerte er sich weiterhin an seine Jugend, aber es war nicht mehr wegen seinem Kummer, es war das stille Versprechen seinen Freund begleiten zu dürfen und ihn zu beschützen. Der prasselnde Regen wurde gänzlich ausgeblendet und auch die Anwesenheit anderer Artgenossen schien nun in weiter Ferne gerückt zu sein. Es schien nicht mehr kalt, alles bekam Farbe. So eine warmes Braun, welches Katsumi bekleidete. Keine Sonne konnte dieses Wärmegefühl ersetzen, nicht annähernd. Es war immer der Zeitwächter gewesen, der die Wölfe manipuliert hatte um sie für seine Zwecke zu benutzen, nun wusste er, dass es ab hier an nicht mehr nötig war. Er hatte seinen Seelenbruder gefunden.

“Von hier an gemeinsam bis zum Ende, mein Liebster.“, hauchte er leise, doch seine Stimme war klar und fest und die Ehrlichkeit war erschlagend.

Nach einer Weile ließ er sich auf die Hinterläufe fallen, blieb jedoch in der Berührung. Er wollte sie noch nicht aufgeben, wollte den Braunen noch nicht frei geben. Für diesen Moment war der Schmerz fern, sogar der Kummer um Banshee ließ ihn nicht zusammen fahren.
Dann entzog er sich der festen Berührung und sah in die gelben Augen seines Freundes. Das eine matt, das andere glänzend. Eine Wärme, die unheimlich schön war. Ein weiches Lächeln zierte die schmalen Lefzen des Grauen.

“Mein Seelenfreund, meine Geschichte ist lang und verwirrend, aber ich will sie Dir erzählen. Dann gibt es keine Geheimnisse zwischen uns, so wie es sein soll“, für einen Moment hielt er inne. Die Wahrheit bedeutete auch von seinem Plan zu erzählen. Seinem perfiden Plan.
“Ich lebte an der Seite einer Fähe, dessen Namen ich vergaß, in einem Land in dem es keine Regeln gab. Kein Rudel, keine Freunde. Nur mein Bruder, meine ehemalige Gefährtin und meine kleine Tochter Gani“, er hielt wieder inne, suchte nach Worten, die seiner Geschichte nicht ganz den Glanz nehmen würde. “Du musst wissen, mein Bester, ich konnte nicht immer Zärtlichkeit und Zuneigung zeigen, auch meiner Tochter nicht gegenüber. Ich war damit beschäftigt, dass meine kleine Familie in Sicherheit leben konnte, darüber hinaus war ich ein schlechter Bruder, Gefährte und Vater. Gani wuchs alleine auf, keine anderen Welpen, wenig Zuwendung. Doch bis zu diesem Tag, schien Alles irgendwie einen Gang zu gehen. Wie gesagt, bis zu diesem Tag. Unser Land war mit viel Gebirge, Schluchten und Abgründen überseht, kein guter Ort für einen Welpen. Kein guter Ort, um Vertrauen zu verlangen. Ich sah die Mutter meiner Tochter in einem Abgrund liegen, sie war tot. Es kümmerte mich nicht sonderlich, wäre mein Schicksal nicht ihrem so gleichend gewesen.“, wieder machte eine Pause und sah nun zum Himmel. Eine Weile schwieg er und als er die Stimme wieder erhob, war sie belegt, “Ich wurde in den Abgrund gestoßen. Jeder Knochen brach, jedes Organ wurde verletzt. Mein Tod war zum Greifen nahe. So lag ich dort, Stunde um Stunde. Jenseits und Diesseits zerrte an meiner Seele. Ich wollte nicht sterben, erfüllt mit Rachegelüsten und Hass wollte ich den Mörder meiner Gefährtin und meinen ausfindig machen. Wollte mich für meine Tochter rächen, die nun ohne Familie leben musste. Und dann wurde mir ein Angebot gemacht“ er seufzte, als bereue er diesen Abschnitt der Erzählung, “Fenris, der Todesgott machte mir ein Angebot. Mein Leben für Engaya. Ihre Regeln sollte ich befolgen, wenn ich leben wollte, ihre Gesetze achten, wenn mir mein Leben lieb war. Sollte ich gegen diese Abmachung verstoßen und mich zu einem Leben unter seinen Pfoten bekennen, so würde ich keine Wahl mehr haben. Dann würde ein Zwiespalt mich gefangen halten und die Zeit ihre Ketten um mich legen. Ich willigte ein, spürte neues, kräftigeres Leben in meinen Adern. Ich pulsierte und ich hasste. Ich hatte ein Leben geschenkt bekommen und warf es gleich wieder fort“, schnell ließ er den Blick zur Seite fallen, um eine Reaktion aus dem Gesicht seines Freundes erlesen zu können, “Ich war mir sicher, dass ich das Gesicht kannte, welches mich in diesen Abgrund gestürzt hatte. Und meine Rachegelüste schrien nach Vergeltung. Ich tötete meinen Bruder und besiegelte damit das Schicksal des Zeitwächters. Und obwohl ich allen Grund zum zweifeln meiner Taten hatte, wollte ich mir einreden, dass es dieser Rache wert war. Und dann wurde ich zum Wanderer.“, seine Augen schlossen sich. “Ich traf auf dieses Rudel und erkannte, dass es etwas in meinem Leben gab, das ich begehrte. Unsere Leitwölfin Banshee. Wir zeugten verbotener weise Welpen“, jetzt wurde seine Stimme nur ein Abbild von seiner Qual, “Sie starben. Man schenkte ihnen keine Chance. Doch was meiner Geschichte einen irr witzigen Beigeschmack gab, war das Erscheinen meiner ausgewachsenen Tochter Gani. Ich hatte nicht daran geglaubt, dass sie noch leben würde, vergaß fast, dass ich jemals ein anderes Leben gehabt hatte. Sie erzählte mir die Wahrheit“, kraftlos ließ er den Kopf hängen. Wieder suchte er die Nähe seines Seelenbruders. Er ließ seinen Kopf an dessen Schulter sinken und sog den warmen, seltsamen süßen Duft seines Freundes ein. Er schöpfte Kraft, für seine nächsten Worte: “Sie war es, die mich diesen Abhang hinunter gestoßen hatte.“

Seine Stimme brach vollständig. Keine Kraft um seine Trauer noch einmal zum Ausdruck bringen zu können. Er bleib einfach still und ließ sich von der Wärme halten. Nur die Gewissheit, dass er an Katsumis Seite stand und es richtig war, ließ ihn nicht völlig sinken. Beruhigend, dass er nun seinen Platz gefunden hatte.
Abrupt hob er den Kopf und sah wieder in die goldenen Seelenspiegel.

“Ich bin ein schlechter Zeitgenosse. Ich- Du musst wissen... ich habe-“, er stockte und brach ab.


Shani meinte zu spüren, wie ein kleiner Kampf in ihrem Sohn tobte. Reden oder schweigen, beides würde Angst sähen, dennoch meinte die Weiße zu wissen, dass das Reden weit besser sein würde. Denn sie selbst belastete es viel mehr, zu sehen wie jemand leidet und trotzdem nicht helfen zu können, als mit der harten Wahrheit konfrontiert zu werden. Und Rakshee war sicher nicht anders … sie wurde Priesterin, waren da nicht Wahrheiten ebenso wichtig? Immer wieder fuhr sie Jakash mit der Nase durch das Fell, leckte ihm über die Ohren und kuschelte ihre Schnauze in sein Nackenfell. Besonders während er wieder stumm dachte, schien er ihren Beistand zu brauchen, eine Entscheidung richtig zu fällen. Und er tat es. Sowohl mit Rakshee als auch mit Banshee würde er reden – Shani fiel ein Stein vom Herzen. Hatte sie sich doch der Aufgabe nicht gewachsen gefühlt, konnte jetzt aber sicher sein, dass alles gut werden würde. Seinem Blick zu der Leitwölfin folgte sie und musterte ebenso wie ihr Sohn die vielen Fremden mit wenig Begeisterung. Es kamen so viele in ihr Tal … manchmal fragte sich die Weiße, ob man nicht einige wegschicken sollte. Doch darum ging es ihr jetzt nicht, jetzt spürte sie das Nachlassen von Jakashs Mut sofort.

“Sicher wird sie nachher Zeit für dich haben. Im Notfall frage ich sie.“

Ihre Stimme klang warm aber bestimmt. Jetzt, wo sie Jakashs eindeutige Zustimmung hatte, würde sie um ein Gespräch mit der Leitwölfin notfalls kämpfen. Schließlich war die Aufgabe nun klar – Jakash helfen, genaueres über die seltsamen Ereignisse zu erfahren und ihm bei den Tatsachen beistehen. Als er sich aufrichtete, wollte sie ihm zuerst folgen, blieb dann aber doch liegen. Vielleicht sollte er das Gespräch mit Rakshee wirklich alleine führen. Sie würde nur stören. Langsam nickte sie, hielt inne, als er sich leise bedankte und lächelte dann.

“Du weißt, dass ich immer für dich da bin.“ Sie hielt kurz inne, ihr Lächeln wurde etwas trauriger. “Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“

Das meinte sie ehrlich. Er sollte kein schlechtes Gewissen haben, nicht wegen ihr. Noch einmal berührte sie ihn sich streckend an der Nase, dann ließ sie ihren Kopf auf ihre Pfoten sinken und bedeutete Jakash damit, nun am besten zu gehen. Zu Rakshee. Aufmerksam aber ruhig lag ihr Blick auf Banshee.


Caylee war nicht mehr ansprechbar, vollkommen weggetreten. Ihr war furchtbar schlecht, gleichzeitig war alles so schwarz geworden, sicher starb sie nun. Sie hörte und roch auch nichts mehr und flog sie nicht sogar? Alles um sie herum war wie weggeblasen und sie selbst ganz alleine und … tot? Furchtbar traurig war sie geworden, aber sie konnte niemandem sagen, dass es ihr so schlecht ging. Weder Krol, noch Face, noch dem doofen Lunar. Dabei wollte sie doch gar nicht sterben. Nicht jetzt schon.

Face, Lunar und Krolock standen einige Minuten unschlüssig vor der stöhnenden Caylee, die jetzt scheinbar nichts mehr von ihrer Umwelt mitbekam. Es herrschte Unschlüssigkeit, dann begann Face jedoch das einzig richtige zu machen. Etwas unsanft aber nicht brutal drückte er auf ihren Bauch und stupste ihr mit der Nase in den Rachen. Nach nur wenigen Versuchen übergab sich der kleine Welpe und brachte damit einige Stücke der gefundenen Wurzel zu Tage. Gleich darauf viel sie in einen tiefen Schlaf, den Schlaf der Heilung. Der Beta nahm die kleine Tochter seiner Patentochter an sich und suchte Tyraleen, Krolock und Lunar zerstreuten sich.

Tyraleen freute sich ehrlich, als sie sah, dass sie Lucina mit ihrer Frage offensichtlich eine Freude gemacht hatte. Und nicht nur das, die Anwesenheit der Weißen war angenehm, zumindest störte sie Tyraleen nicht wie es bei vielen anderen der Fall war und damit wäre Lucina sicher auch eine gute Weggefährtin. Denn der Weg hinauf in das ewige Eis war kaum einfach und ungefährlich. Wie gut, dass Averic mitkommen würde, er konnte sich sicher noch genauer an alle Einzelheiten erinnern, die Tyraleens Welpengedächtnis längst vergessen hatte. Beinahe hätte sie schon begeistert Pläne geschmiedet, als Lucinas Frage sie nicht nur an ihre Bestimmung, sondern auch an ihre anderen Pflichten erinnerte. Natürlich. Trotzdem verblasste ihr Lächeln nicht.

“Das freut mich. Wir können uns ja mal irgendwann zusammensetzen und Pläne schmieden. Allerdings hast du natürlich Recht … meine Welpen und meine Aufgaben könnten ein wenig im Weg stehen, aber es gibt ja auch noch andere …“

Wieder ließ sie das Ende ihres Satzes in der Luft schweben, ohne ihn richtig beendet zu haben. Was wollte sie eigentlich genau sagen? Andere, die auf ihre Welpen Acht geben konnten? Ja, sicher, die Paten. Andere, die Alpha sein konnten? Weniger … oder schon, aber das wäre für ihre Position nicht gerade vorteilhaft. Tyraleen schob die Gedanken von sich, jetzt müsste sie sich noch keine Gedanken darüber machen. In einer Zeit, in der das Nichts größer und größer und ihre Mutter immer schwächer wurde, würde sie ganz sicher nicht in die Berge wandern. Es gab wichtigeres zum Kopfzerbrechen. Zum Beispiel auch ihre Welpen. Mittlerweile hatte sich nämlich irgendein ungutes Gefühl in ihre Gedanken geschlichen. Ein Gefühl, wie es nur Mütter verspüren konnten, wenn ihre Welpen in Gefahr waren. Dass Lucina zum See unterwegs war, fand sie allerdings schade, gerne hätte sie sie begleiten können, so aber führten ihre Wege wohl in unterschiedliche Richtungen. Sie nickte fast etwas fahrig.

“Ja, die meisten der Kleinen, die auf dem Rudelplatz herumrennen sind meine. Ich glaube, ich muss nun wirklich zurück.“

Sicher hatte Lucina schon die Sorge in ihren Augen entdeckt, auch wenn sie ihr vielleicht unbegründet erscheinen mochte. Schon hatte sich Tyraleen umgedreht, wandte jedoch noch einmal den Kopf zu Lucina, lächelnd.

“Ja, es ist ein schönes Gefühl. Genauso wie das, Freunde zu haben. Ich hoffe, wir reden bald wieder miteinander.“

Damit drehte sie sich endgültig um und huschte zwischen den Baumstämmen hindurch zum Rudelplatz. Dort angekommen sah sie allerlei Welpen herumwuseln und dachte schon, sie hätte sich geirrt, als sie plötzlich Face sah, der auf sie zusteuerte. In seinem Maul hing schlaff und leblos Caylee. Für wenige Sekunden blieb der jungen Mutter das Herz stehen, dann war ihr Pate bei ihr und legte ihr ihre Tochter vor die Pfoten, der winzige Brustkorb hob und senkte sich. Ihr fiel ein Stein vom Herzen.


Face erklärte seiner Patentochter was geschehen war und ließ dann Caylee bei ihrer Mutter zurück. In Sicherheit konnte sie sich jetzt zwischen den Pfoten Tyraleens ausschlafen und die wirre Erfahrung vergessen.

Eine Weile starrte er dem so reglosen Körper seiner wirren, verletzen weißen Freundin nach. Sie war außerordentlich doof. Warum machte sie immer so einen Blödsinn? Es war unerträglich sich Sorgen machen zu müssen und je länger er in den Gedanken versunken schien, desto unruhiger wurde er. Deshalb musste schleunigst eine Ablenkung her. Mit langen Schritten überquerte er den Rudelplatz auf der Suche nach der perfekten Ablenkung. Aber nicht einmal Cirádan konnte er sehen- zu schade, er hatte Lust ihn zu ärgern. Und Liel war mit ihrem Paten beschäftigt. Seufzend sah er sich um, die klaren blauen Augen fixierten eine vertraute Wölfin. Seine Mutter. Ihren Gesichtsausdruck mochte er nicht so recht zu deuten, aber irgendetwas stimmte nicht. Nicht noch einer, der Hilfe brauchte. Und wenn man den alten Herrn mal brauchte, war er nicht da. Also musste natürlich Krolock den Part des starken Rüden übernehmen. War ja kein Problem. Stark war und- ja, ein Rüde auch. Also marschierte er auf sie zu. Natürlich würde sie ihn schon von weiten riechen. Ihre anderen Sinne waren überaus praktisch und gut ausgeprägt.
Neben ihr stand ein schwarzer Wolf. Nur vom sehen her kannte er diesen. Midnight? Könnte gut möglich sein. War er der Grund, warum seine Mutter so seltsam gelaunt war?
Misstrauisch beäugte er den Schwarzen, als er näher kam. Allerdings lag ein leichtes, süffisantes Lächeln auf den kleinen Lefzen. Nein, er war eindeutig keine Gefahr für Kaede.
Schwungvoll setzte er sich neben seine Mutter und sah ihr in die Augen. Eigentlich völlig überflüssig, aber auch sie verdiente den Anstand, dem man einem sehenden Wolf entgegen brachte.

“Hallo Mom!“,

ließ er mit seiner Glocken hellen Stimme verlauten. In seinen Worte lag etwas Samtenes, der seinen Welpencharme unglaublich unwiderstehlich machte. Honig süß lächelte er vor sich hin und schaute von seiner Mutter zu Midnight.

“Du bist Midnight, nicht wahr?“,

fragte er schließlich. Er entblößte die kleinen spitzen Zähne bei seinem breiten Grinsen. Vielleicht wirkte er damit ein wenig zu sehr unschuldig, deswegen beließ er es lieber bei einem leichten Lächeln. Man würde ihm eh nicht abkaufen, dass er keine Dummheit angestellt hat. Und gerade seine Mutter wusste wohl am besten, was ihr Sohn für Gepflogenheiten hatte. Also kein Grund, irgendetwas vorzutäuschen. Obwohl es immer wieder lustig war zu sehen, wie manche Erwachsenen den Kulleraugen eines Welpen nicht widerstehen konnten.


Die Einsamkeit wurde je gestört, als er ein leises Stapfen vernahm. Schwere Schritte, schwerer als die von Isis. Und nur anhand der Geräusche analysierte er den Körperbau, die Größe und das Geschlecht des Störenfriedes. Selbst jetzt noch war es Aryan fast unheimlich, wie präzise seine Sinne funktionierten. Und er wusste genau, worauf diese Sinne spezialisiert waren. Wie kam er schnellst möglich an das Blut. Voller Ekel war er diesen Gedanken ab. Der Durst war gestillt, vorerst. Und tatsächlich schien seine brennende Kehle unter dem Geruch des Artgenossen nicht allzu sehr zu leiden. Praktisch und wichtig, dachte der Schwarze und erhob sich. Zum Glück waren seine Augen nun von einem strahlenden Blau. Äußerlich würde ihn nicht viel verraten können, er musste darauf achten, nicht zu versteinert zu wirken. Ein leichter Augenaufschlag, ein Standwechsel. Hauptsache, nicht zu steif werden. Und was am wichtigsten war: er durfte sich seinem feurigem Verlangen nicht hingeben. Eigentlich verwunderte ihn nur eines: schon wieder kehrte ein Wolf an diesen unbeliebten Ort. Erst die Wüstenwölfin, schließlich der heran schreitende Rüde. Um der Spannung ein Ende zu setzten, trat er dem Ankömmling entgegen. Distanziert, neutral und vorsichtig. Nicht weil er sein Gegenüber fürchtete, sondern weil er sich selbst nicht so recht traute. Immer noch war die Wandlung zu greifbar und das Verlangen stark.

Ein blinder, kleiner und kräftiger Rüde trat zum Vorschein. Schnell wurde sein Erscheinungsbild analysiert. Ein schwerer Abdruck an seinem Hals, als hätte dort lange etwas gelegen, war dem Fell keine Chance zum Nachwuchs gab. Eine verblassende Ziffer an einem Ohr. Deutlich und klar konnte er jedes ergraute Haar des blinden Hünen sehen. Aryan kannte ihn nicht, hatte ihn nie zuvor gesehen, allerdings schien er schon beim Rudel gewesen zu sein, denn ein vertrauter und geliebter Geruch ging von ihm aus. Es machte es etwas leichter, den Hunger- oder besser Durst- zu zügeln. Leichter als gedacht. Er traute der neu gewonnenen Kontrolle nicht und ließ, bevor der Rüde einen Schritt zu weit tat, ein leichtes Grollen verlauten.
Im Gegensatz zu seinem Gegenüber war Aryan groß und dürr. Ein seltsames Bild.

“Wer bist Du?“,

fragte er forsch und durch die zusammen gepressten Zähnen hervor. Bloß nicht zu viel der Köstlichkeit einatmen. Nichts riskieren, kein Blut, kein Durst. Er ermahnte sich und blieb, ganz gegenteilig zu seinem Vorsatz, stocksteif stehen. Wie aus Stein gehauen. Sein kalter Körper war wie aus Marmor. Nur ein Glück war es, dass sein Gegenüber nichts sehen konnte. Und wie unfair, so etwas zu denken.


Der Wald zur einen und der See zur anderen Seite zogen an ihm vorbei, ebenso wie die schemenhaften Gestalten der Wölfe, die sich verstreut überall befanden. Mit gleichmäßigen Bewegungen, als würden die schwarzen Läufe einem eigenen Rhythmus folgen, als würde er sich zu einer Melodie jenseits der Vorstellungskraft bewegen, lief der Nachtsohn noch eine Weile weiter, die blauen Augen auf das Gewässer gerichtet.
Das Nichts. Es kam ihm vor, als wäre es erst gestern gewesen – sein Gedächtnis war, abgesehen von seiner Vergangenheit, die ohne Zweifel immer noch im Dunkeln verborgen war, ausgeprägt – gleichzeitig kam es ihm so vor, als wäre es schon lange, lange her, seit er darüber in Kenntnis gesetzt wurde.
Es kam ihm jedoch nur so lange vor, weil jeder Tag für ihn das gleiche Muster darstellte. Unverändert drehte er sich im Kreise, doch nicht mehr so rasant wie früher, war er es doch leid geworden, etwas hinterher zu jagen, was für immer verloren war.
Diese Erkenntnis hatte etwas unsichtbares in dem Rüden zerbrochen, der nun leicht die Stirn runzelte und sorgenvoll zu dem still gelegenen Ufer blickte. Die Tiere erkannten die Gefahr, doch was war mit dem Lebewesen im Wasser selber? Sie hatten keine Chance zu fliehen., saßen in der Falle und konnten nur noch abwarten.
In seinen Gedanken, die sich leer und träge durch seinen Kopf wühlten, fiel ihm erst dann auf, dass sich ihm jemand genähert hatte, als er eine bekannte Stimme hörte.
Leicht drehten sich die Ohren in die passende Richtung, dann blickte der Nachtschwarze der Fähe entgegen, die sich zu ihm gesellt hatte. Unergründlich war seine Mine, wenn auch von einer höflichen Sanftheit.
Die Betafähe Kaede. Er erinnerte sich an die Blinde, die inzwischen völlig ergraut war. Seltsam.
An ihm war kein einziges helleres Haar zu finden, als würde die Zeit an ihm im wahrsten Sinne vorbei ziehen und ihn unberührt lassen. Nur das er mehr und mehr Lasten zu tragen hatte, seine Nacht, in der er umher irrte, sich nicht erhellte.

Kaede.

, antwortete er leise, als Zeichen, dass er sie erkannt hatte, sie registriert hatte.
Midnights Blick wandte sich von den leeren Augenhöhlen der Fähe ab, in die er – wie bei jedem anderen Wolf auch – hinein blickte.

Das Nichts...

, setzte er an, doch seinen Satz zu vervollständigen brauchte er nicht, schließlich waren die Gedanken der Erwachsenen gleich. Es breitete sich immer mehr aus, wuchs und wurde stärker. Stärker, wie die Alpha schwächer wurde.

Was wird passieren, wenn Banshee und Nyota nicht mehr sind?

Nicht, dass er sofort oder in den kommenden Tagen damit rechnete, es sich wünschte. Doch das dieser Tag kommen würde, war unvermeidbar. Jedoch: Was würde dann geschehen? Sollte sich das Nichts weiter ausbreiten und Banshee mit nehmen, wäre dann gleichsam das ganze Rudel betroffen?
Als sich aus der Ferne eine kleinere Gestalt löste, die direkt auf sie zu kam, hielt der Schwarze jedoch inne, wartete ruhig ab, wer denn da noch zu Besuch käme.
Ein kleiner, schwarzer Welpe. Kaedes Sohn Krolock, sofern er sich richtig erinnerte. Sachte nickte er dem Welpen zu.

Und du bist Krolock.

, stellte er ruhig fest und betrachtete das Grinsen des Kleinen. Was würde aus dieser Generation werden, wenn es das Nichts noch immer gab?


Eine Sorge weniger: Papa Urion kümmerte sich ums Söhnchen, welches zu viele Fragen stellte und – juhu – noch eine Sorge weniger, denn der selbsternannte Herzensbrecher in spe war von den Scheintoten wieder auferstanden. Klasse, dann konnte die Reise nach Jerusalem ja weiter gehen. Oder auch einfach nur ihre Freifahrt in die Hölle. Passenderweise kam nämlich auch noch Tascurio um die Ecke gebogen und das Chaos war perfekt.
Erst mal wandte sich die Schwarze an den Rüden, der scheinbar nichts auf die Reihe brachte, außer noch ein Klotz am Bein zu sein und grinste ihn an – wenn man es denn grinsen nennen konnte. Wäre sie ein Mensch gewesen, hätte sie mit dem Gebiss getrost Werbung für Blend-a-med machen können. So aber war es mehr ein Fletschen, als ein Grinsen, denn der höhnische Charakter dieser Geste war mehr als offensichtlich und sprang einem freudig ins Gesicht.

Leider nein. Das hier ist die Hölle...

.oO(Es riecht ja schon so danach...)

... und...

Mit seinem überhöflichen Gehabe hatte sich Tascani an Urion gewandt, so dass die Fähe den Satz unvollendet ließ.

.oO(Ach, egal.)

Sie hatte sowieso vergessen, was sie sagen wollte, also ließ sie es bleiben und lächelte auf eine ebenso unheilvolle Weise den Welpen an, der förmlich im Schleim stecken geblieben war.

Du brauchst in meiner Gegenwart nicht lügen, Kleiner.

Leicht musterten die regenblauen Augen den Nachwuchsrüden, dann wandte sich die Schwarze an Tascurio, der danach aussah, als wollte er weiter gehen.

Gut, gut. Folgt der Gruppenmama, die euch artig beim Rudel abliefern wird. Dieses herrliche Familienwidersehen will ich nicht unterbrechen.

Ohne noch weiter auf den Opa Wolf samt Sohnemann zu achte, drehte sich der Todesengel um und machte sich wieder auf.
Lange lief sie aber nicht, gerade so weit, als das sie außer Sichtweite für den grauen Berg waren, dann blieb Amáya stehen.

Immer der Schnauze nach, dann kommst du zum Rudelplatz.

Mit dem schmalen Kopf nickte sie noch in die Richtung, dann wollte sie sich abwenden und wieder verschwinden. Ihr war nicht nach Gesellschaft, erstrecht nicht von einer Bagage Idioten. Gerde rechtzeitig hielt sie inne, wandte sich noch ein mal an den Wolf mit Akzent.

Nimm den hier mit.

, und deutete auf den Welpen, ehe sie sich gänzlich umdrehte und dem Versuch erlag, sich schleunigst aus dem Staub zu machen.

Atalya
24.12.2009, 20:13

Nur langsam kam der Druck des grauen Kopfes, umso schneller jedoch die Kraft, die sich durch die Verbindung verbreitete. Konzentriert sog Katsumi den Geruch seiner neuen Freundes ein, speicherte ihn ab an einem Ort, an dem er nie untergehen konnte. Niemals sollte der Braune vergessen, wer Akru war. Niemals. Die Ohren des Fünfjährigen schnippten aufgeregt hin und her, als der Graue ihm die welpischen Wünsche bestätigte, ihm bestätigte, über jeden Abgrund mit ihm zu gehen und jeden Berg zu erklimmen. Seelisch lächelte der Braune, drückte sich noch mehr in das weiche Fell seines Gefährten, konnte nicht genug bekommen. Hede Faser des vernarbten Körpers klammerte sich an ihm fest und erst, als sich Akru wieder Aufrichtete, konnte Katsumi wieder in die blauen Augen sehen. Elegant liess sich auch der Fünfjährige auf die Hinterläufe nieder, lächelte und lauschte. Jedoch wich das Lächeln bei der Geschichte, die Ohren angestrengt Richtung Freund gerichtet, um auch kein Wort zu verpassen. Katsumi blieb still, als Akru einige Momente wartete, sah mit festem Blick zu dem grauen Rüden. Von Trauer überwältigt verstummte die Stimme und der Kopf vergrub sich im braunen Fell. Katsumi senkte sein eigenes Haupt, lehnte am Grauen an, verschloss die gelben Seelenspiegel.

"Deine Geschichte berührt mich sehr, mein Liebster. Ich fühle mit dir, teile den Schmerz mit dir. Fortan gibt es nur uns. Keiner von uns soll nochmals solch ein Leid ertragen müssen... Nie wieder."

Fest war die stimme, bestimmt war sie. Mitleid. Geteiltes Leid war halbes Leid, wie es so schön hiess. Und es war wahrhaftig so. Es stimmte, denn miteinander fühlen, sich verstehen, sich eine Stütze sein, erleichtert alles. Lässt zwar Schmerz nicht verschwinden, doch verringert ihn, macht ihn erträglich. Erträglich für den neuen Abschnitt im Leben. Dafür also wurde Katsumi vom Leben getrieben. Deshalb konnte und konnte der Braune nicht sterben, als er es wollte. Akru war – um es korrekt auszudrücken – daran schuld, denn sein e Seele brauchte eine Stütze. Doch eigentlich stimmten die Worte nicht, denn Katsumi war dankbar, dass sein Schicksal ihn so mühsam und auch gewalttätig durch das Diesseits beförderte, um auf den grauen Rüden zu treffen. Er wurde geboren um diesen Weg zu gehen und an Akrus Seite zu verweilen. Es ergab Sinn. Und er war da. Bis ans Ende, bis zum letzten Atemzug.
Schnell riss Akru sein Haupt aus der Verbindung, sah direkt in die gelben Augen Katsumis und Katsumi in die blauen Akrus. Trauer, Wut. Ein Gefühlschaos spiegelte darin. Kaum versagte die Stimme des grauen Rüden wusste der Braune auch ohne jegliche weitere Töne, ohne ein weiteres Wort, wie der Satz geendet hätte. Bei jedem anderen Rüden, bei jedem anderen Wolf, hätte Katsumi Abschaum empfunden. Doch nicht hier, nicht bei Akru. Akru war anders. Akru war besonders. Akru war Akru. Und Akru verstand Katsumi und Katsumi Akru. Braun und Grau. Auf dem Weg in ein besseres Ende. Zusammen. Über den Abgrund hinweg, als Ziel die ruhende Seele.


Nun also war er im Sumpf angekommen und das erste was ihm unter die Augen kam war ein junger Wolf. Naja Sehen war so dahergesagt, eher unter die Nase wenn man es genau nahm. Und irgendwie hatte Kengo auch so die Ahnung dass der Jüngere nicht unbedingt in guter Stimmung war. Seine braungrauen Ohren schnippten nach vorne und er schleckte sich über die Lefzen. Es fühlte sich fast an wie früher als er Jikken begegnet war, mit dem Unterschied dass Jikken nicht so unfreundlich gewesen war. Aber Jikken war nun auch schon Älter und ein wenig hatte sich der Weiße verändert, nicht viel aber doch einiges seit Satori von ihnen gegangen war.

"Na na immer sachte Jungchen. Wer wird denn hier gleich so unfreundlich sein? Kein Respekt vor dem Alter. also die Jugend heutzutage...."

Während er so vor sich hinschimpfte, lächelte er jedoch denn er hatte nicht vor den anderen zu provozieren auch wenn der Virus in ihm tobte und nach Tod und Verderben schrie, er hatte schließlich gelernt damit zu leben und es zu kontrollieren. Er war schließlich kein unkontrollierbares Monstrum wie manch andere die er kannte. Nein er hatte es geschafft zumindest ein wenig Normal zu bleiben und das würde er nun auch durchsetzen. Er wirkte jedoch nicht unfreundlich, eher neutral. Schließlich war er weder Freund noch Feind für den Jüngeren. Und Letzteres wollte er nicht sein, nie wieder für irgendwen.


Er schnappte nach Luft- ein Fehler. Der süßliche Geruch des Blutes stieg ihm schlagartig zu Kopf. Auch wenn der Andere ihn nicht sehen konnte, riss er die Augen auf und legte einen Fang reflexartig über die Schnauze. Nicht atmen, nicht den Geruch, befahl er sich. Nun war es mit dem Rest seiner Bemühungen dahin. Jetzt war er aus Marmor, jetzt war kein Leben mehr in ihm. Kein Atemzug, kein Herzschlag. Nur das schiere Verlangen nach Blut um das Brennen in seiner Kehle zu löschen, und die Sehnsucht, dass dieser Schmerz aufhörte. Doch er rührte sich nicht, ging nicht auf die leicht hin gesagten Worte ein. Ließ nur ein leises, diesmal dunkleres Grollen verlauten. Wie sollte der andere Rüde schon wissen, was in Aryan vorging? Er konnte die abnormalen Züge nicht sehen, konnte keine Reaktion wahrnehmen, als dass er daraus hätte schlau werden können.

“Respekt hin oder her- wer bist Du?“,

die dünne Luft in seinen Worten dämpfte die Stimme, ließ ihren schönen Klang aber nicht schwächen. Nur langsam entspannte er sich und ließ den Lauf wieder zu Boden sinken. Es war nicht mehr so schlimm, für den Augenblick. Solange er keinen unüberlegten Atemzug tat.

“Oder besser gefragt: was suchst Du im Sumpfgebiet, wenn Du auch beim Rudel sein könntest?“,

ja, in seinen Worten schwang Unmut mit. Fast Eifersucht. Wie konnte man auf die Gesellschaft eines Rudels- seines Rudels- verzichten wollen, um alleine zu sein? Im Augenblick war es dem Schwarzen ein Rätsel, allerdings auch nur, weil er nicht mehr zu ihnen konnte.
Andere Frage an sein Gegenüber ließ er vorerst fallen. Wenn der fremde Hüne Glück hatte und überlebte, ergab sich sicher noch Gelegenheit mehr über sein seltsames Erscheinungsbild zu erfahren. Nur jetzt war wichtig, dass er nichts Unüberlegtes tat. Wenn es nur so einfach wäre.


Auf den Boden gedrückt blinzelte die kleine Fähe zu ihrem Vater hoch, den fang zu einem Lächeln verzogen. Die kleine Rute wischte ohne Pause über den Boden und ihre Ohren waren aufmerksam aufgestellt. Kengo war jetzt gerade uninteressant, erst mal musste sie das hier klären. Aber zuerst antwortete Chanuka, der natürlich auch wichtiger war als der Fremde hinter ihr. Den Kopf zur Seite geneigt wandte sich Atalya zu ihrem Bruder, der nun unter ihrem Vater und vor ihr stand. Kurz überlegend lächelte sie dem Schwarzen zu. Hm, was sollte sie darauf nun antworten?

“Ich hatte keine Angst und wollte mal sehen, wer da so im Wald herum irrt. So konnte ich Oma Banshee helfen!“

Prompt ausgesprochen strich ihr Vater ihr über den Rücken, woraufhin sie den Kopf wieder zu ihm hoch wandte. Hah! Er war also nicht böse. Und dann war er auch schon weg. Nur wenige Schritte – für ihn zumindest. Erst wollte sie an seine Seite springen – entschied sich dann aber bei ihrem Bruder zu bleiben. Ruhig erhob sich die kleine Fähe, schüttelte kurz den Dreck aus seinem Fell. Mit einem kleinen Satz war sie bei Chanuka, stellte sich an seine Seite und blickte zu ihrem Vater und Kengo. Zcale war eigentlich schon vergessen.

“Papa ist ja hier, er beschützt uns. Wir müssen gar keine Angst haben. Auch nicht hier, im Wald. Und Oma Banshee würde auch kommen, um uns zu retten. Bestimmt. Also ist es doch ok, ein mal in den Wald zu gehen. Wenn ich groß bin, nehme ich dich mit! Dann gehen wir zusammen in den Wald! Was meinst du dazu, Brüderchen? Dann beschützen wir uns gegenseitig, ok?“

Vorsichtig zupfte die Graue ihrem Bruder am Ohr, stupste ihn dann sachte an. Was ihr Vater mit dem alten Wolf besprach hatte sie derweil überhört. Nur gelegentlich hatte sie das Wort „Fenris“ wahr genommen. Alle redeten darüber. Aber was das genau war.. naja. Und dann war da noch dieser Weiße, den sie jetzt zum ersten mal ansah. Der schien Kengo zu kennen. Wieder neigte sich Atalyas Kopf zur Seite, nun sah sie zwischen den drei Erwachsenen hin und her. Aber ehe sie noch viel darüber nachdachte, wer nun dieser Weiße war, war ihr Vater schon wieder bei ihnen. Und dann war da die Stimme ihres Vaters – und wieder Fenris. Atalya scmunzelte, hob den Blick dann zu dem großen, schwarzen Wolf.

“Papa? Erzählst du mir was über.. Fenris. Alle sagen das. Aber ich weiß immer noch nicht, was das ist. Ist es hier? Kann ich es sehen oder berühren? Oder kannst du mir zeigen, wo es ist? Chanuka, willst du es auch sehen?“

Mit einem Grinsen wandte sie sich wieder ihrem Bruder zu, stupst ihm gegen die Schnauze und hob den hellen Blick dann wieder zu ihrem Vater.


Er schnaubte und trat etwas näher auf den anderen zu. Angst hatte er keine, schließlich wusste er dass der andere verrecken würde wenn er ihn biss und mit seinem Blut in Berührung kam. Er hatte es einmal erlebt und wollte es den anderen Wölfen einfach ersparen, elendig am Fenrisvirus zu krepieren. Die Rute hob sich ein wenig und seine Haltung wurde Ernster. Aggressiver und wilder. Der Virus hatte etwas an Kontrolle gewonnen, jedoch nicht genug um aus dem Blinden ein beißwütiges Monstrum zu schaffen welches er eigentlich sein sollte. Sollte. Aber nicht war, denn er hatte lange Zeit Gelegenheit gehabt, sein Übel zu bekämpfen und zu lernen es zu kontrollieren.

"Spiel dich nicht so auf. Ich bin allein, habe nur einen Freund hierherbegleitet. Nun jedoch habe ich Zeit und Raum für mich gesucht. Ich wusste nicht dass außer mir noch andere die Abgeschiedenheit des Sumpfes suchen. Jedoch will ich dir raten mich nicht zu beißen oder mit meinem Blut in Berührung zu kommen. Ich will schließlich nicht dass zu verreckst wie ein Kaninchen das von einer Schlange gebissen wurde."

Gab er dem anderen Auskunft ohne sich selbst vorzustellen. Das würde noch kommen, sobald er den Geruch des anderen sorgfältig geprüft und zerlegt hatte. Er wollte schließlich wissen um wen es sich bei seinem Gegenüber handelte. Soviel stand fest. es war ein Rüde, jünger als er selbst und er schien ein Problem zu haben denn Kengo konnte nicht hören dass er sich bewegte oder dergleichen. Und Kengo's Ohren waren sehr fein, als Ausgleich gegen seine Augen. Und auch seine Nase war Ausgleich dafür. Doch das konnte manchmal auch täuschen, denn wenn der Virus um Kontrolle kämpfte, spielten seine Sinne verrückt und manchmal hatte er das Gefühl wieder sehen zu können was jedoch nur eine Illusion war. Eine Schöne Illusion, nichts weiter. Leider.


Als der Andere sich bewegte, rührte er sich immer noch nicht. Erstaunlich war, dass der blinde Hüne die Richtung in der Aryan stand, korrekt erfasste. Vielleicht mochte es nicht schwer sein, wenn man einen normalen Wolf getroffen hätte, bei dem Schwarzen konnte man es nicht anhand eines Lebensgeräusches festmachen. Vielleicht war es der verführerische, süßliche Geruch, der ihn fremdartig umhüllte. Ein Geruch, der einladend wirkte. Er selbst hasste ihn, er hasse die schwarzen Augen, die Schnelligkeit, die Kraft, den leblose Körper, den Durst. Er hasste alles an seiner Wandlung.
Er fand nicht genügend Zeit um weitere Gedanken an seinen augenblicklichen Zustand zu verschwenden, denn der Rüde fand zu Wort und das, was er sprach entlockte dem Jungrüden nur ein leises Zischen. Abgeschiedenheit suchen? Eine verrückte Idee. Warum wollte man einsam sein, wenn man zu anderen Wölfen konnte? Warum schmiss dieser alte Drecksrüde ein Leben in Gesellschaft weg, wenn er es doch haben konnte? Nicht gut, dachte der Hüne. Schon wieder war er im Begriff sich leiten zu lassen, die provozierenden Worte des Anderen als einen Anlass zu nehmen, um an sein Blut zu kommen.
An seinem Blut verrecken? Wohl kaum. Wie konnte man sterben, wenn man nicht lebte? Sollte er es auf einen Versuch ankommen lassen? Nein, ermahnte er sich.
Sekunde um Sekunde verstrich. Kein Atemzug, kein Herzschlag, keine Bewegung. Der blinde Rüde hätte genauso gut vor einem Stein stehen können. Vielleicht wäre das sogar ergiebiger gewesen.

“Zu gern würde ich von Deiner Drohung Gebrauch machen wollen“,

ein gequältes Lachen kam über die gekräuselten Lefzen. Ein herrlicher Ausdruck, ein schmerzerfüllter, ein süffisanter. Keiner konnte seine schöne Mimik sehen und dem verfallen. Ein Glück, dass es selbst der Hüne vor ihm nicht konnte.

“Doch ich will kein Monster sein“,

jetzt war er sich nicht sicher, ob der Andere hatte ihn hören können. Er hatte so schnell gesprochen und so leise, als ersuchte er eine andere Frequenz.
Einen Schritt ging er rückwärts, bevor er wieder erstarrte und in seiner steinernen Haltung Platz fand. Was würde der Andere denken? Normal war Aryans Verhalten, trotz der Mühe nicht.


Chanuka hatte die Ohren zu den Erwachsenen gedreht, sah aber seine Schwester an. Verständnislos betrachtete er sie und ließ sich ihre Antwort durch den Kopf gehen, die eigentlich gar keine war. Nachdenklich legte er den Kopf schief und wechselte schließlich die Seite, als ließe sich so leichter eine Antwort finden. Er fragte sich, wie Atalya das gemeint haben könnte, dass sie Banshee half, wenn sie in den Wald ging.

“Weißt du denn nicht, dass du… Banshee damit gar nicht hilfst, wenn du einfach wegläufst und sich alle Sorgen machen, weil dir etwas passiert sein könnte? Dich könnte jemand angreifen, ob du Angst hast, oder nicht und bevor jemand kommt, um dich zu beschützen.“

Sie schien ziemlich leichtfertig mit ihrem Leben umzugehen. Es war ihr wohl nicht so wichtig. Andererseits wusste Chanuka, dass auch seine restlichen Geschwister mit dieser unvorsichtigen Einstellung geboren worden waren. Unzufrieden betrachtete er sie und fühlte sich nicht ernst genommen, als sie davon Sprach, dass es nicht schlimm war, einfach auszureißen.

“Wenn ich groß bin, brauch ich niemanden mehr, der mich beschützt.“

Skeptisch schielte er zu ihr, als sie ihn am Ohr zupfte. Aber er wollte jetzt nicht beschwichtigt werden, oder einfach heiter herumtoben. Trotzig saß er da und wandte den Blick zu seinem Vater, der auf den Fremden zugeschritten war. Dieser ließ sie dann aber einfach kommentarlos stehen, woraufhin sich Chanuka empört aufplusterte.

“Der ist aber unhöflich!“

Schimpfte er, ohne dabei Rücksicht darauf zu nehmen, ob man ihn gehört hatte, oder nicht. Sollte der Fremde nur wissen, dass er bleibenden, schlechten Eindruck hinterlassen hatte. Verärgert stapfte er um Averic herum und sah dann neugierig zu seiner Schwester, die die Frage über Fenris hervor brachte, die ihn auch brennend interessierte. Wissbegierig sah er seinen Vater an und setzte sich sogleich, in der Hoffnung, es handle sich um eine längere Geschichte. Der Zorn war schnell vergessen, während die unverblümte Neugierde eines jeden Welpen hindurch brach und ihn ganz für sich einnahm.


Er schnaubte erneut und schüttelte sich ehe er sich auf die Hinterbeine sinken ließ und den Kopf anhob. Die Zeit um die beiden Rüden schien langsamer zu vergehen oder fast stillzustehen, als würde eine unsichtbare Hand den Zeiger der Zeit festhalten um zu verhindern dass sie aufeinander losgingen. Und doch lag eine unermüdliche Ruhe im Tun des Braunen Rüden. Er brauchte keine Angst haben, fürchtete sich nicht vor dem Jüngeren.

"Glaubst du, ich wüsste nicht was dein Problem ist Jungchen? Ich kenne dein Leid, ich weiß wie furchtbar es ist dem Hunger zu verfallen und daher aus Furcht deine Familie allein lassen zu müssen. Deshalb bist du doch hier oder nicht? Ich kenne das. mir selbst geht es ja nicht anders. Ich will auch kein Monster sein, genausowenig wie du"

Seine Worte verließen die Kehle, eins nach dem anderen. Ruhe strahlte von ihm weg, hüllte beide ein und schirmte sie vom Rest der Welt ab, denn hier ging es um das Leben des Schwarzen und warum sollte Kengo ihn nun allein lassen? er hatte das selbst auch durchgemacht, er wusste wie grausam es sein konnte. Er selbst hatte damals seine Eltern im Rausch getötet und daher kannte er die Konsequenzen des Durstes zu genau um den Jüngeren im Stich zu lassen, auch wenn er ihn nicht kannte


Stille legte sich um die Rüden, eine drückende Ruhe strahlte der Braune aus. Sie schien Aryan zu erniedrigen, zu erfassen. Es demütigte ihn zu sehen, dass der Andere diese Ruhe besaß. Viel mehr, als es wohl jeder andere Artgenosse getan hätte, wenn er dem Schwarzen begegnet wäre. Frustration keimte in ihm auf und ließ ihn nicht mehr los. Warum war Alles so ungerecht, so unausgeglichen? Hatte er es sich jemals gewünscht? Er war besser, schneller, kräftiger, schöner und anziehend. Und wofür? Ein Leben in Einsamkeit.
Kurz holte er Luft, nur leicht keimte der Durst nach dem süßlichen Blut auf, er wischte es weg. Der Zorn über sich selbst, hielt ihn nach wie vor auf Abstand. Und als der Braune wieder sprach, zeigte er das erste Anzeichen von Leben. Das Nackenfell stellte sich wie aus einem Reflex auf. Das konnte sein Gegenüber nicht sehen, brauchte er aber auch nicht. Denn die nächsten Worte von dem Junghünen waren mit Frust durch fressen.

“Du weißt gar nichts“,

nicht mehr als ein Zischen. Doch der Unterklang war deutlich voller Abneigung. Frustriert über diese einfache Feststellung des blinden Wolfs war ihm zu einfach. Wie konnte er behaupten, dass er dieses Schicksal kenne? Unmöglich, niemand befand sich in dieser aussichtslosen Lage und versuchte sich krampfhaft an jedem rettenden Seil zu klammern.

“Wer bist Du also, dass Du behaupten kannst mein Schicksal zu teilen? Hat es was mit der Ziffer an Deinem Ohr zu tun? Was soll Dir widerfahren sein, als dass Du Dich mit einer leblosen, mörderischen Kreatur wie mich vergleichst?“,

er legte nun all seinen Zorn und Verzweiflung in die klangvolle, schöne Stimme. Immer noch wie ein Stein. Kein weiterer Atemzug, kein Herzschlag. Nichts. Zu gerne hätte er sich von der Ruhe des Braunen mitreißen lassen wollen, doch die Unbekannte in seinem neuen Leben war zu groß. Kein Risiko.


Jakashs Lächeln wuchs etwas, dann nickte er kurz und bedeutete seiner Mutter damit zweierlei: Erstens war er einverstanden damit, dass sie im Falle des Falles Banshee um eine Gespräch bat und ihn selbst damit Zwang, sein Vorhaben auch wirklich in die Tat umzusetzen. Es war besser so, Jakash spürte selbst, dass es nur weniger Zweifel bedurfte um ihn wieder von seinem Entschluss abzubringen. Und zum Zweiten bejahte er damit, dass er um ihre Fürsorge wusste. Jetzt gerade vielleicht mehr als je zuvor, denn war es für einen Welpen nicht selbtverständlich, von der Mutter geliebt und umsorgt zu werden? So selbstverständlich sogar, dass die liebevollen, gut gemeinten Gesten und Worte nervend oder störend wirkten. Erst jetzt, da er Hilfe von sich aus suchte und Schutz und Geborgenheit bei seiner Mutter fand, begriff er wirklich, welches Glück er damit hatte.
Der junge Rüde stand auf und neigte den Kopf zu seiner Mutter herab. Rieb seine Wange gegen die Ihre, und leckte ihr dann ein paar Mal zärtlich über das Gesicht. Dann wandte er sich um und schritt davon. Es bedurfte keiner weiteren Worte.
Suchend glitt sein Blick ein weiteres Mal über den Rudelplatz, strich über die weiße Alpha hinweg und wanderte weiter. Seine Tante Nyota konnte er nicht entdecken, fiel ihm auf, ebenso wie Rakshee. Jakash lief in Richtung des Sees, hielt dort inne, und sah von dort aus erneut über die weite Lichtung. Wölfe, Wölfe Wölfe. Ein riesiges Rudel, aber Jakash kannte es gar nicht anders. Und es kamen immer wieder Neue, so wie andere gingen. Wie seine beiden Schwestern und sein Vater... Der schwarze Jungrüde schüttelte den Gedanken ab, und sein Blick fiel dabei endlich auf Rakshee. Sie befand sich am Waldrand mit noch zwei anderen Wölfen. Jakash setzte sich in Bewegung und lief auf die kleine Gruppe zu, wurde jedoch wieder langsamer, nachdem er die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hatte. Langsam nun schritt er auf die Gruppe zu, und beobachtete dabei aufmerksamund furchtsam, ob sich die Wölfe oder die Umgebung wieder verändern und verzerren würden. Unsicher lauschte er in sich hinein, suchte nach Anzeichen eines neuerlichen Ausrasters, von dem er nicht wusste, ob er ihn rechtzeitig würde bemerken können, um sich umzudrehen und davon zu laufen. Näher und näher kam er dabei den drei Fähen, von denen die Weiße sich als Aradis entpuppte und die Schwarze... vage vertraut erschien. Jakash war da nicht sicher, konnte ihrem Aussehen keinen Namen zuordnen, doch ihr Geruch weckte in ihm das Gefühl, sie ebenfalls zu kennen. Etwas zwei Wolfslängen entfernt verharrte er schließlich, grüßte Aradis und die 'Fremde' mit einem angedeuteten Nicken und sah dann seine Schwester an.

"Können.. wir uns unter vier Augen unterhalten?"

Ob er die Drei gerade störte oder nicht, spielte für ihn keine Rolle. Er hatte gerade JETZT den Mut für dieses Gespräch, also musste er diese Chance JETZT nutzen...


Seine Gedanken wollten ihn einfach nicht loslassen. Und auch der weiße Nebel in der Ferne beunruhigte ihn. Bevor es ihn noch ganz verrückt machte, entschloss er, endgültig dort hin zu gehen. Vielleicht war es ja wirklich nur einfacher Nebel und nicht irgendein Geist, der jedem Angst einflösen wollte. Mutig schritt er voran, sodass das weiße Etwas immer großer wurde. Jetzt pirschte er sich nur noch langsam wie ein Tiger an. Die Bäume und alles um sich herum nutzte er, um sich hinter ihnen zu verbergen. Schließlich wusste er nicht, womit er es da zu tun hatte. Außerdem…wussten die anderen schon davon? Hatten sie es auch schon entdeckt? Jedenfalls wäre es wohl sinnvoller, wenn er von seinen Erlebnissen berichten würde. Wieder näherte er sich langsam. Doch dort vor seiner Nase schien sich nichts zu bewegen. Außerdem schien es auch nicht so, als ob das weiße ihn angreifen würde. So ging er mutig immer weiter, bis er genau vor dem Nebel stand. Aber nein, das war kein Nebel! Nebel war durchsichtig und nicht schneeweiß. Mit der Nasenspitze traute er sich für einen Moment, das Weiß zu berühren. Schreckhaft zuckte er zurück. Was um Himmels Willen war das?

.oO(Es ist weiß…aber kein Schnee! Nein, denn das ist jetzt die falsche Jahreszeit. Und es ist auch nicht nass und schimmert und glitzert auch nicht im Glanz der Sonne. Es ist so rein! Und irgendwie passt es auch gar nicht hier her. Als wäre es von einer anderen Welt. Was tut es bloß hier. Hat es die Bäume und den Untergrund gefressen?)

Ungehalten ging er um den Nebel herum und beobachtete ihn ununterbrochen dabei. Dann blieb er ruckartig stehen. Mit einem bösen Blick herrschte er den Nebel an. Dann ging er auf ihn zu, mitten ihn den Nebel trat er ein. Einen Schritt zuckte Takashi nach hinten, weil er ein wenig Angst vor der fremden Erscheinung hatte. Doch dann blieb er mutig in dem Weiß stehen. Es war wirklich nicht wie der Nebel, der langsam immer durchsichtiger würde. Takashi schien hier im weiß zu stehen, durch was man aber sehen konnte. Er sah zu Boden. Er stand auf…weiß! Unruhig trippelten seine Pfoten auf dem ungewöhnlichen Untergrund hin und her. Seine Nase sank zu Boden und beschnupperte aufgeregt den Untergrund. Es war geruchslos. Er wankte vor und zurück – in das Weiß und wieder hinaus. Neugierig musste er immer wieder den Boden unter sich betrachten. Er war wegen seiner Entdeckung ganz aufgeregt. Jetzt war es aber Zeit, den anderen davon zu erzählen. Wem wohl zuerst? Urion! Der musste mal auf andere Gedanken kommen! Aber wo war er denn bloß? Takashi streckte die Schnauze in die Höhe und nahm die Fährte Urions auf. Er schien nicht alleine zu sein; egal! So trabte er los und wollte diese Neuigkeit zu aller erst Urion berichten. Es ging in Richtung Waldrand. Dort angekommen war Takashi zuerst noch ganz glücklich. Doch als er Cirádan erblickte, der sich in das Fell seines Papas Urions eingekuschelt hatte. Etwas war anders an ihm. Er hatte sich verändert. Sein Auge!

.oO(Scheiße! Wer hat ihm das bloß angetan? Was ist passiert?)

Aufgebracht und sorgevoll sah er den Welpen an. Sollte er jetzt besser den Mund halten oder doch einfach fragen?


Rakshee hatte voller Entsetzen den Wolfsberg angestarrt, als plötzlich Jakash bei ihnen war. Rakshee warf noch kurz einen Blick zu Aradis und der Kisha die nicht Kisha sein wollte. Das ernstgemeinte Spiel gefiel ihr ganz und gar nicht, und so war sie dankbar in Jakash eine Fluchtmöglichkeit zu finden.

"Klar!"

antwortete sie, eine Spur zu euphorisch, und nickte den zwei Fähen nocheinmal zu, Aradis etwas länger ansehend. Die Weiße würde schon wissen was sie da tat...hoffte sie, und war schon neben Jakash angelangt, nur um ihn sanft mit der Nase an die Stirn zu stubsen und geradewegs an ihm vorbei in Richtung Wald zu laufen. Dort war die Chance ungestört zu bleiben erheblich größer als hier, insbesondere was die Welpen anging... Wo war eigentlich Caylee gerade?
Rakshee lies ihren Blick über den Rudelplatz schweifen, konnte sie aber nicht entdecken. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte sie Tyraleen, zwischen deren Läufen etwas Weißes lag - das musste sie sein. Mit einem letzten Blick zurück trat sie nun zwischen die Bäume, und führte ihren Bruder ein Stück in den Wald. Die Bäume waren hier noch nicht allzu dicht, zwar konnte man nicht besonders weit sehen, aber bevor jemand in Hörweite kam würde man ihm ausweichen können.
Die Braune wand sich zu Jakash um, ein scheues Lächeln auf den Leftzen. Sein Zögern vorhin war ein eindeutiges Indiz gewesen woüber er mit ihr sprechen wollte - es gab sonst nichts zwischen ihnen dass ihren Bruder hätte verunsichern können.

"Bist du dahinter gekommen?"

fragte sie einfach genau das, was ihr auf der Zunge lag, und setzte sich auf den weichen Waldboden, der nicht ganz so feucht war wie der Boden am Rudelplatz.
Sie zumindest hatte noch keine Erklärung für den Vorfall gefunden - wie auch, von etwas vergleichbarem hatte sie noch nichteinmal gehört...


Banshees Blick verfolgte die Regungen des Neuen genau, das aufblitzende Lächeln, das seine Zähne nicht verbarg und ungefähr so fröhlich wirkte wie der fette Rüde. Sie kam nicht umhin, den Fremden wenig sympathisch wenn nicht unsympathisch zu finden. Er hatte etwas Überlegenes an sich, was sicher nicht angebracht war, wenn man sich soeben einer Leitwölfin vorstellte. Sie würde ihm im Auge behalten – und sie war sich sicher, dass der Rüde über diese Tatsache bescheid wusste. Seine Antwort fiel aber nicht unfreundlich aus, er stellte lediglich klar, dass das Rot seiner Augen natürlich war – so wie bei ihrer Enkelin Kursaí. Es war eine seltene Augenfarbe, aber sie kam vor und Banshee machte sich nichts groß daraus. Viel interessanter war dagegen die Reaktion des Melierten auf den fetten Rüden. Er schien ganz offensichtlich höchst angewidert, was Banshee aus irgendeinem Grund störte. Eigentlich war es verständlich, dass man auf einen solch seltsamen und nicht einmal freundlichen Wolf, abgeneigt reagierte, doch der Ausdruck des Neuen war mehr als das. Ohne viel zu interpretieren ließ sie sich gleich darauf bereitwillig von seinen Worten ablenken, die ebenfalls höflich waren. Er bat sogar um Verzeihung für etwas, das sie ihm sicher nicht verzeihen musste.

“Willkommen im Tal der Sternenwinde, Cocaine. Bleibt bei uns, so lange ihr wollt, achtet jedoch unsere Regeln. Mehr verlange ich nicht.“


Nach einigem hin und her war schließlich auch Mochi Cake vorgestellt und das Verweilen erlaubt worden. Auch wurde er auf eine zwei Tage alte Beute im nördlichen Wald hingewiesen, bei der er möglicherweise noch ein wenig Fressen finden würde. Banshee zog sich aus dem Trubel zurück und kam zu Tyraleen, die schlummernd über ihre schlafende Tochter wachte. Die weiße Leitwölfin legte sich zu den beiden und ruhte ein wenig.

Er blieb ruhig. Jegliche Emotion war aus ihm gewichen. Nur die unerschütterliche Ruhe blieb und hüllte sie ein, schirmte sie von der restlichen Welt ab und alles schien stillzustehen. Er konnte den Schwarzen verstehen, erkannte er sich in dem Jüngeren selbst wieder. Er hatte diese Phase auch einst selbst durchgemacht, mit dem einzigen Unterschied dass er damals nicht hatte fliehen können. Die Ohren legten sich nicht zurück aber die Haare seiner Rute stellten sich lautlos auf und er hob die Lefzen zeigte die Zähne, die trotz allem noch scharf wie eh und je waren.

"ich will dir eine Geschichte erzählen, Jungchen. Die Geschichte handelt vom Durst und der Konsequenz wahnsinnig zu werden. Also über das was du durchmachst. Jetzt. Gerade. Es ist die Geschichte eines Wolfes der eigentlich keiner ist und doch so viel mehr als jeder andere Wolf der auf Erden wandelt. Es ist Meine Geschichte. Ich scheine zwar ein Wolf zu sein, aber ich bin mir nicht sicher ob ich wirklich einer Bin. Meine Bestimmung war es einst zu töten, Tod und Verderben auf die Welt zu bringen. Darum lebe ich. Deswegen ist mein Blut giftig für jeden. Daher solltest du auch deine Zähne bei dir behalten Kleiner. Ich bin erschaffen worden, denn eine Geburt kann man das nicht nennen. Die Ziffer an meinem Ohr? Nun das ist eigentlich mein Name, der Abdruck um meinen Hals stammt von einer Kette. Mein Leben ist das Werk der Menschen, sie haben uns gezüchtet, Generationen von lebendigen Massenvernichtungswaffen, Bio-waffen auf 4 Pfoten. Und manchmal überkommt es mich und ich muss töten, deswegen bin ich zum Sumpf hier her gegangen, nachdem ich Jikken bei den Fremden zurückgelassen habe...deswegen habe ich meine Eltern auf dem Gewissen und deswegen weiß ich dass du bist wie ich und ich weiß dass du den Durst bezwingen kannst."br>

Seine Stimme war sanft geworden, sanft, bestimmt, unerschütterlich ruhig. alles an ihm strahlte Ruhe aus und er erhob sich, trat dicht an den wie aus Marmor gehauenen schwarzen Jungrüden heran, legte seinen ergrauten Kopf dicht an die Schulter des schwarzen und brummter beruhigend während seine Nase durch den Pelz des anderen glitt, wieder und wieder über dieselbe Stelle, beruhigend und ermahnend zugleich. Wie ein Vater bei einem Welpen
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Es war eine Geschichte voller Grauen- ohne Anfang und ohne Ende. Warum sollte der Hüne diesen Weg gegangen sein? Warum hatte man es ihm angetan? Fragen über Fragen, darüber hinaus wurde das eigene Schicksal kurz verdrängt. Auch der Blinde kannte den Durst, vielleicht anders, aber auch er musste diesem Drang nachgehen. Wer würde stärker sein? Ein Wolf, der für das Töten geschaffen war oder der Wolf, der nicht mehr sterben konnte? Ein unbekanntes Mitgefühl legte sich in die kalte und starre Brust des schwarzen Jungrüden. Es wehrte für eine kurze Zeit und wurde von dem Brennen des Durstes gelöscht. Dann trat er heran.
Aryan stand still, kein Atemzug. Noch steifer, noch leiser. Kein Anzeichen von Leben. Es war die Gewissheit, dass der blinde Rüde nicht sterben konnte. Dass der schwarze Rüde an dem Gift in dessen Körper leiden würde. Aber es war nicht der Instinkt. Es war nicht der Reflex, der ihn am leben halten wollte. Es waren seine Gedanken, die ihn von jeglicher Gewalttat fern hielten.
Der Durst wurde stärker. Es brannte an der Stelle, wo der Braune seine Schnauze wieder und wieder über den schwarzen Pelz gleiten ließ. Die Muskelstränge verhärteten sich, der Kiefer war fest zusammen gepresst. Wider aller Naturgesetze. Kein Blut, kein Tod, ermahnte sich der Jungrüde. Ein Gebet, eine Hymne. Diese Worte sprachen nicht von Sieg, sondern von der verheißenden Niederlage.

“Ich habe keine Kontrolle“,

nichts mehr als ein Zischlaut. Schnell und fließend. Und endlich regte sich der steinerne Körper. Einen ganzen Satz nach hinten. Keuchend, flach atmend. Es kam gerade soviel Sauerstoff in die toten Lungen, wie er brauchte um nicht den Geruch des Anderen aufzunehmen, um das Blut zu riechen. Und doch war diese Brustbewegung ein Reflex, der ihn jeden Geruchsschwall zu trug.
Die eben noch blauen Augen wurden dunkler. Es war nun mehr ein Grau, als die schöne Himmelsfarbe. Noch brennender. Eigentlich wollte er sich dem hingeben. Es war ja nichts dabei, einfach Blut trinken, einfach töten. Dieses Brennen musste ein Ende finden.

“Ich brauche- brauche... Blut“,

der Kiefer krachte aufeinander. Die Kraft ging zu Neige. Ein so verführerischer Geruch. Egal welch Virus darin stecken mochte. Es war immer noch Blut. Blut. Blut. Blut. Das Feuer. Kein Brennen.
Am liebsten wäre der Schwarze dem Wahnsinn entflohen. Ein Biss, dann der Tod. Mehr nicht. Aber er wollte ihm nichts anhaben. Er wollte dem blinden Braunen nicht wehtun. Er war es doch, der Aryan helfen wollte. Ein Freund, oder?


Und sie folgte ihm, dankbar, dass Ilias offen mit ihr redete. Ja auch Ilias war Liel dankbar, dass er sich seit langem mal wieder jemand öffnen konnte. Smalltalk war nichts für ihn, lieber sprach er dann doch über Gefühle. Liel wirkte auch ziemlich überrascht, aber ob es jetzt wirklich an dem Gespräch lag wusste er nicht. Mit einem Nicken, einer manchmal doch recht großen Geste, die Ilias Meinung nach viel zu wenig geschätzt wurde, nahm er das Dankeschön seiner kleinen Prinzessin an, wusste aber, dass er das nicht so stehen lassen konnte und sagte

"Bedank dich nicht für etwas so selbstverständliches. Aber lieb von dir, danke"

Er war sich dessen Bewusst, dass er gerade ein Paradoxon erschaffen hatte, da er sich auch bedankte.

"Vieles wird einfach viel zu wenig geschätzt auf dieser Welt"

brummte er leise zu sich, bis er schließlich wieder Liels Worten lauschte, während sie sich auf den Weg zur Grenze machten.

o0 Ja, vielleicht werde ich Nienna wieder finden, und sollte es nicht so sein, werde ich wenigstens wieder meine Ruhe haben und mich dem Leben widmen, über mich und andere nachdenken. Vielleicht kehre ich auch wieder zu meinem Geburtsrudel zurück, falls es das noch geben sollte. 0o

Liel, die sich mittlerweile auf seinem Rücklen befand, da sie sich lieber tragen ließ, erzählte von Kaede.

"Deine Mutter, Kaede, sie ist wirklich ein besonderer Wolf. Sie hat eine Menge in ihrem Leben durchmachen müssen, wurde Blind, aber selbst damit konnte sie umgehen. Sie ist eine starke Fähe! Doch sie ist alt, aber auch weise. Sie hat viel durchmachen müssen, und das schlägt aufs Gemüt. Ich denke sie macht sich sehr viele Sorgen um alles. Oder aber auch nicht zu Vergessen um das Nichts. Ebenso, darüber, dass es nur noch regnet und die Sonne nicht scheint. Aus ihrer Erfahrung hat sie gelernt, dass zu viel Regen nichts gutes zu bedeuten hat, was sie traurig stimmt. Sie hat eine Menge schlimmer Dinge mitansehen müssen, da fällt es einem schwer zu lachen und das gute in der Welt zu sehen. Ich hoffe du weißt was ich meine, sonst sag mir bescheid. Naja zurück zum Thema. Ja, du könntest recht haben, dass sie bald sehr lange schlafen wird. Aber bitte verzweifle nicht daran meine kleine Prinzessin. Dort wo sie hinkommt wird es ihr gut gehen und sie wird auch noch weiter über dich wachen, wird dich heranwachsen sehen und ihr wird es gut gehen. Sicher wird sie stolz sein, wenn sie sieht was für eine tolle Fähe du wirst.
Auch wenn du all das so direkt nicht mitbekommst, so glaub daran, denn es ist wichtig und es ist wahr.
Aber solange die Zeit noch nicht gekommen ist, erfreu weiter ihr Leben, sie liebt dich und sie hängt an dir. Sie ist sicher glücklich mit einer so reifen Fähe wie dir als Tochter."


langsam verstummte Ilias.

o0 Der Tod, war ein trauriges Thema. Jeder stirbt einmal, manchmal glücklich, häufiger traurig. Man kann eigentlich nur Hoffen, dass man den Sinn seines Lebens erkannt hat und es leben konnte bevor man stirbt. 0o

dachte Ilias und überlegte, ob er sein Lebensziel schon wusste. Da war, dass er Vater sein wollte, zusammen mit der Liebe seines Lebens. Abenteuerlich sollte sein Leben sein, doch die ganze Vision davon, waren noch sehr verschwommen.

o0 Ein weiterer Grund warum ich fortgehe 0o

Sie waren schon lange in dem Wald angekommen. Die Bäume waren groß und wirkten bestimmt bedrohlich auf Liel in diesen tristen Zeiten.

"Hab keine Angst Liel, du musst wissen, die Welt ist eins, und ein jeder ist ein wichtiger Teil davon. Gefahr für uns ist in diesem Wald nicht. Aber trotdem solltest du auf dich aufpassen, genauso wie du es keinem sagen solltest, dass du hier bist. Die anderen wären sicher sauer, nicht auf dich, sondern auf mich, aber naja."

Ilias ging ganz ruhig und kontrolliert immer weiter der Grenze entgegen. . .


Der Gedanke möglicherweise irgendwann einmal in die Berge zu wandern breitete sich langsam in Lucinas Kopf aus und verdrängte fast alles andere. Sie konnte ihre Freude darüber kaum noch verbergen. Bald würde die Weiße vielleicht wieder ihre Lieblingsform der Kälte bewundern dürfen. Selbst wenn es noch sehr lange dauern würde... Wochen... Monate... möglicherweise auch Jahre. Das war ihr egal. Sie würde sich immer genauso sehr darauf freuen wie jetzt. Ihr Alter spielte da keine Rolle. Ob sie nun noch so jung wie heute oder schon fast am Ende ihres Weges angekommen wäre.

.oO(Andere? Wofür?)

Lucina rätselte und kam zu dem Schluss, dass ihr Gegenüber wahrscheinlich Wölfe gemeint hatte, die auf ihre Welpen aufpassen würden. Etwas anderes konnte sie sich nicht vorstellen.
Als Tyraleen sich plötzlich, und noch fast mitten im Reden, umdrehte, stutzte die Weiße. Sie schien auf einmal so beunruhigt.

.oO(Ob den Welpen etwas zugestoßen ist?)

Mütter hatten dafür ja bekanntlich soetwas wie einen 6. Sinn. Neugierig und verwirrt blickte sie ihr hinterher. Als Tyraleen sich noch einmal zu ihr wandte, schaffte Lucina es nur noch das Lächeln zu erwidern, denn noch bevor sie dazu kam richtig zu antworten war sie auch schon verschwunden.
Dies nahm die junge Fähe als Anlass sich ebenfalls umzudrehen und ihren Weg in Richtung See fortzuführen. Allerdings brauchte sie noch eine Weile sich zu orientieren. Aus südlicher Richtung hörte und roch sie mehrere Wölfe. Demnach musste dort also der Rudelplatz sein und sie sich also nördlcih befinden. Mit leicht aus Langeweile wedelnder Rute, trabte sie weiter nordöstlich, in dem Glauben sie würde direkt nach Osten gehen.
Als sie an einer Lichtung ankam, steuerte sie direkt auf das Wasser zu und ließ sich langsam hineingleiten. Sie tauchte einmal komplett unter und als ihre Schnauze wieder an die frische Luft kam, bemerkte Lucina etwas seltsames. Dort hinten im Wald konnte sie, wenn auch nur schemenhaft etwas erkennen. Oder besser gesagt nichts. Dort, wo eigentlich noch mehr Bäume stehen sollten war nichts. Verwundert schritt sie aus dem Wasser und ging langsam darauf zu.
Auf sicherer Distanz blieb die Weiße stehen und ließ sich nieder um dieses...dieses Dings zu beobachten.

.oO(Vielleicht ist das dieses Nichts?)

So regungslos wie sie dasaß sah es fast so aus, als würde sie das Nichts so lange anstarren, bis es ihr sagte, was sie wissen wollte. Auch wenn sie selbst nicht einmals wusste, was sie eigentlich genau herausfinden wollte.


Der junge Rüde mochte das, was die beiden Erwachsenen ihm da erzählten mal so gar nicht. Das war richtig fies, und logisch erschien ihm das ganze auch noch nicht mal… wo die Erwachsenen doch alle immer etwas von Logik predigten. Seine Augen huschten wieder zu Papa Aszrem, als er ihnen noch etwas mehr erzählte. Doch das machte noch viel weniger Sinn!

„Woher weißt du das? Warst du schon mal im Nichts und alle anderen sind weggegangen? Und wenn wir zu zweit sind, dann sind wir doch auch gar nich alleine…“

Die letzten Worte waren nur noch genuschelt, dann nickte er mit grimmigem Blick, als Nerúi die Dunkle Fähe darüber aufklärte, dass auch Aszrem sein Vater war. Genau! Das durfte man nicht vergessen, sie waren eben alle gleichberechtigt. Mit geschlossenen Augen nickte er so vor sich hin, bis ihn etwas in die Rute zwickte. Erst ignorierte er es, dann wurde es jedoch penetranter. Bis er schließlich weggezerrt wurde und holpernd rückwärts laufen musste, um nicht auf seinen Po zu fallen. Er quietschte auf, und trabte so schnell er konnte rückwärts, während scheinbar Nerúi ihn an seiner Rute gepackt hielt. Oh ja, sie hatte Recht. Aszrem war wirklich stinkgemein! Welpenhöhle. DAS war echt gruselig. Vielleicht war da das Nichts schon angenehmer. Da war man nämlich zu zweit alleine.

„Tschüss Papa Aszrem und meine Verwandte … und Nerúis Verwandte!“

Er grinste breit, während er eiligst rückwärts trottete. Irgendwann wurde ihm das aber zu viel, und mit einem Ruck befreite er sich aus dem Griff Nerúis und lief normal neben ihr her. Direkt auf … uh, den Kuschelberg zu. Der Silberne blinzelte zur Seite, stieß die schwarze Fähe mit seiner Schnauze an und beschleunigte dann seinen Schritt auf das Monstrum zu. Was sie beide dort wohl erwarten würde? Eins wusste er schon – unter den Kuschelberg sollte man nicht kommen, das konnte nämlich gefährlich werden. Munter hin und her springend, hielt er erst wieder an, als sie beide in direkter nähe zu dem Berg waren. Seine Stimme war nur ein Flüstern.

„Guck! Es atmet…“

Der Rüde duckte sich und fing an sich anzupirschen. Vorsichtig setzte er eine Pfote vor die andere und zog sich so über den Rasen. Puh, das war ganz schön anstrengend! Leicht hechelnd blickte er ein Stück nach hinten zu Nerúi und nickte ihr zu.

„Wir müssen es … überraschen! Und dann drauf springen!“


Neugierde hatte dem Rüden noch nie gefehlt, eher war sie zu viel vorhanden gewesen. Doch obgleich es am liebsten alles mitbekommen würde, was vor sich ging, hatte er automatisch weggehört, als Isis und Akru zu reden begonnen hatten. Es ziemte sich nicht zu lauschen, was nicht für eigene Ohren bestimmt war. Erst, als Akru sich grob abwendete und davon ging, lächelte er Isis wieder zu. Sie war erschöpft und traurig. Zerrissen würde er fast schon sagen.
Sachte stupste er die Fähe an, er wollte sie zum aufstehen bewegen, sicher hatte sie schon wieder genug Kraft getankt um sich zu erheben.

„Bedanke dich nicht kleine Schönheit, wenn es nichts gibt, für das du dich bedanken müsstest!“

Er musterte die Fähe, Schönheit war schon fast beleidigend, diese Fähe war nicht nur hübsch anzusehen, sie strahlte auch noch einen unglaublichen Charakter aus. Auch wenn er durch dieses, er nannte es still, Experiment, getrübt wurde.
Doch wie hübsch Fähen auch anzusehen waren, er würde sich niemals mehr als freundschaftlich für sie interessieren können. Irgendwie schien ihm, als ob etwas an ihnen nicht richtig war, er konnte sich einfach nicht vorstellen, mit einer Fähe an der Seite als Geliebte zu leben. Er dachte an Kandschur, hoffentlich war er nicht böse oder gar traurig, dass er einfach davon gelaufen war. Aber er hatte doch bestimmt auch gesehen, dass es eine Notsituation war, zu spät hatte er gesehen, dass Akru auch zur Rettung genaht war, außerdem hatte er ja immer noch helfen müssen. Das konnte ihm niemand verübeln.
Aber trotzdem, der Moment musste für Kandschur ein wenig an Glanz verloren haben.
Aber nun, wie er fand, galt es zuerst diese trübselige Fähe aufzumuntern. Nachher würde sie gleich noch einmal, unbeobachteter, in den See springen oder irgendwelche anderen Dummheiten begehen. Das konnte er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren.
Er drehte den Kopf, es war kein anderer Wolf in der Nähe, sie waren mehr oder weniger ungestört. Natürlich konnte es immer vorkommen, dass kleine Welpen angewuselt kamen oder andere Wölfe zu ihnen stoßen würden, aber vorerst waren sie allein.

„Warum möchtest du nicht mehr leben?!

Keinerlei Schönrederei, er hatte gelernt. Redete man selber nicht viel drum herum, redeten die anderen meist auch nicht um den heißen Brei. Und wollten sie nicht alle klare Antworten bekommen und nicht so einen schwammigen Brei?
Er musterte die Fähe, sie schien sehr zerstreut, traurig und wohl doch noch ein wenig erschöpft. Also wollte er nicht unhöflich sein und so aussehen, als wäre er auf dem Sprung. Er setzte sich vorsichtig hin und schlang die Rute locker um seine Hinterläufe. Es lag ein nachdenklicher Gesichtsausdruck auf seinen Lefzen.
Warum wollte man sich umbringen, er konnte es nicht wirklich nachvollziehen, es steckte so unglaublich viel Lebensfreude in ihm, ganz abgesehen von seiner Liebe zu Kandschur!
Aber vielleicht war es auch Buddha und der Pfad auf dem er wandelte, der ihn gelehrt hatte, das Leben so zu nehmen wie es kam und das Beste aus den Situationen zu machen. So konnte man gar nicht verzweifeln, natürlich konnte man auch Trauer verspüren, aber man akzeptiere diese als einen Teil der Launen der Natur. So war das Leben nun einmal, gäbe es keine Tiefen, würden einen die Höhen ebenfalls nicht mehr befriedigen. So einfach war das ganze. Mehr oder weniger.
Abgesehen davon, natürlich wäre es schöner, wenn man jung sterben würde, dann würde man wenigstens nicht alt werden. Er schüttelte sich leicht. Alleine dieses Wort löste in ihm schon ein Gefühl des Unbehagens aus. Weg damit. Es wäre viel zu schade um das verlorene Leben, er würde sich schon ‚damit’ abfinden.
Er blickte sie an, intensiv schien er sie zu durchleuchten, suchte nach Anzeichen für weitere Dummheiten.


Nerúi hatte keinen weiteren Angriff auf Turiéns Rute unternommen, nachdem er sich befreit hatte. Jetzt mussten sie bloß schnell weit weg von der drohenden Welpenhöhle und von Malicia, die ja mal gar keine Ahnung von Verwandschaften hatte! Und zum Kuschelberg. Um ja nicht zu spät zu kommen sprang auch sie eilig drauaf zu, und hielt neben Turién an, als er sie anstieß. Und...das Kuschelding atmete tatsächlich! Es tat das nicht besonders leise, und irgendwie anders als sie es taten, aber es atmete. Also lebte es. Turiéns Technik abgucken zog auch die Schwarze sich Stück für Stück über das Gras, immer weiter auf das Kuschelding zu, und möglichst weit an den Boden gedrückt, um ja nicht gesehen zu werden.
Dass ihre Rute dabei heftig wedeln in der Luft hing konnte sie ja nicht sehen...
Allerdings war Turiéns gewählte Art der Fortbewegung nicht wirklich begeisternd, denn nicht nur das es ewig dauerte bis man voran kam, es war auch noch furchtbar anstrengend so herumzukraucheln. Oder wie man das nannte. Die Schwarze sah auf, als Turién sich zu ihr umdrehte, und ließ sofort die Zunge wieder hinter ihren Leftzen verschwinden. Nicht dass ihr Bruder noch zu der Annahme kam dass sie schon schlappmachen würde...!
Der Plan klang vernünftig, und Nerúi beeilte sich, vorwärts zu kommen. Boah war das anstrengend! Es musste doch einfachere Methoden geben sich anzupirschen!? Aber der Kuschelberg kam näher und näher, und schließlich sprang die Schwarze aus ihrer Deckung, machte zwei Sätze darauf zu und sprang dann auf das Kuschelteil zu, bereit sich mit Zähnen und Krallen hinaufzukämpfen.
Und tatsächlich musste sie sich zuerst einmal im Fell der Kuschelkugel verbeissen, um nicht gleich wieder hinab zu rutschen. Kräftig mit den Pfoten strampelnd versuchte sie in dem wabbelnden Untergrund halt zu finden, und sich darin festzukrallen.
"Fer fuerfft oben ift!"

rief sie in das Fell in ihrer Schnauze hinein, und kämpfte sich einen Zentimeter hoch, nur um gleich wieder abzurutschen und weiter an dem Berg herumzustrampeln.


Averic verengte merklich die Augen, als der braune, alte Wolf einfach an ihm vorbei trat, ihn ignorierte, ganz so als seie er Luft und sich an den Weißen wandte. Ein altbekanntes, elektrisierendes Kribbeln machte sich in seinen Gliedern breit und währen seine Welpen nicht direkt hinter ihm gewiesen, hätte sich der pechschwarze Wolf dies längst nicht mehr bieten lassen. Armer, alter Knacker hin oder her, er hätte ihm schon gezeigt, dass er so nicht mit sich umspringen ließ. Er verzog drohend die Lefzen, ließ ihn aber gewähren. Falls der Alte nicht auftauchen sollte, so wie er es seinem Freund grade zugemurmelt hatte, konnte er sich immer noch um diese Angelegenheit kümmern. So viel zu Höflichkeit. Pah. Warum musste ihm dieses Pack nur immer wieder demonstrieren, dass sie alle gleich waren? Er spürte den jugendlichen Trotz wieder in sich aufgären, hielt ihn aber unter Kontrolle. Nein, auch das hatte er nicht nötig.
Von seinen Kindern abgelenkt, wandte Averic die dunklen Augen wieder zu Chanuka und Atalya. Fenris. Na prima, jetzt hatte ihnen der dumme Greis auch noch die besten Flausen in den Kopf gesetzt.

Fenris ist das Gegenstück von Engaya. Aber nein, ich kann ihn euch nicht zeigen. Und den Rest werdet ihr noch früh genug erfahren ... jetzt allerdings ist es noch zu früh.“,

erklärte er, sich um Geduld bemühend. Seine Kleinen trugen natürlich nicht die geringste Schuld an seiner aufkochenden Wut, hatte er doch immer schon ein ziemlich hitziges Gemüt gehabt. Und genau so lange schon hasste er es, so respektlos behandelt zu werden.

Ja, Chanuka. Der war in der Tat unhöflich.“

Mit einem drohenden Funkeln in den Augen wandte sich Averic wieder dem Weißen zu, der nun übrig geblieben war, sich aber gar nicht so alleingelassen zu fühlen schien. Er redete. Nur nicht mit ihnen. Er redete mit Luft und machte komische Bewegungen dabei. Bei Fenris und Engaya, was für Idioten hatte er da wieder aufgegabelt? Der Pechschwarze schnaubte und sparte sich einen scharfen Kommentar bezüglich der „Gutenachtgeschichte“. Aber wenn er jetzt weiter sprach, würden Chanuka und Atalya sicher nicht mit Fragen aufhören. Mit abschätzigem Blick und aufrechter, imposanter Haltung musterte der Hüne den um Einiges kleineren Wolf, welcher sich von seiner Luft immer wieder unterbrechen ließ, während er scheinbar versuchte, sich mit zu teilen. Letztendlich hatte er ziemlich lange dafür gebraucht, die bloße Frage zu stellen, wo Banshee war.

Mein Name ist Averic, Sohn von Banshee und Neffe von Nyota, den Leitwölfinnen dieses Rudels. Allerdings ist meine Mutter grade beschäftigt ...“, sagte er, ohne zu wissen, ob es wirklich so war. Banshee musste sich immer nur um irgendwelche neuen Wölfe kümmern und der schwarze Sohn wusste doch, dass es ihr längst nicht mehr gut ging. Es war keine böse Absicht, im Gegenteil. Nachdem er eine Sekunde nachgedacht und überlegt hatte, ob er Nyota irgendwo gesehen hatte, fuhr er fort. „... meine Tante habe ich noch nicht gesehen. Du wirst dich also erst mal mit mir begnügen müssen.“

Seine dunkelblauen Augen wanderten zu den Bäumen herüber, wo er immer noch Zcale sehen konnte, der bisher einfach nur da stand und keinen Ton von sich gab. Eines von Averics Ohren zuckte leicht.

Und du? Was sind deine Absichten?“

Natürlich war Zcale längst ins Rudel aufgenommen, das wusste er. Lediglich eine Anspielung auf seinen Litfasssäulen-ähnlichen Zustand.


Isis lag immer noch zerstreut am Boden. Ihr ganzer Körper bebte und schlackerte. Akru war noch hier! Was machte der Zeitwächter noch hier? Wegen Banshee! Daran musste es liegen.
Der graue Hüne verschwand relativ schnell mit dem Fremden. Hatte er etwa einen neuen Freund? War seine Isis nun abgeschrieben? Isis Herz krümmte sich in ihrer Brust, während Blut aus ihrer Flanke lief. Akru biss wohl etwas zu stark zu, als er sie aus dem Wasser zog.
Als der Zeitwächter nun außer Sichtweite war, widmete sich die Ägypterin dem anderen Rüden. Liam war sein Name und er strahlte solch eine Kuscheligkeit aus, dass Isis gleich noch ein Stück näher kam. Sie startete den Versuch sich aufzurichten um ein paar Schritte zu gehen, doch die zitternden Läufe wollten nicht gehorchen, sodass die kleine Fähe auf dem Hintern landete und leise seufzend Liam anblickte. Er war doch der Gefährte von Kandschur. Für Isis keine neue Tatsache, dass zwei Rüden sich liebten. In ihrem Land war das kein seltenes Vorkommnis.
Sein leicht vorwurfsvoller Blick ließ die Kleine aufmerksam werden, dann kam auch gleich eine Frage hinter her. Isis konnte schon wieder leicht lächeln und tatsachlich schafften ihre Augen es wieder wie die aufgehende Wüstensonne zu strahlen.

“Umbringen? Nein Liam, ich wollte nur wissen, wo ich stehe. Und das weiß ich nun hundertprozentig.“

Isis blickte über ihre Schulter, ob sie noch Akru ausfindig machen konnte, jedoch lag nur sein angenehmer Duft in ihrer Nase. Der Duft, der ihr weiterhin wohlige Schauer durch den Körper jagte, sie unmerklich erschauern ließ. Ein sanftes Winseln entwich ihrer Kehle. Sie würde zu Akru gehen, auch wenn sie nun nicht mehr seine engste Vertraute war, sobald die Zeit reif dafür sein würde.
Nun widmete sich Isis aber wieder Liam. Ihr Körper hatte sich allmählich wieder beruhigt, wobei er nicht ganz unschuldig war, denn die Ruhe, die von ihm strahlte, war fast schon mörderisch.
Isis lächelte den Rüden an.

“Du brauchst keine Angst haben, dass ich mir was tue. Ich muss ja noch für Akru da sein, wenn er mich braucht.“

Ein verträumter Blick legte sich in die goldenen Augen, während der Regen ihr eh schon nasses Fell unnötiger Weise weiter feucht hielt. Eigentlich war es zum aus der Haut fahren, dass die Sonne nicht ein einziges Mal zum Vorschein kam, während dieses Nichts sich weiter ausbreitete. Bei Osiris, es lastete wohl ein Fluch auf diesem Rudel.
Ihre Gedanken wanderten noch mal zu ihrem letzten Satz: Wenn Akru mich braucht.
In ihr entwickelten sich Gefühle, die über das Geschwister sein reichten. Zum ersten Mal gestand sich die Fähe ein, dass aus dem Chaos sich mittlerweile eine grundfeste Ebene entwickelte. Eine Ebene für andere, größere Gefühle und zugleich wurde der Ägypterin bewusst, wie aussichtslos diese Gefühlsduselei war. Akru brauchte das Leben, er brauchte Banshee. Keine Isis, keinen Katsumi. Den vielleicht mehr als die kleine Ägypterin und Isis beschloss sich Akru wiederzuholen, obwohl er nie ganz weg war.
Die sandfarbene Rute wischte leicht über den Boden, während sie in Gedanken versunken mit Akru redete, obgleich er das wahrscheinlich nicht hören konnte, oder doch? Es wäre nicht zum ersten Mal, dass die Fähe feststellte, dass ihr Band zu Akru seit dem Schwur mehr als sonderbar war.
So langsam kam Isis wieder in der Realität an und ihre Augen ruhten wieder auf Liam.

“Wo ist eigentlich Kandschur?“


Das Revier war wirklich extrem groß und weitläufig, sodass ein Ende noch nicht in Sicht war. Die Nacht neigte sich jedoch um den Tag zu gebären. Die Sonne schlich leise am Horizont gen Himmel, der orange- rot leuchtete.
Tau an den Grashalmen nässte die Pfoten der beiden Wölfe. Ohne Pause waren sie die restliche Nacht durchgelaufen und befanden sich nun mitten in der Tundra, den Wald hinter sich. So weit das Auge reichte nur Gras, Seen, Schnee, Eis. Weit entfernt zog eine Herde Rentiere über die Ebene. Träge bewegten sich die schemenhaften Gestalten. Sie zogen aus um nach frischem Gras zu suchen.
Jedes Wesen befand sich in ständiger Bewegung, Wanderung oder Suche. Shákru konnte einfach nicht anhalten. Seine Pfoten trommelten im immergleichem Rhythmus auf den Boden, während Shaikoon nach hinten fiel. Der Jungwolf war zwar viel Laufen gewöhnt, aber nicht in diesem schnellen Tempo.
Minor wurde etwas langsamer um hinter sich zu blicken. Schließlich blieb er stehen und wartete auf seinen Mitläufer. Shaikoon hatte bald wieder aufgeholt, bewegte sich aber hechelnd kein Stück weiter.

“Bist du erschöpft?“

Shaikoon verdrehte die Augen und ließ sich auf seinen Hinterläufen nieder. Er schlabbte etwas von dem Tau.

“Nein, nicht direkt, aber dein Tempo ist mir einfach mal zu schnell, Namid. Lass uns eine kleine Pause machen.“

Nun war es an Shákru Minor die Augen zu verdrehen. Der Schwarzfang witterte in seinem Radius, drehte sich um sich selbst und starrte schließlich zum Horizont. Er wusste selbst nicht, warum er so ruhelos war.

“Komm schon. Noch ein Stück, dann sind wir hinter der Reviergrenze. Von mir aus können wir dann eine Pause machen.“

Shaikoon stand auf, drehte sich jedoch wieder Richtung Heimat. Er wollte und konnte nicht soweit laufen. Shákru sah ihn etwas traurig an, respektierte aber seine Entscheidung. Seine Suche war nicht die des Jungwolfes. So war es nun mal.
Minor verabschiedete sich ausgiebig von dem indianischen Wolf, dann drängte es ihn weiter gen Norden, wo die Rentiere stehen geblieben sind und scheinbar grasten. Die kleine Sternenleier setzte sich wieder in Bewegung, trabte über die Reviergrenze hinweg und befand sich in einem herrenlosen Land.
Weit entfernt schimmerten die Schatten der Berge, aber Shákru beschloss einen Bogen um die Gipfel zu machen. Zwar würde der Weg länger dauern, aber er war sicherer. Außerdem war der Schwarze auf diesem Weg in das Tal der Sternenwinde gekommen. Seine damalige Fährte trug der Wind schnell davon, nun war es an der Sternenleier den Weg zurück zur Heimat zu finden. Zu seiner alten Heimat.
Die Landschaft wollte sich einfach nicht ändern. Ab und an drangen die Gerüche von Wanderern an seine Schnauze. Das war auch das einzige, was sich abwechselte in dieser Einöde.
Die kleine Sternenleier spürte seine Muskeln arbeiten, das Herz pumpen. Kontraktion, erschlaffen, Kontraktion. Immer gleich, immer wieder… ohne Pause.
Die frische Luft erfrischte den schwarzen Rüden, der nun schon fünf Jahre zählte und es selbst kaum fassen konnte. Fünf Jahre weilte er auf Erden, fünf Jahre von denen er zwei Jahre in diesem Revier verschwendete. In dem Tal der Sternenwinde, wo er depressiv wurde und schließlich von jedermann vergessen.
Von wegen Zusammenhalt, von wegen man ist nie allein. Jeder ist auf sich allein gestellt; allein mit Hirn, Körper, Herz und Geist.
Shákru Minor beschleunigte sein Tempo, sodass er nun rannte. Er beschloss solange zu rennen bis er nicht mehr konnte. Oh, wenn Tascurio doch nur hier wäre. Dem Kleinen würde es sicherlich sehr gut gefallen.
Aber jetzt drehte sich die Welt um Shákru Minor, dem unverstandenen Wolf, der einen neuen und doch altbekannten Weg gehen wollte. Dank der Indianer, dank der Freiheit, dank der Wölfe.
Die Innuit meinten, dass er dem Wolfstotem in Alaska, in der Eiswüste, begegnen könnte, wenn er dazu bereit sei. Erst dann sollte Minor zurückkehren. Ganz zurückkehren in das Tal der Sternenwinde.


Zu gerne hätte sie nun eine lange Erklärung bekommen, die ihr genau beschrieb, wer und was dieser besagte Fenris war. Wäre ja auch zu schön gewesen, das jetzt von ihrem Vater genau erklärt zu bekommen. Chanuka schien von ihren Ideen nicht wirklich begeistert gewesen zu sein.. naja. Vielleicht ging sie später darauf ein, mal sehen. Und als ihr Bruder dann verkündete, wie unhöflich Kengo war, was er eigentlich erst jetzt war, eben eher nicht, schmunzelte die Graue. Vorher schien er doch ganz nett gewesen zu sein. Vielleicht bewirkten die Flöhe so etwas? Vielleicht traf sie ja noch einmal auf ihn und konnte ihn dann darauf ansprechen. Aber das würde alles noch kommen! Am wichtigsten war nun die Antwort ihres Vaters. Der andere, komische Rüde war jetzt auch nicht so wichtig, auch wenn er mit der Luft zu reden schien. Mit aufgestellten Ohren neigte sich Atalya bei den Wortes ihres Vaters vor, als könne sie, wenn sie normal dasaß, ein Wort verpassen. Alles war wichtig! Das sie eigentlich nicht so neugierig sein wollte.. wurde nun einfach verdrängt. Aber was ihr Vater dann von sich gab.. war auch nicht hilfreich. Gegenstück. Hmm.. Und zu früh? Hätte sie nun komplizierter gedacht, hätte die kleine Wölfin vielleicht nach einer genauen Beschreibung von Engaya gefragt.. aber da hatte ihr Vater schon Chanuka geantwortet und war schneller als sie hätte fragen können bei dem Weißen. Ah! Der, der mit sich selbst redete. Oder mit der Luft. Oder was auch immer. Während ihr Vater also mit dem Rüden sprach, wandte sie sich ihrem Bruder zu. Blinzelnd sah sie einige Momente in die Augen des Schwarzen, ehe sie ihm sachte zu lächelte.

“Irgendwann erzählt uns wer, was Fenris ist!“

Mit einem selbstsicheren Lächeln auf den Lefzen erhob sich nun auch die kleine Graue und trat zu ihrem Vater. Sie huschte zwischen seinen Pfoten hindurch und blieb vor seinen Vörderläufen sitzen. Die Augen richteten sich auf den Weißen, der nach ihrer Oma fragte. Oder Omas Schwester. Den Kopf nach oben und etwas nach hinten neigend beobachtete Atalya den schwarzen Wolf, vor dem sie nun lammfromm saß. Nur so konnte sie nicht erkennen, wohin ihr Vater sah. Ein kurzer Blick zu Chanuka zurück, dann richteten sich die Augen wieder auf den Weißen. Um ein wenig größer zu wirken stand nun auch Atalya wieder auf den Läufen, hob den Kopf so hoch es ging um den fremden Wolf genau sehen zu können. Einen kleinen Schritt nach vorn machend atmete die Graue einmal tief durch.

“Duhu? Darf ich dich was fragen? Wieso redest du mit dir selbst? Oder ist da jemand, mit dem du redest? Ich frage nur so.. sieht komisch aus.“

Nur ein kleiner Hinweis darauf, dass sie nicht neugierig war. Fragend neigte sich ihr Kopf zur Seite und wenige Herzschläge wurde der Graue beobachtet, der immer noch nicht näher gekommen war. Ihr Vater würde sich schon um ihn kümmern. Also sah sie wieder den Weißen an, der so merkwürdig gewirkt hatte. Da war sie nun wirklich gespannt.


Mit einem weiteren kurzen Nicken verabschiedete sich der junge Schwarze von den beiden anderen Fähen, und folgte dann seiner Schwester in den Wald. Einmal nur stockte sein Schritt, war er doch nicht sicher, ob in den Wald zu gehen eine gute Idee war. Sollte er wieder austicken, würde es niemand bemerken und so auch keiner zu Rakshees Hilfe eilen - und wer wusste schon, ob er sie beim zweiten Mal nicht doch anfallen würde? Jakash schluckte und schüttelte den Kopf, so als wolle er ein lästiges Insekt vertreiben. Es durfte einfach kein zweites Mal geben!
Während er so neben seiner Schwester lief, warf er ab und an einen Blick zu ihr herüber. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er ihre Fellfarbe überprüfte, sich auf die Umgebungstemperatur konzentrierte und auf die Farben der Umgebung achtete. Doch nichts geschah, dennoch beruhigte sich sein rasendes Herz nur langsam. Als sie schließlich inne hielt und sich setzte, tat er es ihr gleich. Jakash bemühte sich, ihrem Blick nicht auszuweichen, obgleich er am liebsten nur auf den Boden gestarrt hätte. Tatsächlich glitt sein Blick zu Boden, als sie ihre Frage stellte, aber er zwang sich sich, wieder aufzusehen. Es fiel ihm nicht leicht, und immer wieder wanderten seine Augen unruhig umher. Eigentlich war es daher umso besser, dass Rakshee schon wusste, worum es ihm ging - so musste er keinen Anfang für dieses Gespräch suchen, sondern brauchte nur ihrer Frage zu antworten. Was auch nicht... sehr leicht war.

"Nein... naja, vielleicht... ich bin nicht sicher, aber vielleicht weißt du ja mehr dazu...",

begann er und lächelte nervös.

"Also... ich... ich habe Angst, dass ich ein Fenrispriester oder so werde..",

würgte er hervor. Es fiel ihm nicht leichter als bei seiner Mutter - beide wollte er mit dieser Möglichkeit, die er sich einfach nicht ausreden konnte, ja nicht ängstigen, und fürchtete gleichzeitig, dass sie sich von ihm abwenden könnten. Nun, seine Mutter hatte ihn mit ihrer Reaktion ermutigt - aber im Gegensatz zu rakshee hatte er sie ja auch noch nicht bedroht...
Jakash starrte zu Boden, und wagte nur langsam, zu seiner Schwester aufzusehen...

Atalya
24.12.2009, 20:14

Er blickte sie bald fragend, bald zögernd an. Ihr Blick hing an ihm, und sie zeigte ihm die erstorbene Sonne, die sich hier hinter den Wolken streng versteckt hielt. Versunken, bald ertrunken in einem atemberaubendem Licht. Seine Gedanken taumelten, er fing sie schnappend ein, als ein tiefer Atemzug eine innere Ordnung einforderte, die dem Wolf schnell durch die Adern schoss.
Ein Körper.. doch so dicht an seinem. Nähe und Geborgenheit einer verlorenen heiligen Mutter. Er senkte den Kopf leicht, sog ihren feinen blumigen Geruch ein. Er strich mit der Schnauze an ihrem Ohr vorbei, schloss kurz die grauen Augen. Kurz kanz kurz, fuhr die Zunge über das weiße Fell.
Die schwarze Rute peitschte wedelnd durch die Blätter. Der kure Moment des Glücks ausgekostet. Er war einen Moment lang eine unbesonnene junge Welpe. Das Gefühl schwand, als er den Kopf wieder hob, und der blumige Geruch aus seinen Sinnen trat.
Der Rüde richtete den Blick in die Ferne, lenkte Gedanken in ein anderes Gefilde. Ein Lächeln huschte über die Gedanken, ein Schatten zog kurz durch die grauen Augen. Und er schwieg sie einfach an. Wollte nicht antworten. Wie konnte er auch. Er wusste nicht wie man suchte. Er wausste nichtmal was man darunter verstand. Er konnte zerstören und verfolgen. Er konnte jagen und wahren. Er konnte hassen tricksen lügen.. sich selbst bis auf die Grundpfeiler schädigen und betrügen. Doch wie suchte man jemanden, und wie schaffte es dieser jemand so viel Sehnsucht in die Stimme zu zwingen, wie sie in der Stimme der Fähe mitschwang. Der Wind trieb den Regen mit sich, die Tropfen verfingen sich in dem klammen Fell... Der angenehme Schauer eines sanften Frühlinggrußes fuhr dem Wolf sanft durch das nachtschwarze Fell.

"Was meinst du mit auch?"

Er zwang seien Worte wieder hervor. Doch sie mussten sich ihren Weg heraus suchen. Sie mussten einfach nur dumm durch die Luft peitschen und ihn wieder ein Stück näher an den nächsten Fehler heranbringen. Denn die Unlogik seines neuen Lebens machte ihn regelrecht krank.

"Wen sucht ein solch bezauberndes Wesen?"

Der ernste Blick glitt wieder herab, sah die Fähe durchdringend lange an. Sein Lächeln war verschwunden... Der Wind schien es verweht zu haben.

"Ihr solltet nicht suchen... Sondern gesucht werden."

Er schloss die schmale Schnauze, und unterbrach sich somit selbst. Zu viel Gesagtes. Zu viele Dinge. Sie könnte das alles hier falsch verstehen... und wer war es, den sie suchte?
Fragen... über Fragen. Fragen waren ein Feind. Weil sie zu oft unbeantwortet stehen blieben. Sie holten einen viel zu oft ein, sie rannten shcneller als die Jäger, und sie krochen kälter über den Körper als die zitternden Winternebel. Hässlich und dumm waren Fragen.. und Nightmare stellte viel zu viele von ihnen. Und viel zu oft fragte er diese Fragen, die ihm niemand beantworten konnte.
Doch trotzdem lohnte es sich sie zu fragen.... Irgendwann kam die Kälte, irgendwann wurde man zu dem Kind, welches man nie hatte sein dürfen. Und das war Nightmare geworden... aber nur in seinen Augen spiegelte sich diese Naivität. Das hatte er aber nichts zu heißen. Denn wenn er den Kopf hob, spiegelte sich in ihnen auch der Himmel....


Wärme. Wohlige Wärme stahl sich in das von Trauer erstarrte Herz.
Für einen Herzschlag lang schien der Augenblick perfekt. Diese zaghafte Berührung. Trügerisch und ehrlich zugleich. Die sanfte Zunge, die verstohlen das schmale Gesicht streifte. Verboten und doch wunderschön. Wärme flutete die Sinne, pulsierte warm durch das erkaltete Herz und betäubte die klirrende Kälte. Doch dieser Augenblick war vergänglich, so vergänglich wie der erste Schnee, so vergänglich wie der Morgentau auf den Gräsern, die sich sanft im Winde neigen, vergänglich, wie die Morgendämmerung, die die Nacht zum Tage macht, den Tag zur Nacht.
Dieser Augenblick verflog, so wie alle schönen Dinge einmal davonfliegen. Sie fliegen davon, wie die Wandervögel einmal im Jahr gen Süden fliegen und dennoch ist es vollkommen sicher, dass sie im nächsten Sommer wiederkehren. So ist es auch mit den Augenblicken, sie sind vergänglich, überdauern kaum einen Herzschlag lang und doch kann man sich sicher sein: Sie kehren wieder; irgendwann. Niemals wird ein Augenblick sein wie ein anderer. Alle sind sie einzigartig, unvergleichlich. Wunderschön.
Es war nicht nötig Worte zu finden, die beschrieben, die erklärten, was nicht zu beschreiben, was nicht zu erklären war. Es genügte zu schweigen. Zu warten. Stumm senkte die junge Wölfin den Blick, verbarg die goldenen Seelenspiegel hinter schneeweißen Lidern. Kaum rührte sie sich, nur unmerklich schmiegte sich der kleine, zerbrechliche Leib an den starken, schützenden Körper des Rüden, streckte sich der rettenden Wärme entgegen, dem Feuer. Wieder begann sie die Herzschläge zu zählen. Seine.
Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht... Neun... - da durchbrach der Klang seiner Stimme die monotonen Melodie der Herzschläge, durchbrach das Lied des Regens und drang ungleich intensiver an ihre Ohren. Und während sie lauschte zeichnete sich ein Lächeln auf ihre Lefzen, erhellte ihre feinen Gesichtszüge und ließ die goldenen Augen im Glorienschein erstrahlen.
Doch auch dieser Augenblick hielt nur einen Herzschlag lang, dann senkten sich die schneeweißen Lider erneut. Verbargen den verbotenen Glanz.

„Danke dir... Euch.“

Ein Wispern, ein Flüstern, das sich mit dem Wind verwob, nicht mehr.
Wen sucht ein solch bezauberndes Wesen? Ihr solltet nicht suchen... Sondern gesucht werden. Die Worte brannten heiß auf Daylights Wangen, beschämt wandte sie den Kopf zur Seite.

„Ich war auf der Suche... nach meinem Gefährten.“

Erklärte sie leise, ohne ihn anzusehen. Sie wollte ihn nicht ansehen. Wollte sich selbst die Möglichkeit verwehren in den grauen Seelenspiegeln zu versinken.
Es sollte Aryan sein, der sie hielt, wenn sie in den Tiefen des Schmerzes, der Sehnsucht, der Trauer zu versinken zu drohte. Nicht Nightmare. Und obgleich es nicht Aryan war, der ihr die nötige Wärme schenkte, die Geborgenheit, nach der sie sich sehnte, fühlte es sich gut an.
Es fühlte sich richtig an, das, was so unsagbar falsch schien.

„Wer sollte mich suchen?“

Lautlos, in einer eleganten Bewegung setzte sie sich auf. Ihr Blick fand seinen, obgleich es falsch war. Obgleich es falsch war, fuhr ihre Zunge durch das tiefschwarze Fell. Ihr Körper schmiegte sich an seinen. Suchte die Nähe, suchte die Wärme, verfing sich in ihr, verlor sich in ihr.

„Sag es mir... Nightmare.“

Befahl Daylight leise, legte ihre Lefzen an sein Ohr, biss spielerisch hinein. Versenkte die Zähne zärtlich in Fell und Fleisch, schmiegte sich noch näher an ihn, presste den zierlichen Körper an seinen. Ihre Sinne begannen zu tanzen, tanzten im Rhythmus ihres flatternden Herzen. Die Welt verschwamm vor ihren Augen zu einer unförmigen Gestalt. Nichts schien mehr wichtig. Nur Nightmare, seine Nähe, seine Wärme. Schließlich löste sie sich wieder von ihm, legte den Kopf zurück, um ihm in die Augen blicken zu können und lächelte.
Es war so falsch, doch es tat so gut.


Rakshees Blick lag auf dem Wald, der so grau erschien, wo schon seit Monaten kein Sonnenstrahl mehr seine Blätter berührt hatte. Es tropfte leise von Blatt zu Blatt, aber Licht suchte man zwischen den Zweigen vergebens - nur graue Wolken zeigten sich darüber. Das einzige Licht was Rakshee in der letzten Zeit gesehen hatte war jenes, welches Engaya ihr offenbahrt hatte...
Das vorsichtige Lächeln hatte sich auf ihren Zügen festgehalten, und mit aufgestellten Ohren lauschte sie Jakash. Sein Zögern machte ihr Sorgen, und mit krausgezogener Stirn nahm sie seine Worte auf.
Sie nahm sich nicht die Zeit nachzudenken bevor sie antwortete.

"Aber dafür bräuchtest du doch eine Ausbildung..?"

begann sie, und verwarf den Gedanken sofort wieder. Der Segen Engayas war auch vor ihrer Ausbildung schon dagewesen - auch spürbar, wenngleich ihr das im damaligen Alter nicht sonderbar aufgefallen war... Ihr Blick fokussierte sich wieder auf Jakash, sie überlegte einen Moment.

"Fenris könnte dich gesegnet haben - aber das müsste Banshee doch gewusst, gespürt haben?"

überlegte sie weiter, und schüttelte sacht den Kopf. Bei ihr waren die Anzeichen von Engaya niemals so drastisch gewesen wie bei Jakash... Aber es führte zu nichts - sie konnte sich keinen Reim auf die Geschehnisse machen, aber es musste doch eine Antwort geben...und das Fenris im Spiel war, war weder beruhigend noch unwahrscheinlich...
Rakshee erhob sich, drehte sich einmal um sich selbst, als wollte sie ihrem kreisförmigen Gedankenstrom Ausdruck verleihen, und tat dann auf Jakash zu, drückte den Kopf an seinen Hals, und setzte sich dichter zu ihm, um ihn berühren zu können.

"Wir sollten Banshee fragen, wenn sie wieder Zeit hat..."

murmelte sie, mit abwesendem Blick, und hob dann den Kopf, um dem Schwarzen in die Augen zu sehen.

"Mach dir nicht zuviele Sorgen, Bruder. Ich passe schon auf dich auf"

meinte sie zwinkernd, und glaubte einen Moment lang den Wald in sanftes Licht getaucht zu sehen...


Zeit verging. Sekunden wurden zu Minuten und Minuten wandelten sich in Stunden. Oder waren es doch nur wenige Momente? Ein Sandkorn nach dem Anderen trudelte durch das Stundenglas. Jeder dieser hinterließ ein klirrendes Geräusch. Eine Wüste, ein Meer aus Zeit. Was eben noch ein fester Bestandteil seines Seins war zerfloss unter dem stetigen Regeln. Die Zukunft rückte in weite und ungreifbare Ferne. Nur die Gegenwart hielt ihn fest. Sie zeigte ihm die wunderbaren Dinge der Natur. Ein Grashalm, der unter der schweren Last des Wasser einknickte, aber nicht abbrach. Ein junger Baum, der sich langsam den Weg gen Himmel suchte. Der pfeifende Wind, der Alles weg wusch und Platz für neue Dinge brachte. Ein Kreislauf. Alles wiederholte sich und bekam nur eine neue Note in der Symphonie. Harmonisch fügte es sich zu einem Gesamtbild, einer Mosaik. Einer leisen, flüsternden Melodie. So leise, dass man sie kaum verstand. Man musste sie auch nicht hören, um sich in diesen Kreislauf einzufügen- das tat man ganz automatisch. Ob es gut war, dass man keine Wahl hatte? Man war immer ein Teil des Ganzen. Man war nie nur man selbst, man war auch Wind, junger Baum und Grashalm. Man war wie der Regen, wie die Sonne, wie die Nacht. Und Alles um einen herum war auch ein wenig Du. Ein Zusammenspiel, ein empfindliches und doch so resistentes.
Der Graue sah auf. Die starren Augen hatten sich aus ihrer Kälte gelöst. Wenn er Teil des Ganzen war, dann war er auch ruhig, gelassen. Dann musste er nicht alleine leiden, dann durfte er auch ruhig lachen. Der alte Körper erhellte sich im schimmernden Licht des bewölkten Himmels. Er hatte seine Geschichte erzählt und nun war nicht mehr nur seine, sondern jetzt gehörte sie auch Katsumi und dem Regen. Also war er nicht allein, er war nicht einsam. Nur langsam begriff Akru die Ausmaßen seiner Ignoranz, seines eigenen Mitleids. So viele hatten darunter gelitten, dass er so blind gewesen war. Der Wächter der Zeit durfte sich nicht verlieren oder aus den Augen lassen.

“Natürlich werden wir kein Leid mehr ertragen. Nie wieder, das verspreche ich Dir, mein Freund. Es werden schwere Zeiten auf uns zukommen, auf das ganze Rudel. Das Nichts bedroht uns. Und wir Beide werden kämpfen. Nicht nur für uns, sondern auch für jene, die es nicht können.“,

sagte er sanft, aber bestimmend. Der ruhige, wissende Glanz hatte ihn zurück erobert. Ein leichtes Lächeln zierte die schmalen und jungen Lefzen. Der Graue gab sich dem Ganzen hin. Jetzt, wo er seinen Freund an der Seite hatte. Er wusste, was passieren würde. Ganz deutlich konnte er die Fäden der Zeit wieder erkennen, die jeden Wolf, jeden Baum und jeden Strauch umschlangen. Tiefe Zufriedenheit umgarnte ihn. Keine Zeit mehr zum Leid. Ein Blick nach vorn- ein Blick gen Himmel.
Er sprang mit einem Satz auf und legte die Nase in die Luft. Mit einem fast euphorischen Ausdruck auf dem Gesicht wandte er sich dem genossen zu und zwinkerte.

“Komm´, mein Bruder, lass´ uns die Welt ein wenig verbessern.“
´
Ein Lachen. Ein leises Lachen. Eines, dass Isis in Verzückung versetzt hätte, eines, dass Banshee gefallen hätte. Eines, dass ihm gut tat.


Nyotas Laune sank von Moment zu Moment. Gani schien nicht die Gesprächigste zu sein, oder sie hatte keine Lust ihr behilflich zu sein, oder sie hatte keine Ahnung, oder sie wollte auch gleich ins Nichts hüpfen...Nyota bleckte nur für sich selbst die Zähne, als sie einen schwachen Atemzug an der Schnauze spürte. Cyriell lebte. Erleichtert atmete sie auf, hielt es wie Gani mit ihr und ignorierte sie ab jetzt, und sprang vor Cyriell, legte sich vor ihn, um auf gleicher Höhe mit ihm Sprechen zu können, und sah ihn direkt an, bohrte sich mit ihrem Blick in seine blauen Augen, als könne sie somit sein Bewusstsein erreichen. Sie hörte seine Worte, und sah sich alarmiert um - wenngleich der Graue nicht zu ihr gesprochen hatte, lies sein Zustand und die Situation in der sie ihn aufgefunden hatte mehr als genug Interpretationsspielraum - ginge man einmal davon aus dass Aryan ihn loswerden wollte, aber zu feige war ihn so zu töten - verdammt, der Graue war noch ein Jungwolf! - so war es ein guter Plan ihn bewusstlos vor dem Nichts zu plazieren - das Problem hätte sich nur allzu schnell von selbst erledigt. Andererseits hatte Aryan nach ihr gerufen...

"Cyriell? Hörst du mich?"

begann sie vorsichtig, und stieß den Jungwolf sanft an der Nase an.

"Hast du Schmerzen Kleiner?"

hakte sie nach, und sah den Rüden besorgt an - nicht ohne immerwieder den Blick in Richtung des Nichts und über die Umgebung schweifen zu lassen.
Sie unternahm noch einen Versuch und wand sich an Gani.

"Hey du. Such nach Aryan, aber komm ihm nicht zu nahe, und dann berichte mir wo er steckt!"

befahl sie, und wand sich wieder dem Jungwolf zu.


Stumm sah Gani Nyota zu, was auch immer sie da machte. Natürlich, sie versuchte Cyriell anzusprechen - aber Gani wusste, dass er nicht erwachen würde, bevor sein Bruder zurückkam. Gani ließ ein leises Seufzen hören und gesellte sich zu Nyota und Cyriell. Mit ihrer Schnauze stupste sie den bewusstlosen Rüden an, dann legte sie ihre Schnauze an sein Ohr und sprach - nein, flüsterte - die Worte, die sie schon immer loswerden wollte. Jetzt kam es ihr beinahe banal vor, doch sie ließ sich nicht beirren.

"Cyriell, mein Freund, sei Dir sicher - Dein Bruder wollte Dich nicht töten. Er hatte Angst vor sich selbst, und wir müssen ihm helfen, das zu überwinden."

Auch wenn Gani Amíra wusste, dass der Graue sie nicht hören konnte - etwas Hoffnung blieb ja noch. Dann nickte sie der schwarzen Alpha zu und drehte sich um. Die ersten paar Meter trabte sie locker, um Aryans Fährte aufzunehmen. Er war den Weg entlanggegangen, über den sie auch zum Rudel gestoßen war. Sie setzte zum Rennen an, stockte dann aber kurz und dachte nach. Sie war durch ein Sumpfgebiet gekommen. Sumpf, angeekelt schüttelte sich die Prinzessin, lief dann aber doch weiter.
Schon von Weitem spürte sie, dass irgendwas nicht in Ordnung war. Das veranlasste sie dazu, noch schneller zu laufen - ihren Freund zu suchen. Auch wenn Gani lange gelaufen war, ihr Atem ging weiterhin regelmäßig. Ihre Kondition hatte von ihrer langen Reise Früchte getragen und die Entfernung stellte kein Problem mehr da. In Gedanken war sie schon bei Aryan, rief stumm seinen Namen.
Langsam kam sie zum Stehen. Sie hörte Stimmen; leise, aber noch gut zu Vernehmen. Gani hielt den Atem an, hörte aber nur noch die gebrochenen Worte Aryans. “Ich brauche- brauche... Blut“ Die graue Fähe lauschte, doch nichts war mehr zu hören. Sie riss sich zusammen und schüttelte den Kopf. Dann wankte sie mehr, als sie ging, auf Aryan und einen fremden Braunen zu und stieß ihren Freund an.

"Aryan" Nun brach auch ihre Stimme. Eine Träne schimmerte in ihrem Augenwinkel. "Dein Bruder braucht Dich. Jetzt. Sofort. Und -" Langsam kehrte wieder ihr Mut und ihre Schlagfertigkeit zurück. " wag es ja nicht, ihn zu töten." Ihre Stimme wurde wieder leiser, sie funkelte den Fremden böse an. "Und Dein verdammtes Blut kannst Du haben - wenn Du es über Dich bringst, mich zu töten. Aber nicht jetzt. Erst, wenn es Cyriell wieder gut geht. Und wenn ich mich von meinem Vater verabschiedet habe. Dann kannst Du es haben. Okay?"

Gani wusste selbst nicht, was sie da redete. Sie redete einfach. Und sie gab sich im Stillen selbst recht. Sie musste unbedingt ihren Vater sehen. Immer, wenn sie ihn sah, war diese dumme, kleine Fähe bei ihm, die wie eine Klette an ihm hing. Ihre Zurückhaltung machte Gani aggressiv, sie wusste einfach nicht, was das sollte. Sie liebte ihren Vater - ja - und sie konnte ihm nichts vorschreiben, aber am leibsten würde sie ihm diese Isis verbieten.


Midnight. Wie unglaublich passend es ihr erschien, ihn gerade jetzt zu treffen. Seine höfliche, wenn auch wortkarge Art, seine Einstellung zum Leben, all das schien sie selber zu spiegeln. So dunkel sein Fell war, so dunkel schien es auch in ihr drin geworden zu sein. Seine eher wortkarge, aber doch höfliche Art und Weise, Kaede schätze den Rüden sehr, auch wenn er im Gegensatz zu ihr schon immer eher pessimistisch gestimmt war. Doch nun würden sie wohl zusammen ein gutes Bild abgeben, auch ihr Optimismus war gewichen. In ein bodenloses dunkles Loch gefallen, aus dem es nie wieder herausfinden würde. Ihr Kopf sank ein wenig mehr gen Boden, es war so schwer in aufrecht zu halten. Die stumpfen Augen verabschiedeten sich, blickten nicht mehr in die blauen des Rüden, sie hatte gemerkt, dass er ihr in die Augen geschaut hatte, sie schätzte seine kleinen Gesten, die ihr zeigten, dass er sie wie jeden anderen Wolf respektierte. Und doch schien es sie nicht aufzumuntern. Es war, als könnte sie nichts auf der Welt mehr zum lachen bringen, schwer saß ihr Kopf auf dem Hals, schwer hingen die Pfoten an den nutzlos gewordenen Beinen.
Noch bevor Midnight sein Wort an sie richten konnte kam Krolock herbei. Übermütig wie er immer war, wie die meisten Welpen waren kam er zu ihnen, begrüßte sie, begrüßte ihn und setzte sich neben sie. Ein winziges Lächeln schlich sich auf ihre Lefzen, nicht erkennbar, war es doch viel zu anstrengend richtig zu lächeln, vor allem wenn alles in ihr sich gegen ein Lächeln wehrte.
Wehmütig dachte sie an vergangene Tage, fast erschien es ihr, als ob sie ein gehässiges Lachen vernehmen würde. Als würde sie jemand auslachen, für das, was sie nun geworden war. Schmerzvoll verzog sich ihr Herz, stolperte, schlug hektisch gegen ihren Brustkorb und beruhigte sich nur allmählich wieder. Ihr Atem wurde schleppend, keuchender, und ging dann wieder ruhiger.
Sie fragte sich, was dieser Unterton in Krolocks Stimme zu bedeuten hatte. Er hatte doch wohl nicht irgendetwas Unvernünftiges getan? Obwohl, sie kannte ihn, er wäre nicht Krolock, wenn er sich an Regeln und Bitten halten würde, er wäre nicht er, wenn er keinen Unsinn anstellen würde. Sie konnte nur hoffe, dass ihm nichts zustoßen würde.

„Hallo mein Kleiner Liebling. Schön, dass du da bist! Ich hoffe, du hast keinen zu großen Unsinn begangen… Pass auf dich auf!“

Die Worte einer besorgten Mutter, immer und immer wieder mussten sich ihre Welpen die letzten Worte anhören, jede Mutter schickte ihnen diese Worte wohl mit auf ihre Reise zum Erwachsenen. Jeder Mutter sorgte sich um ihre Jungen, jede Mutter wollte nur das Beste. Ob die Welpen dies begriffen oder dachten sie nur daran, wie sehr ihre Mama sie schon wieder nervte? Es musste lästig sein, einer fast andauernden Überwachung ausgesetzt zu sein, nur schwer konnte man Schlupflöcher finden. Obwohl Kaede wollte, dass ihre Kleinen Spaß hatten, wollte sie doch nicht, dass sie von ihr gingen, dass sie sich in Gefahr brachten. Und dies überwog wohl alles, der Beschützerinstinkt der so ausgeprägt war, der Mutterinstinkt der die Welpen zeitweilig wohl fast erdrücken mochte.
Sie hob ihre Schnauze, wendete sie und drückte sie in Krolocks weiches Welpenkleid. Sie atmete tief ein, sein Duft kitzelte sie in ihrer Nase, er erwärmte ihren alten Körper, schenkte ihr ein winziges bisschen seiner Fröhlichkeit, seiner Übermütigkeit. Und strömte dann, mit ihrem Ausatmen wieder aus ihr heraus. Sie drehte sich zurück, blickte Midnight an, lauschte seinen Worten.
Anfangs, ohne die Begrüßung, nur zwei. Doch es brauchte nicht mehr. Das Nichts brauchte keine Worte, jeder Wolf in diesem Rudel wusste, was ein anderer sagen wollte, wenn er von dem Nichts sprach. Jeden Wolf hier ängstigte das Nichts, jeder fühlte sich mit der Situation überfordert. Was sollte man davon auch halten wenn doch niemand, nicht einmal die alte Banshee, sagen konnte woher es kam, warum es hierher kam und wie es sich vermehrte. Denn das tat es ohne unterlass, wenn es auch sonst nichts tat. Es vermehrte sich und zerstörte somit ihren sicheren Lebensplatz. Es verschlag alles. Alles musste dieser komischen wabernden Masse weichen, die man nicht treffender mit einem anderen Wort bezeichnen konnte, als mit ‚Nichts’.
Sie ließ sich seufzend auf ihre Hinterläufe sinken, was würde nur aus ihnen werden, wenn sie nicht gehen würden? Würde sich das Nichts wirklich so weit ausbreiten? Und, wie würde es nach dem Tod der Alphas weiter gehen. Eine berechtigte Frage hatte Midnight ihr da gestellt. Doch was sollte sie groß darauf antworten, als mit Worten die er schon längst wissen würde!?
Nach dem Tod der beiden würden andere aus dem Rudel Alpha werden, wahrscheinlich wohl Tyraleen, Banshees Nachkommen. Doch wer konnte das sicher sagen, es konnte schließlich auch sein, dass irgendwer anders sich versuchte hoch zu kämpfen. Doch daran wollte Kaede nicht denken. Es war sowieso fragwürdig, ob sie Banshees und Nyotas Tod noch miterleben würde.

„Es wird jemand in ihre Pfotenstapfen treten. Und dieser jemand wird wissen, was das Beste für das Rudel ist!“

Sie wiegte wieder leicht ihren Kopf, es war nicht die Antwort, die Midnight bekommen hatte wollen. Bestimmt nicht. Aber sie wusste nicht, was sie ihm sonst hätte sagen sollen.
So, wie ihre körperliche Kraft schwand, so schien auch ihr Bedürfnis zu reden zu verschwinden. Schon lange hielt sie keine langen Reden mehr wie früher, schon lange sprach sie weniger und doch mehr, als so manch anderer Wolf. Nicht wortkarg, sondern wortschwach war sie.


Ein kleiner Windhauch brachte das zarte Pfänzchen vor ihm zum Zittern. Die wenigen Blätter des jungen Bäumchens wiegten sich bereits schon in dem kleinsten Lüftchen. Ein paar Regentropfen fielen dabei von den Spitzen der herzförmigen Blätter zu Boden. Jetzt noch so zerbrechlich würde er ihn in einigen Jahren bei Weitem überragen, so wie seine Artgenossen um ihn herum. Dann würde hier, direkt vor ihm, ein kräftiger Baum stehen, doch jetzt war davon noch nichts zu sehen. Jikken beobachtete die Tröpfchen, die sich auf den Blättern sammelten. Er hatte sich hingesetzt, die Ohren nach vorne gerichtet, die Augen starr auf die Pflanze. Der schwarze Wolf hatte sich als Averic und Sohn der Leitwölfin vorgestellt. Die erwähnten Namen sollte er sich wohl merken. Und sollte er nicht jetzt ebenfalls so zittern, wie das kleine Bäumchen vor ihm in der sanften Brise? Nein. Satori stand noch neben ihm. Jetzt Furcht zu zeigen wäre mehr als demütigend, auch wenn sich dieses Gefühl im Moment nicht leugnen ließ. Sicherheit strahlte Jikken im Moment auf jeden Fall nicht aus, auch wenn er sich hingesetzt hatte. Er war einfach nur ein wenig erschöpft. Averic hatte sich dem braunen Wolf zugewandt, der sie beobachtet hatte, als sich eine vertraute Stimme wieder meldete.

„Du solltest vielleicht etwas sagen…"

„Hm??“

Ruckartig blickte Jikken auf. Ein wenig verträumt blickte er sich um. Erst jetzt realisierte er, dass Satori mit ihm sprach. Er blickte sie fragend an. Was sollte er denn jetzt sagen? Jedenfalls sollte er nicht „unhöflich“ wirken… Gerade, als er die richtigen Worte gefunden zu haben schien, vernahm er plötzlich eine fremde, junge Stimme neben sich. Jikken wandte sich wieder den anderen Wölfen zu. Der graue Welpe blickte ihn gespannt an. Jikken blickte zurück, direkt in die rot-braunen Augen des Welpen. Die Worte wiederholte er in seinen Gedanken. Er neigte seinen Kopf leicht zur Seite.

„Merkwürdig?“

Jikken, der nun wirklich einen verwirrten Eindruck machte, starrte einfach zurück, immer noch. Was sollte er dazu sagen? Seine Gefährtin stand doch neben ihm, war das nicht deutlich genug zu erkennen?

„Es gibt Wölfe, die sind einfach nur blind… wie Kengo… und dann gibt es Wölfe, die sind wirklich blind… das hab ich dir schon einmal gesagt“, Satori ließ eine kurze Pause. Wirkte ihre Stimme eben noch so, wie die einer Mutter, die ihren Welpen tadelte, war sie nun wesentlich sanfter und ruhiger, „Du Jikken… wieso hatten wir eigentlich nie Welpen?“

Sofort ließ er den Welpen links liegen und blickte seine Gefährtin an. Jikken wirkte angespannt. Die Frage hatte ihn völlig überrumpelt. Ein wenig hektisch brachte er ein paar Worte hervor.

„Merkwürdig… in der Tat.“

“Eine gute Frage, was?“ , Satori kam näher, sodass sich ihre Nasen berührten. Der Ton ihrer Stimme hatte noch nichts an Sanftheit und Ruhe verloren, „aber vielleicht solltest du erst mal ihre Frage beantworten, bevor du dir darüber Gedanken machst…“,Satori deutete mit ihrer Schnauze auf den Welpen, „Wie wäre es mit: ich denke manchmal laut nach?“

So ruckartig, wie Jikken sich von dem Welpen abgewandt hatte, blickte er jetzt auch wieder zurück.

„Nun gut… Ich denke einfach laut nach… das tu ich öfter mal… merkwürdig, was?“

Meinte Jikken schließlich ein wenig ruhiger. Die Antwort hatte ziemlich lange auf sich warten lassen. Wieder einmal hatte Satori ihn aus der Misere gezogen. Eigentlich wollte er ihr nun ein dankbares Lächeln zeigen, doch er war sich sicher, dass sie auch ohne Lächeln seine Dankbarkeit spürte. Irgendetwas wollte er jetzt noch sagen. Sein Blick fiel zurück auf die zarte Pflanze vor seinen Pfoten. Das kam ihm bekannt vor. Eine kurze Pause und die Worte waren wieder da.

„Ich bitte dich nochmals um Verzeihung, Averic, dass wir die Reviergrenze einfach so überschritten haben. Ich bin mir sicher, Kengo tut das ebenso leid, wie mir…“

Okay, bei genauerer Betrachtung war ihm klar, dass dies Kengo eigentlich gleichgültig war, aber das musste Averic ja nicht wissen. Seine Stimme war anfangsetwas zittrig, doch schließlich hatte er die anfängliche Verwirrtheit und die Unsicherheit hinter sich gelassen. Er hatte den Kopf ein wenig gesenkt, um seine Worte zu unterstreichen, einer kurzen Verbeugung gleich, doch richtete er sich danach gleich wieder auf, um nicht wie ein Welpe zu wirken, der Tadel von seinen Eltern bekam. Aus heiterem Himmel stupste Satori ihn an. Jikken zuckte kurz zusammen und schnaubte daraufhin. Er verkniff es sich, einen Kommentar abzugeben.

„Du hast doch nicht etwa schon meine Frage vergessen, oder Jikken?“


Mit Rakshee über dieses Sache zu sprechen, war ganz anders als das Gespräch mit seiner Mutter. Und doch gab es da eine große Gemeinsamkeit: beide hielten sie zu ihm, beide standen sie ihm bei und suchten nach Antworten mit ihm. Doch ein beharrliches, leises Stimmchen flüsterte in ihm, dass sie nur so lange zu ihm halten würden, wie es noch Hoffnung gab, dass er kein echter Fenrispriester wurde. Oder dass er nicht verrückt war. Doch sie würden ihn fürchten und meiden, wenn er etwas Schlimmes tun würde, wenn...- Jakash biss sich auf die Lefzen, schrie in Gedanken gegen diese Stimme an. Es durfte ganz einfach nicht so kommen, aber er durfte sich auch nicht völlig dieser Angst davor hingeben!
Sein Blick wanderte ziellos umher, während er über die Worte seiner Schwester nachdachte. Eine Ausbildung, hm. Vielleicht war das auch nicht nötig? Vielleicht brauchten nur Engaya-Priester einen Lehrmeister, damit sie ihre Kräfte, Segnungen, was auch immer, für die richtigen Zwecke einsetzen konnten? Für Gutes, nicht für Schlechtes. Aber war Fenris nicht irgendwie das Gegenteil von Engaya, und war es daher nicht eher in seinem Sinne, wenn Jakash die Kontrolle verlor und seine eigene Familie bedrohte? Wozu also eine Ausbildung? Und überhaupt, wer hätte ihn denn unterrichten sollen? Etwa der völlig wahnsinnige Urion? Aber.. da gab es ja noch Averic, der Sohn Banshees und Acollons, und Acollon war ja - so wusste er aus Erzählungen - eine Art Hohepriester im Dienste Fenris', so wie Banshee für Engaya...
Jakash grübelte schweigend, bis ihn Rakshees Worte schließlich aus seinen Gedanken rissen. Schockiert sah er seine Schwester an.

"Gesegnet?! Es soll eine Segnung sein, wenn vor meinen Augen alles in falsche Farben getaucht wird und ich meine liebste Schwester angreifen will?!",

platzte es aus ihm heraus. Schon im nächsten Moment biss er sich auf die Lefzen und sah zu Boden.

"Tut mir leid... ich weiß, du hast das anders gemeint...",

entschuldigte er sich kleinlaut und sah Rakshee dann schuldbewusst an.

"Mutter meinte auch, ich solle darüber mit Banshee reden - aber grade ist ein schlechter Zeitpunkt dazu..."

Der junge Schwarze verstummte, ja erstarrte einen Augenblick geradezu, als Rakshee zu ihm trat und sich an ihn schmiegte. Die Angst saß ihm in allen Gliedern, Angst davor, dass es gleich wieder passieren könnte, dass ihre Nähe, ihre Berührung wieder einen Ausraster bei ihm auslösen würde. Mehrere Herzschläge lang wartete er angespannt ab, doch nichts veränderte sich. Jakash ließ den angehaltenen Atem entweichen und erwiderte erst dann die Zärtlichkeit seiner Schwester. Für einen kurzen Moment fühlte er sich sicher und voller Ruhe, und selbst die Umgebung wirkte ein wenig wie in Sonnenlicht getaucht. Doch dieser Augenblick verging so schnell, wie er gekommen war. Jakash seufzte. Und drückte Rakshee ein klein wenig von sich, um sie ansehen zu können.

"Aber was ist, wenn.. wenn du das nicht immer kannst? Wenn ich dich das nächste Mal... tatsächlich angreife? Du musst auf dich selbst aufpassen, Rakshee, versprich mir das! Du musst dich selbst beschützen! Ich weiß nie, wann es wieder passiert, ich fühle es nicht kommen, bis es passiert! Verstehst du, ich kann dich nicht warnen - ich kann niemanden warnen..."

Er sprach leise, dafür aber umso eindringlicher. Sie musste verstehen, dass sie sich zuallererst selbst beschützen musste, anstatt sich nur auf ihn zu konzentrieren. Jakash würde es sich nie verzeihen, wenn er ihr etwas antun würde...


Die Braune hatte die Ohren auf Jakash Blick hin zurückgelegt, und bei seinen Worten den Kopf geschüttelt. So einfach war das ihres Wissens ja alles gar nicht...

"Ach Bruder, eine Segnung muss nichts Positives bedeuten...vielmehr bedeutet es dass eine Gottheit dich für sich erwählt hat. Was bei Fenris wohl nicht unbedingt erfreulich ist..."

erklärte sie, und strich ihm mit der Nase über die Schnauze, und lächelte sachte als er sich bei ihr entschuldigte und fortfuhr. Sein plötzliches Verkrampfen schreckte sie nicht, und schon spürte sie seine Entspannung, und lies sich bereitwillig fortschieben. Die Vorstellung gefiel ihr nicht, aber sie ahnte dass sie sich auf Banshees Worte berufen müssen würde...

"Du hast gesagt dass Licht hat dir damals wehgetan...ich ahne dass ich mich nichteinmal selbst verteidigen muss..."

murmelte sie, und führte diesen Gedanken etwas weiter - das würde heißen, je näher sie Engaya kam, desdo gefährlicher würde es werden - nicht nur er für sie, sondern auch sie für ihn. Und die zweite Variante fürchtete sie weit mehr....nur zögernd nickte sie.

"Ich verspreche es dir, Bruder"

gab sie zurück, senkte den Kopf und drückte die Stirn an seinen Hals.

"Ich lasse dich nicht allein"

raunte sie leise in sein Fell.


Jakash erwiderte nichts mehr zum Thema Segnungen. Instinktiv hatte er schon verstanden, was sie gemeint hatte, bevor sie sich nun erklärte. Es blieb jedoch dabei, dass diese Bezeichnung so grässlich falsch klang, dass ihn dieser Gedanke ganz einfach erschreckt hatte.
Kurz schloss der schwarze Jungrüde die Augen und genoß die Liebkosung seiner Schwester. Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf seinen Lefzen, dass jedoch nicht lange blieb, sondern von den immer wiederkehrenden sorgenvollen Gedanken verdrängt wurde. leicht nickte er auf die Antwort seiner Schwester hin, aber die Angst blieb dennoch.

"Ja, vielleicht. Aber was, wenn dein Licht irgendwann nicht mehr ausreicht? Wenn es, nur ein einziges Mal, versagt?"

Jakashs Magen verkrampfte sich und er schluckte schwer.

"Ich will dir nicht weh tun, Rakshee, niemals",

fügte er hinzu. Als sie ihm schließlich ihr Versprechen gab, nickte er erleichtert. Sie würde auf sich aufpassen. Er würde ihr nichts tun können.
Ihr Anschmiegen tat ihm gut und er erwiderte es, indem er sich selbst ebenfalls an sie drückte.

"Danke",

brachte er nur noch hervor. Wie gern hätte er nun erwidert, dass auch er sie niemals allein lassen würde, aber.. konnte er ihr das wirklich versprechen? Er wollte das so gerne, aber für sein Gefühl war die Chance einfach zu groß, dieses Versprechen unbeabsichtigt zu brechen. Der Gedanke schmerzte.
Eine Weile herrschte schweigen. Jakash wollte diesen angenehmen Moment nicht beenden, zudem wusste er auch gerade nichts mit sich anzufangen. Die Vorstellung, sich mitten unter das Rudel zu wagen, gefiel ihm nicht sonderlich. So ließ er denn seine Gedanken treiben.

"Tante Nyota ist bestimmt schon sauer auf mich - ich bin seit Tagen nicht mehr zum Training erschienen",

sagte er schließlich irgendwann in die Stille hinein. Auf seinen Lefzen lag dabei ein besorgtes Schmunzeln...


Der verschmitzte Blick blieb an dem schwarzen Rüden hängen, er ließ ein Augenlid schnell über die blauen Augen wischen. Ein Zwinker. Untypisch und gerade zu normal. Wieder einmal legte Krolock den Mantel des Welpen ab. Schämte sich nicht für sein vielleicht seltsames und schalkhaftem Verhalten- er war eben er. Eine kleine Pfote hob sich kurz, berührte die Pranke des Schwarzen. Eine schnelle und leise Bewegung.

“Stimmt, ich bin Krolock“,

jetzt legte er den Kopf schief und das Lächeln wurde wieder zu einem Grinsen. Die Seelenspiegel funkelten auf. Doch als er den veränderten Atem seiner Mutter wahrnahm fiel der Schalk ab. Das Lächeln wischte sich mit einer Bewegung weg, die Augen verengten sich und der Blick schnellte zu seiner Mutter hoch. Wieder war sie so traurig, wieder verändert. Wieder ein falsches Lächeln. Was passierte mit ihr? Warum war Kaede niedergeschlagen? Eine ungute Vorahnung bohrte sich in die kleine Brust und setzte sich fest. Auch Banshee hatte so ausgesehen. Ein leidender und erschöpfter Ausdruck. Die Zusammenhänge wollte der Welpe erst gar nicht verstehen. Vielleicht war es ja nur die Besorgnis um das Nichts. Vielleicht machte sich die Betawölfin nur zu viele Sorgen- um das Rudel, um die Familie und damit insbesondere um ihre Kinder.
Aber glauben wollte der aufgeweckte Jüngling das nicht so recht. Konnte nicht glauben, dass Sorgen so zerfressen würden. Waren er und seine Geschwister zu anstrengend?

“Mum!“, sagte er scharf, die Stimme rutschte etwas ab.

Es wird jemand in ihre Pfotenstapfen treten, sollte das etwa heißen, dass Banshee starb? Sollte das bedeuten, dass es bald ein Ende von dem Ganzen geben würde? Und was war dann mit... Mutter? Würde sie auch sterben müssen und jemand würde ihre Stapfen treten? Die Fragen ließen den Welpen ein Übelkeitsgefühl spüren. Angewidert von dem Gedanken, dass die eigene Mutter vielleicht schon in baldiger Zukunft sterben würde. Oh nein.

“Mum, denke so was nicht einmal!“, zischte er.

Die zarte Berührung erwiderte er mit einem kräftigen Stoß in ihre Seite. Die kleinen Zähnchen vergruben sich leicht in das graue Fell, bis er schließlich ab ließ und den Kopf gegen die Flanke drückte.

“Ich werde dieses dumme Nichts vernichten. Ich werde es töten“, es war nur ein Flüstern, aber so deutlich und fest, als glaube er tatsächlich, dass er einfach nur kämpfen brauchte.


Die entfernten Schritte seiner grauen Freundin ließen den Bluttrinker steif werden. Wieder eine feste Starre, wieder nur ein Stein, wieder nur Marmor. Jeder Muskel spannte sich, die schwarzen Augen senkten sich zur Seite und die Kiefer krachten hart aufeinander. Das Brennen verstärkte sich. Die zweite, süße Versuchung. Die Freude Gani nun wieder zu sehen, wurde von jeder erdenklichen Möglichkeit sie zu verletzen getrübt. Er war gefährlich, tödlich. Ihre Tränen allerdings ließen ihn verdutzt stocken. Den Fang leicht geöffnet, der starre Blick zur Seite. Ein angenehmes Kribbeln umhüllte seine kalte Brust. Sie war gekommen, um ihn wieder nach Hause zu holen und wie gerne wäre er diesem Drängen gefolgt. Aber es war nicht möglich, noch nicht. Gani musste erst verstehen- er brauchte starke Rüden um sich. Kein Risiko eingehen; obwohl die jetzige Situation zu jedem Vorsatz paradox schien. Noch hielt er die Kontrolle, das Verlangen war aber ziemlich stark. Nur bloß nicht einatmen. Nicht den Schwall ihres Geruchs in sich ein saugen und daran untergehen.

“Nein, Gani, ich kann nicht zu den Anderen und Du solltest zu Deiner eigenen Sicherheit auch gehen, bitte“, hauchte er.

Zum ersten Mal war deutliche Schwäche in seinen Zügen zu erlesen. Keine Schwäche, die der Kontrolle gewidmet war, eher dem Schmerz, dass er einfach gerne mit ihr gehen wollte. Und nun krachten auch die Zähne auf einander und ließen ein hartes, knirschendes Geräusch verlauten.
Mit einem; etwas zu schnellen Ruck; hob er den Kopf ihn ihre Richtung. Die schwarzen Augen funkelten gefährlich auf. Und obwohl seine Seelenspiegel kalt, lüstern und drohend wirkte, erkannte man ganz deutlich Wehmut.

“Ich bin ein Monster, Gani. Ich bin ein schreckliches Monster“,

seine helle und verlockende Stimme wurde brüchig. Das makellose Antlitz und die schönen Züge bekamen einen verbitterten Ausdruck. Die Wut brannte gleichermaßen wie der Durst. Doch das Gefühl seiner Familie gegenüber drückte nun schwerer. Wenn er Aléya was antun würde? Oder Daylight- Cyriell? Was, wenn er Gani einfach angreifen würde und am Ende vor ihrem leblosen Körper stehen musste? Hässliche, widerwärtige Gedankenbilder.

“Und ich werde Dich nicht töten- oder sollte ich lieber sagen: ich will es nicht? Aber ein Versprechen kann ich darauf nicht geben“,

er wandte das Gesicht ab und starrte den blinden Rüden an. Er hatte gesagt, er kenne das Verlangen. Nun schien es ihn nicht einmal mehr zu stören. Ein Blick in die schöne Zukunft?
Ein Bild, dass Ruhe und Genügsamkeit ausstrahlte und weit entfernt von jeglicher Aggression oder irgendeinem Verlangen stand. Die Hoffnung, einmal eine solche Kontrolle zu besitzen, machte Aryan Mut. Es würde also einen Weg geben, wenn auch einen fragwürdigen und wohl schwierigen und gefährlichen.
Der Sicherheitsabstand zu Gani vergrößerte sich, dabei waren die Bewegungen so fließend gewesen, dass man es kaum als eine Regung erkannte.


Der Rhythmus kehrte zurück, das Herz des Lebens pulsierte wieder regelmässiger, schlug die Zeit wieder weiter. Und genau so regelmässig Atmete Katsumi die Luft ein und aus, füllte die Lunge mit Sauerstoff. Interessiert liess der Braune den Blick über den See gleiten, in der Hoffnung doch noch ein Lebewesen zu entdecken. Eine Ente, eine Gans. Irgendetwas. Doch nichts dergleichen war da. Seufzend sah Katsumi zu seinem Freund. Eigentlich war es egal. Die Enten fehlten und nicht Akru, also sollte es ihn ja wohl kaum stören. Die Wärme, die der graue Körper verströmte war angenehm und heimisch. Mit wohligem Gefühl lächelte Katsumi, sah in die Ferne, hoffte etwas zu entdeckten obwohl er selber nicht genau wusste, was. Doch Akrus Stimme kam zuvor. Katsumi nickte gut bemerkbar, lächelte und stiess dem Gefährten in die Flanke. Akru hatte recht. Schweigend ging Katsumi weiter, hielt es nicht für nötig, die Antwort in Worten zu fassen. Jeder Kiesel wurde genaustens betrachtet und überlegt wurden die Pfoten gesetzt.
Blitzartig zog Katsumi sein Haupt empor, sah seinen Wegbegleiter an, erwiderte dem Gezwinker. Kurz schnappte der Braune nach etwas unsichtbarem, wuffte aufgeregt und lauschte dem Lachen seines Freundes. Strahlend nahm der Fünfjährig einen Satz, sprang kräftig an Akrus Seite vorbei, stoppte erst nach einigen Wolfslängen scharf und drehte sich um.

"Na dann, mein Liebster. Auf was warten wir?"

Erlösung. Jetzt spürte es der Rüde ganz fest. Es war, als hätte man die schwere Last von seinen Schultern genommen. Nein, sie wurde geteilt. Und war deshalb leichter. Welpisch stiess sich Katsumi mit den Vorderläufen ab, landete wieder elegant und wartete. Aufgeregt darauf, wohin der Gefährt ihn bringen wollte, was als nächstes vor die gelben Seelenspiegel kam.

"Wohn, Gefährte?"

Mit schräg gelegtem Kopf, einem Lächeln auf den Lefzen und lieben Blick betrachtete Katsumi Akru und war froh, das er hier war. Froh, obwohl er so lange gehen musste. Erleichterung Pur. Und er war da. Akru.


Es war ein seltsames Bild, welches dieser kleine Teil der Familie auf ihn machte. So unglaublich unterschiedlich und das hatte nichts mit dem Altersunterschied oder der Verbindung Mutter und Sohn zu tun. Nein, es war etwas anderes, was nicht ins Bild passte und den schwarzen Rüden nachdenklich werden ließ.
Die blauen Augen betrachteten den schwarzen Welpen, wie dieser mit seiner Mutter um ging, während ein ruhiger Ausdruck, nach wie vor ungerührt, auf seinem Gesicht ruhte.
Es musste ein schönes Gefühl sein, einer Familie anzugehören, die immer zusammen halten würde. Die Erinnerungen an seine unbedarfte Zeit als Welpe war schon lange verblasst, es war nichts mehr da. Kein Stück, kein Erinnerungsfetzen, ein Bild oder eine Stimme. Nichts. Es war nichts übrig. Aus den vielen Wunden und der Tatsache, dass er auf dem Boden lag und über ihm die steilen Felswände hinauf ragten, hatte er damals schließen können, dass er gestürzt war. Dem Gefühl der innerlichen Leere nach zu urteilen selbst verschuldet.
Es war Midnight oft durch den Kopf gegangen, was es nur gewesen war, weshalb er sich in den Tod hatte flüchtigen wollen. Selbst das spielte heute keine Rolle mehr, es war alles vergänglich und der Schmerz, der tief in ihm drin steckte war zu einem Teil des Wanderers geworden. Obwohl er sich so lange bei diesem Rudel auf hielt, so lange hatte er es sonst nirgendwo in Gesellschaft ausgehalten, hatte sich doch stets fehl am Platze gefühlt, fühlte er sich noch immer fremd und seine kleine Aufgabe war beendet. War es nun an der Zeit dabei zu zusehen, wie alles seinen Lauf nahm und die Zeit am Rad des Lebens drehte?
Der Totenwandler blickte die Blinde nur ruhig an, erklärte ihr in Gedanken, dass es nicht das war, was er hatte hören wollen. Es würde immer einen Wolf geben, der den Alten ablöste und dessen Platz in der Gemeinschaft einnahm. Diese Situation war allerdings eine andere und das wusste sie genauso gut, wie er es wusste. Weiter sagte Midnight jedoch nichts dazu, behielt seine Überlegungen und alles weitere für sich. Die Sorgen und Probleme der Erwachsenen war gewiss nicht für Welpenohren bestimmt.
Der Rüde bemühte sich um einen etwas wärmeren, sanften Ausdruck, was ihm jedoch nicht recht gelang, während er die Worte des kleinen Rüden aufschnappte. Er war gerade nah genug, um es mit seinem empfindlichen Gehör verstehen zu können und er kam nicht umhin, den Mut dieses kleinen Wesens zu bewundern, welches noch den Schutz der Gemeinschaft genoss und auch brauchte.

Ich befürchte, dass man es nicht besiegen kann. Du kannst nicht dagegen kämpfen, ohne es zu berühren und alles was mit dem Nichts in Berührung kommt, verschwindet. So wie die Bäume, Pflanzen, der Boden, die Steine und alles andere verschwindet, so würdest auch du verschwinden und deine Familie alleine lassen.


Man, es war sooo unglaublich öde, das konnte sich niemand vorstellen. Gelangweilt kaute die kleine Weiße auf einem Grashalm herum, der nach ein paar Mal zerbeißen doch wieder nur ausgespuckt wurde. Gras schmeckte ekelhaft und fad, wie konnten die Hornträger das nur ertragen? Tag aus, Tag ein. Immer und immer wieder. Leicht schüttelte die Helle den Kopf, der schlapp zwischen die Vorderpfoten gesunken war. Ihr war so langweilig, dass sie sich nicht mal dazu motivieren konnte, nicht demotiviert zu sein. Schon erbärmlich. Und sooo langweilig...
Leicht schnaubte Aléya, beobachtete, wie ein Käfer von ihrem Atem getroffen, weg segelte, sich auf fing und mit leisem Brummen von dannen zog. Selbst das machte keinen Spaß mehr.
Die Welpen hatte alle ihre Spielgefährten in ihren Geschwistern gefunden und sie? Gut, sie hatte Aryan als Papa und Daylight als Mama oder so. Aber beide waren gerade nicht zu sehen und auch ihre beste Freundin Avendal hatte sich irgendwohin zum träumen verzogen. Dabei würde sie ja viel lieber etwas spannendes spielen oder sehen. Ein Abenteuer! Genau, das war es. Nach ihrem langen Weg hierher brauchte sie eine neue Herausforderung! Auf alle Fälle. Nur was? Vielleicht war es ja schon damit getan, wenn sie sich nur schon mal hin stellte? Sofort stemmten die Läufe der Fähe den Welpenkörper hoch. Ganz groß, so hoch wie die Bäume. Naja, vielleicht nicht ganz so hoch, aber auf alle Fälle so groß, als das man sehen konnte, dass sie bereit für ein Abenteuer war. Leider war außer dem langweiligen Regen, der ständig vom Regen fiel, keine große Herausforderung. Oder doch? Sie könnte doch versuchen ihn zu jagen und zu fangen, so wie sie es immer mit ihrer Feder getan hatte, die gut versteckt unter einem Gebüsch lag. So weit käme es ja noch, wenn ihr jemand die Feder klauen würde!
Also sprang die Helle, ein wenig munterer als vorher, auf und jagte jappsend den Regentropfen nach, die leider immer schneller waren als sie und vor ihr auf dem Boden auf kamen. Menno. Auch als sie nach ihnen schnappte brachte es nichts. Nur ein fetter Tropfen viel ihr gleich auf die Nasenspitze und als er in mehrere Richtungen spritzte, kam ihr etwas Wasser in die Augen. Toll.
Also trabte die Fähe, ein wenig beleidigt, in Richtung See. Wenn dort die Tropfen aufkamen, sprangen sie so lustig wieder hoch. Vielleicht konnte sie den Regen dort besser fangen?
Dieser Plan war aber schnell wieder vergessen, denn eine ebenfalls kleine Gestalt saß dort herum. Ein Spielgefährte!

Hey, du! Ist dir auch so langweilig, wie mir?


Chanuka beobachtete seinen Vater sehr aufmerksam und wusste genau, dass dieser sich aufregte. Aber es machte ihm keine Angst, die Wut zu spüren, obwohl es ein bisschen unheimlich war. Der Zorn galt nicht ihm, sondern dem unhöflichen Wolf.
Zunächst sah der kleine schwarze Welpe zu dem komischen Unbekannten, der so seltsame Sachen sagte, ehe er sich seiner Schwester zuwandte. Mit einem Nicken deutete er an, dass er ihre Worte vernommen hatte und ihre Meinung teilte. Irgendwann würde jemand davon erzählen, wenn sie älter waren. Chanuka wollte aber lieber gleich alles wissen, was man ihm scheinbar vorenthielt und es machte ihn wütend, dass er nicht ernst genommen wurde. Eigentlich hatte er keine Lust, auf seinen Papa sauer zu sein, aber dagegen konnte er nichts tun. Seine Laune sank unaufhaltsam, während sich sein Nackenfell leicht aufstellte. Atalya registrierte nichts davon, lief sie doch ungeachtet einfach davon.
Chanuka war froh darüber, dass er im Augenblick keine Beachtung fand. Krampfhaft versuchte er, seine Wut herunter zuschlucken. Er wollte nicht weiter darüber nachdenken, was es bedeutete, für etwas zu jung zu sein. Es spielte auch keine Rolle, ob er nun zu dumm war, oder zu schwach, zu unerfahren, oder allgemein Begriffsstutzig. Lieber wollte er etwas wissen und es nicht verstehen, statt immer und immer wieder vorgehalten zu bekommen, dass dieses Wissen, dass jeder der Großen zu haben schien, nichts für ihn war. Denn nach einer Erklärung, auch wenn er sie nicht begreifen konnte, konnte er doch wenigstens darüber nachdenken! Wie sollte er denn die Welt begreifen, wenn man ihm nichts erzählte?
Chanuka sah sich um. Vielleicht konnte ihm dieser Fenris erklären, was er war? Denn irgendwoher mussten die Erwachsenen wissen, was es mit den Geschichten auf sich hatte. Selbst wenn sie alle es von ihren Eltern gelernt hatten, so musste doch in dieser Reihe von Weitersagungen irgendwo derjenige sein, der anders davon erfahren hatte. Der schwarze Welpe versuchte abzuwägen, wie groß seine Chance war, sich die Antworten selbst zusammen zu suchen und erinnerte sich auch wieder an den unhöflichen Wolf, der immerhin mehr zu wissen schien, als er. Wohin war der doch gleich verschwunden?
Fast wäre Chanuka aufgesprungen und losgelaufen, als ihm einfiel, dass er wieder nach Fenris suchen durfte, noch nach dem Fremden. Alleine umherstreifen war verboten und er wollte nicht riskieren, sich noch falscher zu machen, als er ohnehin schon war. Die Wut, die in seinem Vater aufgelodert war, wollte er nie gegen sich selbst gerichtet wissen. Er schluckte. Wenn sein Vater sagte, er war zu jung, hatte er dies zu akzeptieren. Wieder wollte sich etwas in ihm Sträuben, doch er erstickte die gehässige Stimme im Keim. Verbissen beobachtete er Averic, Atalya und den komischen Wolf, ehe er sich dazu durchrang, zu ihnen hinüber zu treten. Die Abneigung, die er dabei verspürte, weil er hatte nachgeben müssen, verursachte ein Gefühl leichter Übelkeit in seinem Inneren, doch letztlich entschloss er sich, nicht weiter darüber nachzudenken und sich mit der Frage von seiner Schwester zu beschäftigen, die diese an den Unbekannten gerichtet hatte. Aufmerksam beobachtete er, was sich tat, mit dem Gefühl, irgendwie immer etwas verpasst zu haben. So als kenne er nur die halbe Geschichte, obwohl er doch alles vor sich sah. Kurz überlegte er, ob er sich auch noch einmischen sollte, doch dann hüllte er sich lieber in Schweigen. In einem Punkt war er sich allerdings sicher. Dem unhöflichen Wolf tat gar nichts Leid. Denn wenn man sich unangebracht verhielt, tat man es mit Absicht. Wofür sonst hatte man einen Kopf, um sich seine Gedanken über eine Situation zu machen und abzuwägen, welche Folgen das Verhalten hatte? Für Chanuka stand fest, dass jeder mit Absicht so war, wie er war.


Lucina wurde von einem lauten Krächzen aus ihren Gedanken gerissen. Sie schreckte kurz auf und bemerkte, dass sie hier schon eine ganze Weile sitzen musste, da sie bereits wieder komplett trocken war. Als sie wieder zum Nichts blickte fuhr ihr ein kalter Schauer über den Rücken den sie versuchte abzuschütteln. Es wurde ihr langsam richtig unheimlich.

.oO(Wie viele Leben deswegen wohl schon zerstört wurden?)

Der Gedanke daran machte die Weiße traurig. Sie wollte aber nicht traurig sein. Nicht jetzt. Nicht heute. So wandt sie sich ab und richtete ihr Aufmerksam wieder auf ihr eigentliches Ziel: dem Rudelplatz. Aber wo zur Hölle war sie eigentlich? Sie erinnerte sich, dass der Rudelplatz nahe am See lag. Ergo würde sie, wenn sie einfach am Ufer entlang lief, irgendwann schon ankommen...hoffentlich.
Glücklich darüber, dass sie endlich eine Idee mit Aussichten auf Erfolg hatte, schlenderte Lucina am Seeufer entlang. In ihrem Kopf machte sich allmählich eine große Leere breit. Es war angenehm ab und zu einmal einfach nichts zu denken. Alles abzuschalten und nur so dasein.
Leider hielt sie das nicht lange durch, denn bald fing sie an darüber nachzudenken, ob es überhaupt möglich ist tatsächlich nichts zu denken. Irgendwie denkt man doch immer an irgendetwas. Oder?
Während sie so mit sich selbst philosophierend am Ufer entlang lief, fiel ihr aus dem Augenwinkel auf der anderen Seite wieder "nichts" auf.

.oO(Das ist wirklich überall...)

Lucina beschleunigte ihr Schritte und lief schnell weiter. Nach einiger Zeit kam auch schon der Rudelplatz in Sichtweite. Von sich selbst überrascht, dass ihr Plan tatsächlich funktioniert hatte, hob sie ihren Kopf und trabte mit wedelnder Rute und nach vorn gerichteten Ohren zum Rudelplatz.

.oO(Endlich!)

Eilig überquerte sie den Platz und suchte nach einer Beschäftigung. Irgendetwas um sich abzulenken. Oder jemanden. Ihre unbewusst eleganten Tritte wurden, mindestens genauso unbewusst, immer langsamer, als ihre Aussicht auf Beschäftigung mehr und mehr sank. Überall hatten sich kleine Träubchen von Wölfen zusammengefunden.
Dass sie stehen blieb um zu überlegen, ob sie sich nicht einfach irgendwo hinzugesellen sollte, war sozusagen ihre Glück. Beinahe wäre die nach außen so elegant wirkende Fähe wieder gestolpert. Nicht etwa über einen Stein wie zuvor sondern über einen Wolf. Glücklicherweise hatte sie rechtzeitig Atemgeräusche bemerkt und sah erst jetzt auf den Boden. Vor ihren Pfoten lag ein für sie monströser Wolf und schien völlig desinteressiert die Luft zu beobachten, denn seinem Blick konnte Lucina nicht folgen. Wie konnte sie ihn nur übersehen?
Musternd starrte sie ihn an und fragte sich, ob sie wohl besser einfach umdrehen und woanders hingehen oder ihm einfach gesellschaft leisten sollte.
Sie stand bestimmt schon mindestens ein paar Minuten da, als sie sich für letzteres entschied. Mit einem Lächeln aufgesetzt versuchte sie ihr Glück.

"Hallo! Mein Name ist Lucina. Ich bin noch recht neu hier. Hättest du was dagegen wenn ich dir Gesellschaft leiste?"

Sie fragte absichtlich nicht nach seinem Namen. Wenn er reden wollte, würde er ihn sicher von sich aus verraten.
Auf eine Antwort wartend, musterte sie ihn weiter. Ob er nur auf sie so groß wirkte oder auch auf alle anderen?
Schließlich war sie selbst nicht grade eine der Größten. Die Weißte erinnerte sich, dass ihr Vater auch überdurchschnittlich groß war. Warum also war sie so klein? Aber wenn sie genau darüber nachdachte, sah sie ihren Eltern sowieso fast überhaupt nicht ähnlich. Ihre Mutter war eine schwarze, durchschnittliche Fähe mit goldenen Augen. Ihr Vater ein Hühne und mit stechenden, grauen Augen versehen.
Sie widmete sich wieder dem hier und jetzt um geduldig auf eine Antwort ihres Gegenüber zu warten. Falls er überhaupt antworten wollte.


Er hatte sich kaum bewegt, der Regen schien nur so von ihm abzuprallen als hätte er eine dicke Schutzwand um sich herum, aber das war Quatsch. Als er jedoch die Stimme seitlich hörte, schüttelte er die Gedanken ab, die er bis jetzt gehabt hatte und blickte auf. Da war die Fähe die er vorhin beobachtet hatte. Lucina also. Schöner Name, passte zu ihr. Er richtete die Ohren auf und streckte die großen Pfoten bis die Gelenke knackten. Ruhig deutete er mit der Pfote neben sich.

"Leg dich zu mir und genieße die Ruhe und die Trockenheit dieses Ortes, Lucina"

Alles an ihm strahlte Ruhe aus, Ruhe die mit dem Alter kam, aber auch wenn man sehr viel gesehen und erlebt hatte, zuviel um zu vergessen wie grausam das Leben sein konnte. Lucina war jung, sie wusste nichts von dem was er getan hatte. Wenn er sich erinnerte, erschien das helle Gesicht von Noor vor seinen Augen und eine einsame Träne floß über seine Schnauze, schloss sich dem Regen an. Noor glich Lucina bis aufs Haar, nur die Augen waren ein wenig anders und Noor war Älter gewesen als....als er sie kennengelernt hatte. Das war so lange her, und doch zog sich sein herz zusammen als er an den Tag der Wahrheit, dem schlimmsten Tag seines Lebens, dachte. Der Tag an dem Noor und seine Kinder zwischen seinen eigenen Fängen ihr Leben ausgehaucht hatten. Er war ein Mörder. Aber das wusste hier ja niemand. war wohl auch besser so, und lange zu leben hatte er wahrscheinlich auch nicht mehr, höchstens 1-2 Sonnenläufe. Mehr brauchte er aber auch nicht, sein Leben war eh schon kompliziert genug gewesen


Herzen konnten so laut schlagen. Ihres war so laut, dass er es hören konnte. So klar und unendlich rein summte ihr Herzschlag zu ihm herüber. Er schloss die grauen Augen, fing die nasskalte Wärme ein, die ihm entgegenschlug. Der Regen drang als weißes Rauschen an sein Ohr. Ein Kopf der nicht mehr ihm gehörte… Perfektion ließ sich nie lange festhalten, das wusste der Rüde nur zu gut. Perfektion war eine Lüge, die alles andere als unberechtigt war. Denn ein jedes Wesen suchte diese. In sich und in den anderen. Doch es gab keine Perfektion. Für niemanden. Für keinen Stein… kein Sandkorn. Es gab keine Perfektion für Pflanzen und Tiere. Keine Perfektion für niemanden.
Ihre Stimme drang unwirklich an seine Ohren, er zuckte leicht zusammen. Die Perfektion zerriss. Einfach… so. Als wäre sie nie da gewesen. Ein Zucken des Kopfes, Gedanken flohen vor der Realität. Ein Gefährte? Das war natürlich so klar gewesen. Keines dieser Wesen, welche länger hier waren als Nightmare konnten wohl der Schönheit eines solchen Wesens wiederstehen.
Der große Rüde wusste nicht, wie ihm geschah, als die junge Wölfin sich so nah an ihn schmiegte. Seien Muskeln spannten sich an, und sofort schien alles so weit weg und vergessen.
Ihr Gefährte war vergessen.... Seine Angst war vergessen. Die Welt schrumpfte plötzlich auf einen so kleinen Fleck zusammen, das sgrade zwei Seelen darauf Platz fanden. Nightmare lehnte seinen Kopf genießend der Berührung entgegen, lauschte auf den gleichmäßigen Herzschlag der jungen Fähe. Und plötzlich wollte er mit ihr fliegen... nei hatte er das so sehr gewollt. Der Regen ahtte aufgehört, und die angenehme Nässe blieb in ihren Fellen... blieb in ihren Blicken. Die Frische einer kurzen Perfektion. Viel zu schnell verging.

{Bleib doch bei mir....}

Doch sie wich ... nur etwas, aber sie wich. In den verschatteten Blick des Rüden hatte sich perlende Sehnsucht geschlichen, als sie mit ihm sprach. Er fing jeder ihrer Worte auf und begann es zu genießen, dieses Dasein.
Niemals hatte er geliebt. Er hatte keinen Grund gehabt. Niemals hatte er sich verloren... Es wäre eine so sinnlose Negierung seiner Sinne gewesen. Aber er genoss diese Vorstellung, dass er fliegen könnte. Immer und immer wieder. Ihre Worte waren unwichtig... wichtig war, dass sie ihm Federn gaben, wie den Vögeln, welche Federleicht im Wind davonflogen. Schon als junger Welpe hatte er es gewollt.... Und alle Träume waren in den Staub geworfen worden. Hatte sich mit einem Mal wieder in die grauen Augen geschlichen, zwischen all die nie geweinten Tränen und all die erfrorenen Gedanken, welche sensationell für sich behalten worden waren. Er würde sie mitnehmen... auf seinem Trip durch Winde und Wolken. Er würde mit ihr das Grau durchbrechen, und mit ihr die Sonne sehen.... so nah.... so nah.... Ihr Name war ein wunderbarer Sinn, und ihre Aura war das Sonnenlicht, was den Wolf ruhen ließ. Sie versprach ihm, dass es doch Dinge gab, die blieben... und standhaft waren.

"Dich suchen?

Er versuchte seien Gedanken wieder auf eine Bahn zu bekommen. Sein Zustand verbat dies zwar, aber die Geschwindigkeit war diesmal nicht wichtig. Ihr Blick war wichtig, ihr fragender Blick. Er wollte ihn noch länger auf sich ruhen wissen... er wollte noch länger, dass ihre Gedanken nur ihm gebührten, und nicht bei ihrem Gefährten waren, welcher sein wunderbares Wesen einfach allein ließ.

"Der, der dich liebt... Der der dich achtet..."

Er machte eine kurze Pause. Es hatte keinen Sinn. Jede seiner Gefühlsregungen, hatten keinen Sinn. Weil ihr Gefährte, wo auch immer er jetzt war, zurück kommen würde. Weil er nur ein kurzes Erlebnis sein würde... aber war es nicht egal? Nichts währte für die Ewigkeit.


Der Regen machte sie langsam wirklich wahnsinnig. Vorallem weil dadurch Kasur nicht gekommen war. Frustriert blieb sie am Seeufer sitzen und starrte auf das aufgewühlte Wasser, welches immer wieder und stetig unter den Regentropfen erbebte und schließlich in Wellen zerfloss. Sie senkte die Ohren, ließ den Regen daran hinablaufen, verhinderte dass er ins Innere ihrer Ohren gelangte. Ihr Pelz klebte an ihre und scheußliche Nässe drang auf ihre Haut, ließ sie frösteln.

„Prrrr. Zu Kalt“

Pienzte sie leise und zog die Lefzen hoch als könne sie den Regen so einschüchtern. Aber das andauernde Plätschern ging weiter ohne sich an ihr zu stören, bis jemand neben ihr auftauchte und sie von der Seite her ansprach. Bis auf die Augen hätte sie Amúr’s Zwillingsschwester sein können aber eben nicht ganz und so sah die eine weiße die andere weiße nur an.

„Hallo. Du. Ja, der Regen will auch nicht mit mir spielen. Und Kasur ist auch nicht da. Ich will fliegen aber die Flatterviecher sind fort. Alles ist doof wenn es is nass ist aber im Wald ist es ja nicht nass. Vielleicht wäre dort etwas zum spielen“

Sie wartete nicht wirklich ab was Aléya davon hielt sondern sprang auf, hoppelte auf den Wald zu wobei sie immer wieder zu Aléya blickte ehe sie stehenblieb, den Vorderkörper auf den Boden drückte und auffordernd mit der Rute wedelte. Sie sprang wieder auf, lief ein paar Schritte und wiederholte das ganze ein paar Mal ehe sie fast schon am Waldrand angekommen war

Atalya
24.12.2009, 20:15

Ein wenig überrascht über die freundliche Einladung, machte Lucina es sich neben dem Braunen auf dem Boden, der seltsamerweise nicht so matschig war wie er aussah, bequem. Sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass es auch Wölfe gab, die freundlich waren. Jede kleinste Geste der Nettigkeit überraschte sie immer wieder auf's Neue.
Während sie so dalag, überlegte sie, ob sie nicht ein Gespräch anfangen solle. Doch merkwürdigerweise hatte sie plötzlich gar nicht mehr das Bedürfnis, oder besser gesagt das Gefühl reden zu müssen. Sie genoss diese Ruhe die auf einmal herrschte und legte langsam den Kopf auf ihre Pfoten. Die einzelnen Regentropfen kribbelt auf der langen Schnauze und nach einigen vergeblichen Versuchen sie einfach abzuschütteln nutzte sie die Kraft des 'Wegignorierens' um dieses befremdliche Kitzeln loszuwerden.
Die Weiße blickte zu dem Rüden neben ihr, welcher nicht grade den Eindruck machte, als wäre er von der besonders gesprächigen Sorte, doch aus irgendeinem Grund, war das eine Eigenschaft, die Lucina sofort dazu brachte ihn zu mögen. Es entspannte sie irgendwie und sie wurde schon fast schläfrig. Aber schläfrig war gut. Jedenfalls in ihren Augen. Sie wusste, dass viele Schläfrigkeit als Zeichen von Langeweile ansahen, doch sie fand, dass wenn sich jemand wohl oder sicher fühlte, dieser jemand auch schläfrig wurde. Nach einem lauten Gähnen, sah sie verträumt zum Himmel und dachte daran, wie schön es gewesen wäre, wenn sie hier geboren worden wäre, so wie die Welpen, die überall herumwuselten.
Da fiel ihr ein, was sie schon seit ihrer Ankunft hatte fragen wollen. Nämlich was es mit diesem seltsamen...Ritual auf sich hatte, das die Welpen scheinbar 'absolvieren' mussten. Wär ihr das doch nur schon früher eingefallen. Aber besser spät als nie.

"Könnte ich dich vielleicht etwas fragen?"


Munter schwenkte die Helle die Rute mit der dunklen Spitze hin und her. Endlich war da jemand, dem auch langweilig war und sie sogar zum Spielen aufforderte. Wahnsinn! Gut gelaunt hüpfte und sprang die Weiße also durch den Regen, ignorierte es dabei vollkommen, dass ihre Flanken von dem aufspritzenden Matsch braun gefärbt wurden, denn durch die fallenden Tropfen wurde ihr Fell schnell wieder rein gewaschen und erstrahlte schnell wieder in einem schneeweiß, in dem die Regentropfen wie kleine Silberperlen schimmerten. Ruhig zuckte Aléya mit den Ohren, schnippte so die Nässen aus ihren empfindlichen Hörorganen und kniff die Augen zusammen, als der Regen ihr beim nächsten Satz ins Gesicht schlug. Herrlich! Durch das herum springen konnte man fast glauben, dass man flog, würde man nach wenigen Sekunden nicht schon wieder auf dem Boden aufkommen. Schade eigentlich, dass Wölfe keine Flügel hatten, wie die Gefiederten. So war es eben. Aber man konnte ja immer noch träumen, sich das vorstellen und als Ersatz herum hüpfen.
Als sie die Kleine eingeholt hatte, blieb Aléya stehen, den Kopf leicht schief gelegt.

Wer ist denn Kasur? Kann man damit auch spielen?

Neugierig blickten sich die Augen der Jungfähe um, ob sie da etwas oder jemanden übersehen hatte. Ohne jedoch auf eine Antwort zu warten, wandte sich Aléya dem Wald zu, betrachtete ihn. Er war soooo soooo sooooooooo groß! Sie konnte den Kopf recken, so viel sie wollte, sich zusammen kauern und versuchen von unten alles zu erfassen oder sich auf Papa Aryan stellen und sich ganz groß machen. Sie hatte bisher nie alles von diesem großen Wald erfassen können. Höchste Zeit ihn auf eigene Pfote zu erkunden!

Komm schon, ich will wissen, wie es da drinnen aussieht!

Begeistert, denn in ihren Gedanken hatte sich die Kleine bereits die schönsten Abenteuer ausgemalt, sprang die Fähe ausgelassen auf die erste Baumreihe zu und war mit einem weiteren Satz dahinter verschwunden.

Boar! Ist das rieeeeesig!!!

, ließ sie verlauten und sah sich mit großen Augen um. In der Tat war es hier nicht so nass, die Bäume waren mit ihrem dichten Blätterwerk ein guter Schutz gegen das allgegenwärtige Nass. Auch der Boden war nicht so aufgeweicht, sondern von Laub und Moos bedeckt. Eine weiche Schicht, die sich gut unter den Pfoten anfühlte.


Cyriells Blick schien auf Nyotas Pfoten zu liegen, doch tatsächlich sah er nur nach innen auf die Erinnerungsbilder, die sich wieder und wieder in seinem Kopf wiederholten. Ab und zu erklang ein leises Winseln, ansonsten rührte er sich nicht, schien vollkommen apathisch. Dann war da eine leise Stimme dicht an seinem Ohr und flüsterte Worte. Worte, die sich vor seinem Inneren Augen sogleich in Bilder verwandelten und ihm ein anderes Geschehen zeigten als das, was er wirklich erlebt hatte. Mit einem leisen Schluchzen wischte er diese neuen Bilder gedanklich bei Seite. Aryan hatte ihn töten wollen, DAS war die Wahrheit. Die grausame, bittere Wahrheit. Er hatte die Zähne seines Bruders im Nacken gespürt, und noch immer pochte der Schmerz und bezeugte seine Erinnerungen.
Eine andere Stimme sprach zu ihm. Nyota. Cyriells Bewusstsein schob sich aus den Erinnerungen an die Oberfläche zurück. Der Blick des Grauen schien kurz zu flimmern, dann richtete er sich langsam auf die Schwarze. Nyota. In seinem Blick lag kein Erkennen, kein Verstehen. Tatsächlich erreichten ihre Worte ihn nicht, sondern zerfaserten ins Vergessen. Cyriell beobachtete die schwarze Alpha, wie sie sich zu Gani umwandte und ihr Anweisungen gab. Auch konnte er das Trommeln von Pfoten hören, als die graue Fähe davon eilte. Zwei Herzschläge vergingen. Und dann kam plötzlich Bewegung in den jungen Rüden.

"NEIN-.."

Das Wort ging nahtlos in einen Schmerzensschrei über, als Cyriell sich ruckartig aufrichtete und versuchte, auf die Pfoten zu kommen. Heißer Schmerz zuckte grell durch seinen Körper und ließ den Grauen sofort wieder zu Boden sinken. Cyriell rang um seine Körperkontrolle, aber er konnte kaum aufrecht liegen. Sein gepeinigter Blick suchte Nyota.

"Sie darf n-nicht..! Er wird sie.. töte-.."

Wieder brach er unter Schmerzgewinsel ab, doch diesmal ergab er sich in sein Schicksal. Die paar Worte und die Bewegungen hatten ihn unglaublich viel Kraft gekostet, Kraft, die nicht so schnell wiederkommen würde.
Cyriell schluckte schwer, die Zunge klebte ihm am Gaumen. Unwillkürlich versuchte er durch Schnauzenlecken, seinen Mundraum etwas anzufeuchten, aber es wollte ihm nicht gelingen. In seinem Rachen brannte es.

"Ich hab... Durst...",

flüsterte er leise, und schien eher mit sich selbst zu reden. Einen Moment lang reichte sein Blick ins Leere, dann blinzelte er und sah Nyota an. In seinem Blick lag Entsetzen und Verzweiflung.

"Er.. wollte mich umbringen..."

In seinen Augen flackerte es.


„Häää?“

Die Verwirrung stand Liel quasi auf der Stirn geschrieben, dicke Fragezeichen schwirrten über ihrem Kopf herum und sie zermaterte ihren Kopf um zu einer vernünftigen Erklärung zu kommen. Natürlich hätte Ilias dies nicht mal sehen können, wenn sie wirklich da gewesen wären, schließlich saß sie gemütlich und faul auf seinem Rücken und ließ sich durch den Wald schaukeln. Da die Fragezeichen natürlich sowieso nicht da waren, war dies aber auch nicht weiter schlimm. Sie verstand einfach nicht, wieso sie sich nicht bedanken sollte, Ilias es aber ständig und sogar hier, in einem Satz, in einem Atemzug, tat.
Ihre kleine Stirn lag in tiefen Falten, die Ohren kreisten angestrengt, eine Eigenart, die ihr selber nicht auffiel, aber wohl eines ihrer Markenzeichen werden würde. Nicht um zu lauschen, sondern um besser denken zu können tat sie dies. Wie kleine Propeller, es rauschte dann ein winziges bisschen in den Ohren, das hielt sie davon ab auf die kleinen Geräusche zu hören, sie konnte sich damit besser konzentrieren.
Doch trotz höchster Konzentration und großen Bemühungen konnte sich keinen logischen Schluss aus seinem Verhalten ziehen. Aber vielleicht war das auch gar nicht so wichtig. Es gab schließlich wichtigere Themen zu besprechen, als das bedanken eines ‚Danke’.
Also lauschte sie seinen folgenden Worten, ein wahrer Wasserfall, so erschien es ihr, ergab sich da aus der Schnauze ihres geliebten Paten. Doch mit dem gesagten, war sie nicht so zufrieden. Es war wohl seine Meinung. Doch überzeugen konnte sie nichts davon wirklich.

oO Sie ist nicht glücklich… Oo

Doch sie wollte Ilias nicht schon wieder widersprechen, er war Erwachsen, er würde bestimmt gekränkt sein, wenn sie, als Welpe, ihn andauernd korrigieren würde. Und eigentlich konnte es sowieso niemand von ihnen genau wissen, denn es war Kaede, ihre Mama, eine Fähe für Ilias, keiner von ihnen beiden besaß die Fähigkeit um ihre Gefühle zu erfühlen oder zu sehen. Demnach wäre es eine unnütze Streiterei, in die sie verfallen könnten, wenn sie ihm andauernd widersprach. Und das wollte sie auf jeden Fall vermeiden.
Sie drehte ihren Kopf, schielte nach hinten, sie waren schon ganz schön weit vom Rudelplatz entfernt, die Gerüche und die Laute waren nicht mehr vernehmbar. So ein Erwachsener konnte ganz schön schnell vorwärts kommen, dabei trabte Ilias doch nur so gemütlich vor sich hin. Wie war es dann wohl, wenn er wirklich rennen würde? Na, dabei würde er bestimmt auch schneller erschöpft sein, sie war schließlich auch so schnell angestrengt, wenn sie ein kleines Stück rannte. Wie auch immer, ihre Beine schliefen ein und sie entschied, dass es nun an der Zeit war von Ilias Rücken zu klettern. Sie versuchte sich hochzustemmen, scheiterte jedoch kläglich und kam ins rutschen. Sie krallte sich verzweifelt fest, wie hoch das von hier oben alles aussah, wenn man im Inbegriff war herunter zu fallen. Sie schaffte es, sich wieder in eine gerade Position zu rücken und tippte Ilias auf den Rücken, er sollte anhalten, damit sie leichter von seinem Rücken kommen würde.
Doch da passierte es schon, eine kurze Sekunde nicht daran gedacht sich festzuhalten, die eingeschlafenen Beine taten den Rest und eher ungalant plumpste Liel mit einem erstaunten quieken von seinem Rücken.
Huuui, wie schnell alles an einem vorbeizog, näher kam der Boden und, gerade noch hatte sie sich so drehen können, dass sie unsanft auf ihren Pfoten landete. Benommen blinzelte sie und schüttelte ihren Kopf und darauf ihren ganzen Körper.

„Ups“

Sie verfiel in ein leises Kichern, sie hatte sich nicht wehgetan, nur erschrocken war sie. Der Fall war komisch gewesen, ein kribbelndes Gefühl, was nicht von den aufwachenden Beinen herrührte, war durch ihren Körper geflitzt. Ein wenig hatte es sich nach Aufregung und Abenteuer angefühlt. Ein wenig auch nach Angst. Aber nur ein winziges bisschen. Schließlich hatte man in ihrem Alter keine Angst mehr. Zumindest nicht vor so etwas!
Sie grinste Ilias an, nachdem sie ein paar tappelnde, unsichere Schritte gemacht hatte. Er sah es wahrscheinlich nicht, außer er würde sich gerade noch umdrehen.

„Danke Ilias, für deine Worte und dafür, dass du mir zugehört hast!“

Sie blieb stehen, er würde bestimmt zu ihr kommen, es war an der Zeit sich von ihm zu verabschieden.


Er lief schon einige Tage durch die Tundra. Nicht nur, dass sich die Landschaft änderte, auch der Wind trug nun einen anderen Duft an die Nase des schwarzen Rüden.
Shákru Minor kam es so vor, als würde er in das Nirgendwo laufen. Ein Weg ohne Ziel, ein Kampf ohne Sieger. Wie das Leben eben so war.
Der Magen der Sternenleier grummelte leise, sodass es kaum bis zu den Ohren des Schwarzen gelang, trotzdem merkte dieser, dass auch seine Kräfte etwas schwanden. Es war also nun Zeit allein zu jagen.
Aber bitteschön was? Minor drückte hechelnd seine Schnauze gegen den Boden und begann nach Beute zu suchen. Hier gestaltete sich dieses Unterfangen als etwas schwieriger, da die Spuren mehrere Tage alt waren; somit verblassten.
Etwas Glück erleichterte Shákru die Jagd. Er war durch Zufall auf die Fährte der Rentiere gekommen, er witterte tatsächlich ein Jungtier und einige kranke Tiere, die etwas hinter her hinkten. Wenn eins schwach genug war, dann könnte er es tatsächlich schaffen.
Nun mehr achtete Minor nicht mehr auf seinen Weg, bekam auch nicht mit, dass es ihn tiefer in den Norden trieb und seine Pfoten mittlerweile begannen im Schnee zu versinken.
Erst als der Wind kälter wurde, sodass seine Schnauze leicht brannte sah die Sternenleier auf und befand sich mit einem Schlag im Niemandsland. Der Schnee hörte Richtung Süden nicht mehr auf, das Meer peitschte am Horizont gen Norden weit über das eisige Ufer, aber die Rentiere hatte es hierher verschlagen, sodass Minor beschloss an ihrer Fährte dran zu bleiben, als er etwas Schemenhaftes erkannte. Es bewegte sich parallel zu ihm, trug die schwache Witterung einer Fähe.
Sollte hier doch noch ein Revier sein? Tatsächlich schwebte nur ihr Duft in der Luft. Ihre eisblauen Augen huschten ab und zu zu ihm herüber. Sie war eindeutig von hier. Unglaublich wie sie sich bewegte. Erhaben, grazil und königlich. Als hätte der Schnee sie erschaffen. Eine mystische Aura umgab sie.
Grade diese Aura hielt den Schwarzfang auf Abstand, sodass er sich nun langsam den alten Rentieren näherte. Er hatte sich aus dem Augenwinkel schon eins herausgepickt, dass müde auf dem Boden lag, gar nach Luft rang.
Shákru legte den Kopf in den Nacken, öffnete seinen Fang um die Jagd für sich einzuleiten. Sein schönes Heulen wurde vom Wind mitgetragen, verteilte sich über das Eis um schließlich im Wasser zu versinken. Verblüfft schnaubten die riesigen Tiere und stoben organisiert davon, während das schwache Ren bettelnd zu Shákru starrte. Seine schwarzen Augen waren schon trübe wie Kaedes, sein Atem ging rasselnd je näher Shákru heran trat. Es hinderte etwas den Rüden daran, dass wehrlose Tier einfach zu töten. Tränen traten in seine Augen, ein unnatürliches Beben raste durch seinen Körper. Fest schloss Minor die Seelenspiegel, doch wie von einer anderen Macht würden sie wieder aufgerissen, während das Blut in seine Kehle sprudelte. Das alte Ren sackte nun lautlos in den Schnee, der sich nicht mal rot färbte. Verwundert trat Minor einige Schritte zurück, doch der Schnee blieb strahlend weiß.
Nun stand die Fähe mit den eisigen Augen neben ihr. Das Fell blendete schon in den Augen, ihre Erscheinung war unbeschreiblich. Woher kam sie?
Doch bevor Shákru fragen konnte, öffnete sie ihren Fang:

“ Namen sind Schall und Rauch. Was zählt ist das Wesen, welches du verkörperst. Aber um deiner Neugierde beizukommen nenne ich dir meinen Namen: Stellaris.“

Ihr Name war aus ihrem Fang so gewaltig, dass es die kleine Sternenleier fast von den Pfoten riss und mit einem Schlag begriff er, dass es so viele wichtigere Dinge gab, als Streitigkeiten und Glauben. Sie lebten alles bis es an der Zeit war zu gehen. Der Rest war Schall und Rauch. Shákru ließ sich auf die Hinterläufe nieder, seufzte leise und wollte gar nichts mehr von dem Rentier fressen.
Der Wind ebbte langsam ab, sogar der Schneefall wurde weniger. Der Himmel begann aufzuklaren und die ersten Sterne blinkten zögerlich in der Dunkelheit. Sanft schlug das grüne Nordpolarlicht Wellen.

“ Deine Neugier hat dich nun soweit gebracht, Namid, Sternentänzer, dass es nun an der Zeit ist, die zu zeigen, warum du auf dieser Erde wandelst. Es kommt nicht von ungefähr, dass du die Zeichnung des heiligen Pfades auf deinem Rücken trägst..“

Stellaris Stimme war ein wunderbarer Singsang, der zu den Lichtern am Himmel herrlich passte. Shákru suchte nun keine Antwort mehr nach dem sonderbaren alten Ren, sondern folgte wortlos der weißen Fähe durch den reinen Schnee. Ob sie hier allein lebte? Völlig allein in dieser eisigen Wüste. Aber wenn man nie Gesellschaft kennen gelernt hat, vermisste man sie dann überhaupt?
Minor wurde immer bewusste, was das Leben ausmachte. Es ging nicht um das wie, das warum oder sonstiges. Jemand, egal wer, erlaubte es ihnen zu Leben und sie sollten dieses Leben glücklich nehmen. Es wird sicherlich nicht einfach sein, die Tücken einfach so hinzunehmen und an diesem Wissen zu glauben, wenn etwas Schreckliches passiert ist.
Stellaris stoppte am Ufer, wo das Meer mittlerweile ruhig da lag. Eine sanfte Stimme tanzte durch die Nacht, nicht auszumachen, woher sie kam. Aber etwas Anderes fesselte Shákrus Aufmerksamkeit. Im schummrigen Licht der Himmelsfarben ragte etwas weiter entfernt ein unheimlich großer Gletscher in das Wasser. Einige Narwale stoben an die Wasseroberfläche, prusteten die Luft gen Himmel und verschwanden schließlich wieder unter Wasser. Alles war hier so mystisch.
Plötzlich bewegte sich etwas auf den Gletscher. War es ein Wolf, ein Mensch? Minor musste vor Aufregung hecheln. Dieses Wesen war ein riesiger Wolf. Von solcher Größe, dass selbst der Größte Wolf im Sternenwindrudel sich winselnd gegen den Boden drücken würde.
Die kleine Sternenleier konnte die ausgeprägten Muskeln des Tieres erkennen, erkannte aber auch die sonderbar geflochtenen Strähnen, die von den Schultern führten. Dort war sein schwarzes Fell besonders dicht.
Menschliche Züge hatte dieser menschenartige Wolf allemal. Die Tatzen so groß wie ein Kopf von einem ausgewachsenen Rentier. Shákru wurde unglaublich schwindlig bei dem Anblick.
Das Wesen richtete sich nun eindrucksvoll auf, hielt einen langen Schamanenstab mit Federn und Traumfängern in der Hand und schien die Nordpolarlichter anzubeten.
Sein Anblick flößte Minor unglaublich viel Respekt ein.

“Das, mein Lieber, bist du. Das ist Namid, der Sternentänzer. Heimliches Wissen, der Wind, das Wasser, der Tod, das Leben, die Unendlichkeit..“

Die kleine Sternenleier konnte sich nicht mehr wundern. Er stand am Rande eines Kollapses und nahm die Worte einfach so hin, als hätte er es immer gewusst. Dort, auf dem Gletscher, stand sein anderes Wesen, sein Wissen in geballter Form eines Wolfstotem, der die Sterne anbetet, sie formt und ihre Existenz ist.
Die mystische Stimmung zerschnitt ein grellendes Brüllen wie ein zweischneidiges Schwert. Das Wasser stob donnernd zur Seite, Namid wich etwas zurück, richtete den Schamanenstab auf einen dunklen Fleck, aus dem zwei rote Augen glühend hervor stachen.
Fenris und Namid nahmen sich nicht viel von ihren Größen, aber Fenris war schrecklich, aber genau so faszinierend.
Namid hielt eine eiserne Kette in seinen Pfoten, er hatte Fenris fest im Griff, trotzdem spürte man die Schrecklichkeit, die von dem Todesgott ausging.
Es gab sie, es gab sie alle und als Shákru klar wurde, das Stellaris, dann nur Engaya sein konnte, hielt sie ihn an, weiter zu beobachten. Averic erschien auf der Bildfläche und für Shákru fügte sich das Bild zusammen, hier im Norden.
Namid, Sternentänzer, deine Zeit ist nun gekommen.


Keuchend bewegte sich der kleine Rüde weiter vorwärts. Schön geduckt, halb liegend zog er sich weiter mit dem Vorderpfoten durch das Gras. Man war das anstrengend! Aber das würde später – haben alle andere erzählt – mal schön viele Muskeln geben (was auch immer das war) und Muskeln waren gut. Ja, er wollte Muskeln haben. Alle wollten Muskeln. Er also auch. Doch bevor er sich wieder auf den Kuschelberg konzentrieren konnte und einen Plan ausgearbeitet hatte, wie dieses Ding am besten zu besteigen war, konnte er nur noch einen dunklen Schatten an sich vorbeiflitzen sehen. Mit heraushängender Zunge und völlig Perplex starrte er dem Ding hinterher, wie es auf den Kuschelberg sprang und sich versuchte nach oben zu kämpfen. Als das Ding etwas sagte, zog er seine Zunge schlürfend ein und erkannte erstaunt, dass es tatsächlich Nerúi war. Eh! So war sein Plan aber nicht geplant gewesen. Der Silberrüde zerknautschte sein Gesicht ganz unglücklich, sprang dann aber auch auf und stürzte sich in den Kampf. Mit einem für ihn wirklich beachtlichen Sprung warf er sich auf das Ungetüm und verbiss sich etwas unterhalb von Nerúi in dem Fell des … Berges. Mit den Hinterpfoten drückte er sich hoch, sodass er auf gleiche Höhe mit der dunklen Welpin kam. Dann schloss er die Augen und wartete auf den Untergang. Doch es kam … nichts. Was hatte er auch erwartet? Der Kuschelberg atmete, aber … mehr auch nicht. Der Rüde verdrehte die Augen um Nerúi angucken zu können.

„Esch paschierd nischtsch!“

Um das zu bestätigen trat er mit seinen Hinterläufen kräftig gegen den Kuschelberg. Mehr als lustiges Gewabbel kam nicht. Aber das Gefühl war toll. Nur sein Kiefer fing an zu schmerzen. Weil es so schön war, trat er noch einmal gegen den Berg und ließ sich anwabbeln, dann kicherte er.

„Dasch ischt luschtisch!“

Ein Grinsen, bei dem er fast den halt verlor, und dann trat er noch mal gegen den Berg. Khihi! Das war wirklich lustig. Wabbel, wabbel. Das mochte er. Und er konnte es nicht unterlassen noch mal mit deinen Vorderpfoten gegen dieses weiche Zeug zu drücken.


Averics Blick huschte wieder zu seiner Tochter, als die verkündete, dass irgendwann ihnen schon jemand von Fenris erzählen würde. Der Pechschwarze sparte sich seinen Kommentar und behielt auch seine Gedanken für sich. Erst einmal würde er höchst persönlich dafür sorgen, dass sie noch nicht so früh mit ihm konfrontiert wurden. Auf Atalyas Frage, bezüglich Jikkens Selbstgesprächen musste er dann aber fast schmunzeln. Und wieder einmal brauchte der Weiße ziemlich lange, um zu einer antwort zu kommen. Vielleicht war er einfach blöd? Konnte ja sein, dass sein Gehirn ziemlich langsam war und deshalb erst Minuten später alles verarbeitet war, damit er zu einer Antwort ansetzen konnte. Oh, was war er wieder zynisch Heute. Lautes Denken sollte das also sein. Na, ob man das Denken nennen konnte? Averic musterte Jikken abschätzig, neigte den Kopf etwas schräg.

Ich glaube nicht, dass diesem Kengo auch nur irgendwas Leid tut.“, erwiderte der Schwarze scharf. „Wie dem auch sei, dir kann ich wenigstens Zugute halten, dass du nicht auch abgehauen bist.“

Aus den Augenwinkeln sah er Chanukas etwas griesgrämigen Blick, während dieser auch wieder zu ihm und seiner Schwester herüber trottete. Averic zuckte nur kurz mit der Schnauze, es tat ihm auch nicht sonderlich Leid, dass seine Kinder jetzt vielleicht enttäuscht waren, weil er ihnen keine Geschichten von Fenris erzählte. Und dieser komische Zcale rührte sich nach wie vor nicht. Kurz aufseufzend wandte sich der Pechschwarze wieder Jikken zu.

Wir können uns gerne auf den Weg zum Rudelplatz machen. Dort wird Nyota sicherlich auch bald aufkreuzen.“

Außerdem behagte es ihm weniger, seine restlichen Welpen ganz alleine gelassen zu haben. Ob Tyraleen schon wieder zurück war, wusste er schließlich ebenso wenig.


Gekonnt die Neugierde versteckend wartete die kleine Fähe geduldig auf eine Antort des Rüden vor sich. Es sah wirklich zu komisch aus, wenn er mit der Luft sprach. Sie konnte zumindest nichts erkennen, selbst, wenn sie an ihm vorbei schielte oder sich zur Seite wandte. Dieser Rüde schien wirklich etwas neben sich zu stehen. Als er Atalya genau in die Augen blickte, neigte sich ihr Kopf, genau wie seiner, ein ganzes Stück zur Seite.

“Ja, merkwürdig!

Ihr Blick richtete sich auf Chanuka, der sich nun zu ihnen gesellte. Der Schwarze wurde mit einem munteren Lächeln und einer wedelnden Rute begrüßt. Und als sie den Blick wieder dem Weißen zuwandte, erkannte sie, dass er sich einfach von ihr abgewandt hatte. Er schien sich wieder mit seiner Luft zu beschäftigen. Empört verzog die Graue das Gesicht, gab einen leises, grollenden Ton von sich. Wieso machte er das? Sie hatte ihn doch etwas gefragt, warum antwortete er den nicht? Atalya schnaubte. Da waren Madoc und Liam aber netter! Übrigens Liam. Wenn sie hier fertig war, musste sie dringend nach ihrer Feder schauen. Und ganz plötzlich sah der Weiße sie doch wieder an. Na immerhin. Seine Antwort war aber irgendwie nicht wirklich zufrieden stellend. Und für so etwas hatte er so lange gebraucht? Ein wenig enttäuscht schüttelte Atalya den Kopf, wandte den Blick dann aber wieder, so gut es ging, zu dem großen Rüden, nach oben. Dann würde sie darauf halt nicht weiter eingehen. Wenn er nicht wollte! Und dann wandte er sich ja schon wieder ihrem Vater zu.

“Der ist auch nicht so freundlich, oder Chanuka?“

Mit diesen Worten richtete sich die Graue wieder an ihren Bruder. Er schien lieber zu schweigen. Atalya seufzte, richtete den hellen Blick dann um zu ihrem Vater. Der Schwarze schlug vor, zum Rudelplatz zurück zu gehen. Wunderbar! Mit hin und her pendelnder Rute drehte sich zu Averic um, sprang an ihm hoch und lehnte mit den Pfoten an seinem Bein.

“Papa? Ist Mama dann schon wieder da?“

Mit freudigem Lächeln auf den Lefzen blickte sie zu ihrem Vater hoch, und vergessen war der komische weiße Wolf.


Amáya ergriff die Flucht mit Tascurio und Tascani. Und als Urion kurz die Augen schließen wollte, da stand auch schon sein Bruder vor ihm. Der Graue seufzte leise, aber stellte die Ohren nach vorne, sodass sein der Schwarzfang erkennen musste, dass alles okay war.
Bevor der Verfluchte sich aufrichtete, fuhr er mit der Zunge über den Kopf des weißen Welpen und er wurde sich plötzlich sehr bewusste, was diese Winzlinge eigentlich in seinem Leben bedeuteten. Somit beschloss er, dass er für sie da sein wird, für immer, wenn es sein muss.
Die alten Knochen des Rüden knackten ungemütlich. Urion schüttelte sich etwas die Trägheit vom Körper und versuchte Takashi auf wolfsart anzulächeln, was mehr oder weniger gelang. Der Vater blieb so stehen, dass Cirdrán zwischen seinen Läufen geschützt hockte.

"Es ist alles in Ordnung, Bruder. Aber lass uns nun zum Rudelplatz zurück kehren. Ich möchte Kaede endlich mal wieder sehen."

Urion stupste seinen Bruder an und ging einige Schritte vor, drehte sich aber nochmal um, ob die beiden ihn auch folgten.
Plötzlich interessierte es dem Verfluchten nicht mehr, warum Takashi den Fluch los geworden war. Viel wichtiger war die Tatsache, dass er es geschafft hatte und das Urion die Möglichkeit besaß, den Fluch soweit unter Kontrolle zu halten, dass er seine letzten Wochen mit seinen Kindern genießen konnte. Sein Tod würde furchtbar werden, aber darüber wollte der Alte lieber nicht nachdenken.
So ging Urion noch mal zurück zu Ciradrán, stupste ihn sanft mit seiner Schnauze an. Eine Glücksträne rollte tatsächlich aus den roten Augen über die Schnauze und landete auf den weißen Kopf.

"Ihr lasst mich die schlimmen Dinge vergessen. Ich liebe euch von ganzen Herzen, Ciradrán. Und falls ich nicht mehr in der Lage sein sollte dies noch mal zu sagen, weil mein Herz entgültig eingefroren wurde, so übernimm dies bitte für mich."

Das gebliebene Augenlicht dämmerte leicht. Die Anstrengung und die doppelte Belastung machte das blaue Auge irgendwie müde und unscharf. Der Welpe sah jedes Detail in der Nähe und schon im nächsten Moment verschwamm das Bild und die Ferne wurde deutlicher. Aber eines erkannte er trotz des unzuverlässigen Sehsinnes. Gerade war Takashi, Ciradáns Onkel, aufgetaucht und blickte den Verletzen an. Für einen Moment fühlte sich der Weiße glücklich. Endlich geliebt und respektiert, umsorgt und geachtet, schon im nächsten Augenblick fiel das Gefühl wieder ab. Der graue Vater war aufgestanden und nahm die schützende Wärme mit. Widerwillig und schwach stellte sich der kleine Körper auf die Pfoten. Kein Schritt wollte gelingen und die Reise zurück würde ein Unterfangen von Tagen werden. Die Befürchtungen, dass das Leben ab nun an etwas schwerer werden würde, bewahrheitete sich. Tatsächlich schien Alles nun etwas schwieriger- und bis die anderen Sinne endlich das fehlende Auge ersetzen würden, vergingen sicherlich Wochen.
Etwas tropfte auf seinen Kopf und Ciradán wandte mühselig den Blick nach oben, um die Ursache ausfindig zu machen. Anders als geglaubt war es nicht der Regen, sondern eine Träne. Der Vater weinte? War er denn traurig und wenn ja, worüber? Hatte der Sohn wieder etwas Falsches gemacht? War der Weiße etwa wirklich zu schwach- zu ängstlich? Aber der Welpe hatte doch versucht sich aufzurichten und stand doch schon auf den Pfoten. Er würde den Weg nach Hause sicherlich schaffen- war er nicht schnell genug?
Erst bei den nächsten Worten verstand Ciradán den Sinn dieser Träne. Sie rührte nicht von Verärgerung oder Traurigkeit, nein, sie drückte Glück aus. Das wachsende Wissen nahm diese Reaktion auf und zerlegte sie in ihre Einzelteile. Später konnte er auf dieses Wissen zurückgreifen, wenn es nötig war.

“Ja“, gab er schließlich als Antwort. Eigentlich hatte er die Worte gar nicht so genau wahrgenommen und wollte sich auch nicht ernsthaft darüber in diesem Moment Gedanken machen müssen.

Er hatte aufgehört zu zählen. Keinen Takt eines Herzschlags, nicht die Atemzüge. Jetzt musste der kleine Welpe wieder in die Realität zurück. Der erste Schritt wurde gesetzt- etwas zu schnell, zu überstürzt. Strauchelnd glitt er in Richtung Onkel. So schnell es seine Reaktionen zuließen, drehte er sich zur Seite und ließ sich gegen den Vorderlauf des Schwarzen sinken. Keuchend biss er die kleinen Zähne zusammen. Das war nicht so glücklich- die Schmerzen in seinem pochenden Kopf wurde noch einmal deutlich schlimmer.

“Entsch- schuldige“,

keuchte er, richtete sich aber schon wieder auf, um den nächsten Versuch zu starten. Wenn er mutiger werden wollte, dann musste er auch mit Schmerzen umgehen. Das lag in der Familie: alle Rüden mussten ihre Last tragen. Und bis jetzt hatten sie es auch alle gemeistert, bis auf er. Also musste der weiße Welpe nun beweisen, dass er eben zu jener Familie gehörte. Er musste ein Rüde werden. Sowie Takashi und Urion es waren. Bloß nicht aufgeben. Außerdem würde Caylee sicher Augen machen, wenn Ciradán so stark und mutig war.
Der kleine Glücksgedanke machte ihm Mut. Er musste also schnell zurück.


Der wilde Ausdruck wollte nicht aus seinem Gesicht verschwinden- gerade als sei es ein Zwang lächeln zu müssen und den neu gewonnenen Mut der Welt zu zeigen. Auch wenn der Graue wusste, dass ihm noch etwas Schweres bevor stand. Er musste dem Braunen noch erzählen, welch perfide Gedanken und Plänen ihn bis hierhin hatten leben lassen. Nun gut, dabei war „Leben“ in Verbindung mit Akrus Namen eher unpassend gewesen. Existieren war dabei einfach ein schönerer und beschreibender Ausdruck für den Hünen. Aber das war nun Vergangenheit. Das war zurück gelassen. Der letzte Weg wurde beschritten. Ein weiteres Mal wollte das Schicksal versuchen, die Rüden auf die Knie zu zwingen- das wussten die Beiden. Sie wussten, dass der jetzige Weg nicht mehr so leicht sein würde, aber sie sahen ihm mit einem Frohmut; vielleicht auch Übermut; entgegen. Und Katsumi ließ sich von Akrus Euphorie anstecken. Auch sein Gold funkelte und zeigte einen alten Rebellen. Zu jung um zu sterben und zu alt, um aufzugeben.
Mit einem breiten Grinsen sprang der Graue voran und knurrte spielerisch. Er wusste durchaus, dass er kein Jungwolf mehr war, aber umso besser fühlte er sich mit dieser Albernheit. Der geöffnete Fang entblößte die Reihe scharfer Reißzähne, die; schon fast zärtlich; sich in das Brustfell des Braunen vergruben. Leicht wurde an diesem herumgezogen, die Vorderpfoten verließen leicht den Untergrund und mit halben Eigengewicht zog er seinen Freund in eine Richtung. Eine ganz bestimmte. Ohne zu wittern, konnte er den Geruch seiner Tochter präzise verfolgen. Und dahin wollte er den Braunen führen.

“Ich will Dir meine Tochter vorstellen, Liebster“,

kündigte er durch das braune Fell hindurch an. Endlich ließ der Graue ab und sprang spielerisch um seinen Freund herum. Wie ein Welpe, der gerade die Höhle verlassen durfte, um die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Dabei war Augenmerk eher auf sein gegenüber gerichtet, als auf den Regen, den See oder dem Boden.
So kamen die Gefährten zwar nicht sonderlich schnell voran, aber eilig hatten sie es ja auch nicht. Sie hatten Zeit, alle Zeit der Welt. Dafür würde Akru sorgen. Als Zeitwächter konnte er sich in der Vergänglichkeit sicher fühlen und nun durfte es auch Katsumi.

“Und anschließend werden wir Isis aufsuchen. Ich schätze, Du hast sie nicht von ihrer besten Seite kennen gelernt. Aber Du kannst mir ruhig glauben: Normalerweise ist sie nicht damit beschäftigt, sich zu ertränken. Entweder war das ein neuer Jugendsport oder eine einmalige Ausnahme. Was es auch war- es wird nicht mehr vorkommen“,

ein listiges Grinsen huschte über das junge Gesicht. Kurz schwieg er und ließ die neue Kraft ihr Werk tun. Dabei waren die blauen Augen immer auf die goldenen Seelenspiegel gerichtet.


Nyota zögerte, als der Jungrüde sich aufsetzen wollte, aus seinem Wort ein Schrei wurde und er sogleich wieder in sich zusammen sank. Unruhig umkreiste sie den Rüden, versuchte äussere Verletzutzungen auszumachen. Die Wunde im Nacken hatte sie sogar schon geschmeckt, aber bis auf ein paar Kratzer war da nicht viel mehr zu erkennen.
Die leisen Worte des Rüden verstand sie, schüttelte jedoch entschlossen den Kopf. Nicht umsonst hatte sie Gani angewiesen ihr Bericht über Aryans Aufenthaltsort zu erstatten.

"Ganz ruhig. Er wird ihr nichts tun!"

versicherte sie mit fester Stimme, und heftete ihren Blick fest auf die blauen Augen des Jungrüden. Seine gehauchten Worte verstand sie nur gerade eben, und ruhig bewegte sie die Ohren näher zu ihm hin. Sie zuckte nicht, als er fortfuhr, sondern nickte nur, und unterdrückte ein Knurren. All ihre Vorurteile bestätigten sich auf einen Schlag.

"Ich werde mich darum kümmern dass er keine Möglichkeit bekommt sein Werk zu vollenden"

urteile sie, und beugte sich weit zu dem Grauen herunter.

"Du musst hier weg. Wo hast du am meisten Schmerzen? Wir müssen versuchen dich auf die Beine und zum See zu bringen, an einen Ort wo du sicher bist"

beschloss sie, und fuhr dem Rüden beruhigend mit der Zunge über das Gesicht, strich mit der Nase darüber und legte sich wieder vor ihn, alle Sinne gespannt nach einer Antwort auf ihre Fragen horchend, doch mit ruhigem Blick der dem Rüden die nötige Sicherheit für den nächsten Schritt vermitteln sollte.


Die Lefzen verzogen sich skeptisch, Fältchen bildeten sich zwischen den Augen und deutlich skeptisch blickte Liam die Wüstenwölfin vor sich an. Das war ihm neu, warum tat man so etwas Gefährliches um zu wissen wo man steht. Und, stehen in welchem Zusammenhang? Als er den weiteren Worten lauschte, glätteten sich seine Runzeln schnell wieder. Er glaubte ihr, nicht nur, weil ihm sowieso nichts anderes übrig blieb, nein, ihre Worte klangen wirklich ehrlich, sie würde für Akru da sein, wollte dies, aber warum war sie dann in den See gewatet?
Fragend legte er den Kopf schief, blinzelte leicht und schleckte sich über die Schnauze.

„Ich verstehe nicht ganz… Warum springst du in den See um zu sehen wo du stehst?!“

Vielleicht würde sie ihm ja erklären, was sie damit bezwecken würde, vielleicht auch nicht. Nun, das wäre auch nicht schlimm, sie war ihm ja nicht verpflichtet. Aber es interessierte ihn schon, nicht um sich über sie lustig zu machen. Er lernte gerne neue Wölfe und deren Ansichten des Lebens kennen. Er hatte seine eigene Ansicht, war auch fest von ihr überzeugt, doch er wusste, dass es nicht schaden konnte, sich mit mehreren Standpunkten auseinander zu setzen.
Er beobachtete sie, mit ihren Gedanken war sie weit fort, sie eilten hinter Akru her, versuchten ihn zu erwischen, vielleicht taten sie es sogar. Wer außer ihnen beiden konnte das schon wissen? Er wartete geduldig ab, bis sie sich wieder ihm widmete und war dann erstaunt über ihre Frage.
Kandschur, der würde wohl da sein, wo er ihn verlassen hatte. Oder?

„Wenn er nicht fort gegangen ist, müsste er am See stehen… Ein kleines Stückchen von unserem jetzigen Standort… Wieso fragst du?“

Er musterte die Fähe, anscheinend war sie nicht erstaunt, dass er mit Kandschur zusammen lebte, zumindest fand sie es nicht abstoßend, wie so einige andere hier in diesem Rudel? Oder kannte sie gar noch andere Rüden, vielleicht auch Fähen, die so zusammen lebten? Bis er auf Kandschur getroffen war, hatte er keinen Rüden kennen gelernt, der so fühlte wie er selber, doch war er daran nicht verzweifelt, wäre ihm kein Rüde vorbestimmt gewesen, hätte er entweder auch Fähen attraktiv gefunden, oder einen ganz anderen Charakter gehabt. Beschwören konnte er dies natürlich nicht, aber er war sich doch schon ziemlich sicher, dass es so gewesen wäre. Aber er wollte gar nicht so viel über Dinge nachdenken, die hätten anders kommen können. Schließlich war sein Leben doch gut so, wie es jetzt war.
Außerdem wollte er auch gar nicht so viel abschweifen, dort war Isis, mit ihr unterhielt er sich.
Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, registrierte, dass die Fähe ruhiger geworden war. Es freute ihn, ob er nun mit daran geholfen hatte oder nicht. Er betrachtete ihre glänzenden Augen und ihn überkam eine Sehnsucht nach der Sonne, wie er sie noch nie gespürt hatte. Dabei war ihm, als ob die Sonne in diesen Augen wohnen würden. Aber doch fehlte die damit einhergehende Wärme, die er auf seinem Pelz spüren würde, wenn die richtige Sonne scheinen würde. Das erste Mal seitdem dieser Regen über dem Tal lag, seitdem das Nichts sich ausbreitete, fröstelte er.


Während Tascani Amour, der schönste aller Rüden, mit federndem Gang hinter Amáya, der manchmal etwas unfreundlichen, aber durchaus hübschen Schwarzen, her lief, konnte er sich gut auf den Gedanken, bald sehr viele schöne Fähen um sich zu haben, konzentrieren. Er starrte auf Amáyas Hinterteil, das einige Pfotenlängen vor seiner Schnauze hin und her wackelte, merkte dies aber nicht bewusst. In seinem Geiste war er bereits auf dem Rudelplatz und sah vor sich die sicher sehr besondere Mutter der Schwarzen. Als er sich gerade vor jener verneigte, um ihr zu schmeicheln, wurde er aus seinen Tagträumen gerissen, da Amáya schon nach so kurzer Zeit stehen geblieben war. Er hätte gar nicht gedacht, dass sie dem Rudelplatz so nahe waren!
Die Worte der Schwarzen verrieten allerdings, dass sie ihn schon verlassen wollte. Sollte er den restlichen Weg etwa alleine gehen? Er war doch Gast. Innerlich leicht empört wandte er sich der Schwarzen zu und setzte ein honigsüßes Lächeln auf. Er wollte, dass sie noch bei ihm blieb, schließlich mochte er sie. Außerdem hatte sie ihm vorhin doch so wunderbar zugelächelt – da war doch etwas, das musste sie auch spüren!

„Mein liebe, wunderschön Freundin …“

setzte er an, während Amáya weitersprach und in eine andere Richtung deutete. In Tascani arbeitete es kurz, bis er verstand. Er hatte den Kleinen, der offenbar hinter ihnen her getapst war, gar nicht mehr wahrgenommen. Er sollte also ihn als Begleiter haben. Was für ein Tausch!
Er starrte den Welpen zuerst etwas abschätzend an – schließlich hatte er ihre traute Zweisamkeit gestört. Dann jedoch musste er den Kleinen unwillkürlich anlächeln, da jener so grimmig drein sah. Tascani ging auf ihn zu und stupste ihn leicht in die Seite.

„Na, meine Kleiner, nun wir werden wohl auf eigene Faust müssen losziehen. Wie ist denn deine Name? Isch heiße Tascani Amour und passe gut auf disch auf. Wenn jemand ist böse zu uns, isch werde kämpfen!“

Passend zu seiner Prahlerei ließ er stolz seinen Brustkorb anschwellen und wollte der Schwarzen einen kurzen Seitenblick schenken. Vielleicht würde ihr das ja imponieren und sie würde doch mitkommen. Er erblickte sie jedoch nirgends - jetzt konnte er auch nichts mehr tun; er würde schon alleine klar kommen, das wäre doch gelacht!
Außerdem gefiel ihm der Kleine … vielleicht sollte er ihm ein paar echte Rüdengeschichten erzählen.


Shani hatte es nicht all zu lange auf ihrem Platz gehalten, Hiryoga war zu ihr gekommen und gemeinsam hatten sie den Rudelplatz verlassen. Shani mit dem Wissen, dass Jakash bei Rakshee gut aufgehoben war und dass Banshee ihren Blick gesehen und verstanden hatte. So konnte sie nun sich unbeschwert bei ihrem Gefährten fallen lassen und genoss es, wie früher an seiner Seite durch die Wälder zu streifen. Ihr Weg führte sie nirgendwohin und anfangs war nur die Stille mit ihnen, bis sie irgendwann zu reden begannen – über die Reise Hiryogas, über Kursaí und über das Schicksal ihrer Welpen. Schließlich kamen sie auch zu dem Thema, das sie bis jetzt gemieden hatten, Hiryogas Verschwinden. Shani hatte es tief getroffen, dass er sich nicht einmal verabschiedet hatte, ebenso wenig wie Kursaí. Sie hatte es nicht verstanden und verstand es auch heute noch nicht. Hiryoga versuchte zu erklären, aber aus irgendeinem Grund machte sie das wütend, schon purzelten die ersten gegrollten Vorwürfe aus ihrem Maul und versetzten auch Hiryoga in Ärger. Es artete in einen Streit aus, ein Streit, wie ihn wohl jedes Paar irgendwann einmal hatte. Über alles, was man sich in den Jahren, die dahingezogen waren, nicht gesagt hatte und an dessen Ende man sich doch wieder versöhnen würde, glücklich, alles gesagt zu haben. Doch vorerst warfen sie sich alle Schuld der Welt an die Köpfe und redeten sich immer mehr in Rage. Shani verärgerte es furchtbar, dass Hiryoga aus ihrem anfänglichen Gespräch nun so etwas gemacht hatte und ihr Gefährte hörte nicht auf, sie zu beschuldigen, dabei ging es doch um sein Verschwinden ohne Abschied! Keiner von beiden achtete noch auf den Weg, ganz auf sich konzentriert, merkten sie nicht, dass das Nichts unmittelbar vor ihnen lag, hatten sich so in Rage geredet, dass Shani kurz davor war, sich umzudrehen und wegzurennen. Tatsächlich tat das dann aber Hiryoga, warf ihr einen furchtbaren Vorwurf an den Kopf, den sie nicht einmal mehr denken wollte und raste davon. Erst jetzt sah Shani, mit Tränen der Wut und der Empörung in den Augen, nach vorne und ihr Herz blieb stehen. Keine zehn Wolfslängen lag das Nichts, der endlose Nebel, der blind machende Schleier vor ihnen. Und Hiryoga rannte direkt darauf zu, schien bemerkt zu haben, was er tat und konnte doch nicht mehr abbremsen.

“Neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeein!“

Widernatürlich hallte ihr Schrei durch den stummen Wald, dann hing ihr Gefährte wie gelähmt in dem grausamen Nichts, erblasste, verstummte, wurde grau und löste sich auf wie eine Gestalt in dichtem Nebel. Schreckensbleich starrte Shani auf den Fleck, an dem eben noch Hiryoga gewesen war, konnte keine Sekunde fassen, was sie gesehen hatte und spürte doch so endlos schwere Trauer und Entsetzen ihr Herz niederreißen, dass ihre Läufe willenlos einknickten und sie hart auf dem Boden aufschlug.

“Nein.“

Keuchte sie erneut, keine Träne konnte fließen und kein Gedanke konnte so weit gehen, dass sie begriff, was mit Hiryoga geschehen war. Mit Hiryoga, ihrem Gefährten, dem Vater ihrer Welpen, ihrem besten Freund, ihrem Halt in all der vergangenen Zeit und dem Wolf, der ihr dieses wunderbare Leben geschenkt, als er sie damals zu seiner Familie gebracht hatte. Ihr Hals war zugeschnürt, ihre Läufe taub, kein Laut drang an ihre Ohren, kein Geruch zu ihrer Nase. Ihre Augen waren starr in das Nichts gerichtet, wurden wie blind und doch konnte sie nicht aufhören zu starren, auf die Stelle, an der das Wichtigste in ihrem Leben verschwunden war. Für immer.


Voller Vorfreude auf das was sie im Wald erwarten würde, sah sie zu wie Aléya voraus flitzte und im Wald verschwand. Amúr wandte einen Blick zurück, zögerte aber keine weitere Sekunde ehe sie ihrer neuen Spielgefährtin nachfolgte. Wow, von außen schon sah der Wald riesig aus aber wenn man einmal IM Wald war, dann wirkte alles GIGANTISCH. Amúr staunte und musste den Kopf in den Nacken legen um vielleicht eine Blick auf den Himmel werfen zu können aber der wurde von den Baumkronen verdeckt.

"Woa ist das riesig. Guck mal, wie groß das alles ist"

Sie konnte ihre Aufregung kaum verbergen, hüpfte hin und her, rutschte zwar ein paar mal aus aber das bremste ihre Freude nicht. Klar es war hier sehr viel trockener als draußen aber völlig trocken war es auch nicht, immerhin waren die Blätter mit Lücken und Löchern versehen und ließen so auch Regen durch. Amúrs Ohren bewegten sich flink während sie sich kurz schüttelte und sich umsah. Rasch senkte sich ihre Nase gen Boden, wie durch einen Magneten angezogen. Es roch aufregend, fantastisch nach vielen Dingen die sie noch nicht kannte aber das würde sich bald ändern.

"Komm, komm schon, sonst holen sie uns zurück ehe das Abenteuer begonnen hat

Jappste sie in Aléya's Richtung und preschte tiefer in den Wald, nicht ahnend dass sie ja Spuren hinterlassen würde, aber das war ihr momentan richtig egal


Jakash nickte nur und zwang sich zu einem Lächeln, obgleich seine Schwester es kaum würde sehen können, so wie sich an ihn kuschelte. Heilen, ja. Aber so weit sollte es ja gar nicht erst kommen. Nicht so weit.. und vor allem nicht noch weiter... Der schwarze Jungwolf atmete einmal tief ein und aus, seine Augen irrten ziellos umher und suchten vergeblich nach Halt, nach Ablenkung. Schließlich richteten sie sich wieder auf Rakshee. Tatsächlich gelang es ihm, aus ihrer Nähe endlich die Ruhe zu ziehen, nach der er sich nun schon seit geraumer Zeit sehnte. Die Stille und die Abwesenheit aller anderen Wölfe trugen einiges dazu bei. Jakash genoß diese Illusion einer heilen Welt, und musste sogar leise lachen, als Rakshee schließlich das Thema Nyota aufgriff.

"Nein, schon gut... ich mache das selbst",

erwiderte er, und ein wenig erlosch das Lächeln. Es würde nicht leicht werden seiner Tante mit diesem Anliegen gegenüber zu treten, und eigentlich scheute er sich auf davor. Doch er wollte sie nicht nochmehr enttäuschen, und das würde er wohl, wenn er Rakshee schickte anstatt selbst eine vorrübergehende Aussetzung des Trainings zu fordern.
Schon kurz darauf musste er jedoch bereits wieder Grinsen. So, so, seine liebe Schwester zweifelte also an seinem kämpferischen Können?!

"Ha, niemals! Schließlich brauch sie das Training ja, um von mir zu lernen!",

witzelte er. Nur gut, dass Nyota ihn nicht hören konnte! Der Gedanke ließ ihn Schmunzeln und er hätte seine Rute darauf verwettet, dass seine Schwester gerade das Gleiche dachte.
Jakash erhob sich und drehte sich symbolisch einmal um sich selbst, mit den Augen dabei die Umgebung absuchend. Tja, was sollten sie jtzt tun, gute Frage.

"Am Besten, ich gehe gleich zu Tante Nyota, dann hab ich's hinter mir",

sagte er schließlich an Rakshee gewand und schlug die Richtung ein, in der der Rudelplatz lag. Mit einem Kopfnicken bedeutete er seiner Schwester, ihm zu folgen, und schritt dann zwischen den Bäumen hindurch.
Eine ganze Weile schwiegen sie, und als die Bäume sich schließlich lichteten und den Blick auf den Rudelplatz preisgaben, blieb der Schwarze stehen. Seine Augen glitten suchend über die Wölfe, die er von hier aus sehen konnte, aber Nyota fand er nicht. Dafür jedoch Banshee, die etwas abseits bei Tyraleen lag. Jakash sah zu der weißen Alpha hinüber und zögerte einen Moment, dann wandte er sich an seine Schwester.

"Planänderung: ich rede mit Banshee, solange sie von niemand anderes beschlagnahmt wird."

Er lächelte, aber nun mischte sich wieder die Unsicherheit in seine Züge. Ohne eine Antwort seitens Rakshee abzuwarten, setzte er sich wieder in Bewegung. Er musste seine Chance nutzen, solange ihn der Mut noch nicht verlassen hatte. Zweimal hatte er sich heute schon überwunden, aber es wurde nicht leichter dadurch. Und er wusste, würde er bis zum nächsten Tage warten, wäre seine Entschlossenheit restlos verflogen.
Langsam näherte sich der schwarze Jungwolf seiner Großmutter. Auch Caylee lag bei ihr und Tyraleen, fiel ihm auf, aber sie schien zu schlafen. Gut, er konnte jetzt keine neugierige Welpin gebrauchen. In etwa zwei Wolfslängen Abstand blieb Jakash stehen. Die meisten hätten diese Distanz vermutlich als respektvoll interpretiert, für Jakash war es jedoch eher ein Sicherheitsabstand. Die ganze Zeit über hatte er so nervös wie aufmerksam auf die Umgebung un die Wölfe geachtet, doch nichts hatte sich verändert. Gut so, bis jetzt. Inzwischen hatte sich sein Körper wieder mehr gespannt, und in seinem Gesicht war wieder die Unsicherheit deutlich abzulesen.

"Großmutter?",

seine Stimme war leise, denn er wollte Tyraleen und Caylee nicht wecken. Vor allem nicht Caylee.

"Kann ich... mal unter vier Augen mit die sprechen?"

Es klang fast flehentlich...


Cyriell zitterte, und das nicht nur äußerlich. In seinem Kopf zitterten die Gedanken, zuckten hin und her und teilweise konnte er sie kaum noch erfassen. Alles erschien ihm so unwirklich, ein schrecklicher Traum. Vergebens versuchte er jedoch aufzuwachen, und vergebens versuchte er sich einzureden, dass das alles gar nicht passiert war. Aryan war sein Bruder, sein geliebter Bruder! Cyriell krümmte sich.
In seinem Hals brannte es noch immer. Erneut versuchte er seine Zunge anzufeuchten, und bekam dabei nur den Geschmack seines eigenes Blutes im Rachen verteilt. Von dem metallischen Geschmack wurde ihm schlecht. In seinen Eingeweiden begann es schier ebenso zu zucken und zu zittern, wie in seinem Kopf und wie sein Körper es tat.
Mittlerweile war sein Geist trotz des Chaos in seinem Kopf soweit klar geworden, dass er Nyotas Worte sowohl hörte als auch sogleich verstand. Nur erwidern konnte er nichts darauf, dafür schrien seine Gedanken zu laut, und widersetzte sich sein Körper seinem Willen zu sehr. Kurz zuckte er zusammen, als ihre Zunge sein Gesicht berührte. Die Kratzer, die die Äste und Zweige während seiner Flucht gerissen hatten, begannen nun zu brennen. Trotzdem spendete diese Geste unglaublich viel Trost, auch wenn sie gleichzeitig tiefe Trauer in Cyriell aufsteigen ließ. Hier war jemand, der sich um ihn kümmerte, der ihm helfen wollte. Könnte dieser jemand doch nur Aryan, sein Bruder, sein...
Der Graue schnappte erstickt nach Luft, und versuchte dann langsam aufzustehen. Nach jeder kleinen Bewegung musste er inne halten und sich Sammeln. Schmerzen jagten durch seinen Körper, raubten ihm Luft und Kraft. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Graue auf allen Vieren stand, und wirklich sicher wirkte er dabei nicht. Den Kopf ließ er dabei herabhängen - ihn zu heben tat einfach zu sehr weh.

"H-Hals..",

brachte er auf Nyotas Frage hin nur hervor. 'Nacken' wäre treffender gewesen, aber das war vermutlich ohnehin ersichtlich. So stand er da und wusste nicht weiter. Er sollte zum See, hatte Nyota gesagt, aber Cyriell hatte keine Ahnung, in welche Richtung er sich wenden musste. Wie in Zeitlupe drahte ganz vorsichtig den Kopf zu der Schwarzen um, suchte halt in ihrem ruhigen, sicheren Blick. In seinen Augen flimmerte es noch immer, ein Hauch dessen, was in seinem Inneren vor ging...


.( Was machst Du da eigentlich? Solltest Du nicht bei meinem Sohn oder dem Welpen sein. Von mir aus auch bei der Alphafähe ... aber irgendwo, wo Du nicht das machst, was Du jetzt machst. Du brauchst gar nicht erst zu fragen, warum ich das frage. Vergiss das sofort wieder. Es ist einfach so und das soll auch so sein. ).

Geflissentlich überging Jumaana die Stimme in ihrem Kopf. Sie trabte einfach weiter, die ganze Zeit am Ufer entlang. Ihre Pfoten sanken ein wenig im nassen Uferboden ein, aber er federte zurück und man konnte nicht sehen, dass jemand dort entlang gelaufen war. Die weiße Fähe wusste, wie sehr sie Aarinath damit ärgerte, sie zu ignorieren. Es machte ihr nahezu Spaß, wie die Stimme der Schwarzen sie in ihrem Kopf anschrie, auch wenn es ihr Kopfschmerzen bereitete. Irgendwann würde das Feenkind verstummen, so gut kannte Jumaana sie jetzt schon. Leise summte sie vor sich hin, immer die gleiche, einstimmige Melodie. Schon in ein paar Minuten würde die schwarze Wölfin aufgeben, still sein und nichts machen. Doch dann zerriss ein Schrei die Stille, ein entsetzlich lauter und gequälter Schrei. Die Weiße lauschte, doch die Stille war zurückgekehrt. Sie konnte den Aufschrei nicht zuordnen, nie hatte sie etwas Vergleichliches gehört. Alles hat ein Ende. Die schwarze Aarinath hatte diesen Worten Platz gemacht, war verschwunden, aus Jumaanas Gedanken verbannt. Hilflos stand sie am Ufer, wusste nicht weiter und handelte instinktiv. Willenlos jagte die Fähe am Sternensee entlang, bis sie zum Wald kam. Als sie von Bäumen umgeben war, bremste sie ihr Tempo und versuchte verzweifelt, eine Fährte aufzunehmen. Als sie endlich einen bekannten und doch unbekannten Geruch aufgenommen hatte, suchte sich Jumaana einen Weg zwischen den Bäumen hindurch. Ein seltsames Gefühl der Leere machte sich in ihr breit.

oO Aarinath? Feenkind? Oo

Das Denken fiel ihr schwerer als sonst, als hätte es einen Kurzschluss gegeben und sie nur noch beschränkt einsatzfähig war. Jumaana erschrak, als die schwarze Fähe ihr nicht antwortete. Gewöhnlich war sie ein Plappermaul, laut und fröhlich. Etwas zu fröhlich für eine Tote. Bis jetzt hatte sie der Weißen immer zur Seite gestanden, die ganze Zeit. Sie hatte immer geantwortet, war immer da gewesen, wenn sie gerufen wurde. Doch jetzt ... Nichts. Bis Jumaana etwas Weißes aufblitzen sah. Zielstrebig lief sie darauf zu, doch erst als sie direkt vor dem Ding stand, erkannte sie, dass es eine Fähe war, eine, die Jumaana ähnelte. Aber sie hatte etwas Erwachsenes an sich.

.( Rette ... sie ... ).

Jumaana beachtete Feenkind wieder nicht, jetzt aber aus Sorge um die Fremde. Sie war aus dem Rudel, da war Jumaana sich sicher, doch genau wusste sie nicht wer es war. Sie durchforstete ihr Hirn, doch ihr fiel nur ein Name ein.

"Shani?"

Die weiße Fähe wusste nicht, ob das Ding, was vor ihr lag, wirklich die Mutter vieler Jungwölfe war, doch es war einen Versuch wert. Die grünen Augen der Fremden waren auf das Nichts gerichtet, auf eine bestimmte Stelle und doch schien es, als würde sie nirgendwohin gucken. Unschlüssig setzte sich Jumaana neben Shani, wenn es Shani war, sah sie an.


Ja, warum fragte Isis eigentlich nach Kandschur. Wahrscheinlich um von ihren eigenen Gedanken abzulenken, aber so wie es schien, gelang ihr dieses eh nicht, denn der Kuschelwolf mit den großen Ohren durchschaute sie.
Isis streckte sich, wedelte leicht mit der Rute bis sie seine Frage vernahm, warum sie denn in den See gesprungen sei. Die kleine Ägypterin guckte den Buddhisten skeptisch und lange an, dann erst dachte sie über eine gescheite Antwort an. Sie hatte kein Problem damit sich so offen mit dem schwulen Wolf zu unterhalten, denn Liam strahlte solch eine Vertrautheit aus, dass es schon unverschämt wirkte.
Nun schlich sich wieder ein sanftes Lächeln auf ihre Lefzen.

“Ich besaß einfach keinen normalen Kontakt mehr zu meinen Göttern. Ihre Stimmen verstummten, während ich versuchte angestrengt nach ihnen zu lauschen. Da wollte ich es einfach wissen und spielte mit meinem Leben. Hätte Anubis mich zu sich geholt, so hätte ich gewusst, dass meine Aufgabe hier einfach zuende war, doch ihr habt mich aus dem See gerettet, sodass ich nun weiß, dass sie noch einen Plan mit mir haben. Daher weiß ich nun, wo ich stehe.“

Isis hoffte, dass Liam diese Worte verstehen konnte, denn für die kleine Fähe waren sie verständlich, aber ob sie es für einen anderen Wolf auch waren? Isis ließ ihre Ohren Kreisen. Es war unglaublich still in diesem Revier geworden, als ein gellender Schrei durch das Revier halte. Der Wüstenwölfin stellten sich die Nackenhaare zu berge. Es war Shanis Schrei, der an ihre Ohren drang. Und mit einem Mal sah auch Liam so aus, als würde es kalt in ihm werden. Ob es nun an diesem Schrei lag, war nicht direkt auszumachen, aber intensiver denn je stellte Isis fest, dass sich ein großer Schatten über das Revier gelegt hatte. Als wenn Fenris sich über sie legte und sein weites Maul aufriss um sie alle zu verschlucken und sie konnten nichts dagegen unternehmen.
Aber ein ums andere Mal schien ein weißer Engel durch das Revier zu streifen. Sie strahlte heller als Banshee und gab unbewusst Hoffnung weiter. Tyraleen würde noch einen harten Kampf vor sich haben, denn die Gefahr umkreiste sie wie ein hungriger Tiger. Man wusste nicht, wann er zuschlagen würde. Allmächtig waren die Götter.
Isis presste die Ohren gegen den Kopf um nicht noch mal den Schrei hören zu müssen, wenn er kam. Sie hatte nicht direkt Angst, nur vor dem was geschehen war. Ist nun doch jemand in das Nichts gelaufen? Wenn das Akru war?! Aber wer würde um ihn schreien?

o.O(Ich!)

Kaum dachte Isis zuende, da legte sie schon ihren Kopf in den Nacken und rief nach Akru. Sie wusste ja nun, dass er noch hier im Revier war. Sie rief nur aus einem Grund. Sie hatte Angst um den Rüden, um den grauen Zeitwächter. Tränen, die aus gemischten Gefühlen wie Trauer und Glück entstanden, rannen über ihr Gesicht, während sie immer noch nach Akru rief. Endlich verstummte die Wüstenwölfin. Ihr verschleierter Blick lag lange auf Liams Gesicht.

“Hast du auch manchmal das Gefühl, dass dich ganz plötzlich, ohne Vorwarnung eine dumpfe Angst anspringt und die Kälte dein Herz heraus reißt? Wie eben? Gott, hoffentlich ist Shani nichts passiert. Ich glaube, dass hängt mit dem Nichts zusammen. Irgendwas wird hier bald geschehen. Was schreckliches.“

Irgendwo hinter der dichten Wolkendecke war die Sonne untergegangen. Dunkelheit legte sich über das Tal.

Es war ein wunderschönes Gefühl mit ihrer Tochter und deren Tochter hier zu liegen und zu spüren, wie ihr Geist in Tyraleen und deren Geist in Caylee widergespiegelt wurde. Banshee fühlte sich federleicht und wollte nicht mehr, als Tochter und Enkelin beieinander schlafend zu betrachten. Der Schrecken ihres Todes rückte immer weiter in die Ferne, sah sie doch jetzt, was sie wertvolles hinterlassen würde. Tyraleen, die bald so stark wie ein Berg im Sturm war und ihre Welpen, die voller Neugierde und Freude den Weg der Götter beschritten. Sie würde viel zurücklassen und all das war schöner, als sie je gehofft hatte. Viele köstliche Momente der Ruhe vergangen, bis sich irgendwann Schritte näherten. Banshee musste nicht aufsehen, sie erkannte Jakash nicht nur am Geruch, auch die zögernd gesetzten Pfoten und der Abstand, den er hielt, verrieten ihn. Unsicherheit lag über ihm und Banshee fragte sich, warum er jetzt gerade sie aufsuchte. Außer mit Rakshee hatte sie mit ihren Enkelkindern aus dem Vorjahr nicht viel zu tun. Gerade so viel wie als Leitwölfin, Mutter und Oma von acht neuen Welpen eben ging. Aber Jakash war noch nie einfach so zu ihr gekommen. Sie hob den Kopf erst, als er anfing zu reden, dass er sie Großmutter nannte hatte etwas Vertrauliches. Sein Gesuch um ein Gespräch verwirrte sie leicht, klang es doch flehend, als wäre sie seine letzte Rettung vor einer schrecklichen Gefahr. Sie fragte sich stumm, was passiert war, hatte sie doch nichts Bedrohliches gemerkt – mal abgesehen von dem Nichts, was aber Jakash wohl kaum meinen konnte. Oder?
Mit einem warmen Blick auf Tyraleen und Caylee erhob sie sich, machte eine leichte Schnauzenbewegung, die Jakash bedeuten sollte, ihr zu folgen. Dann verschwand sie langsam und nicht ohne noch einmal einen Blick über den Rudelplatz geworfen zu haben im Wald. Sie liefen nicht lang, der Regen würde ihre Worte verschlucken – Jakash brauchte keine Angst vor unerwünschten Zuhörern haben.

“Was führt dich zu mir?“

Die Unsicherheit und auch teilweise erspürbare Angst Jakashs beunruhigten Banshee, gleichzeitig lösten sie in ihr das Bedürfnis aus, den jungen Rüden zu beschützen. Ein warmes, beruhigendes Lächeln lag auf ihren Lefzen, nur ihre Augen zeigten Sorge.


Die Gruppe Averic, Atalya, Chanuka und Jikken begaben sich zum Rudelplatz und fanden bald Tyraleen und Caylee im Gras liegend.

Es war ein schönes Gefühl gewesen von ihrer Mutter bewacht und mit ihrer kleinen schlafenden Tochter zwischen den Läufen dazuliegen und über die Heilung Caylees zu wachen. Tyraleen hatte sich selber behütet gefühlt und genau gespürt, wie auch Banshee entspannter und glücklicher wurde. Jetzt, da Caylee die Augen zu hatte, konnte man fast meinen, drei identische Wölfe lägen auf einem Fleck, nur alle in einem anderen Alter. Würde Tyraleen eines Tages wie Banshee werden? Und würde Caylee eines Tages wie sie werden? Ihre kleine Tochter war so ganz anders als sie selbst und doch schienen sie jetzt alle gleich. Als Jakash kam und Banshee um ein Gespräch bat, hätte sie ihren Neffen am liebsten fortgewünscht. Mit Jakash hatte sie nicht viel zu tun, mochte ihn aber wie man eben als Tante seinen Neffen mochte … jetzt gerade störte er aber sehr. Da konnte er noch so unsicher klingen, das machte es nicht besser. Wortlos ließ sie ihre Mutter ziehen und blieb wieder alleine mit Caylee zurück. Der kleine Welpe schlief noch immer tief und fest und am besten war es wohl, wenn er so schnell nicht aufwachen würde. Was auch immer ihre Tochter gefressen hatte, es war nichts für Welpen gewesen. Doch ihre Ruhe wahrte nur kurz, schon sah sie ihren Gefährten, zwei ihrer Welpen und einen Fremden auf sich zu kommen. Ein prüfender Blick zu Caylee, dann erhob sie sich und trat der kleinen Gruppe zwei Schritte entgegen. Dem weißen Rüden wurde freundlich zugelächelt, ebenso Chanuka, auch wenn es ihr wehtat. Atalya fuhr sie einmal mit der Zunge über die Stirn und Averic berührte sie kurz und doch innig an der Schnauze.

“Na, ihr? Wen bringst du denn da mit, meine Kleine? Willkommen, Fremder.“

Nun war Banshee gerade verschwunden, obwohl Averic den Neuen sicher zu ihr hatte bringen wollen. Stören sollten sie sie nun ganz sicher auch nicht, Jakash hatte eindeutig um ein Gespräch unter vier Augen gebeten und ein hineinplatzender Fremder wäre ihm wohl nicht recht. Von Nyota war auch schon länger keine Spur mehr. Gut, dann würde sie es eben versuchen. Zumindest ein wenig. Mit Averic zusammen und noch dazu den Welpen zwischen ihren Pfoten hatte sie fast das Gefühl als Leitwolfpaar durchgehen zu können.


Dieser komische Jikken hatte sich also letztendlich dazu überreden lassen, ihnen zu folgen. Averic führte die kleine Karawane an, hinter – teilweise auch neben ihm – Atalya und Chanuka, dann Jikken und seine Luft. Der Weg war nicht sehr lang und als der Pechschwarze grade zwischen den Bäumen hervor trat, konnte er sehen, wie seine Mutter und sein junger Cousin im Regen verschwanden. Gut so. Sie sollte sich nicht immer nur um diese dämlichen Fremden kümmern müssen. Allerdings war Nyota auch nicht in Sicht. Egal. Seine dunkelblauen Augen erspähten Tyraleen etwas abseits und da Atalya eh nach ihrer Mutter gefragt hatte ... würde er es einfach versuchen. Er nickte Jikken mit einer kurzen Kopfbewegung zu, obwohl er sich nicht sicher war, ob der Weiße es registrieren würde. Mit erhobenem Kopf und großen, aber ruhigen Schritten trat er auf seine Schwester und Gefährtin zu, konnte beim Nähertreten auch Caylee bei ihr erkennen. Huch? Das kleine Energiebündel schlief? Jetzt, wo alle anderen hellwach waren, trotz des Regens? Tyraleen bekam einen kaum merklichen, aber doch fragenden Blick zu geworfen, dann hielt er inne, als sie erst Jikken und dann Chanuka zunickte, Atalya über die Stirn schleckte und ihn an der Schnauze berührte. Aus den Augenwinkeln betrachtete Averic seinen Sohn noch eine Sekunde länger, spürte diesen kleinen Stich und das leichte, aber doch überdeutliche Bedauern. Er schob es weg. Weit in irgend einen entlegenen Winkel im Hinterkopf. Mit einer weiteren Bewegung hatte sich der Pechschwarze neben seine Gefährtin geschoben, sodass sie beide nun vor Jikken standen.

Das ist Jikken.“ unauffällig lehnte er seine Schnauze etwas dichter an ihr Ohr und flüsterte leise: „Er ist ein wenig schräg und redet andauernd mit Luft.“ Dann nahm seine Stimme wieder normale Lautstärke an. „Er ist scheinbar mit einem Freund hergekommen ... Kengo. So ein blinder, alter Depp, der Atalya ‚auf einen Spaziergang mitnehmen wollte’. Eben ist er dann einfach verschwunden und streunt jetzt irgendwo hier herum. Ich kümmere mich noch drum. Aber Jikken wollte sich vorstellen.“

Seine Stimme klang eher nicht sonderlich freundlich, bis grimmig und an der Stelle mit Kengo fast ein wenig drohend. Aber Tyraleen kannte das ja.

Atalya
24.12.2009, 20:16

Die letzten Reste des sterbenden Tages verflüchtigten sich langsam. Dunkelheit senkte sich über beiden Wölfe und hüllte sie in ihre grauschwarzen Schleier.
Der Regen hatte all die Zweifel, die Bedenken hinfortgespült und die Wirklichkeit war ferner, seltsam entrückt, während der Himmel dort, wo die Wolkendecke aufriss und die ersten blassen Sterne freigab, zum Greifen nahe schien.
Daylight hatte immer fliegen wollen, hatte den Himmel berühren wollen, hatte eins sein wollen mit dem Wind. Und nun schien die Schwerkraft ebenso an Bedeutung verloren zu haben wie der Rest der Welt. Sie fühlte sich leichter denn je. Federleicht.
Ihr Blick streifte Nightmares und das Lächeln auf den schön geschwungenen tiefschwarzen Lefzen wurde eine Spur tiefer, als sie zu sprechen begann:

„Würdet Ihr mich suchen, schwarzer Prinz?“

Es war so leicht, so einfach nicht an morgen zu denken, nicht an gleich, nur das Jetzt zu genießen. Alles andere war nicht mehr wichtig, nicht für den Moment, nicht für dieses Spiel. Dieses Spiel unterlag nicht den Regeln der Zeit, es unterlag nur ihren Regeln - ihren und seinen. Es gehörte ihnen allein, genau wie dieser Moment, nur ein Augenblick, vielleicht, doch ihn zu leben, ihn zu genießen, ihn auszukosten, es bedeutete alles.
Und schon war Daylight auf die Pfoten gesprungen, begann den Schwarzen zu umkreisen, tanzte, tanzte im Reigen der Regentropfen; sie entfernte sich von ihm, nur um noch im gleichen Atemzug wieder zu ihm zurückzukehren, ein strahlendes Lächeln in den sonnengelben Augen. Spielerisch biss sie ihm ins Ohr, drehte sich dann in einer Pirouette und jagte davon, hielt jedoch nach wenigen Metern mitten in der Bewegung inne und wandte den Kopf.

„Los, komm' schon, such mich!“

Befahl sie ihm lachend, fuhr dann erneut herum und jagte in eine andere Richtung davon. Leichtfüßig tanzten die schmalen Pfoten über den weichen Waldboden, sie sprang,immer höher, immer weiter, dem tiefschwarzen Nachthimmel entgegen, setzte über Sträucher und Baumstümpfe hinweg. Schon lange waren die Sprünge nicht mehr die tollpatschigen, ungeschickten Versuche eines Welpens, längst waren sie eleganter, leichtfüßig, fast als flöge die Wölfin nur so dahin, berührte kaum den Boden. Daylight lief ohne ein Ziel. Sie lief einfach, lief und lief und lief, weil sie wusste, dass Nightmare ihr folgen würde. Bereits sehnte sie sich nach der schützenden Wärme, wünschte sich, sie könne erneut die Schnauze in dem langen, weichen Fell vergraben und zugleich erfüllte es sie mit Freude, dass sie ihn würde warten lassen, dass er ihr folgen würde, nur ihr. Es gab ihr das Gefühl wichtig zu sein, wichtig für ihn. Nur für ihn. Doch es genügte. Es reichte aus um sich gut zu fühlen und egal wie falsch dieses Gefühl war, egal, wie vergänglich es war. Für den Moment war es richtig, für den Moment war es gut.

Nach einer Weile verlangsamten sich Daylights Schritte, sie fiel erst in einen leichten Trab und hielt schließlich auf einer kleinen Lichtung inne. Zwischen den dichten Zweigen war schemenhaft zwar, aber eindeutig der Himmel sichtbar.Vereinzelte Sterne blinzelten der kleinen Fähe zu, die nun den Kopf in den Nacken gelegt hatte und zu den Wolken emporblickte, die sich grau und düster vom Samtblau des Nachthimmels abhoben. Ihre hechelnde Atmung und der Flatternde Herzschlag waren das einzige Geräusch in der Stille. Stumm lauschte sie in die Nacht hinein, wartete auf ein Zeichen, auf das Geräusch schwerer Pfoten, auf die leisen Atemzüge, auf das Schlagen eines Herzens.


Tascurio sah zu Amáya hinauf und lachte amüsiert, wie nur Welpen lachen konnten. Ganz ohne bösen Hintergedanken, Gehässigkeit oder Hohn. Dennoch nahm er seine Patentante natürlich ein bisschen auf die Schippe, zumindest mit dem, was er gesagt hatte.

“Ich lüge nicht, ich necke dich, Tante Amáya.“

Er verlieh den Worten einen sehr sachlichen Ton, weil er dieses Missverständnis unbedingt aufgeklärt haben wollte. Amáya scherte sich natürlich nicht darum und tat ihre Pflicht, mit dem Ziel, dann endgültig zu verschwinden.
Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Rüden, vor dem seine Patentante zu flüchten schien und begriff augenblicklich, warum sie es so eilig hatte. Etwas irritiert betrachtete er den fremden Wolf, mit dem er hier so einfach allein gelassen wurde. Am liebsten hätte er Amáya etwas nachgerufen, dass sie in ihrer verantwortungslosen Art kritisierte, doch es kam ihm zu unhöflich vor, sie vor Tascani bloßzustellen. Tascurio mochte zwar keine Wölfe, allerdings hatte er eine gewisse Vorliebe für außergewöhnliche Persönlichkeiten, die er bisher in Shákru und Amáya gefunden hatte.

“Tascani? Dein Name ist ganz ähnlich wie meiner! Ich heiße nämlich Tascurio. Der erste Teil ist gleich!“

Das Welpengesicht wurde wieder ernst und er zügelte sein übertrieben sonniges Wesen. Sein Gegenüber musste nicht unbedingt wissen, dass er es über die Maße witzig fand, wie komisch der Fremde redete und wie lustig er sich verhielt. Er konnte nicht einmal die Stirn in Falten legen, als sich der Rüde vor ihm aufplusterte. Doch wie der Erwachsene schien auch Tascurio eher Interesse an Amáya zu haben, die sich entfernt hatte.

“Sie ist manchmal etwas unhöflich, aber das darfst du nicht persönlich nehmen. Sie ist zu allen so.“

Klärte er Tascani sachverständig auf, um seine Patentante zu entschuldigen. Er würde sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufsuchen, wenn er die Sehenswürdigkeit aus der Fremde genauer unter die Lupe genommen hatte.

„Ich soll nicht alleine in den Wald gehen, weil mir fremde Wölfe etwas tun könnten. Sicher werden sie beruhigt sein, wenn mich einer von diesen zurück bringt.“

Es war offensichtlich dass der nahezu weiße Welpe keinerlei Angst verspürte. Er hatte mal eben einen lustigen Zeitvertreib aufgegabelt und würde diesen nun zuverlässig zum Rudelplatz führen.


Der komische Wolf, ihr Vater und Chanuka waren los gewandert, zurück zum Rudelplatz. Also war sie ihnen einfach hinter her getappst. Sie hatte nicht weiter nach Fenris gefragt, hatte Chanuka nur ein mal zugeflüstert, dass sie ihm erzählen würde, wenn sie etwas neues erfuhr. Aber das hatten die Erwachsenen nicht mit bekommen. Und jetzt waren sie beim Rudelplatz und Atalya blickte sich aufmerksam um. Sie erkannte den kleinen Busch, unter dem sie ihre Feder versteckt hatte. Ihr Patengeschenk konnte sie nicht erkennen. Da musste sie später mal nach gucken. Und kaum hatte sie den Blick wieder nach vorn gerichtet, erkannte sie ihre Mutter. Sofort begann die Rute der kleinen Fähe wild durch die Luft zu pendeln. Na also! Munter sprang sie der Weißen entgegen, schloß kurz die Augen, als ihre Mutter ihr über die Stirn schleckte. Sanft stupste die Graue Tyraleen an, blickte dann zu ihrem Vater, der sich neben die Weiße stellte. Sie neigte den Kopf zur Seite, als er sich zu seiner Mutter neigte und etwas sagte, was sie nicht verstand. Sie blinzelte und wandte den Kopf dann zu Chanuka.

“Über was die wohl reden?“

Langsam ließ sich die kleine Wölfin auf die Hinterläufe sinken, ließ den Blick munter in die Runde wandern. Inzwischen sprach ihr Vater wieder verständlicher, lauter, damit sie alle es hörten. Atalya blinzelte, sah noch ein mal zu ihrem Bruder und funkelte dann stolz ihre Mutter an.

“Ich wollt Kengo holen und ihn zu Oma Banshee bringen! Dann hat er was von Tieren gesagt, die mich aussagen. Und bevor er mir was über Fenris erzählen konnte, kam Papa. Und dann war Kengo weg, ohne was zu sagen. Nächstes mal helfe ich! Ich hatte auch keine Angst, in den Wald zu gehen!“

Stolz grinste sie zu ihrer Mutter hoch, während die kleine Rute über den Boden fegte. Aber sie hatte ja versprochen, nie wieder allein in den Wald zu gehen. Grinsend blickte Atalya von ihrer Mutter, zu ihrem Vater und zu Chanuka. Auch Jikken bekam ein Grinsen zugeworfen. Ja, sie war stolz auf sich selbst!


Es konnte nicht sein, es konnte einfach nicht wahr sein. Was Shani gesehen hatte war nicht die Wirklichkeit, sie hatte es sich eingebildet, war verrückt. Gleich würde Hiryoga kommen und sie auslachen, weil sie wirklich gedacht hatte, er wäre ins Nichts gefallen. Und tatsächlich, da sagte jemand Shani! Hiryoga, Hiryoga! Shani wirbelte herum und wollte schon auflachen, aber anstatt des braun gescheckten Pelzes ihres Gefährten erwartete sie weißes Fell und der Duft von jemand ganz anderem. Das aufgestaute Lachen kam wie ein Glucksen aus ihrer Kehle, klang aber nicht glücklich sondern eher, als würde sie ersticken. Sie erkannte in diesem Moment Jumaana nicht, obwohl sie sonst jeden aus diesem großen Rudel sofort beim Namen nennen konnte. Jetzt aber war das nur ein weißer Wolf, ein Nichthiryoga. Sie hätte nicht einmal ihre eigenen Welpen erkannt, so fixiert war sie auf den Anblick ihres Gefährten, auf seinen hübschen gescheckten Pelz, der scheinbar jede Farbe in sich vereint hatte. Auf seine grünen Augen, die doch so hell waren, dass manchmal die Sonne aus ihnen schien. Sie hatten nichts von ihren dunklen, tannengrünen Augen, die zwar ebenso grün waren und doch Welten entfernt von seinen Sonnen. Wie als könnte sie Hiryoga, wenn sie sich sein Aussehen nur gut genug vorstellte, zurückholen. Zurück aus dem alles verschlingenden, blendenden Nichts.
Shani stolperte einen Schritt zurück, ohne dass sie sich aufgerichtet hatte, schob sich also eher und fiel so einfach auf die Seite. Schon raste ihr Blick zurück zum Nichts, aus dem Hiryoga noch immer nicht hervorgesprungen war. Diese Tatsache sickerte langsam in ihre Gedanken, breitete sich aus wie Gift und pochte mit eiserner Faust an ihr Herz. Hiryoga war nicht da, würde nie mehr da sein. Hilflos perlten die ersten Tränen über ihre Wange, Entsetzen und Unglaube hing noch immer in ihrem Blick. Sie sah wieder zu dem weißen Wolf, sah ich an, als würde er ihr sagen können, ob das nun wirklich geschehen war oder nicht.

“Er ist fort …“

Ihre Stimme klang weniger erstickt als verwundert – zutiefst erschrocken und verwundert. Sie erwartete keine Antwort von dem Wolf und wollte doch noch lieber, dass er sie auslachte und ihr erzählte, dass Hiryoga doch am Rudelplatz war. Dass sie sich alles einfach nur einbildete, dass sie verrückt war. Es wäre tausend Mal besser, als das, was sie gesehen hatte. Und tausend Mal einfacher zu verstehen. Denn verstehen konnte Shani noch immer nicht.


Rakshee lächelte ob Jakash' Antwort, und drückte ihm die Vorderpfote gegen die Brust. Wäre Nyota hinter ihnen aufgetaucht, sie hätte sich wohl scheckig gelacht und Jakash gleich darauf herausgefordert. Wie um sich zu vergewissern dass das nicht passierte, linste sie an Jakash vorbei hinter ihn, und stand ebenfalls auf, als er es tat.

"Nicht dass sie ausser Form kommt, wenn du sie vernachlässigst"

gab sie zwinkernd zurück, stieß Jakash mit der Schnauze gegen das Ohr und folgte ihrem Bruder zwischen den Bäumen hindurch. Der Wald war so viel trüber ohne das Licht, und Rakshee schüttelte sich, als ein paar Blätter es auf sie herabtropfen liessen. Der Regen war ein zuverlässiger Begleiter in diesem Frühling...
Neben Jakash verharrte sie am Waldrand, und machte sich wie er auf die Suche. Und wie er konnte auch sie ihre Tante nirgends entdecken - dafür aber Oma Banshee; die bei Tyraleen und Caylee lag. Ihrem Bruder sandte sie ein Lächeln nach als er sich auf den Weg zu ihnen machte, sie selbst verhaarte noch ein paar Herzschläge lang am Waldrand, und suchte das in Gras übergehende Moos unter ihren Pfoten nach etwas spannendem ab, mit dem sie Caylee überraschen konnte, während Jakash mit Oma sprach.
Sie folgte dem Waldrand ein Stück weit, den Blick zwischen dem Rudelplatz und dem Untergrund wechselnd, und war doch unzufrieden mit dem was sie sah. Vereinzelt nasses Laub und feuchte Äste, ein paar Käfer...nichts, was ihr wirklich faszinierend schien.
Ein Blick zurück zu Jakash verriet ihr dass er sich gerade mit Oma zurückzog. Auf den Ausgang dieses Gespräches war sie mindestens so gespannt wie er.
Ein letzter Blick auf die Umgebung schenkte ihr auch kein spannendes Mitbringsel für Caylee, stattdessen viel ihr die sich herabsenkende Dunkelheit auf. Dieser Frühling schien es wirklich nicht gut mit seinen Welpen zu meinen.

Die Braune setzte sich in Bewegung, und sah Averic mit Atalya, Chanuka und einem ihr fremden Wolf auf Tyraleen und Caylee zusteuern. Bestimmt würde Caylee dem Fremden auf der Stelle um den Hals fallen. Sie grinste bei dem Gedanken, und betrachtete verwundert dass nur Tyraleen sich erhob - Caylee schlief? Tagsüber? Freiwillig? Na, das lies sich ändern. Die Braune näherte sich der Gruppe, nickte an Tyraleen vorbei Averic zu, musterte den Fremden und blieb dann auf Höhe von Caylee stehen. Wecken wollte sie die Kleine nicht, immerhin war es doch eher seltsam sie so einfach schlafend zu sehen - das musste doch einen Grund haben? Atalya und Chanuka zulächelnd verharrte sie einfach einen Moment wo sie war, vielleicht würde sich das Ganze gleich von allein klären?


Wirre Träum hatte Caylee während sie geschlafen hatte gesehen. So wirr, wie sie vorher noch nie geträumt hatte. Von rosanen Wölfen, von drei Augen, von Muscheln auf Köpfen und Bäumen und lauter anderen fantastischen Dingen. Und sie hatte tief und fest geschlafen, fühlte sich, als wären drei Tage vergangen, seit dem sie eingeschlafen war. Wenn nicht mehr! Selbst jetzt hätte sie noch weiter geschlafen, hätte sie nicht mit dem Gespür, das nur Welpen besitzen mochten, genau gemerkt, dass etwas abging. Zumindest war irgendwer bei ihr und wollte, dass sie aufwachte. Ihre Augenlider waren schrecklich schwer und bevor sie sie öffnete, gähnte sie erstmal lange und genüsslich, meinte vor lauter Gähnen umzukippen. Ach nein, sie lag ja. Mit leisem Schmatzen und einem wohligen Grummeln öffnete sie dann erst ein Auge und schließlich das andere, blinzelte mehrmals, schloss sie wieder und hob schließlich den Blick an den langen Beinen vor ihr hinauf zu Rakshees Kopf.

“Ahhhhh.“

Kam es von ihr ohne wirklichen Zusammenhang. Es war ein sehr müdes und sehr gemütliches Ahhhhh, was sofort von einem neuerlichen Gähnen gefolgt wurde. Durch weiteres Blinzeln trieb sie ihre Augen zu ihrer Mama, ihrem Papa, zwei ihrer Geschwister und noch irgendwem, die kaum zwei Schritte entfernt von ihr standen. Doch ihre Neugierde schien noch zu schlummern, wer auch immer dieser Fremde war, er interessierte sie vorerst nicht. Viel eher wollte sie auf die Pfoten kommen, obwohl ihr ganzer Körper schrecklich gemütlich war und sich gar nicht richtig bewegen wollte. Mühsam stellte sie ihre zwei Vorderpfötchen nebeneinander und drückte sich dann mit aller Kraft hoch, was zu einem ausgiebigen Strecken wurde. Gleich darauf klappte ihr Oberkörper nach vorne und es wurde weiter gestreckt. Das tat gut. Dazu brummte sie wieder vor sich hin und schaffte es schließlich sich hinzusetzen. Die ganze Prozedur wurde mit einem Gähnen beendet. Wieder kletterte ihr Blick Rakshees Lauf hinauf und blieb mit einem müden aber zufriedenen Lächeln im Gesicht ihrer Patin liegen.

“Hallo.“

Das klang schon ein wenig wacher. Auch wenn sie sich noch immer schrecklich gemütlich fühlte und am liebsten gleich wieder hingelegt hätte. Dabei hatte sie doch soooo lange geschlafen. Seltsam.


Die Schwarze wandte sich einmal um sich selbst, von Gani war nichts zu sehen - bestimmt hatte sie Aryan noch nicht gefunden. Wo auch immer der Hund hingerannt war!
Nyota trat dicht neben den Grauen, als er sich erhob, um ihn stützen zu können wenn sein Körper wieder in sich zusammensinken wollte - ihn hoch zu schieben wagte sie nicht, würde sie dabei eine innere Wunde berühren konnte sie den Zustand des Jungwolfes auf einen Schlag deutlich verschlechtern.
Dann endlich stand der Graue, und seine Haltung erinnerte die Schwarze an sich selbst. Seine Nackenwunde musste von ähnlicher Natur sein wie es die ihre gewesen war, die Lunar ihr beigebracht hatte. Und die hatte Banshee geheilt...

"Hier entlang."

Die Schwarze tat den ersten Schritt, um Cyriell zurpück zu führen. Im Gegensatz zu ihm hatte sie noch genug Orientierung über, um den See sicher zu finden. Immer einen Schritt vor ihm führte sie ihnm, blieb aber immer auf erreichbarer Höhe, um ihn fangen zu können falls sein Körper sich doch noch gegen ihn entschied.
Sie kamen nicht allzu schnell voran, aber irgendwann, es kam ihr vor als wären Stunden vergangen, zeigte sich der Rudelplatz samt See vor ihnen. Es lag inzwischen Dunkelheit über dem Rudelplatz, matte Dunkelheit die vom Grau der Wolken getrübt wurde. Sie gestatte dem Grauen eine kurze Pause, immerhin waren sie schon fast am Ziel, und sein Körper war nach wie vor schrecklich angeschlagen. Nyotas Blick flog über den Platz, während sie sich wieder in Richtung See in Bewegung setzte. Tyraleen hatte da einen Fremden, Rakshee war daneben, Banshee war nicht da...na perfekt. Aber es gab ja auch noch Sheena. Die konnte sie zwar auf den ersten Blick auch nicht entdecken, aber im Gegensatz zu Banshee musste diese auch nicht vor irgendwelchen Fremden flüchten wenn sie mal eine Minute ihre Ruhe haben wollte. Der See war fast erreicht, nur ein Meter trennte sie noch vom Wasser, als die Schwarze den Kopf zur Wolkendecke hob und nach der Priesterschülerin rief. Nyota hatte keine Ahnung inwie weit die Schülerinnen ihrer Schwester bereits waren, aber einen Versuch war es wert.

"Hier sind wir...trink und ruh dich aus, ich bleibe bei dir"

versprach sie dem Grauen, nachdem sie direkt am Ufer standen, und suchte mit den Augen nach Sheena.


Man zerstreute sich: die weiße Alpha schritt von dannen, der fette Wolf blieb zusammen mit Malakím selbst zurück. Andererseits bewirkte die allgemeine (Zer-)Streuung des Rudels auch, dass man sich zu ihnen gesellte. 'Man' waren in diesem Falle zwei Welpen - genau genommen sogar jene beiden Miniwölfe, die kurz zuvor schon einmal um sie und unter ihnen durch gehuscht waren. Die kleine Schwarze hatte sich dabei beschwert, und der Silbergraue... wäre fast von Mochi Cake erdrückt worden.
Malakím hatte sich mittlerweile auf die Hinterläufe niedergelassen und sah sich nun auf dem Rudelplatz um. Die Zunge hing ihm dabei leicht aus dem Maul, vielmehr zur Belustigung seinerseits, als irgendeine kühlende Funktion zu übernehmen. Kühl war es schon zur Genüge, und nun, da es dunkelte und der Tag zur Nacht überging, wurde es sogleich noch etwas kälter.
Nach einem Rundblick wandte der Schwärzling sich zu den beiden Welpen um, die gerade an Mochi hochgesprungen und sich in seinem Fet-..äh Fell verbissen hatten. Ihre genuschelten Worte ließen den schwarzen Rüden Grinsen.

"Hey, lasst mich auch mitspielen!",

forderte er dann sogleich die beiden auf, erhob sich und trat einen Schritt näher zu ihnen. Einen Moment später hatte er schon die Rute des Rüdenwelpen mit dem Maul gepackt und angehoben, sodass der Silbergraue nun in der Luft hing, mit dem Kopf schräg nach unten in Richtung des fetten Rüden, in den er sich ja noch verbissen hatte. Zwischen geschlossenen Zähnen hindurch kicherte der Schwarze amüsiert...


Chanuka sah zu Atalya, als diese bemerkte, dass dieser Rüde ebenfalls nicht sehr freundlich war. Nachdenklich beobachtete er ihn aus wachsamen Welpenaugen, um sein Verhalten zu untersuchen und zu verstehen.

“Er ist aber nicht unhöflich, nur seltsam.“

Erklärte er seiner Schwester nach dem er den Fremden einige Momente studiert hatte. Er senkte die Stimme nicht und verlieh den Worten einen überzeugten Tonfall, ohne dabei im Sinn zu haben, den Rüden zu beleidigen. Nichts lag ihm ferner. Er sagte den Satz so daher, wie Welpen dies eben zu tun pflegten.
Eine Weile wartete er noch ein bisschen missmutig, bis sich Jikken entschlossen hatte, sie zu begleiten. Der kleine schwarze Welpe hoffte, Zuflucht bei seiner Mama finden zu können und war eher skeptisch, als Averic dann direkt zu Tyraleen lief. Verunsichert zögerte er und beobachtete die Wölfin, die ihn zur Welt gebracht hatte. Er sah zu Atalya hinüber, deren Bruder er war und wie sie zu ihrer Mutter hinüber trat. Bei dieser lag Caylee und als sich sein Vater dann zu seiner Gefährtin setzte, betrachtete Chanuka das Familienbild, wie er es sonst hin und wieder von der Höhle aus tat. Auf Distanz war es angenehmer und jetzt gerade kam es ihm vor, als würden alle Blicke auf ihm ruhen und etwas von ihm erwarten. Das Lächeln seiner Mutter hatte er wahrgenommen und dazu registriert, dass es mit dem gleichzusetzen war, dass Jikken, dem fremden Rüden, gewidmet wurde. Seine Rute pendelte leicht hin und her, während er beobachtete, wie Tyraleen Atalya über den Kopf schleckte. Die Szenerie machte ihn hilflos. Sich einmal kräftig schüttelnd tappte er zu seinem Vater hinüber und sah aufmerksam zu seiner Mutter hinüber. Es könnte immerhin sein, er hatte ihr Lächeln missdeutet und war gar nicht willkommen, dann hätte er sich auf den Rückweg zur Höhle gemacht.
Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie sich jemand näherte und beobachtete dann, wie Caylee aufwachte und zu ihrer Patin sah. Suchend blickte er sich nach Isis um, ob sie zufällig gerade in der Nähe war, doch wie so oft entdeckte er sie nicht.


Malicia sah den großen Rüden erstaunt an. Sie sah etwas dämlich aus - mit großen Augen und offener Schnauze. Aber es schien ihr zu absurd, was Aszrem ihr gerade erzählt hatte. Die schwarze Fähe hätte nie gedacht, dass man Welpen so etwas beibringen wollte, nach dem Motto "Jeder für jeden". Es erschien ihr fast ein wenig "dümmlich", denn später würde sowieso die Wahrheit ans Licht müssen. Wenn Malicia je einmal Welpen haben würde, welche sie natürlich nicht haben wird, dann würde sie es nicht so machen. Ihre Welpen sollten in Ehrlichkeit erzogen werden, also könnte sie sie auch nicht anlügen. Malicia übergang diese Gedanken und setzte wieder ein strahlendes Lächeln auf.

" Ach, so ist das ... dann werde ich natürlich nichts mehr in dieser Richtung sagen. Aber es ist schon richtig, Nerúi würde sich sonst allein fühlen. Richtig!? "

Bei den letzten Worten senkte sie die Stimme etwas, aber Nerúi würde sie nicht hören. Malicia schaute auf ihre Pfoten. Schritt für Schritt ging sie an Aszrems Seite, doch erst, als sie am Rudelplatz angekommen waren, hob sie wieder den Kopf. Eine Frage hatte sie noch, doch sie wollte nicht aufdringlich klingen. Vorsichtig sah die Schwarze sich um, ihre Rute schlug unruhig hin und her.

" Aaaaszrem. " Sie flüsterte fast, so ungeschickt und welpisch kam sich sich vor. " Ich weiß, es klingt etwas unhöflich, aber hat Nerúi wirklich gar keine Geschwister. Wenn das ... na ja ... mich nichts angeht, dann sag das bitte, aber ... "

Die Alphatochter redete nicht weiter. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, dann wurden ihre Züge ernst. Malicia drängte Aszrem nicht körperlich, doch ihre Ausstrahlung zeigte deutlich, wie sehr es sie interessierte. Wirklich Gedanken darüber hatte sie sich nicht gemacht, ist nicht mal die Möglichkeiten durchgegangen. Es erschien ihr nur seltsam, dass Nerúi allein geboren wurde. Jetzt merkte Malicia erst, vor was für eine Frage sie den Rüden stellte. Sie war nicht nur unhöflich, sondern auch noch überneugierig und ... kindlich. Was, wenn alle anderen Welpen Totgeburten waren? Was, wenn ...


Der kalte Regen schlug ihm ins Gesicht, perlte von den dunklen Lefzen herab und tropfte unaufhörlich zu Boden. Das seidige Fell klebte am Körper des Wanderers fest, bis auf die wilde Nackenkrause, die unverbesserlich abstand und den sowieso recht stattlichen Rüden noch größer wirken ließ. Das verwegene Aussehen eines Jungwolfes hatte er nur teilweise abgelegt und durch den Charme eines Streuners ersetzt. Der Heimatlose wandte für einen kurzen Augenblick das markante Gesicht, blickte sich nach hinten um, als ob er etwas erwartete. Natürlich war nichts hinter ihm, bis auf die öde Landschaft, die er vor einer Weile betreten hatte. Alte, knorrige Bäume streckten ihre Äste wie Klauen in den Himmel, der hier düsterer und bedrohlicher als sonst irgendwo wirkte. Der immerwährend fallende Regen setzte dem ganzen noch seine Spitze auf und fügte sich in das Gesamtmuster der Stimmung ein. Ein stimmiges Bild entstand. Ein schwarzer Rüde, aus dessen Gesicht die klaren Augen hervor stachen, ein leicht zwielichtiges Äußeres an sich und dennoch mit dem Stolz eines Wandererherzens bestückt und um dieses imposante Tier eine einprägsame Umgebung, welche die umherwirbelnden Gefühle des Wolfes nicht besser hätte zum Ausdruck bringen können.
Tief atmete der Schwarze die regenschwere Luft ein, klärte seinen Kopf wieder und setzte seinen Weg über den schlammigen Untergrund fort. Sein Begleiter, der junge Rüde Garrett war ihm nicht gefolgt, so wie er es sich gewünscht hatte. Das musste er seinem jungen Freund hoch anrechnen. Er war ein kluger Kopf, schlauer Denker und hatte trotz seines Alters interessante Ansichten. Zudem war er ein angenehmer Reisegefährte und Wegbegleiter. Was es war, was die beiden Rüden zusammen geführt hatte, konnte der Dunkle nicht abschätzen. An etwas wie Schicksal oder Fügung glaubte er sowieso nicht.
Der Matsch unter den Pfoten schmatzte, die Erde war längst voller Wasser und der Regenschauer machte aus einem solchen Gebiet schnell eine Falle. Genau das Richtige für ihn, der gerade Abstand suchte und Ruhe brauchte. Leicht runzelte der Rüde die Stirn, konnte sich allerdings bereits jetzt nicht mehr daran erinnern, was ihn so durcheinander gebracht hatte. Seine Gedankengänge waren nicht immer klar, sondern oftmals von der Situation abhängig. Gerade noch konnte man ein gewöhnliches Gespräch mit ihm führen und in der nächsten Sekunde glaubte man, man hätte einen vollkommen anderen Wolf vor sich. Eine steile Wandlung, die nicht für jeden ersichtlich war und den Schwarzen zu einem unberechenbaren Wesen machte.
Sichtlich ruhiger setzte Shaén, der Name des Wanderers, seinen Weg fort, erreichte die Tiefen dieses tristen Gebietes. Eine einsame Moorlandschaft. Seen, begehbare Wege zwischen den Baumwurzeln und tiefe Morastlöcher wechselten sich in unmittelbarer Nachbarschaft ab. Wer hier nicht aufpasste, der konnte schnell stecken bleiben und in der unendlichen Trauer dieses Ortes versinken und unter gehen. Dem verwirrten Herzen jenen Wolfes machte dieser Umstand jedoch nichts.
Eine solche Umgebung war genau das, was er gesucht hatte. Abgeschieden und so konstituiert, dass außer ihm wohl kaum ein Lebewesen anzutreffen war.
Umso mehr erstaunte es den Schwarzen, dass er sich plötzlich einigen Artgenossen fast gegenüber befand. Eine kleine Gruppe von Wölfen, die in einigen Metern entfernt auf festerem Boden beieinander standen. Was ging da vor sich? Sein Instinkt verriet ihm, dass dort etwas nicht stimmte. Die Luft war angespannt, knisterte und es prickelte unter seinem Fell, worauf sich die dichte Nackenkrause ein wenig aufstellte. Eine alte Angewohnheit, die bei dem zerzausten Pelz kaum weiter ins Auge fiel.
Als geschickter Jäger wusste Shaén, dass sie ihn nicht wittern konnten, schließlich stand er gegen den leicht aufkommenden Wind und die Gerüche der feuchten Erde würden seinen Eigenen ebenfalls überlagern. Ein idealer Standort also, um Herr der Lage zu werden und die Situation abzuschätzen.


Die Rute der Weißen pendelte vor Freude hin und her. Man, war das aufregend! So ein klasse Abendteuer hatte sie – abgesehen von der Reise, die langsam aber Sicher in Vergessenheit geriet – noch nie erlebt. Gut, ihr Leben war bisher auch noch recht kurz gewesen und irgendwann kam immer der Tag, an dem sich etwas veränderte.
Begeistert beobachtete die Kleine, wie ihre neue Spielgefährtin ebenfalls in den Wald hinein sprang, ohne allerdings auf ihre Frage einzugehen. Sie waren beide noch Welpen, so dass es durchaus möglich war, dass Amúr es vergessen oder überhört hatte. Aléya für ihren Teil hatte es schon wieder vergessen, denn eine Flut von neuen Sinneseindrucken beschäftigte die Jungfähe viel zu sehr. Das Laub auf dem Boden, aufgeweicht und doch angenehm und nicht so rutschig, kleinere Äste, auf denen Moose und Pilze wucherten, massig neue Gerüche, die in ihre Nase strömten und diese kitzelten. Da war der Geruch des Regens, schwer und träge. Dann das feuchte Laub auf dem Boden, die Erde und das nasse Holz. Alles hatte einen eigenen Geruch, wurde von der Weißen beschnuppert und mit großen, staunenden Augen betrachtet. Es war einfach nur überwältigend! Anders konnte sie es nicht beschreiben und ein besseres Abenteuer konnte man der abenteuerlustigen Fähe nicht anbieten.

Pass auf, eines Tages bin ich auch so groß!

Welpenfantasie.
Schnell sprang Aléya Amúr hinterher, die aufgedreht herum hüpfte und von ihr nur ein neckisches Kichern erntete, wenn sie ausrutschte. Aber in diesem Augenblick hätte die Schneeweiße wohl über fast alles gelacht, denn die unbändige Freude in ihr war kaum in Schach zu halten. Daher zögerte sie auch keine weitere Sekunde, als ihre neu gewonnene Freundin bereits vor preschte und tiefer in den Wald vordrang. Aber das könnte ihr so gerade passen!

Na warte!

, rief sie und setzte mit langen Sprüngen hinterher. Schnell tauchte sie unter einem Ast hindurch ab, der von Gräsern und Efeu bewachsen war und schloss schnell auf. Ungestüm zupfte sie an der Rute, die schräg vor ihr hin und her wippte.

Hab ich dich!

, verkündete sie lachend, bremste scharf ab, warf den Körper herum und jagte in die andere Richtung.


Sie tat schon ganz gut daran, dass sie sich von diesem seltsamen Möchtegernrüden fern hielt, denn als sie noch hintereinander her liefen, konnte die Dunkle das unangenehme Gefühl nicht los werden, dass Tascani es sich erdreistete und auf ihr edles Hinterteil starrte. Kaum aber hatte sich die Fähe entfernt, konnte sie dieses abartige Gefühl und auch wohl den dazu passenden Blick abstreifen. Welch ein Glück!
Den Rüden ignorierend wollte Amáya sich einfach aus dem Staube machen und aus der Affäre ziehen, was vielleicht die klügste Methode war.
Sie hatte absolut keinen Bock auf dieses dämliche Gefasel, noch darauf Babysitter zu spielen – egal ob für ein großes oder kleines Baby. Wie gut, dass Amáya die letzten Worte des ‚Es-ist-absolut-nichts-man-könnte-nur-meine-Hilfe-gebrauchen-aber-ich-kippe-lieber-um-und-mache-mit - Arbeit’ Wolfes nicht mit bekommen hatte, ansonsten hätte sie ihm für diese Oberdreistigkeit lecker eingeschenkt und zwar nur das Beste vom Besten. Schleimer standen auf ihrer Hitliste neben nervigen Welpen, unfähigen Wölfen, idiotischen Wölfen, anderen Viechern die so herum krochen und Urion. Ihr Oberliebling, der heute allerdings kein Stück zu einem bisschen Spaß an der Freude aufgelegt war. Schon seltsam. Wäre sie in seiner Position – Gott bewahre!, aber nur mal rein hypothetisch gedacht – dann hätte die Situation, in die der graue Dummkopf herein geplatzt war, für sie ganz anders ausgesehen. Was würde jeder andere normale Wolf denn denken? Erzfeind hat den eigenen Sohn im Maul. Es riecht nach Blut und Galle. Welpi verletzt. Feindi sieht wie immer freundlich aus und wirkt, als würde es Spaß machen, ein kleines Genick durch zu beißen. Oooh, Feindi hat zu geschlagen und Sense aus mit Welpi.
Was wäre die normale Reaktion gewesen? Genau, man würde entweder das Kind dem Feind entzerren – nach Möglichkeit ohne dieses zerbrechliche Wesen beim Tauziehen zu zerfetzen – oder sich zu rächen. Und was war passiert? Naaa? Nichts.
Bevor ihre Gedankengänge neben der lächerlichen Formulierung und Aussprache noch weitere Schäden nahmen, schüttelte der Todesengel nur leicht den schmalen Kopf. Ein Ohr drehte sich nach hinten, als die pissfreundliche Welpenstimme ihres kleinen Nervenzwerges, Paten oder auch –liebevoll ausgedrückt – Nagel zu ihrem Sarg, erklang. Glückwunsch. Er hatte sie also erfolgreich geneckt, dieser Tunichtgut kam sie wie der Held der Nation vor und sie..? Sie war einfach nur angenervt.

Aha.

, gab sie nur leise mürrisch zurück und verdrehte leicht die Augen. Sollten doch die beiden Verrückten ihren Affentanz fort führen, sie hatte da keine Lust zu. Wäre es nicht so schrecklich falsch, könnte man ja in Gedanken in diese dämlichen Kindereien einsteigen und sich darüber lustig machen, dass sie ja fast Vater und Sohn sein könnten, weil sie gleich hießen. Boar, wie toll.
Auf die folgenden Worte rollte Amáya nur wieder mit den Augen, stampfte zurück und grinste Tascani düster an.

Nimm es besser persönlich, mein Lieber. Du hast mich noch nicht an einem schlechten Tag erwischt.

Dann wandte sie sich an den kleinen Zwerg, den sie ungeduldig mit der Pfote vorwärts schob.

Und du kommst mit spazieren. Er wird den Weg zum Rudel schon alleine finden.

Das würde ja noch fehlen, wenn die beiden unter sich waren und sich ihre persönliche Klette den ganzen Mist noch abguckte!


.oO( Vielleicht weil Welpen einfach anstrengend sind? Nein… das ist es auch nicht…)

Jikken schüttelte kurz den Kopf. Er folgte nun Averic und dessen Welpen zum Rudelplatz. Das war durchaus sinnvoll. Darauf war er nach einer kurzen Beratung mit Satori gekommen. Sie meinte, es läge auf der Hand, nun zu den Leitwölfen zu gehen, dazu müsste man sich zum Rudelplatz begeben. Und das war es jetzt auch, was er tat, Satori an seiner Seite. Sie schien ihn auf Kurs zu halten. Jikken blickte auf den Boden vor ihm. Aufs Gehen hatte er sich eher nicht konzentriert. Im Hinterkopf hatte er noch die Reaktion der beiden Welpen auf seine Antwort. Er war also entweder unhöflich, oder einfach seltsam. Wunderbar. Er hatte nichts weiter dazu gesagt. Satori meinte, er sei einfach was Besonderes. Das war auch der Abschlussgedanke zu diesem Thema gewesen. In diesem Moment grübelte er immer noch über eine gute Antwort auf Satoris Frage nach. Wenn damals nichts dazwischen gekommen wäre, müsste Jikken jetzt nicht darüber nachdenken… wieder schüttelte er sich kurz. Ein amüsiertes Lächeln ihrerseits ließ ihn zu seiner Gefährtin blicken.

„Du zerbrichst dir doch nicht wirklich immer noch den Kopf darüber, oder? Ist schon in Ordnung. Kopf hoch!“

Jikken tat wie ihm befohlen. Erhobenen Hauptes schaute er nach vorn und bekam gerade noch Averics Nicken mit. Der Rudelplatz war erreicht. Ein relativ kurzer Weg. Genaugenommen hatte alles darauf hingedeutet… die Welpen, die Gerüche… doch das Wesentliche nahm er erst jetzt wahr. Jikken folgte Averic zu einer weißen Fähe und einem weiteren Welpen. Dieser schien zu schlafen, zumindest blieb er ruhig an Ort und Stelle, während die weiße Fähe ein paar Schritte auf sie zu kam. Jikken erwiderte die freundliche Begrüßung, und senkte sein Haupt in wenig, bemerkte aber auch, dass einer der Welpen die gleiche Begrüßung bekam, während der andere eine weitaus liebevollere genoss. Seltsam. Schnell hatte sich seine Aufmerksamkeit auf den schwarzen Riesen und die Weiße gerichtet, die ihm nun gegenüberstanden und sich unterhielten, mal deutlich, einmal weniger deutlich, sodass er nichts verstand. Es ging um Kengo und ihn, die beiden „Fremden“. Averics Sicht der Dinge waren recht interessant. Doch äußern konnte er sich dazu nicht. Einer der Welpen erzählte daraufhin sofort von den jüngsten Erlebnissen.

„Also hast du nicht die Leitwölfe dieses Rudels vor dir“

Meinte Satori nebenbei.

„Danke…“

Murmelte Jikken vor sich hin. Die einzelnen Punkte hätte er sich auch selbst zusammenreimen können, aber so ging das natürlich schneller. Das neue Wissen war aber keinesfalls ein Grund, unhöflich zu werden. Auf das Lächeln, das die kleine graue Fähe ihnen allen schenkte, als sie mit ihrer voller Stolz vorgetragenen Erzählung fertig war, reagierte Jikken zunächst mit einem simplen Blick. Dabei beließ er es aber nicht.

„Danke…, dass du helfen wolltest. Kengo tut angenehme Gesellschaft sicherlich gut. Mir übrigens auch…“

Nun lächelte Jikken zurück. Seine Rute pendelte nun ruhig hin und her, und er wandte sich wieder Averic und seiner Gefährtin zu.

„Allerdings hat Kengo noch ein Problem zu lösen… aber ich denke, er wird bald zu uns stoßen.“

Denken war wohl nicht das richtige Wort. Hoffen traf es eher. In diesem Moment meldete sich Satori mit einem Räuspern. Jikken drehte sich zu seiner Gefährtin an seiner Seite.

„Vielleicht solltest du dich auch mal vorstellen… wie es eigentlich gedacht war…“

„Oh..“

Mehr hatte er dazu im Moment nicht zu sagen, als er sich wieder den anderen zuwandte. Jikken legte die Ohren an, ein wenig beschämt schaute er auf den Boden. Das weitere Treiben auf dem Rudelplatz registrierte er nur am Rande.


Wortlos erhob sich die weiße Alpha und bedeutete ihm ihr zu folgen. Einerseits war Jakash erleichtert, dass sie seine Bitte erhörte, andererseits würde er jetzt erneut von diesen seltsamen Vorkommnissen erzählen müssen. Natürlich war er genau deshalb zu ihr gekommen, dennoch hätte er das Thema am liebsten aus seinem Kopf verbannt, es vergessen und wieder nahezu sorglos vor sich hin gelebt. Ganz so, als wäre das alles nur ein böser Traum gewesen. Mehr wünschte der schwarze Jungrüde sich nicht - außer ein starker Kämpfer zu werden und seine Familie beschützen zu können.
Was ihn wieder zu dem Gedanken brachte, dass er seine Familie ach vor sich selbst schützen musste, und damit schloss sich der Kreis...
Still lief er neben seiner Großmutter her, hinein in den Wald. Jakash sah überwiegend auf seine Pfoten und den Boden vor sich, aber immer wieder huschten seine Augen umher, suchten die Umgebung nach unerwünschten Mithörern und Verzerrungen ab. Der Regen rann unentwegt sein Fell herab, doch drang die Kälte nicht bis auf seine Haut vor. Jakash war dennoch kalt - innerlich, vor Sorge. Hatte er bei Rakshee zumindest ein wenig Trost und Hoffnung schnappen können, so wie zuvor bei seiner Mutter, so musste er nun wieder bei Null anfangen.
Der junge Schwarze suchte bereits nach den richtigen Formulierungen, als Banshee ihn schließlich nach seinem Anliegen fragte, wusste er doch nur zu gut, wie schwer ihm das Reden immernoch fiel. Dabei sollte man meinen, dass es ihn inzwischen weniger Überwindung kosten sollte.

"Irgendwas... passiert mit mir",

begann er schließlich und beschloss noch während dieser vier Worte, dass er gleich alles erzählen würde.

"Es ist mir jetzt zweimal passiert, dass sich plötzlich, ohne Ankündigung, vor meinen Augen die Umgebung verzerrt. Sie wird.. ganz grau und unscharf und wirkt wie von einem starken Wind gepeitscht, obwohl ich weiß, dass da kein Wind ist. Andere Wölfe in meiner Nähe verändern sich ebenfalls. Manche werden auch grau und unscheinbar, aber andere fangen an ganz weiß oder schwarz zu leuchten, ganz egal, was für eine Fellfarbe sie eigentlich haben. Neulich... da ist mir das mit Rakshee passiert. Sie wurde ganz weiß und leuchtend und heiß, es hat richtig gerannt und weh getan, als sie mir zu nahe war. Und ich... ich hab sie gehasst dafür. Ganz plötzlich hab ich sie nur noch gehasst, hab sie angeknurrt und bedroht und... beinahe... hätte ich sie angegriffen. Ich wollte.. ich wollte ihr weh tun, sie verletzen.. ich WOLLTE es unbedingt..."

Jakash stockte, seine Stimme brach immer wieder und zitterte inzwischen. Der junge Rüde schluckte und versuchte, sich zusammen zu reißen und weiter zu erzählen. Die ganze Zeit über sah er vor sich auf den Boden.

"Rakshee leuchtete dann plötzlich noch greller und heißer, und ich konnte ihr nichts mehr tun. Es hat so gebrannt, bis sie schließlich damit aufgehört hat. Und dann.. wurde alles wieder normal. Rakshee hat gesagt, Engaya wäre bei ihr gewesen... bedeutet das dann.. dass Fenris bei MIR war?"

Jetzt sah Jakash erstmals auf, Furcht und Flehen standen ihm ins Gesicht geschrieben.

"Ich will aber gar kein Fenris-Priester werden! Rakshee meint, ich bräuchte dazu eine Ausbildung... aber ich bin mir da nicht so sicher. Und Mutter sagt, ich wäre zu gut, um Fenris zu dienen. Aber... ich liebe meine Schwester, wie kann ich sie dann plötzlich so hassen und sie töten wollen?!"

Da war es raus, das t-Wort. Immer hatte er nur von 'verletzen' gesprochen, hatte sich jeden weiterführenden Gedanken selbst verboren, und doch hatte es die ganze Zeit besser gewusst. Hätte er die Möglichkeit dazu gehabt.. vermutlich hätte er Rakshee nicht nur verletzt.
Jakashs Blick sank wieder gen Boden.

"Aber wenn es nicht Fenris war... dann stimmt etwas mit meinem Kopf nicht, oder? Werde ich.. verrückte?"


Schwerelos glitt der braune Körper scheinbar über dem Erdboden, zuckte voller Albernheit und Jugend. Katsumis Augen funkelten, er knurrte und leckte sich die Zähne. Unaufhaltbar pendelte die schlanke Rute hin und her, von links nach rechts. Im Brustinnern schlug das Herz, als hätte es soeben neue Batterien bekommen, drückte das rote Blut durch die Adern, geschwemmt mit Adrenalin. Als die Zähne von Akru sich sanft im Fell verbissen, daran zogen und Druck ausübten, winselte Katsumi spielerisch, leistete aber auch keinen Wiederstand, liess mit sich tun, was Akru wollte. Folgsam wendete sich der Fünfjährige wie ein Diener, der in Ketten lag. Dumpf drang die Stimme des Grauen aus der Kehle, war dessen Fang noch immer im Fell vergrabe. Erst jetzt liess der Gefährte von Katsumi los, tänzelte welpisch um den Braunen herum. Immer darauf fixiert, ja nicht den Blickkontakt zu verlieren, drehte sich der Fünfjährige an Ort und Stelle, wedelte mit der Rute, knurrte, winselte und bellte abwechselnd.

"Das wäre eine grosse Ehre für mich, mein Bester."

Die gelben Augen lagen auf Akru. Aufmerksam lauschte Katsumi auch den weiteren Worten des Rüden. Lächelnd nickte er erneut.

"Ich bin mir sicher, dass Isis eine wunderbare Fähe ist. Oh ja, das ist sie ganz bestimmt!"

Der Braune war sich sicher, grinste seinen Freund an, ehe er langsamen Schrittes weiterzog. Neugierig schlich der Blick von dem Braunen über die Landschaft. Immer wieder vergewisserte sich Katsumi, dass Akru ihm auch folgte und ohne Vorwarnung drehte sich der Braune wieder um, preschte auf seinen Wegbegleiter zu und knurrte dabei laut. Mit einem Satz warf er den Grauen von dessen Pfoten, knurrte ihn weiter an, bis das Knurren in ein Gelächter überging. Lange war es her, als er so gealbert hatte. Kindisch drückte Katsumi den Rüden weiter in den Boden, stehts darauf achtend, dass es ihm auch wirklich nicht weh tat. So blieb der Braune stehen, lächelte und sah gerade in die blauen, klaren Seelenspiegel. Das letzte Mal, erinnerte sich der Fünfjährige zurück, hatte er so gespielt, als er noch bei seinen Welpen war. Seine drei Kinder hatten sich manchmal gegen ihn verschworen, ihn wie eine kleine Armee gestürzt und gegen ihn gekämpft. So wurden alle ihre Muskeln trainiert, der Instinkt geweckt. Spielerisch lernen war eben doch die beste Art. Nisha hatte immer zugesehen, gelacht und sich im Boden gewälzt. Und als die Kleinen erschöpft waren, flüchteten sie sich in Festung Mama. Festung Mama hatte die erschöpften Krieger immer gut beschützt, und so entstanden auch Machtspielchen zwischen Vater und Mutter. Katsumi knurrte nochmals und senkte seinen Kopf zu Akrus hinunter.

"Danke Akru, Liebster"

Flüsternd bannte sich die sanfte Stimme den Weg aus dem Fang, ehrlich und ernst. Dankend für das, was war. Was jetzt war. Die trostlose Vergangenheit hinter sich, ein Licht vor sich. Ein Weg, der zwar kein Spaziergang sein wird, aber ein Weg mit Halt und Freundschaft. Liebe. Ein Weg mit Zukunft.


Gekicher hallte leise durch den Wald als die beiden weißen Welpinnen darin herumsprangen. Selten hatte Amúr solche Freude empfunden wie gerade. Es machte einfach zu viel spaß hier mit Aléya rumzurennen und neues zu entdecken. Als Aléya an ihrer Rute zupfte und ein Hab dich verlauten Ließ, machte Amúr kehrt und flitzte hinter ihrer neuen Freundin her. Allerdings wurde sie immer wieder abgelenkt, von Pilzen die wie Ufos an Baumstämmen hingen oder von Käfern die herumschwirrten oder seltsamen Blumen. Alles hier im Wald kam ihr vor wie eine fremde Welt die nur darauf wartete von ihnen entdeckt und erforscht zu werden. Amúr achtete nicht auf den Weg oder die fremden Geräusche die sie normalerweise erschreckt hätten. Sie war voller Adrenalin und das ließ sie jegliche Gefahr vergessen.

"Na warte, ich krieg dich"

Lachte sie und sprintete hinter Aléya her bevor diese noch aus ihrem Blickfeld verschwinden konnte. Das würde ihr so passen, einfach abzuhauen. Ne ne. Nicht mit ihr, nicht mit Amúr der Entdeckerfähe. Niemals


Rakshee beobachtete die kleine Welpin, die so pünktlich erwachte als habe sie an ihrer Rute gezogen um sich anzukündigen. Lächelnd beobachtete die Braune das Ritual, indem erst der Blick an ihren Läufen herauf, über ihre Brust und schließlich zu ihrem Gesicht hinauf kletterte, und dass durch Gähnen, Strecken, und sehr viel mehr Gähnen fortgesetzt wurde, bis die kleine Welpin sich vor sie setzte. Lachend sah sie zu ihr hinab, drehte sich schleunigst einmal um sich selbst, tapste mit der Pfote nach Caylee und warf dann den Vorderkörper herunter, sodass sie mit Caylee auf Augenhöhe war.

"Weißt du was?"

fragte sie, machte große und größere Augen, stupste dann mit der Pfote gegen Caylees Seite und machte einen plötzlichen Sprung zurück.

"Ich hab dich!"

Zwinkernd sprang sie noch etwas weiter davon, wedelte munter und wartete dass Caylee ihr folgte, nur um ihr vor der Nase wegzuspringen.

"Wenn du mich fängst trag ich dich!"

rief sie ihr zu, und kullerte sich über den feuchten Grasboden davon. Oooh, das war gar nicht so einfach im Schwung zu bleiben...


Nur kurz hatte Banshee Zeit finden können. Viel zu schnell wurde der, doch sehr intime, Moment zwischen ihnen beiden zerstört. Das war natürlich von vorneherein klar gewesen, Banshee war eine viel beschäftigte Fähe, eben die Alphafähe, und sie hatte sich einen wahrlich ungünstigen Moment gesucht um ihre Lehrerin zu besuchen.
Nachdem Banshee also schnell wieder beschäftigt gewesen war und letztendlich auch davon gegangen war, hatte auch Sheena sich schnell von den anderen Wölfen getrennt und war ihres Weges gegangen. In diesem Fall hieß das, den Rudelplatz auf und ab zu laufen. Kurzzeitig hatte sie sich auch hingelegt, doch hatte sie das Bedürfnis sich zu bewegen, die Enttäuschung, dass Banshee anscheinend nicht so viel gesehen hatte, wie Sheena gehofft hatte war einfach zu groß. Zusätzlich dazu kam die Enttäuschung, dass sie nur einen so kleinen Moment gehabt hatten, fast fühlte sie sich ein wenig vor den Kopf gestoßen. Dabei wusste sie doch, dass sie, wenn sie sich der Enttäuschung hingeben würde, nur einen Kurzschluss heraufbeschwören würde und das wäre weder für sie, noch für die anderen von Vorteil.
Also war sie wieder aufgestanden, war ein wenig in den Wald hineingelaufen. Die Spur von Ilias nahm sie wahr, sie führte direkt in die Richtung der Grenze, er hatte wohl vor das Rudel zu verlassen. Vielleicht war das auch besser so, jetzt, wo Nienna gegangen war und er und sie immer nur gegeneinander geraten waren. Es war eine weitere Fährte dabei, es schien sein Patenkind zu sein, Liel, wenn Sheena es richtig mitbekommen hatte. Durften die Welpen schon in den Wald?
Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie es war, als sie selber klein war, doch verwarf sie den Gedanken schnell wieder. Sie spürte, wie es in ihr zu Brodeln begann, sie schüttelte sich, warum konnte sie nicht einfach eine normale Fähe mit einem normalen Leben sein? Stattdessen musste sie sich mit solchen Problemen herumschlagen. Sie hatte das Gefühl, als ob sie sich ewig im Kreis drehen würde, dabei wusste sie natürlich, dass dies nicht der Fall war, es war alles schon viel besser geworden, aber vielleicht wurde man mit der Zeit blind, wenn man immer nur das noch Bessere erreichen wollte und sich nicht mit dem, was man erreicht hatte zufrieden geben wollte.
Ungewollt knurrte Sheena leise auf, sie entschied, dass es an der Zeit war die Wut aus ihr heraus zu lassen, ehe es wirklich zu einer Explosion kommen würde.
Sie drehte auf der Hinterhand herum, steuerte weg vom Rudelplatz und startete fast aus dem Stand einen Sprint, der sie in kurzer Zeit, ein gutes Stück wegbrachte. Sie wurde etwas langsamer um zu verschnaufen, ihre Wut hatte sich fast vollständig in Luft aufgelöst.
Fast überhörte sie den Ruf Nyotas, erstens erschien er ihr recht leise, sie musste ein Stück von ihr sein, außerdem war sie in Gedanken versunken gewesen. Sie schlidderte, bemühte sich rasch zu bremsen um verstehen zu können, was Nyota genau von ihr wollte. Doch sie ließ es nicht wirklich verlauten, sie rief sie nur zu sich, doch dem Klang ihrer Stimme entnahm Sheena, dass es Dringender war, als wenn sie Unsinn angestellt hätte oder sie nur einfach so mit ihr reden wollte. Die zwei letzteren Dinge wären sowieso seltsam gewesen, schließlich hatte sie, soweit sie sich erinnern konnte, in der letzten Zeit keinen Unsinn angestellt und mit Nyota geredet hatte sie auch noch nie wirklich.
Also drehte sie, mal wieder, auf den Hinterläufen um und begann, wie vorher auch, zu sprinten. Nur war es diesmal genau die Richtung, aus der sie vorher gekommen war. Nyota befand sich anscheinend in der Nähe des Sees. Noch jemand war bei ihr, bemerkte sie jetzt, wo sie sich näherte. Aber der Rüde kam ihr eher unbekannt vor, was sie nicht verwunderte, denn sie kannte kaum Wölfe aus dem Rudel. Denn er gehörte schon zum Rudel, soviel wusste Sheena, konnte sie seiner Fährte entnehmen. Außerdem war es ein Rüde und irgendetwas schien nicht mit ihm zu stimmen.
Sie wurde noch ein winziges bisschen schneller, die Hinterläufe traten noch ein wenig mehr unter den Bauch, die Vorderbeine streckten sich noch ein kleines bisschen mehr. Die Zweige peitschten ihr Fell, doch all dies merkte sie nicht mehr.
Ein Wolf dem geholfen werden musste, Blutgeruch trat ihr in die Nase und plötzlich war sie nicht mehr Sheena, die gelernt hatte zu heilen, die wenigstens Ansatzweise wissen würde, was sie für den Rüden tun könnte, nein, sie wurde zu der Sheena, die sie damals war, als ihr Vater, Pflegevater, Zack gestorben war. Sie wurde zu der hilflosen Fähe, die nur mit ansehen konnte, wie er sich gequält hatte, die nichts hatte tun können. Das auch Banshee damals nichts mehr für ihn hätte tun können kam ihr gar nicht in den Sinn. Weiter ging ihre Reise, schickte sie zu ihrem verstorbenen Bruder, damals war sie noch ein Welpe gewesen, auch er war gestorben, ohne, dass sie etwas hatte tun können.
Noch im laufen schüttelte sie ihren Kopf um ihren benebelten Verstand wieder zu reinigen. Dafür würde sie diesen Rüden hier retten, zumindest heilen, doch es schien, als ob er schwere Verletzungen hatte. Doch sie war sie nicht so sicher. Erstmal musste sie ankommen, der Weg kam ihr unglaublich lang vor, doch sie merkte, wie die beiden immer näher kamen, sie waren stehen geblieben. Sie konnte sich nicht ankündigen, schließlich durfte sie nicht sprechen, aber die beiden würden sie sicher bemerken.
Sie wurde langsamer und stoppte dann mit einer Art Vollbremsung. Nyota stand in Richtung Rudelplatz und schien Ausschau zu halten, wahrscheinlich nach ihr, konnte sie schließlich nicht wissen, dass sie gar nicht auf dem Rudelplatz verweilt hatte. Und bei ihr war ein Rüde, den sie als Aryans Bruder einstufen konnte, sein Namen kannte sie allerdings nicht.
Sie war etwas nervös, die Wunde an seinen Nacken konnte sie offenkundig sehen, doch um andere Wunden entdecken zu können würde sie den Rüden berühren müssen, würde sie sich konzentrieren müssen und am Besten wäre es wohl, wenn sie kurz erläutert bekommen könnte, was genau passiert war. Doch, wie sollte sie sich verständlich machen?
Sie berührte Nyota kurz an der Schnauze, eine Begrüßung, die, wie ihr kurz danach auffiel, vielleicht ein wenig dreist war, schließlich war auch Nyota eine Alphafähe und nicht, wie Banshee, ihre Lehrerin. Doch darum wollte sie nun keine Gedanken verschwenden.
Sie ließ ihren Kopf pendeln, von dem Rüden zu Nyota, ein fragender Gesichtsausdruck lag auf ihr.

oO Was ist passiert und wo schmerzt es dich…? Oo

Manchmal wäre es wohl sehr praktisch, wenn man in Gedanken miteinander sprechen könnte. Doch andererseits wäre ihr auch dies unter einem Schweigegelübde wohl verboten gewesen.


Der Wind peitschte der kleinen Fähe ins Gesicht, während sie das Gefühl hatte, ihre Pfoten kämen mit dem Laufen nicht mehr wirklich hinter. Manchmal schien es, als würde sie straucheln, taumeln und fing sich dann noch jedes Mal wieder, ohne auch nur einen Deut langsamer zu werden. Im Gegenteil. Mit jedem Satz und mit jedem Mal mit dem die weißen Pfoten den Boden berührten, schien sie noch schneller zu werden. Den Körper lang gestreckt, die Ohren angelegt und die Augen gegen den Regen und Wind zusammen gekniffen preschte die Weiße durch den Wald. Im Slalom um die Bäume herum, verschwand zwischen Gestrüpp, tauchte in kleinere Senken zwischen den Wurzeln ab und jagte auf der anderen Seite wieder hinauf. Es war ein herrliches Gefühl und mit wachsender Begeisterung schien Aléya ihre Läufe schier von sich zu schleudern.

Looohooos! Fang mich doooch, wenn du kannst!!

, rief sie über die Schulter zurück, konzentrierte sich dann aber schnell wieder aufs Laufen. Amúr würde sie niemals einholen können. Sie war die Schnellste, die Beste und nur ihr großer, lieber und unglaublich toller Papa war besser. Aryan war einfach der tollste Papa der Welt, nichts ging über ihn. Da konnte ankommen, wer wollte. Sie wollte genauso toll werden wie er.
Mit einem Satz hüpfte Aléya auf einen alten, morschen Stamm, sprang wieder herab und raste schleunigst weiter. Sie hatte inzwischen einen kleinen Vorsprung gewonnen und auch der Ast verdeckte ein wenig die Sicht auf den Welpen, allerdings nicht für lange. Mit einem Male kam ihr eine Idee. Schnell tauchte sie in eine Kuhle zwischen Baumwurzeln ab, in denen wohl irgendwann mal ein kleines Waldtier gehaust hatte, rollte sich zusammen und streckte die Schnauze unter die Pfoten. Aufgeregt lauschte sie dem schnellen Pochen ihres Herzens, wartete und hoffte darauf, dass ihr Plan funktionierte.


Der Weg zum Rudelplatz dauerte schier ewig. Cyriell velor jegliches Zeitgefühl dafür, musste er sich doch auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren. Erst konnte er kaum vor Schmerzen laufen, und als er sich endlich an das beständige Ziehen und dumpfe Pulsieren in seinen Muskeln gewöhnt hatte, verließen ihn mehr und mehr die Kräfte. Sein Schritt wurde zittrig, immer wieder musste er sich an Nyota abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Schon nach wenigen Schritten hatte er zu hecheln begonnen um ausreichend Luft zu kriegen. Die Zunge hing dem Grauen ein Stückweit aus dem Fang, glanzlos aufgrund seines trockenen Rachens. Das Atmen fiel Cyriell schwer, bei jedem Schritt verspürte er ein Stechen in seiner rechten Flanke. Instinktiv versuchte er sich daher noch vorsichtiger zu bewegen, was nichts anderes bedeutete, als dass sie noch langsamer vorrankamen. Der Blick seiner blauen Augen war auf den Boden kurz vor seinen Pfoten gerichtet, damit er nicht stolperte und ins Straucheln geriet. Den Übergang von Wald zu offener Grasfläche bemerkte er nicht einmal, ebenso wie er den See wohl erst registriert hätte, wenn er die erste Pfote ins Wasser setzte. So jedoch machten Nyotas Worte ihn darauf aufmerksam, dass sie endlich am Rudelplatz und am See angekommen waren. Während die schwarze Alpha nach jemandem rief, wagte Cyriell sich noch einen Schritt weiter und versuchte dann zu trinken. Die Zunge fuhr ins Wasser und beförderte die Feuchtigkeit in seinen Fang. Das kühle Nass tat gut, und der Graue trank gierig. Nur langsam jedoch ebbte das Brennen in seiner Kehle ab, und so musste er viel trinken, bevor der Durst erloschen war. Dann ließ der Graue sich langsam zu Boden sinken, ein kräftezehrender Prozess, doch aus Angst vor dem Schmerz wollte der junge Rüde sich nicht fallen lassen. Als er endlich lag, erschlafften seine Muskeln förmlich. Der Schmerz verging dadurch nicht, aber die Anstrengung war gewichen. Doch jetzt, da er sich nicht mehr konzentrieren musste, kehrten die Gedanken und Erinnerungen zurück. Äußerlich regte sich nichts in seinem Gesicht, selbst dafür war er zu erschöpft, und Tränen hate er im Moment nicht mehr. Nur sein Blick war und blieb verstört und reichte nach Innen.
Kaum drehte sich eines seiner Ohren, als er schließlich Schritte vernahm. Er registrierte das Geräusch erst, als Sheena schon fast bei ihnen war. Durch nichts vermochte er zu sagen, wer da kam, aber es kümmerte ihn auch nicht mehr. Es war alles egal.
Sein Brüder hatte hn töten wollen...


Aszrem Blick folgte seiner Tochter und ihrem grauen Spielgefährten. Er liebte es Nerúi zu beobachten, ihr bei ihren Entdeckungen zuzusehen und dabei noch einmal neu zu entdecken, wie Welpen die Welt sahen. Einerseits fanden Welpen einfache Erklärungen für komlexe Dinge, dann wieder malten sie sich Fantastisches aus für Begebenheiten, die man als Erwachsener kaum mehr bewusst wahrnahm, weil sie so natürlich und selbstverständlich schienen. Es war wie eine Reise zurück zu seiner eigenen Welpenzeit, Gedanken und Gefühle von damals erstanden als Erinnerungen wieder auf und wurden lebendig.
Der Schwarzbraune beobachtete das Spiel der beiden Welpen mit dem dicken und dem schwarzen Neunankömmling. Das Treiben dort würde er genau im Auge behalten, immerhin kannte er diese beiden Wölfe noch nicht. Banshee war vor nicht allzulanger Zeit jedoch bei diesen beiden gewesen, also waren sie willkommen geheißen worden. Aszrems bernsteinfarbene Augen kehrten zu Malicia zurück. Der Anflug eines Lächelns lag noch immer auf seinen Lefzen. Seit der Geburt seiner Tochter fiel es ihm schwer, nicht mehr zu lächeln.

"Das ist anzunehmen, ja. Es tut einem Welpen nicht unbedingt gut in dem Wissen aufzuwachsen keine Geschwister zu haben, während zur gleichen Zeit andere Welpen mehr Schwestern und Brüder haben, als ihnen vielleicht lieb ist. Und ja, Nerúi hat keine Blutsgeschwister. Aber das spielt für sie zum Glück keine Rolle",

antwortete er der Schwarzen. Er hoffte inständig, dass das auch so blieb und die geistige Geschwisterbindung, die sie zu den anderen Welpen hatte, immer stärker sein würde als das Nicht-Vorhandensein einer Blutsverwandtschaft.
Aszrem hielt inne und setzte sich. Das Spiel seiner Tochter konnte er von hier aus gut beobachten, für eine Unterhaltung empfand er das Sitzen jedoch als gemütlicher. Ausgiebig Laufen würde er später...


Die Nacht war schon immer sein Heim gewesen. Wenn Träume so unendlich nah waren, und sie sich mit der Schnauze fingen ließen. Wenn die Welpen schwiegen, und das Blut langsam pochend in das eigene Herz zurückfloss. Der Rüde blickte sie an, verstand erst nicht, was sie vin ihm wollte... schwarzer Prinz? Sie wusste wahrscheinlich doch nicht wirklich, wem sie hier gegenüberstand... aber ihre Art half ihm die Schwingen auszustrecken, die ihm die Vergangenheit gebrochen hatte. Alles war unnachgiebig und kalt in seiner Welt, alles sogar der Tag in seiner süßlichen Wärme, und die Nacht... die hatte ein Recht darauf kalt zu sein.
Das Morgen... der Morgen... Nightmare lebte doch für jeden dieser Momente. Jeder Morgen tat ihm weh, jeder Morgen hing wie eine Bedrohung unter den Pfoten, welche leicht zuckten, als sie fortlief.
Er sollte sie Suchen? Er sollte... sie suchen? Was wollte diese Fähe von ihm? Wollte sie bloß mit ihm spielen? War es wie eine Welpe, die nicht mehr unterscheiden konnte, was nun ein bitterer Ernst, eine schmerzhafte Wahrheit, oder krankhafter Ernst war?
Nightmare ahnte es nicht... dieses Wesen war so wunderbar perfekt, sie flickte etwas zusammen, wie die tollenden Welpen auf den Rudelplätzen... und das ertse mal in seinem Leben erhob er sich, um loszulaufen... und zwar hinter jemandem her, und nicht vor einem weg.
Die Muskeln zeichneten sich unter dem regennassen Fell, und er lief.... Das weiße Fell huschte weit entfernt durch die Umgebung. Ihre schwebenden Schritte faszinierten den schwarzen Rüden... bald so sehr, dass er nicht auf den Baumstamm geachtet hätte, der in seinem Weg lag. Er stieß sich ab, langte mit den Krallen nach dem Halt auf dem rauen Holz, setzte hinüber... weiter und weiter... Der Regen hatte aufgehört?
Er blieb tänzelnd stehen, nur um den Blick ganz kurz zu den dichten Baumkronen zu erheben. Abermilliarden Sterngesichter taten sich auf, schimmerten an dem Himmel, welcher zerbrechlich schimmerte wie dunkler Obsidian.
Er zuckte zusammen, richtete den Blick wieder nach vorn. Er hatte den Blickkontakt zu der jungen Fähe verloren, jedoch hing ihr blumiger Geruch angenehm in der Luft, er sog ihn tief ein, und lief weiter.
Der Sonne entgegen.
Die dunklen Pfoten schlidderten langsam durch das feuchte Laub, als er seinen Schritt plötzlich verlangsamte. Jeden Muskeln angespannt, pirschte er näher zu dem hellen Fleck, welcher zwischen den Bäumen herfunkelte. Er duckte sich in die Schwärze der Nacht, und beobachtete Dalight durch seine grauen spiegelnden Augen hindurch.
Und er hörte den Wind leise wispern... und er spürte das Leben in sich pulsieren, als er sich abstieß.. und das Dickicht hinter sich ließ. Nicht nur das Dickicht dieser Nacht, auch den Regen, der zwischen den Blättern klebte, und es in eine schimmerndes Netz verstrickte. Er ließ auch seine Gedanken hinter sich, weil alles zu wunderbar war... zu perfekt.
Er tänzelte auf die Fähe zu, ein bald stolzes Lächeln auf den Lefzen, als er um sie herumstrich, wollte sie umweben in einen neuen Tanz der Gefühle. Sein Lächeln wich nicht, blieb harren..ehrlich und offen. Unvergänglich für eine kurze Sekunde. Die Liebe strömte durch seine Gestik, als er seien Kreise enger zog, und sich schließlich eng an ihre Flanke schmiegte.

"Gefunden...."

Wisperte er leise, und strich an ihrem Körper entlang, drückte den schweren Kopf an ihr weißes Fell. Sie ließ die schweren Gedanken einfach fliegen. Sie war einfach wunderbar.

"Natürlich würde ich dich suchen..."

Verliebt wie ein Kind, war der große Rüde... und blind wie eines. Doch er kostete das voll und ganz aus. Ein Spielchen, was man mit ihm spielte. Und er würde mitspielen, bis sich ein neuer Schatten vor die Sonne schob, bis er die Kälte zurück in siene Seele ließ... aber nicht jetzt, nicht so... Er konnte das Morgen auch noch später fürchten.
Er hörte ihren Herzschlag zu sich pochen, spürte ihr nasses Fell..... Stellte sich dicht neben sie, und blickte sie an, ein Blick aus grauen Augen, aus denen spiegelglatt seine Seele sprach. Er blickte in die der Fähe, begann sich zu drehen. Eine Neue Welt für die Sonne und zwar allein nur für diese Sonne. Und er zitterte.. innerlich.
Nightmare hob den Blick zum Himmel. Wie weit es wohl bis dahin war? Wie weit konnte man mit den Sternen laufen? Wie lange den Mond verfolgen, bis er sich wieder versteckte?

"Dorthin...."

Sagte er ruhig, und seine Stimme vibirierte sanft in seinen Lungen. Er wollte diesen SingSang an den Rest der Welt geben, wollte sie teilen.. er wollte das Gefühl teilen, was in ihm tobte, das was warm und gleichzeitig fast schmerzlich war. Aber doch.. nur gut tat.

"Nehme ich dich mit."

Er wandte den blick wieder herunter zu ihr, und sein lächeln war wahrlich zuversichtlich. Er wollte ihr die Welt zeigen.. oder besser, er wollte dass sie ihm die Weltzeigte. Er wollte nach zwei Jahren endlosen herumirrens endlich wissen, wer er war. Und das beantwortete ihm diese Fähe, allein mit ihrem Blick.
Und im Mondlicht.... waren sie wohl beide frei.
Wie die Vögel die durch den Dezembersturm glitten, als sei doch nichts dabei.

Atalya
24.12.2009, 20:17

Nerúi hatte relativ erfolglos versucht, sich einen riiiiesigen Vorsprung aufzubauen bevor Turién auch auf dem Berg hing. Strampelnd versuchte sie umso eiliger hinaufzukommen, und beobachtete, durch Mochis Fell in ihrem Maul hindurchkichernd, wie Turién gegen den Kuschelberg trat und sich anwabbeln lies. Toll, dass musste sie auch ausprobieren! Vorsichtig drückte sie eine Hinterpfote so weit es ging in das Geschwabbel - stieß sich ab und ließ die Hinterläufe wieder dagegen treten. Wabbelwabbel! Das fühlte sich wirklich lustig an. Aber das Festhalten wurde anstrengend. Egal. Bevor Turién nicht losgelassen hatte würde sie das auch nicht tun. Das wäre ja unmöglich! Erst nur mit den Hinterpfoten, schließlich auch mit den Vorderläufen und zuletzt mit drei Pfoten trat sie auf das Geschwabbel ein und lies sich bewabbeln. Hihi, was für ein tolles Spielzeug! Konnte es sich auch bewegen? Bestimmt wabbelte es bei jedem Schritt ganz doll!
Die Kleine versuchte in ihrem schwabbelligen Untergrund Halt zu finden, um die Schnauze etwas höher anzusetzen, aber sie kam nicht weit. Weit über sich hörte Nerúi eine Stimme, die sich sofort als die der Sonne hinter den Wolken identifiziert hatte. Wer sonst sollte da oben sein?

"Die Schonne sprischt mit unsch!"

rief sie ganz aufgeregt, und begann fröhlich zu wedeln, immerhin gab ihr das die Möglichkeit die Sonne gleich herauszufordern, um Turién zu beweisen dass sie wirklich stärker war als die Sonne da oben!
Und dann fing Turién plötzlich an zu Fliegen! Also, eigentlich flog nur sein Hintern, aber alles was Nerúi in ihrem Sichtfeld erkennen konnte, war dass er einfach losflog.

"BOAH!"

Ein Ausruf, der sie ihren Halt kostete, und sie rückwärts vom Kuschelberg fallen lies, begleitete ihren Fall. Warum konnte sie nicht auch fliegen? Warum fiel sie einfach hin? Das war gemein! Aber den Grund für ihre Gemeinheit entdeckte sie gleich darauf, denn der schwarze Rüde über ihr hatte Turién geholfen. Aber das war unfair! Ein panischer Blick ringsum offenbarte ihr dass nirgendwo Kylia zu finden war, und sie selbst schneller sein musste. Sonst war Turién doch zuerst auf dem Berg! Und dass nur weil der Schwarze schummelte!

"Das ist gemein!"

rief sie, nahm Anlauf und sprang nocheinmal an den Kuschelberg, kam aber nicht so hoch wie beim ersten Mal. Hektisch mit den Pfoten im Geschwabbel paddelnd wollte sie sich höher kämpfen, aber wenn sie die Zähne woanders festbeissen wollte rutschte sie einfach ab. Diese Prodezur vollzog sich noch gut sechs weitere Male, bevor die Schwarze in ihrer herabgesunkenen Position vor dem Kuschelberg liegen blieb, und zu weinen anfing. Das war gemeingemeingemein! Sie strengte sich an und sie kam einfach nicht hoch. Das war alles die Schuld von dem doofen Rüden der Turien geholfen hatte. Das war geschummelt, das zählte nicht! Neinneinnein! Deprimiert und wimmernd streckte sie den Kopf in den Kuschelberg, schob ihn unter das Geschwabbel, und weinte sich die Wangen naß.


Munter vor sich hin wabbelnd, und immer mal wieder aufkichernd, wurde der Silberrüde irgendwann immer langsamer. Sein Kiefer begann ganz schlimm zu schmerzen und mit einem leisen Ächzen entspannte er seinen Kiefer kurz, indem er ein ganz klitzekleines bisschen losließ und prompt ein kleines bisschen abrutschte. Tapfer kämpfte sich Turién wabbelnd nach oben, während er aus den Augenwinkeln Nerúi beobachtete und darauf acht gab, dass ihr Vorsprung nicht zu groß wurde. Seine Ohren zuckten in ihre Richtung, als sie nuschelnd etwas versuchte zu sagen. Dann runzelte er die Stirn. Er hatte sie bestimmt falsch verstanden. Die Sonne sprach nicht - jedenfalls hatte er das noch nicht mitbekommen. Und warum sollte sie jetzt zu ihnen sprechen? Aber mit der Stimme, da hatte sie Recht gehabt. Da war etwas, über ihnen.

"Die Schonne? Bischt du schischer?"

Angestrengt drehte er seine Augen nach oben, bis sie schmerzten, aber er konnte kaum was sehen, ohne das Stück Fell an dem er sich festklammerte loslassen zu müssen ... und dann würde er runterfallen, und das wollte er ja nicht. Er musste doch oben ankommen.
Und dann ganz plötzlich war die Sonne hinter ihm. Erschrocken kleffte er unterdrückt auf, als sie ihn an der Rute packte und hoch hob. Erschrocken strampelte er mit den Hinterläufen und traf nur Luft - es musste doch die Sonne sein, denn sie war von Luft umgeben! Doch so leicht würde die Sonne ihn nicht holen können... mit den Vorderpfoten versuchte er sich im Fell festzukrallen, was weniger als mehr klappte und trotz der Verspannung seines Kiefers ließ er das Stück Fell, nicht los. Er musste jetzt stark sein. Aber Hilfe konnte nicht schaden. Der Silberne schielte beinahe schon verzweifelt zu Nerúi herüber.

"Die Schonne will misch fresschen!"

Als er sich dieser Tatsache bewusst wurde fing er noch mehr an zu zappeln ... bis er sich schließlich nicht mehr halten konnte und den Kuschelberg loslassen musste. Der Minirüde baumelte nun frei in der Luft und wurde von der Sonne fortgetragen. Das war er nun gewesen, er war zu schwach gewesen. Winselnd schloss er die Augen und wartete auf das Ende. Doch außer, dass er leicht hin und her pendelte, passierte nichts... wollte die Sonne ihn nicht fressen? Vorsichtig öffnete er ein Auge und entdeckte unter sich Nerúi, die versuchte am Kuschelberg hochzuhüpfen... sie wollte ihm helfen. Das war wirklich nett von ihr ... aber es war zu spät. Immernoch leise vor sich hinwinselnd beobachtete er Nerúi, wie sie versuchte ihn zu retten, und er schon dem Himmel entgegenschwebte. Obwohl es nicht weiterging. Turién wurde misstrauisch und dann entdeckte er ... Pfoten. Unter ihm. Sie waren schwarz. Aber Nerúi hatte ihre alle noch ... es mussten andere sein! Sich dieser schrecklichen Tatsache bewusst werdend erkannte er nun auch, wenn er seien Hals verrenkte, dass er von einem Wolf hochgehalten wurde. Nichts Sonne, nichts aufgefressen werden. Nur ein Wolf...
Ein Schluchzen ließ ihn wieder zu Nerúi blicken. Was war los? Weinte sie? Der Fang des Silbernen klappte sprachlos auf. Warum? Er war gar nicht tot. Die Sonne hatte ihn gar nicht gefressen, weil es gar nicht die Sonne war, die ihn geholt hatte. Sie musste nicht um ihn weinen. Eine Nerúi weint nicht! Verkehrte Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man Kopfüber baumelte.
Der Rüde knurrte auf, und fing an wild um sich zu treten. Wild um sich schnappend merkte er schließlich, wie er kurz frei im Raum schwebte und dann mit einem lauten "UUFFF!" auf dem Bauch im Gras zu landen. Wenigstens war die Erde weich vom Regen. Sofort sprang er auf und drehte sich seinem Entführer zu. Mit bitterbösen Blick knurrte er diesen an.

"Du hast Nerúi zum weinen gebracht! Du bist gemein! "

Entrüstet schnappte er in die Luft um dem großen Wolf so vielleicht ein bisschen Angst zu machen, dann drehte er sich um und trat langsam auf Nerúi zu. Mit seitlich abgeknickten Ohren näherte er sich ihr, setzte sich neben sie und schleckte ihr trösten über ihr Fell.

"Du darfst nicht weinen!"

Es machte ihn traurig, wenn sie traurig war.
:puppy:

Der braun gestromte Rüde sah mit einer gewissen Arroganz auf den Welpen herab, wirkte äußerlich jedoch freundlich, indem er einen zustimmenden Gesichtsausdruck aufsetzte.

„Oh, oui, oui! Tatsächlisch … wir haben fast die gleiche Name!“

Dennoch hatte Tascani innerlich damit zu kämpfen, wie jener junge Hüpfer, der ja noch gar nichts Männliches – oder zumindest kaum etwas – besaß, sich einfach ganz unverfroren mit ihm vergleichen konnte. Dabei war er doch ein starker, charismatischer Rüde und jener ein schutzbedürftiger Welpe. Aber wahrscheinlich durfte er dies nicht persönlich nehmen … immerhin stellte der Kleine keinen potenziellen Konkurrenten für ihn dar.
Nach den Worten Tascurios, die daraufhin folgten, zwinkerte der Braune dem jungen Wölfchen verschwörerisch zu.

„Oh, isch glaube dir sofort, Tascurio! Amáya ist eigentlich eine Engel, aber sie hat bestimmt immer kennen gelernt die falsche Rüden … nischt so jemand wie isch … oder wie du, meine Kleiner!“

Aber das konnte sich ja sicher noch ändern. Völlig zufrieden blickte Tascani zu Tascurio. Bestimmt konnte er weiterhin in engem Kontakt mit Amáya bleiben, solange er sich mit dem Welpen anfreundete, der ja offensichtlich gut mit ihr bekannt war.
Bevor der große Rüde ihn fragen konnte, in welchem Verhältnis Tascurio zu der Schwarzen stand, war diese plötzlich wieder aufgetaucht und zeigte sich von ihrer liebenswürdigsten Seite. Tascani Amour störte sich an ihren Worten nicht, ihm gefiel nach wie vor die Impulsivität, die darin lag.
Dass sie jedoch kurz darauf mit dem Kleinen verschwinden wollte, passte dem Rüden überhaupt nicht. So schnell würden sie ihn nicht los werden; er war schließlich kein willenloses Wesen, das man irgendwo abladen konnte, um dann wieder anderen Dingen nachzugehen. Oh nein, das würde sein Stolz nicht zulassen!

„Oh, mon Cheri, warum haben du es denn so eilisch? Lasst uns diese Weg gemeinsam gehen. Tascurio und isch haben uns schon bekannt gemacht und wir sollten mehr dürfen erfahren voneinander! Isch doch noch ganz fremd hier bin!“

Mit einem charmanten Lächeln schob sich Tascani ganz nahe an der schönen Wölfin vorbei, um dann neben seinem neuen kleinen Verbündeten stehen zu bleiben und nicht mehr von seiner Seite zu weichen. Die letzten Worte Tascurios waren leider unter gegangen, Tascani hätte sich sicher sehr über sie amüsiert.


Tascurio lächelte, wie Welpen eben lächelten und versteckte dahinter, dass er Tascani sehr aufmerksam beobachtete. Dieser Rüde war aber auch ein komischer Kerl! So etwas hatte der weiße Welpe noch nie gesehen. Und wie er sprach! Am liebsten hätte er sich auf den Rücken geworfen, eine Zugabe nach der Anderen gefordert und sich gekrümmt vor Lachen.
Als würden sie eine Intrige aushecken, streckte er seinen Kopf näher, während Tascani ihm verriet, welche Vermutungen er über Amáya bereits angestellt hatte. Es wäre amüsant gewesen, weiter darüber zu spekulieren, doch die schwarze Wölfin kehrte zurück. Skeptisch betrachtete er seine Tante, sich fragend, ob sie nicht irrte und einfach nur nie einen guten Tag hatte, aber er kannte sie nicht, wenn sie anders war.

“Du machst dir Sorgen um mich!“

Stieß er hervor, ohne sich selbst ernst zu nehmen. Ein heiteres Lachen konnte er sich gerade noch so verkneifen. Es wusste nicht, wieso sie zurückgekommen war und ihn von Tascani trennen wollte, doch Sorge war sicher das Letzte, was sie empfand. Jedenfalls keine Sorge um sein Wohlergehen.
Dem Vorschlag des Neuen uneingeschränkt zustimmend nickte er eifrig und tänzelte neben ihm her. Er versprach sich nur Vorteile davon, den Fremden zu begleiten. Zum einen konnte er sich noch ein wenig über dessen komische Art zu sprechen lustig machen, zum Anderen brachten sie Amáya mit vereinten Kräften beinahe ins Grab.

“Genau so machen wir das und danach gehen wir gemeinsam spazieren, Tante Amáya.“

Tascurio freute sich, von ganzem Herzen, auf den Ausflug. Natürlich hatte dies nichts mit seiner Tante zu tun, sondern allein mit der Tatsache, dass er dann so etwas wie seine Ruhe haben würde. Der Tag versprach viel versprechend zu werden, vor allem deshalb, weil er nun aus der Schnauze seiner Patin die Zusage hatte, dass sie einen Spaziergang machen würden.


Der fragende Blick Averics entging Tyraleen keines Falls, dennoch äußerte sie sich zunächst nicht zu dem ungewöhnlichen Verhalten ihrer Tochter. Caylees tiefer Schlummerschlaf ging diesen Fremden nichts an und auch Atalya und Chanuka sollten durch die dummen Ideen ihrer Schwester nicht auf weitere dieser Art kommen. So konzentrierte sie sich lieber auf die Worte ihres Gefährten und auf den von ihm beschriebenen Jikken. Sollte er wirklich so seltsam sein – sein Name war es zumindest auch. Passte dann ja. Die weitere Berichterstattung Averics zauberte ein beunruhigtes Stirnkrausen in ihr Gesicht. Die Beschreibung dieses Kengos war nicht sonderlich freundlich, was bei ihrem Bruder ja eigentlich nichts Neues war – allerdings hatte er immer einen Grund, jemanden nicht zu mögen und wenn dieser Kengo ihre kleine Tochter mit auf einen Spaziergang hatte nehmen wollen, war er für Tyraleen vorerst ebenso ein unsympathischer und nicht vertrauenserweckender Zeitgenosse. Von ihren Welpen sollte man lieber die Pfoten lassen, erst Recht, wenn man neu und fremd und offensichtlich ein Depp war. Jedenfalls war Jikken also dessen Freund und ein wenig seltsam drauf. Vielleicht sollte sie doch Banshee holen. Andererseits wirkte der Weiße ja nicht gerade gefährlich … Atalya meldete sich zu Wort und grinste dabei zu Tyraleen hoch, als hätte sie etwas Großartiges geleistet. Ihre Erzählung dagegen schürte die Sorge der jungen Mutter nur noch mehr. Er wollte ihrer Tochter etwas über Fenris erzählen? Tieren, die sie aussaugten? Jetzt wurde ihr Gesicht fast grimmig, ihre Schnauze fuhr durch den Pelz ihrer Tochter.

“Hör mal, meine Kleine. Lass dir von niemandem, der nicht deiner Familie angehört, etwas über Fenris oder Engaya erzählen, ja? Es gibt viele Wölfe mit bösen Absichten, die den Göttern alles Mögliche unterschieben. Am besten auf der ganzen Welt weiß deine Oma von solchen Dingen. Wenn du Fragen hast, geh zu ihr.“

Sie lächelte jetzt wieder leicht, aber diesen Kengo wollte auch sie sich vorknöpfen. Er hatte eine Grenze überschritten, oder eigentlich mehrere. Sich als Fremder nicht gleich zu Erkennen gegeben, hatte sich offensichtlich nicht so gut gegenüber Averic verhalten und hatte versucht, ihre Tochter zu verführen. Der würde noch etwas erleben. Vorerst war aber dieser Jikken dran, auf den sie all das Negative seines Freundes wohl nicht übertragen sollte. Auch wenn er sich höchst seltsam verhielt. Ein leises Murmeln, das sie nicht verstand, ab und an Blick zu seiner Seite, an der Nichts weiter als Luft war. Mh. Chanuka bemerkte etwas, mit dem Tyraleen nichts anfangen konnte – meinte er nun Jikken oder Kengo? – aber sie musste sowieso Jikken zuhören, der sich nun zum ersten Mal zu Wort meldete. Was er jedoch sagte, ordnete sie ebenso in die Schublade seltsam. Außerdem schien er es nicht nötig zu finden, sich vorzustellen. Irgendwie passte Tyraleen das ganze nicht so in den Kram, sie hatte aber auch nicht das Gefühl, sich nun groß aufspielen zu können.

“Das ist sehr freundlich von Kengo, ich denke, es gäbe jedoch ein paar bessere Arten, sich in einem fremden Revier zu verhalten.“

Ein Hauch von Aggressivität lag in ihrer Stimme – ein aufmerksamer Beobachter würde dabei die leise Sorge um ihre Welpen bemerken, die jeder Mutter innewohnte.

“Wie dem auch sei, jetzt geht es ja nicht um Kengo, sondern um dich, Jikken. Ich bin Tyraleen, die Tochter der Leitwölfin Banshee. Leider sind beide Leitwölfinnen gerade beschäftigt, ich kann dich wohl trotzdem willkommen heißen und fragen, was dich zu uns führt.“

Sie fand, die ganze Sache nicht schlecht zu machen, besser als erwartet. Ein Lächeln bekam Jikken dann sogar auch noch, das aber relativ schnell zu Averic wanderte und dort ein wenig liebevoller wurde. Sie hatte ihm zwar nicht geantwortet, dennoch würde er ihre Meinung sehen können – dass sie mit diesem Kengo ebenso noch ein paar Wörtchen reden wollte.


Jumaana wusste nichts darauf zu sagen. Doch sie hatte sofort erkannt, dass es Hiryoga war, den Shani meinte. Warum genau sie das wusste, wusste sie nicht; es war eher ein Instinkt. So hatte sie sich gefühlt, als Takashi gegangen war - als er einfach weg gewesen war. Doch sie kannte Shani zu wenig, um zu wissen, ob sie Mitleid wollte oder eher nicht. Ratlos saß die Polarwölfin neben der Mutter und sah auf sie hinab. Dann blickte sie auf und starrte auf das Nichts, das ihr die Sinne vernebelte. Auch Aarinath gab keinen Laut mehr von sich, war verstummt und Jumaana konnte nur hoffen, dass es nicht für immer war. Lange Zeit saß sie einfach nur neben der am Boden liegenden Shani und sah dem stillen Leid zu. Dann entschloss sie sich dagegen, Hilfe zu holen, denn damit würde Shani nur realisieren, dass Hiryoga wirklich weg war. Es schien, als ob die Zeit stehen geblieben war, doch Jumaana versuchte nur die Möglichkeiten abzuwägen, was mit dem Wolf geschehen war. Am naheliegensten war der Tod durch das Nichts, doch warum? Sie kannte die Rüden nur wenig, doch sie war sich sicher, dass er sich nicht einfach in den Tod stürzen würde. Oder etwas doch!? Die weiße Wölfin war ratlos. Konnte es wirklich sein, dass Hiryoga Shani blutend zurückgelassen hatte, ohne an ihre Qual und an ihren Schmerz zu denken? So herzlos konnte man doch nicht sein.

“Shani, ich weiß nicht, was passiert ist und wenn Du nicht willst, musst Du es mir einfach nicht sagen, aber …“ Die Weiße stockte und hörte auf zu reden. Bitte werd wieder glücklich.“

Diese Bitte war nur geflüstert, weil Jumaana wusste, dass Shani es nicht schaffen würde, einfach von heute auf morgen wieder sie selbst zu sein, die glückliche, zufriedene Mutter. Es fing leicht an zu regnen, die Tropfen fielen auf die beiden weißen Fähen, die in stiller Zweisamkeit vor dem tödlichen Nichts saßen.


Als Malicia sich neben den großen Rüden setzte, schweiften ihre Gedanken wieder ab. Vorhin, als sie so deprimiert gewesen war, hatte sie an ihren Vater gedacht. Und an Acollon dachte sie auch jetzt wieder. Auch wenn er Fenris’ Sohn war, Malicia war seine Tochter – seine liebende Tochter. Sie hatte Acollons kalte Art nie nachvollziehen können, doch wie Averic hatte sie es immer irgendwie doch verstanden. Der Schwarze hatte immer irgendeinen Grund gehabt, misstrauisch und desinteressiert zu sein, er konnte lügen und ohne schlechtes Gewissen gehen. In Gedanken verbesserte sich Malicia. Er musste ein schlechtes Gewissen haben, als er seine Familie verlassen hatte. Sie hatte es ja auch gehabt – als sie gegangen war. Es war eine neue Erfahrung für sie gewesen, nicht etwas, was sie sich nie verzeihen hätte können. Malicia hatte immer gewusst, warum sie es getan hatte – um ein neues Leben zu beginnen. Und doch war es kein Fehler gewesen, wiederzukommen. Allein das Gesicht ihrer Mutter hatte ihr gezeigt, dass es sich gelohnt hatte, den Rückweg anzutreten, wieder Liebe empfangen zu können. Erst jetzt sind ihr viele Sachen klarer geworden, die sie vorher nicht verstanden hatte oder nicht verstehen wollte. Jetzt hatte sie wieder einen Sinn zum Leben, etwas, was ihr Tag um Tag zeigte, dass ihr Leben lebenswürdig war. Auch wenn der Himmel wolkenverhangen war wie jetzt, es leise regnete, wusste Malicia, dass ihr Leben etwas wert war. Sie wusste es, ohne dass es jemand ihr sagen musste. Auch wenn sie manchmal nicht so aussah.
Dann riss sich die Schwarze zusammen und nickte Aszrem zu. Es schien, als hinge seine Antwort jetzt schon so lange in der Luft, dass es beinahe nicht lohnenswert war, sie mit einem Nicken zu bedenken. Mali sah gedankenverloren zu den Welpen und dann erst wieder zu dem Rüden neben sich, um eine weitere Frage zu stellen.

„ Weißt Du, wo Nyota ist? Ich habe sie längere Zeit nicht mehr gesehen. “

Die schwarze Alphatochter wusste nicht, ob Aszrem darauf zu antworten wusste, aber doch interessierte es sie, wo ihre Tante war. Auf dem Rudelplatz hatte sie die schwarze Leitfähe nicht erblicken können und auch am See war sie nicht gewesen – aber sonst könnte sie theoretisch überall sein.


Nyota erkannte Sheena, die auf sie beide zupeste, während Cyriell trank und trank und trank, sodass die Schwarze bald meinte der See halte im Leben nicht genug Wasser bereit um seinen Durst zu stillen. Doch dann lies er sich zu Boden sinken - so langsam das Nyota sich in seiner Gegenwart plötzlich fidel wie eine Jungwölfin fühlte, wenn sie seine gequälten Bewegungsabläufe sah. So sollte sich kein Jungwolf bewegen, sondern ein Greis der auf seinen letzten Winter zuging. Wenn überhaupt.
Sheena erreichte sie, stoppte so abrupt das Nyota beinahe eine Staubwolke erwartete, und berührte sie sacht an der Schnauze. Die Schwarze gewann dieser Geste nichts negatives ab, und strich Sheena kurz über den Schnauzenrücken. Sie wusste von dem Schweigegelübte der Priesterschülerin, und wand sich halb zu Cyriell um, sich setzend, um ihn nicht durch Herumgetänzele zu beunruhigen.

"Die Wunde im Nacken stammt wohl von seinem Bruder...ich kann nicht sagen ob er auch innere Verletzungen hat, aber jede Bewegung ist sehr mühsam."

Erklärte sie, und sah nun ihrerseits fragend zu Sheena. Sie hatte keine Ahnung wie weit die Heilkräfte der Priesterinnen schon gingen, und inwieweit sie Cyriell helfen konnten. Aber in jedem Fall konnten sie es besser als sie selbst.

"Solltest du Aryan irgendwo sehen, dann sag ihm - ach, Blödsinn, dann sei vorsichtig mit ihm."

Rettete sie ihren Satz, und wand sich an den nun liegenden Jungwolf.

"Cyriell, Sheena ist hier..."

Sie war sich nicht sicher wie weit er sie noch wahrnahm, denn sein Blick zeigte kein Erkennen sondern nur Verstörung...

"Sie wird versuchen dir zu helfen"

sprach sie leise, und legte sich so dass sie Cyriells Schnauze berühren konnte, ohne Sheena im Weg zu stehen, hin. Es schadete sicherlich nicht dem Grauen etwas Halt zu bieten...


Die Ohren, rund und voller Fell, welche früher immer munter in Bewegung gewesen waren, sanken augenscheinlich noch ein kleines Stück weiter in Richtung Boden. Dabei waren sie sowieso schon lange nicht mehr so wie früher. Sie hingen eigentlich nur noch an ihrem Kopf und wären sie nicht festgewachsen, wären sie sicherlich schon längst abgefallen. Im Gegenzug zu den Ohren hob sie ihren Kopf müde ein wenig an. Sie war froh, dass sie ihre Welpen noch bekommen hatte, Krolock erinnerte sie am meisten an ihren geliebten Rüden Urion, er war ein Kämpfertyp und sie fand es unglaublich toll, wie er versuchte sie aus ihrer Trauer zu reißen, wie er dem Nichts drohte, wobei sie natürlich wusste, dass man dagegen nicht ankämpfen konnte.
Sanft strich sie ihm mit der Schnauze über den Kopf, den Nacken bis zum Rücken hinab, sie leckte ihm über die Seiten und liebkoste ihn, wie es nur eine Mutter konnte.

„Keine Sorgen mein Kleiner!“

Mehr musste nicht gesagt werden, auch Midnight sprach nicht weiter über das Thema, auch wenn sie ganz genau fühlte, dass er eine andere Antwort erhofft hatte. Doch sie war nicht mehr fähig vernünftigere Antworten zu geben. Nicht nur ihre Lebenskraft wich, auch die Kraft zu sprechen, ordentlich zu denken, verließ sie immer mehr. Und da sagte man, die alten Wölfe sind die Weisen. Es war wohl nicht bei jedem Wolf so, einigen erging es wohl wie ihr, sie wurden älter und verwirrter. Gerade noch konnte sie das Seufzen unterdrücken, wollte Krolock nicht noch mehr Angst einjagen, sie war froh, dass Midnight ihm gerade erzählte, dass er nicht gegen das Nichts kämpfen konnte. So war er abgelenkt und außerdem musste sie ihm dies nicht erklären. Sie versuchte zwanghaft sich ein Lächeln auf die Lefzen zu erzwingen und sie musste zugeben, dass es ihr sogar eigentlich recht gut gelang. Warum auch immer, Krolocks Worte hatten ihr einen kleinen Hoffnungsschimmer gelassen. Ihr Sohn!
Sie stupste ihn erneut an.

„Ich liebe dich Krolock!“

Flüsternde Worte. Nicht mehr und nicht weniger als nötig. Jetzt erstrahlte kurzzeitig ihr altes Lächeln, fast schien sie die muntere Fähe zu sein, die sie noch vor nicht allzu langer Zeit gewesen war. Doch Sekundenschnell ging dieses Bild wieder vorbei. Sie blickte Midnight an, ernste Themen waren hier fehl am Platz. Sie waren nicht für Welpenohren bestimmt und Kaede tat es schon unglaublich Leid, dass sie eben weiter gesprochen hatte, hatte sie doch ganz genau gemerkt, wie ihre Worte Krolock geschockt hatten. Also, ein anderes Thema musste her, doch so sehr sie sich den Kopf zerbrach, es wollte ihr einfach nichts Gescheites in den Kopf kommen.
Und als hätten sie schon lange keinen Regen mehr gehabt fing es an zu tröpfeln. Sie blickte gen Himmel, mit ihren Augen konnte sie es nicht sehen, aber sie fühlte, dass der Himmel sich noch mehr zugezogen hatte. Zugezogen war gar nicht das richtige Wort. Selbst das bisschen Wärme, was die Sonne, irgendwo weit hinter den Wolken, ihnen geschenkt hatte, war verschwunden. War die Sonne gänzlich verschwunden? Eine eisige Kälte legte sich auf Kaedes Pelz. Sicher war es nicht wirklich so kalt, aber sie fühlte sich, als ob tiefster Winter hereingebrochen war. Warum war die Sonne endgültig verschwunden? Was hatte all das zu Bedeuten? Das konnte doch nicht das Ende dieses stolzen Rudels sein!

„Midnight“

Der Name wurde ja immer passender, wenn sie alles richtig wahrgenommen hatte, war es nun, als ob Mitternacht herrschen würde. Eine Mitternacht ohne den Mond, der die Umgebung erhellte.

„Midnight, wirst du nun in diesem Rudel bleiben?“

Sie wusste, dass es nicht die Beste frage, doch irgendwie interessierte es sie. Es lenkte sie von den eigentlichen Themen ab. Sie fragte nicht, wegen der ständig wachsenden Bedrohung, sondern weil sie wusste, dass er kaum Anschluss zum Rudel hatte. Er war ein einsamerer Wanderer und doch, vielleicht auch gerade deshalb, schätzte sie den schwarzen Rüden mit den blauen Augen sehr. Sie würde sich freuen ihn weiterhin in ihrem Rudel zu wissen.


Mit seinen großen braunen Rehaugen blickte der kleine Rüde die Wüstenwölfin aufmerksam freundlich an. Ihre Skepsis war ihm nicht entgangen, konnte er nur ahnen woher diese kam. Anscheinend war sie sich nicht sicher, ob er sie verstehen würde, wenn sie ihm erläutern würde, warum sie in das Wasser gesprungen war.
Doch ehe er ihr sagen konnte, dass er so gut es ging verstehen wollte, warum sie es getan hatte, fing sie schon an zu sprechen. Es freute ihn, er lachte leise auf. Keineswegs schadenfroh, gar nicht auf ihre Worte bezogen, sondern einfach nur, weil er glücklich war. Er rückte ein wenig näher an sie heran, keineswegs aufdringlich, nur freundschaftlich, und lauschte ihren Worten. Dabei schloss er seine Augen fast ganz und konzentrierte sich auf ihre Worte.
Als sie geendet hatte, öffnete er seine Augen wieder und strahlte sie an. Und deshalb hatte sie gezweifelt? Er verstand ihre Beweggründe vollkommen, wahrlich würde nicht jeder Wolf sie verstehen können, aber ihm erschien es vollkommen logisch. Nicht, dass er selber auf eine solche Idee gekommen wäre, aber er wusste was in ihr vorgegangen war und war noch ein wenig froher, dass Akru und er sie gerettet haben. Immerhin hatte es ihr, auf ihre Weise, eine Erleuchtung gebracht.
Er senkte seinen Kopf und stupste sie sachte in ihre Seite. Im gleichen Augenblick erstarrte sie, er ebenfalls. Ein lauter Schrei war durch das Revier geflogen, er kannte die Fähe nicht, welcher ganz offensichtlich etwas Schlimmes zugestoßen war, doch kleine eisige Schauer liefen über seinen Körper und instinktiv drückte er sich etwas mehr an die erschrockene Fähe neben ihm. Sie war sehr erschrocken und er wollte sie beschützen, wollte ihr ein wenig Kraft schenken und ihr den Schrecken nehmen. Er blinzelte und blickte zum Himmel. Es war kühler geworden. Und dunkler. Auf einmal, so als ob die Sonne endgültig von den Wolken verschluckt worden war. Es schauerte ihn erneut.
Leicht legte er die Ohren nach hinten, als Isis anfing nach Akru zu rufen, er ließ sie ausheulen und lauschte danach ihren deprimierten Worten.
Sein Kopf streckte sich ein wenig, der Hals wurde ein wenig länger, das lustig wirbelige Fell stand noch ein wenig mehr ab und verdeutlichte seine Halskrause ein wenig mehr als sonst. Sanft und unglaublich langsam begann er ihre Tränen weg zu lecken. Vorsichtig, wie eine Mutter bei ihrem kleinen Welpen, fuhr er ihr durch das Gesicht, über den Kopf. Wärme und Stärke flossen durch seine Berührungen. Er wollte die aufgebrachte Fähe beruhigen, erst dann würde er auf ihre Frage antworten können. Langsam verebbten seine rhythmischen Bewegungen, er blickte sie erneut lächelnd an. Das Lächeln war nicht mehr ganz so strahlend wie vorher, jedoch immer noch recht munter.

„Ja, das Gefühl kenne ich auch. Es überkommt mich des Öfteren. Selbst wenn es dir nur wie eine Kleinigkeit vorkommt, für mich sind es die schlimmsten Qualen. Ich habe Angst vor dem Altern. Sobald ich daran denke, wie alt ich bin oder werde bin ich wie ein winselnder Welpe, der alleine im Wald vor einem gefährlichen Tier steht.“

Er lächelte, unsicher ob sie ihn nun im Gegenzug verstand. Selten sprach er über diese Angst, dabei hatte er nicht so große Probleme darüber zu sprechen, wie darüber nachzudenken. Seltsam, da sollte man doch eigentlich meinen, dass er mehr darüber sprechen würde. Tat er aber dennoch nicht.
Er kannte die Fähe, welche Isis Shani genannt hatte, nicht.

„Wir wünschen Shani alle Kraft der Welt“ murmelte er, dann, etwas lauter: „Das Nichts wird sich ausbreiten, doch irgendeinen Weg wird es geben ihm zu entkommen. Ich bin mir sicher. Ich spüre es. Irgendwie werden wir ihm entkommen. Was nicht heißt, dass es keine Opfer geben wird. Dazu kann ich nichts sagen. Aber der Pfad auf dem ich wandele, auf dem wir alle wandeln, ist noch nicht hier vorbei!“

Warum er sich da so sicher war, konnte er gar nicht in Worte fassen. Es spürte es einfach, dies war nicht das Ende, was für ihn bestimmt war. Er wusste nicht, was sein Ende war, nur, dass es nicht dieses war. Auch war er nicht bestimmt dieses Rudel zu verlassen. Demnach musste es logischerweise irgendeinen Ausweg geben.


Isis bewunderte Liams unbändige Freude, die er in sich trug, jedoch wurde selbst sein Strahlen in den Augen getrübt.
Es wurde Nacht, wider der Tageszeit, denn eigentlich sollte nun die Sonne am Himmel stehen. Unwillkürlich duckte Isis sich ein bisschen weiter und drehte die Ohren zur Seite. Das Liam sich an sie kuschelte spendete der kleinen Fähe etwas Trost, sodass ihre Körperhaltung wieder etwas aufrecht wurde.
Als Liam über seine größte Angst sprach, da musste die Ägypterin sanft die Lefzen verziehen. Nun war es an ihr den lustigen Wolf zu trösten. Es war schwer die passenden Worte zu finden, sodass Isis schwieg. Vielleicht war dieser Moment auch zum Schweigen gedacht. Die schmale Schnauze der Fähe fuhr durch das weiche Fell, dann zog sie ihm aufmunternd am Ohr. Schließlich fielen ihr doch noch ein paar Worte zum Trösten ein:

" Weißt du Liam, unsere Götter sind nicht gleich, aber eines haben sie gemeinsam, wenn wir ihren Weg gehen, dann werden sie uns in ihr Reich aufnehmen und zwar werden sie unsere Seelen auffangen und wir werden nie wieder nach dem irdischen Leben fragen."

Ob das nun tröstend war vermochte Isis nicht wirklich zu sagen. Immerhin war es doch aber tröstlich zu wissen, dass nach dem Tod nicht alles vorbei war.
Die kleine Ägypterin vermisste die Fröhlichkeit, das Licht, die Hoffnung. Nun war es wirklich so, dass Fenris scheinbar die Sonne mit seinem Körper verdeckte. Schüchtern blickte Isis in den dunklen Himmel, einige Regentropfen fanden noch ihren Weg zum Boden, wurden nicht vom Wind davon getragen.
Merkwürdig war auch diese unglaubliche Stille in diesem Revier. Keine Vögel, die zwitschern, kein Hornträger, der friedlich neben dem satten Rudel graste. Isis lauschte nun angestrengter in den Wald hinein, aber das Einzige was sie einfing war ein merkwürdiges vibrieren in der Luft. Es schauderte der kleinen Fähe unter dem Fell.

"Oh, sag nicht sowas mein Freund. Auch wenn du glaubst, dass du weißt, was dein Gott mit dir vorhat, so lass dir gesagt sein, dass auch ein Gott unwillkürlich seinen Plan ändern kann. Sei dir sodenn nicht sicher, dass dein Weg, den du grade wandelst der Richtige ist.Selbst Banshee ist doch verwirrt. Sie hat keine Ahnung was Engaya und Fenris mit ihr vorhaben und wir wissen es noch viel weniger."

Jedoch lächelte Isis leicht.

"Ich bewundere trotzdem deine Stärke, Liam. Ich glaube, dass du es nie nötig hast in einen See zu springen."


Lachend wetzte sie hinter Aléya her und kläffte ein paar mal auffordernd. aber die andere wurde nur immer schneller. Amúr fiel zurück und blieb irgendwann ganz stehen. Dass das gefährlich für beide war konnte sie ja nicht ahnen. Sie war ein Welpe, machte sich also keine Gedanken über mögliche Gefahren. Und auch nicht darüber dass sie nun beide auf sich allein gestellt waren. Sie hockte sich hin. Aléya war vergessen, auch an das Spiel dachte sie nicht mehr. Stattdessen wandte sie sich von Aléyas Fährte ab und hoppelte einer anderen Spur nach. Sie wusste nicht was sie dort erwarten würde aber was auch immer es war, es roch streng und fremd und sie wollte unbedingt wissen was es war. Nachdenklich zog sie die Nase kraus und versuchte zu erahnen auf was sie sich zu bewegte. Das Unterholz war kein Problem für sie. Sie quetschte sich einfach immer irgendwo durch. Farn und Gräser kitzelten sie und sie verkniff sich gerade noch ein Kichern. Immerhin musste sie leise sein, sonst würde das Geheimnisvolle Wesen vielleicht flüchten. Nach scheinbar endloser Zeit kam sie endlich an aber das was sie dort sah, erschreckte sie. Da lag ein großes Tier auf dem Boden, es hatte komische Dinger auf dem Kopf und seltsame spitze Pfoten aber es bewegte sich nicht mehr und es war am Bauch ganz rot, voller Fliegen und ganz ganz glibberig. Die Welpin zögerte näher ran zu gehen. Es machte ihr Angst und das Summen über dem Tier hallte in ihren Ohren. Was war das für ein grausiger Ort? Verschreckt drehte sie um und preschte den Weg zurück. Sie wollte hier weg, ganz weit weg und sich unter ihrer Mama verstecken. Sie musste aus dem Wald raus, ganz fix. Nur wo lang? wo gings raus?
Vielleicht half es ja wenn sie schrie? Irgendwer würde sie bestimmt hören.

"MAAAAAAAAAAAMAAAAAAAAAAA? PAAAAPAAAAAAAAAAA? HILFEEEEE"

Ihre Stimme überschlug sich vor Angst. Woher sollte sie denn auch wissen, dass das Wesen ihr nichts mehr tun konnte weil es Tot war?


Eine ganze Zeit lang starrte Shani den weißen Wolf vor sich an, doch diese ganze lange Zeit, sagte der Wolf kein Wort und Shani selbst war nicht in der Lage, einen Gesichtsausdruck zu deuten. Irgendwann war ihr Blick von Thränen so verschleiert, dass sie sowieso nichts mehr erkennen konnte und richtete so die Augen zu Boden. Erst jetzt fiel ihr auf, dass es dunkel geworden war, die Nacht hatte jedes Licht verschluckt. Oder war es Hiryoga, um den die Welt trauerte? Sodass sie schwarz wurde und ihr Gesicht verhüllte? In diesem Moment schien das eine wahrscheinliche Möglichkeit zu sein. Sie weinte immer mehr und mehr, dabei kam sie mit den Gedanken kaum mehr hinterher. Noch immer konnte sie kaum begreifen und doch hatte sie die Trauer so überwältigt, dass ihre ganze Welt in Thränen schwamm. Die Worte des Wolfes neben ihr begannen nun mitzuschwimmen, nur ein einziges Wort schlug mit aller Härte in ihren Magen. Glücklich. Sie hatte sich noch nie so weit entfernt von diesem Gefühl gewusst. Als sie den Blick hob und nur schleierhaft die Gestalt erkannte, war es plötzlich ganz klar, dass dort Jumaana saß. Jumaana, mit der sie nicht viel zu tun hatte, die jedoch auch einmal alleine gewesen war. Jetzt war sie es nicht mehr, dafür aber Shani. Mehr allein als sie es je in ihrem Leben gewesen war und mehr allein, als sie ertragen konnte. Ohne nachzudenken und auf allen vieren kriechend, schob sie sich auf die weiße Fähe zu, kroch dicht zu ihr und drückte ihre Schnauze in das Fell Jumaanas. Leise wie ein neugeborener Welpe wimmerte sie in den Pelz hinein und hoffte auf nichts mehr, als dass die ihr kaum bekannte Fähe sie bergen und wärmen würde, sie trösten würde, wie eine Mutter ihren unglücklichen Welpen tröstete. Lange blieb sie so liegen, sagte kein Wort sondern weinte und weinte, fand keine Möglichkeit, die Thränen zu stoppen und konnte keine Gedanken fassen. Nur alleine stand wie hässliche Fratzen vor ihrem inneren Auge geschrieben.

“Wir haben uns gestritten … nicht schlimm, nur so wie … wie man sich einfach mal streitet. Und dann … dann wollte er fortlaufen, wollte dem Streit entgehen … aber … aber da war das Nichts, plötzlich, wir haben es nicht gesehen, er ist einfach hineingerannt, konnte nicht mehr bremsen, war einfach fort, hat sich aufgelöst, schwebte … fort.“

Sie hatte die Worte schnell geflüstert, immer wieder durch Zögern und ersticktem Röcheln unterbrochen, dennoch alles so schnell ausgespuckt, als würde das helfen. Doch das Gift des Geschehenen ließ sich dadurch nicht loswerden und schoss wie brennende Stacheln durch ihre Adern. Sie hatte die Augen fest zusammengekniffen, drückte sich an Jumaana, als würde diese das schreckliche Gift entfernen können und begriff trotz ihrer Erklärung nicht, was das alles für sie hieß.


Die Stimmung fand ihren Tiefpunkt und der Schwarze spürte ganz deutlich, wie die Lebenskraft aus dem Körper seiner Mutter wich. Und als Midnight ihm sagte, dass man das Nichts nicht töten konnte, presste sich all Sauerstoff aus seinem Körper. Lähmende Wut ließ den Welpen in eine Starre fallen und selbst, als Keade ihn berührte, konnte die eisige Kälte in seiner Brust kein Ende finden. Frust mischte sich unter die negativen Gefühle. Es frustrierte, dass er zusehen musste und nicht handeln konnte. Er war also nur Zuschauer einer perversen Vorstellung- er konnte nur applaudieren oder vorzeitig das Theater verlassen. Fast wäre ein Knurren über Krolocks Lefzen gekommen- er biss sich so hart auf die Zunge, dass sie anfing zu bluten. Nein, er durfte vor seiner Mutter keinerlei Erregung zeigen. Er würde es selbst und heimlich in die eigenen Pfoten nehmen müssen. Und er hatte eine ungefähre Vorstellung wie. Nein, es war schon ein Plan, der sich langsam zu einem Ganzen schloss. Was war mächtig genug, um das Nichts zu zerstören? Die Götter. Engaya gleichermaßen Fenris. Der Fluch! Der Fluch Urions war stark. Er machte den Körper mächtiger, vielleicht wären auch die mentalen Fähigkeiten so stark, dass man es mit einem dummen Nichts aufnehmen könnte.
Ich liebe Dich Krolock- das schmerzte. Auf eine süße, bittere Art und Weise tat es weh diese Worte der schwachen Mutter zu hören. Natürlich liebte sie ihre Kinder, sie brauchte es nicht sagen. Es gab so viele Beweise für ihre Liebe; also warum schmerzte es so? Es hatte den Welpen mit der weißen Schulter so hart getroffen, dass er nicht einmal im Stande war, zu lächeln. Unbeweglich saß er zwischen den Läufen seiner Mutter. Traumatisch und wirklich welpisch. Ein Kind, dass sich mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert findet. Aber so plötzlich seine Starre auch kam, so schneller verschwand sie auch wieder. Er blickte auf, ein schelmisches Grinsen auf den kleinen Lefzen.

“Ich liebe Dich auch, Mum! Aber das weißt Du ja“,

lachte er und sprang auf, voller Übermut. In Wahrheit war ihm nicht nach toben zu mute. Es brauchte ein wenig Ruhe und einen Plan. Einige kleine Wolfssprünge nach vorne und dann drehte er sich wieder zu dem Nachtschwarzen und der Grauen um.

“Macht euch mal keine Sorgen- ich werde schon eine Lösung finden und jetzt gehe ich einige Wölfe aufmischen“,

rief er so übermütig es ihm möglich war. Ein bedeutsamer und langer Blick noch für seine Mutter und schließlich war er los gerannt. Einfach geradeaus, erst einmal weg von der schweren und erdrückenden Gefühlen.


Das Wasser spiegelte ihn und doch zeigte es einen komplett anderen Wolf. Kandschur schauderte, konnte sich aber nicht abwenden. Er war gefangen im Bann des Spiegelbildes. Es zeigte ihn und doch wieder nicht. Es verwirrte und faszinierte ihn zugleich. Es erschreckte ihn aber zugleich liebte er es auch. Denn es war er selbst und zugleich auch wieder nicht. Es war alles und nichts von dem was er hatte sein wollen. Es war besser und schlechter als er. Es verkörperte sein Innerstes und sein gesamtes Ich. Doch zugleich wusste er auch dass es ihm schadete. Es ließ ihn schwächeln und mit einem erstickten Keuchen taumelte er tiefer ins Wasser, zerstörte das Bild in tausend Wellen. Kandschur wankte, fühlte wie Sein Körper dem Druck nicht mehr standhalten konnte. Es verzehrte ihn und zugleich wusste er dass er dem Verlangen Buddhas nicht nachgeben konnte ohne sich selbst zu verlieren. Der schwarze Rüde hielt die Augen geschlossen, er taumelte wie in einem unsichtbaren Tornado, getroffen von nicht sichtbaren Schlägen, wankte er tiefer ins Wasser, bis die Pfoten den Boden verloren. Alles verblasste. Er wusste dass er eigentlich nicht schwimmen konnte aber etwas in seinem Kopf verlangte es und er konnte nicht widerstehen. Liam sah es nicht. Liam war gegangen. Eifersucht wallte in ihm auf und er trat mit den Pfoten, versuchte sich über wasser zu halten. Sein Maul öffnete sich zu einem Lied. Ein Geheul stieg in ihm empor, das Lied Buddhas. Das Lied einer einsamen verwirrten Seele. Das Lied des Letzten Moments. Kandschur spürte wie der See sich in seinen Pelz saugte, wie er schwerer wurde. Er durfte nicht aufgeben. Er wendete seinen Körper mühevoll zurück zum Ufer und paddelte, ja er paddelte um sein Leben. Unvollendete Aufgaben durfte man nicht aufgeben, er durfte Liam nicht einfach so zurücklassen. Er war fast am Ufer. Dort aber schaffte er es nicht einfach aus dem Wasser zu springen, stattdessen lag er erschöpft halb im wasser, halb am Ufer. Müde schloss er die Augen, nur ein wenig schlafen, dann würde alles wieder okay sein. Er lauschte den Wellen die um seinen Körper plätscherten und seinem Atem wie er sich beruhigte und sich den Wellen anpasste. All das machte ihn schläfrig und so dauerte es auch nicht lange bis er eingeschlafen war

Nachdenklich betrachtete der Nachtschwarze, wie Mutter und Sohn mit einander um gingen. Die mitternachtsblauen Augen bemerkten die unterschiedlichen Gesichtsausdrücke, registrierten diese und es fiel ihm nicht sonderlich schwer, sich in ihre Situationen zu versetzten. Krolock wollte seine Mutter und seine Familie beschützen, war resigniert und gleichzeitig doch gewillt, alles in seiner Macht stehende zu tun, um ihnen zu helfen und das Nichts zu bekämpfen. Ein tapferer, kleiner Kerl, dessen Denken wohl ehrenhaft war und doch leider zu nichts führte. Selbst Banshee hatte, soweit er es wusste, keine Ahnung, was man unternehmen konnte. Ansonsten hätte sie längst etwas unternommen und das Rudel davon unterrichtet. Innerlich seufzte der Wanderer, als die Augen wieder zu Kaede fanden. Auch sie schien mit ihren Kräften am Ende zu sein, als wollte sie als treue Beta ihrer Alpha überall hin folgen, selbst in den Tod. Kaum merklich schüttelte Midnight den Kopf, ein unangenehmes Gefühl in der Brust. Trotzdem blieb seine Mimik leer, nichts sagend und verschleierte seine Gedankengänge, während die blauen Augen den Welpen musterten. Es war nicht rechtens, dass solch kleine, unbedarfte Lebewesen schon jetzt mit solchen Problemen konfrontiert werden mussten. Lag die Hoffnung des Rudels nicht auf dieser Generation, die es leichter haben sollten, als die beiden Würfe zuvor? Der letzte Wurf Banshees hatte in die Heimat sehr früh verlassen und in die Berge fliehen müssen. Der Wurf von Shani und Hiryoga war in den Bergen geboren worden und war dort aufgewachsen.
Und diese Welpen hier... würden sie noch viel Zeit mit dem vertrauten Rudel verbringen können? Alles war im Umbruch, einzig die Zeit schien an ihm vorbei zu ziehen.
Einen Augenblick sah Midnight dem dunklen Welpen nach, der schnell aus seinem Blickfeld verschwand und nickte nur leicht.

.oO(Geh’ und finde eine Lösung, Krolock.)

Jeder sollte selber entscheiden und sein Leben gestalten können. War es also richtig, was geschah? Eine andere Wahl hatten sie jedoch nicht und mussten nehmen, wie es kommen würde. Hörbar und dennoch leise atmete der Nachtwanderer aus, wandte sich wieder der blinden Mutter des Welpen zu, dachte einen Augenblick nach. Über ihre Frage hatte er selber oft genug nach gedacht, kam aber zu keinem richtigen Schluss, obwohl er sich noch immer beim Rudel aufhielt. Es machte für ihn kaum einen Unterschied, ob er sich beim Rudel aufhielt oder nicht. Eine einsame Seele änderte sich nicht, nicht nach allem was geschehen war.

Ich habe selber darüber nachgedacht.

, setzte der Rüde mit ruhiger Stimme an, brach dann aber wieder ab. Es war seltsam, als könne er sich nicht entscheiden. Wobei seine Entscheidung keinen Einfluss auf etwas hatte. Nur darauf, ob er sein Exil fort führte oder in der Gesellschaft einsam war.

Es spielt kaum eine Rolle, Kaede. Ob ich hier bin oder nicht ist so einerlei, als wäre es Sonnenauf- oder Sonnenuntergang, wenn wir auf die Jagd gehen.

Langsam ließ Midnight den Blick wieder schweifen, bis er wieder an der Betawölfin hing.

Weißt du, obwohl ich so lange auf der Suche bin, aber ich finde keinen Sinn in meiner Existenz. Früher hat es mich zermürbt, mich zerrissen. Jetzt bin ich dem müde geworden. Es ist mir gleich geworden.

In Gedanken war er bei seiner Patin, die ihn auch nicht mehr brauchte und ein halbwegs sorgloses Leben führte, auf dem besten Wege zu einer Priesterin war. Mehr konnte er sich als Paten nicht wünschen, wobei er nie ein guter Pate gewesen war.



Jede Sekunde, die nach Banshees Aufforderung an Jakash verging, schien ihr Enkel tiefer in sich zusammen zu sacken. Angst und Verzweiflung, nicht panisch aber stark, spiegelten sich in seinem Blick und der weißen Leitwölfin wurde immer klarer, dass der schwarze Jungwolf mit jeder Geste um Hilfe flehte und mit jedem Wort um Hilfe flehen würde. Etwas war geschehen, das Jakash grenzenlose Angst einjagte und dessen Lösung er alleine von ihr erwartete. Sie hoffte mehr als alles andere, dass sie diese Erwartung erfüllen könnte. Schließlich begann der Schwarze – sehr zögernd – zu erzählen und redete doch lange, unterbrochen durch Zittern und Stocken. Die Weiße versuchte jedes Wort aufzunehmen und sich jeden Fakt zu merken, beobachtete dabei Jakashs tief gesenkten Blick und seine Furcht, die wie ein Schwarm kleiner geflügelter Insekten um ihn herum schwirrte. Was er erzählte, hatte sie vorher noch nie gehört, dennoch stand das Verbogene hinter diesen Geschehnissen klar vor ihren Augen. Auch Jakash selbst sprach es aus, widerlegte diese Möglichkeit jedoch gleich darauf wieder. Banshee ließ ihn ausreden unterbrach ihn nicht für das Beantworten einer gestellten Frage oder um ein Irrtum zu widerlegen. Sie ließ ihn all die Qual ausspucken um sie nachher feinsäuberlich zu begraben – auch wenn das wohl nicht vollständig möglich sein würde. Jakash war ihr Enkel, in ihn wurde das Leben gewoben wie ein feines Spinnennetz. Gleichzeitig war er auch Acollons Enkel und wer wusste, was Shani erlebt hatte? War nicht Lunar, der sich selbst der Engel des Todes nannte, ihr Bruder? Wer wusste schon, wie viel Göttliches in manchen Wölfen steckte, in Jakash jedenfalls eine nicht verträgliche Menge. Fenris kämpfte um ihn.
.oO(Engaya …) Ein stummes Flehen und doch von einem Lächeln begleitet. .oO(… jemand braucht dich hier.)
Ihr Blick ruhte wieder auf Jakash, das Entsetzen, das von seinen ausgesprochenen Gedanken ausging, umklammerte auch sie, gab es Jakash doch so offen und ehrlich preis. Seine Angst jemanden – gerade Rakshee – zu verletzen, war so stark und ureigen, dass Banshee das tiefe Bedürfnis verspürte, Jakash anzulügen, nur um ihm diese Angst zu nehmen. Es verbot sich ihr, auch wenn sie in solchen Momenten die Ausbildungsgrundlagen einer Priesterin anzuzweifeln begann.

“Erzähl mir von dem anderen Mal. Wer war da bei dir und was war geschehen? Als es dir bei Rakshee passiert ist, was hat sie da gesagt? Worüber habt ihr geredet; wie hast du dich gefühlt, bevor es passiert ist? Und als es aufhörte, passierte irgendetwas? Wurde das Aufhören von etwas ausgelöst oder wurde es von etwas begleitet?“

Ganz bewusst beantwortete sie keine seiner Fragen und nahm ihm auch noch nicht die Angst. Bevor sie anfing, über Götter zu referieren, wollte sie genau bescheid wissen. Sie wollte Jakash nichts Falsches sagen und wollte ihm helfen, wenn es erneut geschah. Dafür brauchte sie aber Informationen, alles was ihr Enkel ihr darüber sagen konnte. Diese Stärke und die Gewissheit, Lösungen zu haben – auch wenn sie sie noch nicht sagte – lagen in ihren Augen, die wiederum Jakash voller Zuversicht und Beruhigung musterten. Gleichzeitig hatte in ihrer Stimme eine Dringlichkeit gelegen, die Notwendigkeit, all das Gefragte – und noch mehr – zu erfahren. Ihr Enkel war schlau genug, um es zu verstehen.


Sie konnte es förmlich spüren, wie man ihr auf der Nase herum tanzte. Aber gut, wenn sie so verhindern konnte, dass Tascani zu einem selbst erklärten Vorbild von ihrem Nervenzwerg wurde, nahm sie es billigend in Kauf. Auch wenn es natürlich ihr Gemüt reizte und sie am liebsten den Rüden samt Sprachfehler zur Vorspeise und den Welpen als Desert... gut, gut. Sie zügelte sich, atmete ein Mal tief durch, sammelte sich und war ganz entspannt. Nur nicht aufregen, nicht aufregen. Amáya hätte Gallen würgen können, als sie dieses ekelhafte Welpengrinsen erblickte und schickte einige Schimpftriaden an alles und jeden, blieb aber nach Außen hin völlig gelassen. Das würde ihm nur so passen, wenn sie sich von so einem Balg ärgern lassen würde. Ganz ehrlich, da ging sie lieber mit dem Nervtöter spazieren, zeigte ihm diese unglaublich tolle Natur, stellte sich vor, wie der Welpenkörper in Morastlöchern versank und andere Nettigkeiten und blieb mit dem Rest des Rudels auf Distanz. Immerhin.
An Tascani gewandt grinste sie nur wieder, zeigte eine Reihe blitzender Zähne.

Auf jeden Fall.

.oO(Damit ihr zusammen verschwindet und zwar schleunigst.)

Als dann noch der Zeckensammler zu ihren Pfoten meinte, große Töne spucken zu müssen, schenkte sie ihm ein so falsches Lächeln, dass es selbst dem Zwerg auffallen müsste.

Naja, solange du daran glaubst.

Das sie eigentlich mehr um ihre Nerven und seinen Verstand besorgt war, war ein offenes Geheimnis, zumindest für all diejenigen, die noch bei klarem Verstand waren, woran es hier leider arg mangelte.
Hätte sie ihrer Schwester doch nur nie nachgegeben...


Skeptisch aber vor allem neidisch betrachtete Caylee die schwungvolle Drehung ihrer Patentante und die Energie, die dabei zu ihr herübersprühte. Die Kleine fühlte sich, als würde sie nie mehr laufen können. Vielleicht schlurfen oder kriechen, aber schneller ganz sicher nicht. Rakshee schien das entweder nicht zu bemerken oder sie von dem Gegenteil überzeugen zu wollen. Jedenfalls warf sie sich jetzt voller Elan vor sie, stupste sie an und sprang zurück. Ja, sie hatte sie. Aber Fangen spielen … um das zu können, musste Caylee erstmal schlafen. Zumindest fühlte sie sich so. Schreeeecklich müde. Dementsprechend kamen als Reaktion zu ihrer Cousine auch nur ein sehr müdes Lächeln und ein neuerliches Gähnschmatzen. Rakshee schien das aber gar nicht zu beachten, versprach ihr, dass sie sie tragen würde – das war verlockend – wenn sie sie nur fangen würde und kullerte über das feuchte Gras. Uäh, das sah so toll aus, ob sie sich jemals wieder so bewegen können würde? Mühsamst stemmte sie mit aller Kraft die Hinterpfoten in die feuchte Erde und drückte sich mit aller Kraft hoch. Schwankend stand sie so da, machte einen langsamen Schritt nach vorne und kippte um. Autsch.

“Tante Raksheeee?“

Jetzt klang sie schon fast, als würde sie gleich anfangen zu weinen. So einer Schmach würde sie sich auf dem Rudelplatz natürlich nicht hingeben, aber gerade fühlte sie sich ziemlich mies. Sie wollte doch so gerne laufen und springen und durch das Gras rollen. Dagegen lag sie jetzt plump auf der Seite und hatte das Gefühl nie mehr hochzukommen. Natürlich war sie Caylee und damit mit einer großen Portion Ehrgeiz gesegnet, sodass sie gleich wieder auf dem Bauch lag und die vier Pfötchen in die Erde stemmte, trotzdem war sie zutiefst unglücklich.

“Ich schaff das nicht.“

Ein schreckliches Eingeständnis, was Krolock ja nicht hören durfte … nur Rakshee alleine, ihre Patentante und Cousine, die es sicher niemandem erzählen würde. Hatten es ihre Eltern gehört? Hoffentlich nicht. Da waren ja auch Atalya und Chanuka, die sollten das nicht sehen. Dementsprechend hatte sie sich auch wieder aufgerichtet, stand schwankend da und sah enttäuscht über sich selbst und unglücklich zu ihrer Patentante.


Aszrem beobachtete das Spiel der beiden Welpen, und wie der neue Schwarze sich scheinbar daran zu beteiligen versuchte. Der Erfolg schien ihm dabei verwehrt zu bleiben, leise drang das Weinen seiner Tochter an die Ohren des Schwarzbraunen. Auch Turíen strampelte auf einmal so sehr, dass es eher nach Abwehr als nach Spiel aussah, und landete schließlich auf dem Boden.
Aszrem behielt die Situation genau im Auge, rührte sich jedoch in keinster Weise, um dazwischen zu gehen oder dergleichen. Im Verhalten des neuen Schwarzen hatte er nichts Gefährliches für die Welpen gesehen, und dass nicht immer alles fröhlich war sondern auch mal Tränen flossen, gehörte einfach dazu. Vielleicht würde Nerúi schon im nächsten Moment wieder vor Vergnügen quietschen. Natürlich blieb der Schwarzbraune dennoch wachsam und war bereit, jederzeit einzugreifen, solle es notwendig werden. och bestand für ihn dazu jedoch keine Veranlassung. Schließlich gehörten auch solche Erfahrungen zum Leben dazu. Mama und Papa konnte nicht immer bei jeder Kleinigkeit sogleich zur Stelle sein.
Ab und an warf er einen kurzen Blick zu der Fähe neben sich. Malicia schien in Gedanken versunken zu sein, und erst nach einer ganzen Weile nickte sie. Ob diese Geste ihm zur Anzwort galt, oder eher eine Bestätigung ihrer eigenen Gedanken war, blieb dabei dem Betrachter überlassen.
Als sie schließlich sprach, ließ Aszrem den Blick über den Rudelplatz schweifen. Erst konnte er seine Gefährtin nicht entdecken, schließlich sah er sie jedoch am Waldrand auf den Rudelplatz treten. Bei ihr war ein grauer Wolf, den Aszrem aus dieser Entfernung nicht eindeutig identifizieren konnte. Ganz langsam bewegten sie sich auf den See zu.

"Dort",

meinte er zu Malicia und wies mit dem Kopf in die entsprechende Richtung.

"Irgendetwas scheint passiert zu sein...",

fügte er nach einer kurzen Pause hinzu und erhob sich. So ruhig wie zuvor schon setzte er sich in Bewegung und hielt auf Nyota und ihren Begleiter zu, dabei immer wieder einen Blick in Richtung der Welpen werfend. Nach kurzer Zeit und auf ein Rufen Nyotas hin gesellte sich Sheena eilig zu der schwarzen Alpha und dem Grauen, den Aszrem schließlich als Cyriell erkannte. Blutgeruch lag in der Luft..


Ruhig und hoch aufgerichtet stand Averic neben seiner Gefährtin und betrachtete diesen Jikken ein wenig lustlos. Irgendwie schien er ernstzunehmende Probleme mit seiner Wahrnehmung zu haben. Das das ausschließlich Selbstgespräche sein sollten, kaufte er ihm nicht ab, es sei denn, der Weiße stellte sich vor sein Spiegelbild neben sich zu haben, mit dem er bessere Selbstgespräche führen konnte. Sein dunkelblauer Blick huschte zu Chanuka, als dieser neben ihn tapste und er verspürte das dringende Bedürfnis, seinem Sohn über den Kopf zu schlecken. Ein leichtes Stupsten ließ er sich nicht nehmen, dann bewegte sich sein Kopf Richtung Atalya, die zuerst ganz stolz von diesem Volldeppen Kengo erzählte und dann von Tyraleen genau die richtigen Worte zu hören bekam. Auch er senkte die Schnauze ein wenig.

Und selbst wenn du keine Angst vor dem Wald hast, ist er trotzdem gefährlich für dich. Ihr sollt da noch nicht alleine rein gehen, das hat nichts mit Angst zutun.“,

erklärte der Pechschwarze ruhig und hob das Haupt wieder. Die Stimmung seiner Schwester, welche nun auch deutlich umgeschlagen war, brachte ihn fast zum Schmunzeln. Aber sie hatte natürlich Recht. Auch wenn sich Averic gut vorstellen konnte, dass seine Mutter die Nächste war, die von Atalya überrannt werden würde. Aber das war okay. Es gab wirklich niemand besseren als sie, in Dingen Engaya und Fenris.
Tyraleens bekam einen „Ich-hab-dir-doch-gesagt-der-ist-schräg“-Blick zugeworfen und ihren erwiderte er mit einem Lächeln. Und was machten sie jetzt mit diesem Vogel? Es würde sicherlich noch ein paar Minuten dauern, bis zu ihm durchgedrungen war, dass seine Gefährtin ihn nach seinen Absichten gefragt hatte. Und entweder kam dann eine komische Antwort, oder wieder nur ein „Oh.“ Vielleicht konnte man ihm sagen, er solle sich einfach irgendwo brav hinsetzen? Einen Gesprächspartner hatte er ja immerhin. Dann konnte er sich um Kengo kümmern und Tyraleen schien ja jetzt auch ein paar Hühnchen rupfen zu wollen. Nur Atalya und Chanuka ... wo waren eigentlich deren Paten? Isis sah er ja sowieso fast nie. Chanuka war mehr bei ihm, als bei der Wölfin, die eine so große Verantwortung für ihn bekommen hatte. Unzufrieden ließ er den Blick schweifen. Ausnahmsweise konnte er sie dieses Mal sogar entdecken und Liam saß sogar neben ihr. Das war doch schon mal nicht schlecht. Trotzdem überlegte er, ob er nicht mit seiner Schwester wegen der ägyptischen Wölfin reden sollte. Ihr höchst seltsames Verhalten am See ging ihm auch noch nicht aus dem Kopf.


Der Blick seiner Großmutter war ruhig und warm, als er ihn auffing. So ähnlich hatte seine Mutter ihn vorhin angesehen, nur lag diesmal auch Verständnis darin - nicht einfach nur Verständnis dafür, wie er sich fühlte, sondern Wissen darüber, was hier vor sich ging. Zumindest glaubte der junge Rüde das aus ihrem Blick herauslesen zu können, wusste aber gleichzeitig, dass seine Hoffnung ihn eventuell mehr hineininterpretieren ließ, als tatsächlich da war. Jakash war jedoch willig, sich ganz dieser Hoffnung hinzugeben. Eine andere Möglichkeit Antworten und Hilfe zu erhalten, hatte er wohl auch einfach nicht mehr. Dazu kam das sanfte Drängen in ihren Fragen. Banshee hakte deutlich nach, und Jakash spürte, dass sie nicht nur einfach Indizien sammelte, sondern nach Beweisen für etwas suchte.
Der junge Schwarze atmete einmal tief durch, dann ließ er sich auf die Hinterläufe nieder. Kurz wanderte sein Blick hoch zu den grauen Wolken, dann schloss er die Augen und versuchte so genau wie möglich, den ersten Vorfall zu rekapitulieren.

"Ich war mit Amáya allein im Wald, wir haben uns Unterhalten, obwohl Tante Nyota uns eigentlich alle zum Rudelplatz befohlen hatte. Irgendwann kam Daylight dazu und versuchte, mit ihr zu reden. Ich glaube, dieser Yerik tauchte auch auf, aber ob und wann genau, weiß ich nicht mehr mit Sicherheit. Jedenfalls begannen Amáya und Daylight sich zu streiten - Daylight wollte sich für irgendwas entschuldigen, Amáya blockte das aber immer ab. Und dann erklang Urions Herausforderung, und kurz darauf kam er angestürmt und plötzlich gingen er und Amáya sich an die Kehle. Und da... passierte es dann. Plötzlich verzerrte sich die Umgebung und wurde grau. Unwichtig. Viel deutlicher waren dagegen Amáya und Urion, tiefschwarz und.. und mit rot leuchtenden Augen. Auch sie selbst haben geglüht, wie.. wie schwarzes Licht. Daylight dagegen war immernoch weiß und leuchtete auch, aber schwächer, wie... wie überschattet. Längst nicht so hell und kräftig wie Rakshee. Yerik, oder wer immer noch dabei war - und jemand war noch dabei, das weiß ich - war grau und irgendwie verschwommen. Fast so unwichtig wie der Hintergrund. Mir wurde ganz schlecht dabei, diese Schwärze wuchs und wuchs, und keiner tat irgendetwas dagegen, und die Kälte dehnte sich aus... ich konnte mich nur umdrehen und laufen, wegrennen. Mir schwindelte und ich dachte schon, ich würde mich übergeben. Aber es wurde irgendwie besser, je weiter ich wegkam. Und dann.. war einfach alles wieder normal..."

Jakash hielt inne und schluckte. Fast war ihm, als wäre er erst vor wenigen Minuten vor diesem Kampf geflohen, dabei lag dieser Vorfall schon Monate zurück. Der junge Rüde atmete nocheinmal tief durch, dann schloss er wiederum die Augen und begann nach wenigen Herzschlägen, weiterzuerzählen.

"Das mit Rakshee... Als Hiryoga zurück kehrte, hat Rakshee sich riesig darüber gefreut und ist gleich zu ihm gelaufen. Ich.. war nicht so glücklich. Er hat Mutter und uns verlassen, er war uns kein Vater und Mutter kein Gefährte! Er hat es nicht verdient, dass sich alle so über seine Rückkehr freuen! Ich wollte ihm jedenfalls nicht gegenüber treten und mir das auch nicht ansehen, also bin ich gegangen. Aber Rakshee kam angelaufen und wollte mich dazu bringen, mit ihr zu Hiryoga zu kommen. Und.. und ganz plötzlich, viel schneller als beim ersten Mal, war die Welt wieder so verzerrt und grau, noch während ich mich zu Rakshee umwandte.. und noch in der Bewegung kochte es plötzlich in mir hoch, meine ganze Wut auf Vater, und mein Zorn darüber dass ihn alle so glücklich empfingen. Und da war Rakshee, ganz nahe und sie berührte mich am Ohr, wollte daran ziehen.. aber ihre Berührung war so glühend heiß, tat so weh gegenüber der Kälte in mir, die so viel angenehmer war. Ich.. ich hab sie angefaucht und ihr gesagt, dass sie verschwinden solle, und hab sie bedroht und nach ihr geschnappt... Erst wich sie auch zurück, aber ich konnte es nicht dabei belassen, ich wollte mich rächen und ihr Schmerzen zufügen, sie verletzen, denn sie leuchtete nun auch ganz weiß, dieses Licht tat mir in den Augen weh und wollte mein eigenes, schwarzes Glühen überstrahlen. Aber als ich sie angreifen wollte, da starffte sie sich plötzlich und strahlte noch heller und heißer und wollte mich verbrennen, und ich konnte nicht weg und konnte sie nicht daran hindern... Ich bin dann zusammengesunken, ich konnte einfach nicht mehr, und hab sie angefleht damit aufzuhören. Sie wusste gar nicht, was ich meinte, aber sie wich zurück und hörte dann irgendwann endlich auf, so zu leuchten und zu brennen. Und dabei wurde dann auch alles andere wieder langsam normal..."

Jakash stockte, seine Stimme zitterte und er musste mehrmals Schlucken, um sie wieder unter Kontrolle zu bekommen.

"Rakshee hat gesagt, Engaya sei bei ihr gewesen...",

fügte er noch hinzu und sah dann erstmals wieder seine Großmutter an...


Ziemlich stolz auf sich selbst blickte Atalya weiter in die Runde, als warte sie auf eine Bestätigung ihrer Familie und Jikkens. Einige Augenblicke ruhte ihr Blick auf Chanuka, weiterhin grinsend. Und in ihrem Blick lag noch immer das Verlangen nach Wissen – Wissen das sie nicht haben sollte. Tief in ihrem Inneren war dennoch diese Neugierde, die sich nur schwer unterdrücken ließ. Aber dagegen musste sie jetzt kämpfen, es ganz doll unterdrücken! Jetzt blickte die kleine Fähe also wieder in die Runde, wartete auf irgendeine Reaktion. Ihre Mutter war die erste. Atalyas Rute wuschte nur schneller über den Boden, als die Weiße mit der Schnauze durch ihr Fell fuhr. Erwartungsvoll blinzelten die Augen der Grauen zu ihrer Mutter, lauschte ihren Worten. Der kleine Kopf neigte sich etwas zur Seite. Zu Oma gehen? Hm.. das würde sie bei Gelegenheit machen! Aber jetzt war es hier viel spannender. Sie nickte also nur mit einem immer noch währendem Grinsen ihrer Mutter, die jetzt wieder lächelt, zu Na gut, wenn sie das sagte, dann war das wohl so. Und dann war schon der Kopf ihres Vaters näher bei ihr. Sie war zu klein! Alle mussten zu ihr runter gucken. Aber vielleicht musste sie ja bald runter gucken! Das Lächeln der kleinen Fähe nahm etwas um Entschuldigung bittendes an sich, während die kleinen Ohren sich etwas zurück legten.

“Ok Papa.. ich geh nie wieder alleine in den Wald!“

Sie hatte das ja eben schon ein Mal versprochen. Kaum hatte ihr Vater seinen Kopf wieder angehoben, erhob Jikken die Stimme. Langsam drehte die Graue den Kopf zu ihm, auch wenn sie sich dabei ein wenig verrenken musste. Immerhin aß sie auf dem Boden, ihren Eltern zugewandt. Der komische Wolf redete weiter mit sich selbst. Irgendwann würde sie heraus finden, warum er das alles machte. Von ihm bekam sie Anerkennung für ihr Verhalten, allerdings zählte wohl eher das, was ihre Eltern sagten. Trotzdem grinste sie nun weiter, nickte Jikken zu.

“Kengo war anfangs ganz anders! Er hat mir erklärt, was Flöhe sind. Und das man ohne Angst leichtsinnig oder so wird. Und dann war Papa da. Ich glaube, er hatte Angst. Er hat ganz komische Augen – so wie Kaede!“

Mit diesen Worten blickte sie wieder in die Runde. Ok.. Kengo hatte auch unfreundliche Dinge gesagt. Sehr unfreundliche. Aber das musste sie jetzt ja nicht erwähnen.


Madoc sah sich um, das rege Treiben auf dem Rudelplatz war keine Seltenheit mehr, seit die Welpen geboren wurden. Toben, Spielen, Lachen, hatte er es als Welpe auch getan? Er war noch jung, doch konnte er sich gar nicht mehr daran erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein, wie diese Welpen hier. Zugegeben, er hatte wirklich eine schöne Zeit gehabt mit seinem Bruder, doch auch der war nun fort, er war allein auf dieser Welt, ganz allein. Wenngleich er ein Rudel hatte, dem er angehörte, er fühlte dennoch die Einsamkeit in seinem inneren. Nichts außer einem vagen Bündnis verband ihn mit diesem Rudel, es gab nichts, was ihn hier halten würde, und doch blieb er. Wieso? Er tastete den Rudelplatz ab und ertappte sich dabei, wie er nach Atalya suchte. War sie der Grund? Nein, bestimmt nicht! Er wollte nicht eingestehen, dass er wegen einem Welpen auf seine Freiheit verzichtete. Zugegeben, er fand die Kleine wirklich niedlich, aber wegen ihr hier zu bleiben, das klang für ihn absurd und albern.
Der Sternentänzer gab die Suche auf, als er seinen Misserfolg bemerkte und beobachtete weiter das Rudel. Alle hatten sich zu kleinen Gruppen zusammengefunden, na klar. Wie immer brauchte man ihn nicht, das war ein typisches Phänomen. Er hatte Llywarch geliebt, weil dieser ihn gebraucht und ebenfalls geliebt hatte. Es war eben eine Eigenschaft von Madoc, nicht ertragen zu können, dass man ihn nicht brauchte. Er war jemand, der sich beweisen wollte, doch in einer Gemeinschaft wie diesen hatte er niemals die Chance dazu, dass wusste er nur zu genau. Ein wenig gereizt bei diesem Gedanken erhob sich der junge Albino und streifte durch das Rudel. Keiner bemerkte ihn, wie ein Geist kam er sich vor, denn Aufmerksamkeit schien ihm nicht vergönnt zu sein. Ein wenig wütend auf seine eigenen Gedankenwelt trabte er weiter, beachtete die anderen genauso wenig, wie sie ihn. Madoc entfernte sich vom Rudel und kam schließlich wieder zurück, noch immer hatte er das Gefühl unsichtbar und unwichtig zu sein. Dann jedoch erblickte er eine schwarze Fähe, die sich scheinbar genauso fühlte. Er hatte sie eine Weile beobachtet. Sie war in der Nähe vom Rudelplatz im Wald gewesen in Gesellschaft von Aradis und Jakash, doch beide hatten sich nun von ihr entfernt. Sie wirkte genauso verlassen wie er sich fühlte und so bahnte er sich einen Weg zu ihr.

“Hallo Kisha, fühlst du dich genauso verlassen, wie ich?“

Fragte er mit einem sarkastischen Grinsen und blickte sie dabei prüfend an. Seine feuerroten Augen funkelten ein wenig gereizt, aber auch ein wenig amüsiert. Es befriedigte ihn auf eine merkwürdige Art, zu wissen, dass es jemand gab, der genauso fühlte, wie er selber, oder immerhin glaubte er, dass die Schwarze sich so fühlte. Mit einem verächtlichen Blick ließ er seine Seelenspiegel abermals durch das Rudel gleiten, wandte sich jedoch wieder seiner Gesprächspartnerin zu, als er nichts Neues entdeckte.


Die paar Minuten, die Ykari hatte schlafen können, waren schnell vorüber gewesen und unglücklich stand sie auf. Sie hätte gerne noch länger geschlafen, aber sie wusste in keinerlei Weise, ob es hier sicher war, oder nicht. Gab es hier gefährliche Feinde? Oder nicht? Die Unwissenheit über diesen Ort machte ihr zu schaffen. Im Sumpf hatte sie zumindest noch gewusst, wo Feinde waren, welche Bodenteile tükisch waren und wo sie hatte schlafen können. Wenn auch der Weg immer mühsam gewesen war, so hatte sie sich doch sicher gefühlt. Nur hatte es dort immer einen Nachteil gegeben: Es hatte dort immer wenig Nahrung gegeben. Ob nun Wasser oder Fleisch.
Langsam setzte sie sich in Bewegung trabte am Ufer entlang. Sie hörte ein paar Quicklaute. Ob das wohl Welpen waren? Unsicher blieb sie stehen und schaute in die Richtung. Es hatte sich irgendwie so angehört, als würden die Welpen - wenn es Welpen waren - in weiter Entfernung spielen und was sie auch immer taten. Sie trabte wieder los, mit gesenktem Kopf und leicht eingezogener Rute in Richtung dieser Laute. Insgeheim hoffte sie doch, dass sie irgendwann ein Rudel finden würde, das sie aufnahm, auch wenn sie es in diesem Moment keinem zugeben würde. Zu viel Angst steckte in ihr, als dass sie es wagen würde. Immerhin bestand ja doch die Möglichkeit, dass sie dann abgestoßen wurde.

Malakíms Rute pendelte wild vor Vergnügen hin und her. Diese beiden Welpen waren witzig, sie hielten ihn für die Sonne! Der Schwärzling verstand zwar nicht, wie sie darauf kamen, aber es ließ ihn jedenfalls breit und breiter grinsen, während er Turién am der Rute festhielt. Ha, nun strahlte er quasi, fast wie das Himmelslicht! Welch Wortwitz! Malakím wollte laut auflachen, dachte jedoch rechtzeitig daran, dass ihm der kleine Rüdenwelpe ja noch zwischen den Zähnen hing, und gluckste daher nur.
Derweil purzelte die schwarze Welpin zu Boden, und versuchte vergeblich, sich ein weiteres Mal in Mochi festzubeißen. Kurz darauf brach sie ihre Versuche ab und beschuldigte den Schwärzling der Gemeinheit reinsten Grades. Malakím verzog überrascht eine Augenbraue nach oben. Nanu, was war denn nun mit der Kleinen los? Wollte sie auch so hochgehoben werden? Er hatte doch aber leider nur ein Maul!
Ein Wimmern und Schluchzen erklang vom Boden her, und auch wenn die Kleine sich versteckte, sah Malakím dennoch die Tränen purzeln. Ach du Güte, ach du Güte, nun wurde es ja ernst! Derweil begann der Welpe in seinem Fang zu strampeln und zu treten, erwischte den Rüden am Kinn, sodass Malakím unwillkürlich den Fang aufklappte. Turién plumpste zu Boden, und erhob prompt die gleichen Anschuldigungen wie die schwarze Welpin gegen ihn. Irritiert klappten die Ohren des Schwarzen zur Seite, und für einen Moment zeichnete sich Bedrückung auf dem dunklen Gesicht ab. Das hatte er nicht gewollt, aber was war denn überhaupt schief gelaufen? Weh getan hatte er ihnen schließlich nicht. Von dem Wettkampfder beiden Welpen hatte er zuvor leider nichts mitbekommen gehabt, zu sehr hatte seine Aufmerksamkeit anderen Dingen gegolten.
Der bedauernde Gesichtsausdruck blieb nicht lange, Malakím war nunmal kein Kind von Traurigkeit, und so kehrte das Lächeln schnell auf seine Züge zurück.

"Ooohh, das tut mir leid, das hab ich nicht gewollt!",

entschuldigte er sich und neigte sich zu Nerúi herab.

"Nicht weinen, Prinzessin, du bist viel hübscher ohne diese Tränen! Und sag mir, was ich für dich tun kann, damit du wieder lachst - Malakím tut alles für dich!"

Das Lächeln wurde breiter, und die Rute begann erneut zu wedeln. Er meinte seine Worte absolut ernst, auch wenn sich nicht mit einer derartigen Miene vorgetragen wurden. Der Schwärzling hielt nichts davon, wertvolle Zeit des Lebens mit Traurigkeit zu verdeuden, also würde er alles tun, um die Welpin wieder fröhlich zu stimmen. Um seine Worte zu unterstreichen, präsentierte er sich auch sogleich in spielerischer Haltung - die Vorderläufe nach vorn gestreckt und flach auf dem Boden aufliegend, den Hintern hochgereckt und die Rute wedelnd, zum Spielen einladend...

Atalya
24.12.2009, 20:18

Chanuka sah zwischen seinem Papa, Tyraleen und Atalya hin und her. Das Interesse an Jikken hatte er längst verloren, fehlte ihm doch immer die Hälfte der Geschichte, wie er fand. Aufmerksam lauschte er den Worten seiner Mutter, zu denen er hin und wieder zustimmend nickte. Hatte er es nicht gesagt? Aber Atalya schien die simple Anweisung bisher nicht verstanden zu haben. Als Banshee Erwähnung fand, sah sich Chanuka nach seiner Mama um. Es klang merkwürdig, dass sie mit Fragen zu Fenris und Engaya zu ihr gehen sollten, wo Averic ihnen doch kaum etwas erzählt hatte.
Unschlüssig ließ er einmal mehr den Blick schweifen. Er wagte es nicht, etwas zu sagen und verunsicherte sich dadurch selbst. Es war doch in Ordnung, dass er hier war, oder? Natürlich wollte er dieses Privileg nicht durch unüberlegte Worte zerstören.

“Kaede hat keine komischen Augen. Sie hat Augen mit denen sie nichts sehen kann.“

Erklärte er seiner Schwester gewissenhaft, immerhin hatte er diese Informationen aus zuverlässiger Quelle. Nachdenklich dachte er an den unhöflichen Rüden Kengo zurück, von dem Atalya nun behauptete, er hätte ebenfalls solche unbrauchbaren Augen.

“Heißt das das Kengo auch kein Augenlicht hat?“

Fragte er dann, sich an Averic und Tyraleen wendend. Die Vermutung schien naheliegend, aber er wusste nicht so genau, wie das mit diesen hellen Augen genau war. Wie bekam man die überhaupt? Wurde man mit denen geboren? Bei Zeiten würde er sich bei Kaede erkundigen, oder Liel fragen, die sich Bestens auf diesem Gebiet auszukennen schien. Der kleine Sonnenschein hatte damals gesagt, dass Kaede ihr Augenlicht genommen worden war. Hatte es also jemand gestohlen?


Der Durst hatte sie aus dem Wald an den See geführt. Langsam schlappte Ruiza etwas Wasser, welches über ihr Fell tropfte. Sie machte sich immernoch große Sorgen um Cyriell aber da sie nicht wusste wo er sich aufhielt, konnte sie auch nicht zu ihm. Sie brauchte ihn. Aber brauchte ER Sie auch? War sie vielleicht unwichtig in seinem Leben? Zweifelnd starrte sie das Spiegelbild im Wasser an und fletschte die Zähne. Trauer machte sich in ihr breit. Sie war ein Nichts hier im Rudel, genauso wichtig wie ein Büschel Haare, welches im Wind schwebte. Vielleicht sollte sie fortziehen. Es würde doch sowieso niemanden stören.
Nein, sie konnte es doch sowieso nicht. Cyriell war ihr Leben, ihre Seele und das konnte man nicht einfach zurücklassen. Langsam zog sie sich aus dem Wasser zurück und warf einen Rundblick. Wohin sollte sie gehen? Was sollte sie tun? Ah ja, genau. sie musste Cyriell finden. Hastig wandte sich die Weiße um und trabte am Ufer entlang. Irgendwo hier musste er doch sein. Blutgeruch stieg ihr in die Nase und sie wurde schneller, denn es roch auch nach Cyriell. Plötzlich hatte sie Angst. was wenn ihm etwas passiert war? Es blieb ihr sowieso nur, es herauszufinden und ihm zu helfen. sie musste es tun und sie musste auch mit ihm reden, über früher und so.


Urion schickte Takashi schon mal voraus zum Rudelplatz zu gehen, während er auf seinen kleinen Sohn wartete. Das weiße Fellbündel war noch ziemlich geschwächte, sodass Urion sich wieder auf den Boden legte und seinen Sohn sanft mit der Zunge über den Kopf fuhr.

"Du bist ein tapferes Kerlchen, Ciradán. Ich bin wirklich sehr stolz auf dich, aber auch Krieger müssen mal ruhen. Möchtest du auf meinem Rücken reiten? Umso schneller sind wir dann bei Mama."

Wolken waberten über den Himmel und machten den Tag zur Nacht. Urion spürte die Stärke des Fluchs in sich wachsen. Irgendetwas brüteten die Mächte hier aus, aber was hatten sie nur mit diesem Rudel vor? Urion blickte etwas besorgt gen Himmel, als er wieder den metallischen Geschmack von Blut in seiner Kehle spürte... was zum...?
Urion drehte kurz seinen Kopf weg, riss die Schnauze auf. Tatsächlich quoll Blut aus ihm heraus. Wieder mal Blut von getöteten Seelen. Ja, selbst ihre Stimmen fegten weinend durch seinen Kopf, aber der Graue versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Ganz im Gegenteil. Er versuchte Ciradán so sanft wie nur möglich anzulächeln. Ja, es sah jedesmal aus wie eine komische Fratze mit den roten Augen.
Wenn sie bei Kaede angekommen waren, musste der Rüde sich erstmal ausruhen. Er kam sich nicht vor wie sieben Jahre sondern wie hundert Jahre mehr. Als seine Knochen schmerzten und noch viel mehr sein Herz. Es stolperte mittlerweile sogar über seine eigenen Rhythmus.
Urion fuhr sich mit der Zunge über die Lefzen auch wenn er das Blut niemals abbekommen würde.
Wann kam endlich Fenris um ihn zu holen?



Sie seufzte sacht und trabte zwischen den Bäumen entlang. Sie standen locker und nicht zu dicht. Manch ein Riese jagte ihr plötzlich Angst ein, ohne dass sie wusste warum, manch ein kleines Bäumchen schwang im Wind umher. Sie ließen sie in Ruhe. Aber warum hatte sie vor manchen Baumriesen Angst? Waren sie denn überhaupt gefährlich? Ungläubig betrachtete sie den nächsten. Er schien so friedlich. Dann lief sie an ihm vorbei und plötzlich krachte genau vor ihr ein dicker Ast zu Boden. Höchst erschrocken sprang sie nach hinten hin in die Höhe und ihre Augen weiteten sich leicht vor Angst. Hatte der Baum ihr Böses tun wollen? Oder war das reiner Zufall? Zufall? Absicht? Dazwischen konnte sie nicht unterscheiden. Langsam schritt sie vorsichtig üder den großen dicken Ast und trabte wieder weiter. Mit weit gesenktem Kopf und leicht eingeklemmter Rute - wie schon am Tag zuvor. Sie wusste überhaupt, wie weit sie würde laufen müssen, nur, dass es wohl ein sehr weiter Weg war, bis sie ein Rudel finden würde, das sie aufnahm. Ob es nun ein richtiger Weg war, den sie würde laufen müssen, oder einfach nur ein Weg, der nicht physisch vorhanden war. Das wusste sie nicht. Ob sie es erfahren würde? Bestimmt, wenn sie ein Rudel erreicht hatte, dann würde sie es wissen. Die Bäume blieben immer noch weit und offen. Durch das Blätterdach schienen ein paar Sonnenstrahlen, die den Boden fleckenweise erhellten. Plötzlich nahm sie eine Fährte auf. Sie gehörte wohl einem Reh. Schnell galoppierte sie los und sprang über einige Felsen oder Steine und Stöcker. Ob sie das Reh noch einhohlen würde? Immerhin hatte sie riesen Hunger, keine Jagderfahrung mit Rehen, nur mit Nagetieren, und die Fährte schien schon etwas älter. In großer Geschwindigkeit rasten die Bäume an ihr vorbei und sie ließ sie hinter sich. Schnell um einen Baum gebogen und total überracht stolperte sie über das verletzte Reh am Boden. Dieses sprang sofort auf, aber ihren Zähnen konnte es nicht mehr entwischen - obwohl sie erstmal hatte auf die Beine wieder kommen müssen. Sie ließ es sich schmecken und als sie satt war, legte sie sich in einiger Entfernung auf den Boden. Den Blick immer auf das Reh gerichtet, verfiel sie in einen leichten Schlummer.

Isis war eine wunderbare Fähe – aber welche Rolle spielte sie in diesem unsinnigen, traurigen Plan, den der Graue immer noch nicht abgelegt hatte? War es nicht an der Zeit, jetzt an Katsumis Seite, im letzten Kampf, diese scheußlichen und perfiden Gedanken abzulegen? Sollte es nicht so sein? Wie immer schaffte es der Zeitwächter nicht das Wort „Todbringend“ zu denken. Wenn er an diesen Dingen festhielt, würde es sein Tod bedeuten und vielleicht auch den, der kleinen Wüstenwölfin. Akru würde eh bald den letzten Gang antreten, aber für sie sollte das Leben noch andere Aufgaben bereit halten. Sorgsam mied er weitere Abschweifungen in die Zukunft.
Das Gold tanzte in die strahlenden Augen des Braunen, selbst in der Dunkelheit war dies zu erkennen. Er spielte mit. Warf den Hünen zu Boden und lächelte seicht. Die Zeit hielt an. Waren es Sekunden, Minuten oder Stunden? Wo waren sie? Am See, bei den Sternenwinden? Wo war seine geliebte Banshee hin – wo waren sie?
War es nicht egal, dass man lange nicht richtig am Leben teilnahm, wenn man die letzten Schritte gemeinsam mit einem Freund, einem Vertrauten, gehen durfte? Ja, es machte keinen Unterschied mehr, wie lange man beständig neben dem Leben und dem Tod herging, wenn man wenigstens in der letzten Sekunde erkannte, was man wirklich war.

“Ich danke Dir, Freund“,

flüsterte und schloss langsam und genüsslich die Augen. Vielleicht hätte er Ewigkeiten so verharren können – nur mit diesem vertrauten, seltsamen und einnehmenden Gefühl. Doch ein Schrei unterbrach die Stille und der Graue schreckte auf. Shani. Was war passiert? Das Nichts. Wieder ein Opfer. Eines von vielen. Ein Schleier aus Mitgefühl huschte über die blauen Seelenspiegel. Vorsichtig befreite er sich aus der Umklammerung des Liebsten und richtete sich auf. Kurz nach dem ersten Schrei, hörte er ein vertrautes Rufen. Isis. War ihr auch etwas passiert?
Mit einem schnellen Blick erklärte Akru seinem Freund die Situation und preschte los. Er musste die Wüstenwölfin gesund sehen; nur die Gewissheit, dass ihr nichts geschehen war.
Er brauchte nicht einmal auf die Pfoten Katsumis lauschen, er wusste, dass der Braune folgen würde. Keine Seele mehr ohne die Andere.

“Isis“,

flüsterte er ihren Namen, erkannte aber, dass ihr nichts fehlte und verlangsamte sein Tempo, bis er schließlich stehen blieb. Eine große Entfernung war zwischen ihr und dem Grauen. Ihr ging es gut. Katsumi?


Rakshee war gerade erst losgekullert, hatte schon Gras, Wasser und Erde im Fell, und warf sich theatralisch auf den Bauch, als sie Caylee hörte. Die klang aber gar nicht motiviert. Besorgt sah sie zu der Kleinen auf, die soeben umgekippt war. Eilig robbte sie zu ihr hin, während die Kleine sich schon wieder mühsam auf die Beine kämpfte, und so wackelig stand wie ein junger Baum im Sturm. Rakshee schob sich noch näher zu ihrer kleinen Patenwelpin heran, sah sie von unten aus an und hörte ihr mit halb gekippten Ohren. Das war seltsam...so war Caylee doch sonst nie.

"Was ist passiert?"

fragte sie leise zurück, und robbte jetzt mit dem Hinterteil um Caylee herum, sodass sie ihr zu-, ihren Eltern gegenüber jedoch abgewandt lag, und einen halben Bogen um die Kleine beschrieb.

"Hast du Hunger, bist du krank?"

hakte sie gleich darauf ebenso leise wie zuvor nach, und schob die große Schnauze gegen Caylees kleinen Körper. So konnte die Weiße sich an ihr anlehnen oder sich gemütlich an sie herankuscheln, ohne nocheinmal in die Gefahr zu geraten umzukippen.

"Ich trag dich auch so wenn du möchtest"

verriet sie ihr in verschwörerischem Ton, und stellte die großen Ohren auf.

"Oder soll ich dir eine Geschichte erzählen?"

Die Dunkelheit kroch längst an den Bäumen herauf, und Rakshees Blick glitt kurz über den Platz, suchte unbestimmt die Anwensen ab, und fand zurück zu ihrem kleinen Schützling.


Es war ein Spiel, das sich immer wieder holte, ein Mal, zwei Mal, drei Mal … unendliche Kreise drehte die Sonne, wie ein Adler auf Beutezug. Sie ging auf, wieder unter und schließlich wieder auf. Doch Kensharion spielte dieses Spiel schon seit drei Jahren, fügte sich von Tag zu Tag dem Rhythmus der Erde und unterwarf sich den Regeln der Natur. Was brachte ihm dieses monotone Treiben in seinem Leben voll Bitterkeit und Kälte? Der Hüne schüttelte sein Haupt. Nein, er hatte die Zeiten der Liebe und Zuneigung nicht vergessen und würde es niemals tun. Doch war die Sehnsucht nach der Vergangenheit wirklich so voller Trostlosigkeit und Leere? Wieso fühlte er sich nach so langem Aufenthalt in diesem Rudel doch so allein? Wieso hatte er stets das Gefühl, dass er nicht dieser Gemeinschaft angehörte? Seit dem Tag, an dem er sich von Cumará dazu verleiten lassen hatte, in diesem Pack aus Wölfen zu verweilen, schien ein neues Kapitel in seinem Leben angebrochen zu sein. Es war völlig anders als jenes, was er zuvor geführt hatte und barg sowohl Reue, Freude, als auch Trauer.
Der schwarze Rüde war gereizt. Ein weiteres Mal hatte die Macht der Vergangenheit die der Gegenwart bezwungen und peitschte auf ihn ein, bis sein Seele sich unter qualvollen Schmerzen wand. Er war schwach geworden, seitdem er seine Familie verlassen hatte, nicht körperlich, aber geistig. Die eisige Mauer um seiner Gefühlswelt bröckelte langsam aber sicher dahin. Er hatte der grauen Fähe nachgegeben, die ständig seine Nähe gesucht hatte, er hatte ihrem Charme nicht widerstehen können. Er hatte einem Rudel nachgegeben, das nur fremde Gesichter barg, er konnte ihm nicht mehr den Rücken kehren. Nun stand er hier in einer großen Gemeinschaft und doch auf sich allein gestellt auf dieser Welt und suchte nach einem Ausweg, der die Last seiner Seele erleichtern konnte. Missmutig starrte er auf den aufgewühlten Rudelplatz. Die Welpen hatten Leben in die Trägheit der Wölfe gebracht und gingen tobend ihren Interessen nach. Sie waren der Mittelpunkt des Geschehens geworden und nahmen die Kraft eines ganzen Rudels in Anspruch. Kensharion sah sich um. Das Rudel war gewachsen, sowohl durch die neuen Leben, als auch durch jene, die wie er selber dem Rudel beigetreten waren, um im Schutz anderer ihre Tage auszuleben. Doch war es wirklich ein besseres Leben, wenn man sich stets auf andere verlassen musste? Der Schwarze wusste es nicht genau, doch aushalten konnte man es hier wohl mehr oder weniger.
Eine Bewegung lenkte den Schatten ab. Seine Seelenspiegel folgten dessen Verursacher und ruhten schließlich auf dem jungen Krolock. Bei seinem Anblick legte sich ein ruhiges Lächeln auf seine dunklen Lefzen. Er wurde zu dem Paten des Welpen ernannt, doch bisher hatte er noch selten mit ihm gesprochen. Ein, zwei Mal, vielleicht auch drei, aber dies war sicherlich eine gute Gelegenheit dem Rüden ein wenig näher zu kommen. Bevor sich Kensharion in Bewegung setzte, beobachtete er noch einen Augenblick. Obwohl Krolock es nicht wirklich zeigte, merkte er, dass seine Ausgelassenheit zum Teil gespielt war. Er hatte nicht gesehen, von wo der Welpe seinen Weg begonnen hatte, doch er vermutete, dass ihn etwas bedrückte. Vielleicht, aber vielleicht auch nicht, der Hüne war schließlich kein Hellseher, aber wohl ein guter Beobachter, der dennoch keine voreiligen Schlüsse zog.
Nach einer Weile trabte er dann auf den schwarzen Welpen zu und begrüßte ihn mit freundlicher Stimme.

“Hallo Krolock, wie geht es dir?“

Der Rüde senkte sein Haupt, bis sie beinahe auf Augenhöhe waren, sein Lächeln war noch immer nicht verblasst und seine eisblauen Seelenspiegel wurden milder und freundlicher.


Die zwei waren einfach verschwunden. Erst die junge Fähe, die so hartnäckig darauf bestandne hatte, dass sie, Aceysha, eigentlich.. Kisha hieß. Und dann die Weiße, Aradis. Sie hatten merkwürdig gewirkt. Die Weiße hatte ihr geglaubt, hatte sich vorgestellt und ihr etwas erklärt. Die junge Braune dagegen hatte sie nur noch mehr verwirrt. Und jetzt waren sie weg, beide. Rakshee war zu einem anderen, schwarzen Rüden gegangen. Ebenso ein unbekanntes Gesicht. Und Aradis war einfach gegangen. Die Schwarze stand nun also allein da, blickte sich verwirrt um. Niemand schien sie weiter zu beachten, als wäre sie ein festes Mitglied dieses Rudels. Und das war.. noch verwirrender.
Sie hatte einfach da gestanden, sich kaum geregt. Wie ein Schatten hatte sie die Wölfe beobachtet, die sich in ihrer Nähe tummelten. Da waren Welpen, Erwachsene und Jungwölfe. Aber niemand schien sie zu beachten. Tief durchatmend schloß sie die hellen Augen, und wollte sich wieder zum gehen wenden. Was sollte sie hier? Kisha.. Kisha! Dieser Name sagte ihr nichts, warum hatten sie die beiden Fähen so genannt? Sie verstand es nicht, und wollte es irgendwie auch nicht. In ihrem Inneren schrie etwas, sie solle bleiben. Und dann, ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, war er wieder da. Dieser Name. Die Schwarze riß die Augen auf, sprang erschrocken zur Seite, die Rute zwischen die Hinterbeine geklemmt und den hellen Blick auf den Weißen gerichtet. Er nannte sie Kisha. Mal wieder. Wieso nannten sie diese Wölfe so?! Was sollte das?!

“Ich heiße nicht Kisha! Mein Name ist Aceysha!“

Ein fast erstickter Laut, und doch war ihre Stimme unglaublich leise. Sie sollten aufhören! Sie wollte diesen Namen nicht mehr hören!


Tief Luft holen. Einatmen, ausatmen und noch mal einatmen. Der Brustkorb hob und senkte sich, der Bauch wurde schmal und wieder rund. Wobei man es nicht rund nennen konnte. Ihr Sommerkleid enthüllte die magere Gestalt der Fähe. Aber das war nun unwichtig. Nachdem Nyota ihr über den Nasenrücken gestrichen hatte, fühlte sie sich sehr gestärkt. Erstens weil sie ihr wohl nicht böse war, wegen ihrer eher unangebrachten Begrüßung und zweitens, weil sie ihr das Gefühl gab, dass sie ihr vertraute. Sonst hätte sie wahrscheinlich auch wen anderes gerufen. Geduckt fixierte sie Cyriell, er hatte nicht reagiert, als sie angekommen war und als sie ihm nun in die Augen blickte, sah sie nichts außer einen zutiefst verstörten und verletzen Wolf. Psychisch und physisch verletzt. Kurz beobachtete sie noch Nyota, wie sie sich niederließ und Cyriell sanft an der Schnauze berührte um ihn zu unterstützen. Nahm er ihre Berührung wohl war? Hatte er verstanden, was Nyota eben gesagt hatte? Sie hoffte es, nicht, dass er sich erschrecken würde, wenn sie ihn gleich berühren würde, sie musste seinen Nacken berühren um die Wunde heilen zu können, nicht, dass ihn dies an das Szenario von ihm und seinem Bruder erinnerte. Sanft berührte sie ihn erst zwischen der Stirn. Sie schloss die Augen, es fiel ihr so einfacher den Weg zu Engaya sicher und schnell zu finden.
Und so war es auch dieses Mal. Kaum hatte sie die Augen geschlossen und Engaya in Gedanken gerufen, so tauchte sie auf. Noch schneller, als es bei Banshee gewesen war. Ein wenig Stolz wallte in ihr auf, den sie sogleich vergas, nun gab es wichtigeres zu erledigen. Sie wollte Cyriell retten. Ihn für die anderen? Nein, bei den anderen hatte sie nichts tun können, jetzt konnte sie es aber. Sie hatte die Möglichkeit. Leise ertönte Engayas wohlklingende Stimme in ihr. Sie blinzelte, hier und in der anderen Welt. Sie sah Engaya, die weiße Göttin direkt vor sich. Sie lächelte, wandelte in ihrem Blumenmeer umher und nickte ihr zu. Sie konnte es schaffen, sie würde es schaffen. Zumindest so viel würde sie heilen, dass er nicht mehr in Lebensgefahr schweben würde. Das war nicht nur ein Versprechen an sich selbst, das war nicht nur eine Hoffnung und ein irres Wunschdenken ihrerseits. Es war das, was Engaya ihr sagte. Oder eher zeigte. Sie konzentrierte sich auf den Rüden vor ihr, in ihrem Kopf blieb Engaya hell erleuchtet, in der Realität verblasste ihr Bild ein wenig, ganz jedoch nicht. Nur soweit, dass sie Cyriell gut erkennen konnte und ihre Schnauze richtig bewegen konnte. Nicht, dass dies nicht mit geschlossenen Augen möglich gewesen wäre, aber so war es ihr lieber. Sie blinzelte noch mal. Sah nur sie das oder war um die, mit ihr drei, anwesenden Wölfe ein heller Schein. Sie schielte auf ihre Nase, ein stetiges Schimmern umhüllte sie, wohl ihren ganzen Körper, auch Cyriell war von diesem Licht umgeben. Nyota ebenfalls. Wahrscheinlich, weil auch sie Cyriell berührte und die Kraft Engayas durch Sheena auf Cyriell und weiter zu Nyota floss. Konten die beiden sie auch bemerken? Oder zumindest Nyota, bei Cyriell war sie sich noch immer nicht sicher, ob er irgendetwas mitbekam. Sie konzentrierte sich noch ein kleines bisschen mehr. Sanft fuhr sie nun mit ihrer Schnauze hoch, über den Kopf in Richtung des schwer verletzen Nackens. Fast wurde sie aus ihrer Konzentration gerissen, der Schmerz Cyriells brandete in ihr auf. Doch da war noch etwas anderes. Cyriell war jung, da waren noch die Schmerzen eines anderen. Konnte das Nyota sein? Konnte sie diese über die Verbindung hinweg ebenfalls spüren? Sie biss die Zähne aufeinander. Sie durfte sich nicht ablenken lassen.
Dranbleiben. Dranbleiben.
Hier bin ich. Hier!
Sie blickte zu Engaya, das Lächeln, es gab ihr Kraft. Vorsichtig blendete sie Nyota komplett aus. Sie spürte, dass diese noch immer da war, doch es störte sie nicht mehr. Sie verstaute sie weit hinten in ihrem Kopf. Konzentrierte sich nur auf Cyriell. Spürte das Pochen in der Wunde im Nacken, spürte das Blut, was aus der Wunde lief, als ob es ihr den Nacken hinunter laufen würde. Instinktiv wollte sie sich das Blut ablecken, wohl wissen, dass bei ihr kein Blut war und dass sie, selbst wenn es so wäre, nicht alleine dort hinlangen konnte. Dranbleiben! Sie strich langsam und behutsam über die Ränder der Wunde aus denen noch ein wenig Blut floss. Zu ihrer Erleichterung hörten die Rinnsäle fast sofort auf, als sie leicht mit ihrer Zunge darüber schleckte. Sie spürte die etlichen kleinen Schrammen die seinen ganzen Körper bedeckten, spürte den Schmerz eines zerschlagenen Körpers, anscheinend hatte er einige Prellungen und vielleicht auch eine Rippe gebrochen. Sie war sich sicher, dass sie den Nacken notdürftig flicken konnte, eben so, dass der Rest von alleine heilen würde. Auch die Rippe wollte sie sich vornehmen, die kleinen Wunden und auch die Prellungen waren nicht sehr schlimm. Die würden am Besten von alleine heilen.
Der psychische Schmerz stach ihr tief ins Herz. Von einem Bruder verletzt. Fast kamen ihr die Tränen, alles erschien ihr so realistisch, als ob ihr das alles passiert wäre. Nur mit größter Anstrengung schaffte sie es, auch diesen Schmerz vorerst zu verpacken. Vielleicht könnte sie auch dagegen noch etwas tun. Ihn wenigstens ein wenig mildern!?

Weiter umstrich sie die Wunde mit ihrer Zunge. Die Blutungen hatten ganz gestoppt. Was für eine Erleichterung. Nun begann der komplizierte Teil. Sie musste die kleinen Sehnen die durchtrennt worden waren, wieder richtig zusammensetzen. Verzweifelt versuchte sie sich an die Übungsstunde mit Banshee zu erinnern. Dranbleiben! Da war es, blitzschnell war die Erinnerung gekommen, ein kleines gedankliches Nicken, ein Danke an Engaya. In Gedanken schob sie die Sehnen an ihre richtigen Plätze, Äußerlich leckte sie nur unterschiedlich über die Wunde. Erst schien keine Veränderung einzutreten, doch dann war ihr, als würde der Schmerz ein wenig nachlassen.
Wum. Kaum hatte sie die Konzentration nur ein wenig fallen gelassen, bestürmten sie all die anderen Schmerzen auf ein Neues. Mühevoll verpackte sie alles wieder. Nicht jetzt! Dranbleiben!
Sie kämpfte mit sich, ihr Kopf begann leicht zu schmerzen, einfach ignorieren. Es war ungewohnt, daher kamen die Schmerzen. Sie schaute auf den Nacken Cyriells, soweit hatte sie alles zusammen gefügt. Es war stark genug, dass der Rest selber zusammen wachsen konnte, sie würde noch das Gewebe und die Haut animieren schneller zu wachsen, sodass er den Kopf fast schmerzfrei bewegen konnte. Immer noch sehr vorsichtig leckte sie über die Wunde, die nun nicht mehr ganz so schlimm aussah. Schon kam das Gewebe und die heile Haut, auch ein wenig Fell begann zu sprießen. Sie lächelte. Dann stutzte sie. Cyriell war grau. Grau und das war. Fast wäre sie erschrocken nach hinten gesprungen. Das Fell was an seinem Nacken wuchs war nicht grau! Und es sah auch gar nicht mehr so nach Fell aus, wie es bei anderen Wölfen aussah. Also, natürlich sah es nach Fell aus, aber so… anders. Darum konnte sie sich jetzt nicht kümmern, das Pochen in ihrem Kopf wurde stärker, die Rippe, die Rippe war geprellt. Mühsam arbeitete sie sich vorwärts, die Schnauze verweilte noch immer am Nacken, sie konnte die Rippe auch so mühelos finden. Das war im Gegensatz zu dem Nacken ein Kinderspiel, vor allem weil sie nur angebrochen war. Rasch fügte sie die einzelnen Teilchen wieder zusammen, sammelte die Splitterchen auf und füllte diese in die frei gebliebenen Stellen.
Dann öffnete sie ihre Kammern, nur Nyotas blieb verschlossen. Die kleinen Wunden tobten kaum, aber der Schmerz um seinen Bruder, wieder riss er Sheena fast von den Pfoten, sie taumelte. Wenn doch nur ihr Kopf nicht so sehr brummen würde. Auch Engaya verschwamm vor ihren Augen. Nur dieser Schmerz noch, nur dieser eine noch! Sie kämpfte und gewann. Vorerst zumindest. Sie streichelte Cyriells Seele, flüsterte ihm, gedanklich natürlich, tröstende Worte zu. Ohne zu wissen, ob es irgendetwas helfen würde. Engaya würde bestimmt über ihn wachen. Über ihren ersten richtigen Patienten. Sie war sich sicher. Und dann war es vorbei. Fast wie elektrisiert wurde sie von ihm gestoßen. Ein kleiner Schupser nur, sie stand kaum einige Zentimeter von ihm entfernt. Aber ihr Kopf brummte so sehr, Engaya war nicht mehr zu sehen und auch der Schimmer um sie alle war verschwunden. Das war nicht ganz richtig. Um Cyriell herum lag noch ein leichter Schimmer. Also passte Engaya auf. Ihr Atem ging keuchend. Wieder pumpte sie den Sauerstoff durch ihren Körper, als ob sie meilenweit gelaufen wäre. Einatmen, ausatmen und noch mal einatmen!


Cyriells Bewusstsein blieb tief in seinem Inneren versunken, eingekerkert zwischen sich stetig wiederholenden Bildern. Worte flogen an ihm vorbei, verloren jedoch sogleich wieder an Bedeutung, obgleich sie verständlich blieben. Es war nur nicht mehr wichtig, was um ihn herum geschah oder wer bei ihm war. Sheena war also da - er registrierte es, reagierte jedoch nicht weiter. Nur seine Ohren drehten sich ab und an und lauschten, jedoch völlig instinktiv. Sie wollte ihm also helfen. Für Cyriell blieb diese Ankündigung ohne Inhalt, zog vorbei, ohne irgendetwas in ihm zu berühren.
Stattdessen registrierte er die Bewegung neben sich und die sanfte Berührung an seiner Schnauze. Unwillkürlich bewegten sich seine Augen in die entsprechende Richtung, ohne zusätzliche Bewegung des Kopfes. Die blauen Augen richteten sich auf Nyota, und schienen sie doch kaum zu sehen. Eine weitere Berührung, diesmal auf der Stirn, verannlassten seine Augen sich nach oben zu drehen. Doch da sie nicht erblicken konnten, was dieses Gefühl verursachte, wandten sie sich wieder ab und richteten sich wieder auf einen Punkt irgendwo vor dem Grauen. Beziehungsweise nach innen.
Cyriell spürte, wie sich die Berühung verlagerte und über seinen Kopf zum Nacken wanderte. Vor seinen Augen tanzten die Erinnerungsbilder und begannen, den Moment des Nackenbisses öfter und schneller zu wiederholen. Der Graue spannte die Muskeln an, immer stärker bis er sich regelrecht verkrampfte. Aber er blieb liegen, rührte sich nicht weiter dabei. Nur die Ohren pressten sich langsam an den Kopf. Immer deutlicher und schärfer trat der Schmerz in seinem Nacken wieder in sein Bewusstsein. War er doch zuvor ein monotones und dumpfes Pochen gewesen, so schnitt der Schmerz nun wieder durch seinen Leib. Die Berührung wurde jetzt rhythmisch, ein gleichmäßiger Takt, dem sich schnell das schmerzliche Pulsieren anpasste. Doch mehr und mehr veränderte sich dieses Pulsieren, kehrte sich in seiner Wirkung um. War die Berührung da, ebbte der Schmerz ab, und hielt sie kurz inne, verstärkte er sich wieder. Dazu mischte sich ein aufkommendes Kribbeln und Wärme, die in seinen Körper strahlte, aber nicht so heiß brannte wie der Schmerz. Diese Wärme war angenehm, tröstlich. Der Graue schloss langsam die Augen. Die Erinnerungen rückten ein wenig in den Hintergrund und mischten sich mit anderen Bildern - Bilder aus seiner Kindheit, längst vergessene Augenblicke. Er fühlte sich als Welpen und sah hinauf in das Gesicht seiner Mutter, die ihm das Fell leckte und sanft auf ihn herab lächelte. War seine Mutter damals schon so weiß gewesen, so strahlend?

'Mama, Aryan hat mir weh getan... mein Bruder hat mir weh getan...',

sagte er zu ihr mit heller, welpischer Stimme. Sie lächelte nur und leckte ihm weiter das Fell, über den Nacken und über die Flanke. Flüsterte ihm Worte zu, Worte die er nicht verstand, aber sie klangen sanft und tröstend, und während er ihr lauschte, wurden die ihn umschwirrenden Bilder blasser und blasser. Das Bild seiner Mutter verschwand zuletzte, und Cyriell blinzelte. Er fühlte sie wie aus einem Traum erwachte, und für einen Moment bestürmten seine Sinne Eindrücke, so klar wie Wasser. Da war der kühle Abendwind, der den Geruch des Regens mit sich trug sowie den Duft des Waldes, des Grases und des Rudels. Regentropfen berührten überall sein Fell und drangen doch nicht bis auf seine Haut vor. Dann schrumpfen die Sinneseindrücke auf das gewohnte Maß herab, udn der junge Rüde wurde sich der beiden Fähen bewusst, die bei ihm waren. Langsam drehte Cyriell den Kopf und hob ihn ein wenig an, sah dann zu Nyota. Dann wandte er sich zur anderen Seite um und hob dabei den Kopf nochmehr. Es zog ein wenig und pochte dumpf, aber der Graue hatte viel stärkere Schmerzen erwartet. Seine Augen richteten sich auf Sheena. Sie waren jetzt deutlich wacher und zeigten Verwunderung. Was genau war eigentlich gerade passiert?!


Die Gedanken rasten schnell und wirbelten immer um diesen einen Begriff herum. Das Nichts! Es würde alle töten, wenn Krolock sich nichts Sinnvolles einfallen ließ. Es bedurfte Kraft, Größe und einer Macht. Einer Macht, die stark genug sein würde. Wie es wohl war, wenn der Welpe den Fluch des Vaters tragen würde? Vielleicht wäre genau das die Lösung. Ob dieser Fluch ihn selbst zerstören würde, war ihm völlig egal. Er war nämlich stark. Er war stärker als manch Anderer. Er war so richtig zäh; an ihm würde man sie die Zähne aus beißen. Aber zuerst musste er zu diesem Nichts; er musste es kennen lernen. Welche Substanz es hatte, wie es roch, wie es aussah. Er hatte keine Vorstellung, denn noch immer hatte er es nicht von der Nähe betrachten können.
Doch jetzt würde er sich nicht wieder aufhalten lassen. Jetzt würde er das Nichts endlich zu Gesicht bekommen. Oder doch nicht?
'Hallo Krolock, wie geht es Dir?', fragte eine ruhige Stimme und der Welpe bremste ab und konnte direkt in die blauen Augen seines Paten sehen. Kensharion. Zuletzt hatte er diesen bei der Zeremonie gesehen und sie hatten nicht viele Worte gewechselt. Eigentlich hatte der Welpe geglaubt, dass er gar keinen Paten hat, so wie die Anderen. Bis jetzt hatte er es auch nicht sonderlich als störend empfunden, vielleicht sogar irgendwelche Vorteile daraus gezogen. Doch jetzt stand er vor dem großen Schwarzen und es schien, als sei er zum rechten Augenblick erschienen. Einerseits ärgerlich: jetzt konnte er ja nicht mehr zum Nichts, auf der anderen Seite wäre es vielleicht ganz hilfreich, wenn man sich einem erwachsenen Wolf anvertrauen könnte.

“Hi“,

platzte es aus Krolock heraus und wieder hatte er dieses breite, schelmische Grinsen auf den Lefzen. Schon wieder erweckte er den Eindruck, als hätte er etwas ausgefressen und ersuchte sich einer Ausrede. Aber diesmal spielte sich alles Gefährliche im Kopf ab. Ob sich der Welpe für seine Gedanken schämte? Keineswegs. Es waren ja gute Gedanken – heilige Gedanken, wenn man es aus dem richtigen Blickwinkel betrachtete.
Die kleine Rute suchte sich den Weg nach oben und der Kopf wurde leicht nach links geneigt.

“Bevor wir irgendwie mit irgendeiner Gefühlsduselei anfangen, habe ich da ein wichtigeres Thema. Uns kennen lernen können wir auch, wenn wir Alle ins Sicherheit sind. Aber lass uns zum See gehen, da kann uns keiner hören. Denn wie sagte Papa so schön? Die Bäume haben auch Ohren. Glaube ich zwar eher weniger, denn ich habe noch nie einen Baum mit Ohren gesehen, aber es hat schon sicherlich irgendwo seine Richtigkeit. Also, kommst Du mit?“,

das Grinsen wurde noch breiter und wirkte bereits eher wie ein Zähne fletschen. Aber die Augen leuchteten hell, selbst durch die Dunkelheit hindurch. So wurde Kensharion sofort in seine Pflichten gerufen und bekam das ganze Ausmaß des kleinen Krolocks auf einmal zu spüren. Vielleicht hätte er ja langsamer anfangen sollen?


Nerúis Welt ging unter. Sie kam nicht auf den Kuschelberg, und Turién flog hinauf, weil ein schwarzer Rüde ihn hochfliegen lies. Vielleicht wollte der Rüde, der nicht die Sonne war, íhren Bruder auch wirklich fressen! Das war noch viel schlimmer als ihren Wettstreit zu verlieren!
Laut aufwimmernd drückte sie die Nase noch weiter in das weiche Geschwabbel, als neben ihr etwas auf den Boden fiel. Mit verweinten Augen zog sie den Kopf unter dem Geschwabbel hervor, und sah Turién der noch lebte. Es fehlte auch kein Körperteil, er hatte sich rechtzeitig befreien können! So ein Glück! Vor lauter Erleichterung vergas sie fast zu Weinen, und hörte dann voller Überraschung Turién zu. Er lachte sie gar nicht aus, weil sie nicht hochgekommen war!
Von dieser Erkenntnis völlig erschüttert spürte sie seine Zunge im Fell, musste nun vor lauter Freude noch mehr weinen und schob sich eng an ihren Bruder heran. Er war gar nicht gemein zu ihr und lachte sie gar nicht aus! Das war toll! Lachend und mit verweinten Augen sah sie zu ihrem sitzenden Bruder auf.

"Danke!"

Ein großer schwarzer Kopf näherte sich ihnen, und Nerúi sah sich die hübschen blauen Augen an. Die waren so ähnlich wie die von ihrer Schwester Caylee! Aber Caylees waren dunkler und leuchteten an manchen Stellen.
Mit aufgestellten Ohren lauschte sie dem Rüden, und das zurückgewonnenen Lächeln auf ihren Leftzen wurde breiter und breiter. Ha, wenn sie schon nicht die Sonne war, und er auch nicht, dann war sie aber eine Prinzessin! Hihi!

"Aaaaaalles?"

fragte sie mit groooßen Augen und sprang sogleich auf, munter mit der erhobenen Rute wedelnd und Turién anstoßend.

"Lass uns auf deinem Rücken reiten!"

verlangte sie voller Begeisterung, und warf sich auf Turién.

"Ich sitze vorne!"

entschied sie, genauso euphorisch wie zuvor, und kämpfte sich über ihren Bruder herüber. Nerúis Welt war toll.


In seiner eigenen Art und Weise war Aryan für Kengo ein faszinierendes und komplexes Muster aus feinen Charakterzügen die mit Sicherheit alles andere als schlecht waren. Sie mussten sich nur erst noch bilden und es würde ihm spaß machen, Aryan auf den richtigen Weg zu schubsen. Aber als die Fähe dazutrat und IHN, Kengo, böse ansah, erhob er sich und drängte sich zwischen Aryan und die Fähe. Seine Lefzen kräuselten sich warnend und seine Ohren lagen platt am Kopf als er seine Blinden Augen auf Gani richtete.

"Du hast ihn doch gehört. Geh jetzt"

seine Worte waren hart und realitätstreu und vermittelten doch den Eindruck dass er wusste was er tat. Aryan brauchte jetzt eine Weile Abstand vom Rudel und er würde ihm dabei helfen, den Weg zurück zur Normalität zu finden. Kengo merkte wie die Anwesenheit der Fähe den Virus anstachelte und auch wie sich sein Fell aufstellte als stände es unter Strom. Mühsam und zischend atmete er ein und aus während er Gani zurückzudrängen versuchte. Weg von Aryan. Weit weg.
Aryan war nicht bereit dafür, wieder zurückzukehren. NOCH nicht.

"Hörst du schlecht Kindchen? Er will nicht mit zurück

Blökte der Blinde die deutlich jüngere Wölfin erbost an und zeigte ihr sofort die Zähne, die Pfoten scharrten im Schlamm und die Rute erhob sich dominant und aufgeplüscht. Er würde sie beißen wenn sie die Warnung nicht verstand. Beißen und notfalls sogar ernsthaft verletzen. Das hier, das würde sie nicht verstehen.


Nyota lag ruhig vor Cyriell, suchte in seinem Gesicht nach Regungen, nach Erkennen, und verfolgte nur aus den Augenwinkeln Sheenas Vorgehen. Der junge Rüde sah sie an, sah zu Sheena, aber sein Blick blieb Ausdruckslos, blieb weit fort, blieb verborgen an einem Ort tief in ihm. Sheena berührte den Grauen nun an der Stirn, und zog die Berührung in Richtung seines Nackens herunter - Nyota leckte dem Jungwolf beruhigend über die Schnauze, während er sich mehr und mehr verkrampfte. Sie konnte nur hoffen dass seine Anspannung der Heilung nicht im Weg stand, und gerade angeheilten Muskeln nicht wieder zerriss. Die Weiße war am Nacken angelangt und leckte zärtlich über die Wunde, nicht anders als Banshee es seinerzeit bei ihr getan hatte.
Nyotas Blick hob sich in Richtung Himmel an, als sie glaubte Sonne auf dem Pelz zu spüren. Aber da war keine Sonne, nur Wolken, die grau und trüb dem abendlichen Himmel einen Vorhang vorschoben. Dennoch war da eine vertraute Wärme, in ihr und um sie herum - Nyota warf einen Blick zu der Priesterin hinauf, und glaubte auch in ihrem Fell Sonnenlicht zu erkennen. Mehr und mehr Wärme stieg in der Schwarzen auf, und beruhigte sie zusehends, während sie wieder begann Cyriells über die Schnauze zu lecken. In ihren Augenwinkeln erkannte sie das Sheena noch immer unbeirrt weiter machte, schließlich schwankte die Fähe leicht. Nyota widmete ihr nun ihre ganze Aufmerksamkeit, ohne die Berührung zu Cyriell abzubrechen. Die Schwarze hatte keine Ahnung wie soeine Heilung verlief, aber angenehm konnte es nicht sein, so wie es aussah...schließlich stand auch Sheena wieder ruhig, und sog so gierig die Luft ein als hätte sie Minutenlang keinen Atem mehr geschöpft. Nyotas Augen lagen sofort wieder auf denen des Rüden, die nun viel mehr Klarheit in sich trugen. Ausserdem konnte er den Kopf schon wieder anheben. Ein Lächeln verlor sich auf ihre Leftzen, und etwas Fragendes schlich sich dazu, als sie einen Blick auf seinen Nacken warf. Was zum..?
Aber egal, es war jetzt wichtiger auf den Rüden aufzupassen und Aryan ausfindig zu machen - nicht dass der Schwarze gleich noch jemanden verletzte. Und Gani hatte sich noch immer nicht bei ihr gemeldet...

"Danke Sheena"

wand sie sich an die Weiße, blieb jedoch vorerst liegen, und stieß Cyriell sanft mit der Nase an.

"Fühlst du dich besser? Sheena hat dich geheilt, aber ruh dich noch ein wenig aus...ich werde nach deinem Bruder sehen."

verkündete sie ruhig, aber bestimmt, und hob den Kopf um sich umzusehen. Banshee war noch nicht wieder da. Mh, mh. Dafür näherte sich ihnen eine weiße Fähe, die Nyota als Ruiza ausmachte, und ein Stück dahinter folgte Aszrem, Banshees Tochter Malicia im Schlepptau. Die Schwarze seufzte leise. Ihr war viel mehr danach mit Aszrem durch den Wald zu toben als nach einem verrückt gewordenen Aryan zu suchen...


Nur am Rande bekam er die Unterredung mit, die Aufmerksamkeit war auf seichte und leise Schritte gelegt. So leise, dass sie wohl niemand Normales wahrgenommen hätte. Doch die Sinne waren zum zerreißen gespannt. Ein leiser Atem, ein stiller Herzschlag. Ein elektrischer Impuls. Er fühlte sich beobachtet, er roch diesen süßlichen Duft. Dann öffnete er die Augen und lenkte den Blick in eine bestimmte Richtung. Er erkannte sofort. Nichts entging seinen klugen, fürchterlichen Augen. Ein schwarzer, hochgewachsener Körper, lange Läufe, tiefe, blaue Seelenspiegel. Ein fremder Hüne. Ungeachtet von Kengo und Gani. Doch Aryan sah ihn. Spürte seine Ankunft, noch bevor er überhaupt beschlossen hatte hier einzutreffen. Wieder erstarrte jeder Muskel, wie Stein. Nichts rührte sich. Nichts geschah und doch bewegten sich Welten im Inneren des Schwarzen. Wie vertraut er ihm schien – obwohl sie sich nicht kannten, niemals zuvor gesehen hatten. Und doch war diese Verbundenheit zu spüren. Irgendetwas, was die Beiden verband. Vielleicht war es auch nur Einbildung. Er konnte sich nicht auf diesen Körper verlassen, obwohl die Sinne unübertroffen genau waren. Das Haupt richtete sich ein Stück auf. Wieder war Aryan ein Stück gewachsen und hatte nun eine seltsame, fast schlaksige Größe erreicht. Nur die Muskelstränge zeigten Stärke und Kraft.Ein Lauf wurde angehoben und zwei Schritte auf den Fremden zu gegangen. Ohne das Augenmerk von ihm zu nehmen, richtete er folgende Worte an den blinden Hünen:

“Sei nicht grob zur Prinzessin.“

War es der aufkeimende, alte Sarkasmus? Schließlich schritt er gänzlich, wenn auch langsam auf sein fixiertes Gegenüber zu. Und er blieb erst stehen, als die Rüden nur noch wenige Zentimeter trennten. Lange sah er in die verschlossenen, blauen Augen, während seine Sinne den Körper des Rüden analysierten. Größe, Gewicht, Kraft und Stärke. Wie lange diese Begegnung dauerte, konnte der Schwarze nicht richtig einschätzen. Vielleicht 15,73 Sekunden. Ein tiefer Atemzug.

“Meine Sinne sind stärker als die der Anderen, deswegen“,

beantwortete er eine stumme Frage. Urplötzlich erstarb das leichte Lächeln, dass sich Stück für Stück auf die Lefzen gelegt hatte. Eine laute Stimme; eine welpische; rief etwas Undeutliches. Es war so laut, dass es fast schmerzte. Nur langsam wurde es leiser und Aryan konnte verstehen, was sie sagte.

'Mama, Aryan hat mir weh getan... mein Bruder hat mir weh getan...',

schallte es in seinem Kopf. Eine vertraute, geliebte Stimme. Eine so klangvolle und besondere. Cyriell. Aber was waren das für Worte? Wo kamen sie her? Konnte dieser Körper so vieles verstehen? Aber ihre Mutter war tot, schon lange. Es war ein Stück zu viel. Er musste zu seinem Bruder. Ein seltsames und stupides verlangen, etwas, dass er nicht wissen konnte oder nicht fühlen durfte, weil es nicht sein Gut war.

'Cyriell...',

dachte er laut. Nein, er hatte seinem Bruder nicht weh getan. Er wollte ihm nie Leid zufügen. Er wollte ihn doch in Sicherheit wissen. Wie Gani, wie Daylight und wie seine kleine Tochter Aléya. Oh Aléya. Er musste sie wiedersehen, wieder spüren. Seine geliebte Tochter. Und Daylight, suchte sie ihn schon?
Er musste zurück, er musste zu seiner Familie.


Der Regen fielen weiter vom Himmel hinab. Die Tropfen hatten ein einzigartiges Muster aus Wasserperlen über ihr Fell gelegt. Es war nicht kalt, eher sogar ein leichter Sommerregen, auch wenn der Sommer noch nicht da war. Und doch spürte Jumaana, wie sie zitterte. Sie war nicht überrascht, als Shani Caiyé ihre Schnauze ihrem Fell vergrub, sie verspürte keinerlei Misstrauen gegen die kleine Fähe. Immer hatte Jumaana an das Gute geglaubt, war jedoch nicht leichtgläubig geworden. Ihr scharfer Verstand und ihre einzigartigen Sinne hatten ihr immer den Weg gewiesen, auch wenn es nicht immer der richtige gewesen war. Wieder seufzte sie und grub ihrerseits ihre Schnauze in das Fell Shanis. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie war nicht mehr in der Lage, etwas zu sagen. Stumm schloss sie ihre meeresgrünen Augen, vergaß alles um sich herum und konzentrierte sich nur darauf, Shani still beizustehen. Sie wusste, dass eine lebensfreudige Wölfin wie die Gefährtin Hiryogas entweder lange trauern würde oder sich abzulenken wissen und eine Wende in ihr Leben einbrachte. Bei Shani tippte Jumaana eher auf letzteres, auch wenn sie die kleinere Fähe nicht gut kannte. Vielleicht war es auch nur eine Hoffnung, doch die junge Polarwölfin ließ sich nicht von dem Gedanken abbringen. Sie dachte einfach nur an das Gute. Hoffte. Wusste. Träumte.
Jumaanas Unterbewusstsein sagte ihr, zurück zum Rudel zu gehen, um Hilfe zu holen. Doch es war nicht die altbekannte Stimme Feenkinds sondern eine sanfte, besorgte Stimme – ihre eigene Stimme. Aarinath wäre niemals so geduldig, würde eher drohen als bitten, obwohl sie doch eine „Freundin“ in diesem Sinne für Jumaana war. Ihre Schwiegermutter. Doch Jumaana hörte nicht auf sich selbst. Geflissentlich, wie sie Feenkind manchmal überging, überging sie auch ihre eigene Stimme und konzentrierte sich auf Shani Caiyé, die sich immer noch fest an die Weiße drückte. Sie redete nicht auf die kleinere Wölfin ein, weil sie nicht lügen wollte, indem sie „alles ist gut“ oder „nichts passiert“ murmelte, weil es eben nicht stimmte. Jumaana wollte und konnte andere nicht anlügen, Shani schon gar nicht. Zumindest nicht in dieser Situation. Shanis Gefährte hatte sich „aufgelöst“, sie blutend und am Boden zerstört zurückgelassen, doch Jumaana empfand keinen Hass gegen den Rüden. In gewisser Weise war er nicht Schuld, und doch verantwortlich für das Geschehene. Die Gefährtin des schwarzen Takashis war unentschlossen, jedoch fühlte sie sich nicht hilflos.


Es war bereits spät am Abend, als Ykari endlich erwachte. Sie hatte den Nachmittag verschlafen und das Reh verdaut. Sie hoffte, bald ein Rudel zu treffen, was sie einerseits auch wieder bezweifelte.
Sie richtete sich auf, schaute sich kurz um und lief dann wieder los. Kurze Zeit später erreichte sie die Flüsse wieder. Hatte se etwa den falschen Weg eingeschlagen? Seltsam. Normalerweise schlug sie nie den falschen Weg ein. Verwirrt betrachtete sie das Wasser, dass an ihr vorüber sprudelte. Sie seufzte innerlich auf und drehte sich um und erschrak.
Sie wich einige Schritte zurück, bis das Wasser ihre Pfoten bespühlte.
Vor ihr stand ein riesiger Bär auf seinen hinteren Beinen aufgerichtet. Sein Blick war starr auf Ykari gerichtet und in seinen Augen funkelte es erbost und höchst zornig.
Sie hatte keine Lust, sich mit einem Bären anzulegen, wusste aber gleichzeitig nicht, wie sie würde entkommen können. Zu beiden Seiten ging es nicht, da dort scharfe Steine lagen und hinter ihr war das Wasser - sie konnte nicht schwimmen. Und vor ihr stand der Bär. Sie würde ihm nicht entkommen können.
Plötzlich durchschnitt eine seiner riesen Pranken die Luft und traf ihre linke Schulter mit voller Wucht. Sie jaulte laut auf und durch den Schlag wurde sie zur Seite gewirbelt - direkt auf die spitzen Steine.
Einige bohrten sich in ihr Fleisch und hinterließen lauter Schmerzen.
Mühsam richtete sie sich auf, bevor die nächste Tatze sie erwischte. Sie fuhr von oben nach unten über ihre rechte Gesichtshälfte und hinterließ eine tiefe Schramme.

Hilfe! Hört mich jemand? Ich brauche Hilfe!

Schrie sie so laut sie konnte, doch gleichzeitig bezweifelte sie, dass sie von jemandem gehört wurde.


Der Rüde mit den klaren Augen stand noch nicht sonderlich lange dort im Regen, versuchte zu analysieren, was dort vor sich ging und einzuschätzen, wie sich die Situation für ihn dar stellte – da geschah etwas, womit der Jäger niemals gerechnet hatte.
Es war nichts außer dem Plätschern des Regens zu hören, da er stehen geblieben war, konnten seine Pfoten keinen Laut mehr geben, dabei hatte er sich sehr leise fort bewegt und die anderen hatten ihn nicht entdeckt. Er stand so mit der Windrichtung, dass sie ihn nicht wittern konnten und ihre Augen vermochten den schwarzen im Zwielicht nicht auszumachen. Das es seine eigenen konnten, verdankte er einigen Tatsachen, unter anderem natürlich sein Vererbung, zum anderen der Punkt, der ihn immer wieder in Rage fallen ließ, so dass der Rüde schnell den Gedanken zur Seite schob und sich mehr mit anderen Dingen beschäftigte.
An erster Stelle mit dem schwarzen Wolf, der sich plötzlich umwandte. Keine einfache Bewegung, keine natürlich Bewegung. Kontrolliert und Ziel gerichtet.
Still stand Shaén da, vermochte sich nicht weiter zu rühren, hatte keine Zeit zu reagieren, denn schon lagen die schwarzen Augen auf ihm, hielten ihn gefangen. Gebannt blickte der Rüde dem fremden Wolf aus dem Dunkel entgegen. In seinem Innern spielte sich ein seltsames Schauspiel, eine Mischung aus Erstaunen und Überraschung, Faszination und auch ein wenig Argwohn, ab. Er konnte es nicht zu ordnen. Wie war es dem Rüden, der jünger als er sein musste, gelungen, ihn aus dieser Entfernung ausfindig zu machen?
Als sich der Wolf dann jedoch kurz an seine Gefährten wandte, keimte einen kurzen Augenblick der Verdacht in ihm auf, dass er es sich bloß eingebildet hatte.
Der Jüngling musste schon mehr als nur besondere Gaben haben, wenn ihn denn wirklich gesehen hatte. Abwartend hielt der Heimatlose die Luft an, abwartend.
Er wartete nur ein paar wenige Herzschläge, da stand der Jüngere auch schon vor ihm. Shaén rührte sich nicht, nicht weil er nicht konnte. Er wollte auch nicht. Zu sehr war er gefesselt, gebannt von diesem Anblick. Die schwarzen Augen, die ihn musterten, sich analysierend und abschätzend über seinen Körper bewegten, wurden von einem paar klarer Augen erwidert, der er seinerseits wandern ließ.
Die bereits schon ungewöhnliche Größe, die Muskelstränge, die von Kraft und Schnelligkeit zeugten, der dichte Pelz, widerstandfähig und natürlich die Augen, an denen er unwillkürlich hängen blieb.
Es war mehr als offensichtlich, dass er es hier mit einem besonderen Wolf zu tun hatte, der hier, direkt vor ihm, in einem abgelegenen Sumpfgebiet stand.
Das etwas in ihm auf den Fremden reagierte, dieses Etwas sich regte, aus einem tiefen Schlummer erwachte, ließ den Rüden aufmerksamer werden. Die Ohren waren wachsam nach vorne gedreht, die Nackenkrause noch immer wild zerzaust und aufgestellt. Es knisterte stärker in der Luft, eine gewisse Anspannung erfüllte ihn, obwohl er sich nicht schlecht dabei fühlte. Im Gegenteil.
Ein angenehmer Geruch, der – sofern sich seine Nase neuerdings nicht täuschte – von dem Jüngling auszugehen schien, erfüllte die Luft und seine Lungen. Seine Sinne benebelte es jedoch nicht, sein Verstand blieb wach und klar. Abstinent.
Eine seine Frage löste sich gleich in Luft auf, denn der Fremde beantwortete sie noch, bevor er den Kiefer öffnen und seine Stimme zum Klingen bringen konnte.
Stumm nickte er nur, dass hatte er sich denken können und hatte es auch selber gesehen.
Was ihn aber dennoch erstaunte war dieses Etwas, welches sich immer mehr in seiner Brust regte. Als hätten die schwarzen Augen etwas bekanntes in ihm wach gerufen, etwas...
Er brauchte gar nicht weiter denken, musste nicht überlegen. Es war so klar, einfach nur klar. Eigentlich hätte er es sofort erkennen müssen.
Als ein Name erklang, zumindest vermutete es der Dunkle, legte er nur leicht den Kopf schief und einen fragenden Ausdruck auf seine Mimik, die Augen blieben jedoch klar und unberührt aufmerksam.


Mit pochendem Herzen lag Aléya zusammen gekauert zwischen den Wurzelballen, hielt den Atem an und gab keinen weiteren Laut von sich. Es war still, so einsam im Wald. Nur der Regen plätscherte und langsam aber sicher wurde es immer dunkler. Oder bildete sie sich das auch nur ein, weil sie den Kopf unter den Pfoten vergraben und die Augen geschlossen hatte? Das musste es sein. Irgendwie ein schönes Gefühl, so ganz alleine im Wald zu liegen und die Tatsache, dass Amúr gleich eine gewaltige Überraschung erwarten würde, machte die ganze Sache natürlich noch besser.
Leicht fing die Rutenspitze der Weißen an zu wippen, doch als sie ihr Öhrchen lauschend nach hinten drehten, hielt sie wieder inne. So konnte sie nichts hören und wenn sie Amúr verpasste oder diese sie entdeckte... nicht auszudenken, dann war ja ihr gesamter Streich für die Katz gewesen. Das wollte die Welpin natürlich auch nicht.
Also zwang sie sich, still zu halten und ruhig abzuwarten. Doch nichts passierte. Bestimmt erlaubte sich ihre Freundin ihrerseits einen Scherz, aber da würde sie nicht mit spielen! Unter keinen Umständen!
Die Zeit verstrich nur langsam, es kam ihr so vor, als würde sie schon gaaaaaaanz lange so da liegen, zusammen gerollt und unter den Baum gekauert, wartend auf den Hinterhalt. Ihre Muskeln, die anfangs noch freudig gespannt waren und auf ihren Einsatz wartete, waren inzwischen müde und schlaff geworden. Ein Gähnen konnte sie sich mit der Zeit auch nicht verkneifen.
Wo blieb ihre Freundin denn bloß? Verständnislos rappelte sich Aléya schließlich doch wieder auf. Ihre Läufe begannen zu kribbeln, als würden Ameisen darüber hin weg krabbeln und sie beißen. Welch unangenehmes Gefühl!

Heeeey! Hallo!

, rief sie, blickte sich suchend um, doch ihre Stimme war zu leise und ihre Augen erblickten nur Schwärze. Keine Amúr.
Es war Dunkel geworden. Das ging aber schnell, dabei hatte sie eben doch nur ein bisschen die Augen zu gemacht...
Ohne zu begreifen, dass sie eingeschlafen war und ihre Freundin keinesfalls in ihrer Nähe war und ihr einen Streich spielen wollte, sprang die Welpin los. Schnellen Schrittes lief sie zwischen den Bäumen entlang, versuchte die Fährte Amúrs aufzunehmen. Vergeblich. Sie war noch jung und im Fährtenlesen noch nicht sehr geübt. So kam es, dass sie sich ebenfalls schnell verlief und bald keine Ahnung mehr hatte, wo sie sich befand.
Welch doofe Idee in den Wald zu gehen. Geknickt ließ sie sich auf den Boden plumpsen, vergrub die Schnauze unter den Pfoten und jammerte leise.

Papa...

, winselte sie und das Bild ihres dunklen Papas, der mit ihr am See stand und mit ihr im seichten Wasser spielte tauchte vor ihren Augen auf.

Papa.

, rief sie nun schon lauter, schluchzte. Wo war er bloß? Konnte er nicht einfach her kommen und wieder mit ihr an den See gehen? Wenn er hier wäre, dann würde alles gut werden. Er würde gewiss mit ihr schimpfen, weil sie alleine in den Wald gegangen war, aber selbst das war ihr gerade lieber, als in diesem riesigen Wald alleine zu sein.

PAPAA!

Ihre zarte Stimme hatte wieder ein wenig an Kraft gewonnen, war aber voller Verzweiflung und auch Angst. Hier so alleine im Wald, im Dunkeln. Inzwischen war es längst kein Spiel mehr und der Mut, die Abenteuerlust hatten sich aus dem Staub gemacht. Einzig eine kleine Fähe, die sich nach ihren Eltern, nach Geborgenheit und Sicherheit sehnte war zurück geblieben. Könnte sie doch nur wieder mit Aryan am See spielen...Der See! Das war es!
Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie musste den See erreichen. Natürlich war dies leichter gedacht als getan, aber sie konnte hier in der Nähe ein kleines Gewässer wahr nehmen. Schnell und mit frischem Mut trabte die Weiße auf das Bächlein zu, welches durch den Wald gluckerte. Der würde ihr den Weg zeigen. Denn eines wusste sie schon ganz gewiss: Bäche führten zu Seen. Also nichts wie hin! Ein Rascheln hinter ihr ließ die Kleine jedoch zusammen fahren und herum wirbeln. Was war das?! Ein paar Augen leuchtete in der Dunkelheit auf, spitze Zähne schimmerten ihr grell und todbringend entgegen und mit einem schrillen Angstschrei stürmte die Fähe Hals über Kopf los. Ein Monster! Ein Waldmonster und es wollte sie fressen!!
Ziellos stolperte sie durch das Unterholz, in helle Aufregung versetzt, hechtete am Bach entlang, das Einzige, was ihr im Kopf geblieben war.Ungewöhnlich schnell, sie hatte sich wohl am Rande des Wandels verirrt und hatte diesen vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen, erreichte Aléya den Waldrand, stürzte panisch daraus hervor und sah sich dem still da liegendem See gegenüber. Nur ein Gedanke klammerte sich an ihren Geist, ihr Verstand war vor lauter Angst vor dem Ding im Wald längst abgeschaltet: Ihr guter, großer, starker Vater Aryan.

PAAPAAA!! HILFEEE!!

Vor lauter Panik war die Stimme der Hellen mehr ein schrilles Kreischen, entsetzt und völlig verängstigt. Er musste doch am See sein, bitte, bitte. Hilfe, irgendwer! Jemand musste sie vor dem Wesen retten, welches sie fressen wollte.
In ihrer kopflosen Flucht und in einem Zustand, in dem sämtliche Sinne, Gedanken vernebelt waren, stürzte sich Aléya auf die wabernde Nebelschicht, hinter der sie glaubte Schutz zu finden, bis ihr Papa sie finden würde.


Tascani Amour begann die kuriose Situation so zu gefallen, dass er - durch seine eigene Kuriosität zusätzlich berauscht – in seinem federnd tänzelnden Gang wiegende Schritte vor Amáya vollführte. Offenbar würde sie ihn nicht wirklich stehen lassen. Im Gegenteil, sie würde ihn in ein Paradies wunderschöner Fähen und intensiver Bekanntschaften führen. Dazu war er ja auch hier … um als Adonis dieser einzigartigen Welt der weiblichen Wesen die Richtung zu weisen. Schließlich war er fürstlicher Abstammung und war von weit her gereist, um mit neuen, hier fremden Höflichkeitsformen zu beeindrucken.
Sicher würden sie von seinem Charme begeistert sein. Waren doch diese ungehobelten Rüden allesamt zu unsensibel und egozentrisch! Er hatte bisher keinen getroffen, der „seinen“ Ansprüchen hätte genügen können … so eingebildet es auch klingen mochte: Tascani war einfach für die Fähen geschaffen. Und zwar für alle.

„Oh, sie wieder hat mir geschenkt ihre Lächeln, das macht meine Herz ganz aufgeregt!“

säuselte er dem kleinen Welpen zugewandt und ließ sofort wieder seinen Blick in ihre Richtung schweifen.
Innerlich höchst amüsiert beobachtete er ihre Reaktion. Dass er sie mit seinen Aussagen definitiv nicht berührte, war ihm bewusst. Dennoch war er sich nicht sicher, ob sie seine Schmeicheleien nicht doch irgendwie genoss. Er würde jedenfalls nicht locker lassen. An ihm würde sie sich die Zähne ausbeißen können. Er blickte tief in ihre außergewöhnlichen Augen und zwinkerte ihr schelmisch zu. Dann, um ihr jeden Protest zu nehmen, setzte er sich schon wieder in Bewegung und ging auf Tascurio zu.

„Möchtest du sein so liebeswürdig und mir erzählen etwas von deine Familie? Isch schon bin ganz neugierig auf eure ganze Rudel! Haben du ein große Schwester?“

Er setzte sich aufmerksam lächelnd vor den Kleinen und war ganz der interessierte Zuhörer – was ihn nicht davon abhalten konnte, immer mal wieder in Richtung der Schwarzen zu schielen.


Kensharion blickte den Welpen mit seinen eisblauen Seelenspiegeln an und als dieser zu sprechen begann, schnippten seine Ohren nach vorne. Seine Begrüßung erschien dem Hünen ausgelassen, wenngleich es nur ein einziges gesprochenes Wort war. Sein Lächeln jedoch machte eher den Eindruck, als hatte er irgendeine Sünde begangen, die er durch seine fröhliche Art überspielen wollte. Innerlich schob Kensharion diesen Gedanken ab. Wie konnte so ein junger Wolf eine gravierende Untat vollbringen? Wenn er denn etwas getan hatte, so waren es sicherlich nur sinnlose Welpenstreiche gewesen, die zur Unterhaltung gedient hatten. Doch andererseits hatte der Schatten das Gefühl, als war all dies nur gespielt. Der junge Wolf wirkte auf einer unbeschreiblichen Weise ernst, wenngleich er es nicht so zeigte. Kaum merklich schüttelte er sein Haupt. Überinterpretierte er diesen Welpen etwa? Konnte so junge Wesen überhaupt schon so komplexe Gefühle haben?
Die Stimme seines Schützlings riss ihn wieder aus seinen Gedanken. Er wunderte sich über die Worte, hatte er doch nichts von kennen lernen erwähnt. Er hatte in der Tat vorgehabt, Krolock ein wenig näher kennen zu lernen, doch wieso wusste dieser das? Er konnte schließlich keine Gedanken lesen. Dennoch bahnte sich eine Spur der Neugier an, als er von einem wichtigeren Thema sprach. Was meinte er mit Sicherheit? Meinte er etwa das Nichts? Kensharion hätte nicht gedacht, dass sie der Welpe mit so was beschäftigen würde. Doch er würde seine Worte abwarten müssen, schließlich war er keiner der Sorte, der voreilige Schlüsse zog.

“Na, was werde ich wohl hören?“

Meinte Kensharion dann, seine Stimme klang jedoch ruhig und beherrscht, sodass es sich keineswegs so anhörte, als würde er Krolock nicht ernst nehmen. In der Tat nahm er ihn ernster, als andere Welpen, den er hatte eine Art, die seine Worte gut vermittelten.

“Gut, dann lass uns zum See gehen“

Meinte er dann, seine Stimme noch immer so ruhig wie zuvor. Er hob sein Haupt wieder und setzte sich in Bewegung. Kurz hielt er inne und blickte wieder zu dem Welpen. Sein Grinsen kam ihm etwas merkwürdig vor, doch er war ein Welpe und Übermut war ihm gewährt.


Madoc blickte die schwarze Fähe an. Sie wirkte ein wenig verbissen, vielleicht sogar verstört. Was hatten Aradis und Rakshee wohl gesagt, dass sich so verhielt? Als Kisha jedoch zu sprechen begann, war für den Sternentänzer alles geklärt. Sie wollte nicht Kisha genannt werden, aber wieso? Der Albino zeigte sich ein wenig verwundert. Hatte er es etwa falsch in Erinnerung? Hieß die Fähe wirklich Aceysha? Er war verwirrt und blickte sein Gegenüber verständnislos an.

“Entschuldige … aber ich hatte dennoch in Erinnerung, dass man dich Kisha nennt, nennen dich die anderen Aceysha?“

Meinte er schließlich, seine Stimme klang weder freundlich noch unfreundlich, einfach neutral. Doch er stufte Kisha schon jetzt als merkwürdig ein, denn die Art, wie sie auf den Namen reagiert hatte, hatte etwas Eigenartiges. Außerdem wusste Madoc sich auf sein Gedächtnis zu verlassen und glaubte einfach nicht daran, dass sie nicht so hieß, wie er sie zuvor angesprochen hatte. Sie wollte ihm doch nicht im Ernst weismachen, dass er sich etwas Falsches gemerkt hatte? Unmöglich. Der Sternentänzer zielte mit seinem feuerroten Blick auf sie, versuchte zu erkennen, was sie zu solch einer Reaktion veranlasst hatte.

“Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass du den Namen Kisha trägst, alle rufen so nach dir, wieso willst du es nicht wahrhaben?“

Meinte der junge Weiße schließlich, das Unverständnis in seiner Stimme war nun unverkennbar, schlug beinahe in Kälte um. Mit was für einem Wesen hatte er sich nun schon wieder abgegeben? Wieso verfolgte auch immer ihn das Pech? Er hätte sie niemals ansprechen sollen, sicherlich gab es auch einen Grund, warum sowohl Aradis, als auch Rakshee ihrer Gesellschaft entflohen waren, sie war einfach eine merkwürdige Fähe. Aber noch würde Madoc abwarten, er wollte schließlich auch nicht unhöflich sein, bevor er sich ein komplettes Bild über diesen Wolf verschaffen hatte.


Kylia schnüffelte aufmerksam am Boden herum, die Nase tief in die matschige Erde gedrückt versuchte sie ziemlich hilflos den Geruch von Amiyo aufzunehmen. Hatte er nicht eben noch an einem Grashalm geklebt? Sie war sich ganz sicher. Vorsichtig schob sie sich ein paar Schritte zurück, glitt an jedem Grasbüschel entlang, fand jetzt aber nicht mal mehr die Spur, die sie eben noch so hoffnungsvoll gestimmt hatte. Wo war er nur? Wäre er wirklich fortgegangen, hätte er sich verabschiedet, da war sich Kylia ganz sicher. Er würde nicht einfach so verschwinden, das passte nicht zu ihm. Aber was war dann geschehen? Wäre nur nicht der ewige Regen, dann könnte sie seine Spur verfolgen, aber so wusch das Wasser jeden Geruch davon und ließ Kylia ziemlich alleine im Regen und in der Dunkelheit stehen. Kein schönes Gefühl. Mutlos trabte sie zwei Schritte weiter, die Nase wieder im Schlamm versunken, meinte manchmal etwas gefunden zu haben und stellte dann fest, dass es doch nur irgendein anderer Wolf aus dem Rudel war, der hier gelaufen war. Sie seufzte leise, überlegte sich, ob sie nicht umdrehen und zum Rudelplatz zurückgehen sollte, als sie einen Hilferuf hörte. Sofort stellten sich ihre Ohren auf, aufmerksam lauschte sie in die Nacht hinein. Doch, da hatte wer geschrien. Und plötzlich schlich sich ein beängstigender Geruch in ihre Nase, den sie vor lauter Spursuchen nicht bemerkt hatte. Ein Bär. Zögernd, eine Pfote erhoben, stand sie da, die Schnauze in die Luft gestreckt und leicht zitternd. Da brauchte ein Artgenosse von ihr Hilfe. Sollte sie nun rennen, wie sie schon einmal gerannt war und andere holen oder sollte sie es selbst versuchen? Vielleicht würde sie sonst zu spät kommen? Leise und doch schnell und geschickt schlängelte sie sich durch die Baumstämme, erreichte einen Bach, folgte seinem Lauf und hielt dann inne, als sie das Schauspiel vor sich sah. Eine Wölfin lag auf den Felsen im Bach, der Bär über ihr. Ohne darüber nachzudenken begann Kylia wie wild zu kläffen, heulte, jaulte, bellte, zischte, knurrte, fauchte, führte sich auf wie wild geworden und hoffte, dass die Nase des Bären vom Regen verwischt wurde und er sie so für nicht nur eine Wölfin, sondern gleich ein ganzes Rudel hielt.

Einige Sekunden vergingen, dann klappten die Ohren des großen Tieres zurück, er starrte einige Sekunden in die Dunkelheit, dann trollte er sich, nicht ohne noch einmal in die Dunkelheit zu fauchen.

Kylia fiel ein Stein vom Herzen. Einige Herzschläge stand sie noch ganz stumm da, wartete, bis der Bär auch aus ihrem Geruchsfeld hinaus war und stürzte dann zu der Wölfin. Sie sah nicht gut aus.

“Was ist passiert, geht es dir gut? Brauchst du Hilfe?“

Die Steine, auf denen die Fremde lag, sahen zwar nicht gerade gemütlich aus, einige hatten scharfe Spitzen, dennoch schien es keine ernsthafte Verletzung zu geben. Es hätte weit aus schlimmer aus gehen können.


Ykari hob vorsichtig den Kopf, als der Bär verschwunden war. Sie hatte das gekläffe einer Horde, wie sie glaubte, gehört, doch nun sah sie lediglich zwei Pfoten. Sie schaute durch den Regen in die Dunkelheit in zwei helle Augen.
Wer war das? Sie kannte diesen Wolf mit Sicherheit nicht. Ihre Stimme klang vertraulich. Momentan konnte sie nur ihre heile Körperhälfte sehen, wie würde sie reagieren, wenn sie den restlichen Körper sah?
Unwissen richtete sie sich vorsichtig auf - die heile Seite imer noch zu ihr gekehrt.

Danke, dass du gekommen bist. Lange hätte ich nicht mehr ausgehalten. Danke.

Langsam drehte sie sich richtig zu ihr um und schaute sie aus beiden Augen an. Doch vor Schmerzen musste sie ihr rechtes Augen halb zukneifen. Es tat einfach alles weh. Dann fing sie an zu zittern. Immer mehr, bis ihre Beine unter ihr nachgaben und sie wieder auf den Steinen zusammen sackte.

Ich kann nicht mehr.

Brachte sie mühsam hervor.

Ich kann nicht mehr.

Sie schloss die Augen und wartete in der Stille, die kurzzeitig herschte. Plötzlich war sie sich sicher:
Sobald es ihr wieder gut ging, würde sie in die Sümpfe heimkehren. In ihr kleines, matschiges, für andere unsicheres, für sie sicheres zu Hause, in dem sie immer halb verdurstet und halb verhungert war, aber doch alles kannte. Und dort gab es keine Bären.
Sie wurde in ihren Gedankengängen unterbrochen. Ein höllischer Schmerz durchzuckte ihren Körper und sie spürte regelrecht, wie das Blut ihr über das Fell sickerte. Nicht mehr lange, und sie wäre mit ihren Kräften, die sie versuchte vereint zusammen zu bringen, zu Ende. Dann würde sie aufgeben und hoffen, dass das Ende schnell kam. Oder würde ihr die Wölfin so gut helfen können, dass sie wieder zu Kräften kam? Würde sie ihr so gut helfen können? Oder war das doch wieder nur eine verzweifelte Hoffnung ihrerseits, die nie würde in Erfüllung gehen?


Als der große Rüde aufsprang und zum Waldrand lief, erstarrte Malicia. Ihre Gesichtszüge waren wie versteinert, in der Sekunde eingefroren. Noch lag ein fragender Ausdruck auf ihrem stummen Antlitz, den sie aufgesetzt hatte, als sie Aszrem nach seiner Gefährtin gefragt hatte. Ihr heißes Blut war in ihren Adern zu Eis erstarrt, der schlanke, große Körper war steif und unbeweglich. Ihr seltsam verklärter Blick war still auf die vier Wölfe am Waldrand gerichtet, doch eigentlich schaute Malicia ins Nichts. Sie blickte durch Aszrem und Cyriell hindurch und sah auch Sheena und Nyota nicht.
Erst Minuten später taute die Schwarze wieder auf, ihre meerblauen Augen wurden traurig, die Taubheit wich aus ihrem Körper und das Blut pulsierte wieder durch ihre Adern. Doch Malicia beruhigte sich nicht; im Gegenteil, während auf ihrem Gesicht ein weicher, verständnisvoller Ausdruck lag, waren ihre blauen Augen hart. Ihr Körper bebte, zitterte. Die Fähe rang um Fassung. Erst als sie sich wieder im Griff hatte, sprang sie auf und schritt angespannt und diszipliniert auf die kleine Gruppe zu. Ihre tiefblauen Augen waren streng auf die anderen gerichtet, sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Und doch waren ihre Gesichtszüge freundlich und offen. Sie stand im Gegensatz zu sich selbst. Normal für Malicia waren ihre seltsamen Stimmungsschwankungen, doch jetzt war sie zweiseitig. Zwei Seiten, die sie nicht im Griff hatte.

.( Malicia! ).

Die Schwarze knurrte, ein schreckenerregender Laut, tief aus ihrem Inneren. Es wuchs zu einem Grollen an, ihr ganzer Körper bebte. Rasch drehte sie sich um, weg von Cyriell, Aszrem und den Fähen und flüchtete in den Wald. Sie wollte, konnte, nur noch allein sein. Sonst würde sie womöglich noch irgendwen verletzen. Ihre eine Seite, und die andere würde dann vor schlechtem Gewissen sterben. Malicia wusste nicht weiter. Sie lief weiter und weiter in den Wald hinein, doch sie hatte fest vor, zurückzukommen, allein um Banshee nicht wieder zu enttäuschen.


Kylias Kopf kippte leicht zur Seite, als eine Regung von der Fremden ausging. Sie bewegte sich und richtete sich dann sogar halb auf. Ein Lächeln huschte über die Lefzen der Braunen, scheinbar ging es der verletzten Fähe wirklich nicht so schlecht. Auch reden konnte sie noch und bedankte sich aufrichtig. Kylia machte eine wegwischende Geste mit der Pfote und wollte ein paar entspannte, beruhigende Worte von sich geben, als die Schwarze sich langsam drehte und dabei gar nicht mehr so fit aussah. Ihre rechte Seite sah weniger gut aus als die linke und zudem begann sie ziemlich zu zittern. Sorge und fast ein wenig Angst huschten durch Kylias Blick, während die Fremde wieder anfing zu reden, diesmal aber ganz und gar nichts Positives. Sie konnte nicht mehr? Wie? So schlimm sah es auch wieder nicht aus, hatte sie möglicherweise innere Verletzungen? Bevor die Braune zu Ende gedacht hatte, klappte die Fähe einfach vor ihr zusammen, lag wieder auf den Steinen und wirkte, als würde sie gerade sterben. Oh nein! Kylia hatte ihr gerade das Leben gerettet, da konnte sie doch nicht einfach vor ihrer Nase wegsterben!

“Hey!“

Sanft stupste sie die Fremde in die Seite, schnüffelte dann an den Wunden und wusch das Blut fort.

“Wach wieder auf, du kannst jetzt hier nicht liegen bleiben. Und noch viel weniger darfst du sterben, also mach die Augen auf! Hörst du mich überhaupt? Ich bin Kylia.“

Sie zögerte, stupste die Fähe dann erneut an, zog ihr einmal sanft am Ohr, hob ihre Schnauze leicht an.

“Ich lebe hier in diesem Tal, eigentlich ist es sehr schön, aber du hast ja leider nur die Dunkelheit, den Regen und diesen Bären kennengelernt. Das sind die unangenehmeren Mitbewohner. Wir haben es sonst viel schöner, wir haben sogar Welpen und ich bin Pate von einem von ihnen! Die kleine Neruí ist zuckersüß, sie würde dich bestimmt gerne kennenlernen. Und wenn ich ihr erzähle, dass wir gemeinsam einen Bären besiegt haben, wird sie vor Bewunderung übersprudeln, ganz sicher!“

Kylia plapperte einfach vor sich hin, wollte, dass die Fähe mitbekam, dass da wer war und sie jetzt nicht einfach einschlafen könnte. Aber was dann tun? Sie bräuchte Hilfe, um die Fähe aus dem Bach rauszubekommen und … konnten nicht einige Fähen aus dem Rudel heilen? Das wäre die Gelegenheit, das einmal gezeigt zu bekommen.

“Bist du noch da?“

Atalya
24.12.2009, 20:19

Eigentlich hätte Takashi vor ein wenig Zeit zum Rudelplatz gehen sollen. Doch heimlich hatten ihn seine Schritte erneut zu dem weißen Nebel, der wie bloß Leere aussah, geführt. Auf dem Weg dahin war er am Sumpfgebiet vorbei gekommen. Er war einigen Wölfen begegnet, fern und auch nah war er ihnen gewesen. Doch er blieb stumm und ging an ihnen vorbei. Bloß einmal war er kurz stehen geblieben. Ein schwarzer Rüde mit dunklen Augen war auf ihn zugegangen. Einige Schritte zuvor schien Takashi von ihm genauestens beobachtet worden zu sein. Doch der Rüde hatte irgendetwas sehr eigenartiges gefaselt. Takashi solle nicht grob zu der Prinzessin sein, was sollte das bloß heißen? Verwirrt und gleichzeitig fragend, zog Takashi die linke Augenbraue hoch. Vielleicht musste ihn der Schwarze mit wem anderes verwechselt haben, da Takashi mit diesem Satz überhaupt nichts anfangen konnte. Eine Frage unterband er, um vielleicht nicht auf die Verwechslung aufmerksam zu machen. Das seine Sinne stärker, als die der anderen waren, konnte durchaus möglich sein. Das kaufte er dem schwarzen Rüden ab, aber das Andere war wohl ein Missgeschick und nichts weiter gewesen. Kurz ging ein komisches Lächeln über Takashis Lefzen, dann ging er seinen Weg weiter. Nach einigen Metern warf er noch einen Blick nach hinten und schüttelte dann nur den Kopf. Er schlug wieder den Weg in Richtung Nebel ein, seinen Nebel, den er gefunden hatte. Zuvor hatte er noch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet gehabt, dass vielleicht noch jemand anderes davon erfahren und es entdeckt hatte. Bis er endlich dort angekommen war, dauerte es einige Zeit. Aber dann – was war das denn? War es denn etwa schon hier gewesen? Takashi konnte sich aber nicht daran erinnern, dass sich der weiße Nebel in der Nähe des Sumpfes befunden hatte. Jedoch schien dieses hier nicht sehr viel anders zu sein, bloß sehr viel größer! Geduckt und mit einem geringen Panikgefühlt durchquerte er das weiße etwas. Eine wirklich ungewohnte Situation, da er so etwas komisches noch nie zuvor erlebt hatte. Dieser weiße Bereich hier war wirklich besonderes groß, sodass sich der Schwarze hier einige Zeit lang aufhalten musste. War er hier eigentlich sicher oder konnte hier auch etwas passieren? Takashi wusste nicht so recht, ob er glauben sollte, ob ihm hier gleich irgendwelche fremden Wesen um die Ohren springen würden. Schließlich wusste man nicht, womit man es zu tun hatte. Immerhin konnte er keine fremde Fährte aufnehmen, was hier aber nicht unbedingt von Bedeutung war. Denn es schien so, als wäre hier Magie im Spiel. Vielleicht hatten auch komische Wesen wie Geister etwas damit zu tun. Desto weiter er in die Leere eintrat, desto mehr fühlte er sich wie im Nichts. Das Nichts, was leerer als Luft zu sein schien. Als er es dann schließlich verlassen hatte, betrachtete er es noch einmal von Außen. Es sah aus, als stände es einfach da anstatt vom Wald mit Bäumen und Büschen.
Das Revier war wirklich riesengroß und auch der See hatte eine große Fläche, sodass es lange dauerte, bis er an ihm vorbei gekommen war. Zwischendurch musste er hin und wieder einige Pausen einlegen, da er doch schon ziemlich erschöpft gewesen war. Doch weil Takashi wusste, dass da etwas Unbekanntes war, war er besonders neugierig und wollte erneut nachsehen. Höchstwahrscheinlich wurde er später den Anderen davon erzählen. Natürlich konnte Takashi nicht wissen, dass sich das Nichts schon an weiteren Stellen des Reviers ausgebreitet hatte und dass schon einige andere Wölfe davon wussten. Baum um Baum schien an ihm vorbei zu rasen und sein Ziel kam immer näher. Aber schon wieder musste er eine Pause einlegen und die Zeit schien sich wie Kaugummi lang zu ziehen. Plötzlich blieb Takashi dann ganz stehen und legte eine Trinkpause ein. Dabei beobachtete er die Wasseroberfläche, in der er sich spiegelte. Dabei bemerkte er, dass auch irgendetwas im Himmel fehlte. Die Sonne hatte sich nämlich schon länger nicht mehr blicken lassen. Und auch der Mond, der jetzt eigentlich langsam zu sehen sein müsste, war inmitten von Wolken vergraben. Außerdem regnete es schon eine Zeit lang. Zumindest war es kein starker Regen, der heftig vom Himmel herab prasselte. Also durfte dies nicht weiter störend für Takashi sein. Schließlich perlte der meiste Teil des Wassers, was vom Himmel viel, von seinem Fell ab. Aus weiter, weiter Ferne konnte man schon das weiße Schimmern zwischen den Bäumen sehen. Aber es schien noch ein sehr weiter weg zu sein. Takashi schnaubte ungeduldig und trabte weiter. Er wollte unbedingt wissen, ob sich an diesem sonderbaren Ort eine Veränderung ergeben hatte. Die große Neugierde stieg ihm noch beinahe zum Kopf. Er benahm sich ja fast wie ein Welpe! Aber den Anderen von etwas Bericht zu erstatten, was neu war, war eine Art Trumpfgefühl für ihn. Er wusste etwas, was die anderen nicht wussten und das war einfach toll für ihn. Heimlich schmunzelte er in sich hinein und stellte sich vor, wie er es auf dem Rudelplatz verkünden würde und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Ein Moment des Ruhmes, des Stolzes – aber Stopp jetzt mit diesem Gedankengang! Wenn er jetzt nicht seinen Hintern dahin bewegen würde, würde er es auch nicht verkünden können. Also weiter jetzt! Desto ungeduldiger der Schwarze wurde, desto länger schien der Weg zu werden. Zeitweise schien er schon ein fast beinahe beleidigtes Gesicht zu ziehen. Auf was für eine dumme Idee hatte er sich da bloß eingelassen? Er schüttelte bloß den Kopf und verdrehte die Augen. Ging denn dieser verdammte Weg jemals zu ende? Aber für ein bisschen Ruhm und Aufsehen musste man schließlich etwas tun! Immerhin fliegen einem ja nicht die gebratenen Tauben ins Maul. Das ganze Leben war voller Anstrengungen, wenn man etwas erreichen wollte. Immer und immer musste man selber etwas dazu beitragen. Sonst wurde es nichts. Denn Takashi dachte erst gar nicht daran, sich von jemand anderes die Leistungen an sich zu reißen. So etwas klang und war einfach nur absurd. Außerdem war das nur etwas für faule Wölfe, die Fenris eines Tages bestrafen sollte! Der schwarze Rüde lachte leise in sich hinein. Schallendes Gelächter unterdrückte er, da hier niemand war, mit dem er zusammen lachen und Spaß haben konnte. Bald würde er da sein, aber nur bald. Würde Takashi wohl noch eine Schlafpause einlegen? Nein, auf keinen Fall! Denn er war viel zu aufgeregt gewesen. Beinahe schlimmer, als ein Welpe! Bloß war er nicht so, dass er wie wild herumhüpfte. Körperlich konnte er sich immerhin beherrschen, doch mit seinen Gedanken klappte das nicht so ganz. Wo er dann fast da war, konnte er aber schon nicht mehr. Ihm war warm, er hechelte und atmete stark. Jedoch wollte er so kurz vor seinem „Ziel“ nicht aufgeben. Erschöpft tappte Takashi weiter, bis er mit der ersten Pfote den Nebel erreichte. Nun konnte er erleichtert aufatmen. Endlich war der Moment gekommen, für den er ziemlich lange weit gelaufen war. Doch der Nebel hier schien sich inzwischen wieder ein wenig vergrößert zu haben. Und konnte man eigentlich nichts von ihm mitnehmen, damit es den anderen zeigen konnte? Nein, nichts von dem weißen war abzubrechen. Verwundert sah er sich noch für einen kurzen Moment um. Aber dann entschied er sich dazu, den anderen davon zu berichten und aufzubrechen. Erneut lief er los und machte die Fährte von Jumaana ausfindig. Wie ein Irrer rannte er in diese Richtung und begann bereits, die Botschaft laut zu heulen.


Schade eigentlich. Jikken war der einzige geblieben, der ein Lob für das Verhalten der kleinen Fähe aussprach. Wie war eigentlich ihr Name? Danach würde er sich noch bei Gelegenheit erkundigen, sagte er sich. Averic und seine Gefährtin waren, was das Verhalten jener anging, jedenfalls anderer Meinung und gaben sogar Kritik von sich. Jikken enthielt sich jeglichen Kommentar. In die Erziehung sollte er sich vielleicht doch nicht einmischen. Stattdessen blickte er auf den Boden, immer noch ein wenig beschämt, wegen seiner ausgebliebenen Antwort, die er vielleicht mal vortragen sollte, hatte er doch bisher nur über Kengo geredet, anstatt sich vorzustellen. Vor ihm im Gras lag ein kleiner Stein. Ein grauer, scharfkantiger, sicherlich nicht sehr angenehm, wenn man auf ihn treten würde. Der dunkle Fleck an der Seite war interessant. Er hatte die Form eines… Nun… Das konnte Jikken nicht genau sagen, auf jeden Fall war es interessant. Verträumt blickte er auf den kleinen Stein mit dem noch kleineren Punkt, als Satori ihn mal wieder anstupste. Die Moralpredigten waren anscheinend vorbei. Jikken ließ den Stein einfach Stein bleiben und richtete seine Ohren wieder auf. Die weiße Fähe schien so ziemlich die gleiche Meinung über Kengo zu haben, wie ihr schwarzer Gefährte. Zumindest meinte Satori dies. Jikken war sich da nicht so sicher. Sie kannten Kengo doch überhaupt noch gar nicht richtig. Warum bildeten sich die beiden denn schon eine Meinung über ihn?

„Warum? Tja… warum… ist es nicht das Warum, das uns antreibt? Die einzige Frage, die es wert ist, gestellt zu werden?“

„Pass auf den Stein auf…“

Murmelte Jikken leise vor sich hin, als seine Gefährtin sich zwischen ihn und die anderen Wölfe stellte und sich anschließend einfach hinlegte. Er verstand nicht, wie Satori jetzt darauf kam, er beließ es einfach bei einem kurzen Lächeln. Natürlich war laut dieser Aussage das wie auch nicht von Bedeutung sondern eher das warum. Und darüber wollte er jetzt nicht nachdenken, wo doch die weiße Fähe, die sich als Tyraleen vorstellte, ein paar Worte an ihn richtete.

.oO(Tyraleen… ein seltsamer Name… Tochter der Leitwölfin… auch seltsam… ist Averic nicht Sohn der Leitwölfin? Die sind mir vielleicht eigenartig…)

Eigenartig hin oder her, sie hieß ihn jedenfalls freundlich willkommen und das war jetzt von Bedeutung. Zudem konnte er sich jetzt vorstellen, was er ja zuvor versäumt hatte und auch noch eine Warum-Frage beantworten. Eigentlich war es ja eine Was-Frage, aber die war ja nicht von Bedeutung also wurde aus einer Was-Frage eine Warum-Frage. Das war für ihn nun selbstverständlich, weshalb diese Überlegung auch kaum einen Augenblick dauerte.

„Ich bitte nochmals um Verzeihung… Es tut mir leid, dass wir einfach die Reviergrenze überschritten haben.“

Jikken blickte dabei Satori an, so ging das irgendwie leichter.

„Das sagtest du bereits… kommen wir zum Warum.“

Satori war wieder aufgestanden, hatte sich neben ihn gestellt und beobachtete Averic und Tyraleen.

„Nun… Warum bin ich hier… ja, da war diese Feder… ich hielt sie für unbedeutend, doch im Endeffekt hat sie mir den Weg hier her gezeigt. Seltsam.“

Jikken blieb nichts anderes übrig, als nun die beiden anderen direkt anzusehen, was ihn ein wenig unsicher machte. Bevor er weiterreden konnte, meldete sich auch seine Gefährtin.

„Und nun vielleicht das andere Warum.“

„Ich suche einen Ort zum Bleiben, zum Ausruhen… vielleicht auch ein wenig Gesellschaft“,
er ließ eine kurze Pause, „manche Wölfe nennen das Heimat.“

Die letzten Worte sprach er mit Bedacht aus. Er wollte sie eigentlich nicht verwenden und blickte dabei wieder auf den kleinen Stein. Sogleich schaute Jikken aber wieder mit einem Lächeln auf und beendete seine Erklärung mit den Worten:

„Bisher finde ich die Gesellschaft hier auch sehr nett.“

Die Frage des Welpen beantworte er nicht. Die war ja auch nicht an ihn gerichtet. Zudem würde Kengo sowieso bald nachkommen, da könnte er solche Fragen auch selbst beantworten. Zumindest hatte er gesagt, er würde nachkommen und Jikken vertraute darauf.


Tascurio sah Amáya unbeeindruckt an und vermittelte ihr stumm, aber mit festem Blick, dass es ihm egal war, was sie glaubte, dass er glaubte. Er schüttelte sich einmal kräftig und verlor dabei beinahe das Gleichgewicht, wie jeder andere Welpe auch. Er quietschte lachend auf, als Tascani erneut sprach und prägte sich den Satz ein, den dieser gesagt hatte.
Letztlich wurde ihm dann eine Frage gestellt, die ihn in gewisser Weise aus dem Konzept brachte. Seine Familie? Was wusste er schon von den Nervensägen? Als er merkte, dass sich seine Gedanken anhörten, wie Amáyas ewig verkniffenes Geschwätz, rief er sich selbst zur Vernunft. Fehlte ihm gerade noch dass er sich bei seiner gestörten Patentante deren dämliches Auftreten abschaute.

“Hm, also eine große Schwester habe ich nicht direkt. Nur Wurfgeschwister die älter sind als ich.“

Ihm fiel nun wirklich nichts zu seiner Familie ein, dass Tascani vielleicht interessieren konnte. Soweit er diesen einschätzte riefen dessen Gedanken unaufhörlich: ‚Weibchen! Weibchen!’ Aber deshalb würde er ihm wohl kaum die eigene Mutter andrehen.

“Also Tante Amáya ist…“

… die Schwester von meinen Eltern.

“… natürlich mit mir verwandt. Sie kann dir auch mehr über die Familie erzählen, was ihre Geschwister angeht.“

Mit siegessicherem Lächeln sah er zu Amáya hinüber und genoss den kurzzeitigen Triumph. Am besten half er Tascani dabei, sich mit der schwarzen Wölfin vertraut zu machen. Vielleicht konnte er sie miteinander verkuppeln? Andererseits machte sich da beinahe schon Mitleid in ihm breit. Seine Patentante musste dann mit einem flatterhaften Weiberheld zu Recht kommen und der mit diesem welpischen Trotz und der pubertären Wut, die die Schwarze immer zur Schau stellte.
Vielleicht hatte er aber auch einfach noch nicht bemerkt, dass er in dieser Situation die größte Niete gezogen hatte. Immerhin musste er sich als offensichtlich einziger Wolf, der bei Verstand war, mit diesen schrägen Vögeln beschäftigen. Zugegebenerweise hatte er sich das so ausgesucht und zu Lachen gab es sicher immer, solange er die Gesellschaft mit den Beiden teilte.


Als Banshee spürte, wie ihr Enkel begann, sich auf ihre Fragen einzulassen und ein Hauch von Vertrauen in der Luft lag, entspannte sie sich ein wenig. Es würde alles gut werden. Er forderte nicht weiter nach Antworten, sondern gab sie ihr und die weiße Leitwölfin hörte ihm genau zu, begann alle Fakten bereits zu ordnen und zu verstehen, fügte sie in das angefangene Bild ein. Amáya alleine mit Daylight im Wald … das muss irgendwann zu der Zeit gewesen sein, als auch Zack seinen Tod gefunden hatte. Möglicherweise unmittelbar danach, als sie Zack zu Engaya geschickt hatten und die Trauergemeinschaft sich zurückgezogen hatte? Fenris Duft hatte so deutlich in der Luft gehangen, dass Banshee meinte, ihn wieder zu wittern. Jakashs Erzählung brachte sie näher an die Situation heran, als sie beabsichtig hatte. Sie meinte den Zorn Urions zu spüren, die kindlich störrische Art Amáyas und dann … Daylight, weiß und unschuldig. Sie löste sich davon, kam wieder zurück in die richtige Zeit und stellte fest, dass Jakash schon fast alles selbst erklärt hatte. Es war nur noch der Schritt zu den Göttern, dann hatte er im Prinzip seine Antwort. Aber nicht seine Hilfe. Und diese wollte sie ihm geben. Auch bei der zweiten Erzählung passte sie genau auf, viel Neues war es jedoch nicht. Nur vielleicht in der Hinsicht, dass diesmal der Zorn von Jakash selbst ausgegangen war und nicht mehr nur bei anderen geherrscht hatte. Und außerdem Hiryoga. Banshee hatte ihren Sohn nur kurz gesehen, jetzt wusste sie schon wieder nicht, wo er steckte. Sie ließ es aber nicht zu, sich nun ausführlich Gedanken über Jakashs Vater zu machen, jetzt sollte es um den Sohn gehen. Diesen sah sie nachdem er verstummt war eine kurze Zeit lang an, legte sich ihre Worte zu Recht und nickte schließlich.

“Danke, Jakash. Je mehr ich weiß, desto besser kann ich dir helfen und dir sagen, was mit dir geschieht.“

Sie wollte ihn auch nicht mehr länger auf die Folter spannen, hier ging es um keine schöne Überraschung, sondern um ihren kleinen, verzweifelten Enkel, der weniger böse sein wollte, als Fenris sich das wünschte.

“Du hast schon richtig gedacht, hier sind höhere Mächte im Spiel, die auch nichts mit deinem Kopf zu tun haben – du bist nicht verrückt. Wir alle leben in Engayas Tal, nirgendwo ist man den Göttern näher als hier und deine Großeltern sind nicht einfach nur irgendwelche Wölfe. Die Verbindung mit den Göttern liegt in dir seit deiner Geburt. Nun ist es so, dass wir zwei unterschiedliche Götter haben, die einerseits auf einander angewiesen sind, wie kein anderer, andererseits gegeneinander kämpfen. Auch um lebende Wesen. Und du bist in einen solchen Kampf hineingeraten, auch wenn er jetzt noch sehr einseitig erscheint. Fenris versucht dich auf seine Seite zu ziehen, er möchte dich für sich. Das klingt schrecklicher, als es ist, nur die Nebenwirkungen sind für dich selbstverständlich erschreckend. Beim ersten Mal war Fenris’ Anwesenheit mehr als deutlich, es hatte einen Toten gegeben und die Luft war voller Hass. Bei dieser Gelegenheit wollte er dich wohl gleich einmal einweisen. Er war bei dir. Dunkelheit und Kälte gehören zu ihm wie der Tod selbst, sie sind nur die Anzeichen seiner Anwesenheit. Beim zweiten Mal ist es kaum anders, nur ist es diesmal deine eigene Wut, die ihn angelockt hat. Dadurch hat sich alles verstärkt, deine Wut über Hiryoga und Rakshees Versuche, dich zu überreden wurden zu Hass gewandelt – nicht, weil du es so wolltest, sondern durch ihn.“

Vorerst verstummte sie und ließ ihren Vortrag in die Nacht hineinrieseln. Vieles davon musste Jakash bekannt vorkommen, es war eher eine Bestätigung, als eine Eröffnung von etwas vollkommen Neuem.

“Das alles heißt aber nicht, dass du zu einem Fenrispriester wirst. Man braucht dazu zwar keine Ausbildung wie zu einer Priesterin Engayas, dennoch geht das nicht einfach so und erst Recht nicht, wenn man selbst es nicht will. Du musst lernen, dich dagegen zu wehren. Das wichtigste ist jedoch, dass du das wirklich willst. Dass du alles dafür tun würdest. Und … dass du nicht heimlich wünschst, noch einmal so etwas zu sehen.“

Banshee war sich nicht sicher, ob die letzte Anforderung nun erfüllt war oder nicht. Jakashs Verzweiflung war echt und selbstverständlich wollte er Rakshee nicht wehtun … dennoch konnte von der Dunkelheit und den seltsamen Bildern eine ungeahnte Faszination ausgehen. So ungeahnt, dass sich der Schwarze bis zu dem Zeitpunkt, da er sie wirklich bekämpfen muss, ihrer nicht bewusst ist. Banshees Blick war etwas schärfer geworden, jetzt musterte sie ihren Enkel voller Ernsthaftigkeit.


Der Silberrüde legte seinen Kopf fragend schief, nachdem er der schwarzen Fähe mit seiner kleinen Zunge über ihr Fell gefahren war. Und das machte sie anscheinend noch trauriger, denn abrupt kullerten noch mehr Tränen über ihre Wangen. Was hatte er denn nun falsch gemacht? Er hatte sich dieses Verhalten doch von den Großen abgeschaut, die machten das auch so! Turiéns Verzweiflung wuchs an und er wusste sich nicht recht zu helfen, als die Dunkle sich an ihn drückte. Was sollte er jetzt machen? Noch mehr trösten? Der junge Wolf war mit dieser Situation vollkommen überfordert, und wenn man ihn von etwas weiter weg beobachten könnte, würde man auch seinen leicht verstörten Gesichtsausdruck erkennen – der sich schnell in Erstaunen verwandelte. Danke? Weil er sie noch mehr zum Weinen gebracht hatte? Seine heile Welt schlug Purzelbäume, und er erinnerte sich schwach an einen Satz, den er mal irgendwo aufgeschnappt hatte – Fähen waren launisch und ihre Aktionen nicht recht verständlich. Wie wohl auch hier der Fall war, er verstand nämlich gar nichts mehr. Bedröppelt neigte er den Kopf leicht, als der Wolf, der ihn zuvor zum Schweben gebracht hatte, sich ihnen näherte, und sein Gesicht nun ganz nah an ihren eigenen dran war. Der kleine Rüde zog eine Schnute, als der große Schwarze sich nur mit der kleinen Schwarzen unterhielt und ihn dabei irgendwie völlig außer Acht ließ. Toll, auch noch so was! Da schaffte man es mal, jemanden noch trauriger zu machen, der dann darüber aber sehr glücklich war, und dann bekam derjenige, der erst traurig und dann glücklich gemacht wurde auch noch mehr Aufmerksamkeit, als der der das alles geschafft hatte! Frechheit. Und er nannte sie auch noch Prinzessin. Pfui. Was auch immer das war – es hörte sich seltsam an. Mürrisch zog der Silberne mit seiner Pfote kreise in das nasse Gras und tat so, als ob ihn das alles nichts angehen würde, als Nerúi auch schon aufsprang und ihn in die Seite buffte, sodass er dann doch mit seinen sonnengelben Augen aufblickte und den großen dunklen Rüden in Augenschein nahm. Lass uns auf deinem Rücken reiten! Erst nahm er die Worte gar nicht wahr, er schielte nur kurz zu Nerúi rüber, bevor ihm ein Licht aufging. Wow, wenigstens sie dachte an ihn. Da hatte das Noch-Trauriger-Machen-Um-Dann-Fröhlich-Zu-Sein, doch was gewirkt! Uhh, und dann befand sich die Welpin auch schon auf ihm, und obwohl er sich seine Freude nicht anmerken wollte, starrte er doch erwartungsvoll zu Malakím, wie der Große hieß, hinauf.

„Ouhh, jaaa!

Seine Rute wischte freudig über die feuchte Erde, und nur gespielt mürrisch antwortete er seiner Schwester. Der Kuschelberg direkt neben ihnen war geschwind vergessen, jetzt war Malakím viiiieeel interessanter.

„Pffü, wenn’s sein muss!“


Es schien sich alles zu ihrer ganz Persönlichen Wutprobe zu entwickeln und es kostete die Schwarze unglaublich viel Mühe diese zu bestehen.
Der Kiefer presste sich hart aufeinander, im stummen Flehen auf Beherrschung, die gesamte Muskulatur spannte sich an und der innerliche Wunsch, diesem verdammten Schleimspurkriecher auf den Zahn zu fühlen und mal so richtig kräftig durch zu walken, wurde nur schwer unterdrückt. Zu gerne hätte sie dem aufgeblasenen Lackaffen in den Hintern gebissen, seinen Akzent und diese ekelhafte, aufdringliche Art sonst wohin gestopft – den nervtötenden Welpen gleich mit dazu – und zum Teufel gejagt.
Aber dies ging leider nicht. - Warum eigentlich nicht?!
Auf Tascanis Worte – die sie sehr wohl wahr nahm – musste Amáya sich noch mehr zusammen reißen, um nicht zu zuschnappen.
Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig...
Tief ein und wieder ausatmend ließ der Todesengel dieses verdammte Gelaber über sich ergehen und blickte stur in den Wald hinein. Diese beiden verdammten Wölfe konnte sie mal kreuzweise und es ärgerte sie bis aufs Blut, dass sie nicht weiter nach gedacht und ihrer strapazierten Nerven wegen sich keine andere Möglichkeit hatte einfallen lassen, beide schnell und sauber los zu werden.
Wobei... erstere Methode stand noch immer offen und beide auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe zu wissen, hatte etwas äußerst Erleichterndes an sich.
Allerdings gab sich Amáya dem nicht hin, aus welchen Gründen auch immer. Letzten Endes war die Schwarze so entnervt, dass ihr schier alles egal war.
Erst als man sie wieder direkt an sprach und nun wohl erwartet wurde, dass sie einen Vortrag über diese ach so tollen Familienbanden hielt und der Zwerg sich geschickt darum drückte, riss sich die Wölfin vom ruhigen Wald los, in den sie nur zu gerne geflüchtet wäre.
Locker zuckte die Dunkle nur mit den Schultern.

Ich habe keine Familie mehr und seine ist verdammt groß.

Kurz und bündig, obwohl sie jede Wette annehmen würde, dass dies dem Schleimer kein Stück reichen würde. Aber sie verspürte weder den Drang ihn in alles einzuweisen, aus dem er seine Nase heraus zu halten hatte, noch sich großartig weiter mit diesem Wolf abzugeben. Also trat der Todesengel schlicht an ihnen vorbei, den Rudelplatz im Visier.

Du hast die Ehre sie alle kennen zu lernen – aber auf eigene Pfote.


Shani Caiyé versank in der Stille, die zwischen Jumaana und ihr herrschte, sog sie auf, als könnte sie von ihr Hilfe erwarten und war froh, diese Momente zu haben um Schritt für Schritt zu verstehen. Jumaana stieß sie nicht weg, sondern vergrub ihrerseits die Schnauze in Shanis Fell, gab der verzweifelten Fähe das Gefühl, für sie da zu sein und sie aus tiefstem Herzen zu trösten. Und Shani labte sich daran, tankte Mut um in Gedanken weiterzugehen. Erstmals dachte sie an ihre Welpen, an ihre lieben Kleinen – auch an den verzweifelten Jakash – die nun keinen Vater mehr hatten. Sie würde für sie da sein, würde stark sein müssen. Woher würde sie diese Kraft nehmen? Es war doch immer Hiryoga gewesen, der ihr Mut und Stärke gegeben hatte, der sie unterstützt hatte. Jumaana? Nein, wie könnte sie so viel von der jungen Fähe verlangen, die nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war und sie nun tröstete. Und sie kannte sie doch kaum. Sonst gab es niemanden, nicht einmal ihr Bruder schien ihr dazu fähig. Und er war so weit fort, irgendwo, wo Shani ihn nicht erreichen konnte. Wie würde es sein, das Leben ohne Hiryoga? Einsam, verlassen, alleine in einem ihr fremden Rudel, in das er sie gebracht hatte. Und wenn sie sich einfach ins Nichts stürzen würde? Wenn sie einfach aufspringen und Hiryoga folgen würde? Für einen Herzschlag gab sie sich dieser süßen Verführung hin, dann schob sie den Gedanken mit letzter Kraft von sich. Wie könnte sie ihre Welpen so alleine lassen? Niemals, dazu wäre sie nicht fähig. Aber … je länger sie so hier lag, desto schlimmer wurden die Gedanken, desto mehr Möglichkeiten offenbarten sich, ihrem Schicksal zu entkommen.

“Jumaana.“ ,keuchte sie. “Ruf meine Welpen. Rakshee und Jakash und Ahkuna und Sharíku. Sag ihnen, dass sie herkommen müssen, jetzt sofort. Sag ihnen … dass es wichtig ist.“

Ihre Stimme klang brüchig, nicht überzeugt, als wäre sie sich nicht sicher, ob sie das wirklich wollte. Und sie war sich auch nicht sicher, ob sie so schnell die Stärke haben würde, ihren Welpen nicht vollkommen gebrochen entgegen zu treten und ihnen zu sagen, dass ihr Vater niemals mehr wieder kommen würde. Ein verzweifeltes Wimmern kam aus ihrer Kehle.

“Hilfst … du mir?“

Ein Flehen lag so schwer und verzweifelt in ihrer Stimme, dass sie es kaum schaffte, die Worte auszusprechen. Sie klammerte sich an Jumaana, als würde sie mit ihrer Hilfe jeden noch so steilen Berg erklimmen können, als wären sie beste Freundinnen. Doch es war einfach niemand anderes da und niemand anderes könnte ihr jetzt helfen.


Tyraleen fing Averic „Ich-hab-dir-doch-gesagt-der-ist-schräg“-Blick auf und musste grinsen. In solchen Momenten fühlte sie sich ihm wundervoll nahe und hatte das Gefühl, mit ihm einen Weg zu begehen – und nicht zwei verschiedene. Auch was Atalyas Verhalten betraf waren sie einer Meinung und als ihr Gefährte den Blick schweifen ließ, war sich die Weiße fast sicher, dass er nach Isis und Liam Ausschau hielt, die Paten von Chanuka und Atalya. Und – was für ein Zufall – sie saßen gar nicht so weit weg beieinander und schienen sich zu unterhalten. Sehr gut, dann würden sie die beiden doch gleich mal besuchen. Vorerst aber galt es sich noch um Jikken zu kümmern – und den Welpen zuzuhören. Atalya hatte nämlich noch immer viel zu sagen und versprach zum Glück auch, dass sie nicht mehr alleine in den Wald gehen würde; wobei Tyraleen dieses Versprechen nicht unbedingt sofort glauben würde. Kengo schien jedenfalls einen bleibenden Eindruck auf ihre kleine Tochter gemacht zu haben und … war blind? Chanuka klärte das gleich auf, auch wenn er sich ebenfalls nicht ganz sicher war. Ihn reden zu hören und seinen fragend unsicheren Blick auf sich zu spüren, gab Tyraleen noch immer einen Stich ins Herz. Er war so ruhig, gewissenhaft und bemüht. Anders, als ihre anderen Welpen.

“Manche Wölfe haben von Natur aus weiße Augen – das ist selten, kommt aber vor. Wenn man jedoch über den Pupillen – den kleinen schwarzen, kreisrunden Punkten im Auge – einen milchigen Schleier sieht, ist der Wolf blind.“

Sicher würde sie eine Frage beantworten dürfen. Es war ihr ja nur zu viel Kontakt mit ihm verboten, eine kurze Unterhaltung konnte kaum schaden. Wenn Chanuka überhaupt irgendwem schaden konnte, er wirkte so anders, als man ihr gesagt hatte. Es tat weh. Nur gut, dass Jikken noch da war und durch sein seltsames Verhalten Tyraleens Gedanken ablenkte. Er murmelte wieder vor sich hin und – endlich – redete er richtig mit ihr und beantwortete ihre Frage. Das schien ja nicht unbedingt selbstverständlich bei ihm zu sein. Komischer Kauz. Die Antwort fiel auch in etwa so aus, eine Feder soll ihn hierher geführt haben. Vielleicht redete er ja mit der?

“Es sei dir verziehen, Jikken. Ob du hier Heimat finden kannst, vermag ich noch nicht zu sagen, aber ich denke, es ist kein Problem, dass ich dir die Chance dazu gebe. Ich werde meine Mutter oder meine Tante – die Leitwölfinnen – über dich informieren, sicher werden sie dich noch einmal aufsuchen. Bis dahin kannst du von mir aus gerne hierbleiben.“

Sie lächelte ihm erneut zu und stellte im Kopf bereits einen Plan für das weitere Geschehen auf. Atalya und Chanuka bei ihren Paten abliefen, Kengo suchen. Sollten sie Jikken mitnehmen? Tyraleen war nicht unbedingt scharf auf seine Gesellschaft und eigentlich hätte sie sich gerne mit Averic alleine unterhalten, wollte den Weißen aber auch nicht ohne gefragt zu haben stehen lassen. Zunächst wandte sie sich aber zu ihren beiden Welpen und stupste Atalya leicht mit der Pfote in Richtung Liam.

“Atalya, Chanuka, euer Vater und ich werden jetzt Kengo suchen gehen. Ihr werdet jetzt zu Isis und Liam gehen, ja? Sie werden auf euch Acht geben.“

Nach kurzem Zögern stupste sie auch ihren kleinen Sohn sanft mit der Schnauze an und erwartete fast, eine Art Schmerz dabei zu spüren. Natürlich passierte nichts und sie kam sich albern vor. Um das zu überspielen richtete sie ihren Blick wieder auf Jikken und legte den Kopf leicht schräg.

“Möchtest du uns begleiten?“


"Bin noch da."

Konnte Ykari eben noch hervor bringen.
Es munterte sie etwas auf, dass diese andere Wölfin Kylia ihr helfen wollte. Es hatte noch nie jemand ihr helfen wollen. Ihr, die bei Menschen einen Monat ihres Lebens verbracht hatte.
Sie öffnete leicht die Augen und schielte zu ihr hoch. Hatte sie "Welpen" gesagt? Und war das Tal wirklich so schön, wie sie sagte? Wenn ja, dann durfte sie jezt wirklich nicht gehen.

"Hilf mir. Ich kann nicht alleine hier weg."

Sie brachte diese paar Wörter nur mit größter Mühe hervor und schloss wieder die Augen. Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren, all ihre letzten Kräfte zu sammeln. Sie wollte unbedingt hier weg, immerhin war dieser Platz nicht sehr gemütlich.
Ihr Gesichtsausdruck wurde angestrengt. Sie mühte sich nun ab, ein zweites Mal in die Höhe zu kommen, doch sie schaffte es nicht.

"Ich komme nicht hoch."

Murmelte sie mühsam.

"Meine Kraft reicht nicht aus. Muss schlafen, um meine Kräfte zu sammeln. Kann nicht mehr. Bin zu schlapp. Geht nicht mehr. Zu Ende. Keine Kraft mehr da."

Sie murmelte irgendwelche unvollständigen Sätze. Ob sie Sinn ergaben, oder nicht, das wusste sie nicht.
Ob Kylia alles verstanden hatte?
Erneut versuchte sie hochzukommen und schaffte es zumindest, sich hinzusetzen. Nun saß sie da - schwankend - mit gesenktem Kopf, geschlossenen Augen und allerlei Wunden.

"Mehr geht nicht."


Gani knurrte aufgebracht; ein gefährlicher, grober Laut drang tief aus ihrer Kehle. Ihr Blick war starr auf den fremden Braunen gerichtet, doch dann besann sie sich und erlangte ihre seelische Ausgeglichenheit zurück. Doch ein Stück von ihr fehlte. Es war das Puzzleteil mit dem Kopf ihres Vaters, welchen sie so lange gesucht und nicht gefunden hatte. Bis jetzt. Doch auch nun fehlte ein Teil seines Teils, der fast das ganze Bild enthielt. Nur ein kleiner Teil des Herzens der Prinzessin gehörte ihr selbst, viel mehr hatte sie ihrem Vater und auch Aryan geschenkt. Akru war das Wichtigste in ihrem Leben, er war der, den sie im Auftrag Fenris’ zerstören sollte, indem sie ihre Mutter und ihn die Klippe hinab geschubst hatte. Damals war der Tod ihrer Mutter für sie kein Fehler gewesen, besessen von dem Lob Fenris’ hatte sie diese Tat vollbracht. Doch jetzt … es erschien ihr nicht wie ein Fehler, aber etwas, was sie bereuen sollte. Aber Gani Amíra bereute nicht. Sie bereute nur, dass sie ihren Vater verlassen hatte.
Dann war Aryan da gewesen, sie hatte ihn gebissen, doch dabei hatte sie mit sich selbst einen Kampf ausgefochten. Nicht, dass es ihr schwer gefallen wäre, ihn zu töten, doch irgendetwas hatte ihr gesagt, dass sie nicht mehr wollte, dass sie Gani Amíra, die Kämpferin war. Bis jetzt hatte die Graue sich selbst nicht verstanden, hoffte auch nicht länger auf eine Lösung. Nie würde sie herausfinden, was sie an Aryan fand; nie würde sie herausfinden, was sie außer seinen Worten vom Töten abgehalten hatte. Ihr Verstand war es nicht, ihr Wille auch nicht … vielleicht ihr Herz!? Die Prinzessin konnte es selbst nicht verstehen.
Ihre leise, beruhigende Stimme war weich und fließend, fast wie ein Bächlein aus dem Wald der Verlorenen Seelen – rein, unberührt und unbesorgt.

„Aryan“, sie flüsterte den Namen ihres Seelenverwandten nur. Den Namen dessen, der auch ein Puzzleteil ihres Herzens beherbergte. „Es ist alles gut.“ Gani log nicht ungern, doch in diesem Moment hoffte sie, dass sie damit die Wahrheit aussprach. „Cyriell braucht Dich. Aryan, er ist Dein Bruder

Hätte Gani Geschwister gehabt, hätte sie alles gegeben, um sie in Sicherheit zu wägen. Und alles hätte sie getan, damit es ihnen gut ging. Die Kristalle, die die Prinzessin anstatt von Augen besaß, erblickten den fremden Schwarzen nicht, doch sie spürte seine Anwesenheit in ihrem Unterbewusstsein. Es störte sie minimal, dass er und der blinde Braune Aryans Gespräch mit ihr belauschten, doch es war nicht allzu privat, dass es niemanden etwas anging. Doch Gani Amíra fühlte sich durch die Anwesenheit des Braunen unruhig. Er war so grob und undurchsichtig, dass es Gani einschüchterte. Doch gegenüber ihres schwarzen Freundes war sie wie immer, gelassen und sanft. Wenn Aryan nicht da wäre, würde Gani sich am liebsten auf diesen fremden Hünen stürzen und ihn verletzen, nur, um ihm zu zeigen, wer sie war. Nur, um ihm klar zu machen, dass sie kein „Kindchen“ war, wie er sie genannt hatte. Doch die Wut verrauchte schnell wieder, als ihr Blick auf Aryan fiel. Nicht nur Cyriell brauchte ihn, auch Daylight, Aléya, und auch Gani selbst brauchte den schwarzen Rüden. Neben Akru war er der einzige, der da war, für die Prinzessin. Und das, was sie gesagt hatte, als sie gekommen war, meinte sie ernst, wenn Aryan so abscheulich - Gani wagte es nicht zu denken – war, Blut zu trinken, dann sollte es das ihre sein. Sie würde sich dafür opfern, wenn sie nur Banshee und ihrem Vater tschüss sagen dürfte. Für Aryan würde sie es machen. Für Akru auch, aber für sonst niemanden.
Doch dann verschwand Aryan aus Ganis Blickfeld. Sie sah den Schwarzen nicht mehr, war verwirrt, hatte nicht aufgepasst. Schweigend sah sie erst den Braunen, dann den Schwarzen, an. Doch sie würden ihr keine Antwort geben können, und wollen, sie kannten die Graue ja nicht. Und wenn sie sie gekannt hätten, würden sie der Prinzessin sicherlich auch nicht helfen, weil sie eher unbeliebt bei anderen Wölfen war. Die Meinung anderer störte sie wenig. Missmutig wendete sich die Fähe ab und setzte sich langsam in den Trab. Wohin sie lief, wusste sie nicht, sie hoffte aber, auf Akru zu treffen.


Eine Welle der Erleichterung umschwappte Caylee, als ihre Patin näher zu ihr hin robbte und sie somit nicht länger über den ganzen Rudelplatz schreien musste. Dass sie kaputt und kaum fähig zu laufen war musste nun wirklich niemand mitbekommen. Aber das kümmerte die Kleine gerade sowieso viel weniger als sonst, sie war viel zu erleichtert darüber, dass Rakshee so lieb zu ihr war und nicht versuchte, sie weiterzuscheuchen.

“Ich weiß nicht …“ Ihre Stimme klang fast wie ein Wimmern. “… ich bin so müde, mein Bauch tut weh und meine Pfoten lassen sich kaum bewegen. Dabei habe ich einfach nur geschlafen … mindestens drei Tage.“

Aus großen, traurigen Welpenaugen blinzelte sie zu ihrer Patentante und schniefte dann einmal leise. Voller Erleichterung ließ sie sich gegen Rakshees Schnauze fallen, wahrscheinlich hätte sie es sowieso nicht mehr lange auf eigenen Pfoten ausgehalten. War sie krank, hatte sie Hunger? Wie fühlte es sich denn an, wenn man krank war?

“Ich will nie mehr etwas essen, mein Bauch fühlt sich komisch an.“

Er brummelte ein wenig vor sich hin und außerdem gluckerte er. Ab und an ziepte es und irgendwie lag so ein allgemeines ungutes Gefühl in ihm. Caylee hatte keine Ahnung, wie sie das beschreiben sollte und woher es überhaupt kam. Konnte so was nur vom Schlafen entstehen? Vielleicht war sie ja wirklich krank, hatte die Schlafkrankheit oder so. Ihr Gesichtsausdruck wurde ein wenig erschrockener. Ob Rakshee da bescheid wusste?

“Trägst du mich unter die Bäume? Der Regen ist so nass.“

Sie sah irgendwie erbarmungswürdig aus. Schwach auf die Schnauze ihrer Patin gestützt, die Ohren hängend, das Gesicht traurig und dazu ziemlich durchnässt. Sie hatte sich noch nie in ihrem ganzen Leben so schrecklich gefühlt. Ihr Blick hellte sich erst bei dem Wort „Geschichte“ ein wenig auf. Sogar ihre Rute klopfte einmal schwach auf die nasse Erde.

“Eine Geschichte? Was für eine Geschichte?“


Malakíms Grinsen wurde breiter, als die schwarze Welpin wieder zu lachen begann. Eifrig nickte er auf ihre gedehnte Nachfrage hin, jawohl, alles!

"Klar!",

erklang fast genauso freudig von ihm wie zuvor von Nerúi mit ihrer Auf-dem-Rücken-reiten-Idee. Wild wischte seine Rute über den Boden und fegte Blätter zur Seite. Einige blieben auch an seinem Fell kleben, so nass wie sie waren.
Still verharrte der Schwärzling an Ort und Stelle, während die kleine Prinzessin auf seinen Rücken kletterte und sich zwischen seinen Schulterblättern postierte. Malakím kicherte bei dem beständigen Tapsen kleiner Pfoten auf seinem Rücken, bis die kleine Schwarze einen gemütlichen Platz gefunden hatte. Sein Blick huschte zu dem anderen Welpen.

"Husch, husch, kleiner Freund, hinauf mit dir!",

spornte er Turién an und wartete geduldig, bis auch der kleine Rüde auf seinen Rücken geklettert war.

"So, Achtung, krallt euch schön fest, es geht nämlich loooos!"

Der Schwärzling erhob sich betont langsam, damit die Welpen nicht gleich wieder von seinem Rücken herunter purzelten, verfiel dann zunächst in einen gemächlichen Schritt, um kurz darauf locker zu Traben. Einer Eingebung folgend lief er zum See und folgte dann dem Uferverlauf, jedoch mit den Pfoten im Wasser. Malakím grinste breit, wurde langsamer und hob dann die eine Vorderpfote ganz hoch - um sie gleich darauf kraftvoll in das seichte Wasser platschen zu lassen. Das Wasser spritze ihm gegen den Bauch und bis zum Hals.

"Wasserattackeeeeee!"

Lachend hob er die nächste Pfote und platschte noch kräftiger ins Wasser, ebenso wie mit den Hinterläufen. So stakste er am Ufer entlang und ließ das Wasser aufspritzen, das immer wieder auch bis hoch zu den Welpen reichte.


Ein Herzschlag – nur eine Sekunde. Der Ruf eilte zu ihm, schneller als der Schall verrauchte. Und es brauchte nur wenige Momente, bis Aryan begriff und die Situation abgeschätzt hatte. Seine Tochter war in Gefahr. Die schwarzen Augen verengten sich. Für den Fremden wahrscheinlich ein seltsames Bild; hatte er den Ruf überhaupt vernommen? Wohl kaum. Was war mit Gani, seiner Schwester im Geiste? Dem Blinden? Keiner hatte es gehört, keiner außer für den dieser Ruf bestimmt war. Und der Schwarze folgte. Abrupt drehte er sich auf den hinteren Läufen um und preschte los. Vorbei an seiner geliebten Grauen und dem sturen, festen Braunen. Weg von dem Fremden, der ihn noch eben so gefesselt hatte. Irgendetwas in ihm hatte auf diesen Rüden reagiert. Sein Blut hatte verlangt und gelockt – eine stille Antwort sagte ihm, dass er diesen Hünen nicht loslassen durfte. Aber das war in diesem Moment völlig egal. Aléya!
In einer fast übernatürlichen Geschwindigkeit raste der Schwarze durch das Unterholz, das erst spärlich, schließlich aber immer dichter wurde. Es bedurfte nicht einmal einer kurzen Witterung. Die Sinne hatten bereits Alles gelesen und studiert. Und obwohl sein Körper jede erdenkliche Reserve zur Verfügung stellte, schien ihm das Tempo immer noch zu langsam. Niemand würde ihn jetzt noch bremsen können – würde man ihm folgen? Was waren die Gedanken des Blinden, wenn er bemerkte, dass Aryan einfach los gerannt war?
Mit einem kräftigen Absprung befreite er sich auf dem Wald und lief über die weite Fläche bis zum See hin. Nur aus den Augenwinkeln konnte er eine kleine Gruppierung erkennen und glaubte seinen Bruder zu erkennen. Aber selbst dafür gab es nicht genügend Zeit. Ein weiter Ruf, diesmal laut und deutlich. Seine weiße Tochter lief direkt auf das Nichts zu. Das gleiche Bild, wie zuvor bei seinem Bruder. Ich wollte ihn nicht töten, kam prompt die Antwort im Inneren. Er überlegte nicht lange, sondern packte den Welpen. Das Nackenfell verschwand im Fang und die Zähne gruben sich in die Haut. Er hatte Angst, wenn er nicht hart zupacken würde, dass sie einfach aus seiner Schnauze gleiten und in diesem dichten Nebel verschwinden würde. Die Geschwindigkeit war so hoch, dass es den Schwarzen bei der Wendung glatt von den Pfoten riss. Dies war aber nicht die Tatsache, warum er sich so versteifte und plötzlich wieder wie aus Stein geschlagen war.
Das frische Blut befeuchtete seine Kehle und das schmerzhafte Brennen wurde gelöscht. Das innere Inferno verlangte noch mehr des löschenden Wassers. Entsetzt über die eigenen Gelüste ließ der Bluttrinker die Tochter fast unsanft zu Boden gleiten, die schwarzen Augen starr in die Ferne gerichtet. Jeder Muskel verkrampfte sich – das Verlangen wurde unerträglich, sowie der Ekel vor sich selbst. Er hatte gerade das Blut seiner eigenen Tochter getrunken. Natürlich war es keine Absicht gewesen, aber das spielte dafür doch keine Rolle. Er war ein Monster, ein schlimmes Monster. Cyriell hatte Recht, er war immer der herrische Tyrann, das herzlose Biest gewesen.
Wie stand es um Aléya? Die Augen fixierten immer noch einen entfernten Punkt, zum einen um nicht noch einmal in die Versuchung zu geraten, zum anderen wollte er der kleinen Weißen den Anblick seiner dunklen Augen nicht zu muten. Obwohl das nun auch überflüssig war – seine steife, harte und unnatürliche Haltung verriet schon mehr, als gewollt. Selbst ein junger Welpe, würde bemerken, dass mit diesem Hünen etwas nicht stimmte. Also legte Aryan ein seichtes, gekünsteltes Lächeln auf und sprach langsam und deutlich:

“Ist. bei. Dir. Alles. in. Ordnung?“

Jedes Wort wurde betont, jede Silbe bekam den Klang reinster Sorge. Er wusste, dass seine Fähigkeiten die gewonnene Kontrolle noch um Weiten überstieg. Die schwarzen Pranken zogen den kleinen, schmalen Körper an sich heran. Wiegten seine Tochter in Sicherheit. Ein seltsamer Anblick. Der schwarze, hünenhafte, riesige und unheimliche Rüde und die kleine, schmächtige, weiße und niedliche Wölfin.
Ein Stoßgebet wurde in Richtung Sumpfgebiet ausgestoßen. Hoffentlich würde Gani ihm folgen, hoffentlich würde sie erkennen und begreifen. Er durfte seiner Tochter nichts antun – hatte er Cyriell verletzt? Ein kurzer, stumpfer Blick zu der Ansammlung. Nyota war bei ihm. Vielleicht hatte auch sie verstanden und würde Aryan helfen? Man musste Alle vor dem riesigen Rüden beschützen. Jeder musste in Sicherheit gebracht werden.

“Meine Kleine – das darfst Du nicht noch einmal machen. Dieser... dieser Nebel ist gefährlich. Ich- ich hatte Angst um Dich“,

presste er aus den verschlossenen Kiefern hervor. Es gab viel mehr zu sagen, aber er glaubte, wenn er noch einmal den köstlichen geruch der Weißen einatmen würde, dass die Besinnung ganz verschwand und er gegen jeden Wiederwillen genau das tat, was er nicht wollte. Er durfte ihr nicht weh tun. Er durfte niemandem schaden. Hätte er doch einfach fort gehen sollen? Aber wer hätte dann für seine Tochter da sein sollen? Daylight, Gani und Cyriell? Aber wollte er denn nicht bei seiner Familie bleiben? Ein rascher Blick auf den zerbrechlichen Körper. Das dunkle Blut tropfte als harter Kontrast über das samtene Fell. Nein, er würde seine Familie nicht verlassen.


Rakshee beobachtete beunruhigt ihre kleine Patenwelpin, als diese weiter erzählte. Das klang doch genau nach einer Krankheit was sie da erzählte...aber drei Tage konnte sie nicht geschlafen haben, immerhin hatte Rakshee sie doch vorhin noch mit Krolock gesehen? Nachdem Caylee sich gegen ihre Schnauze hatte fallen lassen, führte die Braune diese wie eine Welpenbahre zu Boden, um sprechen zu können ohne Caylee bei jedem Wort wackeln zu lassen.

"Tut es weh?"

fragte sie nocheinmal nach, und zog ihren Bogen um Rakshee etwas enger, indem sie den Hintern etwas weiter um sie herum legte, nur um ihn im nächsten Moment schon wieder leicht anzuheben, um aufzustehen. Langsam zog sie die Schnauze unter Caylee weg, sodass sie daran herabrutschen konnte, und nicht aufs Gras fiel.

"Klar doch"

gab sie ihr leise zur Antort, nahm die Kleine sanft zwischen die Kiefer und trug sie mit weichen Schritten bis zur Baumgrenze des Waldes, wo sie sie genauso sanft wieder auf eine trockene Stelle zwischen zwei großen Wurzeln ablegte. Von ihrem Rücken aus hatte man zwar eine bessere Aussicht, aber sie hatte ihr jetzt nicht zumuten wollen hinauf zu klettern und sich auch nich festzuhalten. Und so ging es auch etwas schneller. Sie selbst legte sich dicht zu Caylee unter den Baum, leckte ihr über den Kopf, und sah sie dann verschwörerisch an.

"Eine wahre Geschichte...eine Spannende!"

lockte sie, und legte sich schon in Gedanken den richtigen Anfang zurecht. Man brauchte die Wahrheit nur in den richtigen Farben zu zeichnen, um aus dem Erlebten ein wundervolles Welpenabenteuer zu machen...


Nerúi konnte sich vor Begeisterung kaum halten, als sie von Turién herunter und auf Malakím herauf kletterte. Malakím war toller als der Kuschelberg - auf ihn kam man nämlich vernünftig rauf. Das war nicht so mühsam wie im Geschwabbel zu hängen und ging deutlich besser vonstatten. Es brauchte nicht lange bis sie einen guten Aussichtsplatz gefunden hatte. Wedelnd setzte sie sich hin, und kläffte begeistert zu Turién hinunter.

"Komm hoch!"

Sie konnte kaum abwarten dass es los ging, und beobachtete voller Ungeduld Turiéns Aufstieg, weiterhin unruhig wedelnd und ihrem Bruder fröhlich zulächelnd. Und dann wackelte plötzlich der ganze Wolf unter ihnen, und Nerúi kam nicht umhin zu tun wie ihr geheißen und sich mit den Krallen festzuhalten, und mitschaukelnd das Gleichgewicht halten. Der Blick über die Lichtung verriet ihr die Höhe in der sie schwebte - hah, jetzt war sie noooch größer als Papa Aszrem und Papa Averic! Und ihre Papas waren immerhin größer als alle anderen, jaaa wohl!

"Toll!"

Quietschte sie vergnügt, und musste sich erneut einpendeln als Malakím zu traben begann. Von hier oben sah alles ganz anders und viel kleiner aus! Hihi, Caylee dahinten war ganz winzig, obwohl sie auch gerade flog! Aber sogar Rakshee war klein! Dabei musste man sich doch immer so den Nacken verrenken wenn man zu ihr hochgucken wollte. Haaah, jetzt musste sie aber zu ihr hochgucken! Hihi!

"Guck mal, wie klein die alle sind!"

rief sie Turién lachend zu, und erhob sich wedelnd, um noch ein wenig besser sehen zu können. Jetzt schwankte sie aber ziemlich gefährlich, und setzte sich doch wieder, als der Schwarze unter ihr das Wasser ansteuerte. Sie konnte am gaaaanzen See entlang gucken, und ohne die Bäume am Waldrand wäre das sogar noooch viel weiter gegangen! Plötzlich spritzten vereinzelte Wassertropfen zu ihr hinauf, und sie sah unter sich den See und einen platschenden Malakím. Kichernd duckte sie sich bis sie fast auf Malakím lag, um dem Wasserangriff zu entgehen. Hinter ihnen erkannte sie Mama Nyota mit anderen Wölfen, und da - Papa Aszrem kam ihnen entgegen!

"Paaaapa! Guck mal, guck mal, wir sind größer als duuu!"

Rief sie ihm zu, während Malakím sie weitertrug, und Nerúis Augen wieder zu den Dingen fanden, die vor ihnen lagen. Zum Beispiel Aryan mit Aléya, der einzigen Welpin die Nerúi nicht direkt als Schwester ansah. Sie kamen aus der Nähe des Nichts, wo sie nicht hin durften! Warum durften die dann dahin? Und warum lief da rotes Zeug an der Welpin herunter? Aber auch die zwei waren schon vorbei, und Nerúis gute Laune war ungetrübt. Da konnte die Sonne sich verstecken wie sie wollte! Angsthase!


Als Shákru seine Augen öffnete lag er allein im Schnee und fühlte sich erschöpft. Seine Ohren richteten sich nun zögerlich wieder auf, während der schwarze Rüde langsam den Kopf hob. Hatte er das alles nur geträumt oder was war passiert? Das mit Fenris und Engaya, mit Namid. Shákru erhob sich und ließ sich sogleich wieder auf seine Hinterläufe nieder. Er fühlte sich unglaublich schwach und ausgelaugt. Seine grüne Augen betrachteten die Landschaft und er stellte fest, dass er gar nicht mehr im tiefsten Norden war, sondern wieder auf dem Felsen lag.
War er wirklich so lange unterwegs gewesen? Unglaublich, hier hatte es also wirklich angefangen zu schneien? Minor schüttelte den Kopf, sprang behände von dem Felsen und witterte. Nun lag die Entscheidung bei der Sternenleier. Zurück zu den Sternenwinden oder zurück zu den Indianern.
Shákru schlug fürs erste die Richtung seines alten Rudels ein, aber je näher er kam, desto mehr sträubten sich seine Läufer weiter zu laufen.
Es sollte also wirklich nicht sein. Shákru blieb betroffen stehen und leckte sich über die Lefzen, dann drehte er sich um und raste Richtung Indianerwald. Ja, hier war der schwarze Rüde tatsächlich zuhause. Hier wurde er aufgenommen und verstanden. Nieman verabscheute ihn oder war gar arrogant!
Minor übersprang den Fluss, stolperte durch den Wald und nahm bald die Fährte des anderen Rudels auf. Er begrüßte die Mitglieder mit einem fröhlichen Wuffen, während seine Pfoten ihn weiter zur Tanzenden Feder trugen. Dieser saß rauchend vor seinem Fell, als er aber das gleichmäßige Trommeln der Pfoten wahr nahm, ließ er seine Pfeife fallen, sprang auf und ließ sich großzügig von Minor anspringen und begrüßen.
Jetzt waren sie vereint. Hier war Minor zuhause, endlich.
Nie wieder würde er einen Fuß in das Tal der Sternenwinde setzen. Nie wieder!


Als Malakím sich zu ihnen herunterbeugte, damit sie auf seinen Rücken klettern konnten, sprang Nerúi von ihm hinunter und stürzte sich auf den Rücken des Schwarzen. Er hingegen trippelte nun noch aufgeregt auf der Stelle herum, bevor er sich, nach der Aufforderung des Rüden auch auf seinem Rücken niederließ. Und es war viel einfacher, als auf den Kuschelberg zu kommen, den sie bis jetzt ja immer noch nicht bezwungen hatten. Er streckte Nerúi fröhlich die Zunge heraus und platzierte sich hinter seiner Schwester.
Und dann erhob sich Malakím ganz schnell und nur weil Turién sich reflexartig mit seinen Krallen am Fell des Erwachsenen krallte konnte er sich halten. Am Anfang war dieses Gefühl, herumgetragen zu werden äußerst seltsam – er kannte es ja nur, wenn er im Nacken angehoben wurde. Da musste er nichts machen und sich einfach fallen lassen, hier – das war ja anstrengend! Während Nerúi vorne schon freudige Ausrufe machte, versuchte sich der Silberne immer noch auf dem Rücken zu halten und fand irgendwie keinen Gefallen daran. Und wenn er nach unten sah. Urgs! Da fing sich alles an zu drehen. Das war so schrecklich hoch! Sein Blick glitt an Nerúi vorbei, um zu überprüfen ob sie recht damit, hatte, dass alle so klein schienen von hier oben. Und (verdammt!) sie hatte Recht. Hier oben war wirklich ziemlich hoch, wenn die anderen alle so klein wurden. Und er konnte auch die Rücken der anderen sehen… so einen Ausblick hatte er zuvor noch nie gehabt. Und doch wurde ihm irgendwie mulmig in der Magengegend. Er kannte dieses Gefühl nicht. Nur wusste er, dass es sich nicht um Hunger handelte. Irgendwie war das seltsam.
Als Malakím schneller wurde, wurde auch das Gefühl in seiner Magengegend schneller. Huch? Erschrocken klammerte sich Turién noch mehr an den Rüden und ließ sich, hin und her plumpsend, tragen. Nerúi schien viel Spaß zu haben. Spürte sie das in ihrer Magengegend gar nicht? Er wurde bestimmt krank. Die Erwachsenen hatten da so etwas erwähnt. Dann fühlte man sich schlecht. Und ihm war schlecht.

„Ich glaube ich bin krank.“

Angewidert streckte der kleine Rüde seine Zunge heraus, bevor ein Ruck durch den Körper von Malakím ging und auf einmal ganz viele kleine Wassertropfen auf sie niederprasselten.

„Iiieeekk!“

Wasserattacke? Was das war doch gemein! Hier oben hatten sie doch gar kein Wasser! Da konnten sie ja nicht zurück …wasserattackieren. Und irgendwie wollte sein Magen auch nicht wirklich spielen. Er drehte sich nämlich ganz schnell. So schien es dem Welpen zumindest. Sein gelber Blick huschte rüber zu Papa Aszrem, dem Nerúi schon was zugerufen hatte. Vielleicht kannte Papa Aszrem ja ein Heilmittel gegen drehende Mägen?
Langsam ließ er seine Augen nach unten huschen, um zu erkennen, dass Malakím im Wasser stand – und um zu sehen, dass es hier oben immer noch ziemlich groß war. Ohje! Schnell hob der Silberne seinen Blick wieder und starrte angestrengt geradeaus. Runterspringen war auch nicht, das war doch viel zu hoch!


Tante Rakshee war so lieb. Caylees traurige und etwas von sich selbst enttäuschte Seele wurde von der Aufmerksamkeit und liebevollen Zuwendung ihrer Cousine so wundervoll gestreichelt, dass die Schrecklichkeit dieser Situation ein wenig abnahm. Sie hatte einfach die beste Patin der Welt bekommen. Sie schien wirklich besorgt, ob sie wohl wirklich schon eine Krankheit festgestellt hatte? Vielleicht kam die ja von ihren seltsamen Träumen, ob so etwas möglich war?

“Mein Bauch tut ein bisschen weh. Aber ich habe ganz komische Sachen geträumt, können die mich krank machen?“

Die Idee klang in Caylees Ohren gar nicht so abwegig. Sie war sich nicht sicher, ob sie Rakshee von den seltsamen Traumbildern erzählen sollte, sie klangen so verrückt. Außerdem wollte ihre Patentante ja ihr etwas erzählen und darauf war Caylee viel gespannter. Mit einem leisen, aber gar nicht so unzufriedenen Seufzen ließ sie sich von ihrer Cousine hochnehmen. Das Frei-in-der-Luft-Herumbaumeln fühlte sich mit einem so grummeligen Bauch ein wenig seltsam an und die Kleine war ziemlich froh, als sie auf die trockene Stelle unter einem großen Baum gelassen wurde. Auf tapsig wackeligen Pfoten kroch sie zu Rakshee, rollte sich ein und kuschelte sich in den Brustpelz ihrer Patin. Hier konnte sie liegen, ohne dass jeder sie ansah und ohne dass man gleich vermutete, wie schwach sie auf den Beinen war. Hier war es schön. Von unten sah sie kaum mehr als Rakshees große Schnauze, trotzdem schaute sie mit aufgestellten Ohren und einem kleinen Lächeln nach oben und nickte eifrig.

“Eine wahre Geschichte? Eine, die wirklich passiert ist? Hast du die erlebt? Oder jemand, den du kennst? War ich da schon geboren?“

Rakshee hatte es geschafft, die Neugierde ihrer Patinwelpin zu erwecken und Caylee sprudelte schon vor dem Anfang der Geschichte über vor lauter Fragen. Wobei sie jetzt lieber den Mund hielt, sonst würde Rakshee ja gar nicht erzählen können.


Eine Weile war der kleine Welpe darauf bedacht, nicht auffällig zu wirken. Und es gelang ihm natürlich äußerst gut. Er hielt sich bedeckt, lachte und tobte um die großen Pranken des Paten herum. Ein Welpe, der sich freute und unbeschwert das Leben genoss. Aber dem war ja nicht ganz so. Anders, als manch anderer Artgenosse in seinem Alter beschäftigte ihn nur eins: Krieg und Tod. Ja, er musste dieses Nichts einfach bekriegen und töten; bis Alle in Sicherheit waren. Bis Mama nicht mehr so schwach war und so traurig. Nein, Krolock wollte nicht, dass jemand unter diesen Umständen zu leiden hatte. Niemand sollte deswegen leiden. Selbst die kleine, manchmal naive Caylee sollte in Sicherheit sein. Sie konnte schließlich auch nicht sonderlich gut auf sich aufpassen. Alle mussten beschützt werden. Erst als sie fast am See angelangt waren, ließ der schwarze Welpe die Fassade fallen und sah ernsthaft in die Seelenspiegel des schwarzen Rüden. Jede Bewegung sah gekonnt und geübt aus. Jede Regung war studiert und bedacht. Anders, als ein Welpe.

“Das Nichts – es macht mir Sorgen. Meine Mum ist ganz traurig und schwach. Alle leiden unter diesem dummen und verschwenderischen Nichts, und das will ich nicht. Ich kann ja wohl nicht einfach so tatenlos zusehen, oder? Ich habe mir überlegt, wie ich an die Kräfte von Papa komme; also seinen Fluch. Durch diesen Fluch wird man stark, das habe ich gesehen. Man wird einfach stärker. Ich muss an eine solche Kraft kommen. Glaubst Du, das ist möglich?“,

er hielt kurz inne und zog die Stirn kraus. Die Lefzen spannten sich unangenehm über den schmalen Fang, bis Krolock grimmig und gefährlich aussah.

“Glaube nicht, dass ich nur ein dummer Welpe bin. Stimmt, ich bin jung und vielleicht nicht erfahren, aber ich kann die Dinge ganz gut einschätzen – rede mir meine Idee bloß nicht aus. Ich brauche einen Verbündeten. Jemanden der mir hilft.“

Ein hoffnungsvoller Schimmer trat in die jungen Seelenspiegel. Das Blut fing an zu kochen und die Wut keimte erneut auf. Mama war so schwach, so traurig. Das durfte doch nicht sein, oder? Der Welpe beschloss, dass es Alles ein gutes Ende haben würde. Das wusste er, das hoffte er und das wollte er. Das kleine Nackfell stellte sich auf.

“Ich will Dir nicht vor dem Kopf stoßen, aber die Angelegenheit ist wichtig. Es geht um meine Mutter, um meine Schwester, auch um meinen Bruder und das ganze Rudel. Gut, natürlich können sich die Rüden selbst schützen, aber man muss Wölfinnen beschützen. Das weiß ich von Papa. Er sagte, sie seien nicht so stark wie wir.“,

er machte eine kurze Pause und sah abermals hinauf in die Augen seines Paten. Schließlich schloss er seine Eigenen und schritt weiter, diesmal etwas besonnener voran. Würde sein Nebenbuhler verstehen, was Krolock so bewegte? Er brauchte dessen Hilfe – er allein war machtlos gegenüber der Gefahr.


Sie würde für ihn die Sonne sein, die er nicht fürchten brauchte. Sie würde für ihn der Morgen sein vor dem er nicht davonlaufen brauchte. Und er würde die Nacht sein, die keine Tränen brachte und es doch würde.
Sie wollte mit ihm tanzen. Sein Herzschlag, das dumpfe Geräusch seiner Pfoten im feuchten Laub, der sachte Atem, der Wind, der ihn trug, all das würde ihr Rhythmus sein. Sie würden tanzen bis die Dunkelheit eins wurde mit dem Licht, bis Sonne und Mond gleichsam schienen, bis die Sterne verblassten und der Himmel sich grau färbte. Grau, wie seine Augen.
Sie wollte mit ihm fliegen. Wollte die Schwingen ausbreiten, die er ihr schenkte. Sein Atem würde der Wind sein, der sie trug, hinauf in den Himmel, an den Sternen vorbei bis zum Mond. Und sie würden fliegen bis sie den Horizont berührten. Sie würden alles zurück lassen, all den Schmerz, all das Leid, all die Sehnsucht, die ihrer beider Herzen schwer werden ließ.

„Wir werden fliegen...“, sanft strich ihr Atem über das tiefschwarze Fell, streichelte es, liebkoste es, gleichsam die Zunge, die zärtlich die Konturen seines Ohres entlang fuhr. „... gemeinsam.“

„Wir werden tanzen...“, fügte sie hinzu, während sie ihn zu umkreisen begann. In dem gleichen Rhythmus, dem gleichen Tanz, wie er zuvor. In ihren Ohren hallte seine Stimme, in ihren Adern pulsierte sein Herzschlag. Weiß und schwarz wurden eins, als sie sich genießerisch an ihn schmiegte. „... gemeinsam.“

Lachend umschloss ihr Fang erneut sein Ohr, zärtlich biss sie hinein, knabberte sanft an dem tiefschwarzen Fell, drückte sich an ihn, als wünschte sie sich, sie könnten miteinander verschmelzen, nur diese Nacht.

„... heute Nacht.“

Es war der bittere Nachgeschmack zwischen all dem süßlichen Gift, das sie einander zu trinken gaben, sie trunken machte, vergessen ließ. Ihnen Flügel schenkte und sie gleichsam brach.
Das Netz der Zeit hatte sich um die beiden Wölfe geschlungen und drückte sie mit jedem Herzschlag stärker zu Boden.
Doch solange der Morgen fort blieb war es ihnen erlaubt zu tanzen, war es ihnen erlaubt zu fliegen.
Und sie tanzten und sie flogen... diese Nacht.
Wenn ich anders könnte würd' ich mit dir fliegen
Wenn ich anders könnte würde ich dich lieben


„Mein Mutterherz schmerzt…“

Erschöpfung lag in ihren gemurmelten Worten. Sorge in den, in die Ferne gerichteten, Augen. Die Stirn gerunzelt, die Zähne fest aufeinander gebissen. Sie wusste nicht wohin mit sich und ihren Gedanken. Sie hätte nicht so vor ihrem Sohn reden dürfen. Wie hatte sie so dumm sein können. Er war noch viel zu jung. Er sollte unbeschwert durch das Leben gehen, so unbeschwert, wie es bei der Gesamtsituation möglich sein konnte. Und nun hatte sie ihn mit der grauen, tristen Wahrheit konfrontiert. In einem Alter, in dem die Welpen spielen sollten und mussten. Ganz genau hatte sie gemerkt, wie sich alles in ihm zusammen gezogen hatte, leicht war ihr der Geruch von Blut in die Nase gestiegen. Was hatte er nur getan? Doch zu schnell hatte er versucht so zu wirken, als ob ihn das alles nicht interessieren würde. Ein bisschen zu schnell. Sie kannte ihre Welpen. Sie wusste, dass Krolock von seinem Papa gelernt hatte, dass Rüden keine Schwäche zeigen durften. Zu früh hatte auch er dies übernommen. Er war zu übermütig davon gelaufen. Ein Maskenspieler, der noch nicht mit seinen Masken umzugehen wusste. Und das besorgte Kaede.
Sicher war es manchmal besser, seine Gefühle nicht zu offen zu zeigen, vor allem im Fall von Eltern zu ihren Kindern, nicht so, wie sie es tat. Sie hatte mal wieder versagt. Betrübt blickte sie Midnight an, gerade noch rechtzeitig um seine Antwort mitzubekommen. Fast schon hatte sie vergessen, dass sie ihn etwas gefragt hatte. Sie war so mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt gewesen.
Sie fixierte ihn, musterte ihn ohne ihn überhaupt sehen zu können. Langsam, fast wie bei ihren Welpen glitten ihre Augen über seinen Körper, auf der Suche nach dem kleinsten Anzeichen, was mehr verraten könnte. Doch da war nichts, sein Körper verriet ihr nichts, seine Worte waren die, die sie vermutet hatte. Er war müde geworden nach einem Grund zu suchen. Er war müde geworden sich mit Dingen auseinander zu setzen, die letztendlich doch irgendwer anderes für sie entschied.
Sie schenkte ihm ein Lächeln, klein aber sehr ehrlich gemeint.

„Ich würde es begrüßen, wenn du bei dem Rudel bleibst. Du gehörst dazu, hast deinen Platz und auch wenn du denkst, dass es egal ist ob du hier bleibst oder nicht, ich glaube das nicht. Ich bin mir sogar sehr sicher. Ein Rudel besteht nur durch jeden einzelnen Wolf, nur durch jeden einzelnen Wolf funktioniert es. Und geht einer weg, stellen sich alle um. Unbewusst, so als ob nichts passiert wäre, aber würden sie mal genauer in sich rein hören, würden sie merken, dass ihnen etwas fehlt. Ein kleines Teilchen, ein Stück des Rudels ist für immer fort. Es wird niemals ersetzte werden, selbst wenn jemand Neues dazu kommt. Der nimmt dann ein neues Stückchen ein. Aber das Alte Stück, das wo du oder ich waren, wird auf ewig fehlen. Ich bin mir sicher“

Das Lächeln wurde ein wenig Größer. Das war ihre Sicht der Dinge.
Reden war anstrengend, sie leckte sich sachte über die Schnauze, ihre Kehle fühlte sich so ausgetrocknet an. Irgendwann demnächst sollte sie sich auf den Weg machen um einige Schlücke zu trinken. Doch nichts jetzt. Sie fühlte sich zu schwach. Außerdem wollte sie sich noch weiter ein wenig mit Midnight unterhalten. Dem Rüden, dessen Name so passend zu ihrer Situation war. Nicht nur zu ihrer, zu ihrer aller Situation.
Schließlich war es nicht nur vom Wetter her dunkel in ihrem Rudel geworden, als würde Mitternacht herrschen. Auch die Atmosphäre wurde immer schwerer und dunkler. Und sie würde noch schwerer und dunkler werden. Sie würde alles ersticken, wie unter einem großen, dunklen Tuch.
Sie stand auf, streckte sich vorsichtig und doch ausgiebig, nur um einen kleinen Schritt auf Midnight zu zumachen. Sie berührte ihn sanft an der Stirn und fuhr mit ihrer Schnauze leicht den Nacken entlang bis zu seiner Schulter.
Sie konnte kaum in Worte fassen, wie sehr sie den stillen Wanderer in ihr Herz geschlossen hatte. Obgleich sie kaum Kontakt gehabt hatte. Doch wen hatte sie nicht in ihr Herz geschlossen? Jeder nahm einen Platz in ihrem Herz ein, mehr oder weniger bedeutsam. Ging dieser jemand, ging auch das Stück ihres Herzen. Ganz so, wie sie es eben noch Midnight erklärt hatte. Doch er hatte ein größeres Stückchen vereinnahmt. Es würde schmerzen, würde er gehen. Doch, würde sie, sollte er das Rudel nach Banshees Tod verlassen, dies überhaupt noch mitbekommen?


Die Stirn zog sich kraus. Der schwarze Rüde verschwand und der Vater und Ciradán blieben zurück. Die Schmerzen waren noch immer so überwältigend, dass das Angebot auf dem Rücken des Vaters Ruhe zu finden, zu verlockend war. Der weiße Kopf nickte stumm und gab das Einverständnis. Die ungleichen Augen waren immer noch stumpf. Wo war Mama? Musste sie denn nicht längst hier sein, um den schwachen Sohn zu trösten? Das konnte nur eine Mutter. Und der Weiße wusste, Rüden mussten stark sein. Keine Schwäche, nicht jetzt, wo der Vater Vertrauen und Stolz zeigte. Umso mehr schockte ihn das Bild des Blutes. Es sickerte aus der Schnauze des Grauen hervor und bahnte sich den Weg zu den dunklen Lefzen. Es gab keine Kraft, um zu schreien. Litt er Schmerzen? Wie ging es Mutter, wie Liel? Was war mit Caylee? Eine instinktive Angst legte sich um den schmächtigen Leib und ließ ihn zittern.

“Papa? Tut Dir was weh? Das Blut... es ist so viel Blut. Zu viel Blut. Papa, sag doch, was ist los? Soll ich was machen, soll ich Dir helfen?“,

fiepte er flehend. Die ungleichen Augen weit geöffnet, so dass auch sein Blut wieder zu Boden sickern konnte und dort hin fand, wo es niemand mehr sehen würde. Das Sichtfeld verschwamm und suchte sich eher unscharfe Konturen aus, als die, die man gewohnt war.

“Papa, wir müssen zu Mama. Sie kann uns helfen, das weiß ich. Sie ist ja da...“,

was wäre, wenn die Eltern sterben würden, was wenn es ihnen schlechter ging als Ciradán?
Ein Ende ohne Schrecken, ein Schrecken ohne Ende. Die Panik fand wieder Platz in dem Weißen. Es durfte doch nicht so schrecklich werden oder sein, oder? Durfte es um den Vater so schlecht stehen?

“Ich habe Angst. Ich habe so schreckliche Angst. Ich bin nicht mutig. Ich bin ganz und gar nicht mutig. Es ist die pure Angst, ich will euch nicht verlieren. Sag doch, was passiert mit Dir und Mama? Sag mir die Wahrheit, damit ich es verstehen kann. Bitte erkläre mir, was passiert. Ich möchte es begreifen. Ich sehe so vieles, aber kann es nicht verstehen.“,

gestand er in seiner zitternden Angst und warf sich einfach an die Läufe des Vaters. Schutz suchend.


Averic nickte seiner Tochter anerkennend zu. Doch sie sollte sich bloß daran halten. Er konnte ihren Enthusiasmus über das, was dieser Kengo gesagt hatte, nicht teilen. Eine Flohtüte schien er auch noch zu sein, prima. Sein dunkelblauer Blick wanderte zu Chanuka, als dieser Atalya wegen Kaedes Augen zurecht wies und schmunzelte leicht. Aber wenn er genau darüber nachdachte, hatte die kleine Graue Recht. Kengos Augen waren wirklich sehr trüb und milchig gewesen, schlussfolgernd konnte er nur blind sein. Doch er selbst wusste nur zu gut, dass es verschiedene Arten von Blindheit gab. Vielleicht war sein Augenlicht noch nicht ganz erloschen. Der Pechschwarze erinnerte sich, dass Kaede auch nicht immer ganz blind gewesen war.
Den Kopf hebend, zog sich langsam eine Augenbraue hoch, als Jikken äußerte einer Feder gefolgt zu sein. Das wurde ja immer besser. Ein Selbstgespräche führender Federverfolger. Averic schüttelte kaum merklich den Kopf. So ein Depp. Aber immerhin empfand er ihre Gesellschaft ja als nett. Tyraleen erlaubte ihm selbstverständlich zu bleiben, so wie Banshee es tun würde und vielleicht auch noch tat. Aber es war ihm ganz Recht, dass seine Mutter jetzt weg war und sich nicht mit so einem komischen Kauz befassen musste.
Als seine Gefährtin verkündete jetzt mit ihm nach Kengo zu suchen und Chanuka und Atalya zu ihren Paten schickte, schielte er leicht zur Seite, um Tyraleen ansehen zu können. Es war ein seltsames Gefühl zu wissen, dass sie genau wusste, was er dachte. Aber sie war schön, diese Verbundenheit. Eine, die noch über das Irdische hinaus ging. Enger, als sie zu Cylin gewesen war, seinem kleinen Träumer, der früher immer der Einzige gewesen war, der seine Gedanken verstanden hatte. Tyraleen jedoch dachte sie sogar mit. Obwohl er sich bemühen musste nicht das Gesicht zu verziehen, als sie Jikken einlud Begleitsperson zu spielen. Aber natürlich musste diese Frage der Höflichkeit halber gestellt werden.

"Du kannst aber auch gerne hierbleiben, dich vielleicht ein wenig umschauen, oder mit anderen Wölfen bekannt machen."

Und das war nicht mal ein unhöflicher Gegenvorschlag! War doch praktisch für den Weißen, gleich mal ein paar Bekanntschaften zu schließen, wenn er schon hier bleiben wollte. Es war ihm viel lieber, Kengo ohne seinen Freund auf zu suchen. Das ersparte ihnen allen möglichen Stress.

Atalya
24.12.2009, 20:20

Die Braune sah lächelnd zu der sich einrollenden Caylee herab, was gar nicht so einfach war, verschwand die weiße Welpin von oben gesehen doch beinahe unter ihrem Kopf.

"Träume können dich nicht verletzen, nicht körperlich - es muss woanders herkommen"

erklärte sie, und leckte der Kleinen über die Schnauze.

"Ich hab die Geschichte erlebt, und Jakash auch, und unsere Schwestern. Unsere Eltern auch und Oma Banshee und Tante Nyota, und noch viel mehr Wölfe aus dem Rudel. Deine Eltern haben sie auch erlebt, aber dich gab es da noch nicht"

Zwinkernd zog sie die Rute an sich heran und die Läufe, sah in den Regen vor dem löchrigen Blätterdach hinaus und begann leise zu erzählen.

"Wir waren im Schnee geboren worden, hoch oben auf den Bergen. Schnee ist kaltes, weißes Zeug, dass zu Wasser wird, wenn man es in die Schnauze nimmt. Dort oben war es wie hier - nur ohne Bäume, Blumen, und Gras. Der Himmel war immer grau oder weiß, ständig fiel neuer Schnee herab und alles was wir kannten war diese farblose, stille Weite."

Sie leckte sich bedächtig über die Schnauze, lies die Worte wirken, und fuhr fort.

"Wir kannten das Rudel nicht von Anfang an - wir konnten schon laufen als wir es kennenlernten, wir hatten vorher woanders gelebt. Es war komisch, plötzlich so viele Wölfe auf einem Haufen zu haben, wo wir vorher doch nur uns, unsere Eltern und deren engste Feunde gekannt hatten."

'...und anders als vorher, waren so viele Wölfe böse und agressiv...' Sie lies das aus, machte abermals eine kleine Pause, und lies Caylee somit Zeit, das Erzählte zu verstehen. Geschichten gewannen an Spannung, wenn sie nicht am Stück erzählt wurden.

"Das Rudel wollte von den Bergen herunter. Es gab nicht viel zu Essen da oben, und es gab da einen Ort den sie 'Tal' nannten, da wollten wir hin. Wir hatten keine Ahnung was ein Tal sein sollte, aber es musste dort sehr schön sein. Alle die es kannten schwärmten davon, und erzählten von dem großen See darin."

Ihr Blick wanderte über den dunkler werdenden Rudelplatz bis hin zum See, der sich stetig mit Regen füllte. Der weiße Nebel des Nichts war von hier aus kaum noch zu sehen. So konnte man seine Bedrohung für ein paar Momente ruhig vergessen.

"Wir liefen also die Berge herab - runter und runter, immer weiter durch den tiefen Schnee. Wir wurden viel getragen, und trotzdem war es eine furchtbar anstrengende Reise. Irgendwann machten wir eine Pause - es roch ganz anders als sonst, da, wo wir waren. Und bis auf unsere Eltern und ein paar Aufpasser gingen alle Wölfe weg."

Wieder haderte sie, lies einen langen Moment das Gesagte intensivieren - und sprach weiter.

"Es dauerte nicht so lange, dann hörten wir aus weiter Ferne Geräusche die wir nicht kannten. Wölfe schrien, brüllten und kreischten, manchmal knirschte es laut, oft brachen Schreie plötzlich ab. Wir wussten dass das Rudel gegen ein anderes Kämpfen wollte, aber wir hatten es uns anders vorgestellt. Nicht so laut, nicht so bedrohlich...aber Jakash wollte nicht darauf warten dass etwas passierte - er wollte mitkämpfen. Man hatte es ihm schon vorher verboten, aber er wollte trotzdem. Immerhin musste ja irgendwer auf den Rest des Rudels aufpassen"

aus ihrem letzten Satz war das Lächeln herauszuhören, obwohl ihre Augen nach wie vor auf den Rudelplatz gerichtet waren.

"Jakash lief also weg. Wir waren nur wenig älter als ihr, noch immer sehr klein im Vergleich mit Erwachsenen, und ich lief ihm nach - ich wollte nicht dass er kämpfte, es klang so gefährlich! Und das war es auch. Wir waren schon ein Stück gerannt, als uns ein Wolf entgegenkam - er war viel schneller als wir, wir kannten ihn nicht, er sah so böse aus - und er wollte uns auffressen!"

Ihre Stimme passte sich wie von selbst dem Erzählten an - immerhin war es nichts als reale Erinnerung...

"Er war schon ganz nah an uns dran, und hatte schon das Maul aufgerissen - wir dachten wir würden das Rudel und unsere Eltern nie wiedersehen! Und dann kam Aszrem, und warf ihn einfach zur Seite und jagte ihn weit weg."

Sie atmete leise auf, und strich beruhigend mit der Schnauze über Caylees Köpfchen.

"Seit dem wollte Jakash nicht mehr kämpfen. Und wir hatten beide eine Lektion in Angst erhalten..."

Sie musste kurz innehalten, um ihre Gedanken zu ordnen, denn die Angst von damals hatte wieder nach ihr gegriffen. Es war nun schon solange her, aber es war doch noch immer so nah.

"Der Kampf ging zuende, und etwas später kamen wir dann endlich an, in dem, was die Großen Tal genannt hatten. Es war so viel bunter als alles, was wir je zuvor gesehen hatten, und es gab soviele neue Gerüche und Dinge zu sehen. Und soviele kleine Tiere und Pflanzen. Plötzlich hatten wir Gras unter unseren Pfoten. Es war überwältigend..."

Vor ihrem geistigen Auge zog die Sonne wieder auf, und alle Blätter verfärbten sich golden und rot...ihr erster Herbst war zu schön gewesen.

"Aszrem wurde mein Pate, und Jakash lernte doch zu Kämpfen - Tante Nyota bringt es ihm bei. Das Tal was wir gefunden haben kennst du auch. Wir sind mittendrin."

schloß sie, und lies den warmen Blick zurück zu Caylee gleiten.


Jumaana wünschte sich nichts sehnlicher, als Shani helfen zu können und sie hoffte, dass sie es schaffen würde. Als die weiße Fähe sie bat, ihre Welpen zu rufen, lächelte die Polarwölfin leicht und setzte sich auf. Sachte schob sie die wimmernde Shani von sich, legte den Kopf in den Nacken und heulte die Botschaft. An Jakash, Rakshee und Sharíku konnte sich Jumaana noch sehr gut erinnern, doch Akhuna war ihr unbekannt. Vielleicht hatte sie den Namen schon mal aufgeschnappt, jedoch konnte sie ihn nicht zuordnen. Dennoch rief sie nach ihr. Dann setzte sie sich wieder zu Shani Caiyé und stupste die Fähe leicht an. Dann hörte sie einen anderen Ruf, einen, den sie auch über Meilen erkennen würde. Den ihres Gefährten. Ruckartig hob Jumaana den Kopf, versuchte allerdings, Shani nicht unsanft wegzustoßen. Stattdessen war die Fähe darauf bedacht, Shani nicht einmal anzustoßen, als sie wachsam in die Richtung blickte, aus der der Ruf kam. Es klang seltsam - … falsch. Das verwirrte Jumaana. Doch sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie konnte nur warten. Warten auf Takashi, warten auf die Welpen Shanis.

“Shani, möchtest Du zurück zum Rudelplatz oder sollen wir hier, beim Nichts, auf die Kleinen warten?“

Jumaana wollte nur das Beste für die weiße Fähe. Sie wollte das Richtige tun, dass war Shani wollte. Betrübt blickte die Polarwölfin in Shanis grüne Augen. Das Gefühl, was sie ergriffen hatte, war stärker als Mitgefühl. Es war … Trauer und Leid. Jumaana fühlte mit der Fähe. Sie verstand, was in ihr vorging. Und trauerte mit ihr.

.( Es tut weh … ).

Die weiße Fähe verstand auch Feenkind, auch ihre Seele litt. Doch es würde nicht besser werden, wenn sie sich intensiver mit Aarinath und dem Schmerz beschäftigte. Daher blieb Jumaana stumm, schmiegte sich an Shani und versuchte für sie eine Freundin zu sein. Und die Weiße wartete auf ihren Gefährten, Takashi. Was auch immer er wollte, was auch immer er tat, er sollte zu ihr kommen, wenn Shani nichts dagegen hatte.


Liam war froh, dass Isis sich so vertrauensvoll an ihn legte. Es bestärkte ihn darin, dass er das Richtige tat und außerdem war es so einfacher seine Ruhe und auch seine Freude zu übertragen. Er war sich sicher, dass irgendetwas bei der Fähe ankam. Es musterte sie, als sie in sich zusammensank, sich dann jedoch recht schnell wieder aufrichtete, es war gut, wenn man sich nicht einfach hängen ließ. Fiel man einmal in ein Loch, war es schwer wieder heraus zu klettern. Deshalb sollte man gar nicht erst reinfallen. Es gefiel ihm, wie sie eine kurze Schweigepause einlegte. Es gab einfach Momente, in denen es nichts mehr zu sagen gab und in denen auch nichts gesagt werden musste. Worte konnten auch den schönsten Augenblick zerstören, dies war ein solcher Augenblick. Als sie dann doch anfing zu sprechen, störte es ihn aber auch nicht großartig. Sie versuchte die passenden Worte zu finden um ihn aufzuheitern. Er lächelte ein wenig schief, schon war wieder der Glanz in seine Augen zurückgekehrt. Er lauschte ihr, bis sie zu Ende gesprochen hatte, er hatte doch noch ein wenig dem hinzuzufügen. Doch war es nicht böse gemeint. Er hatte einfach ein paar andere Ansichten als die Fähe und es war doch besser, diese mitzuteilen, als sich innerlich über Worte zu ärgern, nur weil man die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachtete.

„Wir glauben an die Wiedergeburt Isis. Das heißt, wir fragen nicht erneut nach dem irdischen Leben, wir kehren automatisch wieder auf die Erde zurück wenn wir sterben. Einer der Gründe, warum ich nicht im Elend versinke, wenn ich an den Tod denke oder denken muss“

Er schüttelte sich leicht, ein Schauer war durch seinen ganzen Körper gelaufen. Ein widerliches Thema. Er legte seinen Kopf sanft auf ihren Rücken und beknabberte ganz leicht ihr Fell. Eine lieb gemeinte Geste unter zwei Wölfen, die eine gute Freundschaft aufbauen könnten.
So unterschiedlich ihre Götter doch waren, so unterschiedlich ihre Lebenseinstellung doch waren, so gut verstanden sie sich trotzdem.
Es freute ihn, dass er so schnell Kontakt zu einem anderen Wolf aus dem Rudel aufgebaut hatte. Waren es auch eher weniger erfreuliche Umstände gewesen. Letztendlich war ja alles gut gegangen.

„Ich glaube schon, dass ich weiß, wenn ich auf dem richtigen oder dem falschen Pfad wandele. Es gibt überall Zeichen, man muss sie nur bemerken und zu deuten wissen. Wenn man in die Weltenseele eintauchen kann, erfährt man vieles.“

Er lächelte leicht. Er liebte es, in die Weltenseele einzutauchen, er liebte es die verschiedenen Sprachen der Welt zu lernen. Wenn man sie einmal verstand, würde man sie so schnell nicht mehr verlernen. Sie würden einem immer helfen den rechten Weg zu finden. Wenn man nur immer sein größtes Ziel vor Augen behielt und nicht davon abkam, egal, was sich einem bot, dann würde man es auch erreichen.

„Du hast recht. Ich werde niemals in einen See springen müssen. Aber auch ich bin nicht so geboren, wie ich bin. Ich habe mich entwickelt, ich habe mein Ziel nie aus den Augen verloren. Ich bin meinen Weg gegangen. Der Weg, der mir vorherbestimmt war.“

Er drückte seine Schnauze in ihr Fell. Schloss einen kurzen Moment seine Augen und hielt den Atem an. Er lauschte, ahnte er doch, dass Akru, nach Isis ihrem Ruf, bald hier eintreffen würde. Und da kam er auch schon. Mit einem weiteren Wolf dabei. Der Wolf, der auch bei der Rettung dabei gewesen war, der mit Akru dann das Weite gesucht hatte. Liam kannte den Wolf nicht, würde ihn nun aber vielleicht kennen lernen. Er öffnete die Augen wieder, hob seinen Kopf von Isis Rücken, ein kleines Stück nur, und lächelte die beiden Rüden freundlich an.

„Hallo Akru, hallo du mir Fremder Wolf. Schön euch zu sehen.“


Urion erhob sich langsam, als sein Sohn auf dem grauen Rücken Platz fand. Der Verfluchte seufzte leise, lief in einem angenehmen Trab durch den Wald um so schnell wie möglich bei Kaede anzukommen.
Die Sorge von Ciradán war verständlich, sodass Urion versuchte so ehrlich wie möglich zu sein.

"Nein, das Blut tut mir nicht weh. Es ist dieser Fluch in mir, der mich immer wieder an meine Taten aus der Vergangenheit erinnert. Ich habe einige schlimme Dinge getan, aber verstehe bitte, wenn ich nicht so gern darüber reden möchte."

Den Rest des Weges schwieg Urion. Es war einfach zu anstrengend so zu laufen, zu denken und dann auch noch zu sprechen. Am Rudelplatz, wenn er sein Tempo etwas verringern würde, dann könnte er weiter mit seinem Sohn sprechen.
Der Wald zog an den beiden so vorbei. Es war wirklich unglaublich finster geworden und die Kälte kroch Urion durch das Fell. Also nicht nur Kälte von Innen, sondern nun auch von außern.
Wie gesteuert trugen die Pfoten des Grauen ihn über den Waldboden bis sich die Bäume lichteten und den Rudelplatz freigaben.
Nun stoppte Urion auch sein Tempo und er schritt langsam über die Wiese, direkt auf Kaede zu. Dort saß auch noch ein anderer Rüde mit dem sie sich unterhielt. Das musste Midnight sein von dem man wenig gesehen, geschweige denn gehört hatte.

"Schau mal, dort ist Mama. Gehen wir zu ihr."

Ein kurzes Schweigen, denn Urion dachte über eine Antwort von der letzten Frage seines weißen Sohnes nach. Vergessen hatte er sie nicht, aber war es gut dem Kleinen gleich die komplette Wahrheit zu erzählen? Würde es ihm denn nicht noch mehr überfordern, denn immerhin neigten Welpen dazu sich zu überschätzen.

"Irgendwann wird es eine Zeit geben, wo Mama und ich nicht mehr da sein werden, weil wir dann an Engayas Seite sitzen. Das passiert jedem Wolf, jeder wird irgendwann mal abtreten müssen, auch du mein Sohn, aber bis dahin werden noch viele Jahre ins Land gehen. Du wirst deine eigene Familie gründen und vielleicht mal ab und an an deinen alten Herren denken.
Und Angst ist eine ganz normale Reaktion vor unbekannten Dingen, aber du musst dich in Geduld üben und so viel Erfahrung sammeln, wie du nur kannst, denn dann bekämpfst du auch die Angst. Irgendwann wirst du auch nicht mehr vor so vielen Dingen Angst haben, glaub mir."


Urion drehte seinen Kopf um Ciradán aufmunternd anzusehen. Es schien einen kleinen Augenblick so, als wäre er wieder der alte Wolf ohne Fluch. Ein liebevoller Familienvater.
Urion steuerte Kaede mit leicht pendelnder Rute an und wuffte hier sowie Midnight zur Begrüßung zu, dann blieb er vor ihnen stehen, legte sich auf den Boden um Ciradán von seinem Rücken zu lassen.

"Da sind wir."


Isis lauschte aufmerksam Liams Worte, aber sagte nichts dazu. Er hatte seine Ansichten vom Leben, sie die ihre und das war in Ordnung so.
Eine weiteres Gespräch über dieses Thema wäre deshalb nicht weiter notwendig, sodass die kleine Fähe weiter Liams Nähe auskostete um ihre Fröhlichkeit wiederzufinden. Der lustige Rüde tat ihr wirklich sehr gut, trotzdem suchten ihre Augen weiter den Wald ab, ob der graue Hüne auftauchte.
Tatsächlich wurde sein Duft stärker und Isis Rute begann fröhlich zu wedeln. Leise winselnd knabberte sie an Liams Ohr, dann drehte sie sich im Kreis.

"Osiris sei Dank, ihm geht es scheinbar gut."

Kaum hatte Isis diese Worte ausgesprochen tauchte Akru auf. Die kleine Ägypterin sprang mit ihren Vorderläufen hoch und wuffte den Grauen an, während Liams Begrüßung an ihre Ohren drang. Isis steckte kurz ihre Schnauze in das weiche Fell des Rüden, dann beruhigte sie sich wieder und ließ sich auf den hinteren Läufen nieder.
Es ging wieder und Akru sollte selbst entscheiden, ob er zu ihr kommen wollte, Isis wollte sich nicht aufdrängen, aber selbst aus Akrus Entfernung konnte man ihre Freude erkennen.


Die Rute tanzte im leichten Wind, jung und welpisch funkelten die gelben Augen aus dem schmalen Gesicht heraus. Locker, Last und Leid weniger schwer als auch schon, geteilt, getragen von zwei starken Rücken. Von zwei Rüden, die zusammen gehörten. Zusammen wie die Sonne und der Mond, wie Luft und Leben. Yin und Yang, braun und grau. Für den letzten gemeinsamen Weg. Kräftig stemmte Akru sich gegen den braunen Körper, warf ihn zu Boden. Katsumi wälzte sich am Boden, richtete sich auf und lächelte. Ein dankbares Lächeln, wie es sich gehörte. Tief zog der Fünfjährige die Luft in sich hinein, liess die Lungenflügel volllaufen und genoss den Augenblick. Immer wieder sah der Rüde seinen Gefährten an, lächelte immer wieder und berührte ihn sachte mit der Schnauze. Ewig hätte Katsumi so verweilen können, als etwas an sein Ohr drang und auch gleich Akrus Reaktion kam. Die klaren Blauen Augen klammerten sich an die Seelenspiegel des Braunen. Er verstand, nahm einen Satz und lief Akru nach. Schnell. Die Muskeln im schlanken Körper spielten ein geregeltes Spiel, hatten einen gut geübten Ablauf und ermöglichten ein schnelles vorankommen. Schulter an Schulter preschten die beiden Rüden dem Weg entlang. Katsumi ordnete Gerüche, erhaschte den der Fähe von vorhin und erkannt sie, als Akru langsamer wurde. Er blieb stehen und der Fünfjährig tat es ihm gleich. Sofort drückte sich der Braune an den grauen Hünen, sah zu Isis und dann in die klaren Seelenspiegel seines Freundes.

"Willst du zu ihr?"

Nur schwach zeichneten dich die Konturen der Wölfe ab, die sich weiter entfernt aufhielten, doch sie waren da. Der Geruch bestätigte es. Die Zeichnungen in der Dunkelheit demonstrierten ein freudiges Verhalten der Wölfe und leicht drang ein Wuffen zu den beiden Rüden durch. Katsumi wartete nicht, sondern setzte seine Pfoten sachte weiter auf den Boden, bewegte sich voran. Immer wieder blieb er kurz stehen und sah zu seinem Begleiter. Wollte er nicht, so hätte Katsumi jeden Moment wieder gekehrt.

"Akru mein Freund?"

Seine Tochter, dachte Katsumi gleich, als ihm einfiel, dass Akru ihn zu ihr bringen wollte. Doch hatte dies nicht auch Zeit? Sie hatten jede Zeit der Welt, denn nie wieder würde der Braune ohne seinen Freund sein wollen. Nie mehr!


Dieses eine „Bin noch da.“ von der schwarzen Fremden erleichterte Kylia enorm. Sie war ihr also nicht einfach weggestorben, wahrscheinlich konnte sie ihre Kräfte aber besser für so etwas wie Laufen aufsparen, anstatt mit Kylia ein Pläuschchen über dieses Tal zu halten. Vernünftige Sache. Weniger vernünftig – oder viel mehr verwirrend – war, dass die Schwarze sie nun bat, ihr zu helfen, da sie nicht alleine weg konnte. Aber wie sollte Kylia ihr denn helfen? Sie könnte sie stützen, aber würde das reichen? Tragen konnte sie die Größere auf jeden Fall nicht und wenn, würde sie wohl eh nur alles noch schlimmer machen.

“Wie soll ich dir helfen, sag mir wie?“

Mit aufkeimender Verzweiflung betrachtete sie die Bemühungen der Fähe auf die Beine zu kommen, die leider scheiterten. Ziemlich schwach sank die Fremde wieder auf die Steine zurück und murmelte etwas von zu schwach, müde, schlafen, zu Ende, was in Kylia nur neuerliche Panik auslöste. Was, wenn das Schlafen zu einem sehr sehr langen Schlafen werden würde? Noch dazu hier, halb im Bach, auf spitzen Steinen und ohne Deckung. Der Bär hätte sich für seinen Angriff wirklich einen besseren Platz aussuchen können. Aber weiter, was jetzt? Gerade wollte sie wieder mit ihrem sinnlosen Geplappere über das Tal anfangen, als sich die Fremde wieder regte. Erleichtert sah Kylia wie sich die Schwarze tatsächlich so aufraffte um sich hinzusetzen. Es sah jetzt nicht stabil aus, aber sie saß. Ein guter Anfang. Jetzt kam Kylias Einsatz. Mh. Ja.
Die Braune wuselte an die Seite der Fremden und versuchte sie zu stützen. Soetwas hatte sie noch nie gemacht, so schwer konnte es aber eigentlich nicht sein. Nur versuchen, die Fremde auf den Beinen zu halten und … hm … zum Rudelplatz bringen. Der war zwar nicht wahnsinnig nah, aber auch nicht schrecklich weit weg. Vielleicht würde ein wenig Gerede helfen, um die Schwarze zu animieren?

“Kannst du laufen, wenn ich dich stütze? Ich werde dich zum Rudelplatz bringen, da gibt es Wölfe, die dir helfen können. Aber du musste jetzt stark sein und mit mir dort hin laufen. Einfach Pfote vor Pfote setzen, das schaffst du!“

Sie war nicht die beste Motivatorin, aber jemand anderes war nicht da – der Fremden blieb wohl nichts anderes übrig, als auf sie einzugehen. War immer noch besser, als blutend im Bach herumzuliegen. Stellvertretend für die Fremde biss Kylia die Zähne zusammen und machte einen ersten Schritt.


Es war eine stumme Begegnung gewesen, die ein seltsames, feines Band zwischen den beiden Rüden gewoben hatte. Die klaren Augen hatten in die Schwarzen geblickt, Augen, die er nie zuvor in solch einer Art und Weise gesehen hatte, und hatte dabei einen Teil von sich selber erkannt. Dieses Wesen, tief in ihm verankert, hatte sich geregt, sich gewunden unter dem Blick, der wie ein Spiegel zu sein schien.
Eine Begegnung, auf einer anderen Ebene, bei der Worte überflüssig waren.
Einen Augenblick, in dem sie schwiegen, bis der Jüngere sich mit einem Male umwandte und sich erdrückende Stille um den Schwarzen legte. Eine seltsame Atmosphäre, die er nicht zu deuten wagte, die ihm als elektrisierendes Gefühl den Nackenpelz zu Berge stehen ließ und die alte ‚Rüstung’ des Jungwolfes, des Kriegers in ihm wieder hervor kam.
Dieser seltsame Impuls prickelte in seinem gesamten Körper, als würden Ameisen ihre Straße durch sein Fell bauen, die Muskeln spannten sich ein wenig an und das Herz des Wanderers schlug einen Takt schneller, als gewohnt.
Die Spannung, die sich in dem Rüden aufgebaut hatte, erreichte nach nur wenigen weiteren Augenblicken ihren Höhepunkt und entlud sich in einer kräftigen Bewegung der Hinterläufe. Sie pressten den Körper des Wanderers nach vorne, der mit wenigen weiteren Sätzen im Wald verschwunden war. Dieses Gebiet, der Sumpf und der gefährliche, heimtückische Boden war schnell, ebenso wie die Wölfe, zurück gelassen und kein Gedanke mehr an die beiden verschwendet.
Es blieb ein ungewohnter Nachgeschmack, denn nicht nur, dass Artgenossen in dieser tristen Einöde die Einsamkeit in einer Gruppe genossen, es verwirrte ihn mehr, dass er sich so sehr von dem eigenwilligen Verhalten des Jungrüden irritieren und dazu verleiten ließ, ihm ohne weitere Worte zu folgen.
Obwohl Shaén keinerlei Beschwerden hatte, so kam er mit dem Jüngling nicht mit, als dieser eine überragende Geschwindigkeit an den Tag legte.
Das Einzige war ihm übrig blieb war, nachdem er einen Blick noch auf die anderen beiden Anwesenden geworfen hatte, sich wieder um zu drehen und der Spur des Schwarzäugigen zu folgen, die er ohne große Mühe verfolgen konnte.
Schnell war klar, wohin ihn der Weg führen würde und leichte Zweifel kamen in dem Wanderer auf, denn es war mehr als deutlich, dass er sich auf diese Art und Weise einer größeren Gruppe, einem riesigen Rudel, näherte. Die geübten Sinne des Schwarzen fingen die unterschiedlichen Gerüche auf, teilten sie wie Fasern in Stränge ein und woben in seinem Kopf ein einheitliches Bild, welches ihm eine ungefähre Vorstellung einräumte.
Es gab viele Tiere in diesem Rudel, Jungtiere, Altwölfe und auch Welpen. Demnach konnte die Stimmung schnell kippen, wenn ein Fremder, wie er einer war, plötzlich auf tauchte.
Ein drängendes Gefühl, ein Druck, in seinem Innern trieb ihn jedoch voran, ließ diese Problematik nichtig werden und in den Hintergrund rücken. Lieber sollte er den Schwarzen suchen. Was auch immer es war, was ihn dazu anhielt.
Mit einem kräftigen Sprung jagte Shaén über morsche Bäume, die ihm den Weg versperrten und hetzte gleichmäßigen Schrittes durch das Unterholz, welches, nach dem Verlassen der Moorlandschaft, wieder bewachsener und dichter war. Hier war die Fährte noch eindeutiger, leichter zu entziffern und es kam ihm fast schon so vor, als würde er die Angst selber spüren können. Als er aus dem Wald hervor brach, wenige Minuten und Augenblicke später, fanden die klaren Augen des Rüden den Schwarzen am See, keine paar Meter von ihm entfernt.
Leicht runzelte er die Stirn, trabte locker einige Schritte näher und konnte ein kleines, weißes Fellbündel erkennen, welches sich dicht an die großen Pfoten schmiegte. Die angespannte Haltung des Rüden hielt ihn davon ab noch näher zu treten, weshalb er sich dort wo er stand, einfach nieder ließ, den Blick feste auf den Schwarzen gerichtet.


Nach einigen hektischen Luftzügen, es kam ihr vor, als ob sie gar keine Luft mehr bekommen würde, spürte sie, wie die Luft ihre Lunge füllte und wie sie ihren Atem langsam beruhigen konnte. Sobald ihr Atem wieder regelmäßiger ging, beruhigte sich auch ihr schnell klopfendes Herz wieder und sie hatte wieder das Gefühl unter den Lebenden zu weilen. Das einzige was blieb, waren die dumpfen Kopfschmerzen, die in ihr pochten. Das musste von der Erschöpfung kommen, heilen war damit ausgeschlossen, aber da konnte sie wohl drüber hinweg sehen.
Jetzt, wo sie Cyriell betrachtete, wie er seinen Kopf langsam hob und dann sogar schon wendete, durchflutete sie ein Glücksgefühl, welches ihren ganzen Körper innerlich vibrieren ließ. Das leichte Lächeln wurde zu einem wahren Strahlen, sie und ihre Lefzen konnten sich nicht einigen, war ihr es doch schon ein wenig peinlich, dass sie sich so sehr über die Heilung freute. Doch ihre Lefzen waren der Meinung, dass sie sich ruhig freuen durfte und von daher brachten sie dies auch wunderbar zum Ausdruck. Auch ihre Augen freuten sich an dem schon viel munterem Anblick, den Cyriell abgab und strahlten mit ihrem Lachen um die Wette. Selten hatte man die junge Fähe so glücklich gesehen. Der immer noch vorhandene Schmerz war vergessen, die Erschöpfung schien ihr so unwahr und war so weit entfernt. Es fühlte sich an, als ob dieses Glücksgefühl für den Rest ihres Lebens halten würde. Sie fühlte sich, als ob sie alles schaffen könnte und stolz blickte sie zu Nyota herüber.
Der erste kleine Dämpfer war, als Nyota dann verkündete, dass sie Aryan suchen gehen würde. Noch jemanden konnte sie nicht heilen! Außerdem, sollte sie hier mit Cyriell bleiben, sie, die nicht sprechen konnte? Na wunderbar.
Ihr etwas unsicherer Blick huschte zu Cyriell. Dort erwartete sie der nächste Schreck.
Plötzlich erstarrte sie in ihrer Bewegung, die Augen waren weit aufgerissen und ihr Maul konnte sich nicht entscheiden, ob es noch mehr lachen sollte, oder ob es sich zum weinen schließen sollte. Sprachlos wendete sie ihren Blick wieder zu Nyota. Hilflos. Wie sollte sie Cyriell erklären, was mit ihm passiert war. Es war wirklich nicht dramatisch und wenn sie sich ausgeruht hatte, würde sie ihren kleinen Fehler bestimmt wieder beheben können, aber bis sie sich zu Ende ausgeruht hatte, würde schon ein kleines Weilchen vergehen. Und ob Cyriell es so lustig finden würde, mit dem Zeug da rum zu laufen. Sicher wollte er sich nicht zum Gespött des ganzen Rudels machen. Aber sie wollte auch nicht zum Gespött des Rudels werden.
Das war sicherlich, weil sie gegen Ende so gegen ihre Erschöpfung ankämpfen musste. Und weil sie einfach noch so unerfahren war. Wie unangenehm peinlich.
Am liebsten würde sie im Boden versinken, eine winzig kleine Maus sein, die sich schnell ihr Loch buddelt und einfach verschwinden. So schaute sie nur betreten zu Boden, schielte Cyriell an und dann Nyota. Hatte sie das Ganze noch nicht bemerkt?
Sie fühlte sich zum heulen zu mute. Doch anstatt, dass ihr eine Träne aus dem Augenwinkel rann, fing ihr Maul plötzlich leise an zu kichern. Unfassbar. Was tat ihr Körper denn da? Die Erschöpfung und die Glücksgefühle hatten sich gegen sie verbündet, sie war sich sicher.
Sie hob den Blick etwas, die Entschuldigung war in den Augen abzulesen, das Kichern jedoch nicht aus den Mundwinkeln zu verscheuchen. Betreten blickte sie Cyriell an, dann nickte sie Nyota zu. Sie sollte den armen Kerl nicht länger rum stehen lassen. Schließlich hatte er ein Recht dazu zu erfahren, was mit ihm geschehen war. So unangenehm das ganze für Sheena auch war und so unangenehm es noch werden konnte.
Leicht schüttelte sie ihren Kopf. Wie hatte sie ihm nur winzige Federn aus dem Nacken wachsen lassen können! Wie war so etwas möglich? Ein Wolf trug niemals Federn, erst recht nicht im Nacken. Doch diese hier schienen so echt, so fest verwurzelt. Immerhin waren sie nicht so riesig wie von großen Vögeln. Sie erinnerten eher an die Federn von kleinen, putzigen Spatzen. Aber trotzdem! Was taten sie da? Am Nacken von einem Wolf? Noch nie hatte sie von einem Wolf gehört, der einen Federkranz am Nacken hatte. Immerhin damit konnte Cyriell prahlen. Er war der Erste und würde wohl auch der Einzige bleiben.
Sie reckte sich ein wenig um das Ganze genauer betrachten zu können. Bei genauerem hinsehen, sah das auch nicht mehr ganz so schlimm aus, denn sie stellte fest, dass es keine richtigen Federn waren. Das wäre auch komisch gewesen. Schließlich konnten Wölfe nicht zaubern! Es war Fell, nur wieso es so Federähnlich ausschaute, konnte sie sich nicht erklären. Auf jeden Fall war da etwas schief gelaufen und mit bittenden Augen blickte sie Nyota an. Sie sollte ihm bloß sagen, dass sie das, wenn sie sich erholt hätte, wieder rückgängig machen würde. Er würde wieder normales Fell bekommen, was nicht aussah, als ob er einen Federkranz um den Hals tragen würde!


Die Gedanken des Schwarzen würden niemals mehr zur Ruhe kommen, sich immer wieder um alte Sachen drehen und keinen Frieden hinter lassen.
Die blauen Augen betrachteten die Mutter, die sich so gewandelt hatte. Wie hatte es nur so weit kommen können, dass Kaede so aussah, wie er selber sich oft fühlte? Warum ging das Leben seinen eigenen Schritt voran, ohne den Nachtwandler mit zu nehmen, der still und einsam lange genug auf das Ende all seiner Leiden gewartet hatte, umsonst. Midnight wiegte leicht den Kopf hin und her, als wolle er ihn schütteln. Es sollte nicht so sein, wie es war. Jedoch fehlte ihm die Kraft dazu, etwas zu verändern, er hatte nicht die Macht dazu.
Hier, in diesem Tal, lebten die Wölfe nach Engayas Wort voller Liebe und Güte, verehrten die weiße, weise Lebensgöttin, ebenso wie ihren Gegenpart, den dunklen Todesherrscher Fenris. Obwohl er sich offen gegenüber dem Glauben hielt, so hoffte der Schwarze, dass die gütige Göttin wusste, was sie tat. Hoffentlich wusste sie, dass sie Familien auseinander riss und die jungen Welpen bald alleine auf der Welt waren, wenn man ihnen die Eltern nahm.
Wieder schüttelte Midnight den Kopf, dieses mal deutlicher. Er konnte es nicht verstehen, es nicht nach vollziehen, warum die Göttin, sollte es sie geben, so etwas nur tat. Die Kinder würden verwaisen, auch wenn sie selber inzwischen erwachsen waren – zumindest galt dies für die Nachkommen Banshees und Acollons. Die Nachkommen Kaedes und ihres Gefährten waren allesamt noch so klein. So früh sollten sie schon von ihren Eltern Abschied nehmen, ein hartes, ungerechtes Los.
Warum nahm man nicht einem wie ihm das Leben, es würde niemandem etwas ausmachen, nicht mal ihm selber. Er hatte keine Familie, keinen, den er zurück lassen würde und niemanden, der Seinetwegen trauern würde. Es tat ihm in der kalten, stillen Seele weh, diese Ungerechtigkeit musste er hin nehmen und seine Aufgabe lag dann wohl dabei, dass er die Trümmer, die Risse wieder zusammen fügte, heilen konnte man sie nicht.
Auf ihre Worte nickte Midnight, wusste er zwar, dass Kaede ihn nicht sehen, aber gewiss das leise, zustimmende Rascheln des dichten Pelzes hören würde.

Ich verstehe.

, gab er nur ebenso leise zurück und senkte die schweren Lieder. Es war ein Los, welches die Wölfe aus diesem Tal scheinbar gezogen hatten und sie mussten sich dem fügen. Natürlich, es war der Lauf der Dinge, dass alles Leben eines Tages ein Ende fand. Jedoch nicht so plötzlich, wenn Welpen die Liebe und Zuneigung, dass Wissen ihrer Eltern brauchten.
Genau konnte es sich der Totenwandler nicht erklären, aber auf eine bestimmte Weise konnte er den vorherrschenden Schmerz nachempfinden, deutlich spüren. Als hätte er selber...
Seine Überlegungen hielten inne, es machte keinen Sinn, das wusste er und auch Kaedes Worte, über die er einen Augenblick nachdachte, trugen dazu bei, dass er seine Gedanken auf etwas anderes lenkte.

Manche Dinge, wie die Struktur eines Rudels, können repariert werden, wenn jemand fehlt.

Einen Moment hielt Midnight inne, warf der Grauen einen Seitenblick zu, ehe er die Augen wandern ließ und weiter sprach.

Andere Dinge, wie die Seelen der Kinder, die zurück gelassen werden, kann man nicht heilen.

Es herrschte eine Weile Schweigen, Stille senkte sich über den Nachtschwarzen, der die Augen nun gänzlich geschlossen und den schwerer werdenden Kopf leicht gesenkt hatte.

Es wäre mir lieber, wenn jemand Unbedeutendes wie ich gehen würde. Deine Familie, das Rudel, braucht dich. Ebenso wie es Banshee braucht.


Vorsichtig stemmte die alte Fähe sich hoch. Der Durst hatte zugenommen, doch kaum stand sie auf ihren vier Beinen spürte sie, dass es ein Kampf werden würde, die paar Schritte bis zum Wasser zu gehen. Sie ließ den Kopf sinken, tat einen Schritt, noch einen. Taumelnd blieb sie wieder stehen. Ihre Beine waren so schwer, ihr Kopf noch viel schwerer. Nichts wollte ihren Körper mehr tragen, nichts wollte mehr zu ihr stehen. Sie kämpfte, biss die Zähne aufeinander. Noch einen Schritt, sie konnte das Wasser hören, die ganze Zeit schon. Sie war angekommen.
Langsam, unendlich langsam ließ sie ihren Kopf sinken, bis die Schnauze das Ufer berührte. Noch ein kleines Stück vor. Auch wenn sie sich eingestehen musste, dass der Schritt eher seitwärts tendierend geraten war, immerhin war sie am Wasser angelangt. Aufseufzend begann sie zu trinken. Ein paar Schlücke nur. Sie wusste, ihr Durst war das kleinste Problem, was sie besaß. Angestrengt hob sie ihren Kopf, unsicher drehte sie sich um und ging die kurze Strecke zu Midnight zurück. Wieder taumelte sie, gerade gehen konnte sie schon lange nicht mehr.
Noch ein wenig mehr hob sie den Kopf, blickte den schwarzen Rüden an. Die grauen Augen ohne Glanz, gebrochene Seelenspiegel, die nichts weiter als pures Leid zeigten. Sie litt, sie konnte einfach nicht mehr leben. Nicht für das Rudel, nicht für die Welpen. Sie konnte nicht mehr weiter kämpfen, hatte sie doch schon so lange gekämpft. Ob sie es wollte oder nicht. Auch das letzte bisschen Leben wich aus ihr, wie, wenn man ein Tier jagte und zu dem entscheidenden Sprung ansetzte. Wie lange würde das Tier noch leben? Einige Sekunden? Einige Minuten? Es war ungewiss, genauso ungewiss war es nun bei ihr. Würden es wenigstens ihre Kinder und ihr Geliebter noch zu ihr schaffen. Dann konnte sie sich wenigstens von ihnen noch verabschieden. Oder war es besser, wenn sie nicht dabei wären? Vielleicht waren sie noch zu klein, vielleicht sollten sie die Mutter lieber in Erinnerung behalten, als es ihr noch ein wenig besser ging.
So wie ihre Frage aufgetaucht war, wurde sie auch beantwortet. Sie witterte Urion und ihren Sohn Ciradán. Nun, dann musste sie wenigstens noch so lange durchhalten, bis auch Liel und Krolock bei ihnen angelangt waren. Doch noch waren die beiden nicht bei ihnen. Noch schenkte sie Midnight ihre volle Aufmerksamkeit und lauschte seinen Worten. Doch der Kopf wurde schwer, die Beine schienen ihrer Körper nicht mehr tragen zu wollen. Doch sie wollte noch antworten. Angestrengt blickte sie dem schwarzen Rüden weiter in die Augen, die sie nicht sehen konnte. Sie hörte seine Bewegungen, der raschelnde Pelz, sie fühlte den Lufthauch der durch seine Bewegungen ausgelöst wurde. Alles erschien ihr plötzlich noch deutlicher, noch klarer. Jede kleinste Bewegung konnte sie deuten, jedoch konnte sie nicht mehr klar darauf reagieren.
Auch, als der Rüde schon verstummt war, antwortete sie nicht sofort. Es war so schwer die Gedanken zu sortieren, es war so schwer die Worte zu formen. Doch sie wollte ihm antworten, sie würde ihm antworten und sie würde ihn dabei auch anblicken.
Ein zittern durchlief ihren Körper. Sie strauchelte leicht und machte einen kleinen Ausfallschritt zur Seite um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Wieder fing das Herz an zu stolpern. Boumboum. Boumboum. Boum.
Tief holte sie Luft, leise keuchend verließ die Luft ihre Lunge wieder. Traurig ließ sie ihre Ohren gänzlich zur Seite fallen und blickte Midnight weiterhin stumm an. Die Lefzen kämpften mit einem Lächeln. Und sie verloren.

„Midnight.“

Sie verstummte wieder. Erneut holte sie tief Luft. Konzentrieren musste sie sich, doch es fiel ihr so unendlich schwer.

„Du solltest wissen, dass ich gerne weiter für das Rudel und vor allem für meine Familie da sein würde. Aber… ich kann einfach nicht mehr“

Ihre Worte wurden immer leiser. Zum Schluss war es kaum mehr als ein hauchen gewesen. Doch noch etwas musste sie ihm sagen. Denn auch, wenn er keine Familie hatte, wäre es nicht gerecht ihm, statt ihr den Tod zu wünschen. Er war jünger und kräftiger als sie, auch wenn ihm der Tod nichts ausmachen würde und selbst wenn um ihn nicht so viele Trauern würden, wie um sie. Es gibt immer, fast immer jemanden, der um einen trauert. Und selbst wenn es bei dem einen nur einer ist und bei dem anderen fünfzig. Man sollte kein Leid gegen ein anderes aufwiegen.

„Sag so etwas nicht Midnight. Du kannst leben, also leb!“

Sanft berührte sie ihn mit ihrer Schnauze an der seinen. Eine letzte Geste, wenn doch das Lächeln nicht mehr gelingen wollte. Dann hatten Urion und Ciradán sie auch schon erreicht. Wieder versuchte sie zu lächeln und scheiterte kläglich. Ganz leicht bewegte sich ihre Rute. Dann überkam sie eine Erschöpfung, dass sie glaubte, ihre zwei anderen Kinder nicht mehr zu Gesicht zu bekommen. Sie spürte, dass ihre Beine, gewährte sie ihnen jetzt keine Ruhe, sie sich einfordern würden. Und sie wollte ihre letzte Würde noch behalten. So ließ sie sich, keuchend, zu Boden sinken. Es war eine qualvolle Prozedur, alles wollte nicht mehr so richtig, wie sie wollte und den Kopf konnte sie nicht auch noch halten, so sank er, scheinbar kraftlos, gen Boden und landete etwas unsanfter als geplant auf ihrer linken Pfote. Sie blinzelte, sie war so unglaublich müde.
Doch sie streckte ihren Kopf erneut, nicht hoch, nur nach vorn.

„Liebster. Ciradán“

Sie hauchte die beiden Namen nur. Mehr war nicht mehr möglich, so sehr sie sich auch bemühte. Die Worte wollten ihre, erneut trocken gewordene, Kehle einfach nicht mehr verlassen. Doch sie wollte noch so viel sage. Sie wollte noch so lange für ihre Familie da sein. Und doch wollte sie eigentlich nur noch schlafen. Schlafen, sich erholen um dann wieder für ihre Familie da sein zu können. Doch sie wusste, würde sie jetzt einschlafen, würde sie nie wieder aufwachen. Zumindest nicht in dieser Welt. Und deshalb durfte sie noch nicht jetzt schlafen, sie musste ihre Augen offen halten. Sie musste kämpfen, bis zum letzten Atemzug musste sie kämpfen.
Ein letztes blinzeln noch zu Midnight.

„Bleib nur wenn du möchtest!“

Rau und flüsternd erklang ihre Stimme. Sie wusste nicht, ob er ihrem Tod beiwohnen wollte. Sie würde verstehen, wenn er es nicht wollte. Sie würde sich aber freuen, wenn er verweilen würde. Doch nun sollten ihre Kinder kommen. Liel und Krolock. Wo steckten die beiden nur? Krolock war vorhin einfach davon gerannt. Er befand sich sicherlich auf dem Rudelplatz. Durch ihre Sinne konnte sie ihn ausmachen. Es wunderte sie, warum diese noch so gut, fast besser, funktionierten, alles andere aber versagte. Er war bei Kensharion, seinem Paten. Also in Sicherheit. Trotzdem sollte er kommen, am Besten mit Pate. Aber wo zum Teufel steckte Liel. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte ihren Duft nicht ausmachen. Zumindest nicht direkt. Natürlich huschte er hier oder da über den Platz, aber nirgendwo war sie dabei. Sie war doch nicht etwa in den Wald gelaufen? Es stach in ihr Herz, ein verkrampfen des Körpers, dann ein Zucken.
Sie wollte nicht, dass ihre Welpen das alles sahen, verzweifelt blickte sie zu Urion. Er sollte die beiden rufen, er sollte von ihr aus alle rufen, die zu ihnen kommen wollten. Hauptsache sie würden sich beeilen. Sie spürte, wie ihr Körper sich vorbereitete. Ihr Herz wollte nicht mehr schlagen. Boum…. Boum….
Es wurde schon immer langsamer, ebenso wie ihr Atem, doch sie benötigte die Luft doch so sehr. Immer öfter fielen ihr die Augen zu, immer schwieriger wurde es sie wieder zu öffnen.


Der Weg eines jeden Wolfs muss irgendwann enden. Irgendwann wird jeder an Engayas Seite sitzen. Aber eine Zeit ohne Mama und Papa? Eine Zeit, in der die Eltern nicht mehr da waren? Wie unvorstellbar. Nein, das wollte er auf keinen Fall. Nein, bloß nicht. Aber wenn der Fluch von Urion so stark war, war denn nicht jede Erlösung richtig? Wann durfte man darüber urteilen, wann ein Leid mit dem Anderen zu vergleichen ist, um es beenden zu können? War das nicht grausam und unmoralisch, so was auch nur zu denken? Und selbst wenn der Verfluchte in der Vergangenheit sündigte, war es denn nicht irgendwann zu Genüge gebüßt – mussten dann auch die Kinder darunter leiden? Der weiße Welpe litt unter der Vorstellung.
Der Wald zog an ihnen vorbei; so wie das Leben ins Land. So wie Urion von seinem Ende geredet hatte.

“Ein trauriger Gedanke, ein tröstlicher für das Leiden. Aber ich denke noch nicht an meine Zukunft, ich denke nur an ein Leben bei Mama, bei Dir und Liel und Krolock. Ich hoffe, Engaya kann warten. Jeder Gott sollte warten. Auch wenn ich nicht an die Götter glaube, ich würde mir wünschen, dass es noch eine schöne, lange Zeit geben wird“,

stimmte er optimistisch an und schloss für eine Weile die ungleichen Augen. Vielleicht würde Mama ihm noch zeigen können, wie man auch blind durch die Welt kam. Sie konnte sehen ohne zu gucken. Wieder lauschte Ciradán auf seinen regelmäßigen Herzschlag. Eins, zwei, drei, vier, fünf.
Eine Gesetzesregelmäßigkeit. Alles bestand aus Zahlen und Formeln, für Alles gab es eine Formel. Auch für das Leben in seiner kleinen Struktur – nur kein Gesetz.
Als Urions raue Stimme verkündete, dass sie endlich am See und bei Mama waren, seufzte der Welpe erleichtert und öffnete die Augen. Das Gesunde erfasste sofort den Körper der Mutter. Fast wäre er von dem grauen Rücken runter gerutscht.
Zu steif fuhr der Schreck durch die kleinen Glieder. Warum sah Mama noch schwächer aus – was war denn passiert? Mama?

“Mama...“,

hauchte er und glitt von dem Vater weg und tapste taumelnd auf die Betawölfin zu. Sechs, sieben, acht-neun-zehn-elf. Das Herz schlug immer schneller. Raste schon und transportierte zu viel Sauerstoff durch die Blutbahnen.

“MAMA!“,

schrie er aufgebracht und warf sich an die Mutter heran. Vergrub sich am Fang, an den Läufen. Vergrub sich dort, wo er Platz fand.

“Mama, sag doch was! Was ist passiert?“,

forderte er, drängte er und schloss die Augen. Kleine dicke Tränen kullerten über den weißen Fang hinab. Es war ein Instinkt, der ihm sagte, dass etwas nicht stimmte. Es war eine innere, uralte Stimme, die ihm verriet, dass es das Ende war. Wie seine Vorfahren, die Urväter. Sie alle hatten dieses Gespür.

“MAAAMA!“,

schluchzte er erstickt in das vertraute Fell. Der beruhigende, süßliche und so heimische Geruch. Hier war er endlich in Sicherheit – oder? Mama? Mama, bin ich hier zu Hause?


Glücklicherweise schien Takashi gleich den Weg hinter sich gebracht zu haben. Gleich war er ganz im Norden des Reviers angekommen. Hier war er noch nicht allzu oft gewesen. Damals kam er schließlich aus der Richtung des Gebirges und schlich dort heimlich einige Tage lang herum, um alles aus der Ferne zu betrachten. Zu dieser Zeit besaß er noch die Verletzung von dem Kampf mit einer Alphawölfin. Doch da der Fluch ihn endgültig verlassen hatte, wusste er, dass es nicht die Alphawölfin seines alten Rudels gewesen war. Dieser Fluch hatte ihm oft etwas vorgemacht und ihn anders denken lassen. Außerdem sind seine Erinnerungen noch nicht komplett zurückgekehrt und manchmal Irren seine Gedanken in Unsicherheit umher. Denn Takashi weiß nicht, welche seiner Erinnerungen falsch und welche richtig sind. Es war eine schwierige Aufgabe für ihn, dass alles einzuordnen. Als er dann damals sich das Revier ausreichend angeschaut hatte, rutschte er unbeholfen den Hang hinunter, da er nur drei seiner Pfoten zum Laufen nehmen konnte. Die andere bereitete ihm viel zu große Schmerzen, um damit laufen zu können. Als er dann nach seiner holperigen Rutschfahrt unten am Boden angekommen war, sah er sich erneut genau um. In einiger Ferne konnte er viele Wölfe wittern. Von da an war er bis an den See vorgedrungen, wo er auf Jumaana traf. Das waren noch Zeiten gewesen! Ein sanftes Schmunzeln glitt über Takashis Lefzen. Er war noch immer so sehr von seiner Entdeckung überzeugt gewesen, sodass er am Liebsten allen davon erzählen wollte. Nun war es nicht mehr weit! In der Ferne konnte er bereits zwei weiße Fähen entdecken. Eine von ihnen musste ganz sicher Jumaana sein! Aber die andere schien ihm unbekannt zu sein. Doch irgendwie schien seine Stimmung ganz plötzlich zu schwanken. In der Luft lag keine Fröhlichkeit mehr. Ein bedrückendes Gefühl, was Takashi nicht ganz zu deuten wusste, legte sich auf ihn erdrückend hinab. War es Traurigkeit oder gar Angst? Er wusste es nicht genau. Vorsichtig näherte er sich den beiden Fähen. Sanft kuschelte er sich für einen Moment an Jumaana und schleckte ihr zärtlich über die Schnauze. Nicht neben ihr blieb er stehen. Sein aufgeregtes Auftreten und die Erzählung von der Entdeckung waren hier jetzt nicht angebracht. Auch wenn es wirklich etwas Neues und interessantes gewesen war. Der weißen Fähe mit den grünen Seelenspiegeln musste jetzt zuerst geholfen werden – was auch immer sie hatte. Die Konzentration auf Jumaana und die Fremde weiße gerichtet, bemerkte der schwarze Rüde im ersten Moment nicht, dass es auch in diesem Umfeld diesen weißen Nebel gab. Doch dann, als er kurz aufsah, traf ihn das volle Entsetzen, was ihm auch gleich anzusehen war. Schnell wandte er sich von dem Nebel hab und sah wieder die beiden Fähen an. Takashi versuchte so zu tun, als hätte er nichts gesehen. Aber seine Gedanken taten etwas ganz anderes, als ein Versteckspiel von Emotionen zu treiben.

.oO(Was ist denn hier los? Noch mehr von diesem Nebel? Er mag zwar schon und gut sein – eine tolle Entdeckung! Jedoch scheint er hier schleichend langsam zu einer Plage zu werden. Vielleicht wäre es besser, wenn man die Ausbreitung beobachten würde. Aber wenn man dies auch tun würde; was könne man gegen den weißen Nebel, der der Leere glich, tun? Über Intelligenz scheint er nicht gerade zu verfügen…ihn vertreiben oder sonstiges würde da wohl auch nicht in Frage kommen. Eine schwierige Frage! Doch zuerst…diese Fähe hier! Vielleicht benötigt sie ja Hilfe und ich kann etwas dazu beitragen…)

Freundlich begann Takashi, die weiße Fähe vor ihm zu mustern. Er machte einen Schritt auf sie zu und lächelte sanft. Sie war nicht sonderlich groß und zudem auch nicht kräftig gebaut. Sie war eine kleine, schmale Fähe. Vielleicht schien sie ein bisschen ängstlich und verwirrt, wobei sich Takashi aber nicht sicher war. Es ist schließlich noch nicht besonders lange der Fall, dass aufmerksames Beobachten ihn zu einem Entschluss brachte. Als er noch verflucht war, hatte er bloß trotzig seine Umgebung gemustert und sich kaum Gedanken zu etwas gemacht. Doch jetzt war er wieder einfühlsam, genau, wie damals vor langer Zeit.

“Ist alles in Ordnung? Kann man dir vielleicht helfen?“

Fragte er schließlich sanft. Den Kopf drehte er dabei fragend zur Seite und sah in die grünen Augen.


Noch kurz saß sie einach nur da. Doch dann strengte sie sich an. All ihre Kraft versuchte sie in ihre Beine und ihr früher so gute Gleichgewichtssinn zu bringen.
Erfolgreich schaffte sie es.
Sie kam auf alle Viere kippte gleichzeitig leicht in Kylia's Richtung. Doch dank ihr konnte sie auf den Beinen bleiben und kippte nicht wieder um. Vorsichtig hob sie eine Pfote an und sezte sie wenige Zentimeter weiter Vorne wieder ab.

"Weit werde ich nicht kommen."

Brachte sie mühsam hervor und sezte erneut eine Pfote etwas weiter.
Sie wollte ihr unbedingst folgen. Sie wollte doch hier weg. Noch weiter leben. Noch was erleben! Ob sie das würde schaffen können? Ob sie all diese Verletzungen überleben würde? Würde sie das schaffen?
Nein, die Frage war nicht Würde sie das schaffen?, sondern, War sie bereit, es zu schaffen?.
Wenn sie dazu nicht bereit war, dann würde sie es wirklich nicht schaffen. Aber sie musste! Für Kylia! Für diejenigen, die sie noch liebten.
Gab es noch Wölfe, die sie liebten? Ob nur als Freundin oder Gefährtin, oder als eine Parthnerin?
Alle Wölfe, die sie je kennen gelernt hatte, waren ihr Vater, ihre Mutter und ihre Geschwister gewesen. Doch selbst die kannte sie nicht mehr. Ihre Eltern waren fort bei den Menschen und ihre Geschwister waren gestorben bei den Menschen. Warum, sie wusste es nicht.

"Schaff das. Ich schaff das! Muss es schaffen. Gibt noch was, für das es sich lohnt zu leben. Schaff das!"

Sie wiederhohlte diese Sätze immer und immer wieder leise vor mich hinmurmelnd.
Und plötzlich schien es, als sei die alte Kraft wieder da. Die Kraft, die sie so vermisst hatte, die sie nie verlassen hatte, egal, in was für einer Situation sie gewesen war. Egal, wie schlecht es ihr gegangen war. Und auch jetzt ließ sie sie nicht im Stich.
Sie richtete sich etwas mehr auf, stand alleine, schaute nach vorne. Sie sezte sich ein Ziel, dass sie erreichen wollte. Ein Ziel, dass sie erreichen MUSSTE! Wenn sie es nicht schaffen würde, würde sie es sich selber nie verzeihen! Wie würde sie das auch können? Nein, das würde sie nicht können.
Sie schuate sich das Ziel noch mal an, den Baumstupf am Waldrand, der nur vielleicht 10 Meter entfernt war. Dann schlich sie voran. Sie wurde schneller.
Eine Situation schlich sich in ihre Erinnerung.

*Sie tappte durch den Sumpf. Wenn sie nach hinten schauen würde, würde sie das Sumpfgebiet kenne. Nach vorne hin war es ihr unbekannt. Doch sie ging voran. Sie prüfte den Boden immer genau, bevor sie ihre Pfote absezte. Ein Vogel schrie in weiter Ferne auf - es kümmerte sie nicht. Sie ging weiter. Da passte sie nicht auf und trat falsch auf. Sofort sank sie in den sumpfigen Morast ein. Sie jaulte ängstlich auf und versuchte sie zu befreien. Sie rutschte mit der anderen Pfote mit hinein. Angst umschloss sie und zappelnd versuchte sie, dort hinaus zu kommen. Sie schaffte es aber nicht.
Da erinnerte sie sich an ihre Kraft, die sie traniert hatte. Sie konzentrierte sich. Dann ließ sie sich mit ihrer Brust in den Morast sinken, bekam ihre Pfoten frei und richtete sich wieder auf.
Sie war wieder frei.*


Sie dachte erst daran, während sie so voran ging, dann schickte sie die Bilder Kylia.
Ja, damals hatte sie die Kraft auch nicht verlassen. Nun tat sie es auch nicht.
Sie erreichte den Baumstumpf. Schaute zu Kylia. Schlich ein Stück in den Wald, vielleicht 6 oder 7 Meter weit und sank langsam zu Boden.

"Lass mich kurz ruhen. Bei der Dämmerung können wir weiter."

Grummelte sie und schlief augenblicklich ein.


Rakshee war nicht nur lieb, sondern auch sehr schlau. Sie wusste, dass Träume nicht krank machen konnten. Caylee krauste über diese neue Information kurz die Stirn, dachte dann aber nicht weiter darüber nach. Dann war sie eben anders krank geworden, jetzt zählte die Geschichte. Und die hatten so viele erlebt! Mama und Papa und Oma und Rakshee selbst und alle ihre Geschwister. Caylees Rute begann sachte zu wedeln, das klang total spannend. Sie wollte auch irgendwann spannende Geschichten erleben und sie dann erzählen. Das würde toll werden. Als ihre Patin dann endlich begann zu erzählen, lag die Kleine ganz ruhig da und lauschte mit großen Augen der Erzählung von dieser ganz anderen Welt. Von Schee, der zu Wasser wurde und von Bergen ... das waren doch die großen grauen Dings hinter dem See? Da konnte man hinauf? Und da war Rakshee geboren worden?

"Ich will auch auf die Berge."

murmelte sie, ohne dass sie es richtig bemerkte - eigentlich lauschte sie viel zu gespannt, um reden zu können. Dass Raki und Jaki und ihre Geschwister das Rudel nicht von Anfang an kannten, fand Caylee dann wieder logisch - das war bei ihnen ja nicht anders gewesen. Sicher musste ihre Patin auch viel zu lange in der doofen Höhle bleiben. Aber weiter, sie wollten von den Bergen runter, weil es nicht viel zu Essen gab? Das war ja doof ... wenn Caylee auch auf die Berge wollte und Schee sehen wollte, müsste sie doch etwas zu Essen bekommen. Vielleicht würde Rakshee da ja eine Lösung wissen. Vorher musste sie aber die Geschichte weiter erzählen und die wurde jetzt richtig spannend. Kämpfen? Das tat Caylee manchmal auch, gegen ihre Geschwister, aber das Kämpfen, von dem Rakshee sprach, schien noch einmal anders. Es klang gruselig und die Kleine bekam ein wenig Angst. Mit einem leisen Fiepen kuschelte sie sich noch enger an ihre Patentante und versuchte die Situation nicht all zu deutlich vor Augen zu haben. Aber es wurde noch schlimmer.

"Jakash, nicht!"

rief die Kleine leise, als könne sie dadurch Rakshees Geschichte verändern. Natürlich konnte sie das nicht und ein großer böser Wolf kam. Caylee sah ihn praktisch vor sich und begann ein wenig zu zittern. Jakash durfte nicht sterben, sie wollte doch noch mit ihm spielen. Die Kleine war so in der Geschichte gefangen, dass sie ganz vergaß, dass der Bruder ihrer Patin ja jetzt noch am Leben war und deshalb eindeutig nicht hatte gefressen werden können. Und, was für ein Glück! Aszrem kam. Aszrem, ihr Papa-oder-so. Erleichtert seufzte die Kleine auf und schluckte die Angst wieder hinunter. Ihre Eltern würden immer auf sie aufpassen. Wie gut, dass alles vorbei war und Rakshee und ihre Geschwister dann auch in dieses Tal konnten. Dass es dann sogar das war, wo sie lebten, also der Wald und der See - warum nannte man das eigentlich Tal? - ließ Caylee dann leise auflachen. Um diese Welt hatten sie kämpfen müssen? Dann waren sie ja ein ganz besonders mutiges und starkes Rudel. Die Kleine war plötzlich sehr stolz auf ihre Familie.

"Ich will auch auf die Berge und Schee sehen! Aber kämpfen will ich nicht und auch keine bösen Wölfe kennenlernen." Sie strahlte zu ihrer Tante hinauf. "Du bist so mutig! Aber warum ward ihr denn auf den Bergen? Habt ihr da schon immer gelebt?"

Eigentlich hätte Caylee noch ein paar weitere Fragen gehabt, aber plötzlich ertönte ein Heulen und die Kleine horchte auf. Mittlerweile verstand sie sogar ein bisschen und jetzt hatte sie eindeutig gehört, dass Rakshee gerufen wurde. Nicht nur die, auch Jaki und ... andere.

"Warum rufen die dich? Wohin musst du?"

In den Fragen lag ein Bitte, lass mich nicht alleine.


Es fiel auf, wie gebannt Caylee ihr zuhörte, wie sie selbst in ihre Erinnerungen einzutauchen schien, sich von ihnen mittragen lies und sie als die eigenen annahm, als stünde sie jederzeit mitten im Geschehen. Und zum Glück brach diese Spannung nicht ab, sondern hielt bis ganz zum Schluss - Caylees Lächeln bestätigte ihr dass sie alles richtig gemacht hatte in ihrer Geschichte. Sie erwiederte es, und leckte ihr nocheinmla über den Kopf.

"Der Schnee ist sehr kalt, und der Weg in die Berge ist weit, es dauert mehrere Tage bis man oben ist. Wenn du so groß bist wie ich zeige ich sie dir"

versprach sie zwinkernd, und wiegte dann den Kopf leicht hin und her.

"Nein, wir haben auch vorher schon hier gelebt - aber dann kam das fremde Rudel und hat unseres vertrieben - in die Berge nämlich. Als wir dort oben Kraft geschöpft hatten sind wir zurückgekehrt"

fasste sie zusammen, und horchte auf, als sie einen Ruf hörte - sie konnte die Stimme zuordnen, hatte aber nie viel mit Jumaana zu schaffen gehabt - was konnte sie von ihr wollen? Mit den Schultern zuckend und unschlüssig erhob sie sich, und sah zu Caylee herunter.

"Ich soll zu Jumaana irgendwo in den Wald...ich nehme dich mit, in Ordnung?"

fragte sie, stupste Caylee sanft an und hob sie dann, wie zuvor, wieder an und setzte sich in Bewegung, der groben Richtung folgend aus der sie Jumaanas Ruf gehört zu haben glaubte. Trotzdem sie sich wieder bemühte sanft aufzutreten, beeilte sie sich diesmal ein wenig mehr, und wollte schon umdrehen, als sie vor sich zwischen den Bäumen den verschlingenden Nebel auftauchen sah - als sie daneben drei Wölfe erkannte, unter denen auch Jumaana war.
Und ihre Mutter, und dieser eine Schwarze, der...Moment mal..der hatte doch vorher immer rote Augen gehabt? Überrascht musterte sie Takashi, und sah erst im nächsten Moment zu Shani, als sie sie schon fast erreicht hatte. Auf der Stelle erfasste sie eine Flutwelle von Sorge, als sie ihre Mutter so sah - sie hatte noch niemals so schwach, so traurig und niedergeschlagen ausgesehen. Schluckend setzte sie Caylee vor sich auf den Boden, drückte sanft den Kopf gegen die Schulter ihrer Mutter.

"Mama?"

ihre Stimme war kaum mehr als ein angsterfülltes Flüstern.


Urion kapierte sofort, was mit seiner Gefährtin war, als sie die beiden Wölfe schwach begrüßte. Leise Grollend, es war nicht böse gemeint, ließ er seine Ohren sinken und das Herz brach in zwei. Auch Ciradán musste es spüren, so wie er sich an ihre Flanke schmiegte, während dieser Midnight Vater und Sohn noch nicht mal beachtet hatte. Was für ein arroganter Vogel!
Jedoch verschwendete Urion keinerlei Energie, sondern trat auf seine sterbende Gefährtin zu, fuhr ihr mit der Zunge über den Kopf und prustete sanft in ihr Fell. Wie schwer es dem Grauen viel nun stark zu sein. Eine Träne, eine normale Träne, rann über seine Schnauze, doch bevor sie auf Ciradáns Kopf landen konnte, leckte er sie sich von den Lefzen.

“Bewege dich nicht, Liebste. Bleib ganz ruhig liegen.“

Urion hob den Kopf und blieb an Midnight hängen. Er tolerierte den Rüden nur, weil Kaede diesem freigestellt hatte, ob er bleiben wollte oder nicht.
Es tat weh, es schmerzte so sehr. Sie hatten in den letzten Tagen kaum Zeit miteinander verbracht und nun ging sie. Es war so offensichtlich. Urion seufzte schwer.
Er verzichtete darauf seinem Sohn zu erklären, dass es nun soweit war. Das er sich nun von seiner Mama trennen musste.
Kaede musste nichts sagen. Urion legte den Kopf in den Nacken, wieder rannen Tränen seinen Kopf entlang und die Läufe begannen grässlich zu zittern. Er konnte kaum noch stehen, während seine matte Stimme, der Kloß saß tief in seiner Kehle, aus seinem Fang drang. Unglaublicher Schmerz, Trauer und Verzweiflung schwangen mit.

“Krolock, Liel, Banshee, Nyota, bitte kommt her. Beeilt euch! Und ihr anderen des Rudels…“

Kläglich versagte Urions Stimme, aber das Wichtigste war gesagt worden. Der Graue ließ sich erst auf seine Hinterläufe nieder, fuhr immer wieder mit seiner Zunge über Kaedes Fell um ihr zu zeigen, dass er da war. Sie war nicht allein.
Wie schwer es seiner Gefährtin fiel, die Augen offen zu halten. Es knirschte in Urions Brust, sein Herz brach auseinander. Nun lief alles nur noch wie im Traum ab und der Rüde hielt die Tränen nicht mehr auf. Glitzernd trafen sie auf den Boden vor seinen Pfoten.
Nun war Kaede wichtig, sein Fluch interessierte nicht mehr.
Urion wurde schwindlig, während seine Muskeln sich anspannten, dann ließ er sich neben Kaede nieder, sodass Ciradán in der Mitte leg. Eng lag er an seiner Gefährtin, an seinem Sohn und legte seinen Kopf so auf die Pfoten, dass er Kaedes trockene Schnauze berührte.
Hatte sie überhaupt was getrunken? Urion machte sich schreckliche Vorwürfe, dass er kaum für sie da war und nu so schnell die Zeit des Abschieds gekommen war.

“Grüß mir Engaya, Liebste. Und warte auf mich, hörst du? Das du mir ja kein Unfug treibst.“

Zärtlich blickten die Seelenspiegel Kaede an, während der Himmel so unglaublich düster über ihnen waberte. Welch passende Stimmung. Ein leises Winseln verließ die trockene Kehle des Rüden, der nun so hilflos in dieser Situation war.


Sein Herz schlug schnell in seiner Brust, als wollte es geradezu seinem Körper entfliehen. Unruhig lag sein Blick auf seiner Großmutter. Hoffnung und Angst rangen in ihm miteinander, und Jakash schluckte, als Banshee zum Sprechen ansetzte. Ihr Dank vermochte ihn nicht zu beruhigen, und auch das Lächeln, dass er ihr dafür schenken wollte, gelang ihm nicht.
Aufmerksam lauschte er Banshees Worten, und seine Ohren spielten dabei unaufhörlich. Mal stellten sie sich auf, wenn Jakash aus der Erzählung seiner Großmutter neue Hoffnung schöpfen konnte, und klappten wieder zurück, wenn ihre Worte seine Ängste schürten. Es war also wahr, Fenris wollte ihn auf seine Seite ziehen. Jakash versteifte sich. Wieso ausgerechnet Fenris, wieso nicht Engaya? Hatte seine Mutter Unrecht, war er vielleicht doch weit weniger gut, als sie es von ihm glaubte? Jakash versuchte sich selbst einzuschätzen, aber seine Gedanken wirbelten dabei nur noch mehr durcheinander. Er wollte nichts weiter, als seine Familie beschützen! Aber... war er nicht schon mehrfach ungehorsam gewesen? War es das? Wog das so schwer, dass Engaya Fenris den Kampf um ihn führen ließ?!
Jakash schreckte aus diesen Gedanken, als Banshee weitersprach und ihm erklärte, dass es an ihm selbst lag, ob er ein Fenrispriester wurde oder nicht - wenn er es wirklich wollte. Jakashs Zunge war fast schneller als seine Gedanken. Die Vorstellung, er könnte soetwas noch einmal erleben WOLLEN, trieb Entsetzen auf seine Züge.

"Natürlich will ich sowas nicht noch einmal sehen! Jedesmal, wenn ich mich jemand anderem nähere, habe ich panische Angst, dass sich gleich wieder alles verzerren könnte! Ich will nicht - ich darf nicht noch einmal so die Kontrolle verlieren, sonst.... sonst tue ich noch jemandem weh..."

Jakash brach leise flüsternd ab. 'Jemand' war vor seinem inneren Auge seine Mutter, Rakshee und seine anderen Schwestern. Er wollte sie beschützen, auch - nein, erst recht - vor sich selbst.
Sein Blick wurde fester, entschlossener, als er den Kopf wieder hob und seine Großmutter erneut ansah. Sein klappte auf, um zu verkünden, dass er sich mit aller Kraft wehren würde - als Jumaanas Ruf erklang. Jakashs Kopf ruckte herum, und die Entschlossenheit wich neuerlicher Angst. Jumaana heulte eine Botschaft von Shani, seiner Mutter.... was war geschehen, dass sie es nicht selbst tun konnte?! Nur kurz huschte sein Blick zu Banshee zurück, dann sprang er auf und lief los. Seine Großmutter würde schon verstehen...




Banshee sah Jakash mit einem Lächeln hinterher, auch wenn sie sich nicht sicher war, warum ihr Enkel so schnell gerufen wurde. Zudem von Jumaana, die mit den Kindern Shanis doch nichts zu tun hatte? Leise Sorgen regten sich, die die Weiße jedoch vorerst verdrängte. Niemand sagte, dass etwas Schlimmes geschehen war. Nach einigen langen Atemzügen erhob sie sich und verließ ihren ruhigen Platz, der eigentlich eine gute Zuflucht vor dem Trubel am Rudelplatz gewesen wäre. Aber etwas zog sie zurück, schneller, als sonst. Sie rannte nicht, aber ihre Schritte setzten sich eilig voreinander. Der Weg zum Rudelplatz war kurz und doch unterbrach, bevor sie ihn erreicht hatte, ein Heulen die Stille. Urion rief sie. Nicht nur sie, sondern auch Kaedes Welpen und Nyota … und er drängte. Ein Schrecken packte Banshee, ihre Läufe begannen zu rennen, ohne dass sie gedacht hätte, dass sie dazu noch fähig waren. Den Rudelplatz erreichend flog ihr Blick zwischen den Wölfen hin und her und blieb auf einer Gruppe am See hängen. Urion, Midnight, ein Welpe und … Kaede! Sie lag einfach so zwischen den drei Wölfen, schien sich nicht zu regen. Kurz stockte Banshees Atem, dann sprang sie auf die kleine Ansammlung zu, starrte auf Ciradán, der weinte und Urion, der sich zu seiner Gefährtin gelegt hatte. Kaede starb. Banshee meinte zu spüren, wie die Graue ihre letzten Atemzüge tat und kaum noch Kraft hatte, sich zu bewegen. Warum jetzt schon? Auch in Banshees Augen stahlen sich Thränen, die wie glitzernde Perlen über ihre Wangen glitzerten. Vorsichtig berührte sie die Graue an der Nase, fuhr ihr mit der Schnauze die Lefzen entlang.

“Kaede … ich habe so gehofft, dass du noch länger diese Welt genießen darfst.“

Ihre Welpen, ihr Gefährte. Sie hatte so gehofft, dass Kaede noch in ihrem Tod bei ihr sein würde. Dass sie das Rudel noch ein wenig zusammenhalten könnte. Sie war immer da gewesen, hatte Banshee zur Seite gestanden, wann immer Probleme auf das Rudel zukamen. Sie war ein Fels in der Brandung, ein starker Stein in ihrem Fundament gewesen … jetzt brach er weg und Banshee verlor immer mehr den Boden unter den Pfoten. Warum nahm Engaya ihre Freundin jetzt schon zu sicher? Wieso konnte sie nicht noch ein wenig warten?

“Du warst mir eine Freundin und Stütze. Ich bin dir dankbar für jeden Augenblick, in dem du da warst und mir geholfen hast.“

Sie schluckte schwer, berührte Kaede schließlich mit der Schnauze an der Stirn, schenkte einen Segen, den sie nicht mehr schenken konnte und wusste doch, dass Engayas Pfoten über Kaede wachten und sie auffangen würden.

“Wir werden uns bald wieder sehen … in unserem Paradies. Ich freue mich darauf, Kaede, meine Freundin.“

Jetzt lächelte sie. Der Gedanke, ihrer Freundin bald wieder glücklich und sehend zu begegnen – auch selbst nicht mehr schwach und alt – war beruhigend und die Weiße spürte einen Hauch Vorfreude. Doch beim Anblick des weinenden Ciradán und des verzweifelten Urion schnürte es ihr wieder die Kehle zu. Irgendwer musste sich kümmern, Banshee würde dafür sorgen.


Die blauen, klaren Augen fixierten immer noch den Paten – gespannt wartete er auf eine Antwort. Die Vorfreude auf Kaede, die bald wieder stark und glücklich sein konnte, war fast sprengend. Und der kleine Schwarze wollte sich unbedingt beeilen. Je schneller, desto besser.
Aber manchmal kommt es anders als gedacht – viel zu unverhofft, denn ein lautes, verzweifeltes Heulen durchbrach den Kreis der aufschwingenden Lebensfreude. Ein Leben im Paradies bedeutete, keine Schmerzen und keine Sorgen. Ein Leben im Paradies bedeutete trauernde Freunde, eine verzweifelte Familie und ein drohender Grabhügel. Das Bild einer eisigen Winternacht trat vor dem inneren Auge auf. Eine verregnete, eine nasse und kalte. Eine Nacht, in der er allein vor einem aufgelegten Hügel stand und weinte, trauerte.
Vielleicht kann man den Weg alleine gehen, vielleicht schafft man es. Aber wie soll man den Weg gehen, der zum Glück führen soll, wenn man sein Glück verlor?
Ohnmacht lähmte und ließ die Muskeln gefrieren. Die eisige Hand des Todes lag auf dem Land. Jede Faser spürte es. Sie steuerte auf den See zu, direkt über ihn, an seinem Leib vorbei und weiter am Uferrand entlang. Sie blieb über einem vertrauten, geliebten Wolf liegen. Fenris hünenhafte Gestalt bäumte sich auf, den Fang weit zum Zuschlag geöffnet und er lachte. Dröhnend, schallend, reißend. Es tat in den empfindlichen Ohren weh, man wollte die Augen schließen, man wollte sich vor der Wahrheit verschließen.
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern, und was ist, wenn es noch nicht an der Zeit war? Es durfte nicht geschehen. Das Alter musste für die Jugend bleiben. Keine Knospe kann erblühen, wenn es nicht den starken Baum gebe, der Schatten spendet.
Der Zorn pulsierte heiß, brannte sich tief in die Haut. Die kleine Nackenkrause stellte sich auf, machte ihn um wenige Zentimeter größer. Natürlich würde Fenris keine Angst vor ihm verspüren. Aber es würde kein Ende ohne Kampf geben. Nicht für Krolock.
Die schmalen Hinterläufe drückten sich tief in den Boden, hoben den Körper an und warfen ihn nach vorn. Atem raubend und schnell raste er auf die kleine Ansammlung, direkt auf seine Mutter zu. Die stummen Tränen flogen durch die kühle Luft.
Ohne Worte und im vollen Tempo warf er sich an die Flanke seiner Mutter, weinte und schluchzte. Herzzerreißend. Drängend forderte er all ihre Liebe ein, die sie ihm geben konnte. Er würde sie nie wieder spüren, nie wieder erleben. Es zerriss ihn. All der Glaube an das Gute hing an ihrem Lebensfaden, der immer dünner wurde. Es schüttelte ihn. Er zitterte. Die kleinen Kiefer krachten aufeinander. Es wurde kalt, so unendlich kalt. Es gab keinen Sauerstoff mehr. Keine Luft. Jeder Versuch nach frischer, klarer Luft zu schnappen, erstickte in einem gurgelnden Geräusch. Ein tiefes Seufzen, gemischte mit erstickten Schreien.
Er war schwach – er war so unendlich schwach. Mama durfte nicht sterben. Fenris sollte sie nicht bekommen, keiner sollte an sie kommen. Es war doch seine Mama. Keiner hatte das Recht sie zu nehmen, denn es war ja seine Mama.

“NEEEIN“,

schrie er so laut er konnte. Es klang erstickt, vorwurfsvoll und voller Zorn. Fauchend stand er auf, biss nach seinem Bruder, erwischte ihn an der Schnauze. Ein grollendes, leises Knurren drang in Richtung Urion. Ein boshafter Blick in Richtung Midnight, ein ekelhaftes Zähne fletschen für Banshee. Die klaren Augen so voller Verzweiflung. Kein Ende ohne Kampf.

“Keiner bekommt Mama! Verschwindet, verdammt. Haut ab! VERPISST EUCH!“,

schrie er in alle Richtungen. Dann fiel der Blick gen Himmel, zur erhobenen Todeshand.

“Nicht einmal Du, Fenris. VERSCHWINDET!“

Die Tränen quollen. Sie bahnten sich den Weg an dem kleinen Fang hinab und verliefen in der harten Erde. Immer noch erstickt wandte er sich an die sterbende Mutter. Die kleinen Lefzen zog sich nach unten.

“Mama, bitte bleib doch bei mir. Mama, bitte. Ich werde für Dich das Nichts besiegen, ich werde mich ändern, versprochen. Ich brauche Dich, Mama, ich liebe Dich!“

Dann verkroch er sich an den Pfoten der Mutter und jammerte kläglich.

Atalya
24.12.2009, 20:21

Ilias traben verlangsamte sich, während die Reviergrenze immer näher kam. Ruhiger und bedachter wirkten seine Schritte und es wirkte fast so, als ob er nun auch endlich etwas mehr Ruhe in sich gefunden hatte.

o0 Ein gutes Zeichen, dafür das ich das richtige tu oder? 0o

fragte sich Ilias insgeheim. Nach wenigen Metern kam Liel scheinbar plötzlich auf die Idee, ihn zu entlasten und von seinem Rücken runter zu. . . naja zu plumpsen.
Das Ups, welches Liel wohl unbewusst entwich und ein mehr oder weniger lautes rums hatten Ilias darauf aufmerksam gemacht. Als er sich umdrehte stand Liel aber schon wieder auf ihren Pfoten, zwar noch leicht benommen und wankend, aber schell änderte sie dies, damit Ilias nichts davon mitbekam. Aus Sorge und Höflichkeit frage Ilias dann trotzdem nach

"Alles in Ordnung?"

fragte er vorsichtig, um nicht zu verraten, dass er es mitbekommen hatte und ging dabei langsam aber sicher weiter, der Grenze entgegen.
Nun stand er direkt davor, vor dem Neuen und dem Unbekannten oder anders gesagt, vor der Veränderung.
Liel hatte sich über das Gespräch gefreut, trotzdem merkte Ilias, dass sie etwas störte. Vielleicht, dass er nicht immer die Wahrheit erzählt hatte, um alles netter klingen zu lassen, aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr.

"Ich hab zu Danken, denn du hast mich auf diesen Weg begleitet, du bist die einzige, die sich in der letzten Zeit für mich interessiert hat und hast mir den Kontakt zu anderen Wölfen wieder ermöglicht, wo ich doch sonst lieber im Regen lag und nachgedacht habe..."

Auch in diesem Moment, wie auch immer zuvor regnete es und wieder genoss Ilias den Regen, hielt seinen Kopf hoch in die Luft und schloss seine Augen um das kalte Nass besser zu spüren und den Hintergrundgeräuschen zu lauschen. Noch einmal dachte er kurz über seinen neu geplanten Lebensweg nach und dachte daran, was er alles hinter sich lassen würde, und kam zu dem Schluss, dass es gar nicht viel sein wird, da er nie groß in das Rudel eingebunden war. Man kannte ihn vom sehen vielleicht und vom Geruch her wahrscheinlich auch, doch gute Freunde oder eine Partnerin würde er nicht vermissen. Langsam öffneten sich die traurigen Augen des Rüden wieder, die nun herumfuhren und Liel beobachten.

o0 Sie ist so voller reife, ich wette sie wird ihrer Mutter sehr ähnlich 0o

er lächelte sie an, ging die wenigen Schritte auf sie zu und schlabberte sie auf freundliche Art ab.

"Grüß alle von mir und erzähl ihnen von meiner Entscheidung wenn du möchtest"

Wobei es für Ilias auch interessant wäre zu wissen, wann es erst auffallen würde, wenn er weg wäre und wahrscheinlich sogar weg für immer.
Ein Besuch wird mit Sicherheit drinn sein, vor allem wenn es Liel mal nicht so gut gehen sollte, wollte er als Pate trotzdem für sie da sein.

"Liel, bleib wacker, du bist jetzt schon eine starke Persönlichkeit und gut im Umgang mit anderen. Mach was draus,"

flüsterte er ihr ins Ohr und wandte sich dann von Liel ab, machte einige kurze Sprünge und schon war er auf der anderen Seite. Er blickte zurück, erst kurz, ein Blick zu Liel, schaute dann aber wieder in die Fremde und lief langsam los.

"Das war es also? Das ist also das Ende?"

fragte er sich, mit einem glücklicheren Gemüt als zuvor sonst. Dann konnte er aber nicht anders, drehte sich wieder um und rannte noch ein letztes mal zu seiner Patin, schnupperte ein letztes mal an ihr, wog sich an ihr und legte sich vor ihr auf den Boden.

"So Lebet denn wohl meine Prinzessin! Ich werde meinen Weg folgen und auch du solltest nun deinen Weg wieder folgen und zurück zum Rudel laufen. Sie machen sich sicher schon Sorgen wo du bleibst und vermissen dich."

dann erhob er sich wieder vom Boden.

"Das was du vorhin gesagt hast, mit Kaede, von wegen sterben, sei fürsorglich für sie und mach ihr den Rest des Lebens eine Freude. Zeig ihr, was für eine tolle Tochter sie hat."

Das freundliche Lächeln hatte Ilias immer noch nicht verlassen, was wohl mit seiner Abenteuerlust und dem Unbekannten und auch hoffentlich mit einem erneuten wieder sehen mit Nienna zu tun hatte.

"Ruf mich, falls was passiert und du weißt das du mich immer rufen kannst, wenn du jemanden zum Reden brauchst. Jetzt werde ich mich aber auf den Weg machen, es ist schon recht dunkel und ich würde gerne noch etwas finden, wo ich diese Nacht überdauern kann, ohne alleine im Freien zu sein.
Danke noch mal für alles und ich freue mich auf unser nächstes Treffen."



Jetzt doch wieder etwas unsicher tapste Ilias wieder auf die Grenze zu, und weiter schnurstracks gerade aus.
Es würden sicher einige Tage, Wochen oder gar Monate vergehen, ehe er ein neues Rudel kennen lernen würde. Doch zu erzählen hatte er einiges. Liebesgeschichten, das unbekannte Nichts und von Liel, seiner süßen Patin. Natürlich auch von vielen anderen Wölfen.
Jetzt war es so weit, ein letzter Blick zu Liel, ein Lächeln und Nicken um noch mal seine Dankbarkeit zu zeigen und auch seinen Respekt ihr gegenüber, doch jetzt war es zu Ende.
Ein einsames Ende eines Kapitels seiner Lebensgeschichte, aber was anderes war es vorher auch nie.

o0 Nienna, ob ich dich jemals wieder finde? 0o

fragte er sich insgeheim und würde dabei keinen Versuch unversucht lassen.

„Ach und noch was!“

Rief er hinter ihr her.

„Folge deinen Träumen und halte an ihnen fest, solange sie realistisch sind, dann wirst du diese Träume auch erreichen. Denn genau das tu ich ja auch gerade. Wir werden uns lange nicht mehr wieder sehen. ,
und. . . und. . ich hab dich gern“


Nyota lächelte, als Sheena sich von ihrem Patienten löste und seine Bewegung strahlend zur Kenntnis nahm. Wunderbar. Aber das in seinem Nacken - Nyota erhob sich, als ihr Blick wieder an die Stelle fiel, an der jetzt Federn sprossen! Es brauchte einen Moment, bis sie die Fellstrucktur unter dem Federmuster erkannte, und ein Schmunzeln legte sich auf ihre Züge, als sie sich zu Sheena wandte. Ihr lag ein neckiches Kompliment auf den Leftzen, aber der entsetzte Blick der Weißen hielt sie rechtzeitig davon ab. Stattdessen nickte sie bloß, und wand sich an den Jungwolf.

"Ahh...du hast da ein etwas seltsames Fellmuster im Nacken...es sieht eigentlich ganz hübsch aus, wie Federn..."

ein Seitenblick zu Sheena folgte,

"Sheena wird das wieder richten wenn sie sich erholt hat"

mutmaßte sie, und musterte Sheena kurz. Sie sah nun wirklich nicht gut aus, und eher so als hätte sie selbst eine Heilung nötig. Und sollte sie es nicht richten können...naja, so übel sah das wirklich nicht aus, hihi. Nun wollte sie sich aber endlich auf die Jagd nach Aryan - und der ihre Befehle missachtenden Gani - machen, als sie Urions Stimme hörte, die schliesslich abbrach. Sie wand sich um, und in der Bewegung erkannte sie Aryan, der bei Aléya und ganz in der Nähe war! Aber bei Urion sah sie auch Kaede, um die sich eine kleine Traube bilden wollte, auch Banshee hatte sie schon erreicht. Noch ein Blick zu Aryan - Kaedae ging vor.

"Pass auf ihn auf"

bat sie Sheena, warf noch einen bedauernden Blick in Richtung Aszrem, und setzte sich dann in Bewegung, und legte das Stück Distanz über den Rudelplatz in schnellem Lauf hinter sich. Neben ihrer Schwester kam sie zum Stehen, und bekam gerade noch Krolocks Verscheuchattacke mit. Es tat ihr weh, wie verzweifelt der kleine Rüde war. Kaede lag vor ihr, und ein leichtes Zittern rann ihren Leib herab, beginnend am Nacken und endend in den Pfotenballen. Nyota hatte Zack sterben sehen, und vor ihm andere Wölfe. Vor allem andere Wölfe. Wölfe die noch länger hätten leben können, Wölfe deren Ende sie oder andere gewesen waren. Nicht zuletzt die Leitwölfin des fremden Packs, die sie mit Averic getötet hatte. Sie hatte so viele Wölfe sterben sehen.
Diesmal war es anders. Kaede war nicht Zack. Sie war nicht einfach ein Rudelmitglied, dass es zu schützen galt. Sie war eine Vertraute und Mutter, wenngleich Nyota sie nicht ansatzweise so gut kannte wie Banshee es tat. Bilder stiegen in ihr auf, Erinnerungen vom Bergwinter. Lunar, Kaede und sie, und ihr Kampf im Schnee. Ihre Zähne hatten nicht ausgereicht um Lunar verständlich zu machen dass Kaede viel mehr war als eine Wölfin die nicht sah. Viel mehr als er selbst. Nyota trat näher, kam sich störend vor in dem kleinen Kreis, und konnte doch nicht gehen. Sie senkte den Kopf zu Kaede, strich ihr mit der Schnauze über die Schulter, den Rücken herab, und flüsterte ihr dann ins Ohr.

"Auf Wiedersehen, Kaede"

Sie hob den Kopf wieder an, schob sich sacht an ihre Schwester, und lies die Welt um sie herum in Frieden weitergehen. Ihre Trauer war nicht von der verzweifelten Art der Welpen, und nur langsam rannen vereinzelte Trännen ihr Fell herab, über die lächelnden Leftzen. Man sollte einen Reisenden mit einem Lächeln gehen lassen. Und konnte er es nicht sehen, dann würde er es spüren.
'Bis bald'


Das Gefühl, etwas würde brechen, schnürte Kandschur die Kehle zu. Das innige Gefühl welches er für Kaede und Liam fühlte zog sich zusammen und wurde doch weniger. Wie von Schmerz geschüttelt, krümmte er sich ehe sein Körper sich streckte und er einfach losrannte. Er musste dort sein. Dort bei Kaede. Ein letztes Wort, eine letzte Berührung. Er würde es sich sonst ewig vorwerfen dass er sich nicht verabschiedet hatte. Das Fell sträubte sich als er daran dachte dass sie nun gehen würde. Ihre gemeinsame Zeit war viel zu kurz gewesen. Er biss hart die Zähne zusammen und legte ein wenig an Tempo zu.

oO Warte auf mich Wolfsschwester. Warte noch ein wenig Oo

Er raste das Ufer entlang. Wind pfiff um seine Ohren. Schrie und Brüllte hinein. Da das Ufer schlammig war, rutschte er mehrmals aus, schlug hin und jedesmal fiel es ihm schwerer aufzustehen und weiter zu rennen. Trauer, große Trauer übermannte ihn und fraß sich in sein Herz. Er würde einen der beiden einzigen Wölfe verlieren zu denen er hier Kontakt hatte. Mit Kaede verlor sich ein Teil seiner Rudelzugehörigkeit im Nichts. Kandschur blieb liegen, fühlte wie der Matsch sich in seinem Pelz festsaugte und ihn verklebte. Dennoch rappelte er sich wieder auf und setzte den Weg zu Kaede fort, auch wenn er zu spät kommen würde. Es war nur wichtig dass er sie noch einmal sah


Chanuka warf einen skeptischen Blick zu Jikken, ignorierte dann aber einfach, was dieser so zu sagen hatte. Man kam ohnehin nicht mit und es klang in seinen Ohren nach einer nicht sonderlich spannenden Geschichte. Außerdem war er viel zu nervös, in Anwesenheit seiner eigentlichen Familie zu sein. Er durfte und wollte keinen Fehler machen. Dazu war es nötig, Tyraleen mit größter Aufmerksamkeit zuzuhören, damit er sich ihre Worte einprägen konnte, um sie nie mehr zu vergessen. Die Wölfin, die ihn geboren hatte, erklärte, was er Kaede oder Liel hatte fragen wollen. Er wusste also bescheid.
Nachdenklich lauschte er ihrer Mitteilung, die verkündete, dass sein Vater nun gehen würde. Unschlüssig, wie er dies nun finden sollte, sah er kurz zu Atalya und suchte dann erneut nach Isis. Er schien deutlich weniger Talent im Finden der Wölfin zu haben, als seine leiblichen Eltern.
Plötzlich stupste Tyraleen ihn an. Überrascht sah er sie an, während sie ihren Blick wieder auf Jikken richtete. Als erstes musste er für sich klären, ob sie ihn getadelt hatte, was er aus ihrem Verhalten aber nicht schließen konnte. Dann bemerkte er, dass er erstarrt da saß und langsam zur Seite wegkippte. Ungeschickt wie er noch war, konnte er sich aber nicht mehr retten und landete perplex auf dem Boden. Verschwörerisch sah er sich um, vielleicht hatte er Glück und niemand hatte ihn gesehen. Hastig richtete er sich wieder auf und hielt erneut nach seiner Patin Ausschau. Es wäre viel interessanter gewesen, mit seinen Eltern zu gehen und von diesem Kengo ein paar Dinge zu erfahren, über Fenris und Engaya. Möglicherweise hätten Averic und Tyraleen mehr von den Göttern erzählt, wenn der fremde, unhöfliche Rüde irgendetwas Falsches gesagt hätte.
Artig wie er war, stapfte er los, um sich dann neu zu orientieren. Chanuka entdeckte Isis und einen anderen Wolf in deren Nähe, bei dem es sich wohl um Liam handelte. Seine Augen glitten zu Atalya, auf die er schließlich nicht wartete und einfach allein loszog. Abenteuerlustig und neugierig untersuchte er alle Grashalme, denen er unterwegs begegnete. Und dann unterbrach eine tiefe Stimme die nicht wirklich vorhandene Ruhe. Als sie abriss, klang die Welt um ihn herum plötzlich still. Irritiert steuerte der schwarze Welpe auf die Richtung zu, aus der sie gekommen war. Seine Mama wurde gerufen und Nyota, außerdem Liel und Krolock. Es war komisch und der Rüde, Chanuka vermutete, dass es Urion war, wusste es aber nicht, klang schrecklich traurig.


Shani Caiyé fühlte sich langsam wie betäubt. Hatte sie noch Läufe? Pfoten? Ohren? EIn Herz? Sie konnte ihren Körper nicht mehr spüren, er war fort - genauso wie Hiryoga. Selbst als sich Jumaana ruckartig aufrichtet, spürte sie es kaum und hörte auch das Heulen nur aus weiter Ferne. Aber die Weiße rief ihre Welpen, half ihr.

"Danke."

Kam es leise von ihr. Ihre Augen waren mittlerweile geschlossen, aber selbst wenn sie sie geöffnet hätte, hatte sie das Gefühl, nichts mehr sehen zu können. Das Heulen Takashis und auch Jumaanas Aufmerksamkeit bemerkte sie gar nicht, war wie taub dafür. Und auch keine weiteren Worte fielen ihr mehr ein, obwohl es noch immer viel zu sagen gegeben hätte. Auf die Frage der Weißen schüttelte sie nur den Kopf, sie wollte nicht laufen, sie wusste doch nicht einmal, ob sie noch Pfoten hatte. Und ihre Kinder würden auch so zu ihr finden, würden kommen, so schnell ihre Läufe sie tragen konnten, sie würden spüren, dass etwas geschehen war, das alles veränderte. Doch bevor ihre Kinder sie erreichten, kam jemand anderes. Shani bemerkte den Rüden erst, als er sprach, aber seine Worte verstand sie nicht. Erstmals hob sie den Kopf, sah aus thränenverschleierten Augen zu dem Schwarzen empor und fragte sich, warum er hier war. Sie hatten ihre Kinder gerufen, keinen fremden Rüden.

"Wo sind sie?"

Fragte sie nur leise, als würde der Rüde ihre Welpen hinter sich verstecken. Wieder schmiegte sie sich enger an Jumaana, als könne sie etwas gegen diesen Rüden tun, der nicht ihr Kind und trotzdem gekommen war. Er verstand nicht, hatte nicht gesehen und Shani konnte nicht mehr erklären. Sie blinzelte mehrmals, wollte noch etwas sagen, da kam zwischen den Bäumen hervor ihr kleiner Engel Rakshee. In ihrem Maul baumelte ein Welpe, sicher ihre Patentochter, aber Shani konnte auch sie nicht erkennen. Sah nur Rakshee, die gekommen und deren Blick plötzlich voller Sorge und Angst war. Sich an Jumaana stützend richtete sie sich langsam auf, schaffte es zu sitzen und dabei Rakshee anzusehen. Sie hätte sich so gerne an ihre Tochter geschmiegt und in ihr Fell geweint, aber sie war doch ihre Mutter. Sie musste ihr doch sagen, was geschehen war ... sie musste ihrer Tochter doch sagen, dass ihr Vater nie mehr wieder kommen würde.

"Rakshee ..." Ihre Stimme war nur ein heiseres Flüstern. "Hiryoga ... ist fort. Das Nichts hat ihn verschluckt"

Kaum war die grausame Wahrheit ausgesprochen versagte ihr die Stimme. Alles verschwamm und ihre Kehle wurde immer enger, sie meinte keine Luft mehr zu bekommen. Jede Sekunde rechnete sie mit der alles verschlingenden Welle der Trauer ihrer Tochter und wusste doch, dass sie nicht dagegen gerüstet war. Dass sie sie willenlos fortschwemmen und in mit den Abgrund reißen würde.


Aufregung durchspülte Caylees Körper und die Kleine wäre am liebsten sofort aufgesprungen. Leider waren ihre doofen Läufe immer noch nicht ausgeruht genug und auch ihr Bauch brummte wie ein großer Brummbär vor sich hin. Das mit dem Aufstehen wurde also nichts, dafür wedelte ihre Rute so wild, wie ihre müden Muskeln es nur zuließen. Rakshee würde mit ihr ein Abenteuer erleben! Sie würden auf die Berge gehen, kalten Schee kennen lernen und lange laufen ... dafür müsste sie sich wirklich noch ein wenig ausruhen, aber unbedingt groß müsste sie ja nicht werden ... das würde noch so lange dauern, dabei wollte sie doch bald Schee sehen. Er klang so spannend und ihn gab es schließlich nicht im Tal! Jetzt gab es allerdings vorher noch wichtige Dinge zu erledigen, zum Beispiel zu Jumaana zu gehen. Sie war sich nicht ganz sicher, wer das war und was sie mit Raki zu tun hatte, aber Caylee war schon zufrieden, dass sie mitgenommen wurde. Das Tragen löste wieder das starke Grummeln im Bauch aus, aber diesmal musste sie durch halten, schließlich musste Raki schnell zu Jumaana und Caylee wollte ja nicht alleine sein. Während dem Laufen konnte sie dann aber nicht den Mund halten.

"Gut, dass ihr das böse Rudel weggemacht habt. Das ist schließlich unser Tal, da darf es ja nicht einfach rein." Sie nickte eifrig, was sich im Hängen als sehr anstrengend herausstellte. "Und bald gehen wir auf die Berge!"

Sie klang quietsch vergnügt. Ihre Schwäche und die Wehwehchen im Bauch waren so gut wie vergessen, die Geschichte ihrer Cousine hatte ihre Funktion erfüllt. Die Kleine lachte schon wieder und ahnte noch nicht, dass ihr das gleich wieder vergehen würde. Kaum schimmerte das Nichts durch die Bäume, verstummte sie und erste Angst schlich sich in ihren Blick. Das war dieser Nebel, der so aussah, als sollte man sich ihm nicht nähern, der ihre Augen so schwummrig machte und der schrecklich kalt war. Sie wollte da nicht hin. Aber Raki lief einfach weiter und tatsächlich waren da drei Wölfe. Caylee schaute angestrengt hin und erkannte Jumaana und dann den Schwarzen, dessen Namen sie aber gerade nicht wusste. Und Rakis Mutter. Deren Namen wusste sie auch nicht mehr, aber dass sie Mama von Rakshee und Jakash und ein paar anderen war, das wusste Caylee. Warum lag die denn bei dem bösen Nebel mit Jumaana herum? Und sie sah schrecklich traurig aus. Caylee hätte sie gerne getröstet und wurde dann sogar abgesetzt, aber ihre Pfoten ließen sie schon im Stich. Sie klappte zusammen, ließ sich davon aber nicht einschüchtern und kroch zwischen Raki und ihre Mama. An beide geschmiegt sah sie mit großen traurigen Welpenaugen von ihrer Patentante zu deren Mama. Als die endlich sprach, verstand Caylee kein Wort. Zum einen redete sie so leise, zum anderen wusste die Kleine nicht, wer Hiryoga war. Ob er der Mama von Raki etwas bedeutete? Vielleicht sogar Raki? Eilig huschte ihr Blick zu ihrer Patentante - hoffentlich würde sie nicht traurig werden.


Atlaya schüttelte kurz und kräftig den Kopf hin und her. Wenn sie an diese Flöhe dachte juckte es sie. Kengo hatte es doch auch gejuckt. Hatte sie nun etwa auch welche von diesen Tieren, die sie aussaugten? Oder.. vielleicht bildete sie sich das auch nur ein? Ruhig blinzelte die Graue, als ihr Bruder sie über Kaedes, und somit Kengos Augen, aufklärte. Nicht sehen. Deswegen hatte der Braune sie so angesehen. Oder auch nicht. Also sahen die beide Wölfe nicht. Mit welpenhaftem Blick hob die den Kopf zum grauen Himmel. Die sahen das alles also nicht? Sie konnte sich das nicht vorstellen. Wie es wohl war, nichts zu sehen? Und dann erklärte ihr eMutter auch noch etwas dazu. Hm.. war ja schon interessant. Prompt schloß die kleine Fähe die Augen, lauschte nur beiläufig den Worten der Erwachsenen. Hmm.. war schon komisch.. so nichts sehend. Sie hörte Jikkens Stimme, reagierte aber nicht. Viel zu interessant war es gerade, nichts zu sehen. Vorsichtig schnüffelte sie in der Luft. Hmm.. außer, dass um sie herum alles schwarz war, war nichts anders.. Sie lauschte also erst mal dem weiteren Gespräch ihrer Eltern und dem komischen Wolf. Erst als sie es Leid war, nichts mehr zu sehen, schlug sie die hellen Augen wieder auf. Atalya musste einige male blinzeln, ehe sie sich an die mäßige Helligkeit gewöhnt hatte. Blind sein war langweilig, so viel stand fest. Sie mischte sich lieber nicht in das Gespräch ein, dieser komische Wolf war.. komisch halt! Gerade wollte sie sich ihrem Bruder zuwenden, ihn nach einer Idee gegen Langeweile fragen, als sie von einer Pfote angestubst wurde. Den Kopf etwas zur Seite neigend sah sie ihre Mutter an, die gleich darauf erklärte, was sie nun tun sollten. Die kleine Fähe schmunzelte, beobachtete aber ihre Mutter, die Chanuka berührte und dann wieder zu Jikken sah. Dann hob sie den Blick zu ihrem Vater. Er hab keine Widerworte gegen das, was die Weiße gesagt hatte. Also mussten sie wohl gehen.

Hehh.. Chanuka. Lass uns..!“

Und da war er schon weg. Atalya blinzelte verwirrt. Von seinem kleinen Sturz hatte sie nicht mitbekommen, waren die Erwachsenen doch einen Moment interessanter gewesen. Und niemand schien etwas dagegen zu sagen, dass er einfach so verschwand. Ob er wohl zu Isis ging, wie ihre Mama es ihnen gesagt hatte? Einen Moment überlegte sie, ehe die Graue auf ihre Läufe sprang, und zu ihren Eltern grinste.

“Ich gehe auf ihn aufpassen!“

Mit diesen Worten hatte auch sie sich umgedreht und sprang mit schnellen Schritten Chanuka nach. Sie stubste ihn mit der Schnauze in die Seite, blickte nicht zurück zu ihren Eltern.

“Wohin gehst du jetzt, Brüderchen?“


Irgendetwas regte sich in Liel. Etwas stach und zwickte sie, sie wusste zuerst jedoch nicht ganz genau was es war. Es war ein unangenehmes, ein wenig schmerzliches Gefühl, doch sie forschte ihm nicht weiter nach, denn Ilias hatte sich nur kurze Zeit nachdem sie von seinem Rücken geplumpst war, zu ihr umgedreht. Erst lief er noch einige Schritte weiter, sprach aber trotzdem noch mit ihr. Dann drehte er um und kam zu ihr zurück. Ruhig ließ sie seine Verabschiedung über sich ergehen. Trauer erfüllte sie ein wenig, aber sie wusste, dass er gehen wollte und ein Ziel vor Augen hatte und von dem wollte sie ihn nicht abbringen. Es war das Richtige und Beste für ihn. Ein wenig duckte sie sich dann doch, als er sie mit seiner Zunge abschlabberte, irgendwie war es etwas anderes, als wenn ihre Mama Kaede dies bei ihr tat, jedoch nicht unangenehm.
Sie registrierte alle seine Worte, da er ihr jedoch keine wirkliche Möglichkeit bot um ihm zu antworten, beließ sie es bei einem freundlichen Schweigen, gepaart mit einigem Nicken. Als Ilias sich wegdrehte und seinen Weg fortsetzte drehte auch sie sich um, nur um nach einigen Schritten wieder stehen zu bleiben und zurück zu blicken. Erneut kam Ilias zu ihr, gab ihr noch einige Weisheiten mit auf den Weg und meinte, sie solle Kaedes restliches Leben so gut es ging bereichern. Als ob sie das nicht sowieso tun würde. Dann ging er erneut von ihr, sie hoffte, dass er nun nicht wiederkehren würde, da der Abschiedsschmerz in ihr nur größer werden würde. Doch einige Worte konnte er sich dennoch nicht verkneifen. Nun musste sie doch ein wenig schmunzeln, er war doch wirklich ein sehr lieber Wolf. Er hatte es nicht verdient so traurig zu sein.
Nun drehte sie sich endgültig um und setzte ihren Weg an, weit waren sie gelaufen. Zumindest weit für einen Welpen. Plötzlich erschien ihr der Wald doch ein wenig gruselig und an den Warnungen der Eltern war wohl doch etwas dran, denn überall raschelte es und irgendwie klangen die Geräusche nicht alle einladend. Eher gefährlich. Aber das konnte sie jetzt ja sowieso niemandem mehr sagen und sie würde garantiert nicht Ilias zurück rufen, damit er sie zurück zum Platz bringen würde. Und auch niemand aus dem Rudel sollte mitbekommen, dass sie Angst im Wald hatte, vor allem weil wie ja eigentlich gar nicht in den Wald gehen durfte. Eine missliche Lage in der sie sich da befand. Aber nicht mehr zu ändern, also musste sie das Beste aus der Situation machen.
Sie drehte ihre Ohren wie kleine Propeller und lauschte dem lustigen Rauschen was dadurch entstand. So hörte man wenigstens nicht mehr das unheimliche Knacken der Äste, was durch irgendetwas erzeugt wurde, das sie nicht einordnen konnte.
Munter trippelte sie so vor sich hin und träumte davon endlich erwachsen zu sein und eine so tolle Fähe zu werden wie ihre Mami. Jäh wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, noch hatte sie keine große Strecke zurückgelegt.
Ein Heulen erklang.

oO Papa! Oo

Sie riss ihren Kopf hoch, er rief sie. Unter anderem, er rief auch ihren Bruder und die beiden Alphafähen. Und er klang unendlich traurig. Was war bloß…

„Neeeeeeeeeein!“

Ein Schrei, nicht laut genug um durch den Wald zum Platz zu klingen, sicher aber jedoch noch über die Grenze heraus zu hören. Doch an Ilias dachte sie gerade gar nicht mehr. Nun konnte sie auch blitzschnell einordnen, was das vorhin für ein unangenehmes Gefühl gewesen war. Es hatte sich mittlerweile zu einem bohrenden Schmerz verwandelt, welcher in ihrer Brust, besser gesagt in ihrem Herzen, umhertobte. Sie verstand sofort, es war ihr Glasklar und jeder kleine Zweifel wurde sofort weggewischt. Ihre Mutter, Kaede, lag im sterben. War vielleicht schon tot?
Plötzlich erschien ihr der Wald noch größer, jedoch nicht mehr gefährlich oder gruselig. Aber der Weg, so unendlich lang. Wie sollte sie den Weg nur schaffen? Ihr Herz pulsierte wie wild in ihrer Brust, als sie aus dem Stand, in den sie geraten war, plötzlich nach vorne losschoss. Ihre Beine überschlugen sich fast, so schnell rannte sie durch den dichten Wald. Ganz instinktiv wich sie den Ästen aus, die ihren Weg versperrten. Gräser, kleine Stöckchen wurden nicht beachtet und einfach niedergetrampelt. Sie kurzen Beine wirbelten, der Boden war rutschig, ihre dicken Pfoten suchten Halt, fanden ihn jedoch nicht immer. Sie stürzte. Benommen schüttelte sie sich, sprang wieder auf die Beine. Ihr graues Fell war mit Matsch und Blättern überzogen, doch es blieb keine Zeit zum schütteln. Sie durfte keine Zeit verlieren. Sie musste ihre Mutter noch lebend sehen. Ihr Herz sagte ihr, dass sie noch am leben war, aber wie lange noch?
Der Wald raste an ihr vorbei, sie nahm es überhaupt nicht wahr. Die Strecke die sie mittlerweile zurückgelegt hatte, hätte sie eigentlich erschöpfen müssen, doch sie lief wie in Trance, bemerkte die Erschöpfung nicht, spürte nicht, wie ihr Herz sich fast überschlug und ihr Atem stoßweise den benötigten Sauerstoff durch den Körper pumpte. Ihre Augen wirkten glasig, doch Tränen rannen nicht herab.
Da Ciradán nicht gerufen worden war, musste er schon da sein. Sie würde nun die Starke und Große sein müssen. Ihrem Papa ging es ebenfalls nicht gut und irgendwer musste doch für die Welpen da sein. Keine Frage, sie würde sich um die Beiden kümmern müssen, so wie ihre Mami es getan hatte. So jung und schon Mutter.
Sie fühlte sich so schwach, musste aber stark sein. Sie würde die Familie zusammen halten, sie würde dem Trost spenden, der Trost brauchte. Sie würde die Familie aufrechterhalten. Ganz klar.
Da, der Rudelplatz, schon war der Sturz und ihr damit verbundenes Aussehen vergessen. Das Herz, der Atem wurden noch immer nicht wahrgenommen. Panisch blickte sie sich um, wo waren sie? Dort! Sie mobilisierte ihre letzten Kräfte, unbewusst, dass es ihre letzten waren und sprintete auf die Ansammlung zu. Sie kam an Isis und Liam vorbei, registrierte diese beiden aber nicht. Ihr Weg kreuzte den von Chanuka und somit auch von Atalya, mit großen, wilden Augen blickte sie ihn an, bemerkte ihn aber auch kaum. Ein Schatten, der an ihrem Pfad weilte. So kam es ihr vor. Kein anderer Gedanke hatte in ihrem Kopf Platz, außer dass sie ihre geliebte Mutter verlieren würde und nun die Verantwortung der einzigen Fähe in der Familie trug.
Sie stoppte bei der Versammlung. Am Rande nahm sie wahr, dass Banshee und Nyota bereits anwesend waren, Krolock war ebenfalls schon da und schmiegte sich wimmernd an die Vorderläufe der Mutter. Ciradán lag zwischen Kaede und Urion und weinte herzzerreißend. Selbst der sonst so starke Papa lag dort, elendig und wie immer am bluten, und weinte. Krolock, der starke Krolock weinte. Und sie weinte noch immer nicht, sie konnte nicht weinen. Außerdem durfte sie auch nicht weinen.
Ein weiterer Wolf war anwesend, groß und schwarz, er kam ihr vor wie ein Fels in der Brandung, sie kannte ihn nicht, konnte ihm auch keinen Namen zuordnen. Sie stand da, nur wenige Schritte von der Versammlung entfernt.
Sie musste ein merkwürdiges Bild abgeben.
Zerzaustes, matschbraunes Fell, gespickt mit einigen Blättern, Gräsern und dünnen Ästen. Die Augen glasig, wie in Trance, die Ohren kreisend, das Rauschen tat so gut in den Ohren! Der Körper schien nicht stillstehen zu wollen, so heftig rang sie nach Atem, das Herz donnerte in ihren Ohren, aber nichts davon bekam sie mit. Aber die anderen würden es wohl bemerken. Einen Schritt, noch einen. Sie wusste gar nicht wohin sie gehen sollte, ihre Mutter war so umlagert von Wölfen. Noch einen Schritt, sie stand neben Kaedes Kopf und weinte noch immer nicht. Ihr Blick glitt abermals über die anwesenden Wölfe, Nyota weinte ein wenig, kaum sichtbar rannen einzelne Tränen über das nachtschwarze Fell. Banshee trauerte schon offensichtlicher. Krolocks Wimmern drang durch das Rauschen hindurch an ihre Ohren. Sie trat zu ihm, unfähig ihre Mutter zu berühren.

„Krolock, kleiner Krolock. Hör doch auf zu weinen. Wir sollten Mama wenigstens jetzt keine Sorgen bereiten!“

Sie lächelte, es erschien skurril, sie stand hier, inmitten der weinenden Wölfe und lächelte. Doch sie fühlte es nicht, sie fühlte gar nichts, nur die Kälte, die ihr unter den Pelz kroch. Sie blickte zu Ciradán und Urion, vermied es Kaede anzublicken.
Vorsichtig umrundete sie die sterbende Fähe und erreichte so ihren Vater und ihren anderen Bruder. Doch für sie fand sie keine Worte mehr, sie wollte nicht das wiederholen, was sie Krolock eben schon gesagt hatte, so berührte sie die beiden, wie Kaede es bei ihr immer getan hatte, nur sanft mit der Schnauze an der Stirn. Dann ging sie zurück, zurück zu Krolock und Kaedes Kopf der so schwer auf dem Boden lag.
Nun erst, ganz vorsichtig streckte sie ihre Schnauze zu der ihrer Mutter herab. Zögernd, sie wagte sich nicht noch einen Schritt nach vorne, berührte sie die Schnauze die viel zu warm und zu trocken war, als dass es gesund wäre. Vorsichtig schleckte sie ihr über eben diese, bemühte sich sie zu kühlen und zu befeuchten. Doch es wollte ihr nicht gelingen.
Innerlich tobte sie, sie schrie und weinte. Sie wollte ihre Mutter nicht jetzt schon verlieren, das war nicht fair. Eine Mutter hatte für ihre Welpen da zu sein, bis diese wenigstens genug gelernt hatten um alleine weiter leben zu können. Am Besten sollte sie für immer da sein. Schließlich konnte niemand ohne seine Mutter leben, oder etwa doch? Sie konnte es sich nicht vorstellen.
Doch äußerlich war sie vollkommen ruhig, so ruhig man ihren immer noch überanstrengten Körper eben nennen konnte. Sie berührte Krolock sanft an den Hinterläufen sie so hilflos und verletzlich da lagen, der Kopf war unter und zwischen Kaedes Pfoten verborgen.

„Mutter, mach dir keine Sorgen. Wenn es für dich an der Zeit ist zu gehen, dann können wir das leider nicht mehr ändern. Aber ich verspreche dir, ich werde mich um die drei kümmern! Ich werde dich nicht enttäuschen. Ich bin eine starke Fähe und alles, was ich bis jetzt bei dir gelernt habe, wird mir dabei helfen.
Vergiss nicht, ich liebe dich Mutter. Vergiss das nicht, bis auch ich wieder bei dir bin, um es dir erneut zu sagen!“


Sie trat nun doch ein weiteres kleines Stück heran und setzte sich neben den Kopf ihrer Mutter. Jedoch war ihr Blick nicht auf diese gerichtet, er schlich zwischen den anderen Wölfen hindurch auf eine Gestalt, die sie vorhin nur vage wahrgenommen hatte. Chanuka, langsam kam er in ihre Richtung, wusste wohl nicht ganz genau, was hier vor sich ging. Und sie lächelte erneut, ganz leicht. Und nun verloren ihre Augen auch den tristen Ausdruck, noch immer schien sie sich in dem Trancezustand zu befinden, da sie noch immer nicht ihre Erschöpfung bemerkte, aber ihre Augen glänzten ein kleines bisschen.
Wie die Sonne…
…Jedoch ohne andere Wölfe fröhlich zu machen!


Langsam nahm Jumaana alles nur noch durch einen Schleier war. Sie sah nur kurz zu Takashi auf, wollte ihm ein vorsichtiges Lächeln schenken, doch die Trauer auf ihren Zügen war eingefroren. Schnell wandte die Weiße den Blick ab, wollte nicht, dass Takashi sah, wie schlecht es ihr ging. Dann hörte Jumaana die leisen Worte Shanis. “Danke.“ Für Jumaana war es kein wirklicher Freundschaftsbeweis gewesen, doch irgendwie fühlte sie sich besser. Aber nicht gut. Sie sah erneut zu Takashi aus, in seine tiefblauen Augen und wusste nicht weiter. Erst die leise Frage Shanis holte sie aus ihrer Erstarrung. Shani konnte Takashi nicht kennen, und Jumaana wusste, wie sie sich fühlen musste. Jemand war gekommen, aber nicht die Richtigen. Dann sah die Polarwölfin Rakshee mit einem Welpen in der Schnauze. Sie setzte ihn ab und Jumaana wagte zu glauben, dass es Caylee war. Sie kannte die kleine Weiße nicht gut, aber irgendwas erinnerte sie stark an Banshee. Klar, sie waren verwandt, aber das Fell und die Art … Caylee versprühte so viel Lebensfreude und Neugier, dass es Jumaana beinahe aufheiterte sie zu sehen – aber eben nur beinahe. Und Rakshee … die wiederum kannte die weiße Fähe noch weniger. Sie war Shanis Tochter und Patin Caylees, aber mehr war ihr nicht bekannt. Sie war … in Jumaanas Augen normal. Freundlich, hübsch und … besorgt. Warum auch nicht. Ihre Mutter war kurz vor dem Zusammenbruch. Als Rakshee auf Jumaana und Shani zutrat und fragte, warum Shani so aufgelöst war, antwortete diese mit brüchiger Stimme. Jumaana hatte das Gefühl, Tränen für Shani opfern zu müssen. Sie zwang sich, nicht pscht zu flüstern und stützte stattdessen Shani. Caylee kam auf die beiden zugekrochen – es tat der weißen Wölfin weh, die Kleine so unwissend und hilflos zu sehen.

“Takashi“, sprach Jumaana leise ihren Gefährten an. “Wenn Shani wünscht, dass Du gehst, dann geh. Ich komme später zu Dir, das verspreche ich.“

Erneut versuchte Jumaana ein aufmunterndes Lächeln, doch ihr Gesicht verzog sich nur zu einer hässlichen, gequälten Grimasse. Doch diesmal wandte die Fähe nicht den Blick ab, sondern sah immer noch zu ihrem Gefährten auf. Sie versuchte es mit Telepathie. Der Blick aus den seetanggrünen Augen sagte immer nur eines: Bitte.


Takashi schien hier und jetzt nicht wirklich erwünscht zu sein. Jedoch hatte er Verständnis dafür, da ihn die Fähe nicht kannte. Denn auch er würde fremden nicht allzu gerne von all seinen Erlebnissen berichten. Es handelte sich hierbei wohl eher um etwas privates, was sie nur guten Freunden erzählen wollte, was selbstverständlich war. Auch ihren Welpen wollte sie unbedingt davon erzählen. Jumaana hatte sie gerufen und gebeten, sich hier zu versammeln. Einen Moment wartete der schwarze Hüne noch auf eine mögliche Antwort der weißen Fähe, die er nicht kannte. Sein Blick war erwartungsvoll auf sie fixiert. Doch sie schien nicht reden zu können oder wollen. Ihre Augen waren wässrig und mit Tränen gefüllt. Vielleicht sah sie ihr ganzes Umfeld als ein verschwommenes Umfeld und fühlte sich zudem auch noch sehr unsicher. War sie stumm oder warum redete sie nicht mit ihm? Ob Takashis große Erscheinung der so kleinen Fähe Angst einflößte? Er war kein tötendes Ungeheuer mehr. Auf keinen Fall wollte er ihr etwas antun. Unbedingt wollte er ihr jetzt helfen, damit sie wieder fröhlich wurde. Und warum weinte sie? Vielleicht hatte sie vor etwas Angst oder ihr war etwas Schreckliches passiert, wovon Takashi nicht wusste, weil er erst später zu der Gruppe dazu gekommen war. Jedoch wusste er überhaupt von nichts, er konnte nur vermuten und denken. Jetzt noch etwas Weiteres zu sagen war wohl nicht angebracht. Vielleicht war sie auch einfach nur viel zu verdutzt, da sie schließlich nach ihren Welpen und nicht nach Takashi verlangt hatte. Dann erhielt der Schwarze keine Antwort, sondern keine Gegenfrage. „Wo sind sie?“ – wer? Vielleicht meinte sie ihre Welpen, die sie eher als Takashi erwartet hatte. Die kleinen würden wohl noch einen Moment brauchen, bis sie hier ankommen würden. Zurzeit wusste er von keinem einzigen Welpen bescheid, wo er sich aufhielt. Dem schwarzen mit den tiefblauen Seelenspiegeln fiel auf, dass er der Fähe ziemlich nah gegenüber stand. Bedrängen wollte er sie natürlich nicht und machte deshalb einige Schritte rückwärts. Er senkte den Kopf etwas ab und sah kurz zu Jumaana. Sie unterstütze die für ihn fremde wirklich sehr und war bei ihr. Takashi fand das schön, dass wenigstens Jumaana in dieser Situation etwas tun konnte. In diesem Moment fühlte er sich hier ziemlich überflüssig. Kurz sah er sich um und erkannte, dass Rakshee mit einem jungen Welpen auf dem Weg hier her waren. Hoffentlich konnten die beiden etwas an dieser unguten Lage ändern! Er war eigentlich dabei, sich abzuwenden und dem Ruf Urions zu folgen. Auch dort schien etwas passiert zu sein, wovon alle schnellst möglich erfahren sollten. Doch als die Fremde diesen einen Satz aussprach, erstarrte Takashi vor Schreck. Ein Wolf soll von dem Nichts – dem weißen Nebel – verschluckt worden sein! Blankes Entsetzen machte sie auf seinem Gesicht breit. Hatte er sich etwa die ganze Zeit in Lebensgefahr gebracht, als er durch den Nebel schlenderte? Hatte er sich der Gefahr genähert, von der er nichts wusste?

.oO(Nein…das kann und darf nicht sein! Hiryoga wurde vom Nichts einfach so verschluckt? Aber war das denn nicht der Gefährte der weißen Fähe? Erst jetzt kann ich wirklich verstehen, was sie hat. Mit all meinen Vermutungen lag ich falsch…an so etwas Schreckliches habe ich gar nicht zu denken gewagt! Es tut mir so Leid für sie! Doch zu viel Mitleid könnte sie noch trauriger machen. Am Besten lasse ich sie in Ruhe. Vielleicht mag sie auch keine Fremden, weil man ja schließlich nicht jedem trauen kann – richtig! Aber ich frage mich, ob dieses Nichts wirklich so gefährlich ist. Hat die Fähe es etwa mit eigenen Augen gesehen? Man wusste es ja nicht, aber vielleicht hat sich Hiryoga dazu entschlossen, seinen eigenen Weg zu gehen. Aber sollte es wirklich der Fall sein, dass man sich in so eine große Gefahr begibt…dann muss ich mich wirklich davon fern halten! Auf keinen Fall darf ich noch einmal erneut den weißen Nebel betreten!)

Entschlossen und ängstlich zugleich schaute Takashi für einen Moment lang die Wölfe um sich herum an. Was empfanden sie jetzt? Der schwarze Hüne senkte den Kopf und schwieg. Sie mussten alle tiefste Trauer empfinden. Doch jetzt war es Zeit, die kleine Gruppe nicht weiter zu stören und auf Jumaanas Worte zu hören. Wortlos wandte er sich von ihnen ab und machte sich in Richtung Rudelplatz auf. Immer noch war er ziemlich besorgt und hoffte, dass nicht ein weiteres Unglück passieren würde. Bestimmt sind schon sehr viele andere Wölfe mit dem Nichts in Kontakt getreten. Hoffentlich waren noch alle anderen da und Takashi wünschte sich, dass es ihnen gut ginge. Der schwarze Rüde war wirklich so gutmütig wie nie zuvor. Sein wahres Ich war mehr als ein einfaches Gegenteil von seinem Fluch.

.oO(Ich hoffe, dass es dir bald besser geht! Es tut mir leid, was deinem Gefährten zugestoßen ist, aber dennoch kann man nichts mehr tun. Es ist zu spät, es ist geschehen! Wir müssen uns so bald wie möglich darum kümmern, dass wir etwas gegen das Nichts tun! Einen weiteren Verlust wünschen wir uns alle nicht und wir dürfen uns nicht so einfach von so einem fremden Ding unterkriegen lassen. Hier ist unser Revier! Auch ich hätte mich nicht so auf den weißen Nebel einlassen dürfen…in Zukunft werde ich vorsichtiger sein und mehr aufpassen!)

Mit diesen Gedanken war er dann aus dem Blickfeld der Gruppe endgültig verschwunden. Takashi bewegte sich mit einem schnellen konstanten Tempo voran, wobei er aber schnell an Kraft verlor. Schließlich war Takashi kein Langstreckenläufer. Nur auf kurzer Distanz konnte er erstaunlich schnell sein. Doch er beeilte sich absichtlich, da schon einige Zeit nach Urions Ruf vergangen war. Schließlich hatte er auch um Beeilung gebeten. Er hatte noch gar keine Ahnung, was ihn am Rudelplatz erwarten würde. Jedoch lag wieder dieses unangenehme bedrückte Gefühl in der Luft, was Takashi noch nicht allzu lange wahrnehmen konnte. Baum um Baum zischte an ihm vorbei, bis er schließlich langsamer wurde, da seine Luft knapp wurde. Zum Glück war er nicht mehr besonders weit. Die Hälfte des Weges hatte er bereits zurücklegen können und er war überzeugt davon, dass die zweite Hälfte noch schneller hinter sich zu bringen war. Bereits von hier aus konnte der schwarze Wolf schon die Fährte einiger anderer Wölfe, die sich auf dem Rudelplatz befanden, ausfindig machen. Dort war schien ziemlich viel los und es versammelten sich immer mehr um das Geschehen. Auch Takashi wollte schnellst möglich ankommen. Langsam lichtete der Wald und Takashi lief auf einen relativ unbewachsenen Platz zu. Sie schienen sich um einen Wolf herum versammelt zu haben, der auf dem Boden lag. Was war hier bloß geschehen? Erneut verlangsamte Takashi seine Schritte um nicht allzu auffällig und unhöflich dazu zu kommen. Vorsichtig stellte er sich zwischen die Wölfe um auch zu sehen, wer dieser Wolf am Boden war. Er wollte es kaum fassen, aber es war die Betawölfin Kaede! Ihm fehlten die Worte. Hilfe suchend sah er in die Gesichter der Wölfe, die mit ihm hier um Kaede herum standen.


Er erkannte, dass die kleine Wüstenwölfin außer Gefahr war – hörte die warmen Worte Liams. Zufriedenheit durchströmte ihn. Sie war in Sicherheit, mehr brauchte er nicht zu wissen. Für einen Moment verharrte er in seiner Starre, dann schlich sich ein leichtes Lächeln auf die Lefzen. Aber wenn ihr nichts passiert war, dann war es einem anderen Artgenossen jetzt schlecht ergangen. Bedauern machte sich in der grauen Brust breit. So wie Banshee jetzt für einen guten Weg nach dem Leben beten würde, segnete er still den ebenen Pfad zur Unendlichkeit. Das war es, was Akru tun konnte; als Zeitwächter. Die blauen Seelenspiegel wandten sich ab und erblickten wieder den braunen Freund, der ohne Zweifel gefolgt war. Der Kopf wurde leicht schief gelegt.

“Nein, ich wollte nur sehen, ob es ihr gut geht“,

sagte er wahrheitsgemäß.

“Aber wir wollten zu Gani.“

Noch ein kurzer Blick auf die Seelenschwester, dann schritten die Freunde wieder vorwärts. Hatte Isis das leichte Zwinkern gesehen? Ihre Reaktion war deutlich besser und verständlicher. So kannte er seine kleine Schwester. So war sie ihm am liebsten.
Während des gleichmäßigen Ganges nahm er wieder die bekannte und geliebte Witterung auf. Die Augen halb geöffnet.

“Gani“,

hauchte er leise, als der süßliche Duft stärker wurde. Mit einem Grinsen sah er auf Katsumi.

“Die graue, schöne Prinzessin. Das ist meine Tochter“,

erklärte er, als sie der Grauen näher kamen. Jegliche Sorgen waren von dem Zeitwächter abgefallen. Zu lange war er dem Tod mit Schrecken entgegen getreten, nun war es anders. Er wartete auf den für ihn bestimmten Tod. So wie es die weiße Leitwölfin – seine weiße Freundin tat. Sie hatte ihm seine Nähe erlaubt, und er hatte im Gegenzug seine Liebe aufgegeben. Und mit dem Braunen an seiner Seite war es nicht mehr schlimm. Er fürchtete sich nicht. Umso gelassener und aufopfernder wirkte er. Als sei ein junger Rüde endlich erwachsen geworden.


Langsam trabte Ayv durch den Wald. Er wusste nicht, wie weit es noch war. Er wusste nicht einmal, welches Ziel er hatte, wohin er wollte, was er wollte, warum er noch lebte.
Er stockte in seinen Gedanken.
Warum dachte er darüber nach, warum er noch lebte? War es nicht egal? War es nicht egal, ob er noch lebte oder ob er jeden Moment sterben würde? Ein Bär könnte jeden Moment vor ihm stehen, ihm einen tödlichen Schlag versetzten, aber er tat es nicht. Er würde ihn erst dumm anstarren, ihn beobachten, Ayv würde mal wieder einem Bären das Handwerk legen, ihn zur strecke bringen, wie auch immer er es bisher jedes Mal geschafft hatte. Er würde es wieder schaffen. Dessen war er sich sicher. Er würde es wieder schaffen und lediglich ein oder zwei weitere Narben in seinem Fell beherbergen.
Er ließ seinen Kopf hin und her schwanken. Schaute sich die riesen Bäume an. Obwohl er lediglich ihre Umrisse sah. Ihre Umrisse durch die Laute der Natur. Durch all die Schallwellen, die von irgendeinem anderen Geräusch erzeugt wurden. Er schaute wieder nach vorne. Wie hatte er seinen Vater damals überhaupt "blind" erlegen können? Wie hatte er je besser werden können, als sein Vater? Wie hatte er lernen können, besser zu jagen als Kenial? Wie? Alleine durch seine Kraft zu "sehen" Seine bestimmte Art und Weise.
Er trabte weiter. Nicht mehr lange, das hoffte er.


Alles ging plötzlich so schnell und doch gleichzeitig so schleppend langsam. Urion rief einige Wölfe zu ihnen, bis seine Stimme brach. Alle kamen sie herbei, langsamer oder schneller. Plötzlich waren sie alle da, sie hatte nicht wirklich registrieren können, wie jeder einzelne Wolf angekommen war. Und doch erschien es ihr so, als ob sie alle zu langsam wären. Quälend scheute sie ihr Herz, es sollte weiter schlagen, nur nicht verstummen. Boum.
Ciradán war der erste, der seine Trauer mehr oder weniger in Worte fasste. Er drückte sich an sie, so ungestüm, dass sie Angst hatte, sie würde zerbrechen. Er schluchzte in ihr Fell, sie spürte seinen kleinen zitternden Körper eng an ihrem pumpenden. Er rief nach ihr, immer und immer wieder. Sie war doch da, hier, direkt bei ihm. Warum schrie er denn so?
Sie hatte das Gefühl in einer anderen Welt zu schweben, es war ihr, als ob sie all die Wölfe klar wahrnehmen würde, aber nicht auf sie reagieren könnte. Sie sah sie alle vor ihren Augen und sah sie auch doch nicht. Warum schrie Ciradán denn so. Sie konnte ihn doch hören, sie war doch direkt neben ihm, direkt da. Irgendwie wollte ihr Kopf nicht wahrhaben, dass er trauerte, sie wollte nicht, dass er traurig war, sie wollte nicht, dass irgendwer traurig war, nur weil sie zu den Göttern geholt wurde. Irgendwie verstand sie auch gar nicht richtig, warum sie trauerten. Ihr verstand war so benebelt. Wer rief da nach ihr? Wer war es, der einfach keine Ruhe gab, obwohl sie sich doch nur das wünschte, Ruhe. Einschlafen, friedlich um keine Schmerzen mehr erleiden zu müssen. Nur schlafen und gesund und sehen wieder aufwachen.
Boum…. Boum…. Boum Boum....
Ihr Sohn, Ciradán. Er wollte sie nicht verlieren.
Es durchzuckte sie, es schmerze noch mehr in ihrem Herz. Plötzlich war ihr Kopf klarer. Der Nebel war verflogen. Sie schüttelte ihren Kopf ganz leicht. Was war das, sie wollte nicht vergessen. Noch war sie hier, noch war sie am leben, noch wollte sie für ihre Liebsten da sein, stark sein. Aber sie war nicht stark, nicht mehr. Schon lange nicht mehr.
Urion legte sich neben sie, berührte ihre Schnauze. Warum war die seine so kühl, so feucht? Es schien ihr, als ob ihre Schnauze in Flammen stände, sie hatte Durst, so unerträglichen Durst. Wieder verschleierten sich ihre Gedanken, gaukelten ihr Bilder von grünen Wiesen und Wäldergruppen vor. Leicht plätschernde Bäche, die das kühle Nass transportierten, was sie gerade so sehr verlangte. Und sie konnte sehen, sie konnte all das sehen, was sie jetzt nicht mehr sehen konnte.
Wieder waren es Worte, die sie aus ihren abschweifenden Gedanken rissen. Diesmal jedoch Urions, ruhiger als die von Ciradán, beherrschter aber nicht mit weniger Trauer gefüllt. Sie hörte seine Tränen, wie sie sich die Bahnen durch sein Fell suchten, wie sie langsam ihren Weg liefen um dann schneller zu Boden zu tropfen. Auch er sprach mit ihr, erwartete eine Antwort von ihr.
Ihre Zunge lag so schwer in ihrem Mund, klebte an ihrem Gaumen und fühlte sich so unnütz an. So unbrauchbar. Fast schon so, als ob sie geschwollen wäre. Doch sie musste sprechen, wollte sprechen. Es galt Ciradán zu trösten, sich von Urion zu verabschieden. Sie konnte die beiden nicht verlassen, ohne vorher noch ein letztes Mal mit ihnen geredet zu haben.
Schwerfällig öffnete sie ihr Maul, schleckte sich ungeschickt über die brennende Schnauze, ein leises Seufzen verließ ihre Kehle bevor sie anfing zu sprechen.

„Ciradán. Schätzchen.“

Sie schluckte schwer. Was sollte sie ihm sagen? Keine Worte der Welt würden den jungen Welpen nun trösten können. Was war passiert. Er wusste es und wollte es nicht wahrhaben, würde es auch nicht wahrhaben wollen, wenn sie es ihm sagen würde. Daher musste sie es ihm nicht sagen, es gab wichtigere Dinge zu sagen. Wichtigeres als ein ‚Ich sterbe, ich werde von euch gehen’. Denn er wusste es, alle wussten es. Nur einige wollten, konnten es nicht wahrhaben.
Sanft bewegte sie ihre Schnauze, ließ Urions feuchte alleine auf dem Boden liegen und suchte Ciradán. Es bedurfte einiger Anstrengung ihn zu erreichen, so wie er zwischen seinen Eltern lag, doch letztendlich schaffte sie es und strich ihm zärtlich durch sein weiches Welpenfell. Sie vermutete, dass er blind werden würde, sicher war sie sich jedoch nicht. Aber sie spürte, dass er die Sehkraft auf seinem einen Auge bereits verloren hatte. Sie bedauerte es, hätte sie ihm doch ein Leben voller Farben gewünscht. Aber sie wusste, auch ohne sehend zu sein, konnte man die Dinge sehen. Denn man sah nicht mit den Augen sondern mit dem Herzen. Die Augen waren nur eine Unterstützung für das Herz, das hatte sie mit der Zeit gelernt.

„Ciradán. Präge dir gut die Gerüche, Bewegungen und Stimmen der Wölfe ein. Merke dir die Wege die du gehst. Lausche dem Wind der durch die Bäume fährt, er erzählt dir viele Dinge. Er warnt dich, wenn dir etwas im Wege steht, er erzählt dir von fernen Orten, die du vielleicht niemals betreten wirst. Er trägt dir Gerüche zu, von denen du vielleicht niemals erfahren wirst, weil sie von anderen Orten kommen. Der Wind ist unser bester Freund, auch von den Sehenden Wölfen. Schärfe deine Sinne, sammle die Bilder. Sie werden dir deine Zeit in der Dunkelheit bereichern. Aber auch in dieser Dunkelheit wirst du sehen. Du musst nur auf die Zeichen achten und auf dein Herz hören!“

Sie hoffte, dass der kleine Welpe verstehen würde. Sie konnte es nicht besser beschreiben, ihr fehlten die Worte dafür, nicht nur, weil sie so geschwächt war. Wie sollte man beschreiben, wie man sehen konnte, ohne dass man etwas sah. Vor allem, wenn der Verstand so umwabert war, wie der ihre?
Ein letztes Mal strich sie ihm durch das Fell. Sie durfte sich nicht zu lange bei jedem aufhalten, es stach in ihr Herz, noch mehr als zuvor. Sie wollte ihre Familie nicht verlassen, sie wollte für alle gleichzeitig da sein, doch wusste sie, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit war. Zärtlich berührte sie Ciradán an seiner Zitternden Schnauze. Sie leckte seinen Tränen weg, sie sofort von neuen Tränen ersetzt wurden. Sein Fell war nass, ihres bestimmt auch, aber das störte nun niemanden.

„Ich liebe dich“

Sie flüsterte es nur, so als ob nur er es hören sollte. Natürlich waren die anderen in der Lage ihre Worte zu hören, aber sie galten nur ihm. Nur ihm allein.
Dann bewegte sie ihre Schnauze wieder zurück zu Urion. Sie berührte seine Schnauze und zuckte für eine Sekunde wieder von ihr zurück. Sie war so kalt, fast schon unnatürlich, dabei sagte ihr restlicher Verstand ihr, dass ihre Schnauze einfach zu warm und zu trocken war. Mir Urion war alles in Ordnung. Mehr oder weniger. Auch er würde bestimmt nicht mehr lange unter den Lebenden weilen. Was würde nur aus ihren Welpen werden, wenn auch Banshee bald von ihnen gehen würde. Banshee, sie war die Nächste die zu ihrer größer werdenden Gruppe stieß. Innerlich lächelte sie, ein Lächeln, was in diesem Leben nie mehr an die Oberfläche kommen würde, aber vielleicht würden die Anwesenden es ja auch so spüren. Schließlich konnte sie das Lächeln anderer auch sehen. Aber vielleicht war das etwas anderes. Sie hielt still, während Banshee ihr sanfte Berührungen schenkte, mit ihr sprach und ihr einen Segen gab. Was anderes konnte sie sowieso nicht mehr tun, aber trotzdem war dieses Stillhalten ein anderes, als das vorherige. Friedlicher, sie fühlte sich nun schon friedlicher als zuvor und es war ihr, als ob sie die weiße Göttin vor ihren Augen sehen konnte. Lächelnd und wartend, jedoch nicht ungeduldig. Ungeduldig würde Fenris sein, aber den verdrängte sie nun noch ein wenig geschickt. Sie wollte Urion und Banshee eigentlich nicht in einem Atemzug danken, schließlich war sie ihre beste Freundin, er aber ihr Gefährte. Sie liebte beide, aber auf unterschiedliche Art und Weise.
Als sie von einem trockenen Husten geschüttelt wurde und ihr ganzer Körper erbebte und von Schmerzen umspült wurde, entschied sie sich jedoch recht schnell, zu beiden zu sprechen.

„Urion, Liebster. Ich warte auf dich, ich würde auch ewig auf dich warten, denn ich liebe dich! Du warst mir eine große Stütze, hast mir deine Liebe geschenkt, die ich bedingungslos erwidern konnte. Du hast mit mir zusammen unseren Traum wahr gemacht und drei wunderbare Welpen mit mir hervorgebracht. Ich werde warten…
Banshee, auch du warst mir eine gute Freundin und eine wunderbare Alphafähe. Du hast an mich geglaubt. Ich freue mich auf dich!“


Zum Ende hin war ihre Stimme erneut schwächer geworden. Das sollte so nicht sein, es war alles so wichtig, was sie zu sagen hatte, was sie noch sagen wollte. Wieder hustete sie, sie spürte den Geschmack von Blut auf ihrer geschwollenen Zunge. Erschrocken riss sie ihre Augen auf, Schwärze, Dunkelheit. Was hatte sie anderes erwartet? Immerhin ein Zeichen dafür, dass sie noch am leben war. Aber warum hatte sie Blut im Maul, krampfhaft schluckte sie es wieder runter. Es war ein komisches Gefühl ihr eigenes Blut zu schlucken, irgendwie ekelig und nicht sonderlich angenehm. Es schüttelte sie erneut, diesmal nicht vor Husten sonder Ekel.
Sie freute sich wirklich. Auf irgendeine Art und Weise trauerte sie um die Wölfe die sie hier zurückließ. Ihre Welpen würden noch lange Leben, zumindest wünschte sie ihnen das, aber Banshee und Urion, wahrscheinlich auch Nyota, würde sie bald schon wieder treffen, sehend, jung und unbeschwert. Eine schöne Vorstellung.
Wie eine Vorstellung, so kam ihr die Versammlung hier plötzlich auch vor, wieder schien sie alle zu sehen, erschrocken musste sie feststellen, dass sie auch sich sehen konnte. Komisch, sowieso war das hier eine merkwürdige Perspektive, so, als ob sie selber als ein anderer Wolf der Ansammlung beiwohnen würde. Seltsam. Sie war erschrocken über ihren Anblick, sie sah wirklich schlecht aus. Kein Wunder, dass alle so aufgeregt waren. Was hieß alle, Ciradán zumindest. Wo blieben eigentlich Krolock und Liel?
Und da kam ihr zweiter Sohn schon angerannt, so schnell ihn seine kurzen Welpenbeinchen zu tragen vermochten. Und plötzlich wechselte die Perspektive wieder, sie war wieder sie selbst, fühlte all den Schmerz, der sich durch Krolocks Ankunft verschlimmerte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Eigentlich wusste sie gar nicht womit sie gerechnet hatte, eigentlich hatte sie eher mit gar nichts gerechnet. Schwerfällig hob sie ihren Kopf, stemmte ihn mit aller Kraft nach oben. Dann spürte sie, wie Krolock sich gegen ihre Seite schmiss, hätte sie noch nicht gelegen, wäre sie spätestens jetzt zu Boden gegangen, so erklang nur ein leises, ersticktes Gurgeln, welches ihr erneut das Blut in das Maul laufen lies. Nein. Sie wollte Krolock beruhigen, drehte ihren Kopf schon in seine Richtung, als er erneut aufsprang, aufschrie und dann auf seinen Bruder losging. Nun rannen auch Kaede Tränen über die Schnauze, vermischten sich mit Bluttröpfchen die ihr aus dem Maul rannen. Wenige, vereinzelte, aber doch vorhanden.
Warum tat er das, warum ging er auf seinen Bruder los? Warum knurrte er seinen Vater an. Sie alle waren hier zu ihr gekommen, weil sie sich verabschieden wollten, weil sie trauerten, weil sie bei ihr sein wollten.

„Nicht…“

Da lag er schon unter ihren Pfoten, weinte schmerzlich und bettelte sie an noch nicht zu gehen. Doch er hatte Fenris doch auch gesehen, er hatte ihm doch sogar gedroht. Er wusste, dass ihre Zeit gekommen war. Sie blickte mit ihren blinden Augen in den Himmel. Wahrhaftig, nun war Fenris ebenfalls zu Engaya getreten und schaute nicht einmal halb so freundlich wie sie, auf sie herab. Ihre Zeit lief davon. Wo war Liel?
Sie blickte auf ihre Pfoten. Krolock erbebte, genauso wie Ciradán an ihrer Seite, nein, fast noch schlimmer. Nun wurde sie wütend, sie schluckte das Blut in ihrem Maul herunter, sie wollte nicht, dass alle so traurig waren. Als sie kaum noch Blut im Maul hatte, begann sie langsam und vorsichtig Krolock über den Rücken zu lecken. Beruhigend, für sie und für ihn.

„Wir können nicht gegen alles kämpfen und wir können uns auch nicht so drastisch verändern. Dann wären wir nicht mehr wir selbst. Krolock, es ist an der Zeit.
Bleib so wie du bist, du bist ein guter Welpe, du wirst ein toller Rüde werden. Ich weiß das, ich bin schließlich deine Mutter. Irgendwann werden auch wir uns wieder sehen, wenn du ein schönes und glückliches Leben geführt hast. Ich werde dich nicht verlassen, solange du mich in deinem Herzen trägst und daran denkst, dass ich dich sehr liebe!“


Sie hatte nur für ihre Worte unterbrochen, ihm über den Rücken zu lecken, nun begann sie wieder von vorne. Systematisch bedeckte sie den kleinen Rüden mit ihrer trockenen Zunge. So lange, immer und immer wieder, bis Nyota bei ihnen erschien. Es konnte nicht viel Zeit vergangen sein und trotzdem fühlte sie sich schon so, als ob sie überfällig war. Sie vernahm über sich Fenris knurren und Engayas beschwichtigende Worte. Sie dankte der weißen Göttin, ihre Tochter fehlte schließlich noch immer.
Sie öffnete leicht die Augen und nickte Nyota zu. Worte waren zu schwer zu formen, wollte sie doch Liel auch noch etwas mit auf den Weg geben. Was wäre sie für eine Mutter, wenn sie das nicht mehr tun könnte? Aber wo blieb sie, wo konnte sie sich befinden, dass sie so lange brauchte?
Der Atem ging noch schleppender, das Herz wurde noch langsamer. Nein, nein. Noch ein wenig.
Sie kämpfte, verbissen. Innerlich tobte es in ihr, das Blut brodelte, das Herz wimmerte, die Lunge keuchte und Fenris schnappte.
Da, da war sie. Liel. Geliebte Liel. Sie hatten es geschafft. Beide, Liel den anscheinend sehr weiten Weg und Kaede den Kampf gegen den Tod, gegen die Zeit.
Erschrocken musste sie feststellen, dass Liel sich anhörte, als würde sie gleich kollabieren, schwer schnaufte die Kleine und fast war es so, als ob Liels Herz, im Gegensatz zu ihrem, vor lauter Schlägen den Brustkorb sprengen wollte.
Doch was tat sie? Was tat die junge Welpin? Sie umrundete sie, sprach nicht zu ihr sondern zu Krolock. So beherrscht, so hart erklang ihre Stimme in Kaedes Ohren. Vernahmen die anderen ihre Stimme ebenfalls so? Oder bildete sie sich erneut nur etwas ein? Nein, nein das konnte keine Einbildung sein. Warum benahm sie sich so… stark?
Eine große Welle von Trauer umspülte ihr sterbendes Herz, als sie die Antwort auf die Fragen vernahm. Liel sah sich als zuständig für die Familie an. Das war doch gar nicht ihre Aufgabe, sie sollte ein Welpenleben führen, so unbeschwert es eben ging, wenn man den Tod der eigenen Mutter verkraften musste. Es war auf keinen Fall an ihr, die Familie zu stützen. Sie war diejenige die gestützt werden musste, sie und die anderen beiden Kleinen. Endlich setzte sich Liel zu ihr, schleckte ihr mit ihrer wunderbaren kühlen Zunge über ihre Schnauze und bemühte sich, diese zu kühlen und zu befeuchten. Ohne Erfolg, rasch hörte sie wieder auf, aber trotzdem schätze Kaede ihre Geste sehr.
Doch sie spürte, dass Liel trauerte. Dass Liel innerlich fast erstickte vor Trauer. Warum zeigte sie diese dann nicht? Jeder Wolf der hier war weinte, ausgenommen von Midnight, der sich gar nicht mehr rührte. Warum konnte nicht auch sie so sein, wie es eigentlich normal war, wenn man einen geliebten Wolf verabschiedete?
Sie berührte Liels Pfote sanft mit ihrer Schnauze, erneut verlor sie dabei den Kontakt zu Urion.

„Liel Liebes.“ ihr fehlten die Worte, auf ihr Verhalten wollte sie sie nicht ansprechen „Ich werde niemals vergessen, dass du mich liebst! Niemals! Und ich freue mich auch dich nach deinem wunderbaren und langen Leben wieder zu sehen. Irgendwann sind wir alle wieder vereint. Liel, vergiss nicht, du bist ein Welpe! Stark aber trotzdem noch schwach. Ich liebe dich auch, trage diese Liebe wie die anderen immer in deinem Herzen und du wirst nie, niemals alleine sein!“

Ein letztes Lecken über die Pfote ihrer Tochter. Das letzte Wenden ihrer Kopfes um wieder an der Schnauze von Urion zu liegen. Sie bemerkte noch, wie sich zwei andere Welpen näherten. Chanuka und Atalya, sie konnte, warum auch immer, spüren, wie Liel zu Chanuka blickte, spürte wie sie lächelte.
Ganz am Rande bekam sie noch mit, wie Takashi zu der Gruppe kam. Ohne Worte, ein stummer Zuschauer.
Fenris Atem war nah, sie spürte den Luftzug den er hinterließ, als er erneut von Engaya zurückgerufen wurde.
Nur noch wenige Sekunden blieben ihr. Die Sekunden für die letzten Worte.
Boum.

„Weint nicht zu lange weil es vorbei ist, sondern lächelt, weil es schön war!“

Ein letztes Seufzen, ein letztes, lebhaftes aufflackern ihrer Augen. Dann schlossen diese sich. Tief atmete sie ein, plötzlich so frei. Dann wich all die Luft aus ihrer Lunge, der Körper erschlaffte. Fenris packte zu, Engaya lächelte noch immer und geleitete Fenris mit ihr in dem Maul zu ihrem Reich, was Fenris nicht betreten konnte, er würde sie wohl vor dem Tor ablegen.
B.o.u.m.
Der Herzschlag setzte aus.


Chanuka drehte ein Ohr zu seiner Schwester zurück, die seinen Namen sagte und dann wohl merkte, dass er schon allein aufgebrochen war. Er drehte sich nicht um, lief aber etwas langsamer, um auf sie zu warten. Er verstand nicht, wieso sie schon wieder meinte, auf ihn aufpassen zu müssen, war sie doch nicht älter und eher unvernünftiger. Aber so waren sie alle. Redeten frei heraus, was ihnen gerade in den Kopf kam. Legten ihr Herz offen. Sie lief ihm sogar nach, immer noch bemüht um ihn, obwohl er sein Verhalten ihr gegenüber selbst etwas rau empfand.
Eine stumme Frage stand in seinen Augen geschrieben, die er nicht aussprach, mit der er sie aber eine Weile ansah. Es war nichts, was er je in Worte fassen würde, sondern wohl eher etwas, dass er für sich selbst zu ergründen versuchte. Wohin ging er?

“Irgendetwas schreckliches passiert.“

Erklärte er, wusste dabei aber nicht mehr als sie. Liel stürmte an ihm vorbei, sah ihn kurz an, wirkte aber nicht so, als ob sie ihn wahrgenommen hatte. Unsicher überlegte er kurz, ob er sie wütend gemacht haben könnte, verwarf den Gedankengang aber gleich wieder. Sie wusste scheinbar, was sich zugetragen hatte. Er selbst wusste noch nichts, obwohl etwas deutlich spürbar in der Luft hing.
Wie in Trance folgte er noch immer dem längst verklungenen Ruf von Urion. Dass seine Schwester ihn nun begleitete, war ihm egal. Sollte sie doch seinen Schatten spielen, seine Aufpasserin. Er hatte nichts gegen ihre Gesellschaft, sein Interesse lag nur auf einer anderen Begebenheit, der er sich immer weiter näherte. Worte drangen zu ihm. Plötzlich begriff er, dass Kaede sterben würde. Schockiert lauschte er, was Liel sagte. Sie wirkte furchtbar stark und tapfer und er traute sich plötzlich nicht mehr, weiter zu gehen. Aus der Ferne sah er zu, wie sich die Wölfe verabschiedeten. Für immer. Seine Mama tauchte auf und er wollte auf sie zuspringen und Schutz suchen, doch letztlich blieb er an Liels Augen hängen. Sie sah ihn an und er blickte zurück. Er spürte keine aufkeimende Unsicherheit und auch die vielen Fragen waren wie aus seinem Kopf hinaus gewaschen. Es war beinahe, als hätte er seinen eigenen Willen verloren, er lief langsam näher. Sie lächelte, aber es war ein ganz anderes Lächeln als das, das er von ihr kannte. Chanuka fühlte nichts von diesem Glück und von der Wärme, im Gegenteil. Etwas Kaltes stach in sein Herz, von dem er nicht wusste, was es war und wieso er so empfand. Es war traurig, das Kaede starb, aber noch viel trauriger war die Traurigkeit, die greifbar in der Luft lag.
Sich bei der Versammlung aufhaltend, aber nicht über den Rand hineintretend, verharrte er. Den Blick hatte er nicht mehr von Liel abgewandt, er wusste nur einfach nicht, was in solch einer Situation zu tun war. War es ihm erlaubt, hier zu sein? Man hatte ihn nicht gerufen. Musste er etwas sagen? Durfte er etwas sagen? Interessierte es irgendjemanden überhaupt, ob er sich rührte, oder nicht? Es hatte ihm nie jemand gesagt, wie man sich verhielt, wenn jemand starb und er wusste auch nicht, wie man jemanden trösten sollte, der gerade einen wichtigen Wolf verlor.
Unschlüssig trat er näher, als Kaede aufgehört hatte zu atmen. Sie wollte nicht sterben, glaubte er aus ihren Worten verstanden zu haben. Sie akzeptierte es wohl, starb aber mit der ewigen Sorge um ihre Familie. Das Sterben schien nicht so schwer zu sein, aber Leben bedeutete, zu vermissen und zu erinnern. Und dass würde sich wohl immer traurig anfühlen. Er setzte sich schweigend neben Liel, ein bisschen geduckt, als hoffe er, niemand würde ihn wirklich wahrnehmen.


Er spürte den aufgeregten Puls, die Verzweiflung und die anhaltende Panik. Nur langsam schien Alles von ihr abzulassen und gab Platz für Worte und ein wenig Wärme. Zunächst schwieg Aryan noch, beobachtete mit seinen scharfen Sehsinnen, dass auch der schwarze Fremde gefolgt war. Dankbarkeit machte sich in der Brust breit. Wenn er jetzt die Kontrolle verlieren würde, so war wenigstens jemand Kräftiges in der Nähe. Immer noch starr, wie aus Stein. Nicht einmal verkrampft. Wie sollte sich ein Welpe, bei einer solchen Haltung des Vaters entspannen sollen?
Trotzdem blieb er in seiner Starre – lieber nichts riskieren. Am Rande bemerkte er, dass Nyota ihn gesehen hatte, aber lieber doch dem verzweifelten Ruf Urions gefolgt war. Es dauerte nur 1, 34 Sekunden bis er die Situation erkannt und analysiert hatte. Schrecklich, die Betawölfin war gestorben. Das Lächeln blieb hartnäckig auf den Lefzen liegen.

“Ist schon okay, Kleines. Alles ist in Ordnung. Du bist jetzt in Sicherheit – ich bin ja bei Dir“,

flüsterte er so leise, dass man ihn fast nicht verstehen konnte. Als Aléya gestand, dass sie panische Angst hatte, richtete er unwillkürlich die schwarzen Augen auf die Helle.

“Habe ich Dir weh getan?“,

fragte er. Er wusste, dass er hätte nicht kommen dürfen, aber ebenso war es wie ein Reflex seine Tochter beschützen zu wollen. Und wer würde ihm daraus schon ein Strick drehen können? Ha! - so mancher. Seufzend wandte er sich wieder an den schwarzen Hünen.

“Hey mein Freund, würdest Du mir ein Gefallen tun?“,

die Worte waren gerade so laut, dass der Schwarze ihn hören, aber niemand anderes es verstehen konnte. Der Blick wanderte wieder zu seiner Tochter.

“Pass´ auf, Aléya, Du musst jetzt stark sein. Ich muss Dich wieder verlassen, ich bin hier nicht erwünscht. Aber der nette schwarze Onkel dort drüben“,

Aryan machte eine Pause und deutete mit einer kurzen Pfotenbewegung zu dem Fremden hin,

“Wird Dich zu Mama bringen.“

Die dunklen Augen verengten sich kurz. Warum er diesem Fremden vertraute, konnte er nicht genau sagen. Es war durchaus unverantwortlich, wenn er seine kleine Tochter mit ihm mit gehen lassen würde. Genauso dumm wäre es, wenn er sich jetzt dem Rudel stellen müsste. Immer noch war er hungrig, und immer noch glaubte sein Bruder einen Mörder in dem ehemaligen Regenauge sehen zu können. Zudem war etwas in dem fremden Hünen, dass ihm deutlich sagte, dass er Aléya nichts antun würde. Ansonsten hätte er auch tierische Probleme mit Aryan – einem grimmigen Vater.

“Glaubst Du, Du kannst das?“,

fragte er liebevoll. Er senkte den Kopf, um der Weißen über den kleinen Fang zu lecken, hielt aber in seiner Bewegung inne, als er spürte, dass das Brennen überhand gewann und befahl das Leben aus dem kleinen Geschöpf zu saugen. Ein leichtes Zwinkern lenkte von seiner unvollendeten Bewegung ab.


Zeit ist ein Gut, dass man zu schätzen wissen muss. Man kann Zeit einteilen – in Sekunden, in Minuten, in Stunden. Man kann Zeit verschwenden, indem man sie einfach unwichtigen Dingen schenkt. Man kann Zeit gut nutzen, um Sinnvolles und Gutes zu tun. Aber das Alles ist ja nur möglich, weil man Zeit einteilen kann. Der kleine Weiße konnte es nicht. Erwiderte nichts auf die letzten Worte der Mutter. Geschockt über die verschiedenen Reaktionen der Geliebten Kaedes. Krolock, der Aggressive, Liel, die Distanzierte. All das konnte ja nur passieren, weil sie wussten, wie sie einteilten. Ciradán fühlte sich geschlagen und getreten. Furchtbar schwach und allein. Kälte saß in der Brust. Er war unfähig irgendetwas zu tun, zu sagen. Also schlich er sich weg, irgendwo hin, nirgendwo hin. Taumelnd ließ er sich an schwarze Läufe fallen. Die Tränen kullerte unaufhaltsam die Wangen hinab. Er konnte nicht aufsehen, konnte das Alles nicht richtig verstehen. War das überhaupt Realität – ja, der Schmerz bezeugte es.

“Mama ist tot“,

eine Feststellung? Schluchzend presste er sich weiter an die starken Läufe, quetschte sich an die Pfoten. Wie lange er versuchte, eine passable Position zu finden, wusste er nicht. Er konnte die Zeit ja nicht einteilen. Irgendwann rollte er sich ein. Die ungleichen Augen sahen zu der Mutter. Einfache Trauer. Natürlich durfte er das. Es war seine Mama – seine Mama gewesen.

“Ich vermisse sie“,

schluchzte er erstickt. Der Weiße wollte endlich einschlafen. Die Trauer einfach abwerfen und für wenige Stunden vergessen. Nur ein wenig Ruhe. Unfassbar.

“Sie ist bei den Göttern, sagt ihr, aber wenn es keine Götter gibt? Wenn das einfach nur die Natur ist, die einfordert und nicht wieder hergibt. Die Natur ist nicht gerecht, sie gibt nur den Kreislauf. Sie hat keine Emotionen, keine Gefühle. Sie denkt nicht an uns, und nimmt Mama deswegen. Wenn es keine Götter gibt, wo ist Mama denn jetzt? Ist sie allein? Ist sie weit weg? Ich hasse eure Götter, sie können nichts für uns tun. Sehen nur mit grimmigen Blicken hinab und zerstören. Oh Mama, ich vermisse Dich“,

er sprach, ohne zu denken. Aber er sprach das, was in seiner Brust saß. Was ihn weinen ließ, was all seine Erwartungen, Wünsche und Träume kaputt machte. Irgendwann eine eigene Familie? Um seinen Kindern den gleichen Schmerzen auszusetzen? Oh nein, das würde er nicht tun. Selbst wenn er eines Tages den Platz neben Caylee einnehmen könnte. Niemand sollte diese Schmerzen erleiden.

Atalya
24.12.2009, 20:25

Hass ist ein befreiendes Gefühl. Es lässt gut vom Leid ablenken. Und Krolock hasste. Alles und jeden. Und am meisten sich selbst und Fenris. Es war die Ohnmacht – Mama war tot und er hatte versagt. Er war nicht stark genug gewesen, um sie zu retten. Zu langsam und zu schwach. Alles war verloren. Leider war er nicht in der Lage schnell genug ein guter Rüde zu werden. Er hatte verloren.
Die Tränen verebbten und gaben Platz für einen zornigen, hässlichen Ausdruck. Der letzte Rest Welpe wich von ihm. Nur Platz für dieses Brennen in der Brust, nur Platz für Hass. Das Inferno hatte gesiegt und den Schwarzen zerstört. Jede Hoffnung, all das Gute war mit ihr gestorben. Jeder Anstand, jede Liebe, jedes Verständnis wollte weg von ihm. Und er ließ Alles gehen. Eine vollkommene Leere, mit dem Echo nach Rache. Eine süße, bittere Rache. Ein Gefühl, dass ein Welpe nicht kennen sollte. Aber er war kein Welpe mehr, nicht mehr für sich selbst. Er war nur noch das, was man übrig gelassen hatte. Der Sturm war gekommen und hatte gewütet und Krolock hatte sich ergeben. Er war zu schwach – aber stark genug, um sich zu rächen. Es war egal, bei wem. Es war egal wann. Nur dieses Gefühl, dieser verschleierte Eindruck. Er würde seine Mutter nicht stolz machen können, also hatte er auch in diesem Punkt versagt. Also gab es nur noch dieses Brennen, dass ihn hielt und trieb. Ja, er verlangte nach sofortiger Reaktion. Der Schwarze schien innerlich zu explodieren. Alles drückte, quälte. Die Nackenkrause stellte sich wieder auf. Ein Knurren, drohend und laut. Die blauen, eisigen Augen auf Liel gerichtet.

“Du bist doch auch nicht viel besser, Liel. Du versuchst doch immer nur stark zu sein, dabei bist Du mindestens genau so schwach wie ich. Du hast auch verloren, siehe es ein. Du bist schwach“,

das drohende Grollen wurde lauter, diesmal wandte er sich an den vermeintlichen Vater. Purer Hass – keine Verzweiflung, keine Ohnmacht. Keiner würde sehen, wie sich die Halbwaise tatsächlich fühlte. Keiner sollte jemals wieder hinter diese Fassade sehen können. Er wollte nicht mehr leiden, keine Schmerzen. Nicht noch einmal verlieren.

“Und Du schimpfst Dich Gefährte? Du bist egoistisch, hast Mutter so oft allein gelassen. Du bist Schuld, dass sie so traurig war. Ein verdammter Mistrüde, das bist Du“,

mittlerweile war die Maske hässlicher geworden. Die kleinen Lefzen spannten sich hoch über das Zahnfleisch und die Schnauze war übersät mit kleinen Hügeln. Die Brauen tief über die Augen. Ein zorniges Funkeln, dann sah er Banshee an. Sie war doch der eigentliche Übeltäter.

“Und Du glaubst an etwas, dass Du schon lange verloren hast. Wie sollte Mama auf das Licht zugehen, wenn Du selbst nicht einmal mehr dasselbe siehst? Du bist keine Gottestochter, nur eine Heuchlerin“,

mit diesen Worten drehte er sich von der Gruppe und dem toten Körper der Mutter weg und ging. Allein und einsam wie er war. Egal, wie respektlos und wie enttäuscht Mutter über ihn war. Keiner durfte sehen, wie schwach er war. Kein Vergeben. Nur jetzt erst, wo er sich von der Gruppe entfernte, erlaubte er sich wieder Tränen, die ungebremst zu Boden fielen. Mama war tot, sie war fort und würde nie wieder kommen.
Lebe wohl, Mama!


Blind. Die Bedeutung dieses Wortes wurde den beiden Welpen von Tyraleen erklärt, oder wohl eher, wie man erkennt, ob ein Wolf blind ist oder nicht. Die eigentliche Bedeutung, der Kern der Sache wurde dabei völlig ignoriert. Jikken hätte das anders erklärt.

.oO(Blindheit hat nicht unbedingt etwas mit weißen Augen zu tun. Es gibt Wölfe, die können wunderbar mit den Augen sehen, sind aber dennoch blind. Klinkt seltsam. Ist aber so. Es gibt genügend Wölfe, die das Offensichtliche nicht wahrhaben wollen, oder die Wahrheit nicht erkennen. Ich denke, eben jene sind wirklich blind…)

„Du weißt schon, dass es gerade um etwas anderes geht? Aber egal… Jikken, bist du eigentlich blind?“


Jikken schaute nachdenklich zu Boden. Er hatte sich hingesetzt und wieder mal einen festen Punkt fixiert. Da war immer noch dieser Stein, mit dem seltsamen Fleck. So klein und unscheinbar er auch war, er hatte schon wieder Jikkens ganze Aufmerksamkeit. Warum eigentlich? Eine gute Frage und wohl eine Frage, die es verdiente, beantwortet zu werden, schon allein der Tatsache wegen, dass ein Warum darin vorkam. Und warum sollte er nun über so etwas Unwichtiges nachdenken? Jikken schüttelte kurz den Kopf. Wenn er immer mehr Warum-Fragen aufwarf, würde er vielleicht irgendwann die Antwort auf alle Fragen finden, oder eben einfach nur Zeit verschwenden, aber dabei völlig das Gespräch vergessen. War die Antwort auf alle Fragen das nicht wert? Unter Betracht der Tatsache, dass er wahrscheinlich sowieso nur eine endlos lange Kette an Fragen stellen würde, wäre es vielleicht doch eher sinnlos, dies jetzt zu tun.

.oO(Ich widme mich später dem Warum… bin ich nun blind oder nicht? Nun ja… ahm… keine Ahnung)

Du erkennst wohl nicht das Offensichtliche, was?“

Satori kicherte amüsiert neben ihm, wie ein kleiner Welpe. Das war nun fast schon so albern, wie andauernd Warum-Fragen zu stellen… „Oh“, war das erste und einzige, was er dazu noch zu sagen hatte. Nun galt seine Aufmerksamkeit wieder dem Gespräch, wie es sich auch gehörte. Tyraleen verzieh ihm, dass er die Grenze überschritten hatte, es war ja eigentlich auch Satoris Schuld gewesen, aber das war jetzt egal, er wollte sie da nicht mit hineinziehen und außerdem war die Sache doch damit beendet, oder etwa nicht? Zudem erhielt Jikken die Erlaubnis zu bleiben und bekam auch noch ein Lächeln geschenkt. Hatte er bisher nur ausdruckslos auf den Boden, oder wohl eher auf den interessanten Stein, der aber eigentlich auch wieder unwichtig war und nur zu albernen Fragen führte, gestarrt, hatte er nun einen fröhlichen Gesichtsausdruck und gab das Lächeln zurück.

„Vielen Dank“

Damit war Kengos Bitte erfüllt, bis auf die Tatsache, dass er nun noch warten musste, aber immerhin hatte er ja angenehme Gesellschaft. Nun konnte er sich ja vielleicht nach den Namen der beiden Welpen erkundigen, doch da fuhr die Weiße auch schon fort, nur nicht an ihn gewandt. Aber immerhin wusste er jetzt die Namen der beiden, aber wer war jetzt wer?

„Hallo Atalya oder Chanuka, wie geht es dir?“

Und schon wieder vernahm er ein amüsiertes Kichern seiner Gefährtin, die ihre Worte wohl lustig fand. Eine solche Situation wäre wohl mehr als unhöflich. So würde er einen der beiden nie begrüßen, sagte er sich. Und schließlich konnte man sie ja gleichzeitig begrüßen, immerhin waren sie doch zusammen hier. Wie dem auch sei, Tyraleen und Averic wollten nun also Kengo suchen. Eigentlich unnötig, wollte er doch sowieso noch hier her kommen. Jikken blickte gerade zu Chanuka .oO(oder Atalya???), als dieser nach der Berührung der Weißen einfach wie ein Baum umkippte. Jikken zog eine Augenbraue hoch. Okay… seltsam. Und da rannte Chanuka.oO(oder Atalya) auch schon davon, Atalya .oO(oder Chanuka) hinterher, mit den Worten, sie würde auf ihn aufpassen. Immer noch das Lächeln auf den Lefzen, schaute er den beiden nach, als Satori ihn in das Gespräch zurückholte.

„Hm?“

Er hatte sowohl Tyraleens als auch Averics Worte nicht mitbekommen. Das war ein Problem.

„Ob du sie begleiten willst. Bei der Suche nach Kengo.“

Satori, hilfreich wie sonst auch, sagte dies ohne zu kichern. Sie legte eine Pfote auf seine und sie konnte seine Dankbarkeit spüren.

„Ich wollte eigentlich auf Kengo warten, aber wenn ihr schon mal zu ihm geht, kann ich euch auch gleich begleiten. Das wäre ganz nett.“

Sein Lächeln hatte die kurze Phase der Verwirrtheit überlebt, dank seiner Gefährtin, die ihm nun erneut etwas zu sagen hatte.

„Averic meint, du könntest hier auch warten und mit anderen reden. Mir scheint, das wäre den beiden auch lieber.“

„Hm… und außerdem würde ich euch auch ganz gerne erst mal kennen lernen, dann passt das ja“

So war auch diese Phase der Unsicherheit überwunden, auch wenn Satori meinte, es wäre besser gewesen, die beiden allein zu lassen. Doch zu einer Diskussion zu diesem Thema kam es nicht. Ein verzweifeltes Rufen erlangte seine Aufmerksamkeit. Seine Ohren drehten sich in die Richtung, aus der die Worte gekommen sind und so plötzlich auch wieder abbrachen.

„Nanu?“


Urion weinte leise, während Kaede von ihnen ging. Er weinte, dass Krolock so intensiv hasste, er weinte über seine eigene Schwäche.
Immer wieder, schon als seine geliebte Gefährtin nicht mehr atmete, fuhr er ihr zärtlich mit der Zunge über die trockene Schnauze.
Sie trauerten alle, es war schrecklich.Urion schaffte es nun endlich den Kopf zu heben, Liels Worte drangen an seine Ohren. Dumpf, weit entfernt. Seine kleine tapfere Liel. Sie war stark, sie versuchte stark zu sein. Dann Ciradáns Worte. Seine Trauer zerissen Urion weiter das Herz.
Der graue Rüde schob Liel sanft mit seiner Schnauze zwischen seine Pfoten um ihr mit der Zunge über den Kopf zu fahren, dann wollte er noch Krolock zu sich holen, als dieser mit unbedachten Worten um sich schmiss.

"Krolock, verdammt!"

Ein tiefes Knurren glitt Urion aus der Kehle, da raste sein Sohn schon davon. Der Graue legte die Ohren leicht an und blickte entschuldigend zu Banshee. Er brachte keine Worte mehr über die Lefzen, sein eigenes Blut rauschte in den Ohren. Krolock hatte recht, er war zu selten bei Kaede gewesen, aber ob sie deshalb traurig war. War sie überhaupt traurig oder nun in Sorge um ihre Familie? Egal, sie war nun fort, weg.
Urion schmiegte sich an den immer noch warmen Körper von Kaede, genoss die noch lebende Wärme seiner beiden Kinder. Kaede lebte in ihnen weiter. Sicherlich würde sie das tun. Und umso verschwommener nahm er nun die Gestalten um sich herum war. Der Fluch pulsierte in Urions Körper, schlug seine Wurzeln fester in seine Seele hinein.


Nachdem Tascani Amour den besonders spärlichen Antworten gelauscht hatte, versuchte er die komischen Reaktionen seiner beiden Weggefährten zu deuten.
Dass die Schwarze nicht besonders gut auf ihre Familie zu sprechen und außerdem nicht besonders gesprächig war, hatte er im Voraus vermutet. Aber dass der kleine Tascurio nicht völlig enthusiastisch über seine Eltern und Geschwister berichtete – wie es für einen Welpen beruhigend normal gewesen wäre – verwunderte Tascani zutiefst. Da stimmte doch etwas nicht …

„Wie? Du haben doch aber sischer Eltern, oder wie man hier sagt? Bei mir zu Hause das heißt parents. Willst du nischt mir erzählen etwas mehr?“

Tascani blinzelte den Kleinen freundlich an. Diesmal war seine Frage nicht auf irgendwelche Hintergedanken abgerichtet, ihn interessierte tatsächlich, welcher Abstammung Tascurio war. Der Kleine gefiel ihm, er war doch irgendwie besonderer, als er auf den ersten Blick schien… daran würde man vielleicht noch etwas ändern können. Wenn er den Welpen unter seine Fittiche nahm, würde jeder, der ihn von Weitem sah, wissen, dass er an Eleganz und Höflichkeit anderen weit überlegen war.
Diese Pläne im Geiste durchdenkend ignorierte er Amáyas indirekte Aufforderung alleine von dannen zu schreiten. Stattdessen schenkte er ihr ein Lächeln und einen Augenaufschlag, der bei sämtlichen Fähen das Herz zum Schmelzen gebracht hätte.

„Amáya , mein Liebe. Das muss heißen, dass du sein musst ganz alleine?! Ohn ein nette Bruder oder ein gute Mutter? Oh Mondieu! Wie ungerescht ist diese Welt! Wenn du brauchen Hilfe oder Unterstützung moralies … moralitätisch … du verstehen … isch immer bin da für disch! Bei Tag und bei die dunkle Nacht … bei große Wind und schrecklische Sturm von Schnee! Oder einfach wenn du möchten schütten aus deine wunderbare Herz!“

Mit einem theatralischen Seufzen beendete er seinen pathetische Hymnus.
Innerlich absolut zufrieden, musste er diesmal durchaus mit sich kämpfen, um kein einziges verräterisches Zucken seiner Lefzen zuzulassen – das war selbst für seinen Geschmack zu dick aufgetragen gewesen. Aber für Amáya genau richtig.

„Und nun wir gehen wohin? Isch habe vergessen, vor lauter Sorgen um disch, mein liebe Freundin!“

Er zwinkerte seinem kleinen Verbündeten zu und sah die Schwarze erwartungsvoll an.


Sie hatte Chanuka genau im Auge behalten, ohne die kleinste Regung Kaedes zu verpassen. Sie hatte also wirklich gewartet, bis wenigstens alle Familienangehörigen angekommen waren und hatte erst dann zu jedem gesprochen. Am liebsten hätte sie sich nun auch, wie ihre zwei Brüder, an ihre Mutter geschmiegt und hemmungslos geweint, doch ihre Aufgabe war eine andere. Auch wenn ihre Mutter das anscheinend nicht so sah, sie hatte verfolgt, was sie zu jedem gesagt hatte, aus den Augenwinkeln hatte sie gesehen, wie sie mit jedem umgegangen war und als sie ihre Pfote berührte, fühlte sie sich abermals hin und her gerissen. Einerseits wollte sie an der Seite ihrer Mutter liegen, sich einfach nur ankuscheln, und andererseits wäre sie am liebsten nach hinten gesprungen.
Während Kaede noch sprach und Liel ihre Worte in sich aufsog, war Chanuka langsam, sehr unsicher, näher gekommen und hatte sich letztendlich direkt neben sie gesetzt. Sie schätze seine Gegenwart sehr und auch die kleine, freundliche Geste rührte sie, denn sie fühlte sich gleich ein winziges bisschen weniger einsam.
Als ihre Mutter dann ganz verstummte und langsam, oder eher schnell starb, breitete sich in ihr eine Leere aus, von der sie nie gedacht hätte, dass es so etwas geben könnte.
Sie fühlte sich einfach ausgehöhlt, so, als ob nichts mehr in ihr drin wäre. Kurz ließ sie es zu, dass Urion sie an sich zog und sie beschmuste. Sie benötigte sehr viel Wille dazu, still zu halten. Schließlich hatte sie noch nie wirklichen Kontakt mit ihrem Vater gehabt!
Sie beobachtete, wie Ciradán, der sich in ein winziges Häufchen Elend verwandelt hatte, weinend zu Midnight kroch und ihm sein Leid klagte, als ob er das alles nicht mitbekommen hätte. Am liebsten wäre sie zu ihrem Bruder gegangen und hätte ihn getröstet, doch noch bevor sie aufstehen konnte, sprang Krolock auf und knurrte sie böse an. Erschrocken duckte sie sich, warum tat ihr Bruder so etwas, ihre Worte sollten doch lieb sein, sie wollte ihn doch nicht anfahren.
Sie blickte in seine kalten, hasserfüllten Augen und fast lief ihr ein Schauer über den Rücken, gerade noch rechtzeitig konnte sie ihn bremsen, nur keine Angst zeigen. Seine Worte bewirkten, dass sie wieder fast in Tränen ausbrach. Nicht hier, nicht jetzt!
Sie drehte den Kopf zu Urion, blickte ihn Stirn runzelnd an, stand auf und schritt zu Chanuka hinüber. Ein letzter Blick zu Krolock, welcher sich, nachdem er auch Urion und Banshee beschimpft hatte, umdrehte und davon schritt. Wie enttäuscht Mama gewesen wäre, wenn sie sein Verhalten nun mitbekommen hätte. Konnte sie das alles noch mitbekommen? Von da oben aus? Wie lange würde der Weg bis zu dem Paradies wohl dauern?
Sie blickte Chanuka an, Chanuka der zu ihr gekommen war und sich still daneben gesetzt hatte. Sie beobachtete ihn, er hatte eine geduckte Haltung angenommen, wollte wohl nicht auffallen.
Langsam schob sie ihren Kopf näher zu ihm heran, schließlich berührte ihre Schnauze ihn ganz leicht seitlich am Kopf. Sie fuhr zaghaft über die Seite, hinab zu seiner Schnauze und zurück zu seinem Ohr.

„Danke für dein kommen“

Geflüsterte Worte, die alleine für ihn bestimmt waren. Hatten die anderen Wölfe sie hören können?
Sie blickte wieder zu Ciradán. Er sollte nicht so traurig sein. So wie er sich benahm, so fühlte sie sich aber eigentlich auch. Klein und schutzlos, hilfsbedürftig wie ein Welpe eben war. Genau das hatte Krolock ihr auch vorgeworfen, aber verstand er sie denn nicht? Er war ihr Bruder. Er war der von dem sie Verständnis erwartet hätte, von Ciradán hätte sie ungläubige Blicke erwartet, nicht aber von Krolock. Überhaupt hatte seine Tränen sie sehr verwirrt. Sie hatte gedacht, dass Krolock dafür zu stolz wäre. Aber anscheinend hatte sie sich in ihm geirrt. Doch seine Wut, die war eigentlich logisch gewesen, das hätte sie sich denken müssen. Warum machte sie, egal was sie tat, alles falsch?
Betrübt wollte sie ihren Blick senken, als ihr einfiel, dass Chanuka sehr wohl bemerkt hatte, dass ihr Lächeln sich verändert hatte. Sie wollte nicht, dass Chanuka sich womöglich sorgen machte! Deshalb hob sie den Kopf schnell wieder und lächelte ihn erneut an.
Etwas gequält und etwas unbeholfen, aber schon deutlich besser als zuvor. Ein wenig konnte man bestimmt die Sonne darin sehen, was auch immer die Sonne sein mochte.
Wieder glitt ihr Blick zu der toten Mutter, wie sie jetzt so dalag und sich nicht mehr rührte. Was würde nun mit ihr passieren? Liel konnte sich nichts Genaues vorstellen, klar war wohl, dass sie hier nicht liegen bleiben würde. Oder doch? Sie wollte nicht, dass der tote Körper ihrer Mutter hier in dem Nieselregen liegen bleiben würde und. Ja was und eigentlich? Was passierte mit einem toten Körper?
Sie biss sich stark auf die Zunge, die hochquellenden Tränen waren einfach zu stark. Der leicht eisige Geschmack auf der Zunge war eine gute Ablenkung, doch schnell schluckte sie das Blut herunter. Wenn das jemand sehen würde, wäre allen sofort klar, dass es ihr gar nicht gut ging. Also bemühte sie sich um einen nicht zu qualvollen Anblick. Ein wenig Trauer, gemischt mit dem eigenartigen, sehr wenig sonnigem Lächeln. Würde sie wohl eines Tages wieder wie die Sonne lachen können? Sie wünschte es sich sehr.


Banshee war froh, als sie Nyotas Pfoten näher spürte und ihre Schwester schließlich an ihrer Seite wusste. Wie immer gab ihr die Schwarze Kraft und Mut weiterzugehen. Auch jetzt, da Kaede, ihre Freundin und langjährige Begleiterin plötzlich nicht mehr war. Ein weiterer Schritt hin zu ihrem eigenen Tod. Und doch wurde sie jetzt noch mehr gebraucht, musste sehen, wer auf die Kleinen achten würde, war doch auch Urion ein Todgeweihter und zudem nicht der liebende Vater, den die Welpen Kaedes nun brauchten. Mit Nyota an ihrer Seite schien diese Aufgabe leichter zu werden, vielleicht auch in dem Wissen, dass es ihre letzte sein würde. Sanft schmiegte sich die Weiße an ihre Schwester, während sie mit der Schnauze noch immer Kaedes Fell berührte. Das Lächeln Nyotas konnte sie nicht imitieren, auch wenn sie verstand, was in der Schwarzen vorging. Und auch wenn sie Kaedes Lächeln spürte. Krolocks Schreie hallten schmerzhaft durch die Nacht und selbst Liels ruhige Vernunft und Trauer machten die schreckliche Situation nicht besser. Die Sterbende versuchte ihre Kinder zu beruhigen, doch ihr kleiner schwarzer Sohn schien unbändig und viel zu erfüllt von Wut und rasendem Schmerz. Es tat Banshee weh, wie Krolock nicht verstand, dass er seiner Mutter damit Kummer machte. Doch an den Kleinen war kein Rankommen, am wenigsten von seinem Vater. Die Worte, die Kaede ihr, Banshee, schenkte, ließen die Weiße lächeln und ihre Nase leicht in das graue Fell vergraben. Als das Ende schließlich kam, Kaedes Atem stockte und ihr Herz nicht mehr schlug, spürte Banshee die Anwesenheit Engayas so stark, dass sie ehrfürchtig die Augen schloss. Dankbar für dieses würdige Ende für ihre Freundin sah sie stumm der Göttin nach und nahm schließlich ihre Schnauze vom toten Körper ihrer Freundin. Hier war keine Kaede mehr. Doch anstatt noch einen stummen Moment die Tote würdigen zu können, entbrannte in Krolock Raserei. Er warf jedem etwas an den Kopf – auch sie blieb nicht verschont, wenn sie die Worte auch kaum hörte – und verschwand dann. Urions wütender Ruf hallte widernatürlich nach, dann war es wieder still. Traurig und tief bedrückt sah Banshee zuerst dem Schwarzen hinterher, dann zu Ciradán, der nun viel fragte und seiner Schwester Liel, die beide schrecklich traurig aussahen. Urion hatte sich stumm an den toten Körper seiner Gefährtin geschmiegt, Chanuka war zu ihnen gekommen und saß neben Liel. Es war kein schönes Bild.

“Auf Wiedersehen.“

Murmelte sie leise in Kaedes Ohr, dann verließ sie ihren Platz an Nyotas Seite, trat an Urion vorbei und stellte sich zu Chanuka und Liel. Ihr Sohn sah fast ein wenig verstört aus, saß geduckt da und schaute Kaede an, als würde er nicht hier her gehören. Sanft berührte die Weiße Kaedes Tochter an der Stirn und fuhr ihrem Adoptivsohn mit der Zunge durch das wollige Fell. Für beide war es der erste Tod und zudem einer, der ihnen allen sehr nahe ging. Sie wollte ihnen beiden zeigen, dass sie für sie da war, auch wenn ihr selbst noch immer feine Thränen über das Gesicht perlten. Urion wollte sie nicht gleich stören, aber später würden sie Kaede zum Fluss bringen müssen. Es war nur noch ihr Körper, sie selbst galt es im Himmel zu suchen.


Niemand reagierte auf ihn, also schloss er daraus, dass es in Ordnung war, hergekommen zu sein. Doch kaum hatte er sich ein wenig aufgerichtet, donnerte Krolock los und schrie all seinen Familienmitgliedern verletzende Worte ins Gesicht. Wusste er denn nicht, was Worte anrichten konnten? Kannte er deren Macht nicht? Nach dem sich Chanuka vom ersten Schrecken erholt hatte, fragte er sich, ob es den Bruder von Liel überhaupt noch interessierte, ob er jemandem wehtat. Vielleicht hatte er auch nicht so genau darüber nachgedacht, was er anrichtete. Dass machten die Anderen immerhin andauernd. Nicht nachdenken, was sie sagten.

“Es ist nicht schlimm, schwach zu sein!“

Protestierte er, weil er das Bedürfnis hatte, Liel zu verteidigen.

„Und traurig zu sein, hat nichts mit Schwäche zu tun!“

Obwohl sein Herz immer schneller schlug, weil er Angst hatte, etwas Falsches zu sagen, verlieh er seinen Worten die Bestimmtheit, mit der sie gesagt werden mussten. Seine Stimme war nicht sehr laut geworden, aber durch ihre Klarheit für alle Beteiligten verständlich. Soweit sie überhaupt gewillt waren, zuzuhören. Krolock jedenfalls fuhr zunächst seinen Vater an und dann Banshee. Chanuka stockte der Atem. Sprachlos saß er neben Liel und rümpfte kurz die Nase, ehe er sich einfach wieder von dem anderen Welpen abwandte und entschied, dass er es nicht wert war, belehrt zu werden. Scheinbar bedeuteten ihm andere Wölfe einfach nichts. Chanuka hatte nicht das Bedürfnis, sich in ihn hineinzuversetzen, um zu verstehen, wieso er so schrecklich grausame Dinge sagte. Es war impulsiv, welpisch und dumm, hervorgelockt durch den Schmerz des Verlustes, den der junge Rüde zwar nachvollziehen, aber nicht im gleichen Maße begreifen konnte. Bisher hatte er noch keinen Wolf verloren, der ihm derart nahe stand. Kaede war für ihn eine Freundin seiner Mama, die Mutter einer Freundin und eine sympathische, liebe Fähe, aber er hatte nicht ausreichend Zeit gehabt, sie kennen zu lernen.
Es war erschreckend, wie vergänglich Bekanntschaften waren. Schmerz und Verlust, die greifbar schienen, machten ihm Angst. Riesige Angst, die sich schon in ihm ausbreiten wollte, als Liel sich ihm plötzlich näherte und ihm ins Ohr flüsterte. Unsicher sah er sie an, nickte, um ihr zu zeigen, dass er gerne zu ihr gekommen war, einfach nur um dazu sein. Er kam sich klein und hilflos vor, diesem Schmerz gegenüber. Niemand konnte ihn besiegen, also er schon gar nicht. Chanuka hatte nicht das Gefühl, dass es darum ging, die Trauer zu besiegen. Es fühlte sich viel mehr so an, als wenn es gut wäre, sie einfach im Raum stehen zu lassen, weil alles Andere eine Lüge war. Es war nicht die Zeit, zum glücklich sein.
Krolock war weggelaufen, Urion lag noch immer dicht bei Kaede und schien sie einfach nicht gehen lassen zu wollen. Die Wölfin war aber fortgetragen worden, weit weit fort. Keiner von ihnen schien viel darüber zu wissen, aber es war offensichtlich, dass es so weit war, dass niemand ihr folgen konnte. Ob es endgültig war, wussten sie auch nicht. Manche glaubten, Andere glaubten nicht. Der Wind im Fell der Toten ließ Chanuka vermuten, dass der Tod das größte Rätsel des Lebens war und für immer bleiben würde.
Mit geschlossenen Augen genoss er die Geste seiner Mutter, die ihm Wärme und Geborgenheit vermittelte. Es gab viel, was der Welpe in diesem Moment über die Welt begriff, doch noch nicht alles ließ sich so schnell verarbeiten. Sie alle trugen nun etwas im Herzen, was ihnen alleine gehörte und mit dem sie allein kämpfen mussten. Traurigkeit ließ sich nicht mit Freude besiegen, aber darum ging es auch nicht. Da war kein Bestreben nach Ausgeglichenheit, sondern der Wunsch nach ewigem Gegensatz in der Welt. Es war schön, seiner Mama mal wieder nah zu sein, so dass er den Kopf regte und sich sitzend nur auf den Hinterpfoten abstützte, um Banshee über die Wange zu schlecken. Er glaubte nicht, dass es Worte brauchte, um ausdrücken, was seine Geste bedeuten sollte. Es kam ihm nicht so wichtig vor, etwas zu sagen. Von seiner Mutter ablassend sah er zu Liel hinüber, auf das hinter Regenwolken verborgene, sonnige Lächeln. Sie war so tapfer! Aber er wollte es trotzdem nicht sehen. Sanft vergrub er seinen Kopf in ihrem flaumigen Welpenfell. Er konnte sie nicht beschützen, war nicht stark genug. Aber er konnte bei ihr sein.


In stummer Ehrfurcht verharrte der schwarze Rüde, nahm die Worte der Grauen in sich auf und ihr im Gegenzug sein Versprechen, dass er es zumindest versuchen würde. Er verstand sehr wohl, was Kaede ihm mitteilen wollte und auch sahen die blauen Augen, dass die Altfähe ihm Mut und Hoffnung schenken, ein kleines Licht in seiner rabenschwarzen Nacht sein wollte. Mit leicht geneigtem Kopf nahm es der Nachtsohn in sich auf, verinnerlichte ihre Gedanken und Worte, behielt sie feste bei sich. Es gab nicht mehr viel Zeit, das konnte er spüren.
Trotzdem nickte Midnight nur, als die Graue ihn anhielt zu leben, nicht zu gehen, etwas fort zu werfen, was vielleicht doch noch einen Sinn haben könnte – selbst wenn er diesen noch nicht gefunden hatte. Alles brauchte seine Zeit, wohl weißlich und möglicherweise brauchte er für sich selber mehr davon?
Obwohl es seinem innerlichen Drang widerstrebte, hielt sich der Nachtsohn zurück, gar wich er ein paar Schritte nach hinten.
Ihre Zeit war gekommen. Einen Augenblick war er unschlüssig ob er gehen oder bleiben sollte, entschied sich dann aber doch dazu, seiner alten Weggefährtin bei zu stehen. Sie hatte es verdient, denn wie oft hatte sie ihn von sich aus aufgesucht und versucht, seine Einsamkeit zu tilgen? Sie verdiente, dass er in diesem Augenblick an ihrer Seite stand, wie sie es für ihn getan hatte.
Bedauern zog sich wie der Nebelschleier des Vergessens durch sein Herz, als nach und nach die Familie der Altwölfin hinzu kam.
Midnights Augen jedoch wanderten gen Himmel, während er sich dem melancholischen, traurigen Gefühl, welches sich wie die Nacht um sie alle ausbreitete, hin gab und darin versank. Ohne jegliche Gegenwehr ließ sich der Totenwandler in die Tiefe saugen, in einen leeren, schwarzen Raum, in dem als einziges Kaedes kleines, schwaches Licht noch leuchtete. Es galt zu warten.
Die Zeit schien für alle Anwesenden so unendlich qualvoll langsam zu verstreichen, während hingegen Kaedes Zeit immer schneller davon lief, in ihren Pfoten zerrann, bis in wenigen Augenblicken das letzte Sandkörnchen zu Boden gefallen, die Lebensuhr abgelaufen war.
Von dem eigentlichen Geschehen bekam Midnight letztendlich wenig und dies nur am Rande mit. Nicht, dass es ihn kalt ließ, dass er nicht fühlen konnte, dass es ihm gleichgültig war.
Sicher spürte er, fühlte er, nicht nur die Gefühle, die Trauer der anderen um ihn herum, die er nicht ausblendete, so wie das Geschehen.
Es war fast wie eine Mauer, die den Nachtsohn trennte, der dem Tod Kaedes wohl beiwohnte, doch ihr nicht so nahe gestanden hatte, wie ihre Familie oder Banshee und Nyota, die nach und nach ebenfalls hinzu kamen.
Eine unüberwindbare Mauer, die ihn vor diesem Verlustgefühl schützte – unbewusst. Ein Schutz, den sein Körper ohne seines Wissens aufbaute und den Nebelschleier in ihm verdichtete. Einer Wand gleich, durch die er hindurch taumelte, ohne je das Ende erblicken zu können. Es lag im Verborgenen, seine Erinnerung, sein Schmerz, den er doch trotz allem genau spürte.
Es war nicht nur der Verlust Kaedes, welcher immer schneller dem Ende entgegen strebte, jetzt hörte er bereits wie aus weiter Ferne Banshees Abschiedworte und hatte das Gefühl, sie seien wie Geschosse, die sein Innerstes durchbohrten, es war auch sein eigener Verlust, erlitten in einer Zeit vor dieser hier.
Ein lauter Schmerzensschrei und Midnight wusste, dass es so gut wie vorbei war. Die verschleierten Augen senken sich wieder, machten den kleinen, schwarzen Welpen aus, der Rasen vor Trauer und Leid sie alle anschrie, nach ihnen Schnappte und versuchte auf eine eigene Art und Weise mit diesem Verlust um zu gehen. Viel zu früh. Sie waren noch Kinder, doch Rücksicht erhielten sich nicht.
Ruhig lagen die mitternachtsblauen Augen auf dem Welpen, ehe sie sich wieder abwandten, die Leere den Rüden wieder vom Geschen fort riss, ihn zurück zog, in eine Tiefe, aus der er sich kaum zu befreien vermochte.
Und auch dort lauschte der Totenwandler dem Echo Kaedes schwacher Stimme, wie sie zu ihm durch drang, er den Sinn ihrer Worte nicht verstand, es keinen Sinn mehr gab, nur ihre Stimme, die leise flüsterte.
In der Sekunde, als der Herzschlag der Grauen aussetzte, schienen auch die Anwesenden, alles andere, ja fast die ganze Welt den Atem anzuhalten, ein stummer Abschiedsgruß aus den blauen Augen, die zum Himmel gerichtet, jedoch geschlossen, waren.
Wenige Augenblicke später ließ ihn auch schon die klamme Kälte los, die den Rüden immer weiter stürzen ließ, in eine Welt hinein, in der Nichts existierte, die die Seine war, fern von allen Gefühlen.
Dafür spürte er etwas Warmes an seinen Läufen, welches sich immer fester, mit einer ungewöhnlichen Inbrunst an sie schmiegte, immer weiter, sich fest klammerte und nach Schutz und Halt suchte.
Als würde Midnight erst jetzt selber wieder ins Leben zurück kehren, befreite sich der Schwarze aus seiner Starre, senkte den Kopf auf da verweinte Fellbündel hinab. Es gab keine Worte, die ausreichten, keine die trösten konnten, keine, die das Geschehene auffingen.
So begann der Nachtsohn still und unbeholfen, aber nicht minder sanft, mitfühlend und für ihn äußerst gefühlvoll das weiße Fell mit Nasenspitze und Zunge zu liebkosen. Zumindest sein Körper vermochte Wärme zu schenken, konnte beschützen und ein wenig auffangen, eine Stütze sein.
Unablässig glitt die Zunge des Nachtschwarzen über das weiche Welpenfell, ließ die Worte ruhig an sich abperlen. Midnight verstand den Schmerz, konnte er mit unerklärlicher Bestimmtheit sagen, dass ihn ebenfalls ein schrecklicher Verlust in die Verzweiflung gestürzt hatte. Das einzige Bild, welches er aus der Leere mit genommen hatte. Dieses hatte gerade keinen Wert, keine Eile. Für ihn zählte im Augenblick nur der kleine Halbwaise zu seinen Pfoten, der sich unbedacht an ihn gepresst hatte und nun von ihm aufgefangen wurde.
Während die blauen Augen dem schwarzen Welpen folgten, der in seiner Trauer, welche sich in eine unglaublich große Wut verwandelt hatte, zuerst alle anschrie und dann davon rannte, hielt Midnight nicht ein einziges Mal inne, liebkoste den schlanken Welpenkörper, wie man es ihm möglicherweise niemals zugetraut hatte. An dem Ohr des Weißen hielt er schließlich kurz inne, murmelte leise Worte hinein.

Hab keine Angst, deine Tränen sind bei mir gut aufgehoben. Wein ruhig, sie werden deinen Schmerz aus dir heraus spülen, bis du dich mit einem Lächeln an deine Mutter erinnern kannst.

Er wusste, dass es keine Worte, kein Mittel, kein Kraut oder sonst etwas gegen diese Art von Schmerz gab. Einzig eine Schulter an die man sich anlehnen konnte, jemanden der für einen da war, konnten einem eine Stütze sein, so lange bis man den Weg weiter gehen konnte.


Keiner war ihm gefolgt; alle hatten verstanden, dass es vorbei war. Mit Kaede, seiner Mutter; und ihm. Kein Weg führte mehr zurück, es sollte so geschehen. Ein Leben im Verderben und Vergessen. Ein Leben für den Hass, für die Wut. Mit all seiner Hoffnung war er gewillt gewesen seine Mutter vor dem Tod zu retten, doch er kam zu spät. Nur am Rande bekam er mit, dass Chanuka versuchte Liel zu verteidigen. Nur als einzelner Ruf, ein Wort, unbedeutend. Hätte der Welpe zugehört, müsste er jetzt nicht so dummes Zeug von sich geben. Außerdem hatte er nichts bei dieser Trauerfeier zu suchen. Er gehörte nicht zur Familie. Keiner konnte das verstehen. Außer Liel und Ciradán. Und seine Schwester würde auch jetzt, nach seinen Worten genau wissen, was in ihm vorging. Sie würde ihm verzeihen, wenn er darum bat. Sie waren eine Einheit. Aber Krolock würde und konnte nicht um Verzeihung bitten. Nie wieder. Er würde nicht zulassen, dass jemand wieder sein Herz berühren konnte. Keiner sollte mehr ihm wichtig sein. Vielleicht sollte er Wanderer werden. Ein Leben ohne Freunde und Familie. Dann würde er nie wieder so leiden und hassen. Aber das Inferno in ihm hasste immer noch. Es gierte nach Rache. Er schmerzte, war aber zugleich so erfüllend und einnehmend. Wohin ihn seine kleinen Pfoten trugen, wusste er nicht. Registrierte er nicht. Die Wut fand ihren Höhepunkt. Was mischte sich jemand in andere Dinge ein, die ihn nichts angingen? Warum war Liel so seltsam? Warum heulte der Bruder so viel? Warum war Kaede gestorben? Was zum Teufel schrie der Vater? Zum Glück hielt die Haut den kleinen Leib zusammen, ansonsten wäre er wohl tatsächlich einfach explodiert. Zu viele Gefühle. Alles wühlte ihn auf. Jedes Detail bekam eine andere Bedeutung und wurde unscharf. Die Mutter war gestorben und keiner war im Stande, es zu verhindern. Hatte jemand überhaupt die hässliche Fratze von dem Todesgott gesehen? Die drohende, dunkle Pfote über dem See? Auch jetzt roch es noch nach dem Tod, klagende, stöhnende Schreie. Er war allein. Ganz allein. Es wurde kalt und selbst das Feuer in seiner Brust konnte ihn nicht wärmen.
Der See spiegelte sich in einem merkwürdigen Licht. Er rief nach Erlösung. Sollte Krolock seiner Mutter einfach folgen? Sollte er einfach in den See springen und sich diesmal einfach untergehen lassen? Wie damals mit Caylee? Sie waren in die Mitte geschwommen und irgendwann konnte er sich nicht mehr halten und war nach unten gesunken. Was wäre, wenn er es wieder tun und ihn keiner retten würde? Sollte er dann wieder bei der Mutter sein?
Nein, er wollte kämpfen, aber der Gedanke war entsetzlich verlockend. Nur der Lebenstrieb, das Geschenk des Lebens konnte er doch nicht so einfach wegwerfen und vernichten. Nein, er war noch so jung. Und er hatte noch viele Möglichkeiten sich zu rächen. Schmerzhafte Rache auszuführen.

“NEEEIN! Verdammt!“,

er schrie. Heulte und knurrte in die erstickte Luft hinein. Alles war so zerbrechlich, so klirrend. Und er war das Feuer. Es fraß sich in seine Knochen, in seine Sehnen. Zu viele unbestimmte Gefühle, zu viel Schmerz und Leid. Das konnte man doch nicht ertragen. Wo sollte man das Ganze hin tun? Wo sollte man bleiben, wenn es nie wieder aufhörte? Wo war Mama?

“Ich hasse Dich, Fenris. Eines Tages wirst Du Angst vor mir haben und dann werde ich mich rächen. Ich werde mich schmerzlich rächen. An allen. Jeder soll das gleiche Leid tragen, dass ich nun in mir tobt. Keiner löscht das Feuer, keiner kann das Inferno aufhalten. Mama ist tot, und alle sind zu schwach“,

erstickt sah er durch den Tränenschleier in den Himmel. War Mama nun dort?


Tascurio sah Amáya an und verbarg nicht, dass er ihre Worte mit größter Aufmerksamkeit gierig in sich aufsog und sich für alle Ewigkeit merkte. Es wäre einfach gewesen, seine Eltern oder seine Großmutter nach den Gründen zu fragen, wieso Amáya so geworden war, wie sie sich gab. Ihre Geschichte interessierte ihn und doch würde er die entscheidenden Fragen nie stellen. Sie hatte keine Familie mehr. Ihre Worte verrieten zu deutlich, dass sie einst anders gewesen war.
Der weiße Welpe sah zu Tascani Amour hinüber und dachte kurz über Tyraleen und Averic nach. Verachtend verzog er das Gesicht, ehe seine Züge doch milder wurden und er versuchte, eine Antwort auf die ihm gestellte Frage zu finden. Er wollte irgendetwas über seine Eltern wissen und zwang sich, angestrengt nachzudenken. Er hatte keine Ahnung. Anders als Amáya hätte er die Frage beantworten müssen: ‚Ich habe keine Familie.’ Und doch war klar, dass sie beide nicht die Wahrheit sagten. Tascurio schien dies genau zu wissen. Er hatte Mutter und Vater, viele Geschwister, hatte Tanten und Onkel, eine Großmutter, die noch hier beim Rudel lebte. Alles in allem hatte er also sehr wohl eine große Familie. Aber es blieb nur ein Wort, ohne Bedeutung, weil es sich nicht nach dem anfühlte, wonach es sich anfühlen sollte. Keine Geborgenheit, Wärme, Zuneigung oder Liebe. Es war auch nicht so, dass sie ihm all dies verwehrt hatten. Er hatte es bekommen und von sich gewiesen. Tascurio konnte all das nicht annehmen, denn er wäre sich vorgekommen, wie ein Heuchler. Erwidern konnte er all das nicht. Es ging ihm aber nicht darum, seine Eltern oder Geschwister zu verletzen. Es lag auch nicht in seinem Interesse, alle Wölfe mit Beleidigungen vor den Kopf zu stoßen. Das einzige, was er wollte war, im Leben von niemandem eine größere Rolle zu spielen, um sich nicht mit der Schuld zu beladen, die Gefühle erwidern zu müssen. War das bösartig?
Sein langes Schweigen musste verwirrend wirken, obwohl er nicht glaubte, dass Amáya genug Tiefe hatte, um sich Gedanken darüber zu machen und selbst wenn, wäre es ihr doch egal. Und Tascani Amour war ein schwer einschätzbarer Rüde. Mit seiner offenen Liebenswürdigkeit wirkte er, als spiele er nur ein Spiel, aber vielleicht war es anders und er meinte jedes Wort, wie er es sagte. Darin lag dann wohl eine gewisse Güte. Ein schlechter Kerl war er sicherlich nicht. Tascurio begann, wieder nach Worten zu suchen.

“Meine Mutter ist eine liebe, hübsche Wölfin, mit weißem Fell und auffallenden Augen. Mein Vater ist meist grimmig und mürrisch, obwohl es ihm nicht an Liebe und Güte fehlt, wenn er sich um seine Familie bemüht. Sein Fell ist schwarz wie die Nacht. Meine Oma ist die Leitwölfin des Rudels, früher oder später wirst du sie wahrscheinlich sprechen. Ihre Schwester leitet mit ihr die Gemeinschaft. Meine Oma Banshee hat weißes Fell und sie heißt jeden willkommen. Nyota, meine Großtante ist ganz und gar schwarz. Meine Geschwister sind weiß und schwarz und grau.“

Er dachte eine Weile über die Farbverteilungen nach und hatte sie wohl aus diesem Grund mehrfach erwähnt. Seine Beschreibung wirkte typisch für einen Welpen und er glaubte nicht, dass Tascani sich wundern würde. Amáya hingegen traute er ein gewisses Misstrauen zu, dass aber nicht mit Intelligenz, sondern nur mit ihrer Art, zu tun hatte. Tascurio schilderte Fakten, nichts war auf Gefühle zurückzuführen.
Seine Patin ließ verlauten, dass Tascani sie alle kennen lernen konnte, auf eigene Pfote und der kleine Welpe nickte nur zustimmend. Amáya und er hatten nicht den geringsten Bedarf, am Kennenlernen teilzunehmen. Immerhin hier stimmten sie überein.
Schmunzelnd lauschte er der Besorgnis des Rüden und lachte lautlos in sich hinein.


Jakash kam es vor, als würde er ewig laufen und doch nie bei seiner Mutter ankommen. Tausend Gedanken und noch mehr Sorgen rauschten durch seinen Kopf, angefangen damit, warum Jumaanas Ruf ihn nicht zurück zum Rudelplatz führte. Dort hatte er schließlich seine Mutter zurück gelassen, und da war es ihr noch gut gegangen... Jakash biss sich im Laufen auf die Lefzen. Wieso ging er davon aus, dass es seiner Mutter nun nicht mehr gut ging?

'Weil sie sonst selbst nach uns gerufen hätte...'

Jakash beschleunigte seinen Lauf, obgleich seine Muskeln bereits zu brennen begonnen hatten. Das war jedch unwichtig, alles war unwichtig. Wehe dem, der seiner Mutter irgendetwas getan hatte!
Abrupt stoppte der junge Rüde erschrocken und sah sich hektisch um. Aber die Welt blieb normal und farbenfroh - naja, so farbenfroh eben, wie es an so einem Regentag ging - trotz der Wut, die er bei diesen Gedanken in sich aufsteigen gespürt hatte. Jakash atmete mehrmals tief durch, dann setzte er sich eilig wieder in Bewegung. Er musste ruhig bleiben, sonst wurde Fenris am Ende wieder auf ihn aufmerksam.
Bald schon fand er die Witterung seiner Mutter - und die Hiryogas. Der schwarze Jungwolf spürte, wie sich seine Muskeln trotz der Bewegung etwas versteiften, und er hatte alle Mühe, die aufsteigenden Szenarien aus seinen Gedanken zu verbannen. Wenn Hiryoga seiner Mutter erneut etwas getan hatte...!
Rakshees und Jumaanas Fährten drangen an seine Nase, also musste er fast da sein. Jakash wurde langsamer und trat vorsichtig auf die Szene zu, die sich ihm auftat. Alle Wut verrauchte, als er seine Mutter völlig verstört und aufgelöst auf dem Boden liegen sah, Rakshee und Jumaana an ihrer Seite. Von Hiryoga keine Spur. Langsam trat er auf die kleine Gruppe zu, und schnappte dabei die Worte seiner Muter auf. Wie angewurzelt blieb er stehen, ebenso wie die Zeit um ihn herum. Fort. Hiryoga. Vom Nichts verschluckt. Fort. Für... immer. Sein Blick glitt langsam zu dem Nebel, als bestünde die Möglichkeit, dass er dort noch seinen Vater sehen könnte, oder als würde dieser gleich wieder daraus hervor treten. Nichts dergleichen geschah.

'Und wieder bist du gegangen. Wärst du doch nie zurückgekehrt...'

Die Härte und Kälte seine Gedanken und Gefühle überraschten ihn diesmal nicht. Trauer empfand er nicht für seinen Vater, nur für seine Mutter und seine Schwestern. Jakash setzte sich wieder in Bewegung und setzte sich dicht bei seiner Mutter und Rakshee nieder. Zärtlich leckte er Rakshee zweimal über die Wange, bevor er sich seiner Mutter zuwandte und sich halb neben, halb vor sie hinlegte und begann, ihr ausführlich über das Gesicht zu lecken. Worte fand er nicht, aber da sein konnte er jetzt, so wie sie es noch vorhin erst für ihn gewesen war....


Cyriells Blick glitt zwischen den beiden Fähen hin und her, noch immer irritiert. Beide schenkten ihm ein Lächeln, auf das der Graue sich keinen Reim zu machen wusste, bis Nyota schließlich das Wort erhob. Für einen Moment sah er sie unglaubig an, dann huschte sein Blick zu der Weißen. Sheena hatte ihn... geheilt? Cyriell wandte den Blick um und besah sich seinen Körper, so gut es ging, aber eigentlich war schon allein sein Nacken Beweis genug, den er dabei fast ohne Schmerzen zu bewegen vermochte. Verblüfft kehrte sein Blick zu Sheena zurück, deren Blick zwischen Sorge und Belustigung wechselte und dabei auf etwas an seinem Hals sah. Wiederum war es Nyota, die sich an ihn wandte und ihm die Erklärung für Sheenas Verhalten lieferte. War das ihr Ernst?! Aber wie sollte das gehen, wher sollte er denn Federn im Nacken ha-.... Cyriells Blick kehrte zu Sheena zurück. Wenn die Weiße ihn geheilt hatte - und das schien ja der Fall zu sein, dann hatte sie ihm vermutlich auch die Federn an den Hals gezaubert. Beides wollte Cyriells Verstand nicht so recht glauben, also erhob sich der Graue und trat ans Wasser, um sein Spiegelbild zu betrachten. Von unten herauf sah ihn ein junger graue Rüde an, noch blutverschwiert aber unverletzt, und dort, wo Aryan seine Zähne in seinen Nacken gebohrt hatte....
Dort schienen tatsächlich kleine Federn gesprossen zu sein. Ob es richtige Federn waren, vermochte der Graue nicht zu sagen, verhinderten die beständigen kleinen Wellen doch, dass er sich sein Spiegelbild ganz genau betrachten konnte. Versuchsweise sträubte der Graue sein Fell - woraufhin sich sein 'Nackenfell' in etwas ungewöhnlicherweise aufstellte, fast so, als plustere sich ein Vogel auf. Cyriell konnte nicht anders als zu grinsen, und aus einem Impuls heraus ließ er sein Fell ein paar Male sich glätten und wieder neu aufstellen. Der Anblick bewirkte Ungeahntes - Cyriell musste tatsächlich leise Lachen. Es erschreckte ihn fast, wie gut sich das anfühlte, wie unglaublich gut angesichts des Schreckens, den er gerade erst durchgemacht hatte. Cyriells Grinsen verblasste, doch er rang sich ein leichtes Lächeln ab, als er sich wieder zu Sheena umwandte.

"Danke, Sheena.... danke für deine Hilfe. Aber... ich glaube, ich möchte diese Federn noch ein bisschen behalten.... ich mag sie...",

brachte er etwas stockend hervor, und sah dann Nyota hinterher, als die schwarze Alpha eilig aufbrach...


Rakshee war erst zögernd nähergetreten, hatte ihre Mutter auf Wunden abgesucht, Jumaana einen kurzen Blick zugworfen, dann wieder ihrer Mutter. Da waren keine Wunden - nur Shanis am Boden zerstörter Blick, und das Gefühl, etwas Schreckliches müsse passiert sein. Langsam setzte sie sich zu ihrer Mutter, während Caylee sich zwischen sie schmiegte, und stellte unruhig die Ohren auf, als ihre Mutter so leise zu sprechen begann. es brauchte Momente bis sie den Sinn ihrer Worte erfassen konnte, bis sie verstand, dass sie ihren Vater nie wieder sehen würde - Sekunden, in denen bereits Tränen in ihren Augen gewachsen waren, die nun an ihrem Gesicht herabliefen und auf ihr Fell und auf Caylee tropfen.
Die Braune drückte ihr Gesicht in das Fell ihrer Mutter, erstickte ihre Tränen darin, und dämpfte ihr leises Schluchtzen, während sie ruhelos nach ihrer Mutter pfotete. Die Welt ringsherum schien noch viel grauer als zuvor, als sie den Kopf wieder anhob, und begann ihrer Mutter sanft über das Gesicht zu lecken. Ihre Trauer war für sie selbst so wenig greifbar, es war so unvorstellbar dass ihr Vater sie kaum begrüßen hatte können, bis er wieder fort war - für immer, diesmal. Rakshees Ohren drehten sich, bevor es ihre Augen taten, als Jakash zu ihnen kam. Mit einer weichen Bewegung strich sie durch sein Fell, und überlies es ihm dann, Mutter zu trösten - sie hatte Caylee mit hier her gebracht, jetzt musste sie ihr auch erklären, was geschehen war.
Langsam, leicht zitternd legte sie sich hin, brachte sich so wieder auf Caylees Höhe, und leckte ihr durch das kleine Gesicht, dass sie so traurig und doch so verständnislos ansah. Schluckend und leise begann sie.

"Caylee, Liebes. Mein Vater - Hiryoga - er...er ist in das Nichts gestürzt - "

sie zögerte, lies die Tränen über ihre Wangen laufen, und schmiegte den Kopf vorsichtig an die Kleine an.

"- er wird nie wieder kommen"

erstickt endete ihr Satz, und sie leckte mit unruhigen Zügen immer wieder über Caylees kleine Schnauze. Das sie verstand konnte niemand verlangen. Rakshee sah hoch zu Mama. Ihr größter Wunsch und Welpentraum, dass Mama glücklich war, schien mit Hiryoga im Nichts geendet zu haben.


Die Trauer war so überwältigend – jetzt, da ihre Kinder gekommen waren – dass Shani alles anderen um sie nicht mehr bemerkte. Sie hörte nicht Jumaanas Worte an Takashi, sah ihn auch nicht an, um so vielleicht einen Bruchteil seiner Gedanken aufzunehmen und bemerkte auch nicht, dass sich der Rüde schließlich umdrehte und verschwand. Auch Caylee drang nur teilweise in ihr Bewusstsein – sie spürte die Kleine sich an sie kuscheln, fuhr reflexartig mit der Zunge über den kleinen Kopf und erkannte doch nicht die Tochter Tyraleens in dem kleinen Welpen, ebenso wenig wie sie dessen Verwirrung sah. Nur Rakshee und später Jakash waren überdeutlich in ihrem Bewusstsein. Die Tränen ihrer Tochter, die bereits liefen, bevor Verständnis in die Augen der Braunen trat. Dann die Verzweiflung, die sich über ihr Gesicht breitete wie eine dunkle Wolke, schließlich das Vergraben ihrer schlanken Schnauze in ihrem, Shanis, Fell. Obwohl nur noch mehr Trauer die Weiße erstickte, zwang sie sich, für Rakshee da zu sein, strich ihr mit der Schnauze über den Kopf; doch jede Bewegung schmerzte endlos. Als ihre Tochter sie wieder ansah und nun begann, ihr die Tränen fortzuwaschen, hätte Shani beinahe gelächelt, war doch sie die Mutter, die nun stark sein musste. Als sich Rakshee dann zu Caylee wandte und so erwachsen und beherrscht der Kleinen erklärte, was geschehen war, erfüllte die Weiße sogar ein wenig Stolz. Doch lange hielt dieses Gefühl nicht, viel zu stark und alles verschlingend war der beißende Gedanke, Hiryoga nie wieder zu sehen. Jakash hatte sich zu ihr gelegt, leckte ihr nun auch über das Gesicht, doch seine Augen waren nicht voller Verzweiflung. Dumpf erinnerte sich die Weiße an das Gespräch, dass sie erst vor wenigen Momenten mit ihrem Sohn geführt hatte … er hatte sich nicht gefreut, dass Hiryoga zurückgekehrt war. Warum sollte er nun trauern, dass sein Vater nie wieder kommen würde? Doch in Jakash Augen lag Traurigkeit und die Weiße spürte sie deutlich in ihrem Sohn. Sie verstand nicht, woher sie kam, spürte jedoch eine Welle der Zuneigung für den Schwarzen. Jetzt hatten sie die Rollen getauscht und Jakash konnte stark sein. Warum, war doch egal.
Weinend und nun wieder ganz stumm schmiegte sie sich gleichzeitig an Rakshee und Jumaana, hatte den Kopf an Jakash gedrückt und spürte hinter all der Trauer die leise Freude, ihren Kindern so nahe zu sein. Irgendwo war Hoffnung, dass sie nun enger zusammengeschweißt worden waren. Dass sie zwar alleine, doch nicht ohne ihre Welpen war.


Caylee schaute fast etwas verschreckt zwischen Rakshee und ihre Mutter hin und her. Jaki kam und sah auch sehr traurig aus. Alle waren sehr sehr traurig und als sie dann die Tränen von ihrer Patin sah und sie auf ihren Fell spürte, musste sie auch anfangen zu weinen. Sie war furchtbar traurig, obwohl sie nicht einmal wusste, was genau passiert und wer Hiryoga war. Aber Raki sah so schrecklich unglücklich aus. Mit einem leisen Fiepen kuschelte sie sich noch enger an ihre Tante, vergrub ihr Gesicht in ihrem Fell und wollte nicht, dass andere ihre Tränen sahen. Auch wenn hier, bei diesen Wölfen weinen keine Schande zu sein schien und sie sich wohl kaum wie vor Krolock dafür schämen musste. Vielleicht waren sie ihr trotzdem peinlich, weil sie nicht einmal wusste, warum sie überhaupt weinte. Erst als sich Rakshee bewegte schob Caylee ihre kleine Schnauze wieder hervor und ließ sich über das Gesicht lecken. Als ihre Patentante leise sprach, zeichnete sich zunehmender Schrecken in den Augen der Kleinen ab. Rakshees Papa! Das wäre wie, wenn Averic plötzlich verschwinden … nie wieder kommen würde. Das wäre so furchtbar, dass Caylee sich nicht traute, es sich vorzustellen. Aber sie verstand, warum Rakshee so traurig war und schmiegte sich an den Kopf ihrer Patentante, die noch immer weinte – genauso wie Caylee. Sie kannte keinen Tod und hätte nichts damit anfangen können, hätte Rakshee ihr erklärt, dass Hiryoga tot war. Aber dass Hiryoga ins Nichts gefallen war und deshalb nie wiederkommen würde, das verstand sie.

“Geht es ihm im Nichts gut? Vielleicht ist es ja schön da, vielleicht sollten wir nicht so traurig sein.“

Auch ihre Stimme war brüchig, aber der Gedanke war doch gar nicht so falsch. Schließlich war keiner von ihnen schon im Nichts gewesen und vielleicht war es da schön. Sie versuchte ein Lächeln, es misslang ihr, aber ihre Tränen versiegten. Auf wackeligen Läufen tappte sie einen kleinen Schritt auf Jaki zu, stupste ihn in die Seite und nickte eifrig. Auch Shani wurde angestupst, Caylee hätte sie so gerne getröstet.


Augenblicklich lächelte der Braune, drehte seinen Kopf in Richtung der Fähe, lächelte und nickte, ehe er seinen Körper zurück in den Rhythmus brachte und gemütlich an die Seite seines Gefährten zurückfand. Es war schön, da an dessen Seite zu sein und ein Gefühl von Heimlichkeit durchflutete den Körper. Die Landschaft ging an ihnen vorbei – oder waren sie diejenigen, die gingen? – und ständig zog ein Naturbild den Blick des Fünfjährigen auf sich. Beide Wölfe näherten sich weiteren Artgenossen und Katsumi begann, die Gerüche einzuordnen. Ja, da waren welche und als schliesslich die Worte leise aus der Kehle Akrus glitten, glitzerten die gelblichen Seelenspiegel auf und folgtem dem Blick der Blauen. Sie näherten sich einer Fähe. Eine Fähe, die so schön war, wie Akru sagte. Ein schönes Grau schimmerte im Licht des aufgehenden Mondes. Katsumi verlangsamte seinen Gang, legte kurz seinen Kopf auf die Schulter seines Freundes, atmete den Geruch ein.

"Akru, mein Liebster, sie ist wirklich schön. Wie schön wird sie nur sein bei Tageslicht, in der Nähe? "

Flüsternd nahm der Braune seinen Kopf wieder vom starken Körper weg, schloss die Augen und glitt am Körper des Grauen entlang. Die Tochter seiner neuen Lebensglut. Katsumi glaubte den Atmen Akrus zu hören, glaubt sein Herz zu schlagen. Selbst das pulsierende Blut seiner Tochter. Und so angestrengt der Fünfjährige auch lauschte; das Herz seiner Kinder ertönte nicht. Kein warmer Atemhauch seiner Geliebten. Selbst das eigene Herz schien stumm zu arbeiten. Traurig öffnete Katsumi seine Augen wieder, sah in die klaren Augen seines Begleiters.

"Es macht mich stolz, deine schöne Prinzessin kennen zu lernen, und traurig, dir nicht meine Kinder zeigen zu können... "