22.05.2010, 20:31
Chanuka lag ruhig auf dem Waldboden, in den raschelnden Blättern. Er war feucht. Im ewigen Kreislauf wusste er inzwischen, wie Blätter langsam zu Erde wurden. Dieser modrige Geruch gefiel dem schwarzen Jungrüden, wahrscheinlich allein der Bedeutung wegen. Jahresende ging in den Frühlingsanfang über. Auch hier ein Kreislauf. Anfang und Ende gaben sich die Pfote. Das Nichts musste beides zugleich gewesen sein.
“Ich glaube nicht, dass man sich das Nichts erdenken kann. Man hat doch nie wirkliche Leere in seinen Gedanken, auch nicht das Gegenteil davon. Die Fülle von Allem.“
Er drehte den Kopf zu Aléya hinüber, die einen Baum unter die Lupe nahm. Bei ihrer Frage bewegten sich eine Weile nur seine Ohren. Erst waren sie aufmerksam auf die Jungfähe gerichtet, dann lauschte er auf die Geräusche neben sich. Verwirrt schüttelte er den Kopf. Wie kam sie darauf, dass sein Vater mehr davon wusste?
“Wo kommst du eigentlich her?“
Fragte er neugierig. Über seine Familie waren seine Gedanken zu der Ihren hinüber geglitten. Aléya hatte aber keine leibliche Familie hier im Rudel und Chanuka wusste auch nicht so genau, wer sich eigentlich hauptsächlich um sie kümmerte. Er selbst hatte, nach dem Banshee gestorben war, geglaubt auf eigenen Beinen stehen zu müssen. Er brauchte im Grunde keine Aufsichtsperson mehr. So konnte er nun einfach zu seiner Mutter und seinem Vater gehen und mit ihnen reden, in dem Wissen, dass sie immer für ihn da sein würden. Und er war von seinen Geschwistern wohl der einzige, der darin keine Selbstverständlichkeit finden konnte. Um so glücklicher machte es ihn.
“Muss abenteuerlich gewesen sein, hier her zu kommen, allein, oder?“
Die klaren Augen der Jungwölfin, die sehr bald den Übergang in ein neues Stadium ihres Lebens erleben würde, begutachteten die unterschiedlichen Nuancen und die Farbfülle, die beide Jungtiere umgab. Jeder Baum, jeder Strauch hatte seine eigenen Farben, genauso wie jeder Wolfspelz einzigartig war.
Die feine Nase nahm den Geruch des Waldes, von verrottendem Laub, feuchtem Moos, Pilzen und vielen anderen Dingen wahr. Manches mal, so schien es ihr, konnte sie die Luft förmlich in sich aufsaugen, wenn sie nur tief genug einatmete.
Als Chanuka zu einer Antwort ansetzte, drehte die Weiße ihren Kopf hinüber, um besser in die bernsteinfarbenen Augen blicken zu können. Dabei fiel ihr auf, dass der Schwarze ein angenehmes Profil hatte, welches sie einen Moment betrachtete.
„Das ist natürlich ein Argument“, gab sie zu und runzelte ein wenig die Stirn. „Aber jeder Wolf kann dem nächsten nur bis vor den Kopf blicken, nicht dahinter. Ich muss gestehen, dass ich nicht alle Mitglieder des Rudels so gut einschätzen kann, um gänzlich einen solch traurigen Gedanken auszuschließen.“
Trotz ihrer Selbsterkenntnis, schwang kaum Bedauern in ihrer Stimme mit. Sie wollte sich selber nach und nach mit den Rudelmitgliedern vertraut machen und ein Altersgenosse eines anderen Wurfes war doch der beste Beginn.
Auf seine aus der Thematik heraus gerissenen Gegenfrage zuckte Aléya nur kurz mit den Ohren.
Genau, wo kam sie noch gleich her? Die Monate waren schier wie im Fluge vergangen und die Ereignisse machten es kompliziert, sich an die Zeit von früher zu erinnern. Gab es denn überhaupt eine Zeit, bevor sie hier war?
Im Grunde hatte es für die Fähe keine Rolle gespielt, war sie doch hier glücklich. Aryan und Daylight waren liebevolle Eltern – wo auch immer die beiden waren...
Schmerzlich wurde ihr bewusst, dass sie den Gedanken vor allen Dingen an ihren Vater einfach nur zur Seite geschoben, schlicht verdrängt hatte.
„Ich... weiß es nicht.“ Ihre Stimme war kaum mehr ein Flüstern, als sie sich zurück erinnerte.
Doch nur ein lauter Knall prägte ihre Erinnerung, den sie nicht genau einordnen konnte. Eine entfernte Stimme sprach zu ihr, sie solle immer weiter gehen, bis sie ihr Glück finden würde.
Selbst diese Erinnerung, so schwach sie in ihrem Geist vorherrschte, kostete sie viel Mühe. Was war damals geschehen? Es schien wahrlich im Strom der Zeit untergegangen zu sein, doch spielte es eine Rolle? War es nicht entscheidender, wer sie jetzt war?
Seine weiteren Worte ließen sie wieder nachdenklich werden. Ohne sich zu rühren ruhte ihr Blick auf dem Blätterdach über ihnen, während sie versuchte, sich an die Gegebenheit zu erinnern.
„Ich weiß nicht mehr sehr viel, ich war... sehr klein. Das, was ich noch weiß, dreht sich um einen so lauten Knall, dass ich dachte, es zerreißt mir das Trommelfell. Danach begann meine Reise, bis ich hier her kam. Aber es liegt alles so weit zurück und scheint immer mehr zu versinken, unwirklich zu werden. Aryan und Daylight sollten sich um mich kümmern. Aryan hat immer auf mich aufgepasst und mich ein Mal beschützt, als ich beinahe in das Nichts gefallen wäre.“
Das sie seit jenem Tag das immer stärker werdende Gefühl hatte, dass sich etwas wesentliches an ihr veränderte verschwieg sie.
„Keine Ahnung, wo Aryan jetzt ist. Seit der Flucht habe ich ihn nicht gesehen. Aber ich denke, ich komme auch so gut klar.“
Sie warf ihm ein munteres Lächeln zu und berührte kurz mit der Schnauze das dunkle Fell.
26.05.2010, 21:44
Chanukas Augen ruhten auf Aléya, der er aufmerksam zuhörte und sie dabei beobachtete. Er dachte über die Namen der beiden Wölfe nach, die sie nannte. Aryan und Daylight waren ihm kein Begriff. Er kannte diese ehemaligen Mitglieder nicht und sogar ihre Gesichter waren völlig verblasst. Er hätte nicht einmal mehr ihre Fellfarbe benennen können.
„Hmm. Inzwischen sind wir ja auch schon alt genug, um auf uns selbst aufzupassen.“
Stimmte er zu. Er sah die Sache nicht anders.
„Als meine Mama, also Banshee gestorben ist, da hab ich mich auch entschieden, alleine klar zu kommen. Ich weiß, dass ich von den Großen noch viel lernen kann und muss, aber ich wollte nicht nach dieser Art Mutterersatz-Beziehung suchen. Aber dann hab ich mich mit meiner richtigen Mutter unterhalten und ihr möchte ich diesen Platz nicht verwehren. Vielleicht kann sie ihn irgendwann haben, denn ich hab sie lieb und ich will nicht dass wir uns fremd bleiben, nur weil ich bei Mama Banshee aufgewachsen bin. Aber ich hab nicht danach gesucht. Nicht als plötzlich überall auf der Welt platz für mich gemacht wurde. Als Welpe war dass ein bisschen anders. Und da hatte ich ja auch noch meine Mama Banshee.
Jetzt hab ich einfach nur viele gute Freunde die immer da sind. Dass ist sehr schön, finde ich.“
Er wog den Kopf leicht hin und her.
„Die die sich um mich kümmern sollten, sind auch immer verschwunden.“
06.06.2010, 18:48
Neugierig lauschte die Weiße Chanukas Erzählungen, hatte sie doch eher weniger einen Überblick über die Geschehnissen ihrer anderen Altersgenossen, die im Rudel geboren worden waren. Manchmal hatte sie sogar das Gefühl gehabt, als Findelkind nicht akzeptiert zu werden, doch das war ihr inzwischen egal. Fast.
Als angehende Jungerwachsene würde sie immer mehr und mehr auf sich selber gestellt sein und eine unerschrockene Seele wie die ihre brauchte längst keinen Schutz mehr. Zumindest keinen so starken.
Das Chanuka ihre Ansicht teilte, ließ sie freudig mit der Rute wedeln, mit der sie zustimmend seine Worte unterstrich.
„Ich denke auch, dass wir so gut zurecht kommen werden.“ Sie nickte bekräftigend. „Ebenso werden wir von den Erwachsenen noch viel lernen können, worauf ich mich schon freue.“
Kurz wurde sie nachdenklich, dachte über das eben Gesagte nach.
„Es ist bestimmt seltsam für dich, die Bezugsperson zu verlieren, die man so lange als Mutter angesehen hat, um dann jemand anderem diesen Platz bereit zu halten, oder?“
In Gedanken versuchte sie sich in diese Lage hinein zu fühlen. Wie würde sie sich fühlen, wenn sich einer der Erwachsenen als ihr Vater aufspielen würde. Nun, da war Onkel Shaén, den sie respektierte, aber er würde niemals Anstalten machen, sie zu bevormunden. Überhaupt gab es nun niemanden mehr, der sich darum kümmerte. Einerseits ein befreiender Gedanke, auf der anderen Seite eine seltsam befremdliche Vorstellung. Immerhin hatte sie nun niemanden mehr, an den sie sich in jeder Lebenslage vertrauensvoll wenden konnte.
Ein leises Schmunzeln überlagerte ihre Gedanken.
„Ob es sich dabei um eine Art Fluch handelt?“
28.07.2010, 17:46
Chanuka überdachte die Worte der weißen Jungwölfin eine Weile. Er wusste nicht so genau, ob er den Gedanken, den er dazu hatte, aussprechen wollte. Dabei ging es nicht darum, dass er es Aléya nicht erzählen wollte, er wollte es selbst nicht hören.
„Es ist deshalb so komisch, weil das der Platz ist, der ihr immer gehört hat, ein Platz, an dem ich sie immer haben wollte. Und als ich mich damit abgefunden hatte, dass ich zu Banshee gehöre, da ist sie mir genommen worden und plötzlich kann meine Mutter den Platz wieder haben. Es ist richtig so, aber es ist irgendwie so, dass sich mein Herz entschieden hatte… ich muss mir die Zeit nehmen, mich darauf einzustellen, das ich immer zwei Mamas haben werde. Banshee gehört meine Welpenzeit und Tyraleen gehört die Zukunft.“
So richtete er die Augen hoffnungsvoll gen morgen, auch wenn all das seine Gefühle und Gedanken immer wieder durcheinander wühlte und er sich dabei so manches Mal unwohl fühlte.
Auf die Frage Aléyas schüttelte er den Kopf.
„Kein Fluch. Das ist die Freiheit, jederzeit den Weg wählen zu können, den man gehen möchte. Verpflichtungen hin oder her, wir sind jetzt die die zurückbleiben. Aber irgendwann werden unsere Herzen vielleicht eine andere Wahl treffen. Und dann müssen wir auch gehen.“
So versuchte er sich mit verschiedenen Verlusten zu versöhnen. Außer Banshee vermisste er die meisten nicht sonderlich.
13.08.2010, 22:22
Still lauschte die Weißen den Worten Chanukas. Sie ließ sich das Gesprochene noch ein Mal durch den Kopf gehen und drehte sie wie einen Stein hin und her. Er hatte recht und sie bewunderte ihn irgendwo für diese Erkenntnis und für das Leben, welches er nun lebte. Geliebt von einer ganzen Familie, obwohl man ihm die Mutter genommen hatte.
„Ich verstehe.“, gab sie schließlich leise zurück, obwohl die Worte von jedem anderen hätten kommen können. Von ihr jedoch kamen die Worte von Herzen und das Gefühl, welche sie glaubte, bei ihm zu fühlen, kannte auch sie – zumindest ansatzweise. Manchmal, so schien es ihr, war sie vollkommen anderes als all die anderen. In diesen Tagen kam es ihr dann vor, als würde sie woanders hin gehören, alleine aus dem Grund, weil sie nicht so war, wie der Rest. Wie ein adoptiertes Kind, welches nicht hier geboren war.
In diesen Stunden schmerzte ihr junges Herz, denn die Wahrheit, die sie sonst einfach vergaß, trat dann mit schmerzvoller Präsenz zurück in ihr Leben.
Einen Augenblick ließ Aléya noch verstreichen, in dem sie über seine letzten Worte nachdachte. Die Herzen trafen eine Wahl. Welche Wahl würde ihr Herz treffen? Konnte man dies schon sagen?
„Die Zukunft... was wünschst du dir für die Zukunft?“
04.09.2010, 00:35
Chanuka dachte eine Weile über ihre Frage nach. Er dachte oft nach und hatte schon so manche Überlegung gemacht, aber er wusste nicht so genau, was er sich von der Zukunft wünschte oder versprach. Es war ihm bislang nie wichtig gewesen.
„Die meisten Dinge entscheiden sich in der Gegenwart… ich meine… ich mag meiner Mutter irgendwann näher sein und ich möchte mich als normalen Teil meiner Familie sehen, obwohl ich nicht weiß, ob das geht. Aber das ist nichts, was ich einen Wunsch nennen würde, da es an mir ist, zu handeln. Auf die Anderen zuzugehen und mit ihnen daran zu arbeiten, dass wir Freunde werden, Geschwister…
Ich weiß nicht so genau… ich glaube, ich möchte irgendwann Söhne und Töchter haben. Das fände ich schön. Ganz sicher bin ich mir aber noch nicht. Ich stelle es mir großartig vor, aber vielleicht wäre ich nicht so gut darin, ein Papa zu sein.“
Er wusste nicht, wie man ein Papa war, weil Averic für ihn nicht das Bild eines Papas darstellte. Es gab aber auch keine andere, passendere Beschreibung, denn der große schwarze Rüde hatte sich immer um ihn gekümmert. Nur irgendwie anders. Aber eigentlich war er schon ein Papa. Und ein guter Freund, älter und erfahrener, hilfsbereit, stets an seiner Seite. Ob ein Papa so sein musste? Aber er selbst würde nie so stark sein, er würde nie diese Art Beschützer sein können. Nur ob das wichtig war?
„Und du?“
01.11.2010, 23:34
Leicht neigte Aléya den Kopf, verfiel in Schweigen. Ein Wunsch. So genau hatte sie nie direkt darüber nachgedacht. Chanuka sprach von eigenen Söhnen und Töchtern. Einen Moment versuchte sich Aléya in diese Situation zu denken. Wenn um sie herum kleine Wollknäule tollten und sie, als stolze Mutter, in ihrer Mitte saß und über sie wachte.
Im Augenblick war es für sie ein merkwürdiges Gefühl, etwas, dass ihr sogar ein bisschen Angst machte. Selber Welpen zu haben war viel Verantwortung, vermutlich so viel, wie sie im Augenblick nicht mal ahnen konnte. Eines Tages sollten sie in der Lage sein, selbstständig solch schutzlose Wesen zu beschützen.
Ein leicht verlegenes Lächeln zierte ihre Lefzen; was sollte sie bloß dazu sagen?
„Ich… kann es mir im Augenblick nur schwer vorstellen, Mutter zu sein. Es ist eine Menge Verantwortung.“
Leicht schnippte ihr Ohr, der Blick aus den nachdenklichen Augen wanderte in Richtung der Baumwipfel.
„Aber vielleicht eines Tages, irgendwann einmal.“ Leicht lächelte die Fähe Chanuka an. Er war ihr sympathisch.