27.12.2009, 11:25
Unaufhaltsam war die Zeit vorangegangen, dem stillen, farbschwachen Frühling war ein ebenso grauer Sommer gefolgt. Es war ein wenig wärmer geworden, doch sonst hatte sich kaum etwas verändert. Es war kein Sommer, wie ihn die Wölfe kannten. Dennoch gab es noch immer die Welpen, die unermüdlich gute Laune und Beschäftigung verbreiteten und damit wenigstens ab und an Ablenkung von trübsinnigen Gedanken schafften. Doch selten hielt diese lang. Hatte sich das Nichts doch plötzlich mit rasender Geschwindigkeit ausgebreitet, fast die Hälfte des Sees war verschluckt, das südliche Nichts hatte den Fluss erreicht und weitere Felder hatten sich gebildet. Das Tal der Sternenwinde wurde verschluckt. Zudem kam die unerträgliche Stille – Vögel und andere Tiere hatten sich längst vom See zurückgezogen und auch die Gefiederten in den Bäumen und all die anderen Geräusche eines lebendigen Waldes waren verschwunden. Es war schrecklich still geworden. Und auch die Sonne hatte sich noch immer nicht blicken lassen, Regen fiel die meiste Zeit auf das Tal nieder.
Gerade versinkt die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke, es ist bereits dunkel. Regen, der verspricht stärker zu werden und starker Wind kündigen ein Unwetter an. Die Luft riecht nach Gewitter, welches jede Sekunde loslegen kann. Die Wölfe sind am Rudelplatz verstreut, recht dicht zusammen. Seit dem letzten Winter hat kein Wolf im Tal der Sternenwinde die Sonne gesehen. Kengo, Shaén Eleazer, Jikken, Tascani Amour und Katsumi wurden in das Rudel aufgenommen. Eine tief bedrückte Stimmung hängt über dem Rudel.
Banshee träumte. Es war ein schöner Traum, der erste seit langer Zeit. Acollon war da. Sie beide kamen sich auf einer endlosen Steinebene entgegen, doch trotz der trostlosen Landschaft schien die Sonne warm auf sie herab. Die Weiße genoss den Anblick des großen Feuerballs, versteckte er sich doch schon viel zu lange vor ihr. Doch noch mehr freute sie sich über ihren Gefährten, immer wieder berührten sich ihre Schnauzen und gemeinsam wanderten sie über die Ebene, ohne ein Ziel zu haben und doch glücklich mit der Welt. Und sie spürte Engaya. Ihre Göttin war ganz nahe bei ihr und schenkte ihr große Zuversicht, immer wieder Hoffnung, sie wäre nicht fort. Lange liefen sie zu dritt dahin, bis sich das Land wandelte und ein großer Berg vor ihnen aufragte, der unbezwingbar erschien. Keine Pfade führten hinauf und es gab keine Möglichkeiten, die eigenen Pfoten sicher zu setzen. Trotzdem sah Acollon sie an und sagte leise, dass sie gemeinsam diesen Berg erklimmen müssten. Oben würde etwas von unschätzbarem Wert auf sie warten. Die Weiße zögerte, doch als ihr Gefährte den ersten Schritt auf das noch kältere und unwirtlichere Gestein setzte, tat sie es ihm nach. Es war anstrengend und mehr als einmal meinte Banshee zu fallen. Sie schürfte sich die Pfoten auf, blutete aus der Nase und musste immer wieder Fellbüschel lassen. Es kostete all ihre Kräfte und als sie dachte, sie könnte nicht mehr weitergehen, hatte sie den Gipfel noch immer nicht erreicht. Aber Acollon war da und sprach ihr Mut zu, erzählte ihr von goldenem Licht und Flügeln aus Frieden. Ganz langsam schaffte es die Weiße weiterzugehen, mühte sich und war doch immer wieder kurz vor dem Aufgeben. Allein Acollon schaffte es, sie immer wieder eine Pfote heben zu lassen und schließlich hatten sie es geschafft. Mit letzter, geschenkter Kraft zog sich Banshee über den Stein nach oben und blinzelte in gleißendes Licht. Schwäche und Anstrengungen fielen von ihr ab und während sie neben Acollon trat, spürte sie, wie aus ihren Schultern Flügel sprossen.
Das Erwachen war schmerzhaft. Ihr Herz schlug schwerfällig und die Müdigkeit legte sich so dicht über sie, dass sie meinte, keine Pfote mehr bewegen zu können. Als sie ihre Augen aufschlug, braucht sie lange, bis ein klares Bild zu sehen war. Ihr Pelz war nass vom Regen und die Dunkelheit hatte sich unbemerkt über sie gelegt. Es war ein schlimmer Tag. Und doch war sie erfüllt von Frieden und Ruhe und dachte an ihren Traum, in dem Acollon und sie zusammen gewesen waren. Ihr Atem war schwer, ihre Müdigkeit alle Ufer übertretend und eine Gewissheit lag in ihrem Herzen, die jede anderen Gedanken verscheuchte. Es war so weit. Schwerfällig und ohne jede Kraft zog sie sich auf die Pfoten, stand viele Atemzüge lang so da, die Schnauze tief gesenkt und der Körper eingefallen, ohne Hoffnung. Doch es täuschte. In Banshee war Hoffnung, mehr als zuvor, war doch Engaya so nah gewesen und Acollon immer bei ihr. Müde suchte ihr Blick Nyota und fand sie nicht weit von ihr im Regen. Sie sah noch immer so stark aus, doch sie beide zusammen hatten nur noch für eine von ihnen Kraft genug. Und für die Schwarze gab es noch zu viel in dieser Welt. Für Banshee zu viel in einer anderen. Schwer setzte sie ihre Schritte voreinander, schien ewig für diesen kurzen Weg zu brauchen und war froh, als sie ihre Schwester erreicht hatte. Der Körper gebrochen und schwach und doch mit einem Blick, der leise schimmerte, sah sie Nyota an. Nyota, die ihr alles bedeutete und die ihr geholfen hatte, bis zu diesem Tag zu sein.
“Nyota, meine liebe Nyota. Schwester. Siehst du den Himmel? Ein Sturm zieht auf. Du musst auf die Welpen achten, sie sollen sich nicht fürchten. Auch nicht, wenn ich fort bin.“
Ihre Zunge war trocken und fühlte sich pelzig an. Sie fand keine Worte für das, was sie der Schwarzen sagen wollte.
“Achtest du auf sie? Und auf Tyraleen, meine Kleine, sie braucht dich noch.“
Ein schwaches Nicken folgte, dann konnte sie ihre Schwester nicht mehr ansehen. Stumm ging ihr Blick in den Wald, an all den Nichtsfeldern vorbei zu einem Hain aus Trauerweiden, an deren Seite sie sich wünschte. Ohne noch einmal aufsehen zu können, setzte sie einen ersten Schritt an Nyota vorbei.
Es war ein graues Jahr geblieben. Die Sonne glaubte man höchstens in den Stimmen der Welpen zu erkennen, aber wirkliches, strahlendes Licht hatte noch keiner der Kleinen gesehen. Dafür war mit Kaede ein erster schwerer Verlust eingetreten, und mit jedem Tag schien Banshees Kraft zu schwinden. Nyota spürte auch ihr eigenes Leben rinnen, als würde es einem Flusslauf folgen und sie ins Meer Engayas fortspülen wollen. Aber sie hielt sich an ihrem Leben fest, sie konnte noch nicht einfach gehen. Sie hatte noch so viel zu tun...auch Nyota spürte die Müdigkeit inzwischen Morgen für Morgen länger in ihren Knochen sitzen. Das Aufstehen verlangte Überwindung, und öffnete sie die Augen sah sie für gewöhnlich nichts ausser Regen, grauen Wolken und dem drohenden Nichts, das immer mehr Fläche des Revieres verschluckte. Ihr Fell hing regennaß an ihr, als die Schwarze sich erhob, sich streckte und den unwillkommenen Morgen begrüßte. Banshee erschien neben ihr, einer Fee gleich, die den trüben Tagesbeginn verscheuchte.
"Schwesterherz"
begrüßte sie sie leise, schmiegte ihren Kopf an Banshees Schulter und hob dann den Blick zum Himmel, wo der Sturm aufzog. Vielleicht würde er die Wolken vertreiben...
"Sorge dich nicht, Schwesterchen...ich passe auf sie auf"
'...so wie auf dich'
Mit sanftem Blick wand sie sich wieder zu der Weißen um, die sich nun in Bewegung setzte. Wie selbstverständlich begann auch sie zu gehen, folgte der Weißen dichtauf, bis sie auf gleicher Höhe waren und sie bei jedem Schritt Banshees Flanke an der ihren spürte.
'Geh nicht'
"Ich begleite dich"
'Soweit ich nur kann'
Ihre Stimme war leise geworden, und wie Banshee sie nicht länger anzusehen vermochte, so konnte sie den Blick nicht mehr von ihr lassen; ganz so als könnte sie im nächsten Moment Fenris von ihrer Seite fortbeissen, wie auch Krolock es versucht hatte. Ihre Schritte wurden schwerer, mit jedem Meter der hinter ihnen lag, und die Schwarze drängte sanft näher an die Weiße, so als könnte sie sie warm und am Leben erhalten, wenn sie nur nah genug käme...
Die Müdigkeit hatte sich in die Glieder geschlichen. Ein unangenehmes Gefühl von Schwäche und Nutzlosigkeit war vorherrschend. Schon lange hatte sich die drückende Stimmung auf Akrus Gemüt gelegt und wollte sich auch nicht wieder lösen. Das Nichts hatte gefährliche Ausmaße angenommen und ließ das Land immer kleiner werden. Das Rudel war auf einem Weg, der sich langsam aber sich auf das Ende zu bewegte. Die Gefahr, das Sterben, die Trauer. Schwere. Endlose, fesselnde Schwere. Er hatte ein Versprechen gegeben und war stets in der Nähe seiner weißen Freundin. Lächelte ihr ab und an aufmunternd zu. Er war ein guter Freundin. Ein Helfer, auf dem man sich verlassen konnte. Aber je näher Banshee ihrem Segen kam, desto schlimmer wurde auch die Lähmung und der Wunsch, nach der eigenen Erlösung. Noch konnte er nicht gehen – Gani, Isis und Katsumi brauchten ihn. Was hatte ihn so verändert? Wäre er nicht noch vor wenigen Wochen einfach egoistisch weiter gegangen und hätte sich einen Dreck darum gekümmert, was aus den Wölfen wurde, die ihn vielleicht brauchten? Eine Frage der Zeit. Das war es immer. Und der Zeitwächter spürte, dass seine Zeit noch nicht gekommen war. Auch Tyraleen würde seine Hilfe vielleicht noch brauchen können. Also ging es auf diesem unerschöpflichen und noch langen Pfad weiter.
Akru erhob sich. Die Augen getrübt, der Schlaf nicht weit her. Ein böser Traum, ein realistischer. Eine seltsame Aura hatte sich auf das Land gelegt, umspülte die Wölfe mit der traurigen Botschaft und lähmte sie zum Teil. Auch den Grauen. Er wartete auf ein Zeichen, auf etwas, dass ihm sagte: ich brauche Dich. Auf Banshee. Aber auch jetzt hörte er nichts, konnte nur aus dem Augenwinkel erkennen, dass die Weiße bei der schwarzen Leitwölfin war. Die Schwestern unter sich, eine heilige, starke Verbindung. Mittlerweile war der Graue nur stummer Zuschauer. Blieb ruhig, blieb ohne Verbindung zu seinen Freunden. Diese Zeit nutzte er, um sich auf das vorzubereiten, was ihn und die Anderen erwartete. Hager und dürr war er geworden. Die Haut spannte sich um den recht großen Leib. Eigentlich war er immer ein sehr kräftiger Rüde gewesen, mit einer Schulter zum anlehnen. Hoffentlich empfand man das immer noch – wenn gleich er daran zweifelte.
'Wirst Du mich je vergessen mein Bruder?', fragte der Sterbende, die Augen trübten sich und versuchten den Grauen zu erfassen. 'Ich wünschte, ich könnte es', kam die kalte Antwort. Allerdings schien es Cyrion nicht zu verunsichern, er lächelte sogar. 'Du wirst die Wahrheit erkennen, mein geliebter Bruder. Irgendwann wirst Du den Wolf kennen lernen, der Dir Dein Leben wert ist. Ich habe diesen Wolf gefunden, Dich. Und nun sterbe ich durch Deine Fänge. Ein schöner Wunsch ist in Erfüllung gegangen', er hustete und einige Tropfen Blut verteilten sich auf dem Boden. Akru trat angewidert zurück. 'Was redest Du für einen Schwachsinn. Niemand ist es mir wert, mein Leben zu geben. So etwas gibt es nicht. Du siehst nur schon den Tod vor Dir, das ist Alles.' Cyrion seufzte und schloss die schon blinden Augen. 'Du wirst es irgendwann verstehen... Bruder... ich- habe Dich... immer...', doch die letzten Worte blieben unvollendet. Der Bruder war gestorben.
Cyrion sollte recht behalten. Es gab nun einen Wolf, für den er sein Leben geben würde. Aber es war nicht viel wert, wenn nicht zu sagen gar nichts. Selbst wenn er sich für die weiße Freundin opfern würde, wäre sie nicht gerettet. Ein stummer Zuschauer. Wie alle Anderen.
Still verfolgte er, dass Nyota sich erhob und auch der graue machte sich Aufbruchs bereit. Immer in einem respektablen Abstand. Ohne zu stören.
Ayv war schon seit drei Jahren unterwegs, immer auf der Suche nach seinem kleinen Bruder Shakru Minor. Aber mitlerweile bezweifelte er schon, dass er seinen Bruder je würde finden können. Immerhin versuchte er ihm schon seit drei Jahren zu folgen - ergebnislos.
Langsam trabte er weiter, die Laute um ihn herum warfen Wellen von verschiedenen Gegenständen oder eher seiner Umgebung wieder und er wich geschickt jedem einzelnen Baum oder Hindernis aus. Es war leicht für ihn geworden. Auf diese Weise konnte er sogar weiter durch den Wald schauen, als ein Wolf mit Augenlicht. Er seufzte. Dann blieb er stehen, drehte sich nach rechts und wartete auf die verschiedenen Schallwellen. Endlich waren alle für ihn nötigen angekommen und er schaute weit in den Wald hinein. Ein Hirsch mit zwei Rehen waren in der Nähe beruhigt auf einer kleinen Lichtung und grasten, ein Eichhörnchen lief in seiner Nähe einen Baum hoch und einige Vögel durchschnitten die Luft. Doch seine Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem beansprucht. Ein Wolf lief, war weit von ihm entfernt, Richtung Osten. Ob es wohl Shakru Minor war?
Er wusste es nicht. Grundsätzlich konnte er nur sagen, was wo war und was es war, nicht, wer es war. Zum Beispiel bei Wölfen, er wusste nicht, wer von zehn Wölfen sein Freund oder sein Feind war, oder wer wer war. Er wusste es einfach nicht, alles, was er sah, hatte lediglich Konturen in einem grau bis blau Ton. Hoffend lief er dem Wolf hinterher und fragte beim Laufen etwas.
"Hallo? Wie heißt du? Ich bin südöstlich von dir."
Er konnte nur hoffen, dass dieser Wolf ihm nicht feindlich gesinnt war.
Caylee ging es wieder besser. Das war die Hauptsache nach diesem schrecklichen Tag, als es ihr gar nicht gut ging und dann auch noch Hiryoga und Kaede gestorben waren. Für so eine kleine Welpin viel zu verarbeiten und als endlich Ruhe eingekehrt war und sie ruhig bei ihrer Mutter schlafen durfte, war sie mehr als erleichtert gewesen. Jetzt aber war das ganze schon etwas länger her und Caylee war einfach nicht der Typ, lange traurig zu sein. Natürlich dachte sie immer wieder an ihre Mama-oder-so, aber ihre richtige Mama Tyraleen hatte ihr erklärt, dass Kaede nun im Himmel war und auf sie herabschaute und das war doch eine schöne Vorstellung. Also lächelte Caylee manchmal selig zu den grauen Wolken hinauf und war sich sicher, dass Kaede sich darüber freuen würde. Jetzt aber wollte sie nicht nach oben lächeln, denn heute waren die Wolken ziemlich schwarz und irgendetwas lag in der Luft, das spürte sie genau. Ihr Fell stand mehr als sonst und Energie schien durch sie durch zu laufen. Ein sehr seltsames Gefühl. Davon angetrieben hüpfte sie wie ein aufgeblasener Vogel über den Rudelplatz und suchte jemanden, mit dem sie spielen könnte. Wo wohl Raki war? Oder Mama? Oder Papa? Irgendwie konnte sie sie nicht entdecken, aber es war ja auch schon so dunkel und zudem der Wind so stark.
“Raaaaki? Mamaaa? Papaaa? Ist irgendwer daaaa?“
Hoffentlich rief sie laut genug, sodass man sie trotz dem Regen und dem Sturm hören würde. Sie mochte es nicht, alleine zu sein und konnte sich dann auch nicht wirklich gut beschäftigen. Unschlüssig und schon ein wenig missmutiger kratzte sie mit der Pfote im feuchten Gras herum und sprang dann auf den See zu. An seinem Ufer hatte sie nämlich ihren Glitzerstein vergraben – ganz alleine, ohne dass es jemand gemerkt hatte. Und sie wusste ganz genau wo und sah ihn sich manchmal noch mal an. Jetzt aber ließ sie das Nichts auf dem See erstarren, war es doch plötzlich so nah. Und es machte ihr Angst. Vorher hatte sie es gar nicht so bemerkt, nur andere haben manchmal darüber gesprochen. Doch seit dem Tag, an dem Hiryoga hineingefallen war und sie es so nahe gesehen hatte, fürchtete sie sich davor. Auch jetzt verließ ihre Kehle ein leises Winseln.
Es war schon eine Weile her, aber Mamas Tod saß immer noch ziemlich hart im Herzen. Allerdings weinte Ciradán nur noch wenig, und wenn, dann nur heimlich. Oft hatte er mit seiner Patin, mit seinem Vater und seinem neuen schwarzen Freund Midnight geredet. Ihre Zuversicht und ihre tröstenden Worte halfen der Halbwaise sehr.
Und auch jetzt war der weiße Welpe weitaus besser aufgelegt, als er es eigentlich sein wollte. Der Tag war zwar verregnet gewesen, aber warm. Er war ein wenig am See spielen gewesen, hatte versucht ein paar Fische zu fangen. Natürlich war der Erfolg ausgeblieben – dafür hatte es schön abgelenkt. Eigentlich wollte Ciradán auch mal mit seinem Bruder oder seiner Schwester reden, aber dafür hatte er noch keine Zeit gefunden, oder viel mehr den Mut. Also war er nur halbherzig auf der Suche nach seinen Geschwistern gewesen. Dafür aber gab es aber einen anderen Wolf, der ihm sofort ins Auge fiel. Caylee. Zart, hübsch und äußerst mutig. Sie winselte und in der Brust des Weißen bahnte sich die erwünschte Chance an. Das ungleiche Augenpaar auf den Boden gerichtet ging er auf sie zu.
“Was hast Du?“,
fragte er leise. Hatte sie ihn überhaupt hören können? War er zu leise? Wenn er nun ohne Fell gewesen wäre, wäre er wohl rot geworden. Der Herzschlag beschleunigte sich und die Pfoten gruben unwillkürlich in der Erde herum. Es diente der Ablenkung, und der Verlegenheit. Er wollte natürlich stark und imposant wirken, aber irgendwie gelang es ihm nicht so recht.
“Ist... ist Alles okay, Caylee?“,
das war schon etwas lauter, verständlicher. Er blieb in einem kleinen Abstand zu ihr stehen, setzte sich auf die kleinen Hinterläufe. Vielleicht doch einmal eine Familie haben? Es wäre natürlich toll. Ihre Welpen wären alle weiß und hätten blaue Augen. Wie schön – aber was dachte er da? Hitze umgarnte ihn und ließ ihn ein wenig vor Aufregung zittern.
Die kleine Fähe schlug ein weiteren Mal die Pfoten über die Augen und drehte den Kopf leicht hin und her. Ein komisches Gefühl. Die großen Ohren der Träumerin zuckten wirr hin und her versuchte Stimme und Laut zu erhaschen und zuzuordnen ohne in ihnen unter zu gehen. Auch das war irgendwie komisch, aber dennoch zu einer fast Routine geworden, so wusste sie zumindest meist bestimmt wen sie da um sich hatte. Und man konnte sagen, der Wind half eigentlich ganz gut dabei. Sehr gut sogar. Sie mochte den Wind. Meistens. Nun jedoch verbarg sie den Blick von ihrer Umgebung. Die Bilder der letzten Zeit lasteten zwar irgendwie doch noch auf der Kleinen, doch hatte Avendal eine relativ gute Verdrängungsgabe entwickelt, sie konnte ihre Angst und Trauer recht gut verdecken ohne dabei kalt zu sein. Sie trauerte eher still, sie hatte auch eher still angst, aber man merkte es doch. Schließlich war sie ja noch ein Welpe.
Der kleine Fang öffnete sich ein wenig, vorsichtig ließ sie ihre Pfoten von der Schnauze gleiten und blickte sich aus dunklen blauen Augen um. Das Wetter war trist, traurig irgendwie. Wie um die Stimmung der meisten Wölfe zu untermalen. Der Blick der Kleinen glitt über den Platz, dann über den nun schon fast verschluckten See. Irgendwo in der Ferne, waren die Berge von denen Daylight ihr erzählt hatte. Und der Adler, dessen Feder sie geschenkt bekommen hatte. Und das Versprechen. Irgendwann würde sie die Berge sehen. Und dort würde doch alles hell sein, oder? Ihr Welpendenken ließ es zu das sie daran glauben konnte, ihr Denken ließ es zu, das sie daran glauben wollte. War es doch so viel schöner als das triste.
Ach ja, Daylight!
Mit einem Satz war die junge Fähe auf den Pfoten, streckte mit einem vorsichtigem Gähnen die Glieder durch und blickte sich um. Es waren schon einige Wölfe auf dem Rudelplatz. Und einige auch nicht. Hm. Ihr Erblick erfasste ihre Schwester Caylee und mit ihr auch Ciradán, der sich ihr näherte. Wohl mit ihr redete. Grüßend wuffte sie den Beiden zu, ehe sie den Blick nach der gesuchten Person schweifen ließ. Da. Mit flinken Bewegungen setzte sie auf die weiße Fähe zu und machte einen kleinen Sprung um die Zähne sanft in ihrer Rute festzubeißen. Mit den Pfoten strich sie immer wieder dagegen, hob den Kopf um im nächsten Moment wieder sanft nach Daylights Rute zu haschen.
“ Hallo.”
Jappste sie freundlich und lehnte nun beide Pfoten über Dayli’s Rute. Wie um ihre Patin festzuhalten legte sie nun auch den Kopf auf die Pfoten und drehte ihn leicht zur Seite um einen Blick auf das Gesicht der Weißen zu erhaschen. Dann jedoch entschied sie sich doch wieder um. Irgendwie wollte ihr heute keine besonders eigene Gefühlsstimmung gelingen, andauernd lenkte sie sich selbst ab. Der Wind flüsterte ihr sanft in die Ohren und mit einem fast schon Seufzen wandte sie den Blick in Richtung Himmel. So trüb… Der Himmel war doch eigentlich schön. Sie mochte den Himmel. Doch jetzt war es dunkel und nass. War es dort oben nun auch so?
“ Ob es da oben nun auch so dunkel und nass ist, Dayli? Ob es da oben wohl auch so trist ist?”
Erneut suchte sie den Blick ihrer Patin. Sie wollte nicht wirklich zugeben das ihr die ganze Situation ein wenig Angst machte. Aber die triste und der verschluckte Teil des Lebens. Es war schon gruselig. Und dann waren da noch Wölfe aus dem Rudel weg… Kaede. Ciradáns, Krolocks und Liels Mutter… und ein weiterer Wolf den sie kaum gekannt war, aber der doch irgendwie ihr Onkel gewesen war. Trost suchend richtete sie sich auf, ließ Daylights Rute los und trat etwas vor um sich an ihren Vorderlauf zu schmiegen.
“ Glaubst du es geht einem da oben wirklich gut?”
Nachdem die Versammlung sich aufgelöst hatte und die Mutter, Liel weigerte sich ihren Namen zu denken, ins Wasser gebracht wurde, war sie alleine davon gegangen. Chanuka war wirklich lieb gewesen, sie hatte sich sehr gefreut, als er zu ihr gekommen war. Doch nun war er irgendwo und sie verspürte keine große Lust nach ihm zu suchen. Nicht, weil sie keine Lust hatte ihn zu sehen, sondern weil sie spürte, wie die Tränen erneut in ihr aufstiegen. Zu lange waren sie nun zurückgehalten, Tränen mussten geweint werden, vor allem wenn es Trauertränen waren. Sie hatte hier auf dem Rudelplatz die starke, unnahbare Fähe gespielt, die sie innerlich gar nicht war.
Sie erinnerte sich an Ilias, ihren Paten, der oft im Wald umhergestreunt war, er war auch traurig gewesen. Anscheinend war der Wald ein guter Ort für Trauer, vor allem, wenn sie niemand sehen durfte oder sollte. Damit stand ihr Entschluss fest, sie würde in den Wald gehen, ganz alleine und ohne irgendjemandem davon zu erzählen, denn sonst würde er sie bestimmt nicht lassen oder gar mitkommen wollen. Sie blickte um sich, niemand zu sehen. Schnell duckte sie sich hinter einem kleinen Busch am Waldrand und sicherte noch einmal die Umgebung ab. Sie durfte niemanden übersehen, sie als kleine Welpin stand noch immer auf der Schutz- und Überwachungsliste der Erwachsenen. Anfangs hatte sie dies nicht groß gestört, doch mit der Zeit war es immer lästiger geworden. Fast schon gut, dass Ilias gegangen war, sonst hätte er sicherlich stark auf sie geachtet. Noch immer schien sich keiner der Wölfe für sie zu interessieren, so drehte sie sich schnell auf ihren Pfoten um und verschwand in dem großen und dunklen Wald.
Sie erinnerte sich, wie sie von Ilias Verabschiedung den ganzen Weg zu ihrer sterbenden Mutter gelaufen war, sie erinnerte sich auch, dass sie nachdem sie aus ihrem Trancezustand erwacht war, erstmal 2 Tage geschlafen hatte, unter Schmerzen, alles hatte ihr wehgetan. Sie sah nun keinen Grund zum rennen und ging lieber gemütlich durch den Wald. Sie wollte nicht schon wieder so kaputt sein, wenn sie wieder kam. Ganz in Gedanken stromerte die kleine Graue also durch den Wald, der ihr, in Gedanken und mit kreisenden Propellerohren gar nicht gruselig oder gar gefährlich vorkam. Was die Erwachsenen bloß immer hatten ... Sie überlegte einen kurzen Moment, ob sie sich irgendwo hinlegen und einrollen sollte um ihrer Trauer freien Lauf zu lassen, dann entschied sie sich, dass sie weitergehen würde. Ein schluchzendes Welpenknäuel war sicher einfacher auszumachen, als eine weinende aber trotzdem weiter laufende Fähe. Das sah sicher auch stärker aus. Ein wenig mulmig wurde ihr schon, aber sie ignorierte das Gefühl gekonnt. Doch die Tränen konnte sie nicht weiter ignorieren, sie waren einfach mit der Zeit zu stark für sie geworden. Schon strömten sie unaufhaltsam über die graue Schnauze der Kleinen, durchnässten das sowieso schon nasse Fell. Zum Glück regnete es, so sehr Liel auch auf die Sonne wartete, in diesem Moment war sie froh, dass es regnete.
Sie hatte gehört, dass mittlerweile schon Sommer war und im Sommer schien eigentlich die Sonne, in diesem wohl nicht. Immerhin war es wärmer geworden, sodass der Regen einem keine eisigen Schauer mehr über den Rücken jagte.
Sie schniefte auf, die Tränen gaben ein Gefühl der Freiheit, obwohl sie noch immer traurig war, dass ihre Mutter gestorben war, fühlte sie sich schon ein winziges bisschen besser. Aber dann fühlte sie sich wieder ein winziges bisschen schlechter. Mit einem Ruck wurde sie zurück gerissen und unsanft landete sie auf ihren Hinterteil. Was war das?
Panisch legte sie die Ohren nach hinten um zu lauschen, ob dort irgendetwas war, was auf sie gelauert haben könnte und sie nun gepackt hatte. Doch da war nichts. Seltsam. Für einen Moment verstummten die Tränen, der Schreck war nun zu groß. Sie versuchte sich hochzustemmen, doch irgendwie saß ihr eines Hinterbein fest, so sehr sie sich auch streckte und stemmte, sie vermochte sich nicht mehr vorwärts zu bewegen und nun spürte sie auch den Druck auf dem einen Hinterbein. Verzweifelt warf sie sich mit voller Wucht und ihrem ganzen Körpergewicht, was wahrlich nicht sonderlich viel betrug, nach vorne um so ihr Bein aus der Wurzel zu ziehen, doch bis auf ein stechender Schmerz, der durch ihr Bein schoss regte sich rein gar nichts.
Liel wurde ruhig, mucksmäuschenstill und lauschte ängstlich mit weit nach hinten gelegten Ohren. War irgendwer hier? War das womöglich eine Falle? Doch alles war ruhig, ein wenig zu ruhig für ihren Geschmack, keine Vögel, kein gar nichts.
UUH, das war viel zu gruselig für eine kleine Fähe wie sie, schluchzend rutschte sie weiter an die Wurzel heran, bis der Popo gegen diese stieß und das Beinchen nicht mehr so sehr schmerzte. Der kleine Körper wurde von Schluchzern geschüttelt, die Trauer um ihre Mutter und wegen ihrer auswegslosen Situation ließen sie sich schütteln. Wie konnte das nur passieren? Der Regen und die Tränen mussten ihre Sicht stark eingeschränkt haben, so ein Mist.
Sie konnte doch jetzt nicht nach irgendwem rufen, dann würde ja jeder hören, dass sie hier lag. Außerdem war das ganz schön peinlich. Wen sollte sie schon rufen? Den starken Papa Urion, na wunderbar, er würde sie für ganz schön schwächlich halten. So ein Unglück. Sie zerbrach sich ihren Kopf über die ganz und gar ungeschickte Lage und spürte, dass die Trauer ihrer Mutter mit jeder weiteren Träne ein wenig fortgespült wurde. Nicht, dass sie sie nicht mehr schmerzlich vermisste, aber sie spürte, dass sie ein wenig besser damit umgehen konnte und plötzlich war sie sich sicher, dass sie demnächst wieder wie die Sonne lächeln konnte. Das freute sie sehr, aufgeregt lies sie ihre Ohren noch ein wenig schneller kreisen und dann gab sie sich einen Ruck. Dann würde Urion sie halt für schwächlich halten, sie wollte jetzt hier raus und ihr war klar, dass sie es nicht durch ihre eigene Kraft schaffen konnte.
„Papaaaaaaa!... Öhm… ich brauche deine Hilfe!“
Das erste Wort war noch laut und kräftig aus ihrer Kehle gekommen, der Rest wurde etwas leiser und fast verschluckt. Das war ja doch peinlicher, als sie gedacht hatte. Ohne es zu bemerken waren die Tränen verstummt und sie lauschte auf das rauschen ihrer Ohren und wartete auf ihren Papa.
Regen verschleierte die Sicht, das Gewitter grollte über den Himmel und ließ ab und an helle Blitze erkennen. Das passende Wetter für ein Präventivschlag – das Nichts gegen Krolock. Wunderbar. Endlich bekam er die Gelegenheit, die Chance sich an dem eigentlichen Übertäter zu rächen. Denn der schwarze Welpe war immer noch wütend, wenn auch nicht mehr so, wie am Tag als Kaede starb. Aber er wollte sich an das Brennen in seiner Brust klammern, er hatte sich schließlich Vergeltung gewünscht. Trotzig schlenderte er auf die verschwommenen Umrisse des Nichts zu. Die Pfoten streiften unablässig den nassen Boden. Die Augen waren verfinstert, und die Lefzen zu einem Schmollen verzogen. Es war so viel größer und mächtiger, als der kleine schwarze Welpe. Das Nichts war einfach stärker, aber das störte Krolock nicht. Er musste ja nicht unbedingt genauso stark sein, aber es reichte ja, wenn er den Willen zeigte – er wollte das Nichts zerstören. Natürlich war ihm bewusst, dass das eigentlich alles Humbug war. Wie sollte man gegen etwas kämpfen, dass man nicht kannte und zu greifen bekam? Es er scherte ihn momentan einfach nicht.
Als er vor der Grenze zum Nirwana stand, setzte er sich gewillt auf die Hinterpfoten.
“Pass mal auf: Du bist schlecht für uns. Ich habe Dir lange die Möglichkeit gegeben aus freien Stücken zu verschwinden, aber wie es aussieht lässt Du mir keine andere Wahl. Ich muss Dich vernichten. Hast Du irgendwelche Schwachstellen?“,
fragte er den stummen Gegner. Natürlich keine Antwort. Krolock war gespielt enttäuscht und schüttelte niedergeschlagen den Kopf.
“Du schweigst, wie immer. Ich wäre auch für eine friedliche Lösung, ganz im Sinne von Kaede, aber irgendwie möchtest Du ja nicht hören und so langsam reißt mir der Geduldsfaden“,
er knurrte die Stille an. Wieder passierte nichts. Rein gar nichts. Es waberte umher und war einfach nur da. Ein schwieriger Gegner. Keine Konturen, keine Angriffsstelle. Und wieder einmal fiel dem Schwarzen keine gute Idee ein, wie man dieses Nichts vernichten könnte. Aber er musste es schaffen – egal wie. Vielleicht auch als Entschuldigung für Liel und Banshee. Immer noch machte sich der Welpe Vorwürfe, dass er die Leitwölfin so angeschnauzt hatte. Sie hatte es eh schon schwer genug.
Ayv blieb plötzlich stehen, als er einen weit entfernten Ruf hörte. Jemand schrie nach seinem Vater. Wer war das? Er wartete auf Geräusche des ersten Wolfes, er war verschwunden. Niedergeschlagen galoppierte er in sehr schnellem Tempo in die Richtung des Hilferufes. Auch wenn man ihn nicht gemeint hatte, jemand hatte um Hilfe geschrien, oder zumindest seinen Vater gerufen, und das ganz schön laut. Seinen sensiblen Ohren entging einfach kaum noch was. Er sprang über ein Gebüsch, an einem Baum vorbei unter einem umgekippten Baumstamm unter durch. Sein Fell war klitschnass, doch das störte ihn rein gar nicht.
Er wusste, er kam demjenigen schon näher, der hier irgendwo geschrien hatte. Er atmete tief ein, dann übersprang er einen Baumstumpf und umkurvte einen riesigen Baum. Dann blieb er wie angenagelt stehen. Er erkannte die Umrisse eines Welpen, der vor ihm dort auf dem Boden saß. Er schien nicht von der Stelle zu kommen, denn er saß ein wenig seltsam. Und das bei einer Wurzel. Er legte den Kopf schief und schaute sich den kleinen erneut an. Alles nur Umrisse. Welche Fellfarbe er wohl hatte? Konnte dieser Wolf ein glücklicher Besitzer seinen Augenlichts sein? Oder sah er ebenso wie er selber? Er entschloss sich einfach.
"Hallo? Wer bist du? Brauchst du Hilfe?"
fragte er vorsichtig. Wer war dieser Wolf? Und wie alt war er? Er wartete die Antwort einfach ab.
Urion fühlte sich völlig überfordert mit der Situation. Die Kinder traurig und wütend, er selbst voller Trauer und seiner eigenen Schwäche. Der Graue striff durch den Wald um eigentlich Krolock zu suchen, um seinem Sohn zu reden. Er witterte ein Pumaweibchen ganz in der Nähe und machte sich wirklich Sorgen. Krolock fühlte sich stärker, als er letztendlich war. Ein gefundenes Fressen für dieses Weibchen, aber auch eine andere Witterung drang in seine Schnauze und zu dieser Witterung drang auch alsbald ein Hilferuf an seine Ohren.
Ohne Probleme lokalisierte Urion seine Tochter und preschte mit einer unglaublichen Geschwindigkeit in ihre Richtung. Schon bald mischte sich auch noch ein fremder Geruch eines Rüden dazu, sodass Urion ein weiteres Mal beschleunigte und knurrend vor Liel stehen blieb.
Er hatte Ayvs helfende Worte nicht gehört vorher, sodass sein Fell nun aufrecht stand, die Muskeln angespannt. Er sah im Normalzustand schon schrecklich aus, aber nun übertraf der Vater sich. Und als er mitbekam, dass der weiße Rüde blind war, grollte der Verfluchte:
"Näher dich nicht einen Schritt meiner Tochter, Fremder."
Noch einige Sekunden wartete er, dann wandte er sich zu Liel herum, fuhr ihr mit der Zunge über den Kopf und betrachtete ihr Dilemma.
"Das haben wir gleich."
Urion biss mit seinem kärftigen Kiefer die Wurzel durch und schob Liel sanft zwischen seine Pfoten. Er fragte sie, ob sonst alles in Ordnung wäre, dann pustete er ihn beruhigend ins Fell. Schließlich widmete er sich Ayv.
"Was willst du hier Fremder? Wenn du uns gut gesinnt bist, dann komme mit zum Rudelplatz, wenn nicht verschwinde hier gleich wieder."
Dann blickte er zu Liel.
"Wir gehen auf alle Fälle zum Platz, im Wald streunt ein Puma herum und ich will den anderen Eltern bescheid geben, dann muss ich noch Krolock suchen."
Tyraleen hatte es eilig. Ihr Herz krampfte sich vor Sorge zusammen und ihr ganzer Körper wollte, so schnell ihn seine Pfoten nur tragen konnten, zurück zum Rudelplatz. Sie war dumm gewesen, hatte das immer größer werdende Nichts noch einmal von nahem sehen wollen, hatte Engaya um Hilfe anflehen wollen aber jetzt hatte sie plötzlich das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen. Etwas geschah beim Rudel und um alles in der Welt musste sie dort sein. Ihr Ausflug hatte ihr nichts gebracht, Engaya hatte geschwiegen und der weiße Nebel ihre Augen nur immer wieder erblinden lassen. Dafür war sie von ihren Welpen und ihrer Familie fortgegangen – dumm. Sie meinte, ihre Pfoten nicht schnell genug bewegen zu können und wusste doch, dass sie nicht zu schnell rennen sollte, sonst würde sie bald erschöpft sein. Mit verbissener Miene drosselte sie ihr Tempo etwas, hatte jetzt das Ufer des Sees erreicht, an der Stelle wo es unwirklich und abrupt in das Nichts überging. Gerade überlegte sie, ob es schlauer war zu schwimmen, als sie eine Stimme hörte, die so unverkennbar piepsig und doch tief grollend klang, dass sie sofort wusste, wer sich hier mit Sicherheit unerlaubt aufhielt. Ihr Blick brauchte Krolock nicht lange zu suchen, sein schwarzes Fell hob sich deutlich gegen den unnatürlichen Nebel ab und zudem gebar er sich, als wolle er gleich einen Gegner anspringen. Sollte er dabei das Nichts im Visier haben, wäre das sein letzter Gegner – die Nachricht von Hiroyga und seinem Verschwinden im Nebel hatte ihr die Kehle zugeschnürt. Jetzt aber galt es nicht ihrem Bruder nachzutrauern, sondern diesen verrückten Welpen zurück zu seiner Familie zu bringen; seiner geschrumpften Familie. Doch auch über Kaede konnte sie jetzt nicht trauern, flink und ohne zu zögern sprang sie auf den Welpen ihrer verstorbenen Freundin zu, packte ihn ohne auf eine Reaktion zu warten im Nacken und pflückte ihn aus dem Gras. Schon hatte sie umgedreht und den Weg entlang des Ufers eingeschlagen.
“Waf machft du denn hier? Daf Nichftf ift gefährlich für dich.“
Trotz des Nuschelns klang sie streng und ließ durch ihr Laufen in die entgegengesetzte Richtung keinen Zweifel daran, dass sie Krolock schnurstraks zum Rudelplatz zurückbringen würde, ganz egal, wie der Kleine sich darüber beschweren würde. Sie hatte es eilig und absolut keine Zeit für Diskussionen über unerlaubte Nichtsanbellerei.
Shanis Kopf lag auf ihren Pfoten, der Blick ging glasig ohne etwas zu sehen in den Wald hinein. Seit dem Tod ihres Gefährten waren scheinbar nur ein paar Herzschläge vergangen, auch wenn sie nun endlich alles fassen konnte, verstanden hatte und doch nicht damit zu Recht kam. Hiryoga war für immer fort und sie war alleine. Alleine mit ihren Welpen, deren Vater er doch war, alleine in seiner Familie, in die er gehört hatte – nicht sie. Hätte es ihre Welpen nicht geben, Shani wäre fortgegangen. Mit keinem Ziel und ohne eine Richtung, vielleicht um auf dieser ewigen Wanderung zu sterben, vielleicht um irgendwo etwas zu finden, was ihr noch sinnig erschien. Doch sie hatte noch immer Kinder und sie würde sie nicht alleine lassen. Auch wenn ihre Kleinen sie nicht mehr brauchten und auch jetzt nicht bei ihr waren. Jumaana gab es noch, die Weiße hatte ihr viel geholfen und sie waren sich lang nicht mehr so fremd wie zuvor – Hiryoga konnte die jedoch kaum ersetzen. Shani war der weißen Freundin sehr dankbar, aber die Stunden, in denen sie doch alleine war und manche Träne vergoss, konnte jede Hoffnung und jeden Lichtblick verschlingen. Dann war sie einsamer als je zuvor und lag stumm herum – so wie jetzt. Nur manchmal, wenn etwas sie ablenkte oder störte, kam sie alleine aus dieser Lethargie und versuchte irgendetwas zu tun, um nicht länger in Leid zu schwimmen. Zu ihrem Glück geschah das jetzt. Es war ein Ast, der von dem aufziehenden Sturm von einem Baum gerissen worden war und der nun vom Wind über den Rudelplatz und geradewegs über ihren Rücken gezogen wurde. Sie erschrak, es hatte nicht weh getan, aber war unerwartet gekommen. Etwas perplex und wie gerade eben erwacht sah sie dem wirbelnden Ast hinterher, der schließlich gegen einen Baum prallte und dort, wie als wäre er von dem Schlag ohnmächtig geworden, liegen blieb. Shani schüttelte sich leicht, sah dann in den Himmel und beschloss, sich in den Wald zurückzuziehen. Hier würde bald ein Unwetter niederkommen und sie wollte kein leichtes Opfer sein. Schwerfällig und wie ein verletztes Tier erhob sie sich und tappte langsam auf die Bäume zu, trat zwischen zwei ersten Stämmen hindurch und hielt dann inne, als sie Jumaana alleine am Rande des Rudelplatzes, kaum zwei Wolfslängen von ihr entfernt sitzen sah. Ihre Schritte lenkten wie von alleine auf die Weiße zu. Ein schwaches Lächeln zu Begrüßung, mehr kam vorerst nicht. Nach einem kurzen Zögern setzte sich die Weiße neben Jumaana und schwieg eine ganze Weile, schließlich meinte sie dann doch leise:
“Ein Sturm zieht auf. Es wird keine schöne Nacht.“
In den leeren Worten stand die Bitte, Jumaana würde sie irgendwie beschäftigen, ablenken von Gedanken, die schon zu oft gedacht worden waren.
Kaum hatte das leise Winseln ihre Kehle verlassen, schon trampelte jemand mit seiner Stimme in den ruhigen und für Caylee intimen Moment hinein. Die Worte waren zwar leise gesprochen, bleiben der Welpin aber wie ein lauter Schrei im Ohr. Etwas erschrocken und verärgert wirbelte die Weiße herum und sah sich Cirádan mit seinen ungleichen Augen entgegen. Der kleine Sohn von Kaede war ein wenig seltsam und die Weiße wusste nicht so recht, was sie mit ihm anfangen sollte, aber sein eines Auge erinnerte sie so an ihre tote Mama-oder-so. Deshalb dachte sie auch immer an Kaede, wenn sie Ciradán sah, was die Situation aber jetzt gerade nicht besserte. Der Welpe war definitiv im falschen Moment gekommen, sollte doch niemand wissen, wie sehr sich Caylee vor dem Nichts fürchtete. Und wie er jetzt da so stand und in der Erde herumwühlte, als wäre er ein wenig doof, regte es die Weiße nur noch mehr auf.
“Ich hab gar nix, halt deine Schnauze aus meinen Angelegenheiten raus.“
Kaum waren die Worte draußen und hatten Ciradán getroffen, taten die der Weißen dann doch leid. Ihr dämmerte, dass ihr Bruder-oder-so eigentlich ja nett zu ihr gewesen war und sie normalerweise nicht der Typ dazu war, jemand nettes böse zu behandeln. Das passte nicht zu ihr. Also setzte sie eine nicht mehr ganz so grimmige Miene auf – ein Lächeln war das aber nicht – und suchte etwas, was sie ihn fragen und damit von ihrem Anschnauzen ablenken könnte.
“Es ist ziemlich windig, mh?“
Gut, das war ein miserabler Versuch. Und er wirkte ein wenig schräg, zuerst war sie fies zu ihm und dann redete sie über den Wind. Sollte er jetzt trotzdem wegrennen, war das eben doof aber auch nicht zu ändern. Sollte er bleiben … mh … wüsste die Weiße nicht wirklich, was sie mit ihm anfangen sollte. Er war komisch.
Stumm saß Chardím mitten auf dem Rudelplatz, den Kopf in den Himmel gestreckt und die grauen Wolken betrachtend. Es war immer alles grau da oben. Manchmal so grau, wie Avendals Fell, jetzt war er aber eher so dunkel, wie Atalyas Graupelz. Oma Banshee hatte mal gesagt, dass der Himmel eigentlich blau war, aber irgendwie war es sehr schwierig, sich das vor zu stellen, wenn man es noch nie gesehen hatte. Es regnete und der Schwarzweiße musste immer mal wieder die Augen schließen, wenn ihm Tropfen hinein fielen. Schließlich sprang Chardím mit einer schnellen Bewegung aus seiner Starre heraus und trabte los. Momentan war alles ein wenig bedrückt, das spürte er. Seine Anders-Mama Kaede war gestorben und alle waren traurig. Und jetzt weinte seine Anders-Mama bestimmt auch. Deshalb regnete es, so musste es sein. Und das nichts wurde auch immer größer. Chardím fürchtete sich nicht davor, aber er wusste, dass es sehr, sehr böse war. Es hatte seinen Onkel verschluckt. Auch deshalb waren einige traurig. Vor allem Turiéns Patin Shani. Die war ja mit seinem Onkel Mama und Papa von Jakash und Rakshee, also war das sehr schlimm für sie. Chardím sah sich nach ein paar Seiten um, entdeckte irgendwo Caylee und da war auch Ciradán. Auf der anderen Seite war Oma Banshee und ging mit Nyota weg. Der kleine Welpe blieb stehen und sah ihnen einen Augenblick lang nach. Der graue Wolf Akru folgte ihnen. Ein seltsames Gefühl machte sich in dem jungen Rüden breit, er konnte es nicht recht definieren. Es war irgendwie dunkel, wollte ihn hinter den Dreien herziehen. Murrend schüttelte Chardím den Kopf, als wolle er eine lästige Fliege loswerden. Nur schnell weiter gehen. Zum Glück entdeckte er da auch recht schnell seine Andersschwester Nerúi. Mit raschen Schritten war er bei der dunkelbraunen und zwickte ihr ins Ohr. Aber anstatt irgend eine Kampfansage, oder einen anderen Spruch verlauten zu lassen, setzte sich der Schwarzweiße dann einfach neben sie.
"Der Himmel weint."
Das hatte gesessen. Die Weiße hatte ihn zurecht gewiesen und Ciradán verstand nicht ganz, warum. Vielleicht war es auch nur der Schock, den ihre Worte hervor gerufen hatten. Wie angewurzelt blieb er vor ihr stehen, hielt die Luft an und hörte mit dem dämlichen Scharren auf. Hatte er ihr Verhalten etwa missverstanden? Brauchte sie etwa keine Hilfe? Das war ein schlechter Anfang – so würde er ihr ja niemals näher kommen oder sich mit ihr richtig anfreunden. Prima, wirklich dämlich von ihm. Er war einfach zu ungeschickt, oder einfach zu feige und ängstlich. Was es auch war, es hatte Caylee wütend gemacht. Verdattert suchte er nach richtigen Worten, vielleicht nach einer Geste, die passen könnte. Er wusste zwar nicht, was aus seinem Versuch zu lächeln passierte, aber es fühlte sich nicht nach einem Lächeln an. Eine hässliche Grimasse und der Weiße ließ es gleich wieder sein. Nur langsam hob er die ungleichen Augen vom Boden ab und fixierte die Weiße.
“`Tschuldige“,
presste er heraus. Wow, ja, das bewies wirklich Mut und Willen zur Besserung. Jetzt ließ er sich also schon wieder von den eigenen ängstlichen Gefühlen unterkriegen, das war richtig förderlich. Allerdings schien Caylee sich ein wenig besser unter Kontrolle zu haben, sie setzte eine freundliche Miene – aber kein Lächeln – auf. Windig? Schon, aber was tat das zur Sache? Er sollte lieber darauf eingehen, anstatt dumme Fragen zu stellen.
“Mh, schon. Stört aber nicht, finde ich“,
er lieb den Blick kurz über den See schweifen und blieb bei den Nebelschwaden des Nichts hängen. Noch immer war ihm dieses Phänomen unheimlich und undurchschaubar.
Krolock war bereit, würde nun angreifen und diesem dummen, einfältigen, nervenden und blöden Nichts endlich weh tun. Er würde es einfach umbringen und dann war es weg. Na ja, die Theorie war schon einmal ganz passabel, aber wie die Praxis aussah, würde er gleich erfahren. Der kleine Unterkörper duckte sich ganz flach in den Schlamm, das Hinterteil wackelte kurz, um das Gewicht richtig zu verlagern. Krolock setzte zum Sprung an – schwups. Ungläubig starrte er zu Boden. Er konnte fliegen, Tatsache. Es fühlte sich so an, als würde ihn ein unsichtbarer Faden einfach in die Luft ziehen. Fantastisch – aber hey, wieso weg vom Nichts? Es dämmerte dem Welpen, er konnte gar nicht fliegen. Er wurde mal wieder einer wertvollen erzieherischen Maßnahme unterzogen. Tyraleen. Die Mama von Caylee und Chardím und seinen anderen Höhlengeschwistern. Na prima. Das war wohl mal wieder ein Griff ins Sumpfloch. Allerdings war sich der Schwarze nicht ganz sicher, wie er reagieren sollte. Wäre es jetzt seine Mama gewesen – Engaya hab sie selig – wäre er wohl beleidigt gewesen. Aber es war die Tochter von Banshee; die Leitwölfin der er so viele und unschöne Dinge an den Kopf geworfen hatte. Er bereute es immer noch sehr. Es überwog trotzdem die Trotzigkeit. Er tat das Ganze schließlich auch für sie.
“Ich wollte das Nichts vernichten, wie man wohl unschwer erkennen konnte. Und hättest Du mich jetzt nicht aufgehalten, wäre es jetzt tot und alle wären wieder glücklich. Keiner müsste sich Sorgen machen und ich hätte eine gute Entschuldigung für Banshee“,
erklärte er. Das war total logisch, nachvollziehbar und systematisch. Ein reines Rüdendenken, würde Urion jetzt sagen. Tyraleen war aber kein Rüde, vielleicht verstand sie das gar nicht? Verwirrt blickte er auf, in die goldenen Augen. Kaedes Augen waren immer silbern gewesen. Er legte eine beleidigte Miene auf.
“Kannst Du mich runter lassen?!“,
protestierte er. Er war doch kein Welpe mehr, den man durch die Gegend tragen musste. Das war schon gut zu erkennen. Krolock war groß und stark geworden. Er überragte schon jetzt fast alle anderen Welpen. Mama hatte immer gesagt, er würde ein großer, starker und stolzer Rüde werden. Wenigstens das konnte er also einhalten. Viel mehr hätte er doch lieber das Nichts getötet und sich gerächt und alle glücklich gemacht. Wie damals Nightmare, der Caylee und ihn gerettet hatte.
“Ich wollte doch nur ein Held sein“,
gab der Schwarze leise zu. Dabei ging es ihm aber nicht um den Ruhm, sondern nur darum, dass Alle erkannten, dass er mutig war.
Wieder hatte Aryan nicht schlafen können – der brennende Durst hielt ihn stetig davon ab. Wohl auch mehr auch aus der Sorge heraus, er könne jemanden verletzten. Seine Tochter war bei ihm, dicht an seine Flanke geschmiegt. Er war Ihretwillen hier geblieben und setzte sich den seltsamen Blicken und Anschuldigungen aus. Natürlich trotzdem immer auf der Hut, dass er keinem Leitwolf begegnete und vor allem nicht seinem Bruder. Nach wie vor blieb er immer bedeckt, hatte nicht einmal Daylight aufgesucht. Der enge Kreis seiner seltsamen Verbündeten bestand aus seiner Aléya, Gani, Kengo und dem fremden Shaén. Das Alles war schon merkwürdig genug und eigentlich wollte er seine Tochter lieber in sicheren Kreisen wissen, aber er beschwerte sich nicht. Lächelte und hielt sich immer unter Kontrolle. Niemals ließ er sich auch nur einmal gehen, ließ den Gedanken keinen Freiraum. Seine Jagdzüge waren immer nur von kurzer Dauer und befriedigten ihn nicht gänzlich. Zu oft waren die Augen tiefschwarz und glühten heißhungrig hervor. Dem Ganzen war aber immer noch eine Steigerung aufzudrücken. Er hörte ab und an Gedanken und Worte, die nicht seine waren. Verstand die Zusammenhänge nicht und kannte dessen Ursache eben so nicht. Natürlich war ihm sofort der Gedanke gekommen, dass er wohl nun gänzlich den Verstand verloren hatte, aber da seine restlichen Emotionen und Einfälle recht normal; soweit das eben halt ging; waren, ließ er bald von seiner Theorie ab.
Und obwohl jeder Umstand an seinen Kräften zehren wollte, blieb er stark. Keine Erschöpfung. Das war wohl die Belohnung für sein Ausharren in seinem neuen, überaus interessanten Körper. Seine Geschwindigkeit war beeindruckend, die Stärke ebenso. Sein Geruch war leicht süßlich geworden und die Fähigkeiten eine Situation zu durchleuchten und das innerhalb weniger Sekunden, war ebenso spannend. Alles hatte seine Vor- und Nachtteile.
“So ist das eben“,
seufzte er und verdrehte die Augen dabei. Er fand es schade, dass Aléya so oft bei ihm war und damit all die wichtigen Welpendinge verpasste. Nicht, dass er sie nicht bei sich haben wollte, aber wäre es doch sinnvoller und etwas sicherer gewesen, wenn sie bei den anderen Welpen wäre. Dort könnte sie spielen, toben und vieles lernen. Und bei ihm war sie der ständigen Gefahr ausgesetzt, musste auf tolle Spiele verzichten und konnte keine Freundschaften knüpfen. Er war ein schlechter Vater.
“Ich kann ja noch lernen“,
wieder seufzte Aryan. Dabei die wieder sehr dunklen Augen auf den kleinen Fellball an seiner Seite gerichtet. Sie war schon jetzt schön und ihre tollen Augen waren einzigartig. Sie hatten die Farbe, die auch Aryan in seinem alten Leben gehabt hatte – fast als sei sie seine leibliche Tochter.
Er war unglaublich stolz auf sie.
Nerúi mochte die Wolken am Himmel nicht mehr. Atalya mochte sie schon, die ja gerne eine Wolke war, aber Atalya machte einen nicht so nass und verstecke auch die Sonne nicht! Wie gewöhnlich hatte sie sich unter ihren Mupfelbaum zurückgezogen, der zumindest rund um den Stamm den Regen aussperrte, aber auf Dauer konnte sie dort nicht bleiben - da passierte ja nichts! Ihr Blick suchte den verregneten Platz ab, und wieder fiel ihr auf, dass Mama - oder Mutter? Sie hatte das System zur Unterscheidung von Averic noch nicht ganz verstanden - Kaede weg war. Es war ein doofes, unschönes Gefühl, dass ihr weh tat und sie sich schwach fühlen lies. Aber wenn sie nicht daran dachte wurde es besser. Manchmal.
Widerstrebend trat sie auf den Platz hinaus, stellte sich den Wolken und dem Regen, und tappte ziellos geradeaus. Das böse Nichts war ganz groß geworden, und hatte ihnen einen großen Teil vom See geklaut. Nerúi fand das gemein. Wenn das doofe Nichts auch ihre Mupfel klauen wollte würde sie sie verteidigen! Auch wenn Papa Aszrem und alle Anderen dann auch gemein zu ihr waren und weggingen. Sie würde sie schon wiederfinden. Früher oder später. Ein gemeiner Angriff von hinten lies sie aus ihren Gedanken aufschrecken, aber nichts warf sich um oder gegen sie, wie sie es erwartet hätte. Chardím war zu ihr gekommen, und setzte sich einfach hin. Er sah nicht begeistert aus.
"Weißt du warum er weint?"
fragte sie, und überlegte einen Moment.
"Vielleicht müssen wir ihn trösten, damit er nicht mehr weint und uns die Sonne zeigt?"
Das wäre doch einen Versuch wert. Immerhin hatte das bislang ihres Wissens noch niemand versucht...
Alles war grau. Grau. Und. Nass. Ekelig. Richtig Ekelig. Amúr schüttelte sich aber das brachte auch nichts denn den stetigen Regen konnte man einfach nicht loswerden. Aber wenn man ihn nicht loswerden konnte, dann konnte man sich bestimmt ablenken. Zum Beispiel indem sie sich an jemanden anschlich und diesen ärgerte. Erstes und einziges Opfer - Atalya. Immerhin war ihre dunkelgraue Schwester die einzige in Reichweite und somit bestes potenzielles Opfer für einen Hinterhalt. Mit dem Bauch auf dem schlammigen Boden pirschte sie sich an die andere heran, ganz leise natürlich. Dann aber reckte sie den Oberkörper hoch, drückte sich ab und sprang mit einem lauten
"Kyaaaaahhhhhh"
auf Atalya's Rute, packte diese mit den Zähnen und zog daran. Ihre eigene Rute wackelte wild hin und her, während sie den Kopf schüttelte und versuchte auf dem rutschigen Boden halt zu finden
"If habf diff...jezf kommft du nieeee mehr lof. If maf deine Rute tot.“
knurrte sie gedämpft und wackelte herausfordernd mit dem Hinterteil. Immerhin wollte sie mit Atalya spielen
Chanuka saß regungslos mitten auf dem Rudelplatz und blickte sich um. Nur seine Augen huschten umher, beobachteten hier und da einen oder mehrere Wölfe, während seine Gedanken sich weit fort bewegt hatten. Leben und Sterben, Existieren und Verschwinden. Das Nichts hatte sich weiter ausgebreitet und seine Feder und somit seinen Lieblingsplatz verschlungen. Es war ihm nicht gelungen, sie zu retten. Ihren Untergang hatte er verschlafen. Im Grunde war die rote Feder an sich nicht wichtig. Sie war nur ein Ding, das ihm Isis geschenkt hatte. Der tatsächliche Wert lag in der Zeit, die er mit seinem Vater verbracht hatte und das geteilte Geheimnis, dass nun einfach aus ihrem Leben gerissen worden war. Vielleicht würden sie irgendwann einfach nicht mehr davon sprechen. Wieso sollte man sich einen Ort in Erinnerung halten, der nur so kurze Zeit da war?
Chanuka war froh, dass das Nichts keine Wölfe mehr gefressen hatte. Trotzdem war es nah, so nah, dass die Anwesenheit zu spüren war. Der kleine Schwarze konnte nicht sagen, was er im Bezug auf das Nichts spürte, vielleicht war es auch einfach nur die trostlose Atmosphäre, die über dem Rudelplatz hing. Der Regen verstärkte diese melancholische Stimmung nur noch, obwohl sich Chanuka nicht weiter an ihm störte. Sein Fell war nass, so nass, dass es nasser nicht werden konnte. Und immer, wenn etwas nicht schlimmer werden konnte, brauchte man sich nicht mehr darum zu kümmern.
Seufzend verlagerte er das Gewicht seines Körpers um, damit er wieder eine bequemere Position hatte. Der Tag versprach genauso trostlos zu bleiben, wie er angefangen hatte. Er konnte froh sein, nicht zu wissen, was herangenaht war. Dass seine Mama sterben würde, war ihm nicht bewusst. Allein deshalb war seine Stimmung, wie sie jetzt war, vorerst noch gesichert. Er bewegte sich zwischen einem ganz normalen Zustand der Grübelei und einem leichten Hauch der Traurigkeit. Kaedes Tod war nicht vergessen und auch nicht die Reaktionen ihrer Welpen, die in seinem Alter waren. Er würde mit ihnen aufwachsen, wie mit seinen Geschwistern. Für ihn machten die Blutsbande keinen Unterschied. Er fühlte sich allen gleich nah und gleich fremd. Er kannte seine Geschwister nicht besser und Kaedes Welpen nicht schlechter. Einzig Liel fühlte er sich ein bisschen näher, als den Anderen, aber auch sie war in diesem Augenblick unerreichbar weit fort. So mutig er sich zu ihr gewagt hatte, als ihre Mutter gestorben war, so verunsichert war er jetzt. Er wollte sie weder bedrängen, noch hatte er im Sinn, ihr nachzulaufen. In seiner begrenzten Erfahrung vertraute er darauf, dass sie irgendwann, wenn sie mit sich selbst im Reinen war, auf ihn zukommen würde. Das setzte natürlich voraus, dass sie seine Gesellschaft mochte und da konnte man sich nie sicher sein. Er hatte kein Talent dafür, in die Köpfe anderer Wölfe zu sehen, bezweifelte aber auch, dass irgendjemand diese Fähigkeit besaß. Letztlich waren sie alle auf ihre Art und Weise ein Geheimnis füreinander. Alle waren sich fremd, manche weniger, manche mehr. Chanuka empfand bei diesem Gedanken keine Traurigkeit. Es war ein unüberwindbarer Schutz, denn er hätte nicht gewollt, dass man in ihn hineinsehen konnte, obwohl er, wie die meisten Welpen, sein inneres nach außen kehrte und wenig davon verstand, wie man sich hinter einer Maske versteckte. Er zweifelte sogar an, dass es überhaupt jemanden gab, der sich perfekt verstecken konnte. Es gab womöglich nur ignorante Wölfe, die die Augen nicht weit genug öffneten. Sein Gefühl verriet ihm mehr, als sein Verstand ihm erzählen konnte. Für richtig und falsch gab es mehrere Perspektiven. Gleichzeitig kannte jeder die Regeln, wenn es darum ging, herauszufinden, was getan werden durfte und was nicht.
Langsam bewegte er den Kopf, um sich neuerlich ein Bild vom Rudelplatz zu verschaffen. Seine Mama hatte sich aufgerichtet – als er das letzte Mal zu ihr hinüber gespäht hatte, schlief sie noch. Er unterdrückte den Impuls, zu ihr hinüber zu laufen und beobachtete stattdessen, wie sie sich mit Nyota, seiner Großtante unterhielt. Nicht weit von ihm, aber doch etwas entfernt hielten sich Caylee und Ciradán auf. Sie waren mit sich beschäftigt und er war sicher, dass sie ihn nicht beachteten. Der Regen verschlang ohnehin jedes Wort und die meisten anderen Geräusche, so dass Chanuka sich nichts weiter daraus machte, dass jemand in seiner Nähe war.
Während er sich bewusster umsah, erspähte er auch Krolock und Tyraleen, die er nur noch schemenhaft erkennen konnte. Es wurde irgendwie nicht wärmer, doch was wusste er schon von der Sonne? Er hatte sie nie gesehen, lediglich erahnen können. Seit einer Weile schien es, als hätte das Nichts sie verschlungen, so wie so manchen Teil der Welt. Teile, die Chanuka noch gar nicht hatte kennenlernen dürfen. Und seine Feder.
Isis streunte nachdenklich über den Rudelplatz. Sie hatte Kaede nie richtig kennen lernen dürfen, sodass sie zwar trauerte, aber bei weitem nicht so sehr, wie die Wölfe, die sie kannten. Außerdem wusste Isis, dass Kaede nun in einer bessern Welt weilt und nur auf die anderen wartete. Die kleine Ägypterin ließ den Blick schweifen, erkannte einen kleinen schwarzen Haufen und steuerte diesen an. Es verwunderte die kleine Wölfin nicht, dass Chanuka vor ihr saß.
"Chanuka, es tut mir so leid, dass ich nicht früher Zeit für dich hatte. Hast du was schönes mit der Feder gemacht?"
Isis' Rute pendelte leicht hin und her, ließ sich dann auf die Hinterläufe nieder und lächelte Chanuka auf Wolfsart an.
Das Gespräch mit Averic hatte sie nicht vergessen, aber unabhängig davon hätte sie ihn eh bald gesucht. Über das Rudel schwebte eine seltsame Stimmung. Eine Stimmung des Neubeginns, aber auch des Abschiedes. Das Eine hing immer mit den anderen zusammen. Isis stupste Chanuka fröhlich an.
"Wollen wir was machen? Du kannst dir aussuchen was."
Takashi war noch zuletzt nach dem Tod Kaedes noch sehr traurig gewesen. Auch ihn hatte der Tod so sehr gerührt, dass er zuletzt noch in Tränen endete. Ein jeder Tod war ein großer Verlust für das Rudel und zutiefst bedauerlich. Schon so lange war er nicht mehr traurig gewesen. Damals, als ihn der Fluch unter Kontrolle hatte, hätte ihn kein einziger Tod eines Wolfes aus diesem Rudel interessiert. Schließlich hatte er damals auch immer und immer wieder gemordet und keine einzige Träne um die Opfer vergossen. Es war, als ob er nicht genau wissen würde, was er da tat. Als wäre er unwissend, was die Wölfe empfanden, wenn jemand starb oder gar auf schreckliche Weise ermordet wurde. Doch Takashi hatte keine andere Wahl als das alles zu tun und zu gehorchen. Der Fluch hatte sich fest in seinem Kopf verankert und befahl immer wieder. Es hatte sich in all der Zeit nie auch nur irgendeine Gelegenheit geboten, nach eigenem Willen zu handeln. Als hätte man den wahren Takashi eingesperrt und den Fluch über den Körper des starken Wolfs befehlen lassen. Er war das kaltblütige Monster gewesen, was er nun nie wieder sein wollte. Er war wirklich sehr froh, dass es irgendwann mal ein Ende gefunden hatte, obwohl dieser Tag ihn noch einmal in Angst und Schrecken versetzt hatte. Er hatte wirklich schreckliche Bilder und Ereignisse gesehen. Vielleicht Dinge, zu denen der Fluch ihn zunächst gezwungen hätte? Grausam und unvorstellbar! Er wusste, dass wenn er all das getan hätte, dass er sich irgendwann in ferner Zukunft dafür selber gehasst hätte. Wobei er zurzeit noch immer kein gutes Gewissen aufgrund seiner Vergangenheit hatte. Sie alle hatten ihm nichts getan und doch hatte er sie alle getötet. Jetzt, wo ihm so langsam bewusst wurde, was er getan hatte, bekam er ein komisches Gefühl. Er hatte viele Wölfe auf dem Gewissen – waren es vielleicht schon einhundert oder gar mehr? Aber das alles heißt dennoch nicht, dass er vor weiteren Kämpfen zurückschrecken würde! Er dachte lediglich nur daran, keinen Wolf mehr den lebenden zu entreißen. Doch ginge es darum, einen Wolf aus diesem Rudel hier – insbesonders Jumaana – zu beschützen, würde er vielleicht abermals diese Grenze überschreiten. Aber er wusste nicht, wozu er noch alles bereit war, wenn ihn der Fluch eines Tages wieder in seinen Bann ziehen würde. Doch daran hatte er noch nie einen Gedanken verschwenden wollen.
.oO(Ich habe es einfach nur genossen, wie mir das warme frische Blut die Lefzen herunter floss, über mein Fell glitt und schließlich auf den Boden tropfte. Immer dieser Blutrausch – ich konnte einfach nicht aufhören! Wie eine Sucht…und immer ging es weiter. Vor nichts und niemanden habe ich je Halt gemacht – auch wenn ich hinterher den kürzeren gezogen habe. Ich habe alle von ihnen bis aufs äußerlichste gejagt; fast zu Tode gehetzt!)
Heimlich schmunzelte der schwarze Hüne in sich hinein. Er war einfach zu glücklich gewesen, um über seine Vergangenheit traurig zu sein. Da das alles endgültig vorbei gewesen war, störte ihn das alles nur noch weniger als zuvor. Die Gewissheit, frei zu sein, beruhigte einfach so unendlich sehr. Das waren alles wirklich nur noch alte Probleme, die jetzt abgeschrieben waren. Viel mehr interessierte es Takashi jetzt, dass es Jumaana und den anderen des Rudels gut ging. Wo war Jumaana überhaupt? Wieder einmal in Gedanken vertieft, war er unter den Bäumen in der Nähe des Rudelplatzes hergelaufen und hatte seine Runden gedreht. Die Umgebung hatte er nur halbwegs wahrgenommen, weil er seine Gedanken wieder so sehr vertieft hatte. Es kam nicht selten vor, wo Takashi so sehr nachdenklich wurde. In letzter Zeit häuften sich die Situationen sehr, weil alle seine Erinnerungen mit großem Ansturm alle auf einmal wieder kamen. Viele Dinge hatte er sich selber schon gefragt, die ihm dann auch wieder spontan einfielen. Aber es war nicht immer wirklich einfach, alles zueinander zuzuordnen. Der schwarze Rüde ließ sich hier wieder einmal für wohl einige Zeit nieder. Hier unter seinem Lieblingsbaum umgeben von kleinen Büschen, Sträuchern und sonstigen Pflanzen fühlte er sich einfach nur wohl. Bloß störte ihn der Anblick des weißen Nebels, den man in verschiedenen Richtungen durch die Bäume hindurch erkennen konnte. Er hatte noch immer nicht vergessen, dass in diesem Nebel ein Wolf verschwunden sein soll – einfach nur schrecklich! Viel lieber sah er wieder in Richtung Rudelplatz. Er wurde sich jetzt wirklich freuen, wenn Jumaana in der Nähe auffindbar wäre. Natürlich würde er sich auch über jemand anderes freuen.
Ruhig lag die Graue auf dem Boden, zwischen den Pfoten die Feder ihres Paten. Atalyas Fell war vollkommen durchnässt, war aber auch nicht schlimm. Sie kannte es ja irgendwie nicht anders als trist und grau. Und seit Kaede nicht mehr da war, war das irgendwie alles noch schlimmer. Aber irgendwie.. war überhaupt alles nur grau. Der Himmel, die Stimmung. Aber wenigstens hatte Oma Bani Chanuka und ihr endlich etwas über die Götter erzählt. Das Ganze war ja schon interessant.. Mit einem kurzen Haps hatte die Graue ihre Feder zwischen den Zähnen, allerdings nur ganz vorsichtig. Die durfte ihr doch niemand weg nehmen! Und ihre Geschwister hatten ja alle selber ein Geschenk. Atalya hob den Kopf zum Himmel, beobachtete kurz die Wolken und ließ den Blick dann über den Platz schweifen. Da war Liam! Na also! Dann musste sie nicht mehr allein sein! Der Braune wußte sicher eine tolle Geschichte zu erzählen! Und vielleicht kam Madoc ja auch dazu. Dann konnten sie die Rudel Planung weiter machen! Ha! Mit einem Satz stand die Graue auf den Läufen, die Feder zwischen den kleinen Fängen. Gerade wollte sie los springen, um zu ihrem Paten zu laufen, als hinter ihr jemand schrie und wenige Augenblicke ihre Rute gepackt wurde.
“Hey!“
Erschrocken protestierend riß Atalya den Kopf herum und blickte ihre Schwester an, die ihre Rute im Maul hatte und vor sich hin nuschelte. Boa! Das war gemein!
“Von hinten angreifen ist gemein, bähhh! Und du kannst die gar nicht tot machen!“
Die Feder war aus ihrem Maul gefallen, wurde jedoch genau beobachtet. Ale paar Sekunden huschte der Blick der Fähe zu ihrem Geschenk, dann wieder zu ihrer Schwester. Atalya grinste breit, sprang mit einem Ruck vor, um sich direkt wieder um zu drehen. Ihre Rute war frei, also konnte sie angreifen. So schnell es ihr auf dem feuchten Boden möglich war sprang sie auf Amúr zu, gab dabei ein spielerisches Knurren von sich. Sie würde sich nicht einfach so geschlagen geben! Immerhin war sie furchtlos!
Natürlich wusste er, warum der Himmel weinte. Das war doch ganz logisch.
"Na, er weint, weil alle so traurig sind. Das macht ihn auch ganz traurig ... da muss Anders-Mama Kaede bestimmt auch weinen, da oben."
Chardím nickte seinen Worten bekräftigend zu, richtete den Blick in den Himmel. Wie immer war das glänzende Bernstein in seinen dunkelblauen Augen in Bewegung, waberte leicht und ruhig hin und her. Nachdenklich sprang der Schwarzweiße auf und umkreiste Nerúi zwei Mal, dabei den Boden ansehend, als ob dieser ihm eine Antwort flüstern könnte. Wie sollte man denn den Himmel trösten? Das ging doch gar nicht. Der Himmel hörte einen nicht, er hatte ja auch keine Ohren. Ratlos ließ er sich vor der Dunkelbraunen wieder auf die Hinterläufe sinken und sah sie etwas unglücklich an. Doch da ... ja! Da kam ihm genau die Idee. Seine Ohren schnellten nach vorne.
"Ich weiß was. Wir müssen die anderen trösten und aufheitern! Weil wenn die nicht mehr traurig sind, dann freut sich der Himmel bestimmt. Und dann müssen wir noch die Sonne suchen ... die doofen Wolken haben sie bestimmt irgendwo versteckt."
Suchend sah er sich zu allen Seiten um. Wo konnte man wohl etwas wie die Sonne versteckt halten?
Nerúi legte den Kopf schief. Diese Erklärung machte Sinn. Bis auf einen Punkt.
"Bist du auch traurig?"
Wollte sie wissen, und lief halb um ihren Bruder herum, um sich dann vor ihn zu setzen. So konnte sie ihn viel besser ansehen.
"Warum sagst du Anders-Mama? Kaede war doch eine ganz normale Mama"
...oder war ihr da etwas wichtiges entgangen? War sie vielleicht anders wegen ihrer seltsamfarbigen Augen? Aber er selber hatte auch sehr seltsamfarbige Augen, und war kein Anders-Bruder. Oder? Sie sah ihm nach als er um sie herum lief, und sich wieder vor sie setzte.
"Das ist eine gute Idee! Mit wem fangen wir an?"
Fragte sie, sprang auf und sah wedelnd über den Platz, auf der Suche nach einem geeigneten Opfer, das mit guter Laune überschüttet werden wollte.
"Vielleicht finden wir sie ja während wir die anderen trösten. Und wenn die Getrösteten dann mithelfen die anderen zu trösten, dauert es auch gar nicht lange bis alle getröstet sind!"
stellte sie begeistert fest, zwickte Chardím in sein zweifarbiges Ohr und machte einen Hüpfer, bevor sie sich wieder umsah. Wer am traurigsten aussah, dem musste man als erstes helfen.
Chardím überlegte, schüttelte dann aber den Kopf.
"Nein, eigentlich nicht. Aber irgendwie ist alles komisch, findest du nicht?"
Der Welpe drehte den Kopf, als auch Nerúi anfing um ihn herum zu laufen. Vielleicht fühlte sie sich ja auch so komisch. Und unruhig. Vielleicht lag es am Nichts?
"Ja, aber hm ... sie war halt eine andere Mama! Weil meine richtige Mama war sie ja nicht."
Auf ihre Frage hin sah sich Chardím wieder ganz genau um. Gute Frage! Mit wem sollten sie wohl anfangen? Die Wölfe, die in sein Blickfeld traten, sahen alle nicht fröhlich aus. Aber wer war am Traurigsten? Da war zum Beispiel sein Brüderchen Chanuka, der sah schon mal zieemlich niedergeschlagen aus. Aber zu ihm war grade seine Patin gegangen und die schien etwas fröhlicher. Vielleicht hatte Isis ja auch schon die Idee mit dem Aufheitern gehabt. Sein Blick wanderte etwas weiter. Richtung See meinte er seine Mama zu erkennen, mit irgendwas im Maul. Aber seine Mama war ja eigentlich auch nicht soo traurig ...
"Wie wäre es mit Shani?",
fiel ihm da ein. Immerhin war ja sein Onkel weg. Er nickte eifrig, das war eine gute Idee. Vielleicht fanden sie die Sonne ja während ihrer Mission, konnte alles sein! Und das mehr Getröstete mehr mittrösten konnten, erschien ihm auch sehr logisch. Chardím gab einen empörten Laut von sich, als Nerúi einfach so in sein Ohr zwickte und aufsprang. Schnell war der zweifarbige Welpe auch wieder auf den Beinen und rannte los. Nerúi wurde in die Seite gebufft, dann versuchte er Shani zu finden.
Es war ein seltsames Verlangen, von dem Jumaana erfüllt war. Ein Verlangen nach Zutrauen, Sorge und Freundschaft. Doch die weiße Wölfin riss sich zusammen und sah hinauf zum Himmel. Der Sturm riss den Bäumen die Äste aus dem Leib, als wären es seine Arme. Unaufhörlich prasselte der Regen auf die Wölfe hinab; fröstelnd saß Jumaana am Rande des Rudelplatzes, dabei war es eher warm als kalt. Wie sehr sehnte sie sich jetzt nach ein bisschen Wärme ... Nachdenklich saß sie neben einem Baum und schaute auf den Sternensee. Das sonst so ruhige Wasser schlug Wellen und sah aus wie ein Seeungeheuer, das kommen wollte, um sie zu holen. Niemand konnte Jumaana sagen, sie sei fantasielos, doch es war keine schöne Fantasie, die sie hatte. Feenkind kam und ging in ihrem Kopf, sie bereitete der Weißen Kopfschmerzen. Hilflos saß sie da und starrte auf den See hinaus.
Doch dann sah sie Shani Caiyé auf sich zulaufen. Doch immer wirkten ihre Schritte steif und mechanisch, nicht wirklich gesund. Ein sanftes Lächeln breitete sich auf Jumaanas Zügen auf, als die kleine Fähe sich neben sie setzte. Shanis Worte klangen in ihren Ohren etwas hilflos, trostsuchend und sie machte ihr die Freude. Doch bevor Jumaana auch nur die Schnauze öffnen konnte, kam Aarinath ihr bevor. Und die Worte, die sie Jumaana in ihrem Kopf zuzischte, waren alles andere als freundlich.
.( Oh, Deine tolle, neue Freundin hat also Angst vor dem Sturm … ).
Jumaana wollte ihr widersprechen, doch Shani würde sie noch für verrückt erklären, wenn sie mit der Luft redete. Eine andere Variante wäre aber auch, dass die weiße Wölfin ihre Antwort nur dachte, doch Feenkind würde sie sowieso nicht ernst nehmen. Also schwieg die Weiße und überging Aarinath geflissentlich.
“Wenn wir im Rudel bleiben, brauchen wir uns keine Gedanken machen.“,
sagte Jumaana zu der weißen Fähe und lächelte ihr aufmunternd zu. Wenn sie nicht an Hiryoga dachte, würde ihr der Sturm nichts ausmachen. Wenn sie nicht zu verletzlich ist …
.( Kannst Du nicht EINMAL an etwas anderes denken als an Deine tolle Freundin? ).,
zischte Feenkind, doch wieder beachtete die Wölfin sie gar nicht. Bis sie sich entschloss, zu widersprechen.
oO Ich weiß, dass Dir vieles schwerfällt, Aarinath, aber versuche einmal, Dich in meine Lage zu versetzen. Es gibt Wölfe, die ich liebe und gern habe und dazu zähle ich nun mal auch Shani. Auch Kaede lag mir unendlich nah am Herzen, selbst wenn ich kaum mit ihr gesprochen habe. Und auch Dein Sohn bedeutet mir viel, mehr als mein eigenes Leben. Akzeptier’ meine Meinung oder verschwinde aus meinen Gedanken. Oo
Jumaana fiel es kein bisschen schwer, ruhig und gelassen zu bleiben; das, was Feenkind sagte, konnte sie nicht provozieren. Ihr Stolz war unverletzt und durch eine Vision würde sie ihn nicht zerstören. Die Wölfin sah Shani von der Seite an. Sie sah besser aus, kräftiger und gesünder, aber doch nicht gut. Sie hatte einen Verlust gemacht, der ihrem Leben gleichgestellt war. Die weiße Fähe seufzte leise.
Dann sah sie einen Welpen auf sich zu hüpfen. Jumaana erkannte ihn sofort. Es war Chardím, der junge Sohn Averics. Und Tyraleens, doch seiner Mutter ähnelte er wenig. Er war ein aufgeweckter Rüde und wenn man ihn nicht kannte, konnte er einem mit seinem bizarren Aussehen Angst einjagen. Er hatte blaue Augen, in denen bernsteinfarbene Schatten tanzten und schwarzweißes Fell, das aussah, als hätte man Schnee mit Asche vermischt. Wunderschön. Jumaana lächelte dem Kleinen zu, es war nicht zu übersehen, dass er zu Shani wollte.
Fast schon schmollend hatte sich die Weiße dich an die Pranken ihres Papas geschmiegt, die Augen geschlossen und döste einfach nur ein bisschen vor sich hin. Der Schock über ihren dummen Fehler steckte Aléya noch immer in den Gliedern und seit dem Vorfall hielt sie sich ausschließlich bei Aryan auf. Dicht an seine Läufe gepresst und die Nase in seinem Brustfell vergraben. Bisher war es ihr nie wirklich aufgefallen, aber er hatte einen wunderbaren Geruch an sich, von dem sie kaum genug bekommen konnte. Ihr Papa war einfach toll! Genießend schmiegte Aléya die Wange dichter an das schwarze, seidige Fell, obwohl dies kaum mehr möglich war und sog den feinen Geruch in ihre Nase ein, wobei seine Fellspitzen an ihrer Schnauze fest hingen. Gekitzelt schüttelte sie nur leicht den Kopf, verzog das Gesicht ein wenig, amüsiert, rümpfte die Nase, um die Haare zu entfernen.
Es war ein schönes Gefühl, die Wärme und volle Liebe ihres Papas zu genießen, den sie nicht mehr missen wollte. Das er ab und an verschwunden war, hatte ihr am Anfang noch Angst gemacht, sie wollte nicht ohne ihn so nahe am Nichts sein, doch der liebe Onkel, wie Aryan ihn genannt hatte, war bei ihr geblieben, so dass es etwas erträglicher für sie war. Nun rollte sich die weiße Fähe zwischen den Pranken halb zusammen, mit einem leisen, wohligen Brummen in der Kehle und lugte von unten zu ihrem Vater auf. Führte er etwa Selbstgespräche?
„Was ist eben so, Papa?“
Noch ein wenig reckte Aléya den Kopf, um besser in sein Gesicht blicken zu können, welches so weit hoch oben lag, das sie kaum die Nasenspitze sehen konnte, wenn sie den Hals nicht so verbog, dass sie eine Genickstarre und seltsame Verrenkungen vollbrachte. Nach ein paar Versuchen ließ sie es auch bleiben, rollte sich nur wieder halb zusammen, ein Ohr immer aufmerksam zu ihm hoch gedreht.
„Was meinst du damit?“
, murmelte sie dösig, während ihre Gedanken schon wieder weiter wanderten. Es herrschte eine bedrückte Stimmung, denn die Mama von ein paar Welpen war gestorben. Schwer konnte sie sich in die Lage von ihren Spielkameraden versetzten, denn sie hatte nie Vater oder Mutter verloren. Auch wenn die Stimmung zwischen ihren Eltern sehr seltsam war. Generell kam es ihr komisch vor, denn sie hielt sich mit ihrem Papa immer fernab von den anderen aus dem Rudel auf. Ob dies einen bestimmten Grund hatte, den sie nicht kannte?
Das Leben war wie eine Sackgasse, fand Gani. War man einmal drin, gab es kein Zurück mehr. Die Graue hatte sich am Rande des Rudelplatzes niedergelasse nund träumte vor sich hin. Die schwer blutende Wunde hatte sie kurz zuvor mit dem klaren, kalten Wasser des Sternensees ausgewaschen, der jetzt tosende Wellen schlug. Akru hatte ihr einmal erzählt, dass Engaya dem Wasser des Sees ihre Kraft übertragen hatte, so dass das Wasser heilende Wirkung hatte. Ob sie das glauben sollte wusste die Graue nicht, aber sie hatte es trotzdem probiert. Doch wenn es so sein sollte, müsste es doch eigentlich aufhören zu bluten, aber noch immer quoll das zähflüssige, dunkelrote Blut aus der verletzten Pfote. Deswegen hielt sich die Prinzessin auch zwanghaft von Aryan fern, um ihm keine Schmerzen zuzufügen. Sie sah auf. Ihr Seelenbruder saß mit seiner Patenfähe weit entfernt des Rudels; damit auch weit entfernt von Gani, was diese gleichzeitig beruhigte und quälte. Ihre Augen waren längst nicht mehr so trüb und Akru hatte ihr ein Lächeln auf die Lefzen gezaubert, doch der Schmerz und die Angst saßen tief. Schweigend sah die graue Fähe zu Aléya und dem Schwarzen, dann erhob sie sich schwerfällig und humpelte zum Waldrand. Die Pfote brannte höllisch und deshalb ließ sich die Graue neben einen Baum plumpsen und seufzte. Erst dann bemerkte sie den schwarzen Rüden, der dort faul auf der Seite lag und alle Viere von sich streckte. Gani machte das Maul auf, wusste jedoch nicht, was sie sagen sollte.
"Das Wetter ist ... stürmisch, oder, Takashi!?",
fragte Gani Amíra bitter. Etwas dümmeres hätte sie ja wohl kaum sagen können. Das Wetter ist ... Stürmisch, oder, Takashi!? Wie konnte sie nur so fantasielos und langweilig sein. Die graue Wölfin könnte sich umbringen dafür, eine Klippe hinab stürzen, wie sie es einst mit ihren Eltern gemacht hatte. Sie könnte sich ertränken im heiligen Wasser des Sternensees oder einfach einfallslos ins Nichts rennen, wie der Gefährte der kleinen, weißen Fähe die da mit Jumaana am Rande des Rudels hockte. Oder sie könnte sich einfach nur in Aryans Nähe wagen und damit ihr blutiges Schicksal besiegen ... und und und. Die Fähe seufzte. Das Wetter ist ... stürmisch, oder, Takashi!? Gani Amíra knurrte.
Chanuka spitzte die Ohren und wandte den Kopf zu seiner Patin. Seine Starre hatte sich augenblicklich gelöst und die Augen wirkten mit einem Mal wacher und klarer. Ein wenig nachdenklich musterte er Isis, ohne auf ihre Frage einzugehen. Ob die Wölfin sehr beschäftigt gewesen war? Womit hatte sie so viel zu tun gehabt? Der kleine Welpe besaß bereits genug Anstand, um keine Fragen zu stellen. Im Gegenteil, er akzeptierte, dass es Isis Leid tat und dass sie sich wohl nun bessern wollte.
“Das Nichts hat sie gefressen.“
Erklärte er etwas trübselig. Die Feder war fort, für immer. Nach dem er es in Worte gefasst hatte, begann der Prozess der Akzeptanz, während er gleichzeitig unsicher wurde und in Isis Zügen nach Wut und Zorn suchte. Vielleicht war sie ihm böse, dass er so schlecht auf ihr Geschenk acht gegeben hatte?
Unschlüssig sah er die Wölfin an, als sie ihn fragte, ob sie etwas zusammen unternehmen wollten. Ihm fiel nicht ein, was er mit ihr hätte tun können, wo er sie doch eigentlich gar nicht kannte. Er wusste nicht, was sie mochte und was ihr wichtig war. Und er sehnte sich nicht nach den typischen Welpenspielen, denen seine Geschwister von Zeit zu Zeit nachgegangen waren. Die Stimmung im Rudel passte nicht zu ausgelassenem herumtoben.
“Isis, was genau ist der Tod?“
Fragte er nachdenklich. Etwas mit ihr zu machen, musste doch nicht in einer Handlung ausgeführt werden, oder? Sie konnten sich auch einfach unterhalten?
“Ich weiß, dass er endgültig ist und dass ein Wolf einschläft, ohne je wieder aufzuwachen. Das Herz hört auf zu schlagen und man atmet nicht mehr. Aber was genau ist der Tod und woher kommt er?“
Es war wohl ganz gut, dass sie sich zu ihm gesellt hatte und ihm half, die Fragen zu beantworten. Bisher war so wenig Zeit gewesen, das Geschehene zu verarbeiten. Wie immer hatte er zuerst versucht, selbst zu einer Antwort zufinden, ehe er jemanden mit seiner Neugierde und seinem Wissensdurst belästigte. Da Isis seine Patin war, glaubte er, dass es in Ordnung war, ihr solche Fragen zu stellen.
Als Chanuka Isis gestand, dass die Feder vom Nichts weg war, da lächelte sie ihn sanft an.
"Das ist nicht schlimm, Chanuka. Dann war es ihr so bestimmt im Nichts zu verschwinden."
Isis legte sich zu dem schwarzen Welpen, als sie seine sonderbare Frage vernahm. Obwohl, so sonderbar war sie nicht, denn nach Kaedes Tod mussten auch die Kleinen dieses Ereignis verstehen lernen, aber nun stand die Ägypterin vor einem Dilemma. Welchen Glauben sollte sie erzählen? Sie entschloss sich dennoch für den ihrigen. Hier wusste sie besser bescheid, außerdem waren die Unterschiede nicht sehr gravierend.
"Was du beschrieben hast, Chanuka, sind Erscheinungen des Todes um diesen an einem Lebewesen festzustellen. Weißt du, vor sehr sehr langer Zeit gab es Nichts. Das gleiche Nichts, wie dieses hier. Aus diesem Nichts entstand irgendwann Leben, aber keiner kann heute mehr sagen, warum und wie. Nun stell dir aber mal vor niemand würde Sterben. Irgendwann hätten die Neugeborenen keinen Platz mehr, also kam der Tod, ein Bruder des Lebens, und holt sich die Wesen, die zu Sterben bestimmt sind. Die Seelen verlassen die Körperhüllen und begleiten den Todesgott zu einem Gericht. Vor diesem Gericht wird das Herz in eine Schale gelegt. Auf einer anderen Schale liegt eine Feder. Es wird nun gewogen ob das Herz schwerer als die Feder ist oder leichter. Wenn es leichter ist, dann darf die Seele in die gute Welt, wenn es schwerer ist, wird die Seele gefressen.
Es klingt grausam, aber wenn man sich bemüht mit besten Gewissen zu leben, dann ist es nicht schwer ein leichtes Herz zu haben."
Isis betrachtete Chanuka, ob dieser etwas verstanden hatte, dann stupste sie ihn sanft mit der Schnauze an.
"Frag ruhig, wenn dir etwas unklar ist. Das meine ich jetzt nicht nur zu dieser Frage, sondern wenn dir generell etwas unklar ist. Neugierde hilft dir das Leben zu verstehen."
Isis meinte dies ernst, denn sie wollte natürlich immer ein offenes Ohr für ihren Paten haben.
Dass Atalya sich so schnell befreien würde, machte die hellgraue Welpin wütend. So hatte sie das aber nicht geplant. Mit trippelnden Schritten wechselte sie den Standpunkt und entging so nur knapp der Attacke ihrer Schwester. Aber immerhin. Atalya hatte sie verfehlt. Das war schon mal ein guter Anfang. Amúr bleckte spielerisch knurrend die Zähne, stellte Ohren und Rute auf und duckte sich. Dann erst preschte sie über den schlammigen Boden auf die dunkelgraue zu und verbiss sich in deren Ohr. Natürlich nicht feste, aber doch so fest dass Atalya sich nicht befreien konnte.
"Hab diff..."
Grummelte sie und zog den Kopf nach hinten, bis sich Atalyas Ohr in ihre Richtung anspannte und sie stemmte die Pfoten gegen den rutschigen Boden. Hin und herspringend versuchte sie ihre Schwester zu Fall zu bringen um endlich zu beweisen dass sie stärker war. Der Ausgang des Spiels stand aber noch nicht fest, es war noch ALLES möglich.
Also musste sie aufpassen und Atalya fest im Griff behalten
Tief war Takashi in seine Gedanken versunken. So sehr, dass er die anderen Wölfe auf dem Rudelplatz nur als verschwommene Schatten wahrnahm. Inzwischen hatte er sich auf die Seite gelegt und sah so wie ein braver Haushund aus. Doch das war er noch lange nicht, obwohl er nicht mehr verflucht war. So, wie er es oft tat, streckte er seine langen Beine zur Seite; so empfand der schwarze es einfach am gemütlichsten. Die Augen halb geschlossen in die Ferne starrend, schien er gar nicht ansprechbar zu sein. Als wäre er mit seinen Gedanken in eine andere Welt getaucht, in der es so zuging, wie es sich in seinen Gedanken abspielte. Immer, wenn er alleine war, dachte er so unglaublich viel an seine Vergangenheit. Das schlechte Wetter störte ihn dabei gar nicht. Hier unter seinem tollen Lieblingsbaum war er Regen- und Windgeschützt. Der große Baum mit den unzählig vielen grünen Blättern hielt das herabfallende Nass von seinem Fell, die kleinen Sträucher um ihn herum ließen den Wind nicht allzu heftig über die Bodengegend fegen. Nur sanft glitt das bisschen Wind durch sein bereits zerzaustes Fell, was ihn aber nicht weiter störte. Langsam hob und senkte sich der Brustkorb des Hünen immer und immer wieder. Warmer Regen war etwas Sonderbares.
.oO(Und wie ich mich noch daran erinnern kann! Als wäre es gestern geschehen…ein grausamer Tag! Beinahe hätte ich ein ganzes Rudel ausgerottet! Zuerst habe ich mich an den Schwachen und Kranken vergriffen. Habe mich fest in dessen Fell und Fleisch verbissen und sie an Bäume und kleine Felsen geschleudert. Sie schrieen vor Angst, keuchten vor Schmerz und wagten sich kaum noch zu bewegen. Ich hatte wirklich ein leichtes Spiel mit ihnen! Als sie dann blutverschmiert, Blut spuckend und mit aufgeplatzten Körpern zu Boden gingen, riss ich sie auf brachte ihre Herzen hervor. Der sandige Boden war nicht mehr feinkörnig, sondern matschig von all dem Blut, meine Pfoten getränkt in die rote Flüssigkeit. Das Blut spritze und floss aus ihnen hinaus und war unaufhaltbar. Mein Fell war schon lange Blutverschmiert und –verklebt. Von den Lefzen herab tropfte es in mein Fell, die Beine hinab, auf den Boden. Ich war unaufhaltbar; ich schlug sie alle zu Boden. Ich schlug und biss mit dem offenen Fang um mich und erwischte sie alle. Einige überlebten, jedoch tödlich verletzt. Wahrscheinlich sind sie irgendwann verblutet. Es ging weiter und weiter, schien kein Ende zu nehmen. Bis ich dann den ranghöchsten Gegenüber stand. Ab da hatte ich verloren, wollte es nicht für wahr haben. Alle drei gingen wutentbrannt auf mich zu – verständlich. Mein Atem war schnell, große Anstrengung hatte die Ausrottung gekostet. Mein Fell schien schwer, ich trug das geronnene Blut wie eine Art Trophäe an mir. Dann…!)
Des schwarzen Gedanken stoppten abrupt. Was könnte ihn jetzt noch aus der Ruhe bringen? Langsam schwand der Film, der sich zu realistisch in seinem Kopf abgespielt hatte. Er wachte aus seinem Halbschlaf auf; aber warum bloß? Er roch sie wieder, die rote Substanz, die durch jeden Körper floss; Blut! Beinahe gierig und aufgescheucht weiteten sich seine Augen. Er roch das Blut, näher bei sich, als es eigentlich war. Schnell und ruckartig versuchte er sich aufzurichten. Aber sein linker Vorderlauf schien etwas taub und begann schrecklich zu kribbeln. Etwas unsanft sank der Rüde wieder auf die Seite, richtete aber Kopf und Ohren aufmerksam auf. Im Sternensee hatte sich ein rötlicher Schleier großräumig ausgebreitet. Wer blutete hier? Erst jetzt sah er, dass sich eine ziemlich bekannte in seiner Nähe nieder gelassen hatte. Verdutzt wanderten die tiefblauen Augen zu Gani – Gani Amíra – hinüber. Sie gab einen Kommentar zu der jetzigen Wetterlage ab. Zuerst meinte er, schweigen zu sollen, die Fähe zu ignorieren.
“Ja, dass Wetter ist zwar ein wenig stürmisch, aber hier ist man relativ sicher. Dieser Baum und die Sträucher bieten einen gewissen Schutz bei solchen Wettern. Aber von hier aus kann man so vieles beobachten; mein Lieblingsplatz!“
Takashi schmunzelte heimlich. Was erzählte er ausgerechnet dieser Fähe davon? Vor einiger Zeit hatte er einmal Streit mit ihr gehabt oder war einfach nur nicht gut mit ihr ausgekommen. Was war da doch gleich gewesen? Ging es denn da nicht auch um diese Wunde, die sie noch immer trug? Tropfen um Tropfen nahm er in Augenschein. Gani knurrte…ihn an? Daraufhin warf der Schwarze der Grauen nur einen bösen Blick zurück.
Nyotas Wärme legte sich wie eine schützende Decke um Banshees Schultern. Wie immer erfüllte die Anwesenheit ihrer Schwester die Luft mit Kraft und Zuversicht, aber heute reichte sie nicht mehr aus. Sie war nicht mehr genug für sie beide – die Weiße hatte kapituliert, sich ergeben. Jetzt, da die Entscheidung gefallen war und sie sich nicht mehr an Nyotas Stärke klammerte, fühlte es sich nur noch warm an; jemand an ihrer Seite, der jeden Schritt mit ihr ging. Und auf ihre Kinder und Kindeskinder achten würde, auch jetzt in diesem schlimmen Sturm, der nicht nur das Land verschlucken würde. Wie selbstverständlich hatte sich die Schwarze an ihre Seite begeben und hatte in den langsamen Takt ihrer schwachen Schritte eingestimmt. Sie meinte die Worte, die Nyota stumm sprach zu hören und ein Lächeln legte sich in ihr Herz. Bis an die Oberfläche vermochte es nicht zu dringen, aber es strahlte wie ein schwaches Schimmern durch ihre Augen. Wieder wollte ein unerschütterliches Gefühl der Stärke sie durchdringen, als könne sie mit Nyota an ihrer Seite selbst den Tod besiegen – bis sie wenige Herzschläge später wieder akzeptierte und die Kraft ihrer Schwester ihr zurückgab. Akrus Anwesenheit hatte sie schon gespürt, als sie zu der Schwarzen gekommen war, jetzt wusste sie ihn ganz nahe – ihr Versprechen hatte sie nicht vergessen. Langsam blieb sie stehen, wandte sich wieder Nyota zu und hob schwer den Blick in die goldenen Augen.
“Darf ich dich noch ein letztes Mal etwas bitten? Deine Gedanken werden meine Schritte stärken, aber deine Stimme braucht meine – unsere – Familie. Ruf sie, sag ihnen, dass ... dass sie kommen sollen, dass ich mir nichts mehr wünsche, als sie alle zu sehen. Ein letztes Mal. Ich habe jemanden, der mich begleitet und er ist gut.“
Noch einmal hatte sich eine Festigkeit in ihre Stimme gelegt, die von alter Kraft einer Leitwölfin zeugte. Sie hatte noch immer Entscheidungen zu fällen, Versprechen zu halten und Akru war derjenige, der mit ihr den richtigen Weg suchen sollte. Auch wenn sie das nur durch Nyotas Kraft konnte. Sanft berührte sie ihre Schwester an der Lefze, wünschte sich, dass sie verstand, dass sie nicht fortgeschickt wurde, dass sie nicht unerwünscht war. Nyota war immer an ihrer Seite, aber ihre Präsenz brauchten andere. Voller Liebe drückte sie noch einmal ihre Schnauze an die ihrer Schwester, dann ging sie langsam weiter, rief Akru im Stillen und hoffte, ihn gleich bei sich zu spüren.
Chanuka dachte darüber nach, ob seine Feder wirklich dazu bestimmt gewesen war, im Nichts zu verschwinden. Vielleicht wäre es nicht geschehen, wenn er sie nie geschenkt bekommen hätte. Dann wäre sie nie dort am See, über dem nun das Nichts hing, eingepflanzt worden. Wenn Isis sie behalten hätte, wäre sie vielleicht noch ein Teil dieser Welt.
Aufmerksam lauschte er ihren Worten über den Tod und das Leben. Sie sprach davon, dass irgendwann jeder seinen Platz im Leben hergeben musste, damit weitere, jüngere Wölfe nachkommen konnten. Es war wohl nur fair, denn wenn niemand starb, wäre der Rudelplatz zu Treffpunktzeiten noch voller und das Rudel noch verwirrender, in seiner Größe. Aber außer den zwei Gegenstücken, Leben und Tod, sprach Isis auch noch von einer Schale, gar von einem Gericht, dass am Ende des Lebens, oder eher Anfang des Todes darüber entschied, was mit der Seele geschehen würde. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter, bei der Vorstellung, im Leben versagt zu haben und dann gefressen zu werden. Viele Fragen mischten sich in sein banges Nachdenken und als Isis ihn schließlich einlud, sich weiter nach allerlei Dinge zu erkundigen, nahm er ihr Angebot an.
“Eine Feder? So eine Feder, wie du mir geschenkt hast?“
Platzte es als erstes aus ihm heraus. Mit großen, fragenden Welpenaugen blickte er seine Patin an. Er war nicht sicher, ob er ihre Geschichte deshalb als so gruslig befand, weil der Tag heute so grau und düster begonnen hatte, oder ob es doch an ihrem Inhalt lag.
“Wer entscheidet denn, ob sich ein Wolf genug bemüht hat? Und was geschieht, wenn die Seele gefressen wurde?“
Erneut schauderte er. Er wünschte keinem Wolf der Welt, dass seine Seele gefressen wurde. Ihm schien das Aufwiegen zwischen Feder und Herz sehr ungerecht. Eine Feder wog doch nur ein bisschen mehr als Nichts! Oder war die Feder der Geschichte schwerer, als die, die ihm Isis geschenkt hatte?
Tyraleen wurde erst im Nachhinein klar, wie kurz vor knapp sie gekommen war. Krolock hatte wirklich so ausgehen, als wolle er sich geradewegs ins Nichts stürzen – nicht noch einen Verlust in dieser kurzen Zeit. Und noch dazu einen so vollkommen sinnlosen. Ziemlich plötzlich setzte Erleichterung ein und sie dankte stumm Engaya, dass sie sie auf diese Pfade geführt hatte und sie im richtigen Moment am richtigen Ort hatte sein lassen. Krolock dagegen schien voll von sich überzeugt und begann sich nun zu beschweren, dass er doch alle hätte erretten können. Seine Vorstellungen klangen schön und ihr wurde klar, dass sich der kleine tatsächlich nur das Beste für das gesamte Rudel wünschte – aber er schien noch nicht begriffen zu haben, in was für eine Gefahr er sich da begeben hatte. Erstmal forderte er nun, hinunter gelassen zu werden, was einer Unterhaltung und Belehrung sehr förderlich war, schließlich konnte sie mit einem Welpen im Maul nicht direkt gut reden. Sie hielt also kurz im Laufen inne und setzte Krolock auf den Boden, blieb aber mit ihrer Schnauze ziemlich nahe vor seiner und sah ihn streng an.
“Ich lasse dich selber laufen, aber ich habe es sehr eilig, wir müssen schnell zum Rudelplatz. Also lauf so schnell du kannst und wenn du versuchst wegzurennen, werde ich dich schnell wieder haben und dann die ganze Zeit tragen, okay?“
Sie wartete keine Antwort ab, sondern setzte sich schon wieder in Bewegung und war froh, als Krolock ihr folgte. Jetzt also die Belehrung, eine ziemlich wichtige Sache, schließlich würde ihn nicht immer jemand vom Nichts pflücken können, wenn er sich dauernd fortschleichen würde.
“Krolock, das Nichts kannst du nicht durch anspringen besiegen. Weder du, noch irgendjemand anderes aus dem Rudel. Hättest du das gemacht, wärest du einfach hinein gefallen und dann wärest du nie wiedergekommen. Du wärest einfach weg – nicht tot, nicht bei deiner Mutter – sondern weg. Deshalb darfst du das nie wieder machen, ja? Nie, nie wieder. Versprich mir das. Ein Held kannst du auch sein, wenn du jetzt für deine Geschwister da bist, sie brauchen einen starken Bruder.“
Tatsächlich wurden Wölfe wie Krolock gebraucht, auch wenn er noch so klein war. Er war stark, mutig und selbstbewusst. Er wollte das Beste für eine Familie und das Rudel und sicher würde er eines Tages ein großer Wolf werden. Aber natürlich nur, wenn er sich vorher nicht ins Nichts stürzte.
27.12.2009, 11:46
Ciradáns Reaktion auf Caylees unfreundliche Zurechtweisung fiel ein wenig schräg aus. Er schnitt eine Grimasse, die die Weiße weder als Lächeln, noch als bösen Blick identifizieren konnte und entschuldigte sich dann leise. Er tat ihr augenblicklich leid. Sie war wirklich gemein gewesen und gemein war sie eigentlich nur zurückgemein. Sonst war sie immer lieb. Fieberhaft überlegte sie, wie sie das nun wieder gut machen könnte und kaute dabei etwas unsicher auf ihrer Lefze herum. Schließlich setzte sie ein schiefes Lächeln auf und stupste ihren Bruder-oder-so sachte gegen sie linke Schulter.
“Schon verziehen. Hab dich nicht kommen hören.“
Das war sogar ein Eingeständnis ihres Fehlers, wenn auch eher ein wenig versteckt und hoffentlich so, dass es der Weiße nicht bemerkte. Er ging immerhin auf ihren schrägen Versuch einer Ablenkung ein und so unterhielten sie sich über den Wind. Gut, Caylee redete gerne und wenn es nun über den Wind ging – warum nicht. Das Lächeln blieb auf ihren Lefzen.
“Naja, es fliegen lauter Sachen durch die Gegend. Außerdem ist es kalt.“
Ihr dämmerte, dass das irgendwie schwach und weinerlich wirkte. Sofort setzte sie eine überlegene Miene auf und wischte mit der Pfote durch die Luft.
“Aber das macht mir natürlich nichts aus, ist ja eigentlich spannend. Es liegt was Besonderes in der Luft, ich kann es riechen. Ein Abenteuer!“
Ihre Rute hatte begonnen hin und her zu wedeln und sie war ein paar Schritte hin und her gesprungen wie eine Kriegerin, die sich auf einen Kampf vorbereitete. Ein untrügliches Gespür sagte ihr, dass die Nacht nicht langweilig werden würde, auch wenn sich diese Ahnung auf eine ganze andere Art erfüllen würde, als die, die sie erwartete.
Vor dem Unwetter flüchtend, suchte Lucina Schutz unter den Bäumen in der Nähe des Rudelplatzes. Ihre Pfoten fühlten sich durch den Regen an, als wären sie selbst schon flüssig. Gegen ein bisschen davon hatte sie ja nichts. Im Gegenteil, ab und zu tat ein wenig Regen sogar gut. Aber direkt so vie auf einmal? Grausig. Einfach grausig. Und nass. Und ekelig. Und kalt. Und deprimierend. Und unpassend. Ja, unpassend wohl am meisten. Schließlich war es Sommer. Dieses Wetter gehörte einfach nicht in den Sommer. Als sie ihren Blick über den trist wirkenden Platz schweifen ließ, merkte Lucina, dass sie mit ihrem Missmut definitiv nicht alleine war. Keiner schien dieses Wetter zu begrüßen. Wo blieb der große, gelbe, warme, leuchtende Ball am Himmel, der sich Sonne schimpfte?
Sie schnaubte und trottete weiter in Richtung der schützenden Baumkronen. Die Nässe, die sich durch ihr Fell bis auf die Haut zog, bemerkte sie schon gar nicht mehr, hatte die Weiße sich doch mittlerweile schon so daran gewöhnt ständig nass zu sein. Was nicht hieß, dass es sie nicht trotzdem störte. Unter den Bäumen angekommen, schüttelte sie sich kräftig um wenigstens ein kleines bisschen von der Feuchtigkeit loszuwerden. Vergebens.
Als Lucina sich grade an einer halbwegs trockenen Stelle niederlassen wollte, hörte sie eine Art Knurren und lautes Patschen. Ihr Neugierde war wieder einmal geweckt und so folgte sie den Geräuschen. Ein paar Schritte weiter entdeckte sie zwei kleine Welpen die offensichtlich miteinander spielten. Eine dunkelgrau, die Andere grau-weiß...oder weiß-grau? Sie konnte sich nicht recht entscheiden welche Farbe überwog, entschied sich aber für eine höhere Weiß-Tendenz.
.oO(So drollig...)
Die Weiße wollte sich grade wieder umdrehen und gehen, um die beiden nicht zu stören, als sie eine Feder zu ihren Pfoten bemerkte.
.oO(Wo kommt die denn her?)
Verwunderte blickte sie hinab. Die Feder sah nicht so aus als wäre sie einem Vogel bei einem Kampf oder ähnlichem abgefallen. Lucina sah sie neugierig an, als würde die Information die sie suchte irgendwann ganz von allein kommen.
Nyota war langsam gegangen, ruhig und gemütlich, um Banshee nicht zu hetzen. Es fühlte sich gut an, an ihrer Seite zu gehen, es vermittelte ihr den Eindruck, sie könnten ewig so miteinander gehen. Vielleicht würden sie das bald wieder... Die Schwarze sah auf, als Banshee anhielt, und sanft fand sich ihr Blick in dem ihren ein. Ganz so, als seien ihrer beider Augen einzig dafür bestimmt sich anzusehen. Und obwohl es ihr misfiel ihre Schwester in diesem Moment alleine zu lassen, so stand doch ein Wunsch Banshees über jedem Zweifel.
Ihre Berührung genießend schmiegte sie die dunkle Schnauze gegen die ihrer Schwester, leckte ihr nocheinmal sanft über die Wange, und wand sich dann von ihr ab, sodass sie zeitgleich gegensätzliche Richtungen einschlugen. Nach ein paar Schritten auf dem Rudelplatz blieb sie stehen, hob den Kopf in den Regen und sah zu den grauen Wolken hinauf. Die Regentropfen würden ihre Tränen fortspülen, wenn sie sie nicht mehr zurückhalten könnte.
Erst nach dem ein paar Momente so verstrichen waren, öffnete sie die Schnauze und rief mit lauten Heulen in den schwärzesten aller Tage hinaus, und bat alle, deren Herz und Blut an Banshee hingen, sich ein letztes Mal um sie zu versammeln. Sie lies sich Zeit mit jedem Wort, und als sie verstummte, fiel der Regen noch genauso stetig auf sie herab wie zuvor. Als gäbe es kein Licht mehr über ihnen, weil ihr eigenes Licht verloscht...
Ihr Blick wanderte trüb über den Platz, vom Regen unscharf verschwommen, und mit leisem Seuftzen senkte sie den Kopf, schloss die nassen Augen und wand sich um, ohne sich in Bewegung zu setzen. Es verstrichen allzu viele Momente, bevor ihre Augen sich wieder öffneten, und sie wie von selbst den Weg einschlug, den Banshee zu vor gegangen war. Sie brauchte dafür nicht wittern, denn zwei Seelen fanden einander immer wieder...und ihre Läufe kannten den Weg.
Knurrend hielt die Graue weiter auf ihre Schwester zu, die sie so unfair angegriffen hatte. Hah! Von hinten angreifen! Wie konnte man nur so fies sein? Genau wie Nerúi! Die hatte sie auch von hinten angegriffen. Aber trotzdem würde sie gewinnen! Atalya überließ den Sieg keinem unfairen! Sie spürte den glitschigen Boden unter den kleinen Läufen, und dass sie ziemlich rutschte. Es sollte aufhören zu regnen! Es war alles nass und glitschig. Da konnte man nicht richtig kämpfen! Aber sie durfte sich nichts anmerken lassen. Sonst hatte sie ja schon verloren. Aber als Amúr plötzlich weg war, kam sie auf dem ekligen Boden auch nicht mehr zum stehen, und verfehlte die Graue. Oh nein, das war gemein gemein! Und schon hatte sie etwas am Ohr. Woa! Das ging ihr alles viiiel zu schnell! Ein leises Wimmern verließ die Kehle der Dunklen, ehe sie den Kopf schüttelte, um ihr Ohr zu befreien. Aber es schien alles nichts zu helfen. Das war nur wegen dem Boden! Sonst hätte sie Amúr jetzt besiegt! Atalya versuchte rückwärts zu gehen, um von der Umklammerung an ihrem Ohr los zu kommen. Aber bei dem nassen Boden unter ihren Pfoten erwies sich das als ziemlich schwer.
“Lass los!“
Die Graue schüttelte sich weiter, riß ihren Kopf immer wieder nach hinten. Und dann – mit einem Ruck und einem direkt danach folgenden war ihr Ohr frei. Frei! Mit einem triumphierendem Grinsen sprang die Graue noch etwas zurück, Sicherheitsabstand. Hah! Sie war wohl stark! Kaum einen Moment ausgeruht sprang sie schon wieder los und warf sich mit ihrem ganzen Gewicht auf ihre Schwester zu. Aber noch während des Sprunges wurde sie abgelenkt, rutschte aus und landete im Dreck. Mit großen Augen hob die jetzt dreckige Fähe den Kopf und sah die Weiße an, die bei ihrer Feder stand. Wuha! Ein kurzer Blick zu Amúr, dann stand sie auf den Läufen und machte einige Sätze auf die weiße Fremde zu. Wer war das? Und was wollte die mit ihrer Feder? Vergessen waren die Unfairheit ihrer Schwester. Kurz vor der Weißen blieb sie stehen, hob den Blick in die blauen Augen. Hmm.. solche Augen hatte ihr Papa doch auch. Oder? Mit einem weiteren Satz stand Atalya über ihrer Feder und blickte zu der Weißen hoch.
“Hey!“
Mit ernstem Blick versuchte sie besser in die Augen der Weißen zu blicken. Die waren alle zu groß!
“Ich bin Atalya die furchtlose! Und wer bist du? Kannst du machen, dass es aufhört zu regnen?“
Die kleine Rute wedelte leicht hin und her, aber nur ganz leicht. So viele fremde Wölfe. Und alle viel zu groß!
Tyraleen machte sich Sorgen, das wusste der Schwarze. Er mochte es nicht, wenn andere sich um sein eigenes Wohl sorgten. Da gab es Wölfe, die das eher brauchten. Krolock war stark und mutig. Man musste auf ihn nicht mehr aufpassen. Glücklicherweise setzte die Weiße ihn ab, ermahnte ihn kurz, dass er keinen Fluchtversuch starten solle und dass sie es eilig habe. Was gab es denn Wichtiges? Es weckte sein Interesse und so war er folgsam. Er hielt gut Schritt, musste zwar fast laufen, damit er auf gleicher Höhe blieb, aber das störte ihn nicht. Zuerst sahen die eisigblauen Augen nur auf den Weg vor ihn, aber als Tyraleen anfing zu sprechen, legte er sein Blick in die Höhe. Ein Runzeln legte sich auf die kleine Stirn. Es war schon seltsam. Wenig Welpe, und doch genug, um so zu wirken. Widersprüchlich, aber unheimlich passend für Krolock. Er war nun einmal ein Wolf, der jetzt schon die verschiedensten Gesichter aufsetzen konnte, ohne dass es Seine waren. Noch tat er es auch dem Unbewussten heraus.
“Ich weiß, dass ich es nicht durch Körperkraft besiegen kann und ich weiß auch, dass ich nur ein Welpe bin. Aber ich kann einfach nicht nichts tun. Ich hasse es, wenn ich nur zusehen muss. Mama hat es getötet, noch einige Andere hat es verschluckt. Wie soll ich mutig sein, wenn ich nur zusehe und nichts mache? Ich habe keine Ahnung, wie ich es sonst töten soll. Es ist ja nicht mal körperlich. Es hat keine Schwachstellen und es redet nicht mit mir – es ignoriert mich!“,
es war wieder ein Protest, diesmal ganz offensichtlich an den Feind gerichtet. Ein kurzer grimmiger Blick über die Schulter.
“Aber ich kann nicht für meine Geschwister da sein, sie brauchen mich nicht wirklich. Liel ist stark genug, zumindest tut sie so. Und Ciradán hat Angst vor mir – das soll auch so bleiben“,
er war nicht mehr als ein Flüstern. Aber man sah deutlich, dass der Schwarze nachdenklich geworden war. Er wollte nicht für seine Geschwister da sein, er würde sie nur enttäuschen. Wie er Mama enttäuscht hatte, wie Urion enttäuscht hatte und selbst Banshee war sauer auf ihn. Deswegen musste er das Nichts besiegen und weil die Rache endlich besiegelt wäre.
“Ich verspreche Dir, dass ich niemals wieder versuche, das Nichts an zuspringen“,
er lächelte.
Sofort glitt Akru an ihre Seite, berührte kurz ihre Flanke. Natürlich hatte er den Schwestern Zeit gelassen, hatte nicht hingehört und eben nicht hingesehen. Es ging ihn nichts an, er wollte nur in ihrer Nähe bleiben. Er hatte es versprochen. Der Regen benetzte sein Fell und durchtränkte es. Es hing glatt an seinem mageren Körper hinunter. Akru sah nicht gut aus. Übermüdet, dürr und schwach. Aber er war stark genug, um nun bei seiner weißen Freundin zu bleiben und sie zu geleiten.
Sie hatte ihn gerufen ohne Worte, und er war dem gefolgt – wie es ein guter Freund eben tat, wie er es damals getan hatte. Er ließ jegliche Trauer hinter sich, begrub die schlechte und traurigen Gedanken. Es war nicht wichtig, nicht für diesen Augenblick. Eine Weile schwieg er. Es wirkte unrealistisch. Als hätte man jedes Geräusch in Watte gepackt, als sei jeder Schritt übertrieben langsam. Dennoch fürchtete der Graue, dass es zu schnell war. Immer wieder setzte er einen Schritt aus. Sie gingen diesen Weg, obwohl es Beide doch nicht recht wollten. Oder war Banshee schon im Begriff nicht mehr gegen ihr Schicksal an zu kämpfen? Tat sie es schon lange nicht mehr? Egal, wie die Antwort auch war, es zählte nicht mehr. Und das wusste Akru, er musste sich daran halten. Sie hatten es sich versprochen – er würde es nicht brechen.
“Es scheint, als wolle auch der Himmel weinen“,
stellte er fest. Die müden Augen gen Himmel gerichtet. Die Tropfen fielen unaufhaltsam hinab, wie kleine dünne Fäden aus Wasser. Er hatte leise gesprochen. Die Worte suchten sich nur gequält den Weg durch den Regen. Fast schien er erstickt. Und obwohl er nicht weinen wollte, lief eine einzelne Träne seinen Fang hinab, mischte sich unter das Himmelswasser und versank im matschigen Erdboden.
“Du siehst unglaublich gut aus“,
es war keine Lüge. Obwohl jede Kraft aus ihrem Körper gewichen war und ihre Müdigkeit seine um Weiten übertraf, war sie immer noch wunderschön. Ihr weißes Fell strahlte durch die grauen Schleier hindurch, ihre Augen in einem fließenden Goldton. Vielleicht war es auch nur die Gewissheit, die sie so ruhig erstrahlen ließ. Und dann vergrub er seine Schnauze in ihrem Fell. Verharrte still und sog ihren Duft ein. Als er sich löste lächelte er matt. Legte den Kopf leicht schief.
“Ich bin für Dich da“,
das wusste sie natürlich, aber er wollte es ausgesprochen haben. Wollte es der Welt, den Göttern dem Rudel mitteilen – wollte es einfach nur in Worte gefasst haben.
Er war ihr grauer Freund.
Isis verzog die Lefzen zu einem Lächeln, als sie das Unbehagen von Chanuka sah. Sie fuhr ihm mit der Zunge über den Rücken und meinte mit sanfter Stimme:
"Als ich diese Geschichte in deinem Alter zum ersten Mal hörte, da erging es mir so wie dir, aber mit der Zeit lernt man zu verstehen."
Isis dachte über eine verständliche Antwort nach und stellte fest, dass sie weiter ausholen musste, als gedacht, aber nun hatte sie damit angefangen und konnte wohl keinen Rückzieher mehr machen. Sie wollte auch nicht.
"Also, in meiner Welt gibt es zwei große Götter. Sie heißen Osiris und Isis. Die Feder, die ich dir schenkte kam von der Göttin Isis. Sie ist das Leben, die Freude, das Glück. Ja, so eine Feder wird auch in dieser Waage liegen."
Ob Chanuka nun wissen wollte, warum sie zwei andere Götter, als Engaya und Fenris hatte? Wenn Tyraleen und Averic das mitbekamen. Bei Osiris, aber sie fand es auch ungerecht dem Kleinen irgendwas vorzuenthalten.
"Wenn du schlechte Taten vollbringst, dann wird dir dein Herz in der Brust schwer, deshalb ist es auch schwerer als die Feder. Aber schlechte Taten sind nicht Misserfolg oder Trauer, sondern morden oder andere schreckliche Dinge ohne Grund zu machen. Wenn deine Seele gefressen wird, dann bist du weg. Einfach weg, du wirst nicht mehr existieren. Aber, Chanuka, ich weiß, dass dir das nicht passieren wird, also brauchst du auch keine Angst davor haben."
Angst wollte sie dem Kleinen wirklich nicht einjagen.
Tyraleen war froh, dass Krolock gut mithalten konnte. Natürlich hatte sie ihr Tempo etwas gedrosselt – die Welpenbeine waren kaum zu weiten Sprüngen fähig – aber sie lief noch immer schnell genug, um den Rudelplatz bald erreichen zu können. Er lag schon die ganze Zeit in ihrem Blickfeld und auch wenn die Ereignisse aus dieser Entfernung harmlos und langweilig erschienen, bohrte sich das Gefühl, dass etwas Schreckliches geschah, immer tiefer in ihr Herz. Nebenbei musste sie sich jedoch auch um Krolock kümmern, sie hatten ein wichtiges Thema zu besprechen und sie spürte, dass es dem Schwarzen sehr nahe ging. Seine Worte klangen reifer, als er war und sprachen doch von den ehrenwehrtesten Eigenschaften eines Wolfes. Mut, Selbstbewusstsein, Stärke, Einsatz, Liebe und dem Wille, das Beste für sein Rudel zu erreichen. Doch leider war Krolock noch immer ein Welpe, verstand noch nicht alles und hatte es verdient, trotz dem Tod seiner Mutter, eine Kindheit zu haben.
“Krolock, das Nichts können wir nicht alleine besiegen. Wenn wir irgendetwas gegen es ausrichten können, dann nur gemeinsam, als Rudel. Wenn du uns helfen willst, es zu vertreiben, musst du lernen ein fester und wichtiger Teil des Rudels zu werden. Du musst lernen, dich stumm mit anderen verständigen zu können, in den Augen eines anderen lesen zu können, was er denkt und dir zeigen will und ... du musst vertrauen. Unerschütterliches Vertrauen in jedes einzelne Rudelmitglied. Das braucht Zeit und wenn du Kaede und unserer Familie helfen willst, dann versuche, diese Dinge zu lernen.“
Tyraleen hatte das Gefühl, dass Krolock für diese wichtigen Lehren des Zusammenlebens eigentlich noch nicht bereit war. Er war doch noch ein Welpe und hatte genug andere Dinge zu lernen.
“Aber vergiss nie, dass du noch Welpe bist. Du darfst auch sorglos und unbeschwert sein, du darfst auch manchmal alles vergessen. Nutze das, so eine Zeit wird nie wieder kommen.“
Die Argumentation, warum er nicht für seine Geschwister da sein konnte, klang logisch, auch wenn vielerlei Welpenfehler darin steckten. Liel tat nur so, als wäre sie stark und Ciradán hatte Angst vor ihm. Warum das so bleiben sollte, verstand die Weiße nicht, doch bevor sie fragen konnte, erlang ein Heulen durch den aufziehenden Sturm. Nyota. Und ihre Worte ließen das Blut in Tyraleens Adern erfrieren und lähmten ihre Läufe. Wie angewurzelt war sie stehen geblieben, lauschte jedem einzelnen Wort nach und wollte doch nicht glauben, was sie hörte. Rasend schnell schlug ihr Herz und ihre Brust hob und senkte sich tief vom Laufen. Die schlimmste all ihrer Ahnung hatte sich bewahrheitet. Ohne an ihr halbes Versprechen gegenüber Krolock zu denken, hatte sie den Schwarzen wieder im Nacken gepackt und sprang nun mit weiten Sprüngen am Ufer entlang – so schnell ihre Läufe sie nur tragen konnten. Es war anstrengend, hatte der Welpe doch schon einiges an Gewicht zugelegt und war sie doch schon eine groß Strecke gelaufen. Doch Angst und Entsetzen trieb ihre Pfoten weiter.
Seit jenem Tag hatte sich die Schwarze in Abgeschiedenheit und Schweigsamkeit geübt, doch war es wie immer nur die Ruhe vor dem Sturm. Ein letztes Mal war die Fassade der starken Jungwölfin gefallen, bis Amáya sich erneut zur Gänze verschlossen hatte. Die regenblauen Augen starrten auf den leeren See, der am anderen Ufer vom Nichts nach und nach verschluckt wurde. Wie sich das Gewitter am Himmel zusammen braute, so tobte und toste es auch in der Dunklen. Es brodelte unter der Oberfläche, die aus einem kalten, harten Material geschliffen einem Pokerface gleich war.
Abstinenz war das Stichwort für sie die vergangenen Tage gewesen und es war vollkommen richtig so, sie spürte es. Amáya musste ihre Gedanken sortieren, sich ordnen. Es hatte einige Worte gegeben, die sie aufgewühlt und auch nicht verstanden hatte. Es hatte nicht zueinander gepasst und ihre Leben waren verschieden. Trotz allem hasste sie nicht, sie verachtete nicht. Sie war nur unsagbar traurig. So traurig und betroffen, dass es schon wieder an Wut grenzte und die Fähe taumelnd zwischen beiden Gefühlen hin und her schwankte. Als würde sie eine mächtige Ausstrahlung umgeben, ließen sie alle in Ruhe, wohl in dem intuitiven Wissen, dass man dem Todesengel in dieser Stunde nicht zu nahe kommen sollte. Eine Barriere hatte sich errichtet, unüberwindbar, unsichtbar und doch so offensichtlich, dass sie schier greifbar erschien.
Der Regen fiel endlos vom Himmel, sickerte durch das reinschwarze Fell, rann ihre Schnauze hinab, wo sie ein paar Tropfen mit der Zunge auffing. Das Einzige, was sie behalten hatte: Sie liebte den Regen über alles. Als ein Ruf erklang, düster und doch voller melancholischer Klänge, sie alle aufrief und zugleich von größter Trauer berichtete, wandten sich zuerst nur die Ohren der Schwarzen in jene Richtung. Innerlich nagte an ihr der heiße Wunsch, dass es nicht passieren würde, würde sie nur dort liegen bleiben. Fenris würde nicht kommen und Engaya nicht ihre Tochter zu sich rufen. Nichts würde geschehen, solange sie selber nur hier liegen bleiben würde.
Wenn sie sich nicht rühren, sich nicht bewegen würde, wenn kein Haar sich krümmte und kein Muskel zuckte, wenn ihre Lieder starr blieben und selbst ihr Herz vergaß zu schlagen ...Es war natürlich Unsinn, das naive Denken eines Welpen. Amáya biss sich hart auf die Lefzen, schmeckte ein leichtes Blutgerinnsel und schloss die Augen. Es war nicht fair. Dieses gesamte Leben war einfach nicht gerecht und was passieren würde nicht gerechtfertigt.
Als wäre sie wieder nur eine Marionette, wurde die Schwarze wie an Fäden hoch gezogen, doch verzichtete sie darauf, sich auf zu richten.
Ihre Gedanken waren dahin gegangen, dass sie einfach hier bleiben würde, doch ihr Versprechen, welches sie Banshee, ihrer Mutter gegeben hatte, wollte sie halten. Langsam, Schritt für Schritt schlich die junge Erwachsene aus dem Schatten eines Baumes, abseits der Anderen, auf ihre dunkle Tante zu, die sie alle gerufen hatte und blieb in ihrer Nähe schweigend stehen.
Er hatte die Augen geschlossen, saß einfach so im Regen, lauschte den Tropfen, die stetig zu Boden fielen. Ein dunkler Schleier lag über diesem Tag, ein Schleier, der nichts mit den aschefarbenen Wolken zutun hatte, die seit je her am Himmel waren. Das hatte der tiefschwarze Rüde schon gespürt, als er Heute aufgewacht war. Face Taihéiyo hatte sich verhalten wie immer, sich irgendwo hin zurück gezogen, wo er zwar alles sehen konnte, aber doch abseits war. Dicht bei der Baumgrenze und doch noch auf dem Rudelplatz. Zuerst hatten seine saphirblauen Augen den Ort abgetastet, er hatte auf seine Art und Weise nach dem Rechten gesehen. Auch im Verhalten des Rudels schien Heute etwas anders zu sein. Die Stimmung aller schien irgendwie gedrückt, die Welpen auch nicht ganz so wach wie sonst. Doch machten sie eher einen verwirrten Eindruck, ja, wie sollten sie das alles auch schon verstehen? Face, er war sich irgendwo sicher verstanden zu haben und hatte die Augen geschlossen. Bis es so weit war.
Seine Ohren regten sich nicht, als schließlich Nyotas Stimme über das Tal – zumindest meinte er, dass sie so weit reichen musste – klang. Eine rabenschwarze Verkündung war in ihrer Bitte enthalten, die wohl jedem in Mark und Bein fahren würde. Face schlug die Augen wieder auf, schnell fanden sie die Schwester der Weißen. Ruhig erhob sich der tiefschwarze Wolf und trat zu Nyota. Er meinte, dass es plötzlich noch viel stiller geworden war und jedes Geräusch dadurch trotzdem so viel lauter. Die Erde wusste, was Heute geschehen würde.
Erst war da einfach nur das monotone Tropfen des Regens gewesen, das Tascurio in seiner gewöhnlichen Zufriedenheit eingeschläfert hatte, dann war da der Ruf einer Wölfin gewesen, durch den er aus seinen Träumen geschreckt war. Es dauerte eine Weile, bis sich sein Blick geklärt hatte. Sein Fell war völlig durchnässt, ohne dass er davon Notiz genommen hatte. Eigentlich hatte er im Sinn gehabt, den Regen einige Atemzüge lag zu genießen und dann eine Beschäftigung zu suchen, als er aus reiner Langeweile eingeschlafen war. Er schnaubte und wusste, dass er gerufen worden war, obwohl er eine Weile wünschte, dass es nicht so gekommen wäre. Was sollte er dort, mit den trauernden Wölfen, wo er an ihren Gefühlen nicht Anteil nehmen konnte? Er wollte sich nicht umgeben von seiner Familie wissen, die um Banshee weinte.
Lustlos, mit mäßig schlechtem Gewissen erhob er sich und folgte dem Ruf seiner Tante, den er zwischenzeitlich als solchen identifiziert hatte. Die Versammlung würde groß werden. Vielleicht blieb er in der Masse unentdeckt. Es wäre wohl sinnvoller gewesen, durch das nasse Gras zu schleichen und auf Entdeckungsreise zu gehen, doch es gab nur diesen einen Augenblick, um sich zu verabschieden. Alles andere konnte er an anderen Tagen noch tun. Tascurio schämte sich nicht, für seine mäßig vorhandene Traurigkeit. Er würde sie nicht heucheln. Es war, wie es war. Und der Tod blieb das Selbstverständlichste im Leben.
Empfindsam nahm er die bedrückte Stimmung wahr, die sich um die Leitwölfin gebildet hatte. Seine Patentante kam in Sichtweite und er war froh, dass er so wenigstens einen Platz hatte, an dem er bleiben konnte. Es wäre ihm doch sehr lächerlich erschienen, sich zu seinen Geschwistern und seinen Eltern zu gesellen. Zielstrebig trat er unter ihr hindurch, um sich dann zwischen ihre Pfoten zu setzen und an ihrem linken Bein anzulehnen. In dieser Position und wohlgemerkt schweigend, wartete er einfach ab, was passieren würde und musterte die sich sammelnden Wölfe.
Chanuka betrachtete seine Patin. Ihm wollte nicht einleuchten, wieso man als erwachsener Wolf soviel mehr verstand, als als Welpe. Nichts wusste er und wenn er etwas wusste, verstand er es doch erst, wenn er älter war. Er musste sich wohl einfach noch gedulden. Irgendwann würde sich auch für ihn das Geheimnis des Erwachsenseins lüften.
“Wieso heißt du denn wie die Göttin?“
Fragte er. Dass die Göttin und seine Patin nicht eine Person waren, hatte er aus ihren Worten geschlossen. Sie sprach von dieser ‚Isis’ nicht so, wie man von sich selbst sprach. Ihre Worte über die Feder stimmten ihn nachdenklich. Er bedauerte sehr, das Geschenk nicht besser behütet zu haben.
“Ich mag die Geschichte nicht.“
Erklärte er dann, offen und ehrlich, wie nur Welpen es sein konnten. An seinem Blick war zu erkennen, dass er noch darüber grübelte, wie er Isis am besten erklären sollte, wieso er die Geschichte nicht mochte.
“Ich finde, dass auch ein böser Wolf es nicht verdient hat, dass seine Seele gefressen wird…“
Chanuka brach ab, als Nyotas Heulen erklang. Sein Herz zog sich zusammen und er schrumpfte kaum merklich neben der Wölfin, mit der er sich gerade noch unterhalten hatte. Angst schlang sich um ihn und aus einer Befürchtung wurde hoffnungslose Gewissheit. Es war zu spüren gewesen, es war offensichtlich vor ihm gelegen, aber erst jetzt wusste er, was geschehen würde. Banshee würde sterben, so wie Kaede und alle Geschichten um das, was nach dem Tod mit einem Wolf passierte, verloren ihre Bedeutung. Sie machten es nicht besser, oder weniger schmerzhaft. Sie versuchten nur mit Verstand das Herz zu stärken, das ihm so schrecklich wehtat.
“Wir… werden uns ein anderes Mal unterhalten, in Ordnung?“
Fragte er bittend, ohne auf ihre Zustimmung zu warten. Er wollte seine Patin nicht vor den Kopf stoßen, aber es war nicht so wichtig, die Höflichkeit zu wahren, er wollte zu seiner Mama. Er wollte einfach nur zu ihr gehen und sich an die falsche Hoffnung klammern, dass sich alle irrten und sie bei ihnen bleiben würde. Die Welt um ihn herum war ganz dumpf geworden. Er hörte den Regen nicht mehr. Wer seinen Körper bewegte, konnte er nicht sagen, er hatte nicht das Gefühl, es selbst zu tun. Trotzdem fanden seine Pfoten zuverlässig ihren Weg, während er den Kopf gesenkt hielt. Er gesellte sich zu seiner Mutter und blieb stumm neben Face stehen, den er kurz mit leeren Augen ansah. Es gelang ihm nicht, zu ergründen, wen er neben sich sah, aber er beschäftigte sich auch nicht weiter mit dieser Frage.
Mit gesenktem Kopf hatte Liel darauf gewartet, dass diese Peinlichkeit vorüber gehen würde. Es war wirklich beschämend hier im Wald zu hocken und aus eigenen Kräften nicht mehr weg zu kommen. Hoffentlich versuchte Urion ihr nicht den Pelz gerade zu rücken, weil sie so dumm war und alleine in den Wald gegangen war.
Dann hörte sie, wie sich ihr ein Wolf näherte, rasch versuchte sie zu analysieren, wer dies sein könnte, denn ihr Papa war es gewiss nicht, ihre Familie konnte sie sofort erkennen. Sie kam zu dem Entschluss, dass sie den Wolf nicht kannte und blickte so etwas aufmerksamer in die Richtung, aus der er kommen würde. Dann stutzte sie und starrte den Wolf an. Sie war nicht fähig ihm sofort zu antworten, in ihrem Kopf wirbelten die Gedanken umher. Graue Augen, blind, nichts sehen, Mama, Mama, Kaede!
Ein zittern fuhr durch ihren Körper, es konnte nicht ihre Mutter sein, ihre Mutter war tot, dies hier war ein Rüde der eine weiße Fellpracht besaß. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Urion angelaufen kam und den Fremden sogleich spüren ließ, wer hier das sagen hatte. Sie musterte ihren Vater, der Fremde konnte von Glück sprechen, dass er ihn nicht sehen konnte, eigentlich wäre es ihr lieber gewesen, wenn auch sie ihn nicht sehen müsste, aber sie blickte ihn tapfer an, es war ihr Vater! Liebevoll schmiegte sie sich an ihn, nachdem er sie befreit hatte und ignorierte das Blut, welches sein Fell behaftete. Ein Puma, das klang unheimlich schön und aufregend, aber den Worten Urions konnte sie entnehmen, dass sie mit diesem Puma nicht würde spielen können. Schade eigentlich! Sie reckte sich zu der Schnauze ihres geliebten Vaters und leckte hinüber. Dann erst viel ihr erneut der Fremde ein, der wahrscheinlich noch immer auf eine Antwort wartete, obwohl seine Frage sich wohl erledigt hatte.
Sie mied es ihn anzugucken, seine Augen riefen zu viele Erinnerungen in ihr wach, von denen sie gerade geglaubt hatte, dass sie diese verarbeitet hatte. Dem war wohl nicht so. Sie seufzte leise auf und schmiegte sich noch ein wenig mehr an ihren Vater.
„Danke Papa, dass du so schnell hier warst und mich befreit hast!“
Sie lächelte ihn an, ihr Lächeln näherte sich immer mehr dem alten Lächeln, der Sonne, an. Unbewusst registrierte sie dies und ebenso unbewusst freute sie sich darüber.
Würde der Fremde nun, nach Urions Worten, mit ihnen zum Rudelplatz kommen, oder würde er wieder gehen? Sie folgerte, dass er wohl so oder so mit ihnen kommen würde, denn welcher Wolf würde, wenn er etwas im Schilde führte, das offen zugeben und sofort wieder umdrehen, wenn ihm noch nicht einmal richtig gedroht worden war. Erstaunt führte sie ihren Gedankengang weiter, damit hatte sie die Frage über das Böse, welche sie Ilias gestellt hatte mit eigenen Worten beantwortet. Nicht so direkt, wie er es getan hatte, aber nun wusste sie instinktiv, dass es diejenigen gab, die Böses taten, zumindest im Sinne der anderen.
Sie stellte ihre kleinen Öhrchen auf und unterließ das drehen dieser, als ein Ruf durch das Revier hallte. Nyota rief die Wölfe zu sich und Banshee, die der weißen Alphafähe nahe standen. Was hatte das zu bedeuten?
Ihr kam in den Kopf, dass Urion auch einige Wölfe gerufen hatte, als Kaede von ihnen gegangen war, ihre Mama, nicht nur eine Betafähe. Hieß das, dass Banshee ebenfalls sterben würde? Ein Schauer überlief den kleinen Körper, am liebsten hätte sie wieder aufgeschluchzt. Wegen dem Schmerz in ihr über die eigene Mutter und nun auch noch eine Mutter oder so. Schließlich war Banshee, warum wusste sie nicht genau, die Mama Chanukas gewesen, war es noch immer, aber bald würde sie wohl, wenn sie richtig lag, nicht mehr für ihn da sein können. Liel wusste, dass sie dann für ihn da sein würde, wie er für sie da gewesen war, jedoch nicht direkt bei Banshee, denn sie spürte, dass sie nicht zu den gerufenen gehörte. Kaede hätte wohl dazugehört, hätte sie nun noch gelebt. Sie straffte ihren kleinen Körper ein wenig, sie hatte ja noch ihren Papa!
„Wenn der Puma so gefährlich ist, sollten wir die anderen lieber schnell warnen gehen, aber auf dem Weg zurück können wir uns doch ein wenig unterhalten, oder?“
Sie blickte in die Augen ihrer Vaters und meinte ein wenig Wärme, ein wenig Liebe in ihnen erkennen zu können. Das freute sie. Sie begann loszulaufen, ein wenig vorneweg, der Puma war schon wieder vergessen. Sie kam an dem weißen Rüden vorbei und entschied sich, doch ein Wort an ihn zu richten.
„Wer bist denn du und kommst du nun mit uns mit? Ich bin Liel und steckte in der Wurzel fest, aber mein Papa hat mich schon befreit, trotzdem danke ich dir, dass du so schnell hierher gekommen bist“
Sie vermied es in seine Augen zu blicken und starrte so eher stumpfsinnig an ihm vorbei, auch begann sie sofort wieder weiter zu laufen, als sie mit ihren Worten geendet hatte, das kleine Herz in ihrer Brust hatte sich wieder gefährlich eng zusammen gezogen.
Sie wusste, dass zumindest ihr Papa ihr folgen würde demnach fing sie erneut an ihre Ohren im Kreis zu drehen und den Weg vor sich zu betrachten. Ihr Vater würde keine Probleme haben zu ihr aufzuschließen. Ganz in ihre eigene Welt versunken, achtete und bemerkte sie nichts, was sich außerhalb dieser abspielte. Sie wartete nur auf Urion.
Urion versuchte die Situation so gut wie möglich zu überblicken, jedoch spürte er, dass seine Konzentration so langsam nachließ. Das der Fremde mitkam, störte den Grauen nicht weiter, auch wenn er eine Auge auf ihn haben würde, denn immerhin tapste noch einer seiner Welpen herum. Urion ließ ein Grollen vernehem, als Zustimmung, dass der weiße Blinde mitkommen konnte, als Nyotas Ruf durch den Wald schallte.
Urion stellte die Ohren nach vorne. Er wusste, was dieser Ruf bedeutete. Banshee und Acollon würden gehen müssen. Der Verfluchte ließ ein sehr schweres Seufzen hören. Hätte er von Liels Ängsten gewusst, so würde er sie trösten, ihr sagen, dass es noch mehr Wölfe gab, die Kaedes Schicksal erleiden mussten, nichts mehr zu sehen. Der Graue schloss zu seiner Kleinen auf, fuhr ihr mit der Zunge über den Kopf. Es schien irgendwie alles grad besonders komisch. Der Wald schien zu verschwimmen, noch dunkler zu werden und der Regen bohrte sich mühelos durch Urions Fell. Er beachtete Ayv nicht weiter, sondern witterte in die Umgebung, ob das Pumaweibchen noch bei ihnen war und sie war es.
Ganz in der Nähe. Unmittelbar. Urion straffte seine Muskeln so gut wie er noch konnte, aber selbst die schmerzten schon.
"Natrülich können wir noch miteinander reden auf den Heimweg. Was möchtest du wissen?"
Urion blickte Liel sanft an, lächelte gar leicht, während jeder Schritt mit einem Mal schwerer wurde. Die geräusche in der Umgebung wurden abgedämpft und Urion blickte zu dem weißen Neuankömmling, ob er ihnen folgte.
Nicht mal mehr nur aus vorsicht, sondern ob er einfach noch bei ihnen war.
Es knackte im Unterholz, Liel war schon ein Stück voraus.
Knack... Knack... Ein Windzug schoss an Urion vorbei, ein gelber Blitz flog durch die Luft, ein Fauchen ertönte und Urion wirbelte herum.
Das Weibchen stand direkt vor Liel mit aufgerissenem Maul. Durch Urion ging ein einziger Ruck und er riss sein Maul ebenfalls weit auf, sodass seine scharfen Zähne zum Vorschein kamen. Sie musste Hunger haben und die Krankheiten in der Luft haben sie mutig gemacht.
Der Graue brauchte nicht lange um sich laut knurrend mit aufgerichtetem Fell zwischen dem Puma und Liel zu stellen, wobei er seine Tochter mit der Pfote zur Seite schob. Sie sollte sich verstecken und Urion wusste plötzlich, dass es sein letzter Kampf werden würde. Angst, er hatte Angst, denn nun war es wohl soweit sein Versprechen einzulösen. Der graue Rüde blickte starr auf das Weibchen, jedoch schüttelte sich sein Innerstes, bockte auf, wollte weiter leben. Es gab doch eine Möglichkeit den Fluch loszuwerden.
Und der Regen plätscherte weiter auf die Erde. Der Himmel weinte, dass er soviele Seelen zu sich holen musste. Soviele Seelen aufeinmal. Urion hörte in seinem Kopf immernoch Nyotas Ruf, hörte seinen Ruf, als Kaede ging. Würde Liel für ihn rufen? Die Wölfe, die ihm wichtig waren. Wusste sie das überhaupt? Sheena, Takashi, Krolock, Ciradrán. Sein Tod würde unwichtig im Angesicht von Banshees werden. Die Umgebung verschwamm vor Urions Augen, ganz scharf zeichnete sich das Weibchen ab, das nun einen Angriff startete.
Sie sprang ihm entgegen, Urion setzte ebenfalls zum Sprung an. Er schaffte es in der Luft ihr die Kehle anzureißen, aber sie war hungrig, sie würde kämpfen bis einer von ihnen tot war. Ein großer Wolf war eine viel bessere Mahlzeit. Urion grollte laut, er war wütend und umkreiste sich mit dem Puma, dann schnellte er nach vorne, landete auf ihren Rücken, während das Weibchen schmerzvoll aufschrie und ihn vom Rücken schleuderte. Der Graue flog quer durch die Luft, schlug unsanft auf dem Boden auf. Als er aufstand knackte es fürchterlich laut. Seine Schulter war gebrochen, doch der Graue würde nicht aufgeben. Es ging um Liel! Urion rannte frontal mit aufgerissenem Maul auf sie zu. Blut lief aus seinem Fell, tränkte seine Lefzen.
Beide Tiere verhackten sich ineinander, jeder grollte mal auf, sie bissen sich, rissen sich die Leiber auf und man konnte bald nicht mehr ausmachen, wer der Stärkere war.
Der Fluch, vom Blutgeruch, völlig entkettet quälte Urion innerlich, riss ihm die Seele auf, während er ihm trotzdem noch Kraft schenkte.
Urion bekam ein Ohr des Pumas gepackt, riss ein Mal kräftig dran und das Weibchen ließ von und verschwand im Wald. Das Blut vermischte sich mit dem Regenwasser, doch bald war mehr Blut, als Regen auf dem Boden. Es versickerte nicht, sondern bahnte sich seinen Weg über den Boden, drang in die Wurzeln der Bäume ein. Urion stand zittrig, mit hängendem Kopf und triefendem Fell im Regen. Man musste jeden Moment damit rechnen, dass er völlig normal, vielleicht etwas humpelnt auf Liel zuging und sie weiter zum Rudelplatz führte. Der Graue fühlte sich plötzlich so frei, nahm aber seine Umgebung nicht mehr war, nicht mal die Schmerzen. Aber zum ersten Mal wusch der Regen sein Fell von dem Blut frei, dass seit Jahren an ihm klebte. Sollte der Fluch wirklich sein Versprechen gehalten haben?
Urion hob langsam den Kopf, blickte sich um, aber wirklich wahr nahm er nichts mehr. Verwirrt blinzelte er, leckte sich etwas die Lefzen und ging ein paar Schritte. Er fühlte das Wasser auf seiner Haut. Es war so erfrischend. Er fühlte wieder etwas. Ihm kam es so vor, als würde er seit langem endlich wieder Leben, was sehen, was fühle. Er hatte wieder die Augen geöffnet. Urion lächelte leicht.
"Liel, Liel. Liebste Liel, kleiner Engel. Komm zu mir, es ist alles wieder gut."
Urion erkannte seine eigene Stimme kaum, aber es war sie wirklich. Es war die Stimme, die er vor dem Fluch hatte. War er wirklich das Wesen losgeworden. Plötzlich ging ein heftiger Ruck durch seinen schwachen Körper. Es war, als würde ein Sog die Luft zum Atmen aus seinen Lungen ziehen. Urion blickte leicht lächelnd dorthin, wo seine kleine Liel stand. Er schlug langsam die Augen und das wunderschöne Grün von damals blickten Liel an. Hier sah sie nun ihren schönen Vater, wie er wirklich aussah. Ein stolzer Rüde, der nun seinen Preis bezahlte. Während der Sauerstoff aus seinen Lungen wich, sackte Urion auf den Boden.
"Ich...liebe...dich..Liel...vergess uns nicht...Krolock, Ciradrán..."
Urion sackte wie in Zeitlupe auf den nassen Waldboden, dann verdrehte er die Augen, schloss langsam seine Lider und fiel wie ein plumper Sack zur Seite. Er tat noch einen letzten geräuschvollen Atemzug, dann wurde es tiefste Nacht. Fenris trat auf ihn zu, lächelte schief und packte Urion am Nacken. Engaya trat neben ihn her. Der graue Rüde nahm das alles so hin, zu sehr genoss er die wunderbare Stille um sich herum. Von weitem konnte er Kaede und Zack erkennen. Fenris legte ihn vor dem Tor ab, Engaya begleitete ihn... Frieden!
Ayv war Liel und Urion gefolgt und als das Pumaweibchen aus dem Gebüsch gesprungen war, war er vor Angst erstarrt. Er hatte Angst davor gehabt, dass das Pumaweibchen auf ihn losgehen könnte. Er war erst aus seiner Starre erwacht, als sie in den Wald gelaufen war. Als Urion dann plötzlich zusammensackte, schien es ihm, als würde jemand sein Herz zerreissen. Er hatte Urion nie gekannt, hatte ihm nie sagen können, dass er in friedlicher Absicht auf der Suche nach seinem Bruder gekommen war. Hatte ihm nie sagen können, was er wirklich wollte, und nun war es zu spät.
Er hob seine recht Pfote an und fing laut an zu heulen. Er hatte heute jemanden für ihn unbekannten verloren, jemanden, den er eigentlich gemocht hatte, ohne ihn zu kennen. In dem Moment, wo er seinen Ruf beendete, schoss sein Kopf in die Richtung des Pumas. Diesmal würde er nicht einfach zu sehen. Er schoss in den Wald.
"Liel, es tut mir leid um deinen Vater. Es tut mir leid! Verzeih mir. Die anderen werden kommen, diesmal will ich nicht zusehen! Nicht zusehen wie beim letzten Mal!"
Ayv stürzte dem Puma hinterher, er war trotz seiner Behinderung schneller als der Puma und erreichte ihn schnell. Er verbiss sich in die Schulter des Tieres, welches schmerzvoll aufjammerte. Urion hatte ganze Arbeit geleistet. Er riss ein großes Stück aus der Schulter des Pumas und schmiss sich zusätzlich mit seinem vollen Gewicht gegen ihn. Der Puma stolperte, wollte einen Gegenangriff starten und biss in Ayvs Bein. Dieser war jedoch so in seinem Rachezug versunken, dass er ihn nicht weiter beachtete, den Schmerz, sondern einfach in die Kehle des Tieres biss und solange schüttelte, bis es zu Boden sackte.
Dieses Mal hatte er nicht zugesehen! Er war stolz auf sich!
Langsam drehte er sich um und galoppierte zu Liel zurück.
Sie sah so traurig aus. War es nur der Tod ihren Vaters? Oder hing es auch mit etwas anderem zusammen? Er gesellte sich zu ihr und versuchte sie in irgendeiner Weise zu trösten. Fuhr ihr mit der Zunge durchs Fell. Er wusste nicht, was er hier tat, aber im Moment war er der einzige, der noch bei Liel war. Er wusste nicht, wei lange noch und wie sie auf seine Reaktion reagieren würde, doch es war ihm herzlichst egal. Er wollte dieses Mal sie trösten und nicht getröstet werden!
"Bitte, verzeih mir."
Flüsterte Ayv ganz leise.
"Verzeih mir, dein Vater war ein guter Wolf."
Er verstummte.
"Ich bin Ayv."
Mit diesen Worten verstummte er und wartete einfach nur noch ab, während er sich neben Urion legte und er lag, von oben gesehen, genau so, wie Urion zu Boden gegangen war. Als sei ein Spiegel neben Urion gestellt worden und dieses Spiegelblid nur weiß angemalt worden wäre.
Nerúi legte den Kopf spielerisch schief, und fühlte wie ihre Ohren leicht umknickten. Als Chardím ihr antwortete sah sie ihn schief an.
"Stimmt. Und das gemeine Nichts wird immer größer"
bestätigte sie, und drehte den Kopf wieder in seine ursprüngliche Position.
"Doch, war sie wohl. Sie war deine Mama, aber nicht deine Mutter. Oder so. Papa Averic hat es mir erklärt."
verriet sie stolz, und lies nun auch ihrerseits wieder den Blick suchend über den Platz schweifen.
"Shani ist gut! Die ist sowieso ganz oft traurig!"
Oder zumindest sah sie ganz oft traurig aus. Und weil jetzt auch ihr Gefährte endgültig weg war, war sie natürlich noch trauriger. War ja logisch. Gerade buffte ihr soein böser schwarzweißer Wolf in die Seite, hinter dem sie prompt herrannte, als sie den Ruf ihrer anderen Mama hörte. Nerúi machte einen schnellen Satz, packte Chardím an der Rute, und blieb auf der Stelle stehen, die Ohren groß aufgestellt.
"Haff tu gehörf? Wir müffen fu Oma Banfee!"
Das war aber blöde. Sie waren doch noch gar nicht mir Trösten fertig! Und die Sonne hatten sie auch noch nicht gefunden...
"Vielleift gehf die Fonne auf da fin? Und Fani?"
Mutmasste sie, wirbelte -noch immer mit seiner Rute im Maul - herum, und lies sich besagte Rute dabei unsanft aus der Schnauze ziehen. Ihr Blick fand Mama Nyota am anderen Ende vom Rudelplatz, die auf den Wald zusteuerte, verfolgt von anderen Wölfen.
"Ich bin zuerst da!"
rief sie, und rannte schon los, schnell schnell über den gaaaanzen nassen Platz hinweg, an Mama Nyota vorbei und einfach immer geradeaus. Natürlich hatte sie keine Ahnung wo Banshee jetzt war, aber irgendwie hatte Mama so traurig ausgesehen? Noch während sie sich fragte was denn so traurig war, erkannte sie vor sich etwas großes, schwarzes. Vor ihr bedeutete genau vor ihr.
"Waaaaah!"
mit einem kurzen Schrei stemmte sie die Pfoten in den feuchten Boden, kam jedoch nicht rechtzeitig zum Stehen, und krachte in erst in Chanuka und danach in Face hinein, die einfach in ihrem Weg standen. Warum hatten sie das auch gemacht! Jetzt lag sie halb über Chanuka, der eben noch neben Face gestanden hatte, und sah verwirrt und hilflos aus.
"Aua..."
gab sie leise von sich, und rappelte sich verwirrt blinzelnd auf.
Es war so wunderschön zusammen und mehr oder weniger alleine, mit ihrem Papa durch den Wald zu laufen. Fast fühlte sLiel sich wieder gut, konnte sie die Schmerzen um die verlorene Mutter doch für einige winzige Augenblicke ausblenden und vergessen.
Und als ob man ihr keine schönen Momente gönnen würde, passierte plötzlich viel zu viel auf einmal und in einer Geschwindigkeit, dass es ihr schwer fiel alles zu verfolgen und zeitlich richtig einzuordnen. Eben noch war sie einigermaßen munter durch den Wald gehüpft und hatte ihre Ohren kreisen lassen, dann war plötzlich ein lautes Knacken zu vernehmen gewesen, direkt neben ihr. Vor Schreck hatte sie sich prompt umdrehen wollen, plumpste dabei aber auf ihr Hinterteil. Als sie erschrocken nach oben schaute, blickte sie in geschlitzte gelbe Augen die etwas fixierten. Das Zittern setzte ein, als ihr klar wurde, dass sie das etwas war. Die Bestie, sie konnte nicht sagen was es war, knurrte und sabberte ganz fürchterlich, irgendwie kam Liel sich vor, als ob das alles nicht wirklich passieren würde. Doch ehe diese Kreatur sich auf sie stürzen konnte, sprang Papa Urion herbei, schob sie geschmeidig während seiner Landung zu Seite und stand so zwischen ihr und der gruseligen Kreatur. Noch immer zitterte sie, sie war viel zu geschockt um irgendetwas unternehmen zu können. Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen und beobachteten das Spektakel ganz genau. Irgendwie wusste sie, dass es nicht gut enden würde, doch trotzdem begriff sie es noch nicht ganz. Erstmal passierte eine lange kurze Zeit gar nichts, außer dass der Wolf und das Ding sich anknurrten. Wie mächtig böse ihr Vater sich anhören konnte, wenn sie nicht gewusst hätte, dass er sie gerade beschützen wollte, hätte sie bestimmt Angst vor ihm bekommen.
Dieses Ding war bestimmt ein Puma, ihr Papa hatte doch eben noch davon gesprochen, dass ein solches Ding durch den Wald striff. Wahrscheinlich auf der Jagd nach Beute und die Beute war in diesem Fall sie selber gewesen. Bevor sie sich weiter ausmalen konnte, wie es geendet wäre, wäre Papa Urion nicht da gewesen, fingen die beiden an zu kämpfen. Das Blut tropfte und spritzte, wütendes knurren und fauchen ertönte, mal ging der eine, mal der andere zu Boden. Der Schlamm wurde aufgewühlt und vermengte sich mit dem vielen Blut, was gar nicht mehr aufhörte zu fließen. Angstvoll schrie sie auf, die Bestie flüchtete, ihr Vater blickte sie an und schien doch nicht mehr da zu sein. Weinend und schreiend sprang sie auf ihn zu, musste jedoch sofort wieder einen Satz nach hinten machen, als ihr Vater zu Boden ging. Seine Worte bekam sie nur halb mit, viel zu sehr versuchte sie mit ihrer Zunge seine Blutungen zu stillen. Überall das Blut, an ihm, am Boden, an ihr. Sie war über und über mit der roten Flüssigkeit bedeckt und noch während ihr liebster Papa und das einzige erwachsene Familienmitglied seinen letzten Atemzug tat, bedeckte sie ihn mit ihrer kleinen Zunge und benetzte ihn mit ihren Tränen. Tränen, die sie nun endgültig nicht mehr zurück halten konnte. Man hatte ihr innerhalb kürzester Zeit nicht nur die Mutter sondern auch noch den Vater genommen.
Ayv registrierte sie in diesem Moment gar nicht. Es galt die Liebsten zu rufen, für Urion. Sie sollten sich verabschieden können, auch wenn er nicht mehr war. Zu schnell war er gegangen, zu lange hatte sie nichts tun können. Benommen saß sie dort, zwischen den leblosen Pfoten des Vaters inmitten des Blutes und des Matsches, zitterte, wirkte apathisch und erhob doch ihre Schnauze in den Himmel um ihre Geschwister und einige andere Wölfe zu rufen. Da fiel ihr plötzlich ein, dass auch Banshee wohl gerade im sterben lag und eine Welle der Verzweiflung überkam sie. Sie hatte doch für Chanuka da sein wollen, nun würde es schwer werden, trotzdem würde sie es versuchen!
„Kroooo. Ciraa! Takashi, Sheena! Schneeeeelll!“
Ihre Worte erklangen laut und dringend, gleichzeitig wurde sie von den Tränen geschüttelt. Erst jetzt viel ihr wieder ein, dass noch ein anderer Wolf anwesend war, der mittlerweile zurückgekehrt war, anscheinend hatte er den Puma noch erwischt. Liel hatte ihn schon wieder vergessen, dabei war er doch Schuld gewesen, dass Urion nun hier tot lag. Der weiße Rüde war dazu übergegangen, sie selber abzulecken und erschrocken sprang sie ein Stück nach vorne. Sie kannte ihn doch gar nicht, er hatte die gleichen Augen wie ihre Mutter und, ja was und. Sie blickte zu Urion, an dem sie nun noch gedrängter verweilte. Panisch ließ sie ihre Ohren auf ein Neues kreisen. Sie verstand nicht, warum er sich entschuldigte, hatte er etwa etwas mit dem Tod ihres Vaters zu tun? Das konnte doch nicht sein, schließlich hatte er noch das Weibchen getötet. Aber warum entschuldigte er sich dann?
Ihr schoss ein hässlicher Gedanke in den Kopf und erschrocken drückte sie sich unter den Kopf Urions. Sie kauerte, zitternd, unter dem toten Rüden, ihrem Papa und drückte sich mehr und mehr in den matschigen Boden und tauchte ein in die Welt des Blutes. Sie wollte nicht mit dem Wolf reden, er machte ihr Angst, wo blieben denn die anderen? In ihrem Kopf geisterte die wahnwitzige Idee herum, sie konnte sie nicht vorstellen, dass es so war, ihre Mutter war immer so lieb gewesen, aber in ihrem Zustand, schien alles möglich zu sein. Und trotzdem, ihre Mutter konnte doch nicht in Form eines anderen Wolfes zurück auf die Erde kommen und dafür sorgen, dass ihr Geliebter ebenfalls in das Reich der Toten kehrte. So viel Selbstsucht konnte kein Wolf haben, vor allem nicht ihre Mutter, Kaede. Vor allem nicht sie! Außerdem, würde sie dann nicht jetzt verschwinden müssen, Urion war sicher im Reich der Toten angekommen. Sie verstand die Welt nicht mehr, die Verzweiflung schüttelte ihren Körper und die Tränen wollten nicht mehr aufhören.
Schluchzende Laute stiegen unter dem toten Wolf aus, sicher sah es komisch aus, aber es war besser als sie zu sehen, so voller Blut wie sie war konnte man meinen, dass sie das Ganze angerichtet hatte.
„Papaaaa, Mamaaa“
Sie schrie auf, das konnte doch nur ein Albtraum sein, sicher war ihre Mutter auch nicht tot, warum wachte sie denn dann nicht auf? Warum nur, warum?
Jumaana war lieb, so wie immer. Die Weiße war Shani in der Zeit seit Hiryogas Tod nie anders begegnet, lieb, freundlich und ein wenig besorgt. Sie hatte sich gekümmert und getröstet, war Shani zu einer Freundin geworden, wohl ihrer einzigen. Es war ein schönes Gefühl gewesen in der Zeit, wo es ihr am schlechtesten gegangen war, jemanden zu haben, der ihr beistand. Und auch jetzt war Jumaana da, auch wenn sie kaum übersehbar in Gedanken versunken war. Doch auf Shanis missglückten Gesprächsanfang fiel ihr auch nicht viel ein, auch wenn sie natürlich recht hatte. Ein Sturm konnte ihnen nichts tun, nur die Welpen könnten Angst bekommen. Selbst wenn ein schlimmes Gewitter aufziehen würde, wäre alles viel zu nass, als dass ein Waldbrand entstehen könnte. Shani hatte sich von der quirligen, unwissenden Jungwölfin zu einer erwachsenen Fähe, die ihre Umwelt und das Rudelleben sehr gut kannte entwickelt. Doch hatte sie jetzt das Gefühl, nichts mehr zu haben. Jumaana schien wieder in Gedanken versunken zu sein, zog Shanis Neugierde auf sich.
“Woran denkst du?“
Eine Bewegung am Rande ihres Gesichtsfeldes lenkte sie ab, Chardím, Tyraleens Sohn, kam auf sie zugesprungen, Neruí hinter sich lassend. Doch seine Schritte wurden schnell wieder abgelenkt, als ein lautes Heulen erklang. Shanis Ohren spitzten sich, obwohl Nyota auf dem Rudelplatz stand und sie die Nachricht, die in den grauen Regen geheult wurde, gut verstand. Doch an ihrem Inhalt zweifelte sie. Banshee. Es stand in dem Gesang keine klare Nachricht, keine Antwort auf die Frage, die sich in Shanis Kopf formte und doch erstarrten ihre Bewegungen und die Gewissheit, dass sie Banshee nie wiedersehen würde, wurde immer klarer. Ihre Leitwölfin. Fassungslos sah sie zu Jumaana.
“Banshee … unsere Leitwölfin … Hiryogas Mutter …“
Wer sollte das Rudel führen? Sicher, Nyota war da und sie war eine gute Leitwölfin, aber sie war immer zusammen mit Banshee gewesen. Und damals, als Shani zu diesem Rudel gestoßen war, war Banshee alleine gewesen, hatte kraftvoll ihr Rudel geführt, war immer die starke Leitwölfin gewesen. Jetzt würde sie gehen.
Erneut war der große Wolf am träumen. Hatte Gani etwa schon geantwortet und er hatte nichts davon mitbekommen? Das wäre schlechte gewesen und die graue Fähe wäre davon nicht sonderlich beeindruckt gewesen. Aber bestimmt würde sie noch einmal auf sich aufmerksam machen, wenn da etwas gewesen wäre. Wer war diese Fähe eigentlich genau? Takashi war ihr vor kurzer Zeit schon einmal begegnet. Zu dieser Zeit hatte sie dieselbe Wunde an der Pfote getragen, soweit sich der Schwarze daran erinnern konnte. Vielleicht war die Wunde besonders tief, sodass sie lange Zeit zum Heilen brauchte, aber kaum Zeit für eine Ordentliche Schonung gewesen war. Sein Blick war fest auf den See gerichtet. Die aufmerksamen tiefblauen Augen beobachteten, wie sich das wenige Blut immer und immer weiter ausbreitete. Zwar war es beinahe kaum noch sichtbar, aber er wollte es einfach beobachten. Es war einfach ein wundervoller Anblick, wie sich verschiedenfarbige Flüssigkeiten miteinander vermischten. Lange rote Fäden, die in die Weiten des Sees zu greifen schienen und langsam transparenter wurden. Als das so seltene Spiel der Farben ein Ende nahm, war sein Blick ziemlich enttäuscht. Gerne hätte er sich dieses Ereignis noch länger angeschaut. Jetzt bot der Sternensee einen nur noch ziemlich langweiligen Anblick. Tropfen um Tropfen viel auf die sonst so stille Wasseroberfläche. Jeder dieser kleinen Tropfen breitete sich in Kreisförmigen Wellen aus, die schnell wieder von weiteren ersetzt wurden. Ein Ereignis, was immer wieder einkehrte, aber doch irgendwie anders aussah. Irgendwie wurde Takashi das dann doch zu langweilig. Aus dem Augenwinkel nahm er Gani das erste Mal genauestens in Augenschein und drehte dabei langsam seinen Kopf zu ihr. Würde sie etwas dagegen haben?
.oO(Für eine Fähe…bist du wirklich groß! Deine Augen sind fast so hell wie das Eis selbst. Eisig – wie deine Seele vielleicht? Nein, darüber kann ich wirklich nicht urteilen. Wir kennen uns nicht richtig. Vielleicht hattest du einfach einen schlechten Tag, wo wir uns das erste Mal begegnet sind. Außerdem bist du ziemlich kräftig. Vielleicht auch ein erfahrener Kämpfer, hm? Was ist das da an deinem Hinterbein? Ein langer Strich, an dem das Fell irgendwie anders auszusehen scheint. Eine Narbe von einem schweren Kampf vielleicht? Und was sind das für Punkte und Flecken? Geronnenes Blut? Nein, das würde anders riechen…!)
Für einen Moment wandte er den Blick von der grauen Fähe ab. War es wohl falsch, sie so anzustarren? So direkt wie sie war, würde sie es dem Rüden wohl auf irgendeine Art und Weise vermitteln. Entspannt atmete der schwarze Hüne tief aus. Hier wäre es noch viel schöner gewesen, wenn Jumaana dabei gewesen wäre. Aber zurzeit schien sie sich wo anders aufzuhalten. Zurzeit musste er sich wohl noch mit Gani Amíra „amüsieren“. Takashi streckte sich und legte dabei seinen großen schwarzen Kopf auf seine zwei langen Vorderbeine. Einige winzige Tropfen des Regens mogelten sich langsam durch die Blätter des großen Baumes hindurch. Würde es nicht einmal mehr hier trocken bleiben? Aber wer sollte ihn schon hier unter ausgerechnet diesem Baum wegbekommen? Da müsste es wirklich schon sehr heftig durch das dichte Blätterdach hindurch regnen, bis er sich dann mal erheben würde und einen neuen Platz suchen müsse. Jetzt sah der Rüde mit den tiefblauen Augen fast so aus, als ob er tief und fest schlafen würde. Aber seine Ohren lauschten aufmerksam jedem Geschehen. Kurze Zeit später vernahm er das Heulen eines fremden Wolfes, welches ihm große Unruhe bereitete. Vielleicht ein Fremder, der dem Rudel nichts Gutes wollte? Er würde bereit sein, alle Wölfe dieses Rudels zu beschützen. Ein komisches Gefühl machte sich für einen Bruchteil einer Sekunde in der Brust des Schwarzen breit. Was war das gewesen? Nur einen Augenblick später ertönte eine Botschaft von Liel, der Tochter Urions. Sie wies besonders darauf hin, schnell zu sein. Außerdem hörte es sich sehr dringend an. Mit einem verwirrten Blick ließ er Gani unter den Bäumen alleine zurück. Bloß hatte er eine unverständliche Geste in der großen Aufregung machen können. Und schon war Takashi mit voller Geschwindigkeit losgerannt. Die Stimme Liels war zuvor aus dem Wald gedrungen, da war er sich sicher. Bestimmt hatte er die richtige Richtung gewählt. Bereits auf dem Weg sank seine Laune immer weiter ab, weil er merkte, dass etwas nicht stimmte. Der Untergrund war Nass vom Regen und winzige Bäche flossen zum Sternensee hinab. Doch dieser Regen brachte noch etwas ganz anderes mit sich: Blut! Takashi registrierte schnell, dass etwas Schreckliches geschehen war und zögerte nicht lange. Als er einen Wolf in der Ferne am Boden liegen sah, wurde ihm schon sehr mulmig zumute. Seine Schritte wurden langsamer und er senkte seinen Kopf. Blut…von wem? Der Weg schien länger zu werden und Takashi traute sich kaum dort hinzusehen, als er aber auch schon seinen Bruder blutüberströmt am Boden erkennen konnte. Auf einmal schien alles still zu stehen. Der sonst so raue Atem des großen Wolfes stockte für einen Moment und auch sein Herz schien für einen Bruchteil einer Sekunde stumm zu sein Er konnte und wollte das hier einfach nicht verstehen.
.oO(Warum? Warum jetzt auch noch Urion? Mein Bruder…wer ist für das alles hier verantwortlich? Wenn ich doch nur wüsste, wer dir das angetan hat! War es dieser Wolf? War er das? Du kannst mir jetzt nicht mehr antworten…es ist zu spät. Ich kann nur noch den Täter ausfindig machen und mich in deinem Namen rächen! All das Blut hat sich miteinander vermischt. Ich kann nicht auseinander halten, von wem es stammt. Aber du…DU kommst mir nicht einfach so davon!“)
Weit aufgerissen blickten die tiefblauen Augen eisern auf den blutverschmierten Boden. Da sah er diesen fremden blinden an. Er trug Blut an sich, hat er etwa dieses Blutbad hier angerichtet? Auch wenn zwischen dem Weißen und Urion wenig Platz gewesen war, stellte sich Takashi neben die beiden. Ein Schimmer von Rot schien durch seine Augen zu gleiten. Jetzt war er so wutentbrannt, wie schon lange nicht mehr! Was würde der Pechschwarze jetzt wohl gegen den Eindringling tun? Dieser Fremde hatte sich einfach zu nah an seinen Bruder herangewagt – viel zu weit! Hätte Takashi das doch verhindern können; nein, es war zu spät gewesen! Mit der Pfote trat er dem Blinden in die Seite.
“Bastard!“
Sprudelte es aus ihm heraus. Vor Zorn und Trauer liefen ihm so unzählig viele glitzernde Tränen durch das Gesicht und vielen irgendwann zu Boden. Das lange schwarze Fell lag dem Rüden jetzt am Körper an, weil es sich bereits schon mit Regenwasser voll gesogen hatte. Vorerst war er nicht einmal in der Lage, ein weiteres Wort über die Lefzen zu bringen. Unsinnig schüttelte er den Kopf hin und her, kniff dabei die Augen zusammen. Seine Zähne hatte er so fest zusammengepresst, dass immer wieder lautes knirschen zu hören war.
“Liel…geh weg da! Weg von ihm!...Wie konntest du nur…WAS HAST DU GETAN?“
Die ersten Worte ein gekränktes Flüstern, die letzten ein Vorwurf mit kraftvollem Unterton. Er hatte den Blinden angeschrieen. Sein Körper bebte vor Wut und seine Muskeln waren zum Zerreißen angespannt.
Man konnte es also doch besiegen – Krolock hatte es gewusst. Er hatte nur an der falschen Stelle angesetzt und auf sich allein vertraut. Aber er musste auf jedes Rudelmitglied zählen. Er musste nicht alleine gegen das Übel; den Feind; kämpfen und bestehen. Diese Lösung war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Wie einfach und klar sie war. Sie waren ein Rudel – sie waren viele. Und das Nichts war allein. Wunderbar. Tyraleen war äußerst klug, musste der Schwarze gestehen. Sie hatte Ahnung davon. Und er konnte schnell lernen. Vertrauen war zwar nicht ganz unkompliziert, aber er könnte ja immer noch Liel vor schicken... sie war sehr vertrauenswürdig.
So würde er also Liel, Ciradán und Urion retten. Und auch Caylee, Nerúi und Chardím. Sie würden es alle schaffen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimte in der Brust auf. Ein schönes, weiches Licht, dass zuvor von dem Tod der Mutter überschattet gewesen war. Auf die kleinen Lefzen legte sich ein Lächeln. Das war gut. Er schmiegte sich im Lauf kurz an die Läufe der Weißen – und wäre fast gestolpert.
“Gemeinsam sind wir stark? Also können wir das Nichts besiegen, wir Alle? Das wäre ja-“,
er brach ab. Liel. Liel rief ihn. Dringend. Schnell. Was war? Die Kristallaugen verengten sich. Das Herz setzte für zwei Schläge aus und war beim dritten Schlag so rasend schnell, dass es in den Ohren schmerzte.
“Nein... jetzt bin ich kein Welpe mehr. Kann nicht unbeschwert sein“,
er hatte nicht aufgesehen, blieb nun aber stehen. Witterte, suchte und lauschte. Dort. Er machte kehrt und lief los. Jeder Schritt wurde abgefedert. Er lief wie auf Watte. Oder Wolken. Leicht, aber auch unwirklich. Die schlimmsten Gedanken – kreisend und inszenatorisch. Zu schnell, zu langsam. Noch einmal. Ein Kreislauf. Wieder und wieder. Er wusste es, er spürte was passiert war. Die Sorgen um das Nichts vergessen. Wie lange dauerte es? Stunden, Tage oder Wochen? Wie lange war er unterwegs? Es gab kein Platz für eine Zeit. Es gab kein Platz für Tränen oder verabschiedende Worte. Wahm! - Urion lag am Boden. Liel bei ihm – unter ihm? Ein Fremder. Takashi. Schlag um Schlag. Aber Krolock verstand es nicht. Es war unwillkürlich und schleierhaft. Nur. Seine. Brennende. Wut. Hass und Enttäuschung. Dieser Bastard. Arme Liel. Er trat an ihre Seite. Ganz ruhig, zog sie ein Stückchen zur Seite. Beruhigend strich er ihr über das seidige Fell. Einmal, zweimal, dreimal. Ein Brennen in seinem Inneren. Es zog ihn tiefer und tiefer. Ein Brennen, ein Feuer. Der Fluch.
“Du verdammter Abschaum!“,
zischte er die Leiche an. Er sprang los und fiel den Toten an, verbiss sich in seinem Fell und knurrte. Kein Verstand, keinen Sinn. Nur tiefe Wut. Er war rasend, er wollte sich rächen. Was fiel ihm ein? Einfach so zu sterben und sie alleine zu lassen? Erst Mama und jetzt er. Er ließ ab.
“Und Du wolltest mutig sein?“,
fragte er. Gelähmt schüttelte er den Kopf. Nein, nein, nein. Das war zu viel. Das war einfach zu viel. Weg, nur weit weg. Weg von hier. Weg von allem. Weg von diesem Anblick. Aber er blieb. Bei seiner Schwester. Die verstörten Augen fixierten ihre Umrisse. Woher kam dieser schrille Pfeifton? Warum sprachen sie alle denn so leise? Er konnte es ja gar nichts verstehen.
“Liel“,
flüsterte Krolock leise. Konnte sie ihn denn nicht hören? Langsam taumelte er auf sie zu. Er musste sie beschützen, wie er seinen Vater hätte beschützen wollen.
Der Regen ging Ruiza Tsuki auf den Keks. Das merkte man der jungen Weißen Fähe deutlich an. Aber sie schwieg und lag stillschweigend neben dem Grauen mit dem sie hier ins Rudel aufgenommen worden war. Cyriell. Ihr persönlicher Engel. Der Engel mit den blauen Augen. Oh sie liebte ihn wahnsinnig. Mehr noch als Shun damals. Wenn sie den Kopf schief legte, konnte sie sich an Cyriell kuscheln. Mehr wollte sie nicht. Jedenfalls nicht jetzt. Obwohl sie ja dringend mit ihm reden musste. Länger zu schweigen würde sie nur wahnsinnig machen. Außerdem hatte er es verdient alles zu erfahren. Von damals bis jetzt. Alle Gefühle die sie hatte, zu erfahren. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie drückte ihre Nase in den Pelz an seinem Nacken. Wie wunderbar weich es doch war. Und es roch so gut. Wenngleich es nass war. Wie alles momentan. Alles war nass und grau. Sie vermisste die Sonne so sehr. Die Wärme. Das sanfte Strahlen. Das Helle. Das schöne. Sonnenaufgänge. Sonnenuntergänge. Alles eben. Stattdessen hatten sie nur Regen und das Nichts wurde auch immer mehr. Schrecklich. Und an so einem Ort würde sie irgendwann vielleicht einmal Welpen haben. Oder nicht? Nunja, Träumen war ja erlaubt. Sie kroch näher an den Grauen heran und schmiegte ihren Körper an seinen, ehe sie den Kopf auf den nassen Boden legte und einfach nur noch lauschte. Dann aber fiel ihr etwas ein.
"Cyriell....?
Fragte sie leise, obwohl ihre Stimme beinahe nicht gegen das beständige Tropfen des Regens ankam
Jakash Ohren spielten unaufhörlich in alle Richtngen. Überall rauschte, knarzte und knackte es in den Bäumen, die ihn umgaben. Auch wenn er sich davon schrecken ließ, so wanderten seine Augen doch wachsam umher. Er hatte nicht vor, sich von einem herabstürzenden Ast erschlagen zu lassen, außerdem war das eine herrliche Ablenkung von seinen Gedanken. So musste er mal nicht über seine trauernde Familie nachdenken und verzweifelt nach Möglichkeiten suchen, wie er sie trösten konnte, und gleichzeitig sorgte diese Übung dafür, dass er konzentriert blieb. Konzentration war der Schlüssel, der verhinderte, dass Fenris ihn überraschte und ihm die Kontrolle über sich selbst entriss, glaubte er.
Wie aber Aszrem die ganze Zeit über so unbekümmert dahinschreiten konnte, als herrsche Windstille an einem sonnigen Sommertag, war ihm ein Rätsel. Der schwarzbraune Rüde schien kaum auf die Umgebung zu achten, aber Jakash wusste mittlerweile genug über den Gefährten Nyotas, um zu wissen, dass dieser Eindruck täuschte. Jakash mochte ihn. Er redete nicht viel, und er schien zu spüren, wenn sein potenzieller Gesprächspartner auch gar nicht reden wollte. Darauf konnte er sich bei dem Schwarzbraunen verlassen - und deshalb hatte er sich ihm auch einfach angeschlossen, als er gesehen hatte, dass Aszrem sich auf seine tägliche Wanderung begab. Ein Ruf erklang. Getragen, schwer und schicksalhaft. Ein Ruf, den es so gar nicht geben konnte. Nicht geben DURFTE!
Großmutter!
Während sein Verstand noch gelähmt, setzten seine Läufe sich schon in Bewegung, als Aszrem neben ihm sich regte. Die Wanderung war vorbei, in schnellem Lauf jagte Jakash dahin, neben sich den Gefährten seiner Tante. Den Sturm bekam er kaum mehr mit, und ebenso registrierte er nur am Rande, dass Aszrem irgendwann leicht die Richtung änderte und verschwand. Kurz darauf verlangsamte der junge Schwarze seinen Lauf, voraus kamen andere Wölfe in Sicht. Da war Banshee, begleitet von Akru, in der Nähe Nyota und einige andere. Jakash nahm sich nicht die Zeit sie alle bewusst wahrzunehmen, sein Blick galt nur seiner Großmutter. Im respektvollen Abstand verharrte er zwischen den Bäumen, vollkommen hilflos dieser Situation ausgeliefert. Was würde nu geschehen? Banshee... starb doch nicht wirklich.... oder?
.( Ach, vergiss es. Es gibt wohl nichts schlimmeres, als sich mit Dir einen Kopf teilen zu müssen, nicht!? ).
Aarinath knurrte leise. Jumaana überging sie und sah zum Himmel. Unaufhörlich regnete es, der Himmel war von grauen Wolken überzogen. Der Sturm nahm hier und da ein paar lose Äste mit, ungefährlich für das Rudel, doch gefährlich für die kleinen, hilfslosen Welpen. Jumaana wollte gerade nach eine Lösung für dieses Problem suchen, als Shani sie nach ihren Gedanken fragte. Die weiße Wölfin dachte kurz nach, ob sie auch ihrer Freundin von Aarinath erzählen sollte. Doch dann entschied sie sich dagegen. Es reichte erst einmal, wenn Takashi davon wusste, denn schließlich war sie seine Gefährtin und Feenkind seine Mutter. Die Weiße sah Shani Caiyé an. Sie hatte viel zu viele Sorgen, um sich jetzt auch noch Gedanken über die Seelenteilung machen zu müssen. Über die Besessenheit Jumaanas. Sie wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Aarinath ihr zuvor kam.
.( Halt die Klappe! Das geht sie gar nichts an! ).
Wieder einmal war die große Fähe froh, dass Takashis Mutter nicht mit anderen reden konnte, durch Jumaanas Körper. Also überging sie Feenkind einfach und erklärte Shani, woran sie dachte. Auch wenn es nur gelogen war, es klang ziemlich glaubwürdig für jemanden, der so schlecht lügen konnte, wie die Polarwölfin. Erst wollte sie Takashi als Antwort zurechtlegen, doch ihr fiel Hiryoga ein und sie verkniff sich die Antwort.
"Ich denke an Cirádan und die anderen Welpen. Viele haben sich herzlich gut eingelebt, aber es gibt auch ein paar, die sich nicht mit dem Rudelleben anfreunden können ..."
... wozu Chardím und Nerúi anscheinend nicht gehörten. Die beiden kamen immer näher, als Jumaana plötzlich den Ruf Nyotas vernahm. Banshee? Gegangen? Fassungslos starrte Jumaana auf Nerúi, die sich umwandte, und zum Wald raste. Dann sah die Wölfin zu Shani und wusste nicht, was sie sagen wollte.
"Es wird richtig sein, Shani. Es ist der Kreislauf des Lebens. Banshee ..." Es tat Jumaana weh, den Namen auszusprechen. "... hat viele Kinder, die sie lieben und für das Rudel sorgen werden."
Traurig sah Jumaana den anderen hinterher, die im Wald verschwanden. Viele blieben beim Rudelplatz, so auch Jumaana und Shani Caiyé.
Noch immer war Malicia wie gelähmt, starrte auf die Stelle, wo die anderen gewesen waren, die jetzt schon lange verschwunden waren. Alles ging an ihr vorbei. Filmriss. Sie war nicht mehr die Hauptdarstellerin in ihrem eigenen Film. Die anderen hatten ihren Platz eingenommen. Sie war egal. Wie sehr sehnte sie sich jetzt nach der Wärme von Yeriks Worte, nach seinen Komplimenten und seinem Lächeln. Nur langsam kam in Malicia wieder Leben. Sie wünschte sich so sehr, dass Cumará Tumaan zurückkam und ihre beste Freundin beschützte, so wie sie es immer getan hatte. Sie hatten sich gegenseitig beschützt und getröstet, wenn es einer von ihnen schlecht ging. Doch jetzt war Cumará weg. Sie war gegangen, mit einem kurzen Abschiedsgruß. Es tat weh. Das Blut in den Adern Malicias floß wieder, sie löste sich aus ihrer Erstarrung. Langsam und schwerfällig, aber sie war wieder ein kleines Stücken wichtiger in ihrem Film.
Erst dann nahm sie den Ruf Nyotas war. Wie viele Jahre hatte sie die Tränen unterdrückt, die auf ihr lasteten, als sie ihre Mutter verließ? Die Schwarze war nicht alt, aber es waren sicherlich mindestens 4 Jahreszeiten gewesen, in denen sie versucht hatte, stark zu bleiben. Doch jetzt flossen sie, die stummen Tränen, eine nach der anderen. Lautlos stand Malicia auf und spürte den Regen, der auf sie niederprasselte. Tränenüberströmt lief sie ihrer Familie nach, ihren Schwestern und Nichten und Neffen und ... Brüder hatte sie keine mehr. Hiryoga war tot. Na ja, vielleicht nicht tot, aber er war verschwunden. Aus den Augenwinkeln sah Malicia, wie Shani, seine ehemalige Gefährtin und Jumaana am Rande des Rudelplatzes saßen und sprachen. Nerúi flitzte an der Schwarzen vorbei, die langsam und diszipliniert in den Wald ging. In der Nähe ihrer Tante blieb sie stehen, den Blick stumm auf dem Boden gerichtet.
"Und Ende."
Ayv hatte nur da gelegen. Als er plötzlich jedoch einen Tritt spürte, sprang er taumelnd auf und stürzte schon im nächsten Moment gegen den nächsten Baum, den er nicht hatte sehen können. Er richtete sich langsam wieder auf und starrte in die Richtung des neu angekommenen Wolfes. Plötzlich beschimpfte er ihn mit Bastard. Bastard? Wieso war er ein Bastard? Dann gab jedoch sein rechtes Bein unter ihm nach und er stürzte wieder zu Boden.
"Ich war es nicht!"
Schrie Ayv verzweifelt!
"Liel, sags doch, ich war es nicht!"
Ayv versank langsam aber sicher in seiner Verzweiflung.
"Das Pumaweibchen, ich habs schon getötet! Es ... es hat ihn angegriffen. Ich habe Urion nicht ermordet! Ich hatte Angst! Verzeiht mir! Ich war es nicht!"
Ayv wusste selber nicht mehr, was er da redete.
"Ich ... Angst ... Puma ... Nähe ... Liel ... beschützen ... Rache ... ich ... wollte ..."
Er brachte keinen einzigen Satz mehr hervor, der in irgendeiner Weise zusammenhing.
"Ich hab ihn gerächt. Ich habe jemanden gerächt, den ich nicht kenne! Ich wollte nur helfen! Euch beschützen! Damit ihr in Sicherheit seid, habe ich mein Leben aufs Spiel gesetzt! Und das, obwohl ich mein Ziel noch lange nicht erreicht habe! Ich finde meinen Bruder nicht! Bitte, sag mir, dass Shakru Minor noch lebt! Sags mir!"
Seine letzten Worte waren reine Verzweiflung und er wurde auch immer leiser. Viele Tränen auf einmal wollten hinab. Sie bahnten sich ihren Weg hindurch durch sein Fell.
Sollte seine Suche nach seinem kleinen Bruder Shakru Minor wirklich hier enden? Wo er ihn doch nicht einmal wirklich mehr kannte? Er hoffte zu sehr, dass sie hier nicht enden würde.
"Ich bin doch nur auf der Suche nach meinem Bruder!"
Jammerte er dann noch und dann ließ er seinen Kopf kraftlos fallen. Er grub sich tief in den Matsch und er schloss seine Augen noch, mit denen er sowieso nichts sah. Selbst mit geschlossenen Augen sah er doch seine Umgebung noch.
"Lasst mich leben."
Waren Ayvs letzte Worte, bevor er endgültig aufgab sich zu wehren. Wenn sie ihn wirklich töten wollten, dann würden sie keine große Schwierigkeit damit haben. Er würde sich nicht mehr wehren. Jetzt nicht mehr. Jetzt lag es an ihnen, ob sie ihn nicht töten wollten. Er würde auch den Tod jetzt empfangen, mit offenen Armen, obwohl er noch immer seinen Bruder suchte. Er konnte doch eh nichts dagegen tun. Er seufzte leise und verlor sich dann in seinen hilflosen Gedanken.
Cyriells Blick hing auf dem Nichts. Was nicht schwer war, diese Nebelwand zu ignorieren war längst unmöglich geworden. Unruhe spülte durch seinen Körper ob der Ungewissheit, was aus ihnen allen werde würde. Mehrmals hatte er schon daran gedacht, sich einfach davon zu machen und diesem verschwindenden Tal zu entfliehen, doch den Mut dazu hatte er nicht gefunden. Noch größer als die Angst vor dem Nichts war die Furcht davor, Aryan zu begegnen. Seit diesem.. Vorfall... hatte er seinen schwarzen Bruder nur wenige Male und auch nur von weitem gesehen, jedes Mal jedoch sofort panisch die Flucht ergriffen. Nein, er konnte hier nicht weg. Aryan war da draußen und lauerte auf ihn. Er war hier solange gefangen, bis die Alphas entschieden dieses Tal endlich zu verlassen.
Ein Ruf erklang, und der Graue hob den Kopf. Was seine Ohrn da hörten, wollte er nicht glauben müssen. Banshee.... starb? Wie gebannt starrte er in die Richtung, aus der Nyotas Stimme erklungen war. Schon eilten die ersten Wölfe in eben jene Richtung. Mit einem Mal schien die Luft förmlich nach Unheil und Tod zu schmecken, sodass der Graue unwillkürlich die Ohren anlegte. Die Luft schien mit einem Mal auch kälter zu werden, instinktiv sträubte sich sein Fell ein wenig. Nur im Nacken, wo sein Fell noch immer federähnlich war, sickerte jetzt noch die Kälte durch, da die Härchenfedern dort nicht ganz so dicht waren, wenn sie gesträubt wurden. Er hatte diesen Fehler noch immer nicht korrigieren lassen - die Federn vermochten es ihn aufzumuntern, wenn sich Trübsinn auf sein Gemüt legte.
Neben ihm regte sich Ruiza. Die Weiße hatte sich in letzter Zeit sehr um ihn bemüht und sich um ihn gekümmert. Was immer sie zuvor so gekränkt hatte, es schien inzwischen wieder vergessen zu sein, und Cyriell fragte nicht weiter nach. Der Graue reagierte ein wenig verzögert, musste er sich doch erst aus dieser Starre befreien, und wandte sich dann zu der Weißen um...
Shani musterte ihre Freundin mittlerweile ein wenig aufmerksamer, dankbar dafür, von ihr unfreiwillig eine Beschäftigung bekommen zu haben – denn Jumaana sah noch immer mehr als gedankenverloren aus. Die weiße Mutter war nicht gerade eine Gedankenleserin und die Kunst, Gedanken im Blick eines anderen zu erkennen, beherrschte sie nicht sonderlich gut. Vielleicht standen sich Jumaana und sie auch noch nicht nahe genug, denn mit Hiroyga ... verbissen schob Shani diesen Gedanken zur Seite und konzentrierte sich wieder auf Jumaanas gedankenverlorenes Gesicht. Schließlich antwortete sie, aber die Worte verwirrten Shani, schienen sie doch aus irgendeinem Grund fehl am Platze. Sicherlich war Jumaana Ciradáns Patin, aber eigentlich waren alle Welpen gut ins Rudel integriert, selbst die Halbwaisen Kaedes. Etwas verwirrt und ganz offensichtlich ohne eine Idee für eine Antwort nickte sie und blinzelte ein wenig überfordert. Etwas fühlte sich falsch an, aber Shani wollte in keiner Weise Jumaana daran die Schuld geben und hielt deshalb einfach den Mund.
Aber wohl zu ihrer beider Rettung klang nicht nur Nyotas Ruf durch die Luft, als auch ein entferntes, kaum hörbares Wimmern, das Shani nicht sofort erkannte, zu sehr war sie von der Nachricht Nyotas schockiert. Was Banshee für sie bedeutete, konnte sie nicht sagen, war die weiße Leitwölfin doch schon immer die Mutter Hiryogas und eine große Respektperson für Shani. Dennoch war Banshee natürlich zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens geworden und seit dem Tag, an dem sie Shanis Welpen aufgenommen hatte, war das Eis zwischen ihnen gebrochen. Und jetzt ... würde es vorbei sein. Jumaanas Worte konnten sie kaum trösten, auch wenn sie nicht sofort Trauer verspürte. Es war eher ein Schock – der Unglaube darüber, bald nicht mehr unter der starken Führung Banshees leben zu dürfen.
“Sie war doch immer ... unsere Leitwölfin ...“
Fassungslos starrte sie auf die Ansammlung, die sich um Nyota gebildet hatte, Familienmitglieder strömten herbei und kurz überlegte Shani, auch aufzustehen. Doch dann riss sie sich zusammen, sie war nicht mit Banshee verwandt und würde kaum erwünscht sein – es waren schon so so viele Wölfe; Banshees große Familie. Abgelenkt wurde sie von dem kleinen Krolock, der an der Ansammlung vorbei rannte und im Wald verschwand. Verwirrt erinnerte sich die Weiße an den leisen Ruf kurz nach Nyotas Heulen – war das nicht Liel gewesen? Auch sie hatte gerufen. Unschlüssig sah die Weiße wieder zu Jumaana und erhob sich dann.
“Gehen wir zu Liel?“
Der Regen und der Sturm verschluckten alle Gerüche, sie konnte nur dem leisen Heulen folgen, was sie aber ganz sicher nicht alleine machen wollte.
Tod. Alle waren sie tot oder starben vor sich hin. Die ganze Zeit über hatte Liel unter dem Leichnam ihres Vaters gelegen, sich zitternd in den blutigen Matsch gedrückt und geweint. Als Takashi angekommen war und den weißen Rüden beleidigte, konnte sie nicht reagieren, nicht sagen, dass Takashi ihn zu Unrecht beschuldigte, vor allem, weil diese irre Idee noch immer in ihrem Kopf umherspukte. Sie rührte sich aber auch nicht, als er ihr befahl, von ihrer Vater, seinen Bruder, abzulassen. Er hatte ihr gar nichts zu sagen, er sollte erstmal sehen, wie er seine Launen gezügelt bekam, sonst würde er nicht mehr lange so munter durch die Gegend laufen, sondern sich den Sterbenden anschließen.
Die Wege die ihre Gedanken gingen, irritierten die Fähe nur kurz, schon kam auch Krolock zu ihnen gelaufen. Ein Krolock, ihr Bruder, den sie kaum zu kennen schien. Er zog sie unter ihrem Vater weg, müde wehrte sie sich, fühlte sich viel zu erschöpft um sich richtig dagegen zu stemmen, um bei ihrem Vater zu bleiben. Kraftlos ließ sie sich von ihm noch mehr durch den Matsch ziehen, das graue Fell war über und über bedeckt von dem Dreck und dem Blut. Sie blickte Krolock durch trübe Augen an, er sah so komisch aus, irgendetwas stimmte nicht mit ihm, aber sie wusste nicht was es war. Sie hörte seine geflüsterten, wütenden Worte an Urion, sie hörte seine geflüsterte Frage an sie selbst. Und noch immer fühlte sie sich nicht in der Lage um zu antworten.
Am liebsten würde sie einfach auch einschlafen, wie konnte man Kinder so früh von den Eltern trennen? Erst als Ayv sie anbettelte, dass sie sagen sollte, dass er es nicht gewesen war, erst da fing sie sich an zu regen, sie blickte zu ihm, zu Takashi und zurück zu ihrem Bruder. Dann schüttelte sie ein Schluchzen, sie sollte nun wirklich alles erzählen? Eng schmiegte sie sich an den Bruder, zum Glück lag sie noch so nah an Urion, dass sie dabei unter seine Pfote kriechen konnte. So lag sie da, schluchzend und gab wahrlich ein jämmerliches Bild ab.
„Der Puma, nicht er, hat Urion getötet. Urion wollte mich retten, wollte das Rudel beschützen, der Puma war zu stark.“
Sie brach ab, wühlte ihre Schnauze dicht in das blutüberströmte Fell ihrer Vaters und wand sie somit von allen Anwesenden ab. Wo blieb wohl ihr anderer Bruder? Wie würde er den Tod von dem letzten erwachsenen Familienmitglied aufnehmen? Wie sollte sie es nun schaffen, die Familie zu beschützen? Jetzt, wo sie sich diese Blöße gegeben hatte, jetzt, wo alle wussten wie schwach sie wirklich war? Verzieh Krolock ihr, dass sie so stark getan hatte? Was passierte eigentlich mit Krolock? Hatte er gar das geerbt, was Urion auch besessen hatte?
Liel wusste nicht, was genau es war, aber sie wusste, dass ihr Vater von irgendetwas heimgesucht war, deshalb hatte er so gruselig ausgesehen und deshalb war er so stark gewesen. Mehr hatte Kaede ihr jedoch nicht erzählt. Wusste Krolock da mehr? Hatten sie alle womöglich das was auch immer und wussten es nur nicht? Sie wollte ihn anschauen, erforschen ob er das was auch immer hatte oder nicht. Wollte schauen, ob sie es wohl auch hatte. Aber sie konnte einfach nicht, sie wollte einfach nicht, so lag sie weiterhin da, mittlerweile nur noch mit dem Kopf unter Urions Pfote. Dabei war das Bild, was sie abgegeben hatte, als sie noch unter ihm gelegen hatte, gewiss angenehmer gewesen.
„Kro.. Ich bin doch hier!“
Und schon war Krolock weg. Tyraleen hatte das leise Heulen kaum gehört, wollte auch keinen Gedanken daran verschwenden, war es doch ihre Mutter, zu der sie so schnell es nur ging, kommen wollte. Nur wenige Sekunden sah sie dem schwarzen Welpen hinterher, dann rannte sie stumm weiter, wusste sie doch immerhin, dass er nicht mehr ins Nichts rennen würde. Und das reichte ihr, sie konnte sich jetzt nicht um ihn kümmern. Es ging um ihre Mutter. Mit verbissenem Gesicht rannte sie weiter, konnte ohne den Welpen im Maul noch schneller laufen und spürte kaum noch den Boden unter ihren Pfoten. Regentropfen perlten von ihrem Gesicht, sie wusste nicht mehr, ob sie sich mit Tränen vermischten. Die Ansammlung auf dem Rudelplatz wurde langsam größer, nicht nur, weil sie näher kam, sondern auch, weil sich immer mehr Familienmitglieder um Nyota scharten. Wo war Banshee? Das reinweiße Fell ihrer Mutter konnte sie nirgendwo entdecken und nach einem kurzen Moment fiel ihr auch auf, dass Akru fehlte. Und Averic. Ein weiterer Schlag in die Magengrube, hätte sie ihn in diesem Moment doch mehr als je zuvor gebraucht. Er war ihr Bruder, seine Mutter war ihre Mutter, in dieser Situation konnten sie mehr für einander da sein, als jede andere Gefährten. Und nun war er nicht da. Sie schluckte schwer, erreichte schwer atmend die Gruppe, senkte den Kopf und setzte nun vorsichtig Pfote vor Pfote. Sie kam an Amáya vorbei und sah ihr kurz in die dunklen Augen, hatte in diesem Moment vergessen, zu was ihre Schwester geworden war und berührte sie an der Schnauze. Ihr Sohn Tascurio stand bei der Schwarzen, auch er wurde kurz berührt, dann sah sie auf, viele Welpen waren schon da, Face auch, doch sie konnte ihnen kein Lächeln schenken. Schließlich hatte sie Nyota erreicht und stellte sich neben sie.
Noch immer schien das alles hier nicht real. Takashi wollte es nicht; nein es durfte einfach nicht sein! Konnte sich das alles hier nicht als einen grausamen Traum herausstellen, der dann wieder rum halb so schlimm war? Alles sollte nur eine Illusion sein! Etwas, was ihm der Fluch vorgaukelte, doch kein einziger Wolf dieses Rudels sollte zu Tode kommen! Es konnte und durfte einfach nicht wahr sein – niemals! Wer war nur so grausam? Hätten die Götter Fenris und Engaya sich etwa vom Fluch dazu verleiten lassen? Irgendetwas lief doch falsch hier, verdammt!
.oO(Ich habe das schreckliche Gefühl, dass hier etwas gar nicht stimmt. Wann hatten wir denn hier schon einen Todesfall? An so ein grauenvolles Ereignis kann ich mich in diesem Rudel hier nicht erinnern! Hoffentlich hat es nichts mit dem Fluch zu tun, den Urion und ich hier reingeschleppt haben. Wenn er jetzt auch schon körperlos handeln kann…dann sind wir erledigt! Wird er ewiges Pech über uns bringen? … Urion, mein Bruder, ich kann es einfach noch immer nicht begreifen. Nie habe ich daran zu denken gewagt, dich einmal so zu sehen! Es macht mich viel mehr, als einfach nur traurig, glaub mir! Ich bin mir sicher, dass wir uns in einigen Jahren oben in Engayas Reich treffen werden!)
Unsanft wurde er aus seinen Gedanken, die ihn in große Trauer zogen, gerissen. Nun kam auch ein zweiter Welpe – Krolock, der Welpe von Urion und Kaede – dazu. Natürlich durfte ihm auch nichts durch den Fremden geschehen. Takashi müsste die Kleinen vor diesem gefährlichen Blinden beschützen! Wenn ihnen etwas zustoßen würde, könnte sich der große Rüde selbst nie verzeihen. Außerdem würde er schrecklichste Schuldgefühle erleiden, nicht einmal diese Aufgabe für Urion und Kaede bewältigen zu können. Zur Not müsste er den Fremden noch über die Reviergrenze jagen!
“Verdammt…Krolock! Geh nicht…geh nicht zu dem Weißen da! Er ist ein böser Wolf! ... Was tust du denn da?! Hör doch auf damit! Das ist nicht der Fremde…das ist Urion, dein Vater! Lass das…hörst du nicht? Warum…wie kannst du nur?“
Das, was sich da kurzzeitig vor Takashi abgespielt hatte, war für ihn unbegreiflich. Zuletzt waren nur noch verwirrte Worte aus ihm herausgesprudelt. Fassungslos. Krolock ging mit dem Leichnam seines eigenen Vaters wie mit einem Haufen Dreck um! Er schien so aggressiv, sodass er wohl zuerst gar nicht mehr von Urion ablassen wollte! Auch wenn der große Rüde keinem jungen Wolf mehr etwas antun wollte, hätte er ihn wohl doch von Urions Leichnam weggerissen, wenn er nicht so früh damit aufgehört hätte. Was dann geschehen wäre, hätte alleine die Wut in Takashi geregelt. Böse Worte vielen. Krolock hatte seinen Vater beleidigt. Komischer Weise hatte der schwarze Hüne von so einem schlechte Verhältnis zwischen Urion und seinem Sohn nichts gewusst. War der Welpe etwa jetzt schon so abgebrüht, dass er den Tod seines Vaters einfach so hin nahm? Selbst für Takashi war das komplette Ereignis hier viel zu viel. Noch immer vielen unzählige Tränen von ihm zu Boden und vermischten sich mit dem Blut Urions. Wie konnte der Welpe nur so sein? Nun fühlte sich Takashi so sehr gekränkt, dass er nicht Mals mehr aufrecht stehen konnte. Langsam schien er in sich wie ein Sack zusammenzufallen. Seine Beine zitterten und wollten auch nicht mehr die große Last des Wolfskörpers tragen. Jetzt war es ihm wirklich egal, was der Blinde da von ihm dachte. Schließlich war der Schwarze kein Schwächling, sondern ein Wolf, der langsam wieder lernte, seine Gefühle zu zeigen. Der schwarze Kopf fuhr herum und die tiefblauen Augen wirkten auf einmal so kalt auf den Blinden ein. Ob er ihn sehen konnte oder nicht, war ihm wirklich egal. Bedrohlich fing Takashi an, zu knurren.
“Wie willst du denn etwas töten? Du siehst ja nicht einmal etwas. Du musst eher Angst haben und aufpassen, dass DU nicht gleich getötet wirst!“
.oO(Und? Was kommt jetzt für ein Mist – was für ein Schund? … Na von wegen helfen und beschützen? Seh’ ich ja, wie du helfen und beschützen konntest…sogar ein Welpe hätte noch mehr leisten können, als du! Schau dir doch einmal Krolock an…wie er reagieren und handeln kann! Du bist ein verdammt erbärmlicher Schwätzer! Sicherheit…welche Sicherheit meinst du? Ich fühle mich gekränkt und mir geht es einfach nur beschissen! Und dann soll ich mich sicher fühlen, wenn ich einem Lügner wie dir gegenüber stehe? Wie kannst du nur! Du kannst dir sowieso nicht vorstellen, was ich empfinde und fühle. Sonst würdest du jetzt nicht so einen Unsinn brabbeln! Soso. Und jetzt suchst du auch noch deinen Bruder. Shakru? Shakru Minor? Shakru ist mit diesem Abschaum verwandt? Aber soll ich dir mal etwas verraten? Ich brauche nicht mehr zu suchen…denn jetzt habe ich keinen Bruder mehr! … Kamui? Wer um alles in der Welt ist Kamui? Oh nein, jetzt fängt das schon wieder an…ich sehe meine Erinnerungen in so vielen Bildern!)
Kamui war ein Welpe aus dem zweiten Wurf von Feenkind und Death Walker, zu dem auch Takashi gehörte. Er erinnerte sich an einen kleinen weißen Welpen, der ihn frech angrinste. Jedoch wusste er nicht einzuordnen, inwiefern dieser Welpe etwas mit seinem Leben zu tun gehabt hatte. Als dann auf einmal Liel die Worte des Weißen bestätigte, konnte Takashi das alles nicht fassen.
“Warum hat er denn nicht nach Hilfe verlangt? Selbstverständlich hätte ich ihm doch geholfen! Oh Bruder…warum?“
Den Weißen würdigte er keinen einzigen Blick mehr. Für diesen Moment ignorierte der Schwarze ihn komplett; sah und hörte ihn nicht mehr. Immer wieder kreiste die eine Frage in seinem Kopf: „Warum?“ Danach drehte er sich zu dem Leichnam seines Bruders Urion um. War er wirklich tot? Vielleicht lebte er doch noch…vielleicht ein Koma; ein Schlaf! Direkt neben dem Leichnam ließ sich der Schwarze zu Boden sinken und legte den Kopf, der plötzlich so schwer wirkte, auf seinen Bruder. Er drückte ihn fest an des Bruders Brustkorb. Nichts. Stille. Herz und Atem hatten ausgesetzt – er war wohl wirklich tot. Verkrampft kniff Takashi die Augen zu und drückte seine Schnauze in Urions Fell.
Kylias Körper durchpulste Wut. Alles an ihr war wütend, jeder Muskel schrie vor Zorn und ihre Augen suchten rasend nach etwas, an dem sie all diese Aggression auslassen konnte. Ihre Nase witterte im Wind nach dem Geruch eines Wolfes, am besten von einem Welpen. Einem kleinen, hilflosen Welpen, davon gab es in diesem Rudel doch genug. Sie leckte sich über die Lefzen und wünschte, Blut darauf zu schmecken. Dann ein Geräusch, sie wirbelte herum, sah das rote Fell eines Fuchses im Unterholz verschwinden. Mit rasanter Schnelligkeit war sie ihm hinter her gesprungen, hatte seinen buschigen Schwanz erwischt und schleuderte ihn dann mit voller Wucht gegen einen dicken Eichenstamm. Betäubt rutschte der Rotpelz am Holz herunter, Kylia war sofort bei ihm und riss ihm die Kehle auf, warf in die Luft und zerbiss dann seinen Rückenfell. Kaum lag er am Boden stürzte sie sich wieder auf ihn, riss an seinem Fleisch und wurde erst ruhiger, als ihr Fell blutbesudelt und ihre Nase tief rot getränkt war.
Erschrocken schlug Kylia die Augen auf. Was für ein schrecklicher Albtraum. Er war nicht unbekannt, schon öfter waren so wütende Bilder im Schlaf aufgetaucht – selten hatte sie sie verstanden und meist schnell verdrängt. Auch jetzt setzte sie sich schnell auf und schüttelte ihren braunen Pelz. Albträume sollte man so schnell wie möglich vergessen, also trabte sie schon in den Wald hinein, ließ sich den Regen durchs Fell laufen und wich – froh über Ablenkung – herumwirbelnden Ästen aus. Vielleicht würde sich ja irgendwer finden lassen, mit dem sie sich unterhalten könnte. Das würde es noch leichter machen.
Ayv's gesamter Körper fing an zu zittern. Wieso mochte niemand ihn? Nur weil er blind war? Wirkte er nur wegen dieser einen kleinen fast schon unbedeutenden Behinderung hilflos? Hilfloser als ein Welpe? Das konnte er nicht glauben. Er öffnete seine Augen wieder, unnützerweise. Ein zweiter Welpe, wie der große ihn nannte, Krolock, war hinzugekommen. Er war bei Liel. Der große beschimpfte ih noch so lange, bis Liel seine Worte bestätigte. Da fragte er sich was. Zuerst verwundert horchte er auf.
"Hätte er nach Hilfe verlangt, wäre sie wohl doch zu spät gekommen."
Flüsterte Ayv ganz leise, eigentlich nicht mehr hörbar.
Ganz langsam stellten sich seine Ohren leicht auf. Das Bild der Umrisse wurde schärfer. Der große legte sich neben Urion, presste seinen Kopf an seinen Brustkorb. Hatte er die Hoffnung verloren? Eine Hoffnung, die Ayv hatte nie aufgeben wollen, die er denoch würde verlieren werden, wenn ihm niemand half seinen Bruder zu finden? Würde überhaupt je jemand einem Blinden helfen? Gab es das überhaupt?
Er versuchte aufzustehen, schaffte es und drehte sich gerademal ein Stück zur Seite, als sein Bein wieder unter ihm nachgab. Er stürzte wieder zu Boden. Momentan war er wirklich hilflos.
"Wenn es dir Spaß macht, deine Wut an einem Hilflosen auszulassen, bitte, ich werde mich nicht wehren. Lange genug habe ich mich gewehrt. Jetzt ist es vorbei. Wehren ist für mich vorbei. Kämpfen kann ich nicht mehr. Ich werde auch gehen, wenn es dir lieder ist. Ich werde mich selber auch gerne in den Tod schleppen und mich selber auch dem Nichts überlassen, wenn es dir recht ist. Dann geht ein weiterer. Ein weiterer, der helfen könnte. Hilflos bin ich nämlich nicht, außer jetzt, wegen meinem Bein."
Ayv hatte keine Ahnung, warum er das sagte, aber er sprach auch nur so leise, dass er selber es eben verstehen konnte, doch er war sich sicher, dass seine Worte auch an die Ohren der anderen drei drang. Würde der Große ihn gehen lassen? Oder wollte er vermeiden, dass ein weiterer dem Nichts überlassen werden würde? Wenn nein, dann würde Ayv sich auch jetzt mit seiner schlimmen Verletzung die nächst beste Klippe hinauf quäelen, um dann oben zu stolpern und zu fallen. Zu fallen in den Tod, dem Nichts überlassen. Da sagte er sich plötzlich: Warum noch bleiben? Ich geh.
Ayv erhob sich also und quälte sich fort von den anderen, die dort trauerten. Er hatte hier doch eh nichts verloren. Hier würde niemand ihm helfen. Doch er kam nicht weit, seine Konzentration war im Eimer, sprich: Er sah nicht viel und lief deswegen auch schon gegen einen Baum und stürzte daraufhin erneut. Tränen kullerten über sein Fell und tränkten wie das Blut und der Regen den Boden. Sein Gesicht grub er mehr und mehr in den Matsch hinein, seine Beine versanken halb im Morast und auch sonst versank er ein Stück.
"Gibt es überhaupt noch jemanden, der mich nicht im Stich lassen würde, Fenris und Engaya? Gibt es noch jemanden?"
Fragte Ayv den Himmel.
27.12.2009, 12:24
Die Gruppe um und bei Nyota hat gerade erst den Waldrand hinter sich gelassen. Banshee und Akru sind nicht unmittelbar zu sehen oder zu erreichen.
Nyotas Schritt war langsam, schwer und ungleichmäßig. Sie kabnnte den Weg, und sie wollte ihn zugleich im Flug überwinden und einfach stehenbleiben. Sie wollte jetzt bei ihrer Schwester sein, und sie wollte doch nicht dass sie jemals ging. Nicht heute, nicht Morgen. Nie. Es konnte nicht sein.
Amaya schloß zu ihr auf, und Nyota widmete ihr einen langen Blick. Zacks Mord hatte sie nicht vergessen, aber gleiches Blut blieb gleiches Blut. Und an Banshee hing sie wohl genau wie sie - sonst hätte sie sich kaum die Mühe gemacht zu kommen. Auch Malicia erschien bei ihr, bekam ein Nicken und einen kurzen Blick. Auf ihren Kommentar hin schnippte sie nur kurz mit den Ohren. Banshees Tod war nicht das Ende. Er war erst der Anfang.
Nerúi rannte an ihr vorbei, einfach geradeaus in den Wald hinein - Nyota hatte nicht die Kraft sie in diesem Moment zurückzurufen, und zwischen den Bäumen konnte sie kurz darauf Face ausmachen, in den Nerúi geradewegs gerannt war - und dabei noch Chanuka mitgenommen hatte. Der Schatten eines Lächelns glitt über Nyotas Leftzen, dann schloß auch Tyraleen zu ihr auf. Auch ihr schenkte sie einen Blick, aber zu lächeln vermochte sie jetzt nicht mehr. Im dichtesten Schlamm hätte Nyota ihre Schritte schneller zu setzen vermocht, als sie es nun konnte. Jeder Schritt brachte sie näher zu Banshee, und mit jedem Schritt trug sie den Tod in sich mit. Sie konnte ihn nicht aufhalten, aber vielleicht konnte sie ihm ein paar Minuten abringen? Vielleicht auch nicht...Ungeduld trieb sie an, aber Schwermut, verzweifelte Hoffnung und die Liebe zu ihrer Schwester hielten sie fest. Sie musste zu ihr - nur nicht zu bald, nur nicht zu schnell. Ihr Blick fand zu Tascurio, der sich bei Amaya eingefunden hatte, bevor er wieder nach vorne fand. Alle Farbe war aus den Baumstämmen gewichen - das einzig farbige an diesem Tag war Banshee, deren Licht sie weiter zwischen den Bäumen hindurch lotste, ohne dass sie es hätte sehen können ...
Eine Reise findet nie ein Ende, nur immer wieder neue Wege. So würde es auch mit dem schwarzen Hünen sein. Und obwohl die Zeit gegen ihn zu arbeiten schien, war Acollon gelassen, fast lässig. Die schweren Pranken setzten auf den Regenwasser durchtränkten Boden auf. Der Dreck spritzte an den schmalen Flanken empor. Das schwarze Fell durchnässt und schwer im Rhythmus seines Laufes fallend. Die eisigen, grauen Augen stetig in die Ferne gerichtet. Der Fang war ein Spalt weit geöffnet, um möglichst viel Luft ein zu ziehen und das Tempo aufrecht zu erhalten. Der hochgewachsene Rüde preschte über eine weite, auslaufende Landschaft. Die dunklen Wolken zogen sich wie ein fester Nebelschleier über den gesamten Himmel. Der harte Wind peitschte in das zerfurchte und vernarbte Gesicht. Unnahbar, voller Ehre und Stolz. Wie Acollon immer gewesen war. Und doch war das leichte, ehrliche Lächeln – welches Banshee immer so geliebt hatte – auf seinen Lefzen zu erkennen. Das erste Gefühl, dass er gelernt hatte. Der erste Ausdruck seiner Zuneigung – der Anfang von einem schmerzvollen und schleichenden Ende, dessen war er sich bewusst. Vergeltung, Rache und Wut waren Dinge, die der Schwarze gut verstand. Er hatte eine Familie gehabt, bei der er hätte sein können und sollen. Er war allerdings seiner Wege gegangen und bevorzugte die Einsamkeit, die Freiheit, das wilde und ungezügelte Leben. Der Tod kannte keine Ketten. Nicht einmal die, der eigenen Bedürfnisse. Jahre in der Eiswüste fremder Welten. Die herbstlichen Wälder eines vergessenen Landes. Die blaue Sonne am Rande der Nacht. Der Mond so nah an der Erde, dass sein Licht fast schmerzte. Überall war der Hüne gewesen, hatte gesehen, hatte gelitten, hatte Freude empfunden und war seinen Aufgaben nachgekommen. Dem Schicksal immer zu die Stirn geboten – mit einem Lachen in der Kehle. Doch es war Zeit heim zu kehren. An seinen rechtmäßigen Platz. Seite an Seite mit seiner weißen Gefährtin. In der Runde seiner Familie. Auf in ein neues Abenteuer, in eine andere Zukunft.
Der Weg führte ihn durch einen kahlen, vertrauten Wald außerhalb seiner alten Reviergrenzen. Erinnerungen wirbelten auf, wurden aber sofort mit dem nächsten Schlamm und Regen davon gewischt. Die Bäume rasten an ihm vorbei, kleine Äste verhakten sich in dem langen und matten Fell. Die Dämmerung schien dunkler werden zu wollen. Eine bittere Kälte legte sich um das raue Herz. Er war zu Hause. Im Tal der Sternenwinde. So würde es also enden. Dort wo es begonnen hatte, würde er sich nun auch zur Ruhe legen. Wie er damals versprochen hatte. Zusammen in ein Reich ohne Differenzen und Schwierigkeiten.
Abrupt hielt er an. Ein unsichtbares Band zog sich durch den schlammigen Waldboden. Ein weiterer Schritt und er wäre dort, wo er sein sollte. Er zögerte nicht, weil es ihm Unbehagen bereitete, auch nicht, weil er zu befürchten hatte, dass er zu spät kam. Ein denkwürdiger Augenblick. Seine Ankunft würde für Wirbel sorgen, das wusste er. Der Kopf neigte sich in beide Richtungen. Dann setzte sich eine schwarze Pranke über den Boden. Die verschiedensten Gerüche strömten auf ihn ein. Vertraute, sowie unbekannte. Alles so unwesentlich und unwichtig. Und dennoch verweilte er. Eben noch war ihm jede Sekunde endlos erschienen, auf einmal gab es genügend Raum für die absurdesten Gedanken.
“Hier bin ich wieder – euer Acollon“,
schnarrte er leise und grinste. Natürlich vermochte ihn keiner zu hören. Seine Präsenz, sein Geruch und die unangenehme Aura würden ihr Übriges tun. Darauf konnte sich der Hüne verlassen. Allmählich setzte er den Weg fort. Es war fast alles so, wie er es noch gekannt hatte. Nur eines stimmte nicht. Eine neblige Substanz setzte sich in einigen Teilen des Revier ab. Das Nichts, schoss ihm durch den Kopf. Eine Ebene fern von Engaya und Fenris. Das Grinsen verblasste und an Stellen dessen trat ein trotziger und wütender Gesichtsausdruck. Wäre er hier geblieben, wäre nun das Rudel und seine Familie nicht in Gefahr. Es blieb nicht genug Zeit, um sich darum zu kümmern. Eine nächste Generation. Geboren aus den Ahnen. Die einzige Rettung,
“Die Würfel sind gefallen...“
Trübsal war nichts für ihn. Und vielleicht war auch genau das der Grund, warum der Sonnenwolf, dieser braune, leichtherzige Rüde, nicht einmal durch Angst, Trauer oder Tod aus der Fassung zu bringen war. Wie auch jetzt. Etwas Abseits hatte sich der Rüde nieder gelassen, mit ruhigem, freundlichem Blick das Treiben auf den Rudelplatz beobachtet. Viel länger als geplant verweilte er bereits, doch noch zog es den Wanderer mit dem guten Herzen nicht fort, noch fühlte er sich hier geborgen und gebraucht. Schmunzelt lehnte Yerik den Kopf etwas zur Seite und streckte die Pfoten durch, ehe sich der braune Wolf langsam aufrichtete. Der Blick aus den Bernsteinaugen suchte niemand bestimmtes, fand aber das Rudel, welches ihm Unterschlupf und Heimat gab. Eines Tages, wenn er für sich entscheiden konnte das es Zeit war Ruhe zu finden, würde er vielleicht wieder hierher zurückkehren, doch jetzt wusste Yerik zu genau das es ihn in einem Jahr bereits wieder in die Ferne ziehen würde, doc keine Ewigkeit. Ewigkeit, mit diesem Wort haderte er nicht, er lebte im hier und jetzt, was einmal sein würde, lag viel zu weit entfernt.
Ein leises Gähnen folgte seinen Bewegungen als sich der Rüde ein weiteres Mal streckte. Und nun? Seine Augen folgten einem schwarzen Schatten, doch es war nicht wirklich einzuschätzen um wen es sich handelte, Amáya? Malicia? Oder doch ganz jemand anderes? So oder so, würde er sich nicht einmischen, nicht hier, nicht heute. Dies war nicht seine Familie, er würde nur da sein, wenn man ihn bräuchte. Er hatte Banshee beobachtet, genauso wie auch die schwarze Leitwölfin Nyota und auch heute hatte er sie immer wieder mit Blicken bedacht, ein stummer Beobachter wenig und doch viel wissend.
Yerik folgte ihnen nicht, doch setzte er seine Pfoten in Bewegung, suchte sich einen Weg etwas vom Rudelplatz fort und doch jederzeit erreichbar. Ein Wolf würde ihn finden, sollte er ihn suchen. Und er würde da sein, so wie der Sonnenwolf immer da war. Doch jetzt war es nicht an ihm, auch nur einen dieser Wölfe aufzusuchen. Dies war eine Sache innerhalb einer Familie. Und er, Yerik, war ein Wanderer, so etwas wie eine Famile besaß er nicht mehr.
Es ist so weit.
Unruhig lief der Pechschwarze auf und ab, ab und auf, immer weiter, wieder zurück, im Kreis und kehrt. Ein eisiges Gefühl hatte sich schwer auf Averics Seele gelegt, ihn bis in den Traum dieser Nacht verfolgt. Dort war wieder jene Wüste aus Staub und Geröll gewesen, das tote Land, welches er nur mit Zweien identifizierte. Fenris und seinem Vater. In seinem Traum war nicht viel passiert, er war einfach nur gelaufen, während sich die Kälte immer enger um seine Glieder geschlungen hatte. Da war wieder der schneidende, laute Wind gewesen, der schwarze Himmel, an dem sich Wolkenkoloss für Wolkenkoloss weiter aufgebaut hatte. Er rannte und rannte, ohne je mehr zu sehen. Bis zum Schluss, als eine schwarze Gestalt vor ihm auftauchte, die er augenblicklich als Cylin erkannt hatte. Es ist so weit.
Am frühsten Morgen war dieses kalte Gefühl nicht mehr verschwunden. Mit dem Aufschlagen seiner Augen hatte er es gewusst. Ein Wissen, dass ihm die Kehle zuschnürte und ihm die Luft abdrücken wollte. Es würde der Schwärzeste aller Tage werden. Sein Innerstes schien sich zu verkrampfen, als er seine schlafende Mutter angesehen und sich abgewandt hatte. Seit dem lief er. Es war der schwierigste Weg, den er je gegangen war. Immer wieder anhaltend, den Drang verspürend sich wieder um zu drehen, zurück zu gehen. Doch er kämpfte sich wieder vorwärts, weiter, nur um noch einmal stehen zu bleiben. Es war, als müsste er gegen einen Sturm kämpfen, gegen eine unsichtbare Mauer, die ihn immer wieder zurück drängte. Es waren Erinnerungen, die sich wie Ketten um seine Pfoten gebunden hatten und aufhalten wollten.
Nichts hatte es gebracht, nichts hatte es ihr genützt. Heute war der Tag. Immer wieder hatte er sich still geschworen, der aller Letzte zu sein, der sie verlassen würde. Sein Vater – weg, niemals wirklich je da. Cylin war gestorben, Parveen verschwunden. Malicia verschwunden, viel zu spät wieder zurück gekommen. Hiryoga war verschwunden, wieder aufgetaucht, wieder verschwunden und gestorben. Kisha verschwunden, vergessen. Und sein Vater immer fort. Doch er hatte ausgeharrt. Er war da geblieben. Und letztendlich war es doch so schrecklich egal gewesen. Sie würde sterben. Seine Mama.
Das Heulen seiner Tante war schrecklich weit weg und trotzdem wusste er genau, was es zu bedeuten hatte. Averic wandte sich nicht um, seine Ohren zuckten kaum. Hatte er doch Fenris längst gesehen. Wie schwarzer Nebel hatte er ihn begleitet und war wieder verschwunden. Es würde noch einen Toten geben. Ihn interessierte es nicht. Ohne sie zu beachten strich der Pechschwarze wie ein Geist an den Nichtsfeldern vorbei, immer weiter fort vom Rudel. Schließlich blieb er stehen. Das schneidende Rauschen des Windes klang in seinen Ohren, einzig übertönt vom schweren Schlagen seines eigenen Herzens. Der kalte Hauch glitt an ihm vorbei, die glühend roten Augen nur einmal zu ihm gewandt. Er blickte nicht hin, er sah nur grade aus. Sein Kiefer war geschlossen. Obwohl er meinte schon seit Ewigkeiten zu laufen, war sein Atem ganz ruhig. Fast zu ruhig. Der schwarze Schatten schritt vorwärts und löste sich auf. Averic verharrte stocksteif, wie eine lebende Statue, bis sich am Horizont endlich etwas regte. Er war da. Es fühlte sich an, als würde anstatt von Blut nur noch Eiswasser durch seine Venen jagen.
Langsam setzte er die erste Pfote vorwärts, dann die Zweite. Unbarmherzig fiel der Regen auf ihn nieder, benetzte sein Fell, ohne das er sich daran störte. Zu voller Größe, mit erhobenem Haupt und starrem Blick führte der Pechschwarze seinen Weg fort. Direkt auf ihn zu. Wieder spürte er die Schnüre, die ihn zurück halten wollten, doch dieses Mal zerriss es sie, indem er einfach weiter ging. Sie kamen näher. Und dann blieb Averic stehen, ließ die Sekunden verstreichen.
„Acollon.“
Als sie sich das letzte Mal begegnet waren, hatten sie sich gegenseitig getötet. Waren einander an die Gurgel gegangen und hatten gekämpft bis zum letzten Tropfen Blut. Bis zum letzten Tröpfchen Hass. Nun stand er vor seinem Vater, seine Haltung spiegelnd und sah ihm ohne jede Regung direkt in die Augen.
„Du kommst spät.“
Banshee spürte Nyotas Wärme noch immer an ihrer Schnauze, auch noch, als die Schwarze schon fort war. Schon bald hallte ihr Ruf über das Tal und kurz schloss die Weiße wehmütig die bernsteinernen Augen. Es war der schwärzeste aller Tage für viele von ihnen, doch Banshee hatte schon tief in ihrem Inneren beschlossen, ihn nicht zu diesem schrecklichen Schmerz werden zu lassen. Er war nur ein Tag wie jeder andere, an dem sie gehen würde und endlich ihre Ruhe in Engayas Pfoten finden würde. Sie freute sich darauf. Ebenso wie ein schwaches Lächeln über ihre Lefzen huschte, als Akru lautlos und doch stark an ihrer Seite erschien. Sofort stützte sie sich auf ihn – wenn auch nicht körperlich. Doch ihre Seele war so froh über die starke Pfote, an der sie nun weiter geführt wurde. Zusammen mit Nyotas Gedanken, die Kraft durch ihre Läufe schickten, hatte sie wieder wenige Herzschläge lang das Gefühl, jeden besiegen zu können. Bis es wieder verging und sie stumm Pfote vor Pfote setzte, den Blick gesenkt, Akrus graues Fell neben ihrem betrachtend. Sie waren sich ähnlicher geworden, hatte das Weiß ihres Fells sich doch schon länger unbemerkt in stumpfes Grau verwandelt. Doch erstmals fand sie es neben den Pfoten ihres Freundes schön – auf seine eigene Art. Nach langem Schweigen und vielen Schritten fort vom Rudelplatz, erhob Akru seine Stimme und sah müde hinauf in den Himmel, der grau und voller Wolken seine Tropfen zu ihnen hinabschickte.
“Er weint schon lange – heute stürmt er. Ob er wütend ist?“
Ihre Stimme war leise und ihre Frage schien nicht wirklich nach einer Antwort zu verlangen, auch wenn sie selbst nicht wusste, warum gerade an diesem Tag ein so schrecklicher Sturm aufzog. Akru war stehengeblieben und ohne zu fragen oder zum Weitergehen zu drängen, stellte sich Banshee an seine Seite. Als sie sah, dass er weinte, legte sich ein tief trauriges Lächeln auf ihr Gesicht, Wehmut stand voller Schmerz in ihren Augen. Ihn weinen zu sehen traf sie, hatte er doch selten eine solche Trauer ihr gegenüber offenbart. Das letzte Mal war es, als sie gemeinsam bei ihren toten Welpen gelegen waren. Auch heute würde es einen Tod zu betrauern geben. Ohne es verhindern zu können, rannen auch ihr die Tränen über die hellen Wangen.
“Deine weiße Freundin möchte noch einmal für dich strahlen. An deiner Seite.“
Auch sie vergrub die schlanke Schnauze in seinem buschigen Pelz, verharrte lange so und genoss die Nähe ihres grauen Freundes, ohne sich schuldig fühlen zu müssen. Langsam setzte sie sich wieder in Bewegung, verharrte doch, um auf Akru zu warten und zeigte ihm dabei, dass sie dennoch nicht mehr alle Zeit der Welt hatten. Sie rann ihnen zwischen den Pfoten dahin und auch wenn Banshee wusste, dass der Tod sie nicht plötzlich mit scharfen Klauen überfallen würde, wollte sie ihn nicht ewig warten lassen. Sie handelten mit gegenseitigem Einverständnis und durften doch nicht die Akzeptanz des Anderen überstrapazieren. Und wer wusste schon, wo Engaya war, ob ihr Blick nun auf ihrer verlorenen Tochter lag, die sie vergessen und doch nicht verlassen hatte.
Die schwarze Gestalt bekam Umrisse. Hochgewachsen und mit dunklen, kobaltblauen Augen. Sein Sohn. Wie viel Kraft es ihn gekostet hatte, um seinen eigenen Vater entgegen zu treten und zu Banshee zu führen, vermochte Acollon wohl nicht zu sagen. Nur eines war gewiss und es klebte im Fell seines Gegenüber. Die weiße Leitwölfin lebte noch. Wieder einmal war der Hüne den Klauen und der Gerechtigkeit eines Naturgesetzes entkommen. Erhoben seine Haltung, und zur vollen Größe aufgerichtet. Und dennoch kleiner, als er selbst. So auch erhob er sich zur vollen Größe. Das Fell spannte sich unangenehm über die Schulterblätter, die Flanken wurden schmaler gezogen und die Kruppe fiel nun steil ab. Kantig, knochig und ausgemergelt. Dennoch wirkte sein Auftreten nicht schwächlich und nicht alt. Immer noch lag das leichte Lächeln auf den schmalen Lefzen. Die Augen funkelten gefährlich auf – keiner von ihnen würde einen Kampf riskieren. Beide wussten, was nun Priorität und Vorrang hatte. Nicht vergessen und nicht vergeben, aber gestillt. Das Blut kochte schon lange nicht mehr und die Flamme des unbefriedigten Hasses war erloschen. Averic war sein Sohn. Sein Ältester und noch Lebender. Sein Erbe und Nachfolger. Fenris´ Klauen hatten sich an den gesunden und schon erwachsenen Rüden geklammert. Und Acollon ließ es so geschehen. Es gab kein Zurück, keinen letzten Kampf. Er war zum sterben gekommen und so würde es auch sein. Nicht anders.
Die großen Pranken setzten einen Schritt vor, nicht zögerlich. Der Regen wurde voller Ehrfurcht leiser. Eine Begegnung, die man zu fürchten und respektieren hatte. Der Todessohn und dessen Sohn. Ironie des Schicksals. Doch zum Lachen war keinem zu mute. Das Lächeln wandelte sich zu einem breiten Grinsen. Immer noch ernst und stur. Still und korrekt. Ein so viel besser Wolf, als er es selbst war. Würde der Tod etwas an seiner Einstellung und Art ändern können? Wohl kaum. Wie es im Leben und im Tode war, so blieb der rechte Weg immer verborgen und zeigte sich erst am Ende einer Reise. Dieser Reise. Noch einen Schritt nach vorne, bis er dicht vor dem Pechschwarzen stand. Auch er ließ die Sekunden verstreichen.
“Aber ich bin gekommen, Averic“,
leise, fast gezischte Worte. Und dennoch deutlich, als hätte er ihn angeschrien. Eine neue Woge der Kälte sammelte sich um Acollon. Es zerrte an seinem Körper. Fenris rief ihn zu sich. Die letzte Aufgabe war getan. Ein letztes Geschenk, die kurze Gnade, dann würde der Todesgott all das einfordern, was er begehrte. Und obwohl der Hüne stark und stolz wirkte, spürte auch er die Zeit ablaufen. Das Stundenglas war vor langer Zeit umgedreht worden und nun rieselten die letzten Sandkörner hinab. Der große Kiefer spannte sich an, bevor er die Augen schloss.
“Du bist gekommen, um mich zu Deiner Mutter zu führen, nicht wahr?“,
eine reine Feststellung, keine Frage. Und diese Chance würde sich der Hüne nicht entgehen lassen. Es war die Möglichkeit zu erfahren, was er wissen musste um vom Leben abzulassen und mit Banshee gehen zu können. Mit geschlossenen Seelenspiegeln ging er einen Schritt weiter, stand nun Flanke an Flanke mit dem Pechschwarzen. Das Grinsen wollte nicht schwinden. Der Tod lachte im Anblick des eigenen Endes.
Unruhe hatte Kishas Herz ergriffen, sie kaum schlafen lassen. Das Gespräch mit der Weißen lag ihr noch förmlich in den Ohren, brachte sie immer wieder aus dem Konzept. Sie hätte nicht mir der Leitwölfin sprechen dürfen. Nie. Sie hatte alles noch mehr auf den Kopf gestellt, als jeder andere Wolf. Sie hatte etwas in Kisha geweckt, was sich nicht mehr unterdrücken ließ. Sie Schwäche Banshees war kaum zu übersehen gewesen, und sie hatte es ja selbst gesagt. Aber sie erkannte in den hellen Augen der Fähe nicht ihre Mutter. Sie.. war doch tot. Aber wieso schmerzte der Anblick dieser Fähe dann so? Zu sehen, wie schwach sie war. Und es regnete immer noch. Es schien, als wenn das ganze Tal etwas wußte. Der Himmel weinte, und auch die Wölfe wirkten fast alle.. wie der weinende Himmel, die grauen Wolken.
Die Schwarze stand irgendwo bei einem Baum, sie wollte einen Moment allein sein. Wie so oft. Kisha.. Kisha. Wie oft hatte sie diesen Namen in den letzten Tagen gehört? Und mit jedem weiteren Mal machte er sie nervöser? Wieso hielten sie alle für diese Kisha? So viele Wölfe konnten sich doch nicht irren. In den letzten Nächten hatte sie oft davon geträumt, hatte Bilder gesehen, die den Erinnerungen eines anderen zu entstammen schienen. Sie sah so viele Wölfe, die alle einer Wölfin zu lächelten. Und diese Fähe sah ihr unglaublich ähnlich. Nur der Ausdruck in ihren Augen war so anders. Voller Lebensfreude, sie schienen richtig zu leuchten. Sie war aus diesen Träumen immer wieder erschrocken aufgewacht, hatte dann keine Ruhe mehr gefunden. Und jetzt stand sie dort, hatte dem Heulen gelauscht. Und jetzt.. Sie wußte nicht wohin. Sie erkannte in der Nähe die Schwarze Fähe, um die sich nun einige Wölfe versammelten. Und auch die Schwarze spürte das Verlangen, zu ihnen zu treten. Ganz langsam und vorsichtig trat sie neben dem Baum hervor, schritt langsam auf die kleine Gruppe zu. In kurzer Entfernung blieb sie stehen, blickte die schwarze Alphawölfin an. Den Kopf leicht zu Boden senkend und die Ohren anlegend sah es fast so aus, als wolle sie um Erlaubnis beten, hinzu treten zu dürfen. Auch die anderen Wölfe wurden kurz gemustert. Alles fremde Gesichter. Und doch vertraut. Aber sie musste sie ansehen, konnte sich nicht dagegen wehren. Aber sie wußte nichts zu sagen. Was auch? Sollte sie sich vorstellen und sich wieder anhören, dass sie doch Kisha hieß? Die Fähe seufzte, wartete dann weiter auf eine Reaktion der anderen. Mehr als warten konnte sie nicht tun.
Es war ihm nicht fremd, das Gesicht. Trotz all der langen Zeit, die verstrichen war, die Acollon fort gewesen war. Jeder Gesichtszug noch bekannt. Averic wusste nicht, wie viele seiner Narben er damals schon gehabt hatte und welche noch nicht, doch Acollon hatte schon immer so ausgesehen. Er musste ihn nicht mustern. Seine Erscheinung war so vertraut, als wäre er nur ein paar Minuten weg gewesen. Sie war all das, was er so gehasst hatte. Sein Lächeln ließ ihn die Wut erahnen, die er damals verspürte hatte, wenn er ihn sah. Seine Krallen gruben sich tiefer in den matschigen Boden, wie eine Nachwirkung des Hasses auf dieses provokante Grinsen. Aber er blieb ganz ruhig und regte sich auch sonst nicht. Der dunkle Sohn ließ seinen Vater näher kommen und schwieg über seine Worte. Dem gab es nichts hinzu zu fügen. Und er konnte nicht. Es nützte nichts mehr. Averics Fänge bissen sich ein wenig fester aufeinander, er schluckte die Vorwürfe hinunter, die jedes Mal kreuz und quer durch seinen Kopf schossen, wenn er nur an Acollon gedacht hatte. Und jetzt standen sie direkt nebeneinander. Zu spät. Es schmerzte noch immer.
Averic spürte die Flanke des Vaters an seiner Schulter, sah aber noch immer starr grade aus, als hätte sich der Schwarze gar nicht bewegt. Obgleich ihre Felle so unterschiedlich waren, schienen sie doch miteinander zu verschmelzen. Obwohl ihre Läufe sie auf gleicher Höhe trugen, ging trotzdem noch etwas Überragendes von Acollon aus. Es gab eben Dinge, die änderten sich nie. Egal, wie sehr man sich anstrengte, wie sehr man auch versuchte. Am Ende traf einen doch nur die Erkenntnis, wie sinnlos Vieles vielleicht gewesen sein mochte. Und Blutsbande ließen sich durch nichts in der Welt zerschneiden. Er war sein Sohn. Ich hätte dich auch gebraucht.
„Dein Auftauchen hat mich seltenst so erfreut.“ Mistkerl.
Die Beleidigung konnte er sich in Gedanken nicht verkneifen, doch seine Worte, so tonlos sie auch klangen, waren ernst gemeint. Für seine Mutter. Averic wandte sich herum, nur um weiter direkt neben seinem Vater zu stehen, doch den Kopf in die selbe Richtung.
„Ja. Sie wartet schon zu lang.“
Der Gedanke daran den selben Weg wieder zurück zu gehen, den er sich her gequält hatte, erschien ihm fast noch schwerer, als der Hinweg. Denn am Ende erwartete ihn das, was er doch eigentlich mit aller Macht verhindern wollen würde, hätte er die Kraft dazu. Doch die hatte weder er, noch sonst irgend jemand auf der Welt. Also fügte er sich. Er holte Acollon ab, würde ihn geleiten, den er doch so sehr hasste. Du warst nie da.
.( Was rennen hier denn jetzt alle hin und her? ).
Feenkind war offensichtlich verwirrt, doch die Wölfin machte sich nicht die Mühe, der Stimme in ihrem Kopf zu antworten. Der Schock war einfach zu groß. Banshee war diejenige gewesen, von der Jumaana am wenigsten den Tod erwartet hatte. Kaede war alt und zerbrechlich gewesen, während Banshee nur so vor Kraft gestrotzt hatte, ebenso wie ihre Schwester Nyota, die jetzt nach den Angehörigen der Leitwölfin rief. Dann hörte sie die Worte Shanis, die sich anhörten, als wäre ein hoher Rang eine Lebensversicherung. Beinahe musste die Weiße über diese Gedanken lächeln, doch der Schmerz blieb. Stumm saß sie neben Shani Caiyé und wartete darauf, dass irgendetwas geschah. Aarinath regte sich über die Massen auf, die verschwanden und zur Familie der Leitwölfin gehörten. Dann fragte Shani plötzlich nach Liel. Ja, Liel, müsste sie nicht auch bei Nyota sein. Aber das leise Heulen, dass von Süden zu Jumaana drang, war nicht dort, wo Nyota verschwunden war. Die weiße Fähe stand auf und sah ihre Freundin an.
“Ja, ich würde sagen, wir gehen zu Liel und schauen nach, was los ist. Gewiss muss es für sie sehr schwer sein, dass ihre Mutter gestorben ist … und jetzt auch noch Banshee.“
Unschlüssig stand Jumaana auf dem Rudelplatz und wartete, bis auch Shani sich erhob. Dann trottete sie zum Südwald. An einem der Bäume stand Gani Amíra, sie wirkte irgendwie etwas verloren, doch Jumaana empfand kein bisschen Mitleid für sie. Akrus Tochter war irgendwie … sehr eigen, um nicht zu sagen seltsam. Schweigend schritt Jumaana an ihr vorbei, immer weiter zu dem Heulen, dass der Wind verschluckt hatte.
Die blauen Augen verfolgten ruhig die einzelnen Regentropfen, die schier endlos zu Boden fielen. Eine bedrückende Stimmung lag über dem Tal, in welchem Shaén Eleazer nun eine kurze Zeitspanne verweilte. Wobei kurz nicht der richtige Ausdruck war. Für ein Wandererherz, wie er eines hatte, war es eine ungewohnt lange Zeit, die ihn an ein und demselben Platz ruhen ließ. Doch musste sich der große Wolf eingestehen, dass er sich nicht unwohl dabei fühlte. Ob der Heimatlose hier seinen Platz gefunden hatte? Innerlich hoffte der Schwarze darauf, dass sein junger Begleiter ihm vergeben und folgen würde. Es war keine Art, jemanden ohne ein Wort der Erklärung stehen zu lassen, dass war ihm vollauf bewusst. Aber kaum hatte er das Ödland betreten, hatte der Wanderer bereits vergessen gehabt, was ihn dazu getrieben hatte ein Stück alleine weiter zu gehen.
Sein Begleiter, der ihm wie ein Freund geworden war, würde schon zurecht kommen, dessen war er sich sicher. Trotzdem würde er nur ungern auf seine Gesellschaft verzichten und den jungen Rüden mit seiner eigenen Denkweise missen. Das Regenwasser sickerte über des schwarze Fell, welches sicher vor dem Nass schützte und nun schwer an seinen Gliedern herab hing, was seine drahtige Vagabundengestalt ein wenig mehr zur Geltung kommen ließ. Einzig der wirre Haarschopf in seinem Nacken war ungebändigt, wie immer. Dort standen die Haare seit er das Jungwolfalter erreicht hatte, unbeugsam in schier alle Himmelsrichtungen ab. Dicht und dick, wie eine schwarz glänzende Rüstung eines gefallenden Soldaten. Welch schöne Beschreibung. Die klaren blauen Augen wanderten ein wenig weiter, strichen über die versammelten Wölfe und musterten einzelne Mitglieder des Rudels ein wenig eindringlicher.
Nicht nur, dass die Stimmung bereits greifbar war, der dunkle Schleier lag wohl bereits eine Weile über diesem Rudel und stimmte Shaén nachdenklich. Doch ging es ihn nichts an, obwohl seine Pflicht erfüllt und er den Leitwölfen vorgestellt war. Als er ihnen gegenüber trat, so hatte sich erneut die Bestie in ihm geregt, nicht wegen dieser einfachen Begegnung oder wie als er dem Schwarzen im Wald begegnet war. Er hatte das seltsame Gefühl gehabt, dass es das erste und letzte Mal sein würde. Ein ganz eigenartiges Gefühl, doch als der Ruf, rau und dunkel, wie der monotone Klang einer Glocke, dumpf über das Tal schwebte und somit etwas ankündigte, dem die Meisten wohl lieber aus dem Weg gegangen wären, so schenkte Shaén ihnen stumm sein Beileid. Langsam erhob sich der Rüde, wanderte mit gemäßigten Schritten am See entlang, abseits des Rudels, zu jenem Schwarzen hin, der sich ihm als Aryan bekannt gemacht hatte.
Das unbändige Gefühl in ihm hatte seit ihrer ersten Begegnung in der Finsternis nicht nach gelassen. Manchmal dachte er, dass dieser Rüde eine weitere besondere Macht ausübte, die ihn anzog und gleichzeitig wieder weg stieß. Ein Geheimnis, welches er vielleicht eines Tages ergründen würde. Vorerst zog Shaén es jedoch vor, sich schlicht bei dem Jüngeren auf zu halten. Der Umgang zwischen ihm und seiner kleinen Tochter Aléya war schön anzusehen, weshalb er sich gerne bei den beiden aufhielt. Ein Vater, wie ihn sich wohl jeder Welpe wünschen würde.
„Aryan. Aléya.“
Er nickte beiden leicht zu, trat noch einen Schritt näher und ließ sich dann bei den beiden nieder. Vielleicht konnten sie seine Gedanken ein wenig zur Ruhe bringen.
Es war wirklich ein schrecklicher Tag für Takashi und auch bestimmt für viele andere Wölfe des Rudels gewesen. Selbst das Wetter war einfach nur schlecht, wie schon lange nicht mehr. Pausenlos weinte der Himmel selbst unzählige Tränen auf die Erde herab. Der Boden war bereits komplett aufgeweicht und matschig. Langsam wurde er abgetragen und mit in das Tal geschwemmt. Danach würde der Erdboden uneben sein und so aussehen, als hätte man lange schmale Schlitze in ihn hineingeritzt; das waren dann die Bahnen, die der fließende Schlamm zurückgelassen hatte. Jedoch sah Urion auch nicht viel besser aus. Er war bereits Nass bis auf die Haut. Wäre es vielleicht besser, wenn der Schwarze Urion an einen trockneren Platz bringen würde? Aber dennoch war sein Bruder ziemlich schwer und allein konnte er diese Masse nicht bewältigen. Und wenn bei so einer dummen Aktion Urions Leichnam noch irgendwelche weiteren Schäden davon tragen würde, würde sich Takashi das nie verzeihen. Es hatte ihm ja schon so sehr an den Nerven gezerrt, dass der Welpe Krolock sich in das Fell seines Vaters verbissen hatte und gar nicht mehr damit aufhören wollte. Wie lange mochte Urion bloß hier schon liegen? Regenwasser, Tränen, Blut. Alles in Urions Fell. Er bot keinen sonderlich schönen Anblick mehr. Bei jedem Atemzug sog Takashi diesen unangenehmen Gestank dieses Gemisches ein. Das uralte Blut der Wölfe, die Urion getötet hatte, löste sich auch allmählich ab. Krusten, deren Gerinnung vor Jahren stattgefunden hatte, schwommen mit dem Regenwasser davon. Der Schwarze hatte seinen Kopf noch immer auf des Bruders Brustkorb gelegt und hoffte auf irgendein Lebenszeichen. Zwar wusste er selbst, dass das alles jetzt unsinnig war, aber dennoch wollte er die Hoffnung noch nicht aufgeben. Der kühle Regen beschleunigte, dass Urions frischer Leichnam an Temperatur verlor. Urions jüngerer Bruder meinte zu fühlen, wie Grad um Grad sank. Takashi bat einen so ungewohnten Anblick in dieser Phase. Normalerweise hatte er eine so starke Körperhaltung, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen oder gar zutiefst berühren. Doch vor einiger Zeit wurde alles anders. Sein Charakter und diese starke Körperhaltung passten einfach nicht mehr zueinander. Vielleicht möchte man sogar Angst vor Takashi bekommen, wenn man ihm das erste Mal begegnete.
.oO(Wird mir denn überhaupt noch jemand bleiben? Warum trifft es denn gerade mich so hart? Kann denn nicht einmal dieser schreckliche Fluch bestraft werden? Oder irgendjemand anderes, der böse ist und gerade deshalb etwas Schlechtes verdient hat. Nicht die Bösen, die es erst durch den Fluch geworden sind – nein, die meine ich natürlich nicht. Sie sind ja auch nur ahnungslose Opfer gewesen. Warum ist das alles denn so ungerecht? Der Zufall entscheidet so, dass es viel zu oft die Guten trifft. Obwohl ich mich erst seit kurzem dazu zählen kann. …Ich habe bloß so große Angst, dass bald noch jemanden etwas zustößt! Leider kann man so etwas ja nie voraussehen…wenn man das könnte, dann würden so viele Leben gerettet werden können. Aber es ist einfach eine unmögliche Sache, die wohl nur die Götter durch irgendeine Art von Magie bewältigen können. Ich will einfach nicht, dass noch etwas passiert. Das alles kann ich langsam nicht mehr ertragen; es wird zu viel! Was ist denn, wenn jetzt auch noch Jumaana etwas zustößt, wenn ich sie auch noch verliere? Ich…)
Der Schwarze seufzte schwer. Erneut überströmten unzählige Tränen sein bereits klitschnasses Gesicht und flossen bis in Urions Fell. Diese Gedanken würde er niemals vervollständigen wollen oder dieses Ereignis gar sehen. Aber nicht nur Takashi schien es schlecht zu gehen, denn dieser Weiße schien auch diverse Probleme zu bekommen. Er rutschte auf dem aufgeweichtem Boden aus, lief orientierungslos gegen einen in der Nähe stehenden Baum. Das ganze Spektakel wurde von Takashi beobachtet, obwohl er noch immer bei seinem Bruder lag. Langsam, aber sicher, schien er langsam doch Mitleid mit dem Fremden zu bekommen. Er weinte sogar! Vielleicht, weil er schließlich nicht wusste, was um ihn herum war. Es war wohl die Unsicherheit. Auf des Weißen letzte Worte war der Schwarze erst gar nicht eingegangen. Streiten wollte er sich jetzt schließlich nicht. Außerdem hatte Takashi nicht einmal die Wut an dem Blinden auslassen wollen, und schon gar nicht, weil er blind war. Träge erhob er sich. Das ganze da wollte er sich nicht mehr mit ansehen müssen. Es schien, als würde sich diese Weiße beinahe im Schlamm ertränken! Noch einen Toten wollte Takashi hier nicht. Ruhig ging er auf den Fremden zu. Spürte er jetzt Takashis Anwesenheit? Nicht, dass er gleich panisch um sich schlug, da er nicht wusste, wer da ist! Der Schwarze packte den Fremden im Nacken und zog ihn hoch, aus dem Schlamm. Als er dann wieder halbwegs auf den Beinen war, versuchte Takashi ihn zum Stehen zu bringen, indem er mit seinen Kopf unter des Fremden Bauch drückte.
Polar stand auf einem kleinen Felsen und schaute einfach in eine Richtung. Sein Gesicht wirkte teilnahmslos, seine Augen schienen in weite Ferne zu blicken, in die man eigentlich nicht schauen konnte. Plötzlich jedoch ging ein Ruck durch seinen Körper, er sprang auf den Waldboden hinab und fast in der gleichen Bewegung noch sprintete er los. Ein paar Mal schüttelte er seinen Kopf freudig, als er spürte, wie der Wind ihm durch sein Fell schoss und es tanzen ließ. Es machte ihm Spaß, so zu rennen. Er bog um ein paar Bäume herum, übersprang Felsen, die ihm im Weg lagen und seine Pfoten gruben sich manchmal sehr tief in den Boden hinein, den der Regen aufgeweicht hatte. Als der Regen plötzlich kein Nieselkram war, sondern wie aus Kübeln auf die Erde niederprasselte, klebte sein Fell sehr schnell dicht an seinem Körper. Seufzend wurde er langsamer und verfiel in einen gemächligen Trab. Schließlich bog er um einen weiteren Baum und vernahm plötzlich ein Schluchzen. Er blieb stehen.
Dann entschloss er sich, weiter zu gehen. Er schritt durch den Regen und seine Pfoten gruben sich immer weiter in den Matsch. Schließlich bog er um einen Baum und erschrak. Das Bild, welches ihm geboten wurde, war schrecklich. Ein Wolf, wahrscheinlich tot, lag am Boden, neben ihm waren zwei Welpen, die wohl trauerten. Und dann wanderte sein Blick ein Stück nach rechts. Dort erblickte er einen großen schwarzen Wolf, der einen weißen Wolf anscheind stützen wollte. Dieser war an einem Bein verletzt. Als er näher hinschaute, erkannte er jemanden, den er schonmal getroffen hatte. Jemand, der ihrem Rudel für ein paar Wochen beigetreten war. Er hatte schon damals kein Augenlicht gehabt, weshalb sie ihn überhaupt erst aufgenommen hatten.
Es war Ayv. Sie hatten ihm diesen Namen gegeben, weil er seinen nicht mehr gewusste hatte.
Endlich regte Polar sich wieder. Er lief auf den schwarzen und den weißen zu und stellte sich neben Ayv um zu helfen.
"Ayv, geht es dir gut?"
Fragte er mit ein wenig Angst in der Stimme. Dann wandte er sich kurz an den Schwarzen.
"Hallo, ich kenne Ayv von viel früher. Was ist hier passiert?"
Polar stütze nun auch Ayv, damit er oben blieb und wartete gleichzeitig gespannt auf eine Antwort des Schwarzen. Insgeheim hoffte er, dass es nichts mit dem toten Wolf zu tun hatte.
Schwarz war immer die Farbe der Nacht, der Dunkelheit. Die Farbe des kalten Windes und des scharfen Regens. Schwarz war ein Ausdruck für Mut und Stärke und Macht. Und Krolock trug diese Farbe. Doch nun war diese Farbe nicht mehr als ein Ausdruck von tiefer Trauer. Trauer einer Waise.Beherrscht von Wut und einem tief sitzenden Hass. Gebrochen war sein dunkles Fell nur von dem weißen Fleck an seiner linken Schulter. Die einzige Farbe, die ihn mit seinen Eltern verbunden hat. Er war noch nie ihr Sohn. Er war immer anders. Und jetzt wusste er auch, warum sie gestorben waren. Krolock war schwarz. Wie der Hass. Schwarz wie ein Monster.
Liel war an seiner Seite, vergrub sich in diesem schwarzen, hässlichem Fell. Takashi war der weilen damit beschäftigt den Fremden zu beschuldigen. Hass, Hass, Hass. Wut. Wut. Wut. Und auch sein Onkel war voll von diesen Emotionen. Diese Konturen wurden wieder klarer, fester. Ein weiterer Fremder in dieser hässlichen Fellfarbe erschien. Gab irgendeinen Stuss von sich. Irgendein Blödsinn. Sie waren völlig fehl am Platz. Seine Schwester war richtig. Sein Onkel durfte hier sein. Was machten die anderen Bastarde hier? Sie kannten Urion doch gar nicht.
“Sieht das hier aus wie eine nette Zusammenkunft? Was glaubt ihr, was das hier wird? Ein Treffen alter Freunde?“ erst sah er zu dem Blinden, schließlich zu dem Schwarzen. “Verdammte SCHEIßE! Verpisst euch. Verkriecht euch wieder in die Dreckslöcher, aus denen ihr gekommen seid. VERSCHWINDET!,
knurrte er. Diese Drecksrüden sollten sich trollen, einfach nur in Luft auflösen. Hoffentlich waren sie so Hirnlos, dass sie aus versehen ins Nichts trampelten. Oh, das wäre ein schönes Vergnügen, eine Erleichterung für die gesamte Wolfsbevölkerung.
“Mach´ Dir keine Sorgen, Liel, ich bin bei Dir. Ich werde Dich besser beschützen, als ich Mama und Papa beschützt habe. Dir wird nie wieder jemand weh tun. Du wirst nie wieder traurig sein, kleine Schwester. Das verspreche ich Dir. Ich habe zwar meine Hoffnung verloren, aber ich bin stark und ich bin bei Dir, liebste Schwester“,
flüsterte er seiner Schwester zärtlich ins Ohr. Die blauen Augen eisig und kalt auf Takashi gerichtet. Kaum merklich nickte er. Eine Entschuldigung. Auch für ihn war es wohl ein schwerer Verlust. Aber Krolock musste sich jetzt zusammenreißen. Seine Geschwister brauchten ihn. Takashi auch. Und seine Anders- Geschwister ebenso.
“Worauf wartet ihr noch?“,
grollte er zu dem schwarzen Fremden.
Ayv hatte nur da gelegen und war kurz davor gewesen, sich selber aufzugeben. Doch da war jemand gewesen, der ihn hochgezogen hatte und seinen Kopf unter seinen Bauch schob. Er konzentrierte sich und nahm mehr Laute auf, sodass das Bild der Konturen seiner Umgebung schnell schärfer wurde. Und da erkannte er den großen Wolf, der noch kurz zuvor bei Urion gelegen hatte. Ayv schaffte es, sein Gewicht auf seine drei gesunden Beine zu verlagern und so erleichterte er dem großen Wolf ein wenig seine Arbeit.
Doch da drangen Fragen zu ihm durch. Warum half der Große ihm? Warum tat er es? Hatte er nicht noch vor kurzer Zeit ihn beschimpft? War er nicht unfreundlich gewesen? Ja, das war er gewesen, doch anscheind schien er sich geändert zu haben. In Ayv's Augen trat Trauer, Dankbarkeit und tiefe Hoffnung, als plötzlich ein zweiter Wolf neben ihm auftauchte und Ayv konnte sich leicht gegen ihn lehnen. Wer war das? Als der Wolf plötzlich sprach, kam in ihm eine Erinnerung hoch. War das etwa Polar Amronial?
Ayv's Kopf wandte sich leicht in seine Richtung.
"Polar? Bist du es? Mir geht es nicht besonders. Mein Bein, es tut weh."
Flüsterte er und dann wandte er sich dem großen Wolf zu, der ihn auch stützte.
"Wenn das Polar ist, du kannst ihm vertrauen. Danke ..."
Am Ende stockte Ayv. Er kannte seinen Namen noch gar nicht. Ihm war das gar nicht aufgefallen, zuerst, doch jetzt wurde ihm das bewusst. Sein Blick war ungefähr in die Richtung des Großen gerichtet, als er Krolock's Stimme vernahm. Er wandte seine Aufmerksamkeit dem kleinen schwarzen Wolf. Er schien ziemlich traurig und irgendwie glaubte Ayv auch, dass er verstört war.
"Es sieht definitv nicht wie eine nette Zusammenkunft aus, und es ist auch kein Treffen alter Freunde. Ich und Polar kennen uns nur, mehr nicht. Und verschwinden kann ich nicht. Nicht mit meinem Bein, nicht in der Verfassung, in der ich hier bin. Und ich lebe auch nicht in einem Drecksloch . Es tut mir leid, dass du jemanden verloren hast. Ich glaube, es ist dein Vater, oder?"
Ayv hielt inne. Dann sprach er weiter.
"Falls es dir aufgefallen ist, ich bin blind. Ich kann hier jetzt nicht weg. Es fordert mir zu viel Konzentration ab, das Bild scharf und komplett zu halten. Der Grund, warum ich gegen den Baum gelaufen bin. Es tut mir leid, aber ich kann nicht gehen."
Mit diesen Worten verstummte er und wartete.
Takashi schnaubte ruhig. Er hatte sich doch noch dazu entschieden, eine gute Tat zu begehen. Obwohl er dem Weißen weder vertraut noch geglaubt hatte, hatte er ihm schließlich doch geholfen. Er war stolz auf sich, dass er sich dazu doch noch gebracht hatte. Böse wollte er nicht mehr sein. Das war er schon lange genug gewesen. Wie der Blinde schon erwähnt hatte, war der Schwarze wirklich grundlos verbal auf ihn losgegangen. Und das, was er gesagt hatte, war keines Falls freundlich gewesen. Er seufzte leise. Warum hatte er bloß so etwas getan? Langsam nahm er seinen Kopf unter dem Bauch des Fremden weg. Für Takashi war es sehr unangenehm, den Kopf dauerhaft unter Belastung auf dieser Höhe zu halten, weil er ziemlich groß war. Dabei passte er aber auf, dass der Blinde nicht erneut stürzte. Danach schüttelte er seinen schwarzen Kopf, sodass diese schwingende Bewegung durch das ganze Rückgrat ging, um es wieder ein bisschen aufzulockern. Er war nämlich durch diese schlechte Haltung etwas steif im Rücken geworden. Der Schwarze setzte sich neben die beiden Neuen und blickte sie für einen Moment an, dann aber plötzlich in eine ganz andere Richtung. Krolock schon wieder! Den fremden schwarzen Wolf mit den tiefblauen Augen hatte er zutiefst beleidigt. Entsetzt sah Takashi den Welpen an. Ihm fehlten doch glatt die Worte! Hatte er das alles wirklich richtig verstanden? War es denn wahr?
.oO(Er erinnert mich doch wahrhaftig an mich selber! Damals war ich auch kaum anders gewesen! Ich habe doch auch alles und jeden grundlos beleidigt, wenn er mir nicht in den Kram passte! Hoffentlich trägt nicht auch noch Krolock diesen Fluch bei sich. Ich weiß nicht, inwiefern er vererbbar ist und in welch einer Form er dann auftritt. Und ich kann es nicht oft genug sagen, dass ich so froh bin, dass diese Zeiten für mich endgültig zu Ende sind! Aber dennoch kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, warum Krolock so ist. Er ist ja beinahe so schlimm….wie Urion. Bruder…wird dein Sohn eines Tages auch so eine unzähmbare Bestie werden? Ich werde mich ihm dann wohl oder übel in den Weg stellen müssen, um ihn aufzuhalten. Dem Rudel darf dabei keines Falls etwas geschehen. Es ist eine wirklich gefährliche Angelegenheit und nur sehr wenige oder gar keine von ihnen werden erst gar nicht wissen, damit umzugehen! Bloß hoffe ich, dass es nie so weit kommen wird! Es gibt schließlich gewisse Dinge, die sich wirklich niemand wünschen würde. Aber warum tut er das? Was treibt ihn bloß dazu? Derselbe Trotz, der mich selber vorhin dazu getrieben hatte?)
“Krolock! Ich habe zwar denselben Fehler begannen, aber jetzt muss auch einmal Schluss damit sein!“
Zischte Takashi böse. Und sah den Welpen eiskalt aus dem Augenwinkel an. So ein böser Kommentar war hier jetzt wirklich nicht angepasst, obwohl sich Takashi zuvor wohl auch nicht sonderlich vorbildlicher benommen hatte. Vielleicht war es auch sein Fehler gewesen, dass sich der Welpe so etwas abgeschaut hatte. Nun war er ein wenig sauer auf sich, dass er da gleich so überreagiert hatte. Das hätte nämlich gar nicht sein müssen, was sich aber erst später herausgestellt hatte. Takashi hatte in dieser für ihn schrecklichen Situation kaum gewusst, was er da gesagt hatte. Er war so durcheinander und verwirrt gewesen, dass er so etwas ganz unüberdacht gesagt hatte. Aber vielleicht ging es einmal jedem Wolf so, dass er sich gar nicht allzu schlecht fühlen musste. Trotzdem müsste er sich später bei diesem Weißen, Ayv oder so, entschuldigen. Doch das war hier und jetzt nicht der richtige Zeitpunkt gewesen. Jedoch war der Schwarze über die Ankunft eines weiteren Fremden auch nicht sonderlich erfreut. Da Takashi einem toten Wolf einen gewissen Respekt gegenüber zeigen wollte, empfand er die Ankunft des Anderen als nicht allzu angebracht. Ein wenig verwundert blickte der Schwarze drein, da sich die beiden Fremden wohl kannten.
“Willkommen…hier im Tal der Sternenwinde! Entschuldige, aber ich wünsche es nicht, dass du dich hier allzu lange aufhältst. Mein Bruder soll hier bei einem schweren Kampf verunglückt sein, wie mir berichtet wurde. Ein kleines Stück neben uns liegt er…aber du dürftest ihn bereits gesehen haben. Ich wünsche mir einfach nur, dass man ihm noch den nötigen Respekt gegenüber zeigt und nicht alle als Schaulustige dazu treten. Es wird wohl ausreichen, wenn seine Familie und sonstige Wölfe, die ihm nahe standen, sich noch von ihm verabschieden können. Er soll seine wohl verdiente Ruhe haben. Denn er hat schon so viel gelitten. Ich bitte dich darum…danke!“
Kurz wandte sich der Pechschwarze den beiden Neuen ab. Er drehte sein Gesicht von ihnen weg, senkte den Kopf und schwieg. Es war besonders schwer für ihn, sich jetzt so zusammenzureißen, wo er bis gerade eben fast noch in seinen Tränen ertrunken war. Polar Amronial wurde von Takashi genauestens in Augenschein genommen. Ob man ihm wohl glauben konnte? So etwas war besonders bei Fremden schwer zu entscheiden. Bis jetzt schien er sich gar nicht auffällig zu verhalten, aber man wusste ja schließlich nie.
Die Reaktion des schwarzen Welpen verwirrte Polar ein wenig. War er hier wirklich so unerwünscht? Da nahm der große schwarze Wolf, der hier mit bei Ayv gestanden hatte, seinen Kopf unter seinem Bauch hervor und schüttelte sich. Jetzt konnte er in seine Augen schauen, in denen, wie er glaubte, Trauer sichtbar war. Als er dann sagte, er sei hier nicht gerade erwünscht, neigte er sacht den Kopf.
"Schon in Ordnung. Ich kann gerne gehen. Das mit deinem Bruder tut mir leid. Das würde ich niemandem wünschen. Ich werde gleich gehen."
Erklärte Polar sich bereit und schaute dann zu Ayv, der da stand. Er sah nicht aus, als wäre er in der Lage auch nur zwei Schritte zu machen. Er würde wohl hier bleiben müssen, wenn der Schwarze nichts dagegen hatte.
"Ich glaube, Ayv wird hier nicht wirklich wegkönnen. Er sieht mir ein wenig sehr schwach aus. Würde er wohl bleiben dürfen, bis es ihm besser ginge?"
Fragte Polar. Ob Ayv nun dagegen protestieren würde, war ihm egal, er wollte jedenfalls nicht, dass Ayv starb, auch wenn er ihn eigentlich gar nicht kannte. Damals hatte er sich sehr zurück gehalten und nie auch nur ein Wort gesprochen. Nur, als er darum gebeten hatte, bleiben zu dürfen und, als er sich von Polar verabschiedet hatte, als er Ayv dabei beobachtet hatte, dass er gehen wollte. Ayv wäre wohl lieber einfach gegangen, als sich auch noch zu verabschieden.
Auch jetzt würde er wohl einfach gehen, entweder ins Reich der Toten, weil er nicht mehr konnte, oder er würde sich in den Wald schleppen und dort sterben, alleine, ohne, dass es jemand mitbekam. Er war schon immer ein stiller und sehr einsamer Wolf gewesen, soweit Polar wusste.
Shani Caiyé lief mit hängendem Kopf neben ihrer Freundin her. Tiefe Betrübnis lastete auf ihren Schultern, Banshees Tod hing wie eine schwarze Wolke über ihrem Gemüt und auch Liels leiser Ruf löste Besorgnis aus. Sie hatte Hiryogas Tod noch immer nicht verkraftet und nun kamen so viele neue schreckliche Ereignisse hinzu. Ein Leben ohne die schützende Pfote Banshees stellte sie sich plötzlich schrecklich vor, als könnte nun jeder Zeit eine furchtbare Bedrohung kommen, die allein die weiße Leitwölfin hätte besiegen können. Natürlich gab es Nyota und natürlich würde sich auch ein neuer, guter Leitwolf finden, aber in diesem Moment vergaß Shani all das. Immerhin war im Jahr ihrer Ankunft in diesem Tal allein Banshee Leitwölfin – sie hatte sie die Berge hinaufgeführt und ihr die Welpen verziehen. Nyota hatte sie immer nur am Rande kennenlernen können.
Erst Jumaanas Worte rissen sie ein wenig aus den Gedanken und ihr trüber Blick lag einige Sekunden auf ihrer weißen Freundin. Liel hatte nicht so geklungen, als wolle sie nur um ihre Mutter trauern. Sicher war es schrecklich für die drei kleinen Welpen Kaedes, aber es schien mehr passiert zu sein.
“Liel hat ihre Geschwister gerufen … ich glaube, uns erwartet auch bei ihr nichts schönes. Vielleicht müssen wir uns beeilen, sie könnte in Gefahr sein.“
Der letzte Gedanke war ihr erst in diesem Moment gekommen und sie wunderte sich über ihre Gedankenlosigkeit. Schon legte sie einen Zahn zu und ließ auch den Kopf nicht mehr so hängen. Wenn es um Welpen ging – und nicht nur um ihre eigenen – erwachten ungeahnte Kräfte in der Weißen, gab es doch für sie nichts schöneres, die kleinen Geschöpfe zu beschützen. Eiliger suchte sie sich nun ihren Weg zwischen den Bäumen hindurch und erreichte schließlich den Schauplatz eines sehr unschönen Geschehens. Urion lag leblos im Regen, bei ihm Takashi, Liel, Krolock und zwei Fremde. Shani konnte zwar nicht erkennen, ob sich der graue Gefährte Kaedes noch bewegte, aber der Geruch des Todes haftete in der Luft und die Gesichter der drei Trauernden sagten alles. Urion war tot. Erst nach einigen Momenten erkannte sie auch die Todesursache, Bisswunden am Körper und am Hals … Blut, das vom Regen fortgespült wurde. Wer hatte das getan? Keiner schien zornig, niemand kämpfte, offensichtlich war der Übeltäter schon verschwunden. Shani war vor Schock stehen geblieben, rührte sich aber jetzt wieder voller Mitleid für die Welpen. Jetzt waren sie Vollwaisen. Wie konnte die Welt nur so grausam sein? Zuerst nahm sie den Kleinen ihre Mutter und nun auch noch ihren Vater. Sie kniff die Lefzen zusammen, warf einen Blick zu Jumaana und trat dann vorsichtig an die beiden Welpen heran. Urion wagte sie nicht anzusehen, Takashi nickte sie zurückhaltend zu und die beiden Fremden wurden nur kurz gemustert. Sachte stupste sie Krolock und Liel an, fuhr ihnen mit der Zunge über das wollige Fell und bot ihnen damit Trost und die Möglichkeit, sich bei ihr zu verkriechen an.
Das war ein schlechter Scherz, ganz gewiss. Sie wollten ihn alle verarschen. Keine gute Sache, keine wirklich gute Idee. Der Welpe war zwar erst drei Monate alt, aber auch dieses Alter war nicht zu unterschätzen. Und er würde irgendwann stark und groß genug sein, um sich für all vergangenen Taten zu rächen. Oh ja, mit dem größten Vergnügen würde Krolock diesen Bastarden eine Lektion erteilen wollen. Wie Hirnverbrannt musste man sein, um den Wunsch einer eben gerade gewordenen Vollwaise wie Krolock zu ignorieren? Was fiel diesem Pack ein? Was sollte das werden?
Ein leichter irrer Schatten legte sich unter die blauen Augen, die sich bereits zu Schlitzen verengt hatten. Ein Grollen verließ die trockenen Kehle, welches sich irgendwann in ein dumpfes Knurren verwandelte. Zu wenig Welpe, kein Kind mehr. Keine Eltern gaben nun ein Vorbild und der hirnrissige Onkel reagierte nicht sonderlich besser. Gab es denn jetzt überhaupt noch einen Wolf auf diesem Gott verdammten Planeten der ein wenig Grips besaß? Jedenfalls gab es hier nur Idioten, die sich einer Trauerfeier bedienten, die nicht ihre war. Das kotzte den Schwarzen an, und zwar ziemlich.
“Was interessiert es mich, dass Du blind bist? Mir auch egal, dass Du Dir zur Gewohnheit machst, gegen Bäume zu laufen – schön blöd. Das interessiert mich einen Dreck. Mein Vater ist gerade getötet worden und Du jammerst über Deine dummen Leiden? Eine verdummte Drecktöhle, das bist Du!“,
zischte er dem weißen Fremden entgegen und machte wirklich einen Satz auf ihn zu. Aber nicht genug, gleich wandte sich der zornige Blick weiter an den Bruder des Verstorbenen.
“Ich würde mal meinen, dass Du mir gar nichts zu sagen hast. Solch Mitläufer wie Du es bist, braucht keiner. Erst aus Wut und Zorn angreifen und dann aufhelfen? Was wird das für eine Erziehungsstunde? Wir verwirren den Welpen? Nicht mit mir, Takashi. Ich lass´ mich nicht von Dir verarschen!“,
und nun musste auch noch der schwarze Volltrottel seinen Senf dazu geben. Jetzt wurde es dem Welpen echt zu bunt. Die Lefzen wanderten weiter über das Zahnfleisch und entblößte eine Reihe kleiner, aber schon scharfer Reißzähne.
“Lasst den blinden Dreckssack doch einfach hier verrecken, aber haltet wenigstens das Maul dabei. Keiner braucht so überflüssige Komment-“,
er brach ab. Shani, die Weiße ohne Gefährten, tauchte auf. Ohne überhaupt zu fragen, kam sie auf ihn und seine Schwester zu. Zuerst wollte er sie verjagen, merkte aber ihre sanften Liebkosungen und konnte nicht leugnen, dass es schon angenehm war.
Ayv fand es nett, dass Takashi und nun auch Polar ihm halfen. Takashi wandte sich auch ab, als Polar ihn weiter stützte und er konnte es verstehen, als Takashi sich schüttelte. Vorsichtig drehte Ayv sich wieder zu den anderen um, als er Polars Worte wahrnahm. Ja, er würde wohl hierbleiben, aber nicht allzu lange, nur etwas, bis sein Bein wieder einigermaßen in Ordnung war. Da vernahm Ayv die Worte des kleinen schwarzen Welpens. Sie versetzten ihm einen großen Schrecken und er zuckte richtig zusammen. Tränen kullerten erneut über sein Fell und fielen hinab auf den Boden in den Matsch von Blut, Erde und Wasser - und Tränen. Als Krolock dann auch noch einen Satz auf ihn zu machte, zuckte Ayv nochmal richtig doll zusammen. Ayv hatte noch nie so gefühllose Wesen gesehen - vor allem nicht unter den Wölfen.
"Es ist nicht meine Gewohnheit. Und ich jammer nicht um meine Leiden, und dass Urion gestorben ist, das ist nicht direkt mein Verschulden. Auch ich trauer um ihn, ich trauer um jeden, der stirbt, auch wenn ich ihn nicht kenne, denn wenn ein Wolf geht, gibt es einen weniger, den man als Freund haben könnte, oder der der eigene Vater oder Mutter ist. Wenn ein Wolf stirbt, der Nachkommen hat, dann sind seine Nachkommen ohne denjenigen und das ist für niemanden leicht. Und Takashi, soweit ich ihn verstehe, will einfach nur nicht, dass ein weiterer stirbt. Stirbt ein weiterer, schreitet das Nichts weiter fort, willst du das?"
Ayy's Bein hielt schon etwas mehr Belastung stand. Da zeigte Krolock seine Zähne, sie beeindruckten Ayv zwar nicht, aber diese Geste zeigte ihm dennoch, dass Krolock kenerlei Respekt hatte vor Blinden. Doch die nächsten Worte Krolocks gruben ein tiefes Loch in die Gutmütigkeit des weißen.
"Willst du, dass ich sterbe und das Nichts noch mehr Oberhand gewinnt?"
Genau in dem Moment, als er das sagte, tauchten zwei Fähen auf. Die eine lief sofort zu Krolock und Liel und Liebkoste diese. Die beiden Fähen waren wohl Willkommen hier, aber Ayv und Polar, die beiden Fremden, würden nie willkommen sien. Sollten sie doch verjagt werden, sie waren unnütz, doof und bekloppt. Das wären wohl Krolocks Worte gewesen. Ayv ließ den Kopf ganz tief sinken. Er würde nie irgendwo erwünscht sein! Bestimmt nicht!
Ruhig beobachtete Takashi den Fremden, der sich als Polar Amronial vorgestellt hatte. Dieser schien nach den frechen Worten Krolocks keinen klaren Kopf zu haben und war sichtlich verwirrt. Wer um Himmels Willen konnte auch schon diesen Welpen stoppen? Er hatte ein loses Mundwerk und lies sich von niemanden etwas sagen! Wer weiß, ob Takashi überhaupt irgendeine Einwirkung auf den Welpen haben konnte. Aber er fing langsam schon selber an, das anzuzweifeln. Dann wandte sich des Schwarzen Blickes wieder zu dem Wolf, zu dem seiner Meinung nach ein ganz anderer Name gehörte. Wenn Takashi nämlich „Polar“ hörte, dachte er an schneeweißes Fell; ein Wolf aus dem eisigen Norden. Doch dieser war ganz und gar nicht schneeweiß. Erneut fuhr der schwarze Kopf herum, als die Stimme Krolocks erklang. Nicht schon wieder! Konnte der Knirps nicht einfach mal die Klappe halten! Er zeigte überhaupt kein Verständnis dafür, dass Ayv blind war und machte sich sogar in einer Art darüber lustig! Nicht nur Ayv wurde beleidigt. Die nächste Beleidigung, die folgte, ging an Takashi. So eine miese Unverschämtheit! Durfte sich Takashi so etwas gefallen lassen? Nein, sicherlich nicht! Einem Welpen muss man doch schließlich vernünftige Manieren beibringen! Das geht doch so nicht weiter! Der Schwarze wurde langsam richtig wütend. Diese frechen und einfach nur unverschämten Worte stachelten ihn einfach nur an. Innerlich kochte er bereits vor Wut.
.oO(Ich und ein Mitläufer? Boah Kleiner, du stinkst mir langsam gewaltig! Was du für eine Ahnung hast…du weißt ja nicht einmal, was ich schon alles durch gemacht habe! Darf man denn nicht einen gewissen Respekt von jedem erwarten? Ich will ja nicht wissen, wer dir so etwas beigebracht hat, aber so etwas verbitte ich mir doch! Nicht mit mir! Du hast so ein verdammt großes Maul. Es gibt keinerlei Grund, sich über einen Blinden Lustig zu machen. Das ist wirklich etwas Schlimmes und eigentlich jeder kann so etwas erleiden! Wieso bist du nur so blöd? Schließlich kann sich deine Schwester auch benehmen! Sie ist nicht so ein dumm und frech, so wie du es bist! Ich will diese Frechheiten einfach nicht mehr hören…wann hältst du denn deine Klappe?)
“Verdammt…jetzt sei endlich ruhig! So etwas gehört sich einfach nicht und doch, ich habe dir schon etwas zu sagen! Wenn du keine Lust auf hier hast…dann kannst du auch gehen! Hier im Revier wirst du schon irgendeinen Ort finden!“
Wären da jetzt nicht Shani Caiyé und Jumaana zu der kleinen Gruppe gekommen, hätte Takashi den Welpen Krolock wohl noch Gepackt und sonst was mit ihm angestellt. Während er gesprochen hatte, war er nämlich auf den Kleinen zugegangen und sah ihn wirklich böse an. Eigentlich konnte sich Takashi denken, dass er sich gleich schon wieder darüber lustig machen würde. Also wozu dann der ganze Aufwand? Er drehte sich von dem Welpen weg und sah Shani so an, als ob er sich ein wenig ertappt fühlen würde. Hatte sie das alles schon mit hören können? Vielleicht war Ignoranz gegenüber Krolock besser und wirksamer. Und wie hätte er eigentlich so austicken können? Gerade in dieser Situation! Jetzt wurde er wieder sehr traurig und senkte den Kopf. Wer weiß, ob Krolock das erreichen wollte, dass man derart wütend wurde. Als der Schwarze den weinenden Ayv erblickte, schüttelte er nur den Kopf. Wieso nahm er denn bloß diesen dummen Welpen für so ernst? Am liebsten hätte Takashi jetzt etwas zu ihm gesagt, dachte aber, dass Krolock darauf wieder etwas Böses sagen würde. Das würde dann den Weißen noch viel mehr verletzen. Der Schwarze gönnte es Krolock gar nicht, dass Shani sich sofort so um ihm kümmerte. Aber da kam ihm eine ganz andere Sache in den Sinn. Was sollte überhaupt mit Urions Leichnam geschehen? Liegen bleiben sollte er hier schließlich nicht. Wie machte man das hier doch gleich? Hier im Tal der Sternenwinde fand die Bestattung auf eine besondere Art und Weise statt. Man brachte den Betroffenen Wolf zum Fluss und dort fand dann ein bestimmtes Ritual statt.
Turién stellte fest – er mochte den Regen nicht. Nicht mehr. Nicht immer. Er war so langweilig geworden, ein ständiger Begleiter. Und sein Fell war nass und klebrig und ab und an fröstelte es ihn. Der Regen war eindeutig doof. Und wenn es nicht regnete, dann waren auch die anderen viel lebendiger und fröhlicher. Doch dem Silbernen war aufgefallen, dass die Stimmung schon seit längerem gedrückt war. Das Nichts hatte sich ausgebreitet und war weiterhin eine Gefahr für alle. Doch dann würden sie eben davon laufen. Turién hatte keine Angst vor dem Nichts. Und wenn sie es nicht besiegen konnten, dann würden sie eben wegrennen. Das Nichts war langsamer als der Langsamste von ihnen. Der kleine Rüde verstand diese große Sorge einfach nicht. Er gähnte ausgiebig und streckte sich, keine Zeit mehr sich auszuruhen, das hatte er nun schon ein paar Stunden gemacht und es langweilte ihn mittlerweile. Sein wachsamer Blick glitt zwischen den Bäumen hindurch. Er hatte sich in etwas tieferes Geäst gewagt um so seinen kleinen Nachmittagsschlaf zu genießen und nicht gestört zu werden, und nun musste er sich erst wieder orientieren. Wo waren die anderen? Langsam setzte der Silberpelz sich in Bewegung, trottete müde vor sich hin ohne so genau auf seinen Weg zu achten. Und nicht selten konnte er einem Ast gerade noch so ausweichen. Ein Seufzen entglitt seiner Kehle bevor er dann doch die Schultern straffte und sich noch einmal reckte. Aufwachen war angesagt! Und die doofe Sonne kam auch mal wieder nicht raus. Er würde sie zu gerne mal kennen lernen. Wolken brachten doch nur Regen.
Der Ruf von Mama Nyota ließ ihn verunsichert stehen bleiben, bevor er wieder umso schneller weiterlief. was war denn los? Warum mussten alle immer so depirimiirt sein? Und auch wenn er es sich nicht so recht eingestehen wollte war ihm irgendwie unwohl. Was wohl mit Oma Banshee war? Schnell trugen ihn seine Läufe bis er vor sich Chardím erblickte, neben ihm scharf abbremste und ihm begrüßend zukläffte.
„Hey Brüderchen.“
Turién legte seinen Kopf schief und grinste breit, während eine Pfote in die Richtung seines Schwarz-Weißen Bruders datschte. Sein Kopf wirbelte herum und er musste feststellen, dass sich schon einige andere Wölfe bei Nyota befanden und sie schon dabei waren zu gehen. Er stieß Chardím mit seiner Nase leicht in die Seite und lief dann los.
„Komm schon, du lahmer Hase!“
Seine Läufe, die mit der Zeit, es war immerhin schon Sommer geworden, immer länger wurden – ja er war gewachsen! – trugen in schnell zu den anderen. Er zischte an Nyota vorbei sprang um ein paar andere Wölfe herum, die er so schnell wie er war noch nicht einmal richtig bemerkt und blieb dann wieder, genauso wie bei Chardím plötzlich stehen. Seine Rute zuckte belustigt hin und her während er sich Face und Chanuka näherte. Und Nerúi, die sich irgendwie verknotet hatte.
„Haha Nerúi!“
Der kleine Rüde lachte, verstummte aber schnell als er zu Face aufsah und auch hinter sich lauschte. Die Stimmung war mal wieder gedrückt, so wie sonst auch immer. Aber was war denn los? Der Silberne drehte sich leicht um nach Chardím zu sehen.
Polar seufzte leise, als er Krolocks Worte vernahm. Sie waren ganz und gar nicht nett, aber er dachte sich mittlerweile nicht mehr viel dazu, denn er kannte diese Art von Verhalten nur zu gut aus seinem Heimatrudel, in dem es immer und immer wieder solcherlei Vorfälle gegeben hatte, wenn jemand gestorben war. Die kleinen Welpen verbarikadierten (oder wie das auch immer geschrieben wird) sich so sehr hinter die Mauer des Trauers, dass sie aggressiv geworden waren und niemandem mehr Respekt erwiesen hatten. Nicht einmal den Leitwölfen. Nun schien Krolock es ebenso zu machen. Als Ayv sich gegen Krolocks Worte verteidigte und Tränen schließlich wieder hinab über sein Fell rannen, trat er langsam und vorsichtig zu ihm. Er stupste ihn in die Seite um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
"Nimm dir seine Worte doch nicht so zu Herzen."
Flüsterte er so leise, dass nur Ayv und Takashi vielleicht auch noch seine Worte verstehen konnten. Zu den beiden Welpen drangen sie nicht durch, dafür hatte er zu leise gesprochen. Und auch zu den beiden neuen Fähen, die hinzukamen, drangen die Worte nicht durch. Hatten sie Krolocks Verhalten gegenüber Polar und Ayv mitbekommen oder waren sie dafür zu spät erschienen? Hätten sie es mitbekommen, wäre wohl die eine Fähe nicht so mit ihm umgegangen. Erneut seufzte er leise und sezte sich in den Matsch und beobachtete das Spektakel weiter.
Die Ankunft Jumaanas und Shanis rettete die Situation rund um Urions toten Körper knapp vor der Eskalation. Die Gemüter waren aufgeheizt und die beiden Welpen voller Trauer, die sich bei Krolock all zu schnell in Wut verwandelte. Nun aber kehrte ein wenig Ruhe ein und schnell wurde klar, dass sie Urion bestatten mussten. Im Tal der Sternenwinde war es üblich, dass ein Leitwolf oder Priester diese Zeremonie abhielt, doch jeder hatte den Ruf Nyotas gehört. Als ranghöchster und offensichtlich noch klarster im Kopf übernahm Takashi das Kommando. Sie mussten Urions Leichnam zum Fluss bringen, was schwierig werden könnte, da Urion immer ein großer, starker Wolf gewesen war. Takashi und Polar würden ihn nicht alleine tragen können, Avy war verletzt. So würden wohl Shani und Jumaana helfen müssen, auch wenn keine der beiden Fähen vor Kraft strotze. Trotzdem beugten sich alle ihrer Aufgabe und in Begleitung der Welpen und Ayvs zogen sie los. Es dauerte eine Zeit lang und die Träger waren schnell außer Atem, doch schließlich erreichten sie das Flussufer. Der sonst so ruhige Flusslauf war aufgepeitscht vom starken Wind und den Regentropfen, Takashi würde aufpassen müssen, dass ihn die Fluten nicht mitnehmen würden, wenn er ein wenig hineinwaten musste, um Urion dem Lauf des Wassers zu übergeben.
Schwarze Stunden. Das Rudel war vom Tod umringt. Jeder starb, das Nichts gewann. Jeder war zornig, jeder voller Hass. Jeder verlor in diesem Leben, das hatte Krolock nun gelernt. Aber der Schwarze konnte nicht begreifen, warum seine Trauer, seine erstickten Tränen in einem rasenden Hass endeten. Es tobte in seinem Inneren, das Feuer brannte schmerzhaft. Die Erinnerungen verblasste, bevor Zeit ins Land ging. Die Worte der Anderen ließ darauf schließen, dass man sein Verhalten nicht verstand. Warum nicht? Es war doch sein Vater gewesen, er durfte doch hassen – oder nicht? Die Geleitung zum Fluss war nur unterbrochen von dem Keuchen der Träger. Krolock hatte sich abseits gestellt und war dem Ganzen mit einem zornigen Gesichtsausdruck entgegen getreten. Und als sie beim Fluss angekommen waren, spürte der Welpe das seltsame und mordlustige Verlangen gleich Alle in diesen reißenden Strom zu werfen. Der Fluch..., er keuchte auf. Was, wenn er der Erbe seines Vater war? Wenn er nun dieses rasende Verlangen nach Tod nie wieder los wurde? Oder war es nur die verschwommene, unwirkliche Situation?
Abseits der Anderen setzte er sich stumm auf die Hinterläufe, neigte den Kopf zur Seite. Er wollte nicht sehen wie sein starker, mutiger Vater von den Wellen eines schwachen Flusses davon getragen wurde. Wie grausam – wie unwürdig. Sein Vater war immer ein Held gewesen! Oder... war es nur der Fluch gewesen? Es war vorbei, das war sicher. Und nun waren sie alle Vollwaisen und würden sich dem Leben alleine stellen müssen. Aber wie sollte Krolock seine Geschwister beschützen, wenn dieser unbändige Hass in ihm schlummerte?
“Lebe wohl, Papa“,
flüsterte er dem schlammigen Boden zu. Der Regen hatte sein Fell durchnässt und die Tropfen rannen seinen Fang hinab. Warum hatte man ihm dieses Leben geschenkt? Wenn es Götter gab, dann sollte es doch auch Glück geben, oder? Vielleicht war es der Weg von Fenris. Vielleicht war Krolock einer seiner Anhänger? Aber was interessierte es denn jetzt? War nicht Alles egal geworden? Krolock wusste es nicht; er wusste ja nicht einmal wie er sich verhalten sollte. Wusste nicht wohin mit der Wut, mit dem brennenden Verlangen Anderen weh zu tun.
“Keine Sorge, Dein Fluch ist gut bei mir aufgehoben, Urion. Nun bin ich das Monster“,
noch leiser die Worte. Die beiden Fremden hatte er völlig ausgeblendet, auch die Vertrauten schienen in weiter Ferne gerückt zu sein. Ein schwarzer Tag.
Ayv beobachtete Krolock die ganze Zeit über, während sie zum Fluss liefen, er selber eher humpelnd. Nun, am Fluss bekam er mit, wie er sich von allen abwandte, seine Vater verabschiedete. Ganz langsam humpelte er unauffällig in seine Richtung. Ein paar Schritte von ihm entfernt blieb er wieder stehen, schaute zu den anderen wieder zurück. Dann wieder zu Krolock. Warum war er nur so ... traurig? So aggressiv? Ayv bewältigte die letzten Schritte zu dem kleinen Welpen, blieb jedoch so weit von ihm entfernt, dass er würde rechtzeitig in Deckung gehen können, falls dieser auf ihn losgehen könnte. Er setzte sich hin, schaute dem Wasser zu und entlastete sein rechtes Bein. Eine Weile schwieg er, bevor er auf sich aufmerksam machte.
"Ich weiß, Krolock, du hast deinen Vater verloren. Er war bestimmt ein sehr guter Vater. Ich finde es schade, ihn nicht kennen lernen zu können, wie er mit deiner Schwester Liel umgegangen ist, sein Verhalten sprach Bände. Verzeih mir bitte mein Verhalten. Ich selber schwelle in Trauer, denn ich habe vor ein paar Jahren meinen Bruder verloren und dafür meine Familie hinter mir gelassen. Heute würden sie mich nicht mehr aufnehmen. Ich bin ein Fremder für sie geworden. Wenn ich überhaupt je wieder in ein Rudel komme, dann werde ich denjenigen auf ewig dankbar sein müssen."
Ayv schwieg wieder. Er hoffte Krolock würde nicht wieder so reagieren, wie er es vorher getan hatte. Immerhin hatte er ihm nichts getan. Oder doch? Hatte er ihm unbeabsichtigt etwas angetan? Er senkte seinen Kopf ein Stück, dann drehte er ihn zu seiner Verletzung und entfernte dort den Dreck ein wenig, damit sie besser heilen konnte.
"Bitte versuch nicht deine Trauer in dir festzuhalten und einzuschließen. So, wie ich es getan habe. Am Ende wirst du es noch bereuen, ich habe dadurch mein Augenlicht verloren."
Ayv hoffte nun, dass diese Worte nicht falsch in Krolocks Ohren ankamen. Sie konnten ihn erneut in Rage bringen und Ayv hatte keine Lust, sich gegen einen Welpen verteidigen zu müssen, falls es soweit kommen sollte. Er erhob sich wieder und trat nur zwei Schritte nach vorne zum Wasser, wo er seine Nase in das kalte Nass steckte. Das tat ihm gut. Dann trank er noch ein paar Schlucke, bevor er sich wieder zu Krolock umdrehte.
Es war keine leichte Wanderung für Takashi und die Anderen gewesen. Urions Leichnam war recht schwer und alle schienen mehr oder auch weniger erschöpft. Sehr viel länger hätten sie es wohl nicht mehr durchgehalten und alle waren erleichtert, als sie am Fluss ankamen. Natürlich konnte man in dieser Situation nur von körperlicher Erleichterung sprechen. Denn sie waren alle mehr oder weniger von der Trauer bedrückt. Schließlich stand nicht jeder der Wölfe hier Urion so nah. Urions Leichnam wurde Nahe des Flusses abgelegt. Auch hier war kein schönes Wetter. Es war stürmisch und der Himmel war ergraut. Der Fluss schien bedrohlich, was er sonst nie gewesen war. Als ob er alles und jeden mit sich reißen könnte; so sah er aus. Takashi war ziemlich unruhig, denn er wusste nicht, ob er das Ritual eines Priesters vollbringen konnte. Jedoch wollte er es unbedingt gut und richtig machen, da es sich hier schließlich um seinen Bruder handelte. Waren jetzt überhaupt alle anwesend, die diese Sache etwas anging? Der Schwarze blickte unruhig in die kleine Runde. Jedoch wollte er die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Er hatte Angst, dass Urions Leichnam schon vor dem Segen mit dem Wasser mitgerissen wurde. Denn der Schwarze musste selbst besonders aufpassen, dass er nicht mitgerissen wurde, obwohl er schon Abstand von den Wassermassen hielt. Was geschah überhaupt mit einem Wolf der ohne einen Segen von dem Wasser mitgenommen wurde? Takashi holte tief Luft und musste erst einmal Worte sammeln. Wie stellte man denn so etwas ein? Eine spezielle Ausbildung zum Priester hatte er ja schließlich nicht.
.oO(Wie soll ich bloß beginnen? Ich habe doch gar keine Ahnung davon…und nun stehe ich vor dieser schweren Aufgabe! Bestimmt sind sie alle schon ganz erwartungsvoll und warten schon auf meine Worte. Ich bin so aufgeregt, ich weiß jetzt gar nichts mehr! Vielleicht sollte ich erst einmal mit einer ausführlichen Anrede anfangen und nicht gleich mit dem Segen beginnen. Dieser gehört schließlich so weit ich weiß an das Ende des Rituals.)
“Urion, Gefährte von Kaede, Vater von Krolock, Ciradán und Liel, Bruder meiner selbst und wichtiger Teil unseres Rudels. Wir haben dich als Mitglied unserer Gemeinschaft sehr geschätzt, deine Stärke war ein Schutz für unsere Kleinen, dein Mut eine Garantie für unsere Sicherheit. Dich zu verlieren, trifft uns hart, es werden viele Wölfe um dich trauern.“
Er machte eine Pause. Wieder musste er Worte sammeln.
“Doch Engayas Pfoten werden dich empfangen und dieser Fluss wird dich zu ihr spülen. Freude und Wärme erwarten dich, deine Gefährtin Kaede erwartet dich. Und wir alle hoffen, dass du auf uns wartest und uns empfangen wirst, wenn wir eines Tages in die ewigen Hallen kommen werden.“
Langsam wurde der Leichnam Urions von den Wassermassen umspült. Dann schien er ganz langsam mit dem vielen Wasser davonzuschwimmen. Jedoch konnte Takashi jetzt nicht neben Urion treten und dabei den Segen sprechen. Es war zu gefährlich für ihn und er würde wohl auch weggeschwemmt werden. Mit ein wenig Abstand zum See lief er das letzte Stück noch neben ihm her. Der Schwarze müsste sich jetzt beeilen, damit der Fluss Urions Seele sanft in die Pfoten Engayas tragen würde.
“Möge dich jeder Augenblick des Glücks begleiten und dir deinen Pfad zu den Göttern ebenen. Mögen die Stimmen deiner Lieben für immer in deinem Gedächtnis bleiben, bis wir wieder von Angesicht zu Angesicht mit dir sprechen können. Möge die Sonne jeden Tag auf deinen Pelz scheinen, deine Glieder wieder zu alter Stärke zurückfinden und deine Welt erblühen im Glanz unserer Göttin. Mögest du deinen Frieden finden und Zorn, Angst und Verzweiflung in dieser Welt zurücklassen. Möge keine Dunkelheit mehr auf dich niederkommen und keine Sorgen mehr dein Herz belasten. Wir nehmen Abschied von dir, Bruder.“
Es war vollbracht und Urion war nun endgültig mit dem Wasser verschwunden. Langsam wandte sich Takashi vom Fluss ab und senkte den Kopf. Erstaunlich gut hatte er seine Tränen und die Gefühle zurückhalten können. Dafür ging es ihm jetzt umso schlechter. Seine eigenen Worte hatten ihn ein wenig ablenken können, doch jetzt war er wieder in die Realität zurückgekehrt und stellte deren Grausamkeit wieder fest. Jetzt war er wieder traurig, sehr traurig. Vorher hatte er sich so konzentriert, dass er weder Krolock noch Ayv reden gehört hatte. Er fing jetzt wieder leise an zu weinen und sah die Anderen nicht an.
Rakshee hatte sich oft in der Nähe des nördlichen Nichts aufgehalten, in der letzten Zeit. Wenn sie nicht ihrer Ausbildung nachkam oder nach ihrer Mutter sah, hatte sie den größten Teil in seiner Nähe verbracht. Sie hatte gesehen wie es wuchs, und sie hatte sich so sehr gewünscht dass ihr Vater wieder heraustreten würde.
Er war nie gekommen.
Ihr Vater, dessen Fellfarbe sie trug, ihr Vater, der ihr in der langen Zeit ohne ihn so fremd geworden war. es fehlten soviele Wölfe. Työl und Rasmús, neben ihren Eltern die ersten Wölfe die sie gekannt hatten. So viele waren schon gegangen. Soviele. Aszrem und Midnight waren immer da geblieben, immer da gewesen. Das war der Unterschied. Das war, was sie von der Umwelt ringsherum unterschied. Die zwei waren, wie auch Mama und Jakash, eine Anlaufstelle die nicht einfach von heute auf Morgen verschwand. Rakshee saß auch jetzt wieder vor dem Nichts. So oft hatte sie hier schon gesessen, nach Engaya gerufen, und doch nie die Antwort bekommen die sie verlangt hatte. So oft hatte sie sich eine Zukunft ausgemalt, mit Papa, Kursaí, Ahkuna und Sharíku - aber Sharíku hielt sich mehr und mehr vom Rudel fern, Kursaí war damals mit Papa gegangen und nicht mehr wiedergekommen - und Ahkuna war auch irgendwann verschwunden. Niemand hatte nach ihr gesucht. Mit trauriger Miene kehrte sie dem nebelartigen Nichts den Rücken zu, langsam trabte sie zurück in Richtung Rudelplatz, als sie das Heulen ihrer Tante vernahm. Rakshee brauchte ein paar Momente, bis sie zu verstehen glaubte, und ihren Kurs beibehielt - der Ruf war aus Richtung Rudelplatz gekommen, also musste dort auch Nyota zu finden sein.
Polar hatte mit den anderen den Körper des Toten zum Fluss geschafft, wo er sich sofort abwandte, kaum, dass man ihn zu Boden gelassen hatte. Hier hatte er jetzt nichts mehr zu suchen. Er schritt drei Schritte Richtung Wald. Drehte sich wieder um und schaute erst zu den Trauernden, dann zu dem kleinen schwarzen Welpen, der sich abseits hingesetzt hatte und sich nun abwandte. Er hatte es nicht leicht. Dann sah er, wie Ayv vorsichtig auf ihn zu kam und sich zu ihm setzte. Obwohl Polar befürchtete, dass der Welpe wieder auf ihn losgehen könnte, wandte er sich erneut ab und trabte nun in den Wald. Er hörte noch, wie der große Schwarze Rüde anfing mit seinen Worten. Dann wurde die Stimme leiser und sie verstummte schließlich vollends. Er trabte zwischen den Bäumen hindurch und übersprang gelegentlich einen kleinen Ast oder Steine, die in seinem Weg lagen.
(Werde ich Ayv je wieder sehen? Oder trennen unsere Weg sich jetzt schon nach einem solch miesen Vorfall? Ich hoffe nur, dass es nicht das letzte Mal war. Gerne würde ich mehr über ihn erfahren.)
Er trabte weiter voran und achtete nicht mehr auf seine Umgebung. Momentan überwogen seine Gedanken seine Aufmerksamkeit, die eigentlich sehr wichtig hier war. Aber es war ihm egal. Nun wollte er erstmal seinen Gedanken nachhängen und nichts tun - nagut, abgesehen vom Vorwärtslaufen. Er trabte weiter, umbog einen Baum und sah, wie ein Reh sich schnell versuchte in Sicherheit zu bringen. Er beobachtete das mit großer Gleichgültigkeit. Sollte es doch weglaufen, irgendwann würde auch dieses Reh sterben und da konnte es auch nichts gegen tun.
Es war schon seltsam, zu sehen wie die Welt hier scheinbar unterzugehen drohte. Alles beständige starb und alles neue würde erblühen. Ruiza Tsuki seufzte und drückte sich enger an den Grauen. Sie würde ihm alles erzählen, von damals bis zu ihrer Begegnung, und auch warum sie zeitweise so vor Kummer geblendet gewesen war.
"Cyriell....Cyriell...ich...ich will es dir erzählen
gab sie zu verstehen und spitzte die Ohren. Alles war irgendwie seltsam aber wenn nicht jetzt, wann denn dann? Es gab nur diesen Augenblick, um ihm alles zu erklären.
"Weißt du. ich möchte dir erklären warum ich letztens so...so....seltsam drauf war. Es ist so lange her, dass es mir wie ein anderes Leben vorkommt, und irgendwie scheint es das auch zu sein. Fern und Fremd, aber immer noch ein Teil von Mir. Als die Welpen hier da waren, da kam alles wieder hoch. Ich wünschte ich wäre damals Älter gewesen, Älter...vielleicht ein wenig....
Ruiza wurde leise und brach ab um nachdenklich in den Wald zu starren, als könne sie dort die Geister der Vergangenheit sehen, als könne sie dort Antworten finden. Was aber Quatsch war. Sowas gab es nicht
"Ich war auch mal Mutter...zumindest hätte ich es sein können, wenn ich Älter gewesen wäre und die Umstände andere gewesen wären, aber das spielt nun keine Rolle mehr, denn sie sind tot. Fast hab ich mir gewünscht, sie könnten das hier sehen, was sie verpasst haben. aber vielleicht ist es gut so...vielleicht war Shun nicht der richtige Vater für sie... er hat...hat mich im Stich gelassen, ließ mich mit ihren seelenlosen Körpern allein und nahm die nächstbeste Fähe, meine große Schwester, paarte sich vor meinen Augen mit ihr...er....er hat mich niemals geliebt...
Mit einem erstickten Seufzer vergrub die Weiße ihre Nase zwischen den schlanken Pfoten. Das war alles gewesen, all ihre Gedanken und Hoffnungen...alles was sie verloren hatte
Tascani Amour wanderte allein im Wald umher. Aber einsam war er keineswegs. Seine munteren Gedanken bahnten sich durch seine gekräuselten Lefzen einen Weg nach draußen und spiegelten sich ebenfalls überdeutlich im tänzelnden Gang des Rüden wider. Er hätte fröhlich vor sich hin gesummt, wenn seine Kehle diesen Laut hätte erzeugen können. Stattdessen begnügte er sich mit einem welpenhaften, hellen Kläffen, das er dann und wann ausstieß – immer, wenn sein Herz danach verlangte. Wie schön war doch dieser Wald!
Selbst der momentanen Witterung, die nun alles andere als prächtig war, gewann Tascani nur Positives ab. Nun würde er nach der zuvor noch drückenden Schwüle endlich wieder atmen können! Frei und wie neu geboren … er würde spüren, wie sich seine Lungen mit der dann deutlich kühleren Luft voll sogen und ihn erfrischten. Er liebte diesen feinen Regen, der mehr versprach. So, als hörte man innerlich, was das Gegenüber in ein paar Minuten sagen würde. Man spürte den warmen, sanften Regen auf die Schnauze fallen – nein, schweben – und genoss diesen Augenblick, in dem man von der Natur umarmt wurde. Dann würde die Intensität steigen. Die Berührung würde intensiver, leidenschaftlicher. Der Nieselregen würde zu einem Platschregen werden und man würde ein Donnergrollen deutlich wahrnehmen und nicht nur erahnen. Man würde das laute Prasseln mit jeder Faser aufnehmen – man konnte sich dem gar nicht entziehen. Dann würde man sich langsam Schutz suchen, denn es würde noch mehr folgen. Wenn man dann zu einer Höhle gelangt war, begab man sich in die Geborgenheit der Steinwände um sich herum und lauschte den Lauten der Natur.
Wenn man da noch eine hübsche Fähe neben sich liegen hatte und deren Körperwärme spürte … Plötzlich prallte der braune Rüde gegen etwas – oder jemanden – und kehrte wieder in die Realität zurück. Seufzend drehte er sich um (er war eigentlich nur leicht gestolpert), um sein Hindernis zu begutachten. Sicher irgendein Baumstamm … er war so in Gedanken gewesen, dass er nicht einmal einschätzen konnte, wie hart der Aufprall gewesen war. Umso peinlicher war ihm, dass er nicht bemerkt hatte, dass er einer Artgenossin über den Weg gelaufen war. Offenbar musste er ziemlich schnell gewesen sein, sonst wäre sie ihm sicher ausgewichen.
„Oooh, Mon Dieu! Isch verzeihe misch! Entschuldige bitte, mein Dame! Isch habe gedacht an … isch war mit Gedanken ganz wo anderer!“
Tascani senkte entschuldigend den Kopf und verbeugte sich anschließend charmant. Dann hob er schnell den Blick, um sein gegenüber genauer betrachten zu können. Was er sah, gefiel ihm.
Er lächelte ihr honigsüß zu und erhob schnell das Wort, bevor sie etwas erwidern konnte.
„Ihr seid mir hoffentlisch nischt böse? Isch darf misch kurz stellen vor? Mein Name ist Tascani Amour und isch komme zufrieden … oder wie heißt? …bei … no, …aah … in Frieden?“
Er sah sie hilflos an und hoffte, einer höflicheren, besser erzogenen Fähe als Amáya begegnet zu sein.
Die Gedanken hatten Kylia wieder ein wenig eingenommen. Der Traum kam fast regelmäßig alle zwei Monate, manchmal schlimmer, manchmal weniger schlimm. Sie wollte gar nicht erst darüber nachdenken, was sie genau mit diesen Abstufungen meinte und hatte zum Glück auch keine Möglichkeit mehr dazu, denn irgendetwas prallte ihr in die Seite. Verblüfft stolperte sie nach links, hätte beinahe das Gleichgewicht verloren und fing sich nur gerade noch so. Bevor sie auch nur den Angreifer gemustert hatte, wich sie zwei Schritte nach hinten und machte sich darauf gefasst, jemand ihr nicht wohlgesonnenes vor sich zu haben. Diese Angst verflüchtigte sich aber schnell, als sie einen ganz normalen Rüden vor sich sah, der nun auch noch anfing zu sprechen … in einer sehr seltsamen Sprache. Sie musste sich anstrengen, ihn zu verstehen und stellte fest, dass er zwar ihre Sprache sprach, aber irgendwie einige Wörter verdrehte und sehr seltsam betonte. Wo hatte er das wohl gelernt? Zumindest entschuldigte er sich und war auch sehr höflich. Verbeugte sich, lächelte sie an, verdrehte dann wieder Wörter und wirkte bei allem, was er tat sehr lieb, wenn auch ein wenig … verwirrt. Kylia hatte sich nun wieder gefasst und lächelte ebenfalls.
“Ist ja nichts passiert, ich habe dich auch gar nicht kommen sehen, Tascani. Ich bin Kylia. Bist du neu in diesem Rudel?“
Tatsächlich hatte sie ihn noch nie gesehen, wobei es im Rudel momentan so viele Probleme gab, dass sie sich oft fernhielt. Und Amiyo war auch noch immer nicht aufgetaucht, dabei hatte sie ihn immer wieder gesucht. Seine Fährte war verschwunden – kein Wunder bei dem Regen – und auch sonst blieb nichts von ihm zurück. Nun war es zwar so, dass Amiyo ihr Gefährte gewesen war, aber wenn sie diese Sache ehrlich betrachtete, hatte sie ihn so richtig nie geliebt. Sie hatte es gemocht, wie er sich umschmeichelt hatte und seine stete Aufmerksamkeit musste man einfach genießen … aber sonst. Vielleicht war Kylia ein wenig kalt, aber wirklich nachtrauern konnte sie dem Rüden nicht. Außerdem gab es ja auch noch andere und gerade hatte sie ein recht nettes Exemplar getroffen.
Katsumi lauschte in den Wind, hörte dem Lied des Todes zu. Der Himmel weinte und schob zornig dicke, schwarze Wolken über das Tal. Der Braune war ein festes Mitglied der Familie geworden und doch bannte er sich nun den eigenen Weg durchs Unterholz. Er roch den Tod, roch die Trauer und hörte den Gesang der Welt. Zerdrückend. Und ohne, dass der Rüde es eigentlich wollte, musste er an seine Kinder denken, seine Kinder, die irgendwo im Dies- oder Jenseits waren. Oder dazwischen. Ohne es zu wollen, überrannte ihn die Trauer des Verlustes. Unsorgfältig drückte der Trauernde seinen Körper zwischen zwei Büschen hindurch und steuerte auf das Nichts zu. Das Nichts, das als gefährlich eingestuft wurde. Leer, so wie es Katsumi war. Im Unterbewusstsein nahm der Braune erneut den Geruch vom Tod auf und schlagartig war er in der Realität. Katsumi machte kehrt und preschte in Richtung Rudelplatz. Hechelnd gab er seinen Läufen die übrigen Kräfte.
.oO(Akru!)
Katsumi schämte sich, dass er sich von seinem Umfeld anstecken liess, schämte sich, dass er nur an sich dachte. Akru. Hoffentlich ging es ihm gut, denn er war der Grund, weshalb der Weg nicht mehr so steinig war. Immer langsamer glitten die Pfoten über den schlammigen Boden. Bereits der Geruch bestätigte, dass es dem Grauen gut ging, doch der Rüde wollte sicher sein und ihn sehen. Er drückte sich ins Unterholz und schlich auf den Rudelplatz zu, wo er seinen Geliebten bei der Alphafähe erblickte. Es ging ihm wirklich gut.. Doch von wo kam der Geruch des Todes? Katsumi machte Kehrt und verschwand genau so leise wieder. Still schlenderte der Braune einen eingelaufenen Pfad entlang und erblickte schliesslich ein vertrautes Gesicht.
"Hallo Isis... "
Der Fünfjährige trug seinen Körper zu der Fähe, die er auf seltsame Weise kennen gelernt hatte. Sachte liess sich der Rüde plumpsen und starrte müde ins Gesicht der Fähe.
"Der Regen ist schwer, nicht wahr? Wie geht es dir..? "
Nicht viel hatte er mit ihr gesprochen. Nun schien der Moment, sie besser kennen zu lernen. Aufmerksam musterte der Rüde den Pelz der Fähe. Ein kleiner Sandsturm schien über sie zu fegen, kleine, feine Zeichnungen, grobe, dunkle Striche. Ein Kunstwerk der Natur mit atemberaubender Schönheit. Unverwechselbar, einzigartig. Katsumi schluckte unmerklich, liess seine Seelenspiegel an dem schlanken Körper auf und ab gleiten, sah in die gegenüberliegenden Seelenspiegel. Genau so gelb wie seine eigenen. So klar, tief und geheimnisvoll. Regelmässig hob sich der feine Brustkorb auf und ab. Katsumis Ohren spielten im Wind und die Nase verdrängte den Albtraum des Todes. Trotz der Tränen des Himmels schienen die gelben Augen zu lachen.
Isis wollte gerne noch weiter mit Chanuka sprechen, wollte ihm dies und jenes erklären, als auch schon der Ruf von Nyota durch die Wälder hallte und der Tod um sich griff. Chanuka machte sich allein auf dem Weg zu Banshee und Isis war es verboten ihren Paten zu begleiten und sie wusste auch, dass dort Akru zu finden war. Ein Trost, ein leichter Trost, dass Chanuka nichts geschehen würde. Isis drehte die Ohren um den nächsten Ruf der kleinen Liel zu hören. War Urion nun auch tot? Ein leichter Schauer rann über ihr eh schon nasses Fell und sie senkte den Kopf. Warum war nur alles so trist um sie herum geworden? So trist um das ganze Rudel, dass doch eigentlich vor Kraft strotzte. Schritte rissen die kleine Fähe aus ihren Gedanken und als sie den Kopf hob erblickte sie Katsumi. Akrus bester Freund. Ein leichtes Lächeln nistete sich auf den Lefzen ein und ihre Rute wischte leicht über den Sand.
"Hallo Katsumi, schön dich zusehen."
Der Rüde sah aus wie ein Wolf aus der Wüste. Geschmeidig im Körperbau, das Fell wie der Sand der Wüste vermengt mit der reinen Erde von Mutter Natur. Er musste viel in seinem Leben erlebt haben, war vielleicht gar ein Alpha, denn die Narbe über seinem linken Augen ließ auf mehrere Narben schließen, die nur vom Fell und der Zeit verdeckt wurden.
So gelb wie ihre Augen, waren auch die Seine, wenngleich das Linke auch nicht mehr so wirklich strahlte wie das Rechte. Kam Katsumi aus der Wüste? Kam er von da, wo Isis herkam? Bei dem Gedanken stieg etwas Aufregung in der Fähe hoch und ihre schmaler Brustkorb hob und senkte sich etwas schneller. Dennoch vermochte sie mit fester Stimme zu antworten:
"Es ist nicht nur der Regen, der schwer scheint. Der Tod greift um sich, legt sich vor die Sonne und lässt unser Tal trist erscheinen.
Isis waren seine Blicke nicht entgangen und innerlich erfüllte sie das mit Stolz, was sie jedoch nicht nach außen trug. Über Schönheit oder dergleichen machte sich die Schwinge des Osiris wenig Gedanken, denn jedes Wesen auf Erden war schön.
"Mir scheint es, dass meine Gefühle fest an Akru gekettet sind. Wenn es ihm gut geht, geht es mir auch gut."
Die Fähe legte den Kopf schief. Katsumi schien genauso geheimnisumwittert wie sie vielleicht auch auf andere den Eindruck machte. Er musste doch aus der Wüste kommen oder war das nur ein inniger Wunsch von Isis. Ach verdammt!
"Und wie geht es dir? Bestimmt nicht besser, als uns alle hier.."
Isis erwiderte das Strahlen in seinen Augen mit einem ehrlichen Lächeln in den ihrigen und die Sonne ging zumindest in ihren Seelenspiegeln wieder auf.
Der kleine Körper bewegte sich schon seit einiger Zeit unbemerkt durch die Welt. Was für manche nach einem geduckten, aber lockeren Trab eines Welpen aussah, war ein Kraftaufwand für Sharu. Die kleine Fähe hatte sich verkrampft, obwohl es warm war ließ die Einsamkeit sie frieren. Wann war ihr Bruder verschwunden? Wie konnte er überhaupt verschwinden? Sie wusste nichts. Irgendwann war er einfach nicht mehr da gewesen. Obwohl sie es eigentlich gemerkt hätte. Wie auch immer, plötzlich war die dunkle Schulter verschwunden und sie war alleine. Ganz alleine. Allein. Je öfter ihr diese sechs Buchstaben durch den Kopf surrten, umso kälter wurde es. Der steife Gang der kleinen Fähe wurde von ihr selbst erst spät bemerkt. Vorsichtig versuchte sie, sich zu entpsannen, doch ein unangenehmes Gefühl, ja es war mit Schmerzen zu vergleichen, kroch ihr sofort in die Schultern und den Rücken und zwang sie dazu, sich weiter anzuspannen.
Sharu bekam mehr und mehr das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Vor Aufregung und Angst bekam sie einen Schluckauf. Ihre Lunge zog sich die ersten Male unangenehm stechend zusammen, haschte nach Luft, obwohl Sharu normal atmete. Nach einigen Sekunden hatte ihr Körper das hicksen akzeptiert und sie freute sich, wenigstens eine Waffe gegen die Stille zu besitzen, ohne ihre Stimme einzusetzen. Aber war da denn nun wirklich jemand? Vielleicht bildete sich die kleine Weiße das nur ein, doch für sie gab es da wirklich jemanden, in unmittelbarer Nähe. Obwohl ihre Angst stieg, ihr Hicksen dadurch lauter wurde und sie ein wenig an Nervosität gewann lief sie schneller. Der Gedanke an Gesellschaft war doch etwas verlockender als die Angst.
Etwas erschöpft quälte Sharu sich weiter, hatte ein Gebüsch ins Visier genommen. Wenn sie könnte, würde sie rennen, doch ein kleines Stechen fuhr von ihren Flanken aus, seitlich nach vorne und ihre Pfoten schienen schwer wie Blei zu sein. Erwartungsvoll reckte sie die Nase nach dem Blatt aus, welches ihr entgegenhing und nur auf sie zu warten schien. Ein Lächeln wich auf Sharus Lefzen als ihr feuchtes Näschen das grüne Ding berührte, ihre Pfoten gaben bereits leicht nach. Die Nase gen Boden und die Augen fest geschlossen arbeitete sie sich ein paar letzte Schritte durch das Gebüsch. Am anderen Ende wieder angekommen, legte sie sich hechelnd hin. Statt sich nach jemandem umzuschauen beschäftigte sie sich mit ihren Pfoten, sie hatte viel zu große Angst wirklich jemanden zu entdecken...
Nun stand Shákru Minor wieder hier im strömenden Regen vor dieser Grenze und wusste eigentlich nicht warum. Er hatte sich für einen Lebensweg entschieden, doch nun prasselte der Regen unweigerlich auf sein schwarzes Fell und ließ ihn schwer Seufzen. Irgendein Gefühl zog in hierher, ließ ihn die Grenze überschreiten und seine Spuren hinterlassen in der aufgeweichten Erde. Der Tod hing über den Revier der Sternenwinde, ließ ihn kurz erschauern und dann weiter gehen. Tanzende Feder ließ Shákru Minor ziehen, denn er wusste um die Geheimnisse eines wilden Wolfes. Die kleine Sternenleier war zusehends unruhiger geworden bis er den Entschluss gefasst hatte, doch wieder zurück zu kehren. Ja tatsächlich. Der Rüde war stärker geworden seit seiner Wanderung. Toleranter und erwachsener.
Shákru drückte die Schnauze gegen den Boden. Es waren scheinbar viele neue Wölfe dazu gekommen, denn ihre Spuren kreuzten sich in dem dichten Wald, während einzig allein der Regen zu hören war. Tatsächlich, der ganze Wald schien zu schweigen vor Angst. Fenris musste wirklich ganz in der Nähe sein. Bei solch einem Traraa konnte es nur Banshee sein, die im Sterben lag. Ob nun auch ihr vermisster Alpha zurückkehrte um mit ihr zu sterben? Shákru seufzte leise, dachte nicht daran seine Rückkehr anzukündigen. Vermisst hatte ihn sicherlich auch niemand. Aber er war nun anders, hatte viel gelernt. Die Sternenleier, Namid, wanderte weiter schweigend durch den Wald und glich einem Schatten. Das Nichts breitete sich scheinbar auch immer weiter aus, denn Nebel zogen sich unheilvoll durch das Dickicht, ließen das Revier unbewohnt erscheinen.
Shákru blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken und witterte nun in der Luft. Welpen! Stimmt, es waren einige Fähen trächtig gewesen, Shákru hatte doch sogar mit zwei Welpen geredet. Tascurio und Ciradrán. Die Sternenleier verzog die Lefzen zu einem Lächeln, sodass seine weißen Zähne zum Vorschein kamen. Langsam setzte er seinen Weg fort, schlug die Richtung des Flusses ein und witterte weiter. Ganz in der Nähe mussten sich einige Wölfe befinden, sodass Shákru nun vorsichtiger wurde, darauf achtete nicht in Windrichtung zu laufen, denn stören wollte er auf keinen Fall. Die Versammlung sah nach einer Bestattung aus. Es musste Urion sein oder Kaede. Shani, Jumanaa, Krolock, Liel und Takashi standen dort, aber dann auch noch ein anderer Wolf. Er trug noch nicht den Geruch des Rudels, also durfte er erst neu sein. Scharf sog Shákru die Luft ein, schloss fest die Augen und ließ sich auf die Hinterläufe nieder. Konnte es denn tatsächlich sein? Minor öffnete wieder die grünen Seelenspiegel und betrachtete den weißen Rüden relativ neutral. Noch hielt sich die Freude in Grenzen, denn noch war nicht geklärt, ob er es wirklich war.
27.12.2009, 12:46
Die Ohren des Rüden zuckten. Aufmerksam lauschte der Hüne in den Wind und hörte noch immer das Lied. Ein Schauer lief den schlanken Rücken hinunter. Katsumi musste kurz seinen Kopf schütteln, ehe er wieder in die klaren Seelenspiegel seiner Freundin sehen konnte.
"Ja... "
Stumm nickte der Fünfjährige zur Bestätigung von Isis Worten. Der Tod, der sich seinen Weg durch das Tal seiner neuen Familie erkämpfte, drückte jedes noch lebende Wesen in den Boden. Und das Nichts schien wie der Schatten des schwarzen Hüters der Pforte ins Jenseits. So, als müsse es die Überbleibsel aufräumen. Beide Ohren schnippten nach Vorne und lauschten den Worten der schönen Sandkönigin. Kurz zog der Fünfjährige seine Nase kraus, lächelte dann aber gleich.
"Das hast du schön gesagt, Isis... Ja, ich verstehe, was du meinst. Ich verstehe den grauen Hünen genauso, unsere Seelen sprechen miteinander. Lange habe ich ohne Sinn meine Pfoten wundgelaufen. Jetzt habe ich wieder Hoffnung... "
Mehr wollte Katsumi nicht erzählen und liess dies die Fähe auch spüren. Falls seine Geschichte je überlebenswichtig werden sollte, würde er es ihr erzählen. Aber nicht jetzt. Nicht heute. Aber auch nicht morgen. Jetzt war anderes wichtig. Akru war wichtig.
"Es ging mir schon besser, liebe Isis. Ich mache mir viel mehr Sorgen um unseren Freund. Es wird nicht leicht... Der Weg steil und uneben, das Ziel schwierig zu erreichen. Aber es wird machbar sein. Hoffnung Isis... Sie stirb zuletzt... "
Sachte glitt die Rute über den mit Schlamm bedeckten Boden. Akru wird es schaffen... Sofort huschten die Ohren in die Höhe. War da nicht etwas? Katsumi stemmte seinen vernarbten Körper in die Höhe, schüttelte den Dreck aus dem Fell und leckte sich kurz über den rechten Vorderlauf. Dann lauschte er in die Stille, legte seine Seelenspiegel auf die der Fähe und sagte ihr stumm, dass sie keinen Ton von sich geben solle. Beinah unmerklich spannten sich dir Muskeln im Körper des Hünen an. Der Braune fühlte sich plötzlich wie früher. Er hatte das Gefühl, Isis beschützen zu müssen. Beschützen vor dem Geräusch, das beinahe schon süsslich klang. Neben dem Gehör- spitze der Fünfjährige auch seinen Geruchssinn. Sofort begann der Braune alles zu analysieren, schloss dabei die Augen und teilte jeden Geruch ein. Einer blieb bei unbekannt. Sofort entspannt sich die Mimik und Katsumi machte einige Schritte auf einen Busch zu, der nur zwei oder drei Wolfslängen von ihm und der Sandkönigin entfernt war. Sachte drückte Katsumi einen Ast auf den Boden und machte einen Schritt zurück. Er blickte in beinahe schwarze Augen, die von einem hellen Fell umgeben sind. Ein Glucksen drang es der kleinen Kehle.
"Hallo meine Kleine... "
Katsumi hauchte die Worte sachte in den Wind hinein. Freundlich lächelte der Rüde und verdrängte kurz das Lied des Todes, verdrängte den Regen und die bedrückte Stimmung.
"Isis, Liebes, gehört sie zu euch?"
Mit dem Kopf zur wunderschönen sandfarbenen Fähe gewandt, sprach Katsumi eher leise und rau. Er war noch nicht allzu lange hier in der grossen Familie. Er hatte zwar versucht jeden Geruch sich zu merken, aber bei dem Regen und der Stimmung momentan war es gut möglich, jemanden übersehen zu haben...
Isis wollte grad das Gespräch fortsetzen, als Katsumi sich vor sie stellte, als wolle der Rüde die Kleine beschützen, doch dann ging er zu einem kleinen Gebüsch und lächelte schließlich die Schwinge des Osiris an. Die Ägypterin folgte ihm langsam, blieb dicht neben ihm stehen und sofort wurde in ihr etwas geweckt, dass sie beim ersten Mal bei Chanuka verspürte. Ein kleines, unentdecktes Gefühl der Zärtlichkeit. Ein Gefühl einer stillen Bitte nachzukommen.
"Nein, nein...sie gehört nicht zu uns..."
Isis sah zu Katsumi, fuhr ihm mit der Zunge über die Schnauze und drückte sich dann sanft an ihm vorbei. Ein anderes Gefühl erfasste sie kurz, aber es war zu abgestumpft, zu sehr geprägt von Enttäuschungen, als das Isis sich irgendwie weiter damit befasste. Zu oft hatte sie einem Rüden hinter her getrauert, gar auf ihn gewartet, doch nun hatte sie die Hoffnung aufgegeben. Die kleine Fähe ließ sich winselnd neben Sháru nieder, leckte ihr über das flauschige Fell und schob sie sanft zwischen ihre Pfoten.
"Bei Osiris und Isis, dir wird nichts mehr geschehen , kleiner Engel. Du bist jetzt in Sicherheit."
Isis steckte ihre Schnauze in das zarte Fell und fiepte leise hinein, dann blickte sie wieder zu Katsumi und lächelte leicht um sich letztendlich wieder Sháru zu widmen.
"Ich bin Isis, das ist Katsumi und wer bist du?"
Die Ägypterin seufzte leise, dann wandt sie sich wieder an Katsumi.
"Wenn alles vorbei ist, dann bringen wir sie am besten zu Nyota. Ich werde sie fragen, ob ich mich um Sháru kümmern darf, aber am besten ist es wir bleiben solang hier."
Isis schwieg und ließ ihren Blick immer noch auf Katsumi ruhen. Sie starrte nicht oder musterte ihn, nein, sie nahm einfach nur sein Bild was er grade gab in sich auf, dann fuhr sie sich mit der Zunge über die Lefzen, drehte leicht die Ohren zur Seite und stupste sanft Sháru an.
"Katsumi, es wäre wirklich schön, wenn du solang bei uns bleibst. Ich bin nur im Herzen stark, aber das reicht gegen ein Raubtier nicht."
Isis lächelte leicht.
"Das würde mich wirklich freuen..."
Schlagartig fuhr Jikken auf. Die Läufe zitterten, die Haare sträubten sich, die Ohren waren aufgestellt, verharrten regungslos in ihrer Position, die Augen weit aufgerissen, hatten keinen festen Punkt fixiert, so schien es: Angst. Ein eigenartiger Zustand, vergleicht man diesen nun mit der herrlichen Idylle vor wenigen Augenblicken. Die harmonische Ruhe, die traute Zweisamkeit, so hätte es für einen Betrachter gewirkt, hätte er dies denn sehen können, als Jikken scheinbar sorglos neben seiner Gefährtin Satori schlief. Doch selbstverständlich wäre jener Zustand nicht die Erklärung für den aktuellen Zustand Jikkens. So plötzlich dieser Angstzustand gekommen war, so verschwand er auch wieder. Er setzte sich, das Zittern fand ein Ende, seine Haare legten sich, genau wie seine Ohren, seine Augen schloss er kurz: Entspannung, zumindest für den Moment. Plötzlich drehte er sich nach rechts. Warum? Seine Gefährtin lag dort noch immer schlafend. Warum sollte das auch nicht so sein? Jikken schüttelte kurz den Kopf.
.oO(Nur ein Traum… natürlich war das nur ein Traum)
Vor ihm im Gras lag ein kleiner, scharfer Stein, ein kleiner dunkler Fleck an seiner Seite.
„Du schon wieder?!“
Wahrscheinlich sahen hier alle Steinchen so aus, aber das interessierte ihn nicht. Er hatte immer noch jenen Stein im Sinn, den er vor so vielen Wochen bei seiner Ankunft in diesem Rudel gesehen hatte. Er war doch so unbedeutend gewesen. Im Gegensatz zu dem Raben und seiner Feder, die von unbedeutend auf ziemlich wichtig gestuft worden war. Das war alles noch so lebendig… in welchem Zusammenhang er nun aber den Stein damals gesehen hatte, war ihm ein Rätsel. Das würde ihm aber bestimmt noch einfallen. Wie dem auch sei, er blickte mal wieder auf einen solchen Stein, als wäre dieser etwas Besonderes. Er hatte dieses faszinierende Muster. Zahlreiche kleine Risse zogen sich kreuz und quer über seine Oberfläche und bildeten dabei ebenso interessante Formen. Der Regen, die Bäume, die Blätter, das feuchte Gras, die tausenden Tropfen überall blieben dagegen unbeachtet. Auch Satori bekam keine Aufmerksamkeit.
„Noch nie ‘nen Stein gesehen?“
In ihrer Stimme klang auch eine Gewisse Langeweile mit. Jikkens Blick wanderte zurück zu seiner Gefährtin. Diese war bereits aufgestanden und hatte ihn wohl schon eine ganze Zeit lang beobachtet. Auf seine Unschuldsmiene antwortete sie mit einem Augenrollen. Darauf wandte sie sich dem Stein zu. Jikken legte den Kopf schief und blickte sie leicht verwirrt an.
„Sicher, dieser Stein hat wohl viel mehr erlebt, und sehr viel mehr Erfahrung als du… er ist wohl auch um ein vielfaches weiser als du…“
Auf diese Aussage hin starrte er Satori ungläubig an. Und mehr als folgendes hatte er dazu auch nicht zu sagen, wieso auch, denn diese Worte sagten doch alles:
„Ähm… das ist nur ein Stein“
Satori drehte ihren Kopf ruckartig zu ihm zurück und blickte ihn ernst an. Ein wenig erschrocken ging er einen Schritt zurück.
„Ja und? Kann ein Stein etwa keine Erfahrungen haben, kann er nichts erleben, nur weil er ein Stein ist? Wer sagt das? Du? Spiel hier nicht den Richter.“
Jikken hatte dazu nichts zu sagen. Sein Gesichtsausdruck sagte sowieso viel mehr. Er hielt seinen Kopf leicht schräg und starrte sie einfach stumm an. Was sollte er davon halten? War sie verrückt? Eine solche Reaktion war doch höchst eigenartig. Man setzt sich nun also für die Rechte von Steinen ein… Eben jener Stein, der diese ganzen Merkwürdigkeiten erst ausgelöst hatte, war vergessen, Wohl oder übel ein verhängnisvoller Punkt.
„Lass uns zu den anderen gehen.“
Meinte Jikken, als wäre nichts gewesen und wandte sich bereits zum Gehen, seine Gefährtin mit einem Lächeln anblickend. Das war wohl ein Fehler. Nicht etwa das Lächeln, das bekanntlich aussagekräftiger, als all die vielen Worte war, sondern wohl eher, dass er diesen erfahrenen und weisen Stein nicht beachtete. Und so machte Jikkens Pfote Bekanntschaft mit einem scharfkantigen Stein mit Rechten. Den Stein störte das nicht, und die Tatsache, dass das daran liegen könnte, weil der Stein eben nur ein Stein war, kam ihm gar nicht in den Sinn. Der Schmerz war wohl das einzige, an das er dachte, was sich auch in einem „Verdammt!“ äußerte. Reflexartig hob er die verletzte Pfote an. Ein wenig Blut tropfte auf das feuchte Gras.
„Lass mich dir helfen“
Satori kam ein wenig näher, wurde aber jäh von seinen Worten gestoppt.
„Nein! Bleib weg! Du weißt, was sonst passiert.“
Satori schnaubte daraufhin und meinte, das sei bloß ein Traum gewesen. Natürlich fragte Jikken sich, wie sie dies wissen konnte, doch sprach er jene Worte nicht aus und folgte lieber ihrem Rat, zu einer nahen Pfütze zu gehen, von denen es hier viele gab, schließlich regnete und regnete es. Jeder Schritt schmerzte, doch natürlich konnte man dies ertragen, vor allem, weil die Gefährtin einen begleitete. Doch ihr Weg war ja nicht weit und so konnte Jikken seine schmerzende Pfote in kühlendes Wasser halten. Ein wenig Rot mischte sich in das unruhige Wasser. Selbst wenn das Wasser ihm einen Blick auf sein Spiegelbild gewähren würde, sähe er es wahrscheinlich nicht, da er ausdruckslos und gedankenversunken auf seine Pfote starrte. Schwanz und Ohren ließ er hängen. Der Regen hatte sein Fell völlig durchnässt, doch Satoris Anwesenheit wärmte ihn. Gleichzeitig genoss er das kühle Wasser der Pfütze an seiner Pfote. All dies hatte etwas Beruhigendes an sich. Dennoch hatte etwas anderes die Oberhand in seinem Kopf.
„Alles nur wegen deinem Stein…“
Es war vollendet. Die Zeremonie hatte so stattgefunden, wie jede andere. Ein Grund, dass auch Takashi ein wenig erleichtert und stolz auf sich sein konnte. Er hatte eine wichtige Aufgabe bewältigt, an die er nie zu denken gewagt hätte. Takashi in der Rolle eines Priesters! Doch er fühlte sich weder erleichtert noch stolz – noch lange nicht! Vielleicht war der einzige Grund, ein wenig erleichtert zu sein, dass es schnell abgelaufen ist. Hätte der Schwarze noch viel mehr Zeit zum Denken gehabt, hätten Trauer und Zweifel ihn nie diese Worte aussprechen lassen. Jetzt fühlte er sich noch immer so schlecht, wie zuvor. Noch immer starrte er dem Leichnam nach, der vor so kurzer Zeit von dem Wasser davon getragen wurde. Doch für den Rüden selbst schienen es schon Stunden zu sein. Sie würden sich nie wieder sehen! Oder vielleicht erst nach langer langer Zeit im Reich Engayas. Jedoch wollte sich Takashi nicht länger hier aufhalten und mit diesen Gedanken quälen, hier an dem Fluss, wo er seinen Bruder Urion Engaya übergeben hatte. Nur langsam hatte er sich von der kleinen Gruppe entfernt. Der Schwarze bewegte sich träge und lustlos voran. Plötzlich schien ihm jene Kraft zu fehlen, die er zuvor besessen hatte. Er wollte jetzt einfach alleine sein und etwas Ruhe vor den anderen haben. Die kleine Gruppe dort am Fluss würde schon wissen, was sie als nächstes tun würde. Schließlich hatte Takashi seinen Teil dazu beigetragen und hatte auch erfolgreich damit abgeschlossen. Länger hätte er es wohl an diesem Ort nicht mehr ausgehalten. Denn ab jetzt galt dieser Ort besonders unangenehm für ihn. Nun würde er nämlich nur noch schlimme Erinnerungen in dem Rüden hervorbringen. Jetzt konnte er verstehen, was wohl viele andere Wölfe an diesem Ort empfanden. Schließlich war dies hier der Ort, an dem jeder verstorbene Wolf vorerst das letzte Mal für die Sterblichen zu sehen war. Früher oder später würde man sich zwar im Reich Engayas wieder sehen, dennoch war jeder Tod ein grausamer Verlust, den wirklich niemand verkraften konnte. Kurz hob er den Kopf und sah in den Himmel. Dieser würde wohl noch einige zeit lang kläglich mit ihm weinen. Riesengroße dunkelgraue Wolken, die sich vor die Sonne geschoben hatten, wollten einfach nicht weichen. Nun waren sie schon den ganzen Tag da. Vielleicht hätte Takashi diese schon als Vorwarnung sehen sollen. Hätte er dann wohl seinen Bruder Urion retten können?
.oO(Ob es denn etwa alles nur meine Schuld gewesen ist? Ich habe den ganzen Tag nur faul unter diesem beschissenen Baum gelegen! Hätte ich es mir einfach nicht nur gut gehen lassen und hätte nachgesehen, was im Umfeld passiert, hätte ich garantiert noch helfen können. Sicherlich wäre es mir aufgefallen, dass sich ein fremder Puma im Revier befindet und Urion zerfleischt. Ich hätte seine Fährte aufnehmen können…und dann wäre er dran gewesen, nicht Urion. Das hätte ich schaffen können; ich weiß es! Das blöde Vieh hätte ich ganz einfach zerlegt und niemandem wäre etwas passiert! Wie konnte ich denn nur so dämlich sein und nur so dösig rum liegen? … Außerdem war es falsch, den blinden Ayv zu beschuldigen. Wahrscheinlich hat er kaum etwas davon mitbekommen und ist deshalb jetzt noch ziemlich verstört. Deshalb auch vielleicht sein ängstliches Verhalten. Und dann habe ich ihn auch noch einfach so beleidigt und angeschrieen! Kein Wunder, wenn auch noch er sich so schlecht fühlt. Ich habe heute so viele Fehler begannen!)
Während er immer und immer orientierungslos weiter lief, machte er sich selber im Stillen Vorwürfe! Inzwischen war auch Takashi nass bis auf die Haut von dem vielen Regen. Zum Glück fror er nicht, da es doch ziemlich warm war, was das ganze wieder ausglich. Der Schwarze bot schon lange keinen schönen Anblick mehr. Das schwarze Fell lag dicht verklebt an den Wolfkörper an und seine Beine waren mit Schlamm des aufgeweichten Bodens beschmiert. Auch seine Körperhaltung sagte schon besonders viel über seine Situation aus: Seinen Kopf hatte er trauernd zu Boden gesenkt und auch die Rute hing lustlos über dem Boden. Er schliff sie durch tiefe Pfützen oder durch Matsch, wenn er einmal etwas einsank. Und da gab es noch etwas, was Takashi zuvor noch nicht bemerkt hatte, da er zu tief in seine Gedanken versunken war. Seine Pfoten taten weh, obwohl doch eigentlich gar nichts geschehen war. Bei dem ganzen Schlamm konnte der Rüde keinerlei Verletzungen feststellen. Also suchte er sich eine geeignete Regenpfütze, um seine Pfoten kurzzeitig zu reinigen. Jetzt konnte er erkennen, dass seine Pfoten kleine längliche, aber nicht tiefe, Schnittwunden trugen. Waren da etwa kleine spitze Steine im Wasser gewesen, die Takashi gar nicht bemerkt hatte? Oder waren sie hier alle unter dem Schlamm versteckt? Wie auch immer, da konnte man jetzt gar nichts gegen tun. Also entschied sich Takashi dazu, einfach irgendwie weiter in den Wald hinein zu laufen. Auch hier war es nicht mehr sonderlich trocken. Die Blätter konnten diese Wassermassen einfach nicht aufhalten. Immer wieder diese vielen Wasser und Schlamm Pfützen auf seinem Weg. Alle schienen gleich, bloß eine war irgendwie anders. Sie trug einen so eigenartigen Geruch und außerdem ein wenig Blut. Irgendwie ungesund. So beschloss der Schwarze, da nicht einfach so rein zu treten. Er wollte einen kleinen Bogen um diese Pfütze laufen, wobei er fast einen anderen Wolf übersehen hätte! Das passierte schon mal, wenn Takashi den Kopf so weit zum Boden senkte. Vorsichtig hob er den Kopf und sah in das Gesicht eines Rüden, den er nicht kannte.
“Ich habe dich beinahe nicht gesehen. Entschuldige.“
Murmelte der Schwarze leise, während er den Weißen betrachtete. Es war ein ziemlich peinlicher und dummer Moment für Takashi gewesen. Doch was jetzt andere von ihm dachten, war ihm sowieso ziemlich egal. Das Blut in der unreinen Pfütze schien wohl zu dem Fremden zu gehören. Er trug eine Wunde an der Pfote.
“Ich glaube wir kennen uns noch nicht…mein Name ist Takashi!“
Vielleicht würde ein ruhiges Gespräch ein wenig Ablenkung von den Geschehnissen bringen. Takashis Blick sank wieder zu der Pfütze. Gab es da einen Zusammenhang mit dem Blut und dieser anderen komischen Substanz? Wenn sie mit dem Blut austrat, musste dieser weiße Rüde hier wohl irgendeine Krankheit oder etwas ähnliches mit sich tragen.
Die Stille war zum Fluch geworden. Eigentlich war sie Garrett nie unangenehm gewesen, die ganze Zeit nicht die er gelebt hatte. Vielleicht machte dies jetzt die Einsamkeit, diese Betrübtheit die sich ausbreitete, Einsamkeit die er nicht gewohnt war. Der Schwarze setzte seine Bewegungen geschickt, bewegte sich leise und schnell vorwärts, jedoch nicht überstürzt. Er hatte nichts zu verpassen und nichts zu erreichen, außer vielleicht jene Sache vor der er sich fürchtete und die seiner Meinung nach auch ausbleiben konnte. Doch eins musste er sich einfach eingestehen. Der Schwarze war kein Einzelgänger und es bereitete ihn ein natürliches Unbehagen allein zu sein. Das war einfach nicht er und je weiter er reiste umso bewusster wurde es ihm. Viel zu lange schon folgte er seinen Instinkt und seinem Gefühl. Wie schön wäre es, einfach halt zu machen und irgendwo zu verweilen. Irgendwo ein Zuhause zu finden. Garrett hatte das wandern so satt, so verdammt satt.
Wieder setzte sich der junge Wolf in Bewegung, machte aus seinen Schritten einen kleinen Trab, bis er rannte. Er rannte weil er es mochte, weil er es konnte, weil es schien als wäre sein Körper dafür gemacht worden zu rennen. Aber nicht fürs allein sein. Der Wolf hielt erst an, als er die bekannten Gerüche eines fremden Wolfsreviers auffasste. Rasch stemmte er die Pfoten gegen die Erde und drosselte sein Tempo. Er übertrat nicht, sondern hielt inne, wartetet, lauschte, fühlte.
“ Regen?”
Der Schwarze hob die Schnauze in Richtung des verschleierten Himmels. Hier war kein Sommer, sondern Regen. Tatsächlich Regen. Kurz verharrte der Wolf so, ließ sich die Gedanken durch den Kopf gehen. Sein Gefühl sagte ihm das er richtig war, er war der Spur seines Bruders schon immer gefolgte, einfach im Stillen, wahrscheinlich sogar ohne das er das irgendwie gemerkt hatte. Manchmal hatte er sich ihm genähert, meistens jedoch nicht. Und jetzt? Er war sich fast sicher das Shaén hier war… sollte er ihm weiter folgen? Der Regen war kein gutes Zeichen und obwohl er ihn eigentlich mochte, breitete sich ein ungutes Gefühl in ihm aus. Also was sollte er tun?
Die blauen Seelenspiegeln schlossen sich für einen Moment, ruhig ließ er den Regen und die ganz leichte Sommerwärme auf sich einwirken genauso wie alles triste. ER konnte jetzt weiter gehen und ihn finden, oder eben nicht. Dieses Revier gehörte einem Rudel, er wusste nicht was ihn erwartete. Was, wenn sie ihm feindlich entgegen standen? Und was wenn nicht und es ihm zu gut gefiel? Und Shaén nicht dort weilte? Was sollte er tun? Es gab zu viele Optionen auf die er zu wenig Antworten wusste. Ein tiefes Seufzen bündelte für einige Sekunden die Luft in seinen Lungen, ehe er sie ausstieß, dann lehnte er den Kopf etwas zur Seite und öffnete die Augen. Es half Nichts.
“Ich grüße euch, Rudel. Ich bin ein Wanderer der gerne Einlass in euer Revier erbitten würde. Ich komme in Frieden und möchte euch keinerlei Schaden zufügen.”
So hatte man es ihm beigebracht und so handelte er. Ob es richtig war würde sich wohl oder übel herausstellen. Nun jedoch hieß es warten. Und so wartete er. „Seltsam, was solch kleine unbedeutende Dinge doch alles bewirken können, was?“
Jikken schnaubte verächtlich. Als wäre der Stein daran Schuld. Klar, das würde das ganze einfacher machen und ihre Stein-Theorien stärken. Aber schließlich ist er selbst auf den Stein getreten und das hatte nichts mit dem Willen des dummen Steines, sondern mit seiner eigenen Unachtsamkeit zu tun. Aber das konnte man ja bekanntlich sehen wie man will… alles eine Sache der Perspektive. Im Endeffekt kam jedoch überall das gleiche raus: Blut. Die paar Tropfen bildeten interessante Muster im Wasser. Eine netzartige Struktur, die aber immer wieder von Regentropfen unterbrochen wurde. Dieses Bild vor Augen, kam ihm wieder eine scheinbar unwichtige Situation in den Sinn… Doch bevor er wirklich darüber nachdenken konnte, vernahm er plötzlich Schritte… sie waren ziemlich nah, und es war wahrscheinlich überhaupt ein Wunder, dass er sie hörte, bevor sie ihn wirklich erreicht hatten, bedenkt man den starken Regen, den Wind… Jikken blickte auf, drehte seine Ohren in Richtung der Schritte, gefolgt von seinem Blick. Sofort veränderte sich sein Gesichtsausdruck… von nichtssagend, gedankenversunken, träumerisch, zu fröhlich. Den Kopf wieder erhoben, hatte er ein leichtes Lächeln aufgesetzt und die Rute pendelte nun ruhig hin und her, vor einigen Augenblick tat sich auch hier nichts… Man könnte meinen, er sei versteinert gewesen und eben erwacht aus einem langen Schlaf, was letzten Endes auch irgendwo stimmte, doch das fiel ja schon mal nicht auf, da er ja Klitschnass war. Ebenso wie der schwarze Rüde, der auf ihn zu kam, ihn aber nicht zu bemerken schien… anscheinend war er ebenso gedankenversunken, wie Jikken kurz zuvor. Anstatt einen nichtssagenden Eindruck zu hinterlassen, wirkte dieser Rüde hier wohl eher niedergeschlagen… für gefährlich schätzte Jikken ihn für den Moment obgleich seiner Größe nicht ein.
„Das scheint hier gerade an der Tagesordnung zu stehen… hier sind alle irgendwie niedergeschlagen…“
Er achtete nicht auf Satoris Aussagen, die sie ihm ins Ohr flüsterte, das bei diesen Worten kurz zuckte. Jikken glaubte diesen Wolf schon mal gesehen zu haben… er war ja nun doch schon eine Zeit lang hier und hatte sich den einen oder anderen Namen gemerkt. Naja wohl eher weniger er selbst, sondern viel mehr Satori, die ihm dabei half. Zu diesem Rüden passte aber keiner der bekannten Namen, auch Satori schwieg. Jedenfalls kam eben jener schwarze vorerst namenlose Wolf weiter auf ihn zu. Jikken hatte immer noch ein Lächeln aufgesetzt, legte den Kopf aber leicht schräg. Sah er ihn etwa nicht? War er ihm gleichgültig? Keine Ahnung… wie dem auch sei, kam er kurz vor Jikken zum stehen und murmelte etwas. Er hatte Jikken anscheinend übersehen, aber immerhin war er nicht einfach weitergelaufen… gegen etwas Gesellschaft hatte Jikken noch nie etwas gehabt, so verschwand sein fröhliches Gesamtbild auch nicht. Der Schwarze hatte nun einen Namen. Als Takashi hatte man sich vorgestellt. Gut, einem Gespräch stand nichts mehr im Weg.
„Takashi? Das klinkt irgendwie vertraut…“
.oO(Jedenfalls vertrauter als Tyraleen… ein seltsamer Name…)
„Mich nennt man Jikken“
Wer war eigentlich auf die Idee gekommen, ihm diesen Namen zu geben? Er blickte kurz an Takashi vorbei auf einen Baum. Die Namensgebung in seiner Familie war sowieso seltsam… Seine Eltern hatten komische Namen… seine Brüder und Schwestern ebenfalls… folglich auch er selbst. Okay, ein eigenartiger Gedanke über eine eigenartige Sache… Jikkens Blick viel zurück auf den Schwarzen. Dieser blickte aber gen Boden. Er folgte seinem Blick zur Pfütze. Sofort nahm er die verletzte Pfote aus dem Wasser. Sie blutete sowieso nicht mehr… es war nur eine kleine Wunde gewesen… Seine Augen blieben jedoch an dem leicht rötlichen Wasser hängen…
„Weißt du, woran mich das erinnert?“
Fragte Jikken ruhig, fast schon wieder gedankenversunken, nun ohne Lächeln auf den Lefzen. Satori hackte sofort nach und meinte, das konnte ja eigentlich nur er selbst wissen, also bräuchte er nicht auf eine Antwort warten. Irgendwie logisch. Jikken seufzte kurz.
„An Kirschen…“
Selbstverständlich fragte Satori daraufhin, wie man beim Anblick von frischem Blut auf Kirschen kommen konnte. War ja auch irgendwie nicht ganz eindeutig. Kirschen schmecken gut, sehen schön aus und man kommt schwer ran. Das war eine Kirsche für ihn. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Naja, weißt du, da war dieser Vogel… der hat auf einem Baum genüsslich ein paar Kirschen genascht… dummerweise ist ihm eine bereits aufgepickte runtergefallen… genau in eine Pfütze, wie diese hier… der Saft hatte sich ähnlich verhalten…“
Jikken blickte wieder zu Takashi auf und lächelte erneut. Doch dies wich sogleich einem Augenrollen.
„Du darfst auch nicht vergessen, in jeder Kirsche steckt ein Stein…“
Satori grinste fröhlich vor sich hin. Dazu musste Jikken einfach etwas sagen, auch wenn er es relativ leise und unverständlich brabbelte…
„Du und deine Steine…“
Oder hätte Takashi doch nicht einfach weiter gehen sollen? Eigentlich wollte er ja seine Ruhe vor allem und jedem haben. Jetzt schien es so, als würde er sich in ein neues Gespräch verwickeln. Ob er das noch später bereuen würde? Leise seufzte er. Man konnte ja jetzt nicht so einfach wieder abhauen. Einen Moment zögerte der Schwarze noch. Die Substanz, die irgendwie ungesund schien und sich mit dem Regenwasser der Pfütze ausbreitete, beunruhigte ihn etwas. Was würde denn geschehen, wenn das Bisschen bis in den See kommen würde und sich da vermehrte? Takashi verwarf einfach diesen Gedanken, weil er ja schließlich gar nicht wusste, was das da wirklich war. Schließlich musste es ja nichts schlimmes sein. Nachher machte er sich noch viel aufgebrachter und durcheinander, als er jetzt schon war. Es wäre wohl wirklich besser für ihn, wenn er erst einmal zur Ruhe kommen würde. Für einen Moment schwieg der Rüde noch und versuchte, alle negativen Gedanken bei Seite zu räumen.
“Es ist etwas passiert, was wohl keiner gewollt hätte. Zudem ist das Wetter auch noch so mies, wie schon lange nicht mehr.“
Irgendwie klang er bedrückt, obwohl er das alles am Liebsten unterdrückt hätte. Takashi stand hier einem Fremden Rüden gegenüber. Was würde dieser wohl über die schlechte Stimmung denken? Ging die Sache mit Urion den Fremden überhaupt etwas an? Jetzt hatte der Rüde indirekt ein schlechtes Geschehnis angesprochen, wofür sich der Weiße garantiert interessieren würde. Wer würde ein nur halb angesprochenes Thema denn schon nicht weiter erfragen? Inwiefern gehörte er überhaupt zum Rudel? Denn Takashi konnte sich nicht daran erinnern, ihn hier jemals gesehen zu haben. Oder vielleicht doch? Er wusste nicht genau, da er dem Rüden vor sich nicht einmal einen Namen zuordnen konnte. Vielleicht war er auch einfach nur viel zu durcheinander im Kopf gewesen. Was redete er denn da auf einmal von Kirschen? Irgendwie klang dieser Satz so, als wäre er nicht an Takashi gerichtet gewesen. So hob er den Kopf etwas und sah sich um. Jedoch konnte der schwarze Rüde hier niemand anderes entdecken. Also musste er wohl doch gemeint gewesen sein. Ein wenig verwirrt sah Takashi den weißen Rüden, der sich als Jikken vorgestellt hatte, an. Wie kam er denn da so plötzlich drauf? Etwas unbeholfen setzte er sich auf den schlammigen Boden. Seine Beine hatten schon fast die ganze Zeit lang gezittert und konnten den schweren Wolf nun nicht mehr tragen. Zurück zu den Kirschen. Auch Takashi mochte sie. Denn er war nicht mehr das Fleisch fressende Monster, was sich ausschließlich nur von Fleisch ernährte. Und auch diese kleinen nervigen Steine in jeder Kirsche kannte er auch. Als er damals seine allererste Kirsche gefressen hatte, hatte er sich fast an diesem kleinen Steinchen einen Zahn abgebrochen! Er hatte so kräftig auf die rote kleine Frucht gebissen, dass nur noch ein sehr unangenehmes Knirschen zu hören gewesen war.
.oO(Hätte ich denn nicht was dagegen tun können? Irgendwas? Immer passiert irgendwas durch die Dummheit anderer…und dieses Mal war ich der Dumme! Wenn ich mal reagier hätte, wäre hier jetzt nicht alles so beschissen! Wie konnte ich nur so verdammt dämlich sein? Sonst bin ich doch auch nicht so eine faule Sau und bin die ganze Zeit wie ein irrer unterwegs. Nur ausgerechnet in dem einen Moment nicht, wo etwas passiert ist, wo meine Hilfe benötigt wurde!)
“Und…was tust du hier so?“
Fragte Takashi leise, während er eine Pfote hob und sie für einen Moment betrachtete. Kurz hatte er wieder an die Sache mit Urion denken müssen. Noch lange würde sie ihm nicht aus dem Kopf gehen. Seine Pfote war wieder so schmutzig gewesen, dass er nichts erkennen konnte. In dieser unreinen Pfütze wollte er seine Pfoten aber auf gar keinen Fall reinigen. Wegen dem vielen Schmutz und Matsch brannten die kleinen Wunden entsetzlich. Sein Fell war zudem dreckig und nass. Da konnte man jetzt wohl gar nichts machen. Außer, man befand sich in der Nähe eines Sees, was jetzt aber nicht der Fall war. Außerdem hatte Takashi jetzt gar keine Lust, den langen Weg zum See einzuschlagen. Jetzt, wo er gerade ein bisschen Ruhe hatte, wollte er nicht schon wieder aufspringen und etwas anderes unternehmen.
Das mit dem „keine Mutter, aber eine Mama“ hatte er noch nicht so verstanden. Chardím würde sich das später noch mal von Nerúi erklären lassen, oder aber er ging gleich zu seinem Papa, der dieses fachmännische Wissen ja verteilt hatte. Jetzt erst einmal ging es um Mission Shani. Doch da ertönte ein Heulen, welches ihre Mission augenblicklich zerschlug. Oder zumindest in den Hintergrund stellte. Es klang noch viel freudloser, als traurig und es ging um Oma Banshee.
Da wurde er aber schon wieder gepackt und Chardím wirbelte zu Nerúi herum. Doch die redete einfach, zog unangenehm an seiner Rute herum und sauste dann davon. Der Schwarzweiße hob schon ganz automatisch eine Pfote, um ihr hinterher zu jagen, ließ sie dann aber langsam wieder sinken. Er starrte durch den Regen zu der Versammelung hinüber, registrierte ganz sensibel: dort würde die Sonne sicher nicht hinkommen. Höchstens die Finsternis. Irgend etwas in ihm wusste bereits, was passieren würde – der Welpe wusste es noch nicht. Aber noch viel weniger wussten es wohl Nerúi und sein Bruder, der in diesem Moment bei ihm abbremste und kläffte. Dieses Mal reagierte Chardím sofort und zog den Kopf zurück, als nach ihm gepatscht wurde. Er wollte jetzt nicht begrabbelt werden, aber als er dann doch noch in die Seite gebufft wurde, knurrte er Turién kurz und knapp an. Sein Silberbruder rannte hinter der Feuerschwester her und er, der Schwarzweiße setzte sich deutlich gemächlicher in Bewegung. Etwas sagte ihm, dass wildes, unbesorgtes Verhalten jetzt unangebracht war.
Schließlich blieb Chardím wieder neben Turién stehen und folgte seinem Blick zu Nerúi herab, die grade Brüderchen Chanuka über den Haufen gerannt hatte. Er schüttelte nur den Kopf, guckte dann zu dem großen, schwarzen Wolf hoch.
„Ich glaube, die Sonne finden wir Heute nicht. Und in der nächsten Zeit auch nicht.“
Seine Mama war auch da, er hatte sie erst gar nicht bemerkt.
Face Taihéiyo wandte den Kopf zur Seite, als ein kleines, schwarzes Fellbündel an seiner Seite auftauchte. Sein Blick traf in die bernsteinfarbenen Augen, die denen seiner Mutter so glichen. Face wusste, dass er Chanuka neben sich hatte, den Welpen, der – anders als seine Geschwister – von Banshee aufgenommen worden war. Das machte die Sache nicht unbedingt besser und es war nicht schön wieder einen so leeren Welpenblick zu sehen. Doch er hatte keine Zeit auf den Kleinen zu reagieren, da rannte etwas über Chanuka und in ihn hinein. Face erkannte Nyotas Tochter, die nun etwas unglücklich auf dem schwarzen Welpen lag und senkte ohne groß zu zögern den Kopf. Umsichtig packte er die kleine Welpin und half ihr dabei, wieder auf alle Viere und vor allem von Chanuka runter zu kommen. Die unheilvolle Stille war davon gezogen, auch Turién und Chardím trudelten bei ihm ein. Tyraleen hatte er an sich vorbei huschen sehen – alles trudelte zum großen Abschied ein. Die einen, die bereits begriffen hatten blieben stumm, die anderen – er hatte Zwei von der Sorte neben sich – würden es noch begreifen müssen. Es war traurig. Seine saphirblauen Augen richteten sich auf Chardím.
„Da hast du wohl Recht ...“,
antwortete der Tiefschwarze leise, verharrte noch ein paar Sekunden schweigend.
„Nun kommt.“
Er stupste auch Turién noch an, dann wandte er sich gänzlich zu Nyota und den anderen um. Zu seinem Patenkind aufschließend schenkte Face Tyraleen einen kurzen Blick, blieb sonst aber stumm. Worte waren jetzt überflüssig.
Ayv wartete noch auf Krolocks Antworten, als er in einiger Entfernung den Umriss eines Wolfes erkannte, der sich rasch näherte. Als dieser dann in seinem Rücken stehen blieb und sich hinsetzte, erwartete Ayv etwas anderes, als das, was er nun erleben würde. Langsam stand er auf und drehte sich um, um dem Wolf vor sich besser betrachten zu können. Er starrte diesen Wolf nur an. Er schien dunkles Fell zu haben, denn die Schattierungen waren dunkel. Nur eine einzige Stelle war heller. Ayv starrte diese eine Stelle wie verrückt an - bis sich plötzlich ein Muster daraus ergab.
Ayv zuckte enorm zusammen, als er dieses Muster erkannte. Konnte dass denn sein? War das wirklich möglich? Sollte seine Suche doch erfolgreich enden? Sollte das passieren? Wirklich? Seine Beine fingen an zu zittern. Er schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen. Endlich stand er wieder still da. Er atmete tief und ruhig und konnte seine Augen wieder öffnen. Der Wolf gab keinen Laut von sich. Ayv schüttelte sich kurz, schaute zu Krolock, dann zu den trauernden anderen Wölfen. Takashi war schon längst im Wald verschwunden und Polar war auch weg. Ayv seufzte kurz, dann wandte er sich wieder dem Wolf vor sich zu.
Wenn es wirklich er war, dann ... Ayv wusste es nicht. Er trat zwei Schritte auf ihn zu, blieb stehen. Schaute nochmal zu Krolock, dann entschloss er sich und trabte langsam auf den Wolf zu. Etliche Schritte vor ihm blieb er stehen und zögerte. Dann ließ auch er sich auf den Boden sinken und schaute den Wolf weiterhin an. Schließlich legte er sich hin und wartete.
Seine Wünsche waren erhört worden.
Tascani Amour schenkte der freundlichen Fähe ein deutlich selbstsichereres Lächeln als noch wenige Augenblicke zuvor und blickte in ihre eisblauen Augen.
Er war hocherfreut, nicht abgewiesen worden zu sein und machte einen Schritt auf sein Gegenüber zu. Der Rüde neigte seinen Kopf leicht zur Seite und blinzelte Kylia zu.
„Oh, du haben eine außerordentlich schöne Name! Fast so wunderhübsch wie das Leuchten von deine blaue Augen!“
Dieses Kompliment ließ er erstmal wirken, er verfeinerte es höchstens noch mit seinem charmanten Lächeln. Ihm war allerdings durch Kylias Frage bewusst geworden, dass er sich in dem Rudel noch nicht richtig vorgestellt hatte. Er hatte sich mehr oder weniger eingeschlichen. Er hatte sich dazugesetzt, nett gelächelt und war erst einmal nicht aufgefallen. (Er hatte auch kaum Konversation geführt.) Keiner grenzte ihn aus – keiner bezog ihn mit ein. Genau genommen hatte Tascani keinen blassen Schimmer von den Mitgliedern, den Besonderheiten und den Ängsten des Rudels.
„Ihr habt gestellt ein gute Frage … isch bin neu hier, oui, oui, aber isch bin noch nischt rischtig integriert in die Rudel, isch glaube. Wie soll isch drücken aus? Alle scheinen zu haben etwas anderes in ihre Kopf.“
Ob Kylia verstand, was er meinte? Wohl eher nicht. Aber Hauptsache, sie würde antworten und er durfte ihrer schönen Stimme lauschen.
Gedankenverloren ließ Chanuka den Blick schweifen und fühlte sich einfach nur Elend. Er wusste gar nicht, wohin mit seinen Gefühlen, seiner Angst und seinen Fragen. Die düstere Vorahnung, die in seinem Inneren wütete, ließ sich nicht durch seine eigene, gedankliche Stimme besänftigen, die ihn dazu aufrief, nicht so pessimistisch zu sein. Sie wollte ihm einreden, dass das Leben gar nicht so ungerecht sein konnte und er alles nur missverstand. Tief in seinem Herzen wusste er aber, dass er ab diesem Tag allein sein würde. Es war ihm gleich, welche Lösung die Erwachsenen dafür zu finden suchten, denn die Zuteilung einer neuen Bezugsperson würde nichts daran ändern. Ohne zu verstehen, was vor sich ging, spürte er einen elektrisierenden Schlag in die Seite, die ihn zu Boden riss und für einige Sekunde keinen vernünftigen Gedanken zuließ. Kurz trieb er in haltloser Leere, in der die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Dann rasten die Augenblicke nur so an ihm vorbei. Jemand war in ihn hineingerannt. Nerúi war gegen ihn geprallt und lag noch zur Hälfte auf ihm. Ein Problem, welches Face schließlich löste.
Erschöpft, als wäre er der gewesen, der um sein Leben gerannt war, richtete er sich wieder auf und spürte eine Mattheit, die er nicht kannte und nicht begriff. Er verstand die Welt nicht mehr. Nur kurz blickte er in die Augen der Welpin, die voller Energie und Freude angesprungen gekommen war. Chanuka wollte sie wütend anschreien und zurechtweisen, doch schließlich schwieg er verbittert, als ihm klar wurde, dass sie einfach nicht wusste, was passieren würde. Abgesehen davon war sie danach nicht allein. Was wusste sie schon? Nein. Er verbot sich das egoistische Aufbegehren in ihm. Er war nicht ärmer, als die anderen. Jeden würde der Tod anders treffen. Es lag nicht in seinem Verständnis zu beurteilen, wer am schlimmsten betroffen sein würde. Auch Liel hatte ihre Mutter verloren und musste nun stark sein. Bei ihm würde es sich nicht anders verhalten. Aussichtsloser Weise musste er damit leben, dass sie ihn verließ. Noch konnte er nicht mit Sicherheit sagen, was sich in ihm heranbahnte. Er wusste nicht, wie er reagieren würde und jeder Gedanke an das Leben, das vor ihm lag, war durchzogen vom Schmerz des Verlustes. Hoffnung gab es darin keine. Sein Vorstellungsvermögen reichte nicht aus, um sich auszumalen, dass der Schmerz eines Tages nachlassen würde. Was wusste ein Welpe schon von Abschieden? Von Ewigkeit und dem letzten Gang in eine andere Welt? Er wusste doch nur, was ihm erzählt worden war. Zuletzt von Isis, über die Waage und das Monster, dass die Seelen der Wölfe fraß.
Kopfschüttelnd versuchte er den Gedanken daran zu verdrängen. Banshee war eine sehr liebe Wölfin, ihre Seele würde nicht gefressen werden! Und wenn doch?
Er sah zu Turién, der Nerúi auslachte. Es gab nichts, was Chanuka darauf hätte erwidern wollen, also wandte er den Blick ab und realisierte seinen anderen Bruder, der wenigstens nachgedacht zu haben schien. Traurig sah er ihn an und folgte dann willenlos der Aufforderung von Face. Auch er hatte nicht das Gefühl, dass Worte an diesen Ort und in diesen Moment gehörten. Innerlich schrie er zwar, dennoch mit der Erkenntnis, dass alle Fragen, alle Anklagen und all die Angst nichts ändern würden. Es war, wie es war. Trostlos und kalt.
Tascanis recht eilige Verwandlung von eine tief betrübten Rempler, in einen selbstsicheren Charmeur ging Kylia zwar ein wenig schnell, aber natürlich fand sie es schön, Komplimente zu bekommen. Es waren auch noch Komplimente, die genau die Punkte trafen, die Kylia selbst an ihr gefielen. Sie liebte ihren Namen und ihre Augen leuchteten auch so stark, weil sie sich ihrer Wirkung bewusst war. So legte sich ein erfreutes Lächeln auf die Lefzen der Fähe, gleichzeitig hätte sich auch ein leichtes Rosa auf ihrer Haut erahnen lassen, wäre ihr Fell nicht dicht genug gewesen, um dieses zu verdecken.
“Danke. Es ist ein schönes Gefühl, ein Kompliment zu bekommen, wenn man sonst eher schief angesehen wird.“
Hubs. Da ging es wieder los, die eher weniger wahren Worte hatten sich eingeschlichen. Amiyo hatte für sie stets die Wolken vom Himmel gelobt und sie war eine Freundin der Leitwölfin Nyota, sogar die Patentante ihrer Tochter. Zu sagen, dass man schief angesehen wurde, war da wohl eher fehl am platze, aber nun war es zu spät. Ihr Gesichtsausdruck war auch schon passend dazu betroffen geworden. Bereitwillig ließ er sich auch wieder von den Worten des Rüden umformen, der in seiner seltsamen Sprache sagen wollte, dass er sich wohl noch nicht wirklich eingegliedert hatte. Um ein wenig von ihren vorherigen Worten abzulenken, nickte Kylia eifrig und noch immer recht betroffen.
“Ja, momentan ist es wirklich schrecklich. Es passiert so viel und niemand hat Zeit für den anderen. Dabei sind die meisten Ereignisse sehr traurig, trotzdem steht man sich kaum bei.“
Zumindest hatte sie so das Gefühl. Dass Amiyo verschwunden war schien niemand sonst bemerkt zu haben und wie ihr es dabei erging, interessierte auch keinen. Kylia war deswegen vielleicht ein wenig verstimmt, aber sie hatte ja auch nicht viele Freunde im Rudel. Da war es kein Wunder.
Der Verstand hatte ausgesetzt, die Vernunft war davon gelaufen und hatte Liel in einem heillosen Durcheinander hinterlassen. Sie hatte sich von dem ganzen Geschehen komplett gelöst, es war, als ob einzig ihr Körper noch unter den anderen anwesenden Wölfen weilte. Ihre Seele, ihr Geist, war davon geflogen auf der Suche nach einem friedvollen Ort. Sie konnte es nicht ertragen, wie die Rüden sich gegenseitig mit Worten attackierten, sie wollte um ihren Vater trauern, so wie sie um ihre Mutter nicht hatte trauern können und diese anderen Wölfe waren so voller Aggressionen, dass sie vollkommen zu vergessen schienen, dass hier ein toter Wolf lag. Sie stritten und keiften sich über den toten Körper hinüber an, beschuldigten sich gegenseitig ihm nicht beigestanden zu haben, ihn getötet zu haben, dabei hatte sie selber doch eben noch klar und deutlich gesagt, wie Urion gestorben war. Hatte ihr denn niemand zugehört?
Ihr Unterbewusstsein nahm alle Bewegungen, alle Worte auf, speicherte sie ab, später würde sie sich mit ihnen beschäftigen können. Jetzt war sie nicht fähig Krolock davon abzuhalten, sich in seinem Vater zu verbeißen, sie konnte Ayv nicht sagen, dass ihre Mutter ebenfalls blind gewesen war und nicht lange so hilflos wie er, auch wenn er nun eine Verletzung am Bein hatte. Wie sehr hatte ihre Mutter sich doch gequält, wie viele Verletzungen hatte sie gehabt und trotzdem war sie weitergegangen, war sie ihre Weg gegangen und hatte dabei alle beschützt und behütet die diesen Schutz benötigten. Sie blendete die bösen Wörter aus, versank in ihrer eigenen Welt, baute sich ihr heiles zu Hause auf und bemerkte so auch kaum, wie Jumaana und Shani zu ihnen stießen. Sie bemerkte nicht, wie Krolock durch ihre sanften Berührungen ein wenig ruhiger wurde und auch nicht, wie ihr Fell ebenfalls liebkost wurde. Ein wenig wurde sie aus ihrer Abwesenheit gerissen, als sie sich alle zum Fluss begaben, die vier Erwachsenen mühten sich ab, Urion zum Fluss zu tragen, er war ein kräftiger Wolf, auch noch nach seinem Tod, und als sie angekommen waren und ihn in das Wasser gleiten ließen, verabschiedete sie sich ohne Worte von ihm. Cirádan war nicht mehr aufgetaucht, wo er wohl stecken mochte? Sie nahm die Worte Krolocks wahr, er wollte sie beschützen. Wie sollte er dies tun, wenn er doch genauso alt war wie sie selbst? Er war nicht stärker als sie, auch wenn er ein Rüde war. Und auch wenn er, wie sie tief in sich wusste, das geerbt hatte, was an ihrem Vater gehaftet hatte. Auch wenn sie keine Worte dafür hatte, nicht wusste wie dieses etwas hieß, wusste sie, dass es etwas Schädliches war, etwas schlechtes, was Krolock dann und wann in seine Fänge riss.
Langsam schien sie zu sich zurück zu kehren, sie spürte die Feuchtigkeit, die von dem Regen herrührte, in ihrem Fell, sie spürte den kühlen Luftzug der sie frösteln ließ und bemerkte die immer noch angespannte und aggressive Atmosphäre um sie herum. Ihre Ohren zuckten und begannen sich zu drehen, ganz langsam. Das Leben rauschte an ihr vorbei, die Geräusche vermischten sich und wurden zu einem Brausen. Warum hätte sie nicht noch länger weg bleiben können? Es war ein schönes Gefühl gewesen, alleine und doch umgeben von Wölfen. Doch nun war sie wieder hier, sie wusste instinktiv, dass sie nicht wieder in ihre eigene Welt flüchten konnte, wusste, dass es nicht gut für sie wäre. Sie musste sich ihrem Leben stellen und es nehmen wie es kam, sie musste das Bestmögliche daraus machen und versuchen, wie ihre Mutter, alle zu behüten und zu beschützen. Sie musste und wollte Freude verbreiten, auch in einer so trostlosen und auswegslosen Situation wie der Konfrontation mit dem Tod. Sie blickte zu Ayv, der andere Rüde hatte ihn mittlerweile verlassen, dafür war Shákru Minor, der lange Zeit nicht im Rudel geweilt hatte, plötzlich zu ihnen gekommen. Die beiden schienen sich irgendwie zu kennen, das verwirrte sie ein wenig. igentlich wollte sie die beiden nicht stören, aber es gab noch etwas Wichtiges zu sagen. Sie hob ihren Kopf, machte einen, zwei Schritte auf die Beiden zu und fing dann leise, aber doch mit einer kräftigen Stimme an zu sprechen.
„Ayv, du sagtest du könntest nicht fort, da du blind bist. Das stimmt nicht, nicht nur, dass du dein ganzes Leben lang, sobald du alleine warst, weiter gekommen bist. Auch meine Mutter war blind, auch sie hatte viele Schmerzen und ist trotzdem immer weiter gegangen. Stell dich nicht leidender dar, als du bist. Damit erntest du kein Mitgefühl, sondern nur Unglauben. Niemand wird bei dir verweilen wollen, alle werden dich verlassen und wenn du dann wirklich alleine bist, dann wird es dir so schlecht gehen, dass du nichts mehr machen kannst. Aber dann ist es zu spät. Weil dir dann niemand mehr glaubt…“
Sie blickte ihn an, mit unschuldigen, großen Augen. Ihre Worte hatten nicht böse geklungen, nur bestimmt. Sie wollte ihm nicht zu nahe treten, wollte ihn nicht verletzen. Sie wollte nur ihre Gedanken loswerden, es war kein Angriff von ihrer Seite aus. Sie hoffte er würde es, er würde sie, verstehen. Sie nickte ihm noch leicht zu, ohne jegliches Lächeln auf den Lefzen und drehte sich dann um, wand sich Krolock zu, der etwas abseits von Shani und Jumaana stand. Sie trat zu ihm, dicht neben ihn und berührte in mit ihrer Schnauze sanft im Nacken. Sie fühlte seine Wut, die Wut des komischen Dings in ihm. Es schmerzte in ihrem kleinen Welpenherz, dass ihr Bruder eine so schwere Bürde zu tragen hatte.
„Bruderherz. Was auch immer du mit dir herumträgst, vergiss nicht, dass ich dir immer tragen helfen werde, wenn die Last für dich zu groß wird!“
Sie strich sanft durch sein plüschiges Welpenfell. Es fühlte sich genauso feucht und klamm an, wie das ihre und trotzdem fühlte es sich gut an. In Gedanken war sie eine erwachsene Fähe, die sich um kleine Welpen kümmerte. Sie Lächelte innerlich, es war ein schöner Gedanke, es war ein schönes Gefühl sich um jemanden zu kümmern. So wie sie es eben gerade mit ihrem Bruder tat. Es war genauso schön, wie wenn sich jemand um sie kümmerte. Da fiel ihr Shani ein, Shani war zu ihnen gekommen, hatte wohl ihren Ruf gehört, und war für die beiden kleinen Welpen, die eigentlich zu dritt sein sollten, da gewesen. Auch ihr gebührten einige freundliche Worte. Obwohl sie die Fähe kaum kannte, fühlte sie sich ein wenig zu ihr gezogen. Vielleicht einfach nur, weil sie wusste, dass diese weiße Fähe ebenfalls Verluste erlitten hatte, weil diese Fähe schon mal Mutter gewesen war. Langsam trabte sie auf Shani und Jumaana zu, mit einem Abstand von zwei ihrer Schritte blieb sie vor den beiden stehen, Jumaana streifte der Blick kurz, bei Shani blieb er stehen und ein winziges Lächeln breitete sich auf ihren Lefzen aus. Der Anfang eines sonnigen Tages.
„Ich danke dir, Shani.“
Wenige Worte, viel Inhalt. Sie überbrückte die kleine Distanz zwischen ihnen und vergrub sich zwischen ihren Vorderpfoten. All die Kraft, all die Stärke versank in der Trauer, alles was sie sich aufgebaut hatte, stürzte einfach so über ihr zusammen und sie hatte das Bedürfnis den Trümmern auszuweichen, was jedoch ein unmögliches Unterfangen war.
Die Sonne wurde von den Wolken verdrängt und würde hart kämpfen müssen um wieder zum Vorschein zu kommen. Wie es wohl Chanuka ging?
Trotz des Gewitters, was sich über ihrem Tal entlud, fand die eine Fliege gefallen daran Liam immer und immer wieder um den Kopf zu summen. Schließlich lag er hier unter dem Baum noch recht trocken, das dichte Blätterwerk beschützte ihn vor den Wasserfällen und somit auch die nervige Fliege. Eine Zeit lang hatte Liam versucht sich auf das Gewitter zu konzentrieren, er war den Blitzen mit den Augen gefolgt und hatte von ihrer unendlichen Kraft und ihrer Weite geschmeckt. Er hatte den Donner in seinem Herzen gespürt und mit ihm zusammen gehämmert. Er hatte den einzelnen Tropfen zugeschaut und versucht zu ergründen, welch weite Strecke sie schon zurückgelegt haben.
Doch irgendwann war auch ihm, dem ruhigen und lustigen Wolf der Geduldsfaden gerissen. Diese Fliege hatte schon seid Stunden ihren Spaß daran ihm um den Kopf zu schwirren, sich in seinen Ohren niederzulassen und beim starten einen fürchterlichen Lärm zu verursachen. Und obwohl Liam der ganzen Situation noch eine gewisse Komik abgewinnen konnte, hatte er keine Lust mehr noch weitere Stunden mit dieser Fliege unter dem Baum zu verbringen. Er entschied sich dafür, sie einfach zu verjagen und stemmte seinen Körper mit Hilfe der Vorderpfoten in eine aufrecht sitzende Position. Dann lauschte er auf das Flügelrauschen der Fliege und als sie direkt vor seiner Schnauze flog, er musste mächtig schielen, damit er sich sicher sein konnte, schnappte er flink nach ihr. Schon als Welpe hatte er mit den kleinen Fliegeviechern gespielt und so hatte er seine Schnelligkeit und Geschicklichkeit gut geschult, doch diese Fliege schien dieses Spiel schon seid Jahren zu spielen. Geschickt flog sie einen Bogen, nur, um erneut um ihn herum zu fliegen. Wäre sie nicht so klein gewesen, hätte Liam gesagt, dass sie grinste und sich köstlich über ihn amüsierte. Ein paar mal versuchte er noch nach ihr zu schnappen und sie zu erhaschen, doch er musste sich eingestehen, dass er es hier mit einer recht intelligenten Fliege zu tun hatte und so gab er nach einiger Zeit auf.
Er hob den Blick und ignorierte die Fliege für einige kurze Sekunden. Er versuchte durch die aufkommende Dunkelheit, die immer wiederkehrenden Blitze und den Regen, irgendeinen Wolf auszumachen, zu dem er sich gesellen könnte. Das ganze gestaltete sich als sehr schwierig und langsam keimte in Liam der Verdacht auf, dass sich heute alles gegen ihn verschworen hatte. Atalya konnte er nirgendwo ausmachen und auch Kandschur schien wie vom Erdboden verschluckt. Was man nicht zu wörtlich nehmen sollte, denn durch das Nichts konnte dies schneller eintreten als man gucken konnte und Liam wollte Kandschur nicht jetzt schon verlieren.
Sowieso schlug ihm die Stimmung im Tal auch so langsam auf das Gemüt. Er war noch immer freudig, jedoch nicht mehr fröhlich. Er war ein wenig nachdenklicher und vorsichtiger geworden. Der Tod der so überdeutlich über dem Revier schwebte, drückte die Laune aller anwesenden Wölfe immer weiter in den Schlamm. Er wusste, dass seine Alphafähe Banshee bald gehen würde. Die Betafähe war bereits gegangen und wenn er den Ruf der kleinen Liel und der damit Verbundene Geruch richtig gedeutet hatte, war auch Kaedes Gefährte, Urion aus dem Leben geschieden. Er schüttelte sich, die Fliege hatte sich erneut in seinem Ohr niedergelassen. Ein letzter Blick hinauf zu dem Baum, der ihn so lange geschützt hatte, dann trabte er in den Regen hinaus und befand sich unter dem Gewitter, was immer weiter wütete. Er wusste nicht genau wohin ihn seine Pfoten tragen würden, war sich aber sicher, dass das Ziel ihm gefallen würde. Und als ob er doch gewusst hätte, wo Kandschur sich befindet, landete er genau bei ihm.
So ganz konnte er den Gemütszustand seines Geliebten nicht ergründen. Was er aber sah war, dass es bei Kandschur ebenfalls trocken war und anscheinend war weit und breit keine Fliege die ihn und Kandschur nun stören könnte. Was ein Glück, anscheinend war ihm doch etwas gegönnt. Er grinste leicht über seine komischen Gedanken und lächelte Kandschur dann voller Zärtlichkeit und Liebe zu. Er legte sich geschwind neben ihn, ließ jedoch ein wenig Platz, damit sein nasser Pelz ihn nicht belästigen konnte.
„Liebster. Habe ich dich doch gefunden! Ist bei dir alles gut? Genießt du das Gewitter so gut es in der drückenden Atmosphäre hier geht?“
Das leise, ehrliche Lächeln wurde breiter und endete in einem maskenhaften Grinsen. Das vernarbte Gesicht wirkte mit diesem nur noch entstellter und hässlicher, wenn gleich die einladende Aura bestehen blieb. Der Tod verlockte, wusste sich seiner Beute zu bedienen. Und auch in diesen dunklen Stunden war es an ihm, der weder jeder Naturgesetze reagierte. Vielleicht war es gerade jetzt der Moment, wo sich sein wahres Gesicht zeigte. Ein Rüde ohne Herz.
Vielleicht hatte der schwarze Sohn etwas Anderes erwartet, hatte vielleicht gehofft, dass auch Acollon sich eines Tages ändern würde – Reue und Liebe zeigen könnte. Aber es war nicht so einfach, vielleicht auch einfach nur nicht sichtbar. Der Hüne hatte die Einsamkeit bevorzugt, obwohl es immer etwas gab, dass ihm sagte, er müsse wieder umkehren und nach Hause laufen. Ein zu Hause? Das er nicht lachte. Wo konnte seine Mord gierige Art schon eine Heimat finden? In der Gnade und dem Verständnis seiner Familie? Dann wäre er nicht der Sohn des Todes gewesen, nicht der schwarze Rüde ohne Herz.
Der Kopf neigte sich leicht zur Seite, die grauen, kalten Augen in die Ferne gerichtet. Die Pranken gruben sich weiter und den nassen Boden. Der Regen peitschte um die dunklen Gestalten herum und ein triumphierendes Knurren klang aus seinem Inneren. Der Todesgott freute sich der folgenden Angelegenheiten.
“Oh, das Vergnügen liegt auf meiner Seite“,
zischte er. Wieder Worte, die weder mit Wahrheit noch mit Lüge behaftet waren. Es klang wie sein ehrliches Wesen, und doch konnte man die Satire spüren. Das Wasser tropfte grob von dem langen, schmalen Fang hinab.
Und Du glaubst nicht, wie Alles in mir sich danach sehnte.
So würde Averic seinen verhassten Vater auf dem letzten Weg zum Grabe geleiten. Eine gute Wahl der Gesellschaft. Zwar konnte er damit nicht jeder Altlast entsagen, aber zumindest ein guter Anfang... vom Ende. Und obwohl der Sohn es nicht zeigte, wusste er instinktiv, dass er schon jetzt trauerte. Um seine Mutter, vielleicht auch um seinen Vater.
“Nicht, dass sie vor Ungeduld noch umkommt“,
lachte er und machte zwei Schritte in Richtung Sterbezeremonie. Wie absurd es doch manchmal lief. So fühlte sich Acollon dem Tode noch nicht allzu verbunden und dennoch würde er an diesem Tage sterben, um bei seiner Banshee sein zu können, um sein Versprechen einzuhalten und um vielleicht sein wahres Glück zu finden.
“Würdest Du mir ein wenig von Deinen Geschwistern erzählen, während wir auf dem Weg zur Schlachtbank sind?“,
honigsüß seine Stimme.
Rakshee war einfach immer weiter gelaufen. Ihr ursprüngliches Ziel, den Rudelplatz, hatte sie umgangen - irgendwann war Face's dunkler Pelz zwischen den Bäumen aufgetaucht, und sogleich hatte Rakshee ihren Kurs abgeändert. Selbst die junge Wölfin hatte inzwischen zu verstehen geglaubt, wozu sie gerufen wurde, und sie wollte dem Ruf nicht folgen. Noch nicht. Sie war noch nicht bereit dazu.
Der Regen troff in das braune Fell, und Rakshee schloß die Augen. Sie lief einfach weiter, achtete nicht mehr auf den Weg, und rief nach ihrer Göttin. Ihre Schritte schienen den Boden zu verlassen, sie durch die regenschwere Luft hinaufzutragen, immer weiter hinauf, bis sich wie von selbst Schwingen aus Wolkenstoff und Federn an ihrem Rücken zusammenzufügen schienen. Rakshee erreichte das Wolkenland, in dem sie die Göttin für gewöhnlich antraf - es wirkte so matt, so farblos auf sie, wie nie zuvor - Sekunden schienen zu vergehen, als diese ganze Welt plötzlich aufleuchtete, das Wolkenweiß auf einmal wieder rein, der Himmel rings herum wieder balu schien - und sich nach ein paar Herzschlägen wieder verdunkelte. Die Welt schien in regelmäßigem Takt zu flackern.
Bei jedem aufglühen spürte Rakshee Engaya deutlicher - aber wohin sie auch blickte, entdecken konnte sie die Göttin nicht. Weder neben sich, wo sie meist mit ihr flog, noch unter, über, vor oder hinter ihr...auch zog ihr Gefühl sie in keine dieser Seiten...vielmehr schien die Göttin...in ihr zu sein. Ein Umstand, der an sich gar nicht mal so seltsam erschien, in den Augen der Priesterin - erst Recht, als sie bemerkte dass auch sie selbst von diesem Flackern betroffen war, und mal aufleuchtete, und dann wieder matt erschien...Rakshee runzelte sacht die Stirn, während sie sich immer weiter dem Wolkenrand näherte - hinter dem das Licht strahlend blieb, auch wenn die Welt davor dunkel wurde. Flügelschlag um Flügelschlag näherte sie sich, und tauchte schließlich in das gleißende Licht. Einen Moment lang erfüllte sie Seligkeit, dann schlug sie ihre Augen auf, und blieb stehen. Um sie herum verblasste die Welt ein letztes Mal, und jetzt erkannte sie auch das Flackern - Herzschläge ...
Rakshee wand den Kopf, sah hinter sich den Regen - sie war an einem ganz anderen Ort als vorhin - Engaya musste ihre Pfoten geführt haben. Als die Braune den Kopf wieder nach vorne drehte, stand sie einem schwarzen Rüden gegenüber, dessen blaue Augen sie für lange Sekunden gefangen zu halten schienen. Ein Gefühl, wie in einen See zu tauchen, unter Wasser zu geraten und wieder daraus hervorzubrechen umhüllte sie, und schließlich brachte sie es fertig ihren Blick für einen Moment von ihm zu lösen.
"Ähm...sei gegrüßt. Ich bin Rakshee"
Es hätte so viel mehr zu sagen gegeben, aber der Braunen waren nun alle Worte genommen...
«One time I felt so free, one time I cried. I still need you, Takashi.»
Jumaana war still. Sie stand neben Shani, ihrer Freundin und der Welpin Liel, die sich zwischen Shanis Pfoten vergraben hatte. Ins Nichts starrend bemerkte die junge Polarwölfin gar nicht, wer kam und ging; sie sah nicht Takashi, der Urions Leichnam wegzehrte und sie sah nicht die Welpen, die so unendlich traurig schienen. Es war noch seltsamer, dass beinahe Aarinath beinahe die ganze Zeit schwieg. Nur hin und wieder hatte sie traurig geseufzt – oder vielleicht auch vor Langeweile?? – aber gesprochen hatte sie nicht. Nicht einmal gedacht. Jumaana fühlte sich ohne Feenkinds Worte leer und unnütz, sie hatte diesen anderen Teil ihrer Seele schon längst akzeptiert und wusste nicht, ob sie ohne ihn überhaupt noch leben konnte. Doch Aarinath war schon tot, also gab es keinen Grund, aus Jumaanas Seele zu verschwinden. Sie war schließlich Jumaana. Ein bisschen zumindest.
So saß die Weiße da und schwieg, während Liel redete. Und irgendwer kam. Jemand, den die Wölfin nie gesehen hatte und vielleicht auch nie wieder sehen würde. Stumm erhob sie sich. Keiner beachtete sie wirklich, alle waren auf Liel konzentriert. Jumaana war es recht. Aarinath meldete sich auch jetzt noch nicht zu Wort. Ihr Schweigen zerstörte etwas in Jumaana. Auf leisen Pfoten schlich sie von Urions Todesort im Wald zum verlassenen Rudelplatz, wo nur noch einzelne Wölfe in Gruppen zusammenstanden und redeten. Die, die nicht bei Liel waren und die, die nicht zu Banshees Familie gehörten. Ihr Weg führte Jumaana am Ufer des Sternensees entlang. Der Himmel weinte noch immer stumme Tränen und auch die seetanggrünen Augen der Fähe schimmerten. An der Stelle, wo sie Takashi nach seiner Rückkehr getroffen hatte blieb sie stehen und sank auf den Boden. Ihren Kopf bettete sie auf ihren Pfoten; genoss den kurzen Augenblick und ließ das Treffen Revue passieren. Es war überwältigend gewesen – doch Jumaanas Erinnerungen daran waren nur verschleiert in den Momenten des Glücks.
Kurz darauf stand die weiße Wölfin wieder auf und ging weiter. Ihr Weg war noch lang und würde immer lang bleiben. Sie würde dahin zurückkehren, wo sie hergekommen war; wo ihr Leben begonnen hatte – dort sollte es auch enden. Feenkind schwieg, als Jumaana die Grenze zum Tal der Sternenwinde überschritt. Sie war kein Teil des Rudels mehr; sie war gegangen, ohne sich zu verabschieden. Wie Takashi.
Wie lang wartete er? Die Zeit schien unnatürlich langsam zu vergehen, vielleicht auch unnatürlich schnell und Garrett empfand es falsch. Das Rudel jedoch, ließ sich in den ersten Momenten seines Rufes nicht blicken. Kein Wolf, eigentlich überhaupt kein Lebewesen schien sich hierher, in seine Nähe, verirren zu wollen, auch wenn Garrett kein Wolf war, der dies auf sich bezogen hätte. Es lang wohl eher an dieser unnatürlichen Triste, die sich über alles gesenkt hatte, die hier in diesem Land zu herrschen schien und die er, mit seinem jungen Alter, wohl nicht begriff. Trotzdem verharrte der junge Rüde, verharrte weil er sich nicht anders zu helfen wusste, weil er zu stolz war wieder abzuhauen, jedoch auch nicht dreist genug um einfach in ein fremdes Revier einzudringen. Es würde die Ehre seiner Familie beschmutzen, selbst jetzt noch, wo kaum mehr einer von ihr übrig war. Doch so war es und so würde es immer sein. Und er, er war nicht anders. Müde lehnte er den Kopf etwas zur Seite, ließ den Blick über Halm und Strauch, über Baum und Blatt streifen. Lag es an ihm oder warum konnte ihm dieser Ort keinen Trost spenden? Nicht das er welchen suchte. Aber dieses Land schien gerade zu dazu einzuladen trist zu sein… oder bildete er sich das nur ein?
“ Kse, nachher siehst du noch weiße Mäuse, bleib locker und entspann dich Gary, es wird dich schon einer holen kommen. Und wenn nicht wirst du es auch noch merken.”
Selbstgespräche waren eigentlich nicht so sein Ding, aber was sollte es, besser als sich zu langweilen. Von Ruhe, Gelassenheit und Langeweile hatte er um ganz ehrlich zu sein wirklich genug. Und endlich, es schien eine Ewigkeit (zumindest in seiner Zeitrechnung gesehen) vergangen zu sein, hörte er Bewegungen, Schritte in seiner Umgebung. Schritte, die sich zu einem Schemen im Unterholz formten und schließlich in Gestalt einer jungen, braunen Fähe vor ihm verblassten. Neugierung und gleichsam vorsichtig hob er den Kopf etwas an, betrachtete die Fremde aufmerksam, fast schon darauf wartend das sie eine Bewegung machte um ihn zu verscheuchen. Doch wieder der Erwartung betrachtete sie den Schwarzen eher fasziniert, fast erstaunt. Es sah eigentlich nicht so aus, als ob sie freiwillig und in dem Gedanken ihn zu begrüßen oder zu verscheuchen hierher gekommen. Ihr Blick ließ eindeutig andere Schlüsse schließen.
“Ähm…”
Verwirrt lehnte der schwarze Jüngling den Kopf etwas zur Seite und Blickte die Braune nun schon etwas gefasster an. Wenngleich auch etwas überrumpelt. Er hatte eindeutig mit allem Anderen gerechnet.
“ Hi. Man nennt mich Garrett. Du… du siehst nicht gerade so aus, als ob du meinem Ruf gefolgt bist, weißt du?”
Über sich selbst belustigt wandte er den Kopf etwas ab und schüttelte, den Fang zum Bode geneigt leicht den Kopf. Schließlich blickte er die Braune, aus den blauen Seelenspiegeln heraus erneut an.
“Ich bin als Fremder an eure Reviergrenze geraten. Eigentlich müsstest du mich doch jetzt verjagen, oder Willkommen heißen… oder irgend so was. Oder lieg ich da falsch?”
Erneut musste der Rüde grinsen. Er kam sich selbst so bescheuert vor, doch irgendwie hoffte er auch, seine eigene Unruhe ein wenig zu untergraben. Und tatsächlich half es ihm ein wenig ruhiger zu werden. Der Schwarze atmete noch einmal etwas tiefer durch, ehe er erneut den Kopf schüttelte.
“ Entschuldige. Ich bin das erste Mal allein unterwegs und in so einer Situation. Das macht mich ein bisschen nervös. Eigentlich rede ich nicht so wirr… und wie ein Wasserfall.”
Rakshee lächelte, als sie seine Stimme hörte. Der Rüde schien nicht viel älter als sie selbst - wie also war er hier her gekommen? Die Braune hob den Blick, sah in seine Augen, und tauchte wieder in sie ein, wie in ein tiefes Wasser. Alles ringsherum schien dumpf zu werden, alle Farben verändert...ganz so als paddelte sie unter Wasser. Selbst ihre eigene Stimme klang anders. Dumpf und erhellt zugleich.
"Garrett, freut mich. Ähm, ich hab dich auch gar nicht rufen hören..."
Gab sie zu, ohne sich jedoch an einer Erklärung zu versuchen. Gefangen im See seiner Augen erinnerte die Braune sich an das Aufflackern ihrer Göttin, an das Flackern der Welt...an Banshee. Schon wollte sie ihn bitten ihr zu folgen, als der Rüde den Blick senkte. Sie tauchte auf. Als er das Wort erhob lauschte sie schier gebannt jedem Wort, und nahm seinen Blick sogleich wieder auf. Schhhhwapp. Rakshee begann zu lächeln, wiegte kurz überlegend den Kopf hin und her, und nickte dann.
"Also...wenn du meinst!"
Grinsend machte sie einen kurzen Satz auf ihn zu, spielerisch knurrend und mit hoch erhobener Rute. Ein paar Herzschläge lang verharrte sie so, bevor sie sich wieder aufrichtete.
"Oh, ich kann nicht entscheiden ob du bleiben kannst - meine Oma und und ihre Schwester sind unsere Anführer...du kommst zu keiner guten Zeit, aber ich kann dich zu unserem Rudelplatz bringen"
Überlegte sie, und hatte sich schon in Richtung Rudelplatz abgewandt, jeden Schritt von munterem Rutenwedeln begleitet. All das Schlimme was ihr bevorstand, schien unter Wasser stumm...und mit jedem Blick aus seinen Augen schien sie tiefer zu tauchen.
"Komm schon! Bestimmt ist Midnight da, vielleicht kann er das erstmal entscheiden? Weißt du, er ist mein Pate, zusammen mit Aszrem. Der ist ja vielleicht auch da"
Sie wusste nicht sicher wer von ihnen den Weg zu Banshee antreten würde - sie selbst jedenfalls war inzwischen frei dafür - wenngleich ihr Begleiter ihre Gedanken einfing wie der Wind die Blätter und sie um anderes kreisen lies als den Verlust ihrer Oma und Lehrmeisterin.
Das Herz schlug langsamer, der Atem wurde flacher, die Augen waren fast geschlossen. Nur der Regen drang als Geräusch an die empfindlichen Ohren. Ein Tag wie jeder Andere. Ein Tag ohne Bedeutung. Die Welt drehte sich weiter, die Zeit schlug unerbittlich. Kein Halt, keine Sekunde der Gnade, kein Augenblick der erfüllenden Stille. Sie waren alleine. Jeder von ihnen. Eine Gesellschaft bestand aus Wölfen, die allesamt einsam und allein waren. Alles war Lüge, Alles war nur eine Illusion. Keiner hatte Bedeutung für den Anderen, so sehr man es sich auch wünschte. Nur warum schmerzte ein Abschied nur so? Warum hatte man mit einem Mal das Gefühl wirklich einsam zu sein? Warum war das Gefühl der Ohnmacht so stark? Ganz einfach: es war die Steigerung von Einsamkeit. Dafür gab es kein Wort, aber ein Gefühl. Ein zerreißendes, ein forderndes. Eines war klar: Krolock durfte sich diesem Schmerz nicht hingeben, musste kämpfen, musste stark sein. Helden und mutige Wölfe besaßen keine Tränen.
Mit einem Kopfschütteln beantwortete er die Worte seiner Schwester. Nein, sie durfte mit dem unbändigen Hass nicht in Berührung kommen. Er musste sie beschützen, mit all seiner Kraft, mit all seinem Leben. Sie war es, der den Halt zu dieser Welt widerspiegelte, sie war der dünne Faden, der den schwarzen Welpen nicht losließ. Sie war es, für die Krolock stark und stolz sein wollte. Den blinden Rüden hatte er bereits in den Hintergrund verbannt. Es bedurfte keiner Worte mehr, keines Knurren. Er musste ihn ignorieren, der Zorn war zu groß. Viel zu groß für seinen schmächtigen Körper. Aber war das ein Grund aufzugeben? War das ein Grund sich in diesem Schmerz zurück zu ziehen und zu vergessen, wer und was man ist? Nein. NEIN!
“Nicht nötig, liebste Schwester! Ich bin ein Hüne, bin stark und mutig. Ich werde es schaffen, ich werde Dich beschützen und wenn es das Letzte ist, was ich tue – ich gebe Dir mein Versprechen“,
ein schemenhaftes Lächeln legte sich auf die schmalen Lefzen. Der Regen tropfte von seinem schmalen Fang hinab und vergoss sich im nassen Erdreich. Ein Maskenspieler, wie eh und je. Die Aura eines großen, schwarzen, ausgewachsenen Hünen, und doch nur ein Welpe, dessen Welt sich gerade verändert hat. Für Krolock durfte es damit nicht enden – ein schwerer Anfang. Ein Start in eine unbekannte Welt. Ohne Vater und ohne Mutter. Und doch: es gab Hoffnung. Liel hoffte, Ciradán hoffte. Also musste auch er für sich einen Neuanfang finden. Nicht aufgeben. Nichts und Niemand konnte Krolock, Sohn Kaedes und Urions, aufhalten. Keiner vermochte seine Kraft zu brechen, seinen Willen zu bezwingen. Er würde die Freiheit sein, er würde der Wildfang ohne Fesseln sein. Ja, so würde es sein, so musste es sein. Wunden heilten. Narben waren ein Zeichen von Härte und von Kraft. Man hatte eine schwere Prüfungen überstanden, gezeichnet mit Narben.
“Schwamm´ drüber“,
zischte er Ayv zu. Eine Lefze zog sich hoch. Ein hässliches, breites Grinsen. Leblos und kalt. Der Ausdruck hatte sich verloren. Auch nur eine Frage der Zeit. Schließlich wanderten die kalten, leeren Augen zu Shani, dann zu Jumaana, Ciradáns Patin. Mit einem sanften Kopfschütteln warf er die letzten Zweifel ab.
“Ich werde mich auf dem Weg zum See machen“, ein schelmisches Gesicht, “keine Sorge, ich werde mich schon nicht ertränken“,
er drehte sich um und trat langsam Richtung See. Ruhe.
Sie sah einige Pfoten auf sich zukommen. Zwei Wölfe waren zu erkennen, vielleicht würden ja mehr kommen. Sharus Körper reagierte darauf mit Zittern. Sie sah das Ästchen an, welches auf ihrem Kopf auflag und durch ein leichtes Schielen zu sehen war. Das zitterte mit. Sharu staunte kurz. Zitterte sie wirklich so stark oder hatte das Ästchen mehr Angst? Sie wollte ein paar Schritte zurück treten. Der erste Schritt war getan, jetzt mussten nur noch die anderen drei Pfötchen hinterher. Doch bevor Sharu sich überhaupt auf eine Flucht vorbereitet hatte, waren die zwei Erwachsenen schon angekommen. Dass da eine Fähe dabei war, beruhigte ungemein. Ihr Schluckauf war immernoch da. Verdammt. Die kleine Lunge zog sich erneut zusammen und stieß ein Hicksen aus. Beängstigt sah sie zwischen den Wölfen hin und her, wollte keinen wirklich lange aus den Augen lassen. Sie redeten. Mit ihr und miteinander. Sie schnippte mit dem linken Ohr das andere war angelegt, wieso wusste sie selbst nicht. Es war schon immer so gewesen. Sie versuchte, ihre Atmung zu beruhigen, holte tief Luft und behielt den Geruch des Sternenwindtals solange es ging in der kleinen Lunge, bis es mitsamt einem komischen Hicksen wieder entwich. Wieder schnippte ihr linkes Ohr und sie wurde ein wenig aufmerksamer. Die Fähe war kleiner und sie sah hoch. Fast wäre sie weggehoppst, als sie zwischen die Läufe der Braunen geschoben wurde. Doch sie blieb, sah hoch und schielte dann wieder zum Rüden.
Was sprach der da? Zu wem sollte sie gehören? Die Fähe war doch alleine, oder gab es da ein Rudel? Sharu sog erneut die Luft ein und erkannte, dass da eben doch mehr sein mussten! Sie sagte nichts, lauschte weiter den Stimmen der beiden. Osiris, Isis? Hießen die zwei so? Sharu zuckte kurz zusammen als sie die Schnauze der Fähe spürte, ob sie wohl merkte, dass Sharu zitterte?
Oh nein, das konnten sie ihr nicht antun! Der nächste Satz, den die Fähe von sich gab, war eine Frage. Sharu wimmerte leise. Wie sie hieß? Oh verflucht, sie konnte doch nicht reden! Sie konnte es einfach nicht! Doch sie versuchte es.
,,Sh.."
Ein lautes Hicksen drang aus ihrer Kehle und der Rest ihres Sprechversuches ging in einem Winseln unter. Sie musste es ihnen sagen, sonst würde sie einen neuen Namen bekommen! Sie wollte keinen neuen Namen, ihrer war doch schön. Sie würde ihn gerne selbst aussprechen, doch jedes Mal wenn die kleine Fähe ihren Fang öffnet um etwas zu sagen, überschlägt sich ihre Stimme, stolpert oder macht sonst irgendwelche Dummheiten. Bei dem Laut, den Sharu da gerade gesagt hatte, konnte sie ja noch nicht einmal hören, wie sich ihre Stimme anhört, war ja nur ein Geräusch! Etwas enttäuscht sah sie auf ihre Pfötchen, bis ihr einfiel, dass sie es der Fähe ins Ohr flüstern könnte.
Sie schlüpfte aus dem Zwischenraum, den die Läufe der Fähe ergaben und stützte ihre beiden Vorderpfoten an die Schulter der Sandfarbenen. Sharu streckte ihren kleinen Fang hoch und flüsterte, ja hauchte etwas tonlos ihren Namen in das Ohr.
,,Sharu Naím."
Ja, flüstern konnte sie, doch leider konnte man ihre Stimme da auch nicht hören. Sharu flüsterte selten, ihrer Stimme konnte man selbst in leisem Tonfall nicht hören. Sie setzte sich wieder auf ihren Platz zurück und presste die Lefzen aufeinander. Jetzt würde sie schweigen. Das wars. Sie hatte definitiv genug geredet, für ihr ganzes Leben lang!
Heeey, die Angst war ja weg! Für einen Moment glänzten die dunklen Augen Sharus und sie hielt einen Moment inne, um zu spüren ob sie noch zitterte. Ein wenig bibberte sie noch.
Sharu sah den Rüden an. Katsumi. Dann sah sie wieder zu der Fähe. Isis. War nett, dass sich die beiden vorstellten.
Mit einem neugierigen, aber immernoch Ängstlichen Blick hörte sie weiter zu. Nyota? Wer oder was war das? Nun, wenn sie später wenn 'das' vorbei war, würde sie ja eh sehen, wer sich hinter diesem geheimnisvollem Namen versteckte. Was war denn überhaupt los?
Katsumi liess seine Muskeln erschlaffen, verzog die Lefzen zu einem Lächeln und auch die Atmung wurde flacher. Die kleine Fähe zitterte am ganzen Körper, hickste ununterbrochen und warf ihre Blicke zwischen den beiden Erwachsenen hin und her. Sahen sie so böse aus? Der Fünfjährige schmunzelte. Isis beantwortete die Frage des Braunen mit ihrer schönen Stimme. Entschlossen kam die Sandkönigin auf Katsumi zu und nur Augenblicke später spürte der Rüde eine raue, warme Zunge auf seiner Schnauze. Kurz reckten sich die Nackenhaare gegen den Himmel und ein seltsames Gefühl durchfluter den schlanken Körper. Isis drückte sich mit federnden Schritten am Rüden vorbei und legte sich sanft wie eine Schneeflocke an die Seite des Welpen. Für einen Moment dachte Katsumi, dass vor ihm Mutter und Tochter lagen. Isis wäre bestimmt eine gute Mama. Sanft sprach sie mit der Kleinen, berührte sie immer wieder sanft und achtete darauf, keine hektischen Bewegungen zu machen. Zitterte das helle Knäuel ewa weniger? Katsumi lächelte den beiden Fähen zu und spitzte die Ohren, als derWelpe mit den Lefzen Worte begann zu formen. Neugierig schnippten die braunen Ohren hin und her, doch ausser dem 'Sh..' kam nichts mehr aus der kleinen Kehle. Während die Kleine mutig aus dem Schutz von Isis kletterte, wandte sich Katsumi kurz vom Welpen ab und sah in die gelben Seelenspiegel von der Sandkönigin.
"Ja, wir werden die Hübsche zu Nyota bringen. Doch hab noch etwas Geduld, meine Liebe."
Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Kleine sich an der Seite Isis hoch kämpfte und der Sandkönigin etwas ins Ohr flüsterte. Nur kurz dauerte das Kunststück, dann veschwand sie wieder an dem sicheren Platz nahe bei Isis Körper. Katsumi lächelte lieblich, obwohl er nicht wusste, was die kleine Fähe gesagt hatte. Bestimmt ihr Name. Mondhauch. Katsumi wusste nicht, warum, aber jetzt kam ihm Mondhauch in den Sinn, als er das beige Fall betrachtete. Sie passte gut an die schöne Seite der Sandkönigin. Katsumi nickte zu Isis Worten und setzte seinen schlanken Körper in Bewegung.
"Ich werde sehr gerne bei euch zwei schönen Geschöpfen bleiben, Isis. Ich werde ein wachsames Auge auf euch legen und über euch wachen, euch beschützen."
Katsumi platzierte seinen kräftigen Körper nahe dem Rücken von Isis, legte sich zu ihr auf den Boden. Sanft legte er seine Kopf auf den schmalen Rücken, rückte so nah wie möglich an die Sandkönigin und lächelte. Der Fünfjährige würde gut auf Isis achten. So, wie er auf seine Kinder geachtet hatte, wie er seine Liebe beschützt hatte. Dieses Mal wird er nicht versagen. Alleine schon wegen Akru. Akru, seinen neuen Weggefährten, sein Seelenbruder und Liebster. Akru mochte Isis. Katsumi wollte seinen grauen Freund nicht enttäuschen.
"Na mein kleiner Mondhauch. Möchtest du mir deinen Namen auch noch verraten oder darf ihn nur meine Freundin wissen?"
Der Braune hauchte die Worte über Isis Rücken in das kleine Ohr des Welpen. Zart und fein, unhüllt von Wärme. Dann schloss Katsumi seine Seelenspiegel und genoss die Nähe von Isis. Die Nähe von Familie. Und Gedanklich leckte er seinem Gefährten über die Schnauze, als Zeichen seiner Unterstützung. Akru wird es bestimmt spüren. Akru. Und Isis. Und Mondhauch.
Der Ruf hallte über die Ländereien. Traurig und voller Wehmut. Die schwarze Schwester musste loslassen und für so viele Wölfe stark sein. Bewundernswert. So hatte Akru Nyota noch nie betrachtet. War sie doch eher eine Wegbegleiterin, die er hätte zu schätzen wissen müssen. Damals war es nur Abneigung und Starrsinn. Jetzt an der Seite seiner Freundin erfüllte ihn tiefe Dankbarkeit. Akru würde auch ihr seine Hilfe anbieten. Für Banshees Traum – für ihre letzten Wünsche.
Er weint schon lange, nur heute versucht er zu verhindern, was uns alle graust, eine stille Antwort. Er ließ die Zeit los, ließ sie wie das Meer um die Beiden spülen. Es würde nichts nutzen, ihr keine Sekunde schenken, aber es würde ein schönes Geschenk für die weiße Freundin sein. Wie der freie Wind tobte die Stille um sie herum. Trotz des heftigen Regens, des leichten Grollen und des anhaltenden Sturms. Ein letzter Gruß, die Welt trauerte mit. Eigentlich waren seine Tränen überflüssigen, machten die Weiße nur traurig. Und der Schmerz auch ihre Tränen zu sehen, war zerreißend. Er war ihr Helfer, ihr Freund. Ein gemeinsamer Weg von kurzer Dauer und mit einem unaufhaltsamen Ende. Wie grotesk dieses Bild war, erkannte nur ein Außenstehender. Denn der Graue befand sich in mitten einer heiligen Zeremonie. Auch Banshee vergrub ihre schlanke Schnauze in seinem Fell. Er hielt still und genoss. Auch das schien ihm nicht richtig, wenn gleich dieses Gefühl so gut tat. Ob es überhaupt noch ein Falsch und Richtig gab?
“Du strahlst, heller und schöner als jeder Sternenschauer. Du bist wahrlich die Tochter Engayas“,
hauchte er und trat im gleichmäßigen Schritt wieder an ihre Seite. Die Tränen mischten sie mit dem Himmelswasser. Er konnte seine Trauer offen ausleben, denn ein leichtes, aber starkes Lächeln lag auf seinen Lefzen. Er musste stark für sie Beide sein. Nur diesen Weg lang.
Sein Segen, den er auf ihre Stirn gelegt hatte, strahlte in seiner völligen Kraft. Er liebte sie immer noch. Wie an dem ersten Tag ihrer Begegnung. Und es war diese Liebe, die ihn zu leiten schien. Dankbar, dass er sie lieben durfte.
Kein Ende ohne einen neuen Anfang.
Die schwarze Pfote eines Todesgottes lag tief über sie, verharrte aber. Schien auf etwas zu warten – gab die Möglichkeit einiger letzten Worte. Aber keinen Laut vermochte man zu sagen, was jeder im Herzen trug war in einer Gleichheit erfüllt. Und Akru würde lächeln. Er war stolz, so eine Freundin zu haben. So stark und so mutig. Voller Wärme und Liebe. Hatte sie wirklich ihren Segen der Lebensgöttin verloren? Wenn es so sein mochte, dann war es Banshee, die ihre Liebe so unglaublich warm machte.
“Du brauchst Dich nicht um Deine Kindern zu sorgen. Sie sind alle großartig, mutig und stark, so wie ihre Mutter. Und Tyraleen habe ich mein Versprechen gegeben, ihr auf dem schweren Weg eine Stütze zu sein“,
flüsterte er leise. Wieder schlossen sich die blauen Augen. Warum er es seiner Freundin erzählen wollte, konnte er nicht genau erklären. Aber vielleicht bedurfte es auch keiner Erklärung, vielleicht wusste sie es auch aus einem reinen Instinkt heraus was er ihr sagen wollte. Es war das Einzige, was er ihr mitgeben konnte. Neben seinen Segen, auch den Schutz für ihre Welpen, ihre Kinder.
“Auch das Nichts brauchst Du nicht mehr zu fürchten. Der Tag wird kommen, an dem Alles eine gute Wendung bekommt. Das spüre ich, weiß ich“,
das schemenhafte Lächeln wurde breiter. Woher nun diese Gewissheit? Akrus Visionen waren nur verschwommen und konnten individuell ausgelegt werden. Keine Zukunft war vorher bestimmt. Jeder Wolf, jedes Lebewesen trug seine Geschichte hinzu und kann das Schicksal aller verändern. Und doch: es würde so sein.
Und sein Ende. Es würde sein Ende sein. Dann würde Tyraleen ihn nicht mehr brauchen, dann war Katsumi stark genug und Isis wieder frei. Seine arme, kleine Isis. Banshee hatte mit ihrer Aussage Recht behalten. Es gab nun Wölfe, die ihn dringend brauchten. Wie verblendet musste er denn gewesen sein? Was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er nicht mehr sein würde? Wie egoistisch doch sein Handeln gewesen war.
“Und wenn die Zeit ins Land geht“,
hauchte er leise, die Seelenspiegel öffneten sich wieder und fixierten die glanzvolle Wölfin neben sich. Der Kopf richtete sich auf, der Rumpf spannte sich. Ein letztes Mal stark sein. Ein letztes Mal den Schmerz und die Vergangenheit verdrängen. Ein letztes Mal ihr Freund sein.
Warum konnte er erst in den letzten Stunden erkennen, was seine Fehler gewesen waren? Aber war es nicht immer so? Wenn man jemanden ganz Besonderes verlor, blieb immer eine Kluft. Ein tiefer See voller Fragen, Ängste, Sorgen und Vorwürfe. Wie erging es wohl Averic? Wie konnte er diesen Schmerz überstehen und die Vorwürfe besiegen?
Das drückende Gefühl in der grauen Brust wurde kräftiger, der Kehle schnürte sich zu.
“Ich wollte nicht weinen und doch stehen mir die Tränen in den Augen. So gern möchte ich stark sein und Dir die richtigen Worte schenken, und doch rede ich nur Blödsinn und halte mich an Deiner Wärme fest. Nicht sonderlich mutig und stark, oder? Mir wird bewusst, welch Egoist, welch Depp ich doch gewesen bin. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen, so sehr ich es mir auch wünsche. So... so möchte ich Dich fragen, ob Du mir verzeihen könntest? Mein Verhalten, meine Ignoranz. Den Streit mit Deinem Sohn, meine so verletzenden Worte?
Damals, als ich Dich in der Schlacht fand, wurde mir bewusst, dass mein Leben eine andere Wendung bekommen könnte, dass vielleicht all Einsamkeit endlich beendet sein würde. Was ich nicht gewusst habe oder was mir nicht so deutlich wurde, dass ich damit auch Dein Leben drastisch verändere. Die Zeit schenkte mir viele Möglichkeiten zu erkennen und die Dinge zu schätzen, die mir wichtig waren. Und ich habe einfach die Augen davor verschlossen und geglaubt, solange ich nicht hinsehe, könnte Alles so bleiben, wie es war. Wie ein Welpe, der nur darauf wartet, dass die Mutter endlich kommt und der ganze Spuk ein Ende hat. Närrisch und verletzend. Und jetzt, wo ich vor dem Ende des Weges stehe und mich doch gerne entscheiden würde, wo ich lang gehen möchte, kann ich nicht mehr wählen. Banshee... es tut mir Leid! Es tut mir wahnsinnig Leid“,
mit den letzten Worte waren mit einer heiseren Stimme gesprochen. Der Fang berührte wieder kurz das Fell seiner Leitwölfin. Jede Blüte muss blühen zu ihrer Zeit.
Die schwarze Brust schwoll ein wenig an, der Kopf wurde in die Höhe gestreckt. Und das Gefühl von Stolz und Größe glitt durch Aryans Körper. Es erging dem Hünen immer so, wenn seine kleine Aléya ihn Papa nannte. Natürlich, er war nicht ihr leiblicher Vater, aber das spielte im Endeffekt keine große Rolle. Für sein Empfinden gab es keinen Unterschied diesbezüglich. Und sie schien genauso zu fühlen, ansonsten würde sie wohl nicht freiwillig die ganze Zeit über bei ihrem alten, langweiligen Herrn verbringen, um ihm Gesellschaft zu leisten. Oh, wie unkompliziert diese Welpenzeit doch war. Und wie viel schwieriger wohl ihre Jungwolfzeit sein wird. Zu viele männliche Anwerber – nicht die perfekte Art und Weise Aryan auf Trab zu halten.
Hoffentlich war bis dahin sein Verlangen und Blutdurst besser beherrscht. Obwohl es dann wohl recht nützlich wäre, um die ungezogenen und balzenen Jungrüden von ihr fern zu halten ... Er kannte schließlich Rüden in diesem Alter, war er doch selbst ein solcher gewesen. Oder war er zum Teil immer noch? Na, wie dem auch war. Mit einem breitem Lächeln wandte er den Kopf in Richtung Tochter und zwinkerte kurz.
“Hm, ich bereue nur ein wenig, dass Du nun die ganze Zeit bei mir verbringst, anstatt mit Deinen Gleichaltrigen zu spielen“,
kicherte der Schwarze leise. Noch immer fiel es ihm entsetzlich schwer, beim Einatmen nicht den köstlichen Geruch einzusaugen. Und ab und zu ertappte er sich selbst bei dem lüsternen Gedanken einfach seine Fangzähne in das nächstbeste Opfer zu schlagen und von dem schmackhaften Blut zu trinken. Aléya war in seiner Nähe – viel zu gefährlich. Auch der Hüne besaß ein Funken Anstand.
Die Ohren drehte sich leicht zur Seite. Ein leises Knacken und der bekannte, unheimlich gute Geruch des schwarzen Shaéns legte sich in die Luft. Wohl für jeden normalen Wolf unerkannt und noch weit entfernt, von Aryan machte es schon fast keinen Unterschied mehr. Es war jetzt schon so, als würde er neben ihm liegen. Und tatsächlich erschien die schwarze Gestalt des großen Rüden vor ihnen. Mit einem leichten Kopfnicken begrüßte der Bluttrinker sein Gegenüber. Natürlich traute er dem Rüden keine böse Absicht zu, und dennoch legte sich die Pranke etwas fester um den weißen Körper.
“Na, mein Freund. Wie sieht es bei Dir aus?“,
eine Lefze zog sich schief über den Fang. Und selbst in schweren, schwarzen Stunden wie diese, behielt er seinen Mut und seine Lebensfreude. Nicht nur, dass er selbst nun für jeden seiner geliebten Freunde gefährlich war, nein, auch der Tod schwebte über dem Tal. Die Leitwölfin, die Weiße, Daylights Mutter, war im Begriff ihren letzten Gruß zu sprechen. Und auch das Nichts wurde zu einer immer größeren Bedrohung. Leider konnte Aryan nur aus der Ferne für jene eintreten, die seinen Schutz brauchten. Denn die größte Gefahr war er immer noch selbst. Ein Monster, selbst wenn er keines sein wollte. Wie es wohl seinem Bruder gerade erging? Ob er wohl immer noch glaubte, dass der Hüne ihn töten wollte?
“Ich habe eine Bitte an Dich“,
das Lächeln verblasste ein wenig. Es war nicht unbedingt sein Ding, jemanden um einen Gefallen zu bitten, aber in diesem Punkt würde er für jede Hilfe dankbar sein.
Was ist Mut eigentlich? Wo fängt diese Kraft an und wo hört sie auf? Wie kann man sich sicher sein, dass man diese Eigenschaft besitzt? Ist es nur ein Gefühl? Ist es etwas, dass man nur von Außen sehen kann? War es mir überhaupt in diesen Moment so sehr wichtig, ob ich nun mutig und stark war? Nein, ich verdrängte. Ich hörte zwar den Ruf, aber folgte ihm nicht. Ich ignorierte das zerreißende Gefühl in meiner Brust. Wäre ich jetzt auf gesprungen und meiner Ahnung gefolgt, so wäre meine Welt wohl in tausend Teile zersprungen. Natürlich fragte ich mich, ob der Schmerz im Nachhinein nicht nur viel schlimmer sein würde. Aber zählt nicht der Moment? Zählt nicht das, was man sich wünscht, wonach man strebt? Was sollte mein Welpenherz schon mehr erschweren als der Verlust? Nein, es war nicht einfacher, viel schlimmer. Kein Deut gab ich darauf, was Andere von mir hielten. Nicht in diesem Augenblick. Vielleicht war es auch nur so, weil Caylee vor mir stand. Die von allen geliebte, freche und mutige Caylee. Vielleicht waren es auch nur Jumaanas Worte, die mir in den Ohren nach klangen und ihr verträgliches Gift und meine Venen spritzten. Es war ja auch nicht wichtig, was der Grund war, was mich veranlasste, einfach zu glauben, dass ich die Natur und das Geschehene übergehen könnte. Werden etwa so traurige Helden geboren? Narren, die sich an der Ergötzung der Gesellschaft laben und dafür Applaus ernten? Wer war ich denn schon, dass ich mir erlauben konnte zu vergessen ohne zu wissen? Nur Ciradán. Nur der ängstliche und nachdenkliche weiße Welpe, der nur noch ein Auge besaß. Ein Welpe wie jeder Andere und trotzdem so seltsam, dass man ihn anguckten musste. Mitleidige Blicke oder Gespött. Das waren und werden meine ewigen Begleiter sein. Man hält mich für komisch, weil ich nicht so sein kann, wie ich es gerne wäre. Ein Grund mit Suche aufzuhören? Nein. Sagte nicht jemand mal: ohne Träume und Wünsche sind wir nichts? Und wenn ich nun meine Begierde nach einem anderen Ich aufgebe, dann wäre ich doch ein Nichts. Noch weniger, als ich jetzt schon wäre. Kann ich das nun Mut nennen? Kann mein Handeln eine Stärke bezeugen? Oder verschließe ich nur wieder die Augen vor meiner Angst und renne davon? Ich kann es nicht beantworten, ein Wissen, dass ich nicht habe und vielleicht auch nicht haben will. Es ist unwichtig. Für jetzt und für immer. Ich werde einfach vergessen und mein rühmenden Narrenapplaus einheimsen. Still hinter einer Clownsmaske werde ich mich verbeugen und meinem Publikum den Rücken zudrehen, um mich auch selbst zu belügen. Ja, so werde ich es machen. Kein Held und kein mutiger Wolf.
Die weißen Ohren drehte kurz nach hinten, zuckten zur Seite. Die Worte Cayleens hallten in seinen empfindlichen Ohren nach, sowie der Ruf. Die schlechte Vorahnung grub sich die in die Brust und legte einen Kloß in seinen Hals. Ein schweres Gefühl lähmte die kleinen Pfoten. Wäre es nicht so grotesk und schmerzhaft gewesen, hätte Ciradán vielleicht geweint, hätte getrauert.
Mit einem lauten Schlucken begrub er auch die restlichen Zweifel und Instinkte. Eine Form von Stärke. Er besiegte sich selbst. Er besiegte seine Gefühle und zum Teil seinen Traum. Ein Held für die Armen, ein Held, der schon untergeht, bevor er er Leben retten kann. Aber er lächelte. Der weiße Welpe lächelte. Nicht aus einer Unsicherheit heraus, sondern durch das ertränkte Gefühl. Das Gefühl, dass ihn hätte eigentlich weinen lassen wollen.
“Ja, ein Abenteuer...“,
belegt war seine Stimme, entsetzlich gebrochen und heiser. Was sollte Caylee jetzt von ihm halten. Wie blöd er sich doch verhielt. Er war doch ein Rüde. Er durfte jetzt nicht weinen. Egal wie bitter es auch schon. Eisern presste der Welpe die Krallen in den feuchten Boden, hielt damit das aufkeimende Zittern auf. Das steife Lächeln wurde krampfhaft aufrecht gehalten. Wie einer Marionetten befahl er den steifen Gliedern sich zu bewegen. Zwei Sprünge, irgendwie Lustlos.
“Und? Kommst Du?“,
fragte er leise und preschte ein wenig vor. Richtung Wald. Vielleicht auf Richtung See, Richtung Nichts. Das sollte sie entscheiden. Nur weg hier. Weit fort. Komm´ schon Caylee, lass´ uns ins Abenteuer laufen. Irgendwo hin. Egal. Wohin Du willst. Nun mache schon!
Isis wollte sich erst dagegen wehren, dass Katsumi ihr so nahe kam, aber dann konnte sie nicht lange leugnen, dass es ihr gefiel und die kleine Fähe ließ den Rüden gewähren. Die Ägypterin hatte Sharus Namen erfahren, blickte die kleine Welpin liebevoll an und stupste sie sanft an.
"Kleiner Engel, hier droht dir keine Gefahr mehr. Ich verrate Katsumi deinen Namen, ja?"
Isis fand zwar den Namen Mondhauch auch wunderschön, aber Sharú Naim passte doch besser. Jedoch entging der Wüstenwölfin nicht, dass die Welpin sich dazu entschlossen hatte nichts mehr zu sagen, aber Isis wollte sie auch nicht weiter unter Druck setzen, sondern fuhr ihr beruhigend mit der Zunge über den Kopf und lächelte sanft, dann drehte sie ihre Kopf zu Katsumi. Eine ganze Weile blickte sie den Rüden schweigend an, schien in ihm zu versinken, dann blinzelte sie mit den Augen, schüttelte den Kopf und lächelte:
"Sharú Naim wird sie genannt, aber ich glaube sie mag gar nicht mehr sprechen."
Isis schaffte es Katsumi mit der Schnauze zu berühren und sie beschloss sich nicht gegen ihr aufkeimendes Gefühl zu stellen, denn immerhin war sie eigentlich nicht so und eine Enttäuschung mehr oder weniger ... Dennoch tat ihr das Verschwinden von Rime immer noch sehr im Herzen weh. Die kleine Ägypterin holte tief Luft, während ihre Augen wie die aufgehende Sonne schimmerten. Isis lag nun nicht mehr im Wald, sondern wieder am Nil. Um sie herum spendeten die Palmen Schatten, während von die Segelboote der Menschen leise über das klare Wasser schipperten.
Isis war eine stolze Fähe, ab und an kam dieser Stolz in ihr hoch. Dann strahlte sie eine gewissen Glanz aus. Den Stolz eines alten Geschlechtes, den Stolz einer Königin. Und Katsumi? Er strahlte auch etwas aus. Auch einen gewissen Stolz, Stärke und Unbeugsamkeit. Was auch immer in seiner Vergangenheit geschehen war, so musste er einst Alpha gewesen sein.
"Katsumi, kannst du dich so hinlegen, dass ich dich sehen kann?"
Isis lächelte den Rüden offen an.
"Ich vertraue dir, dass ist es nicht, aber ich würde dich gerne sehen."
Klang zwar verwirrend, aber genauso war es.
Shákru sog noch einige Male die Luft in seine Lungen und versuchte den Geruch des Weißen zu definieren, aber er war sich immer noch zu unsicher bis dieser ihn ebenfalls bemerkte und sich doch tatsächlich vor ihm hinlegte. Minor zog die Stirn kraus, dann aber war es ihm bewusst.
Der Kerl benahm sich genau so merkwürdig wie er. Die Rute begann unkontrolliert über den Boden zu wischen, dann sprang die kleine Sternenleier aus dem Gebüsch, kam wuffend auf seinen Bruder zugerannt und umsprang ihn kläffend.
"Bruder! Bruder! Ich glaub es ja nicht! Ich... was liegst du hier wie ein alter Wolf auf dem Boden?!"
Shákru überschlug sich selbst, rannte weg und wieder zurück, tollte um den weißen Rüden herum und zog an dessen Ohren, zwickte ihm sanft in das Fell und beachtete nicht mal, dass hier grad jemand gestorben war. Egal, er hatte seinen Bruder endlich wieder. Endlich war er nicht mehr allein und einsam.
Bruder! Bruder! Bruder!
Ein wahres Feuerwerk explodierte in Minors Brust, während er es kaum aushielt und endlich wollte, dass sein Bruder sich bewegte.
Ayv beobachtete den Wolf vor sich und kämpfte mit seinem Gedächtnis. Es ließ im kurzzeitig im Stich. Doch dann wurde ihm klar, wer das war, als der Wolf rief, er sei sein Bruder. Er hatte ihn gefunden! Shakru Minor, er war wieder bei ihm! Doch wie Shakru um ihn herum tanzte verunsicherte ihn kurz. Er tollte wie ein kleiner Welpe. Und es gefiel Ayv! Shakru zog an seinen Ohren, das zwicken in seinem Fell, dieses überschlagen und rumrennen, es kam ihm bekannt vor.
Aber woher? Ayv dachte nach und schließlich erinnerte er sich schemenhaft an einen Teil seiner Vergangenheit. Shakru war schon früher so übermütig immer umher gesprungen! Ja, es war Shakru, kein anderer Wolf konnte es sein! Ayv schoss in die Höhe, ein Lächeln auf den Lefzen, und rannte mit voll Karacho in ihn hinein.
"Shakru! Shakru! Du bist es, Bruder! Du bist wieder da!"
rief Ayv freudig. Er schüttelte sein Fell und versuchte weiterhin klar zu sehen und nicht vor lauter Freude "den Überblick zu verlieren". Er schaffte es und das Blid blieb klar.
Ayv drehte sich um die eigene Achse, schmiss Shakru um und fiel regelrecht wie ein wildgewordener Wolf über ihn her. Er grub seine Nase in sein so vertrautes Fell und freute sich nur noch. Sein Fell war immernoch so kuschelig wie früher! Kuscheliger gings nicht!
27.12.2009, 12:54
Heute hatte Aszrem einen Begleiter auf seiner täglichen Wanderung gehabt, auch wenn das kaum einen Unterschied gemacht hatte. Jakash hatte sich zu ihm gesellt und geschwiegen, und außer stummen Worten - mit den Augen entsandt - hatte sie keine weiteren miteinander gewechselt. Aszrem hatte es dabei belassen und still die Begleitung des jungen Rüden genossen, während Jakash mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt schien.
Der Ruf hatte sie schließlich beide erst inne halten und dann lospreschen lassen. Im Laufen noch grübelte der Schwarzbraune, inwiefern der Ruf ihn betraf, und kam zu dem Schluss, dass er nicht ihm galt. Er mochte Nyotas Gefährte sein, aber das verband ihn nicht genügend mit Banshee, auch wenn er sie achtete und respektierte. Entsrechend legte er seine Läufe direkt in Richtung des Rudelplatzes und nicht hin zu der sterbenden Alpha. Und doch... er wollte für Nyota da sein, wollte sie irgendwie stützen, auch wenn er sie jetzt nicht direkt begleiten durfte. Also rannte er quer über den Rudelplatz und blieb schließlich stehen, als er das Ende eines Zuges aus herbeiströmenden Wölfen ausmachen konnte. Weiter vorn konnte er seine Gefährtin ausmachen. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, aber selbst aus dieser Entfernung konnte er die tiefe Traurigkeit in ihrer bloßen Haltung erkennen. Aszrem trat unwillkürlich einen Schritt vor und hielt dann wieder inne. Er durfte jetzt nicht zu ihr laufen, er würde hier warten müssen, bis sie zu ihm zurück kehrte. Bis es vorbei war. Ein wenig neigte sich seine Ohren nach hinten. Sein Blick aber blieb auf Nyota gerichtet.
Aus der Ferne erklang ein Heulen. Jemand hatte sich einen wahrhaft ungünstigen Moment dafür ausgesucht um Einlass in das Revier zu bitten. Aszrem seufzte, dann wandte er sich in die entsprechende Richtung und lief los. Es war zwar nicht direkt seine Aufgabe, Neulinge in Empfang zu nehmen, aber für die Ranghöheren gab es jetzt Wichtigeres. Er würde sich notfalls später vor Nyota dafür verantworten, dass er nun eigenmächtig handelte. Sein Weg führte ihn erneut durch den Wald. Unterwegs traf er auf die bekannte Fährte Rakshees, die stärker wurde, je weiter er ihr folgte. Offenbar hatte sich die Enkelin Banshees nicht auf den Weg zu ihrer Großmutter gemacht, anders als so viele andere. Nicht lange darauf konnte er sie schließlich auch nahe der Reviergrenze ausmachen, zusammen mit wohl dem Fremden, der sich angekündigt hatte. Aszrem verlangsamte sein Tempo und kam schließlich gemessenen Schrittes auf die beiden zu. Rakshee wirkte... munter. Nun, das hatte er definitiv nicht erwartet - hatte sie den Ruf vielleicht gar nicht gehört? Er konnte es sich nicht recht vorstellen ... Sein Blick blieb auf dem Fremden hängen. Seine eigene Miene war nach wie vor ernst - bevor er dem Fremden ein Lächeln schenkte, wollte er zuvor einen ersten Eindruck von ihm gewinnen. Rakshees Munterkeit sprach für ihn, aber Rakshee war auch noch jung...
"Ich grüße dich, Wanderer. Ich bin Aszrem, Gefährte der Alpha Nyota. Rakshee hat dich bereits begrüßt, nehme ich an?"
Sein Blick glitt kurz zu seiner Patentochter und dann wieder zu dem Fremden. Er hatte sich absichtlich so vorgestellt, dass der Eindruck entstand, er wäre ebenfalls Alpha. Es konnte nicht schaden auf diese Weise das Verhalten des anderen Rüden zu testen - zumal er nichteinmal gelogen hatte...
Kandschur mochte Regen, eigentlich. Aber langsam sehnte er sich doch wieder nach dem trockenen Klima seiner Heimat. Alles änderte sich. Alles drehte sich und verschwamm zu einem Strudel aus Nebel, Farben und seltsamen Geräuschen. der Schwarze Tibeter schauderte obwohl er hier unter den Bäumen keinen Regen abkriegte. Er fühlte sich schutzlos, nass bis auf die Haut und auf eine seltsame Art und Weise Nackt. Als hätten die hiesigen Götter ihm bei lebendigem Leibe das Fell abgezogen und würden es überall zeigen. Zeigen wie schwach er doch war. Kandschur ließ die Ohren hängen und fiepte hell auf. Er hatte Angst. Angst vor dem was hier geschah. Er vermisste alles. Tibet. Die Gebetsglocken der Tempel. Das Muhen der Yaks. Das Trockene Klima, die Hohen Berge. Den Schnee. Das Lachen der Menschenkinder wenn sie ihn und seine Familie zu Gesicht bekamen. Das Geräusch über Schnee zu laufen. Das Helle Läuten der Glöckchen an den Schuhen der Mönche. Der Gesang. Die freundliche Atmosphäre. Der Frieden. Die Abgeschiedenheit. Die Nähe zu Buddha und einfach die Tatsache dass dort kein Krieg zwischen Menschen und Wölfen herrschte. Hier war alles anders. Alles geriet aus dem Gleichgewicht und sein letzter Halt hier war Liam. Doch was wäre wenn diesem etwas Geschehen würde? Was dann? Dann....dann würde er dieses Tal verlassen und niemals wiederkehren. Das war so. So und nicht anders.
Aus den Gedanken gerissen bemerkte er, dass sein Gefährte direkt neben ihm war, ihn angesprochen hatte. Schon seltsam. Er hatte es gar nicht bemerkt.
"Liam....Ich..war in Gedanken"
Sprach er leise und zaghaft und merkte wie sich ihm die Kehle zusammenzog vor Angst
Garrett betrachtete das Mienenspiel der Braunen und musste unweigerlich schmunzeln. Da hatte sie also tatsächlich nicht auf seinen Ruf hin gehandelt, sondern ihn viel eher mal so ganz zufällig aufgegabelt. Nun, auch gut. Die dunklen Ohren zuckten einen Moment während der Wolf Worte zusammen mit Wind und Wetter aufnahm, die Stille des Waldes jedoch hielt an. Es war… ganz leicht unheimlich. Als sie auf ihn zusetzte, schob er automatisch den Kopf etwas hoch und entkrampfte den Oberkörper, die Lockerheit war nach und nach in seinen Körper zurück gekehrt und Rakshee machte es unnatürlich einfach locker zu bleiben. Wahrscheinlich weil sie es selber war, weil sie selber ehrlich war und freundlich mit ihm umging. Und vielleicht auch weil sie ungefähr so alt war wie er selbst. Als sie wieder sprach lehnte er den Kopf etwas zur Seite und lehnte die Ohren etwas zurück, jedoch nicht bösartig, sondern viel eher unsicher. Er kam zu keinem guten Augenblick, na super. Das war natürlich wieder typisch. Na ja, was sollte es.
Als sich Rakshee umdrehte und einfach wollte das er mitkam, war der Schwarze bereit, ihr einfach so zu folgen. Wieso sollte er sich auch scheuen? Rakshee war freundlich zu ihm, also konnt eer es doch wagen einfach mal mitzugehen, er würde sich schon nicht umbringen. Höchstens um Kopf und Kragen reden, aber daraus schaffte er es auch oft genug sich zu befreien.
“ Okay. Ich hoffe ich komme nicht in einem so unguten Zeitpunkt das selbst die Beiden beschäftigt sind. Dann wird ich mich wohl oder übel wieder aus dem Staub machen müssen.”
Ein Grinsen begleitete seine Worte, jugendlich und irritierend wie er war, wollte er gerade nicht anders reagieren, er wollte immerhin seine eigene innere Unruhe überspielen.
“Ich mags nicht als Eindringling angesehen zu werden…”
Begann er zu erklären, wurde allerdings dann von Pfotenklängen und raschelndem Unterholz unterbrochen. Stumm klappte sein Fang zu, die blauen Augen fixierten den neu dazu gekommenen schwarzen Rüden, aufmerksam, vorsichtig, aber aufmerksam. Als der Schwarze zu sprechen begann, drehte Garrett die Ohren nach vorn und wandte den Blick leicht nach unten. Der Gefährte einer Alphafähe? War er dann selbst nicht auch Alpha? Aber.. Hatte Rakshee nicht erwähnt das ihre Oma und deren Schwester dieses Rudel führten? Oder hatte sie ihm die Hälfte verschwiegen? Hm, Vorsicht musste er so oder so walten lassen, egal ob dieser Schwarze nun ein Alpha war oder nicht.
“ Ich grüße ebenso. Mein Name ist Garrett und ich schwöre das ich nicht vor habe diesem Rudel irgend ein Leid zuzufügen. Ich bin auf der Suche nach einer Heimat und nach einem.. Bestimmten Wolf:”
Er wandte den Blick leicht zur Seite, suchte fast schon Rakshees Blick als Stärkung, auch wenn er die braune Fähe ernst seit kurzem kannte.
“ Ja, Rakshee hat mich bereits begrüßt, wenn auch wohl oder übel unfreiwillig.”
Das Schmunzeln kehrte auf seine Lefzen zurück und brachte etwas Ruhe mit sich. Er hob den Blick an, wandte ihn erneut an Aszem. Die Baune hatte erwähnt das er in einem schlechten Augenblick kam…
“ Ich hoffe ich komme nicht drastisch ungelogen… ansonsten kann ich auch in Frieden wieder ziehen, wenn es die Situation momentan nicht erlaubt Gäste aufzunehmen.”
Redete er schon wieder zuviel? Vermutlich. Aber er musste einfach sicher gehen das er nicht irgendwie alles falsch machte. Er wollte seinem Vater Ehre machen er wollte den Stolz bewahren, der keinem mehr zu Gute kam. Aber er musste es einfach. Auch wenn es für ihn selbst nicht galt. Er wollte einfach nicht mehr alleine sein.
Rakshee war kaum ein paar Schritte weit gekommen, als sie den Kopf zurück zu Garrett wand, spielerisch in die Seen seiner Augen zu tapsen schien, ganz so als streckte sie die Pfoten ins Wasser. Es war noch immer ein faszinierendes Gefühl ihn anzusehen, fesselnd, fremdartig und angenehm. Sie konnte es sich nicht erklären.
"Hah, von wegen, dann wirst du einfach warten"
entschied sie freudig, und schob kurz die Zunge ein Stück weit aus dem Fang. Es wäre zu schade wenn er einfach wieder gehen würde, wenn sie einen leeren Rudelplatz vorfinden würden. Lächelnd versuchte sie seine etwas unsichere Miene aufzuhellen, als Aszrem vor ihnen auftauchte. Rakshees Lächeln wurde im ersten Moment breiter, dann verlegen, aber nach einer weiteren Sekunde hatte sie sich wieder gefaßt - und verstand gar nicht mehr wobei sie sich hatte ertappt fühlen wollen. Aber das war auch nicht so wichtig. Aszrem sah ernst aus, so guckte er meist - Rakshee sprang auf ihn zu und leckte ihm spielerisch um die Schnauze, bevor sie sich wieder zu Garrett gesellte, der alleine gesehen doch etwas einsam wirkte. Bei seinen Worten stand sie bereits wieder neben ihm, und legte leicht die Stirn kraus - was für ein Wolf denn? Aber die Braune hatte keine Zeit weiter darüber nach zu sinnen, denn schon wand der Rüde den Blick wieder zu ihr - das aufmunternde Lächeln auf ihren Leftzen erging in einem sanften Schauer der ihren Rücken herablief, als sie ein weiteres Mal einzutauchen meinte. Unmerklich entspannte sie sich dabei, und das Lächeln schien etwas fernes, weltfremdes anzunehmen. Der Moment verstrich, und Garretts Augen fanden zu ihrem Paten zurück. Rakshee straffte ihre Haltung, und auch ihr Blick gewann wieder an Festigkeit. Auch sie selbst sah nun wieder zu Aszrem herüber - hatte er auch dieses Gefühl vom Eintauchen, wenn er in diese Augen sah? Als Garrett anbot zur Not weiterzuziehen, schüttelte sie unwillkürlich den Kopf. Das wollte sie nun wirklich nicht. Auch wenn sie immer wieder daran erinnert wurde - der Gedanke, dass ihre Oma in diesen Momenten im Sterben lag, war irreal und falsch. Es konnte nicht so einfach sein.
Umgerissen, auferstanden, angeschmiegt und neu erstanden. Diese wunderbare Wärme.
Ihren schlafenden Körper so dicht bei ihm, so haftete ihr Lied noch an ihm, tanzte sie ihren endlosen Tanz. Doch Nightmare war zu spät- er hatte seine Wege verloren und war sie falsch gegangen- zu viele Windungen, zu viele Ären aus falschem Stolz und wortkargem Vegetieren. Also war er gegangen- wie der Nebel einfach gin. er hatte sich zurückgezogen von den Feldern, hatte ihr leise Sätze in das flatternde Himmelsherz gepflanzt- aber ob sie gekeimt hatten wusste der Wolf nicht. die Kraft, die ihn ihm shclug, hatte er ihr geben gewollt, den Kopf nocheinmal an sie gedrückt, das Herz nocheinmal singen gehört.
Und endlich wusste er, dass er lebte. Aufgestanden, fortgewandert- abseits von der Nacht umrandet. Dieses ewig ziehende Gefühl der Zuneigung hatte ihn noch lange harren lassen. Unüberlegt organisiert- oder doch einfach nur der verlorene Sohn einer anderen Welt. Noch einmal ihren Geruch aufgefangen, nocheinmal verspielt den Körper ertastet, bevor er gegangen war. Geflüsterte Worte, vergänglich wie der Morgentau- gewispert von ihm, getragen vom Winde
"Mach es gut, du starkes, wunderbares Wesen. Meine Tänzerin...."
Denn Nightmare war frei... so frei.
Weltenwechsel unheilbar- abgerissen und zerstört- Nightmare hatte sein Zeitgefühl verloren. Die Tage wurden wärmer, seine Atemzüge leichter. Die Tiere hier im Tal waren nicht leicht zu kriegen- im Rudel jagen schien ihm teilweise wirklich einfacher. Doch das war einfach nicht seine Welt. Wie sie alle lachten und um sich herumsprangen- ihm hatte es nie gefallen... nie so wie bei der jungen Sonne in seinen Augen. Manchmal träumte der Wolf- manchmal lag er nur da und träumte. Manchmal schlich er um den Rudelplatz, manchmal- leise wie ein Schatten.
oO(Alleine doch nicht einsam.... Vermisst du mich, du traurig Schöne?)Oo
Es war wieder einer dieser Tage gewesen, die das Fell mit Trauer tränkte- langsam- aber merklich. Wie ein Kribbeln drang sie durch das Fell des Wolfes, erfüllte ihn mit dieser seltsamen Befriedigungen. Der Wolf mit dem ruhigen Gang hatte nie ein Ziel, jeder Schritt ungeplant- Drahtseilakt aus endlosgefühlen. Doch sie brachten ihn immer an diese Orte, wo er sein wollte- und heute sollte es wieder einmal der Rudelplatz sein- Wieder einmal wunder, Erlösung schimmerte wie Tau auf jedem Stein- So kam es ihm vor. Jedes Wispern des Windes ein Schwur, dass er sie sehen dürfte- heute noch, morgen wieder. Ewig allein- aber heute nicht einsam.
Die grauen Augen starr in die Umgebung gerichtet, die Gedanken weit weit fort- tanzten sie durch einen Frühlingsbeschatteten Wald.
Die Rute wedelte leicht, als er die beiden Gestalten auf den Rudelplatz wahrnahm- er erkannte sie sofort, wie in jener Nacht. Dieses Wesen, dessen Augen so strahlend hell und eine Seele erfüllt von einer freundlichen Schattenschau der spielenden Bäume. Jedes Licht warf Schatten, das hatte Nightmare immer schon gewusst, und immer gestört.... Doch bei ihr war es so schmerzlich egal gewesen. Er blieb am Rande stehen, blickte bald als habe er Hemmungen zu den beiden Gestalten herüber. Sein Blick haftete an ihrer zierlichen Gestalt. Studierte ihre Körperhaltung, jedes Detail aufs feinste eingeprägt-
War sie ihm böse, dass er gegangen war?
Er hatte keine Wahl gehab, ihr Gefährte schon. Egal?- Nightmare zuckte mit dem Kopf, vertrieb die Gedanken, lauschte auf die Umgebung. Es lag eine Stille auf der Lichtung, die er nicht kannte. Sie schrie und kreischte, wirkte wie der Gesang von schaurigen Vögeln, die mit ihren schwarzen Federn alles Licht aufsogen. Nightmare war immer stolz auf seine Fellfarbe gewesen, er hatte es geliebt, hatte gedacht, er köne auch ein Rabe werden. Beschützer einer toten Seele, Beschützer eines schweigenden Wesens- Hüter über den Atem ... Doch ihm waren nie wirkliche Schwingen gewachsen.
Ausgeflogen, sich entrissen- einfac nur so mitgezogen. Hatte er das falsche getan, als er auf ihr Spiel eingegangen war? vielleicht sollte er das nun nicht tun ... und doch, betrat er schleichend langsam den Rudelplatz.
"Daylight."
er wisperte leise, konnte sie ihn doch noch nicht hören. War er noch zu weit entfernt. Warum war dieser Weg plötzlich so weit, warum stand sie plötzlich so weit entfernt von ihm, wo er doch jeden Atemzug hören konnte laut und rauschend. Wo er doch ihr Herz hören konnte- oder war es das seine was so hart in seinem Schädel hämmerte? Noch ein Schritt, vorsichtig mit der Rute wedelnd.
"Daylight?"
Fast stand er bei ihr, die tiefe heisere Stimme zitterte leicht. Die Stille griff um sich, erfasste Nightmares Körper- er wollte ebenfalls zittern, wie seien Stimme es tat, wie sein herz es tat. Sein Instinkt sagte ihm, das etwa sfalsch war- nicht richtig- nicht wahr. So furchtbar weit entfernt waren seine Worte, als er sie aussprach- Er fühlte sich dumm wie ein Kind, versetzt in die grauen Welpentage seines gefristeten Daseins. Er kannte diese Stille... Er kannte sie fast zu gut.
"Was ist passiert?"
Wohin?
Heute wusste Daylight es nicht. Hatte sie es gestern gewusst? Ja, gestern noch hatte sie gewusst wohin ihre Pfoten sie tragen sollten, sie hatte gewusst wohin sie gehen wollte, sie hatte gewusst, was sie erwarten sollte, sie hatte gewusst, was sie erwarten wollte. Es hatte immer nur einen Weg gegeben, hierhin, dorthin - vielleicht war sie das eine oder andere Mal im Kreis gelaufen. Aber das hatte sie nie gekümmert, sie hatte gewonnen, hatte verloren, war gescheitert, ehe sie ihr Ziel erreicht hatte. Es war egal, es war sogar wichtig gewesen. Daylight hatte ihre Erfahrungen gemacht, sie war daran gewachsen.
Doch heute, jetzt, war sie an einem Punkt angelangt an dem sie nicht länger weiter wusste, nicht länger weiter wollte. Die Worte ihrer Mutter brannten ihr noch in den Ohren. 'Wenn du anfängst zu lügen, musst du stehen bleiben und eine andere Richtung einschlagen.'
Daylight log nicht, doch sie hatte auch keinem von beidem die Wahrheit gesagt, sie hatte gar nichts gesagt, sie hatte weder Nightmares, noch Aryans Nähe gesucht. Sie war geflohen, geflohen vor der Wahrheit, geflohen vor der Entscheidung, die sie längst getroffen hatte.
Ihr Herz sehnte sich nach Aryan, sehnte sich so sehr, dass es schmerzte und sie vermisste Nightmare, vermisste ihn, wie sie Merawin vermisst hatte. Der Schmerz würde vergehen, irgendwann, die Zeit würde die Wunde heilen - ihre Wunde, doch würde sie auch die seine schließen? Vielleicht, irgendwann. Daylight seufzte tief und ließ den schmalen Kopf auf die Pfoten sinken. Der Sommer war ins Land gezogen, trist und grau breitete er seine Arme über das Tal aus, genau wie das Nichts - der alles verschlingende Nebel, der Hiryoga mit sich gerissen hatte, verschluckt, einfach so, wie ein riesiges, gefräßiges Tier - so, wie ein Wolf ein Graupelzchen verschluckte, ohne große Mühe.
Daylight sorgte sich um die Welpen, sorgte sich um Aryan, um Nightmare, Amáya, Tyraleen, Averic ... auch um Banshee, um Nyota und um jeden anderen Wolf, egal wie gut sie ihn kannte. Keiner hatte es verdient so einfach verschluckt zu werden von etwas, das weder Körper noch Seele zu haben schien.
Doch noch während Daylight ihren trübsinnigen Gedanken nachging bohrten sich spitze Welpenzähnchen in ihre buschige Rute. Sie hatte sich nicht umdrehen müssen, um zu erraten welcher kleine Quälgeist so eben beschlossen hatte ihr Gesellschaft zu leisten, denn schon erklang die Stimme ihres Patenkindes und zauberte ihr ein warmes Lächeln auf die dunklen Lefzen.
Was brauchte es schon eine Sonne am Himmel, wenn es doch tausend kleine Sonnen auf der Erde gab?
„Hallo Avendal.“
Ihre Stimme klang weich, glockenhell, melodisch, als sie mit der Welpin sprach, all der Zweifel, all der Trübsinn, die Trauer schienen plötzlich weit fort, so als habe der Regen sie mit all dem Schmutz und Dreck der Welt hinfortgespühlt.
„Natürlich.“, sagte Daylight schließlich, nachdem sie Avendals Worten aufmerksam gelauscht hatte. „Natürlich geht es ihnen gut dort oben.“, sie machte eine ausholende Bewegung mit der Pfote. „Im Himmelsland bekommst du alles, was du dir wünscht. Wenn du dir Sonnenschein wünscht - pling - dann bekommst du Sonnenschein. Wünscht du dir Regen...“, sie lächelte bei der Vorstellung. „Pling - bekommst du Regen.“
Natürlich ging es Merawin gut. Natürlich ging es Hiryoga gut. Natürlich würde es auch ihnen gut gehen, würden sie eines Tages den Weg ins Himmelsland antreten.
Gab es auch vielerlei Dinge deren Daylight sich unsicher war - was das Himmelsland und seine Mythen und Legenden betraf war sie sich vollkommen sicher - denn anders, ja, anders konnte es einfach nicht sein. Gerade wollte die Weiße damit fortfahren der Welpin Geschichten über das Himmelsland zu erzählen, da wehte der Wind eine andere, viel intensivere Stimme an ihre Ohren. Tief und rau, so vertraut und zugleich merkwürdig fremd.
Und mit dem Klang der fremdvertrauten Stimme flossen auch die Erinnerungen heran, jedes winzige Detail; die Struktur seines tiefschwarzen Fells, das helle Grau der Augen, ihr Tanz, seine Stimme, sein Lied. Daylight wippte mit der Rute, leicht, zögerlich, als wage sie diese Gefühlsregung nicht.
„Nightmare.“, stellte sie schließlich leise fest, erhob sich ohne ihn anzusehen und zog Avendal schützend mit der Pfote an ihre Brust, so als fürchte sie auch die Welpin könne dem Zauber des Rüden verfallen.
„Nightmare...“, wiederholte sie wieder, ehe sie schließlich den Blick hob, ein merkwürdiger Glanz in den goldschimmernden Augen, ihre Stimme ein leiser Singsang, ein Lied.
Und dann stellte er ihr die Frage, die sie sich all die Tage gestellt hatte:
Was war eigentlich geschehen?
Was war geschehen zwischen ihr und Nightmare? Zwischen ihr und Aryan? Warum hatte das Nichts Hiryoga verschluckt? Warum war auch Kaede gestorben? Warum Urion? Warum war Aryan verschwunden? Warum hatte Amáya ihr noch immer nicht verziehen? Warum hatte Banshee bei ihrer letzten Begegnung so furchtbar schwach gewirkt? Warum, warum, warum?
Daylight schüttelte hilflos den Kopf und blickte dann wieder Nightmare an. Er konnte nichts dafür. Für nichts - und trotzdem musste er leiden. Wo war die Gerechtigkeit geblieben? Hatte das Nichts auch sie verschluckt?
„Das Nichts hat Hiryoga verschluckt. Hiryoga - meinen Bruder. Kaede ist gestorben. Urion ist gestorben. Aryan ist verschwunden.“, eine merkwürdig formlose Aufzählung der Geschehnisse, keine Erklärung. Sie blickte Nightmare immer noch an, aus ruhigen, goldenen Augen, dann lächelte sie sachte.
„Das ist übrigens Avendal, mein Patenkind.“, sie schubste die Kleine zärtlich mit der Pfote und fuhr ihr kurz mit der Zunge über den runden Kopf. „Avendal - das ist Nightmare... ein Freund, ein guter Freund.“
Daylight lächelte, lächelte ihr goldenes Sonnenschein-Lächeln und für einen Moment schien vergessen wie grau die Welt plötzlich war.
Für einen Moment drang ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke und fing sich im Honiggold ihrer Augen.
Für einen Moment war die Welt wieder in Ordnung, trotz all dem Leid, trotz all der Furcht, für einen Moment war alles gut.
Es war egal wohin.
Rakshees Begrüßung entlockte Aszrem nun doch ein kurzes Lächeln in ihre Richtung, und auch wenn es danach gleich wieder verschwand, erschien seine Miene danach doch etwas weniger ernst als zuvor. Mit nur minimalen Bewegungen wanderten seine Augen von der jungen Fähe zu dem Fremden und beobachtete die beiden, während der schwarze Rüde sich höflich vorstellte, seine friedlichen Absichten beteuerte und bestätigte, bereits von Rakshee in Empfang genommen worden zu sein.
'Wohl oder Übel, hm? Eher 'wohl', wie es aussieht...'
Tatsächlich schien seine Patentochter hingerissen von diesem Garrett zu sein, dessen Auftreten bislang von gutem Benehmen sprach. Aszrems Interesse wuchs.
"Ob ungelegen oder nicht, es widerspricht den Grundsätzen dieses Rudels, friedliche Wanderer abzuweisen, wenn sie um Einlass bitten. Ich bezweifle stark, dass sich daran trotz der aktuellen Lage etwas ändert, und wenn doch, werde ich die volle Verantwortung dafür übernehmen. Du wirst dich noch etwas gedulden müssen, von unserer Alpha persönlich begrüßt zu werden, aber bis dahin sei es dir gestattet, dich bei uns auszuruhen. Willkommen im Tal der Sternenwinde."
Aszrem legte eine Kunstpause ein und lächelte leicht, um seine Worte zu unterstreichen. Anschließend wandte er sich leicht zur Seite, als wolle er sich umwenden.
"Ich schlage vor du begleitest uns zum Rudelplatz. Derweil kannst du uns erzählen, wen genau du suchst, vielleicht befindet er sich längst in diesem Rudel. Schon mancher Wolf hat hier einen alten Freund oder einen Verwandetn wiedergefunden."
Mit einer einladenden Bewegung seines Kopfes bedeutete er Garrett, sich zu ihm zu gesellen und ihm zu folgen. Gleich darauf huschte sein Blick zu Rakshee. Unausgesprochen lag die Frage darin, was sie hier tat und warum sie nicht bei ihrer Großmutter war. Es blieb vermutlich nicht mehr viel Zeit.
"Ich glaube, du wirst bei deiner Familie erwartet, Rakshee..."
Wie das Ying und Yang, so kam Liam seine Beziehung mit Kandschur vor. Er, der Unternehmungslustige, der Übermütige und Kandschur der Vorsichtigere, der Nachdenkliche. Jetzt erschrak Liam sich trotzdem sehr, so ängstlich hatte er Kandschur noch nie gesehen, es ging ihm scheinbar schlecht. War es dann wirklich gut, dass er hier an seiner Seite verweilte? Wenn es ihm doch woanders bestimmt besser gehen würde? Natürlich sorgte auch Liam sich wegen dem Nichts, aber trotzdem konnte er aus der Situation das Beste herausholen, viele würden ihn vielleicht als naiv abstempeln, aber war es nicht auch eine Gabe das Gute zu sehen? Viele sahen einfach immer nur das Schlechte und konnten so niemals zufrieden gestellt werden, er aber hatte gelernt mit den Kleinigkeiten zufrieden zu sein.
Er wusste nicht was besser oder schlechter, richtig oder falsch war. Er wusste nur, was ihm gefiel und was ihm nicht gefiel. Und dieser niedergeschlagene, fast schon verstörte Kandschur gefiel ihm ganz und gar nicht. Er musste dringend etwas unternehmen um seinen Freund ein wenig aufzumuntern. Nur was? Er konnte ihn nicht einmal zu schönen Blumen führen, denn die hatten sich, angesichts des mangelnden Sonnenscheins, nicht wirklich getraut zu sprießen und die Mutigsten unter ihnen, hatten aus ihren Fehlern gelernt, als der Matsch sie zunichte gemacht hatte oder sie im Nichts verschwunden waren. Die Sonne auf den Pelz scheinen lassen, konnten sie auch vergessen, denn wer konnte schon sagen, wann die Sonne das nächste Mal wieder scheinen würde.
Also musste er das einfallsloseste aller Ideen wählen, denn irgendwie schien ihm keine andere Möglichkeit umsetzbar. Ein Spaziergang, Kandschur würde sicher nicht sehr angetan sein, schließlich musste man haargenau aufpassen, wohin man seine Pfoten setzte, damit man nicht zu nah an das gefürchtete Nichts heran trat. Er ließ seinen Blick über den Rudelplatz gleiten, was ihm nicht viel brachte, denn man sah immer noch nicht viel mehr als zuvor, der Regen prasselte noch immer auf die matschig gewordene Erde und der Donner grollte immer noch unablässig über ihnen. Einzig die Blitze erhellten die Umgebung für einige Sekunden, zu wenig Zeit um einen Wolf mit den Blicken ausfindig zu machen, ein Blinzeln und schon war es wieder Dunkel. Warum blinzelte man eigentlich immer dann, wenn es blitzte? Eine Frage, auf die er vorerst wohl keine Antwort finden würde. Bei gegebener Zeit würde er es sicher erfahren.
Er entschied sich einfach am Waldrand um den Rudelplatz zu laufen, so wären sie beide ein wenig vor dem Regen geschützt und liefen nicht in die Gefahr, auf das Nichts zu treffen. Außerdem würden sie vielleicht noch andere Wölfe treffen, die sich Schutz suchend an den Rand des Waldes verkrochen hatten.
„Los Kandschur, wir wollen uns ein wenig bewegen. Das ganze nichts tun macht einen nur noch griesgrämiger“
Er sprach ihn nicht direkt darauf an, dass er wirklich nicht gut aussah, denn er wusste woher dies rührte und er wusste noch nicht die direkte Lösung darauf, deshalb sah er keinen Sinn darin, ihm auch noch vorzuhalten, wie verstört er aussah. Wenn Kandschur es wissen sollte, wusste er dies außerdem bereits. Liam stupste seinen Gefährten auffordernd an, auch er hatte das Bedürfnis sich die Pfoten ein wenig zu vertreten und er vertraute seinem Instinkt, der ihm sagte, dass Kandschur ihm folgen würde, und fing an den Waldrand entlang zu laufen.
Auch hier war der Boden mittlerweile rutschig geworden und so war es nicht so einfach wie sonst, sich vorwärts zu bewegen, aber seine Pfoten boten ihm noch so viel sicheren Halt, dass er ohne großartiges Rutschen vorwärts kam. Solange Kandschur nicht bei ihm war, lauschte er weiter den Regentropfen und dem Gewitter. So lief er eine kurze Zeit, nicht sehr weit, da er langsam lief, damit Kandschur ihn problemlos einholen konnte. Ihm stieg der Geruch anderer Wölfe unter die Nase und triumphierend stellte er fest, dass sein Gedanke mit den anderen schutzsuchenden Wölfen wohl gar nicht so falsch gewesen war. Vielleicht würde Kandschur ein wenig fröhlicher, wenn er auf andere Wölfe traf. Im näher kommen, bemerkte er, dass die eine Fähe Isis war, welche er mit aus dem See gerettet hatte. Er hatte sich recht gut mit ihr verstanden und war froh sie hier anzutreffen. Anscheinend war ein Rüde und ein Welpe bei ihnen, er wusste gar nicht, dass sie einen Gefährten hatte und erst recht nicht, dass sie Mutter war. Das hätte er doch mitbekommen, außerdem rochen die drei nicht nach einer Familie. Komisch. Es blieb wenig Zeit zu wundern, schon hatte er die drei erreicht und ein Blick genügte, es war keine Familie. Anscheinend verstand Isis sich zwar sehr gut mit dem Rüden und auch der Welpe schien sich sehr wohl zu fühlen, aber ganz sicher waren die beiden Erwachsenen nicht seine Eltern.
Des weiteren war es ein sehr süßer Welpe, erstaunt musste er feststellen, dass er Atalya vermisste und sie am liebsten hier bei sich gehabt hätte. Die kleine Fähe war aber auch zu knuffig, sein Herz schien sich so weit öffnen zu wollen, wie er es kaum kannte. Einmal hatte er es bei Atalya erlebt, sein Patenherz hatte sich damals geöffnet. Bei Kandschur war es sein Gefährtenherz gewesen, welches es hier genau war, konnte er nicht sagen. Er wusste nur, dass er diese kleine Fähe lieb gewonnen hatte, ohne dass er sie wirklich kannte.
Doch vorerst wand er seinen Blick wieder von ihr ab und lächelte Isis zu, ehe er das Lächeln weiter in die Runde schickte.
„Hallo liebe Isis, hallo ihr zwei anderen…!
Er kannte weder die kleine Fähe noch den Rüden, er hoffte einfach, er würde ihre Namen erfahren, solange hieß es abwarten und auf Kandschur warten.
Als der schwarze Jüngling die Worte von Aszrem hörte, schoben sich seine Ohren unweigerlich nach vorne und ein freudiger Ausdruck schob sich auf seine Lefzen. Garrett folgte einen Moment lang Rakshee mit dem Blick, danke ihr fast schon ´mit seiner Mimik und seinen Augen für ihren, wenn auch unfreiwilligen Beistand. Und auch der schwarze Rüde Aszrem erschien ihm jetzt weniger imponierend und abgeneigt als vorher, anscheinend war es wirklich nur die natürliche Vorsicht gegenüber Fremden und wie es schien hatte er den Test bestanden. Welch ein Glück. Bei den Worten über die Alpha nickte er leicht.
“ Ich denke damit komme ich klar.”
Sowieso schwang da noch eine gewisse Vprsicht mit, sich den Leittieren vorzustellen, wie sollte er auch wissen ob sie genauso angenehm waren wie dieser Aszrem anscheinend? Bei den nächsten Worten des Schwarzen biss er sich leicht auf die Lefzen, für einen Moment wandte er den Blick zu Boden, was sollte er ihnen erzählen? Viel konnte er nicht erzählen, schließlich wusste er das meiste selbst nicht. Nur das was sein Vater ihm Erzählt hatte, nur der Geruch, die Familie, die Geschichte und das Aussehen. Aber nicht anderes. Keine Werte, keinen Namen, keine Besonderheiten und doch würde er ihn finden können und doch war er hier gewesen dieser Wolf, er wusste es.
“ Ich kann nicht viel über ihn erzählen… ich habe ihn persönlich nicht einmal getroffen. Ich kenne weder seinen Namen noch irgend etwas Besonderes. Ich kenne sein Aussehen aus Erzählungen und seine Geschichte. “
Garrett wandte den Blick zum Himmel, dann wieder Rakshee und dann zu Aszrem, ehe er zwei Schritte vor trat und dem Schwarzen unweigerlich folgte.
“ Dieser Wolf den ich suche soll mein älterer Bruder sein… auch wenn ich ihn nie kennen gelernt habe.”
Er wandte den Kopf herum, suchte den Blick der braunen Fähe und lehnte den Kopf leicht schief. Aszrem hatte erwähnt das sie bei ihrer Familie erwartet würde, schoss es ihm durch den Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Er suchte Antworten in ihrer Mimik, sprach jedoch kein Wort dazu. Es ging ihn immerhin nichts an, er war nur ein Wanderer.
“Wirklich?” Die kleine Fähe sprang hibbelig auf und suchte Daylights Blick. “ Wenn ich Sonne will muss ich das einfach nur wollen und es ist so? Wäre es dann nicht für uns alle besser im Himmelsland zu leben? Wenn wir da alles haben können was wir wollen?”
Avendal lehnte die Vorderpfoten gegen Dayli’s Läufe und streckte den Hals um ihrer Patin besser in die Augen sehen zu können. Wenn sie alle im Himmelsreich gehen würden, wären also alle glücklich. Und alle konnten haben und machen was sie wollten. Und sie hätte ganz ganz viel Wind und Sonne und schönen Himmel. Also war das etwas gutes, wieso warteten sie dann also noch hier?!
“ Wenn es so schön ist, wieso sind wir dann noch hier?”
Fragte sie ihre Patin prompt und tappste mit ihre Pfötchen gegen die Läufe der Weißen, aber Daylight schien auf einmal vollkommen abgelenkt. Stumm ließ sich Avendal wieder zurück fallen und linste vorsichtig zwischen den Läufen der Weißen hindurch, doch bevor sie so wirklich sehen konnte wer da war, zog ihre Paten sie schon wieder näher an sich heran, fast so als wollte sie die Kleine schützen. Aber wieso denn? Wer war denn da? Die Graue reckte den Kopf erneut herum und versuchte mit den Pfoten frei zu kommen, doch der Fremde war schon näher gekommen und Daylight wisperte ganz leise ein Wort. Nightmare. War das der Name? Und warum erschreckte es ihre Patin so? Avendal knickte die Ohren etwas zurück und stupste Dayli leicht gegen die Brust, ehe sie den Kopf wieder drehte und den fremden Rüden anblickte, in jenem Moment in dem Daylight erneut dieses Wort, seinen Namen, aussprach.
Nightmare, war pechschwarz. Aber wirklich pechschwarz. Und seine Augen wirkten einen Moment lang genauso kühl wie sein Fell, sie hell und gräulich wie sie waren, so wirklich ohne Farbe, ganz anders als ihre eigenen, oder die ihrer Patin! Das war komisch. Und dieser Wolf… wirkte auch irgendwie komisch. Und anscheinend schien die Weiße nicht wie sie sich ihm gegenüber zu verhalten hatte. Und Avendal wusste es auch nicht… Trost suchend und spenden drückte die Graue ihren Kopf erneut an Daylight und lauschte ihren Worten, als sie anfing zu sprechen. Sie sprach von sterben… sie waren alle gestorben das stimmte. Aber was hieß eigentlich sterben. War das nicht der eintritt zum Himmel. War es also nicht eigentlich etwas Gutes? Wieso blickten die Wölfe aber dann immer so traurig wenn jemand starb. Und warum blickte auch Daylight so sonderbar. Wenn es doch etwas Gutes war… oder etwa nicht?
Als die Kleine ihren Namen vernahm, zuckte ihr Kopf hoch und sie blickte erneut in die hellen Augen des schwarzen Wolfes. Nightmare. Ein Freund. Ein guter Freund. Die Ohren klangen in ihren Ohren nach und wollten irgendwie für einen Moment nicht verarbeitet werden. Er war ein Freund von ihrer Patin. Er war also niemand von dem sie angst zu haben brauchte. Aber er war gruselig. So irgendwie.
“ H… Hallo.”
Wisperte die Graue schüchtern und streckte die Schnauze etwas vor um den Schwarzen besser sehen zu können. Ein Freund, ein guter Freund, also würde er ihr schon nichts tun. Auch wenn Daylight sonderbar schaute. Er war doch ein Freund, ein gruseliger Freund, aber ein Freund. Nightmare. Der Name klang seltsam in ihren Ohren.
Noch immer ruhte der braune Wolf, ließ Wind und Regen auf sich einwirken, lauschte Stille und Laute des Waldes oder auch keinem von beidem oder nur dem Trommeln der Erde, dem Schaben und Knacken der Bäume die im Wind sich bogen. Es war eine ruhige und angenehme Beschäftigung, die das Trübsal fern hielt und trost schenkte, Trost den Yerik nicht brauchte aber vielleicht weiter geben konnte, woher sollte er wissen wer noch Trost brauchte, wer einfach Gesellschaft brauchte. Woher sollte er wissen wer einsam war in diesen Tagen. Mal abgesehen von Amáya, denn diese schien immer einsam. Doch sie wollte der Braune jetzt nicht aufsuchen, sie war die Tochter der Alphawölfin Banshee, sie würde sicherlich ebenso zu ihr gehen wie viele der Anderen, sie gehörte dazu und auch wenn sie vieles falsch gemacht hatte, sie würde es nicht versäumen, soviel wusste Yerik nur zu genau. Und er wollte nicht dagegen wirken. Auch wenn es bei der Schwarzen immer schwer war sich nicht gegen sie aufzulehnen. So aber, blieb ihm nicht viel mehr übrig als abzuwarten, zu denken und zu handeln wenn es gebraucht wurde. Und die Momente in denen das Handeln gebraucht wurde, würden sich zeigen. So wie sie es immer taten.
Trotz allem richtete sich der sonnenfarbene Wolf auf und streckte die trainierten Wandererglieder durch, er spürte die Erde unter seinen Poften, zog mit den Krallen sanfte Risse in sie hinein und fühle sich vollkommen, eins. So wie er es auf seinen Reisen gewohnt war, stand ihm auch hier die Erde zur Seite, die Erde die sein Leben bedeutete. Nie hatte er es anders gewollt. Nie hatte er wirklich anders gelebt. Er war immer im Einklang gewesen. Er hatte nicht suchen müssen, die Gewissheit war einfach da gewesen. Gewissheit zu Sein, Sein um zu Leben.
Und nie würde es anders sein. Yerik richtete sich stumm auf, suchte mit dem Blick die Umgebung ab, doch dort war nicht außer dem Alltäglichen und doch zog es ihn weiter. Er wollte nicht untätig herum liegen wie ein alter, fauler Wolf. Sicherlich gab es einen Wolf in diesem Rudel dem er ein Gespräch aufdrücken konnte. Außer sie waren schnell genug im Rennen und versteckten sich auf den nächsten Bäumen. Oder eben so ähnlich. Die Ohren des Braunen zuckten vergnügt, während er den Blick zurück zum Rudelplatz antrat. Er wusste nicht was er suchte, war sich aber sicher zu finden. Der Wolf suchte nicht den direkten Weg zum Rudelplatz, dort zog es ihn nicht hin, viel mehr suchte er etwas Ruhe und Bekanntes. Etwas, was Erinnerungen wecken konnte. Der See. Ja, der See schien ihm ein guter Platz für Gedanken und zu solchen Zeiten, suchten wahrscheinlich sogar mehrere Wölfe den Weg dorthin. Ob um zu Bedenken oder um das neuste Übel anzusehen, das Nichts über einem Teil des Sees. Das Nichts das für sie alle vielleicht in einiger Zeit eine ernsthafte Bedrohung darstellen würde. Yerik hatte so etwas wie es noch nie zuvor gesehen, auf keiner seiner Wanderungen war ihm eine solch grausame Gewalt unter gekommen. Umso mehr Interessierte es ihn nun jetzt. Jede Geschichte, jeder Gedanke über das Nichts waren ein wichtiger Teil seines Lebens und er wolle sie erleben.
“ Du denkst wie ein alter Narr, Yerik. Wie ein alter Geschichtenerzähler.”
Schmunzelte er und lachte dann selbst über seine eigenen Gedanken, über seine eigenen Worte. Doch seine Einsamkeit blieb nicht lang, den er suchte wirklich nicht allein den Weg zum See. Er erkannte den schwarzen Welpen nicht sofort, doch nach etwas Beobachtung konnte er ihn als den Sohn von Kaede und Urion identifizieren. Krolock, der kleine Rebell, wie er gehört hatte. Munter wandte der Braune seine Schritte etwas ab und schlug den Weg zu der kleinen schwarzen gestalt ein.
“ Suchst du die Einsamkeit, Krolock?”
Fragte er den Schwarzen ruhig und lehnte den Kopf leicht schräg. Die Sonnenaugen auf die des Welpen gerichtet.
“ Oder suchst du doch eher das nächste deiner Abenteuer?”
Abenteuer, er mochte sie, er hatte viele davon erlebt, er, der Wanderer, der Streuner. Yerik, der Sonnenwolf, der, der immer mit der Sonne zog. Das war er und darum zog es ihn hierher, doch was suchte Krolock in dieser Abgelegenheit, in dieser tristen Einsamkeit?”
Verwirrung, Entsetzen, Misstrauen, Bewunderung, Neugierde… Eine Folge von Gefühlen huschte über Jikkens Gesicht, dies verstecken zu wollen, wäre wohl sinnlos. Denn all diese Gefühle waren ja da. Und alles nur wegen dieser einen Aussage? Ja so schien es… denn den Rest hatte er gar nicht mehr mitbekommen. Nachdenklich starrte Jikken den schwarzen Rüden an. Es hatte sich also ein Gefühl durchgesetzt… das war schon mal ganz praktisch.
.oO(Nicht blind…?)
Dieser Gedanke schoss ihm im Moment durch Kopf. Nicht mehr und nicht weniger. Immerhin sagte dies doch schon alles, was gesagt werden musste, beziehungsweise was gedacht werden musste, denn er sagte es ja schließlich nicht… noch nicht. Das musste erst noch überprüft werden. Es könnte ja auch einfach Zufall gewesen sein. Glaubte er an Zufall? Muss man jetzt schon an alles glauben, damit es funktionierte? Schon wieder eine Frage, die einfach so im Raum stand und vom Thema ablenkte. Wie auch immer, Takashis Aussage hatte sich wie eine Antwort auf Satoris Worte angehört. Als hätte er mitbekommen, was sie sagte. Wär es nicht schön, jemanden zu finden, der nicht blind ist? Warum auch nicht? Vielleicht, weil er dann seine Satori mit anderen teilen müsste… sie nicht mehr nur für ihn da wäre… oder gar bei einem anderen bleiben würde… Ein schrecklicher Gedanke. Abwechselnd blickte er seine Gefährtin dann wieder Takashi an, um dann misstrauisch bei Takashi stehen zu bleiben. Indes hatte sich Satori neben den Schwarzen gestellt und schmiegte sich zärtlich an ihn. Jikken schnaubte verächtlich.
.oO(Fähen…)
„Was guckst du denn so? Ist was? Darf ich nicht böse sein? Immerhin hast du mich umgebracht…“
Unsinn. Selbstverständlich laberte sie Unsinn. Das stand für Jikken fest. Wie kam sie nun überhaupt darauf? So ein Unfug. Dennoch blickte er finster zurück, schon allein aus Prinzip. Satori schritt nun weg von Takashi auf die Pfütze zu. Das Blut hatte sich währenddessen im Wasser aufgelöst. Jikken blickte neben den schwarzen Rüden auf den Boden, einen nachdenklichen, wenn auch leicht finsteren Gesichtsausdruck aufgesetzt. Dass er Takashi gerade völlig ignorierte, war ihm gar nicht bewusst. Es war eigentlich nicht seine Art… eigentlich wurde er aber auch nicht so von seiner Gefährtin geschockt. Hatte er irgendetwas Falsches gesagt?
„Du verstehst es immer noch nicht?“
Was, was verdammt wollte sie denn jetzt von ihm? Das würde sich schon wieder verflüchtigen… wie das Blut im Wasser, sagte Jikken sich. Seine Züge entspannten sich etwas, der Boden blieb jedoch immer noch fixiert. Plötzlich drehte er sein eines Ohr nach links. Ein seltsames Geräusch. Wasser… Er schaute kurz zu Satori hinüber, die einen Schluck Wasser trank, ihn dabei aber nicht aus den Augen ließ. Sein Fell sträubte sich und schlagartig drehte er sich wieder weg. Und da platzte es ihm einfach raus.
„Du bist schuld verdammt nochmal, hörst du?!“
Plötzlich war alles so klar… natürlich war sie schuld… er verstand, was Satori meinte, doch sie hatte falsch gelegen.
Es gab keinen Frieden. Nicht für Amáya, nicht in dieser Welt. Der Hass und die Wut hatten sich zu sehr in ihr Herz gefressen, ihr eine andere Persönlichkeit gegeben. Ohne dieses Wesen konnte sie nicht sein und auch die samtene Stimme ihrer Mutter konnte nichts daran ändern. Der Todesengel verharrte schweigend, selbst als sich der kleine Welpe, der wie eine Fliege an der Scheiße an ihr klebte, wieder an sie drückte, zuckte Amáya nicht mal mit der Wimper.
In dieser Sekunde war es ihr völlig gleichgültig, ihre Aufmerksamkeit nicht in dieser Welt. Mit unsichtbaren Schwingen hatte sie die Schwarze das Hier und Jetzt verlassen, hatte sich auf gemacht die Grenze, die Pforte zu suchen. Es war ihr Schicksal, ihre Bürde, ihr Fluch.
Der tiefschwarze Rüde, Face, der sich hinzu gesellte, erhielt nur einen flüchtigen Blick. Von diesem schweigsamen Gesellen brauchte sie keine überflüssigen Worte befürchten. Einige Augenblicke später, die an Amáya unbemerkt vorbei zogen – sie achtete kaum mehr darauf was um sie herum passierte, ließ sich nur in die Leere ihrer Selbst ziehen – konnte sie eine sachte Schnauze an ihrer fühlen. Es war ihre Schwester, Tyraleen. Die dunklen Augen trafen die Hellen, das schwarze Fell berührte das Weiße. Das Bild von zwei Welpen gemeinsam im Schnee, staunend und fasziniert, blitzte in ihrer Erinnerung auf.
Heute, fast zwei Jahre später, standen sie hier: unterschiedlich wie Tag und Nacht, vereint in diesem Augenblick, vereint in den Gefühlen ihrer Herzen.
Für einen Herzschlag schloss die Dunkle die regenblauen Augen, ließ sich von ihrer Schwester berühren und beantwortete die Geste zaghaft, indem sie ihre Schnauze über den hellen Schnauzenrücken fahren ließ. Mehr Worte bedurfte es nicht. Es war nicht auszudrücken, was die Familie empfand und nur durch ein unsichtbares Band gehalten wurde, welches ein letztes Mal von Banshee geknüpft wurde. Ohne wirklich etwas zu sehen oder auf etwas zu achten lief Amáya stillschweigend hinter ihrer Tante her. Sie wollte nicht wissen, wer sich noch alles eingefunden hatte, wollte nur, dass dieser Moment, dieser Augenblick niemals eintrat. Doch war er unvermeidlich, das wusste sie nur zu gut. Mit der Kälte in ihrem Nacken konnte sie ihn förmlich spüren, konnte es riechen, schmecken, ertasten. Er würde kommen.
Ehe sie in eine andere Welt abdriften konnte, die nur dem reinen Herzen eines Welpen eintritt gewährte, horchte Aléya auf. Das sachte Kichern ihres dunklen Papas ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen und die Nackenhaare stellten sich ein wenig auf. Sie mochte seine Stimme sehr gerne. Seine Stimme, sein Gesicht, seinen Geruch. Es hatte alles eine besondere Wirkung. Ob dies nur ihr so ging?
„Ich möchte aber nicht von dir weg, Papa. Außerdem kannst du doch auch mit mir spielen, oder etwa nicht?“
Hoffnungsvoll begann die weiße Rute leicht zu wippen, die Augen – eben noch dösig und verträumt – waren jetzt wieder hellwach. ogleich richtete sich die Helle auf, streckte sich und reckte den Kopf, um Aryan ins Gesicht sehen zu können. Vergeblich. Er war einfach zu groß.
.oO(Papa ist sehr groß. Eines Tages... Ich... Ich werde bestimmt auch mal so groß sein.)
„Was spielen wir denn?“
, plapperte die Welpin munter weiter, als wäre es eine beschlossene, ausgemachte Sache, dass sich ihr Vater ihrem Spiel widmete und keine andere Vorstellungen hatte, den Tag zu verbringen.
„Spielen wir fangen? Ach ne, da gewinnst du immer. Wie wäre es mit verstecken?“
Ein ängstliches Zittern durchfuhr den schlanken Körper, der sonst immer auf Abenteuer aus war. Nicht jedoch, wenn sie an den Vorfall dachte. Sie hatte sich im Wald versteckt, ein komisches Ding hatte sie fressen wollen und als sie in heilloser Panik floh wäre sie fast in dieses wabernde Etwas, was alle ‚Nichts’ nannten gefallen und verschwunden. Hätte Aryan sie nicht gerettet.
Der Gedanke an jenen Tag wurde von einer großen Pranke weg geschoben und der Körper der Hellen wieder näher in das schwarze Fell gepresst. Hatte Papa etwas bemerkt? Dabei gab sie sich sonst immer alle Mühe, gefasst und locker zu wirken.
„Was...?“
, setzte sie an, lugte aus dem dichten Pelz hervor, der ihr wieder mit dem süßlichen Geruch die Sinne benebelte und erkannte den schwarzen Onkel.
„Hallo.“
, nuschelte sie hervor, ein wenig unschlüssig, wie sie sich dem großen Wolf gegenüber verhalten sollte.
Keine Antwort auf Takashis Frage. Also gut. Vielleicht war Jikken ebenfalls zu sehr in seine Gedanken vertieft und deshalb etwas abwesend. Schließlich war es noch völlig unbekannt für den schwarzen Rüden, was der Fremde zuletzt erlebt hatte. Es könnte ja vielleicht sein, dass auch ihn etwas Schreckliches passiert war. Deshalb nahm er ihm diese Kleinigkeit nicht übel. Takashi wusste nur, dass er selbst sehr nachdenklich war und nicht einmal wusste, ob er denn alle Worte des Weißen vernommen hatte. Bloß viel es dem Schwarzen auf, dass des weißen Rüden Gesichtsausdruck alles, nur nicht glücklich war. Jikken starrte Takashi an. Der Schwarze war damit gar nicht zufrieden und blickte für einen Moment zur Seite, dann wieder den Weißen an. In dieser eigenartigen Situation wusste der große Rüde aber nichts zu sagen. Abwechselnd sah Jikken Takashi selbst und wohl irgendjemand anderes an. Der Schwarze blickte neben sich und konnte niemanden erkennen. Unsicher machte er einen kleinen Satz zur Seite. Waren hier etwa Geister oder eines dieser eigenartigen Wesen? Das ganze war ihm überhaupt nicht geheuer!
.oO(Was sagst du da? Ich bin schuld? Spinnst du? Was soll denn auf einmal wegen mir sein? Wir kennen uns doch gar nicht! Und falls du das meinst, woran ich jetzt denke…dann ist das einfach nur eine dämliche Frechheit von dir!)
Plötzlich war Takashi gar nicht mehr so ruhig, wie er es vorher war. Sein Gesichtsausdruck wurde finster und auch seine Augen verengten sich. Er knurrte leise und verärgert. Natürlich hätte er jetzt so etwas nicht hören wollen. Und überhaupt – was wollte ihm Jikken überhaupt damit sagen? Schuld, aber an was denn? Ob er wohl von dem Tod Urions bereits erfahren hatte? Ob er es wohl mit angesehen hatte, was passiert war? Und jetzt wollte er Takashi dafür verantwortlich machen, weil er genau in diesem schlechten Zeitpunkt nicht da gewesen war? Zwar hatte sich der Schwarze schon genau aus diesem Grund Vorwürfe gemacht, aber von einem anderen wollte er sich das auf keinen Fall anhören und sagen lassen. Er starrte Jikken so an, als sollte es eine Vorwarnung sein. Takashi senkte den Kopf nachdenklich. Sollte dies überhaupt ein Grund sein, um ihn jetzt so aus der Fassung zu bringen? Vielleicht meinte der Weiße ja auch etwas ganz anderes. Aber dennoch war das, was er da gesagt hatte, alles andere als freundlich gewesen.
“Was sollte das? Was willst du?“
Fragte der Schwarze und knurrte leise dabei. Er war ziemlich wütend auf Jikken. Was sollte denn auch diese dämliche Anmache? Unsicher betrachtete Takashi den Fremden. Ob er wohl böse Absichten hatte?
Mit den Gedanken weit fort, hörte Kandschur Liam halbherzig zu. Laufen. Sich bewegen. Die Angst abstreifen. Sich Frieden verschaffen. Buddha war hier irgendwo. Irgendwo tief in ihm drin. Ganz tief. Liebe. Liam. Und das Nichts verblasste zu einer vagen Ahnung von Gefahr. Der Tibeter erhob sich, schüttelte sich langsam und beinahe gemütlich die Nässe aus dem Pelz und starrte in die undurchdringliche Dunkelheit die nur dann und wann von Blitzen und deren Helligkeit unterbrochen wurde. Aber niemals lange genug um irgendwas sehen zu können. Er mochte solches Wetter nicht, war es nicht gewohnt wie er an seinen schmerzenden Gelenken feststellte. Zaghaft udn wie eingerostet stakste er eine Weile im Kreis um sich zu orientieren ehe er die Nase hochreckte und Liam unter den Bäumen entlang folgte, die Ohren steil aufgerichtet. Bei jedem Donnerschlag machte er einen erschrockenen Satz nach vorn. Seine Pfoten, die nur steinige Wege gewohnt war, fanden im Schlamm keinen Halt.
Kandschur strauchelte und spürte wie eine Pfote wegrutschte. Keuchend landete er im Dreck. Matsch spritzte ihm in Nase und Augen und machte ihn orientierungslos, blind und hilflos. Zumindest für einen Moment. Sich hochstemmend bemerkte er den lähmenden Schmerz zu spät. Mit einem Fiepen sank er zurück in den Schlamm. Dann aber stemmte er sich hoch, verlagerte das Gewicht etwas und hinkte langsam hinter Liam her wobei er mehr auf 3 Beinen vorankam und das vierte lieber entlastete
Friedlich hatte Sheena sich unter den Bäumen platziert um sich ein wenig auszuruhen und ein kleine Schlafzeit, als Auszeit des immer weiter andauernden Regen, zu nehmen. Doch so erholsam, wie sie sich den Schlaf erhofft hatte, war er nicht geworden. Anfangs war sie zwar leicht in den Schlaf geglitten und hatte sich auf den Wolkenbergen zu Engaya tragen lassen, doch kaum hatte sie diese erreicht, war alles anders gekommen, als sie es sich vorgestellt hatte. Der Traum von Engaya, oder besser gesagt mit ihr, saß ihr noch immer im Nacken, als sie die Augen aufschlug. Unruhig versuchte sie in dem starken Regen irgendwen auszumachen, doch gelingen wollte ihr dies nicht. Sie spürte Fenris, der über dem Tal lauerte, seine Krallen schärfte, das Maul geifernd aufgerissen und wartend auf den Finalen Biss. Doch es musste so sein, es war so vorher bestimmt, Fenris gehörte dazu, ebenso wie Engaya. Und trotzdem betrübte Sheena der Tod ihrer Alphafähe, die mehr als nur das für sie gewesen war. Sie war ihr eine nahe stehende Fähe geworden, nachdem ihre Eltern sie verlassen hatte und auch wenn sie wenig Zeit miteinander verbracht hatten, wusste sie, dass sie sich immer an Banshee hätte wenden können, wenn sie es gewollt hätte. Außerdem hatte Banshee ihr beigebracht den Weg zu Engaya zu finden, sie hatte gelernt zu heilen und Schmerzen zu ertragen, ohne Schmerzen zu fühlen.
Das Abschiedsszenario, was sie in ihrem Traum schon vor sich gesehen hatte, hatte aber noch nicht begonnen, soviel konnte sie ausmachen, Banshee schien noch alleine mit Akru zu sein, sicher wollte sie sich von ihm persönlich verabschieden, haben sie doch viel miteinander zu tun gehabt. Die anderen Wölfe hatten begonnen sich um Nyota zu scharren, die nach ihnen allen gerufen hatte. Zumindest nach den Wölfen, die Banshee wirklich nahe standen. Irgendwie konnte Sheena sich glücklich schätzen, dass sie ebenfalls dazugehörte.
Seufzend war sie aufgestanden, als der erste Donnerschlag den Boden unter ihren Pfoten zum vibrieren brachte. Vor lauter Schreck hatte sie einen Satz nach hinten gemacht, wie lange hatte es schon nicht mehr so nah von ihnen ein Gewitter gegeben? Nicht, dass sie in Gewitter fürchtete, aber trotzdem hatte der Schlag sie etwas aus ihrem Konzept gebracht, die innerliche Ruhe hatte sich ein wenig verflüchtigt und eigentlich wollte sie sich auf den Weg zu Nyota machen, als sie ein weiteres Heulen, gleichzeitig mit einem Blitz der über den Himmel zuckte, wahrnahm.
Das war doch Liels Stimme, die kleine Tochter von Urion. Ein schreckliches Gefühl überkam sie, war nun ihr ganzer Traum wahr geworden? Bildlich hatte sie nur den Tod von Banshee gesehen, doch hatte Engaya ihr gesagt, dass noch etwas weiteres Schlimmes passieren würde und sie hatte es als dunklen, lauernden Schatten sehen können, hätte sie genauer hingeschaut, hätte sie sicher bemerkt, wer der dort sterbende Wolf war. Doch nun hatte sie es auch so erfahren, früh genug wie sie fand. Hin und her gerissen war sie nun, konnte sie sich nicht recht entscheiden, zu wem sie nun laufen sollte. Schließlich war Urion auch eine Art Ziehvater geworden! Doch Banshee war nun mal Banshee. Dann fiel ihr zum Glück wieder ein, dass Banshee sowieso noch mit Akru beschäftigt war und sie nur bei Nyota landen würde, mit einer Gruppe anderer Wölfe, demnach war noch Zeit um zu Urions Verabschiedung zu laufen. Sie rappelte sich endgültig auf, schüttelte sich das Fell und kniff die Augen zusammen um quer über den Rudelplatz zu laufen. Der Regen prasselte auf sie herab und sie merkte, wie tückisch der Boden geworden war. Der Matsch zwängte sich zwischen ihre Pfotenballen und obwohl sie als sehr trittsicher galt, kam sie hin und wieder ins straucheln oder rutschte einige Meter weit, ohne etwas daran ändern zu können. Ein wenig erleichtert war sie demnach schon, als sie am Flussufer ankam, an welchem Urion zu Wasser gelassen worden war. Sie war ein wenig zu spät, aber das störte sie nicht, schließlich wusste sie, dass Urion sie noch immer hören konnte. Auch die Ansammlung der übrig gebliebenen Familie hatte sich schon weiter zerstreut, übrig geblieben waren Liel und Shani, sowie Shákru Minor und ein ihr fremder Wolf, die aber eigentlich, soweit Sheena wusste, nichts mit Urion zu tun hatten. Sie lächelte den beiden trotzdem zu, schenkte Liel ein Lächeln, fast als wären sie richtige Geschwister, und trat dann an den Rand des Flusses.
oOLebewohl Urion, grüß Zack von mir. Sag ihm, dass ich ihn nicht vergessen habe, es mir aber trotzdem gut geht… Und lass es dir auch gut gehen Vater….oO
Sie hatte ihn selten, fast nie Vater genannt. Schließlich war er es nicht, genauso wenig wie Zack es gewesen war. Ihr Vater lebte woanders, aber trotzdem war ihr erst Zack und mit der Zeit auch Urion ans Herz gewachsen, sie hatten beide eine Vaterfigur verkörpert, warum also nicht auch die beiden so nennen? Sie wusste schließlich, wie es wirklich war und die beiden auch.
Sie erhob ihre Schnauze und ließ ein kurzes, trauriges Heulen erklingen, ihr Abschiedslied für ihren dritten ‚Vater’. Dann machte sie auf der Hinterhand kehrt, sie wollte sich nicht lange hier aufhalten, führte ihr Weg doch noch weiter, zu der nächsten Verabschiedung. Es erschien ihr fast ein wenig unhöflich hier so herein zu platzen und dann gleich wieder zu gehen, deshalb stoppte sie erneut bei Liel und Shani und schenkte ihnen ein freundliches Lächeln. Erklären konnte sie nicht, warum sie so schnell wieder verschwand, aber Shani hatte den Ruf Nyotas sicher auch vernommen und konnte sich hoffentlich denken, dass Sheena ihm folgen musste. Sie wartete, trotz der Unhöflichkeit, nicht mehr auf eine Reaktion, sondern setzte ihre schlammigen Pfoten erneut voreinander, weg vom Fluss, hin zu Nyota und den anderen. Es hatten sich schon einige Wölfe versammelt und irgendwie kam Sheena sich etwas fehl am Platz vor, das waren doch alles Familien angehörige, oder sah sie das falsch? Und sie, als einzige, die gar nicht zur Familie gehörte. Es war ihr unangenehm und etwas eingeschüchtert, fiel es ihr plötzlich schwer sich zu der Gruppe zu gesellen. Es verwunderte sie, eigentlich hatte sie mittlerweile keine Probleme mehr damit zu anderen Gruppen zu stoßen, aber in dieser besonderen Situation erschien sie sich wie ein Eindringling, der ungefragt ein Revier betrat und dafür Ärger und Missgunst ernten würde, wenn nicht sogar Bisse und verletzende Worte.
Unbeholfen, wie sie sich nun fühlte, blieb sie noch im Wald stehen, beobachtete die anderen, die ebenfalls dicht am Waldrand standen und wartete einfach. Sie konnte sich nicht überwinden die ersten Schritte, näher zu den anderen, zu machen, auch wenn sie sich hier am Rand auch nicht gerade wohl fühlte. So offensichtlich nicht dazugehörig. Wie schade, dass Wölfe sich nicht in Mäuse verwandeln konnten und in die Erde kriechen konnten. Oder einfach selber Löcher buddeln konnten, in denen sie versinken konnten. Sie musterte die anderen Wölfe, immer verlegender. Sie kannte kaum einen der Wölfe wirklich, natürlich vom Namen her, schon oft genug gesehen, aber nie mit ihnen gesprochen. Außer die schwarze Fähe Amáya natürlich, die kannte sie nur zu gut. Dieses Miststück.
Doch Sheena schluckte die aufkommende Wut so schnell wieder runter, wie sie hochgekommen war, es gäbe nie eine rechtfertigende Situation, um die Fähe zurecht zu weisen, doch diese hier war wirklich noch die ungeeignete von allen. Still stehen, stumm sein und nicht auffallen. Vorsichtig und ohne einen Laut von sich zu geben, setzte sie sich auf ihre Hinterpfoten und betrachtete erneut die Bilder, die ihr im Traum erschienen waren.
Tascurio beobachtete seine Mutter und Amáya kurz etwas skeptisch, als die beiden Wölfinnen sich als liebevolle Freundinnen gegenüber traten. Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Zum Zeitpunkt von Leid und Trauer wuchsen die Wölfe zusammen, während sie in allen anderen Augenblicken wie Fremde miteinander umgingen. Wie falsch und wie widerwärtig. Für seine Patentante natürlich völlig normal. Sie ging, ließ ihn ungeachtet zurück und er fasste für sich den Entschluss, von diesem Tage an, nichts mehr von ihr zu wünschen, oder ihr auf die Nerven zu gehen. Es hatte keinen Sinn und er war abgeneigt, sich von so viel Schwäche beschützen zu lassen. Der Tag würde kommen, an dem das alles ohnehin nicht mehr nötig sein würde. Unschlüssig sah sich Tascurio um und betrachtete seine Familie, die sich um seine sterbende Großmutter versammelte. Die Gegenwart des Todes schien geradezu spürbar. Nicht nur, weil er Banshee holen wollte, sondern weil Leben und Tod hier ineinander verschmolzen. Gefühle strömten auf Tascurio ein, die er nicht kannte und nicht mit dem Verstand begreifen konnte. Er wusste nichts von seinem Großvater, hatte ihn nie getroffen. An diesem Tag führen wohl alle Wege hier her und er stand inmitten der Wölfe, für die er nichts übrig hatte. Kein Mitleid, keine Liebe, sie waren einfach nur da und er weit fort von ihnen. Sein Blick fiel auf Chanuka, den ausgeschlossenen Bruder. Shákru Minor hatte es so einfach gehabt, ohne jeglichen Glauben an die Götter. Wie dumm nur, dass man es in dieser Familie besser wusste. Ein Leben im Dienst von Engaya und Fenris.
In Gedanken versunken folgte er schließlich den Trauernden, um zwischen die Pfoten seiner Großtante zu klettern und sich dieses Mal an ihr Bein zu lehnen. Es war ihm egal, ob er je mit ihr zu tun gehabt hatte. Er nahm sich einfach das Recht heraus, ein Welpe zu sein, der sich auf jeden Wolf einlassen konnte. Nyota war ihm zwar fremd, dennoch hatte er nicht das Gefühl, dass dies eine Rolle spielte. Spielten doch sogar die Anderen das Stück der zusammengehörenden Familie, so dass es nicht auffiel, wenn er sich ungeachtet der herrschenden Vorurteile einfach fallen ließ, wie man das eben so tat, wenn irgendein wichtiges Familienmitglied starb. Dabei machten alle Wölfe für ihn keinen Unterschied. Er entschied logisch, dass ältere Wölfe eher sterben sollten, als junge. Banshee hatte viele, viele Tage zu leben gehabt. Mehr als andere Wölfe. Wieso sollte es so erschreckend sein, dass sie sich nun in die Ewigkeit zurückzog? Er seufzte und sah zu Nyota nach oben.
Shákru wurde völlig von der Reaktion seines Bruders überrumeplt, was aber seiner Freude keinen Abbruch tat. Völlig baff ließ er sich von Ayv auf den Boden werfen, durchkuscheln und zog ihm selbst glücklich an den Ohren. Schließlich rollte der Bruder sich zur Seite, befreite sich aus den Fängen seines Bruders und wischte glücklich mit der Rute über den Boden.
"Komm zu mir, Bruder. Lass dich nur ansehen."
Minor bemerkte erst jetzt das Ayv blind war, aber er wusste ganz tief in sich, dass dies seinem Bruder nichts oder eher wenig ausmachte. Wie lange war es her, dass sie sich nicht gesehen hatten? Viel zu lang. Fragen über Fragen und der Drang selbst zu berichten was ihm wiederfuhr, drängten sich in seiner Brust.
"Wie geht es dir? Wie ist es unser Familie ergangen. Was haben sie nach meinem Ausbruch getan? Ich habe dir auch so viel zu erzählen. So unendlich viel. Ich bin erst grade zurück gekehrt, ich war auf einer langen Wanderung, wollte hier nie wieder zurück, weil ich mich so missverstanden fühlte, aber ein Drang bewegte mich zur Rückkehr. Du musst es gewesen sein."
Die kleine Sternenleier lächelte auf Wolfsart Ayv an, dabei wusste er nicht mal mehr genau den Namen seines Bruders. Er wusste nur, dass sie ihn im Rudel ebenfalls mit Shákru riefen, aber bestimmt trug er einen anderen Namenszusatz oder hatte er nun einen ganz anderen Namen?
Dunkle Erinnerungen kehrten zurück und ein leichter Sonnenstrahl schien aus den dunklen Wolken zu dringen. Minor hatte das Gefühl mit seinem Bruder an der Seite nun besser zurecht zu kommen. Na immerhin.
Ein Gefühl der Freude durchströmte Ayv, als er seinen Bruder so ansah. Shakru wirkte so glücklich. Auf seine Aufforderung stellte er sich genau vor ihn und wartete. Ein paar mal schloss er für Sekundenbruchteile seine Augen und schaute seinen neu gewonnen Bruder nur an. Er war so froh, ihn seit all den Jahren endlich wieder zu sehen. All die Jahre, in denen er auf der Suche nach ihm war, waren ihm so unendlich lange vorgekommen. Als hätten sie nie enden wollen, doch auch sie mussten ein Ende haben, so wie alles ... irgendwann musste alles ein Ende haben. Das feine Lächeln auf Ayvs Lefzen erstarb. Es erstarb, als sein Bruder nach ihrer Familie fragte.
"Mir geht es gut."
flüsterte er leise. Seine Stimme klang nicht dementsprechend. Überhaupt nicht.
"Unsere Mutter, sie war so traurig. Sie weinte viel. Unser Vater hat Tage nach dir Ausschau gehalten. Nachdem du gegangen bist, hat es nicht lange gedauert und ich habe sie auch alleine gelassen. Ich wollte dich suchen. Ich habe dich vermisst und unsere Eltern, unsere Mutter, sie vermisst dich, unser Vater, er ... er hat mir gesagt, er will immer nach dir Ausschau halten. Auch ..."
Ayv stockte. Dann gab er sich einen Ruck und wiederhohlte die Worte seines Vaters, wie er sie damals zu ihm gesagt hatte.
"Ich will immer auf euch achten. Wenn ich tot bin, will ich euch nicht vergessen. Versprech du mir, Shakru Major, versprech mir, dass du es deinem Bruder sagen wirst, wenn du ihn je wieder sehen solltest."
Ayv senkte den Kopf und wartete. Die Worte seines Vaters hatten ihn damals erschreckt. Er hatte Ansgt vor den Worten seines Vaters gehabt.
"Ob unsere Eltern noch leben, weiß ich nicht. Aber sie haben gesagt, dass sie dich immer suchen wollen. Ihr Leben lang."
Ayv senkte den Kopf noch weiter und horchte auf die Geräusche um sie herum. Da wurde Ayv bewusst, dass er sich an einen Teil seiner Vergangenheit erinnerte. An den Teil, den er immer hatte vergessen wollen. Langsam hob er wieder den Kopf und schaute in Shakrus Augen. Sie waren nur ein grauer Schimmer, doch aus seiner Erinnerung sah er noch immer die leuchtenden Augen von ihm, wenn sie zusammen gewesen waren.
"Erzähl! Was für Dinge sind dir wiederfahren?"
Fragte Ayv und legte den Kopf abwartend schief. Nun hatte er seinen Bruder wieder, nun wollte er mit ihm reden, aber über schönere Dinge, als die Dinge, die sein Vater gesagt hatte.
Major war er. Stimmt! Shákru Major war sein Name. Sein Bruder. Als dieser nun von der Vergangenheit berichtete, da erschauderte es innerlich in dem schwarzen Rüden. Sanft fuhr er mit seiner rauen Zunge über Ayvs Schnauze, drückte sich gegen seinen großen Bruder.
"Wenn sie doch nur meine Hilferufe gehört hätten. Sie alle haben mich zu etwas gemacht, was ich nicht sein wollte. Wie oft versuchte ich mich umzubringen, wie oft habe ich nach der Wahrheit gesucht und sie nie gefunden? Ja, ich bin abhauen, weil ich niemals etwas besonderes sein wollte. Sie haben mir Dinge aufgedrückt, die ich nicht lernen wollte."
Minor seufzte leise. Konnte sein Bruder sich denn nicht mehr daran erinnern? Wie die Priester die kleine Sternenleier auf ein Podest hoben, in ihm was besonderes sahen, weil er als einziger schwarzes Fell trug, das Zeichen des heiligen Weges auf seinen Rücken trug, den weißen Ring um seinen Lauf.
Mit leiser Stimme berichtete der Schwarzfang von diesen Geschehnissen, fragte seinen großen Bruder, ob er daran gar keine Erinnerung mehr hatte. Die kleine Sternenleier ließ sich auf die Hinterläufe sinken, drehte die Ohren zur Seite und versuchte seine Geschichte wiederzugeben.
"Bei meiner Flucht verlor ich den Glauben an die Götter, an Fenris und Engaya, versuchte andere Erklärungen für das Leben zu finden. Irgendwann stieß ich auf dieses Rudel, mein Erscheinen war nicht grade schmeichelhaft, ich benahm mich zu sehr anders, als die Anderen. Ich fand keinen Anschluss, weil ich an meinem Glauben festhielt, weil ich den anderen Glauben nicht akzeptierte. Ich bin immer noch ein Ketzer, ich weiß nicht, ob man mich hier noch sehen will. Man stieß mich von sich, ich striff allein durch die Wälder, ich wurde depressiv und vor allem stellte ich mit bewusst gegen den Todessohn Averic, in dem ich Dinge mit seinem Sohn Tascurio machte, wie mit ihm in den Wald zu gehen. Ich beschloss aus dem Rudel zu verschwinden und wie du siehst vermissen sie mich nicht mal. Auf meiner Wanderung stieß ich auf diese felllosen Zweibeiner, sie nahmen mich auf und ich fühlte mich seit langem wieder zuhause. Sie brachten mir einen neuen Glauben bei und sie nannten mich Namid, Sternentänzer. Aber auch zog es mich irgendwann aus diesem Rudel fort und ich ging auf eine lange Reise in den Norden. In einer Eiswüste traf ich auf Engaya, Fenris und letztendlich auch auf diesen Namid.
Namid war für die Indianer das Gleiche wie Fenris, diese Glauben sind auf eine komplizierte Weise mehr als verknüpft, greifen ineinander. Ich weiß bis heute nicht, warum sie mich Namid nannten, Sternentänzer ... Sternenleier. Es ist irgendwo immer das Gleiche, aber ich weiß nicht um die Bedeutung, ich bin immer noch am Suchen, obgleich ich toleranter gegenüber Engaya und Fenris geworden bin, denn nun weiß ich, dass es sie gibt. Genau so wie Namid."
Shákru schloss die Schnauze, blickte in den Himmel. Das er nun seine Geschichte wieder erzählte, machte ihn wieder sehr nachdenklich und traurig. Nein, glücklich war er immer noch nicht, wenn auch ausgeglichener, aber glücklich? Würde er denn je wieder glücklich werden oder war er verdammt dazu auf ewig zu suchen.
"Ich möchte einfach nur meinen Platz im Leben finden."
Die sanfte Zunge seines Bruders eregte seine volle Aufmerksamkeit und Ayv überlegte lange, als sein Bruder ihm von den Geschehnissen erzählte. Wie die Priester ihn behandelt hatten, wie er seinen Glauben an Engaya und Fenris verloren hatte und seinen Weg beschrieb, den er geangen war. Nein, Ayv erinnerte sich nicht daran, wie die Priester ihn behandelt hatten. Und das sagte er seinem Bruder auch.
"Nein, Bruder, die Priester, ich kann mich nicht einmal an Priester erinnern. Nicht einmal daran. Priester, sie erscheinen mir unbekannt und ... fremd. Ja, fremd erscheinen sie mir. Nach dem Vorfall mit dem Bären, als er mich angriff, habe ich so viel vergessen, viel zu viel. Du weißt wohl viel mehr als ich über unser Rudel - obwohl ich viel länger in ihrer Gegenwart verweilt habe."
Ayv tat es Shákru gleich und ließ sich auf seine Hinterläufe sinken. Dachte nach und lauschte der Natur. Er wusste nicht, ob die beiden, er und sein Bruder, irgendwo aufgenommen werden würden. Er hoffte nur, dass es nicht so war. Was anderes konnte er immerhin nicht tun. Ayv hoffte einfach nur, dass sie zusammen aufgenommen wurden.
Als Shákru zu dem Teil mit den Zweibeinern kam, zuckte er zusammen. Er mochte die Zweibeiner ganz und gar nicht. Warum er sie nicht mochte, wusste er nicht. Namid, der Name erklang und hallte in Ayvs Ohren wieder. Ihr Vater hatte ihn manchmal genannt, er wusste nicht mehr in welchem Zusammenhang, aber es war ein bedeutender Zusammenhang gewesen.
"Bruder, Shákru Minor, du wirst eine Antwort finden. Es gibt die Antwort, die du suchst, irgendwo. Vielleicht ist sie sogar tief in dir. Vielleicht weißt du sie längst, nur erkennst du sie nicht als die richtige Antwort. Such weiter und gib nicht auf. Und bald wirst du dann auch einen Platz finden, an dem du willkommen bist. Aber auf alle Fälle wirst du bei mir immer willkommen sein. Ich will dir immer einen Platz geben, an den du immer zurück kommen kannst. Nur bitte hör nicht auf zu suchen."
Ayv wusste selber nicht, was seine Worte bedeuteten. Sie waren plötzlich einfach da gewesen, als hätte jemand ihm diese Worte zugeflüstert und ihm gesagt, er solle sie Shákru sagen. Sie seien sehr wichtig. Ayv wandte seinen Kopf zu Shákru um.
«Dad, I love you – forever. Let me be your angel with black wings.»
Gani war lange Zeit alleine gewesen. Sie hatte den Ruf Nyotas gehört – die schlechte Botschaft. Aber sie gehörte nicht zur Familie. Akru sicherlich, aber sie nicht. Es war für sie wie ein grauer Vorgang, auf dem die Namen der Angehörigen waren, aber die Neuen durften nie einen Blick auf das Theaterstück erhaschen; sie waren nicht erwünscht.
Und Gani hatte das Gefühl, auch sonst nicht erwünscht zu sein – selbst ihr Vater übersah sie immer häufiger. Die graue Prinzessin erhob sich vom Boden und schlich leise und unsicher an den anderen, zurückgebliebenen Wölfin vorbei in den Wald, wo Aryan sie vor langer Zeit gefunden hatte.
Die kleinen Pfotenballen schlurften über den matschigen Boden und hinterließen tiefe Schlammgräben in denen sich das Regenwasser sammeln konnte. Ab und zu ließ Krolock den kleinen Fang sinken, um sich die seltsamen Muster des Drecks auf seinen Läufen zu begutachten. Eine kleine Ablenkung von den Dingen, die ihn immer wieder übermannten und einfach die Kehle zu schnürten. Ein ekelhaftes Gefühl. Zudem war er nicht ganz sicher, was er nun am See wollte. Es wirkte zwar grotesk, aber Krolock hätte Alles für eine kleine Ablenkung, irgendein Spiel, gegeben. Nur noch einmal so richtig Welpe sein dürfen – einfach vergessen. Zudem knurrte der kleine Magen unerträglich. Wie lange hatte er nun schon so wenig Nahrung zu sich genommen? Seit Kaede gestorben war, schien es ihm wie ein Verbot an sein eigenes Wohl zu denken und nun wo Urion... na ja, war eben keine leichte Zeit.
In seinen trotzigen Gedanken versunken hatte er fast nicht wahrgenommen, dass Yerik vor ihn trat. Keuchend und mit einem recht schiefen Grollen machte er seinem Schrecken Luft, sprang mindestens eine Wolfslänge in die Höhe und riss die Augen auf. Das Nackenfell hatte sich unweigerlich aufgestellt und die Brust hob und senkte sich schnell. Es dauerte einige Sekunden, bevor der Schwarze sich gefangen hatte und langsam wieder zu einer normal schnellen Atmung gelang.
“Mach´ das nie wieder“,
murmelte er verlegen, angesichts seines so schreckhaften Verhaltens. Doch um nicht allzu viel aus der gewohnten Lässigkeit zu geraten, setzte er ein verschmitztes Lächeln auf, legte den kleinen Kopf ebenso schief.
“Mir wäre ein Abenteuer lieber – eines, dass richtig Mut und Kraft verlangt“,
prompt die Antwort, prompt ebenso der Schmerz um den Verlust. So hatte er sich immer gewünscht, dass Urion eines Tages fragen würde, ob Sohn und Vater ein Abenteuer erleben wollen – das war wohl nicht mehr möglich. Und wieder war es nur der Trotz, der Krolock aus weiteren Gefühlsausbrüchen rettete.
“Ich will in die Berge“,
gestand er. Ein Weg in eine große Einsamkeit, ein Weg, der viel von einem Selbst abverlangte, der die Persönlichkeit formen konnte. Dort oben lag eine Welt voll Eis und Schnee. Kaede hatte ihm einst mal davon erzählt, hatte das harte Leben beschrieben und die Gefahren. Und wie sehr er Gefahren liebte.
“Aber das geht natürlich nicht...“,
murrte er und verdrehte die Augen.
Sharu versuchte, sich darauf zu konzentrieren ruhiger zu werden, doch ihre dunklen Augen suchten noch immer ständig die Umgebung ab. Die kleine Fähe hatte es teilweiße geschafft sich zu entspannen, doch als der Rüde aufstand und sich hinter Isis legte, zuckte sich nocheinmal zusammen. Sie hörte den beiden weiter zu und durchbrach ihr Schweigen nur um ab und ab ihren Schluckauf mit Geräuschen bemerkbar zu machen. Der Name Nyota fiel wieder und sie fragte sich, wer das war. Bestimmt war das wieder ein wichtiger Wolf, so wie es der schwarze große Rüde in ihrem Rudel war. Er hatte sich immer ziemlich aufgespielt und wenn jemand ein Problem hatte, kam er zu ihm. Sharu hatte diesen Riesen noch nie gemocht, denn er durfte alles entscheiden. Naja, fast alles, aber doch genug.
Sie stieß etwas aus, was sich an ein Seufzen auflehnte, jedoch eher nach einem Fiepen anhörte. Sie sah zu Katsumi, der den Fang auf Isis' Rücken gelegt hatte und sich weiter mit ihr unterhielt. Als der Braune sie 'Mondhauch' nannte, wurde ihr ein wenig kalt. Hatte da grade der Wind geweht, oder war es das Wort an sich, welches kalte Vorstellungen durch ihre Gedankengänge jagte? Ja, das musste es sicher sein. Sie verbrachte den Mond immer mit etwas kaltem. Sie sah hoch zu Isis und nickte, als diese sagte, sie verrate Katsumi ihren Namen.
Den Rest des Gespräches nahm sie nicht mehr wahr. Sie entspannte sich, denn Sharu vergaß für einige Momente ihre Umgebung. Was sie zu Hause wohl gerade taten? Ihre Mama würde bestimmt grad irgendwo sitzen und ihre Geschwister alleine lassen. Dafür wäre aber sicher Mamas Schwester Keela da und spielte mit ihnen. Ob sie Sharu vermissten? Achwas, dort wurde niemand vermisst. Auch nicht Sharus Schweigen. Sharu Naím. Wieso hatte man ihr eigentlich einen so schönen Namen gegeben, wenn man sich sonst so schlecht um sie kümmerte? Sie spürte wieder dieses klitzekleine Hungergefühl, welches sie schon seit Tagen unterdrückt hatte. So lange hatte sie noch nie nichts gegessen. Aber ihre Mama hat gesagt, das ist nicht lange, nur für sie wäre das lange weil Sharu ja noch klein ist. Mit einem tiefen Atemzug ließ Sharu unsanft ihren Oberkörper hinabgleiten. Ein kleiner Stick in den Rippen, aber das ließ bald nach. Die kleine Fähe legte ihren Kopf neben Isis linke Pfote. Die Ohren ließ sie hängen. Bei anderen waren sie viel stabiler als bei ihr. Bei ihr konnten sie ein wenig.. schlappiger sein. Sharu fand das nicht schlimm, es war kein Unterschied wenn sie aufrecht waren oder geknickt waren, was das Hören anging. Außerdem flogen da nicht so viele kleine Dinge in ihr Ohr, was dann so komisch kitzelte. Bisher hatte ihr niemand gesagt, was das für summende und brummende kleine Dinge waren. Die kleinsten suchten gerne den Weg in ihre ovalen Ohren, aber so oft auch wieder nicht.
Fast schon beiläufig sah sie in die Richtung, aus der gerade ein Rüde kam. Gelassen wandte sie den Blick wieder ab, sah erschrocken jedoch noch einmal hin. Ein Fremder! Sharu fuhr hoch und drückte sich leicht gegen Isis Lauf, bereit zur Flucht. Doch als der große Rüde Isis beim Namen nannte, wurde die Kleine schon wieder ruhiger. Wenn er Isis kannte und weder Katsumi noch Isis irgendetwas gegen die Ankunft des Rüden taten, dann konnte er nicht böse sein. Und etwas weiter hinten konnte sie eine weitere Gestalt erkennen. Erneut baute sich in dem kleinen Welpenkörper eine Spannung auf. Eine kleine Angst saß in ihrem Magen und machte sich mit einem unschönen Gefühl bemerkbar. Wieder stieß sie ein Glucksen auf. Wow, das komische Hicks war ja noch da! Sharu hatte es ganz vergessen, während sie an zu Hause gedacht hatte...
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als Jikken auf die vor Anspannung zitternde Pfote starrte. Was war eigentlich mit ihm los? Für einen kurzen Moment blickte er wieder hinüber zu seiner Gefährtin Satori, um sich dann wieder zornig schnaubend von ihr abzuwenden. Sie redete schon wieder Nonsens. Erzählte über die Vergangenheit, die nicht so war, wie sie sagte. Das war los. Das Thema war doch tabu und das aus guten Grund. Dies hätte Jikken beinahe wieder vergessen, doch das war ja eigentlich ein gutes Zeichen, wenn er sich nicht mal mehr erinnern könnte, dass ein Thema tabu war, dann könnte er sich wohl nur noch schwerer daran erinnern, was das nun überhaupt für ein Thema war und wenn doch, dann wäre es wohl kein Problem mehr, da er ja nicht wissen würde, dass dies überhaupt ein Problem war. Eindeutig.
i>.oO(Hat der das etwa nicht mitbekommen?)
Diese Frage war die zweite Reaktion auf Takashis Worte. Als Jikken überhaupt realisiert hatte, dass dieser noch da war, schaute er den schwarzen Rüden einfach nur überrascht an. Gut, das unterstütze nur noch seinen Gedanken. Wieder ein kurzer Blick zu Satori und die richtigen Worte waren gefunden.
„Das sollte ja wohl selbst ein Blinder erkennen… denkst du etwa, ich sei daran schuld?!“
Jikken stieß mit der zuvor zitternden Pfote auf den Boden, seine Augen hatten sich erneut zu Schlitzen verengt. Das bedrohliche Knurren des Gegenübers nahm er erst mal so hin. Warum diese Reaktion? Eigentlich konnte er doch gar nicht wissen, was Jikken meinte, es sei denn, er war doch nicht blind, warum sollte er denn auch sowas fragen? Das war im Endeffekt auch egal, denn immerhin hatte er es ja gefragt und das zählte. Jikken hatte ihm geantwortet, konnte aber dabei einfach nicht ruhig bleiben. Bei diesem Thema wollte er einfach nicht kleinbeigeben, schon gar nicht in ihrer Gegenwart.
„Haben wir ein Problem?“
Bei Satoris sanfter Berührung standen ihm sämtliche Haare zu Berge. Das kam genauso unerwartet wie unerwünscht. Jikken würdigte sie keines Blickes. Auch wenn man merkte, dass er sich ein wenig entspannte. Dennoch stand die Antwort für ihn fest:
„Das steht doch außer Frage…“
„Und warum?“
Eine gute Frage. Weshalb hatte er nun eigentlich auf diese Art auf Satoris Gesten reagiert? Das war für ihn im Moment nicht mehr nachvollziehbar. Sein Blick wanderte von Takashi zurück auf den Boden. Er hatte selbst gegen den Fremden, über dessen Anwesenheit er sich vor Kurzem noch gefreut hatte, seine Meinung verteidigt, aber wieso? Leere. Keine Antwort. Er hatte einen kleinen Stein im Blick. Überrascht blieb er an ihm hängen.
Es war still. Nur der Himmel weinte ununterbrochen und wenn man genau hinhörte, konnte man das Jammern und Schluchzen gut erkennen. Ansonsten war es still. Fast. Katsumi lächelte verträumt und lauschte dem Hicksen weiter, das langsam aber sicher abnahm. Der kleine Mondhauch schien sich zu entspannen. Der Braune lauschte weiter und hörte das regelmässige Schlagen des Herzen der Sandkönigin. Regelmässig schlug das Blut an die Arterienwände und nun hörte es der Rüde auch. Isis schien entspannt und ruhig zu sein, nicht verstört über die Nähe von ihm. Sanft ertönte der schöne Klang der Stimme Isis. Sharu Naím. Erneut rutschte ein Lächeln auf Katsumis Lefzen. Ein prachtvoller Name für eine schöne kleine Fähe.
"Einen sehr schönen Namen hast du da, Sharu Naím."
Der Fünfjährige flüsterte es sanft in das kleine Ohr und leckte der kleinen Fähe mit der rauen Zunge über den Kopf, ehe er sich wieder seiner Sandkönigin zuwandte.
"Ich fühle dein Vertrauen, liebste Isis. Es macht mich stark und stolz, ummauert meine Lebenspumpe mit Wärme und Freude! Gerne erfülle ich dir diesen Wunsche, meine Liebe."
Noch einmal schloss der Hühne seine Augen, um den Moment zu geniessen, um den Duft der Fähe nochmals tief einzuatmen und um dem Schlagen des Herzen zu lauschen. Bevor jedoch Katsumi seinen schlanken Körper umplatzieren konnte, sah er aus den Augenwinkeln, wie der Welpe zusammenzuckte und der Schluckauf von neuem begann. Sofort schnippten die Ohren nach Vorn und die Nasenflügel blähten sich auf. Zwei Wölfe waren in der Nähe. Jedoch keine Bedrohung. Der Duft des Rudels hieng in ihrem Fell und so wartete Katsumi die wenigen Wolfslängen noch dicht bei Isis ab. Tatsächlich steuerte ein Rüde auf sie zu, der sie auch freundlich begrüsste. Sein Name war Liam, so viel wusste Katsumi. Er war dabei, als Isis versuchte... bloss den Gedanken nicht fassen! Elegant drückte der Braune seine Läufe in den Boden und erhob sich. Kurz fröstelte er, als die Luft wieder an seine Seite drang. Dann schüttelte der Fünfjährige sein Haupt begrüsste ebenfalls.
"Sei gegrüsst. Liam, nicht wahr? Mein Name ist Katsumi. Welch ein Choas, was...?"
Kurz blickte der Hüne wehmütig zu seiner Sandkönigin. Gerne wäre er alleine mit ihr gewesen. Doch diese Zeit wird auch noch kommen. Dann glitten die gelben Seelenspiegel zu dem zweiten Wolf.
"Sei auch du gegrüsst, Artgenosse. Verzeih, doch dein Name ist mir fremd..."
Aufmerksam sah er in die Augen der Rüden, ehe er sich nahe bei Isis und Sharu einen Platz suchte, so, dass die Sandkönigin ihn sehen und gar berühren konnte. Der braune Körper bettete sich im Schlamm ein und die Schnauze glitt zu der Kleinen.
"Fürchte dich nicht, Sharu Naím. Beide Rüden gehören zur Familie. Sie werden dir nichts tun, hübsche Dame."
Erneut glitt die raue Zunge über den Kopf der Hellen. Er nannte das Rudel bewusst Familie, dann dams gab es nicht eine Geneinschaft, sondern eine Familie. Jeder war für jeden da, gross für Klein, Klein für gross. Nochmals lächelte der Fünfjährige. Doch dann zog Isis magisch am Kopf des Rüden, so, dass er sie ansah. Und abermals war er gefangen Von ihrer Schönheit. Vom Kampf zwischen Erde und Sand und den Sandstürmen auf ihrem Fell. Jegliche Brauntöne waren vorhanden und in ein feines aber schönes Muster verwickelt. Der Körper schlank und gut gebaut, versehen mit schmalen Läufen, die Isis bestimm weit trugen. Das Haupt war geziert mit gelben Augen, die so viel Ausdruck hatten und die Schnauze schrie nach Zärtlichkeit. Katsumi liess die Fähe seine Bewunderung spüren.
Den Kopf tief gesenkt hatte Shani ausgeharrt, die Bestattung Urions nur mit den Ohren verfolgt. Takashis Worte waren schön gewesen, mussten aus den alten, lange überlieferten Worten für die Toten stammen und der Schwarze hatte diese wahr und voller Trauer gesprochen. In diesem Sturm mit den reißenden Fluten war es auch nicht ganz ungefährlich, den Leichnam in den Fluss zu tragen, doch auch diesen Widerstand hatte der Bruder des Toten überwunden und sicher hatten die Fluten Urion innerhalb von wenigen Momenten verschluckt. Nun war seine Leiche fort und er selbst im Himmel. Shani spürte Trauer, aber nicht, weil sie Urion gemocht oder groß gekannt hatte, sondern weil seine zurückgebliebenen Welpen nun keine Eltern mehr hatten und plötzlich alleine in dieser stürmischen Welt standen. Es war nicht fair. Nach der Bestattung, löste sich die ganze Gemeinschaft schnell wieder auf. Jumaana verschwand schnell, ebenso wie Takashi. Auch der neue Polar machte sich aus dem Staub und der andere Neue, Ayv versuchte zunächst Krolock zu beschwatzen, der sich daraufhin lieber ebenso verkrümelte. Wenige Momente waren Ayv, Shani und Liel alleine, dann tauchte plötzlich der seltsame Rüde Shakru auf, den Shani schon länger nicht mehr gesehen hatte und schien in Ayv seinen verlorenen Bruder wiederzufinden. Shani betrachtete die Szene mit leicht gekrauster Stirn und wandte sich dann von den zwei fröhlichen Wölfen ab. Jetzt waren Liel und sie alleine. Die Kleine schien so traurig und bedankte sich doch ehrlich und erwachsen bei ihr. Ein kurzer Moment des Zögerns, dann kroch die kleine und doch so große Liel zwischen Shanis Vorderpfoten und vergrub sich dort in ihrer echten Trauer. Eine weitere Sekunde stand die Weiße still da, dann ließ sie sich nieder, winkelte die Pfoten an und fuhr mit der Zunge schützend über das Fell des Welpen. Eine ganze Zeit lang tat sie nichts anderes, war froh, dass die Bäume den Regen und Sturm ein wenig abdämpften und blendete die noch immer in ihrer Nähe stehenden Brüder komplett aus. Schließlich fragte sie sich, wo der dritte Welpe – Ciradan – war und ob es Krolock am See gut erging. Sie hatte das schreckliche Gefühl, die einzige zu sein, die sich Sorgen um die Welpen ihrer Beta machte.
“Liel, deine Eltern sind zwar sehr weit fort und können nicht mehr für dich sorgen, deshalb bist du aber nicht alleine. Ich werde versuchen, für dich und deine Geschwister da zu sein. Was immer passiert, ich werde euch beschützen.“
Sie hielt inne, wieder hatte sich ihre Stirn leicht gekraust. Es klang sehr pathetisch, aber wie sollte sie der Kleinen sonst sagen, dass sie versuchen würde, für sie zu sorgen, solange das niemand sonst tat? Banshee, die liebe Banshee, hätte sich sicher darum gekümmert, aber auch sie würde nun gehen. Und niemand schien Augen, Ohren oder Herz für die drei kleinen Waisen zu besitzen – obwohl sie es doch am nötigsten hatten.
“Willst du mit mir Ciradan und Krolock suchen gehen? Dein kleiner Bruder ist nicht gekommen, vielleicht hat er dich nicht gehört. Aber er muss es erfahren und jemand muss für ihn da sein.“
Und Krolock sollte wohl auch nicht alleine herumlaufen. Nicht an diesem dunklen Tag, der so viele große Wölfe aus dem Leben riss und nur Dunkelheit zurückließ.
Gefallen fand sich nur auf dem grotesken Weg. War er nicht immer schon so gewesen und hatte er sich nicht immer als ein Stück Dreck der Rudelgemeinschaft bewegt? Das letzte Wort war gesprochen – der Tod besiegelte all Acollons Taten und erklärte ihn zu seinem wahren, einzigen Erben. So wie der Vater seinem Sohn einen letzten Gruß schenkte.
Auf Averics Reaktion lachte der schwarze Hüne nur kurz auf. Einst war der Hass so groß, dass der Pechschwarze nicht gezögert hätte. Nicht einmal die Liebe zu seiner Mutter hätte seinen Zorn bändigen können. Die einzige Verbindung, die er zu seiner Familie halten konnte. Abneigung und Hass. Und doch... es war eine Verbindung – vielleicht fragwürdig. Alter Mann, hallte es auf. War er tatsächlich schon in die Jahre gekommen? Dabei fühlte sich der Körper noch gut an, dabei gab es doch noch so viel zu erledigen. Nun ja, es gab keine Zeit für Sentimentalität. Die Erzählung des Gegenüber ließ den alten Herrn ein wenig nachdenklich werden. Seine Gene steckten in diesen Wölfen. Wie unvorteilhaft das sein konnte, mussten manche seiner Kinder schmerzhaft ertragen. Einsamkeit lag nun mal nicht jedem.
“Hiryoga? Das ist schade. Aber da kann man mal erkennen, wie grausam das Leben mit den Verbliebenen spielen kann“,
kommentierte er gleichgültig. Keine Frage. Bis zum Schluss dem Tode verbunden. Das war die Liebe der beiden Gotteskinder. Und trotz dieser Differenzen hatte der alte Hüne nie daran gezweifelt, dass es richtig war. Im Nachhinein war es sogar ein sehr großes Geschenk. In all den Jahren seines Wegbleiben hatte es keinen Tag gegeben, an dem er nicht an seine weiße Gefährtin gedacht hatte. Zugegeben, auch an seine Welpen hatte er gedacht. Doch wie schon damals war es dem Schwarzen missgönnt seinen Gefühlen irgendwie Ausdruck verleihen zu können.
“Einen besseren Gefährten hätte Tyraleen nicht finden können. Und ich bin Großvater geworden? Wie herrlich.“ Du gehst Deinen Weg, Averic, das ist vollkommen in Ordnung,
und tatsächlich waren es warme Worte. Ungewohnt und fast wieder grausam. Zu gern hätte er dem Pechschwarzen seinen Segen aussprechen wollen. Vielleicht war es auch schon gar nicht mehr nötig – schließlich waren sie sein Erbe. Sie brauchten keinen Zuspruch. Sie nicht. Tobend wollte der Regen all die Worte ersticken. Und wieder war es einmal an Acollon, der die Stille durchbrach. Die Lefzen spannten sich noch weiter über das Zahnfleisch, das Grinsen wurde hässlicher.
“Mach´ Dir mal keinen Kopf! Deine Mutter wird es gut haben – und diesmal kann ich sogar nicht weglaufen“,
mit schallendem Gelächter trotzte er dem Sturm. Der grimmig-vergnügte Ausdruck hielt sich hartnäckig. Er würde nicht einbrechen. Er konnte es nicht.
Rakshees Blick flog munter immer wieder von ihrem Paten zu Garrett und von diesem zurück zu Aszrem. Sie selbst stand mit pendelnder Rute dabei, überlies nun jedoch Aszrem die Gesprächsführung, und strahlte nur pure Munterkeit aus. Um sie herum schienen Luftblasen das Wasser zu zerteilen, die wabbernd an ihrem Körper entlang zur Oberfläche glitten. Auch jetzt, wo sie Garretts Blick nicht mehr hatte halten können, fühlte sie noch die dumpfe Ruhe des Wassers um sich herum. So trüb der Wald ohne seine Farben schien, so leuchtend wirkte er in diesen Momenten auf sie. Aber sie tauchte immer weiter auf, konnte schon das Wasser über ihr Gesicht rinnen spüren...Schwapp.
Garrett beantwortete gewissenhaft Aszrems Fragen - und Rakshee legte leicht den Kopf schief. Seinen Bruder nicht zu kennen war eine überaus seltsame Vorstellung. Obwohl - seinen Großvater nicht zu kennen war vermutlich durchaus vergleichbar... Aszrems Worte liessen das letzte Wasser aus Rakshees Pelz tropfen - er hatte Recht, und sie hatte das Gefühl, mit jedem Moment kostbare Zeit zu verlieren. Hatte die Zeit eben noch stillgestanden, so schien sie nun zu rasen. Rakshee nickte, warf noch einen freundlich-hektischen Blick zu Garrett, und machte ein paar Sätze an Aszrem vorbei, zurück in die Richtung aus der asie kam. Sie wand sich noch einmal um, sah über die Schulter zurück zu den Rüden.
"Wir sehen uns später!"
Versprechen und Beschwörung zugleich - dann übergab sich die Braune dem Rausch der Zeit, und rannte wie der Wind zurück, immer in Richtung des Rudelplatzes, dessen Position sie von fast jeder Stelle des Waldes aus sicher zu bestimmen vermochte. Ihre Läufe wurden schwer und schwerer, und als sie den großen Platz fast erreicht hatte, trabte sie nur noch. In ihr tosten die Gefühle noch immer umher - die Welt im Herzschlag Engayas, dieses Gefühl vom Eintauchen beim Blick in Garretts Augen...die Angst und die Gewissheit vor dem was geschehen würde. Rakshee blieb stehen als sie den Waldrand erreicht hatte, hechelnd versuchte sie sich selbst zur Ruhe zu rufen. Sie wollte jetzt nicht inmitten des Rudels sein, sie wollte nicht zwischen den Blicken der Anderen hindurch. Wieder etwas ruhigr setzte sie sich abermals in Trab, den Waldrand entlang. Vorhin hatte sie einen Ausläufer des Zuges gesehen - sie würde die Stelle und die Spuren wiederfinden. Sie würde Oma Bani finden. Die Angst, zu spät zu kommen, war mit dem Erreichen des Rudelplatzes wie fortgeweht. Mit immer langsameren Schritten umrundete sie den Platz, ohne jedoch inne zu halten. Sie setzte die Pfoten wie nach einem Takt...dem Takt der Welt. Dem sterbenden Herzschlag der Welt.
Das Regenwasser sog sich schwer in seinen Pelz, perlte über seinen rabenschwarzen Fang und verschmolz wieder mit der matschigen Erde. Das Wetter war laut. Ebenso jede Bewegung des Dunklen neben ihn. Als wären all seine Sinne nur noch auf ihn fixiert. Äußerlich standen sie noch ganz ruhig da, doch vor dem geistigen Auge sah er noch, wie sich ihre schwarzen Auren knurrend umkreisten. Auch jetzt bemerkte er noch jenen dunklen Schleier, der einzig von der starken Präsens des Todes herrührte. Jetzt waren sie Drei.
Averic ignorierte den Kommentar seines Vaters, egal welche Tonlage seine Stimme auch haben mochte, in seinen Ohren klang immerzu dieser Hauch von Zynismus. Oh, wie er noch immer all das war, was er hasste. Und trotzdem, diese Verbindung ließ sich einfach nicht erklären.
Acollon sprach weiter, setzte sich dabei in Bewegung, während Averic gleichzeitig loslief. Und wieder machten ihn seine Worte wütend. Wie arrogant er doch war, wie gehässig und ekelhaft. Ein dumpfes Grollen verließ die Kehle des Pechschwarzen, der den Kopf herumdrehte und seinem Vater kurz und drohend die Zähne zeigte.
„Deine Sprüche sind nicht mehr angebracht, alter Mann.“
Acollon sollte sich bloß nichts darauf einbilden, dass er nun hier war. Er war der Henker, der seinen letzten Weg begleitete, doch richten würde sich sein Vater selbst. Damit hatte er doch längst schon angefangen und auch seine Mutter mit ins Verderben gezogen. Ich bin hier, damit du endlich nicht mehr entkommst.
Averic wandte sich nach vorne, setzte die bleiernen Pfoten voreinander. Nicht schnell, aber doch irgendwie zielstrebig. Auch wenn er gerne alles hinauszögern würde, es brachte doch niemandem mehr etwas. Banshee wurde schwächer, Sekunde um Sekunde. Der Pechschwarze schluckte und verbot sich jeden weiteren Gedanken an seine geliebte Mutter. Jeder Schritt würde nur noch schwerer werden, er würde über Messerklingen laufen und daran zugrunde gehen. So besann sich der Hüne wieder auf des Vaters Frage, auch wenn er wenig Lust hatte, ihm zu erzählen, was er alles aufgrund seiner Impertinenz verpasst hatte.
„Meine Geschwister? Oh, teilweise haben sie deine Gene. Malicia ist erst vor einem Jahr wieder aufgetaucht, Kisha vor Kurzem. Allerdings verleugnet sie uns als ihre Familie. Parveen hat schon seit Ewigkeiten keiner mehr gesehen und Hiryoga ... auch er war fort. Kurz nach seiner Wiederankunft hat ihn das Nichts verschluckt.“
Er sprach kühl und ohne wirkliche Emotionen gegenüber jenen Geschwistern. Cylin erwähnte er nicht mehr. Sein Bruder war nun schon so lange tot, dass selbst Acollon es noch mitbekommen hatte. Es klang schrecklich, aber nun auch so unglaublich weit weg.
„Amáya und Daylight sind nach wie vor beim Rudel. Tyraleen ... Sie ist meine Gefährtin und die Mutter meiner Welpen.“
Averic blickte nicht mal zur Seite, um eine Reaktion seines Vaters auf diese Worte zu sehen. Es war ihm egal, was er davon hielt, denn nichts daran war je falsch gewesen. Nichts, egal, was alle anderen gedacht haben mochten. Er würde dafür sorgen, dass sie niemals das selbe Schicksal erleiden musste, wie ... Der Pechschwarze biss die Fänge fester aufeinander. Er durfte sich jetzt nicht übermannen lassen.
27.12.2009, 13:09
Gefallen fand sich nur auf dem grotesken Weg. War er nicht immer schon so gewesen und hatte er sich nicht immer als ein Stück Dreck der Rudelgemeinschaft bewegt? Das letzte Wort war gesprochen – der Tod besiegelte all Acollons Taten und erklärte ihn zu seinem wahren, einzigen Erben. So wie der Vater seinem Sohn einen letzten Gruß schenkte.
Auf Averics Reaktion lachte der schwarze Hüne nur kurz auf. Einst war der Hass so groß, dass der Pechschwarze nicht gezögert hätte. Nicht einmal die Liebe zu seiner Mutter hätte seinen Zorn bändigen können. Die einzige Verbindung, die er zu seiner Familie halten konnte. Abneigung und Hass. Und doch... es war eine Verbindung – vielleicht fragwürdig. Alter Mann, hallte es auf. War er tatsächlich schon in die Jahre gekommen? Dabei fühlte sich der Körper noch gut an, dabei gab es doch noch so viel zu erledigen. Nun ja, es gab keine Zeit für Sentimentalität. Die Erzählung des Gegenüber ließ den alten Herrn ein wenig nachdenklich werden. Seine Gene steckten in diesen Wölfen. Wie unvorteilhaft das sein konnte, mussten manche seiner Kinder schmerzhaft ertragen. Einsamkeit lag nun mal nicht jedem.
“Hiryoga? Das ist schade. Aber da kann man mal erkennen, wie grausam das Leben mit den Verbliebenen spielen kann“,
kommentierte er gleichgültig. Keine Frage. Bis zum Schluss dem Tode verbunden. Das war die Liebe der beiden Gotteskinder. Und trotz dieser Differenzen hatte der alte Hüne nie daran gezweifelt, dass es richtig war. Im Nachhinein war es sogar ein sehr großes Geschenk. In all den Jahren seines Wegbleiben hatte es keinen Tag gegeben, an dem er nicht an seine weiße Gefährtin gedacht hatte. Zugegeben, auch an seine Welpen hatte er gedacht. Doch wie schon damals war es dem Schwarzen missgönnt seinen Gefühlen irgendwie Ausdruck verleihen zu können.
“Einen besseren Gefährten hätte Tyraleen nicht finden können. Und ich bin Großvater geworden? Wie herrlich.“ Du gehst Deinen Weg, Averic, das ist vollkommen in Ordnung,
und tatsächlich waren es warme Worte. Ungewohnt und fast wieder grausam. Zu gern hätte er dem Pechschwarzen seinen Segen aussprechen wollen. Vielleicht war es auch schon gar nicht mehr nötig – schließlich waren sie sein Erbe. Sie brauchten keinen Zuspruch. Sie nicht. Tobend wollte der Regen all die Worte ersticken. Und wieder war es einmal an Acollon, der die Stille durchbrach. Die Lefzen spannten sich noch weiter über das Zahnfleisch, das Grinsen wurde hässlicher.
“Mach´ Dir mal keinen Kopf! Deine Mutter wird es gut haben – und diesmal kann ich sogar nicht weglaufen“,
mit schallendem Gelächter trotzte er dem Sturm. Der grimmig-vergnügte Ausdruck hielt sich hartnäckig. Er würde nicht einbrechen. Er konnte es nicht.
Rakshees Blick flog munter immer wieder von ihrem Paten zu Garrett und von diesem zurück zu Aszrem. Sie selbst stand mit pendelnder Rute dabei, überlies nun jedoch Aszrem die Gesprächsführung, und strahlte nur pure Munterkeit aus. Um sie herum schienen Luftblasen das Wasser zu zerteilen, die wabbernd an ihrem Körper entlang zur Oberfläche glitten. Auch jetzt, wo sie Garretts Blick nicht mehr hatte halten können, fühlte sie noch die dumpfe Ruhe des Wassers um sich herum. So trüb der Wald ohne seine Farben schien, so leuchtend wirkte er in diesen Momenten auf sie. Aber sie tauchte immer weiter auf, konnte schon das Wasser über ihr Gesicht rinnen spüren...Schwapp.
Garrett beantwortete gewissenhaft Aszrems Fragen - und Rakshee legte leicht den Kopf schief. Seinen Bruder nicht zu kennen war eine überaus seltsame Vorstellung. Obwohl - seinen Großvater nicht zu kennen war vermutlich durchaus vergleichbar... Aszrems Worte liessen das letzte Wasser aus Rakshees Pelz tropfen - er hatte Recht, und sie hatte das Gefühl, mit jedem Moment kostbare Zeit zu verlieren. Hatte die Zeit eben noch stillgestanden, so schien sie nun zu rasen. Rakshee nickte, warf noch einen freundlich-hektischen Blick zu Garrett, und machte ein paar Sätze an Aszrem vorbei, zurück in die Richtung aus der sie kam. Sie wand sich noch einmal um, sah über die Schulter zurück zu den Rüden.
"Wir sehen uns später!"
Versprechen und Beschwörung zugleich - dann übergab sich die Braune dem Rausch der Zeit, und rannte wie der Wind zurück, immer in Richtung des Rudelplatzes, dessen Position sie von fast jeder Stelle des Waldes aus sicher zu bestimmen vermochte. Ihre Läufe wurden schwer und schwerer, und als sie den großen Platz fast erreicht hatte, trabte sie nur noch. In ihr tosten die Gefühle noch immer umher - die Welt im Herzschlag Engayas, dieses Gefühl vom Eintauchen beim Blick in Garretts Augen...die Angst und die Gewissheit vor dem was geschehen würde. Rakshee blieb stehen als sie den Waldrand erreicht hatte, hechelnd versuchte sie sich selbst zur Ruhe zu rufen. Sie wollte jetzt nicht inmitten des Rudels sein, sie wollte nicht zwischen den Blicken der Anderen hindurch. Wieder etwas ruhigr setzte sie sich abermals in Trab, den Waldrand entlang. Vorhin hatte sie einen Ausläufer des Zuges gesehen - sie würde die Stelle und die Spuren wiederfinden. Sie würde Oma Bani finden. Die Angst, zu spät zu kommen, war mit dem Erreichen des Rudelplatzes wie fortgeweht. Mit immer langsameren Schritten umrundete sie den Platz, ohne jedoch inne zu halten. Sie setzte die Pfoten wie nach einem Takt...dem Takt der Welt. Dem sterbenden Herzschlag der Welt.
Eine gefühlte Ewigkeit hatte Liel nicht mehr das Gefühl von Geborgenheit und Friede, durch bloßes kuscheln, vermittelt bekommen. Ihr schien es unendlich lange her, seitdem ihre geliebte Mama von ihnen gegangen war und sie so der gnadenlosen Welt ohne mütterliche Zuneigung ausgesetzt hatte. Hier auf dem Boden zu liegen, zwischen den Pfoten der weißen Fähe Shani, die ihr liebevoll und ohne Worte über den Pelz leckte, es kam ihr vor wie der Himmel auf Erden. Und es weckte die versteckte Trauer in ihr immer mehr. Sie konnte die großen, kugelrunden und salzigen Tropfen nicht länger unterdrücken und so perlten sie langsam aber stetig aus ihren Augenwinkeln und bahnten sich den Weg durch ihr Fell auf den aufgeweichten Boden. Normalerweise hätte sie jetzt ihre kleinen Zähnchen zusammengebissen und so getan, als ob alles in Ordnung wäre, aber vor Shani schämte sie sich nicht. Sie war selber Mutter von mittlerweile großen Welpen, sie wusste, wie sehr ein Verlust jemandem zusetzen konnte, sie wusste, wann es galt kleine Welpenherzen zu retten. Sie wusste vor allem auch wie man dies machen musste, dessen war Liel sich sicher.
Vertrauensvoll kuschelte sie sich so gegen die Pfoten der ihr eigentlich doch recht unbekannten Fähe und genoss die Zweisamkeit, die beiden angeblichen Brüder in ihrer Nähe hatte sie rasch vergessen. Sie spürte, wie ihre Trauer und ihre Verzweiflung mit jeder Träne ein wenig davon geschwemmt wurde und fragte sich, wie lange sie weinen müsste, bis sie endgültig das Erlebte verarbeitet hätte. Auf die Idee, dass sie das auch anders schaffen konnte, kam sie nicht. Als Shani anfing zu sprechen, klappte sie ihre kleinen Öhrchen auf und lauschte den sanften Worten. Shani würde sich ihr und ihren Geschwistern …
oO Ciradán! Krolock! Oo
Sofort versiegten die Tränen, sie schälte sich aus Shanis Pfoten und wollte Shani gerade sagen, dass sie auf jeden Fall zu ihren Brüdern gehen musste, als sie genau das vorschlug. Konnte sie etwa Gedankenlesen? Oder meinte sie es wirklich ernst, dass sie für sie sorgen wollte? Wie auch immer, das würde sich später sowieso herausstellen, nun wollte sie zuerst ihre Brüder suchen gehen. Schließlich sollte Krolock keine Dummheiten anstellen und Ciradán, ja Ciradán würde sie sagen müssen, dass sie nun vollkommen ohne Eltern auf der Welt waren. Zum Glück würde Shani mit ihr kommen, erstens würde sie sich dann nicht so alleine fühlen und zweitens würde Shani bestimmt überzeugender trösten können als sie selbst.
Sie erinnerte sich an Krolocks Worte, die er ihr an den Kopf geworfen hatte, als sie versucht hatte stark zu sein. Es war bei dem Tod ihrer Mama gewesen. Auch wenn er sich für diese Worte entschuldigt hatte, hatten sie Liel tief verletzt. Sie hatte doch nur alles gut machen wollen. Anscheinend meinte Krolock, dass sie dazu nicht fähig war, sie würde ihm schon zeigen, dass sie das konnte! Und zwar nicht alleine, sondern mit ihm und Ciradán zusammen, und mit Shani. Denn zusammen war man stark. Soviel hatte sie gelernt, sie hatte versucht zu überlegen, was sie falsch gemacht hatte, in dem sie alleine stark sein wollte und gescheitert war und war zu diesem Ergebnis gekommen. Vielleicht wäre es klug, wenn sie Shani fragen würde, ob das stimmte.
„Ja, lass sie uns suchen gehen. Denn… ich habe gemerkt, dass ich alleine zwar stark tun kann, es aber nicht bin. Daraus habe ich… also, gelernt meine ich, daraus habe ich gelernt, dass man nur zusammen stark sein kann. Stimmt das? Können Ciradán, Krolock, du und ich zusammen stark sein? Oder können das nur Erwachsene?“
Fragend blickte sie zu Shani hoch, die salzigen Tränen waren auf ihrem Fell getrocknet, der Regen hatte es hier unter den Bäumen gut verschont und so bildeten die Tränenwege kleine Abzeichen auf ihrem Gesicht die aber, wenn sie in den Regen treten würde, sofort verschwinden würden. Zum Glück für sie, es wäre ihr sehr peinlich, wenn ihre Brüder sehen würden, dass sie geweint hatte.
Isis war sehr glücklich darüber, dass Sharú sich nun etwas beruhigte und so langsam schlich sich wieder ein sanftes Lächeln auf ihre Lefzen. Zärtlich fuhr sie mit ihrer Zunge über den kleinen Welpenkopf, spürte Katsumi weiterhin hinter sich und hatte das erstmal dieses wunderbare Gefühl einer Familie. Irgendwan sehnte sich wohl jeder Wolf nach Geborgenheit, nach Liebe und nach unglaublich viel Glück. Die kleine Fähe merkte, dass Katsumi sich erhob und auch sie witterte Liam. Freudig wischte ihre Rute über den Boden, dann stupste sie sanft Sharú an.
"Hab keine Angst, Kleines. Das sind Freunde von uns."
Isis erhob sich, streckte ihren schlanken Körper und stupste kurz Katsumi an, dann trat sie wuffend auf Liam zu, fuhr ihm freundschaftlich über die Schnauze und begrüßte auch Kandschur mit einem leisen Bellen. Dennoch wollte Isis nicht Sharú so lang allein lassen, sodass sie sich wieder zu ihr legte. Als dann auch Katsumi ihren Wunsch erfüllte, durchfuhr Isis ein warmer Schauer. Sie beobachtete den Rüden wie geschickt und väterlich er mit der Kleinen sprach und ihr warmer Blick wanderte zu Liam. War das nicht wunderschön anzusehen? Isis Rute wischte weiter leicht über den schlammigen Boden, es schien als würde hier die Trauer völlig abgeblockt werden. Die kleine Ägypterin sah lächelnd zu Liam.
"Wir haben die Kleine hier gefunden. Ihr Name ist Sharú Naim, aber irgendwie hat sie sich nun für das Schweigen entschieden. Na ja, bis auf ihr Schluckauf."
Isis sah wieder hinunter, vergrub sie kurz ihre Schnauze in Katsumis Fell. Einen kleinen Augenblick genoss sie seine Wärme, seinen Duft und prägte sich diesen sehr gut ein. Dennoch konnte die kleine Fähe nicht so richtig mit Katsumis Bewunderung umgehen. Sie wusste nicht, wie das alles wieder zurück geben konnte. Immerhin war es ihr zwar bewusst, dass sie ein kleines Wunder war, aber dennoch rühmte sie sich nicht damit, denn das war wirklich das Letzte. Isis huschte ein leichtes Lächeln über die Lefzen, dann strich sie mit ihrer Schnauze durch Katsumis Fell, seinen Nacken entlang und ließ den Kopf dann etwas schüchtern auf ihre Pfoten sinken, wobei sie Katsumi noch einen warmen Seitenblick schenkte.
Natürlich war er ein toller Rüde. Voller Stolz, Erfahrung, schönen Worten und sehr viel Mut, aber ihr steckte auch noch die Enttäuschung in den Knochen. Grässlich. Wenn sie mit Katsumi mal in Ruhe sprechen konnte, dann würde sie ihm das schon erzählen. Immerhin lief sie ja Gefahr ihn zu vergraulen, deshalb öffnete die Kleine sich ihm ja immer mal ein Stück weit. Isis Gedanken wanderten zu Akru. Sie vermisste ihren Bruder im Geiste sehr. Wie lang hatte sie ihn schon nicht mehr zu Gesicht bekommen, aber das war etwas was sie mit Katsumi verband. Sie würde beide dem Grauen zur Seite stehen, wenn Banshee tot war. Vielleicht war das sogar besser für Akru und irgendwann würde er sicherlich auch gehen.
Irgendwann. Isis fröstelte es etwas, sodass sie sich etwas mehr an Katsumi drücke, dennoch nicht den Kopf von den Pfoten erhob. Wie es wohl Liam und Kandschur geht? Der Schwarzfang sah alles andere als fröhlich aus. Irgendwie erschöpft und kaputt, aber Isis wagte nicht zu fragen. Sie wollte auch aus Höflichkeit nicht fragen.
Am Anfang bekam Shákru gar nicht mit, dass noch Liel und Shani mit dabei waren, aber dann sickerte ihre Anwesenheit langsam durch, sodass der Schwarzfang den Kopf herum drehte, wobei er gerne noch mit Ayv geredet hätte. Sanft stupste er seinen Bruder an.
"Ich werde wohl einfach abwarten müssen bis ich den richtigen Weg finde."
Die kleine Sternenleier erhob sich langsam, ging auf Shani und Liel zu, drehte sich kurz um zu sehen, ob sein Bruder ihm folgte, dann ließ er sich neben der kleinen Fähe auf die Hinterläufe nieder, senkte den Kopf und wusste doch nicht, was er sagen sollte, sodass die kleine Sternenleier versuchte etwas seines Beileids, seines Mitgefühls in die grünen Augen zu legen, dann blickte er zu Shani und lächelte entschuldigend.
"Es tut mir sehr leid, dass ich euch erst gar nicht beachtet habe."
Minor meinte es ehrlich. Es war ihm wirklich unangenehm, zumal er eigentlich einen besseren Einstand in das Rudel haben wollte, als beim ersten Mal, sodass er noch versuchte ein bisschen was zu retten. Suchend glitten seine Blicke umher, dann stand er auf und guckte fragend von Shani zu Liel.
"Waren denn Krolock und der kleine Ciradrán nicht mit dabei?" ,
fragte er verwundert, denn das hatte er noch mitbekommen. Dieser Urion wurde bestattet, aber warum war dann nur Liel hier? Krolock konnte er vorher nicht sehen und das Ciradrán wirklich nicht mit dabei war, konnte die kleine Sternenleier auch nicht erahnen.
Langsam erhob sich Ayv auf seine vier Pfoten und schaute Shákru an. Auch er selber hatte den richtigen Weg lange noch nicht gefunden, auch seine Suche nach dem richtigen Weg war noch nicht zu Ende. Dann wandte sein Gegenüber sich zu Shani und Liel, die selbst er vergessen hatte. Shákru lief zu ihnen und Ayv folgte ihm langsam. Er beobachtete ihn und die beiden anderen mit geschlossenen Augen, bevor er sich ganz leise seufzend ganz zu ihnen gesellte und abwartete. Er vernahm Minors Frage, beachtete sie aber in keinerlei Weise. Sie drang einfach nicht weit genug zu ihm durch. Er war viel zu sehr mit dem Bärenangriff vor Jahren beschäftigt. Zwar hatte er sehr schnell gelernt, ihn einfach in Erinnerung zu haben, ihn aber nicht zu beachten, doch jedes Mal, wenn er daran gedacht hatte, war er in ein stilles einsames Loch gefallen und hatte kaum noch etwas mitbekommen. Es dauerte sehr lange, bis Ayv sich wieder regte und er seine Augen öffnete. Shákru stand vor ihm und plötzlich erinnerte er sich an seine Frage, die er gestellt hatte.
"Krolock war dabei. Ich weiß nicht, wo er ist."
flüsterte Ayv. Auf die Frage, ob Ciradrán dabei gewesen war, antwortete er nicht, denn er kannte nur zwei Welpen, bisher, und das waren Krolock und Liel. Einen Ciradrán kannte er nicht. Er hatte nicht einmal von ihm gewusst. Aber anscheind kannte Shákru ihn, woher auch immer.
Wieder Pfote vor Pfote dem Ende entgegen zu setzen, war für Banshee gleichermaßen erschreckend und erlösend. Sie wusste, dass jeder Schritt sie näher zu ihrem Tod führte, doch ebenso würde es dann endlich vorbei sein. Müsste sie nicht länger die Herzen ihrer Familie mit Trauer quälen, würde ihr eigenes Leid vergehen und vielleicht sogar all die Sorgen, die sie noch weitere Jahrtausende mit sich getragen hätte, wäre nicht Fenris, der dem nun Einhalt gebot. Dass es nicht sein Großmut war, der den Todesgott zu solch einer freundlichen Tat brachte, war nicht nur Banshee bewusst. Das Gleichgewicht war viel zu schwer aus seinen Fugen gebracht worden, zu viele Fehler ihrerseits hätten die Welt ins Verderben stürzen können. Fenris war gütig. Eine Eigenschaft, die sie ihm schon immer zugeschrieben und doch erst heute erkannt hatte. Denn irgendwo in dem schwarzen Gott der Unterwelt musste die Liebe zu seiner Welt verborgen schlummern – und vielleicht auch die Liebe zu Engaya, die doch nur mit ihm all ihre Wunder vollbringen konnte. Mit diesen Gedanken und einem leisen Gefühl der Dankbarkeit hatte Banshee ihren Weg fortgesetzt. Sie hatte Akru seine Nachdenklichkeit gelassen, schien ihr grauer Freund doch tief aufgewühlt und voller Gefühle. Bei der Weißen hatte sich alles langsam verloren, die Deutlichkeit, mit der die Dankbarkeit in ihr leuchtete, erstaunte sie selbst. Tiefe Ruhe mischte sich unauffällig dazu und Banshee hatte das Gefühl, wieder federleicht über das nasse Gras zu schweben. Ein letztes Mal.
“Es wird nun eine andere Tochter Engayas geben. Ich hoffe, sie wird schöner und glanzvoller, als es je eine Dienerin Engayas vermochte. Wie schön es wäre, könnte ich sie auf diesem Weg begleiten.“
Aber natürlich ging das nicht. Alte Dinge mussten weichen, damit Neue erblühen konnten. Es gab nur eine Tochter Engayas und auch wenn sie immer wieder geboren wurde, durfte sie nicht vor sich selbst stehen. Ein Schicksal, in das sich Banshee schon lange ergeben hatte. Ihr Blick lag wieder warm auf Akru, dessen Gefühle ihn mit sich rissen. Er wollte sie beruhigen, wollte ihr so vieles schenken und konnte nicht aufhören zu weinen. Es war ein seltsames Gefühl ihn so zu sehen und selbst in eine vollkommene Ruhe verfallen zu sein. Ihre Tränen waren getrocknet und das kurze Aufwallen von wehmütiger Trauer hatte sich verflüchtigt. Aber natürlich konnte ihr Akru auf diesem Pfad der Gedanken nicht folgen, schließlich blieb er zurück und sie durfte gehen. Ihre Freude darauf konnte er nicht nachvollziehen und sie war fast froh, dass ihm es nicht möglich war. Denn sonst hätte auch sein Tod kurz bevor gestanden und das wollte sie nicht. Er hatte doch noch viele Wölfe glücklich zu machen – nicht nur sie.
“Ich hoffe, dass du Recht hast. Und selbst wenn sie einmal stolpern werden, wird es wohl immer eine Pfote geben, die sie auffängt. Das ist das wichtigste.“
Seine Worte über das Nichts ließ sie zunächst unbeantwortet in der Stille hängen, konnte sie ihm doch nicht einfach glauben. Sie erinnerte sich an das unerschütterliche Vertrauen, dass sie ihm geschenkt hatte und an ihren eigenen Glauben an Engaya, die ihr Rudel nicht einfach in sein Verderben stürzen würde; doch Zweifel nagte bitter an ihrem Herzen. Zu unaufhaltsam kroch der alles verschlingende Nebel über das Land und zu wehrlos hatte sie sich das letzte Jahr gefühlt. Dennoch nickte sie nach einigen Herzschlägen, lächelte erneut ein schwaches Lächeln.
“Ja, ich weiß. Sonst könnte ich jetzt nicht gehen.“
Denn nichts wäre schlimmer, als ihr Rudel, ihre Kinder und ihre Schwester im Angesicht ihrer Vernichtung alleine zu lassen. Den feigen Weg gehen und zu sterben, bevor es zu spät ist. Das könnte sie nicht, ihr Herz hätte schon rebelliert und vielleicht hätte ihr Wille eine Chance gegen Fenris gehabt. Doch das alles war nicht nötig und sie konnte ihren Weg beruhigt weiter gehen. Auch dafür war sie dankbar. Als Akru wieder zu sprechen begann und so viele unnötige Worte schnell aus seinem Herzen sprudelten, zeichnete sie erstmals Sorge auf ihrem Gesicht ab. Er machte sich noch immer Vorwürfe. Obwohl sie ihm bereits so oft verziehen und immer wieder jede Schuld von ihm genommen hatte, konnte sein Herz noch keine Ruhe finden. Voller Zweifel fragte sich die Weiße, ob es ihr in dieser kurzen Zeit, die ihr noch blieb gelingen würde, ihn von all diesen Sorgen zu befreien. So wie er es bei ihr tat.
“Akru, ich habe dir schon längst verziehen. Seit dem ersten Tag und erst Recht seit wir ein grauer Freund und eine weiße Freundin geworden sind. Warum kannst du die Vergangenheit nicht vergessen? Wir haben Fehler begangen, aber wir müssen uns mit ihnen nicht mehr quälen. Dafür ist es längst zu spät, jetzt, da der Tag gekommen ist. Ich will nicht, dass es dir leid tut. Ich möchte, dass du, wenn ich fort bin, auf eine wunderschöne Zeit zurückblicken kannst. Auf eine Zeit, die nicht immer nur von Glück geprägt war, die aber doch jedem einzelnen von uns viel gegeben hat. Und sie hat uns hier her geführt, an diesen Punkt der Freundschaft, wie ich sie zuvor nie erlebt hatte. Dafür mussten wir vieles geben aber … bekommen wir nicht ebenso viel zurück? Ich wünschte, ich könnte dir meinen Blick schenken, der die Welt in alles Gute taucht.“
Wieder lächelte sie leicht, nahm Akrus Ohr in einer kindischen Geste zwischen die Zähne; zog wie ein übermütiger Jungwolf daran und ließ es dann wieder los. Ihre Schritte waren ruhig und gleichmäßig geblieben, aber ihre Augen spiegelten tausend widersprüchliche Gefühle.
Polar verfiel in einen seichten Schritt und überquerte einen Baumstamm. Da er sich hier in keinerlei Weise auskannte, lief er einfach immer nur geradeaus. In irgendeine Richtung. Er trabte wieder an und seine Nase war nur Zentimeter vom Boden entfernt. Er roch alle Gerüche, die hier haften geblieben waren, doch mit seinen Augen sah er nur den schlammigen Boden. Mit seinen Ohren hörte er das schmatzende Geräusch seiner Pfoten und das Rauschen der Bäume im Wind, sowie das Prasseln der Regentropfen. Sein Fell war klitschnass und dreckig. Irgendwann vernahm er das Geräusch von Wasser. Er hob den Kopf leicht an und und schlängelte sich durch die Bäume, die hier schon offener standen als im dichteren Wald. Schließlich ließ er den letzten Baum hinter sich und sah einen kleinen See vor sich. Abwartend blieb Amronial stehen und starrte das Wasser an. Er trat ein paar Schritte vor und dann umspühlte schon das Wasser seine verdreckten schwarzen Pfoten. Das Wasser war nicht besonders warm, aber kalt auch nicht. Er trat noch ein paar Schritte weiter in das Wasser hinein und starrte einfach nur die Wasseroberfläche an. Leichte Wellen kräuselten sich um seine Beine herum. Polar senkte den Kopf und trank ein wenig von dem Wasser. Es rann seine Kehle hinab und fühlte sich gut an. Er hob wieder den Kopf und schließlich ging er so weit in das Wasser herein, dass nur noch sein Kopf über der Wasseroberfläche war. So blieb er einfach stehen und schaute in den Wald auf der anderen Seite des Ufers.
Shani spürte eine wohlige Wärme über ihren Rücken ziehen, als sich Liel immer tiefer und vertrauensvoller in ihr Fell kuschelte. Es war dieses Gefühl, dass die Weiße so sehr vermisst hatte, seit ihre Welpen groß geworden waren. Sicher hatte sie ab und an Jakash oder Rakshee ein wenig Liebe geben müssen oder war da, um sie zu trösten. Aber vergleichbar mit einem kleinen, hilflosen Welpen waren diese Situationen einfach nicht. Dieses kleine Geschöpf brauchte sie, konnte ohne sie nicht überleben. Und Shani brauchte das Gefühl, gebraucht zu werden – ohne war sie so schrecklich leer und sinnlos. Der Moment dauerte nur kurz, viel zu schnell übernahm die starke Rolle in Liel wieder die Führung. Sie stand auf, hopste aus der schützenden Umarmung und sah wieder so aus, als könnte keine Trauer ihre Stärke brechen. Doch Shani wusste um die Wahrheit und schloss den Moment behutsam in ihrem Herzen ein. Danach widmete sie sich der Frage der Kleinen, die schon auf so viele schlaue Gedanken kam. Langsam nickte Shani.
“Je größer das Herz eines Wolfes, desto stärker kann er sein. Du hast schon ein sehr großes Herz, kleine Liel, aber noch bist du zu jung, um alleine stark zu sein. Aber dein großes Herz zusammen mit nur einem einzigen ergibt schon sehr viel Stärke. Und wenn wir dann Ciradans, Krolocks und meines nehmen, dann sind wir die stärksten Wölfe der Welt. Man muss nur gemeinsam für ein Ziel eintreten und für einander da sein.“
Es freute sie, dass Liel zusammen mit ihr stark sein wollte. Shani schenkte gerne und wenn man sich ihre Kraft wünschte, dann würde sie sie geben, erst Recht für einen so kleinen Welpen, der sie nun dringend brauchte. Als sie sich erhob, um mit der Kleinen zusammen zum Rudelplatz zu gehen, bemerkte sie erstmals wieder Shakru und Ayv, die sich ihnen nun genähert hatten. Tatsächlich lächelte der Schwarze sogar und entschuldigte sich bei ihnen, was Shani nicht erwartet hätte. Sie hatte mit dem Rüden zwar nie viel zu tun gehabt, aber Freundlichkeit hatte Shakru selten ausgestrahlt. Aber Shani war nicht nachtragend oder verurteilte Wölfe aufgrund von Erzählungen anderer. So nickte sie und nahm die Entschuldigung lächelnd an. Auf die nächste Frage schüttelte sie dann den Kopf und wollte gerade antworten, als Ayv ihr zuvorkam. Kurz blinzelte sie zu dem blinden Rüden, dann wandte sie sich wieder an Shakru und deutete mit der Schnauze zum See.
“Eben gerade ist Krolock zum See gelaufen, er hat zwar versprochen, keinen Unfug anzustellen, aber man weiß ja nie. Ciradan habe ich noch gar nicht gesehen, er war auch nicht bei seinem Vater.“ Sie dachte kurz mit gekrauster Stirn nach. “Wie wäre es, wenn Liel und ich Ciradan suchen und Ayv und du Krolock? Wenn wir Ciradan von dem schlimmen Unglück erzählt haben, sollten vielleicht alle Welpen beieinander sein. Und wir müssen einen Rangwolf informieren, dass wir nun drei Waisen haben. Nyota und Banshee sind … nicht da. Wo ist Aszrem?“
Dieses „nicht da“ klang in ihren Ohren fruchtbar, aber sie wusste nicht, was Shakru mitbekommen hatte. Und Ayv sollte man vielleicht nicht sofort erzählen, dass gerade die Leitwölfin starb, immerhin war der Rüde noch fremd und Shani war nicht der Typ, der jedem sofort und ohne ein Kennenlernen ihr Vertrauen schenkte.
Chanuka war ein bisschen seltsam und Caylee wusste oft nichts mit ihm anzufangen, aber jetzt schien er ihr der perfekte Oma-überredungs-Partner zu sein und tatsächlich schien der Schwarze wirklich schon losstapfen zu wollen. Auch wenn er dabei komisch aussah, aber das war ja kein Wunder, sicher musste auch Caylee mit ihren zusammengekniffenen Augen und der verbissenen Miene seltsam aussehen. Als sich dann aber ihr Bruder-oder-so nur zu ihr umdrehte und keinerlei Anstalten machte, mit ihr zu Oma zu gehen, wurde sie fast böse. Warum hörte er denn nicht auf sie, sich hatten sie nicht mehr viel Zeit! Aber Chanuka erklärte ihr ganz ruhig, dass er ihr etwas erzählen würde, das Banshee gesagt hatte. Eigentlich wollte Caylee ihm das Wort abschneiden, aber dann hatte Chanuka schon angefangen zu reden und irgendwie kam es ihr vor, als wäre es etwas Wichtiges, was er da sagte. Er sprach von de Göttern – die kannte Caylee schon, Engaya und Fenris! – und von einem Gleichgewicht. Dass der Tod wichtig war. Die kleine weiße Nase des Welpen rümpfte sich.
“Ja, das ist sicher richtig, aber warum muss dann Oma sterben? Es könnte doch auch … äh … öh … wer anderes sterben! Aber doch nicht Oma!“
Zum Glück fügte Chanuka noch etwas hinzu, dass er nämlich mit ihr kommen würde. Super!
“Wir können nicht über Leben und Tod entscheiden, aber Oma ist groß und mächtig und weiß ganz viel davon, deshalb kann sie das sicher. Also komm, wir gehen zu Nyota, die weiß wo Oma ist.“
Erneut wurde der schwarze Welpe angestupst, diesmal noch ein wenig forscher und schon stapfte Caylee in eine Richtung los, in der hoffentlich Nyota war. So viele Läufe und Pfoten und Körper überall, da erkannte man ja vor lauter Läufen den Wolf nicht mehr. Aber Caylees Verbissenheit führte sie recht gradlinig zu ihrem Ziel, auch wenn sie auf dem Weg dorthin immer wieder stehenbleiben musste, um den Knoten, der sich in ihrem Hals bildete loszuwerden. Heftiges Kopfschütteln half da, das musste sie sich merken.
“Nyota! Wo ist Oma Banshee, Chanuka und ich müssen sofort zu ihr und ihr sagen, dass jemand anderes gehen soll!“
Caylee hatte sich vor ihrer Mama-oder-so aufgebaut und starrte nun zu ihr hinauf, als müsste sie gleich gegen die alte Wölfin kämpfen.
Atalya hat den Zug ihrer Familie auch erreicht und sich angeschlossen.
Über ihnen hatten sich die schwarzen Wolken längst zu mehr als einem Gewitterregen zusammengebraut. Über den Baumwipfeln, über ihren Köpfen toste ein Sturm. In Nyota brauste auch einer. Jeden Schritt setzte die schwarze Leitwölfin mit Bedacht, so als könne die Zeit die sie sich lies an die Lebenszeit ihrer Schwester angerechnet werden. Ihre Miene war versteinert, ihr Gesicht von Trauer zerfurcht und starr. Längst spürte sie die Tränen hinter ihren Augen, die sich doch verborgen hielten. Wieder und wieder musste die Schwarze sich zurückhalten, um dem Familientross hinter ihr nicht einfach davonzulaufen, loszustürmen und sich an Banshees Seite zu begeben. Dies war ihr Platz, er war es immer gewesen - wenn gleich sie ihn viel zu lange nicht eingefordert hatte.
Tascurio tauchte zwischen ihren Läufen auf, lehnte sich an sie. Die Züge der Schwarzen regten sich nur schwach, dennoch blieb sie stehen - denn im nächsten Moment tauchten Caylee und Chanuka vor ihr auf. Hinter sich wusste sie inzwischen auch Tyraleen - der Zug wurde größer. Es machte keinen Unterschied für sie. Mit unglücklicher Miene sah sie zu Caylee und ihrem Bruder herab. Die kleine Wölfin stand vor ihr, als wollte sie sie gleich zum Kampfe herausfordern.
"Ich führe euch geradewegs zu ihr"
Gab sie nur leise zurück, und schüttelte dann den Kopf, sich zu den Welpen herabbeugend.
"Es ist falsch, was ihr verlangt. Jeder Wolf muss eines Tages gehen - und jeder hat seine eigene Zeit dafür. Man kann nicht einfach einen Wolf opfern, um ein anderes Leben zu retten. Fenris ist nicht bestechlich"
Ihre Stimme war so ernst geblieben wir ihr Gesicht, sie hatte noch nicht einmal mehr für die Welpen ein Lächeln zustande gebracht. Heute nicht.
"Kommt, wir müssen weiter..."
Ihre Stimme war nun sehr leise, und nur mit Mühe konnte man sie zwischen den hulenden Winden über ihnen heraushören. Nyota achtete nicht mehr darauf, schritt einfach über Tascurio, Caylee und Chanuka hinweg, und setzte ihren Weg fort. Immer dem unsichtbaren Pfad hinterher, der sie sicher ans Ziel geleiten würde. Zu ihrer Schwester. Dorthin, wo sie hingehörte. Ein letztes Mal.
Nerúi lachte, als Face sie von Chanuka herunter hob. Turién war grade angekommen - und eben hatte er auch noch so fröhlich ausgesehen - was war denn jetzt mit ihm passiert? Alarmiert drehte sie sich einmal im Kreis, und das in einer atemberaubenden Geschwindigkeit, sodass es sie gleich wieder auf den Hintern warf. Moment mal. Hier stimmte aber was nicht! Anstatt fröhlich zu sein, guckten nun alle tottraurig und bedröppelt. Klar, Mama hatte auch nicht glücklich geklungen - aber das musste doch nicht gleich auf alle anderen abfärben! Beleidigt sah sie Turién an.
"Hey! Guck nicht so traurig!"
Verlangte sie lautstark, und wollte von Chanuka gerade selbiges fordern, als der einfach wegging, mit ihm Caylee. Woher die wohl aufgetaucht war? Also an Chardím gewandt.
"Hör auf damit! Du weißt doch dass die Sonne dann nicht raus kommt!"
Also wirklich! Gerade er, der es besser wusste, musste da doch wirklich nicht mitmachen! Grimmig sah sich die Schwarze nach Kylia um - sie brauchte große Verstärkung! Aber von der braunen Patenwölfin war nichts zu sehen. So was blödes!
Unglücklich sah sich Nerúi nun unter diesen Jammergestalten um - gar nicht bemerkend wie sie selbst zu einer wurde. Face ging weiter, und ohne weiter darauf zu achten welchen Weg er wählte, rannte Nerúi hinter ihm her, sprang unzufrieden an seinen Hinterläufen hoch.
"Hey!"
Harsch forderte sie die Aufmerksamkeit ein, die ihr zustand.
"Warum seid ihr alle so doof traurig?!"
Klang es halb beleidigt, halb jammernd, und sie verzog eine furchtbar unglückliche Miene. Und da kam Mama Tyra, die Nerúi bis eben völlig übersehen hatte, Face plötzlich zuvor. Ihre Erklärung war zwar für Turién gedacht, aber Nerúi verwirrte sie auch. Mit unentschlossenem Blick drängelte sie sich bis zu der Weißen durch, und hieb spielerisch nach ihrem Lauf.
"Warum muss Tante Banshee denn weggehen? Hier ist es doch schön!?"
Befand sie, halb traurig, halb verwirrt. Es ging doch niemand freiwillig von hier weg, es kamen immer nur neue Wölfe dazu.
Tascani Amour hing förmlich an den Lefzen der hübschen Fähe, deren Bekanntschaft ihn mehr und mehr freudig erregte. Sie hätte ihm die traurigsten Geschichten erzählen können und er würde dennoch mit einem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck, wachen Augen und einem erfreuten Hecheln ihr gegenüber sitzen. Genau genommen starrte er sie voller Erwartung an und brachte es einfach nicht fertig, sich auf ihre Worte zu konzentrieren. Was hatte sie gesagt? Der Rüde brauchte einen kurzen Moment, erinnerte sich aber wieder. Wie lange er sie in diesem versunkenen Zustand angeblickt hatte, wusste er allerdings nicht. Sein Zeitgefühl war einem wärmenden Gefühl in seinem Inneren gewichen.
Tascani war fast ein bisschen schüchtern, als er ihr antwortete. Zuvor noch selbstsicher aufgetreten, war er nun in einer Situation, die er selbst nicht so ganz einschätzen konnte. Sie hatte etwas sehr Besonderes.
„Mon lieblische Kylia! Isch bin ganz sischer, dass disch niemand wird ansehen schräg. Du bist doch ein so einmalige Wesen! Verzeih, isch disch kennen nur sehr kurz, aber isch schon wissen, dass du bist eine ganz wunderbare Engel!“
Er schenkte ihr ein gewinnendes, aber keinesfalls aufgesetztes Lächeln und hoffte inständig, es diesmal nicht zu vermasseln. Denn nun verschwendete er an Amáya keinen einzigen Gedanken mehr. Er wagte noch einen Versuch.
„Traurisch? Oh lá lá, isch habe gar nischt verstande, was genau ist für eine Problem. Kannst du mir erklären, warum alles traurisch?“
Er näherte sich ihr einen kleinen Schritt. Wenn sie nun auch traurig würde, dann würde er sie liebevoll trösten, wie es sich gehörte!
Polar starrte noch immer das gegenüberliegende Ufer an und rührte sich keinen Millimeter. Er hing seinen Gedanken nach und überlegte, was hier passierte. Warum waren alle einer solch miesen Stimmung? War das nur, weil jemand gestorben war, den sie geliebt hatten, oder war es auch deswegen, weil es nicht der erste war, den sie verloren? Vermissten sie womöglich schon mehr als nur einen Wolf? Mehr, als nur einen Wolf, den sie geliebt hatten? Vielleicht hatten nicht alle ihn auf die selbe Art und Weise geliebt, aber geliebt war er von allen geworden. Und auch jetzt wurde er wohl noch von allen geliebt. Die beiden kleinen Welpen waren wohl seine Nachkommen gewesen. Welpen, die es nicht verdient hatten, nun alleine leben zu müssen. Aber was sollte er, Polar Amronial, ein ganz einfacher und gewöhnlicher Wolf aus einem anderen Rudel, der zur Zeit auf Reisen war, dagegen tun? Er konnte nichts dagegen tun, weil es nicht seine Aufgabe war. Seine Aufgabe war eine ihm noch unbekannte. Wahrscheinlich kannte niemand so genau seine richtige Aufgabe.
Polars Blick verschwamm und er nahm das andere Ufer nur noch als undeutlichen Schemen, der seinen Augen ausweichen wollte, nicht von ihm gesehen werden wollte. Und er kämpfte nicht dagegen, sondern ließ es zu, dass sein Blick verschwamm. Es war momentan sowieso nicht wichtig, was er sah, solange er seinen Gedanken nachhing und alles friedlich war. Er hörte nur das stetige und gleichmäßige Tropfen des Regens. Der Regen hinterließ feine Wellen auf dem Wasser und durchnässte Amronials Fell nochmehr. Es war mittlerweile nicht mehr nass, es war klitschnass. Polar zwinkerte und sein Blick wurde wieder klar. Zuerst schaute er sich verwirrt um, dann ganz klar. Er lächelte.
Die klaren Augen nahmen sehr wohl die vielen und doch weichen Bewegungen der kleinen Fähe wahr, die sich verzweifelt abmühte ihrem großen Vater in die Augen zu blicken. Während der ruhige Blick des schwarzen Rüden auf den beiden lag fiel Shaén Eleazer zum ersten Mal auf, dass sie sich nicht sehr ähnlich sahen. Natürlich wusste er nicht, wer die Mutter der Kleinen war, allzu lange hielt er sich hier auch wieder nicht auf, um einen vollständigen Überblick bekommen zu haben, zumal er sich mehr im Hintergrund gehalten hatte. Dieses Rudel war in stiller Aufruhr, der Schmerz und der Tod lagen schon spürbar über diesem Tal. Ein seltsames Gefühl von Déjà-vu, welches ihn nicht in Ruhe lassen wollte. Es fühlte sich fast wie damals an. Viele Erinnerungen hatte er nicht, zumindest keine bewussten, hatte das Geschen zurück gedrängt, wollte am liebsten vergessen und die rabenschwarze Vergangenheit auslöschen. Sie war der Grund für seine Rastlosigkeit, aus jenem Grunde zog es ihn früher oder später immer weiter. Er konnte und er durfte an keine Ort bleiben. Zu gefährlich.
Er war eine Bestie und Sünder. Die Hölle wartete nur auf ihn, da machte er sich keine Illusionen.
Während Shaén Vater und Tochter beobachtete fiel ihm aber wohl auf, dass sich die beiden in einer Kleinigkeit sehr wohl ähnlich waren. Sie hatte beide eine seltsame Ausstrahlung. Fiel das nur ihm auf oder sahen die anderen Rudelmitglieder auch? Es war nicht wie bei manchen aus diesem Rudel, die, wie er inzwischen heraus gefunden hatte, dem Götterpaar Fenris und Engaya huldigten, ihnen dienten und ihr Wort in diesem Tal verbreiteten. Es war etwas vollkommen Eigenständiges, welches Aryan und Aléya von herkömmlichen Wölfen abhob und sie auch von den Göttergeweihten unterschied.
Es gab keine Worte, keine Genauigkeit, mit der Shaén dieses bestimmte Etwas näher beschreiben konnte, zumal es sich bei den beiden ein wenig unterschied. Während Aryan eine kräftige Ausstrahlung hatte, die man kaum übersehen konnte und die mit jeder Sekunde stärker zu werden schien, war Aléya bisher nur von einem andersartigen Glanz betroffen, der sie, zumindest in seinen Augen, anders machte. Dies hatte allerdings nichts mit dem engen Kontakt zu Aryan zu tun, als das es sich übertragen ließ. Es musste eine andere Ursache haben.
Ob er seinen jungen Freund mal darauf ansprechen sollte, wenn sie mal alleine waren? Zumindest sollte er ihn darauf hinweisen, falls er es nicht selber schon bemerkt hatte.
Mit neutralen Gesichtszügen nickte er dem stolzen Vater zu, der beschützend seine Pfote über seine Tochter gelegt hatte. Dabei waren sie sich inzwischen nicht mehr allzu fremd, doch Vertrauen konnte der gefallene Soldat nicht erwarten.
Es war besser, wenn man ihm nicht glaubte, wenn man ihm nicht traute und am allerbesten, wenn man ihm gar nicht erst über den Weg lief. Seine Anwesenheit war zu gefährlich, das Monster in seinem Herzen nicht immer unter seiner vollkommenen Kontrolle. Er konnte dessen Macht nutzen, doch hatte er es dann nicht immer ganz in seiner Pfote. Zu schnell konnte es noch passieren, dass er sich verlor und die beiden Seiten erbarmungslos gegeneinander kämpften.
„Was kann ich für dich tun, mein Freund?“
Chanuka war nicht sicher, ob Caylee verstanden hatte, was er ihr zu sagen versuchte, folgte ihr aber, ohne noch etwas zu sagen. Er brachte es nicht über sich ihr zu erklären, dass ihr Vorhaben scheitern würde. Es war so, als müsse er sich selbst den bevorstehenden Verlust endgültig eingestehen, obwohl er es bereits wusste.
Nyota rettete ihn wohl, auch wenn ihm das Herz nach ihren Worten noch schwerer wurde. Sie erklärte sachlich, dass niemand für einen Anderen in den Tod gehen konnte. Chanuka sah das als sinnvoll an, da er niemanden hätte auswählen wollen, der statt seiner Mama sterben musste. Trotzdem fühlte er sich nun noch niedergeschlagener, als zuvor.
Langsam trat er an Caylee vorbei, um seiner Tante zufolgen. Doch ehe er gänzlich hinter ihr her lief, hielt er inne und wartete auf seine Schwester. Sie waren bis hier her zusammen gegangen und er fand es nur richtig, wenn sie auch noch den Rest des Weges gemeinsam zurücklegten. Abgesehen davon wollte er erfahren, ob sie ihre Idee nun abgelegt hatte, oder weiter daran festhielt.
Chanuka sah sich um und fühlte sich bedrängt von der Ansammlung an Wölfen, die alle irgendwie zu seiner Familie gehörten, aber er nicht zu ihnen. Es schüchterte ihn ein, dass die Gruppe um ihn immer größer wurde. Sie alle wollten zu seiner Mama und er wollte doch auch so sehnsüchtig zu ihr! Wenn aber all diese Wölfe da waren, würde er sie mit jedem einzelnen von ihnen teilen müssen. Das, was dann für jeden übrig blieb, war so wenig, dass es ihn beinahe wütend machte, dass die Familie so groß war.
Nach dem er einmal ein und ausgeatmet hatte, nahm er es resignierend hin und machte sich bereit, weiter mit den Trauernden zu laufen.
Ein unangenehmes Gefühl durchströmte Liams Körper nicht lange nachdem er Isis und die anderen zwei Wölfe erreicht hatte. Besser gesagt, wenige Sekunden danach. Zuerst konnte er sich keinen rechten Reim darauf machen, wusste aber, dass irgendetwas passiert sein musste, schließlich hatten ihn seine Gefühle selten in die Irre geleitet. Als er sich nach Kandschur umdrehte, wusste er auch gleich, was es war und fühlte sich um ein Neues bestätigt. Seine Gefühle logen eben nie.
Hilfsbereit und auch ein wenig erschrocken eilte er seinem humpelnden Gefährten entgegen, gerade wollte er ihn fragen, was um Himmels Willen vorgefallen war, da fiel sein Blick auf den Körper, besser gesagt auf das Fell des Schwarzen und sofort war ihm alles klar. Anscheinend waren Kandschurs Pfoten dem matschigen Untergrund nicht so sehr gewachsen, wie die seinen. Fast schon war er ein wenig sauer auf sich selbst. Das er aber auch nicht langsamer hatte laufen können, immer musste alles jetzt sofort und schnell geschehen, dabei konnte er doch so geduldig sein. Doch auch Reue half nun nicht mehr, das kleine Unglück war geschehen und Kandschur musste nun darunter leiden. Mitleidig und entschuldigend drückte sich Liam an den matschigen Körper seines Freundes und stützte ihn so die restlichen Schritte bis zu den anderen Wölfen. Dort half er ihm noch sich auf den Boden zu legen und schenkte ihm einen besorgten Blick. Hoffentlich würde es nicht zu sehr schmerzen, momentan fiel ihm keine Priesterin mit Heilerfähigkeiten ein, die nicht zu Banshee oder eher gesagt zu Nyota gerufen worden war.
Aufmunternd schleckte er ihm nochmals über die Schnauze.
Die ängstliche Reaktion des kleinen Welpen war ihm durch diese Aktion entgangen, wohl aber konnte er noch sehen, dass sie sich enger an Isis gekuschelt hatte und ein wenig angespannt aussah. Das darauf folgende leise hicksen lies ihn jedoch ein wenig schmunzeln. Da hatte wohl wer Schluckauf. Er kannte das Gefühl nur zu gut, doch mittlerweile hatte er ein gutes Mittel gefunden um dem lästigen Hicken zu entkommen.
Er wischte leicht mit seiner kurzen Rute durch die Luft, er freute sich, dass Isis ihn so lieb begrüßte und berührte sie ebenfalls kurz an der Schnauze, ehe sie sich wieder zu den zwei anderen legte, anscheinend auch um den Welpen zu beruhigen.
Auch hatte er Katsumis Worte vernommen, war jedoch vorher nicht recht auf sie eingegangen, dies sollte sich nun ändern.
„Richtig, Liam ist mein Name. Ich freue mich dich kennen zu lernen Katsumi. Und auch dich Sharu Naím. Ein sehr schönen Namen hast du da, bedauerlich, dass du das Schweigen dem Sprechen vorziehst. Eine so wunderschöne Fähe wie du muss doch nichts befürchten. Auch möchte ich nicht, dass du Angst vor uns beiden hast. Wir zwei haben nicht vor dir oder irgendwem anders etwas zu tun, wenn du magst können wir auch ein wenig auf Abstand gehen…“
Damit trat er zwei kleine Schritte zurück, stellte sich beschützend neben Kandschur und beknabberte sanft dessen Ohr. Dabei ließ er die anderen drei jedoch nicht aus dem Auge. Er fand, dass Isis und der Rüde Katsumi ein vortreffliches Paar abgaben, gewiss würden sie eins werden, wenn sie es nicht schon waren. Er lächelte sanft und blickte kurz auf Kandschur herab. Wenn er richtig lag, würden die beiden sich so lieben können wie sie beide.
Er wuffte freudig auf. Liebe war doch noch gegenwärtig, obwohl der Tod so lauernd über dem Tal schwebte. Solange man die Liebe noch spüren konnte, würde die Welt auch nicht untergehen. Und er war sich sicher, dass der Tag an dem die Liebe verstummen würde, außerhalb seines Lebens lag, weit außerhalb.
„Dies ist mein Gefährte Kandschur! Er hat sich auf dem Weg hier her verletzt, es wäre schön, wenn wir euch ein wenig Gesellschaft leisten dürften, damit er sich ein wenig erholen kann. Außerdem können wir so ein schönes Gespräch führen, wenn euch denn danach ist. Es sei denn, ihr wollt lieber alleine sein…?“
Er beobachtete die Reaktionen der drei anderen ganz genau. Sharu Naím, die hoffentlich ein wenig ihre Angst überwinden würde und natürlich die Blickwechsel zwischen Isis und Katsumi interessierten ihn brennend. Nicht, weil er ein so neugieriger Wolf war, sondern weil er der Wüstenwölfin, die ihre Bestimmung noch finden musste, einen Partner wünschte, welchen sie lieben konnte und welcher ihre Liebe ebenso erwidern konnte. Und so einer schien Katsumi zu sein.
Gleichzeitig jedoch wollte er nicht aufdringlich erscheinen, schließlich gab es auch genügend Wölfe, die gerne ihre Ruhe hatten und nicht von zwei daher gelaufenen Wölfen gestört werden wollte, vor allem wenn es zwei Rüden wie sie beide waren. Noch immer hatten nicht alle Wölfe in diesem Rudel sie beide, so wie sie waren, akzeptiert.
Nicht sonderlich angetan von der Situation, sah Takashi Jikken an. Die eine Augenbraue hochgezogen und ein schiefes Lächeln auf seinen Lefzen, ließen erahnen, dass ihm das alles gar nicht passte. Um genau zu sein, fühlte er sich gerade nämlich ziemlich verarscht. Dieser Jikken hatte den Schwarzen nämlich schon wieder ignoriert und brabbelte da irgendeinen Schwachsinn vor sich hin. Takashi passte das alles gar nicht und sah es sogar als eine Art Beleidigung an! Auch wenn er jetzt gerade nicht wirklich in der Stimmung war und die Kraft dazu hatte, jemanden zu sagen, wo es lang ging, sah er dennoch ziemlich angriffslustig aus. Angst und Trauer versuchte er einfach zu Unterdrücken, was ihm doch schon recht gut gelang. Schließlich hatte er es überhaupt nicht nötig, sich von einem fremden dahergelaufenen einfach etwas sagen zu lassen. Das würde seinen Stolz viel zu sehr verletzen und das würde er keinesfalls zulassen. Takashis Gesichtsausdruck wurde finster und er kniff die Augen zusammen. Seine Gedanken waren keinesfalls freundlich und würden ihn noch zum ausrasten bringen! An seinen verstorbenen Bruder Urion konnte er in dieser Situation einfach nicht mehr denken. Er war viel zu aufgebracht und war zudem auch noch sehr wütend.
.oO(Wie unverschämt von dir, hier einfach so aufzutreten! Was denkst du überhaupt, wer du bist? Ich war zuerst hier in diesem Rudel…also halt deine Klappe! Und wenn du mir noch einmal mit deinem absurden Unsinn kommst, dann…! Wenn ich keinen Bock mehr auf so einen wie dich habe, werde ich dich hier wohl oder übel noch über die Reviergrenze jagen! Und dann kannst du gefälligst da bleiben und dir ein paar andere Idioten suchen, die sich mit dir abgeben wollen! Wirst wohl keine finden, was?)
Des Schwarzen Seelenspiegel funkelten bedrohlich wie eine Art Warnung auf. Sollte der Fremde sich noch eine weitere Dreistigkeit erlauben, wäre er wohl dran! Feste biss er die Zähne zusammen, sodass ein leises Knirschen zu hören war. Dann knurrte der Schwarze erneut leise. Langsam richtete er sich auf, um größer und bedrohlicher zu wirken. Vielleicht würde das dem Weißen die Sprache verschlagen und würde sogar freiwillig gehen, was Takashi aber selber anzweifelte.
“Ich sag dir eins…von DIR lasse ich mich nicht verarschen!“
Er hörte sich sehr unfreundlich an, was für diese Situation wohl eher nicht ungewöhnlich war. Nach diesen wenigen Worten deutete Takashi an, zu gehen. Dem Fremden kehrte er einfach den Rücken zu und blickte starr in die andere Richtung. Was würde wohl jetzt passieren? Würde der Weiße etwa Takashi angreifen? Na sollte er doch, es würde ihm sowieso zum Verhängnis werden!
Kalt. Ja die Kälte lag über der weißen Fähe, die sich gerade versuchte auf dem Erdboden,über Laub und vermoderten Ästen, etwas auszuruhen. Ahkuna Caiyé traute sich allerdings nicht ihre Augen zu schließen. Irgendwas lag über dem Tal was das Wetter noch ungemütlicher machte. Nicht nur der Regen betrübten nun die Stimmung der Fähe. Irgendwem ging es nicht gut. Trauer lag über dem Tal, doch was war es was die Trauer hier auslöste? Diese Trauer lag wie ein Film gemischt mit dem Regen auf dem Fell der Weißen die ihre Augen starr nach vorne gerichtet hatte während sie ihren Kopf auf dem Boden,zwischen ihren Pfoten hielt.
Ahkuna zitterte am ganzen Körper. Es war angst einflößend. Tod. Irgendwas erinnerte sie an diesen Gedanken. Dieses etwas lag in der Luft wie damals als ihr Vater sterben musste. Ja, ihr Vater. Jeder Gedanke an hin schmerzte doch es half nichts. Sie musste da durch. Nun entschloss sich die weiße Fähe ihren Körper zu erheben der nun viel schwerer geworden war durch den Regen und der Kälte die sich durch ihren Körper zog. Sie musste nach sehen was das war. Während sie sich erhob hörte sie die Botschaft Nyotas, die verkündete das Banshee wohl bald nicht mehr da sein würde. Ein Rudeltreffen mit allen die ihr Herz an Banshee geheftet hatten sollte wohl ihr die letzte Ehre erweisen. Ahkuna war dies recht da Banshee ihre Bluts verwandte war. Es war unvorstellbar bei so etwas nicht dabei zu sein. Banshee hatte sie doch alle so gut behandelt. Ahkuna aufgezogen und belehrt. Ja Banshee war es die ihr das Gefühl von Heimat brachte. Banshee ließ alles so harmlos erscheinen und ließ alles um sie herum verschwimmen. Sie war ein Idol für Ahkuna. Sie wollte auch so werden wie Banshee. Doch nun war es an der Zeit sich darauf zu machen zu Banshee zu gehen.
Kurz nach dem Ahkuna los gelaufen war sah sie auch schon Rakshee. Eine Schwester. Eine weitere Bluts verwandte Ahkunas. Jemand der sie verstehen müsste. Die Trauer die sich in Ahkuna breit machte ließ sie nicht los. Ob Rakshee wohl das selbe verspürte? Ein verunsichertes Wuffen entließ Ahkuna aus ihrer Kehle um auf sich aufmerksam zu machen. Doch hatte ihre Schwester sie überhaupt gehört? Ihrer Körperhaltung zur folge war sie wohl ebenfalls traurig. Dies ließ einen kleinen lichten Punkt in der Trauer erscheinen. Jemand fühlte wie sie.
Rakshee war langsamer und langsamer geworden - die aufkommende Trauer hatte sich wie Ketten um ihre Läufe geschlungen, und sie festgehalten. Die Braune fürchtete nicht wieder los laufen zu können, wenn sie einmal angehalten hatte - und versuchte wieder ihren Schritt zu beschleunigen - zumindest soweit dass es einem normalen Gang gleichkam. Aber es ging einfach nicht. Irgendetwas hielt sie zurück, hielt sie fest - sie kam so schrecklich langsam voran. Die Welt leuchtete auf. Ahkuna kam auf sie zu, ihre weiße Schwester. Rakshee hörte das zaghafte Wuffen, und wandte sich um - sie wollte Ahkuna ein Lächeln schenken, aber es misslang. Sie konnte keine Freude in ihrem Blick einfangen, dafür saß der Schmerz zu tief. Banshee war so viel mehr als nur ihre Großmutter gewesen.
"Schön dich zu sehen"
Ihre Worte waren kaum lauter als ein Flüstern, und die Braune hielt kurz inne, als sie die Weiße erreicht hatte. Sanft drückte sie ihren Kopf gegen Ahkunas Brustfell, schmiegte sich an ihre Wange an, und löste sich dann wieder von ihr. Sie hatten noch ein Stück vor sich...
"Komm"
Ihre Stimme war nicht lauter geworden, sie klang so tränenschwer. Mit einer sachten Kopfbewegung setzte sie sich wieder in Bewegung. Ahkunas Anwesenheit tat gut, in der letzten Zeit hatten die Schwestern viel zu wenig mit einander unternommen. Und dann war da ja noch die Sache mit Jakash...Rakshee hatte keine Ahnung wo ihr Bruder nun war - hoffentlich kam er auch, und blieb nicht aus Angst auf Distanz. Ihn brauchte sie jetzt genauso sehr wie den Rest ihrer Familie. Schritt um Schritt setzte sie die Pfoten voreinander, langsam, bedacht. Der Wald um sie herum breitete sich aus - und vor ihnen erkannte Rakshee noch eine weiße Fähe. Sheena, die sie eigentlich nicht so gerne mochte. Aber sie war auch Banshees Schülerin gewesen, und so hilflos wie die Weiße wirkte, konnte Rakshee sie unmöglich dort sitzen lassen. Sie warf einen Blick zu ihrer Schwester, bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung ihr zu folgen, und trat dann auf Sheena zu - ihr viel zum ersten Mal auf, dass sie bereits ein wenig größer war als die Erwachsene.
"Hey"
Wieder kaum mehr als ein Flüstern, dann stieß sie die Fähe sacht mit der Nase an der Schulter an. Sie konnte Sheena heute für nichts böse sein. Auch für sie versuchte sie sich an einem Lächeln - auch bei ihr ging es schief. Dennoch bedeutete sie auch ihr, sie beide zu begleiten, und lies Sheena Zeit, aufzustehen. Sie würde somit zu dritt auf den Zug der Anderen stoßen. Trauer vereinte.
Einen kurzen Moment erschien es ihr, als ob Shani traurig war, dass sie sich so zügig aus ihrer liebevollen Umarmung gelöst hatte. Aber es war doch ihr Vorschlag gewesen, ihre beiden Brüder suchen zu gehen. Wobei es eigentlich auch ihre Aufgabe hätte sein müssen, daran zu denken. Nachdenklich musterte sie Shani und bekam so gar nicht richtig mit, wie Shakru zu ihnen trat. Erst als er sich neben sie setzte, bemerkte sie ihn und zuckte ein wenig zusammen. Stimmt, er und Ayv waren ja auch noch anwesend. Hatten sie wohl ihre Tränen bemerkt. Als er zu sprechen anfing viel ihr ein Stein vom Herzen, anscheinend waren die beiden zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, als das sie auf sie zwei geachtet hätten.
Doch nun wollte sie auf das Gesagte achten und nicht in ihrem Gedanken die verschiedenen Möglichkeiten erwägen, wie sie mit der Situation umgegangen wäre, hätten die zwei es mitbekommen. Shakru entschuldigte sich dafür, dass er nicht früher zu ihnen gekommen war, was Liel auf eine bestimmte Art und Weise köstlich amüsierte. Man konnte es ihr jedoch nicht direkt ansehen, dafür war ihre Trauer einfach immer noch viel zu groß, aber wenn Shakru wüsste, wie froh sie war, dass er erst jetzt gekommen war, wäre er bestimmt sehr verwirrt gewesen. Shani kommentierte seine Entschuldigung mit einem freundlichen Nicken, demnach nahm Liel an, dass es auch sie eher gestört hätte, wenn er früher zu ihnen gestoßen war oder aber es ihr zumindest nichts ausmachte, dass er sich erst jetzt bei ihnen meldete. Seine nächste Frage erinnerte sie dann wieder an ihren eigentlichen Grund, weshalb sie überhaupt nun hier neben ihm saß und nicht mehr an Shani gekuschelt in dem Matsch lag. Ihre Brüder mussten gefunden werden.
Sie konnte nicht die rechte Motivation finden, Shakru zu antworten und war froh, als Ayv ihm wenigstens einen Teil seiner Frage beantwortete, Shani übernahm dann den zweiten Teil. War es wirklich eine gute Idee die beiden zu Krolock zu schicken? Sie war sich nicht ganz sicher, Krolock war sehr eigen, er versank wahrscheinlich gerade in seiner Wut und seiner Trauer, er musste auf jeden Fall gefunden werden, aber sie wusste nicht, ob es nicht besser wäre, wenn sie zu ihm gehen würde. Andererseits wollte sie Ciradán auch nicht von den beiden finden lassen, schließlich war er derjenige der von dem ganzen Unglück noch nichts mitbekommen hatte. Hin und her gerissen war sie nun, wollte sich nicht für einen Bruder entscheiden müssen, sollte der andere schließlich nicht denken, dass sie ihn nicht so sehr liebte. Doch eigentlich fand sie auch gar nicht genügend Kraft um Shani zu widersprechen, nicht genügend Kraft um überhaupt viel zu sprechen, viel zu erklären, also beschloss sie, dass es doch das Einfachste war, Shanis Idee zuzustimmen und Ciradán suchen zu gehen. Er sollte so schnell wie möglich von dem Verlust ihres Vaters erfahren und sie konnte einfach nur hoffen, dass Ayv und Shakru Krolock schnell finden würden und ihn überzeugen konnten zu ihr, Ciradán und Shani zu kommen.
Shani hatte ihr mittlerweile auch schon auf ihre Frage geantwortet und ein wenig konnte sie sich sogar freuen, dass sie es einigermaßen richtig gesehen hatte. Und anscheinend freute Shani sich sehr, dass Liel sie so selbstverständlich dazugezählt hatte. Das machte die kleine Fähe sehr glücklich, trotz der innewohnenden Trauer. Langsam stand sie wieder auf, lächelte Shakru eher kläglich zu und drückte ihre Schnauze, nachdem sie die paar Schritte auf Shani erneut zugemacht hatte, in ihr Brustfell. Dann streckte sie sich zu Shanis Ohr, was glücklicherweise in einer gut erreichbaren Höhe war, da die Fähe noch immer lag.
„Danke Shani“
Sie flüsterte nur diese zwei Worte, aber sie waren so voller Intensität, dass ihr erneut fast die Tränen kamen. Sanft ließ sie ihre Schnauze dann über Shanis Gesicht zu ihrer Schnauze gleiten und trat erst dann, einigermaßen gefasst wieder zurück.
„Dann los!“
Sie wollte nicht noch mehr Zeit verlieren, sonst würden sie ihre Brüder niemals mehr finden.
Die Aufforderung zum Spielen war recht verlockend, wollte der schwarze Hüne seiner Tochter ein wenig Abwechslung und Spaß bieten. Doch das ging nicht, nicht jetzt. Zu groß der Durst und zu drängend die bevorstehenden Aufgaben. Mit einem vorsichtigen Grinsen, welches die scharfen und langen Reißzähne auf blitzen ließ, schüttelte Aryan sachte den Kopf. Es war an der Zeit seiner Verantwortung entgegen zu treten und sein Schicksal in die Pfote zu nehmen. Dabei war er noch nicht ganz sicher, was er zuerst erledigen sollte. Seufzend erhob sich der Rüde und präsentierte seine erschreckende Größe. Das leichte Zittern Aléyas wischte er mit einer kurzen, sanften Berührung hin fort, die schwarzen Augen dabei auf sein Gegenüber gelegt. Immer noch wusste Aryan nicht, was diese Rüden mit einander verband, was sie so gleichend machte. Ein Bluttrinker war Shaén nicht – ein Monster so wie er es war? Das Grinsen verschwand und der ernste Gesichtsausdruck legte sich wieder auf die markanten, wenn gleich so seidigen Züge. Ein Schritt auf den Pechschwarzen zu, bevor er sprach:
“Ich muss einige Dinge erledigen... und mitnehmen kann ich meine Tochter nicht. So bitte ich Dich, mein Freund: passe auf Aléya auf.“
Hatte man den leichten, drohenden Unterton vernehmen können? Süßlich seine Worte, der ganze Charme spielte sich in diese hinein. Und doch ganz deutlich der warnende Ton. Ein Vater, der sein Kind unter jedem Umstand beschützen wollte. Und er würde sie beschützen, er war schneller und kräftiger als die Anderen.
“Und Du, Aléya“, die Augen wieder auf das kleine Wesen zwischen seinen Pfoten gerichtet, “sei bitte brav und bleibe immer bei dem schwarzen Onkel, ja? Keine Sorge, wenn ich wieder zurück bin, können wir vielleicht zusammen zum See gehen und dort ein wenig das kühle Nass genießen, wenn Du möchtest“,
mit diesen Worten hatte er sich von der kleinen Ansammlung entfernt, ohne auch nur die Antworten abzuwarten. Je schneller er sich dem Bevorstehenden stellte, desto eher konnte er wieder ein Leben in der Runde des Rudels genießen. Ein strahlender Ruck glitt durch den mächtigen Körper und der schwarze Schatten verschwand im Unterholz. Leise, fast lautlos, preschte er in hoher Geschwindigkeit auf den Rudelplatz zu. Nur aus dem Augenwinkel erkannte er den kleinen Zug der Trauernden. Einen Atemzug lang schloss der Rüde die Augen und gab der weißen Leitwölfin seinen letzten Gruß. Der schwarzen Alphafähe allerdings, wollte er vorerst aus dem Weg gehen. Noch war die Anschuldigung zum versuchten Mord zu hart. Bevor ihm also ein Außenstehender glaubte, musste er zuerst seinen Bruder und seine Gefährtin von seiner Unschuld überzeugen.
Am Rudelplatz angelangt, brauchte Aryan nicht lange suchen. Seine Gefährtin. So schön und voller Licht. Und so erhelltest Du mir die Dunkelheit. Allerdings verfinsterte sich sein Blick schlagartig. Ein fremder Rüde. Das Nackenfell sträubte sich und ließ den ohnehin schon recht großen Wolf noch riesiger wirken. Und ohne sein Zutun trat ein Knurren aus seiner Kehle. Zu schnell hatten seine Sinne analysiert und etwas entdeckt, was man mit einem normalen Verstand nicht erklären konnte. Wie sehr er doch die neu erworbenen Fähigkeiten hasste. Schon jetzt war das ungute Gefühl mächtiger, als die Erklärung dafür. Es musste die lange Trennung sein, die ihn nun eifersüchtig machte. Eine bessere Erklärung gab es dafür einfach nicht.
“Daylight...“,
wisperte er mit seiner Samtstimme und ein schiefes Lächeln legte sich auf die Lefzen. Wie lange war es her? War Zeit überhaupt noch ein Begriff, wenn man sie nicht messen wollte? Eine Ewigkeit. Nur langsam, fast in Zeitlupe, trat er auf seine weiße Gefährtin, den schwarzen Fremden und Avendal zu. Die Augen huschten von seiner Gefährtin zum Boden hin oder wieder zurück. Zu gern hätte er sie stundenlang betrachten wollen, aber er musste seine schwarzen, durstigen, Blut gierenden Augen verdeckten. Die schwarzen Stunden. Der Tod. Die Mutter Daylights sollte heute sterben und zog sich zurück. Warum war sie nicht bei ihrer Familie? Konnte sie es nicht ertragen? Was ging nur in ihr vor? Aryan hatte es gewusst, damals. Er hätte die Gedanken seiner Gefährtin richtig verstehen und deuten können, nur warum jetzt nicht ... Die Welt drehte sich erbarmungslos weiter. Auch für den Hünen hatte sie nicht aufhören wollen ihre Kreise zu ziehen. Ein Mörder, ein Monster. In Deiner Nähe bin ich das Alles nicht.
“Oh Daylight.“
Jakash spürte, wie seine Schritte langsamer wurden. Sein Weg führte ihn zwischen den Bäumen hindurch, parallel zu dem Zug der Trauernden und halb versteckt vor ihren Blicken. Die Luft war schwer vor Traurigkeit und schien ihn niederdrücken zu wollen. Und dabei war Banshee noch nichteinmal gestorben. Für einen Moment verzogen sich die Lefzen des jungen Schwarzen zu einem irren Lächeln ob dieses Paradoxons, für das er sich sogleich schämte und es fortzwang, indem er sich auf die Lefzen biss. Das alles war so falsch, so falsch... So sollte es nicht sein. Es war grotesk, und doch... und doch war es ihm lieber so. Gleichsam morbide wie feierlich, eine letzte Ehrung, die besser war ein plötzliches, überraschendes Ende. Und er schlich nebenher wie ein lauerndes Raubtier anstatt inmitten der anderen dahin zu schreiten, weil er sich fürchtete ... fürchtete ...
Jakash blieb stehen und schloss die Augen. Was würde aus ihm werden, wenn seine Großmutter fort war? Würde er genug eigene Kraft haben um gegen Fenris zu bestehen? Sicher, da gab es noch seine Mutter und Rakshee, die ihm beistehen könnten. Aber seine Mutter litt selbst noch unter dem Verlust ihres Gefährten und brauchte selbst Beistand, während Rakshee selbst inmitten ihrer Ausbildung ihrer Mentorin beraubt wurde. Wer blieb dann noch? Tyraleen und Averic? Oder niemand mehr....?
Als Jakash die Augen wieder öffnete, stellte er erschrocken fest, dass der Zug bereits ein Stück vorraus lief. Er wollte ihm nacheilen, doch seine Pfoten rührten sich nicht von der Stelle, als wären sie untrennbar mit der Erde verwachsen. Jakash winselte lautlos dem Trauerzug hinterher, unfähig, sich aus seiner Lähmung zu befreien. Da drangen Stimmen an sein Ohr. Der junge Schwarze wandte den Kopf um und entdeckte zwischen den Bäumen Rakshee und Ahkuna, sowie Sheena. Die drei folgten ebenfalls dem Zug, nur langsamer. Und wahrscheinlich würden sie ihn nichteinmal bemerken, wenn er nichts unternahm. Und unternehmen musste er irgendetwas, sonst, so fürchtete er, würde er nicht mehr vorwärts kommen. Ein leises Winseln drang aus seiner zugeschnürten Kehle, gefolgt von einem etwas lauterem Wuffen einige Herzschläge später. Sie mussten ihn hören, oh bitte, sie mussten...
Aszrem beobachtete zufrieden, wie Rakshee sich zu ihrer Familie aufmachte. Es war ein schwerer Gang, den sie antreten musste, und doch war der Schwarzbraune davon überzeugt, dass es besser so war. Es würde sie stärken für ihr weiteres Leben, aber vor allem würde sie sich später niemals vorwerfen müssen, sich von ihrer Großmutter nicht verabschiedet und ihr die letzte Ehre erwiesen zu haben, als sie noch die Chance dazu hatte.
Als Rakshee sich von Garrett verabschiedete, ließ ihr Tonfall ihn abermals aufhorchen. Die beiden konnten einander nicht kennen, wenn Garrett tatsächlich vollkommen fremd war - was also war es, dass Rakshee so an diesen Rüden zu binden schien? Etwa diese berühmt berüchtigte 'Liebe auf den ersten Blick'? Aszrem ließ seine Gedanken kreisen, und lauschte dafür umso aufmerksamer den Worten des Schwarzen neben sich. Viel gab Garrett ja nicht gerade Preis über diesen Wolf, nach dem er suchte, oder aber er wollte nicht mehr erzählen. Immerhin deutete er an, das Aussehen seines älteren Bruders zu kennen und einen Teil seiner Lebensgeschichte. Na, vielleicht ließe sich damit ja etwas anfangen? So geheimnistuerisch wie dieser Garrett tat - ob nun beabsichtigt oder nicht - weckte es das Interesse des Schwarzbraunen.
"Wenn du mir ein bisschen mehr über deinen Bruder erzählt, kann ich deine Suche zumindest etwas beschleunigen und dir sagen, ob ich ihn kenne",
erwiderte er in neutralem Tonfall und ohne den Rüden neben sich anzusehen. Garrett sollte sich schließlich nicht gezwungen fühlen weiter zu erzählen, denn obwohl in Aszrem die Neugier erwacht war, war es doch letztendlich allein die Angelegenheit des Schwarzen, ob und was er anderen erzählte...
Nyota sah sehr unglücklich aus. Das fiel Caylee erst jetzt auf, nachdem sie ihr Anliegen vorgetragen und ein wenig Zeit hatte, ihre Mama-oder-so zu betrachten. Wenn die Kleine genau darüber nachdachte, hatte sie noch nie jemanden gesehen, der so traurig aussah. Nicht einmal Krolock, nachdem seine Mama gestorben war. Auch in Caylee regte sich etwas, der Klumpen in ihrem Hals wurde größer und wollte sich nicht mehr hinterschlucken oder wegschütteln lassen. Sie spürte einen seltsamen Schmerz während sie Nyota betrachtete und daran dachte, warum die Schwarze so traurig war. Ein schrecklicher Schmerz, der nur vertrieben werden konnte, in dem ihre Oma blieb! Ihre leicht zusammengefallene Mimik wurde wieder verbissen. Besonders als Nyota anhielt und ihr antwortete, dass sie sie zu Oma führte. Super! Allerdings ein wenig langsam, wie Caylee fand. Das wollte sie ihrer Mama-oder-so auch gleich verkünden, doch diese kam ihr zuvor. Sie senkte ihren Kopf zu ihr herab und sagte dann leise das, was Caylee irgendwo wusste, aber nicht wahrhaben wollte.
“Nein!“
Rief sie laut und piepsig, die Stimme bereits zusammengedrückt.
“Aber warum denn Oma, sie weiß da sicher eine Lösung, sie weiß doch immer eine Lösung! Wir müssen sie nur bitten, ganz sicher!“
Jetzt hatte sie schnell und heiser gesprochen, die ersten Tränen hingen wie Perlen in ihren Augenwinkeln und ihre Körperhaltung wurde nur noch kämpferischer, als wäre Nyota Fenris, den sie besiegen müsse. Doch leider schien die Schwarze das nicht zu kümmern, sie schritt einfach über Tascurio, Chanuka und sie hinweg und lief weiter.
“Nyota!“
Schrie die Kleine mit sich überschlagender Stimme der Schwarzen nach, die davon jedoch nicht anhielt. Nur Chanuka wartete auf sie. Die Blicke der Geschwister trafen sich, in ihrem stand wütende Verzweiflung und eine Verbissenheit, die nur von ihrer Trauer übertroffen wurde. Dann wetzte die Kleine los, ihrer Tante hinterher. Mit ihren kleinen, stumpfen Welpenzähnen packte sie den Hinterlauf ihrer Mama-oder-so und zerrte mit aller Kraft daran.
“Du darfst das nicht sagen, du darfst nicht, du musst doch was tun, wir können doch nicht einfach nur laufen, wir müssen doch Oma retten, wir müssen doch helfen, sie braucht uns doch, wir brauchen sie doch, Chanuka liebt sie doch, du liebst sie doch … ich liebe sie doch!“
Sie hatte den Lauf wieder losgelassen, war auf den Hintern geplumpst und saß nun wie ein Häufchen Elend im Regen. Tränen liefen ihr die gesenkte Schnauze hinab und tropften auf das nasse Gras, ihr ganzer Körper zitterte.
“Ich will doch nur …“
Shákru drehte die Ohren zur Seite, als er Shanis Worten lauschte. Er nickte zum Zeichen, dass er sich denken konnte, was hier passierte und sein Blick wurde traurig. Er drehte sich kurz zu Ayv, stupste ihn an und sah dann noch mal zu Shani.
"Vielleicht ist es besser, wenn wir Ciradrán zu euch bringen, denn wir kennen uns, aber Krolock bin ich noch nie begegnet und ich glaube nicht, dass er breitwillig zwei fremden Wölfen folgt."
Minor ließ seine grünen Seelenspiegel noch kurz auf Shani ruhen, dann senkte er seinen Kopf hinab zu Liel und fuhr ihr sanft damit über den Rücke. Zärtlich stupste er sie an, lächelte warm und flüsterte ihr dann ganz leise ins Ohr:
"Ich weiß, es ist schwer, dass zu glauben, aber sie leben beide in dir weiter. Und wenn du mal ganz angestrengt lauschst, dann hörst du sie zu dir sprechen. In allem sind deine Eltern. Im Wind, im Mond und in den Sternen."
Er hob wieder leicht den Kopf, schenkte ihr noch ein sehr warmes Lächeln, dann hob er vollständig Kopf und war plötzlich zuversichtlicher, denn je, sich hier wieder einzufinden. Obgleich die Zeit eine sehr schwere Zeit werden wird, strahlte die kleine Sternenleier Hoffnung aus, die er auch versuchte weiterzugeben, indem er Shani anlächelte und auch seinen Bruder, dann wartete er ab, was die Anderen zu seinem Vorschlag sagten.
Immerhin, wenn Krolock, sehr nach Urion kam, dann würde er wohl eher seiner Schwester folgen, als Shákru, zumal Ciradrán ihn kannte, er ihn gerettet hatte und sie sich schon unterhalten hatten bis er ihn bei Kaede abgeliefert hatte. Shákru ließ die Rute leicht pendeln.
Niemand schien Sheena bemerkt zu haben, Der Trauerzug setzte sich wieder in Bewegung. Ohne sie. In Gedanken versunken starrte sie den sich fortbewegenden Wölfen hinterher. Die Trauer schien sie an den Boden zu fesseln. Mit eisernen Ketten, hielt sie Sheena fest, ließ ihr keine Möglichkeit sich zu bewegen und sich der Gruppe anzuschließen. Ein irrsinniger Gedanke schob sich in ihre umnebelte Welt. Der Fluch von Urion. Ihr Patenvater hatte auch von Ketten gesprochen, Ketten die an ihm hingen, seine Läufe blutig scheuerten und die ihn zwangen, das zu machen, was der Fluch wollte und erwartete.
Die Angst kroch Sheena eisig kalt den Rücken hinauf. Sie wusste, dass in ihr kein Fluch innewohnen konnte, erstens weil sie eine Priesterin war und auch wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte sie ihn sicherlich schon bemerken müssen. Aber alleine, dass ihr dieser Vergleich in den Kopf kam, ließ sie frösteln. Dabei war es eigentlich recht warm, wenn man mal von dem ständigem Regen absah, welchen das Gewitter mit sich gebracht hatte. Noch während sie damit kämpfte endlich aufzustehen, näherten sich ihr zwei Wölfe, die sie erst recht spät bemerkte. Rakshee und ihre Schwester Ahkuna waren es, die nun zu ihr traten. Beide sahen furchtbar aus, die Trauer verzerrte die beiden Fähen. Anscheinend fiel auch Rakshee es schwer sich vorwärts zu bewegen, ihre Schritte schienen merkwürdig abgehackt, als ob sie sich nur schwer dazu überwinden konnte einen Schritt nach dem anderen zu tun.
Irgendwie beruhigte sie es, dass sie nicht die Einzige war, die nicht direkt mit dem Zug Nyotas gegangen war. Innerhalb ihrer Trauer freute sie sich auch die beiden zu sehen.
Seitdem sie mit Rakshee die Ausbildung durchlaufen hatte, hegte sie ihr gegenüber ein freundschaftliches Gefühl, welches jedoch nie recht erwidert wurde. Warum dies so war, wusste Sheena nicht. Jetzt jedoch trat Rakshee auf sie zu, begrüßte sie mit einem einzigen Wort, welches all die Trauer offenbarte, welche in der Fähe war. Noch überraschender war die leichte Berührung von ihr. Ihre Augen glänzten ein wenig auf. Obwohl sie innerlich den Verdacht hegte, dass dies alles kaum persönliche Gründe hatte, warum sollte Rakshee so schnell ihre Meinung über sie geändert haben. Allerdings konnte sie dies nicht gut beurteilen, denn sie wusste nicht, warum Rakshee ihr nicht so freundlich gesinnt war. Doch dies alles waren keine Themen die jetzt geklärt werden mussten, außerdem musste sie dafür persönlich mit Rakshee sprechen, mit ihrer selbst erdachten Gestik würde sie bei Rakshee nicht weit kommen. Die Einladung mit den beiden zu gehen, würde sie jedoch dankend annehmen. So kämpfte die weiße Fähe sich mühsam auf ihre Pfoten, nur um festzustellen, dass diese unter ihr zitterten. An ihrem Gewicht konnte es nicht liegen, viel zu lange lag ihre letzte Mahlzeit inzwischen zurück und man konnte meinen, dass die Fähe noch dünner geworden war. Vielleicht verdeckte dies ihr Fell aber auch geschickt.
Sie hob den Kopf und blickte Ahkuna und Rakshee an. Ihre Augen waren dunkel, die Trauer verschleierte ihren Blick, das dankende Lächeln konnte nur erahnt werden und wurde von einem schwachen Nicken begleitet. Sie würde mit ihnen gehen.
Erstaunt stellte sie fest, als sie auf Rakshee zutrat, dass die Fähe mittlerweile größer war als sie selbst. War sie nicht ein Jahr jünger als sie selbst? Es war kein großer Unterschied und doch war Sheena ein wenig verwirrt. Vor allem, warum war ihr dies noch nicht früher aufgefallen? Wahrscheinlich, weil sie kaum Kontakt zu der Fähe hatte, außer während ihrer Ausbildung, bei der sie meist mit Banshee zusammen geübt hatte. Banshee, bald war die Zeit des Abschieds gekommen. Tränen traten in die goldenen Augen der Schülerin. Sie trat noch näher an Rakshee heran, hoffte, es würde diese nicht stören, und steckte ihre Schnauze freundlich und doch kurz in das Schulterfell der jüngeren Fähe. Dann trat sie auch an Ahkuna heran und strich ihr sanft über das Schulterfell.
Gerade wollte sie sich umdrehen um mit den anderen beiden dem Zug zu folgen, da ertönte ein wehleidiges Winseln unweit von ihnen. Schon folgte ein noch herzzereißenderes Wuffen und schon war Sheena wieder in die andere Richtung gerichtet. Sie lugte in die Büsche, konnte dort ein schwarzes Schemen ausmachen und schwenkte, einen fragenden Blick im Gesicht, ihren Kopf zu den anderen beiden Fähen.
Sie trat an ihnen vorbei, auf den schwarzen Rüden zu. Es war Jakash, er sah noch unglücklicher aus, als Rakshee und Ahkuna, so wie er aussah, so fühlte Sheena sich. Wahrscheinlich sah sie dann genauso leidend und trauernd aus wie er.
Langsam, schleppend, trat sie auf ihn zu. Es war ihr mittlerweile unmöglich geworden zu Lächeln, die Tränen schimmerten in ihren Augen und sie fühlte sich mit jedem Schritt den sie tat elendiger. Es war, als ob ihre Pfoten sie trotz ihrer Leichtigkeit nicht mehr tragen wollte. Als ob sie sich weigerten dieser Verabschiedung beizuwohnen. Dabei wusste sie, dass es sein musste. Sonst würde es ihr danach nur noch schlechter gehen, wobei ihr dies eigentlich unmöglich schien. Doch aus ihren Erfahrungen her, wusste sie, dass dies möglich war und sie durfte nichts riskieren. Bei Jakash angekommen, zögerte sie nicht lange. Obwohl sie ihn kaum kannte, eigentlich wusste sie nur, dass er und Rakshee viel miteinander zu tun hatten, trat sie sofort direkt an ihn heran und schob ihre Schnauze tief in sein Fell. Er war warm und kalt gleichzeitig, zumindest kam es ihr so vor. Sie wollte ihm durch ihre Berührung ein wenig Kraft schenken, Kraft, die sie selber nicht besaß. Sie stupste ihn auffordernd an, er sollte mit ihnen kommen, doch sie war sich nicht sicher, ob er dies konnte. Ein Blick auf den Boden, auf ihre zitternden Pfoten, dann stellte sie sich neben ihn, fuhr abermals mit ihrer Schnauze durch das schwarze Fell um sich dann langsam vorwärts zu bewegen. Zurück zu Rakshee und Ahkuna, um mit ihnen dem Zug zu folgen. Er sollte mitkommen, wenn er neben ihr ging, würde sie ihn versuchen mitzuziehen.
Ein leises Wasserplatschen durchbrach seine Stille, die Stille, die ihn, das Tal und in diesem Augenblick die ganze Welt umgab. Der Nachtschwarze hatte den Kopf zu Boden gesenkt, während die mitternachtsblauen Augen ohne einen Fixpunkt umher wanderten, als würde der Nachtsohn etwas suchen.
Tatsächlich fühlte er einen Verlust in seiner leeren Brust, doch das was er wieder zu finden hoffte, war nicht hier, nicht dort. Nein, es war nirgends mehr. Auch wenn Midnight es nicht geglaubt hätte, so fühlte er ein immerwährendes Stechen, ein Ziehen, eine weitere Lücke in seinem Herzen, durch die der eisige Wind pfiff und nichts auf dieser Welt konnte die klaffende Wunde schließen.
Nicht nur, dass ihn der Tod Kaedes schmerzte, die ihm eine treue Gesprächspartnerin gewesen war und immer wieder versucht hatte, den stillen Wolf mehr ins Rudel zu bringen. Es war der erste Verlust, den er bewusst mit erlebte und dieser endgültige Abschied hatte einen schmerzlichen Teil seiner Erinnerungen wieder wach gerüttelt. Viele verschiedene Bilder, Eindrücke, Gerüche, undeutliches Stimmengewirr war in einer einzigen Flutwelle über ihm herein gebrochen.
Die Gedankenfetzen hatten keinen Sinn ergeben und dennoch wusste er eines genau: Es hatte ein anderes Leben vor diesem hier gegeben. Eines, welches Stück um Stück zerbrochen war, bis ein einziger Scherbenhaufen übrig, der Schmerz überwältigend war. Langsam hob der Schwarze wieder den Kopf, hielt den blauen Blick nicht fest, sondern ließ ihn durch den Regenschleier wandern. Es fehlten einige aus dem Rudel, doch Midnight brauchte nicht zu fragen. Er konnte es in tiefster Seele spüren.
Das Seewasser, an dessen Ufer entlang lief, umspülte ihn wie flüssiges Eis und ließ seinen dunklen Pelz noch schwärzer wirken. Könnte es doch nur auch seine Gedanken erstarren lassen, einfach mit den Regentropfen fort spülen. Die Pfoten hielten inne, die Augen waren auf einen ebenfalls dunklen Wolf gerichtet, der lächelnd im Wasser stand und die Aufmerksamkeit des Nachtsohnes erregte. Es war ein rabenschwarzer Tag für das Rudel der Sternenwinde, die Gemüter gedrückt, die Stimmung melancholisch und in ehrfürchtiger Trauer.
„Wie schaffst du es an einem solchen Tag zu lächeln?“
Obwohl der Rüde selten die Stimme erhob und noch seltener auf andere Artgenossen zu ging, so konnte er sich diese Frage einfach nicht verkneifen, obwohl es für ihn selber kaum eine Rolle spielte.
Polar starrte noch immer das gegenüberliegende Ufer an, als er die Stimme eines Wolfes vernahm. Sie fragte ihn, warum er an einem solchen Tag lächeln konnte. Aber warum fragte der Wolf ihn das? Warum? War in letzter Zeit etwas schlimmes passiert, abgesehen von dem Tod des einen Wolfes, den er nicht gekannt hatte, sein Name, so glaubte er, sei Urion gewesen, und die Zeremonie hatte er auch nicht mitbekommen, er war vorher gegangen. Er wusste nur, dass ein alter Freund von ihm dabei gewesen war. Schließlich hob Amronial doch mal den Blick und schaute einen tief schwarzen Wolf in seine stahlblauen Augen. Es kam ihm so vor, als würde er Trauer in seinen Augen erblicken, war sich allerdings nicht so sicher. Sein Lächeln erstarb auch in dem Moment, als er ihn anschaute. Kurz schüttelte er seinen Kopf, holte Luft und tauchte kurz unter. Er liebte es, seinen Kopf unter Wasser zu stecken. Nur Sekunden später war er wieder über der Wasseroberfläche und schwamm auf den Wolf zu. Am Ufer angelangt, blieb er mit seinen Pfoten im Wasser stehen.
"Warum ich an diesem Tag lächeln kann? Ich habe nichts verlohren und mir gefiel das Wasser. Ist denn heute etwas schlimmes passiert? Abgesehen von dem Tod eines Wolfes. Oh, wie hieß er noch gleich?"
Polar schüttelte sich kräftig und das Wasser sprizte nach allen Seiten. Eben hatte er den Namen noch gewusst, dann war er ihm entfallen. Doch da ging ihm ein Licht auf.
"Ein Wolf Namens Urion - hieß er so? - ist gestorben. Zwei kleine Welpen, Liel und Krolock - waren das die Namen? - waren auch dabei. Ach, ich weiß nicht. Ein Wolf gestorben, den ich nicht kannte, sollte ich zum Fluss tragen, hab ich auch. Bin danach gegangen, hab nichts mehr mitbekommen. Keine Ahnung."
Der schwarze blieb ruhig mit nachdenklichen Ausdruck in den Augen einfach nur da stehen und starrte den Boden zu seinen Pfoten an.
"Warum?"
fragte er plötzlich. Warum hatte er diese Frage nicht schon früher gestellt? Er blickte wieder auf.
Ayv horchte auf die Worte der anderen und beteiligte sich nicht weiter an dem fortlaufende Gespräch. Doch als Shákru Krolock erwähnte, stimmte er innerlich zu. Er selber kannte ihn auch nicht besonders und die letzte Begegnung war nicht die schönste gewesen. Krolock schien ein etwas schwierigerer Welpe zu sein, oder man hatte ih einfach viel zu früh zu viel Last auf die Schultern gelegt. Bei diesem Gedanken musste er augenblicklich an Shákru denken. Ihm hatte man auch viel zu früh alles mögliche auf die Schultern gelegt, obwohl er selber, er, Ayv, der ältere war. Normalerweise erhielt doch der Ältere die Last auf den Schultern, oder?
Gleichgültig verfrachtete er dieses Thema in einer Ecke seines Gehirns und schaute zu Liel hinab, die von Shákru sanft liebkost wurde. Seine Worte drangen aber nur langsam wie durch dickes Gewaber zu ihm durch. Sie ließen ihn an ihren Vater denken, der so viel für sie getan hatte und den er selber dann im Stich gelassen hatte, um seinen Bruder zu suchen. Einen Bruder, wo er zwischendurch die Hoffnung aufgegeben hatte, ihn je wieder zu sehen. Aber das war ihm jetzt egal. Er hatte ihn gefunden und jetzt galt es, eine Familie wieder zusammen zu bringen. Auch wenn die Eltern nicht mehr direkt anwesend waren, nur noch indirekt.
Leise seufzend, sodass der Laut zu den anderen nicht durchdrang, erhob er sich wieder und wartete, wie Shákru, auf Shanis Entscheidung.
Je weiter der Zug mit ihrer Großmutter weiter schritt um so mehr fühlte Ahkuna die Einsamkeit. Das Gefühl von der Verlassenheit wollte sie nicht los lassen. Ihre Lungen verengten sich und ihr Blick wollte sich nicht von ihrer Schwester trennen. Ihr fiel auf wie Rakshee sich dazu zwang vergebens ein lächeln auf ihre Lefzen zu zaubern. Es war wohl für sie ebenfalls qualvoll das mit anzusehen. Ein müdes lächeln setzte sich auf Ahkunas Lefzen bevor sie sich mit ihrer Schnauze kurz in ihrem Schulterfell bohrte während sie Rakshees Schnauze an ihrer Brust spürte. Diese Wärme war so schön. So etwas brauchte man wenn man so etwas noch einmal durch machte. Diesmal hatten sie aber einen Körper und ein Gesicht von dem sie abschied nehmen konnten. Nicht so wie bei ihrem Vater. Er war ja einfach verschlungen worden von dem etwas, welches Ahkuna vorher so ausführlich gemustert hatte.
Das ´komm´ nahm Ahkuna als Einladung mit ihrer Schwester dieser harten weg zu gehen. Jemand der den stand hatte wie sie selbst. Jemand der genauso wie sie mit Banshee verwandt war. Nur war Rakshee anders. Rakshee hatte mehr Zeit mit Banshee verbracht wie sie. Rakshee war noch ein kleines bisschen mehr mit Banshee vertraut gewesen. Während Ahkuna nur zu Banshee kam wen sie etwas wollte oder eine Besprechung war, war Rakshee fast immer bei Banshee. Schleppend setzte Ahkuna eine Pfote vor die andere. Es war wohl wirklich so wie man es sich vorstellte. Die Trauer zerdrückte ihre Lunge, ihren Körper, ihre Seele. Sie hatte angst da vor, dass wenn sie nicht aufpassen würde, sie erdrückt werden würde. Doch nun erschien etwas vor ihnen. Etwas weißes. Sheena. Ahkuna hatte kaum was mit Sheena unternommen. Sie hatten praktisch, aneinander vorbei gelebt ohne es zu merken. Es war aber heute keine Zeit da für dem nach zu trauern, was schon vorbei war. Ahkuna blieb etwas weiter von den beiden anderen stehen. Ahkuna wollte zuerst ihre Trauer aus ihren Augen wischen, um Sheena etwas würdevoller entgegen zu gehen. Sie blinzelte zweimal und ging dann weiter. Wieder schenkte sie der Fähe vor ihr ein müdes lächeln und ein kurzes nicken.
Sie erwiderte die kurze Berührung die wieder eine Welle von Wärme ihren Körper entlang jagen ließ. Es war so schön sich in solchen Zeit in das Fell von den anderen kuscheln zu können. Wieso hatte sie dies vorher nicht bemerkt?
„Rakshee? Sheena?“
Ahkuna flüsterte dies nur und hoffte darauf das ihre Schwester und Sheena dies gehört hatten
„Was meint ihr was danach folgen wird? Werden wir auch so enden? Wird wegen uns auch so sehr getrauert? Werden wir hier von Fenris geholt oder woanders? “
Sagte die weiße Fähe leicht und ruhig. Ahkuna hatte nun so viele fragen. Es wäre ihr aber zu unangenehm gewesen sie alle heraus zu bringen. Es war ihr sogar so schon kaum gelungen ihre Trauer in ihrer Stimme zu unterdrücken. Nun zuckten ihre Ohren nach vorne. Hatte sie dort etwas gehört? Sheena schien dies auch mitbekommen zu haben. Ahkuna sah hinter Sheena hinter her die diesem Geräusch nach ging. Sie konnte etwas Schwarzes heraus sehen aber nicht was es war. Es sah aber verdächtig nach Jakash aus.
Die blauen Augen lagen ruhig auf dem dunklen Rüden, dessen Name Midnight bisher noch unbekannt war. Sollte es ihn erstaunen, so sehr, wie er sich die vergangene Zeit zurück gezogen hatte. Diese vielen Gedanken, die nicht die seine, jedoch auch nicht fremd waren, hatte man zuerst sortieren müssen, ehe er sich dem Rudel wieder näherte. Das Wandererherz hatte ihn fort gebracht, um in friedlicher Stille sein Dasein zu fristen und zurück zu finden zu etwas, was unvollständig und verwirrend war. Ein Rätsel, sein Rätsel, ein Leben, welches er seit langer Zeit führte. Schweigend beobachtete Midnight, wie der schwarze Kopf untergetaucht wurde, sich der Wolf ihm näherte und auf Augenhöhe stehen blieb.
Das Lächeln war gefroren, war bei dem Anblick des Totenwandlers von dem markanten Gesicht gefallen. Dennoch verspürte der Nachtsohn weder Genugtuung, noch Zufriedenheit darüber, dass sich der Unbekannte so verhielt, wie es an einem solchen Tage angemessen war. Nichts. Nichts umwaberte seine Brust, das stille Herz, welches so mühsam und quälend in seiner Brust schlug. Die Seele leer und grau. Die Worte der schlichten Erklärung hätte sich Midnight auch selber denken können, wenn er sich vor Augen hielt, dass der Schwarze noch nicht lange in diesem Tal verweilte. Doch selbst Fremde konnten deutlich spüren, dass etwas hier nicht stimmte. Nicht nur, dass die Sonne vergessen hatte, dass sie auch in diesem Tal scheinen konnte, das Nichts, welches bedrohlich auch über dem Seeufer schwebte, sich immer weiter vor fraß, wie ein gieriger Schuld alles verschluckte. Auch die Stimmung alleine war förmlich einzuatmen, es lag ein Trauernebel über den Wölfen der Sternenwinde und obwohl ein Neuer keine Vorstellung hatte, was an diesem Tage passierte, so war diese melancholische Grundstimmung für jeden erkenntlich.
Die locker daher gesprochenen Worte quittierte Midnight nur mit ruhigem Schweigen. Gleichgültig nahm er die Unwissenheit hin, zuckte weder mit den Lidern, noch mit der Rutenspitze, als wäre der Nachtsohn zu einer Statue erstarrt. Das es ihm ein Rätsel war, wie man vor Unwissenheit lächeln konnte, obwohl man selber den Tod eines Wolfes mit erlebt hatte, ob nun bekannt oder ungekannt, spielte kaum eine Rolle. Doch wie in jedem anderen Erwachsenen hätte der Welpenschutz und der Gedanke an die letzte Ehre aufkeimen müssen. Dieser Rüde versteckte sich hinter einem lockeren Schutzwall aus Ahnungslosigkeit und lächelte nicht, um die Verstorbenen zu ehren, sie zu feiern und den letzten Gruß zu senden, ihnen zu zeigen, dass das Leben weiter ging. Der Verlust war schmerzlich und traf hier jeden, Familie, Freunde, das gesamte Rudel. Trotzdem zog die Zeit immer wieder ins Land, der Verlust würde nicht verschwinden, aber der Schmerz würde eines Tages weniger präsent sein, Hoffnung und Glück würde auch die Waisen wieder ereilen, die Zeit sie reifer werden lassen, bis sie ihr eigenes Leben in die Pfoten nehmen konnten. Dieser Rüde lächelte aus einem völlig nichtigen und für Midnight unverständlichen Grund, hielt sich allerdings nicht bei großartigen Erklärungen auf. Es zeugte von unreife und wie er bereits fest gestellt hatte von Unerfahrenheit, Unwissen.
„Weil außer dir niemand sonst lächelt.“
Polar setzte sich hin und beobachtete, wie der Schwarze, dessen Namen er recht gerne gekannt hätte, sich keinen einzigen Millimeter rührte. Er stand einfach nur still da und bedachte ihm mit dunklen Blicken der Traurigkeit, wie es dem Schneefeuer vorkam. Er legte den Kopf schief, als er sagte, dass keine hier lächeln würde. Aber warum lächelten sie alle nicht? Waren wirklich doch schon mehr gegangen, als er sich zu Anfang vorgestellt hatte? Oder würden noch welche gehen, die vielen am Herzen lagen? Was war hier los? Amronials Augen bekamen einen trauernden, doch unwissenden und verzweifelten Ausdruck. Seine Haltung versteifte sich und auch er wurde zu einer Statue. Er senkte langsam, wie in Zeitlupe, seinen Kopf zum Boden, berührte mit seiner Schnauze Mutter Erde. Oder Mutter Engaya. In Gedanken murmelte er ein paar Worte der Entschuldigung, warum auch immer, und schloss die Augen.
"Wer wird sterben? Weißt du es? Morgen kannst auch du schon sterben. Die Traurigkeit ist in meinen Augen und in den Augen meines Heimatrudels eine Hülle vor der Wahrheit. Aber manchmal ist sie ganz nützlich. Ich versuche nur, noch das schöne zu sehen und meine Gedanken werden mich erst morgen wieder zu den Verstorbenen führen. Dann kann ich Engaya und Fenris fragen, warum? Aber heute kann ich nicht. Nenne es eine Schwäche, nenne es eine Stärke, das ist mir ganz gleich, aber daran kann ich nichts ändern."
versuchte das Schneefeuer seine Lage zu erklären. Warum er lächeln konnte, warum er nicht an die Verstorbenen denken konnte, warum er das Traurige nicht sah. Aber er empfand es als schwierig, es zu erklären. Auch damals schon, als seine Mutter gestorben war, hatte er am ersten Tag nicht trauern können, erst am zweiten Tag war er in der Trauer versunken. Erst am zweiten Tag.
Warum fühlte Nightmare sich in ihrer Nähe unsicher als wandle er auf einem Grat des Wahnsinns. Warum wollte er näher sein, udn musste doch wissen, dass es nciht ging. Er sah ihre schützende Geste, und war fast enttäuscht, dass sie glaubte einen Welpen vor ihm schützen zu müssen. Er sah forschend in ihre Augen, legte die Ohren leicht an, als sie berichtete was geschehen war. Es kam ihm unwirklich vor, dass all das Wirklichkeit war. Der Tod hatte sich in seine Nähe gefressen. In eine Wirklichkeit, die vielleicht ein Stück weit auch die seine war. Wirklich verstehen konnte er es nicht. Sein Bild war zerstört. Er sah nicht mehr die tanzende Fähe, die ihn verzaubert hatte. Er sah ein starkes, wunderbares Wesen, welches unerreichbarer denn je schien, und ihm entlockte es nur ein trauriges:
"Es tut mir Leid."
Sein Blick glitt herunter zu der Welpe, welche sich schüchtern vorstellte. Diese elende Unschuld kratzte in seinem Hirn. Sie tat ihm fast weh. Er wollte nicht wahrhaben, dass es sie gab, dass es sie geben konnte. Auf seine Lefzen stahl sich ein fast falsches Lächeln- es war eine aufgesetzte Maske aus Splittern seines Kindheitstraumes. Es war eine vorsichtige Mischung aus dem Wahnsinn, der ihn manchmal nächtig schüttelte, und diese Ruhe, die ihn immer erfüllte. Mit jedem Atemzug diese unendliche Macht.
"Schön dich kennen zu lernen, Kleines."
Lächelte er, und entblößte kurz, ganz kurz seine schneeweßen Zähne- ein blitzen in dem Dunkel des Felles.
Ein Moment wie kein anderer- würde er ihn je vergessen können? Nightmare unterstand sich klein zu fühlöen, als sich der hühnenhafte Wolf auf die Lichtung schob. Sein Trott war beeindruckend, aber längst nicht angsteinflößend. Sein Knurren ließ das Herz des Rüden erfrieren, aber er war schon so kalt, dass er es nicht wirklich spürte. Er merkte nur, wie sich das Eis in die Augen stahl, und alles in ihm starr und grau wurde. Ihm steckte ein Lachen in der Kehle, welches herauswollte, doch er schluckte es herunter wie bitteres Blut eines zerfetzten Traumes, zuckte nur mit dem Kopf, legte die Ohren an und beobachtete den Rüden, fixierte sich vollends auf die schwächliche Reflexion eines Gefühls. Das war er also... Ihr Gefährte.
Das war der Rüde, der sie allein gelassen hatte, voller Ungewissheit Daylight auf die Reise geschickt - Was Nightmare fühlte? Eigentlich nichts.
Das Lachen war leise, fortgetragen vom Wind, fortgeworfen von dem Rüden. Er erhob sich langsam, schüttelte den Kopf leicht, als wolle er Gedanken vertreiben. Alles schrie, alles brannte, alles war voll mit einem fremden Gefühl einer bitteren Enttäuschung. Er wäre gerne länger hier geblieben, doch mit der Präsenz des fremden Bekannten hatte sich eine Gewissheit auf den Rudelplatz geschlichen. Die Gewissheitl nicht gebraucht zu werden. Das Gefühl ein Niemand zu sein.
"Oh... Das muss dein Gefährte sein."
Er erschrak vor der Kälte in seiner Stimme. Und immer noch starrte er den Rüden an, als wünsche er sich dass er verschwände. Am liebsten hätte er sich umgedreht und wäre gelaufen. Weit fort, weit... so weit- Irgendwohin, wo ihn niemand mehr fand, kein Engel und kein Dämon sollte in seiner Nähe sein, wenn er unterging. Einsam und vergessen würde er niemanden mehr zur Last fallen, fort gehen, schnell und endlos wandernd. Er würde für Daylight die Wolken über dem Tal bekämpfen, sie zerreißen, dmit sie die Sonne sehen konnte... Wenn er fliegen könnte. Doch er ging nicht, er lief nicht. Die Schatten hielten ihn an Ort und Stelle, alles wisperte auf eihn ein- Der Wind, der durch die Wipfel fuhr, die eigene Atmung, das Herz, das raste- Das Blut das pochte. Es war keine Wut, nein ... Wut war weitaus wärmer, heißer, kochender. Es war nicht eine Regung, die sich wirklich niederschlug- es war der gleiche kühlende Wahnsinn, der Wunden so viel schneller heilte als die Zeit. Er hatte doch gewusst, dass r sie niemals erreichen konnte- warum tat es trotzdem SO weh?
"Ich gehe jetzt besser."
Er blickte Daylight nicht an, er blickte Aryan nicht an, er blickte Avendal nicht an. Er wollte nicht, dass sie seinem Blick begegneten, er wusste imme rnoch nicht, was ihn hier hielt. Wahrscheinlich war er viel zu lang- viel zu sehr alleine... Und doch- tat ihm nichts leid. Nicht, dass er Daylight irgendwo liebte, nicht, dass er es tat, obwohl sie einen Gefährten hatte, nicht, dass er diesen tief ver- und irgendwo doch achtete. Es tat ihm nicht Leid, und ganz ferne war es ihm egal. Weil er irgendwann sterben würde, und dann würde sich niemand mehr an diese Gefühle erinnern, die sich grade durch seine Seele brannten. Aber wenn er jetzt ging- würde er verschellen, wenn er jetzt fortging, würde er niemals den Wolf kennenlernen, der das Glück genoss Daylight an seiner Seite zu haben. Er hob den Kopf langsam, und blickte Aryan wieder an, dann Daylight. Dieses leere Lächeln... war das wirklich seines? Warum war ihm das Gefühl des eigenen Kopfes so fremd?
"Aber ich lasse es."
Seine Stimme war ruhig- so leise, dass man sie grade verstand. Sie schnurrte vorsichtig, im Einklang mit dem Wind, der ihn sanft durch das dunkle Fell strich.
"Ich muss doch das Wesen kennen lernen, welches dieses unendliche Glück genießen darf, Daylight an seiner Seite zu haben."
Wie konnte man ein solch hübsches Wesen nur allein lassen? Würde er es tragen können? Wie lange konnte ein Wesen bluten, bevor es zusammenbrach - Wie flach waren Atemzüge, bevor jemand starb?
27.12.2009, 13:11
„Nein...“, sagte Daylight leise. All die Überzeugung war aus ihrer Stimme gewichen und was zurückblieb war ein monotones Flüstern, eine sinnlose Aneinanderreihung von Wörtern, die keinen Wert mehr hatten.
„... nicht alles. Die Lebenden haben dich dort oben verlassen, du kannst sie dir nicht wünschen, aber vielleicht kannst du sie sehen von dort oben – was denkst du? Kann Hiryoga uns gerade sehen?“
Konnte Merawin sie sehen? Hatte er sie die Monate begleitet? Die grauen Tage, die schweren Zeiten? Hatte er – der geliebte Bruder – über sie gewacht?
„Aber berühren kannst du ihn nicht, berühren kann er auch dich nicht. Wir alle gehen unserem Schicksal entgegen, wir leben so lange, wie es uns vorbestimmt ist und erst dann wird uns der Weg ins Himmelsland geöffnet, erst dann offenbart der Bote unserer Seele den Weg zu den Wolken.“
Sie seufzte, ihre Zunge streifte Avendals Gesicht, wusch es rein, ehe sie Nightmare ein trauriges Lächeln schenkte. Wo war die Sonne geblieben an diesen grauen Tagen? Wo das Licht, wo die Hoffnung auf Besserung? War es Nyotas Ruf gewesen, der all die Wärme, all die Hoffnung, all das Licht einfach erstickt hatte? Einfach so...?
Daylight reckte den Hals, ihre Schnauze berührte scheu die des Schwarzen, ihre Augen suchten seine. Regengrau und Honiggold. Verzeih mir.
Die Berührung hielt nur wenige Herzschläge an, dann drehte die Weiße den Kopf in Richtung rasch näher kommender Schritte. Schritte, die sie aus tausenden wiedererkannt hätte.
Ihre Augen suchten das schiefe Lächeln, fanden es auf den dunklen Lefzen. Ihre Ohren vernahmen das leise, drohende Knurren, dann den samtenen Klang seiner Stimme. Ihre Sinne erfassten die Eifersucht, die sie erwartet, auf die sie beinahe gehofft und vor der sie sich sogleich gefürchtet hatte, doch dann, als sie ihm in die Augen sah und nur bodenlose, finstere Schwärze statt Regenblau erblickte zuckte sie zurück. Ihre Rute pendelte kurz, fast zaghaft.
„Aryan.“
Ein Flüstern, ein Wispern – vom Wind davongetragen.
„Deine Augen...“, sie verstummte, ehe sie den Satz beendet hatte, ihr Blick wanderte zwischen Aryan und Nightmare hin und her, zwischen ihren Pfoten spürte sie Avendals kleines Herz schlagen.
„Aryan... das ist Nightmare, ein guter Freund.“, es war ein bloßes Wiederholen der Worte, die sie schon einmal gesprochen hatte, ihre Stimme war wieder das monotone Flüstern, ohne Ausdruck.
„Ja.“, fügte sie schließlich an Nightmare gewandt hinzu. „das ist Aryan... mein Gefährte.“
Dies hier war der Moment vor dem sie sich gefürchtet hatte. Dies war der Moment an dem sie wählen musste, an dem sie die Entscheidung treffen musste, die längst getroffen war. Sie konnte nur einen Weg gehen und sie hatte sich für diesen entschieden. Wie in Trance vernahm sie noch Nightmares Worte. Sie hätte schreien wollen, er solle bleiben, hätte schreien wollen, dass sie ihn brauche, doch stattdessen blieb sie stumm, kein Wort drang über die schön geschwungenen Lefzen, kein Laut, während ihr Blick stumm zwischen den beiden schwarzen Rüden hin und her wanderte. Sie waren so verschieden und schienen sich gleichzeitig so sehr zu ähneln, dass sie Brüder hätten sein können – und beide dufteten sie nach Regen.
Schließlich seufzte die Weiße leise, die Erinnerung an Nyotas Ruf durchbrach ihre Sinne wieder heftiger als zuvor. Sie durfte nicht länger zögern, durfte nicht länger vor der Wirklichkeit fliehen, sie musste ihr endlich ins Auge sehen, ihr endlich entgegen gehen.
„Ich muss gehen.“, sie schluckte schwer. „Ich muss... Ma-Banshee... die letzte Ehre erweisen.“
Es auszusprechen machte die Wahrheit grausamer, wirklicher. Natürlich hatte Daylight gewusst, dass Banshee sterben würde, natürlich hatte sie gewusst, dass es so kommen würde. Sie hatte das Leben aus dem Körper ihrer Mutter fließen sehen, sie hatte die Schwäche gesehen, sie hatte den Tod gesehen, schon bei ihrer letzten Begegnen war ihre Mutter nicht mehr die starke Leitwölfin gewesen.
Sachte stupste sie Avendal an.
„Komm... wir sagen Oma... tschüss.“
Vorsichtig umschlossen ihre Fänge das Nackenfell der Kleinen, dann wandte sie sich um. Ein letzter Blick zurück, der schwache Versuch eines Lächelns. Dann lief sie los, schloss sich mit raschen Schritten dem Trauerzug an, ohne ein Wort. Ihre Zunge schien taub, taub von der Wirklichkeit.
Er wollte seine Worte nicht mehr hören. Averic konnte es einfach nicht ertragen. Verbissen lief er weiter und versuchte zu ignorieren, was sein Vater da so kalt und emotionslos vor sich hinredete. Hatte er ihn eigentlich je anders erlebt? War es nicht schon damals so gewesen? Acollon war immer alles egal. Mochte die Welt um ihn herum auch untergehen, der Schwarze würde wahrscheinlich trotzdem noch lachen. Es gab keinen fürsorglichen Vater. Nicht für seine Geschwister. Nicht für Tyraleen, mochte sie sich auch so viel einreden, wie sie wollte. Und auch nicht für ihn.
Sein immer schmerzhafter schlagendes Herz hatte den Weg zu jener Erinnerung verschlossen, zu jenem Tag, an dem er verletzt und erschöpft an seinen Vater gedrängt gelegen hatte, nachdem dieser ihn vor einem wildgewordenen Hornträger gerettet hatte. Nur ein einziges Mal. Verbittert biss sich Averic auf die Lefzen und wandte den starren Blick wieder zu Acollon herum.
„Für nette Worte ist es jetzt zu spät, Acollon. Sie ändern nun auch nichts mehr.“
Der Sturm um sie herum wurde immer heftiger. Wolkenberg um Wolkenberg türmte sich schwarz und bedrohlich über ihnen auf, der Wind wehte erbarmungslos in einem wilden Tanz um sie herum, zerrte am Fell der beiden Wölfe. Regenwasser peitschte ihm ins Gesicht, als würde der Himmel schon jetzt untröstlich weinen. Die Natur hatte eine perfekte Kulisse für sie aufgebaut. Mit tosendem Sturm und Donner würde Acollon nach so langer Zeit das Revier wieder betreten. Und mit ihm kam Fenris, mit ihm kam der Anfang vom Untergang. Für Averic schien es aber gleichzeitig auch schon das Ende. Schritt um Schritt setzte er vorwärts durch den schlammigen Boden. Und er wusste, sobald sie im Revier waren, würde es jeder spüren. Jeder würde die übernatürliche, finstere Macht spüren. Der schwärzeste Tag in seinem ganzen Leben. Und er glaubte auch nicht, dass jemals etwas Schlimmeres geschehen könnte. Sein Verstand konnte jetzt noch nicht mal annähernd verarbeiten, was geschehen würde.
Der große, pechschwarze Rüde senkte seinen Kopf leicht, die dunkelblauen Augen kurz zu Boden gerichtet. Seine Mutter würde es gut haben? Endlich? Nach so langer Zeit? Durfte sie? Averic hatte schon länger kein Wort mehr mit ihr direkt geredet. Er hatte es nicht über sich gebracht und der Gedanke, dass es nun vielleicht für immer zu spät war schmerzte so sehr, dass es ihm einen Moment lang den Atem nahm. Er hatte sie nicht ansehen können, er hatte doch schon lange gewusst, wie nah dieser Tag stets gewesen war. Er wollte es nicht auch noch in ihren Augen sehen, an ihrer Schwäche, in ihrer Stimme hören. Schon lange hatte er seine Schnauze nicht mehr einfach in ihr Fell gestopft, wie damals, als kleiner Welpe. Und damals, als sie ihn nach Cylins Tod getröstet hatte. Jede Chance in den Wind geschlagen, weil er ihre Schwäche nicht sehen wollte. Und weil er doch Averic war, der immer stark sein musste. Er kniff kurz die Augen zusammen und sah dann zu Acollon hinüber. Nur einen Moment lang flackerte dieses Gemisch aus trauriger Müdigkeit, Verbitterung und Verzweifelung in seinen tiefblauen Seelentoren auf.
„Ich hoffe es für dich. Aber noch am Allermeisten für sie.“
Dann wurden seine Augen wieder kalt und starr, während der Pechschwarze sein Haupt wieder zu voller Würde aufrichtete und in den Wald sah. Ersteres war eine Drohung gewesen, das Zweite doch nur die stille Bitte, dass seine Mutter endlich das bekam, was sie verdiente.
Auch Chardím folgte dem großen, schwarzen Face und seinem Bruder Chanuka. Ebenso folgten Turién und Nerúi recht schnell, auch wenn beide immer noch nicht begriffen, was für ein Unglück auf sie wartete. Eigentlich begriff es auch Chardím nicht direkt. Sein Verstand flüsterte es ihm zu, aber seine eigene, noch so junge Gefühlswelt kam noch nicht mit. Es würde dann über ihn herein brechen, wenn es vorbei war. Heute wurde über Leben und Tod gerichtet. Wie absurd das doch klang.
Der Schwarzweiße reckte den Kopf, als seine Mutter auf ihn und Turién zukam. Er sah die Weiße an und in seinen zweifarbigen Augen konnte man erkennen, dass er bereits verstanden hatte. Wissend. Sein Blick huschte zu Nerúi, als diese sich zu Wort meldete.
„Das hat damit nichts zutun.“,
sagte er, wusste dann aber nicht, wie er weiter reden sollte. Nach einem kurzen Zögern schloss Chardím die noch recht kurze Schnauze wieder. Er konnte das nicht erklären. Sein junges Wesen fand keine Worte dafür, ja, eigentlich war er einfach noch zu klein. Das Wissen in ihm existierte nur in einer Sprache, mit der man nicht sprechen konnte.
Mit hängenden Ohren sah der Schwarzweiße wieder zu seiner Mama hoch. Unglücklich darüber, dass er selbst nicht erklären konnte, warum die Großen so traurig waren und eben auch selbst traurig, weil etwas ganz Schlimmes passieren würde. Ja, das war das Einzige, was auch der Welpe in ihm schon wusste.
„Was ganz Schlimmes wird passieren.“
Düster passend zu seiner Prophezeiung hörte man im Hintergrund Caylee aufschreien. Chardím starrte zwischen den Läufen seiner Mutter hindurch zu seiner Schwester, die hinter Tante Nyota herlief und ihr in den Hinterlauf biss. Der laute Regen verschluckte weil von ihren Worten, doch Bruchstücke drangen auch zu ihm hinüber. Und sie ließen ihn schlucken. Seine Ohren pressten sich noch enger an seinen Kopf. Er wusste nicht, was ihn trauriger machte. Seine Geschwister so traurig, Caylee ja sogar verzweifelt zu sehen, oder das Wissen, dass sie ihre Oma mit diesem Tag verlieren würden.
Der Wall einer dunklen Macht hatte sich als Sturm auf ein Land voller Trauer gelegt. Eine gefühlte Nacht, die nie zu ende gehen wollte. Der Todessohn sehnte sich nach dem neuen Weg. Er würde das Heimatland seiner Väter betreten – in den Rängen seiner Ahnen und an der Seite seiner Gefährtin. Auge in Auge mit seinem Schöpfer und der Lebensgöttin. Ein reinstes Vergnügen, das sich auftat. Ich ziehe in Richtung Morgenrot, fürchte weder Leben noch Tod.
Wie weit Acollons Pfoten ihn schon um die Welt getragen hatten, war an den unzähligen Narben seiner Pranken zu erkennen. Doch für diese Reise brauchte er seine Pranken nicht, auf diesem Weg war weder das schwache Fleisch, die Seelenspiegel noch die Stimme von Nöten. Die geballte Kraft einer Seele brauchte keinen irdischen Halt.
Mit einem kurzen, kühlen Blick hatte der Hüne wahrgenommen, wie sich sein Sohn auf die Lefzen biss und Acollons Zutun abwehrte. Das war wohl das erste Mal, dass das leichte Lächeln verblasste. War die Einstellung Averics wirklich so engstirnig? Er hätte vermutet, dass ein wenig mehr seiner Gene in ihm steckten. Zu schade.
“Es ist nie zu spät, Averic. Mag sein, dass ich mich der Sozialanforderungen unserer Rasse nicht beugen kann, aber eines weiß ich: es gibt niemals ein Ende“,
ein kleiner Teil der Wahrheit. Ein Teil, der in den Tiefen des Fenriswanderers verankert war. Dabei spielte die Zeit keine unwesentliche Rolle, und doch schien der Wille zur Unendlichkeit das ausschlaggebende Detail zur Unsterblichkeit zu sein. Und Acollon würde niemals sterben. Vielleicht wird er seine letzten Schritte in dieser Welt tun, doch sein Wesen würde weiterleben. Aber das war für diesen Moment eher unwichtig.
“Meine Worte sollen nichts verändern. Es ist gekommen, wie es sollte“,
wieder das maskenhafte Grinsen. Der Sturm hielt an, ließ die dunklen Wolken noch tiefer über die Rüden ziehen. Der Regen tanzte erbarmungslos um sie herum, hüllte sie in einen grauen Schleier und war Zeuge einer unheimlichen und geballten Zusammenkunft – und Ankunft. Die Reviergrenze lag vor ihnen und zeigte einige Erinnerung in diesen Ländereien. Ein kleines, weißes Welpengesicht, dass erwartungsvoll nach oben starrte und freudig mit der Rute wedelte. Der hoffnungsvolle Gesichtsausdruck, der nahe legte, dass der Schwarze wirklich Vater dieser Welpen war. Ein Gefühl, dass keines ersetzen konnte. Es vereinte Stolz, mit Glück und einem freudigen Empfinden. Wie sensibel der Hüne doch werden konnte. So wie Averic. Seine Augen sprachen Bände, wenn auch nur für wenige Sekunden offen lag, was der starke Sohn zu verbergen versuchte. Ein Geschenk, dass der Hüne zu schätzen wusste, es aber wie immer nicht zum Ausdruck brachte.
“Du hoffst in den kleinen guten Teil meiner Existenz – Du bist verdammt mutig, mein lieber Sohn“,
ein schallendes Lachen. Dann verstummte wieder Alles um ihn herum. Das Wechselspiel zwischen Einsamkeit, dem Treffen mit eines seiner Kinder, der nagende Tod und der anhaltenden Zeit seiner Banshee wieder entgegen zu treten, schürte seine schlechte Laune. Mit ihm war in den letzten Jahren nie gut Kirschen essen gewesen – nun gut, eigentlich war das ein Dauerzustand für sein ganzes Leben gewesen. Ein grimmiger Glanz legte sich in die grauen Augen, die Lefzen spannten sich nun etwas fester um seinen Fang. Ein leichtes Grollen erfüllte ihn. Fenris zog an seinen Kräften, zog an allem, was ihn noch auf dieser Welt hielt. Obwohl der Schwarze sich nicht müde des Lebens fühlte, war es doch recht eindeutig, dass er nun sterben musste. Seine Zeit war gekommen. Die Schmerzen in der Brustgegend raubten ihm die Luft. Der Gesichtsausdruck blieb unverändert, starr, kalt und leblos. Es war lächerlich zu hoffen, dass Acollon aufgab.
Genau wie sein Gegenüber zog auch Jikken eine Augenbraue hoch, aber ein Lächeln kam nicht über seine Lefzen. Was war denn jetzt auch so lustig? Dieser Stein war es auf jeden Fall nicht gewesen, deshalb hatte er sich auch gleich wieder von ihm abgewandt. Aber was war es denn dann? Hatte er irgendetwas Falsches gesagt? Sah er selbst etwa komisch aus? Machte sich sein gegenüber etwa über ihn lustig? Wer war das nun überhaupt, der ihn da so seltsam anschaute? Der schwarze Rüde wirkte bedrohlich, gab Warnungen von sich. Jikken verstand die Welt nicht mehr. Warum war er eigentlich hier? Was sollte das alles? Verwirrt setzte er sich einfach hin. Sowas passierte ihm doch sonst auch nicht, oder zumindest fiel ihm jetzt keine solche Situation ein, wo es ihm ähnlich ergangen war. Ein gutes Zeichen? Darüber sollte er jetzt wohl lieber nicht nachdenken, denn da stand immer noch dieser gefährliche Rüde. Jikken ließ den Kopf hängen und schloss die Augen. Er war verloren…
„Wie wäre es mit Weglaufen?“
Die vertraute Stimme ließ ihn kurz erwachen. Für einen Moment fühlte er sich wieder lebendig und alles war so klar, so eindeutig zu erkennen, als wäre es immer so gewesen. Doch dann waren da nur noch die Worte seiner Gefährtin. Weglaufen… Laufen konnte er eigentlich. Nicht sonderlich schnell, aber lange und das war eigentlich das Wichtige. Ein Ausweg war gefunden. Doch Jikken hatte immer noch den Kopf gesenkt und machte keine Anstalten, sich zu bewegen.
„Laufen musst du aber schon selber…“
Jikken seufzte daraufhin. Satori hatte Recht. Natürlich hatte sie das, das war immer so. Diese vertraute Stimme schien für Ordnung zu sorgen, wie es sich gehörte. Vertraut… Jikken öffnete wieder Augen und schaute den finster dreinblickenden Rüden an. Takashi! Genau so war sein Name. Der Name, der irgendwie vertraut klang. So war immerhin eine Frage geklärt. Aber warum war er denn nun so drauf, wie er nun gerade drauf war? Das war erst mal egal. Die Erkenntnis allein war Jikken ein Lächeln wert, das auf Takashis Worte ein wenig schwächer wurde, aber selbst auch dann nicht verschwand, als dieser sich einfach wegdrehte.
„Verarschen? Wie kommst du denn darauf? Sowas würde ich nie tun.“
Unschuldig, wie die Tonlage seiner Stimme, saß Jikken auch da, ein fröhliches Lächeln aufgesetzt. Wegrennen stand nun nicht mehr auf dem Plan, sie hatten sich ja gerade erst vorgestellt, da brauchte man doch nicht gleich wieder gehen, wie es der schwarze Wolf aber anscheinend tun wollte. Warum er das tat? Vielleicht wollte er ja nur zum nächsten Baum, schutzsuchen vor dem Regen. Warum Takashi nun aber meinte, er würde sich nicht verarschen lassen und schon gar nicht von ihm, war für ihn im Moment unerklärlich. Aber das würde sich sicherlich in einem netten Gespräch klären lassen. Diese ganzen Fragen, die er nicht beantworten konnte, wanderten zunächst auf seine Liste mit den ganzen Fragen, die er nicht beantworten konnte. Wie viele Fragen lagerten dort eigentlich schon? Nun ja, jetzt war es eine mehr…
Schmunzelnd betrachtete Yerik die erschrockene Regung des Welpen. Eigentlich hatte er ja gar nicht vorgehabt ihn zu erschrecken, eigentlich... war er auch gar nicht so an ihn heran getreten das er damit gerechnet hätte irgend wen so zu erschrecken. Was hatte der Kleine vorher miterlebt das er so erschrak? Oder war er einfach nur viel zu sehr in Gedanken gewesen? Nun ja, er würde es ja merken. Entschuldigend senkte Yerik den Kopf etwas, lehnte die Ohren zur Seite.
“ Tut mir Leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich passe demnächst besser auf.“
Er beobachtete wie der Schwarze sichtlich um Entspannung und Haltung rang, auch mit Erfolg, sofort war die Anspannung von seiner Schnauze gewichen, die Neugier dort und das Abenteuer in seinen Augen. Das Abenteuer, welches er genau heute nicht haben konnte. Wahrscheinlich wussten sie es beide. Dieser kleine Wolf. Er sehnte sich wahrscheinlich wirklich sehr nach etwas Anderem. Man sah ihm fast an das er aus diesem Sein hier heraus wollte. Und sein Wunsch nach Abenteuer. Dieses ... fort wollen. Er wollte vergessen? Konnte das sein?
„Abenteuer sind immer nur so toll, wie wir sie uns machen. Wenn wir es wollen, kann selbst eine Kleinigkeit zu einem Abenteuer werden. Mut und Kraft brauchen wir immer, selbst im Alltag, daher ist wohl selbst der manchmal ein Abenteuer, nicht wahr?“
Er erzählte dem Jüngling nicht irgendetwas, er bezog ihn in seine Gedanken ein, ließ ihm Meinung, ließ ihm Raum ihm zu Widersprechen. Er wusste das Krolock bereits jetzt über ein eigenes Bild des Lebens verfügte, er wollte es ihm nicht zwingend verändern. Der Sonnenwolf hob den Kopf etwas an, blickte den Schwarzen einen längeren Moment an während dieser Anfing von den Bergen zu erzählen. Er wollte in die Berge, er wollte fort. Also doch. Doch... es ging nicht?
Nein, wohl nicht, noch nicht für diesen Welpen, er selbst konnte Jederzeit in diese Berge ziehen, ihn hielt niemand. Aber dieser Welpe gehörte hier her, er hatte hier seine Heimat, seine Geburt. Eines Tages würde er vielleicht in die Berge können, doch nicht heute, nicht jetzt. Das stimmte.
„Die Berge sind ein sehr ferner und gleichzeitig sehr naher Ort. Sehr gefährlich und gleichzeitig sehr reizvoll. Wie kommst du darauf dorthin zu wollen?“
Wieder eine Frage aus Interesse an diesem Welpen, wieder der Spielraum ihm zu Widersprechen.
“ Ich kann dir viele Geschichten über die Berge erzählen, ich habe in meinem Leben bereits so einige von ihnen durchwandert und sogar eine Weile bei einem Bergrudel gelebt. Aber ich verstehe nicht ganz wie du auf sie kommst?“
Die Rute des braunen Rüden pendelte sanft hin und her. Während er den Blick auf dem Jüngling liegen ließ.
Der Blick aus den blauen Augen verharrte noch eine Weile in der Richtung an der die braune Fähe, Rakshee, verschwunden war. Garrett kannte sie kaum und doch vertraute der Schwarze bereits jetzt auf ihre Worte, Vertrauen das er so schnell selten entgegen brachte. Nicht, das der Rüde gnadenlos misstrauisch gewesen wäre, es war eher ein natürlicher Instinkt, ein Selbstschutz mit denen er eigentlich allen begegnete. Das es sich jetzt ein wenig änderte war seltsam. Erst Aszrem's Stimme ließ ihn den Blick wieder wenden, abermals biss sich der Wolf leicht auf die Lefzen.
Was sollte er nun erzählen? Wie weit konnte er erzählen ohne zu viel zu verraten. Was war zu viel? Er konnte es so schlecht einschätzen. Er konnte einfach nichts richtig einschätzen wenn es um seinen Bruder ging. Es war zum verrückt werden. Der schwarze Jungwolf wandte den Blick zum Himmel, fing ein paar Regentropfen mit der Schnauze auf und blickte dann erst wieder den schwarzbraunen Wolf neben sich an.
“ Mein Bruder war bei meiner Geburt nicht dabei. Eigentlich... denkt er wahrscheinlich ich kann gar nicht existieren. Denn eigentlich war er im Glauben meine Mutter wäre tot, schon lang bevor ich geboren wurde. Ich bin an einem vollkommen anderen Ort aufgewachsen als er, was er in dieser Zeit getrieben hat weiß ich nicht. Mein Vater hat mich losgeschickt um ihn zu suchen. Seine Gründe verstehe ich bis heute nicht.“
Garrett lehnte die Ohren zurück.
“ Er dürfte mir ähnlich sehen. Ebenso dunkles Fell... und ebenso sonderbare blaue Augen. Ein wenig kräftiger mit halblangem Fell und eben jenes leicht struppig. So wie meines eben.“
Erneut blickte er Aszrem an, unsicher was dieser nun denken würde. Würde er ihn, so zwielichtig wie er sich selbst gerade vor kam vielleicht sofort wieder wegschicken? Zum Schutz des Rudels? Oder würde er ihn auf der Stelle angreifen?
“ Ich muss allerdings um etwas bitten.“
Der Schwarze schluckte und suchte für einen Moment den Blick des anderen Rüden. Das hier war wichtig, ihm viel wichtiger als alles andere.
“ Selbst wenn du diesen Wolf kennen solltest. Selbst wenn du... meinen Bruder kennen solltest. Kannst du ihm bitte nichts über meine Identität verraten? Ich möchte noch nicht das er es erfährt.“
Das es vielleicht gefährlich war, verschwieg er.
Sheenas Begrüßung war so viel schöner gewesen, als erhofft. So viel Sanftheit hätte Rakshee in keiner anderen Situation von der Weissen zugelassen - aber sie konnte nicht abstreiten wie gut es ihr tat. Ebenso wie die Anwesenheit ihrer schönen Schwester, die nun ebenfalls von Sheena in Empfang genommen wurde. Rakshee hatte sich schon wieder umwenden wollen, um ihren Weg mit Sheena und Ahkuna zusammen fortzusetzen. Ein leises Winseln, gefolgt von einem halb-erstickten Wuffen lies sie jedoch zögern, und die Braune drehte sich um - und sah bereits Sheena loslaufend, die Kurs auf ihren Bruder genommen hatte. Jakash stand etwas abseits von den Dreien, hätte er sich nicht zu Wort gemeldet wären sie einfach an ihm vorbeigelaufen.
Rakshee wollte Sheena folgen, warf einen kurzen Blick zu Ahkuna herüber, und erstarrte in der Bewegung, als ihr Blick Sheena und Jakash wiederfand. Wie festgefroren betrachtete sie die Szene vor sich, wie die Weiße sich einfach an ihn heranschmiss. Einen Herzschlag lang pulsierte Zorn durch ihre Adern, dann zuckte ihr Körper, und sie machte einen großen Satz auf beide zu, das Gesicht finster, von Trauer und Wut gleichermaßen entstellt. Wie konnte sie es wagen? Das war IHR Bruder, nicht Sheenas, sie kannte ihn gar nicht! Also, das glaubte Rakshee zumindest... Nein, unmöglich! Jakash hätte es ihr gesagt wenn da etwas...nein! Ihr Bruder selbst war über alle Zweifel erhaben, aber Sheena nicht! All die positiven Gedanken, die in Rakshee für Sheena aufwachsen wollten, waren mit einem mal verdorrt. Ein finsteres Grollen bahnte sich seinen Weg ihre Kehle hinauf, und ihr Blick lag böse und stechend auf Sheenas goldenen Augen. Ahkunas Frage hatte sie gar nicht mehr gehört, so geblendet war sie von der Wut die in ihr aufkam, von der brennenden Eifersucht. Jakash zu trösten war ihr Privileg, nicht Sheenas! Ahkuna durfte sich an Jakash kuscheln, und Mama und ihretwegen noch die Welpen - aber nicht Sheena, nein! Unwillkürlich hatte die Braune ihre Zähne gebleckt, stand mit gehobener Rute und gesträubtem Nackenfell so zwischen Ahkuna und den Zweien. Sheena sollte von ihm weg gehen! Weit weg! Das war ihr Bruder, ihrer!
Heiße Tränen rannen Rakshees Wangen herab, aber an ihrer Haltung änderte sich nichts. Nur langsam, mit steifen Bewegungen, näherte sie sich den Beiden, und lockerte ihre Haltung nur unterbewusst, je näher sie Jakash kam. Einnehmend postierte sie sich also an seiner anderen Seite, schleckte ihm eilig über die Schnauze, und warf Sheena einen bitterbösen Blick über Jakash Fang hinweg zu.
'Geh endlich!'
Stand in ihren Augen. Schon bereute sie es wieder, die Weiße überhaupt getroffen zu haben. Und das alles am Todestag ihrer Oma! Rakshees Magen zog sich zusammen, neben all der Wut auf Sheenas dreiste Annäherung schämte sie sich, so wütend zu sein, am letzten Tag den sie ihrer Oma doch hatte schenken wollen. Unwillig setzte sie nun wieder eine Pfote vor die Andere, in der stillen Hoffnung dass JAkash ihr nun folgen würde. Ihre Gedanken fesselte sie mit schmerzender Gewalt an ihrer Oma - sie wollte die Wut nicht länger. Nicht heute.
Konnten... konnten sie sie sehen? Das war eine schwere Frage, wie sollte Avendal das denn wissen. Aber... wenn es ihnen da oben gut ging, wieso sollten sie einen dann also nicht von dort aus sehen und aufpassen können? Bestimmt, ganz bestimmt waren sie dort oben und passten auf ihre Lieben auf, so wie ihre Mami es hier unten tat, so beobachteten die da oben sie alle doch ganz sicher auch. Schnell nickte die gräuliche Welpin.
“Ja, doch. Sie gucken ganz bestimmt! Ganz bestimmt passen sie auf.“
Schnell tappte sie mit der Pfote gegen Dayli's Schnauze.
“ Es passen ganz bestimmt alle auf dich auf.“
Die Kleine schmiegte ihren Kopf an den warmen Körper ihrer Tante und blickte dann den schwarzen Rüden an, der doch irgendwie so unheimlich war. Besonders als er sie begrüßte, war er irgendwie ganz unheimlich. Aber irgendwie auch faszinierend. Und dann hielt der Schwarze inne.
Und auch Avendal wandte den Kopf zur Seite. Und während alle irgendwie versteinerten und seinen Namen nur flüsterten, zog sich ein breites Grinsen über die weichen Lefzen der Kleinen. Ihre Rute fing augenblicklich an zu pendeln.
“ Onkel Aryan!“
Jappste sie freudig. Klar, wenn Dayli ihre Tante war musste Aryan ja dann irgendwie ihr Onkel sein. Oder so. Seine Augen? Was war denn mit seinen Augen? Sie waren dunkler, aber was war daran denn nun so schlimm? Ihre waren doch auch irgendwie dunkel. Zumindest dunkler als die von Daylight oder von diesem komischen Schwarzen mit den Grauaugen. Also eigentlich waren dunkle Augen doch schön. Sie mochte sie. Und wieder dieser Vorstellkram, das war doch langweilig. Außerdem konnte sich Onkel Aryan und das Grauauge doch selbst unterhalten? Warum musste Dayli das tun. Und der gruselige Nightmare, konnte sich ja irgendwie auch nicht entscheiden. Ob er nun gegen wollte oder nicht. Das war sonderbar. Wieso hatte er denn solche Entscheidungsprobleme? Verwirrt blickte die Kleine zwischen Aryan, ihrer Patin und dem Gruselwolf hin und her. Sie war so klein und verstand das alles irgendwie nicht richtig. Das war unfair! Was war denn los? Warum konnten sie nicht ganz normal zueinander sein? Spielen oder so. Erwachsene waren seltsam.
Aryan. Gefährte. Nightmare. Freund.
Das war wirklich, wirklich kompliziert. Und dann wollte Daylight auf einmal gehen. Verwirrt hob die Graue den Kopf, blickte in die schönen Augen ihrer Patin. Och manno, waren mussten sie denn jetzt gehen? Schnell drehte Avendal den Kopf zu Aryan.
“Kannst du Aléya und mir bald wieder eine Geschichte erzählen? Bitte!“
Doch bevor sie zu ihm gehen konnte und ihn richtig bitten konnte, hatte Dayli sie bereits geschnappt und ging mit ihr weg. Oma tschüss sagen? Aber wieso denn? Musste Oma etwa... würde Oma etwa?
“ Oma geht ins Himmelsreich?“
Fragte sie vorsichtig und ließ die Ohren etwas hängen. Oma ging. Aber sie würde dann doch auch auf sie alle aufpassen oder? Auf Daylight und Aryan, auf ihre Geschwister und auf sie und vielleicht sogar auf das gruselige Grauauge? Das musste einfach so sein.
Für einen Augenblick befürchtete Jakash Caiyé, dass sie ihn nicht hören würden, dass sie einfach weitergingen ohne ihn zu bemerken, und er allein und kraftlos zurück bleiben müsste. Für einen halben Herzschlag lang bohrte sich die Gewissheit kalt in sein Herz, dass er hier in seiner Starre gefangen bleiben würde und nicht da wäre, seine Großmutter zu verabschieden. Für die Dauer eines Gedanken sah er Banshees enttäuschtes Gesicht, wenn sie ihn in den Reihen ihrer Familie nicht würde finden können ... Doch der Schrecken endete jäh, als die weiße Gestalt Sheenas ihren Kurs änderte und auf ihn zu geschritten kam. Mit jedem Schritt, den sie näher kam, spürte er die Kälte aus ihm weichen, wusste er doch nun, dass seine Befürchtungen nicht eintreten würden. Er würde hier nicht allein zurück bleiben, denn sie hatten ihn gefunden und würden wohl kaum ohne ihn weiter gehen.
Der schwarze Jungrüde schloss die Augen, als die Weiße das Gesicht in sein Fell vergrub. Diese Berührung tat unglaublich gut, obwohl sie nicht von seiner Mutter oder Rakshee kam, aber genau diese Nähe, diese Wärme brauchte er jetzt, um neuen Mut zu finden und sich aus seiner Lähmung zu befreien. Jakash genoss den Augenblick. Ein dumpfes Grollen erklang, und obwohl es im ersten Moment zu nah für ein Donnern klang, hielt Jakash es doch im nächsten Augenblick für eben dieses Geräusch des Gewitters - eine Mahnung, nicht zu lange hier zu verweilen. Der junge Schwarze öffnete die Augen und fand Rakshee neben sich, und sofort, ohne sie lang zu mustern, vergrub er seine Schnauze liebevoll in ihr Halsfell und spürte, wie sie sich neben ihn schob. Zu sehr durchströmte ihn die Erleichterung, als dass er den Zorn seiner Schwester als solchen gespürt hätte. Selbst das leichte wütende Beben ihres Körpers interpretierte er als das Zittern unterdrückter Schluchzer, und sogleich wurde ihm wieder gegenwärtig, weshalb sie hier waren. Sie mussten weitergehen und den Trauerzug einholen. Jakash beendete die Liebkosung seiner Schwester, seine Miene wieder trübsinnig, aber nicht mehr verzweifelt.
"Wir sollten uns beeilen... bevor..."
Er brachte den Satz nicht zuende, stattdessen setzte er sich langsam in Bewegung. Als er bei Ahkuna ankam, begrüßte er auch sie mit einer liebevollen Geste und schenkte ihr ein trauriges Lächeln. Seine jüngste Schwester erinnerte ihn daran, dass eigentlich er der Starke in dieser Situation sein musste. Er, als großer Bruder und einzig verbliebener Rüde dieser Familie. Er musste für sie da sein und ihnen Halt geben, nicht umgekehrt, auch wenn das in Anbetracht seiner Hilflosigkeit ebend irgendwie lächerlich erschien. Jakash straffte dennoch seine Gestalt und machte sich daran, dem Trauerzug zu folgen...
Takashi Ohren zuckten nach hinten; in die Richtung, wo die Stimme Jikkens herkam. Für einen langen Moment blieb sein Gesichtsaudruck nichts aussagend und starrte nur in die ferne Leere. Jedoch stimmten Jikkens Aussage mit Takashis persönlicher Meinung überhaupt nicht miteinander ein. Von wegen nicht verarscht werden! Der Schwarze war noch immer der Meinung, dass der Fremde zumindest mit ihm scherzen würde. Da er es aber nicht einfach so auf die leichte Schulter nehmen wollte, sah er es viel drastischer und nahm die Situation als Verarschung an. Noch einen Moment stand er da wie versteinert. Dann entschied er sich plötzlich ganz um und drehte sich rückartig um, den Weißen fest fixiert. Ihm fiel auf, dass er sich auf den Boden niedergelassen hatte und sichtlich verwirrt schien. War er einfach nur nicht bei der Sache oder was war hier eigentlich los? Oder handelte es sich um den Fremden um irgendeinen Verrückten, der hin und wieder mal derartiges Zeug brabbelte? Der Schwarze war mit dieser Situation ziemlich überfordert. Was sollte er denn jetzt nur machen? Wen genau hatte er da überhaupt vor sich?
.oO(Was ist das denn nun für einer? Wirklich normal zu sein, scheint er ja nicht. Mit ihm stimmt etwas nicht…das ist klar. Aber irgendwie regt mich das jetzt verdammt auf! Und was soll ich jetzt mit ihm machen? Kann er denn überhaupt etwas für seine dämliche Doofheit? Vielleicht ist er verflucht…oder so etwas…vielleicht...!)
Dieser Gedanke, der so plötzlich in seinen Kopf aufgetaucht war, gefiel ihm überhaupt nicht. Der schwarze Rüde war sich überhaupt nicht sicher, aber der Fluch seines Bruders musste doch schließlich irgendwo anders hin gegangen sein, nachdem er gestorben war. Schließlich kam die Seele eines jeden Wolfes nach dem Tod an einen anderen Ort. Und wenn sich jetzt der Fluch von Urion auf Jikken gelegt hatte und er irgendwann genau so wahnsinnig wurde? Unsicher wankte der Rüde einen Schritt zurück, trat dann aber wieder standhaft einen Schritt vor. Seine Vermutung war bestimmt völlig falsch, da er wieder vom schlimmsten ausging. Jedoch konnte er diese Vermutung nicht allzu schnell verdrängen. Vielleicht sollte Takashi vorerst ein wenig vorsichtiger sein.
“Bist du dir da wirklich sicher? Ich empfinde es als anders…!“
Grummelte Takashi leise. Er klang weder angriffslustig, noch gefährlich; denn er war wohl eher beunruhigter als alles andere. Dennoch war er sich nicht komplett sicher, dass es einen Zusammenhang mit dem Fluch geben könnte. Schließlich zeigte Jikken keinerlei Anzeichen von Aggressivität oder ähnlichem. Vielleicht hatte er von Natur aus einfach ein eigenartiges Verhalten. Doch damit wollte sich Takashi noch nicht abfinden. Wenn der Fremde jetzt endlich reden würde, würde er wohl schnell herausfinden, ob er seine Vermutung bestärken oder verdrängen sollte.
Wie skurril ein Moment, die Zeit einiger unwichtiger Atemzüge, sein konnte, zeigte sich gerade vor Aryans schwarzen Seelenspiegeln. Die weiße Wölfin sah aus wie seine Gefährtin, gebar und fühlte aber wie eine Fremde. Vielleicht war sie ihm sogar fremd geworden – und umgekehrt. Vielleicht war seine Abwesenheit tragender und gravierender als gedacht. Und dennoch stellte sich immer noch nicht die Frage, ob er es hätte anders machen sollen. Ihr Leben war zu kostbar, als dass er damit gespielt hätte. Die Strafe für seinen Fluch? Zudem war ihre Einsamkeit von einem schwarzen, fremden Rüden begleitet gewesen. Hätte Aryan noch pulsierendes Blut in seinen Adern gehabt, hätte es bereits den Siedepunkt erreicht und würde nun überkochen. Doch die Kälte in seinem Körper war auch die seiner Gefühle. Glaubst Du, man kann Liebe stehlen?
Und als die feinen, leisen Worte des Anderen an das sensible Gehör drangen, spürte er wieder einmal den Durst nach Blut. Nein, es war kein Verlangen nach Erlösung, dem Beenden des unguten Gefühls in seiner Kehle. So hatte der Schwarze schon lange nicht mehr gefühlt. War es doch Daylight gewesen, die ihm diese Gedanken nahm. Das Lächeln blieb, hielt sich fest an seinen dunklen Lefzen. Auch, als seine Gefährtin vor seinen Augen erschrak. Der Grund, warum ich Dich verlassen habe.
Stumm blieb es ein Leitfaden in seinem Kopf. Genau wie die Anschuldigung zum Mord, die Anklage seiner Veränderung, die Gier seiner Gelüste. All das waren die wahren Gründe, die für diese Zeit unausgesprochen blieben. Wäre das weiße, warme Geschöpf glücklicher ohne ihn? Hätte er fort bleiben sollen, damit sie ein Leben an Nightmares, des guten Freundes, Seite haben können? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aryan hatte das nicht zu entscheiden, war nur Zuschauer einer tragischen Komödie, in der er das liebende Monster war. Einzig allein Avendal schien sich herzlich über Aryans Auftauchen zu freuen. Daylight gleichermaßen Nightmare schienen seltsam angespannt und versteinert. Ein liebevolles Lächeln zierte die dunklen Lefzen des großen Wolfes und er zwinkerte seiner Nichte zu.
“Hallo Kleines“,
trällerte er. Von einem Mal zum Anderen schien seine Stimmung enorm gestiegen. Er konnte Welpen einfach nicht widerstehen. Das Herz der kleineren Artgenossen war noch so frei und unbeschwert – Avendal war das beste Beispiel dafür. Und obwohl es dem Rüden lieber gewesen wäre, wenn er mehr Zeit für Daylight und ihrem Patenkind gehabt hätte, Daylight wollte nun bei ihrer Mutter sein, die ihren letzten Weg angetreten war. Stumm nickte er. Sie litt, sie brach unter diesem Druck fast zusammen. Seine Kraft hätte gereicht, um sie zu halten, um bei ihr zu sein. Aber er wusste, dass er und jeder Anderer, der nicht zu dieser Familie gehörte, nichts bei dieser Zeremonie zu suchen hatte. Diesen Weg gehst nun Du allein, mein kaltes, totes Herz ist bei Dir.
Die schwarzen Seelenspiegel sahen der Weißen, mit Avendal in ihren Fängen, nach.
“Natürlich werde ich euch eine Geschichte erzählen. Eine ganz spannende. Vielleicht können Du, Aléya und ich auch zum See, ein wenig schwimmen, wenn ihr wieder hier seid“,
rief er noch und erinnerte sich an sein Versprechen, dass er seiner Tochter gegeben hatte. Lange lag sein Blick auf der Stelle, wo seine Gefährtin und ihr Patenkind im Regenschleier verschwunden waren. Dann waren Nightmare und er allein.
“So werde ich schon bewertet?!“,
fragte er dem Sarkasmus nahe, brachte ein gequältes, leises Lachen hervor. Wäre er noch in seinem früheren Körper, so hätten diese Worte eine Schwäche offenbart – doch so waren es nur wieder samtene Worte voller Klang und Melodie. Ein Grund mehr, warum er sich hassen wollte.
“Nur ein guter Freund? Wem will man diese Lüge auftischen?“,
fragte er. Keine Mühe seine Kühle aus der Stimme zu verbannen. Man hätte natürlich loyaler reagieren können – aber durfte nicht auch ein Monster seine Missgunst ausdrücken? Auch wenn sein Körper verändert und zum Töten ausgelegt war, seine Sinne nicht die eines normalen Wolfes, sein Antlitz so fälschlich wunderschön war, durfte er nicht seinem Ärger Luft machen?
“Ich sollte Dir wohl danken, dass Du Daylight ein Halt warst und in Zukunft wohl bist, aber es fällt mir unglaublich schwer, denn ich sehe, höre und spüre Deine Gefühle ihr gegenüber“,
der Atem wurde wieder angehalten. Der Blutgeruch war stark und der Durst noch größer. Der Hüne hätte doch besser vorher auf die Jagd gehen sollen.
Anders als gedacht, dachte er murrend.
Eine gewisse Erleichterung konnte Sheena bei Jakash spüren und das stimmte sie ein bisschen froher. Schließlich hatte sie einem anderen Wolf wenigstens ein bisschen helfen können, indem sie ihm Kraft geschenkt hatte, die sie selber ebenfalls gut gebrauchen könnte. Sie hatte, obwohl sie auf Rakshee und Ahkuna zusteuerte, Ahkunas Frage nicht gehört, da sie sich im selben Moment wieder in Richtung Jakash gedreht hatte, da dieser ihr nicht folgte, als sie zum Gehen angesetzt hatte. So konnte sie auch nicht die stechenden, wütenden Blicke von Rakshee sehen, die sie ihr zuwarf. Fragend und abwartend war ihr Blick auf Jakash gerichtet, der noch immer keine Anzeichen machte, um mit ihnen zu gehen.
Vollkommen in sich versunken, bemerkte sie das Näher kommen Rakshees erst, als sie das dunkle, drohende Grollen vernahm. Blitzschnell wirbelte die weiße Fähe herum, konnte sie sich doch noch gut an den Angriff von Nienne erinnern, welche sich, genau wie Rakshee nun, von hinten an sie angeschlichen hatte und ihr den Nacken aufgebissen hatte. Angst durchströmte ihren Körper. Eben noch hatte Rakshee so freundlich gewirkt, fast hätte Sheena geglaubt, dass sie froh gewesen war, sie zu sehen. Doch nun war es wieder die Rakshee, die sie kannte. Es hatte sie sowieso verwundert, dass sie zuvor so freundlich gewesen war, sie hätte wissen müssen, dass das nur der Schein war. Ihr Körper verkrampfte sich, sie war sich nicht sicher, was Rakshee tun würde, das wütende Grollen hatte sich nicht eingestellt, es wurde stattdessen nun von einem bebenden Körper unterstützt, welcher zeigte, wie sauer die ein Jahr jüngere Fähe war. Automatisch verkrampfte sich ihr eigener Körper, sie wurde noch kleiner, als sie sowieso schon war und ein unregelmäßiges Zucken glitt über ihren Körper. Sie hatte panische Angst. Mit riesig geweiteten Augen beobachtete sie jeden einzelnen Schritt, den Rakshee tat, bis sie neben Jakash angekommen war. Dieser freute sich anscheinend sehr seine Schwester zu sehen. Er ignorierte sogar ihr so unfaires Verhalten gegenüber Sheena selbst. Das verletzte sie sehr, obwohl sie ihn nicht kannte, hatte sie sich aufgemacht um ihm zu helfen, anscheinend hatte es erst auch geholfen, doch nun ergriff er die Partei der Schwester. Der Blick den Rakshee ihr zuwarf sprach deutlich, was sie wollte. Sie sollte hier verschwinden.
Natürlich, sie waren eine Familie, Banshees Familie. Nur sie selbst gehörte nicht dazu, war eine Fremde, eine Ausgestoßene, nicht respektiert.
Wieder wallte eine große Welle voll von Wut in ihrem dürren Körper auf, die Kraftlosigkeit war für einen kurzen Moment vergessen, das Adrenalin schoss durch ihren Körper hindurch, wie Pfeile die Luft zerschnitten. Wut, Wut, Wut und Hass. Vorhin, als sie Amáya gesehen hatte, hatte sie diese noch gut unterdrücken können, doch nun drohte sie ihr zu entgleiten, ihr Körper spannte sich noch mehr an, das Beben wurde stärker und in ihrer Kehle bahnte sich das erste bedrohliche Knurren an, es musste nur noch ihren Fang verlassen, damit es jeder hören konnte. Doch sie musste sich zusammenreißen, es war Banshees letzter Tag, alles war voller Trauer, sie durfte nun nicht auch noch ein Familienmitglied angreifen, dann würden sie alle aus dem Rudel hassen. Sie hatte doch sowieso schon niemanden mehr, der zu ihr stand, nun würde auch noch ihre letzte Bezugsperson, Banshee, gehen. Was würde dann nur aus ihr werden?
Ein leises Knurren entschlüpfte ihren Lefzen, doch sofort biss sie sich auf eben diese und der Rest des Grollens wurde heruntergeschluckt zu dem ganzen Hass und der unermesslichen Wut, die wie durch ein Wunder in ihren Körper passte. Sie musste sich beruhigen! So schnell, wie der Adrenalinstoß gekommen war, verschwand er auch wieder und die Kraftlosigkeit kehrte mit einer doppelten Wucht zurück. Sie wankte und ging in die Knie. So kniete sie also vor Rakshee im Matsch, als ob sie sich entschuldigen würde, für etwas was sie gar nicht getan hatte. Sie zwang sich, ihren Körper wieder aufzurichten, es war schwer und es tat weh. Ihre Augen schwammen vor Tränen, sie, eine Ausgestoßene. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie sie den Weg zu Engaya finden konnte, sie konnte sich nicht daran erinnern, wie es war kraftvoll und ruhig zu sein. Sie fühlte sich erschöpft, zerschlagen, niedergerissen. Niedergerissen von einer Familie zu der sie nicht gehörte, nicht gehören durfte. Nicht einmal annähernd. Sie blickte zu Jakash, er steckte nur seine Schnauze in das Fell seiner Schwester, Ahkuna war noch hinter ihr, doch sicher würde sie auch von ihr keine Hilfe erwarten. Wie konnte eine ganze Familie so grausam sein, wenn doch die Mutter ihrer aller so eine liebe und wunderbare Fähe war?
Dass sie von zwei, Jakash inbegriffen drei, Wölfen auf alle anderen schloss war ihr nicht aufgefallen. Dafür war ihr Herz zu zersplittert, ihr Verstand zu umnebelt. Sie blickte zu Rakshee, nicht einmal einen wütenden Blick konnte sie ihr schenken, das Einzige, was ihre Augen zeigten, war die Leere, die wieder einmal in ihren Körper eingezogen war.
Was sie nicht wusste, war, dass sie diesmal viel schneller ihren Weg herausfinden würde. Doch dazu musste das alles erst einmal hinter ihr liegen und es war doch jetzt noch ein weiter Weg zu gehen. Sie drehte sich um, unendlich schwer waren ihre Pfoten, unendlich schwer der doch viel zu leichte Körper. Schwankend bewegte sie sich vorwärts, zwang sie sich ihre Pfoten voreinander zu setzen, dem Zug hinterher. Sie fühlte sich umzingelt. Vor ihr der Trupp mit einem Wolf der sie hasste, hinter sich ein Wolf der sie hasste. Und trotzdem musste sie diesen Weg gehen.
oO Banshee zu liebe… Oo
Die blauen Seelenspiegel legten sich auf den Horizont, der nach wie vor einen furchtbaren Sturm offenbarte. Der Regen peitschte dem Rüden unangenehm ins Gesicht. Etwas regte sich in Akru, doch beschreiben konnte er es nicht. Schob es auf das Bevorstehende. So ging ein wertvolles Leben verloren – der Lauf der Dinge. Alles ging einmal zu Ende, bevor sich ein neuer Anfang auftun konnte. Nüchtern stellte er sich die Frage, wann wohl sein Ende kommen würde. Wie verkraftete sein Herz den Schmerz des Verlustes? Sicherlich würde er daran nicht zu Grunde gehen, aber es würde ihn mürben und kaputt machen. Ein langsamer Tod, kein schöner Gedanke. Zudem hatte er ja noch eine Aufgabe, die ihn an diese Erde band. Akru wollte noch nicht gehen, er brauchte noch ein wenig Zeit um sich seine Wünsche und Träume zu erfüllen. Denn eines hatte er von seiner weißen Freundin gelernt: er war nicht nur Zeitwächter und Marionette der Götter, sondern ein eigenständiges Wesen. Sie hatte ihm die Gefühle gelehrt, das Lieben und die Kraft sich dessen zu stellen. Ein gutes Geschöpf, das nun Abschied nehmen musste.
“Eine andere Dienerin Engayas wird es geben, aber was ist mit Banshee? Der liebenden Mutter, der treuen Freundin und der Wärme spendenden Schwester. Ihr Verlust wird uns alle am meisten trüben. Die Götter werden das Schicksal der Welt im Gleichgewicht halten, aber sie nehmen uns den wertvollsten Wolf aus unserer Mitte“,
der Graue brach ab und blickte wieder auf seine weiße Freundin. Ein leichtes Lächeln auf den Lefzen. Für einen Moment schien er all Güte und Hoffnung in sich sammeln zu wollen. Wie Aussichtslos auch diese Situation sein mochte, die Leitwölfin würde in Erinnerungen, Geschichten und Legenden weiterleben. Vielleicht würde es auch Akru sein, wenn er wieder Wanderer geworden war. Durch die verschiedensten Länder würde er gehen und die Kunde Banshees; und nicht Engayas; verkünden. Die weiße Leitwölfin mit dem großen Herz und der Güte, die Welt zu verbessern und zu verändern, dachte er leise und das Lächeln wurde breiter. Er trotzte der Trauer und wollte das Gute in sich halten. Er wollte Banshee so in Gedanken behalten, wie sie war. Er wollte nicht nur an Trauer an sie denken.
“Ich kann mit Stolz verkünden, dass ich Recht habe“, er lachte kurz über seine welpischen Worte, “bei einer Mutter, wie Du es bist liebe Banshee, sind Deine Kinder mindestens genau so stark und mutig. Sie werden ihren Weg auf bewundernswerte Art und Weise meistern, da bin ich mir wirklich sicher“,
in seinem Blick blitzte etwas Warmes auf, dass seine Überzeugung unterstützte. Natürlich würde die Trauer lange vorherrschend bleiben, aber irgendwann würde jeder ihrer Kinder wissen, dass ihre Mutter nun in den ewigen Hallen der Götter einen wunderbaren Platz gefunden hatte. Vielleicht würden auch sie irgendwann ihren Enkeln erzählen, welch wunderbarer Wolf die Weiße war. Woher dieser Gedankenwandel so plötzlich kam? Der Graue war sich sicher, dass auch er irgendwann beruhigt sterben konnte. Es würde schon Alles so richtig sein. Ob sie nun eine Wahl hatten ihr Schicksal zu ändern oder nicht. Dabei dachte er an Averic, der selbst in einer brenzligen Situation noch Kopf bewahrte. Und Tyraleen, die sich auf brausend Luft machen konnte. Und als seine Leitwölfin wieder sprach, wurde seine Sicherheit verstärkt. Eine Freundschaft konnte Ewigkeiten überdauern.
“Ich kann die Vergangenheit nicht vergessen, weil ich mir selbst noch nicht verziehen habe. Das muss ich wohl erst noch lernen. Aber Du hast Recht, jetzt werde ich nichts mehr ändern können und versuche ungetrübt auf eine Zeit an Deiner Seite zurück zu blicken. Nur ist es anders, als bei anderen unserer Art. Ich lebe in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft. Eine Schuld werde ich nie vergessen, genau so wenig wie wunderbare Stunden. Es kann ein Vorteil sein oder eben ein Fluch. So wie mich die Schuld des Todes meines geliebten Bruders immer verfolgen und vernichten wird, so werde ich auch an meine Fehler in der Zeit mit Dir denken – und eben an die unvergesslichen Stunden in Deiner Nähe. Aus Fehlern kann ich lernen, aber korrigieren kann ich sie nicht. Mach´ Dir darüber keine Gedanken und Sorgen, es ist mein Schicksal, mein Weg, den ich zu Ende gehen muss, mit dem Ziel Dir irgendwann einmal zu folgen. Aber das wird noch Zeit brauchen. Ich bin zäh-“,
Banshee hatte spielerisch sein Ohr ergriffen und zog leicht daran. Sofort musste der Graue anfangen zu lachen. Eines der wenigen Lachen, die er zu verschenken hatte. Ausgelassen sprang er zweimal in die Luft, schlug verspielt mit der Hinterhand aus und stieß sachte – kaum merklich – seine weiße Leitwölfin an. Auch er ergriff ihr Ohr und zupfte ein wenig daran herum. Sanft pustete er in dieses und ließ schließlich wieder ab. Den Blick auf die goldenen Seelenspiegel der Weißen gelegt. Ein herzliches Lächeln hatte sich auf die dunklen Lefzen gelegt.
“Und doch sind wir immer noch im Herzen Welpen“,
kicherte er und stupste die weiße Freundin mit seiner Schnauze an.
Ahkuna war etwas enttäuscht darüber das sie niemand wahrnahm. Es gab wohl Dinge über die man in solchen Momenten nicht spricht. Anscheinend war dies ein wunder Punkt den sie getroffen hatte denn sowohl Rakshee als auch Sheena schienen sie einfach überhört zu haben. Entweder das oder sie hatte zu leise diese Töne von sich gegeben.
Allerdings wurde sie von dieser Einsicht entrissen als sie das dumpfe Grollen Rakshees neben sich vernahm. Ahkuna war sich gar nicht bewusst wie schnell eine Stimmung sich verändern konnte. Zuvor war sie doch noch voller Trauer und nun voller Wut? Was war passiert,was Ahkuna nicht mitbekommen hatte? Sollte sie nun auch so reagieren?
Zwar stellten sich die Nackenhaare von der Weißen auf aber sie entließ keinen Ton. Sie musste doch zuerst wissen was passiert war. War es Sheena gewesen die gerade Jakash begrüßt hatte? Wahrscheinlich schon. Ahkuna war dies unerklärlich. Wieso tat Rakshee das? Rakshee, ihre Schwester. Enkelin Banshees,die gerade im Sterben lag. Wieso dachten alle nicht daran? Ahkuna lies ein leises winseln aus ihrem Maul als sie sah wie Rakshee an Sheena vorbei ging und diese zusammen brach. Ahkuna wollte nach Sheena rufen. Zu ihr gehen. Ihr helfen. Rakshee zur Rechenschaft ziehen. Einfach wieder weiter hinter Banshee hinter her laufen. Doch sie konnte das nicht. Ihre Beine bewegten sich nicht. Ihre Kehle war ausgetrocknet und entließ nichts mehr. Das leise winseln war das einzige was sie ausstoßen konnte. Sie erwiderte zwar die Berührung Jakash aber dies war für sie nun nebensächlich. Es war schön jemand zu treffen der eben falls das Blut trägt welches selbst in den eigenen Adern fließt doch war es viel zu schockierend zu sehen wie schnell Rakshee umgeschaltet hatte.
Als Sheena an der Weißen vorbei ging, drehte diese auch bei und ging neben ihr her. Sie fühlten sich doch alle gleich. Alle trauerten um Banshee doch warum mussten sie sich gegenseitig angreifen? Es war Banshees Tod! Wieso verstanden sie das nicht? Dies war der letzte Tag von der Fähe die sie alle groß gezogen hatte und ihnen Mut gegeben hat. Kurz seufzte Ahkuna bevor sie ihren Blick rüber zu Sheena schweifen ließ. Nun musste sie all ihren Mut sammeln um die Trauernde neben ihr anzusprechen.
„Bitte mach dir nicht so viel daraus. Es geht heute doch um Banshee. Lass uns das bitte zusammen durch stehen, Sheena. Es ist für alle schwer und jeder drückt es anders aus.“
Leise erklungen ihre Worte, vielleicht sogar etwas kratzig doch waren sie hörbar. Ihre Hoffnung war zwar diesmal nicht sehr groß, da sie vorhin ebenfalls ignoriert wurde, doch waren dies die Worte die sie selbst beruhigten. Selbst wenn sie nun von Rakshee verachtet wurde, war es ihr egal. Heute war es alles anders.Heute gab es ein Ende. Das Ende eines Lebens. Doch jedes Ende bedeutete den Anfang etwas neuem. Egal was passieren würde, sie würde Banshee nicht vergessen. Ihren Kindern würde sie immer die Geschichte der Tochter Engayas erzählen und ihnen dabei leicht beibringen das es ihre Oma war die soviel erreicht hatte. Denn ihre Großeltern waren Nachkommen der Götter.
Wenn Jumaana darüber nachdachte, kam ihr das hier alles kindisch und sinnlos vor. Warum konnte sie nicht einmal etwas richtig machen?! Warum tat sie immer das Falsche?! Der Regen prasselte demütigend auf sie hinab und niedergeschlagen trugen ihre Pfoten sie weiter fort. Es tat alles so weh. Zu sehen, was man falsch gemacht hat. Andere leiden zu sehen. Fehler zu begehen. Unwiderrufliche Taten. Die einen Keil zwischen sie und das Rudel getrieben haben. Zwischen sie und ihre Familie. Takashi.
Längst waren keine Tränen mehr übrig; doch immer noch stiegen neue Schluchzer in Jumaanas Kehle hoch. Alles war so falsch, verlogen und nutzlos. Wenn die Leere nur endlich verschwinden würde … Der Donner grollte über der weißen Fähe und vor ihren Augen zuckte ein greller Blitz auf die Erde nieder. Sie fror, obwohl die Luft warm war. Warum war nicht alles wie vorher?! Warum war ihr Leben nicht perfekt?! Ausschlaggebend waren wohl der Tod Hiryogas und die traurige Nachricht Nyotas, doch eigentlich war Jumaana allein an allem Unheil schuld. Wie konnte sie Takashi und Shani allein lassen – das ganze Rudel? Gewiss würde niemand ihr Verschwinden bemerkt haben, jedoch fühlten sich diese verlassenen Tage für die Fähe an wie Jahre. Und SIE war daran schuld. Verzweifelt versuchte Jumaana den Kloß in ihrem Hals zu verdrängen, doch er blieb beharrlich an seinem Ort und erschwerte ihr das Atmen. Unbewusst hatte die weiße Wölfin die Gegenrichtung eingeschlagen, war umgedreht und nun wieder auf dem Weg zum Tal des Rudels. Wenn sie die Grenze überschritt, musste sie um Einlass bitten, doch niemand würde kommen können, um sie zu genehmigen.
.( Was hast Du gemacht, Du dumme Fähe! Ich werde verschwinden müssen, wenn Du nicht sobald wie möglichst zu meinem Sohn zurückkehrst! ).
Jumaana nahm die Worte Aarinaths nicht war. Sie füllten ohnehin schon ihre gesamten Gedanken aus, und sie hatte gelernt, Takashis Mutter in ihrem Kopf zu ignorieren. Wie gerne würde sie ihm mehr davon erzählen, doch ihr blieb nicht die Möglichkeit. In der Ferne sah sie schon den Sternensee, die spiegelglatte Wasseroberfläche wurde von den Regentropfen durchbrochen und aus dem seichten Wasser wurde ein tobendes Gewässer. Es gab keine Strömung, doch der See sah – glitzernd und schimmernd wie er war – beinahe tödlich aus. Jumaana machte kurz halt und sah den geliebten See an. Alles wirkte auf sie, als würde es sie nicht mehr akzeptieren, doch der See schien genauso erzürnt zu sein wie sie selbst.
.( Du wirst verrückt! ).
Jumaana nickte leicht, doch es sah eher aus, als würde sie den Kopf schieflegen. Der Wind zerzauste ihr einst glattes, weißes Fell und der Regen verlieh ihm einen nassen, dreckigen Eindruck.
“Ich weiß“,
flüsterte Jumaana bestätigend. Feenkind hatte recht. Sie wurde verrückt. Fühlte mit dem Sternensee. Gab sich die Schuld für den Tod Kaedes, Urions und Hiryogas. Verließ Takashi ohne Grund. Verließ das Rudel ohne Grund. Früher, als Jumaana gerade ein Jahr alt geworden war, hat sie ihre Schwester kennengelernt. Sie hatte nie gewusst, dass es sie gab – Majibáh – doch ihr Geruch lehrte sie des Besseren. Doch sie trennten sich, weil Jumaana … es wollte. Sie bereute es nicht wirklich – sie hatte Takashi und damit war alles andere egal – doch Majibáh war eine wunderbare Freundin gewesen. Fast so eine gute Freundin wie Shani … Bei dem Gedanken an die weiße Fähe und ihren verstorbenen Gefährten schluchzte Jumaana erneut auf.
Als sie etwas Schwarzes am Ufer des Sternensees erblickte, blinzelte die Polarwölfin aufgeregt. Vielleicht war es Takashi?! Doch bei genauerem Hinsehen erkannte sie Midnight, einen Rüden, mit dem sie nur selten und sehr wortkarg gesprochen hatte. Doch vielleicht täuschten Jumaanas Augen sie ja auch. Sie konnte sich nicht sicher sein, dass die Gestalt nicht die von ihrem Gefährten war.
Majibáh sehnte sich. Sehnte sich nach Aufmerksamkeit, sehnte sich nach Nähe, sehnte sich nach Vorbildern, sehnte sich nach Gemeinschaft, sehnte sich nach ihrem Rudel, sehnte sich nach einem Lächeln auf ihren Lippen, sehnte sich nach Freude, sehnte sich nach guten Gedanken für die Zukunft, sehnte sich nach einem Plan, sehnte sich nach den alten Zeiten, sehnte sich nach Glück, sehnte sich nach Hoffnung und Zuversicht, sehnte sich nach ihrer Schwester. Sie erinnerte sich noch genau an sie. An sie und ihren Geruch, an das erste Treffen, welches beide wirklich wahrgenommen hatten. Und Jumaana war ihre einzige Bezugsperson gewesen. Sie hatte sich vieles von ihr abgeschaut und viel von ihr gelernt. Viel Nützliches und viel Unnützliches. Sie hatte Spaß gehabt und ihr alles anvertraut, was ihr auf dem Herzen lag. Wenn es Schwierigkeiten gab, hatte sie immer jemanden gehabt. Immer. Und dieses Gefühl herrschte nicht mehr in ihrem Herzen. Es wurde von Enttäuschung und Verzweiflung geprägt, von einem stechenden Schmerz, der anderen, positiven, Gefühlen nicht weichen wollte.
Wenn ihr wenigstens etwas geblieben wäre. Etwas außer Langeweile. Eigentlich hatte sie viel bewirken wollen. Sie brauchte eben eine Position im Leben, sie brauchte Halt und etwas, an der sie ihre Hoffnung festmachen konnte. Wenigstens das, wenigstens das! Aber es war ihr auch genommen worden, wie alles.
~ Wie es ihr wohl gehen mag? ~
Gut. Die Antwort war gut. Was sonst? Gut ging es ihr bestimmt. Jumaana hatte immer alles gehabt. Wahrscheinlich vermisste sie ihre Schwester gar nicht, auch wenn diese es tat. Wahrscheinlich erinnerte sie sich gar nicht mehr an ihre Schwester, wahrscheinlich würde sie sie nicht erkennen.
~ Wenn, WENN du sie wiedersehen würdest. Wenn. ~
Niedergeschlagen blickte sie nun drein. Doch wollte sie es sich nicht an ihrer Haltung anmerken lassen. Vielleicht sah sie jemand. Vielleicht. Vielleicht war sie nicht alleine. Niemand durfte etwas von ihrem gebrochenen Stolz erfahren, niemand durfte erfahren, was aus der starken Kämpferin geworden ist, welche immer mit Ehrgeiz an ihre Ziele, an alles, herangegangen war.
~ Du bist eh allein, was kümmert es dich eigentlich!? ~
Sie hob ihre Schultern ebenso wie ihren Blick. Einen müden, matten Blick, der desinteressiert seine Gegend musterte. Das satte Grün des Grases, das satte Grün der Bäume. Es waren fröhliche Farben, grelle und bunte Farben. Widersprüchliche Farben. Majibáh passte nicht in diese Umgebung. Majibáh passte zu der weißen Farbe des Schnees und der durchsichtigen Farbe des Eises. Majibáh passte zu ihrer Schwester, zu ihrer Schwester und ihrem Rudel.
Sie schaute nach rechts, hinunter in ein Tal.
~ Tal, Tal der Sternenwinde, Tal meines Rudels, Tal meiner Schwester. ~
Sie hätte nicht erwartet, dass ihre Gedanken wahr waren. Sie hätte es nicht erwartet, und sie hätte es nicht erkannt. Bis ihr Blick auf etwas Weißes stieß. Etwas Weißes, etwas Weißes im Sommer.
~ Was ist das? ~
Neugier packte die Fähe. Sie stieg die Anhöhe hinunter, auf welcher sie sich befand. Noch immer erkannte man nicht, was das Weiß war. Noch war sie zu weit entfernt.
Noch. Einige Schritte später erkannte sie den groben Umriss des - des - Tieres. Es war ein Tier. Welches war unkenntlich, noch.
Noch.
~ Ein ... Wolf! ~
Möglicherweise war es ein Feind, möglicherweise ein Gegner, möglicherweise einer, der sie nicht mochte, der sie vertreiben wollte oder einer, der sie als Beute ansah. Doch dieses Risiko, diese gewaltige Gefahr blendete sie aus. Das Einzige, was sie in diesem Wolf erkannte, war Gesellschaft.
Zum ersten Mal seit langer Zeit schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Und es schwand nicht, nein, im Gegenteil, es wurde immer breiter, mit jedem Schritt breiter. Eine unbändige Freude packte Majibáh. Es war ungewohnt. Ungewohnt und komisch, aber schön.
Sie konnte sich nicht mehr zurückhalten. Ihre Schritte wurden länger, länger und schneller, bis sie in einem rasanten Trab über die Wiese jagte. Sie hätte nicht gedacht, sie hätte es nicht gedacht, sie hätte es nie erwartet, sie hatte es für unmöglich gehalten! Aber mit jedem Schritt war sie sich sicherer, dass es sich bei diesem Wolf um eines ihres Rudel handelte.
"Hallo!?"
Schüchtern blickte sie drein. Und etwas unsicher. Aber bald überschattete die Neugier diese Gefühle und trieb sie weiter voran. So schritt sie daher, mit einem Lächeln auf den Gesicht und mit der Hoffnung, dass es wirklich einer ihres Rudels war, einer, der ihr sagen könnte, wo Jumaana sich befand.
~ ... Hoffentlich, bitte, hoffentlich, es muss sein, nach all den Tagen, nach all den Stunden, bitte! ~
Schritt für Schritt. Pfote für Pfote.
Wohin nur führte dieser Weg ohne Sonne? Was nur wartete am Ende jenen Weges? Ein Ende oder ein Neubeginn? - Oder gar beides zugleich? Daylights Gedanken flogen zu Banshee, zu Nyota.
„Jwa.“, gab sie leise auf Avendals Frage zurück und setzte die Welpin gedankenverloren am Boden ab, ehe sie ihr einen sanften Stups gab, um sie zum Weiterlaufen aufzufordern.
„Ja...“, wiederholte sie schließlich ebenso leise und beobachtete Avendal aus den Augenwinkeln, während sie ihren Weg fortsetzte. „... Oma geht ins Himmelsreich. Ihre Zeit auf Erden ist vorbei.“, ein leises Räuspern, doch das Raue in der sonst so weichen Stimme, wollte nicht verschwinden. „... sei nicht traurig, Avendal. Eine neue Zeit wird kommen und Oma wird über uns wachen, wie du vorhin noch selbst gesagt hast.“
Der Versuch eines Lächelns auf den dunklen Lefzen. Ein kläglicher Versuch. Dies war keine Zeit des Lächelns, keine Zeit der Freude. Warum nur? Warum nur konnte Daylight ihren eigenen Worten heute keinen Glauben schenken? Warum wirkten Worte heute so leer, wie an keinem anderen Tag zuvor - so wertlos? Warum nur schien heute alles so schrecklich sinnlos, so überflüssig. Warum schien plötzlich nichts mehr wichtig zu sein?
.( Kannst Du nicht ENDLICH mal aufhören, Dir diese BESCHEUERTEN Vorwürfe zu machen?! Das NERVT! Ich habe keine Lust mehr, mir Dein GEJAMMER anzuhören. Hör auf, darüber NACHZUDENKEN und lass mich ENDLICH MAL IN RUHE!! ).
Normalerweise fiel es der weißen Fähe nicht schwer, die Worte Aarinaths zu ignorieren, doch ihre wütenden Ausrufe wurden immer lauter und erzürnter, dass man es nicht mehr an sich vorbeigehen lassen konnte. Wutentbrannt wandte Jumaana den Blick von den beiden Rüden am Ufer des Sternensees ab und richtete den Blick gen Himmel. Sie wollte Aarinath mit gleicher Heftigkeit antworten, doch etwas am Rande ihres Blickfelds zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Etwas Weißes schob sich durch den Regen auf sie zu. Etwas Weißes wie …
“Aarinath?“,
fragte Jumaana. Genauso sah das Bild in ihrem Kopf aus, das erschien, wenn Feenkind mit ihr sprach.
.( Ich bin in Deinem KOPF, Du DUMME Fähe! ).,
herrschte die weiße Fähe sie an. Doch Jumaana beachtete sie gar nicht mehr, denn es war der Wind, der ihren Geruch zu ihr herüber wehte. Wie in Trance schritt die weiße Polarwölfin auf diesen Duft zu, unfähig, daran zu glauben. Die leise Frage wurde vom Wind fortgeweht, doch Jumaana musste nicht ihre Stimme hören, um zu wissen, wer sie war. Sie hielt die Luft an, und hätte auch sicher nicht mehr geatmet, bis sie bei ihr angekommen war. Doch der schneidende Wind zwang sie dazu, nach Luft zu schnappen, während Jumaanas Pfoten sie immer schneller auf die weiße Silhouette im Regen zu rannten. Selbst Aarinath war verstummt, als die Fähe vor ihrer Schwester bremste.
“Maji- …“
Weiter kam sie nicht, denn erneut liefen Tränen über ihre Wangen, diesmal nicht aus Trauer, sondern aus Glückseligkeit. Doch ein Blick zurück auf die Rüden am Sternensee ließ die Tränen versiegen. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, als sie Majibáh in Kurzfassung erzählte, was passiert war. Vielleicht wollte ihre Schwester davon nichts hören, doch Jumaana war es egal. Sie war zurück. Wegen Jumaana. Neue Tränen kamen und verließen Jumaanas seetanggrüne Augen.
“ ... doch es ist vorbei. Aus und vorbei. Erst Kaede, dann Urion und jetzt auch noch … Banshee“, Jumaana schluckte und redete weiter, “Ich wäre nicht zurückgekommen, wenn der Sturm nicht so stark wäre. Du hättest vergeblich nach mir gesucht.“
Es erinnerte Jumaana etwas an die Rückkehr ihres Gefährten, doch natürlich war es anders. Seufzend vergrub die weiße Fähe ihre Schnauze in dem Fell ihrer Schwester, schloss kurz die Augen. Dann trat sie wieder zurück und sah die Fähe an.
Auf eine sehr seltsame Art und Weise fühlte sich die kleine Weiße versetzt. Sie konnte nicht genau bestimmen, woher dieses Gefühl kam und es auch nicht wirklich benennen. Sie wusste nur, dass es weh tat, als ihr schwarzer Papa sie zu dem Onkel gab und verschwand. Missmutig blickte Aléya den großen Wolf an, bei dem sie sich ebenfall verrenken musste, ließ es daher gleich von Anfang an bleiben und warf ihm einen trotzigen Blick zu.
„Du!“
Ohne größere Scheu sprach sie Shaén an, blickte hinauf, wo weit wie sie eben kam. Dieser Wolf würde nicht zu ihrem neuen Papa werden. Niemals. Da konnte er noch so gut mit Aryan befreundet sein. Welpische Eifersucht und Sturheit kamen in der Fähe auf, die sie unverhohlen dem Störenfried an den Kopf warf.
„Ich mag dich. Ich mag dich auch, weil Papa dich mag. Aber Papa wird mein Papa bleiben, klar.“
Bestätigend nickte die Weiße kräftig mit dem Kopf. Sie wollte keinen anderen Vater und nur weil sie noch ein Welpe war, hatte man so etwas nicht über ihren Kopf hinweg zu bestimmen. Warum durfte sie denn nicht mit kommen? Irgendwie verstand Aléya das nicht und eine Einsicht war bei der weißen Welpin ein Ding der Unmöglichkeit.
„Ich gehe jetzt da hin.“
Ohne weiter auf Shaén zu achten drehte sich die Kleine um und galoppierte so schnell ihre Pfoten sie tragen konnten, in die Richtung, in welche Aryans Fährte sie wies.
Einige Blätter knirschten unter den Füßen der weißen Fähe, deren Blick starr gerade aus gerichtet war. Auf das Tal, auf das Tal der Sternenwinde, an dessen Grenze Majibáh sich nun befand, und auf diese Wölfin, auf ... ihre Schwester.
~ Wie geht das? Wie ... ich suche sie schon seit Ewigkeiten und jetzt, ja, jetzt finde ich sie! ~
Einen Moment war sie etwas wütend, doch das änderte sich sofort, als ein zweiter Blick diese Fähe traf und sie sich sicher war.
~ Jumaana, du bist es wirklich! ~
Zum ersten Mal seit langer Zeit passten diese bunten Farben zu Majibáh. Dieses vielversprechende Grün, das grelle Gelb der Sonne, die Rot- und Lilatöne der herrlichen Blumen. Diese fröhlichen Farben. Angesichts der Tatsache, dass ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen war, trotz ständigen Niederlagen, trotz ständiger Enttäuschung, war sie ruhig. Wahrscheinlich bändigten sie ihre Gefühle, wahrscheinlich hielten genau diese sie zurück. Denn an Ordnung konnte man nicht denken, in ihr herrschte Chaos. Ein wirres Chaos aus Ungläubigkeit und Freude.
Erst huschte ein Lächeln auf ihre Lippen, doch dieses schwand sehr schnell wieder. Stattdessen drang ein Lachen aus ihrer Kehle, ein glückliches Lachen. Ein gedämpftes, da sie ebenfalls ihre Schnauze tief in dem weichen Fell Jumaanas verbarg, doch war es nicht zu überhören, welche Emotionen darin steckten. Einige Tränen nässten ihre Augen und sie konnte hinter diesem Schleier kaum mehr was erkennen. Doch das war nicht nötig, einzig lauschen musste sie. Lauschen den Worten ihrer Schwester, welche mit Trauer gepackt waren. Eine Weile lang reagierte sie nicht darauf. Was sollte sie auch sagen? Wie konnte sie sie trösten? Wieso musste es so gekommen sein, warum hatten beide leiden müssen? Doch schließlich sprach sie, zwar langsam, doch bestimmt und sicher.
"Was ist denn passiert?"
Sie richtete ihren entsetzten Blick auf ihre Schwester. Es reichte ihr, dieser Gesichtsausdruck reichte ihr. ... Sie trat etwas näher an die Fähe heran und drückte ihre Schnauze an die Jumaanas.
"Ich habe dich vergeblich gesucht, lange ... ich habe es schon fast aufgegeben, ich hätte nie gedacht ..."
Sie kam zum Schweigen, da sie vor ihrer traurigen Schwester nicht glücklich sein konnte, sein dürfte, wenn sie sie trösten wollte. Und das wollte sie.
"Jedenfalls bin ich da, ich bin da und ich werde bleiben, werde dir beistehen, egal was passiert und passieren wird.
Ihre Stimme klang wie eine Melodie, eine gesäuselte Melodie, welche Zuversicht über andere brachte. Doch würde sie das bewirken?
Da Kandschurs Verletzung es ihm schwermachte, ihm aber auch sonst nicht der Sinn nach Gesprächen stand, hielt er sich zurück, und betrachtete die anderen lieber nur. Die Welpin erinnerte ihn so sehr an seine Schwester dass sich sein Herz in Erinnerungen verkrampfte und zusammenzog. Er zog lautlos die Lefzen hoch und fiepte auf. Er fühlte den Schlamm und die Nässe die sich kühlend über die Verletzung legten und senkte den Kopf. Liegenbleiben, das erschien ihm das beste. Mit halbem Ohr lauschte er den Worten von Liam aber seine Gedanken drifteten ab und schließlich hörte er gar nicht mehr zu. Alles um ihn herum verschwamm und verblasste bis er glaubte wieder in Tibet zu sein. Die Erinnerungen überrollten ihn erbarmungslos und er sah sich wieder als Welpen. Umgeben von den Wölfen die ihn liebten und die ER liebte. Seine Geschwister tobten um ihn herum. Er konnte sie alle riechen. Und es ließ sein schlagendes Herz schwer werden. Würde er sie jemals wiedersehen? Fragen quälten sein Herz und ließen es schmerzhaft gegen seinen Brustkorb schlagen. Die Welpin die er dort bei Isis gesehn hatte, sah aus wie Chime als sie Jung gewesen waren. Es erschreckte ihn zutiefst. Was hatte das zu bedeuten? Kandschur erwachte ruckartig aus seinem Tagtraum als er den Tag durchlebte als Chime in die Felsspalte gefallen war. Keuchend und bebend lag er im Schlamm, versuchte sich zu erinnern wo er war. Als er den Blick hob und Liam erblickte, ließ er den Blick schweifen, sah alle nacheinander an. Da saß sie. Rein. Unschuldig. Naiv. Verloren. Und es setzte ihm zu. So sehr dass er die Rute zwischen die Beine klemmte und floh. Er humpelte weg, ließ die vier förmlich im Regen stehen. Aber es machte ihm nunmal Angst. Große Angst. Hatte Buddha diese Welpin als Prüfung für ihn hier her gebracht?
Die Sonne ist ganz versunken, hinter der dichten Wolkendecke ist ein Sichelmond aufgegangen, der jedoch nicht erkennbar ist. Das Gewitter ist nun ausgebrochen, ein erster Blitz erhellt das Dunkel, ein Donner zerreist die Stille. Der Wind hat an Geschwidigkeit zugenommen, der Regen peitscht durch Wald und Wiesen.
Die Landschaft um die beiden Wölfe herum veränderte sich. Nur ganz langsam spürte Banshee eine Wärme in der Erde unter ihren Pfoten, die sonst nur existierte, wenn die Sonne einen Tag lang auf den Waldboden schien. Auch die Luft wurde weniger kalt und feucht, ein Strahlen lag in ihr. Es kündigte einen Ort an, den es so nur im Tal der Sternenwinde gab und den Banshee gesucht hatte. Den kleinen Hain der Götter, den sie zum ersten Mal gefunden hatte, als sie mit Acollon ihren ersten Wurf gezeugt hatte und den sie seit dem manchmal aufgesucht hatte um Engaya zu suchen. Jetzt hatte sie ihn wieder gefunden, ein letztes Mal. Hingen dort vorne nicht schon die langen Äste der Trauerweiden zu Boden? Und … spürte sie nicht eine Wärme, die sie seit dem verhängnisvollen Tag im Winter vermisst hatte? Ihr Blick glitt zu Akru, sie war sich nicht sicher, ob er die Veränderung der Natur bemerken konnte, war doch seine Identität vor den Göttern für sie noch immer nicht klar. Doch selbst wenn dieser Ort für ihn nur ein sich wiederholendes Stückchen Natur war – für sie bedeutete er viel mehr, als sie ihm hätte erklären können. Und auch nur sie alleine musste hier sterben, sodass niemand sonst sich Gedanken über diesen Ort machen musste. Das Lächeln auf ihren Lefzen hatte die verändernde Wärme der Umgebung aufgesogen und schimmerte Leicht im Getöse des Sturms.
“Ja, du hast Recht, mein grauer Freund. Banshee muss gehen und kann euch allen die Trauer nicht mehr nehmen. Aber ihr habt noch einander, wenn jeder jedem ein wenig Trost spendet, dann ist niemand mehr untröstlich. Ist das nicht ein schöner Gedanke?“
Gerade für sie war es ein wunderschöner Gedanke. Sie musste nicht in der hoffnungslosen Gewissheit sterben, dass ihre Familie und Freunde voller Trauer und alleine zurückblieben … sie waren so viele, in jedem von ihnen würde sich gleichermaßen Trauer und Trost finden und es würde für sie alle reichen. Sie brauchten sie nicht mehr. Akrus Worte über ihre Welpen schenkten ihr noch mehr Freude, gab er ihr doch Stück für Stück die Gewissheit, nichts ohne Lösungen und niemanden ohne Freunde zu hinterlassen. Erst jetzt, da ihr Tod unabwendbar gekommen war, erkannte sie, dass sie wirklich nicht mehr gebraucht wurde. Und anders als sonst, hinterließ dieser Gedanke keine Bitterkeit, sondern Freude und Ruhe.
“Ich hoffe, dass du irgendwann lernen kannst, dir zu verzeihen. Vielleicht wird es dich auch jemand lehren, ist nicht deine Tochter eine Fähe, die weiser ist, als sie glaubt? Vergiss sie nicht, mein grauer Freund.“
Lächelnd beobachtete sie, wie Akru spielerisch vergnügt auf ihr sanftes Schnappen reagierte. Sein Körper wirkte stark und robust, die Ausgelassenheit, die er ausstrahlte, konnte sie nicht mehr in sich finden und schloss sich so seinem kleinen Spiel nicht an. Nur ihre Augen lagen warm auf ihm.
“Ich hoffe, dass du das nie verlierst.“
… sie selbst hatte es verloren. Aber in der Stunde ihres Todes konnte sie auch nicht mehr Welpe sein, schon lange nicht mehr. Sie war alt und schwach, hatte den Ort, den sie gesucht hatte erreicht. Es war vorbei. Fast andächtig schritt sie mittlerweile durch die tief herabhängenden Äste der Trauerweiden. Sie streiften ihr Fell und schenkten ihr Sicherheit. Irgendwann blieb sie vor einem der Bäume stehen, sah an seinem breiten, uralten Stamm hinauf und ließ sich schließlich unter seinen schützenden Ästen nieder.
“Ist es nicht ein schöner Ort? Ihn schenkten die Götter, ich hoffe, dass ich hier bleiben darf.“
Noch hatte sie den Kopf nicht auf ihren Pfoten gebettet und auch ihr Körper wirkte nicht, als würde er entspannen. Etwas hielt sie noch in Atem, ein diffuses Gefühl waberte durch ihr Herz und ließ sie lauschen, als würde gleich eine Stimme zu ihr sprechen. Dass der Sturm nun ausgebrochen war und hinter den dichten Blättervorhängen der Weiden ein Gewitter tobte, merkte sie kaum.
Averic wandte leicht den Kopf herum, sah seinen Vater an, aber blieb stumm. Große Reden schwingen, das hatte er immer gekonnt. Und das letzte Wort haben musste er auch immer. Der Pechschwarze wollte ihm nicht mehr antworten, es führte zu nichts. Es kam, wie es kommen musste. Doch auf Acollons zweiten Satz spürte er wieder Wut in sich hochkochen. Wie es sollte? Ach, dann war es also Absicht, dass seine Mutter so leiden musste und er hier putzmunter und vergnügt herumstolzierte? Ein verächtliches Schnauben bahnte sich seinen Weg zwischen Averics Zähnen hervor, er wandte das Haupt nach vorne. Er konnte ihn einfach nicht ablegen. Den Zorn, den sein Vater immer wieder in ihm hervorrief. Gleiches stieß sich eben ab. Zumindest, wenn es sich dabei um den Todessohn und dessen Sohn ging, welcher inzwischen auch hin und wieder als solches bezeichnet wurde. Sein Vater übergab ihm die Rolle, ohne dass sie irgendwelchen Einfluss darauf hatten. Es war nicht wie bei Banshee, die Tyraleen erst ausbilden musste. Es war ein stummes Abkommen, dem sich keiner aus ihren Reihen entziehen konnte.
Sie näherten sich der Reviergrenze. Averics Ohren drehten sich noch einmal Acollon zu, seine dunkelblauen Augen richteten sich leicht zur Seite. Er und in die gute Seite seines Vaters vertrauen? Ein freudloses Grinsen huschte über das Gesicht des Pechschwarzen, ein hohles, kurzes Lachen.
„Fühle dich geehrt. Denn es ist das erste und letzte Mal.“
Die Reviergrenze war erreicht und sie überschritten mühelos, was ihm eben noch wie eine Barriere vorgekommen war. Sie näherten sich dem Trauerzug unerbittlich. Sein Innerstes wollte ihn zurückhalten, wollte Zeit schinden, wollte nicht, dass es so weit war. Doch seine Pfoten bewegten sich mit grausamer Zielstrebigkeit immer weiter, hielten nicht an. Es gab keine Zeit mehr zum Herrauschinden. Lieber sollten sie eilen, damit sie nicht zu spät kam. Keine Zeit mehr zu verlieren. Nicht nur Banshee würde sterben. Mochte sich Acollon auch noch so aufspielen und stark tun, Averic wusste, dass Leben ebenfalls zuende ging. Das Leben des Todes verging und das Leben kam zum Tod. Welch’ Paradoxon. Er musste seinen Vater nicht ansehen, er hörte sein Murren.
Die ersten Blitze zuckten über den Nachthimmel. Es war, wie es der Pechschwarze in seinen Gedanken vorausgesagt hatte. Ihr Erscheinen, begleitet mit Donner und tosendem Sturm, dem Tode nur zu würdig. Es war das perfekte Weltuntergangsfeeling, wie Averic kurz zynisch bedachte. Der Wind peitschte ihm immer stärker in das Gesicht, riss an seinem eh schon so zerzausten Fell und wusste kein Erbarmen. Der Schwarze ließ sich nicht aufhalten, wurde nicht mal langsamer und trotzte dem Sturm. Eilen sollten sie.
Shani beobachtete ihren neuen kleinen Schützling aufmerksam, während Ayv und Shakru bei ihnen standen. In Liels Gesicht spiegelten sich allerlei Gefühle, sie wirkte schrecklich aufgewühlt. Kein Wunder, sie beschäftigte sich schließlich nicht nur mit ihrer eigenen Trauer über den Tod ihres Vaters, sondern dachte gleichzeitig noch an ihre beiden Brüder. Und möglicherweise noch an einiges mehr, das Shani jedoch aus dem Wirrwarr in Liels Blick nicht herausfinden konnte. Es war aber auch nicht ihre Aufgabe, die Kleine vollkommen zu verstehen und zu kennen, sondern sie jetzt zu trösten und für sie da zu sein. Bei dem Anblick Liels hätte Shani sie am liebsten genommen und vor allem beschützt, abgeschirmt, verborgen, doch jetzt war das kaum möglich. Zudem hätte das die kleine Tochter Kaedes wohl nicht einmal gewollt, schließlich musste sie doch für ihre Brüder da sein. Mit so etwas wie Begeisterung stimmte sie dann auch dem Vorschlag Shanis zu und wollte sofort los – leider schien Shakru aber noch etwas an dem Plan aussetzen zu wollen. Sein Einwand lies Shanis Stirn sich krausen. So gesehen hatte er Recht, aber die Vorstellung, dass ein blinder Fremder und der nicht so richtig liebevolle Shakru dem kleinen, sensiblen Ciradán mitteilen würden, dass sein Vater gestorben war, gefiel ihr gar nicht. Allerdings hatte der Schwarze natürlich Recht, dass Krolock wohl nicht unbedingt einfach mit irgendwelchen Fremden mitgehen würde. Mehr voreilig als überdacht fällte die Weiße einen Entschluss.
“Du hast Recht, Shákru, trotzdem glaube ich, dass Liel und ich Ciradán holen sollten. Ayv und du, ihr könnt Krolock suchen und darauf achten, dass er keinen Unfug macht. Wenn ihr ihn gefunden habt, ruft ihr uns und wir werden so schnell es geht zu euch kommen.“
Wie als wolle die Natur ihre Entscheidung unterstützen zuckte in diesem Moment ein Blitz über den Himmel, der nur nach wenigen Herzschlägen von einem ohrenbetäubendem Donner begleitet wurde. Shanis Blick stieg sorgenvoll in den schwarzen Himmel, dann schenkte sie den beiden Rüden ein Lächeln und stupste Liel an. Eilig und doch nicht zu schnell für kleine Welpenläufe suchte sie sich ihren Weg zwischen den Bäumen hindurch. Selbst hier, im Schutz der Stämme zerrte der Wind an ihrem Pelz. Auch der Regen schlug ihr um die Ohren und ihr Blick suchte besorgt Liel, die den Mächten der Natur noch viel schutzloser ausgeliefert war.
“Soll ich dich tragen? Der Wind ist furchtbar stark geworden.“
Bei diesem Sturm Ciradan zu finden könnte schwierig werden. Gerüche wurden vom Wind wild durch die Luft gewirbelt und ein Heulen würde im Getöse des Gewitters untergehen. Und schließlich spülte der Regen jede Spur fort. Es war, als wolle die Welt untergehen. Wieder warf die Weiße einen prüfenden Blick zu Liel, ob die Kleine Angst hatte? Bei einem solchen Sturm im Welpenalter hätte sich Shani wohl irgendwo verkrochen und vor Angst gejault. Liel war schrecklich tapfer.
Die Schwarze hatte nicht daran gedacht noch einmal stehen zu bleiben. Es zog sie voran, mit zunehmender Intensität, jeden Schritt wurde der Drang voran zu kommen nun stärker. Das schrille Piepsen von Caylees Stimme war unter dem tosenden Wind nur zu erahnen, und Nyota lief einfach weiter. Erst als sie die kleinen Zähne an ihrem Hinterlauf spürte hielt sie inne, immerhin wollte sie die arme Caylee nicht hinter sich herschleifen - und losgelassen hätte die Kleine sicher nicht.
Mit traurigen Augen wand sie sich um, und leckte der protestierenden Welpin immer und immerwieder über den weißen Kopf. Wie sollte man einem Welpen den Verlust erklären, denn er nicht hinzunehmen bereit war?
"Wir können sie nicht retten, Caylee, denn sie ist nicht in Not. Banshee wird von dieser in eine andere Welt gehen - eine Welt aus der es kein Wiederkehren gibt, eine Welt, in die jeder von uns einmal kommen wird"
Versuchte sie sich leise an einer weiteren Erklärung, und warf einen Blick zurück - Chanuka schien nicht so hysterisch - vermutlich hatte er es bereits verstanden...
"Schhhh..."
Flüsterte sie der Weißen ins Ohr, leckte ihr sanft die Tränen vom Gesicht, und schob die Weiße mit der Pfote zu sich heran.
"Wir können nichts Ändern - wir konnten es nie. Aber wir können uns verabschieden, und Banshee im Gedächtnis behalten. Einen Wolf nicht zu vergessen ist das größte Geschenk dass man ihm machen kann"
Erklärte sie, und hob Caylee nun sanft mit der Schnauze an - auf ihren Läufen fand die Kleine sicher kaum noch Halt, so sehr wie sie zitterte. Aber Nyota wollte weiter, wollte zu Banshee. Mit der kleinen Wepin in der Schnauze setzte sie nun ihren Weg fort, mit etwas sanfterem Schritt als sonst, damit es der Kleinen nicht zu ungemütlich wurde.
Nach ein paar Schritten schien Wärme unter ihren Pfoten aufzusteigen - im nächsten Moment war davon nichts mehr zu spüren, sie musste sich getäuscht haben...aber vor sich wusste sie einen heiligen Ort, dem sie sich nun etwas langsamer näherte. Hinter den Zweigen dort vorne schien schon etwas Weißes hervorzublitzen...
Kursaí streifte durch die Landschaft, hier und da erblickte sie Interessantes, was sie sich gut ein prägte. Sie kannte den Weg noch der sich wie ein roter Faden durch ihr Leben schlängelte. Sie war seit Monaten allein durch die Gefilde Gestreift und hatte neue Dinge gelernt und manches verstanden was sie vorher nie verstand. Langsam setzte die junge Fähe eine Pfote vor die Andere. Sie sah in der Ferne Wölfe,viele Wölfe und sah dass, das nahende Gewitter nun wirklich unbarmherzig los brach. Sie lief immer weiter nun in den Wald hinein zu dem Trauerzug immer näher zu dem Rudel und zu Sheena un den Anderen
oO Das Müssen sie sein Oo
Dachte Kursaí und versuchte aus der Ferne was zu erkennen, tat sich jedoch aus dieser Entfernung schwer,etwas genau zu erkennen. So kam sie immer näher. Mit dem Gefühl der Sehnsucht welches sie schon seit Monaten trieb,die Sehnsucht zurück zum Rudel zu kommen. Der Regen prasselte auf ihr Fell nieder und die Blitze ließen sie kein bisschen zusammen zu zucken. Im Lichtschein eines jähen Blitzes Tauchte sie nun im Blickfeld der anderen auf:
oO Was ist hier nur los?Oo
Fragte sie sich in Gedanken und verzog etwas grüblerisch die Leftzen. Die Ohren hatte sie halb aufgestellt, in einer neugierigen und doch fragenden Stellung. Langsam kam sie noch näher und lief den Wölfen immer weiter entgegen, mit ihren Blicken suchte sie nach vertrauten Gesichtern und vor allem nach dem ihres Vaters, doch sie erblickte ihn nicht in der Menge. Sie erkannte Sheena und lief auf sie zu wahrscheinlich würde sie mehr wissen. Sie lief nun immer schneller jedoch rannte sie noch nicht und mit jedem Schritt kam sie den Rudel näher.
Die Situation war unangenehm, und jetzt wo Turiéns Lachen verstummt war, wurde ihm erst richtig bewusst wie still es war. Es wurde gesprochen, geredet, gedrückt zwar, aber ab und an konnte man Stimmen vernehmen. Und doch war es schrecklich still. Er drehte sich leicht, sah verwirrt und offensichtlich verständnislos in die Gesichter der Anderen, bevor sein Blick an Tyraleen haften blieb. Seine Mama. Als ihre Schnauze seine Stirn berührte, schloss der kleine Silberrüde die Augen, und öffnete sie erst wieder, als Tyraleen zu Ende gesprochen hatte. In seinen Seelenspiegeln blitze es auf. Nein! Warum? Das … nein.
„Sie soll nicht gehen.“
Sein Blick glitt zur Seite, an der Nerúi auftauchte und ebenso verständnislos und teils sogar schon aufgebracht im Angesicht dieser Tatsache war. Er verstand den Sinn nicht. Wieso sollte Oma Banshee gehen. Mochte sie sie alle nicht mehr? Wollte sie ihre Ruhe haben…? Die Stimme von Chardím ließ ihn zur anderen Seite blicken. Seine Worte machten ihn nur noch mehr traurig. So traurig, wie all die anderen die sich hier versammelt hatte. Und tief in seinem Inneren wusste er was passieren würde, es war ein dumpfes Gefühl, dass sich in ihm ausbreitete und ihn langsam zu vergiften schien. Rasend schnell schossen Gedanken durch seinen Kopf, was würde werden? Was sich verändern? Wieso heute, wieso jetzt? Warum überhaupt? Warum Banshee? Warum jemand den er kannte, den er mochte, und nicht verlieren wollte? Warum gingen sie alle? Er wollte nicht, dass noch mehr gingen. Kaede und Hiryoga waren doch auch schon gegangen, war das nicht genug? Wenigstens für eine gewisse Zeit? Es war so unfair.
Turiéns strahlend gelber Blick ruhte auf dem Boden, als Chardím noch einen Satz hinzufügte. Er zuckte zusammen, als Caylees verzweifelter Schrei über ihn rollte, doch er blickte nicht auf. Er schien irgendwie gerade zerbrochen zu sein. Was ganz Schlimmes wird passieren. Er wollte es nicht. Er wollte nicht, dass etwas ganz Schlimmes passierte. Und diese Hilflosigkeit machte ihn wahnsinnig. Er konnte nichts tun, war zu schwach, zu klein, zu unfähig.
Der Silberne machte einen Schritt vor, presste seine Stirn gegen die Vorderläufe seiner Mutter und suchte so irgendwie halt, vor der Erkenntnis, die ihn soeben eingeholt hatte.
„Mama. Bitte mach doch was.“
Es war der verzweifelte Wunsch eines kleinen Welpen etwas ändern zu können. Doch gegen das Schicksal kam nicht mal der Stärkste Wolf an … das musste auch er noch lernen.
Dass Kylia von Tascani regelrecht angestarrt wurde bemerkte die braune Fähe erst nach einigen Momenten, in denen sie sich an seinen Komplimenten und der uneingeschränkten Aufmerksamkeit seinerseits labte. Danach wusste sie dann aber nicht mehr, ob sein Starren nun ebenso zu den Komplimenten gehörte – sie war einfach ZU schön! – oder ob das jetzt irgendeine andere Bedeutung hatte. Ein wenig Unsicherheit schlich sich in ihren Kopf, die sie aber verbarg. Zum Glück schien sich Tascani seiner Unhöflichkeit irgendwann bewusst zu werden und antwortete ihr wieder überschwänglich und lieb. Ein einmaliges Wesen, ein wunderbarer Engel … die Worte rannen wie süßer Honig über ihr Herz. Amiyo war ein wenig zu lange fortgewesen und sie hatte ein wenig zu lange weder Aufmerksamkeit, noch Komplimente bekommen. Auch ihr Lächeln wurde wieder breiter.
“Oh, so viele Komplimente bin ich gar nicht gewohnt.“
In eher gespielter Verlegenheit senkte sie den Kopf und sah Tascani von unten her an.
“Das Rudel hier ist manchmal ein wenig seltsam. Einige Wölfe scheinen irgendwelche Probleme zu haben und übertragen sie dann auf andere.“
Mh, ja, da gab es wirklich ein paar Gestalten von der Sorte. Also noch mal die Kurve bekommen. Und bei den Ereignissen im Tal brauchte man nicht einmal zu lügen, sie waren wirklich ziemlich erschreckend.
“Oh, Tascani, es passiert viel Schlimmes. Das Nichts verschluckt unser Tal und viele Wölfe sterben. Kaede, unsere Beta erst vor kurzem und jetzt hatte Nyota, unsere Leitwölfin erst vor wenigen Momenten verkündet, dass auch unsere zweite Leitwölfin Banshee stirbt.“
Sie ließ den Kopf hängen, diesmal voller Ehrlichkeit. Sie hatte mit keiner der Wölfe viel zu tun, trotzdem stimmten sie Tode traurig und wenn das Nichts das Tal verschlang, so wurde ihr auch ihr Lebensraum genommen. Sie weilte jetzt schon eine längere Zeit bei diesem Rudel und fühlte sich eigentlich sehr wohl.
Die Landschaft veränderte sich, kaum merklich. Hier war die Kraft der Götter stärker. Der Boden schien sich aufzuwärmen und eine Leichtigkeit legte sich unwillkürlich auf das Gemüt des Grauen. Gleich wie gleißendes Licht, strahlte dieser Ort eine Ruhe und einen heiligen Segen aus. Die langen Äste der Trauerweiden wogen im Wind. Mit einem Mal fühlte sich Akru nicht mehr sicher – angesichts des so nahen Endes und der unmittelbaren Nähe der Götter. Er ließ sich nichts anmerken, schritt über den geheiligten Boden. Den Kopf leicht gesenkt, die blauen Seelenspiegel nur auf seine weiße Freundin gerichtet. Und plötzlich verloren auch all seine Worte an Sinn. Jeder Laut wäre unwichtig und so überflüssig. Es war vorbei. Erst jetzt bemerkte der Zeitwächter die Hoffnung, die er auf dem Weg hierhin geschöpft hatte. Er hatte gehofft, dass Alles nicht wirklich war. Dass Banshee noch viele Jahre zu leben hatte. Er hatte tatsächlich Hoffnung gehabt, sich eine Illusion aufgebaut und musste nun schmerzlich ihren Untergang spüren. Und wie sehr er noch Welpe war. Nicht nur in seinen Freuden, sondern auch in seinem Leiden. Banshee würde sich hier zur Ruhe legen. Selbst der Gedanke, dass es eine tröstende Schulter geben mochte, konnte ihm kein Halt mehr sein. Wäre er es doch, der diese starke Schulter anbieten würde. Ein letztes Mal aufstehen und dem Schicksal trotzen – das hatte er Katsumi versprochen. Noch einmal kämpfen, das hatte er sich versprochen. Nur einmal noch lächeln, versprach er seiner Leitwölfin.
“Wir sind ein Rudel – jeder reicht dem Anderen die Pfote. In den schlimmsten, sowohl in den besten Zeiten sind wir für einander da“,
sagte er etwas zu monoton. Das Lächeln hingegen hielt sich tapfer auf seinen Lefzen. Er wollte Banshee keine Sorgen mehr machen, um so schwerer fiel ihm es doch ihre Ruhe und Hingabe zu verstehen. Natürlich gab es nun kein anderen Weg mehr, natürlich...
Ein Seufzen fand den Weg ins Freie. Der schwere Kloß in seiner Kehle wuchs an und raubte fast jegliche Luft. Für Dich mein Lächeln, rief er sich in Erinnerung.
“Ich werde sie nicht vergessen, meine weiße Freundin“,
versprach er und zwinkerte. Jede Geste, jede Mimik wurde komplizierter. Hatte es ihm jemals so viel Mühe gekostet? Hatte Akru schon jemals Schwierigkeiten gehabt, seine Gefühle zu unterdrücken? Weil er sie liebte, weil er sich nun von seiner weißen Freundin verabschieden musste. Weil es keinen Weg mehr zurück gab. Er durfte traurig sein, aber wollte seiner Leitwölfin doch nicht ihrer letzten Kraft rauben. Als sich die weiße Wölfin schließlich unter den Ästen einer alten Trauerweide niederließ, zerriss es ihm fast das Herz. Nur langsam ging er auf sie zu, den Kopf noch weiter zum Boden gesenkt, der Blick haftete in dem schimmernden Gold.
“Ein wunderschöner Ort. Und die Götter werden Dich hier ruhen lassen – spürst Du es? Du hast ihren letzten Segen“,
sagte er ruhig. Seine empfindlichen Ohren lauschten auf. Der Trauerzug war schon fast bei ihnen angelangt. Der Graue ließ sich vor Banshee nieder, um ihr besser in die Seelenspiegel sehen zu können.
“Ich verabschiede mich jetzt, damit Du genügend Zeit hast Dich von Deiner Familie zu verabschieden“,
flüsterte er und rutschte ein wenig näher auf die Wölfin zu. Mit einer sachten Bewegung strich er ihr über die Stirn, schloss die Augen und sprach seinen letzten Segen aus. Die Zeit schien noch einmal für wenige Momente still stehen zu wollen. Eine Träne kullerte seinen Fang hinab, die Zweite folgte. Unerbittlich kam die Trauer auf und Akru wollte sie nicht mehr halten, konnte es nicht mehr. Das seichte Lächeln hielt sich.
“Nie könnte ich Dich vergessen, meine geliebte weiße Freundin“,
die Worte voller Aufrichtigkeit. Die Augen öffneten sich wieder und sahen die Weiße an.
27.12.2009, 13:12
Die Nase hochgezogen, sodass sich leichte Runzeln um die Schnauze bildete, blickte Liel Shákru an. Er störte den Gang des Geschehens, am liebsten wäre sie sofort losgelaufen, so aber hörte sie ihm, eher halbherzig, zu und war in Gedanken schon fast bei Ciradán angekommen. Erst als ihr auffiel, dass er meinte, Shani und sie sollen lieber zu Krolock gehen, widmete sie ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. Also war sie nicht die Einzige, die daran gedacht hatte. Und doch suchten ihre Augen die von Shani, wollte wissen, was diese davon hielt. Sie selber war immer noch hin und her gerissen, hoffte, dass Shani eine Antwort wissen würde. Sie selbst konnte sich einfach nicht entscheiden!
Nicht lange musste sie warten, Ayv schien sich dazu gar nicht äußern zu wollen, da erklang schon Shanis Stimme, richtig durchdacht erschien der Kleinen der Plan nicht, aber was sollte sie groß ihre Stimme dazu erheben. Sie musste als erstes aus ihrer Resignation herausfinden, dann würde sie auch wieder richtig leben können. Der grelle Blitz und der ohrenbetäubende Donnerschlag ließen die kleine Fähe auf den Boden, hinein in den Matsch, sinken. Sie hatte sich so furchtbar erschrocken, dass sie einfach vergessen hatte, wie man sich auf den Beinen hielt. Die Ohren, ausnahmsweise einmal nicht drehend, waren flach an den Kopf gepresst und die Augen hatte sie angsterfüllt zusammen gekniffen. Sie nahm nur schwach war, wie Shani losging, zu Ciradán also. Am liebsten wäre sie einfach so liegen geblieben und hätte das Gewitter, was sowieso gut zu ihrer und aller anderen Situation passte, über sich ergehen lassen. Doch sie wurde von einer inneren Unruhe geplagt, ja, regelrecht getrieben, sodass sie sich mühsam wieder auf die Pfoten stellte. Sie blickte ein letztes Mal zu Ayv und Shákru.
„Sagt Krolock einfach, dass ich euch geschickt habe, dass ich ihn brauche und bei Cirádan bin!“
Sie wollte ihn nicht brauchen, sie wollte nicht von ihm abhängig sein, aber diese Wortwahl erschien ihr am Besten, denn dann würde sich in Krolock der Beschützerinstinkt regen, dessen war sie sich sicher. Kaum hatte sie den ersten Schritt in die Richtung getan, die Shani eingeschlagen hatte, wurde sie von einer starken Windböe erfasst, welche sie fast, erneut, auf den Boden geworfen hätte. So drückte der Stoß sie nur ein wenig weiter nach links, sodass sie von ihrem Weg abkam. Obwohl Shani noch nicht weit voraus war, sie hatte wohl an ihre kleinen Welpenbeine gedacht, ergriff sie eine Panik, die sie sich selbst nicht erklären konnte. Sie hatte das Gefühl, als ob sie niemals, nie bei Shani ankommen würde, sie hatte urplötzlich große Angst, dass sie nun sterben würde. Bevor sie Ciradán die schlechte Nachricht hatte überbringen können, ohne, dass sie sich von beiden hatte verabschieden können.
Sie schrie, nein, quiekte erschrocken auf, als sie ein neuer Windstoß noch weiter nach links schob. Sie erschien sich plötzlich so hilflos und nutzlos! Sie blickte zu Shani, ihre Augen suchten panisch die der erwachsenen Fähe. Und fanden sie. Shani wartete auf sie, es war wie ein Beruhigungsmittel, welches durch ihre Adern strömte. Verbissen kniff sie ihre Augen zusammen, klappte die kleinen Ohren nah an den Kopf und schlug die Zähne fest zusammen. So kämpfte sie sie, taumelnd und mit winzigen Schritten, vorwärts. Als sie die wenigen Schritte bis zwischen die Bäume geschafft hatte, stellte sie ihre Ohren wieder auf. Auch hier war es schwierig den Weg beizubehalten, aber es ging schon ein winziges bisschen besser. Und sie war stolz auf sich, denn trotz allem, der großen Angst und dem unsichtbaren Gegner, hatte sie es alleine geschafft. Die letzten Schritte hüpfte sie fast auf Shani zu, deren Worte sie nicht verstanden hatte, weil sie viel zu sehr mit ihrem Kampf beschäftigt gewesen war.
Liebkosend warf sie sich an ihre Pfoten.
„Danke, dass du gewartet hast!“
Ob es nun selbstverständlich war oder nicht, bedachte sie nicht, sie war nur froh, dass Shani sie dort gefunden hatte und nun bei ihr war. Doch schon zuckte der nächste Blitz und der Donner grollte abermals so laut, dass sie sich zitternd ein wenig kleiner machte. Die Schwäche, dass sie erneut auf dem Boden lag, wollte sie sich nicht geben. Sie war schließlich stark! Mindestens so stark wie Krolock! Da fiel ihr ein, wie sollten sie bei diesem Sturm überhaupt Ciradán finden? Und danach auch noch Krolock! Erschrocken riss sie die Augen auf und kniff sie schnell wieder ein wenig zu, als der Wind scharf vorbeizischte und ihr Tränen in die Augen trieb. Außerdem brachte er sie schon wieder aus dem Gleichgewicht. So hüpfend musste sie sicherlich eine komische Figur abgeben und wäre die ganze Situation nicht so verflixt traurig, ernst und Angst einflößend, hätte sie bestimmt gelacht. So wimmerte sie nur ganz leise und versuchte sich erneut an Shanis Vorderpfoten zu klammern um einen gewissen Halt zu haben und neben ihr her zu schreiten. Auch jetzt vertraute sie darauf, dass Shani schon wissen würde, wie sie Ciradán zu finden hatten. Doch, wusste Shani es wirklich besser als sie?
Sie horchte in sich hinein, er war schließlich ihr Bruder und obwohl sie ihn natürlich nicht orten konnte, bestand doch eine gewisse Verbindung zwischen ihnen. Sie war sich eigentlich relativ sicher, dass sie Ciradán auf dem Rudelplatz treffen würden, doch sie wollte nicht, dass Shani dachte, sie hätte irgendwie komische kranke Gedanken im Kopf. Um das zu vermeiden, wählte sie ihre Worte geschickt aus und es war nur eine logische Schlussfolgerung, schließlich traf man auf dem Rudelplatz immer allerlei Wölfe an.
„Vielleicht ist er ja auf dem Rudelplatz zu finden…!“
Rakshee war bei Jakash angelangt, und überrascht und verunsichert zu gleich - von Sheenas Reaktion nicht minder als von Jakash, der sie zwar sanft begrüßte, von ihrer Wut aber überhaupt nicht Notiz zu nehmen schien. Aber viel verwirrender war Sheena - Rakshee hätte vielleicht ein Ausweichen der Fähe erwartet, auch dass sie zurückwich und ihr ihren Willen lies, sogar mit einer Zurechtweisung hatte sie gerechnet - aber nicht damit. Sheena zitterte am ganzen Leib, und wurde immer kleiner und kleiner - vor ihr! Das ganze Schreckensszenario fand ihren Höhepunkt als Sheena vor ihr einknickte, und mit tränenüberlaufenen Augen vor ihr im Schlamm hing. Rakshee war vor lauter Entsetzen wie versteinert stehengeblieben, hatte die Rute wie elektrisiert von sich gestreckt - ihr war nicht aufgefallen wie boshaft diese Geste im Angesicht der Situation wirken musste. Als Sheena sich wegdrehte, und Rakshee zur Besinnung kam, flutete Schmerz ihren Verstand - die Weiße hatte ihr keine Wunde zugefügt, was sie spürte waren die Wunden die sie selbst Sheena zugefügt hatte. Wie konnte sie nur so grausam sein? 'Jakash!' Antwortete bissig die Stimme ihrer Eifersucht, aber das Ausmaß von dem was sie Sheena antat schwang noch immer wie ein Pendel immer wieder pochend gegen ihren Schädel, und erschrocken sprang sie nun, nach einer halben Ewigkeit so schien es, los, Sheena hinterher.
"Warte!"
Ihre Stimme war wie erstickt, heiser und rau. Mit zwei Sätzen war sie bei Ahkuna und Sheena angelangt, tänzelte unsicher neben den zwei Weißen her. Sie schämte sich so sehr vor ihnen, am meisten jedoch noch vor Jakash, der nicht verstanden hatte was sie tat.
"Sh-sheena...ich...ch wollte nicht..-"
Sie brach ab, senkte den Kopf, wich zurück. 'Doch, wolltest du' hämmerte es in ihr. Sie hatte sie verscheuchen wollen, wollte nicht dass sie ihr Jakash wegnahm - aber sie wollte ihr doch nicht so weh tun, sie wollte doch nicht dass Sheena soviel Trauer in sich hatte, sie wollte doch nicht Schuld daran sein dass sie weinte! Ihre eigenen Augen, die denen ihrer Oma so sehr glichen, quollen nun über, sie fand keine Worte mehr, und ihr Hals wollte auch keinen Ton mehr aus ihr herauslassen. Der Kloß darin drückte einfach alles zu, da war kein Platz mehr für Worte, nichts. Die Rute zwischen den Hinterläufen folgte sie nun den Anderen, langsam, zögernd. Sie hatte sich selbst ausgeschlossen, und trug nun die Strafe für ihre Gemeinheit.
Der Geruch Kursaís drang an Rakshees Nase - den Kopf anheben suchten die tränenschweren Augen nach ihrer Schwester - war sie es wirklich? Ihren Duft hätte Rakshee unter Tausenden erkannt - aber wie konnte sie einfach so zurück sein. Die Braune schämte sich umso mehr, ihrer zurückgekehrten Schwester nun so gegenüber treten zu müssen. Dennoch suchte sie weiter, erblickte die Braune - und wie von selbst fand ein Lächeln seinen Weg auf die verweinten Züge Rakshees. Wedelnd trat sie vor Kursaí, leckte ihrer groß gewordenen Schwester über die Leftzen. Ihre Stimme schaffte es nicht über die Lautstärke eines Flüsterns.
"Kursaí, Schwester!"
Obwohl man ihr ansah dass das Sprechen ihr schwerfiel, war die Freude aus jedem Wort herauszuhören. Was sich sogleich veränderte, als sie fort fuhr.
"Oma Banshee stirbt - wir müssen uns beeilen"
Erklärte sie, und steckte die Nase ins Fell ihrer Schwester. Das war noch immer sie. Aber sie trug auch den Duft der weiten Welt im Pelz.
"Wo warst du nur? Vater ist gestorben..."
Flüsterte sie weiter. Es tat so weh zu sprechen, und was sie zu erzählen hatte machte es nicht einfacher. Aber so blieb es nicht an Shani hängen es ihr zu sagen. Unglücklich wand sie sich wieder um, und bedeutete Kursaí ihr und den anderen zu folgen. 'Sharíku fehlt' schoß es ihr durch den Kopf.
Daylight ging ... sie ging einfach. Ihr Herzschlag wurde leiser, ihre Pfotenschläge verhallten mit dem Säuseln des Windes. Nightmare blickte ihr nicht hinterher. Er würde sich verraten, würde das verspielen, was schon längst offen vor ihm lag. Die Worte des Rüden ließen ihn zusammenfahren- innerlich. Er wolltwe sich schütteln, wollte irgendetwas regen, dich es zuckte nur leicht in seienn Lefzen, es zuckte nur leicht in seinem Kopf. Er verstand sein Lachen nicht. Er verstand das Gesicht des fremden Rüden nicht, er verstand den Wahnsinn in den Augen einfach nicht. Er musterte ihn lange, musterte jede Faser, jedes Zucken, jede kleinste Bewegung. Er mochte überlegen sein... Doch er war verletzt und unhaltsam- kein Grund unter den stolzen Pfoten?
Nightmare ahnte es nicht. Die eigene Stellung war Stein geworden. Hart und undurchdringlich. Wie tot waren die grauen Gedanken, wie abartig weit weg. Sie schimmerten weit fern wie Regentropfen, die man niemals mit der Schnauze fangen könnte, und sie doch erhaschen wollte. Trotzig wie ein Junges, und doch so ernst wie ein alter Leitwolf, der seit dem Anfang seines Lebens ein Anführer war. Immer das Ziel vor Augen. Sein Blick verkeilte sich härter als jeder Zahn in Nightmares Ruhe. Seine Stimme war stark, Nightmare kam sich schwach vor- doch sein Steinfell rettete ihn. Seine harten, kalten Augen. Das Gesicht ohne Regung. Den Kopf voll von arroganter Distanz.
"Gefühl ist Gefühl, Stein ist Stein."
Ein Lachen folgte. Ein Lachen, was ihm wehtat.
_-Warum lachst du, wenn du dich dazu zwingen musst?-_
Es war rau und hässlich, es war wie Eis. Dünn und sehr gewagt lächelte er, reckte den Kopf leicht.
"Beides währt ewig, Und beides änderst du nicht."
Er log nicht ... Nightmare log nie - doch er musste doch lügen, hatte er sich nicht versprochen, Daylight niemals weh zu tun? Er würde mit diesem Bastard auskommen müssen. Er musste ihn nicht akzeptieren, er musste ihn nicht annehmen, er musste ihn nicht schätzen. Er musste ihn einfach hinnehmen, wie Parasiten im Fell- Wie die Kälte der Nacht.
"Weil du dir die Zähne ausbeißt."
Es war einfach, oder? Es war alles einfach. Nightmares Welt war einfach aufgebaut, wenn auch sehr unterkühlt. Doch Nigthmare wusste, was er wusste, hatte doch schon so viel gesehen, hatte alles ertragen und durchgehalten. Stand Aryan gegenüber, wie manch anderem in seinem Leben.
"Ich fühle, ja."
Und das tat er selten. Er hatte es getan, als er sie gesehen hatte... Er hatte fühlen dürfen, für eine wunderbare Nacht- Erfüllt mit diesem Tanz- dem Tanz im Schnee der Seele. Doch nun war die Seele wieder eine glatte Eisfläche- kühl und starr. Nightmare blickte Aryan an, als fordere er ihn auf, weiter auf die Eisfläche zu gehen, weiter hinaus ... immer weiter, bis er einbrach.
_-Wir sehen uns unter dem Eis, Kamerad.-_
"Aber sie gehörte nie zu mir."
Sie war wie die Sonne gewesen- so weit fern, und doch eien heimliche Liebe. Ihre Wärme hatte einen trügerischen Lidschlag lang ihm gegolten- Ihre Schönheit hatte einen Herzschlag lang neben ihm gestanden, war bei ihm gewesen ... einen gelogen wunderbaren Augenblick lang.
"Und das weiß ich... also belehre mich nicht."
Er neigte den Kopf leicht, die erste Gestik, aus der nicht die vollkommene reservierte Art des Wolfes schrie. Den Blick so starr auf den Boden gerichtet, wollte er nicht, dass Aryan in die glasigen Spiegelaugen des Verlorenen blickte.
"Ich weiß... Dass sie die Deine ist."
Er richtete sich auf, doch den Blick woandershin, fern, in die Bäume, zwischen die Schatten, wie sie um sich griffen, so plötzlich, bis in das Herz hinein. Stein geworden waren seine Träume.
"Aber ich bin kein schlechter Verlierer."
Jedes Wort drang an seine Ohren, wie ein seltsamer Schwur eines Fremden. Die Worte eines Anderen. Die Lungen erfüllt vom gleichmäßigem Klopfen seines rasendem Herzen, hörte er den eigenen ruhigen Atem nicht mehr. Jede Faser des Körpers war angespannt, damit niemand sein Zittern sehen konnte- er verbat es sich Schwäche zu zeigen.
"Verlieren macht stark."
Er lächelte- und es war ein ehrliches Lächeln. Seine Ohren leicht angelegt, weil der Wind so laut schrie, die grauen klugen Augen wandten sich dem starken, so furchtbar starken, Wolf zu. Dem Lächeln entrang sich ein sehr gebundenes Lächeln. Die Eisfläche in ihm riss, Nightmare fürchtete sich vor dem schwarzen Wasser unter ihr. Toter Zorn.... Kalte Wut... Enttäuschung?
"Ich bin mir sicher- Du passt gut auf sie auf. Viel besser als ich es könnte."
Weil alles was er berührte sterben musste
Weil alles was er liebte an seinen Eiswänden zerschellt war.
"Ich freu mich, wenn sie lacht."
Worte eines blinden Träumers.... Nightmare wusste das so genau.
"Weil sie ein so wunderbares Wesen ist.",
Es war schon als wolle er schweigen, gedanklich fliegen, fort war sein blick, glitt durch die Wolken, glitt durch das Himmelreich, glitt durch die Sterne, zu dem Mond- so nah an der Sonne. Seine Flügel waren so wunderbar stark- stärker als die des Adlers, schillernder als die jedes Pfaus.
"Dein... wunderbares Wesen."
Still war der Hüne geworden. Die schwarzen Augen fixierten einzig allein Nightmare. Die Sinne zum Zerreißen gespannt, der Durst in der Kehle brannte und zum ersten Mal flog Zorn über die Miene des Schwarzen. Aryan lauchte den Worten des Fremden, lauchte seinem eigenen Geständis. Wäre es nicht so einfach gewesen, hätte er die Kontrolle verloren. Hätte er das Monster in sich frei gelassen und hätte den Grund zerstört. Was auch immer sein Gegenüber beschäftigte, was er redete, was er wohl dachte... all das schien den dünnen Faden, die einstige Kette, langsam aber sicher sprengen zu wollen. Die Lefzen zum Anschlag angezogen, die dunklen Augen verengt. Was war bloß passiert, dass es soweit kommen musste? Sein Körper versteinerte, kein Muskel regte sich mehr, der Atem wurde eingestellt. Ein totes Wesen brauchte die Luft nicht zum Atmen.
“All Dein Wehklagen will ich nicht hören.“,
grollte es aus ihm hervor. Er hatte versucht ruhig zu bleiben, er wollte den Zorn kontrollieren. Die Instinkte, die mörderischen, mussten eingestellt werden. Eine Jagd vor diesem Zusammentreffen wäre sinnvoll gewesen. Wut und Durst verschmischten sich. Die Worte, die Nightmare sprach, waren nur noch die Unterschrift des stillen Geständnisses. Warum sprach dieser Wolf so anders, als er fühlte? Wollte er damit die Wahrheit einfach verwischen? Sollte dies Alles wieder in die richtige Ordnung zwängen? Keine Beteuerung, dass Aryan Daylights rechtmäßiger Gefährte sei, konnte den Schwarzen von der Unschuld des Gegenübers überzeugen. All sein Gesprochenes konnte Aryan nicht die Zeit zurückdrehen lassen. Nichts war mehr so, wie es einst mal war. Und seine weiße Gefährtin würde nicht mehr diesselbe Wölfin sein.
“Wenn Du sie so sehr schätzt, warum hast Du Dich ihr genähert im Wissen, dass sie die Gefährtin eines Anderen ist?“,
einen steifen Schritt machte er auf den Rüden zu. Den Kopf zur vollen Größe aufgerichtet, das längliche Brustfell bewegte sich im stärkerwerdenen Sturm. Der Regen peintschte um die schwarzen Gesellschen herum.
“Du bettest sie in meine s.i.c.h.e.r.e.n. Pfoten?“,
(zu gütig...)
das Monster bemächtigte sich seiner Gedanken. Der aufschwellende Hass übernahm das Handeln. Die dunklen Seelenspiegel schwärzten sich noch weiter. Jede Faser des Körpers dürstete es nach dem Blut des Anderen. Und doch... ein Quentchen seiner alten Persönlichkeit hielt diese Triebe zurück. Er wollte Nightmare nichts tun – weil Daylight ihn mochte. Gar liebte.
Allerdings blieben die Rüden nicht unter sich. Aléya – nicht zu verkennen, vor allem bei den gereizten und übernatürlichen Sinnen – nährte sich dem Rudelplatz. Der Kopf wandte sich in ihre kommenden Schritte. Hatte er Shaén nicht gesagt, dass seine Tochter hier nichts zu suchen hatte?
“Gut, Nightmare, wir Beide haben nicht darüber zu entscheiden, was Daylights Weg sein wird. Nun bitte ich Dich unsere kleine Disskusion zu verschieben“,
Der Fangrücken kreuselte sich. Das lodernde Feuer in seinem Hals erreichte den Höhepunkt. Stein bleibt Stein und währt für die Ewigkeit. Wie Recht Nightmare auch in Bezug auf Aryan hatte, konnte er wohl nicht erahnen.
Banshees Gesichtsfeld engte sich immer mehr ein. War ihr früher kein ungewöhnlicher Geruch, kein unnatürlich lautes Geräusch und keine schnelle Bewegung entgangen, wurden sie jetzt so nichtig, dass sie sie nicht mehr wahrnahm. Sie bemerkte nicht das Reh, das zwischen zwei Bäumen die Flucht ergriff, genauso wenig wie den schwachen Duft von Blumen, der dieses Jahr werde im Frühling noch im Sommer so intensiv zu wittern gewesen war. Und auch der grollende Donner ging in ihrem Geist unter. Doch je weniger sie auf ihre Umwelt reagierte, desto sensibler wurde sie für die Gefühle Akrus gleichermaßen wie für ihre eigenen. Sie sah Hoffnung in seinen Augen sterben und wusste nicht, woher sie gekommen war. Was hatte er sich in diesen Momenten noch erhofft? Doch ebenso sah sie einen Willen, Stärke, die sie an Akru immer geliebt hatte und ein Lächeln, das überdauern sollte – auch ihren Tod. Seine Worte klangen leerer, als sonst, auch wenn die Erwähnung des Rudels Banshee freute. Denn ihr Rudel würde auch ohne sie ein Rudel sein. Aber sie antwortete ihm nicht darauf, stattdessen drückte sie ihre Stirn gegen seine Wange, sanft aber eindringlich.
Verzweifle nicht, mein Freund.
Ein schwaches Lächeln zierte ihre Lefzen, als Akru – der Zeitwächter – ihr versicherte, an diesem heiligen Ort bleiben zu dürfen. Doch seine Mimik wurde immer verkrampfter, sie meinte zu sehen, wie etwas in ihm zerbrach. Erstmals bildete sich ein schwerer Klumpen in ihrem Hals, der sich nicht hinunterschlucken ließ. Auch ihr wurde nun schmerzlich bewusst, dass sie Akru nie wieder sehen würde. Auf der Wanderung zu diesem Hain gab es immer noch einen Schritt und eine weiteren, so als hätten sie ewig laufen können. Aber jetzt … musste er gehen. Und nie wieder würden seine blauen Augen in ihre sehen und ihr sagen, dass er sie liebte. Wieder musste sie schlucken, Trauer wollte sich vor Ruhe und Frieden schieben.
“Bleibst du in der Nähe? Geh nicht weit, ich möchte doch …“
Sie brach ab, wusste selbst nicht, was sie noch wollte. Auch wenn Akru gehen würde, er wäre ihr nicht näher oder ferner. Und selbst wenn er das Revier verlassen würde, sie könnte ihn nicht mehr erreichen. Er hatte sich vor ihr niedergelassen, seine Augen waren ihren so nahe, sein Blick ließ sie erzittern, seine Tränen tropften kalt in ihr Herz. Nun wurde ihr zum ersten Mal bewusst, was Abschied bedeutete. Abschied ohne Wiederkehr.
“Ich werde über dich wachen, mein grauer Freund, und dir deine Wege ebnen. Und wenn auch du dein Ende erreicht hast, werden wir uns wiedersehen und es wird schöner, als je zuvor.“
Sie sprach die Worte voller Überzeugung und doch klangen sie in ihren Ohren hohl. Sie mochte Recht haben, dennoch ersetzten diese Gewissheiten nicht die Wärme des Körpers ihres Freundes, nicht seine Stärke und auch nicht seine blauen Augen, die sie nur ansahen. Auch auf ihrer Wange perlten nun Tränen, sie spürte, wie sie Akru zurückhalten wollte, obwohl auch sie nun leise Stimmen hörte. Es war vorbei – erst jetzt wurde ihr die Bedeutung dieses Satzes voll bewusst.
“Auf Wiedersehen, mein grauer Freund. Auf Wiedersehen, in unserem Paradies.“
Erst jetzt brach sie den Blickkontakt, schmiegte ihre schlanke Schnauze an seinen Hals und verharrte einige kostbare Sekunden in dieser Position. Dann ließ sie von ihm ab, drehte den Kopf leicht zur Seite, fürchtete, dass sie Akru wirklich zurückhalten würde, wenn sie ihn nun wieder ansah.
Es hatte nur zu einem stummen Nicken gereicht, dann war der dunkle Rüde schon wieder verschwunden und mit ihm diese seltsame Anziehungskraft. Shaén Eleazer konnte es sich nicht genau erklären – und den Grund würde er gewiss noch heraus finden, aber es fühlte sich mehr denn je an, als wäre Aryan sein Spiegelbild. Die schwarzen Pfoten berührten nicht das Wasser, sie waren sich zu fern und doch sah nah, als bräuchte er nur die Schnauze auf die Wasseroberfläche senken und könnte Aryan dort berühren. Die Augen, perlengleich, reflektierten ansatzweise das, was es auch in den klaren Seelenspiegeln des Wanderers zu finden gab, obwohl heute mehr die Beherrschung Oberhand gewann.
Es war immer ein gefährliches Spiel, ein dünner Drahtseilakt, den die Akrobaten vollzogen. Sie mussten nur ein Mal das Gleichgewicht verlieren, ein mal stürzen, sich nicht mehr fangen können – dann war es vorbei und womöglich zu spät.
Die Bestie lachte grollend, doch Shaén brachte es allein mit seiner Willenskraft zum Schweigen. Es hatte nicht mehr über ihn zu bestimmen und würde keine Pfote an seinen kleinen Schützling und auch an sonst niemanden legen. Es würde kein Blutvergießen mehr geben, dafür war er ein Streuner, ein Vagabund geworden. Sein kleiner, weißer Schützling bewies mehr Mut, als er es selber gehabt hatte, als die Jungfähe sich dem großen Rüden trotzig näherte und unmissverständlich ihre Ansichten deutlich machte.
Ein Schmunzeln breitete sich auf den Lefzen des Hünen aus, ein Kichern lag in seiner Kehle und dennoch kam es nicht ans Tageslicht. Stattdessen räusperte er sich, als würde er sich gleich an der Emotion verschlucken und nickte verständnisvoll.
„Sicher Aléya. Ich passe nur auf dich auf, weil dein Vater mich darum gebeten hat. Ich will nicht seinen Platz einnehmen. Das könnte ich auch nie.“
Doch es hatte eindeutig den Anschein, als dass die Weiße seine Worte nicht hören und wollte und überhaupt nicht in der Stimmung war, etwas mit ihm zu unternehmen, noch hier zu bleiben. Sie hing sehr an dem dunklen Rüden und –wenn man von dessen Anziehungskraft ein Mal absah- konnte Shaén es auch gut nachvollziehen. Er war bestimmt ein wunderbarer Vater.
Trotzdem legte sich die Stirn in sorgenvolle Falten. Aléya wurde ihrem Vater immer ähnlicher. Nicht von den Gesichtszügen und nicht von der Fellfarbe – diese schien im Gegenteil immer heller und glanzvoller zu werden – sondern einzig in der einzigartigen Ausstrahlung. Unbewusst schien die Kleine ihm auch eine Entscheidung abzunehmen. Er musste mit Aryan darüber reden.
„Warte, Aléya. Vielleicht sollte ich...“
Weiter kam der Schwarze jedoch nicht. Aléya war bereits los gestürmt und galoppierte so schnell ihre Pfoten den kleinen Körper tragen konnten in die Nähe Aryans. Leise seufzte Shaén und machte sich auf den Weg, um den kleinen Wirbelwind wieder einzuholen und zugleich um den Rüden zu fragen. Was war hier los? Die langen, kräftigen Läufe setzten sich schnellen, geschmeidigen Schrittes in Bewegung. Kein Laut kam von dem Rüden, seine Art wie aus dem Schatten auf zu tauchen hatte er nicht eingebüßt und er würde sich schwer tun, diese Eigenart wieder abzulegen. Nicht nur, dass er ein Krieger war – wenn auch einer ohne Kampf und Blutvergießen – es gefiel ihm nicht, sich schwerfällig und unkontrolliert zu bewegen. Ohne das sein Herzschlag sich beschleunigte holte er die Welpin ein und griff diese bestimmt, doch ebenso behutsam im Nacken und hielt die Kleine fest.
„Warte einen Augenblick, Kleines. Dein Vater wird bestimmt gleich zu uns kommen. Ich wollte auch noch mit ihm sprechen.“
Er fürchtete sich wie ein zitternder Welpe vor dem Donner. Er fürchtete sich wie ein Vogel vor der Raubkatze. Er fürchtete sich wie das Kaninchen vor der Schlange. Doch er erstickte seine Furcht im Eis. Er hörte seien Worte nicht mehr, er hörte nur noch Rauschen.. Rauschen... Rauschen... Das Eis brach langsam, Und Nightmare wollte es nicht. Er wollte nciht, dass es brach, und dass er langsam und schmerzhaft ertrinken musste. Er wusste es nun schon so genau, er wusste was kommen würde. Die weißen Zähne blitzten im gläsernen Blick des Rüden. Der Sturm trieb ihn dem Regen ins Gesicht, trieb ihm Tränen der Götter durchs Fell. Götter...
Sie mussten ihn hassen. Sie mussten ihn hassen wie alles was in dieser Welt sich gegen ihn setzte. Sollte er doch grollen wie der Donner, sollte er ihn mit den Augen ansehen als wolle er ihn töten. Diese schwarzen tiefen Wasseraugen. Noch während er sprach, begann Nigthmare zu lachen. Er lachte... lachte... lachte. Es war ein raues, unkontrolliertes Lachen, im Einklang mit dem Rauschen des Windes- ähnlich lautlos, ähnlich unauffällig... und doch so drückend kreischend.
Fast war er enttäuscht, dass Aryan ihn nicht anfiel. Fast war er enttäuscht, dass Aryan ihn nicht töten wollte... oder konnte. Fast war er enttäuscht, dass ihm all das erspart blieb, und er sich nun selbst begegnen musste. ja.. warum... warum.... warum... Er konnte sich die Antwort selbst geben, weil Aryan sie ja nicht hören wollte. Er konnte sie sich selbst verraten, und dem Winde, und dem Wasser, dem rauen Grund unter seinen Füßen. Er konnte es zum Mond schreien, udn alle würden ihn endgültig vergessen. Er würde endlich untergehen, versinken, ertrinken.... Er würde nie mehr diesen Schmerz spüren.
_-Tanz mit mir... Tanz mit dem Wahn...-_
Erbärmlich ... Wie konnte ein Wesen sich nur so sehr auf das eigene Schaffott ziehen ... wie tief konnte man eigentlich sinken ... Nightmare würde sich nicht zu diesem Reinblutmonster herablassen. Nicht eine Minute lang. Er brauchte keinen Fluch um stark und hässlich zu werden ... auch wenn man den Wolf selbst als schön empfand ... Er brauchte keinen Fluch, keine Wasseraugen, er brauchte keine dunklen Seelen in der Brust. Er hatte sich und seine Kälte. Er hatte sich und sein Schicksal, er hatte diesen Regen, dieses Lachen, diesen Sturm... den Drang nach Aryan zu schnappen, ihn zu beißen, ihn zu matern ...
Doch er würde sich keinem kranken Blutdurst hingeben.
Nur wer beherrscht tötete, hatte Macht. Wen tötete Aryans Ich als nächstes? Seine Mutter, seine Welpen, Daylight ....
Wann brach sein Band, welches er sich aus reinen Gedanken geflochten und gesponnen hatte.
"Mit dir disskutieren?"
Abfällig schüttelte er den großen Kopf leicht, Nicht eine Sekunde lang den Blick aus den kalten schwarzen Augen richtend.
"Als würdest du hören können... blind wie du bist."
Diese glatten, dunklen Augen ... schwarz und tief, keine Pupille, keine klare Sicht ... nur Zorn ... Zorn ... Zorn ... Dieser ganze Rüde war Zorn, Hass und Wut ... nur nicht wenn er in Daylights Nähe war, dann nicht. Eigentlich hatte er noch mehr sagen gewollt, eigentlich hatte er ihn anspringen wollen, nur kurz Macht spüren, bevor ein Monster ihn niederriss- unkontrolliert. Der Regen peitschte ihm durch die Sinne, vernebelte sie, und wie trunken raffte er sich an den Rand seiner Eisfläche. Zitternde Glieder... zitternd vor Wut. Er wandte den Kopf wieder, lachte abermals. Kalt.... organisiert... lieblos.
"Als würdest du zuhören- Mir... einem potenziellem Feind."
Er überzog das Wort Feind in einem spottendem Zynismus. Wenn er eins gelernt hatte, dann mit dem Wahnsinn umzugehen. Und dieser Wolf war besessen... Besessen von etwas, was töten wollte, und nicht durfte.
"Eher bringst du mich das nächste Mal um."
Er blickte ihn immer noch mit dieser elenden Ruhe an. Denn Ruhe war Erlösung... Ruhe war Vollkommenheit.
"Für mich ist es geklärt. Doch wenn du mir noch ein Unrecht beweisen willst..."
Er stockte und grinste verschlagen, nicht eine Sekunde lang hatte seien Stimme gezittert, wie stolz er auf seine Kälte war- wie froh er war, dass man Gedanken unter Wasser nicht schreien hören konnte.
"Nur zu, es ist mir egal... Du... bist mir egal."
Er wandte erst den Kopf , dann den Körper leicht, schüttelte das Gefühl der Angst vor der Schwärze der AUgen stumm in sich ab. Das Fell so glatt vom Regen Glatt wie Gedanken auf blankem Stein... Der Wind der ihn rief... der ihn beruhigte. Sein stummer Vater, der ihn mahnte.
Die Stumme Reue der Erwartung hing zwischen den Bäumen, hing zwischen den Regentropfen, spannte sich wie flüssiges Eis in die Lungen des schwarzen Wolfes, der die Augen starr, und doch bald sehnüchtig in den schützenden Wald gerichtet hatte, und nicht wusste, ob er gehen sollte, oder bleiben. Wo doch der Boden schier brannte ... Unter all dem Regen.
Chanuka wusste nicht, was er tun sollte, außer schweigend und still neben Caylee her zu laufen. Er hatte nicht das Gefühl, dass er helfen konnte. Was sollte er tun, damit sie verstand, was er selbst nicht verstehen wollte und damit sie akzeptierte, was er selbst nicht akzeptieren konnte? Und wieso wehrte sie sich so sehr dagegen, so laut, so stark und so schwach? Und warum rebellierte sein Herz, wenn er doch nichts tat? Wenn er doch nur hinnahm, was der Lauf der Welt für richtig hielt?
Er kniff kurz die Augen zusammen, als seine weiße Schwester in den Hinterlauf von Nyota biss, als hätte sie nach ihm geschnappt. Sie konnten sie nicht retten. Chanuka fragte sich, ob seine Mama überhaupt gerettet werden wollte. Sie war sicher nicht so trotzig wie Caylee, sondern eher ruhig.
Mit traurigen Augen blickte er zu seiner Großtante, die sich erbarmte, seine Schwester zu tragen. Er stand direkt neben ihr und fühlte sich irgendwie plötzlich einsamer, als die schwarze Fähe sie aufnahm. Als wolle er die Lücke füllen, tappte er direkt neben sie, um mit ihr weiter zu gehen. Der Wind rüttelte und schüttelte ihn geradezu durch und der Regen schien nicht weniger freundlich. Sie kamen dem Ziel näher, aber wohl auch dem Abschied, dem Verlust. Ein Teil von ihm wollte los rennen und schneller bei Banshee sein, alles andere in ihm sträubte sich. Er hatte Angst, was sein würde, wenn er zuerst da war, allein.
Die Welt war grau. Der Himmel. Die Stimmung.. und überhaupt. Alle waren so traurig, sodass auch Atalya ein tiefes Gefühl der Trauer ergriffen hatte. Sie hatte nicht auf die Worte der anderen reagiert, war nur stumm hinter ihnen her getrabt. Auch Caylees Schreien hatte sie wahr genommen. Aber alles Schreien brachte nichts. Oder würde Oma Banshee sie hören, und dann doch bei ihnen bleiben? Sie sollte nicht gehen und sie alle alleine lassen! Die Dunkelgraue hatte den Kopf zu Boden geneigt und blickte beim laufen auf ihre eigenen Läufe. So viele Wölfe.. und alle versammelten sich nur aus einem Grund. Abschied nehmen. Aber wieso? Wieso wollte ihre Oma sie verlassen? Sie brauchten sie doch! So gerne hätte die kleine Fähe Trost bei Madoc gesucht, aber er war nicht hier. Die hellen Augen zusammen kneifend machte Atalya einige schnelle Schritte nach vorn, stellte sich ihrer Mutter in den Weg. Ein kurzer Blick zu ihren Geschwistern und den anderen Wölfen. Gemeinsam waren sie doch stark! Nun richtete sich der Blick wieder auf ihre Mutter, und so wie Turién, der bei ihrer Mutter stand, versuchte sie auch noch etwas zu retten. Irgendwie..
“Wenn wir sie zusammen überreden, bleibt sie hier! Wir brauchen sie doch! Wir dürfen sie nicht gehen lassen! Wenn wir alle zusammen zu ihr gehen und sie fragen, bleibt sie bestimmt..“
Die kleine Fähe schlucke, legte dann leicht die Ohren an und machte sich überhaupt etwas kleiner. Und was war, wenn sie falsch lag? Wenn Banshee trotzdem gehen würde? Wenn sie nie wieder da sein würde?
“...oder, Mama?“
Jetzt war ihre Stimme leise, fast ein Flüstern. Sie mussten sie aufhalten. Sie musste einfach hier bei ihnen bleiben. Sie brauchten sie doch.
Kisha. Kisha.. Dieser Name schmerzte, und alle nannten sie so. Es war zu verwirrend, zu nervenaufreibend. Sie hatte Ruhe gesucht, und saß nun abseits, allein, im Regen und beobachtete die Wolken. Die hellen, braunen Augen waren ruhig geschlossen, die Ohren locker aufgestellt. Vielleicht brauchte sie nur.. Zeit? Vielleicht.. Die Schwarze sah die Blitze nicht, hörte nur das grollende Donnern, das alles übertönte. Nur ein Heulen aus der Entfernung war zu hören. Und es weckte etwas komisches in der Schwarzen. Ihr Herz schlug mit einem Mal schneller, pumpte ein Gefühl von Angst durch ihren Körper, in dem sie sich gerade so.. fremd fühlte. Irgendwann, sie hatte nicht die Donnerschläge gezählt, nicht die Regentropfen, die ihr Fell benetzt hatten, stand sie auf. Die hellen Augen geöffnet und von Trauer gezeichnet. Sie wollte diesem Ruf folgen, wußte aber nicht, wieso. Sie konnte es sich nicht erklären, aber ihr Herz schien sie dorthin führen zu wollen. Die Fähe setzte sich also in Bewegung, langsam, ohne Hast. Als spürte sie, was sie erwartete, wenn sie ankam. Langsam trabte Aceysha voran, behielt die Umgebung im Auge. Einige Wölfe waren zu erkennen, sie waren schon aufgebrochen. Und sie lief hinter ihnen, näherte sich der Gruppe. Einen Moment zuckten Zweifel durch ihren Körper, als sie eine schwarze Fähe mit zwei Welpen erkannte. Die Schwarze schluckte lief dann einen Schritt schneller. Erst als sie neben der schwarzen Fähe war, verlangsamte sie ihren Schritt wieder. Vorsichtig richtete sich der helle Blick auf die Wölfin, kurz zu dem kleinen, schwarzen Welpen an ihrer Seite, dann zu der Weißen. Nyota, sie glaubte zu wissen, dass diese Wölfin so hieß.
“Darf ich.. darf ich euch begleiten?“
Unsicher suchte sie nach dem Blick der Fähe, die Ohren ein kleines bisschen zurück geneigt. Sie war einfach zu verwirrt..
Turién hatte bereits gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Tyraleen sah es an den Augen ihres Sohnes und als sich diese bei ihrer Berührung schlossen, hatte sie kurz das schreckliche Gefühl, dass sie sich nie wieder öffnen würden. Aber natürlich blickten sie kurz darauf gelbe, unglückliche Welpenaugen an und die leise Stimme ihres silbergrauen Schatzes verkündete das, was sie alle dachten. Ja, sie sollte nicht gehen. Sie alle brauchten Banshee, nicht nur als Leitwölfin und Tochter des Lebens, sondern als liebende Mutter und Oma, als Zuflucht für jede Seele. Tyraleen wollte etwas sagen, aber Worte, die ihr nicht einfielen blieben ihr im Hals stecken. Wie könnte sie Turién trösten? Dunkel erinnerte sie sich an die Worte ihrer Mutter über den Tod, über seine Notwendigkeit und seine Schönheit, vor der zu viele Wölfe die Augen verschlossen. Als Priesterin war sich Tyraleen der Aufgabe bewusst, diese Lehren auch in solch schweren Stunden ihren Welpen zu vermitteln, doch ihr fielen keine Worte ein. Erst als Neruí kam und jammernd eine Frage stellte, die sie auf den Kern der Sache führten, fand die Weiße Antworten.
“Sie muss gehen, weil uns allen nur eine bestimmte Zeit auf dieser Welt zusteht. Denn wenn jeder von uns unendlich lange bleiben könnte, gäbe es irgendwann zu viele. Deshalb geht Oma Banshee in eine andere Welt, eine noch viel schönere. Dort scheint immer die Sonne und kein Wolf muss je Hunger leiden.“
Ihre Schnauze berührte Chardím, einmal fuhr sie ihm mit der Zunge über den wolligen Welpenpelz, dann schüttelte sie leicht den Kopf. Die Welpen sollten nicht glauben, dass etwas Schlimmes passieren würde. Tyraleen wusste von Banshees Wunsch, dass sie alle mit einem lachenden und einem weinenden Auge Abschied nehmen könnten. Denn tatsächlich würde auf Banshee nichts Schlimmes warten. Nur für sie alle, die zurückblieben, blieb Trauer und Hoffnungslosigkeit. Etwas, das Welpen nicht kennen sollten.
“Nein, Chardím, nichts Schlimmes. Oma Banshee geht, aber das ist nicht schlimm, nur traurig für uns. Für sie ist es schön.“
Natürlich war es für Banshee nicht nur schön, schließlich ließ sie ihr Rudel zurück und musste sich von so vielen geliebten Wölfen verabschieden … andererseits würde sie endlich wieder mit Acollon vereint sein, nur deshalb starb sie überhaupt. Und somit war es gut. Eine Tatsache, die Tyraleen nicht akzeptieren konnte, auch wenn sie versuchte, sie den Welpen zu erklären. Als Turién seine kleine Stirn gegen ihren Lauf presste und Hilfe erhoffte, zog sich wieder alles in der Weißen zusammen. Auch sie hatte Caylees Schrei gehört, hatte sie bei Nyota gesehen und spürte die schreckliche Hilflosigkeit in der Luft hängen. Doch dieses Mal konnten Erwachsene genau so wenig wie Welpen etwas tun.
“Turién, mein kleiner Schatz … ich kann nicht.“
Ihre Zunge fuhr über seinen Kopf, wusch seinen Pelz und doch war ihr klar, dass Zärtlichkeiten jetzt nicht ausreichten. Ihr Blick huschte flüchtig über den Trauerzug, Hoffnung auf Averic stand in ihm, doch noch immer war ihr Gefährte nirgendwo zu sehen.
.oO(Averic, wo bist du nur? Ich brauche dich doch jetzt, so sehr … lass mich nicht alleine.)
Kein schwarzer Pelz tauchte zwischen den Wind gepeitschten Stämmen auf und keine blauen Augen funkelten ihr entgegen. Sie schluckte schwer, sah dann Atalya auf sich zukommen und rüstete sich für die nächsten, schweren Worte. Auch ihre Tochter wollte Hilfe, war überzeugt davon, dass man Banshee nur überreden müsse. Auch sie wurde zuerst sanft an der Nase berührt, dann schüttelte Tyraleen erneut den Kopf.
“Nein, Atalya. Sie muss gehen. Dagegen können weder wir noch sie etwas tun.“
Die vier Welpen um sie herum brauchten Trost und doch fühlte sich die weiße Mutter unfähig dazu, ihn zu spenden. Die Kleinen lenkten sie von ihren eigenen Gedanken ab, aber sie halfen ihr nicht, zu akzeptieren und somit konnte sie ihnen auch nicht das schenken, was sie nun brauchten. Für Trost blieb nicht mehr viel Zeit, Tyraleen spürte bereits, wie sich der Wald um sie herum veränderte und dort vorne … meinte sie Banshee zu erkennen. Bei ihr noch eine graue Gestalt, die sie schnell als Akru identifizierte. Die Weiße wurde langsamer, wäre beinahe stehen geblieben.
“Ihr müsst jetzt Oma tschüss sagen.“
Es gab vier Gründe, warum Aryan sein Gegenüber nun nicht ansprang und zum schweigen brachte. Diese vier Gründe traten sofort vor sein inneres Auge und verfestigten sich. Sie waren wie feste Gesetzte – wie die Gesetzte der Natur und Tierwelt. Erster Grund: damals, als der Schwarze in sein jetziges Ich verfiel und als Mörder geahndet wurde, hatte er sich geschworen niemals, egal wie aussichtslos oder provozierend diese Situation auch sein mochte, einen anderen, normalen Wolf anzugreifen im Wissen, dass seine Kraft immer weitaus größer war. Zweiter Grund: Nightmare stand seiner weißen Gefährtin sehr nahe. Wenn der Hüne ihn jetzt verletzte oder gar tötete, würde Daylight nie wieder glücklich werden können. Und wenn der Bluttrinker eines nicht wollte, war es das Unglück seiner Geliebten. Dritter Grund: auch wenn es für sein Gegenüber noch nicht zu wittern oder hören war, bekamen die Rüden Besuch. Aléya sollte nicht in eine Situation geraten, der sie als Welpe noch nicht gewachsen war. Die Welpin würde wohl möglich auf immer ein ganz anderes Weltbild haben und vielleicht sogar ein Trauma davon tragen. Sie war seine Tochter. Und der vierte und der bedeutsamste Grund war: es gab keinen Anlass für ein solches Handeln. Er konnte Nightmare eigentlich gut verstehen. Seine Position in diesem komplexen Aufbau war nicht die einfachste. Er wurde mit einem eifersüchtigen und Blut gierigen Gefährten konfrontiert, der sich am Riemen reißen musste, um nicht völlig ausfallend zu werden. Daylight hatte ihn ein Stück weit in ihr Herz gelassen und er war für sie in den schwierigsten Zeiten da gewesen. Mehr als man von Aryan selbst behaupten konnte.
Die schwarze Gestalt löste sich nach wie vor nicht aus der Starre. Das hübsche Antlitz schützte nicht nur vor falschen Schlüssen, sondern auch vor voreiligen Resultaten. Die schwarzen Seelenspiegel lagen ruhig auf sein gegenüber, nichts entglitt der Starre. Nur ein leichtes, bitteres-süßes Lächeln lag auf den Lefzen.
“Du hast Recht, ich bin blind vor Wut, aber nicht wegen Dir.“ Und diese Wut ist nicht einmal meine …
die Gedanken blieben verschlossen und unerhört. Er musste seinem potentiellen Feind nicht zu viel auf die Schnauze binden. Und auch den Wunsch, dass Aryan insgeheim lieber ein normaler Wolf wie Nightmare wäre, blieb in den Dunklen seiner Seelenspiegel versunken.
“Nein, einen Feind sehe ich in Dir nicht.“
Monoton und sanft waren seine Worte. Die Stimme wie immer mit einem weichen, zarten Klang. Der Hüne konnte das anziehende Antlitz nicht ablegen, so gern er es auch wollte. So gern er es einfach von sich abgestreift hätte, es ging nicht. Segen oder Fluch? Ein leises Lachen konnte sich der Hüne, dann aber nicht verkneifen.
“Dich umbringen? Ganz bestimmt nicht. Wegen Dir gebe ich nicht mein Leben auf. Nicht meine Gefährtin, nicht mein Rudel, nicht meine Familie und meine Freunde. Vielleicht bin ich ein Monster, aber dumm bin ich nicht. Wenn ich Dich töten würde, wäre all das, was mir wichtig ist, verschwunden – und das würde mich zu einem so kalten Wolf machen, wie Du es bist“,
lag da etwa ein leichtes Funkeln in seinen Zügen? Als er von seinen Familie sprach, öffnete sich das tote Herz und ließ das Monster für einige Sekunden verschwinden, machte Platz für eine richtige Seele. Daylight, Cyriell, Gani, Aléya, Shaén, Avendal, Kengo... gab es nicht so viele Wölfe für die es sich lohnte zu kämpfen?
“Ein Unrecht will ich Dir nicht beweisen – ich hätte ein wenig mehr Einsicht von einem erwachsenen Rüden erwartet“,
sanft, fast flüsternd waren seine Worte.
“Aber schon gut. Wenn es für Dich geregelt ist, dann soll es das auch für mich sein, Nightmare.“
Die Tränen ließen sich jetzt nicht mehr aufhalten. Immer und immer mehr sprudelten aus Caylees Herz und tropften aus ihren Augen in die nasse, große Welt, die ihr ihre Oma wegnehmen wollte. Der rebellische Kampfgeist hatte sich verflüchtigt, plötzlich konnte sie nur noch weinen. Als sie Nyotas Zunge auf ihrem Kopf spürte, kuschelte sich die Weiße trostsuchend an die schwarze Schnauze und war ihrer Mama-oder-so unendlich dankbar, dass sie nicht böse auf sie war – immerhin hatte sie sie gebissen und angeschrien.
“Wenn wir da auch mal hinkommen, treffen wir sie dann wieder?“
Diese Worte klangen fast schön. Dann wäre Oma ja doch nicht für immer weg. Caylee kamen noch mehr Ideen … wenn Oma ging, konnten sie alle sie doch einfach begleiten. In diese andere Welt! Die Tränen schon fast wieder versiegt sah sie zu ihrer Tante auf, wieder ein halb gewinnendes Lächeln auf den Lefzen.
“Warum kommen wir nicht alle mit, in diese andere Welt? Sicher würde das Oma freuen, dann ist sie nicht so alleine!“
Begeistert von dieser Idee begann sogar ihre Rute hin und her zu pendeln, bis ihr einfiel, dass Oma ja nicht einfach in die andere Welt ging, sondern dazu sterben musste. Ihr Lächeln fiel von ihrem Gesicht wie eine überreife Frucht von einem Baum, ihre Rute hatte sich wieder zwischen ihren Hinterläufen versteckt.
“Ich will noch nicht sterben …“
Ob es noch einen anderen Weg in diese Welt gab? Vielleicht musste man ja nur irgendwo hin gehen und da war dann ein Tor oder so und da ging man dann durch und war in dieser anderen Welt. Aber irgendwie glaubte Caylee selbst nicht daran … das hätte Nyota ihr sonst sicher schon erzählt. Und sicher würden viel mehr Wölfe dann in diese Welt gehen, schließlich mussten immer wieder geliebte Wölfe sterben. Die eigene Logik erschlug Caylee und machte sie wieder endlos traurig.
Nyota hob sie hoch und wieder war die Weiße froh, nicht selbst laufen zu müssen. Ihre Läufe zitterten und die neue Erkenntnis machte sie noch schwacher auf den Beinen. Stumm dachte sie über die Worte ihrer Mama-oder-so nach, dass sie sich verabschieden würden und Oma immer im Gedächtnis behalten sollten. Das würde Caylee ganz sicher tun. Oma Banshee nie niemals vergessen, denn sie war die schönste Wölfin der Welt … naja, neben ihrer Mama und Caylee selbst. Die Kleine spürte die Veränderungen des Waldes nur sehr schwach, aber sie horchte auf, als ihr ein wenig wärmer wurde und seltsame Bäume auftauchten, die sie noch nie gesehen hatte. Und da, zwischen deren seltsamen Ästen lagen zwei Wölfe, einer so hell, dass es nur Oma sein konnte.
“Ich werde Oma auf Wiedersehen sagen! Lässt du mich runter?“
Plötzlich hatte es Caylee schrecklich eilig, zu ihrer Oma zu kommen. Und sie würde auch nicht mehr versuchen, sie zu überreden hier zu bleiben. Sie wollte nur bei ihr sein und noch einmal mit ihr kuscheln. Sicher würde sich Banshee darüber auch freuen, schließlich hatte sie das früher auch gerne gemacht. Die schwarze Fähe, die plötzlich an Nyotas Seite auftauchte und fragte, ob sie mitkommen dürfe, wurde von Caylee nur ganz kurz angesehen. Die Weiße hatte keine Ahnung, wer das war, aber in diesem Moment schien das auch vollkommen egal. Sie mussten doch zu Oma.
Während Shani auf Liel wartete, glitt ihr Blick kurz in den von tiefschwarzen Wolken verhangenen Himmel. Sorgenvoll krauste sich ihre Stirn und etwas in ihrem Herzen krampfte sich zusammen. Sie musste wieder an Nyotas Ruf denken, Banshee, die vielleicht jetzt gerade starb. Etwas in der Weißen zog sie zu dem Trauerzug der Familie, liefen doch dort auch ihre Kinder mit und war Banshee doch manchmal wie eine Ersatzmutter gewesen. Doch sie hatte jetzt eine Aufgabe zu erfüllen, wurde gebraucht … sie konnte nicht gehen. Und sicher würde Banshee ihr verzeihen, wenn sie sehen könnte, was die kleine Gefährtin ihres Sohnes gerade tat. Helfen. Mit neuem Mut und neuer Stärke wandte sich ihr Blick wieder zu Liel, die sie mittlerweile erreicht hatte und sich heftig an ihren Lauf drängte. Sie dankte ihr zwar, aber antwortete nicht auf ihre Frage, möglicherweise hatte sie sie gar nicht gehört. Aber eigentlich war es auch so ersichtlich, dass Liel mehr als nur Mühe hatte, vernünftig vorwärts zu kommen. Dass die kleine Graue dennoch die Zähne zusammenbiss, schien Shani schon fast zu viel verlangt von dem kleinen Welpen. Und Liel leistete noch mehr, sie machte sich Gedanken, wo ihr Bruder stecken konnte und kam auf eine gute Idee. Am Rudelplatz zu suchen war auch ihre einzige Hoffnung, wenn Ciradán nicht dort war, konnte er überall stecken. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen. Shani hatte leicht auf die Worte von Liel genickt und währenddessen eine weitere Entscheidung getroffen. Damit ihre Worte dieses Mal verstanden wurden, brachte sie ihre Schnauze ganz nahe an das Ohr der Kleinen und nahm es vorher sanft ins Maul.
“Ich werde dich tragen. Und auf dem Weg zum Rudelplatz rufst du ganz laut nach Ciradán, so laut es geht. Vielleicht haben wir Glück und er hört uns.“
Sanft packte sie die Graue im Nacken und pflückte sie aus dem nassen Gras. Zum Glück war Liel noch so klein, es war leicht sie zu tragen und wenn die Weiße aufpasste, wurde ihr Schützling auch vom Wind nicht zu stark durchgeschüttelt. Als sie ein wenig voran gekommen waren und der Rudelplatz bald auftauchen musste, fing Liel an zu rufen. Gegen den Sturm anzuschreien war schwierig, besonders mit ihrer piepsigen Welpenstimme, aber Shani konnte sie so nicht unterstützen. Dafür hätte sie den Welpen absetzen müssen. Doch auch so schienen sie Erfolg zu haben. Zwischen den Bäumen konnte man schon den sehr verlassenen Rudelplatz sehen und an dessen Rand, nur wenige Wolfslängen von ihnen entfernt stand ein kleiner Welpe, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Ciradán war.
“Ruf nochma anz aut.“
Nuschelnd versuchte sie Liel mitzuteilen, noch mal alle Stimmkraft zusammen zu nehmen. Wenn das wirklich Ciradán war, hatten sie großes Glück. So einfach hätte sie die Suche nicht erwartet.
Jumaana fror. Die Kälte und der Regen peitschten um ihren abgemagerten Körper, die Dunkelheit machte sie fast verrückt. Doch es ging ihr gut. Ihre Schwester war zurückgekehrt. Zu ihr. Ihre verloren geglaubte Schwester. Die Letzte, die sie hier erwartet hatte. Doch ein Schmerz verschwand nicht ganz im Schleier des Glücks. Der Schmerz um die Familie des Rudels. Um Banshee. Acollon, den sie nie gesehen hat. Und um Takashi. Betreten schluckte die Fähe. Wie konnte sie sich hier so sehr freuen, wenn das ganze Rudel trauerte. Sie warf einen Blick zu Midnight und Polar Amronial, den beiden Rüden am Sternenseeufer. Es tat weh, sie da stehen und reden zu sehen. Sie gehörten noch zum Rudel. Jumaana war keine Sternenwind mehr. Si ewar eine Aussenseiterin, eine Einzelgängerin; jemand, der das Rudel auf eigenen Wunsch verlassen hatte. Sie konnte sich einfach nicht mehr über die weiße Fähe an ihrer Seite freuen, es ging einfach nicht. Viel zu selten hatte sie mit ihr gesprochen, viel zu wenig wusste sie über die Weiße. Sie war nicht mehr als eine Fremde. Sie war eine Fremde. Die zufälligerweise den Weg zum Rudel der Sternenwinde fand und jetzt um Einlass bitten wollte. Doch dann traf sie auf eine hungernde, schlanke Fähe, die nichts besseres zu tun hatte, als die Fremde daran zu hindern, ins Rudel einzutreten. Es tat weh, selbst darüber nachzudenken. Jumaana hasste sich selbst. Nicht nur wegen diesem Gedanken.
Takashi war wegen IHR zurückgekehrt und nur, weil der Druck auf sie zu groß war, ist sie verschwunden. Ohne sich von ihrem Geliebten zu verabschieden. Am liebsten würde sich die weiße Wölfin im Sternensee ertränken. Doch sie würde Takashi enttäuschen. Und Shani. Und ... Cirádan. Ihren kleinen Schatz konnte sie nicht allein lassen. Er war zerstört. Kaputt. Krolock und Urion hatten ihn verrückt gemacht. Mit ihrem Todesgerede. Mit dem Fluch. Cirádan ... Wie selten hatte sich die Fähe um ihn gekümmert. Hätte sie die Patenschaft nicht auf jemand anderes übertragen müssen. Hätte sie nicht ... Jumaana wusste nicht weiter. Cirádan wurde von ihr vernachlässigt.
Dann erst hörte Jumaana die Worte Majibáhs, die beruhigenden Worte, die versuchten, ihr in dieser schweren Zeit beizustehen. Doch Worte waren nicht so stark wie Taten. Und schon gar nicht so stark wie der Tod. Unwillkürlich seuzfte die Wölfin und setzte sich nieder. Der Boden war durchnässt und kalt, doch da der Regen ohnehin schon durch ihr dichtes, weißes Fell gedrungen war, machte es ihr nichts mehr aus.
"Ich ... danke, Schwester. Ich weiß das zu schätzen. Doch ... es gibt etwas Wichtiges, was ich erledigen muss. Nein, mehrere Sachen. Es gibt so viele, die ich enttäuscht habe. Ich werde soviel erklären müssen. Ich wollte ... ich habe meinem Gefährten versprochen, nie von ihm zu gehen ... und es doch getan."
Dann stand Jumaana auf und tat das Respektloseste, was sie je in ihrem Leben gemacht hatte - sie übertrat die Rudelgrenze ohne um Einlass zu bitten. Wahrscheinlich würde sie nach der Tragödie sofort wieder verbannt werden, doch es war ihr egal. Wenigstens verabschieden wollte sie sich. Auffordernd sah sich Jumaana nach ihrer Schwester um und bedeutete ihr mit einem Nicken, dass sie ihr folgen wollte. Zuerst wollte sie zu Midnight und nach der momentanen Situation fragen.
Nur verschwommen konnte er die Umrisse seiner Leitwölfin erkennen. Die Tränen verwischten das Bild. Akru blinzelte immer wieder, wollte er doch einen klaren Blick auf seine weiße Freundin haben. Und obwohl die Zeit langsamer zu ticken schien, rasten die letzten Momente an dem Grauen vorbei. War es immer so, wenn man nicht mehr die Ewigkeit eines Lebens vor sich hatte? Genau in diesem Moment fielen ihm tausend Worte ein, tausend Dinge, die er ihr schon immer mal sagen wollte. Er wollte ihr von seiner Tochter erzählen, er wollte ihr von seinem Leben als Wanderer berichten – wie schön doch so manches Land war. Er wollte Banshee sagen, dass es sich nie wohler gefühlt hatte, als an ihrer Seite. Und so vieles mehr brannte in seinem Herzen. Aber vorbringen konnte er es nicht mehr. Es war zu spät. Es würde dafür keine Zeit mehr geben. Das leise Flüstern der Familie drang an die empfindlichen Ohren – es war wie das Zeichen, dass er nun zu weichen hatte. Dass er sich lösen und Abschied nehmen musste. Natürlich würde er in der Nähe bleiben. Abseits. Er würde still in seiner Trauer verharren. Erschlagen von der Ohnmacht würde er zusehen und weinen. Bitter und doch voller Hoffnung auf ein nächstes Leben im Paradies. Und wie sehr er es sich jetzt schon wünschte, dass dieser Tag bald käme. Nicht, weil er sterben wollte. Nein, er wollte diesen Abschiedsschmerz vergessen und in der zeitlichen Ewigkeit an der Seite der Weißen sein.
“Ich bin immer bei Dir... ich gehe nicht, meine Leitwölfin“,
hauchte er. Es kostete dem Zeitwächter so viel Kraft, um nicht jetzt völlig abzurutschen. Das Lächeln verzerrte sich, wirkte gequält und sich krampfhaft. Ihm war noch zu einem Lächeln zu mute, aber genau so wenig wollte er der Weißen Kummer bereiten – jetzt nicht mehr.
“Da bin ich mir ganz sicher. Es wird mir den weiteren Weg erleichtern. Meine Gedanken werden immer bei Dir sein“,
die Stimme versagte ihm. Und als er kleine Tränen auf den Wangen seiner weißen Freundin sah, konnte er den Schwall seiner Tränen auch nicht mehr halten. Die letzten Worte waren gesprochen. Sie hatte sich von ihm verabschiedet. Unwiderruflich. Ende. Der letzte Gruß. Schmerz flackerte in seinem Herzen auf. Es tat weh, so unendlich weh. Ein letztes Lächeln, ein letzter Blick, dann ist Alles vorbei.
“Auf Wiedersehen, meine weiße Freundin. Auf ein Wiedersehen in unserem Paradies“,
auch er vergrub seine Schnauze in ihrem Fell und sog den so geliebten Duft ein. Sekunden. Sekunden in denen all das gesagt wurde, was nie ausgesprochen war.
Lebe wohl bedeutet, dass man auf ein Wiedersehen hofft und seinem Freund eine schöne Zeit wünscht. Ein Abschied bedeutet sich von einem Geliebten zu trennen und ihn in seinem Herzen zu tragen. Lebe wohl heißt, dass man sich für eine lange Zeit nicht mehr sehen wird und mit einer Sehnsucht leben muss. Die Erinnerungen werden immer verschwimmen, nur Gedankenfetzen zeigen uns ein Bild von unserem Freund. Doch das Gefühl wird nie verblassen. Lebe wohl heißt den Schmerz mit der Freundschaft zu besiegen. Lebe wohl, meine weiße Freundin. Ich liebe Dich.
Der Graue löste sich, wandte den Blick und erhob sich langsam. Die zitternden Pfoten trugen den Trauernden weg von seiner Leitwölfin. Das Lächeln war verschwunden. Es war nur Traurigkeit zu finden. Ehrliche und tiefe Trauer. Eine schöne Zeit würde nun zu Ende gehen und Banshee nahm all seine Hoffnung mit, all seine Liebe. In einem nächsten Leben würden sie sich wiedersehen, doch dieses Leben versiegte.
Akru blieb stehen, ließ sich im Schatten eines Weidenbaumes nieder.
“Lebe wohl!“
Fragte sie unsicher,
"Wo ist die denn?"
Gesehen hatte sie diese Welt jedenfalls noch nie. Und wenn es da viel schöner war, warum ging man da nicht einfach hin?
"Boah! Wenn da immer die Sonne scheint dann kann sie ja gar nicht bei uns sein!"
Stellte sie, halb beleidigt und halb enttäuscht, fest. Nerúis Miene hatte sich denen der anderen inzwischen angeglichen - traurig und trostlos sah sie aus, wenngleich sie das mit Tante Banshee, die für die Anderen seltsamerweise eine Oma war, noch immer nicht verstanden hatte. Das mit der Tante-Oma Sache musste sowas wie das mit Mama und Mutter sein. Sehr kompliziert auf jeden Fall. Weiterlaufend erkannte Nerúi ein weiteres Detail, dass ihre Züge nun wieder weiter vom Traurigen ins Beleidigte zogen. Mama Tyraleen hatte Turién und Chardím abgeleckt, sie und Atalya aber nicht. Atalya hatte sie aber wenigstens mit der Nase angedatscht. Mhrmpf! Das war gemein.
Grimmig hörte sie nur noch kurz zu, und beschleunigte ihre Schritte dann. Vor sich erkannte sie Mama Nyota, die gerade Caylee absetzte, und noch weiter vorne verschwand gerade etwas Graues - und lies Tante Banshee allein zurück. Ha! Wenn Tyraleen sich schon nicht um sie kümmerte, dann konnte sie wenigstens als Erste bei Banshee sein! Wie angestochen flitzte die Kleine los, der Sturmwind der selbst uner den Bäumen ankam schien nach wenigen Schritten deutlich sanfter, der Regen dran hier kaum noch durch die Blätter, und es schien wärmer zu werden - das machte bestimmt Tante Banshee für sie! Umso mehr beeilte sich die Kleine, um ja vor Caylee anzukommen. Die kleinen Läufe trugen sie hastig auf die weiße zu, und schließlich warf sie sich in den weißen Pelz, als sei er eine Zielgerade. Besitzergreifend kuschellte sie sich an, und steckte den kleinen Kopf in Richtung von Banshees Schnauze.
"Banshee? Wenn du wohin gehst wo es viel schöner ist als hier, warum nimmst du uns nicht alle mit?"
Das war doch alles unlogisch. Nerúi hatte auch die Trauer nicht mehr auf den Zügen - immerhin war sie jetzt bei ihrer Tante angelant - sie sah nur ziemlich ahnungslos aus. Was sie zweifelsohne war.
Nyota nickte nur sachte, auf Caylees Frage hin. Banshee war nie wirklich fort - sie war nur ein paar Herzschläge entfernt, aber das war weit genug, um jede Witterung zu verlieren. Die Schwarze leckte Caylee weiterhin die Tränen von den Wangen, und antwortete auf ihre nächste Frage nicht sofort - und nur wenige Momente später hatte die Kleine die Antwort auch selbst herausgefunden - und schwebte dann in Nyotas Fängen weiter auf Banshee zu.
"Rischtig. Weil man daschu schterben musch."
Erklärte sie leise, und strich beim Sprechen immer wieder
mit der Zunge über Caylees kleinen Körper.
Kisha trat zu ihnen, und selbstverständlich nickte die Schwarze - Kisha gehörte, ob sie wollte oder nicht, dazu ... Die Wärme vor ihnen nahm zu, und Nyota schloß für einen Moment die Augen. Doch gleich darauf wollte Caylee heruntergelassen werden, und Nyota setzte die Kleine vorsichtig vor sich ab, als von hinten auch schon Nerúi heran, und einfach an ihnen vorbeigeflitzt kam. Die Schwarze musste schmunzeln - sie wäre selbst am liebsten gerannt...
Den Kopf wieder anhebend erkannte sie gerade noch Akru, der sich auf Abstand begab - Nyota war sich nicht sicher wer er für sie war, aber vorallem war er Amáyas Bewacher, der seine Aufgabe nicht besonders ernst nahm. Ohne dem Rüden noch weitere Gedanken nachzusenden folgte sie nun den zwei Welpen, trabte fast eilig auf Banshee zu, und senkte den Kopf soweit, dass sich ihre Schnauzen berühren konnten. Sie war da, sie würde bleiben.
'...an deiner Seite'
Eine erste Träne rann ihre Schnauze herab, und wanderte auf die ihrer Schwester herüber, um von dort aus zu Boden zu fallen. Es war Ende und Anfang, und die Endgültigkeit der Situation raubte Nyota einen Moment lang jede Fassung. Langsam lies auch sie sich auf dem warmen Gras nieder, schmiegte Kopf und Nacken an und unter Banshee, und lehnt sie leicht gegen ihre Schwester. Sie hatte keine Worte, nur so viel Gefühl, dass brennend nach Außen vordringen wollte. Ein letztes Mal, für Banshee.
Caylee hätte beinahe angefangen zu zappeln, wartete aber geduldig, bis ihre Mama-oder-so sie absetzte. Vorher nickte die allerdings noch der schwarzen Unbekannten zu - was die Kleine ein wenig schüttelte - die auch zu Oma wollte. Jetzt fragte sich die Weiße doch kurz, warum eine Fremde gerade jetzt zu ihrer sterbenden Oma durfte, aber sie wollte Nyotas Entscheidung nicht anzweifeln und sowieso wurde sie von der losrennenden Neruí abgelenkt. Hey, sie würde vor ihr da sein! Endlich hatte sie festen Boden unter den Pfoten und sauste ihrer Schwester-oder-so hinterher. Typisch Neruí, musste immer die erste sein. Dieses Mal musste sich Caylee eine Niederlage eingestehen, bemerkte im gleichen Augenblick aber auch, dass diese ganzen Gedanken vollkommen egal waren, schließlich starb ihre Oma. Da war es irgendwie schrecklich unwichtig, dass die kleine Schwarze vor ihr angekommen war. Und immerhin würde sie jetzt zweite werden. Galoppierend kam sie bei ihrer schrecklich traurig aussehenden Oma an und schmiss sich schwungvoll neben Neruí, sodass sie sich nicht nur in Banshees Pelz, sondern ebenso in das ihrer Schwester-oder-so kuschelte. Das tat sie zwar sonst eher selten, jetzt aber fühlte sich das gut an. So, als wäre sie nicht alleine. Neruís Frage hörte sie mit halbem Ohr und antwortete, bevor Oma das konnte, leise und mit belegter Stimme:
“Weil wir dafür sterben müssten. Und Sterben ist nicht schön, oder Oma?“
Banshee war die einzige, die das beantworten konnte. Schließlich starb sonst niemand und Caylee hatte sich bis jetzt auch noch nie mit jemand Sterbendem unterhalten. Das wurde ihr jetzt bewusst und all das lenkte sie irgendwie ein wenig von ihrer Trauer ab. Doch leider nicht lange. Nyota war auch angekommen und jetzt sah die Weiße, dass ihre große Tante weinte. Caylee hatte Nyota noch nie weinen sehen. Irgendwie hatte sie gedacht, dass ihre Mama-oder-so gar nicht konnte … eigentlich genauso wenig wie Oma. Aber das schien jetzt nicht mehr zu gelten, so traurig war das alles. Und auch ihr selbst schnürte es den Hals zu und kleine Tränen standen wieder in ihren Augen. Der kleine Welpe schmiegte sich noch enger an Banshee und Neruí und schob dann ihre Schnauze zu Omas Ohr, so nahe, dass ihre Nase darin versank.
“Ich hab dich schrecklich lieb, Oma. Und ich werde dich nie vergessen, Tante Nyota hat gesagt, dass das das größte Geschenk für dich ist. Und ich schenk dir alles auf der Welt. Wenn ich es bekomm. Neruí hilft mir sicher.“
Oh ja, das war ein Versprechen und Caylee würde es halten. Zumindest das mit dem nie vergessen … ob sie jetzt noch ganz viel zum schenken finden würde, war wohl eher schwierig. Immerhin würde Banshee jetzt sterben. Danach brachte das ganze ja nichts mehr. Und was wollte ihre Oma überhaupt noch? Wenn sie jetzt starb, würde ihr ja nicht mal die wunderschöne Mupfel von Neruí etwas bringen. Und die war sowieso weg, so wie Oma bald. Caylee schniefte leise.
Die Schwarze schluckte erneut, hatte Angst vor der Antwort Nyotas. Würde sie sie abweisen? Die kleine Fähe, die die Schwarze im Maul trug warf Kisha nur einen kleinen Blick zu, dann sah sie wieder weg. Hmm.. sie durfte sich einfach keine Gedanken darüber machen. Sie würde wohl noch öfter merkwürdige Blicke zugeworfen bekommen. Es war einfach so.. Wieder neigten sich die Ohren der Fähe nach hinten. Nyota nickte, und einen Moment hielt Aceysha die Luft an. Sie würde ihnen folgen, denselben Weg gehen. Obwohl sie nicht wußte, warum sie diesen Drang verspürte. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Sie seufzte, richtete den Blick dann wieder nach vorn. Und im nächsten Moment rannte eine Welpin an ihnen vorbei, und nun wurde auch die Weiße auf den Boden gesetzt. Und auch diese war im nächsten Moment weg gerannt. Sie seufzte, lief aber sonst weiter stumm neben Nota her.
Und dann ... erkannte sie eine weiße Wölfin, die von den zwei Welpen belagert wurde. Sie erinnerte sich wieder an das Gespräch mit.. Banshee. Ihre Tochter. Diese Fähe sollte ihre Mutter sein. Nyota trat zu der Weißen, berührte sie, so wie die Welpen. Sie selbst neigte nur den Kopf in ihre Richtung, stellte die Ohren auf und sah sie aus den hellen braunen Augen an.
“Banshee..“
Sie wollte etwas sagen, so wie die zwei Welpen. Aber sie konnte die weiße Fähe kaum ansehen, schwieg also lieber. Vielleicht fand sie sonst die falschen Worte? Unruhig spielten die Ohren mit der Luft um sie herum, ehe sie noch einen Schritt auf die Wölfin zutrat.
“Es tut mir Leid..“
Es tat ihr Leid, dass sie diese Wölfin so weh getan hatte. Mit ihren Worten, mit ihrer Verleugnung. Ganz tief in ihrem Inneren spürte sie, dass sie hier bleiben wollte. Nah bei dieser Wölfin, die ihr mehr bedeutete, als sie sich eingestand.
Noch nie, nicht einmal als ihre gemeinsamen Welpen gestorben waren, hatte Banshee Akru so endlos traurig und schwach gesehen. Natürlich hatte sie gewusst, wie nahe ihm ihr Tod gehen würde und doch hätte sie nicht gedacht, dass er angesichts des Endes nun keine Hoffnung mehr finden konnte. Doch auch sie selbst hatte feststellen müssen, dass das lange Wissen vom Ende nichts mehr bedeutet, wenn es plötzlich gekommen war. Dass keine vorher ausgemalten Gefühle denen glichen, die nun aufkamen. Und dass keine Erfahrung, die man auf dieser Welt sammeln konnte, einem ein ähnliches Gefühl geben konnte, wie das, das sie nun in ihrem Herzen spürte. Endgültigkeit, die alles andere nichtig werden ließ, die so unerbittlich war, dass jede Sekunde plötzlich kostbarer als ein ganzes, vorheriges Jahr wurde. Auch jetzt lernte sie noch, auch wenn es ihr nicht mehr helfen konnte. Genauso wenig wie Akru, dem sie so gerne ein wenig Trost gespendet hätte. Stumm wünschte sie sich, dass ihre Familie ihn nicht vergessen würde, dass Tyraleen sich an ihn erinnerte und an die Bedeutung, die er für ihre Mutter und auch sie selbst hatte. Doch mehr als wünschen war Banshee jetzt nicht mehr möglich, außer Worten blieb ihr nichts mehr und diese würden nicht ausreichen, für nichts mehr. Außer um ihr doch noch ein kleines Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn Akru versprach, nicht zu gehen, bei ihr zu sein. Und sie noch immer als Leitwölfin bezeichnete, als starke Fähe, die Banshee immer gewesen war. Es gab ihr neuen Mut. Mut, den sie brauchte, ihm ihn nun fort zu lassen, Mut, der sie aufblicken ließ und ihr die Kraft schenkte, ihrem grauen Freund nachzusehen. Sein Fell, das im Regen beinahe untergehen wollte und doch ihr entgegen schimmerte, sein Körper, der ihr so oft Stärke geschenkt hatte. Es war das letzte Mal, dass sie ihn sehen würde und als ihn die Dunkelheit verschluckte, Banshee für wenige Herzschläge ganz alleine war, blieb ihr Herz still stehen. Kein Atemzug war ihr mehr möglich, kein schwacher Schlag ihres Herzens und die panische Angst jetzt zu sterben überfiel sie mit eisigen Klauen, bis eine Gestalt aus der Dunkelheit auftauchte und sich auf sie warf, als wäre sie ein kuscheliges Mooskissen. Es war Neruí. Leise atmete Banshee ein, blinzelte zu ihrer Nichte und sah in deren große, verwirrte Augen. Es war schön, keine Trauer zu sehen. Welpen sollten nicht traurig sein. Welpen waren das Lächeln der Erde. Und schon im nächsten Moment kam der nächste Welpenblitz herangesaust, warf sich zu ihnen und verlangte ebenso ungestüm und bedingungslos nach Zärtlichkeit wie schon Neruí. Caylee sah zu ihr auf, ihre Augen waren viel trauriger und als sie zuerst auf die Frage ihrer Großcousine antwortete, schnürte es Banshee wieder die Kehle zu. Ja, sterben war nicht schön. Liebkosend begann sie mit der Zunge über das Fell der Kleinen zu fahren, versuchte beiden Welpen noch ein letztes Mal alle Liebe der Welt zu schenken. Schließlich schüttelte sie den Kopf.
“Du hast Recht, Caylee. Man muss sterben, um in diese schöne Welt zu gehen. Und sterben möchte niemand und man kann es auch nur, wenn Fenris einen ruft. Das wird bei euch noch lange dauern. Bis dahin werde ich auf euch warten.“
Sie lächelte zu den beiden kleinen Welpen, hoffte sie auch jetzt nicht traurig gemacht zu haben und lauschte dann den Worte, die Caylee ihr zuraunte. Ja, das Geschenk, nie vergessen zu werden, würde sie hoffentlich erhalten und es freute die Weiße. Sanft berührte sie zuerst Caylee, dann Neruí an der Stirn.
“Dankeschön, meine Kleine. Dann bekomme ich alles, was ich mir noch wünsche.“
Und dann kam ihre Schwester. Banshee sah sie zwischen den tief herabhängenden Ästen der Trauerweiden auftauchen und blickte ihr stumm entgegen. Es würde der schwerste Abschied werden, ein schier unmöglicher. Sie waren Schwestern, gemeinsam aufgewachsen, hatten gemeinsam dieses Rudel gegründet und auch wenn Nyota fort gegangen war, hatte sie den Weg zurückgefunden und war nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Sie war diejenige, die bei ihrer Geburt dabei gewesen war und nun würde sie sie auch in ihrem Tod nicht alleine lassen. Sie hatte ihr Momente geschenkt, die so voller Liebe waren, dass nicht einmal Banshee gedacht hätte, sie könnten existieren. Es waren Momente, die der Himmel geschenkt hatte und er würde sie niemals wiederbekommen. Sie gehörten nun den Schwestern und waren versiegelt in deren Herzen, labten sie auch noch jetzt, in dieser letzten Stunde. Es war eine so wunderschöne Zeit, dass die Tränen nun nicht nur vor Trauer kamen. Nyota hatte immer für sie gekämpft, mit all ihrer Kraft einen Weg durch jeden noch so dichten Wald gebahnt. Und Moment der taumelnden Freude mit ihr geteilt. Banshee erfüllte plötzlich ein alles umspülender Stolz, auch jetzt an ihrer Seite zu sein. Sie bei sich zu haben und zu wissen, dass sie ihre Schwester war. In einer wehmütigen Geste reckte die Weiße ihre schlanke Schnauze der Schwarzen entgegen. Einander berührend harrte sie stumm weinend aus, folgte dann der Bewegung ihrer Schwester, die sich ins Gras sinken ließ und atmete immer wieder den Geruch der Kindheit ein.
“Für immer, Nyota, für immer.“
Pelzig und trocken wollte ihre Zunge schweigen und doch mussten Worte gesprochen werden, bevor Banshee keine Möglichkeit mehr hatte, sie Nyota zu sagen.
“Ich bin so stolz, deine Schwester zu sein. Das war meine schönste Aufgabe auf dieser Welt und ich hoffe, ich konnte sie erfüllen, so wie du es konntest.“
Es tat gut seine Mama an seiner Seite zu spüren, wenigstens war das ein kleiner Halt. Auch wenn es im Angesicht dessen, was passieren würde, nichts ausrichten konnte. Es fühlte sich zumindest nicht ganz so schlimm an, und Turién fühlte sich nicht ganz so alleine in seinen schlimmen Gedanken. Oma Banshee sollte nicht gehen. Er wollte es nicht. Sie war immer da gewesen, und er war natürlich selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie auch für immer bei ihnen bleiben würde. Für immer.
Nicht Schlimmes?! Seine Mama sagte nicht die Wahrheit … er fand es schlimm, wenn man ging, und nie wiederkam. Nie mehr wieder. Er konnte sich das gar nicht vorstellen. Wie lange dieses ‚nie mehr’ sein sollte. Unvorstellbar. Sein ganzes Leben lang?
Seine gelben Sonnenstrahlenaugen blickten bekümmert zu Tyraleen auf, als sie ihm sagte, dass auch sie nichts ausrichten konnte. Wieso konnten sie nichts machen? Wieso?! Das war so unfair. So schrecklich unfair. Niemand konnte was machen. Nicht mal die Erwachsenen. Also musste es Schrecklich sein… Der silberne Rüde hatte gar nicht bemerkt, dass sie immer weitergelaufen waren und in einiger Entfernung Oma Banshee auszumachen. Oma… würde er sie jetzt das letzte Mal sehen? Er schluckte hart, als seine Mama ihn, und seine Geschwister aufforderte, sich von ihrer Oma, die doch für immer bleiben sollte, zu verabschieden. Nerúi war schnell auf und davon – irgendwie typisch für sie. Und normalerweise wäre er ihr sofort hinterher gerannt, aber im Moment verspürte er nicht die geringste Lust ihr hinterher zu hetzen. Es war so anders. Und jetzt war er genauso traurig wie alle anderen, wie die ganze Stimmung, die in der Luft lag. Wie der Himmel. Der war auch traurig. Caylee war schnell hinter Nerúi hergerannt, die zusammen mit Mama-Nyota gekommen war. Und auch eine andere Fähe war gekommen. Die kannte er aber noch gar nicht so richtig, und an ihren Namen konnte er sich auch nicht erinnern. Bekümmert blickte der Winzling zu seiner richtigen Mama hoch, schleckte ihr einmal tröstend über den Fang (er musste sich dabei etwas anstrengen, um überhaupt so weit zu reichen). Sie sah auch so traurig aus, wie sie alle – dann machte auch er sich auf den Weg. Er trabte so schnell er konnte, bis er neben Nerúi innehielt. Er setzte sich leise neben sie und blickte, so wie Caylee und Nerúi zu Banshee hinauf. Und doch kam kein Wort über seine Lefzen, sie war wie ausgetrocknet. Er versuchte sich immer wieder eine Welt ohne Oma Banshee vorzustellen. Sie musste ja aus dieser Welt gehen, um in diese andere, schönere zu gelangen – aber er schaffte es einfach nicht. Sie konnte nicht gehen. Für ihn würde sie immer dableiben. Deprimiert hingen seine großen Ohren seitlich hinab, seine ganze Körperhaltung war geknickt, und als er sah, wie Oma Banshee mit Mama-Nyota umging, und sie beide weinten, konnte auch er seine Tränen nicht zurückhalten. Still und leise rannen sie seinen Fang hinab und dann, zusammen mit dem Regen ins Gras zu tropfen.
Auch er hatte noch etwas sagen wollen, doch so wie Nyota und Banshee nebeneinander im Gras lagen, so friedlich und … ja es war irgendwie magisch fand er. Er wollte sie nicht stören. Seine Worte waren weniger wichtig, als das, was Banshee und Nyota gerade sagten, oder besser gesagt fühlten, taten. Denn auch das hatte der Silberne schon gelernt: Taten sagten mehr als tausend Worte.
Er winselte leise, und drückte sich dann noch etwas an Nerúi. Er hatte noch soviel zu sagen, so viele Fragen, die er seiner Oma hatte stellen wollen, und jetzt würde er es nicht mehr schaffen. Nie wieder. Es war so ein schreckliches Gefühl. Seine Mama hatte gelogen. Es war schrecklich. Sterben war schrecklich.
„Oma, du bleibst für immer bei uns. Für immer! Das versprech’ ich dir. Denn wenn man dich nicht vergisst, dann bist du auch immer da…“
Sein Gesicht war nass - durch seine eigenen Tränen, und denen, die aus dem Himmel kamen. Alle weinten. Alle, weil alle Banshee liebten. Es tat weh Geliebte Wölfe gehen zu lassen. In eine bessere Welt. Und er würde sie nicht vergessen. Nie und nimmer. Denn dann war sie bei ihnen.
Pranke vor Pranke, Schritt um Schritt. Das Haupt immer noch stolz erhoben, die ausgedorrte und magere Kruppe bewegte sich kantig. Die eingefallene Brust hob und senkte sich. Der kalte, ausdruckslose Blick in die Ferne gerichtet – auf seinen Scheiterhaufen. Jede Sekunde wurde das Stechen in der schwarzen Brust schlimmer und schmerzhafter. Das Sehfeld fiel langsam ein. Mit einem Mal ging alles recht schnell. Je näher Acollon seiner Gefährtin kam, je näher seinem eigenen Todesurteil. Es war soweit. Averic und er hatten das Revier der Sternewinde betreten. Angekündigt von den ersten Blitzen, gefolgt von starken Donnerschlägen. Das süffisante Lächeln zum Trotz, oder? Seite an Seite mit seinem Sohn, der nicht mehr als seinen Zorn für ihn empfand. Der Tod war zurück gekehrt, er fand seinen Platz wieder an der Seite des Engayakindes.
Die Spuren im Schlamm sogen sich mit Regenwasser voll, der Dreck hing bereits an dem Bauchfell des Hünen. Passend. Das hohle Lachen des Pechschwarzen wollte auch Acollon ein leichtes Lachen entlocken, stattdessen raubte ihm ein ekelhafter Würgereiz die Luft. Ein kurzes, angewidertes Schnaufen. Fenris konnte noch ein wenig warten und die Ewigkeit ebenso. Bittere Magengalle kroch die Kehle hinauf.
“Schon klar“,
grollte er und kniff die Augen zornig zusammen. Die Muskeln verkrampften sich. Doch der Gang, der Letzte, wurde ohne Unterbrechung fortgesetzt. Ein metallischer Geschmack lag dem Schwarzen auf der Zunge. So schmeckte also der eigene Tod. Sooft hatte der Rüde das Blut Anderer getrunken und geschluckt. Nun würde er an seinem eigenen ertrinken – Ironie. Der Fang blieb eisern verschlossen, doch an den Lefzen entsprang ein roter Quell.
“Ein guter Tag zum sterben“,
meinte er schroff und sah in den grauen, dunklen Himmel. Acollon hatte keine Angst vor dem Ende, auch nicht vor dem Abschied. Er sorgte sich einzig allein um Banshee. Sie würde man vermissen, um sie weinen und die Weiße musste für eine längere Zeit Abschied nehmen. Im Gegensatz zu ihrem Gefährten. Er brauchte niemandem „Lebe wohl“ sagen, nicht weinen und nicht betrauert werden. Bedauerlich nur um dieses Leben. Das Blut tropfte nun gleichermaßen wie das Regenwasser von seinem Fang hinab. Die betäubten Geschmacksnerven störte es nicht. Erstaunlich wie tief die beiden Gotteskinder sich nahe standen, welch Verbindung zwischen ihnen bestand. Der Hüne hatte schon lange Banshees Ende gespürt und war los gezogen. Ohne Rast und ohne Ruhe. Und nun, wo er ihr näher kam, forderte man auch sein Leben – oder Existenz. Acollon hatte es schon immer ein wenig als albern empfunden sich als lebendes Geschöpf zu betiteln. Der Sarkasmus musste nicht auch noch in seiner Berufung gefunden werden.
Da war es. Das vertraute Gefühl. Die Wärme, das Licht. Der stille Ruf nach seiner Nähe. Der süße Duft, der schon hier deutlich zu vernehmen war. Oder wollte ihm seine Nase auch schon den Dienst versagen? Es war wie ihr erstes Zusammentreffen im Sommer. Sie lag im hohen Gras am See und er saß neben ihr. Schweigend hatten sie die Sternenschauer beobachtet. Stundenlang.
'Ich liebe Dich, Acollon', hatte sie gesagt und ihm dabei tief in die Augen gesehen. 'Ich liebe auch Dein leichtes, ehrliches Lächeln.' Unweigerlich hatte der Schwarze lächeln müssen und die Weiße hatte sich darüber gefreut. Nach einer kurzen Weile erhob der Todessohn seine Stimme. 'Ich liebe Dich auch, Banshee. Das Gefühl ist mir fremd, aber es ist gut, denke ich', gestand er. 'Die Liebe sitzt hier', ihre weiße Pfote berührte die dunkle Brust, dort wo das Herz saß.
“Bald bin ich bei Dir, Liebste“,
flüsterte der Dunkle in den tosenden Wind hinein.
Die Augen der Weißen wanderten zurück zu ihrer Heimat. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und wollte nicht mehr weichen - ein Lächeln, das Majibáhs Freude ausdrückte. Und so erinnerte sie sich wieder zurück. Zurück an alte Zeiten, zurück an schöne Zeiten, zurück an Zeiten, die sie vermisste und nachholen wollte.
~ Was wohl inzwischen anders ist? Wird Jumaana dies mir offenbaren oder hegt sie Geheimnisse vor mir. Wenn ja, warum? Wenn nein, woher fasst sie dieses Vertrauen, wo ich ihr bestimmt weniger wert bin als sie mehr? Immerhin war sie meine Bezugsperson und ich jemand, den sie nur flüchtig kennengelernt hatte. Eigentlich hatte sie mich gemocht, doch weiß ich nicht wie sehr. Ich schätze wenig. Ich schätze, es ist so, wie ich es nicht wollte und wie ich es nicht erwartet hätte. Wer ist nun Alpha, wer ist Betawolf? Welche Paare haben sich gebildet und aus welcher Beziehung sind welche Jungen hervorgegangen? Wie sehen die einzigen Kleinen nun aus, sind sie auch so selbstständig geworden wie du oder hängen sie noch immer an ihren Eltern? Welche Veränderung hat mein und Jumaanas Verschwinden gebracht? Mit welchen werde ich leben können und von welchen werde ich enttäuscht sein? Ist es eigentlich komplett anders als damals oder erkenne ich doch noch etwas wieder? Apropos erkennen ... werde ich wissen, wer mein Gegenüber ist, wer mein Gesprächspartner ist? Werden sie mich mögen oder werde ich mich vollends blamieren? Werde ich überhaupt wieder aufgenommen und will ich wieder aufgenommen werden? Wird Jumaana mitkommen oder wird sie gar verbannt werden, weil sie, wie sie meint, vielen Leid zugefügt hat? ~
Fragen über Fragen. Und keine Antwort in Sicht.
Auch die Fähe fröstelte leicht. Doch nur leicht, so war sie doch die Orchidee des Winters und der Winter ihre Jahreszeit. Die Kälte ihr Vertrauter, jahrelang war sie ihr einziger Freund gewesen. Der Einzige, den sie an sich herangelassen hatte und der in ihren Körper hervorgedrungen war. Sie verband so viel damit. Gute und schlechte Erinnerungen, Positives und Negatives. Fast zerriss sie die Neugier, wollte sie doch unbedingt erfahren, was geschehen war und wie schlimm die Ausmaße dessen waren. Und jetzt würde sie es erfahren. Die Weiße lauschte gespannt den Worten ihrer Schwester. Erwartete Gutes, Erwiderung ihrer Freude; als Zeichen dafür stand das Lächeln, das sich auf ihrem Gesicht breitmachte. Doch als sie den Ton Jumaanas wahrnahm, schlugen ihre Gefühle plötzlich um. Sie fühlte mit, sie litt mit - und das, obwohl sie nicht einmal die ganze Geschichte erfahren hatte.
~ Ihre Stimme reicht, diese Unfassbarkeit über ihre eigene Taten ... Muss ich mehr erfahren?~
Auf einmal machte sie sich schlimme Vorwürfe. Majibáh hatte zu leichtsinnig gehandelt. Es war nicht richtig von ihr gewesen zu denken, dass nun alles gut sein würde. Dass sie und ihre Schwester für immer zusammen bleiben würden, dass keine von beiden noch ein Problem haben würden. Und obwohl sie darüber traurig war, dominierte die Wut auf sich selbst. Zitternd versuchte sie, sich unter Kontrolle zu halten, diese Vorwürfe in den Griff zu bekommen. So begann sie, langsam zu sprechen. Langsam und leise.
"Ich mache das gerne für dich, aber vertraut ... vertraue mir doch an, was passiert ist. Wieso habt ihr euren Geliebten verlassen - was, wieso?"
Unwissen plagte sie und zwang sie dazu - ohne sich auch nur ein kurzes Zögern zu erlauben -, ihrer Schwester zu folgen, die das Tal der Sternenwinde betrat. Das Tal, in dem alles begonnen hatte, alle Freude und alles Leid. Das Tal, das weiterhin ihr Leben prägen würde. Das Tal, das sie verbotenerweise betrat ... sie und Jumaana.
Shákru fuhr sich mit der Zunge über die Lefzen und nickte dann, als er Shanis Einwand vernahm.
"Okay, wenn wir ihn gefunden haben, melden wir uns."
Es donnerte und blitzte. Die kleine Sternenleier blickte gen Himmel, seufzte leise. Schließlich stupste er seinen Bruder sanft an und schob ihn in Richtung Rudelplatz. Vielleicht würden sie dort Krolock finden. Minor wusste nun auch noch nicht, wie sich Shani vorstellte, dass das Heulen gegen den Donner ankommen sollte. Außerdem würde der Wind die Stimmen davon tragen, aber darüber konnte man sich noch den Kopf zerbrechen, wenn es soweit war. Shákru schlug ein lockeres Tempo an, in dem sie zügig voran kamen, aber noch miteinander sprechen konnte.
"Du kennst Krolock schon?",
fragte er schließlich seinen stillen Bruder. Er hatte kaum etwas gesagt, als sie bei den beiden Fähen standen. Was war nur los mit ihm? Aber Minor beschäftigte es auch, dass der tot über dem Revier lauerte. Warum sonst sollte es mit einem Schlag solch einen Wetterumschwung geben und die Stimmung sprach ebenfalls für sich. Die grünen Augen blitzten in der Dunkelheit.
Unerwartet zog sich eine völlige Leere durch Krolocks Kopf. Alles verschwand und jeder Gedanke zog sich nur träge hin. Der Schrecken holte ihn ein und wollte ihn niederreißen. Das klaffende, schwarze Loch wurde immer tiefer. Krolock wusste, dass er sich nicht sinken lassen durfte, egal wie verlockend eine lange Stille und Gedankenlosigkeit auch gewesen wäre. Es war reiner Instinkt – und die so schleppende Wut. Die Wut auf Alles und Jeden. Das Rauschen betäubte seine Ohren, raubte ihm die klare Sicht auf all die passierten Dinge. War sein Vater gerade eben wirklich verstorben und beerdigt worden? Nein, das war keine Realität.
“Schon gut.“,
meinte er knapp auf die Entschuldigung des Erwachsenen hin. Der Blick lag nach wie vor auf dem See. Die Augen leicht verengt, nachdenklich und ein wenig glasig. Die Worte Yeriks fanden nur ganz schwer den Weg in sein Gedächtnis. Wie lange es dauerte sie zu überdenken, zu greifen und eine passende Antwort darauf anzupassen! Oder waren es nur Sekunden? Scheißegal. Alles egal.
“Der Alltag ist langweilig. Alles die reinste Wiederholung und genau dann, wenn man am wenigsten damit rechnet, wird einem der Boden unter den Pfoten weggerissen. Ein Abenteuer ist hingegen immer gefährlich, man geht davon aus, dass was passiert. Wie damals mit Caylee. Beinahe wäre sie ertrunken."
Auch er wäre es fast, wenn Nightmare sie damals nicht gerettet hätte. Noch immer war dieser Rüde ein Held in den Augen des Welpen. Er war mutig, scheute keine Gefahr und er lebte... anders als Urion, der einfach gestorben war. Mistrüde!
“Sie sind fern. Die Berge sind fern und man findet dort kaum Leben. Es ist kalt und Alles friert ein. Vielleicht tut es ja dann auch der Schmerz.“
Er biss sich hart auf die Lefzen und unterdrückte ein Fiepen. Zugeben konnte Krolock seine Trauer nicht. Wollte sich davon nicht gefangen nehmen lassen. Nach einigen Sekunden war der dicke Kloß im Haus aufgelöst und die Tränen erfolgreich vernichtet. Der Zorn hatte wieder freien Platz.
“Dort hätte Urion verrecken können! Dann hätten es seine Kinder nie bemerkt und er wäre in völlige Vergessenheit geraten. Dieser verdammter Drecksrüde! Einfach so zu sterben... VERDAMMT!“
Wieder wollte die Aggressivität heraus. Ungewollt hatte Krolock sich vor Yerik aufgebaut und grollte ihn nun an. Das Nackenfell aufgerichtet und die kleinen Zähne gebleckt. Der Brustkorb hob und senkte sich. Die grau-blauen Augen sahen in das Gold des Rüden. Fragen über Fragen. Wut über Wut. Ohnmacht um Ohnmacht. Er wollte nicht fallen.
“Ich kann es nicht unterdrücken.“,
wisperte er leise und ließ den Kopf sinken. Wann hörte dieser Spuk auf? Wann würde dieses Brennen in seinem Inneren aufhören und der Schmerz versiegen? Langsam drohte Alles aus dem Ruder zu laufen. Es drohte zu kippen – dabei war es nicht einmal wichtig in welche Richtung. Wohin soll ich nun gehen? Was tun?
Sharu Naím blieb eng an Isis' Pfote gedrückt sitzen. Die zwei fremden Rüden schüchterten sie ein und auch wenn alle sehr lieb zu ihr waren und ihr viele Komplimente machten, traute sie sich nicht zu sprechen - es würde ja niemand verstehen, was sie empfand. So nickte sie nur ganz leicht um zu zeigen, dass sie alles verstanden hatte. Und Katsumi schenkte sie ein flüchtiges Lächeln. Sicher schräg hinter Isis' Pfote beobachtete sie, wie sich die Situation entwickeln würde.
Chanukas Augen wanderten zu seinen Pfoten und hoben sich den Rest des Weges nicht mehr. Der Wind peitschte um ihn herum und der Regen verschleierte seine Sicht, doch davon nahm er keine Notiz. Die Welt um ihn herum verschwand, ohne dass er wahrnehmen konnte, was eigentlich noch am Rande seines Bewusstseins blieb. Eine Wölfin trat zu ihnen, fragte etwas. Er lief dem bitteren Abschied entgegen, inmitten von vielen anderen Wölfen, die Banshee alle verlieren würden. Genau wie er. Er versuchte sich an gemeinsame Augenblicke mit seiner Mama zu erinnern, um sich an etwas festhalten zu können. Doch ihm wollte nichts einfallen. Sogar in den Bildern aus seiner Erinnerung war sie plötzlich nicht mehr da. Es fühlte sich an, als würde sie einfach aufstehen und gehen, ohne ein Wort. Er hatte gar nicht die Möglichkeit, sie zurückzuhalten, oder zu bitten, mit ihr kommen zu dürfen. Dorthin wo sie ging, durfte er ihr nicht folgen, egal wie sehr er dass wollte. Was sollte er allein unter all den Fremden? Wer würde ihn beschützen?
Zögerlich schüttelte er den Kopf und sah auf. Die Luft war erfüllt von vielen verschiedenen Stimmen, die er bis gerade eben nicht wahrgenommen hatte. Turién, Nerúi und Caylee waren bei seiner Mama, außerdem Nyota und Kisha. Seine Geschwister waren schneller gewesen, als er und er empfand Wut darüber, dass sie sich vorgedrängelt hatten, obwohl er natürlich wusste, dass er dazu kein Recht hatte. Er wollte seine Mama jetzt für sich alleine haben, aber es würden nicht weniger Wölfe werden, sondern nur immer mehr kommen. Keine Sekunde würde er mit Banshee alleine sein. Natürlich war ihm das irgendwie klar gewesen, doch jetzt plötzlich störten sie alle und er wünschte, sie würden verschwinden.
Versprechen über Versprechen und tausend Reden über die andere Welt. So viele Geschichten, die alle nichts an der Tatsache änderten, dass Banshee sterben würde. Gehen, für immer. Seine Mama, die einzige die er hatte. Die einzige, bei der er sein durfte. Seine Familie. Dass hier alles sollte seine Familie sein, aber er war ja doch irgendwie anders. Anders. Falsch. Besonders. Wie er es auch drehte und wendete, er kam sich nicht besonders vor und deshalb musste er auch teilen. Aber wenn seine Geschwister nun auch ‚Auf Wiedersehen’ sagten, so sagten sie dies doch nur zu ihrer Oma. Und wenn sie es gesagt hatten, konnten sie sich zwischen den Läufen ihrer Mama verstecken und Schutz suchen, solange sie wollten. Er hingegen würde sich nie wieder so geborgen fühlen können. Die bernsteinfarbenen Augen blickten unsicher und hilflos umher. Noch immer stand er am Rand des Ganzen und wusste nicht, was er tun sollte. Es widerstrebte ihm, sich unter seine Geschwister, oder Nichtgeschwister zu mischen und so zu tun, als wäre er ein Teil von ihnen. Da war kein Platz für ihn, also setzte er sich und wartete ab. Ihm wollte sowieso nicht einfallen, was er zu seiner Mama hätte sagen sollen. Vielleicht, dass sie sich keine Sorgen um ihn zu machen brauchte. Er würde schon durchkommen, auch wenn es ihm unmöglich schien. Er wusste, dass sein Leben nicht hier zu Ende gehen würde, auch wenn es sich so anfühlte.
Chanuka ließ sich zu Boden fallen und legte den Kopf auf die Pfoten. Unbewegt starrte er eine Weile ein Blatt an, das vor ihm lag, als würde es ihm antworten können. Aber es war ein totes Blatt. Sein Leben hatte aufgehört, als es sich von dem dünnen Ästchen getrennt hatte, an dem es gewachsen war. Hinter dem Blatt tauchte Banshees großer Körper auf und bei ihr noch immer seine Geschwister. Es sah schön aus, sehr zusammengehörig. Eine friedliche Abschiedsszene, voller Schmerz, Hoffnung und Liebe.
Katsumi blickte in die kleinen Augen von Sharu Naím und sah darin die seine spiegeln. Und ere sah noch viel mehr. Eine Sonne schien auf eine saftig grüne Wiese auf der kleine Welpen um die Wette liefen. Ascot war an der Spitze, dicht verfolgt von Aslan und auch nicht weiter hinter ihm Aaliyah. Sie liefen durch die Fluten der Sonne, durch die Blumen mit dem Wind. Sorglos. Ohne Ängste. Ohne irgendwas. Und alles spiegelte in den Augen der kleinen Fähe die dicht an Isis gekuschelt war. Der Braune hob sein Haupt und sah seine Sandkönigin an, zwinkerte ihr lieb zu. Dann wandte sich der ehemalige Alpha Liam zu. Katsumi lächelte, als der Rüde dem kleinen Fellknäuel Mut zusprach und innerlich hoffte der Braune, dass sie einst wieder zu sprechen beginnen würde. Als der neu Angekommene seinen Freund vorstellte, drückte Katsumi kurz seinen Körper aus dem Schlamm, um zu sehen, ob er helfen konnte. Doch Liam schritt bereits los, um seinem Gefährten zu helfen. Der Fünfjährige spürte die interessante Stimmung um die beiden anderen Rüde und erklärte sich diese mit dem Wort Liebe. Liebe hatte nun mal keine Grenzen, egal, wohin sie einem führte. Liebe, ein ewiger Begleiter des eigenen Weges. Liebe, mächtiger als der Tod. Katsumi akzeptierte, das Kandschur und Liam anders waren. Wobei sie es gar nicht wirklich waren. Anders. Anders klang so seltsam. So, als würden sie auf zwei an Stelle von vier Beinen gehen. Anders war das falsche Wort. Die Beiden waren ganz normale Wölfe, lediglich die Gefühle und Empfindungen unterschieden sie von den restlichen Rudelmitgliedern.
"Es freut mich sehr, euch zu treffen, meine Freunde. Oh, kommt ruhig hier her. Das Leben ist noch lange genug um die Zweisamkeit zu geniessen. Kommt."
Freundlich lächelte der Braune seine neuen Freunde an und sah entschuldigend zu Isis, die hoffentlich nichts dagegen hatte. Zärtlich drückte Katsumi seine warme Nase an den Kopf der Weissen, hob dann sein Haupt, um Isis zu Liebkosen. Sanft drückte er seinen Kopf an ihren, leckt mit seiner warmen Zunge über ihren Kopf, zog an ihrem Ohr. Noch immer war der Tod verdrängt. Noch immer schien hier der Frieden zu Hausen. Aus den Augenwinkeln sah Katsumi, wie Kandschurs Mimik sich veränderte, wie anscheinend eine Maske auf ihn glitt und wie der Rüde sich nach Hinten verdrückte.
"Kandschur...? "
Verwirrt sah Katsumi hilfesuchend zu Liam. Dieser musste wissen, was im Kopf seines Gefährten vorging.
Jakash war fixiert. Auf sich. Auf die Wärme seiner Schwester. Darauf, wie gut ihm das tat und wie sehr der Beistand Rakshees und Sheenas sein Leiden linderte.
Das dicht bei ihm noch jemand litt, bemerkte er nicht. Bemerkte nicht Rakshees Wut, bemerkte nicht Sheenas Verzweiflung. Er hätte sich auch gar nicht vorstellen können, dass soetwas jetzt, in diesem Augenblick, geschehen könnte. Großmutter Banshee starb, und solch entwürdigendes Verhalten wollte so gar nicht in diese Szenerie passen. Es war einfach zu falsch, und Jakash zu sehr auf sich selbst fixiert, als dass ihn das Geschehen, das sich um ihn und zwischen den beiden Schülerinnen Banshees abspielte, berührt hätte. Jakash zog den Kopf aus Rakshees Halsfell zurück und sah in ihrem Blick nur die verzwifelte Trauer, die auch er in sich spürte. Nur ahnte er nicht, dass ihr Gesichtsausdruck nicht durch den baldigen Tod ihrer beider Großmutter verschuldet war, sondern durch etwas ganz anderes. Und so hatte der Schwarze tröstend gelächelt, nicht wissend, dass es so völlig fehl am Platze war. Sein Blick hatte Sheena gestreift, als er sich zum Gehen wandte, aber nur gesehen, dass sie sich abgewandt hatte. Zu blind für das Drama, dass sich in seinem Beisein abgespielt hatte und noch immer abspielte, schritt er voran dem Trauerzug hinterher. Hinter ihm Sheena, zu der Ahkuna aufschloss, und dahinter wiederum Rakshee. Die Worte, die gewechselt wurden, vernahm er nicht, zu leise wurden sie ausgesprochen. Ein Blick zurück zeigte ihm drei trauernde Fähen im Angesicht von Banshees Tod. Dass da in Wahrheit mehr war, war an ihm vorbeigezogen und blieb ihm nun verborgen.
Die Minuten, die sie so dahin liefen, schienen Jakash wie eine Ewigkeit. Der Zug der Trauernden hatte inne gehalten, sodass sie nun zu den anderen aufschlossen. Vorraus veränderte sich die Umgebung, die gewöhnlichen Bäume des Waldes wichen einem Hain von Trauerweiden. Jakash blieb am Beginn dieses Haines stehen, ergriffen von der Szenerie, die sich ihm bot. Nur langsam wagte er es, näher zu treten. Einerseits wollte er die letzten Augenblicke, die seine Großmutter mit ihren Jüngsten Enkeln verbrachte, nicht unterbrechen - andererseits war sie aber auch SEINE Großmutter. Er hatte ein Recht darauf, sich ein letztes Mal zu ihr zu gesellen.
Der bisherige Gang war schwer gewesen, und diese Schritten hätten noch schwerer sein sollen. Seltsamerweise waren sie es jetzt nicht mehr. Vielleicht, weil jetzt gewiss war, dass er nicht zu spät kommen würde. Zeit schien plötzlich keine Rolle mehr zu spielen, so paradox dieser Gedanke für ihn selbst auch war. Jakash trat zu seiner Großmutter und den Welpen. Ein kurzer Blick galt seiner Tante, dann richteten sich die grünen Augen wieder auf Banshee. Jakash lächelte, ein ehrliches Lächeln, auch wenn es von Traurigkeit gezeichnet war. Sanft fuhr er mit der Schnauze über Wange und Stirn seiner Großmutter, dann grub er sein Gesicht in ihren Hals, wie er es zuvor bei Rakshee getan hatte. In seinem Hals steckte ein Kloß, und der Schwarze schluckte schwer, als er sein Gesicht wieder hervorzog und Banshee ansah. Er wollte etwas zu ihr sagen, aber keine Worte wollten sich auf seine Zunge verirren. Es gab zuviel, dass er ihr sagen wollte, zuviel für diesen Augenblick. Aber etwas sagen wollte er. Jakash schluckte erneut, und der Knoten schien von seinem Hals hinab in seine Brust zu sinken, wo er sich fester zusammen zog.
"Ich hab dich lieb, Großmutter ..."
27.12.2009, 13:15
Die Schwarze hörte viel zu leise Banshees Stimme, als diese zu den Welpen sprach. Caylee war schon da, und Nerúi. Ihre Tochter. Aber Nyota war so taub, alles war so grau, um sie beide herum. Selbst die Kleinen. Selbst ihre Tochter. Alles graute aus, im Angesicht ihrer Liebe, im Angesicht ihrer Schwester. Was auf der Welt könnte mehr leuchten als Banshee selbst? Die Schwarze strich sanft mit der Schnauze um die ihrer Schwester, sog ihren Duft ein, der so viel intensiver war als je zuvor, und der so viel in sich trug, soviele Erinnerungen. Soviel Leben.
Nyota hatte die Augen geschlossen, und schlug sie nun wieder auf - ihre Welt war verschwommen von all den Tränen, und kein Blinzeln konnte sie lange genug zur Seite wischen, sodass sie klar sehen könnte. Trotzdem sog ihr Blick auf, was er erfassen konnte. Nyota wusste wie Banshee aussah, sie kannte jedes Haar - sahen ihre Augen auch nicht mehr klar, so wusste ihr Herz um jede Regung in Banshees Gesicht. Jedes Wort ihrer Schwester trieb ihr weitere Tränen auf die Wangen, sie wollten nicht aufhören aus ihren traurigen Augen zu quellen. In der Schwarzen mischrte sich sovieles - all das Glück, all die Momente, alle Stunden mit Banshee, von ihrer Jugend hin bis heute. Alles Glück, alles Leid, was sie getragen hatten, was sie geteilt hatten. Und alle Liebe, die sie einander nie versagt hatten, die sie immer verbunden hatte. Und immer verbinden würde. Ihre Stimme war schwer vor Tränen, als sie den Fang öffnete, und leicht vor Glück.
"Für immer, Banshee."
Es wäre einer Besiegelung gleich gekommen, wäre der Bund zwischen ihnen nicht längst in ihre Herzen gebrannt. Es gab nichts, was sie trennen konnte, und dennoch war es so schmerzhaft, Banshee auf diesem Weg nicht mehr begleiten zu können. Es zerriss sie.
"Um nichts auf der Welt hätte ich eine andere Schwester gewollt -"
Sie brach ab, Tränen erstickten ihre Stimme, und war es ihre Aufgabe gewesen Banshee zu stützen bis hierhin, so war es nun Banshee, die ihr die Kraft schenkte weiterzusprechen. Weiterzuleben.
"Ich liebe dich, Banshee."
'...und ich werde dich nicht lange warten lassen.'
Heute war nicht der Tag an dem sie starb - heute war der Tag, an dem der wichtigste Teil von ihr ging. Und heute war der Tag, von dem ab sie die Tage zählen würde. Lachend und weinend, so wie jetzt. Weder Chanuka, noch Jakash drangen bis in Nyotas Bewusstsein vor. Da war kein Platz für jemand anderen mehr.
Nerúi hatte es sich gerade gemütlich gemacht, als Caylee an ihre Seite geflogen kam. Ihre Schwester war so schön warm, dass Nerúi sich über den ungewohnt engen Kontakt gar nicht weiter wunderte. Es fühlte sich nur schön an. Was Caylee nun sagte, war nicht mehr so schön. Nerúi wusste, was Sterben war. Das war das, was Kaede gemacht hatte. Und seit dem waren Krolock, Ciradán und Liel immer so furchtbar traurig. Und Kaede war fort geblieben, von diesem Tag an. All das, was Nerúi vorher nicht begriffen hatte, stürmte nun mit solcher Heftigkeit auf sie ein, dass es sie von den Pfoten geworfen hätte, wenn sie nicht schon an Banshee gekuschelt gelegen hätte. Sie begann zu zittern, und nicht Banshee noch Caylee konnten Nerúi jetzt wärmen. Es war so furchtbar kalt...
Banshees Zunge fühlte sich unwirklich an, obwohl Nerúi ihre Liebkosung genoß, und auch auf Caylees Vorstoß hin noch nickte. Natürlich würde sie ihr helfen, beim An-Oma-denken genauso wie bei allem Anderen.
Auch Nerúis Augen liefen nun über vor Tränen, die sich klein und glänzend in ihrem Fell und im Fell von Oma und Caylee verloren. Turién kam, und Nerúi wartete nicht ab dass er sich ankuschelte, sondern warf sich gleich auf ihn, drängte gegen ihren Silberbruder und suchte die verlorene Kraft bei ihm. Die Schwarze spürte, dass er weinte, und dass sollten sie doch alle nicht. Keiner sollte weinen, keiner! Sie sollten alle aufhören - es machte sie doch nur immer noch trauriger! Aber Nerúi war längst zu traurig, zu verzweifelt, um noch irgendetwas sagen zu können. Und ungeachtet Nyotas Auftauchen, weinte sie all ihe Tränen einfach in Turiéns Fell hinein. Ganz so, als würden sie noch irgendetwas ändern können. Ganz so, als sei es noch nicht zu spät.
Es war immer zu spät.
Das Bild vor Averics Augen vermischte sich zu einer einzigen, grauen Masse, die nur noch aus verschiedensten Kontrasten und Schatten bestand. Der tosende Sturm erschwerte seine farblose Sicht und doch kannte er jeden Klecks dieses Schattenspiels in und auswendig. Er wusste, wo sie waren, er wusste, wo sie lang gingen und er wusste, wo sie ankommen würden. Er wusste, wie alles endete. Blind.
Seine Pfoten trieben ihn weiter und mit jedem Herzschlag wurde es immer kälter. Das Wissen, dass heute der größte Wolf auf Erden sterben würde, wollte ihn einfrieren. Seine Mutter, eine Wölfin, dessen Güte und Macht noch immer alles überstieg, was Averic je gekannt hatte. Er konnte und wollte sich nicht vorstellen, dass es sie ab diesem Tag nicht mehr geben würde und verschloss sein Innerstes davor. Doch der noch junge Wolf wusste, dass alle Ketten gesprengt werden würden, sobald er ihr wieder gegenüber stand. Zusammen mit Acollon, seinem Vater. Averic wandte seinen Kopf zu eben jenem und obwohl sein Blickfeld normalerweise ganz und gar grau war, stach ihm jetzt die Blutsfarbe direkt und fast schmerzhaft in die Augen. Es war nur dieses kleine Rinnsal an seinem Fang und doch deutlicher, als alles um ihn herum. Es ging zuende. Er biss sich etwas fester auf die Lefzen und sah wieder nach vorne.
„Ich hoffe du schaffst es zu ihr, ohne das ich dich stützen muss. Täte deinem Image sicher nicht gut.“
Das kleine Grinsen auf seinem Gesicht wollte nicht bleiben und wirkte etwas verzerrt. Aber er musste stark und schroff bleiben. Denn dies war sein eigenes Image. Selbst in so einer Situation waren sie beide viel zu stolz, um es nicht zu bewahren. Wer hätte Averic je freundlich gegenüber Acollon erlebt? Nur dieser selbst. Einmal.
Der Schwarze trieb sich vorwärts durch den Schlamm, zwischen den Bäumen hindurch und wusste, dass sie immer näher kamen. Trotz des Sturmes meinte er den Geruch seiner Mutter stärker wahr nehmen zu können, aber die Wirklichkeit war, dass Banshee einfach überall war. Es war ihr Tal. Averic schloss die Augen und lief vorwärts, schützte die Augen vor dem Regen und vor dem Sehen. In der Ferne leuchtete ihr Licht. Ihre Flamme, die so viel größer war, als alles andere. Er brauchte sie nicht sehen, um sie finden zu können.
„Wir sind bald da ...“
Kursaís Augen weiteten sich vor Freude als sie Rakshee wieder erkannte. Freudentränen liefen ihr die Wangen runter.
„ Oh Rakshee ich hab euch Alle so vermisst“
Erklang ihre Stimme etwas gedämpft da auch sie nun Rakshees Fell mit der Schnauze berührte
„Oh, wie hab ich euch Alle vermisst!“
Sagte sie erneut und sah ihrer Schwester in die Augen. Als Diese nun erzählte was los sei stockte ihr der Atem.
„ Oma stirbt? Nein das kann nicht sein!“
Stotterte sie und wirkte total perplex. Nun als Rakshee dann auch noch erzählte das ihr Vater auch noch tot sei brach für sie eine ganze Welt zusammen, schließlich war sie noch vor nicht all zu langer Zeit mit ihm zusammen gereist. Weitere Tränen nun aus Kummer suchten sich nun den Weg über Kursaís Wangen. Auch die Ohren die Vorher so freudig aufgestellt waren hatte sie nun angelegt.
„Er ist tot? Wie lange schon?“
Fragte sie mit leicht zittriger Stimmer, versuchte jedoch stark zu bleiben. Sie bemerkte die Blitze und das Donner grollen des Unwetters nun beinahe nicht mehr , sie war fast gänzlich in sich versunken.
.oO( Nein, nein, nein, das darf doch nicht sein. Oma darf nicht sterben und Vater darf nicht tot sein. Das kann Alles nicht wahr sein, soviel kann doch nicht in solch einer kurzen Zeit passieren! )Oo.
Schoss es ihr verzweifelt durch den Kopf und einen Moment lang wirkte sie leicht abwesend,als wäre sie nicht mehr hier. Dann faste sie sich wieder, ihr Fell wehte etwas im Wind welchen sie nun wieder bewusst zur Kenntnis nahm. Einen Moment sah sie hoch in den Himmel wo sich ein Blitz seinen Weg gesucht hatte dann sah sie Rakshee mit beinahe versteinerter Miene an,ließ sich nichts weiter anmerken außer etwas Trauer welche sich in ihren roten Augen wieder spiegelte.
„Nun, dann sollten wir uns wahrhaftig beeilen um noch von Großmutter Abschied zu nehmen. Nicht dass wir zu spät kommen und wir ihr nicht mal mehr auf Wiedersehen sagen konnten.“
Nun sah sie wieder etwas von Rakshee weg zu den Anderen und auf den Weg auf welchem sie gingen.
.oO (Viellicht war es ja doch etwas das Schicksal, das mich genau zu diesem Zeitpunkt hier her brachte. Wahrscheinlich wollte es, dass ich es wenigstens noch schaffe ihr auf Wiedersehen zu sagen, nur ein letzter Abschied.) Oo.
Dachte Kursaí und senkte etwas betrübt den Kopf wehrend ihr Blick noch einmal den Weg entlang schweifte.
Isis lächelte die ganze Runde freundlich an. Sie wusste, was Liam und Kandschur verband, schon lang und umso mehr freute sie sich, dass auch Katsumi kein Problem damit hatte, sondern die beiden Rüden willkommen hieß zu bleiben. Die kleine Ägypterin entspannte sich etwas, als auch Sháru wieder etwas ruhiger wurde, aber wachsam die beiden Rüden betrachtete. Es war schon ein schönes Gefühl solch einen Fellballen zu spüren.
"Ja, bleibt ruhig",
erwiderte auch Isis und sah lächelnd zu Katsumi um seine Zärtlichkeiten zu erwidern. Leich drückte sich sich an den Rüden, als dieser sich plötzlich erhob. Auch ihr war aufgefallen, dass es Kandschur nicht gut ging und als dieser sich plötzlich erhob, verspannten sich auch wieder ihre Muskeln. Was war denn nur los? Wusste Liam genaueres? Isis wollte nicht auch noch aufstehen, wo Sháru sich doch endlich etwas beruhigt hatte, aber dennoch stemmte sie sich nun langsam nach oben, fuhr mit ihrer Zunge über den Kopf des Welpen und packte sie dann an ihrem Nacken, wie eine Mutter, die ihr Junges trug. Unsicher blieb sie neben Katsumi stehen, blickte sich prüfend um, ob hier keine Gefahr drohte und ließ Sháru wieder auf den Boden sinken. Ihre goldenen Augen waren sorgenvoll, ihre Worte an Liam gerichtet:
"Was ist nur mit Kandschur? Gibt es ihm nicht gut?"
Caylee schniefte leise, während sie an Banshee und Neruí gekuschelt die Zeit vergessen wollte. Warum konnte Engaya ihnen nicht die Zeit anhalten? Sodass sie ewig hier liegen konnten und Oma niemals sterben müsste? Denn das kleine Welpenherz hatte schon gespürt, wie ihnen die Zeit wie Sand zwischen den Pfoten zerrann und dass diese innigen Sekunden vielleicht die letzten waren. Das Verständnis der Weißen reichte noch nicht aus, um alle Gedanken zu ende zu denken, die Tatsache zu begreifen, dass sie niemals mehr mit ihrer Oma kuscheln konnte – nur ihr Herz hatte es erfasst und schickte Tränen in die großen Welpenaugen. Banshees Antworten auf ihre leisen Worte, lösten in ihr noch gemischtere Gefühle aus. Einerseits war es wunderschön zu hören, dass ihre Oma auf sie warten würde, andererseits hatte ihre Oma selbst gesagt, dass niemand sterben mochte, also auch nicht sie selbst. Aber sie musste, weil Fenris sie rief. Obwohl Caylee wütend auf den blöden Todesgott werden wollte, fand sie keinen Zorn und auch keine wilden Rebellengedanken in sich, die sonst in solchen Fällen aufkamen. Nur die Trauer. Und die Erinnerung an Nyotas Gesicht, als sie ihr gesagt hatte, dass man weder Banshee noch Fenris überreden könnte. Wieder schniefte die Weiße, rang sich aber ein Lächeln ab, weil ihre Oma sich bei ihr bedankte und sich wohl wirklich darüber freute.
“Dann ist ja alles gar nicht so schlimm, dann sehen wir uns ja irgendwann wieder.“
Sie hatte ganz leise, mehr zu sich selbst gesprochen und versucht, sich ihre eigenen Worte einzureden. Aber es fühlte sich trotzdem schlimm an und die Tränen hörten auch nicht auf. Als Turién auftauchte, sich zu ihnen setzte und Neruí sich gleich an ihn schmiegte, dachte Caylee keine Sekunde nach, schmiss sich ebenso an die Seite ihres Bruders wie zuvor an die ihrer Schwester-oder-so und genoss das immer größer werdende Kuscheln. Sonst suchte sie selten Zärtlichkeiten und noch seltener bei ihren Geschwistern, aber jetzt fühlte es sch schön an und war immerhin etwas Gutes in dieser schlimmen Situation. Zwischen Banshee, Neruí und Turién gekuschelt schloss Caylee die Augen, schniefte noch einmal leise und versuchte alle anderen Wölfe auszublenden. Nyota, die jetzt mit Banshee redete, die komische Fremde, die auch etwas sagte und all die anderen, die noch kamen. Sie spürte, dass nun auch Neruí weinte, obwohl die Schwarze immer so stark war, aber wie hätte sie sie trösten können? Mit ihren eigenen Tränen und einem Schluchzen schmiegte sie ihre Stirn an Neruís Wange und leckte dann eine Träne aus dem Gesicht ihrer Schwester-oder-so. Vielleicht könnten sie sich ja wenigstens gegenseitig ein bisschen trösten.
Geduldig ruhten die blauen Augen auf den dunkleren seines Gegenübers. Der Sturm zerrte an dem schwarzen Pelz und der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Nur kurz hob Midnight den Kopf, den Blick sorgenvoll gen Himmel gerichtet. Der Sturm verhieß nichts Gutes und es lag noch deutlich mehr in der Luft, als sich der Nachtsohn eingestehen wollte. Natürlich, es würde die Wende kommen. Etwas Endgültiges geschehen, welches niemand zu verhindern mochte. Die Regentropfen fielen wie Tränen von der dunklen Schnauze, die sich langsam wieder auf Augenhöhe senkte und dem Dunklen nach einer Weile der Stille eine leise Antwort schenkte.
„Das Leben selber wird sterben.“
Mehr als diese eigentümlichen Worte, über die der Rüde mal nach denken sollte, gab er ihm nicht. Sollte er verstehen, was er wollte, sollte er denken, wozu er Lust hatte. Es spielte keine Rolle, ebenso wenig, wie alles weitere keine Rolle spielte. Schweigend beobachteten die blauen Augen, wie die andere Schnauze die aufgeweichte Erde fast schon ehrfürchtig berührte, dann schlossen sich die leeren Seelenspiegel.
Die unwissenden Worte hämmerten in seinem Schädel nach, wie laute Donnerschläge, wie sie auch hoch über ihnen erklangen. Es konnte jeden Tag jeden von ihnen treffen. Zu jedem Zeitpunkt könnte Fenris sie zu sich rufen. Natürlich. Das war dem Totenwandler mehr als nur bewusst. So sehr hatte er sich gewünscht, dass auch seine Zeit käme, hatte versucht sich in die Pfoten des Todesgottes zu begeben. Doch Engaya, dass Leben, ließ ihn nicht ziehen – hielt noch eine Aufgabe für den Rüden mit der leeren Seele bereit. Welche dies war, vermochte Midnight nicht zu sagen, doch inzwischen war es unerheblich für ihn, ob er lebte oder starb. Er hatte keine Angst und sollte es noch eine Aufgabe für ihn geben, so würde er diese annehmen.
„Frage Fenris gleich, solange er neben dir steht.“
, gab die ruhige Stimme zurück, dann wandte der Schwarze den Blick von dem Neuling ab und blickte in Richtung Wald. Obwohl seine Seele leer und sein Innerstes kalt war, so konnte er es doch spüren. Ein Ziehen in seiner Brust kündigte mit einem dumpfen Glockenschlag das Ende an.
Es war so anders als sonst. Einfach alles. Der Himmel, die Bäume, das Gras, die dunklen Wolken, der Regen, und die Wölfe. Turién nahm sie dieses mal viel stärker wahr als sonst, dann wiederum verschwamm seine Wahrnehmung und nur noch diese dumpfe Trauer, begleitet von Hilflosigkeit war bei ihm. Der kleine Silberrüde blickte mit vertränten Augen zur Seite, dort wo Nerúi war und sich sofort an ihn gedrückt hatte. Es war schön so so. Und kurz darauf war auch Caylee da, und das war noch schöner in so einer einsamen Situation. Es war schön zu wissen, dass man nicht alleine war, und die anderen mindestens genauso traurig wie er. Und er konnte seine Tränen einfach nicht stoppen, sie flossen aus ihm heraus, als ob er noch nie geweint hätte, als ob all seine Trauer darüber, dass er Oma Banshee nie wieder sehen würde, sie nie mehr berühren und spüren konnte, nie mehr ihrer Stimme hören könnte... sie wollte heraus. All der Schmerz bahnte sich seinen Weg durch Tränen aus ihm heraus. Mit geschlossenen Augen drückte er sich an seine beiden Schwestern, und ein leises Winseln konnte er einfach nicht unterdrücken. Es war so schrecklich unfair. Warum sie? Warum nicht jemand anderes? Warum ausgerechnet seine Oma?! Er wusste noch nicht, dass diese Gedanken unfair und unberechtigt waren - jemand anderen den Tod zu wünschen war nicht gut. Doch in diesem Moment war ihm das einfach egal. Seine Oma sollte nicht gehen, nicht seine. Und die anderen sollten nicht so traurig sein, dann musste er doch auch weinen ...
Seine Rute war halb eingeklemmt zwischen seinen Beinen während er geknickt seinen Kopf an Caylee rieb und ihr ein paar Mal mit seiner kleinen Zunge über Nacken und Kopf fuhr, so wie Mama und Papa das immer machten, wenn sie traurig waren. Er war doch ihr Bruder, er musste seine Schwestern trösten. Seine sonnenfarbenen Augen waren nun zwar geöffnet, doch sehen konnte er mit ihnen nicht. Da war nur die Nähe seiner Geschwister, seiner Oma, die gehen musste, aber nicht wollte. Wehmütig führ er nun auch mit seiner Zunge über Kopf und Nacken von Nerúi, um auch ihr ein bisschen Trost zu spenden, bevor er seinen Kopf zwischen seine Geschwister legte, und nur schluchzend etwas sagen konnte.
"Das ist unfair..."
Seine Stimme war kaum ein Flüstern, und es war ihm egal ob jemand sie hören würde oder nicht. Es war eher um sich selbst zu bestätigen, dass das ganze hier unberechtigt war, einfach nicht Richtig. Das war nicht fair.
Ayv folgte Shákru, seinem schwarzen Bruder, der ein lockeres Tempo einschlug und Ayv hatte keinerlei Probleme, ihm zu folgen. Über seine Frage dachte er dann jedoch erst einmal nach. Wie sollte er auf diese Frage antworten? Einfach mit 'Ja' ging nicht. Das wusste er. Ein seltsames Zittern ging durch seinen Körper. Es war ein Zittern der Freude, weil er Gewitter liebte.
"Man kann nicht direkt sagen 'kennen', aber doch, ja, ich kenne ihn bereits. Er hat es mir zu Anfang nicht leicht gemacht. Er machte mich für den Tod seines Vaters verantwortlich und war nicht gerade freundlich zu mir. Aber ich bin ja auch nicht zu einer unbedingt passenden Gelegenheit aufgetaucht."
Ayv verstummte wieder und seine schwarze empfindliche Nase schlängelte auf dem Boden hin und her. Er nahm die Gerüche auf, die nur noch sehr gering vorhanden waren und einer ungeübten Nase entgingen. Da er allerdings nur seine Nase und seine Ohren zur Orienttierung hatte, hatte sich sein Geruchsinn sehr ausgeprägt und nun profitierte er davon.
Er nahm den eigentlich längst verschwundenen Geruch des kleinen Krolock auf, den er sich gemerkt hatte, und folgte der sehr schwachen Spur am Fluss entlang. Erneut durchzuckte ihn ein Schaudern, als er einen Blitz hörte und wage den hellen Umriss am Himmel erkannte.
"Wie sehen Blitze aus?"
fragte Ayv plötzlich. Die Frage brannte ihm seit Jahren auf dem Herzen, nun wollte er endlich eine Antwort haben.
Polar betrachtete mit einem ruhigen Ausdruck in den Augen den schwarzen Wolf vor sich. Doch hinter dieser ruhigen Fassade verbarg sich die Unruhe und ein bisschen vielleicht auch die Verzweiflung an sich selbst. Er beobachtete, wie er seinen Blick gen Himmel hob, wie die Regentropfen an seinem bereits klitsch nassen Fell abperlten und wie sie dem Boden entgegenfielen. Er vernahm seine Antwort, sie hämmerte sich in sein Gehirn rein und doch konnte er sie nicht hören. Er war wirklich zu einer Statue erstarrt, die alles gleichgültig aufnahm. Erst, als ein weiterer Blitz über den Himmel zuckte und seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, hob er den Blick. Er beschäftigte sich einige Zeit mit seiner Antwort, das Leben würde sterben, und gab ihm Recht.
Er nickte.
"Es stimmt, auch das Leben wird sterben."
Er senkte wieder seinen Blick. Den Blick eines unwissenden Wolfes, der gerne mehr über alles wissen würde.
Als er dann sagte, er solle Fenris fragen, solange er noch neben ihm stand, schoss sein Blick erst gen Himmel, dann wieder zurück und er starrte tief in die blauen Augen seines schwarzen Gegenübers.
"Dein Name?"
fragte das Schneefeuer leise.
"Wie lautet dein Name?"
Alles wurde schwer und drückend. Ein schwarzer Schleier hatte sich auf das Augenlicht gelegt. Fenris ließ seine Pfote über Acollon schweben und zwang ihn in die Knie. Weder Stolz, Kraft noch Wille konnten ihn über die Schmerzen hinaus tragen. Der Wunsch endlich bei seiner Gefährtin zu sein, hielt ihn auf den Pranken. Das Blut sickerte nun in Strömen hervor und der Schwarze konnte es nicht mehr verhindern, offenbarte seine inneren Verletzungen. Die grauen Augen schlossen sich – der Hüne kämpfte. Härter, tobender und geschwächter als je zuvor. Er kämpfte mit dem Tod, der ihn so lange bewacht hatte. Jeder Schritt wurde zu reinsten Qual, als laufe er über spitze Steine und seine Ballen waren schon geschunden und wund. Die Brust brannte, als züngelte sich Feuer an ihr empor und der Fang fühlte sich zertrümmert an, als hätte man ihn gebrochen. Bei all dem Leiden musste der Schwarze zugeben, dass er sich nie lebendiger gefühlt hatte, nie stärker und nie so von einer Sehnsucht getragen. Hier, an der Seite seines Sohnes, würde er zum ersten Mal in den vielen Jahren den richtigen Weg gehen. Auf die Worte des Pechschwarzen hin lächelte er nur leicht. Ihm wurde klar, dass sein Stolz immer viel zu groß gewesen war, um Schwächen und Gefühle zeigen zu können. Und im Augenblick des Todes erkannte er, wie falsch sein Handeln auf Andere gewirkt hatte. Acollon hatte immer die Ferne gesehnt, aus Angst vor sich selbst. Ja, der Todessohn hatte Angst empfunden. Das kostbare Gut in seinen Pfoten – seine Gefährtin, seine Kinder – wollte er nicht zerstören und so nahm er das Geschenk erst gar nicht an.
“Das wird nicht-“,
der Körper wurde von einem Schütteln erfasst. Ein bellendes Keuchen entfuhr ihm und er schnappte nach Luft. Würgend versuchte er den Reiz abzuschütteln. Der Fang öffnete sich und ein Gemisch aus Galle und Blut strömte auf die Erde. Der Rüde geriet ins Wanken, konnte sein Gleichgewicht nicht mehr halten und stieß an die Schulter Averics. Die Kraft zog sich aus seinen Läufen und er sank zu Boden. Der Regen prasselten auf den gebrochenen Hünen hinab und das schwarze Fell zog sich mit Schlamm voll. Er war ein Soldat, gefallen im Krieg mit dem Tod. Niedergeschossen von seinem eigenen Stolz. Und es war nichts übrig geblieben. Acollon hatte verloren. Die grauen Augen starrten auf die Pranken, die einst Alles zerschlagen konnten. Die eigenen Zähne gruben sich in die Lefzen. Verloren. Fenris hatte über ihn gesiegt und ihn zum Schluss doch gebrochen. Nichts, was ihn davon befreien konnte. Banshee, rief er in Gedanken.
Eisern versuchte der Rüde seine Kräfte wieder zu sammeln, schluckte die Galle wieder hinunter. Knurrend gruben sich die Krallen in den Boden. Der Schlamm bot keinen Halt. Zornig stemmte er seinen Körper auf, und glitt wieder auf die Erde zurück. So durfte es nicht enden. Der Blick wollte nicht erhoben werden, er konnte nicht in das stolze Gesicht seines Sohnes sehen...
Ailiná sah aus einem kleinen Erdloch wo sie sich die Nacht über bis jetzt versteckt hatte. Zuerst war ihre Nasenspite zu sehen dann kam ihr Kopf zum vorschein. Sie sah siech unsicher um. Der Starke Wind des Unwetters blies ihr Flaumiges Fell ziemlich arg durcheinander. Die Kleine sah die Blitze über sich hinweg zucken und spürte förmlich den Donner grollen. Ihr Fell sträubte sich. Ihre kleinen Knopfaugen schienen beinahe alles Licht in sich aufzunehmen. Die Bäume die in der Nähe standen boten wenigstens etwas Schutz. Für einen kurzen Moment verschwand die Kleine wieder gänzlich in dem Erdloch und überlegte sich noch einmal genau ob sie es wagen sollte in das Unwetter hinaus zu gehen. Ihr Magen grummelte etwas und riet ihr hinaus zu gehen. Doch würde sie etwas erjagen können?
.oO( Irgendwie muss ich dass schaffen ich habe keine Wahl entweder ich finde etwas zu essen oder ich ... )Oo.
Weiter dachte sie nicht mehr, nein es war nicht der richtige Moment um über einen Nahen Tot nachzudenken. Jetzt war der Zeitpunkt das Schicksal heraus zu fordern. Entwerder hielt Das Schicksal etwas für Die Kleine Fähe bereit oder ebenen nicht, aber kein Kampf ist verloren wenn er noch nichteinmal angefangen hat.
.oO( Also auf ins Getümmel ,ich trotze dem Wind und dem Wetter,ich werde es schaffen! )Oo.
Sagte sich Ailiná in Gedanken und kletterte dann aus dem Erdloch empor. Als sie Oben zwischen den Bäumen stand wehte ein eisiger Wind durch den Wald und leichter Zweifel beschlich sie. Ihr Fell wurde abermals wild von dem Wind zerzaust und stand nun in alle Richtungen ab. Die kleine Fähe versuchte in dem Geruch des Waldes noch etwas Anderes aus zu machen. Den Geruch eines kleinen Beutetiers ,bei welchem auch sie eine Chance haben könnte. Sie sah in der Nähe einen Mäusebau. Ein aufgeschütteter Erdhaufen in den sie eine Maus reinflitzen sah. Sie senkte ihre Nase und ging etwas gegen den Wind an. Diese scheußliche Unwetter gefiel ihr Überhaupt nicht. Sie grub wild in dem Haufen um an die kleinen Nager heran zu kommen. Doch diese huschten durch einen anderen Ausgang raus und nun nahm Ailiná die Verfolgungsjagd auf.
.oO( Oh, bitte, lass wenigstens das funktionieren. )Oo.
Dachte sie Verzweifelt und stürzte sich auf einen der Nager. Dieser jedoch entwischte ihr zwischen den Pfoten und erfolgslos kullerte sie den kleinen Hang hinunter und blieb unten enttäuscht und mit trauriger Miene auf ihren Hinterpfoten sitzen.
.oO( Ich will zurück zu meiner Mama. )Oo.
Ging es ihr hilflos durch den Kopf. Mit leerem Blick starte sie den Hügelhinauf.
.oO( Das Schicksal meint es wohl wirklich nicht gut. )Oo.
Dachte sie gekränkt
Es kamen so viele. Irgendwo am Rande ihres Gesichtsfeldes nahm Banshee immer mehr Wölfe wahr, ihre Familie, all ihre Lieben. Sie alle kamen, um sie zu verabschieden, um ein letztes Mal an ihrer Seite zu sein. Dumpf erinnerte sie sich an die brennende Angst, die sie am Tag der vier Fehlgeburten im Winter gehabt hatte – alleine sterben zu müssen, verstoßen aus dem Rudel. Jetzt erschien ihr diese Vorstellung irrwitzig, schließlich hatte sie doch eine Familie und die wenigstens von all diesen lieben Wölfen würden einen der ihren verstoßen, nur weil er Fehler begangen hatte. Und nicht nur sie waren da, auch Nyota, die ihr als einzige versprochen hatte da zu sein und ihr Wort hielt – nichts anderes hatte die Weiße erwartet. Es war der Packt der Schwestern, der sie überhaupt erst hier hatte ankommen lassen und dieses Versprechen leuchtete jetzt noch ein letztes Mal voller Intensität. Es sagte ihr, dass Nyota mehr Vertrauen als irgendein anderer Wolf auf dieser Welt verdient. Und die Schwarze erneuerte diesen Packt noch, versprach erneut, für immer an Banshees Seite zu sein und jeder wusste, dass sie auch dieses Wort halten würde. Zuerst im Geiste und dann endlich wieder körperlich, in einer guten Welt. Banshees Tränen konnten durch diese Gedanken nicht versiegen, doch ihr Atem wurde leichter und ein leises Strahlen schlich sich in ihren Blick. Ein neuerlicher Eid verband die beiden Schwestern und half Banshee den Weg in das Dunkle zu gehen.
Mit einem wehmütigen Schluchzen vergrub die weiße Leitwölfin ihre Schnauze im Pelz ihrer schwarzen Schwester und nickte. Für immer und immer und immer. Auch die weiteren Worte Nyotas ließen sie leise schluchzen, auch wenn sie sich freute. Wenn sie beide so sehr aneinander hielten, so konnte nicht einmal Fenris sie trennen. Zumindest nicht ihre Seelen. Und auch das freute die Weiße, in der Stunde ihres Todes sah sie plötzlich in so vielem das Gute und Schöne und wünschte sich, diese Sichtweise auch allen anderen schenken zu können. Doch nur Trauer waberte wie Nebel um sie herum und verriet ihr, dass heute nicht der Tag sein würde, an dem ihre Familie Hoffnung sehen konnte. Aber vielleicht schon morgen – Banshee glaubte daran. Und versuchte zwischen all der Traurigkeit ihren Glauben nicht zu verlieren und trotz ihrer eigenen Tränen sich nicht zu vergessen.
“Dann kann ich sterben, in dem Wissen, alles für dich getan zu haben. Das macht mich glücklich.“
Und wirklich, jetzt lächelte die Weiße. Sie hatte ihre Schnauze wieder zurückgezogen, blinzelte ihre Schwester an, sah die Tränen, die deren Augen verhangen und konnte doch nicht aufhören, an das Licht zu glauben. Und an die Flügel, die aus Frieden gewoben und von der Liebe gesegnet waren.
“Ich liebe dich auch, Nyota.“
… mehr als ihr Leben, denn dieses würde sie nun zurücklassen, nicht aber ihre Schwester. Fast widerwillig wandte sie den Blick von der Schwarzen ab, gab es doch noch so viele andere, die sie verabschieden wollte. Keinen wollte sie vergessen. Auch nicht Kisha, auch wenn die Schwarze sie nicht länger als ihre Mutter ansah, aus Gründen, die nur Engaya kannte. Doch ihre Tochter war gekommen und stand nun mit gesenktem Kopf vor ihr. Banshee konnte nicht erahnen, was in Kisha vorging und doch hatte sie nicht das Gefühl, als wäre ihre Tochter gekommen um eine Fremde zu verabschieden. Leicht reckte die Weiße ihre Schnauze in Richtung der Schwarzen, wünschte sie näher, um sie noch einmal zu berühren.
“Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Kisha. Ich hoffe nur, dass du dich irgendwann erinnern kannst. Ich werde immer an dich als meine Tochter denken und auch wenn du mich nicht mehr als deine Mutter sehen kannst, so wünsche ich mir, dir auf Wiedersehen sagen zu können. Egal wer wir sind.“
Ein leichtes Lächeln besiegelte ihre Worte, selbst wenn Kisha sie nicht als ihre Mutter verabschiedete, würde sie den Geruch ihrer Tochter einatmen und ihr Fell noch einmal berühren – das würde reichen. Ein weiterer Welpe kam heran, Turiéns silberner Pelz verriet ihren Enkel auch in dunkelster Nach. Seine Augen waren traurig und sein Kopf tief gesenkt, doch Caylee und Neruí nahmen ihn sofort bei sich auf, schmiegten sich an ihn und ließen Banshee dadurch wissen, dass sie alle zusammen halten würden. Ein schönes Gefühl. Sie trösteten einander und spendeten schon dadurch genug Liebe, als dass die Weiße noch gebraucht werden würde. Neues Leben löste sie von ihrer Aufgabe; das noch einmal sehen zu dürfen, erfüllte Banshee mit tiefem Frieden. Liebevoll fuhr ihre Zunge nun auch über Turiéns Pelz, liebkoste ihn und seine Geschwister und hielt dann inne, um dem Kleinen leise zu antworten.
“Ich werde immer bei euch bleiben, Turién. Wenn morgen der Wind in den Ästen flüstert, musst du nur genau hinhören, dann wirst du meine Stimme darin erkennen. Und wenn du durch den Wald läufst und die eine kleine Blume auffällt, dann wirst du in ihr mein Lachen sehen. Du musst nur genau hinsehen.“
Auch Caylee und Neruí wurden noch einmal sanft angestupst, dass sie wussten, dass ihre Oma überall sein würde. Denn Engaya war überall und in ihren Pfoten würde Banshee zur Ruhe kommen. Als sie wieder aufsah, erkannte sie Jakash und er lächelte. Ihr Herz wurde noch ein wenig leichter, während sie ihm entgegenblickte und seine Zärtlichkeit erwiderte. Liebevoll fuhr ihre Zunge über einen schwarzen Nackenpelz.
“Ich habe dich auch lieb, Jakash. Vergiss Shani nicht und sag ihr ganz liebe Grüße. Ich werde eurem Vater erzählen, dass es auch allen gut geht.“
Als sie Hiryoga erwähnte, zog sich ihr Herz kurz zusammen, war sie doch nicht sicher, ob sie ihn tatsächlich wiedersehen würde. War ihr Sohn wirklich in die ewigen Hallen gekommen? Was geschah mit einem Wolf, der ins Nichts fiel? All ihre Gebete hatte sie an Engaya gerichtet, sie möge ihren Sohn nicht vergessen und nun würde sie in der Hoffnung ausharren, dass ihre Göttin sie erhört hatte. Sie schenkte Jakash noch ein Lächeln, dann sah sie einen schwarzen Welpen sich ein paar Pfotenlängen entfernt niederlassen und meinte Chanuka zu erkennen.
“Chanuka? Komm zu mir, mein Sohn.“
Der Wind zerrte an dem schwarzen Fell, der Regen peitschte der jungen Erwachsenen eisig ins Gesicht, die ihre Augen halb geschlossen hatte. Stumm war Amáya der Prozession gefolgt und hatte auf dem Weg fest stellen müssen, dass ihr Innerstes nicht abgestorben war. Ein Ziehen hielt sich hartnäckig an ihr fest, als würde sich auf schmerzvolle Weise etwas von ihr lösen. Eine Wunde entstand, die nicht geflickt werden konnte und mit jedem Schritt den sie tat wurde sie tiefer.
Amáya hielt den Kopf gegen den Sturm erhoben, wollte allem trotzen – dem Regen, dem Wind, der Trauer, dem Tod. Doch war ihr diese Macht nicht geschenkt worden. Todesengel hatte Akru sie genannt und dennoch lag das Leben ihrer Mutter nicht in ihren Pfoten. Sie konnte nichts tun, war ebenso hilflos und in dieser Situation auch schutzlos wie die Welpen um sie herum. Immer wieder suchten die regenblauen Augen nach Tyraleen. Ihre Schwester versuchte für ihre Kleinen stark zu sein, wollte ihnen Trost spenden und hätte dabei selber jemanden gebraucht. Es war ein hartes Los, ein tiefer Schlag für das gesamte Rudel – auch für sie.
Als die Gruppe das Ziel erreichte, hielt sich die Dunkle im Hintergrund auf. Sie hatten es endlich geschafft. Der Weg zu dieser Lichtung war schier unerträglich gewesen, doch noch qualvoller war es, dass es jetzt fast so weit war und der Augenblick immer näher rückte. Es schmerzte Amáya, ihre Mutter so sehen zu müssen, wie sie auch jetzt noch ihre Wärme und Licht verschenkte und kam nicht umhin, ihr Bewunderung zu schenken. Ihre Mutter war eine starke, gütige Wölfin und ihr Verlust würde lange in den Herzen der Wölfen dieses Rudels stecken.
Unterwegs hatte sie daran gedacht, sich um zu drehen, allem den Rücken zu kehren und weg zu laufen. Sie wollte es nicht sehen und den Schmerz, welchem sie sich eigentlich entsagen sollte, spüren. Es zerriss sie.
Dennoch trat nun auch die Dunkle langsam, schritt für Schritt näher. Der Kopf war längst nicht mehr gehoben, sondern fast bis zum Boden herab gesetzt. Obwohl Amáya die vielen Worte um sich herum vernahm konnte sie selber keines heraus bringen. Kein Wort des Trostes, der Schmerz saß zu tief, kein Wort des Abschieds, dass machte ihn unwiderruflich und unausweichlich. Vergeblich suchte die Schwarze einen stummen Augenkontakt mit ihrer Mutter, obwohl sie sich nicht sicher war, wie sie auf ihre Tochter reagieren würde, die sich so sehr verändert hatte. Auch wenn sie letztens ein letztes Mal ein anderes Bild von sich gezeigt hatte, so konnte sie dies nicht vor den anderen tun. Hier war sie fast wie immer, nur dass ihr keine Worte über die Lefzen kommen wollten und auch der provokante Schimmer nicht in ihrem Blick lag. Etwas anderes glitzerte fast wie der Regen in ihren Seelenspiegeln, doch mit dem nächsten Tropfen war es verschwunden.
Tanze ... Tanze ... Tanze ... Wie der Wind.
Der Wind der Nightmare durch die Gedanken fegte, und das Lächeln auf den Zügen, als Aryan nachgab- endlich. Durch die eisigen Augen schlug kurz das Feuer einer seltenen Wut. Nicht wegen dir. - hatte Nightmare nicht gesagt, dass es ihm egal war? Und wenn er von den Schatten verschluckt wurde, dann war es ihm egal. Egal ob wegen oder mit ihm- untergegangen in dem Regen, der in Nightmare mitherniederschlug. Jeder Aufschlag eines Tropfens, ein neuer rinnender Gedanke in der Innenseite seines Kopfes. Er hörte ihm zu, blickte ihn an, ruhig, lächelnd, zurückgehalten. Tanze in dem Reigen, den die Götter dir gegeben. Als er geendigt hatte, senkte der schwarze nur den Kopf, schüttelte ihn leicht, bald um das Wasser zu vertreiben.
"Schöne Worte, findest du da."
Murmelte er leise, und erhob sich schließlich. Wahrlich ... schöne Worte fand er da, dieser hühnenhafte Wolf. Und somit hatte Nightmare die letzte Schwelle auch überwunden. Ein so kalter Wolf wie du... Die Angst wich dem unstillbarem Zorn, der die Seele mit Feuer füllte, und doch das Eis nur als schwaches Glimmen zu entnehmen war. Dieses Glimmen hinter dem stahlgrau der Augen, als er wieder heraufblickte.
"Erwachsen, hm ..."
Er lachte, und hoffte, dass der Wind es ihm stehlen würde, dieses trockene Lachen, welches in der Kele brannte. Wenn Aryan wüsste, dass kein Wolf erwachsen werden konnte, der niemals ein Kind gewesen war. Kein Wolf wurde weise, der immer nur gerannt war- fort von sich- fort von der Reflexion in derschummrigen Wasseroberfläche- oh nein... Aryan wusste das nicht. Er hatte sciherlich eine Mutter gehabt. Eine Mutter seines Blutes, einen Vater erfüllt mit starker Liebe. Er hatte niemals Hass gespürt- in seiner Kindheit. Und niemals das Vergnügen in die fütternde Hand zu beißen. Aber es war in Ordnung, er konnte nichts für Nightmares Leid, und nichts für seine zertretene Seele. Er konnte nichts für das splittrige Eis im Herzen.
So soll es sein - Ich danke dir, Aryan.
Er sah seine Dummheit ein. Es war wahrlich töricht zu glauben, dass ein Bild, welches aus reinen Träumen gebaut worden war, wirklich sein konnte. Alles was blieb, waren Splitter des Glücks an denen er sich die Pfoten schnitt. Doch Nightmare wusste, dass Schmerz reinste Energie war. Und er würde weiterlaufen, vielleicht sogar weit fort von hier, um Daylight nie wieder sehen zu müssen. Nicht weil er nicht wollte, sondern weil er musste. Oder er fand auch noch jemanden, zu dem er gehörte- und wenn es ein Welpe war, der ihn duldete- mit seiner Kälte, mit seinem Hass. Dennoch sah er keien Vernunft in dem Handeln des Anderen. Trug den Hass selbst in sich als zweites Herz, in dem vollen Wissen, dass irgendetwas für ihn bluten musste - und kam zu einem Wesen, welches zerbrechlicher war als dünnstes Eis - und tausendmal so schön.
Verneigen?
Nein.
Auch wenn ihm danach war, er würde sich nicht vor Aryan beugen- niemals. Auch wenn es dieser Wolf vielleicht verdient hätte- Nightmare fühlte nichts mehr wenn er ihn anblickte.
Tanze ... Tanze ... Tanze ... Wie die Gischt der See.
"So will ich gehen."
Weil es das war, was man von ihm erwartete, auch wenn er den Grund nicht wusste, er spürte dieses zittern der Erwartung, so dicht dass er es bald fassen konnte. Der Blick der in den Wald geglitten, das Gegenüber welches sich verraten hatte.
Tanze in dem ewig Reigen, den die Götter uns gewährt.
"Wir sehen uns sicher wieder, Aryan."
Sein Name klang perfekt. Auch wenn Nightmare wusste, dass seine Stimme den Klang verzerrte- so rauh und kraftlos wie sie war. Weil Thore redeten, und Meister dachten.
Nightmare hatte diese Weisheit gebrochen, und war gefallen, neben Aryan aufkommend hatte er sein Sein eingesehen, und nur gelacht. Lächelnd meisterte er dieses Schicksal- Lächelnd- dumm wie ein Narr. Das Lächeln schwand, als er sich abwandte. Ein stummes Echo seines Abschiedswortes hing noch in der verregneten Luft. Der Boden unter seinen Pfoten verschwamm, als ihm das Wasser in die Augen lief und zu Boden tropfte. Er blickte sich nocheinmal zu Aryan um, geduckt, bedacht. Die grauen Augen suchten noch einmal die des Schwarzen, als er anfing zu Lachen. Wieder. Ein Lachen, was befreit klang, endlich frei ... Nightmare schloss die Augen, und lachte, während der Regen die Tränen fortwusch. Die erfrorenen Tränen des verlorenen Kindes. Und er war froh, so glücklich, dass niemand es sah.
"Mach es gut, ja?"
Rief er noch, bevor er nickte, und sich endgültig umwandte. Der Boden unter seinen Pfoten brannte, brannte unter all den Strömen. Er trabte erst, rannte dann- irgendwann preschte er nur noch blind. Blind durch den Regen, die Augen verschleiert vom Regen, Im Nacken der Zorn, den er verachtete. Als würde er vor etwas fliehen, flog er über den Boden.
Tanzte ... Tanzte ... Tanzte ... Wie ein Blatt im Wind. Unkontrollierbare Bewegungen, am liebsten hätte er geschrien vor Schmerz, doch er wollte nicht schreien- alles war gut. Er wollte Lachen, singen tanzen, doch er wusste, dass er weinen würde- hilflos weinen, wie ein Kind.
Zerschmettert ... soll ich sein.
Innerlich zählte der Nachtsohn die Schläge, macht den Takt an seinem eigenen Herzschlag fest. Es konnte nicht mehr lange dauern, Midnight spürte es, obwohl er in keiner direkten Verbindung zu Leben und Tod stand. Er war ein Wolf, wie alle anderen auch. Nichts Besonderes, nicht Ungewöhnliches. Er war der Wolf, der überlebte – vielleicht war dies seine einzige Eigenart. Das Leben hielt ihn, der Tod wandte sich ab. Warum?
Es war ein Tanz um eine Mitte, in dessen Zentrum sich alles im Unklaren befand, undurchsichtig miteinander verwob. Die Blitze jagten einander gegenseitig über den stürmischen Himmel, erhellten die Welt mit einem grellen Lichtstrahl, um sie in schwarzer Finsternis zurück zu lassen. Sollte das Rudel bereits jetzt eine kleine Vorstellung erhalten, wie es war, wenn die führende, tragende Kraft nicht mehr war? Auf die Worte des Fremden sagte Midnight nichts mehr, alles Worte waren gesagt, nichts war in diesem Augenblick überflüssiger.
Eine ganze Weile verstrich, in der Midnight ab und an gen Himmel starrte und zählte. Wartete und zählte.
„Wann stirbt der Tod, wenn das Leben zuerst stirbt. Gibt es kein Zurück für das Leben, wenn es zuerst geht und könnte es je gehen, würde der Tod zuerst weichen.“
Man hätte es, vom Klang her, für Fragen halten können, doch hielt der Nachtsohn seine Stimme bewusst so, dass seine Worte deutlich als Aussagen zu verstehen waren.
Als die dunklen Augen die mitternachtsblauen trafen, die Starre auffingen und ruhig spiegelten, ohne selber davon berührt zu werden, öffnete der Totenwandler erneut die Schnauze, gab eine ebenso leise Antwort.
„Midnight Sayrán.”
Keine Gegenfrage, keine Bestätigung, die versicherte, dass man sich freute, miteinander Bekanntschaft zu machen. Der Schwarze war nie ein Wolf vieler Worte gewesen und seit Kaedes Tod gab es kaum jemanden, mit dem er sich unterhalten wollte. Erstrecht nicht an einem rabenschwarzen Tag wie diesem.
Dennoch leistete er dem Schwarzen mehr oder minder Gesellschaft, sie unterhielten sich leise, als würde nichts geschehen, wobei dies der wohl prägnanteste Tag in der Geschichte dieses Rudels war.
Polar lauschte den Blitzen, wie es sein Gegenüber auch zu tun schien. Er wartete auf eine Antwort, bekam jedoch erst spät eine. Als er sie jedoch erhielt, hatte er das Gefühl, dass sich diese Worte in sein Gehirn brennen würden. Er dachte über sie nach und überlegte, wann wohl Fenris Engaya aus dem Weg gehen würde und auch Engaya sterben ließ. Beziehungsweise, wann Engaya selber sterben wollte. Wann würde sie das Gefühl haben, hier nicht mehr gebraucht zu werden? Würde es sehr früh sein? Oder würden selbst seiner Urenkel, falls er je welche bekommen sollte, nichts davon erfahren? Unwissenheit machte sich in ihm breit, doch er beachtete sie nicht, sondern horchte dem Donnern, der jedem einzelnen Blitz folgte. Der ganze Wald schien unter ihren Pfoten zu vibrieren. Ein Wiederhall des Donners. Das Schneefeuer vernahm den Namen seines Gegenübers. Ja, er passte wahrhaftig zu diesem Wolf. Er war wie für ihn gemacht.
"Midnight Sayrán, der Name passt perfekt, ich weiß es. Mein Name ich Polar. Polar Amronial."
Eigentlich wusste er nicht so genau, warum er Midnight seinen Namen nannte, doch er tat es einfach. Er wusste ganz genau, dass ihre Namen keine Rolle spielten. Wusste nur zu gut, dass es egal war, wie sie hießen. Es waren leere Namen, die sie eigentlich nicht beschrieben. Nur ihre wahren Namen beschrieben sie, doch wer kannte ihre wahren Namen? Sicher, es waren Engaya und Fenris.
Chanuka fuhr zusammen, als hätte man ihn bei etwas ertappt, dass er nicht tun durfte. Unschlüssig sah er Banshee entgegen, die ihn zu sich rief. Es stand nun außer Frage, dass er zu ihr gehen durfte und es war unmöglich, sich zu sträuben. Würde er einfach müde und kraftlos liegen bleiben, hätte er die letzte Chance verspielt, mit ihr zu sprechen. Sein Blick wanderte über alle Wölfe, die sich versammelt hatten, als fürchte er, doch noch zurückgehalten zu werden. Schließlich erhob er sich und trat auf seine Mama zu, vorbei an all den Geschwistern oder Nichtgeschwistern, der verbotenen Familie.
„Mami… pass auf dich auf…“
Das Zittern seiner Stimme erschreckte ihn. Sie klang so falsch und fremd, als hätte er die Worte gar nicht gesagt. Er hoffte, dass seiner Mama in der besseren Welt nichts passieren konnte, bis sie alle nachkamen, um wieder bei ihr zu sein und sie zu beschützen. Gerne wäre er unter ihrer Aufsicht erwachsen geworden, um dann bei jeder Gefahr schützende seine Pfote über sie zu halten. Sein Leben würde weiter gehen, wie lange, konnte jetzt wohl noch niemand sagen. Er machte noch zwei Schritte auf sie zu, um seinen Kopf gegen ihre Schulter drücken zu können. Dabei hatte er die Augen geschlossen. Er konzentrierte sich, drei mal tief ein und auszuatmen, ehe er seine Mama wieder ansah.
“Wirst du mich hören können, da wo du hingehst? Kann ich noch mit dir reden?“
Chanuka blickte unschlüssig zu den anderen Welpen hinüber, die ihm so zusammengehörig erschienen. Er schien abzuwägen, ob er in diesem Augenblick, in dem Banshee starb, die Distanz überwinden durfte, als wäre sie nicht da. Er sah zu seiner Mama zurück.
„Hast du Angst, weil du allein gehen musst? Ohne uns?“
Fragte er besorgt.
Shákru blieb dicht neben seinem Bruder und vertraute dessen Nase. Er wusste, wenn ein Sinnesorgan versagte, waren die anderen umso mehr gefordert. Und das war hier der Fall. Ayv würde sicherlich Krolock schneller erschnüffeln können, als die kleine Sternenleier. Nachdenklich lauschte er den Worten des Weißen neben ihn und nickte bedächtig.
"Ja, da hast du dir in der Tat einen denkbaren ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, Bruder. Aber ich denke, dass wird sich bei dem Kleinen mit der Zeit ändern. Der Schock sitzt noch sehr tief."
Das Gewitter war unglaublich. Die schattenhaften Wipfel der Bäume wurden von dem Sturm hin und hergerissen, Wolkenfetzen, mal heller, mal dunkler, jagten sich gegenseitig über den Himmel, verzwirbelten sich und neigten sich bedrohlich gen Erde, als würden sie gleich einen Tornado erzeugen wollen. Minor blinzelte kurz dem Regen entgegen, ehe er nun den Fluss betrachtete, den sie mittlerweile erreicht hatten. Hier sollte Krolock sein? Was wollte der Kleine denn dort? Shákrus Fell triefte im Regen, war völlig durchnässt. Immer wieder musste er blinzeln, damit seine Sicht nicht verschwomm, als ein Blitz das Gebiet kurz erhellte und er meinte, zwei Umrisse erkennen zu können. So musste sich blindsein anfühlen. Minor schüttelte sich den Regen aus dem Fell, aber es brachte nicht sonderlich viel. Schwach vernahm er die Frage seines Bruders und überlegte.
"Blitze. Sie sind nicht gleichmäßig, verflüchtigen sich schnell wieder in der Dunkelheit und schlagen wie Wurzeln ihr Sein in den dunklen Himmel für den kurzen Augenblick, in dem man sie sehen kann. Ihre Farbe kann ich mit keiner mir bekannten beschreiben, aber sie sind hell, stechend und wunderschön, aber dennoch gefährlich anzusehen."
Minor blickte zu Ayv um zu sehen, ob dieser etwas mit seiner Beschreibung anfangen konnte. Aber dann sah er wieder zu den zwei Umrissen.
"Sieht wie Krolock aus. Ich glaube, da ist noch ein anderer Rüde, aber erkennen kann ich diesen auch nicht genau."
Der Wind trug jegliche Witterung davon, wenn der Regen sie nicht schon fortgespült hatte.
Ayv spürte, wie sein Bruder ihm folgte. Er lauschte seinen Worten und nahm weiterhin die Gerüche auf. Er wusste ganz genau, dass sie gleich an den Fluss kämen und Krolock dann nicht mehr weit wahr.
"Ja, es wird sich wieder legen. Da bin ich mir auch sicher."
Langsam näherten sie sich dem Fluss und Ayv vernahm immer öfter das Donnern der Blitze. Er wusste ganz genau, dass sein Bruder versuchte im Himmel etwas zu erkennen. Er wusste auch ganz genau, dass er sein Fell schüttelte. Er sah es - auf seine Art und Weise. Dann erklärte sein Bruder, wie die Blitze aussahen. Er selber sah immer nur, dass der Himmel plötzlich etwas heller war, mehr nicht. Er lauschte der Erklärung. Wollte sich ein Bild zusammenstellen und wendete es bei dem nächsten Blitz an. Es passte. Freudig stupste er seinen Bruder gegen die Schulter und versenkte augenblicklich seine Nase wieder im Schlamm. Vor seinem inneren Auge sah er zwei Gestalten. Er spitzte die Ohren, vernahm aber nur das Rauschen des Flussen und das Prasseln des Regens sowie das stetige Donnern. Langsam drangen Gesprächsfezen an sein Ohr, diese konnte er aber nicht eindeutig identifizieren. Seine Nase sagte ihm allerdings, dass der Geruch etwas stärker wurde und die beiden Gestalten vor ihnen konnten nur Krolock und ein fremder Wolf sein. Auf Schákrus Bemerkung antwortete er leise.
"Es ist auf alle Fälle Krolock. Der Geruch sagt es mir. Und der andere Wolf ist wohl wirklich ein Rüde. Die Statur lässt zumindest darauf schließen."
Auch er schüttelte sinnloserweise sein Fell und trabte etwas schneller. Der Regen durchnäßte sein Fell, irgendwo mochte er dieses Gefühl.
Es war ein angenehmes Gefühl die Fähe, Ahkuna, neben sich zu wissen. Auch wenn sie sich nicht mit ihr unterhalten konnte, spürte sie, dass ihr doch nicht alle so feindlich gesinnt waren, wie sie voreilig angenommen hatte. So wurde der schwere Weg schon wieder ein wenig leichter. Auch die Aussicht Banshee zu sehen, sei es auch das letzte Mal, freute die Weiße sehr. Sie wollte sich von der weißen, Weisen verabschieden. Es war eine traurige Angelegenheit, weshalb sie aufeinander treffen würden, aber Sheena spürte, dass sie, komischer Weise, eine Kraft aus diesem Treffen ziehen konnte, wie sie nirgendwo anders herbekommen würde. Würde sie diese Kraft nicht erhalten, würde sie in dem Rudel untergehen, Banshee gab ihr die Kraft weiter durchzuhalten, Banshee zeigte ihr immer wieder aufs Neue, dass sie nicht ungeliebt war, wie sie es immer vermittelt bekam. Und Sheena würde sich diesen letzten Moment in ihrem Herzen aufbewahren, so wie die anderen Momente mit Banshee, und würde sie sich immer wieder vor Augen führen können.
Erstaunt und ruckartig blieb sie stehen, als sie erneut Rakshees Stimme hörte, was wollte sie nun noch, irgendwie klang ihre Stimme verzweifelt, ein wenig, als ob sie sich entschuldigen wollte. Argwöhnisch drehte Sheena ihren Kopf herum, so Recht daran glauben konnte sie nicht, sie sollte lieber ein wenig auf der Hut bleiben. Und kaum setzte Rakshee erneut zum sprechen an, kam aus ihrer Kehle nur noch ein Stottern, welches noch nicht einmal zu Ende geführt wurde. Sheena hielt es nicht für nötig darauf irgendwie einzugehen, wenn Rakshee nicht in der Lage war sich vernünftig zu entschuldigen, war sie auch nicht in der Lage etwas an ihrer beiden Beziehung zu ändern. Dabei hatte Rakshee wirklich verzweifelt ausgesehen und das war nicht nur die bloße Verzweiflung über den baldigen Verlust Banshees.
Wieder wurde sie aus den Gedanken gerissen, als Jakash eilig an ihnen vorbei lief, er wollte nun rasch zu Banshee, was Sheena ihm nicht verübeln konnte. Da Rakshee sich Kursaí zugewandt hatte, drehte sie sich ebenfalls wieder zu Ahkuna und stupste sie sachte an. Sie würden ihren Weg ebenfalls fortsetzen, wer wusste schon, wie viel Zeit Banshee noch blieb? Wie, als ob die Götter ihre Gedanken bekräftigen wollten, grollte ein Donner über das Himmelszelt und ein Blitz zuckte herüber und erhellte den dunklen, regnerischen Wald. Und dann kamen sie am Hein an, Banshee hatte sich einen schönen Platz zum sterben ausgesucht. Wie skurril das klang. Ein schöner Ort zu sterben. Das Wort schön und sterben überhaupt in einem Satz zusammen zu hängen, erschien ihr irgendwie unpassend. Andererseits würde auch sie lieber an einem schönen Ort sterben, an einem geweihten Ort, anstatt irgendwo zwischen Felsen.
Es hatten sich schon einige Wölfe um Banshee herum versammelt und plötzlich überfiel sie wieder das Gefühl der Einsamkeit, des nicht Willkommen seins. Sie ignorierte Ahkuna, war nicht mehr in der Lage irgendwie auf die anderen Wölfe einzugehen, die ebenfalls anwesend waren. Ihr Blick war starr auf die weiße Leitwölfin gerichtet die, mit mehreren Welpen in ihrem Fell, auf dem Boden lag und wirklich sehr elendig aussah. Obwohl man ihr ansehen konnte, dass sie sich freute ihre Familie erneut zu sehen. Und, hieß es nicht, das schönste Geschenk für einen Sterbenden sei es, nicht traurig zu sein. Zwar trauern zu können, nicht aber sein eigenes Leben verlieren. Dieses Geschenk wollte Sheena Banshee geben. Alle anderen sahen so todtraurig aus. Wie war es todtraurig zu sein? War man dann innerlich gestorben? Konnte man überhaupt todtraurig sein?
Sie war sowieso schon eine Außenseiterin, warum sollte sie dann nicht auch noch, im Gegensatz zu den anderen, nicht in ihrer Trauer versinken. Es war doch egal, was sie machte, sie würde sich damit nicht beliebter machen.
Dieser Gedanke beruhigte die Weiße, welche am Rand des Haines stehen geblieben war, ungemein. Ein leichtes, wenn auch trauriges Lächeln stahl sich auf ihre Lefzen- war sie die Einzige hier, die überhaupt lächelte? – und so trat sie, mutig geworden, näher an die große Familie heran. Selbst ihre Augen hatten, trotz der Verzweiflung, der Trauer und der Unbeliebtheit, ein seichtes Strahlen angenommen. Langsam, Schritt für Schritt und jeden einzelnen bewusst wahrnehmend, trat sie an Banshee heran, bis sie neben Nyota, ebenfalls an Banshees Kopf, zum stehen kam. Sie wollte sich nur verabschieden, danach würde sie den Platz für die Familie räumen, sie fand nicht, dass ihr dieser Platz länger als einige Minuten zustand. Doch, wie sollte sie sich ohne Worte vernünftig verabschieden? Bevor sie in Panik aufbrechen konnte, verschob sie diese Gedanken, schließlich hatte sie lange genug ohne Stimme gelebt. Sie nickte Nyota kurz und freundlich zu, lächelte dann Banshee unendlich sanft an und dabei streckte sie ihre Schnauze der alten Fähe entgegen. Liebevoll berührte sie diese zwischen den Augen, denn an der Schnauze verweilte noch immer ihre Schwester, Nyota, welche sie nicht zu vertreiben gedachte.
Sie drückte ihr Schnauze sachte in das Fell ihrer Leitwölfin und schenkte ihr ein Lächeln, voller Kraft, voller Wissen, dass sie nicht untergehen würde, voller Liebe für sie.
Ahkuna lächelte nur leicht zu der am Boden zerstörten Sheena. Es schien so, als würde die Zeit stehen bleiben. Für einen Moment dachte Ahkuna das alles verschwamm. Die Zeiten hatten sich doch schon so verändert. Schnell zogen an ihr die vielen Bilder von Banshee vorbei.
Nun blieb die Weiße stehen und reckte den Kopf weiter Richtung Himmel, der nun erhellt war. Ihre eine Pfote löste sich vom Boden und sie versuchte sich noch größer zu machen. Langsam verschwanden allerdings die Bilder Richtung Himmel. Ein Winseln trat aus ihrer Kehle, ehe sie wieder merkte wie die Tropfen des Regens auf ihr Fell tröpfelten und es so aussehen ließen als seinen ihre Tränen doch nur ein Regentropfen. Am liebsten hätte sie nun ein lautes heulen über den Wald geschickt, doch ihre Stimmbänder blieben unberührt. Sie bewegten sich nicht mehr. Aber die Fähe hätte es auch nicht gewollt das alle hörten wie dunkel nun ihre Seele war. Nun senkte sie wieder ihren Kopf und sah nach vorne. Sie waren angekommen. Unbewusst hatte wohl die Fähe eine Pfote nach der anderen voran gesetzt und war wohl Sheena gefolgt. Doch nun blieb sie stehen. Sie wollte nicht wie Banshee sah wie sie nun Aussah. Kusaí hatte sie auch kurz gesehen aber erst jetzt viel ihr auf das dies wirklich ihre Schwester gewesen war. Für einen kurzen Moment hätte sie sich selbst beißen können. Wie dumm musste man nur sein und seine Schwester übersehen? War sie nun schon so geblendet? Sofort drehte sie sich um und lief ihren Schwester entgegen. Sie wollte nicht als einzige dort stehen. Sie hatte ja schließlich verpasst mit Sheena mit zulaufen nun wäre es für sie nicht mehr möglich. Sie fühlte sich dort nun so fehl am platz. Auch wenn ihre Großmutter dort nun starb. Als sie nun bei Kursaí und Rakshee ankam lächelte sie ihnen seicht zu.
„Es tut mir Leid. Ich bin nur zu ...“
Sie musste nun aufhören um einmal nach Luft zu schnappen. Sie wollte nun nicht auch noch so schwach aussehen vor ihrer Schwester. Sie wollte stark sein. Nein, sie MUSSTE stark sein. Wie sollte sie sonst das Leben richtig leben können? Sie konnte nicht einfach so zusammen brechen. Es war gegen alles was ihr lieb war. Sie wollte allen doch ein Vorbild sein. Als sie sich wieder einigermaßen ein gekriegt hatte, fing sich noch einmal an zu erzählen.
„Ich bin nur etwas durch den Wind wisst ihr? Ich hab dich gesehen, Liebe Schwester, doch dies ist wohl eines der Veranstaltungen dich ich nicht so ab kann.“
Nun lächelte sie wieder seicht ehe wieder ihren Kopf in Richtung Hain bewegte.
„Lasst uns nun einer wundervollen Fähe Auf wiedersehen sagen.“
Ein Gefühl voller Geborgenheit, Sicherheit. Erst wurde Liel dieses über einen, für sie langen, Zeitraum nicht mehr vermittelt und nun wurde sie wieder damit überschüttet. Fast hätte es die kleine Fähe überfordert, aber eben nur fast. So genoss sie das vermisste Gefühl in vollen Zügen und obwohl der starke Wind sie in Shanis Maul schaukeln ließ, fühlte sie sich doch merkwürdig gut dabei. Als Shani ihr das Zeichen gab, begann sie aus Leibeskräften nach ihrem Bruder zu rufen, doch alles schien keinen Erfolg zu haben. Nirgendwo rührte sich etwas. Doch dann konnte sie den Rudelplatz erkennen und fast zeitgleich nuschelte Shani, dass sie erneut rufen sollte. Ganz laut.
Sie horchte in sich herein, all die angestaute Verzweiflung. Trauer und Wut, eine gute Mischung um laut zu rufen, all die Wut herauszurufen. Doch gleichzeitig überkam sie erneut die Angst vor der Ungewissheit. Was würde aus ihnen werden, wie würde Ciradán reagieren, wie sollte sie es ihm nur beibringen? Sie würde ruhiger und stärker sein können, wenn sie nun alles herausschreien würde. Wenn auch nur für einen kurzen Moment, es würde zurückkehren, wie ein Echo, aber es wäre ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Und später würde sie sich mit Chanuka treffen, wo war er eigentlich? So richtig hatte sie nicht mitbekommen, dass alle anderen zu Banshee gerufen worden waren, auch nicht, dass Shani ebenfalls gerufen worden war und sich aber entschieden hatte bei ihr, ihnen, zu bleiben. Sie würde Shani später Mal fragen, wo Chanuka war, auch wenn sich bereits in ihrer Magengegend ein allzu bekanntes, schlechtes Gefühl ausgebreitet hatte.
„Ciiraadáan…!“
Das war wohl nichts, erneut mobilisierte die Kleine ihre Kräfte und versuchte das Schaukeln sinnvoll zu integrieren. Sie holte ganz, ganz tief Luft, ihre Lungen wollten schier platzen, dann rief sie erneut. All ihre Wut schmiss sie heraus, die Trauer flog für einige Sekunden aus ihr heraus und lieferte sich einen wilden Kampf mit dem Unwetter welches tobte.
„CIIIIIIRAAAAADÀAAAN!!!“
Erschöpft schloss sie ihr Mäulchen wieder und blinzelte durch den Regen. Bewegte sich der kleine Rüde dort am Waldrand, sie waren ihm immer näher gekommen, er musste es einfach gehört haben! Sie wand ihren Kopf zu Shani und lächelte ihr etwas müde zu. Gleichzeitig überlegte sie, ob sie die restlichen Schritte wohl alleine schaffen würde, aber eigentlich war der Wind doch sehr stark. Aber wenn Ciradán dort so stehen konnte, würde sie das wohl auch schaffen. Vielleicht war sein Plätzchen ja gut windgeschützt. Sie wackelte ein wenig mit dem Kopf und tappte dann mit ihrer Pfote leicht gegen Shanis Brust.
„Vielen Dank für das Tragen, doch die letzten Schritte würde ich ganz gerne selber gehen ...“
Sie hoffte, dass Shani es verstehen würde, war sich ihrer Sache aber recht sicher. Und irgendwie wusste sie, dass es nicht ganz der passende Augenblick war nun nach Chanuka zu fragen, aber irgendwie war es doch jetzt angebrachter, als wenn sie es nach dem Gespräch mit Ciradán machen würde, oder. Nun konnte man es schließlich auf eine kleine Abwechslung vor dem ernsten Thema nennen. Oder?
Unsicher drückte sie ihre Ohren eng an den Kopf und druckste ein wenig herum. Das war nicht das Einzige, was in ihrem Kopf herumschwirrte. Sie hatte noch eine andere Bitte. Doch irgendwie erschien diese ihr völlig fehl am Platz. Eigentlich fand sie es selber zu übereilt, andererseits sehnte sie sich danach das ihr geliebte Wort wieder in ihr Maul zu nehmen. Sie war zwischen ihren Gefühlen hin und her gerissen, Wehmut, Unsicherheit. War es nicht zu übereilt, würde Shani es als taktlos empfinden?
Doch sie würde es nie erfahren, wenn sie sich nicht durchringen konnte einfach zu fragen. Ein kurzes zusammenbeißen der Zähne, ein wenig genießen des Schaukelns und dann würde sie fragen. Jetzt.
„Du.. Also.. Ich …
Ich habe zwei Sachen die ich dich fragen möchte, beide erscheinen mir irgendwie eher unangebracht, aber ich weiß nicht wann ich sie sonst fragen soll, es ist alles so verwirrend momentan.“ Und jetzt gab es kein Zurück mehr. „Also, als erstes…. Darf ich dich vielleicht… also… Darf ich dich Mama nennen? Nicht.. Nicht, dass du denkst ich möchte meine geliebte Mama einfach ersetzen, nein das will ich nicht, wie wird immer meine Mama bleiben und ich werde sie niemals vergessen und immer lieben nur ich habe das Gefühl, dass mir dieses Wort so viel nimmt, es nicht mehr gebrauchen zu können und du bist so lieb und nett zu mir und ich habe dich so gerne, obwohl wir uns kaum kennen und…“
Die Worte purzelten über- und untereinander aus dem Maul der Fähe und fast hätte sie sich verhaspelt und das Atmen vergessen. So sortierte sie sich erst einmal neu und nahm einige tiefe Atemzüge. Die zweite Frage würde ihr nun bestimmt leichter fallen.
„Und als Zweites… Weißt du wo Chanuka ist…?“
Das sie keinem anderen Wolf begegnet waren, war ihr gar nicht so sehr aufgefallen, sie hatte genügend mit sich selbst zu tun, obwohl das Gefühl in ihr, dass schon wieder etwas Schlimmes passieren würde, sich nur noch verstärkt hatte.
Jetzt schienen es auch Turién und Nerúi begriffen zu haben. Atalya kam auch sehr schnell herbei geeilt und sie alle wollten irgend etwas tun, damit Oma Banshee blieb. Chardím wusste bereits, dass das irgendwie nicht gehen würde. Es wäre auch zu einfach. Alle, alle Wölfe waren traurig und wenn man Banshee einfach nur überzeugen musste nicht zu gehen, das wäre viel zu ... leicht.
Die zweifarbig schimmernden Augen des jungen Welpen schlossen sich, als seine Mama seine Stirn berührte und ihre Zunge über seinen Pelz gleiten ließ. Obwohl er wusste, dass alles so sein musste, wie es kommen würde, war der Schwarzweiße nicht mit ihren Worten einverstanden. Wie könnte er auch? Und er war halt doch noch ein Welpe. Er konnte nicht glauben, dass Oma Bani es schön fand zu sterben, um dann an einen Ort zu gehen, wo sie alle nicht mitkonnten. Sie konnte sie doch nicht zurück lassen wollen!
„Aber Mama, wenn sie niemand begleiten kann, dann ist Oma doch da ganz alleine.“
Das konnte sie bestimmt nicht schön finden! Leider änderte das nur nichts daran, dass sie trotzdem keiner begleiten, oder hier behalten konnte. Das war traurig. Aus den Augenwinkeln sah Chardím dann Nerúi lospreschen und erkannte erschrocken, dass Banshee nun sogar schon recht nah war. Auch Caylee rannte hinter Nerúi her, kurz darauf folgte Turién. Jetzt standen er und Atalya alleine bei Mama, aber er wollte noch nicht rennen. Es kamen immer mehr, seine Oma wurde regelrecht belagert. Nyota war da, eine fremde Wölfin auch, was ihm so gar nicht passte. Sein Pate, mit dem er bisher herzlich wenig zutun gehabt hatte kam dazu, dann seine schwarze, böse Tante und es wurde immer, immer voller. Chanuka saß jetzt auch bei Oma. Es behagte ihm nicht und Chardím hatte das Gefühl, das die Wölfe gar nicht mehr aufhören würden herbei zu strömen. Er sah sich um. Nur einen entdeckte er nicht, seinen Papa. Seine Augen blieben auf einer Stelle zwischen den Bäumen hängen, der Schwarzweiße sah einen Moment lang nur in diese Richtung, als würde er gleich dort erscheinen. Tatsächlich fühlte es sich auch fast so an. Aber da war nichts.
Er drehte sich ein wenig unschlüssig um, dann wollten seine Pfoten ihn aber auch nicht mehr zurück halten. Der junge Wolf trabte an seiner Schwester vorbei, mit angelegten Ohren auf Banshee zu. Sie sprach grade ganz viel, lauschte dem, was sie zu Turién sagte. Als Wind und als Blume wollte sie ihnen wieder begegnen. Das klang schön. Er setzte sich zwischen Chanuka und Caylee, Turién und Nerúi und lehnte seinen Kopf an Banshees Seite.
Das Herz hämmerte gegen die weiße Brust, die Kehle schnürte sich zu und die Schnauze wurde unangenehm trocken. Als Caylee los gestürmt war, hatte sie Ciradáns ganzen Enthusiasmus mit genommen – nun stand er dort. Leer, aus gehüllt und völlig einsam. Er verbannte hartnäckig die Angstgefühle und ließ der eigenen Lüge freien Raum. Im vollen Bewusstsein ignorierte er Tatsachen. Der Welpe war also auch nicht besser als die Götter. Alles Lug und Trug und er spielte mit. Er mischte die Karten neu, verteilte sie und bestückte das eigene Blatt mit gezinkten Trumpfen. So war es besser, gewiss. So musste es sein. Alle lebten nach einem Plan, der die Hoffnung auf Götter gab. Er lebte nach seinem eigenen Hoffnungsplan. Selbstbetrug, um der Härte eines schmerzhaften Schlags auszuweichen. Selbsterhaltungstrieb. Eine Lüge, die das Leben sicherte. Das war nur fair – man würde ihm schon verzeihen, vielleicht sogar seine Absichten verstehen. Man hatte ihm ja auch verziehen, dass er blind war. Man hatte ihm verziehen, dass er vor Alles und Jedem Angst hatte. Verständnis und Gnade. Keine göttliche Gnade, aber eine ganz instinktive. Das war okay. Damit können alle unbeschadet weiterleben. Man würde ihn als einen kleinen Träumer abstempeln – er träumte Tagein und Tagaus. Er war Fantasievoll. Ciradán sah in den Dingen mehr als nur die schlichte Wahrheit, das würden sie sagen. Und selbst wenn er sich dabei selbst betrügen musste! Das war es wert, dafür gab er den Funken einer eigenen Persönlichkeit auf und nahm eine neue Identität an.
Ein lauter Schrei riss den Welpen aus den Gedanken, befreite ihn aus der Starre und ließ ihn endlich wieder aufsehen. Es regnete stärker und der Sturm wurde immer gewaltiger. Wie seltsam. Der Weiße hatte nicht einmal bemerkt, wie sein Fell durchnässt wurde, wie seine Muskeln krampfhaft gegen die Kälte ankämpften. Das war doch der beste Beweis. Ein kleiner Träumer und Narr. Ein seichtes, fast irres und überbetontes Lächeln legte sich auf die dunklen Lefzen. Auch ihr müsst in dieser Lüge leben!
“Liel! Liel, hier bin ich!“,
rief er gut gelaunt zurück und ließ die zarte Rute wedeln. Ein Sommertag, so herrlich warm. Die Vögel zwitschern ihr fantastisches Lied. Mutter und Vater warten schon auf uns, aber wir lassen uns noch ein bisschen Zeit, Schwesterchen. Wir können noch ein bisschen spielen.
Ciradán setzte sich in Bewegung und lief auf die verschleierten gestalten zu. Shani und Liel, wie sich herausstellte, als er näher kam. Hallo Shani. Mama und Papa haben gesagt, dass wir noch ein bisschen am See spielen dürfen. Wir werden auch vorsichtig sein, keine Sorge. Aber es ist ja auch so schön warm. Komm´ doch mit, Shani.
Das ungleiche Augenpaar fixierte seine Schwester, übermütig springend tollte er auf sie zu.
“Ich bin so froh, dass Du da bist, Schwesterherz“,
verkündete er erleichtert und stieß einen leisen Winsellaut aus. Zweimal umkreiste er die graue Welpin und vergrub schließlich seinen Fang sachte in ihr Fell.
“Shani!“, stieß er aus und schlenkerte wieder freudig die Rute. Vorsichtig tappste er auf die große Weiße zu und berührte auch sie sachte mit der Schnauze. “Ich wollte eigentlich gerade ein wenig mit Caylee spielen, aber das Wetter ist nicht so schön.“
Jumaana redete nicht. Warum auch – sie hatte nichts mehr zu sagen. Es war der größte Fehler ihres Lebens, die Rudelgrenze zu übertreten, ohne um Einlass gebeten zu haben. Sie zeigte damit die Verachtung gegenüber dem Rudel, gegenüber den Göttern und gegenüber sich selbst. Nur ein kleines Abschiedswort wollte sie Takashi schenken, das ihn an ihre ewige Liebe erinnerte. Nur eines wollte sie ihm sagen, damit er wusste, dass er ihr geholfen hatte, zu sich selbst zu finden und dass sie ihm immer dafür danken würde. Dann erst konnte sie ihr eigenes Leben beenden – wenn auch nur das im Rudel der Sternenwinde. Sie entdeckte im Wald am Rand des Rudelplatzes etwas Weißes und ohne genauer hinzusehen wusste sie, dass es Shani war. Bei ihr musste Cirádan sein. Cirádan, der Jumaana alles bedeutete. Sie stellte ihm Takashi gleich. Er gehörte zu ihrem Leben. Doch Abschied nehmen war seine größte Schwäche. Sie konnte ihn nicht auch enttäuschen. Er musste in der Gewissheit sein, dass Jumaana nicht lange weg war, nur für eine Jagd. Sie würde für ihn nie gestorben sein, sie sollte nicht aus seinem Herzen verschwinden. Der Kleine war ihr so unglaublich wichtig und seine Trauer sollte auch ihre Trauer sein. Er sollte nicht wie sie so tief fallen – in ein schwarzes Loch, aus dem er nicht herauskam ohne fremde Hilfe. Er sollte sie haben, doch sie würde gehen. Ihn verlassen. Jumaana hatte ihre Schwester vollkommen vergessen, dennoch drehte sie sich um und sah sie an. Sie würde jetzt keine Gelegenheit mehr haben, sich von ihrem Kleinen zu verabschieden, denn er würde sicher mit ihrer besten Freundin zu Banshee gehen. Wenn Shani sich überwandt und wirklich in den Kreis der Familie eindrang. Oder würde Jumaana eine Gelegenheit haben, mit ihr zu sprechen? Aber nein, immerhin gehörte sie doch irgendwie durch Hiryoga und die Welpen dazu. Irgendwie … Jumaana nicht. Sie hatte nichts – niemanden. Doch wenn sie ehrlich war, brauchte sie das auch nicht. Dann sah sie wieder Majibáh an ihrer linken Flanke. Verwirrt starrte die Fähe ihre Schwester an wie eine Fremde. Wie kam sie hierher?! Und warum?! Doch dann fiel ihr es wie Schuppen von den Augen und Jumaana begann zu sprechen.
“Es ist so, als Takashi zu mir zurückkehrte, versprach er mir, mich nie wieder zu verlassen. Das Gleiche versprach ich ihm auch. Ich breche ungern Versprechen, doch ich bin hier nicht gewünscht und werde auch nicht mehr gewünscht sein. Und Du, Du verlässt sofort das Tal der Sternenwinde und bittest, nach der Zeremonie, um Einlass. Du gehörst in dieses Rudel, während ich dem Teufel gehöre. Er wird mich holen und vielleicht werde ich dann endlich einmal mehr von Takashis Fluch erfahren …“
Es klang, als hätte Jumaana ihr Leben schon beendet, als sie mit ihrem Kopf zurückdeutete. Majibáh sollte das Tal verlassen, wie sie es gesagt hatte, während sie sich nur schnell von Takashi verabschiedete. Dann erinnerte sich die Fähe an das zweite Versprechen, was sie jetzt brechen würde. Sie hatte ihrem Kleinen versprochen, mit ihm in die Berge zu gehen, wenn Kaede es erlaubte. Und Urion hatte es erlaubt. Sie hatte sich gewünscht, diesen Traum des Rüden erfüllen zu können, doch dieser Wunsch zerplatzte wie eine Seifenblase. Enttäuschung. Verrat. Das war das einzige, was sie noch denken konnte.
Tyraleen hatte schließlich innegehalten. Nachdem die graue Gestalt die Seite ihrer Mutter verlassen hatte, waren ihre Augen dem undeutlichen Schemen Akrus gefolgt und erkannt, dass er nicht ging. Er hatte sich ganz in ihrer Nähe niedergelassen, aber zu weit fort um in der Dunkelheit sein Gesicht zu erkennen. Jetzt begann die Familie zu ihrem Oberhaupt zu strömen, Neruí allen voran, auch wenn sie zuvor einige Fragen stellte, die sie sich nicht beantworten ließ. Über die Idee, dass die Sonne in dieser anderen Welt schien und nicht bei ihnen, hätte Tyraleen beinahe gelächelt. Aber nur beinahe. Ihre schwarze Cousine wuselte schon davon, gefolgt von Caylee und Nyota. Immer mehr strömten heran, auch Turién verließ seinen Platz an Tyraleens Seite, nicht ohne vorher noch einmal mit der Zunge über ihre Nase gefahren zu haben. Er wollte sie trösten, die Weiße berührte diese Bemühung, wusste aber nicht, ob ihr das helfen konnte. Zuletzt blieben noch Chardím und Atalya bei ihr, ihr Sohn stellte betrübt fest, dass Oma alleine sein würde.
“Nein.“ flüsterte Tyraleen leise. “… Acollon, dein Opa, ist bei ihr.“
War es das erste Mal, dass ihre Welpen den Namen ihres Großvaters hörten? Was würden sie mit diesem Wolf anfangen können, den sie nie kennengelernt hatten und der ihre Oma in tiefe Traurigkeit gestürzt hatte? Vielleicht sollte Tyraleen ihn verschweigen, sie würden ihn sowieso niemals kennenlernen, aber nun war es zu spät. Und die Weiße spürte den Wunsch danach, ihren Vater als den wundervollen Wolf darzustellen, der er manchmal gewesen war. Nicht heute, aber vielleicht morgen. Dann würde sie ihnen die Geschichte von Banshee und Acollon erzählen. Tyraleen lächelte zum ersten Mal, ganz leicht. Ihr Sohn machte sich auf den Weg und so stupste die junge Mutter ihre letzte verbliebene Tochter sanft an, auch sie sollte nun zu ihrer Oma gehen. Die Weiße selbst lenkte ihre Schritte leicht zur Seite, steuerte auf Akru zu mit dem Gefühl, dass ihre Mutter es freuen würde, wenn ihr grauer Freund nicht von allen missachtet würde. Danach hätte Banshee ihre Tochter ganz für sich. Zögernd blieb Tyraleen vor dem Rüden stehen, auch jetzt konnte sie in der Dunkelheit nicht alles erkennen, aber sie sah die schwere Trauer über Akru.
“Ich danke dir, dass du meine Mutter begleitet hast. Deine Trauer ist unsere Trauer, ich hoffe, dass auch du ein wenig Trost finden kannst – vielleicht auch bei uns.“
Sie senkte leicht den Kopf, versuchte dann noch einmal den Blick des Grauen zu finden und drehte sich schließlich um. Ohne zurückzusehen eilten ihre Schritte nun zu Banshee, mit Worten auf der Zunge, die sie unbedingt sagen musste. Die ihre Mutter unbedingt wissen musste. Sie erreichte die kleine Versammlung, sah die vielen Welpen, die sich aneinander kuschelten, sah Nyota weinend an Banshees Seite und so viele weitere Wölfe um ihre weiße Leitwölfin herum, jeder von ihnen in seiner eigenen Trauer. Tyraleen versuchte die Tränen hinunter zu schlucken, musste wieder an Averic denken, der noch immer nicht hier war und trat dann an ihre Mutter heran. Zwischen Sheena und Nyota fühlte sie sich geborgen, auch wenn die weiße Priesterin noch immer keine Freundin war. Ihre Tante dagegen war eine wichtige Vertraute geworden und Tyraleen wusste, dass sie sich nach diesem schrecklichen Tod viel an die Schwarze hängen würde. Langsam senkte auch sie die Schnauze zu Banshee hinab, berührte sie an der Lefze, grub ihre Schnauze in ihren Nackenpelz und sog den vertrauten Duft ein letztes Mal voller Intensität ein.
“Ich muss dir etwas ganz wichtiges sagen, Mama.“
Sie sprach nicht laut, flüsterte aber auch nicht. Es war ihr nicht wichtig, ob die Worte nur ihre Mutter, oder auch Sheena, Nyota, die Welpen und alle anderen hören könnten.
“Ich liebe dich. Ich habe es endlich gelernt. Ich habe lange gebraucht, aber jetzt bin ich so stolz auf meine Mama. Ich werde dich schrecklich vermissen. Aber du kannst beruhigt sein, Mama, wir werden das Leben hier auch ohne dich meistern. Und manchmal, wenn ich nicht mehr weiter weiß, werde ich an dich denken und dann wirst du mir helfen, egal wo du bist. Danke, Mama.“
Sanft zog sie ihre Schnauze zurück, suchte Trost bei Sheena; nicht, weil sie sich so sehr mochten oder auch nicht, sondern weil sie in diesem Moment die gleiche Trauer empfanden und sich so beistehen konnten. So hätte es Banshee sicher gewünscht. Leise schluchzend drückte sie ihren Kopf an die weiße Schulter der Schweigenden und hoffte, dass Sheena sie nicht verscheuchen würde.
27.12.2009, 13:25
Liel bemühte sich wirklich. Die Kleine berührte mit jeder Sekunde ihres Daseins Shanis Herz mehr und mehr. Wie sie kein Wort zu dem Hin- und Herschaukeln verlor und nur rief und rief und schien, als würde sie erst aufhören sich die Seele aus dem Leib zu schreien, wenn sie beide ihren kleinen Bruder gefunden hatten. Gleichzeitig hatte die Weiße immer mehr das Gefühl, dass sich ihr neuer kleiner Schützling viel zu viel abverlangte. Der Gedanke, diejenige sein zu können, die Liel ein Teil dieser viel zu großen Verantwortung abnehmen würde, war schön für die Weiße. Doch ebenso war ihr bewusst, dass dazu Vertrauen nötig war und Liel und sie hatten nun keine lange gemeinsame Vergangenheit. Allerdings war Liel auch ein Welpe und zudem einer ohne Eltern. Und Shani würde nichts lieber tun, als zumindest zu versuchen, die Kleine und ihre Geschwister ein wenig zu behüten und zu begleiten. Vielleicht schwirrte auch der Gedanke in ihrem Kopf herum, Ersatzmama zu werden, aber so weit traute sie sich nicht zu denken, auch wenn sie sich genau solch eine Aufgabe wieder wünschte. Liels Bitte riss sie aus ihren Gedanken. Die Kleine wollte die letzten Schritte selber laufen und Shani hatte nichts dagegen. Es war nicht mehr weit und so wie die kleine Gestalt dort vorne aussah, konnte man sich auch als Welpe ganz gut auf den Pfoten halten. Sanft setzte sie ihren Schützling auf die feuchte Erde zwischen ihre Pfoten, wo zumindest noch ein wenig Wind abgehalten wurde. Doch Liel schien noch nicht fertig zu sein, druckste in wenig herum und gab Shani dabei einige Rätsel auf. Für welche Frage könnte Liel zu schüchtern sein, um sie zu stellen? Nach einigem Zögern purzelten die Worte schließlich aus dem kleinen Fang heraus und trafen die Weiße mitten ins Herz. Liel wollte sie Mama nennen. Welche Fähe könnte sich darüber nicht freuen? Und gerade Shani, die nichts lieber tat, als sich um Welpen zu kümmern, wurde so schüchtern gefragt, ob man sie Mama nennen dürfe. Abgesehen von dem großen Glücksgefühl meldeten sich aber auch noch ein paar andere Gedanken. Der erste galt ihren eigenen Kindern und was sie denken würden, wenn sie hörten, dass ihre Mutter nun plötzlich von jemand anderem beschlagnahmt wurde. Nicht, dass Shani deswegen keine Zeit mehr hätte, sich um ihre leiblichen Welpen zu kümmern, aber die Angst, ihre Kleinen vor den Kopf zu stoßen, piekste sie unsanft in die Seite. Aber sicher würden sie doch verstehen und wenn sie es ihnen gleich erklären würde, wenn sie sie sah, würden sie sicher nicht böse sein. Schließlich gab es in diesem Rudel drei elternlose Welpen und irgendwer musste Ersatzmama sein. Shani hoffte von Herzen, niemanden damit zu enttäuschen. Der zweite Gedanke galt Kaede. Wenn sie dort oben auf sie hinab sah, würde es sie traurig machen, wenn ihre Tochter eine andere Fähe Mama nannte? Auch wenn Liel so klar begründet hatte, dass sie ihre echte Mutter nicht vergessen oder ersetzen wollte? Shanis Blick huschte kurz hinauf zu dem schwarzen Nachthimmel und bat ihre Beta darum, es ihr nicht übel zu nehmen. Sie wollte nur das Beste für Kaedes Welpen und hoffentlich konnte sie alles so tun, wie es die alte Beta gewünscht hätte. Mit einem Lächeln fuhr ihre Zunge über das kleine Köpfchen Liels.
“Gerne darfst du mich so nennen. Ich glaube, deine echte Mutter wird es freuen, wenn sie sieht, dass du nicht ganz alleine mit deinen Geschwistern auf dieser Welt bist.“ Sie versuchte nicht, ihre Freude zu verbergen, schließlich sollte die Kleine sehen, dass Shani diese Aufgabe und die Verantwortung, die mit dieser neuen Bezeichnung auf sie zukam gerne annahm. Sie sollte wissen, dass ihre neue Ersatzmama diesen Titel auch verdient hatte. Oder zumindest versuchen würde, das zu beweisen. Die zweite Frage, die nun viel schneller und weniger stotternd von Liel kam, war zwar weniger schwer zu stellen, aber viel schwieriger zu beantworten. Shani war klar, wo Chanuka war, auch wenn sie ihn schon länger nicht mehr gesehen hatte. Aber hatte Liel den Ruf Nyotas hören können, in dem Moment, in dem ihr Vater gestorben war? Wohl kaum … sie würde der Kleinen also erzählen müssen, was gerade irgendwo in diesem Revier geschah.
“Chanuka ist bei seiner Mutter, Banshee. Mit deren Familie. Ich weiß nicht genau, wo sie sind, aber … Banshee stirbt. Chanuka muss auf Wiedersehen sagen, so wie du es musstest. Wenn sie wieder kommen … vielleicht kannst du ihn trösten und er dich. Heute ist ein schrecklich schwarzer, trauriger Tag.“
Shani schluckte schwer, musste wieder an ihre Kinder denken, die jetzt bei Banshee waren und sicher genauso Trost brauchten. Ob wohl andere für sie da sein konnten? Vielleicht würde Tyraleen Rakshee trösten, vielleicht könnte Chardím Jakash aufheitern … und hoffentlich würde sie, ihre Mutter, nicht all zu schmerzlich fehlen. Erneut wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, diesmal nicht von Liel. Aber jemand rief deren Namen und dann sah die Weiße die kleine Gestalt vom Rudelplatz auf sie zu rennen. Ein Glück, es war Ciradán und er hatte sie gehört! Doch er schien schrecklich fröhlich, lächelte, sprang herum und erzählte, dass er mit Caylee spielen wollte. Die war wohl nun auch fort, bei Banshee. Shani rang sich ebenfalls ein Lächeln ab, aber es konnte kaum fröhlich aussehen.
“Ciradán, gut, dass wir dich gefunden haben und dass du wohl auf bist. Leider bringen wir aber eine sehr traurige Nachricht mit.“
Sie verstummte, hatte das Gefühl, Liel das Wort überlassen zu müssen. Schließlich war es ihr Bruder und ihr Vater und sicher wusste sie besser, wie sie Ciradán sagen konnte, dass sie von nun an keine Eltern mehr hatten. Shani würde versuchen einfach nur da zu sein und ein wenig Kraft und Liebe zu spenden. Mehr konnte sie jetzt nicht tun.
Atalya sah ihre Mutter mit abwartendem Blick an, hoffte auf eine tolle Antwort. Der kleine Kopf war leicht gesenkt, die Ohren angelegt. Sie mussten ihre Oma aufhalten. Sie sah ihre Geschwister nicht an, die hellen Augen ruhten nur auf ihrer Mutter. Vielleicht konnte ihre Mama ihrer Oma helfen? Sie mussten doch nur daran glauben.. Die Weiße beugte sich zu ihr, stupste sie an und schüttelte den Kopf. Es schien einfach nichts zu bringen, noch irgend etwas zu versuchen. Banshee würde gehen. Aber ihre Mama sah nicht glücklich aus, ganz und gar nicht. Oma tschüss sagen. Atalyas Blick richtete sich auf den Boden. Turién war nun weg, eilte zu ihrer Oma. Und auch Chanuka näherte sich dem Haufen von Wölfen, der sich langsam bei Banshee bildete. Atalya selbst blieb unentschlossen stehen, blickte mal zurück, dann zu ihrer Mama. Nerúi war auch da, Caylee, Nyota und eine andere, schwarze Fähe. Sie wollte ihnen nicht folgen. Sie wollte zwar zu ihrer Oma.. aber sie wollte sich nicht verabschieden. Ihre Mama redete noch etwas, dass ein Acollon bei ihrer Oma sein würde. Atalya wußte nicht, wer das war.. aber wenigstens war jemand bei ihr. Und jetzt war auch Chardím weg. Sie stand alleine da, den Kopf noch immer gesenkt, von unten zu ihrer Mama hoch blickend. Wieder wurde sie angestupst, hob leicht den Kopf und seufzte leise, da war ihre Mutter schon davon geeilt. Sie sah ihr nicht nach, drehte sich nur langsam zu dem Platz, an dem ihre Oma lag. Sie wollte das alles nicht. Am liebsten wer sie zu Madoc gegangen. Aber er war nicht hier, konnte sie nicht trösten.
Atalya schluckte, schlich dann ganz langsam auf die anderen zu. Mit einem vorsichtigen Wedeln der Rute trat sie zu ihren Geschwistern, lehnte den Kopf an den ihrer Oma. Sie schluchzte leise, nun rannen auch Tränen über ihre Wangen. Wenn sich Angst so anfühlte.. dann hatte sie Angst. Ganz große Angst. Ihre Rute hörte auf hin und her zu pendeln, sie schmiegte sich nur still an ihre Oma.
“Ich will nicht, dass du gehst, Oma. Das ist gemein.“
Ihre Mama war nun auch da, redete mit ihrer Mama und und ging dann zu Sheena. Atalya versteckte das Gesicht im weißen Fell ihrer Oma, schluchzte leise in ihren Pelz.
“Wartest du da, wo du hingehst auf uns?“
Sie konnte noch immer nicht glauben, verdrängte, dass die Weiße gehen würde. Sie wollte es nicht glauben.
“Ich hab dich lieb, Oma..“
Sie schluchzte und schloß die Augen. Für den Moment war ihr alles egal. Sie wollte nur, dass ihre Oma wußte, dass sie sie vermissen würde. Unendlich vermissen.
Parveen hatte lange über ihre Entscheidung nachgedacht, ob sie zurück kommen sollte. Schließlich, nach Wochenlanger Grübelei, hatte sie sich dann doch dazu entschlossen, zu ihrer lang vermissten Familie zurück zu kehren. Nun stand sie still an der Reviergrenze und dachte erneut nach. Sie wusste, dass, wenn sie noch einen Schritt machte, in ihrer Heimat war. Doch sie traute sich noch nicht. Also stand sie da und starrte auf einen Baum vor ihr. Ihr Blick war etwas abwesend und sie dachte lange nach.
~Soll ich darüber gehen? Soll ich den letzen Schritt machen und nach Hause zurück kehren? Ist das die richtige Entscheidung? Wirklich die richtige? Haben Mum und Dad mich denn vermisst? Oder vermissen sie mich noch immer? Oder haben sie mich schon vergessen? Nein, das haben sie bestimmt nicht! Das können sie nicht! Aber verzeihen sie mir? Werden sie mir meine jahrelange Abwesenheit verzeihen? Oder können sie das überhaupt noch? Weilen sie denn noch unter den Lebenden? Oder hat Fenris schon entschieden, dass sie gehen sollen?~
Fragen über Fragen schwirrten durch ihren Kopf und der Strom wollte kein Ende nehmen. Seufzend klärte sich ihr Blick langsam und sie schaute sich nochmal um. Dann hob sie vorsichtig eine ihrer vorderen Pfoten und schob sie nach vorne. Kurz vorher hielt sie inne. Doch dann schob sie sie entschlossen ein Stück über die Reviergrenze. Kaum, dass sie das getan hatte, richtete sie ihren Blick nach vorne und fühlte sie willkommen in ihrem Zuhause! Ja, man hatte sie vermisst.
Glücklich trabte sie los. Doch dann verfiel sie in einen rasanten Galopp und die Bäume rauschten nur so an ihr vorbei. So vieles hatte sich verändert, doch sie wusste ganz genau: Hier war sie zu Hause! Glücklich schüttelte sie ihr nasses Fell im Regen, was so gar nichts brachte - doch es war ihr egal. Die Regentropfen, die Bäume, die Blitze, die Wolken, der Boden, einfach alles gaben ihr das Gefühl, endlich wieder zu Hause zu sein.
Irgendwann blieb sie hechelnd stehen und richtete ihren Blick in den Himmel. Sie schloss langsam die Augen, sog die Luft ein und öffnete ihre Schnauze. Ein langgezogenes Heulen entrang sich ihrer Kehle. Ein Heulen, dass ihre Anwesenheit verkünden sollte. Sie wusste zwar, dass es nicht sehr weit getragen wurde, doch das war ihr ganz egal. In ihren Ohren klang es sehr schön! Noch lange heulte sie so und lauschte aufmerksam den Blitzen und dem Donnern und dem Prasseln des Regens, was alles ihr Heulen begleitete.
Irgendwann blizelte sie dann und schaute nach vorne in den Wald. Sie musste lächeln. Ja, alles hieß sie willkommen. Sie zog ihre Lefzen noch höher, bevor sie sich wieder erhob und anfing, durch den Wald um die Bäume zu tanzen. Wie ein Flamme im Wind.
Sie war so glücklich, wie nie zu vor!
Ein schauerliches Zittern durchfuhr sie, als sie sich dem ihr bekannten Rudelplatz näherte. Es hafteten tausende Gerüche an diesem Ort. Tausende Gerüche, die sie kannte und mochte!
Als sie in der Mitte des Rudelplatzes stand, sah sie in einiger Nähe einen weißen Schatten. Sie legte verwundert den Kopf schief und trabte darauf zu. Umso näher sie kam, um so deutlicher wurde die Gestalt einer Fähe. Sie legte den Kopf noch schiefer. Kannte sie diese Wölfin? Unwissend trabte sie weiter und stand dann zwischen ein paar Bäumen hinter der Wölfin. Nun sah sie auch die beiden Welpen, die bei ihr waren.
Und erst jetzt viel ihr auf, wie leer der Rudelplatz gewesen war. Wo waren denn alle?
Vorsichtig trat sie noch ein paar Schritte an die drei Wölfe heran. Würden sie sie erkennen? Kannte die weiße Wölfin sie? Oder war sie noch gar nicht da gewesen, als sie gegangen war? Unsicher blieb sie stehen. Sie hielt den Atem an und betrachtete sie neugierig. Erst dann erhob sie leise die Stimme.
"Wer seid ihr?"
Fragte sie leise und vorsichtig. Aber doch so laut, dass es über das Donnern hörbar war.
So liebe du mich auch, wenn ich schmutzig bin ...
Wann Nightmare genau zum stehen kam wusste er nicht. Er wusste nur, dass er weinte, bitterlich weinte. Die Beine zitterten unter der Last der Trauer, die ihn überschwemmte
Ich bin ein guter Verlierer ...
Er schüttelte sich, als müsste er etwas verscheuchen, Wasser lief über die Haut, durch das nachtschwarze Fell- alles kraftlos und grau. Nein ... er war kein guter Verlierer, er hatte nur stolz dastehen können, regungslos wie ein Stein. Er hatte es kaum verkraftet, und nur mit sich allein, floss das Gefühl auf das zertretene Herz ein.
So soll es sein. Nein....Nein...Nein.... Kopf und Herz widersprachen sich, das eigene Glück stach durch das schnell schlagende Herz. Ein jaulendes Geräusch drang aus seiner Kehle, als Nightmare den Kopf in den Nacken warf. Und weinte. Dem Sturm entgegenweinte, und es war, als würde er ihn umarmen, zaghaft berühren, sanft den Traum verlängern, der ihm kaum gegeben, schon wieder schlierend in diese Nacht verschwunden war. Heiser erstarb seine Wehklage, und er ließ den Kopf wieder sinken, schluchzte tief in sich hienin. Bebend erstarb die Atmung für einen Moment.
Die Augen öffneten sich langsam, als erwache er aus einem Traum.. ein Traum aus Wut und seltsamer Angst. Angst vor der schwärze in den Augen des anderen. Mit dir... wäre ich doch auch allein... allein.. allein. Seine Pfoten hatten ihn an das Gewässer getragen. Der See, aus denen er damals die beiden Welpen gezogen hatte- dabei war er doch zum Sterben hergekommen. Er hatte niemals Zuflucht gesucht, er hatte sich selbst gesucht... das Ich, welches von dem Vater zerfetzt worden war. Vom Schicksal mitgerissen. Denn seit seiner Geburt, war Nightmare allein. So soll es sein. Ein freudloses leeres Lächeln stahl sich auf die schmalen Züge, als er langsam auf das Gewässer zuging, welches schwarz glänzte- so zerrissen von den einschlagenden Tropfen des Regens- durchzuckt vom Gewitter- ein zersprungener Himmel, der heiß so aklt an seine Pfoten schwappte. Er ging nah heran ans Ufer, immer näher, bis das Wasser seine Pfoten umspielte. Den Blick in den schwarzen, verklärten Grund gerichtet. Ein Niemand starrte zurück. Verklärtes Bild des Ichs... vor lauter Schwärze sah er doch nichts mehr.
"Wann zeigst du endlich wer ich bin, hm?"
fragte er wispernd die verzerrte Wasseroberfläche. Die Wellen rauchten wie das Blut in den Adern. Und Nightmare senkte den Kopf, senkte sich zum trinken. Das Wasser war süß, und doch rann es bitter die trockene Kehle herunter. Doch er genoss es, genoss wie die Ruhe zurück in die Glieder drang... Mit jedem Zug des heilenden Wassers, mit jeder Sekunde, die das Wasser mehr durch sein Fell drang. Gefühlswogen glätteten sich, während der Sturm ihm das Fell zerzauste- und Nightmare selbst, bloß ein Schatten in der Nacht. Kalt und vergessen. Nicht existent. Vergessen, von der Welt. Als er den Kopf hob, war der Blick nicht mehr klar, und doch sah er alles so gestochen scharf, dass es bald wehtat. Wasser rann die Schnauze herunter, tropfte in den See zurück, zog mit den anderen Spuren feine Ringe um die Vorderpfoten, die sich in den kalten Seegrund stemmten.
Ich bin ein guter Verlierer. Ein trauriges Lächeln zuckte über die Lefzen... den Blick in der Ferne, im Nirgendwo, und fast erahnte er weit weit fort am anderen Ende des Ufers Daylights sanftes Fell, und bald war es ihm als bräuchte er bloß tanzen, um über das Wasser zu gleiten... um tänzelnd seinen Weg zu finden. Immer mehr... ein wenig weiter... Könnte er es schaffen? Wenn er schnell genug lief, würde ihn das aufgewühlte Wasser sicher tragen. Der Wind selbst, würde ihn herüberziehen, fliegen lassen, ein taumelnder Reigen über den Wipfeln der Bäume- weit hinauf bis zu den Wolken. Ein Blick, der sich in sein Fell brannte, eine Gestalt in seinen Augenwinkeln, welche realisiert wurde. Langsam... je ferner die Gedanken, je schärfer das Bild des Umfeldes... Ein Schatten am Seeufer.
Sie war wie eien Erinnerung aus fernen Zeiten. Eine Eisscherbe, die in einem Strom vorbeitrieb. Nightmare blickte nur stumm herüber, starrte kalt, starrte den Wolf an, der dort am See stand, als wäre er vergessen worden. Vergessen von der Welt. Wer dieser Schatten war? Nightmare kannte nur flüchtig ein paar Welpen aus dem Rudel, aber keinen einzigen Wolf. Er kannte nur Aryan, und obwohl der Wolf dort schwarz war... Aryan war es sicher nicht. Er war kleiner, zierlicher... Zerbrechlicher. Nightmare wandte den Blick ab, blickte nocheinmal auf die Seefläche, aufgewühlt und dunkel. Spürte, wie der Regen das letzte Salz aus dem Fell wusch... schwer wie Blei waren die Pfoten. Er wollte sich bewegen, fort von hier... und doch rührte er sich nicht. Sein Blick glitt über das Wasser, wieder zu der vermeintlichen Fähe, immer noch dieses nicht weichende reuende Lächeln auf den Lefzen.
Bin ich nicht zum sterben hergekommen? Es waren nur ein paar Schritte zu dem unbemerkten Wolf. Es waren nru ein paar Schritte, zu der Chance mit jemandem zu reden, auch wenn dieser jemand ihm fremd war... War Daylight nicht auch fremd gewesen? So fremd und verloren wie der schwarze Schatten dort. Er zog die Pfoten aus dem Wasser, schlich langsam... geduckt zurück. Geduldig war er.... ja... Geduldig und allein. Über das Wasser rief ihn die Einsamkeit, und wie gern wäre er nun losgelaufen, hätte sie erhascht und zerrissen in der Luft- die Einsamkeit.
Der Sturm zerzauste den nachtschwarzen Pelz des Rüden, der Himmel weinte – weinte um die sterbende Alphawölfin, nur Lunar – Lunar weinte nicht. Um niemanden mehr. Was hatte er geglaubt zu finden, als seine Pfoten ihn zurück trugen, zurück zu jener, die er liebte, zu jener, die für ihn alles gewesen war, jener, die ihm die Welt bedeutet hatte? Hatte er tatsächlich geglaubt, es würde sein, wie früher? Hatte er geglaubt, er und Shani hätten wieder wie Bruder und Schwester sein können - so wie in alten Zeiten? Ja, er hatte es geglaubt. Wie lange? Und wie weit hatten sie sich dabei von einander entfernt, trotz der Tatsache, dass er sie niemals aus den Augen gelassen hatte? Er hätte längst zu ihr gehen sollen. Er hätte sie trösten sollen für ihren Verlust. Aber er hatte es nicht übers Herz gebracht. Kein ‚Es tut mir Leid, dass Hiryoga gestorben ist.’, kein ‚Ich bin immer für dich da.’, kein ‚Wenn du mich brauchst, kannst du immer zu mir kommen.’ – selbst diese einfachen Sätze, kurze, einfache Bekundungen seiner Liebe, gehörten der Vergangenheit an. Schon so lang. Schon viel zu lang. Knack. Warmes Blut tropfte von seinen Lefzen. Er ließ den leblosen Körper des Kaninchens sachte zu Boden gleiten, während seine hellen Augen dem Welpen folgten, der über den Boden kugelte, bei dem Versuch eine Maus zu erhaschen. Das Fellknäuel stellte sich auch geradezu dämlich an!
Und zu seinem Leidwesen schien es im Moment geradezu Fellknäuele zu regnen. Also durfte sich auch niemand beschweren, wenn er den Überblick längst verloren hatte, dabei hätte er schwören können, dass dieser Welpe nicht zu den anderen gehörte. Er schien fremd zu sein.
{Genau, wie du. Damals.}
Ein schwaches Seufzen entfloh den blutverschmierten Lefzen, ehe der Schwarze sich geschlagen gab. Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf trat er zu der Kleinen heran.
„Hey.“, murmelte er rau.
Was sagte man zu einem Welpen, der ganz allein war? – ‚Hey, es wir alles gut?’ – Hah, gelogen. Nichts wurde gut.
Man gehörte nirgendwo hin, war nirgendwo zuhause und würde es niemals sein.
„Was suchst du hier, Kleines?“
Ailiná starte immer noch den Hügel hinauf als sie sich langsam erhob und weiter Trotten Wollte. Die Ohren lies sie gänzlich hängen genau wie den kleinen Kopf. Vorsichtig setzte sie eine vor die andere Pfote und schnupperte dabei, in der Hoffnung die Spur der Maus wieder zu finden , oder etwas anderes zu Finden. Als sie was erschnupperte stellten sich die kleinen Öhrchen wieder auf und sie hielt die Nase hoch in den Wind, welcher ihr flaumiges Fell zerzauste. Was sie nun roch, war nicht der Geruch von Beute. Nein es Roch eher nach Wolf. Das linke Ohr legte sich wieder etwas an wehred das Rechte gespannt lauschte und wild hin und her zuckte um jedes Geräusch wahr zu nehmen. Nun Dran die Raue Stimme an ihr Ohr und sie drehte sich langsam um. Ihr Atem ging hastig und ihr Brustkorb hob und senkte sich sichtlich. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck als sie den Schwarzen Rüden sah. Urplötzlich war nun auch das andere Ohr angelegt und ihr Mäulchen stand vor schock einen Spalt offen. Ja sogar ihr Brustkorb hörte für einen Moment auf sich zu heben und zu senken, was das anhalten der Luft bekundete, auch ihr Herzschlag setzte beinahe gänzlich aus und hätte sie sich nicht überwunden ihrem Herzen das weiter Schlagen zu befehlen hätte sie es ganz vergessen. Im Bruchteil einer Sekunde drehte sich die Kleine Fähe um und nahm die Pfoten in die Hand. Sie rannte so schnell sie konnte, Als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her.
„Ahhhh !!!“
Schrie sie und rannte beinahe halsbrecherisch durch das Unterholz.
„Der Tod ist hinter mir her.“
Schrie sie panisch und achtete beinahe nicht darauf wo sie hintrat. Ihr Herz pochte wild als wolle es aus ihrem Brustkorb. Also war es wohl wirklich zuende, denn das musste der Tod sein.
„Geh weg ich bin zu klein und zu dumm zum sterben.“
Schrie das kleine Fellknäul über seine Schultern und rannte weiter panisch immer tiefer in den Wald.
.oO Ich will noch nicht sterben Oo.
Dachte sie leicht verzweifelt und ein Funken von Überlebenswille zeigte sich in ihren Augen. Der Ihr die Kraft zum weiter rennen gab. Immer weiter rannte sie durch das Unterholz und rutschte hier und da durch die eine oder Andere Wurzel und rutschte auch beinahe auf dem weichen Moos aus. Mehr schlecht als recht und mehr schliedernt als rennend ergriff die Kleine die Flucht.
Und Kandschur rannte weg, auch wenn rennen etwas falsch ausgedrückt war, eher humpelte er so schnell er konnte davon, er drehte sich nicht mehr um, blickte nicht zurück. Liams Augen wurden kugelrund und sein Maul stand für einen kurzen Augenblick ein Stück offen, er verstand Kandschurs Verhalten nicht mehr, er hatte das Gefühl, dass er immer mehr allein gelassen wurde. Kandschur erzählte ihm nichts mehr, ließ ihn immer einfach stehen, als ob es ihn gar nicht geben würde. Und obwohl Liam sich immer wieder sagte, dass Kandschur ihn liebte, und obwohl er eigentlich auch wusste, dass dem so war, hatte er immer öfter das Gefühl, dass das Ganze nicht mehr lange halten würde.
„Er entgleitet mir…“
Seufzte Liam leise, das würde die Fragen Katsumis und Isis´ wohl auch beantworten. Denn mehr konnte er dazu nicht sagen, mehr wusste er nicht. Er wusste nicht mehr über seinen Geliebten, als die anderen Wölfe. Langsam traute er sich nicht mehr in ‚Geliebten’ zu nennen. Denn Kandschur hatte sich so verändert, es ging ihm immer nur schlecht und Liam konnte ihn einfach nicht mehr aufmuntern. Dabei ging es sonst immer vielen Wölfen gut, zumindest besser, wenn er sich in ihrer Nähe befand. Weil er einen so ausgeglichenen Charakter hatte, ein so sonniges Gemüt.
Aber dieses sonnige Gemüt hatte sich mittlerweile genauso verflüchtigt, wie der Regen nun von Donner und Blitz unterbrochen wurde. Er blickte in den Himmel, noch immer fühlte er Buddha tief in sich, es konnte nicht daran liegen, dass hier nicht der rechte Ort war. Es war alles richtig mit dem, wo er sich befand, warum aber wurde dann alles immer noch schwerer?
Blinzelnd blickte er die zwei frisch Verliebten mit dem Welpen an. Welch eine Ironie des Schicksals. Er, als Zurückgelassener, bei dem Pärchen. Aber er würde nicht aufgeben, er würde nicht verzweifeln. Es war nicht seine Art, er würde sein Leben nicht einfach wegwerfen, sein fröhliches Leben, seine Art und Weise. Er wäre nicht mehr er selbst, wenn er sich so drastisch verändern würde.
Obwohl er es traurig fand, dass der Weg so verlief, er wusste, dass es nicht besser werden würde, wenn er verzweifelte. Also zauberte er sich erneut ein Lächeln auf die Lefzen.
„Das Unwetter wird schlimmer, doch ich denke hier sind wir gut geschützt.“
War Kandschur auch gut geschützt? Ging es ihm überhaupt gut? Es war seine Aufgabe, sich nach ihm zu erkundigen. Aber er würde ihm nicht schon wieder hinterher laufen. Immer musste er Kandschur hinterherlaufen, weil dieser sich in seinem alten Leben verlor, verirrte und nicht rechtzeitig wieder herausfand. Kandschur war alt genug, er musste wissen, was er tun wollte und was nicht. Also ignorierte Liam das ihn treibende Gefühl, dass er ihm doch nachlaufen sollte und setzte sich gemütlich zu den anderen drei Wölfen.
Ihnen ging es hier gut, sie waren einigermaßen regengeschützt und auch der Wind erreichte sie nicht so stark. Fast alle anderen Wölfe waren bei Banshee um sich zu verabschieden und die anderen, die nicht zu ihrer Familie gehörten, hatten sich sicher auch irgendwo verkrochen. So wie sie.
Völlig hin und her gerissen stand die schwarze Fähe da, beobachtete die Weiße, deren Anblick etwas in ihr auslöste. Sie konnte es nicht zu ordnen, wußte nicht damit um zu gehen. Aber es war da. Was war, wenn sie doch Recht hatte? Wenn Banshee ihre Mutter war? Was sollte sie einen Grund haben, zu lügen? Aceysha biß die Fänge aufeinander, unterdrückte die Tränen. Alle Wölfe hier trauerten, verabschiedeten sich von Banshee. Und sie.. sie trauerte über sich selbst. Mit angelegten Ohren betrachtete die Fähe die Welpen, die angerannt kamen, sich an ihre Oma kuschelten und sich verabschiedeten. Keiner der anderen beachtete sie, außer manch einem kurzen Blick, der ihr zugeworfen wurde. Fragend. Als wenn niemand wüßte, wer sie war. Zu gerne hätte sie es selbst gewußt. Sie zuckte leicht zusammen, als die Weiße sich ihr zuwandte, sie ansprach. Kisha.. Ihre Tochter.. Die Weiße lächelte. Ganz vorsichtig neigte die Schwarze den Kopf vor, schloss die hellen Augen, berührte die Fähe sanft an der Schnauze. Sie hatte keinen Grund zu lügen. Genau so wenig wie die anderen Wölfe. Sie schluchzte leise, und nun rann auch ihr eine Träne über die Wange.
“Ich werde dich nicht vergessen..“
Bittere Worte, wenn sie an die Tatsache dachte, dass sie diese Fähe schon ein Mal vergessen hatte. Ihre Mutter. Langsam neigte sie den Kopf zurück, aber nicht ohne ihr noch ein Mal in die Augen zu sehen. Die Augen, die ihren so ähnlich waren. Sie bemühte sich um ein Lächeln, auch wenn es geknickt wirken musste. Nun trat sie einen Schritt zurück, richtete den Blick aber nicht von der Weißen ab.
“Ich.. hab dich lieb, .. .. Mama..“
Sie konnte nur aussprechen, was sie empfand, wenn sie in die Augen Banshees sah. Ein Gefühl, dass sie nur für eine Wölfin empfinden konnte. Die Liebe zu ihrer Mutter. Sie hörte auf ihr Herz, und das sagte ihr deutlich, dass dort ihre Mutter lag. Das ihre Mutter starb. Und ihr.. tat alles so Leid. Sie würde nie wieder die Möglichkeit haben, alles gut zu machen.
„Ich wünsche mir, dass wir uns wieder sehen..“
Nicht mehr als ein Flüstern. Nur für sie. Für ihre Mama ...
Der Blick erstarrt, die Augen geschlossen, und doch so weit aufgerissen, dass es schmerzte. Nightmare versuchte sie zu schließen, wollte nichts mehr sehen, nicht eien Sekunde lang. Das Salz aus dem Fell gespült, die Pfoten tief im Nass, der Regen der auf die Wasseroberfläche schlug. Jeder Atemzug begleitet von dem schwemmenden Geräusch des Windes, der den Spiegelsee erzittern ließ. Und diese Stimme, die sich ins ein Bewusstsein schlich. langsam, leise, vorsichtig ... Langsam glitt der Blick zu dem Wolf, der wie aus dem Nichts vor ihm stand. Ihr Fell verschwamm ganz und gar in der Dunkelheit, udn nur unschqarf erkannte er ihre Augen... Sein Blick verhärtete sich, die Maske verzog sich zu einem Lächeln- wo ihm die Zunge emotional so aus dem Hals hing, dass er nach etwas anderem gierte als nach Gesellschaft- doch es war ihm egal. Jetzt war es egal. Die Kälte in seiner Stimme war nicht wegzubekommen. Er redete nicht gerne, hätte dies auch gelassen, doch irgendetwas ließ ihn antworten.. Kühl, gezielt, ungefragt.
"Einen Namen willst du... Ich habe keinen-" mehr ...
summte seine raue Stimme, grade über den Sturm hinweg. Das Lächeln war kühl und falsch. Die Augen leer- ausgeweint, fortgetrieben. Er zog die Pfoten aus dem Kühlen Grund, drehte sich langsam zu der Fähe um. Sie war wie ein Schatten, und lange fragte Nightmare sich, ob sie wirklich war, oder bloß eine Illusion, die ihm Gott, oder wer auch immer dort wachte gesendet hatte. Gott war eine Lüge, und das Wesen vor ihm wirkte schon sehr echt. Die Atemzüge die zu ihm herüberdrangen, als Stürung der Inneren Ruhe, die sich langsam wieder festfror. Ein Blitz zuckte über den Himmel, der kurz aussah wie zersplittertes Eis, Nightmare hob den Kopf, spürte das Wasser durchs Fell laufen, tropfen, unermüdlich strömte es über den kalten Körper. In ihm die heiße Glut des Lebens, welche ihn in dieser Welt hielt.
"Willst du mir einen geben?", fragte er leise, als er den Kopf wieder sinken ließ, und sie fest anblickte. Diese Gestalt, die aus dem Irgendwo kam, genau wie er ... Im Nichts verloren.
Lunar hätte mit allem gerechnet, nur nicht damit. Er – der Tod?! Es war gerade zu lächerlich. Er war lächerlich im Vergleich zu dem, mit dem die kleine Wölfin ihn gerade verwechselte. Er hatte lachen mögen. Alle weinten sie, sogar die Götter weinten und er? – Er lachte.
Rau und freudlos glitt das Lachen über die dunklen, verzehrten Lefzen, schüttelten den sehnig, muskulösen Körper; schüttelten ihn, schüttelte ihn und eine Weile konnte er nur lachen, sich nicht rühren, einfach nur lachen. Seine Augen folgten dem Welpen, der in einer blinden Panik davon kugelte. Ja, sogar im Laufen schien das Fellknäuel zu kugeln, aber vielleicht bildete er sich das nur ein. Ein wenig verdutzt schaute er dem kugelnden Ding nach und fragte sich doch einen Moment, ob er tatsächlich so furchteinflößend aussah. Vielleicht sollte er zum See hinübergehen und einen Blick auf die spiegelnde Wasseroberfläche werfen, um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich nicht der Tod war? Lächerlich.
Der schwarze Rüde schüttelte sich, wie um das Lachen loszuwerden, dann setzte er – immer noch stumm lachend der kleinen Pelzkugel nach, die durch das Unterholz tapste (wohl in der festen Überzeugung der Tod würde sie heimsuchen) und es dauerte nicht lange, da hatte er sie sich schon eingeholt.
„Der Tod“, knurrte er, den Kopf gesenkt, die Augen auf den kleinen, wolligen Welpenkörper geheftet. „Was glaubst du ist der Tod? Ich?“
Er schüttelte sich erneut vor Lachen. „Ich bin nicht der Tod, Kleines…“, seine Stimme versagte und die nächsten Worte waren nicht mehr als ein Flüstern: „… denn der Tod ist gerecht.“ Und ich bin es nicht. Es klang wie ein Geständnis.
Eine Weile lief er neben ihr, beinahe, wie in Gedanken versunken, dann schien er einen Entschluss gefasst zu haben. Blitzschnell fuhr sein schmaler Kopf herum, die mächtigen Kiefer schnappten durch die Luft und schlossen sich zaghaft um das Nackenfell des herrenlosen Welpen.
„Wehe du zaffelst.“, nuschelte er unter dem wolligen Pelz hervor. „Und bring mich nischt zum Lachen, sonst lasche ich disch fallen.“
Was hatte er sich da nur wieder angetan? Ein weiterer Welpe. Sah er etwas aus wie Herr Welpensitter persönlich? Oder hatte er einfach eine unglaubliche Anziehungskraft auf kleine Pelzkugeln? Vom Schicksal begünstigt konnte man das jedenfalls nicht nennen. Vom Schicksal verarscht. Hah, offenbar machte sich das Schicksal einen Spaß daraus, wahrscheinlich lachte es gerade in diesem Moment wieder einmal über ihn. Er hob leicht den Kopf, sein Blick glitt zu dem Stück sturmgrauen Himmel empor, als hoffte er dort irgendetwas zu finden – vielleicht eine lachende Schicksalsgöttin.
{Was ist nur aus dir geworden, Lunar? Was ist nur aus dir geworden…}
Er würde die Welpin Shani bringen, die konnte sich bestimmt wunderbar um sie kümmern und vielleicht lenkte sie das auch ein wenig von ihrem Kummer ab – oder so. Er verstand ja nicht viel davon. Trösten. Konnte man das verlernen über die Jahre? Das Lachen war verebbt, irgendwann. Irgendwo.
Ailinás Lauf wurde immer schneller, immer schneller, Panik stieg in ihr auf und und schnürte ihr im ersten Moment die Kehle zu. Ihr Blick flimmerte etwas vor Angst und die Gegend wurde etwas unscharf, aber sie beschloss dass es der falsche Zeitpunkt zum Panik haben war. Also faste sie sich und versuchte noch schneller zu rennen und rannte wie noch nie ein Welpe gerannt war. Sie hoffte bloß dass dies auch ihre kleine Lunge mit machte aber da drüber machte sie sich nicht weiter gedanken.
Hauptsache weg. Sie sah über ihre Schulter und sah den Schwarzen immer näher kommen panisch versuchte sie noch einen Zahn zu zulegen doch die Läufe des Schwarzens waren länger und somit war er um längen schneller.
Grade noch rechtzeitig duckte Die Kleine sich um einer großen Wurzel auszuweichen. Nun sah sie den Schwarzen neben sich und nun war die kleine auf ihrer höchst schnelle.
Als der Rüde nun zu sprechen anfing glaubte Ailiná ihr würde das Blut in den Adern gefrieren, doch dies war nicht so. Nun sogar, brodelte etwas Wut in ihr auf als der Rüde beinahe in Gedanken versunken neben her lief und sie ihr Ganzes gab. Was war das? UNFAIR in ihren Augen.
Sie Schrie wie am Spieß als der Schwarze sie nun am Genick packte und zappelte wild hin und her um sich frei zu bekommen. Sie quiekte mehr als das sie schrie es war irgendwie eine Mischung aus schreien, quieken und bellenden Lauten, hauptsächliche jedoch war es ein Häulen. Welches sehr schrill und laut war. Denn sie schrie so laut sie konnte und was ihre Stimmbänder hergaben war erstaunlich für so einen Knirps und auf Dauer sicher Nervtötend wenn nicht sogar Trommelfell zerreißend.
Schließlich und endlich wusste die Kleine nicht was Der Schwarze vor hatte und seine Worte eben sorgten nicht grade dafür das er als sehr Vertrauenswürdig da stand.
Das Wetter war hart und unberechenbar. Seit Ayrenia, im Auftrag Fenris`losgezogen war um in das fremde Land zu ziehen, hatte sie schrecklich Heimweh. Ohne ihre Schwester wäre es ihr schwergefallen nicht umzukehren, und doch wollte sie wissen wieso er sie hergeschickt hatte. Während der Regen auf ihre Fell prasselte verfiel sie ihren Gedanken.
(... Ich hätte nicht voraus gehen sollen. Was ist denn wenn ihr etwas zugestoßen wäre?...)
Ein Knurren entsprang ihrer Kehle.
(... Niemals. Sie kann auf sich aufpassen. Und ich sollte auch vorsichtiger sein, schließlich ist das hier das Revier eines fremden Rudels. Aber darüber sollte ich mir keine Sorgen machen. Wenn nötig bringe ich alle um, die sich mir in den Weg stellen. Aber vielleicht sind sie ja auch ganz nett? ... )
Ihr Blick schweifte zum wolkenverhangen Himmel und fing den Weg eines Regentropfens auf. Er fiel auf Ayrenias Schnauze, und sie sah traurige, goldene Augen in ihm.
(... Dass ich versucht habe auf mich aufmerksam zu machen, hat ja nicht funktioniert. Dieser Sturm hat meine Bitte um Einlass in seinem Getöse verschlungen. Bis jetzt habe ich keine Antwort bekommen. Ich denke es ist ganz gut wenn ich vor ihr da bin, schließlich weiß ich nicht wie dieses Rudel auf uns reagieren wird. Es ist besser sie nicht in Gefahr zu bringen, im Kämpfen war sie ja noch nie die Beste. Und ich sollte erst einmal die Lage überblicken. Und nicht die ganze Zeit faul herumliegen... )
Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Früher, als sie noch ein kleiner Welpe gewesen ist, hatte sie immer alles gejagt und erlegt, kam immer blutverschmiert von ihren kleinen Ausflügen zurück. Dann hatte Shila ihr immer gesagt wie unglaublich gruselig sie aussah, und wie immer endete es in einer Rauferei die nur Papa beenden konnte. Sie konnte es nicht leugnen, sie vermisste ihre Schwester, auch wenn sie sich erst vor kurzem getrennt hatten. Aber sie musste weiter. Schließlich war dieses Revier sehr groß, und es schadete nicht sich nach dem dazugehörigen Rudel umzusehen. Hoffentlich brachte ihr das keine unnötigen Kämpfe. Sie hatte schon genug erleben müssen. Sie erinnerte sich an den Kampf ihres Vaters als sie und Shila noch Junghunde waren. Es gab einen Streit um das Futter, Rexigo, der schon seit geraumer Zeit versuchte, Jafrimel das Amt als Alphawolf streitig zu machen. Eines Tages war es soweit, und beide wollten in einem Kampf endlich alles entscheiden. An dem Tag hatte Ayrenia zum ersten Mal Angst um ihren Vater. Eine Weile vor dem ausgemachten Kampf legte sich Ayrenia zu ihrem Vater ins Gras.
(...Papa was wirst du tun? Ihn umbringen? Er hat es verdient.... Dieser Bastard! Keiner sollte dir das Amt streitig machen!...)
Er drehte seine Schnauze zu ihr und schleckte ihr übers Gesicht.
(...Wenn es doch nur so leicht wäre, meine kleine Prinzessin. ich will ihm eine faire Chance geben...)
Sie verstand das alles nicht. Warum ihn nicht einfach umbringen? Das würde alles einfacher machen! Sie stellte es sich bildlich vor.... Wie Vater ihm wild ins Genick biss... Das Blut als sanfte Essenz des Lebens und des Todes aus der Wunde floss... Sie schüttelte böse den Kopf. Mama hatte ihr gesagt sie solle nicht allzu oft dem Drang des Blutdurstes nachgeben.
(...Pass auf dich auf Papa. Ich will nicht dass du stirbst...)
Er lächlte sie an, entblößte sein eindrucksvolles Gebiss.
(...Du denkst ernsthaft DER kann mich besiegen? Meine Kleine, ich dachte wirklich du kennst mich besser. Aber es ist an der Zeit. Die Sonne geht unter. Wir müssen los...)
Sie wusste genau dass ihr Vater unbesiegbar war. Ein reines Kraftpaket, der Körper durchzogen mit Sehnen und Adern. Er hatte mehr Wölfe getötet als jeder andere den sie kannte. Dem war sie sich sicher. Aufgeregt trottete sie ihm hinterher. In Gedanken schickte sie noch ein Gebet an Fenris ab, und wie immer wenn er ihre Gebete erhörte durchfuhr sie ein Gefühl des Todes, des Schmerzes, und sofort wusste sie das ihrem Vater nichts geschehen könnte. Dann waren sie da. Eine kleine Runde der anderen Rudelmitglieder hatte sich versammelt um ihrem Alphatier beizustehen. Ein teuflisches Grinsen hatte sich auf den Lefzen Rexigos abgebildet. Sanft drückte Jafrimel Ayrenia von sich weg. Dann ging es los.
Rexigo war nicht gerade schwach, er stürzte sich ständig auf Jafrimel`s Kehle, doch dieser erwischte ihn immer wieder mit seinen kräftigen Pfoten und den langen, scharfen Krallen. Dann passierte etwas unvorhergesehenes. Shila. Sie war weit weg, aber man hörte ihren Schmerzensschrei. Ayrenia wollte losrennen, zu ihr, sie beschützen, vor was auch immer. Doch Vater war abgelenkt. Rexigo sprang erneut auf ihn zu. In einer Sekunde, einem Augenschlag, wusste Ayrenia was zu tun war. Sie sprang zwischen die beiden und verbiss sich in Rexigos Kehle. Sie riss sie ihm mitsamt seines Halses heraus. Es war sofort vorbei. Dann rannte sie los, zu ihrer Schwester, als ob es das selbstverständlichste der Welt wäre. Ihr Vater war verblüfft und geschockt zugleich. Seine Tochter hatte so eben einen ausgewachsenen Wolf umgebracht.
Dann war sie wieder in der Realität. Langsam erhob sie sich, ihre Muskeln leisteten keinerlei Widerstand. Sie streckte sich kurz und wollte gerade losrennen, da sah sie weit entfernt die Silhouette eines anderen Wolfes. Sofort wurde ihr Jagdtrieb wach, und instinktiv fletschte sie die Zähne. Das alles gefiel ihr gar nicht.
Banshee sah die vorsichtigen Schritte ihrer Tochter – Kisha kam näher. Dann berührte die Schwarze ihre Mutter an der Schnauze, weinte. Die Weiße wusste nicht, warum eine Fähe, die alles vergessen haben soll, weinen sollte, wenn jemand starb, den sie nicht kannte; in einer Familie, die ihr fremd war. Es mussten irgendwo in den unbekannten Gängen des Gedächtnisses Erinnerungen liegen, die Kisha nun sagten, dass hier nicht irgendjemand starb. Und selbst wenn diese Bilder nicht konkret bis in den Kopf ihrer Tochter vordringen konnten, so erreichten sie doch ihr Herz und sagten ihr ohne Worte, dass ein Verlust auf sie zu kam. Dieses Wissen umspülte Banshee mit Frieden, wieder dankte sie Engaya, deren Güte noch immer unermesslich war. Die noch immer nicht ruhte, um Liebe zu schenken; selbst jetzt, da es zu spät für Banshee war. Intensiv erwiderte die Weiße die Berührung ihrer Tochter, sie fuhr ihr die Schnauze entlang bis zu der schwarzen Stirn, verweilte dort kurz und drückte dann ihre Stirn gegen die der jungen Fähe.
“Dann werden wir uns immer wieder finden können.“
Mit einem Lächeln ließ sie die Schwarze fort, einen Schritt zurücktreten und erwiderte den Blick aus den hellbraunen Augen. Die Situation hatte etwas Verwirrendes, doch Banshee ließ sich davon nicht mitreißen. Was wusste Kisha in diesen Momenten noch, welche Erinnerungen waren aus den Tiefen der Vergessenheit aufgetaucht? Kamen ihre Worte aus ihrem Kopf oder aus ihrem Herzen? Und … war das in diesem Moment nicht gleich?
“Ich dich auch, Tochter.“
Sie sah Schmerz in Kishas Augen und wünschte sich plötzlich so viel mehr Zeit, um mit ihrer Tochter gemeinsam so vieles zu besprechen, was aus dem Kopf der Schwarzen gelöscht worden war. Sie hätte ihr von ihrer Geburt erzählen können, von den ersten Tagen auf unsicheren Welpenpfoten. Oder von den Bergen, in die sie mit ihrem Rudel gewandert ist und ihren Schwestern, mit denen sie gerne gespielt hatte. All das würde sie jetzt nicht mehr sagen können, aber sie wusste sicher, dass sich Kishas Wunsch erfüllen und dass sie irgendwann Zeit haben würden, all dies zu besprechen. Das Lächeln wich nicht von ihren Lefzen.
“Das werden wir. Und dann werden wir alle Zeit der Welt haben.“
Mit einem letzten, wehmütigen Blick löste Banshee ihre Augen von ihrer Tochter und ließ sie zu ihrem viel jüngeren, viel hilfloseren Sohn gleiten, der ab jetzt keine Mutter mehr haben würde. Es tat ihr so schrecklich weh im Herzen. Aber er war ihrem Wunsch gefolgt und lag nicht noch immer entfernt von ihr im Regen. Sie war sich nicht sicher, was in ihm vorging, aber natürlich war ihr bewusst, dass Chanuka weit weniger zu dieser Familie gehörte, als irgendwer anderes. Und das lag mit an ihr. Vielleicht fühlte er sich unwohl, weil sich jetzt alle so nahe waren, vielleicht dachte er aber auch nur daran, dass er nun seine einzige Bezugsperson verlieren würde. Sie hoffte so sehr, dass Averic und Tyraleen ihn nicht vergessen würden – gerade Tyraleen, schließlich war ihre Ausbildung nun zu Ende.
“Mir wird es gut gehen, Chanuka. Pass du auf dich auf, werde groß und stark. Ich werde versuchen, dich dabei zu begleiten.“
Der Kleine kam näher, drückte seinen Kopf an ihre Schulter und auch ihm fuhr die Weiße liebvoll über den Rücken und die Stirn – ein klein wenig länger, als bei den anderen Welpen. Er war der einzige, bei dem sich Banshee nicht sicher war, ob sie nicht ein ewiges Loch in sein Leben reißen würde, wenn sie ihn nun zurückließ. Ob er sie nicht mehr brauchte, als er sollte. All die anderen hatten einander, nur Chanuka schien, als hätte er nur sie. Es tat ihr so weh.
“Ich werde dich hören und sehen. Und wenn du dich konzentrierst, dann wirst auch du mich sehen. Nur weil ich in eine andere Welt gehe, bin ich nicht fort. Ich bin immer bei dir.“
Sie wollte ihm alles versprechen und hoffte doch, dass sie ihm nichts sagte, was er später als unwahr auffassen würde. Würde er verstehen, dass sie nicht mehr körperlich bei ihm sein könnte? Oder würde er sie suchen und kein weißes Fell finden können? Sie hoffte so sehr, dass Chanuka alleine zu Recht kommen würde.
“Nein, ich habe keine Angst, Chanuka. Ich bin nicht alleine. Ihr alle seid im Geiste bei mir und die Göttin wird mich leiten. Ich brauche keine Angst haben, genauso wenig wie du Angst haben wirst, wenn du eines Tages gehen musst. Denn wir alle werden dann bei dir sein.“
Natürlich war Banshee nicht frei von Angst, doch diese kam nicht, weil sie alleine gehen musste, sondern weil sie jemanden zurückließ, der sie brauchte. Wirklich brauchte. Und weil sie fürchtete, dass er nicht alleine zu Recht kommen würde, in dieser untergehenden Welt. Sanft zog sie ihren Sohn näher, barg ihn an ihrer Brust in ihrem Fell und wollte ihn nicht mehr loslassen. Es war doch Chanuka, es war doch ihr kleiner Sohn. Aber es gab nicht nur ihn und geborgen bei ihr, schien er plötzlich so sicher, dass Banshee wieder all die anderen wahrnahm, die nun nähergekommen waren.
Sie sah Amáya, die ein klein wenig abseits stand, ihren Blick suchend. Die Weiße erwiderte diesen Blick, sah ihrer Tochter ebenso entgegen, wie allen anderen, hielt ihr keine ihrer Taten vor und vergaß jede Tat, die sie beide auseinander gebracht hatten.
“Amáya?“
Auch sie wünschte sie sich an ihre Seite. Auch wenn es immer mehr wurden und alle enger zusammenrücken mussten, um bei Banshee stehen zu können. Doch genau das wollte die Weiße – dass ihre ganze Familie eng beieinander war, wenn sie selbst gehen musste. Was für ein schönes Bild. Ihr Blick huschte zu Sheena, die neben Nyota aufgetaucht war. Sie lächelte und reckte ihr ihre Schnauze entgegen, war so offen und ruhig, freundlich und sanft, dass sie Banshees Herz erstrahlen ließ. Sie hatte sich so sehr verändert, seit dem sie schwieg. Es war Zeit, Sheena wieder ihre Stimme zu schenken, sie war bereit. Zärtlich strich Banshees Nase an der Schnauze der Weißen entlang, hielt auf ihrer Stirn inne und schenkte ihr noch einmal Engayas Segen – egal, ob sie ihn noch verteilen konnte, oder nicht.
“Sheena. Es ist Zeit. Du bist zu einer neuen Wölfin geworden, ohne dich ganz zu vergessen. Du hast all das gefunden, das ich alleine dir nicht zeigen konnte. Du hast gelernt, was es heißt zu schweigen und wie wertvoll manchmal Worte sind – du hast gelernt, sie nicht zu verschwenden. Du sollst wieder sprechen und von nun an deine Stimme für alles Gute dieser Welt nutzen. Du bist bereit. Wenn ich fort bin, musst du an der Seite von Tyraleen und Rakshee das weiterführen, was ich begonnen habe. Und ich weiß, dass ich dir vertrauen kann. Ich weiß, dass du es kannst und willst. Ich bin sehr froh, dass du mit uns diesen Weg gegangen bist. Alles Glück dieser Welt möge dich begleiten.“
Ein Lächeln, ehrlich und freudig schenkte sie der Weißen, in voller Überzeugung. Es wartete eine Zukunft auf Sheena und ihre beiden Mitpriesterinnen, die die drei sicher noch nicht einschätzen konnten, die sie aber mit der Kraft und der Hilfe Engayas meistern konnten. Und Banshee würde versuchen, ihnen beizustehen; in jedem Moment. Eine weitere weiße Gestalt näherte sich und die Leitwölfin erkannte ihre Tochter, Tyraleen. Ihr Anblick erwärmte ihr Herz noch einmal. An Sheenas Seite blieb die Weiße stehen, sah unendlich traurig aus und doch schien etwas Ähnliches in ihr zu leuchten wie auch in Sheena. Die Worte kamen leise und doch schnell aus ihr hinaus und ließen einen Schauer über Banshees Rücken laufen. Natürlich hatte sie immer um die schwere Beziehung zwischen sich und ihrer Tochter gewusst – jetzt zu hören, dass dies Vergangenheit war, machte sie glücklich. Unendlich glücklich. Sanft erwiderte sie die Zärtlichkeiten der Weißen, ließ ihre Schnauze dann zu Sheena ziehen und sah mit Freude, wie sie beieinander Trost suchten.
“Ich bin sehr glücklich, Tyraleen. Und stolz auf dich, als meine Tochter und auf all das, was du schon erreicht hast. Ich bin mir sicher, dass du einmal eine große Wölfin werden wirst – und auch wenn ich nicht dabei sein kann, werde ich es sehen und glücklich sein.“
Einige Augenblicke lagen ihre Augen noch warm auf ihren beiden Töchtern – der echten und der, die sie schon lange als eine solche ansah – dann huschte ihr Blick zu zwei weiteren Enkeln, die heran kamen. Chardím war ganz still, schmiegte sich nur an sie und seine Geschwister, wollte einfach nur da sein. Auch ihm wurde über das Fell geleckt, auch er wurde noch ein letztes Mal liebkost.
“Auf Wiedersehen, Chardím.“
Atalya war weniger still, schmiegte sich an sie und brachte leise, schluchzende Worte hervor. Ihre Tränen taten Banshee weh.
“Nein, es ist nicht gemein, Atalya. Es ist gut. Auch wenn wir alle deswegen traurig sind. Vergiss nicht das Lächeln.“
Wie um ein gutes Vorbild abzugeben lächelte die Weiße zu ihrer Enkelin, schenkte ihr die gleichen Zärtlichkeiten und nickte dabei ganz leicht. Natürlich würde sie warten, war doch ihre Familie das Schönste, worauf man warten konnte.
“Ich werde warten und euch voller Freude empfangen. Bis dahin wird aber noch viel Zeit vergehen, vergiss nicht, diese zu genießen.“
Banshee war sich sicher, dass die Welpen das tun würden. Die Kleinen vergaßen schnell und auch wenn sie ihre Oma niemals vergessen würden, würden sie sich bald nicht mehr an den Schmerz des Verlustes erinnern. Und das war gut so.
“Ich habe dich auch sehr lieb, Atalya.“
Ja, was war nur aus ihm geworden? Wie tief war er nur gesunken? Jetzt stolperte er schon mit einem schreienden Fellknäuel zwischen den Zähnen durch das Unterholz in einem Tal voller närrischer Schwachköpfe und das alles nur wegen ihr – nur wegen Shani. Weil er sie liebte. Lunars Schritte beschleunigten sich, irgendwann begann er zu rennen, immer schneller und schneller, jagte durch den Wald, flog über jedes Hindernis hinweg, den quietschenden Welpen in seiner Schnauze ignorierte er. Seine Gedanken waren längst weit weg, eilten ihm voraus, waren längst bei Shani angelangt, gehörten ihr, nur ihr. Genau wie sein Herz.
Vom Wind getragen – Rabenschwinge hatten sie ihn getauft, nach den Schwarzgeflügelten und tatsächlich fühlte es sich an, als habe er Flügel, er flog zu ihr, schnell, noch schneller. Und da war sie, er konnte sie sehen, auch wenn er längst wusste, dass sie dort war. Er hätte sie blind gefunden, hätte sie blind aus tausenden wieder erkannt. Rasch überwand er die letzten Meter zwischen ihm und Shani und kam schlitternd vor ihr zum stehen. Kurz wanderte sein Blick über die beiden Welpen und die fremde schwarze Fähe, ehe er sie anschaute, nur sie, nur sie. Immer. Für immer.
„Hallo.“, nuschelte er und ließ den zarten Welpenkörper sachte vor ihr ins Gras gleiten.
Er schien offenbar nicht der einzige zu sein, der fremde Fellkugeln wie magisch anzog. Allerdings schien Shani damit um einiges glücklicher zu sein als er selbst, auch wenn er jetzt ein anderer war, ein anderer Lunar. Wo war seine zynische, unaustehliche Art geblieben? Stattdessen legte er nun demütig die Ohren an den Kopf und gab der Welpin zu seinen Pfoten einen sanften Stups.
„Ich hab’ dir wen mitgebracht.“, sagte er an Shani gewandt und warf dann dem Fellknäuel einen kurzen Blick zu. "Sag hallo zu deiner neuen Mama, Kleines", grummelte er in einem Tonfall, der nicht zu deuten war und schaute dann weg.
Wieder wurde ihm bewusst, dass er sie allein gelassen hatte. Allein mit ihrer Trauer, allein mit ihren Sorgen. Das hatte sie nicht verdient. Er schluckte. Er würde das wieder gutmachen, irgendwie. Er würde das alles wieder gut machen, er würde die Jahre gut machen, in denen er sie allein gelassen hatte, er würde jeden einzelnen Tag wieder gut machen. Wie oft hatte er sich das schon vorgenommen? Er war elender Feigling.
Nach einer Weile bemerkte die Kleine Fähe das es keinen Sinn machte zu schreien da es den Schwarzen nicht im geringsten störte. War er taub? Oder hatte er einfach Nerven aus Stahl?
.oO( Den juckt wohl gar nichts ... meine Güte, Hilfe ... Entführung! )Oo.
Dachte sie panisch und leicht angriffslustig. Nun wie auch immer es juckte ihn nicht und ihre Kehle schmerzte schon etwas also schwieg sie lieber mit pochendem Herzen und immer noch schreckgeweiteten Augen.
.oO( Mir ist sooo schlecht, ich hasse es rumgeschaukelt zu werden. )Oo.
Knurrte sie in gedanken denn durch das dauernde Geschaukel war Ailiná ganz übel geworden und sie war beinahe davor rückwärts zu essen als der Schwarze sie fallen lies. Man sah deutlich wie sich der Brustkorb der Kleinen rapide hob und senkte langsam rappelte sie sich wieder auf und betrachtete die Anderen Wölfe darunter zwei Welpen ein Jungwolf und eine Erwachsene Fähe. Mitschreck geweiteten Augen und eingeklemmter Rute versteckte sie sich nun schnellstens hinter dem Schwarzen. Aus irgendeinem Grund traute sie dem Rüden mehr als den anderen Wölfen so versteckte sie sich also hinter dem schwarzen Rüden und zitterte sogar ein wenig.
Nur ihr kleiner Kopf lugte hinter dem Schwarzen hervor als sie die Anderen genaustens musterte. Ihr Blick erweillte erst für einen Augenblick bei den zwei Welpen, dann huschte er über die schwarze hin zu der Weißen Fähe wo ihr Blick einen Moment länger verweilte. In ihrer Furcht merkte sie garnicht dass sie sich nun schreckhaft etwas gegen den Schwarzen drückte.
Eigentlich hätte sie nicht hier sein sollen. Doch sie war es. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte sie sich weiter durch den starken Regen, der um sie herum wirbelte, sie zornig schlug und bis auf die Haut durchnässte. Die Fähe seufzte leise und bohrte ihre Krallen tiefer in die aufgeweichte Erde. Warum war alles nur so verdammt kompliziert. Die Worte Akrus hallten in ihrem Kopf nach. Zeige keine Scheu, Gani. Wenn Du eine wirklich Antwort auf Deine Fragen haben willst, solltest Du ihn darauf ansprechen. Und ich glaube nicht, dass Du auf Zurückweisung stoßen wirst. Nicht so, wie Du über ihn sprichst. Die Fähe hatte nicht mit ihrem Seelenbruder sprechen können; nicht so, wie sie es wollte. Sie suchte nach einem Anfang, aber fand keinen. Sie suchte nach einer Lösung, vergeblich.
"Hör mir zu, Mutter", flüsterte Gani - verzweifelt und unwissend. "Du hattest Dein Leben und hast es gelebt, wie es sein sollte. Ich hatte auch ein Leben, vollkommen - ausgestattet mit Deiner Wenigkeit, meinem Vater und Ethell Feamiliell, der besten Freundin, die ich mir wünschen konnte. Doch es sollte nicht so sein. Oder doch? Vielleicht. Ich hab' keine Ahnung, Mutter, verzeih mir. Es war nicht Deine Schuld, dass der Tod Dich geholt hat. Doch ich hatte keine Wahl. Du kennst ihn nicht, Fenris, doch er ist so unheimlich mächtig, dass Du es nicht wissen kannst. Er gab mir den Auftrag, meine Eltern zu töten und besessen von ihm hatte ich das auch vor. Es ist schrecklich, dass Akru noch lebt, während Dein Leben ein Ende gefunden hat. Es ist ungerecht. Vergib mir, Mutter."
Ganis Worte waren nicht mehr als ein Flüstern, doch es war eine Bitte, flehend in diese Welt gesetzt. Die Prinzessin spürte eine tiefe Verbundenheit zu der Fremden, die sie ausgetragen und auf die Welt gebracht hatte. Ihr hatte Gani so viel zu verdanken. Ihr Leben. Vor ihrem Inneren Auge erschien das Bild einer jungen Wüstenwölfin, die sich zärtlich an einen großen Grauen schmiegte. Ganis Glückseligkeit verschwand. Diese Fähe war keine Konkurrenz für sie, nein, sie war weniger wichtig als sie, doch für Akru - besessen vom Tod - war es ein leichtes Spiel, dass Leben der Braunen zu beenden. Nicht, dass Gani darüber traurig wäre ... ein gehässiges Lachen drang aus der Kehle der Prinzessin. Wie sie hatte Akru schon oft gemordet, doch seit Aryan hatte die Graue aufgegeben. Ein leises Bedauern schlich sich durch Ganis Seele.
In der Ferne entdeckte sie eine Silhouette einer schlanken Wölfin. Ganis Schnauze hob sich in die Luft, doch der starke Wind machte es ihr unmöglich, die Fährte der Fremden aufzunehmen. Mit schnellen Schritten näherte sie sich der Fähe, deren weißes Fell hell strahlte. Abfällig schnaubte die Prinzessin und musterte sie.
"Wer bist Du?",
fragte sie mit einem Knurren in der Kehle. Doch sie hütete sich, verbat sich selbst, dass das Gleiche geschah wie mit Aryan. Sie hatte sich verboten, jemals wieder vom Blut eines Artgenossen zu kosten. Für den Schwarzen hingegen war es unumgänglich.
Sie stand einfach da. Mit einem Ausdruck in den Augen, der nur Eitelkeit zeigte. Sie hob den Kopf um Ayrenia`s Fährte zu erhaschen, doch der Wind brüllte wild und protestierte, verwischte den feinen Geruch. Dann kam sie langsam auf Ayrenia zu. Ihr Fell war sanft und elegant, kein bisschen verwuschelt. Ayrenia wusste sofort dass es eine eingebildete Wölfin war und verstärkte ihr aggressives Auftreten. Wenn sie eines nicht leiden konnte, dann waren es solch naive Wölfinnen. Auf einmal erschien ihr die Lust, das Blut dieser Fremdem auf ihrem Fell zu fühlen, das Geräusch wenn sie ihre Zähne in das Fleisch schlug, sehr verlockend. Nur mit Mühe konnte sie widerstehen. Doch sie wusste nicht wielange. Ihre Muskeln spannte sich an, und krampfhaft schlug sie die Krallen in den Boden. Weil sie nicht wollte, dass ein ganzes Rudel ihr feindlich gesinnt war, obwohl sie den Mut hatte damit fertig zu werden, drehte sie den Kopf zur Seite. Ihrer Schwester zuliebe wollte sie nicht mehr morden. Die Fremde knurrte.
(... Wer bist du?...)
Der Klang dieser Stimme war der Auslöser. Diese arrogante Wölfin musste sterben. Ayrenia konnte sich nichtmehr halten. Wie konnte jemand nur so mit ihr umgehen?
(... Wieso willst du das Wissen?...)
Der Sturm wütete immer stärker, der Regen nahm ihr fast die Sicht. Wieso war ihre Schwester nur nicht bei ihr? Sie hätte das alles ohne Probleme friedlich gelöst, und jetzt war sie auf und dran wieder in ihren Blutrausch zu verfallen. Ihre Stimme schwand, sie musste ihrer ganze Willenskraft aufnehmen um sich nicht auf die Fremde zu stürzen.
(... Mein Name ist Ayrenia....)
Es war nicht immer gut von ihrer Verbindung zu Fenris zu erzählen, doch jetzt wusste sie dass es die Fremde vielleicht erschrecken würde, und hoffentlich würde sie flüchten.
(...Und Fenris schickte mir eine Vision von diesem Tal. ich bin nur auf seinen Wunsch hin hier her gekommen. Und wenn du nur einmal versuchst mir irgendetwas zu tun, dann bringe ich dich um ...)
Das blutdrünstige Glitzern in ihren Augen lies keine Zweifel. Sie meinte alles todernst.
Ihr war es mehr als egal, was die Fremde von ihr dachte. Nie war ihr etwas mehr egal gewesen. Sollte sie doch tun, was sie wollte; sollte sie doch suchen, was sie suchte. Sie – Gani – hatte nur eines vor Augen. Das Verbot der toten Prinzessin in ihr zu Morden. Es war eine Qual gewesen, anfangs, doch lieber ein Leben ohne den salzigen, warmen Geschmack des Blutes im Mund als ein Leben ohne Akru. Und Aryan. Und … das Rudel der Sternenwinde.
Gelassen beobachtete die Graue, wie die fremde Wölfin mit sich kämpfte, gegen die Macht Fenris’. Sie würde keine Chance haben. Doch Gani war geschickter als sie, tausendmal intelligenter, wendiger und disziplinierter. SIE war mit dem zweiten Fenris im Herzen geboren; SIE war dem Tod gleich. Die Fremde beeindruckte sie nicht im Geringsten. Die Ruhe war nicht gespielt, nein, die blutrote Prinzessin sah keinen Grund darin, die Weiße nicht zu reizen. Und sie sah, wie sehr das kleine Ding mit sich rang. Es wird immer Dein Herz sein, das Dir sagt, was Du zu tun hast. Die Worte ihrer Mutter hallten in ihrem Kopf wieder.
» Hallo, Ayrenia. Wie komme ich zu dem Vergnügen, Sie hier zu treffen? «
Sie gab sich keinerlei Mühe, höflich zu sein – sie war so erzogen worden. Niemals hatte sie den Lektionen des Betawolfs gelauscht, und doch wusste sie, wie es ging. Höflich sein. Sie war wie geschaffen dazu. Ihre Mutter hätte sich sicher von der jungen Amíra gewünscht, dass sie Alphawölfin wurde. Sicherlich. Garantiert. Bei dem Gedanken an ihre Mutter wurde Gani schlecht. Sie sah weg; beachtete die Fremde einen Augenblick nicht mehr. Sie hatte nicht im Geringsten davor Angst, dass das weiße Ding sie anfallen könnte – im Gegenteil.
» Mein Name ist Gani, Gani Amíra und im Namen des Rudels der Sternenwinde bitte ich Sie, diesen Ort zu verlassen. Im Moment ist eine sehr schwere Episode wegen der Leitwölfin ausgebrochen, daher wäre niemand da, um Sie zu begrüßen. Ich bin berechtigt, Ihnen dies zu sagen, denn mein Vater hat einen hohen Rang im Rudel. «
Es tat gut, endlich einmal wieder freundlich zu sein. Freundlicher als sie es je gewesen war,
Die graue Fähe schlug ihre Zähne in den Nacken des Schwarzen, noch nicht in der Absicht, ihn zu verletzen, sondern eher, um ihn zu warnen, zeigen, dass sie kämpfen konnte. Nach diesem Scheinangriff trat sie wenige Schritte zurück, musterte den kräftigen Rüden und knurrte erneut. Wenn sie ihn umgebracht hatte, gab es wenigstens weniger der ’anderen’, also wäre das eine bedeutungswürdige Veränderung in ihrem Leben. Die graue Prinzessin trat einen weiteren Schritt nach hinten, sträubte das Fell und wollte den Rüden verfluchen, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Irgendwo, in der Seele der Fähe, gab es einen Hoffnungsschimmer, der ihr sagte, sie solle nicht aufgeben und ihre Meinungen anpassen, die anderen Wölfe verstehen und mit ihnen leben. Doch sie schob diesen Gedanken grob beiseite und wendete sich dem Schwarzen zu. Sie war sich ganz sicher, jetzt hatte sein letztes Stündchen geschlagen. Sie brauchte nur noch einmal zubeißen und dieser kräftige Rüde würde schwächlich um Gnade winseln. Doch sie würde nur erneut ihre Zähne in sein Fleisch schlagen und ihm damit den letzten Atemzug verwähren. Dann sollte er sehen, dass er gut war und in den ‚Himmel’ kam. Aber nein, die ‚anderen’ hatte keine Wahl, sie würden in die Hölle kommen, denn sie Welt brauchte sie ja nicht. Fenris würde ihnen das Leben in der Hölle verwähren und Engaya das im Himmel. Dann hätten sie gar nichts mehr. Wären einfach nur tot und das war es, was die Fähe verlangte. Sie trat auf den Fremden zu und knurrte warnend. Dann schlug sie, herzlos und gefährlich, die Zähne in seinen Hals.
Da war sie wieder. Diese unbändige Blutlust. Einen Moment haderte Gani, dann besann sie sich. Sie war besser als früher. Sie war nicht perfekt, aber gut. Sie hatte alles. Sie hatte Akru, Aryan und die Erinnerungen an die wunderbare Zeit mit Ethell. Mehr brauchte sie nicht. Und doch waren da Worte, die aus ihrer Schnauze purzelten, ungewollt und unhöflich. Weil sie berechtigt waren – angemessen.
» Verschwinde von hier! «
In der Ferne erblickte die tote Prinzessin etwas Seltsames, zwischen den Bäumen schimmerten Silhouetten. Geisterwölfe. Ganis tote Freunde.
Die Art der Fremden, wie sie dastand, dieses hinterlistige Lächeln auf den Lefzen- All das brachte Ayrenia an den Rand ihrer Beherrschung. Sie wollte umbringen. Morden. Das war ihr alles egal. Ihr Körper wurde von Zuckungen erfüllt und ihr Knurren wurde immer bedrohlicher. Die Andere hatte sich komplett unter Kontrolle, und man sah ihr an wie verächtlich sie auf Ayrenia herabsah. Dann erklang dass, was sie nie für möglich gehalten hätte. Verschwinde von hier. Sie war kurz davor auszurasten. Die Zuckungen wurden immer wilder. Sie besann ihre komplette Kraft darauf, die Kontrolle zu behalten. Verzweifelt suchte sie in ihrem Inneren nach einer Kraftreserve, etwas das ihr Halt gab. Ein Wimmern entfuhr ihr. Es war zuviel. Kurz davor sich fallen zu lassen, erklang eine Stimme in ihrem Inneren.
(...Ayrenia. ich bin bei dir. Du wirst es nicht tun. Ich weiß es....)
Shila. Die Stimme ihrer Schwester. Die Zuckungen endeten aprubt. Ayrenia, zuvor noch vor Schmerzen auf dem Boden gelegen, stand jetzt auf und hob mutig den Kopf.
(...Wenn du willst dass ich verschwinde, dann musst du mich zwingen. Ich werde nicht gehen. Nicht lebend. Und ich habe auch keine Angst vor dir...)
Sie log nicht. Denn sie wusste, dass in der Fremden dass selbe Feuer wie in ihr loderte. Auf einmal empfand sie Sympathie. Sie hatte nochnie jemanden kennengelernt, der wie sie das dunkle Feuer in sich trug. Langsam, aber wachsam, fing sie an auf die Fremde zuzugehen.
(...Du bist wie ich. Du und ich, wir haben mit denselben schwarzen Flammen des dunklen Gottes zu kämpfen. Glaube nicht ich hatte es immer leicht, mein Leben war schwer und blutig. Ich will nicht mit dir kämpfen. Fenris ist mit uns. Ich mag dich. Du liebst die Wildnis, kämpfst gerne, und hast diesen unstillbaren Blutdurst mit ins Leben genommen. Ich verstehe dass. Doch ich werde nicht gehen. Ich weiß dass eure Alphawölfin stirbt, ich kann es in deinen Gefühlen lesen. Die Trauer in dir tief drin ist unverkennbar. Doch du musst wissen, dass ich das verstehen kann. Es tut mir sehr Leid für dich...)
Ihr Versuch auf Gani zuzugehen schien erfolgreich zu sein, sie fing jedenfalls keinen Kampf an.
(...Du bist die blutrote Prinzessin. Willkommen. Ich bin die Prinzessin des Mondes, und meine Schwester die der Sonne. Wir werden dich willkommenheißen, im Kreise der Gesegneten...)
Ayrenia kannte sie. Manchmal hatte sie Visionen, von genau diesem Wolf, Gani. Sie war eine von ihnen. Gelassen lockterte sie ihre Haltung, sie hoffte auf gegenseitige Friedlichkeit gestoßen zu sein. Der Sturm wurde ruhiger, und der Regen plätscherte nurnoch leise. Dann fühlte sie es. Das bekannte Gefühl, von der Anwesenheit der Toten.
Rakshees Körper zitterte anhaltend, während sie stehen blieb. Die Fähe befürchtete, ihre Läufe würden ihr Versagen, wenn sie ihnen jetzt keinen Stillstand gewährte. Sheena hingegen ignorierte sie vollends, nahm den Schmerz nicht wahr, den Rakshee von ihr bekommen hatte, interessierte sich gar nicht länger für sie. Da stand sie nun also, Jakash war längst weit voraus, Kursaí und Ahkuna liefen mit Sheena. Ihre Haut kribbelte unangenehm, ein plötzlicher Windstoß stieß ihr Heulend eine Ladung Regentropfen in das verzweifelte Gesicht. Es war so kalt. So kalt in ihr. Zögerlich setzte sie wieder eine Pfote vor die Andere, trat so langsam hinter den Anderen her. Das Zittern ihres Körpers blieb konstant, hatte nun aber vorallem den Grund dass ihr kalt war. Der Regen der auf ihr Fell tropfte fiel ihr viel deutlicher auf als zuvor, ebenso der tosende Wind über den Bäumen, der sie zwar nicht halb so wild erreichte wie er dort oben wehte, aber ihr dennoch das Fell zerzauste. Vor ihr öffneten sich die Bäume, liessen sie auf den Hain blicken. Die durchnässte braune Fähe blieb zwischen den letzten Bäumen stehen, die sie von dem Trauerweidenhain und somit von ihrer Familie trennten. Oma lag dort mit Tante Nyota, Sheena war bei ihr, die Welpen...Rakshees Miene blieb unglücklich, regte sich nicht. Sie fror, in ihr waren Verzweiflung, Wut und Trauer. Sie konnte sich nicht konzentrieren, nicht das Wesentliche sehen. Sie zitterte nur stumm vor sich hin, hörte Banshees Worte nicht, hörte nur das Rauschen des Windes hinter sich, das Fallen des Regens, und ihr leise schlagendes Herz.
Bitterkeit mischte sich in ihren Blick, während sie den Kopf senkte. Der Regen fiel, der Wind tobte. Zögerlich tat sie Schritt um Schritt in den Hain, spürte weder die Wärme unter ihren Pfoten noch die Wärme der trauernden Familie. Es zog sie näher und dennoch wehrte sich jetzt etwas in ihr, näher zu treten. Sie wollte Oma alleine haben, nicht inmitten der Wölfe, nicht mitten vor Sheena, und auch nicht vor Jakash, der das Drama völlig übersah, was sich in ihr abgespielt hatte. Einen Meter hinter dem Baum an dem Oma lag blieb sie abermals stehen, und wagte sich keinen Schritt weiter. Nur das Zittern war ihr in diesem Moment geblieben. Den Blick gesenkt, um ihn von Wut und Enttäuschung reinzuwaschen, stand sie so da, und scheiterte an dem Versuch, Sheena für ein paar Sekunden zu vergessen. Für Oma! Aber es gelang nicht.
Shania wusste nicht, wie lange sie nun schon wanderte und wohin ihre Pfoten sie eigentlich geführt hatten. Hin und wieder war sie gerastet, hatte sich ausgeruht, gejagt und davor Acht gegeben, kein fremdes Revier zu überschreiten, aber nun war es der Weißen irgendwie egal. Und das lag eindeutig am Wetter. Normalerweise hatte sie nichts gegen Regen oder Gewitter, es war ja auch nicht sonderlich kalt in dieser Nacht, aber trotzdem wollte sie am liebsten irgendwo zur Ruhe kommen und diesen Regen auch mal für einige Sekunden genießen, ihm zusehen und darüber nachdenken, was alles auf ihrem Weg gelegen hatte und was sie zurückließ - nicht zuwenig. Ein Seufzen entfloh den Leftzen der weißen Fähe und sie hob kurz eine Pfote an, da sie in einem kleinen Schlammloch untergegangen war, dann trabte sie weiter. Keine Chance diesem Wetter zu entkommen, das weiße Fell hatte schon einige schmutzige Spuren mit sich genommen und war hier und dort vom Wetter verklebt, Shania wusste dass ein See ihr den Dreck nehmen würde aber es lohnte sich nicht. Sie legte den Kopf schief und wagte kurz einen Blick in den Himmel, dann wurde ihr bewusst, das sie gar nicht mehr richtig auf ihren Weg geachtet hatte und ihre Gedanken sich eindeutig überschlagen hatten. Wo war sie eigentlich und hatte sie schon irgendeine Grenze überschritten oder täuschte sie das nun eingetretene schlechte Gefühl? Mit einem Schlucken setzte sich die Fähe kurz hin, ordnete ihre Gedanken und spannte die Ohren, es war im Rausch des Regens nur schwer zu verstehen, ob jemand in der Nähe war, aber ihre Nase verriet ihr eindeutig den Geruch eines anderen Wolfes in der Nähe. Sie sah sich um und glaubte durch die Büschung erkennen zu können, dass dort die Umrisse eines Wolfes waren. Oder sogar zwei? Sie blinzelte, zwinkerte und sah, dass noch jemand dort war, sich aber zu entfernen schien und die Fähe rümpfte die Nase. Nachdenklich sah Shania von dort wieder nach vorne und zurück, murrte leise auf und schüttelte das Haupt. Nagut, wenn dort ein Wolf war war es doch einen Versuch wert. Shania wandte sich um, ging in Richtung der schemenhaften Gestalt und erkannte, dass diese bei einem See war, dann wuffte sie einmal auf, um auf sich aufmerksam zu machen.
"Sei gegrüßt, Fremder. Verratet Ihr mir Euren Namen und in welchem Tal ich mich hier befinde? Lebt hier ein Rudel?"
Ihre Frage klang vorsichtig und sie hielt vorerst Abstand. Eindeutig zu erkennen war, dass es sich um einen schwarzen Wolf handelte, aber im Regen war es allgemein schwer richtig zu erkennen, was geschah. Shania blickte zum Himmel und sah einen Blitz entlang zucken, dann sah sie den ihr fremden Wolf wieder an.
"Mein Name ist Shania Adsini. Ich komme in friedlichen Absichten, sorgt Euch nicht."
Setzte sie noch an und schwieg dann, hielt den Abstand aber erst einmal fest und sah den Wolf an.
Ahkuna fühlte sich schlecht doch wusste sie nicht warum. Entweder weil sie ihre Schwester vergessen und einfach ignoriert hatte oder weil ihre Oma starb. Ahkuna war es nicht einleuchtend Warum ihre Oma sterben müsse. Schließlich war sie doch die Erbin Engayas. War Engaya nicht die Göttin des Lebens? Wieso nahm sie dann ihrer eigenen Tochter das Leben? Es war für sie ein Rätsel.
Wieso war nun niemand da den sie fragen konnte? Alle waren sie so in der Trauer versunken, dass sie sie nicht mehr wahrnahmen. Niemand war jetzt in der Lage ihr zu sagen warum. Ahkuna wollte doch auch irgendwann anderen erzählen was hier vorgekommen ist. Niemand würde ihr es glauben. Ins geheim glaubte sie sich selbst nicht mehr. Irgendwie warf dies hier alles zu viel fragen auf. Nichts mehr ergab hier noch einen Sinn. Irgendwie wollte sie die Göttin des Lebens verfluchen. Sie dachte immer das diese Wesen das Leben schenkt und nicht nimmt. Sie wollte sich abwenden. Doch wie machte man dies? Man konnte ja schließlich nicht von der einen zur anderen Minute einfach eine andere Glaubensrichtung haben. Dies war ausgeschlossen. Also musste Ahkuna sich nun jemanden suchen der weiß wie das geht. Wussten Priester wie es ging? Vielleicht müsse sie nur Rakshee oder Nyota fragen wie so etwas ging. Vielleicht aber, wenn er denn wieder kommen würde, könnte sie auch Accolon fragen. Er war schließlich die Verkörperung Fenris. Obwohl Ahkuna angst vor Fenris hatte, so hoffte sie darauf, das er sie Akzeptiert. Langsam entriss sich Ahkuna diesen Gedanken. Nun durfte sich noch nicht darüber nachdenken. Schließlich wird hier nun bald jemand von Fenris geholt oder vielleicht doch von Engaya? Sie musste nun diese Fragen nach hinten verschieben. Somit trat sie an Rakshee vorbei, der sie vorher gefolgt war und stellte sich in die nähe ihrer Oma.
„Banshee ...“
Diese Worte traten nur leise aus ihrem Maul heraus. Beinahe kratzig waren diese Worte voller Trauer. Sie hatte eine Schlinge um den Hals, so glaubte sie. Die Schlinge zog sich immer weiter zusammen und schnürte ihr die Luft ab. Sie versuchte nun ganz tief Luft zu holen und diese Schlinge etwas weiter zu öffnen. Es gelang ihr. Wenn auch nur ein wenig.
„Oma. Auf wiedersehen.... Wirst du über uns wachen?“
Dies Worte brachte sie etwas lauter heraus. Auch wenn sie trotzdem leise waren, so waren sie hörbar und kein Flüstern mehr. Sie waren mit einem traurigen Unterton unterstrichen. Langsam schnürte sich nun wieder die Schlinge zu und erschwerte ihr das Atmen sichtlich. Dies war wohl ihre letzte Begegnung. Ahkuna würde sich nicht so nahe heran wagen wie die anderen, doch würde sie in dieser Reichweite stehen bleiben. Zwei Wolfslängen entfernt von ihrer geliebten Großmutter.
Gani zischte leise und ging einen drohenden Schritt auf die Weiße zu. In ihren Augen schimmerten Feindseligkeit und Hass, die Gefühle, die sie der Fremden entgegenbrachte. Die Gegenüberstehende war ihr mehr als unsympathische, doch Angst empfand die Prinzessin keine. Nur … Empörung.
»Halt Dich gefälligst aus meinen Gedanken raus! Schon mal was von geistigem Eigentum gehört? Darauf erhebe ich gerade Anspruch!« Gani knurrte leise und bedrohlich. Nein, morden würde sie nicht, höchstens angreifen. Egal, wie gut die Fremde war, mit einem federnden Satz, den die Weiße sicher nicht erwarten würde, könnte Gani sie gezielt umwerfen. »Und ich sag es nur noch einmal: VERSCHWINDE!«
Doch die blutrote Prinzessin wusste, dass Ayrenia sich nicht vom Fleck rühren wurde und so setzte sie zu einem gezielten Satz an. Mit den Vorderbeinen schmiss Gani sie um, ihr schlanker Körper landete dumpf auf dem Boden. Gani Amíra knurrte drohend und schlug ihre Zähne in den Nacken der Fremden. Nach einem kurzen Ruck nach oben ließ sie von Ayrenia ab. Gani spürte den Geschmack des Blutes in ihrer Schnauze, doch es war ein Leichtes, nicht darauf einzugehen. Viel mehr schmeckte sie die rasende Wut, die sich in ihrem Maul ausbreitete und durch ihren gesamten Körper floss. Sie hatte dem Rudel ewige Treue geschworen und jetzt war sie dabei, das Tal vor ungewollten Eindringlingen zu schützen. Wer wollte einen Rudelkameraden, der fremde Gedanken las? Niemand!
.( Ich warne Dich, Fremde! Halte Dich aus meinen Gedanken raus oder Du wirst meine Zähne erneut zu spüren bekommen. ).
Bei Aryan war es die Liebe gewesen, die Gani davon abgehalten hatte, ihn zu töten, aber bei Ayrenia war nichts, was die Graue beschützen wollte. Nein, sie verabscheute dieses Wesen geradezu.
»Ich bin nicht wie Du«, sprach Gani mit gewohnter Ruhe in der Stimme. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass ein bisschen Sarkasmus und Ironie in ihren Worten mitschwang. »Und bevor ich sein will wie Du, sterbe ich lieber. Ich habe meinem Vater und meinem Seelenbruder geschworen, dass mein Leben mit ihrem beginnt und mit ihrem endet. Und jemanden wie DICH kann ich noch weniger gebrauchen als diese nutzlosen kleinen Welpendinger im Rudel!«
Knurrend setzte die blutrote Prinzessin erneut zum Sprung an, kauerte sich vor Ayrenia und funkelte sie aus blauen Seelenspiegeln wütend an. Diese Fähe würde heute, hier und jetzt ihren Tod zwischen Ganis Zähnen finden, wenn sie nicht parierte und verschwand.
Sie ging, er blieb. Er lachte, sie trabte davon, vertrieben, verloren, gegangen. Nightmare wollte sie nicht sehen. Sie war ein seltsamer Wolf gewesen, so viel irrsinniger als er selbst. Die Ruhe, die danach auf ihn einprasselte war angenehm, die sturmgrauen Augen des Schwarzen schlossen sich, der Atem ging ruhig, die Sinne wie betäubt. Alles betäubt. Er hing in einem weißen Rauschen aus seltsam weltfremden Bildern. Der See schwappte kühl ans Ufer, der Regen rann kalt durch sein Fell, das Licht der zuckenden Lichtbündes wurde verdrängt von der Dunkelheit, die so dicht über dem Wolf hing, der die graue Augen wieder öffnete- wie besessen der Blick. Er versucht zu vergessen, lange, immer noch. Bis er schlagende Pfoten wahrnahm, den Kopf drehte, zu der weißen Fähe.
"Daylight?",
wisperte er leise, die kalten Augen voll von Hoffnung- doch es war nicht Daylight, nein. Die Kälte stach ihm ins Herz. Sein Blick senkte sich, als er ihrer Stimme lauschte, über das Rauschend er Taubheit hinweg, über all diese seltsame Zerrissenheit, die man wohl Demut nannte.
"Nightmare.",
sagte er knapp, doch es entlockte ihm ein dünnes Lächeln. Ein Lächeln ohne Sinn, eine Einkerbung in der perfekten Maske, nicht mehr und nicht weniger. Der Wind, der Wind.... Er liebkoste den Körper der Fähe, die er bald wieder anblickte, ihren kritischen Blick auffing wie man das Licht der Sterne an sich nimmt.
"Ich denke, du bist im Tal der Sternenwinde.",
lachte er, und erhob sich langsam. Das vollkommen durchnässte Fell hin ihm schlaff vom Körper herab. Sein Atem trieb heiß durch die Luft, und überzeugte ihn davon, dass er nicht tot war.
"Und das Rudel hier... ja, hier gibt es ein Rudel- doch bitte frag mich nicht danach, ich bin nur hier um zu fliegen..."
Das dünne Lächeln eines Seiltänzers auf den Lefzen, der Traum, der in den sturmgrauen Augen klebte, war Zeugnis genug. Zeugnis für jede Faser seines Seins.
"Ich sorge mich nicht, keine Angst",
summte er leise, und ging einen Schritt auf die schneeweiße Gestalt zu, die in einiger Distanz stehen geblieben war- Als würde er sich vor etwas fürchten. Der Wahn der ihn ummantelte, war ein Schutzschild, ein Schutzschild vor der Angst. Und Nightmare hatte keine Angst, keine Angst vorm Tod, keine Angst vorm verlieren, keine Angst vorm hassen- Was würde ihn schon finden?
"Was führt euch hierher, Shania Adsini?"
Er grinste schief- dieser Name... er hatte ja schon viel gehört, aber das klang wie ein Adelstitel, ein verdammter- ob sie etwas sehr besonderes war? Genauso besonders wie jedes andere Wesen, welches so aus dem Nichts auftauchen konnte? Vom Irgendwoher. Ein wenig kopfschüttelnd wünschte er sich seine Ruhe zurück, doch irgendwo war er auch froh, dass man ihn nicht mit sich allein ließ. Das Schicksal streckte sich ihm entgegen, und Nightmare langte zu. Er wollte es zerfleddern, dieses elende Schicksal. Er blieb stehen, ließ ihr ihre Distanz, und sich seine Ruhe. Ihr helles Fell brannte ein Loch in die nassgrau verzerrte Welt. Der Regen rann in die Augen, der See schlug Wellen, das Leben pulsierte durch den verschlammten Boden.
"In dieses sonnenlose Tal?"
.oO(Hä???)
Genau dies ging Jikken in diesem Moment durch den Kopf. Immer noch auf dem Boden sitzend legte er den Kopf leicht schräg und zog die Augenbrauen hoch, dabei aber trotzdem noch lächelnd. Ein seltsames Bild. Satori stellte sich direkt neben ihn und blickte ebenfalls hinüber zu Takashi. Den Blick nicht von dem schwarzen Rüden abwendend, meinte Jikken zu seiner Gefährtin:
„Verstehst du, was der von uns will?“
Satori musterte den Schwarzen kurz und kam daraufhin unerwartet schnell auf eine ausführliche Antwort, der zynische Beigeschmack überraschte ihn:
„Er ist aufgebracht, irgendetwas beschäftigt ihn. Du solltest ihn nicht reizen, doch das hast du gerade getan. Zu dem ist er wahrscheinlich blind und sieht nicht, dass du mit mir redest, du redest also aus seiner Sicht mit dir selbst, was keinen normalen Eindruck macht, wenn du mich fragst. Dazu noch deine dreisten Fragen… Ich denke, er wollte mit dieser Aussage darauf aufmerksam machen, was du da gerade für einen Unsinn von dir gibst. Das ist praktisch eine letzte Warnung, du solltest besser sofort verschwinden, aber das ist ja nur meine unbedeutende Meinung…"
Jikkens Gesichtsausdruck veränderte sich kein bisschen.
„Aha, ich hab auch keine Ahnung, was das soll…“
Ganz ignorieren konnte er Satoris Aussagen jedoch nicht, es machte ja alles irgendwie Sinn. Jikken stand auf, bereit aufzuspringen, doch das schien die Sache auch nicht besser zu machen.
„Der? DER? Jetzt reichts mir, halt deine verdammte Klappe oder du wirst noch sehen, was du davon hast!"
Jikken starrte den auf einmal so groß und bedrohlich wirkenden Wolf ungläubig an, das Lächeln wurde langsam schwächer, die Ohren wurden allmählich angelegt und die Rute wurde einfach still hängen gelassen.
„Lauf verdammt!“
Satoris Worte gaben ihm den letzten Anstoß. Jikken wandte sich nach links zur kleinen Pfütze, an der dieses ganze Missverständnis überhaupt angefangen hatte. Der erste Schritt wühlte das bisschen Wasser auf, der nächste landete im weichen Matsch dahinter. Ein Platschen hinter ihm verriet ihm zusätzlich zu etlichen Beschimpfungen, dass Takashi direkt hinter ihm war. Jikken rannte um sein Leben. Die Bäume rauschten an ihm vorbei. Auf dem matschigen Grund fanden seine Pfoten kaum Halt, doch jetzt zu stürzen wäre mehr als unpraktisch. Zusätzlich war schnell Laufen noch nie seine Stärke gewesen. Doch seltsamerweise schien Satori fast mühelos mithalten zu können genau wie der fluchende Takashi. In dem Tempo weiter gerade aus zu rennen war keine gute Idee, zu dem tauchte vor ihm eine riesige weiße Wand, das gefürchtete Nichts(?), auf, was seinen Plan nur noch bestätigte: ein schneller Richtungswechsel. Nun ging es weiter nach rechts, an der weißen Wand entlang. Doch durch dieses simple Manöver ließ sich sein Verfolger auch nicht abhängen. Auch sein größter Feind war nicht bezwungen: sein eigener Körper. Jikken spürte, wie ihn die Kraft verließ, er wurde langsamer…
Shania hatte den Kopf schief gelegt. Daylight? Zu welchem Wolf auch immer dieser Name gehörte, er schien dem Rüden vor ihr irgendetwas zu bedeuten. Die Weiße seufzte leise und ließ den Wind durch ihr weiches, aber doch verschmutztes Fell tanzen, während der schwarze Rüde sich ihr vorstellte und damit einen kleinen Teil von sich selbst entblößte. Nightmare war also sein Name. Shania bewegte ihren Kopf leicht zu einem Nicken, nahm den Namen in sich auf und zeigte dem Rüden, dass sie verstanden hatte. Abwartend blickte sie ihn an, musterte sein dünnes Lächeln und schien unsicher wie ernst es ihm nach einem Lächeln war, dann spitzte sie ihre Ohren und erhielt die Information vor der sie so viel Angst gehabt hatte. Also war sie tatsächlich in ein fremdes Revier eingedrungen und hatte es nicht einmal gemerkt. Gott, wie dumm von ihr. Shania hätte sich selbst beißen können, doch dazu war keine Zeit, außerdem redete Nightmare schon weiter und sprach davon, dass er nur hier war um zu fliegen. Zu fliegen? Die Weiße zog die Augen verwirrt zusammen, dann blickte sie in den verlorenen Himmel und schloss die blauen Kristalle um jene Regentropfen zu genießen als wenn sie ihr eine Geschichte erzählen würden. Erst Sekunden später, nachdem Nightmares Worte schon längst mit dem Wind verschlungen worden waren, senkte sie ihr Haupt wieder um den Schwarzen genauer anzusehen, ihre Augen schienen zu lächeln und leicht zu glitzern. Er war am fliegen, gelöst von dieser Welt hier - vielleicht suchte er irgendetwas und Shania war durchaus interessiert daran, was in ihm vorging. Weckte man dort ihre alte Seele, das, was sie eigentlich so sehr ausmachte?
"Zu fliegen...", wiederholte sie kurz und nach etlichen Sekunden seine Worte, "Manchmal habe ich mich schon gefragt, wohin unsere gefiederten Freunde ziehen, in welche Welt es sie treibt und ob es dort besser ist. Einfacher. In meinen Träumen fliege ich über das Tal, über unsere Welt und sehe glückliche Wölfe, aber auch traurige. Und genau diesen möchte ich helfen. Wölfen, die Sehnsüchte haben und Wünsche und Träume. Dann kann ich mich vielleicht wie ein kleiner Vogel fühlen."
Shania lächelte zaghaft und schüttelte ihr Haupt.
"Wie der kleine Botschafter der einem sagt, wohin der Weg führt. Nightmare, danke für diese Informationen, doch gestatte mir, dass ich mich zu dir geselle und dem Regen lausche."
Da Nightmare einen Schritt auf sie zugetan hatte und ihr eine Frage gestellt hatte, war es der Weißen doch bewusst, dass sie hier ruhig eine Weile bleiben konnte. Sie ging ein paar Schritte weiter voran, blieb vor Nightmare stehen und begrüßte ihn mit einem Schnüffeln und einer kurzen Berührung der Schnauze an seiner Schulter, dann sah sie ihn mit einem Lächeln in den Augen an, wobei ihre Miene so unergründlich schien wie sonst nie. Was die Augen nicht alles sagen konnten wenn Shania es nur irgendwie zugelassen hatte.
"Hierher führt mich die Flucht aus meiner Vergangenheit. Der Versuch, mir ein neues Leben aufzubauen scheiterte und ich wollte nicht in Einsamkeit sterben. Davor hatte ich Angst. Also zog ich los - in der Hoffnung auf ein neues Rudel.", fing sie an.
Die blauen Augen sahen nachdenklich in den Himmel hinauf, der Regen lief die schmalen und hübschen Züge ihres Gesichtes hinab und sie schloss die Augen.
"Wer braucht schon die Sonne, wenn er den Regen hat..",
antwortete Shania dann auf Nightmares letzte Frage und es war auch das Einzige, was sie dazu sagte. Was führte sie schon hierher? Die Wanderung, die Einsamkeit und letztlich die Hoffnung hier etwas Neues zu finden. Es war ihr egal, ob hier die Sonne schien oder nicht, für sie zählte nicht das Wetter, sondern das, was ihr so sehr fehlte. Das Rudel, die Nähe, die Wärme und Liebe einer Gemeinschaft. Und ihre Lauscher waren aufgestellt um Nightmare ein offenes Ohr und warme Worte zu schenken, so, wie sie es schon immer getan hatte. Nein, sie konnte es nicht lassen. Niemals.
Blut tropfte hinunter auf den weichen Boden, und Regen spülte ihn rasch fort. Ayrenia wusste, es war ein Fehler gewesen ohne ihre Schwester vorzugehen. Und doch traf es sie tief, was Gani ihr vorwarf.
(...Du denkst ernsthaft, ich seie in deine Gedanken eingedrungen?...)
Der Schock traf sie tiefer als sie erwartet hatte. Der Schmerz, das Blut, all das nahm sie nicht wahr, nein, es war ihr einfach egal. Denn sie wusste, es gab keine Möglichkeit. Denn sie wusste, wenn sie jetzt kämpfte, würde die andere sterben. Wenn sie jetzt kämpfte, dann würde das fremde Rudel sie verbannen. Wenn sie das tat, dann wäre sie ohne ihre Schwester. Und ohne ihre Schwester konnte sie nicht. Denn sie würde man willkommenheißen, so wie es schon immer gewesen war. Ganz in sich selbst vertieft, rollte eine kleine Träne von ihrer Schnauze auf das Gras. Sie war es leid diesen unbändigen Schmerz zu fühlen, diesen Schmerz, tief in ihrem schwarzen Herzen, der immer wieder angestachelt wurde. Ihr ganzes Leben bestand aus einer Aufgabe- Das Verstecken ihrer Gefühle. Stets war sie die tapfere kleine Kämpferin für Papa gewesen, und doch hatte er es nie bemerkt. Doch wo der Tod so nah war, wieso sollte sie ihn nicht liebevoll entgegenehmen? Doch das alles, ihr ganzes Leben, das war alles etwas Wert gewesen. Und verdammt nochmal, sie würde kämpfen! So wie sie es schon immer getan hatte. Doch dann bemerkte sie, dass ihre Schwester sich in ihrem Bewusstsein befand, und den Schmerz, dieser schrecklichen Wunde mitfühlte. Sie wimmerte und lagg auf dem Boden. Dieser Schmerz nahm ihr alles. Und das machte Ayrenia wütend. Wer war diese Gani, dass sie sich arrogant und naiv ihr entgegenstellte. Sie hatte das verletzt, was ihr am wichtigsten auf dieser Welt war. Eine Woge der Kraft erfüllte ihren Körper. Und die Graue, die immer nocht mit einem sarkastischen Ausdruck in den Augen, und Blut an der Schnauze gelassen dastand, wurde rot. Alles wurde auf einmal rot. Sie schüttelte sich. Sie hörte ein Heulen. Doch nicht nur eines, ein ganzes Rudel stimmte einen Gesang an. Sie wusste nicht von wo es kam, doch ihr war klar dass sie in ihren Blutrausch verfallen war. Sie sträubte ihr Fell und machte sich kampfbereit.
(... Du denkst ernsthaft, nur wiel du hier stehst und so arrogant und selbstsüchtig versuchst mit mir zu kämpfen, würdest du gewinnen?...)
Ein wildes, ungezügeltes Lachen entfuhr ihr.
(... Mein ganzes Leben ist ein Kampf! Du hast dich stets gezügelt, und für dies und all das was ich gesagt habe, brauchte ich nicht in deine Gedanken zu schauen. Es ist offenssichtlich dass du eine Meisterin der Unterdrückung geworden bist. Hör mir zu. Auch ich habe jemanden der mir wichtig ist auf dieser Welt, und durch diese Verbindung bin auch ich in gewissem Maße zur Unterdrückung gezwungen. Doch ich lebe in ungezügeltem Blutdurst. Ich habe stets allem seinen freien Lauf gelassen, und damit gewann ich an Kraft. Ich werde übrigens nicht VERSCHWINDEN. Ich bin nicht ERBÄRMLICH...)
Tränen stahlen sich in ihre Augen, doch sie überdeckte dies mit einem bedrohlich Knurren und fletschte wild die Zähne.
(... Nur weil ich nicht perfekt bin bleibt mir der Zugang zu diesem Tal verwehrt? Nun gut, lass uns kämpfen. Doch du sollst ebenfalls wissen, Fenris wird uns nicht helfen. Er wird keinen vorziehen. Mal sehen wie deine Kampfstärke ohne einen Gott ist...)
Das Rot wurde immer intensiver. Die Fremde war dumm. Sie konnte kein bisschen hinter Ayrenias Mauern schauen, kein bisschen ihrer wahren Persönlichkeit sehen, und meinte ein Urteil fällen zu müssen? Lächerlich! Sie wusste, dass ihre Schwester immer noch in ihrem Bewusstsein ruhte, und der Schock war tief zu spüren. Nie war Ayrenia so gedemütigt worden. Doch selbst wenn die Fremde sie angriff, das Mitleid stahl sich in ihre Gedanken. Eine von ihnen zu sein war sehr schwer.
(... Vielleicht solltest du mal hinter meine Fassade schauen, und versuchen mich zu verstehen. Ich will keinen Kampf. Doch ich werde kämpfen müssen. Es liegt bei dir. Und eine letzte Sache, solltest du wissen. Wenn ich auchnur einmal erlebe dass du so mit meiner Shwester umgehst werde ich kein Mitleid mehr haben. Und ich hoffe, da irgendwo in dir drin ist ein Hauch von Respekt. Denn du kennst mich nicht. Und du bist dumm, zu glauben dass ich dich nicht besiegen kann. Bitte...)
Jetzt schien sie eher zu flehen.
(... Lass es so nicht enden...)
Dann stellte sie sich kampfbereit auf. Das Rot wurde immer intensiver, ihr Sichtfeld verschwamm an den Rändern leicht. Sie gab sich ganz und gar der dunklen, roten Macht hin die Besitz von ihr ergriff. Sie fühlte wie eine eiserne Kaft durch ihre Muskeln sickerte, und ihre Eckzähne wurden um Millimeter für Millimeter spitz und scharf. Sie wusste, dass ihre Schwester jetzt wegsah. Denn sie wusste was mit Ayrenia, ihrer großen Ayra passierte. Sie wurde zu der Bestie die in ihr wohnte. Doch Ayrenia durfte sich damit jetzt nicht befassen, sie fühlte jedes einzelne Tier, jeden Hauch von Blut in diesem Wald. Ihre Sinne nahmen jede Einzelheit wahr. Dann legte sie ihren Kopf in den Nacken und schickte eine Nachricht an Shila.
(...Das hier eskaliert. Ich hab dich lieb, kleine Schwester. Wenn ich das hier überlebe hole ich dich ab, falls nicht bitte ich dich hierherzukommen und und alles zu erklären. Dich würde man verstehen. So wie man mich nie verstanden hat. Fremdes Rudel, ich möchte euch sagen, es tut mir Leid dass ich zu diesem Zeitpunkt gekommen bin. Ihr sollt wissen, falls Gani oder ich unseren Tod finden werden, ich wollte das nicht. Es tut mir Leid hergekommen zu sein. Und noch eins, Banshee. Es war mir eine Ehre...)
Ihre Nachricht hallte durch das Tal, drang in jede kleinste Ritze. Dann konzentrierte sie sich auf die Kraft in ihrem Inneren, und machte sich bereit.
(...Letzte Chance...)
04.01.2010, 18:20
Nightmare lauschte ihren Worten wie ein Hungernder auf Schritte der Beute lauscht. Er sah sie an, und es schmerzte ihm bald, wie diese Worte seiner Seele gefasst wurden und ausgesprochen endlich Sinn ergaben. Ja... Faszination stand in seinen Augen, und kurz war er glücklich, glücklich wie ein Kind, als sie auf ihn zutrat, sanft begrüßte, ihn anblickte. Er mochte ihre Unaufdringlichkeit. Eine seltsame Sympathie.
"Fliegen... ja...",
wiederholte er die eigenen Worte, und konnte den harten Blick einfach nicht abwenden. Hoffnung schwappte an die kalten Klippen seines Seins. Er reckte die Schnauze danach, versuchte es zu erfassen, mit einer einfachen Bewegung. doch irgendwo fürchtete sich sein dummes Herz davor. Irgendwo hatte er Angst, es zu berühren, diese fremde Hoffnung... Die niemals die Seine sein konnte.
"Ja, ich glaub' fester an den Regen...",
lächelte er in sich hinein, und reckte ebenfalls den Kopf, erhoffte sich ebenfalls den Blick in die Sterne richten zu können, ihre, seien, jede Zukunft zu erahnen, doch ihm lief nur das Wasser in die Augen, als er den Kopf wieder senkte, und sich langsam setzte, setzte auf den nasskalten Boden.
"Denn der Regen ist wie ich.", fügte er leise an, wollte es einen Moment lang nicht aussprechen, doch die Worte drangen aus der Eisseele, drangen aus dem Herzen, drangen aus dem Kopf. Er hatte sie nicht sagen gewollt, und so leise waren sie. Wie Worte, die nicht sein durften. Wie Worte die nicht wirklich waren. Tausend fragen standen ihm im Blick, tausend Im Kopf. Doch er fragte sie nicht. Er wollte sie fragen, was an Einsamkeit denn schlimm sei? Warum sie nicht sterben wollte. Wollte sie fragen, was sie schon alles gesehen, woher sie kam, und mehr. Ein seltsam versetztes Lachen drang ihm über die Lefzen, als er registrierte, dass er es gesagt hatte, merkte, dass er wirres verklärtes Zeug redete.
"Es tut mir Leid, ich rede Schwachsinn..."
Sagte er langsam, und senkte den Blick. Es tat ihm wirklich Leid. Er wollte ihr kein falsches Bild von allen Wölfen hier geben.. Weil er eben nicht wahr wie sie.
"Ist's doch eine seltsame Zeit..."
Shania hatte in seinen Augen gemeint, ein Aufblitzen erkannt zu haben, wollte ihn aber nicht mit irgendwelchen Blicken bedrängen sondern die leichte Distanz, die zwischen ihnen herrschte, irgendwie beibehalten, denn es war etwas ganz Besonderes. Nightmare war anders, das hatte sie bereits gemerkt als er angefangen hatte zu reden, aber das machte ihn nicht zum Außenseiter, sie fand, dass er etwas Besonderes war. Seine eigenen Worte wiederholend beobachtete Shania, was der Schwarze tat und lächelte leicht, während ihr Blick erneut in den Himmel folgte und auch sie nur noch verzweifelt nach dem suchte, was angeblich so viel Hoffnung geben soll. Als Nightmare sich auf seine Hinterpfoten sinken ließ, tat die Weiße es ihm neben ihm gleich und hielt die Stille noch einige Sekunden an. Es war zu besonders, zu schön, oft brauchten es keine Worte sein denn Gesten waren so viel mehr wert. Welch ein seltsamer Gedanke, aber doch irgendwie war.
"Sie sagen immer, dass die Sterne uns unseren Weg zeigen sollen. Doch ich sehe keine Sterne..", sie zuckte kurz mit der Schnauze, als wenn sie Nightmare auffordern wollte noch weiter hinauf zu sehen, "Bist du ihnen jemals gefolgt oder hast du deinen eigenen Weg gefunden?"
Shania senkte das Haupt leicht und drehte sich leicht zu Nightmare, dann blickte sie den nassen Boden an der unter dem Gewicht der Wölfe nur leicht nachgab, dennoch schien es als wenn der Schlamm die Pfoten verschlucken wollte und die zwei Anwesenden niemals mehr gehen lassen wollte. Es zog nichts zurück, die Weiße wollte auch nicht gehen, sie wollte gerne noch bleiben und mehr über das herausfinden, was Nightmare anscheinend auf dem Herzen lag. Wieder hielt die Stille an, aber der Schwarze durchbrach sie mit einem Vergleich, der Shania erst unwirklich erschien, doch bei einem weiteren Blick auf den Wolf neben ihr glaubte sie irgendwie zu verstehen, was er meinte. Nachdenklich fixierte sie die Regentropfen, die sie erkennen konnte, beobachtete ihren Fall und sah, wie sie sich zu einer großen Pfütze ansammelten, dann blinzelte sie unsicher und schien über jenes Naturphänomen noch einmal genauer nachzudenken. Ein Blitz zuckte durch den Himmel, erhellte die Sicht kurz, dann war es wieder so dunkel wie zuvor und sie vernahm das Lachen von Nightmare. Er entschuldigte sich, aber Shania fand nicht, dass es einen Anlass dazu gab und das sollte der Schwarze auch wissen.
"Entschuldige dich nicht für Dinge, die du nie getan hast. Ich möchte dir etwas zeigen."
Shania trat etwas hervor, blieb direkt am Seeufer stehen und tauchte ihre Vorderpfoten unter, dann sah sie Nightmare an.
"Du sagst, dass du wie der Regen bist, nicht wahr? Hast du schon einmal beobachtet, was den Regen ausmacht und ihn so faszinierend für uns Wölfe macht? Es sind etliche Tropfen, viele, unmöglich sie zu zählen. Sie alle fallen hinab auf diese Erde, wurden zu diesem Schicksal auf gewisse Art und Weise bestimmt. Aber sie gehen ja niemals allein. Es ist nicht ein Tropfen, es sind nicht zwei Tropfen, es sind eben ganz viele.." Shania sah auf den See. "Am Ende, wenn sie die Erde erreicht haben, sind sie aber wieder alle zusammen. Sie sammeln sich zu einer großen Pfütze, zu einem großen See und sind wieder alle vereint. Sie würden sich niemals im Stich lassen und bleiben für immer zusammen, hier, in diesem See."
Shaina trat aus dem See hervor, ging zu Nightmare und setzte sich vor ihm auf die Hinterpfoten.
"Die Tropfen fließen selbst hier, gemeinsam, von meinen Pfoten hinab und sammeln sich wieder zu einer kleinen Pfütze, trennen sich aber niemals.", nun ging ihr Blick in die Augen von Nightmare, ein Blick wie ihn nur eine Mutter sonst haben könnte, lag in ihren Augen, "Wenn du wie der Regen bist, dann bist du auch nicht allein. Du hast immer jemanden um dich herum, eine Gemeinschaft, die dir den Rücken stärkt. Höre nicht auf die, die dir etwas nachsagen oder dich nicht mögen, sie kennen dich nicht. Sie haben sich niemals die Mühe gemacht, dich kennen zu lernen. Und das ist ihr Fehler und nicht dein Fehler, Nightmare."
Eindringlich blickte sie ihn an, hörte damit aber sofort wieder auf. Sie wollte ihn nicht zu etwas überreden, er sollte sich selbst davon überzeugen. Sanftmütig sah sie ihn an, stupste ihn leicht mit ihrer Schnauze an seine Schnauze und nickte.
Die mächtigen Kiefer krachten immer wieder aufeinander, wie ein verletztes Beutetier wehrte sich der geschwächte Todessohn. Umzingelt von den drohenden Flammen des Schmerzes und den gierigen Blicken Fenris'. Seine Reise hatte über Jahre hinweg an gedauert und sein einziges Ziel war immer nur seine weiße Gefährtin gewesen. Und nun zählte jeder einzelne Schritt nicht mehr, es war egal, wie sehr sich Acollon beeilt hatte. Kurz vor seinem Ziel, vor dem Ende seiner Reise, raubte man ihm jegliche Macht. Was ihm verblieb waren nur sein Stolz, der Wille und seine ungebrochene Stärke. Und seinen Sohn. Averic wäre fast von dem Gewicht seines Vaters umgerissen worden, bis er sich aus jeglicher Bewegungslosigkeit löste und an die Seite des Hünen sprang, ihn stützte, über ihn wachte. Geblendet von der Qual und den eigenen Prioritäten hätte der Rüde den Pechschwarzen einfach weg beißen wollen. Er brauchte keine Hilfe. Er nicht. Niemals zuvor hatte man ihm Unterstützung geschenkt, niemals musste man sich um sein Wohl kümmern. Acollon war ein Einzelgänger und Kämpfer. Keiner hatte gewagt anzunehmen, dass man ihm Hilfe schenken müsse.
Die Dinge änderten sich und so musste sich der Fenriswanderer anpassen. Wenn er den Weg bis zum Ende gehen wollte, so brauchte er Averic, seinen Erben. So musste der Rüde über jene Hassgefühle hinweg sehen, über jede seiner Wesenszüge. Bis zum Schluss werde lächeln, huschte es durch seine Gedanken. Sie sagte, dass sein Lächeln die Welt ein Stück besser machte. Oh Banshee. 'Wage es nicht hier zu sterben!', hatte sein Sohn gesagt. Sein Leib zitterte, in seiner Stimme schwang Unmut mit.
Knurrend warf sich Acollon erneut auf die Pfoten, gestützt von dem Pechschwarzen. Der Blick mit einer solchen Entschlossenheit und die Zähne gebleckt. Lieber stehend sterben, als kniend leben – zumindest war es einst so. Und hier würde er nicht sterben, nicht in dieser Sekunde. Aufgeben konnte er nicht, viel zu stolz. Aber nicht zu eitel um einzusehen, dass seine Zeit vorbei war.
“Hatte ich nicht vor“,
und tatsächlich lag ein verzerrtes Grinsen auf seinen Lefzen. Ein grimmiges, ein hartnäckiges, ein trotziges Grinsen. Eines von der Sorte, die man nicht unterschätzen sollte und vor allem nicht, wenn es einem einst so mächtigen Rüden gehörte. Mit jedem neuen Schritt spritzte das Blut zu Boden, mit jedem Schritt kam er der Erlösung näher. Das Sehfeld hatte mittlerweile wieder an Schärfe gewonnen und in der Ferne machte er Gestalten aus.
“Averic“, die Stimme belegt und rau, “ich weiß nicht wie viel Zeit mir noch verbleiben wird. Darum werde ich es Dir jetzt sagen... ich bin stolz auf Dich, stolz darauf, Dein Vater gewesen sein zu dürfen, mein Sohn.“
Lag etwa ein wenig Reue in diesen Worten? Nein, das konnte nicht sein. Es war sicherlich nur das Keuchen und Husten, dass ihn so klingen ließ.
Das Ende war nah.
Nightmare hatte nie darüber nachgedacht, ob er den Sternen oder sonstwem gefolgt war. Wenn er es sich genau besah, war seine Suche eher eine Flucht. Eine Flucht vor sich selbst. Weder in der Hölle, noch im Garten Eden wartete er doch auf den jüngsten Tag, der über sie kommen würde ... irgendwann. Nein, er war niemandem gefolgt, er hatte etwas gesucht, und es nur kurz streifen können, so kurz. Sein Weg war aller Weg, so verlor sich jegliche Individualität in der verklärten Pupille.
"Ich brauche keinen Weg.", sagte er ruhig und beherrscht, und verschwieg was er gesucht hatte. Er hatte den Tod gesucht. Er hatte ihn immer Schleichen hören. Er hatte ihn an der Nase herumgeführt, und ihn schließlich in dem gigantischen Tal festgesetzt. Sein Blick schweifte kurz über den See. Er würde ihn sicher finden, dort im Wasser. Weil das Wasser immer schon Tod bedeutete, ebenso wie Feuer.
"Wo ich doch tanzen kann bis zur Besinnungslosigkeit."
Tanzen mit den Winden.
Sie wollte ihm etwas zeigen? Nightmare fühlte sich wie ein Welpe, der zur Mutter aufschaute. Seltsam nur, dass die Mutter so viel munterer als er schien. Er fühlte sich nicht unsicher. Es war eher eine seltsam unbefriedigte Gier, die sich bald in ihm fing. Es war eine seltsame Ironie, wie sehr ihr Reden ihn faszinierte. Wahrscheinlich hätte er andere Wölfe belächelt, wenn sie so etwas gesagt hätten. Doch er lächelte nicht, er blickte sie fasziniert an.
>>Sie würden sich niemals im Stich lassen<<
Sich nicht vergessen, an sich festhalten, sich an sich kauern, weil einem nur das eine geblieben war- der eigene Kopf. Sie hatte Recht, auf eine gewisse Art und Weise. Als sie sich wieder umdrehte, war Nightmare versunken, versunken in die eigenen Gedanken. Wenn der Regen sich so treu war, warum waren nicht mehrere Wölfe wie der Regen? Er hatte nie erfahren, wie Wesen hinter einem standen, er hatte immer zitternd vor einer Meute gestanden. Alle gegen alle- alle gegen mich... so hatte Nightmare sich gefühlt. Er hatte geglaubt nur auf sich bauen zu können, doch wenn er Wesen wie Shania begegnete zweifelte er daran. Zweifelte an all der Schlechtigkeit die er erfahren hatte. Und zweifelte an der Existenz einer sicheren Schuld.
"Der Regen zieiht von Ort zu Ort. Alles was bleibt sind seine nasskalten Spuren.", sagte er leise als sie geendigt hatte. Ein Lächeln folgte. Ein Lächeln welches sich verwirrt verklärte, als sie ihn wieder berührte. Sie tat es mit einer Wärme und Offenheit, die Nightmare angriff. Doch er ließ es gern an sich herankommen, er ließ die Distanz fallen, spürte nur wie die Brust bebte, das Herz schlug, das Lächeln sich ehrlich vertiefte. Die Ohren legten sich kurz verwirrt an, Verwirrung über die Belastung, das Kopf und Herz sich unendlich schwer widersprachen. Wie sie ihn ansah. Er fühlte sich ruhig und sicher, mit dem beben in der Brust.
Fehler ... sein Fehler, ihre Fehler ... darüber hatte er nie nachgedacht. Er blickte sie an mit einer Mischung aus Zweifel und nachdenklichkeit. Das Lächeln schwand leicht.
Fehler.Schuld.Leid.
Wessen Fehler? Warum Fehler- er hatte immer die falschen Schritte getan, doch es war ihm seltsam egal gewesen. Er trug Schuld mit sich herum, Schuld im nachtschwarzem Fell, Schuld in den grauen Augen, Schuld an dem Tod der Mutter, des Vaters, des eigenen Ichs. Schuld. Er wischte die Gedanken bei Seite, und doch spukten sie weiter. Sie klebten im Kopf, belasteten die Seele- noch ein wenig mehr. Alles was blieb war die Bewunderung, die Bewunderung über so viele starke Worte, die alle so wahr schienen- und selbst wenn nicht
Nightmare wollte sich belügen lassen.
"Sanft und weise.... Du bist ein faszinierendes Wesen.", Nightmare wählte die Worte aus dem Schwall der Bewunderung, die ihm bald die Tränen in die Augen trieb.
"Shania, die Heilerin.", sagte er, und ihm wurde bewusst, dass er für genau solche Momente lebte. Wenn er sehen konnte wer er war. Wie leise doch der Regen fiel ...
Es war schon einige Zeit her, wo Takashi da einfach so dagestanden hatte, als wollte er verschwinden. Er hatte Jikken den Rücken zugekehrt, was wohl hätte bedeuten sollen, dass er nervt. Ein anderer hätte nun wohl geschwiegen und eingesehen, dass das Mist gewesen war, was er da geredet hatte. Das war auch eigentlich das gewesen, was Takashi erwartet hatte. Er hätte es aber auch noch akzeptiert, wenn man normal mit ihm weiter gesprochen hätte. Aber dieser Jikken schien unaufhaltsam weiterzulabern. Irgendein unsinniges und wirres Zeug, als würde er mit sich selbst oder gar einem dritten Wolf reden. Doch dieser dritte Wolf war hier weit und breit nicht zu sehen. Das war auch schon vorher klar gewesen und deshalb nicht weiter zu durchdenken. Stand etwa damit schon fest, das Jikken völlig verrückt war? Wahrscheinlich hätte das Takashi akzeptiert, wenn er nicht in solch einer miserablen Situation gesteckt hätte. Vielleicht hätte er sich dann sogar die Zeit genommen, um mit dem Weißen darüber zu reden, was er denn da für komische Sachen erzählte. Doch jetzt war eine solche ruhige und verständnisvolle Handlung keines Wegs von dem Schwarzen zu erwarten. Noch immer hatte er dem Fremden den Rücken zugekehrt. Unsicher zuckte eines von Takashi Ohren nach hinten. Er wusste jetzt nicht, ob er ruhig bleiben oder völlig ausflippen sollte. Wütend konnte man in grummeln hören. Daraufhin schüttelte er aber nur den Kopf und verwarf den Gedanken, an Jikken all seine Wut abzulassen. Das wäre einfach zu unsinnig, da Jikken auch gar nichts mit der Sache zu tun hatte. Die Minuten, die er da so stand, schienen zu Stunden zu werden. Inzwischen war das Wetter noch schlechter geworden. Der Regen hatte sich in eine Art Unwetter umgewandelt: Ein Sturm tobte und ein Gewitter sorgte für Lärm und Unruhe. Der Schwarze wusste, dass es recht gefährlich war, wenn ein Blitz in einem Waldgebiet einschlug. Er hatte es selbst schon einmal miterlebt, wie ein kleiner Wald durch einen Blitzeinschlag verbrannte. Damals wurde jegliches Leben, wenn man nicht schnell genug gewesen war, ausgelöscht. Betrübt blickte der schwarze Rüde für einen Moment auf den matschigen Erdboden. Als dann aber Jikken ein weiteres Mal das Wort erhob und wieder nur Stuss dabei raus kam, hob der Schwarze energisch den Kopf und starrte nach vorne. Rückartig hatte er sich umgedreht und ging langsam auf den Weißen zu. Um ihn endgültig in seine Schranken einzuweisen, hatte Takashi ihm gedroht. Ein Schimmer von wütenden rot glitt durch seine Augen. Jetzt war Schluss, jetzt war es vorbei mit Frieden!
.oO(Du hast deine letzte Chance verspielt! Jetzt ist’s vorbei! Ich denke doch sehr, dass ich dir jetzt genug gegeben habe. Außerdem hätte ich dir erst gar keine Chance geben brauchen; nicht eine einzige! Ich hätte dich doch auch sofort wie ein blödes Karnickel herumscheuchen können! Wieso bist du denn nur so dumm und auch noch undankbar? Jetzt bist du dran – endlich! Du kannst es nicht einfach von mir erwarten, dass ich jetzt noch ruhig bleibe! Ich bin schon viel zu lange ruhig geblieben; das Maß ist endgültig voll! Jetzt ist Schluss mit lustig! Du wirst schon noch sehen, was du von dem ganzen Mist hast! Und bereuen wirst du es wohl auch noch!)
Rasten die Gedanken in seinem Kopf, während er immer näher auf den Weißen zugegangen war. Inzwischen war dieser aufgestanden. Ob er wohl vorhatte, einfach abzuhauen? Takashi Blick wurde finster und er zeigte knurrend seine Zähne. Und tatsächlich – da haute der doch einfach ab! Der schwarze Rüde schien für einen Moment völlig verwirrt, da er darauf jetzt überhaupt nicht gefasst war. Schnell begriff er jedoch, dass seine einzige Chance sich zu rächen war, dass er den Fremden einfach verfolgte. Eine ungünstige Situation für Jikken würde Takashi wohl schamlos ausnutzen und ihm den Weg abschneiden oder ihn gar anspringen und zu Boden zerren. Was er dann tun würde, war ihm noch nicht klar. Inzwischen war auch schon der Schwarze losgesprintet und ging auf Verfolgungsjagd. Das miese Wetter machte ihn noch zusätzlich wütender. Der unüberhörbare Knall des Donners und der rasende Sturm nervten ihn einfach nur zusätzlich. Außerdem war es auch ziemlich dunkel. Doch Blitz und Donner konnten die Umgebung immer wieder für einen kurzen Moment erhellen. Jikken in der Dunkelheit zu erkennen, war auch nicht sonderlich schwer. Da er weißes Fell besaß, konnte man ihn viel eher als Takashi in der Dunkelheit erkennen. Immer und immer wieder schrie der Schwarze verschiedene Beleidigungen durch den Wald. Ob wohl auch andere Wölfe davon mitbekamen? Egal, das war jetzt wirklich egal! Takashi war außer sich vor Wut und sah keinen Weg mehr, das alles zurückzuhalten. Zudem war nicht sonderlich einfach, eine hohe Geschwindigkeit beizubehalten. Der Boden war so sehr aufgeweicht, dass zumindest die Pfoten Takashis bei jedem Satz völlig versunken. Immer und immer wieder wirbelte er neuen Matsch auf, der meterweit zu allen möglichen Seiten flog. Inzwischen nahm sein Fell eine bräunlich matschige Farbe an. Doch das war ihm nun völlig egal. Es kam auch oftmals vor, dass man beinahe umknickte, wegrutschte oder sogar stolperte und im Matsch liegen blieb. Das Problem, was zu kommen schien, konnte Takashi noch gar nicht erahnen. Schon von weiter Ferne hatte man sehen können, dass sich auch hier der weiße Nebel ausgebreitet hatte. Ein plötzlicher Richtungswechsel von Jikken war für den Schwarzen Rüden natürlich nicht voraussehbar gewesen. Ob er wohl Angst vor dem weißen Nebel, dem Nichts, gehabt hatte? Jedoch war einfach viel zu schnell gewesen und so eine scharfe Kurve zu laufen, war unmöglich für ihn geworden. Alle vieren rutschten im Weg, er fiel auf die Seite und rollte noch ein gutes Stück weiter. Das schwarze Fell war nun von braunem Matsch verklebt und diverse Dinge wie Blätter oder winzige Äste hatten sich in seinem Fell verheddert. Ruckartig sprang er wieder auf und holte Jikken langsam wieder ein. Was war los? Schien der Weiße da vorne allmählich langsamer zu werden? Das wäre doch wohl ein eindeutiger Vorteil für Takashi, den er auch nutzen musste! Er gab noch einmal alles und holte mehr und mehr auf. Langsam konnte er Jikken einholen. Der Schwarze lief rechts an Jikken vorbei, überholte ihn, machte einen großen Satz nach vorne und stand plötzlich in der Laufbahn des Weißen.
Einen kurzen Augenblick hatte Jikken den Gedanken gehabt, wieder die Richtung zu ändern, nach links in den weißen Nebel. Schließlich wirkte das helle Nichts auf eine unheimliche Art und Weise wie ein schützender Zufluchtsort in der ansonsten alles umspannenden Dunkelheit des nächtlichen Sturmes. Hier würde Takashi den Weißen garantiert nicht so leicht verfolgen können, wenn er sich dort überhaupt rein trauen würde, denn ihm waren Dinge zu Ohren gekommen, die es einem unter normalen Umständen austreiben sollten, sich dort hinein zu begeben: Bisher war noch niemand dort wieder heraus gekommen. Naja, er könnte ja der erste sein, der da wieder raus kommt, doch als Satori auch noch meinte, dass sei ein ziemlich bekloppter Plan, ließ Jikken diese Idee auch nur einen wirren Gedanken in seinem Kopf bleiben. Nichtsdestotrotz musste er nun etwas unternehmen. Die Läufe schmerzten, die Lunge brannte, er wurde immer langsamer. Vielleicht konnte man das Ganze noch mit einem freundlichen Gespräch in geregelte Bahnen lenken? Moment, ein normales freundliches Gespräch hatte ihn doch überhaupt erst in diese Lage gebracht. Es war Hoffnungslos…. Obwohl, vielleicht hatte der Schwarze die Verfolgung ja aufgegeben und Jikken war wieder in Sicherheit. Das wäre natürlich ideal, so wären alle Probleme gelöst.
Jikken wollte gerade stehen bleiben und sich umdrehen, als es ihm ein Blitz ermöglichte, etwas Schwarzes an sich vorbeirasen zu sehen. Ein Rabe? Er hatte nicht genau darauf geachtet, schließlich hatte er schon genug Probleme, den Weg vor sich bei der Dunkelheit zu erkennen. Wenige Sekunden später wurde die Umgebung erneut erhellt und Jikken sah Takashi direkt vor sich im Weg stehen. Ab da ging alles zu schnell, als dass er es noch wirklich mitbekommen konnte. Er wollte stehen bleiben und kehrt machen, auf jeden Fall vor der Bedrohung fliehen. Der Boden war hier, wie eigentlich überall im Wald, sehr matschig. Anstatt festen Halt zu finden, um direkt in die andere Richtung zu rennen, rutschten seine Läufe unter ihm weg und er stürzte. Das für sich genommen war schon ein überaus unpraktischer Umstand. Doch bedauerlicherweise rutschte er noch fast mit voller Geschwindigkeit in irgendetwas rein und blieb schließlich im Matsch liegen. Jikken, nun mehr braun als weiß, blickte kurz zurück. Takashi, dessen Fell ebenfalls einen Farbwechsel zu einem appetitlichen Braun hinter sich hatte, lag ebenfalls im Dreck. Er wurde also von Jikken von den Läufen geholt. Immerhin ein Trost. Nun musste er schnell weiter und den Moment ausnutzen. Jikken lief wieder los, nur um zwei Schritte weiter wieder im Matsch zu landen.
„Verdammt…“, brachte er keuchend hervor.
„Findest du das nicht auch sinnlos?“, fragte Satori ihn kalt.
„Du bist an allem schuld…“, konterte Jikken noch am Boden liegend.
Er schüttelte kurz den Kopf und machte Anstalten sich erneut zu erheben, weiter zu laufen, um sich davon zu machen. Sinnlos?
Ein Zittern durchfuhr die Schwarze, als sie neben ihre Nichte trat, Akhuna Caiyé, und zu ihrer Mutter blickte. Die Trauer in den hellgoldenen Augen ließ Malicia zusammenzucken. Wie konnte ihre Mutter nur so tief fallen; einst war sie das schönste, klügste und wunderbarste Geschöpf gewesen, dass die Fähe kannte und jetzt sollte alles vorbei sein? Es war viel zu kurz geworden, ihr Leben. Nein, Banshee durfte nicht sterben! Innerlich focht Malicia einen Kampf mit sich aus. Der eine Teil wollte die alte Wölfin anschreien, warum sie hier so tatenlos lag - und der andere wurde jetzt schon von Schluchzern geschüttelt bei dem Gedanken, dass ihre geliebte Mutter jetzt von ihr gehen sollte. Malicia verpasste Banshee einen zarten Stupser, nicht mehr als ein Windhauch, in der Angst, ihr Schmerzen zuzufügen.
"Mutter, Du weißt, dass Deine Liebe alles war, das mit Halt gegeben hat. Aber ich habe Dir versprochen, falls Du Dich noch erinnerst, dass ich stark sein werde, wenn es so weit ist und ich wieder auf mich allein gestellt bin. Und das wird bald sein. Banshee, jetzt kannst Du nicht mehr hoffen, dass ich zurückkomme, wenn ich gehe, aber ich werde nicht mehr gehen, Mutter. Ich werde bei Deinem Rudel bleiben, bis ich sterbe. Für Dich. Weil ich Dich liebe."
Malicia setzte sich neben der Weißen nieder und beschloss, nicht zu gehen, bevor Banshee es ihr befohl. Und die Alphatochter wusste, dass ihre Mutter ihr das in diesem Leben nicht mehr befehlen würde. Sie hatte nicht mehr die Kraft dazu, andere herumzukommandieren und Malicia wusste, dass Banshee das auch nie machen würde. Und weine die Schwarze doch. Ohne es zu wollen, kullerten ihr die Tränen aus den Augen, eine nach der anderen. Malicia unterdrückte die Wut auf sich selbst, doch sie wurde weiterhin von leichten Schluchzern geschüttelt. Erst als die Wölfin sich einigermaßen beruhigt hatte, sprach sie weiter.
"Du weißt, Mutter, dass ich Dich jetzt nicht mehr enttäuschen werde. Ich werde das Rudel der Sternenwinde, Dein Rudel, nicht enttäuschen. Ich werde niemanden mehr enttäuschen, sondern nur noch das tun, was mein Herz mir sagt, so wie Du es mir befohlen hast."
Damit war Malicias Part hier beendet. Es war das letzte Mal, dass sie die Chance hatte, mit ihrer Mutter zu sprechen, wenn auch nicht allein.
Face Taihéiyo war stehen geblieben. Hatte gewartet, beobachtet. Zugesehen, wie langsam auch der letzte Welpe seinen Übermut verlor und sich die Trauer, gemischt mit Unverständnis, wie ein Tuch über alle Anwesenden legte. Tyraleen als Mutter, die stark bleiben musste, eine Stütze für ihre Welpen, obwohl sie doch den Tod ihrer eigenen Mutter erwartete. Er konnte sich nur wage vorstellen, was in den Köpfen der Wölfe vorging, welche Gefühle sie durchlebten. Face selbst empfand keinen Schmerz. Der Pechschwarze stand weiterhin, als wäre er bloß ein Schatten, eine unsichtbare Kreatur, die bloß zusah. Einige Welpen waren losgerannt, als die weiße Leitwölfin in Sichtweite kam. Sie wussten gar nicht, was ihr Dahinscheiden bedeutete, was sich verändern würde für die, die die Jahre unter ihrer Leitung verbracht hatten, sich geschützt und in guten Pfoten wissend. Sie wussten nicht, wie viel niemals mehr wie vorher sein würde. Nach und nach verschwand das Alte, um Platz für Neues zu machen. So spielte das Leben, dieser Kreis schloss niemanden aus. Langsam setzte sich Face schließlich wieder in Bewegung, folgte dem Zug zu der ständig wachsenden Versammlung. Der traurige Regen war derweil längst zu einem klagenden Sturm angeschwollen, durchtränkte sein tiefrabenschwarzes Fell und verschleierte die Sicht. Alle waren sie da, standen entweder bei Banshee, oder hatten sich eng an sie heran geschmiegt. Alle wollten sie Lebewohl sagen. Halt - fast alle. Er konnte den Bruder und Gefährten seines "kleinen" Patenkindes nicht entdecken. Die saphirblauen Augen des Rüden flogen kurz umher. Und natürlich fehlte auch der, den hier die Wenigsten kannten. Der, der schon immer gefehlt hatte. Acollon. Aber es war nun wohl zu spät, um sich Gedanken über ihn zu machen. Etwas schräg neben Banshee, Nyota, Tyraleen und dem ganzen Rest, der bei der Leitwölfin lag, blieb Face stehen, den Blick auf die Weiße gerichtet. Es war auch für ihn Zeit, auf Wiedersehen zu sagen. Und er würde ihr Versprechen nicht vergessen, auch wenn der Gedanke daran eine gewisse Schwermut in ihm auslösen wollte. Kein Wolf sollte einsam sterben. So wie sie auf ihre Art am Ende für ihn da sein wollte, so stand er nun hier, für ein kleines auf Wiedersehen.
"Auf bald, Banshee."
Takashi hatte gedacht, dass er Jikken noch rechtzeitig zum Anhalten bekommen wird. Zwar war der Schwarze schnell und geschickt genug gewesen, um in der Dunkelheit an dem Fremden vorbei zu zischen. Das hatte noch lange nicht geheißen. Denn das alles hatte ihm im Endeffekt gar nichts gebracht. Die ganze Aktion hatte nur noch mehr Probleme mit sich gebracht, als schon vorher existiert haben. In letzter Sekunde hatte der schwarze Rüde noch versucht, einen Satz rückwärts zu machen. Doch es war bereits zu spät gewesen. Jikken raste mit voller Geschwindigkeit gegen Takashi. Der aufgeweichte Boden war wohl an diesem Malör schuld gewesen. Anscheinend hatte der Weiße keinen halt mehr gefunden und war somit einfach weiter, direkt auf Takashi zu, gerutscht. Durch diesen harten Zusammenstoß hatte Takashi für einen Moment den Boden unter den Pfoten verloren. Für einen Bruchteil einer Sekunde schien er einige Zentimeter über den Boden zu schweben, bis er hart aufschlug. Er landete auf dem Rücken und konnte sich nur noch langsam zur Seite rollen. Einige Sekunden lag er einfach nur so reglos da. Beinahe schien ihm vor Augen schwarz zu werden, bis sich sein Zustand wieder langsam stabilisierte. Jikken war Takashi so stark gegen das Brustbein gerast, dass dieser für einen Moment lang keine Luft zu bekommen schien. Vergeblich keuchte er nach Luft, was aber nicht so einfach gelingen wollte. Nach und nach konnte er immer ein bisschen mehr Luft erlangen. Jedoch würde es noch eine Weile dauern, bis er wieder ruhiger atmen würde. Es war nicht nur das, denn der Schwarze wurde wirklich hart getroffen: Er trug nun eine lange leicht blutende Schramme am linken Vorderlauf, die er sich wohl an einem spitzen Steinchen zugezogen hatte. Und irgendeine warme Flüssigkeit schein im aus der Nase zu tropfen. Ein Tropfen glitt durch das schwarze Fell und landete schließlich in einer kleinen Ansammlung von Regentropfen. Die rote Flüssigkeit verteilte sich eilig in der winzigen Pfütze und machte dabei interessante Muster, die immer transparenter wurden. Takashi hatte natürlich bereits verstanden, dass es sich bei dieser Flüssigkeit um Blut handelte. Aus dem Augenwinkel hatte er beobachten können, wie Jikken sich wieder aufgerichtet hatte. War die Jagd nun vorbei, da er sich jetzt blitzschnell aus dem Staub machen würde? Nein, wohl eher nicht. Der Weiße schien so geschwächt, dass er nur nach wenigen Schritten erneut zu Boden ging. Für Takashi wäre das wohl ein kleiner Vorteil, da er nun nicht auf Hektik machen musste. Er war nun selbst ziemlich geschwächt, hatte trotzdem nun sehr viel Zeit. Unbeholfen versuchte er sich mit der Pfote einen weiteren Tropfen Blut von der Nase zu wischen. Das hatte nun nicht allzu viel genützt. Langsam nur drehte er sich auf den Bauch. In einem kleinen Abstand von dem Schwarzen entfernt, lag nun auch Jikken. Auch er schien kaum noch weiter zu können; was auch immer er hatte. Mit einem großen Kraftaufwand konnte es Takashi gelingen, sich langsam aufzurichten. Er musste wirklich ein grausames Bild bieten: Das Fell zersaust, vom Schlamm verschmiert. Unzählige kleine Dinge, die man im Wald finden konnte, trug er in seinem verklebten Fell mit sich. Von den Pfoten bis hin zum Kopfe trug er großflächig das Endprodukt des aufgewichten Boden an sich. Die ersten zwei Schritte konnte er sich nur wankend voran Bewegen und blieb schließlich wieder stehen. Seine Beine zitterten leicht. Ob es noch die Schocksituation war, wo Jikken auf Takashi zugerast war? Wahrscheinlich. Den Kopf senkte er leicht und setzte wieder Pfote vor Pfote. Um Jikken machte er einen kleinen Schlenker und stellte sich vor ihn. Er sah auf ihn herab, legte den Kopf leicht schief und schaute grimmig. Sagen tat er jedoch nichts; er blieb stumm.
.oO(Und was soll ich jetzt mit dir machen? Du hast uns doch beide in diese Scheiße reingezogen! Warum warst du denn auch nur so dumm und hast den ganzen Mist angefangen? Wärst du vorhin nicht einfach so losgerannt, wäre das hier wohl eher nicht passiert. Was hätte ich denn auch machen soll? Dich etwa laufen lassen? Nein, niemals! Aber nun ist es zu spät. Geschehen ist geschehen! Da kann man jetzt nichts mehr dran ändern.)
Dachte Takashi, noch immer stumm bleibend. Er würde dem Weißen wohl eher nicht tun. Nichts wirklich Ernsthaftes. Noch immer stand er mit demselben grimmigen Gesichtsausdruck da. Auch wenn das Jikken immer weiter einschüchtern würde, war ihm das egal. Er sollte ruhig schon merken, dass der Schwarze nun ziemlich sauer war und auch Schaden von der ganzen Aktion getragen hatte.
Nur ein kleines Stückchen war die weiße Fähe zur Seite gerutscht, als Tyraleen zu ihnen getreten war um ebenfalls zu Banshee zu sprechen. Gerade so viel, dass Tyraleen gut zwischen sie und Nyota passte und sich nicht zu unwohl fühlen musste, falls sie, wie Sheena dachte, sie nicht mochte. Mit einer gewissen Unruhe hatte die die ganze Zeit über in den Gesichtern der anderen Wölfe nach Missmut über ihre Anwesenheit gesucht, jedoch erfolglos. Ob sie darüber so glücklich sein konnte, wusste sie jedoch nicht recht, schließlich war es logisch, dass hier alle Trauern würden und sie war sich nicht sicher, ob sie Missmut hinter der Trauermiene entdecken würde, da sie die Wölfe dafür zu wenig gut kannte. Umso erstaunter war sie, als Tyraleen ihre Schnauze plötzlich in dem weißen Fell von ihr selbst vergrub. Sheenas Augen weiteten sich ein wenig vor Unglauben, nicht, dass es sie störte, insgeheim freute sie sich sehr darüber, sollte diese Geste auch nur Situationsbedingt sein. Erneut huschte ein Lächeln über ihre Lefzen und sanft erwiderte sie die Geste der Mitschülerin. Tröstend strich sie ihr mit der Schnauze über das Fell. Bis Banshees Stimme an ihr Ohr klang, sie hatte sich ihr zugewandt. Ohne Tyraleen zur Seite zu drängeln, ließ sie ihre Schnauze von ihr gleiten und drehte sie Banshee zu, welche sogleich über ihre Schnauze, hinauf zur Stirn fuhr.
Verzückt hielt Sheena still, diese Gestik war ihr, in all der Zeit, so vertraut geworden und der große Schmerz über den Verlust einer Art Mutter bohrte sich in ihr Herz. Bei den Worten, die Banshee ganz ruhig, so selbstverständlich sagte, rollte eine einzige Träne aus ihren glänzenden Augen über die lächelnden Lefzen.
Die Worte wärmten sie, von innen entstand ein Strahlen, welches ihren ganzen Körper durchzog und ihr einen Mantel umlegte, der sie kräftigte, in dem sie sich geborgen fühlte. Sie wusste nicht genau, wie Banshee wirklich zu ihr stand, aber diese Worte zeugten nicht nur von so viel Weisheit sondern auch von so viel Liebe, dass Sheena gar nicht richtig wusste wohin damit. Hatte sie die Zeit über doch viel zu wenig, viel zu unterschiedliche Liebe erfahren. Nun durfte sie also wieder sprechen. Es war ein komisches Gefühl, blitzartig kehrten die Erinnerungen zurück, der schwierige Anfang, die umständlichen Gespräche mit ihren Geliebten Personen, die sie doch immer irgendwie verstanden hatten. Und nun hatte sie also ihre Stimme wiederbekommen, würde sie diese überhaupt noch nutzen können? Sie schluckte schwer, auf einmal war ihr, als ob ein riesiger Knoten in ihrem Hals entstanden war, gleichzeitig bekam sie das traurige Lächeln nicht mehr von den Lefzen. Ein wenig ungestüm fuhr sie Banshee abermals durch das Fell und nahm all ihren Mut zusammen. Die ersten Worte sollten nur für Banshee sein, nur für sie. Sie schluckte hart, räusperte sich dann und schlenkerte dann mit ihrer Schnauze zu Banshees Ohr.
„Ich…“ ihre Stimme klang kratzig, vollkommen orientierungslos und doch lag so viel Dankbarkeit und Liebe in ihr, wie Sheena innewohnen hatte. „Ich danke dir für alles. Jede einzelne Sekunde die ich bei dir sein durfte, die ich zu deinem Rudel gehören durfte, die ich dich als Mutter annehmen durfte!“
So, nun war es heraus. Sie schluckte wieder, diese Stimme war nicht die, mit der sie früher geflucht und geschimpft hatte, damals war sie zwar wütend aber trotzdem samtweich gewesen. Nun war es ihr, als ob sich ihr Gemüt geändert hatte, zu dem wie die Stimme vorher war, und die Stimme hatte das Gleiche getan. Aber das war nicht wichtig, sie wusste sich mit wenigen Worten auszudrücken, würde diese Erfahrung nie vergessen, würde sie ehren und ihre Stimme würde sich schon wieder an das Sprechen gewöhnen. Überglücklich drückte sie ihre Schnauze ein letztes Mal in Banshees Fell und vor ihrem inneren Auge erschien ihr Engaya, welche ihr stolz zulächelte. Sie würde über Banshee wachen, immer, und sie würden sich wieder sehen, wenn ihre Zeit gekommen war, würde sie Banshee wieder treffen. Sie wusste, dass Banshee sie verstehen würde, sie würde wissen, warum sie nicht richtig geweint hatte. Sheena hatte keine Tränen mehr in sich, zu viele Verluste hatte sie hingenommen, hatte sie überweint, nun wollte sie ihrer Alphafähe das geben, was sie sich wohl wünschte. Trauer, gemischt mit dem guten Wissen, sie wieder zu sehen. Mit einem Lächeln.
Nun wollte sie sich wieder Tyraleen zuwenden, doch wie sie so ihre Schnauze zu der weißen Fähe drehte, erhaschte sie einen Blick auf Rakshee, welche anscheinend sehr unglücklich und gequält am Rand herum stand. War das nicht die Position in der Sheena sich zuvor noch gesehen hatte? Mitleidig wollte sie wegblicken, schließlich hatte Rakshee sie wahrhaftig nicht gerade freundlich ihr gegenüber verhalten, doch dann hatte sie eine bessere Idee. Rasch fuhr sie Tyraleen durch das Fell, sie hatte sie nicht vergessen, dann hob sie ihren Kopf zu Rakshee und schenkte ihr ein schüchternes Lächeln.
„Rakshee ... Komm.“
Immer noch klang ihre Stimme so rauchig, vielleicht auch ein bisschen böse, doch das war sie nicht. Sie wünschte sich Rakshee an ihrer anderen Seite, die drei Priesterinnen vereint. Damit fuhr sie Tyraleen wieder durch das ebenso weiße Fell, schmiegte sich an sie und schenkte ihr von ihrer Liebe.
Irgendwie war Liel froh, wieder auf ihren Pfoten zu stehen, obwohl sie es genossen hatte, durch das stürmische Wetter getragen zu werden. Doch nun konnte sie Shani auch ansehen, das war ihr wichtig, sie wollte ihre Antwort ganz genau mitbekommen, nicht nur wörtlich, sondern auch die Mimik die sie dabei von sich gab, erschien der Kleinen sehr wichtig. Doch noch bevor Shani zum antworten ansetzen konnte, kam Ciradán schon, fröhlich, auf sie zugelaufen. Etwas erschrocken und überfordert mit der Situation sah sie zu der großen Weißen hinauf, schon war die noch ausbleibende Antwort vergessen, hätte Shani sie ihr nicht wieder in Erinnerung gerufen. Also schmiegte sie sich zuerst an Ciradán, welcher sie bereits fröhlich umrundet hatte und einfach angefangen hatte los zu plappern. Was würde er denn nun von ihr denken, wenn er die Antwort von Shani mitbekam. Eigentlich hatte sie doch extra gefragt, bevor sie bei ihm angekommen waren. Nun konnte sie es sowieso nicht mehr ändern, schließlich konnte und wollte, sie ihren Bruder nicht fortschicken, also blinzelte sie zu Shani und beobachtete diese, während sie ihren Worten lauschte. So ganz war sie nicht überzeugt davon, dass Shani sich wirklich freute, irgendwie wirkte sie ein wenig gezügelt, aber vielleicht erschien ihr dies auch passender. Liel wollte ihren Worten Glauben schenken und freute sich sehr, dass Shani dies für sie tun wollte. Als sie dann Chanukas Leid erwähnte, sanken ihre Ohren gen Kopf. Es starb also noch jemand, nun sollte es Chanukas Mutter und ihre Alphafähe sein. Zumindest hatte Banshee Chanuka, warum auch immer, aufgenommen und gepflegt. Dann würden sie also nun zusammen alleine sein können. Natürlich würde Liel ihn trösten, wenn Banshee ebenfalls ins Reich der Götter übergegangen war. Doch damit waren sie auch gleich schon beim Thema, Shani hatte zwar angefangen zu sprechen, Ciradán schon ein wenig eingestimmt, aber dann verstummte sie, wollte wohl, dass Liel weiter sprach. Ihr Herz wurde schwer, Ciradán sah so glücklich und unbeschwert aus, ganz anders, als nach dem Tod der Mutter, wie würde er den weiteren Tod verkraften? Sanft und irgendwie ein wenig verloren drückte Liel sich eng an ihn, den Kopf auf seinem Rücken, so schleckte sie ihm über seinen kleinen Kopf. Wie eine Mutter bei ihrem Welpen. Doch noch bevor sie die richtigen Worte finden konnte, kam ein großer schwarzer Wolf auf sie drei zu und warf Liel noch mehr aus ihrer Bahn. Sie kannte den Wolf nicht und anscheinend schien der Wolf selber nicht recht zu wissen, ob er sie drei kannte. Komisch, und sie dachte immer, Erwachsene würden alles wissen, zumindest ob sie sich untereinander kannte. Plötzlich schoss ihr ein irrsinniger Gedanke in den Kopf, konnten sie Ciradán nicht verschweigen, dass der Vater gestorben war und irgendwelche Ausreden erfinden, warum er ihn nicht mehr zu Gesicht bekam? Gleichzeitig wusste sie schon, dass es unmöglich war, nicht, dass er keinen Verdacht schöpfen würde, es wäre auch noch einfach unfair ihm gegenüber gewesen. Skeptisch blicke sie den schwarzen Störenfried an, eigentlich wollte sie auch noch Shani antworten, eigentlich wartete Ciradán auf die angekündigte Schreckensnachricht und eigentlich wollte sie nichts von dem vor diesem Fremden tun. Warum war er denn hierher gekommen, hätte er sich nicht wen anders suchen können? Sie wusste, dass sie ein wenig unfair wurde, deshalb versuchte sie dem schwarzen Wolf ein Lächeln zu schenken, was nur ein winziges bisschen kläglich scheiterte. Fast hätte man es für normal durchgehen lassen könnten, vielleicht tat der Wolf dies auch, schließlich kannte er sie nicht. Gerade hatte sie sich wieder zu Ciradán wenden wollen, da merkte sie, dass zwei weitere Wölfe auf sie zukamen, bei ihnen ankamen. Nun wurde sie doch ein wenig ärgerlich, die Wölfe konnten ja nichts dafür, aber musste das gerade jetzt sein. Sie blinzelte den abermals schwarzen Wolf an, der etwas unwillig eine kleine Fellkugel zu Boden fallen ließ. Ein weiterer Welpe. Sie kannte weder den Großen noch die Kleine, aber seine Worte erschreckten sie. Wieso sollte der Welpe für Shani sein? Panisch riss sie die Augen auf und blickte in Shanis Augen, war sie vielleicht gar nicht so freundlich, sondern nahm einfach alle Welpen auf, die keine Eltern mehr hatten? Der Gedanke jagte ihr Angst ein und fast schon, wollte sie einfach davon laufen, alles hinter sich lassen, da besann sie sich eines Besseren. Shani hatte so lieb gewirkt, sie würde sie nicht verletzen können. Doch trotzdem war sie nun völlig aus ihrem Konzept geworfen und blickte nun fragend zu Shani. Dann erinnerte sie sich an ihre Mutter, die immer völlig aufgeschlossen und freundlich zu neuen Wölfen gewesen war, nicht nur, weil sie die Betafähe gewesen war.
„Freut mich euch alle zu sehen…“ ihre Stimme brach, ganz gelogen war es nicht, unter anderen Umständen hätte sie sich gefreut. „Allerdings müsst ihr Shani, Ciradán und mich kurz entschuldigen. Wir haben noch etwas Familiäres zu klären…!“
Sie blickte ein wenig entschuldigend zu den dreien und noch fragender zu Shani. Hoffentlich war das nicht zu gewagt gewesen, doch sie sollte es verstehen. Sie hatte auch nicht vor sich sehr weit zu entfernen, doch sie wollte dieses Geschehen nicht wie eine Alltäglichkeit beiseite schieben, schon Ciradán wegen. Sie drückte sie ihren Bruder ein wenig zur Seite, schob ihn einige Schritte vor sich her, nicht raus aus dem windgeschützten Platz, aber doch drei Schritte von den anderen entfernt. Sie konnte schließlich auch leise sprechen, vielleicht waren sie auch so diskret und würden nicht auf das lauschen, was sie zu besprechen hatten. Hoffentlich, hoffentlich würde Shani ihr folgen und nicht, ein Eifersuchtsstachel kitzelte sie, bei dem anderen Welpen bleiben.
„Ciradán. Shani hat es schon angedeutet…“ sie wollte nicht drum herum reden, es gab keine Worte mit denen sie das Geschehen verharmlosen konnte. „Vater ist gestorben. Er wurde ebenfalls zu den Göttern gerufen.“
Nachdem sie gesprochen hatte, umschloss sie die eine kleine Pfote mit ihren beiden Pfoten, saß ihrem Bruder somit direkt gegenüber und ihre kleine Zunge fuhr hektisch über sein Gesicht. Dabei sollte es doch beruhigend und stark wirken. Doch sie war nicht stark, wie hatte Shani gesagt, zusammen waren sie stärker. Wo blieb sie denn?
Nightmare brauchte also keinen Weg. Sie nickte leicht mit ihren Haupt und blickte den Boden nachdenklich an. Er wollte nur tanzen, wollte wohl nur frei sein und nicht den anderen Folgen. Er wollte etwas eigenes darstellen und dadurch auffallen, dass er anders als all die anderen Wölfe war und nicht wie jeder andere, der in der Menge unterging. Sie lächelte leicht, vielleicht auch etwas unsicher, aber sie glaubte doch, dass sie verstand was Nightmare sich wünschte. Sie seufzte leise und hob den Kopf wieder an, fixierte ihn mit ihren blauen Augen und lächelte ihn dadurch so offen wie noch nie an. Es war irgendwie ein schönes Gefühl andere zu verstehen, ihnen zu helfen ohne dabei abgewiesen zu werden oder anderes. Lange sah sie Nightmare einfach an, ohne irgendetwas zu sagen oder ihm zu antworten, wollte ihm durch einen Blick mitteilen dass sie ihn verstand und fühlen konnte, was ihn belastet. Zumindest glaubte und hoffte sie das, denn wer gab ihr schon die Sicherheit dass sie alles verstanden hatte? Sie senkte das Haupt, denn Nightmare dachte sowieso über ihre Worte nach und sie selbst fühlte sich in dem Moment so seltsam. Sprach sie nicht eigentlich totalen Wirrwarr? Anscheinend nicht, denn Nightmare schien sie so zu verstehen und es schien ihn zu faszinieren wie Shania die Welt sah. Ja, sie sah diese mit eigenen Augen und hatte auch ihren Welpen immer gelehrt, wie das Leben mit einem spielen konnte, bei Nightmare fühlte sie sich so zurückversetzt an die Zeit, als ihre mittlerweile Großen noch die kleinen schutzlosen Welpen waren. Ein Lächeln fasste wieder kurz ihr Gesicht, dann sah sie Nightmare aber doch wieder aufmerksam an. Seine Worte waren so klar und doch so unklar.
"Ja, er zieht weiter. Wie ein Rudel, das weiterzieht, aber immer zusammen. Die Spuren bleiben und jeder, der später hierherkommt weiß, dass sie hier gewesen sind. Er wird es respektieren und niemals vergessen, aber das Rudel oder auch der Regen würden niemals jemanden aus ihren Reihen zurücklassen.", flüsterte sie und blickte auf den See, "Irgendeine Erinnerung bleibt immer, aber Erinnerungen können den meisten niemals gerecht werden."
Shania senkte das Haupt.
"Manche vergessen, was gewesen ist, andere werden es immer wissen und dir vielleicht vorhalten. Das ist einer der Gründe wieso ich nicht zurück nach Hause kann. Sie haben nicht vergessen und würden mir mein Herz mit ihren Erinnerungen brechen wollen."
Die Weiße schloss kurz die Augen und ließ den Moment sacken, die Worte fallen und verklingen. Der Regen fiel ihn gleichmäßigen Tönen, es klang wie ein sanftes Lied das gesungen wurde und Shania hätte am Liebsten die Schnauze gehoben und dieses Lied angestimmt, aber es war ein ihr noch fremdes Revier und sie wollte kein Riskio eingehen. Sie konnte erst wieder aufblicken, als Nightmare diese Worte über sie sprach und es erstaunte sie, dass es jemanden gab der so über sie dachte. Auch als Tochter des Alphapaares hat niemand sie wirklich bewundert. Nur hin und wieder wollte man zu ihrer Weisheit aufblicken. Aber eher selten. Und er, dieser schwarze Rüde der ihr so fremd war und den Shania glaubte doch so gut zu kennen wie einen Freund der immer bei ihr gewesen ist, sagte über sie, dass sie eine Heilerin war, sanft und weise und einfach da. Ohne große Fragen, ohne irgendetwas zu bezweifeln oder zu vergessen. Sie hätte gelacht, aber die Situation war so ernst und Nightmare belog sie nicht, dass es keinen Grund zum lachen gab.
"Ich befürchtete, dass meine Worte niemals Sinn ergeben könnten, doch du bewunderst mich wie mich noch nie jemand bewundert hat. Du schaust mich an wie mich noch nie jemand angeschaut hat.", Shania fühlte sich für einige Sekunden klein, aber das Lächeln schwand nicht, dass nun wieder ihre hübschen Züge zierte, "Danke für deine Worte, sie ehren mich und...machen mich glücklich."
Shania sah den See an, beobachtete wie die Tropfen in ihm untergingen, dann sah sie Nightmare wieder an.
"Diesen Moment, diese Sekunden mit dir kann ich nicht vergessen und ich will es auch nicht. Und doch frage ich dich ob du mich vielleicht zu den Wölfen dieses Rudels führen könntest, denn ich fühle mich hier..zu Hause..", flüsterte sie unsicher, "So..kann ich immer bei dir bleiben und dir zuhören und mit dir reden. Denn das erscheint mir irgendwie wichtig und ich möchte es nicht mehr missen."
Ein Lachen folgte.
"Doch der Moment soll nicht eilen, lass uns noch verweilen und einander verstehen.."
Shákru drehte leise seufzend die Ohren, während der Regen weiter sein Fell nässte und zum Triefen brachte. Sie kamen den Gestalten immer näher und Minor drückte die Schnauze in den Schlamm. Er kannte die Gerüche nicht, dennoch gehörten die Beiden wirklich mit zum Rudel, denn sie trugen den Duft, den er schon längst verloren hatte.
Shákru hob den Kopf, stupste Ayv an.
"Bruder, vielleicht solltest du mit Krolock reden? Ich werde versuchen Shani und Liel zu rufen."
Er begleitete Ayv noch zu den beiden Rüden, wuffte ihnen freundlich zu. Seine grünen Augen ruhten auf Yerik. Leicht neigte er den Kopf.
"Ich grüße euch. Mein Name ist Shákru Minor, dies ist mein Bruder Ayv.
Den Rest sollte Ayv übernehmen. Immerhin kannte Krolock ihn schon. Dennoch wäre es ihm lieber gewesen, dass er Cirdrán suchen sollte, denn er verstand den Kleinen besser, als Shani und Liel. Dies war zumindest die Meinung der kleinen Sternenleier. Geduldig fuhr er sich mit der Zunge über die Schnauze, drehte ein Ohr nach hinten. Wie sollten sie bei dem Unwetter bitte Shani rufen? Das war doch sicherlich ein Ding der Unmöglichkeit. Shákru schüttelte sich etwas Wasser aus dem Fell. Sein Blick ruhte auf Krolock. Der Kleine hatte viel von seinem Vater geerbt.
Ayv lief weiter neben Shákru her und beobachtete, wie dieser seine Nase in den Schlamm steckte. Er musste lächeln und seine Nase pflügte durch den Boden. Noch immer nahm er die Gerüche auf, er wollte sie nicht verlieren, trotzdem er die beiden Wölfe längst sah, die zu dem Geruch gehörten. Shákru antwortete er mit leiser Stimme, aber doch laut genug, damit er ihn hören konnte.
"Ich werde mich Krolock vornehmen."
Sie kamen bei den beiden an. Den großen Wolf kannte er nicht, Krolock jedoch war ihm schon vertraut. Er hielt einen Moment inne. Shákru stellte sie vor. Dann trat er noch zwei Schritte auf Krolock zu. Und senkte seine Nase auf seine Höhe. Mit seinen blinden Augen schaute er in die Augen seines Gegenübers und er hatte das Gefühl, seine Aura zu spüren. Seufzend schüttelte er seinen Kopf.
"Hallo.", grüßte Ayv den großen Wolf. "Hallo Krolock. Shani hat uns beauftragt, zu dir zu kommen. Sie möchte gerne, dass wir dich zu ihr bringen. Liel und sie sind auf dem Weg zu Ciradan und wollten ihm vom Tod euren Vaters ..."
Ayv stockte kurz. Er wusste, dass es sehr früh für die drei kleinen Welpen war. Doch er konnte längst nichts mehr daran ändern.
"... erzählen. Shani möchte gerne, dass wir dich zu ihnen bringen. Würdest du uns begleiten?"
Ayv wusste ganz und gar nicht, ob das passend war. Nicht, dass er glaubte, die Frage sei unpassend. Er glaubte, dass das, was er gesagt hatte, nicht gepasst hatte. Er seufzte tief und beobachtete Krolock weiterhin. Kurz schaute er zu Shákru, der hilflos im Regen stand. Er hatte Shani und Liel bescheid geben wollen, doch seinem Blick nach zu urteilen, glaubte Ayv, dass er keinen blassen Schimmer hatte, wie er das machen sollte. Er wandte seinen Blick wieder zu Krolock und dem ihm fremden Wolf. Blitze zuckten über den Himmel und er hoffte, er würde sie sehen können.
Wie Banshee dort lag, so viele Welpen an ihren weißen Körper gekuschelt und so viele warme Gesichter um sich herum, erreichte sie der Friede des Todes endgültig. Sie waren ihr alle so nahe, dass sie sich sicher war, sie nicht zu verlieren, auch wenn sie nun starb. Denn wer in der Stunde des Todes bei ihr war – ob körperlich oder geistig - der würde sie auch in der Welt der Götter wiederfinden. Warm schlug ihr Herz bei dem Gedanken an Acollon, den sie nun bald wiedersehen würde … und Kaede, war sie nicht hier? Roch sie nicht den bekannten Duft ihrer Freundin und blinzelten nicht dort ihre noch nicht blind gewordenen Augen? Wie schön es werden würde, sie wieder zu sehen und auch von ihr gesehen zu werden.
Mit einem alles durchdringenden Lächeln schmiegte sich die Weiße an ihre Kindeskinder, genoss die Wärme der vielen kleinen Körper ebenso wie Nyotas starke Schulter an ihrer Seite und all die feuchten Nasen, die in ihrem Fell vergraben waren. Und sie genoss den Anblick ihrer Lieben, wie sie aneinander geschmiegt dastanden, Trost im Dasein des anderen fanden. Es berührte eine Stelle in Banshees Herz, die nur selten aufgelebt war. Und jetzt, da sie in Sheenas Augen blickte und die ungläubige Freude darin sah, freute sie sich noch mehr, hatte sie doch ihrer Schülerin am Ende noch etwas unermesslich Wertvolles schenken können. Zu oft in der Vergangenheit hatte die Weiße nicht das erhalten, was sie verdient hätte. Auch wenn Banshee sie manchmal wie eine Tochter ansah, war ihnen beiden klar, dass die Leitwölfin in der möglichen Mutterrolle versagt hatte. Die Liebe und Zuwendung, die Sheena hätte erhalten sollen, hatte Banshee ihr nie geben können. Nur in den letzten Monaten hatte sie versucht, diese einsame Zeit im Leben Hanakos Tochter wieder gut zu machen. Ob es ihr gelungen war, sagte vielleicht nur das Lächeln im Gesicht der Weißen und das Glück, das aus ihr strahlte. Als sie jetzt begann zu sprechen – mit einer Stimme, die so lange geschwiegen hatte – klang es ungewohnt, fast seltsam und doch freute sich Banshee, diese Stimme vor ihrem Tod noch einmal hören zu dürfen.
“Und ich danke dir, Sheena, für jede Sekunde, die du in diesem Rudel gewesen bist und für jede Sekunde, die du noch sein wirst. Ich hoffe, ich konnte dir manchmal die Liebe einer Mutter schenken, so wie es eine Tochter wie du verdient hätte.“
Den leichten Druck der weißen Schnauze erwiderte sie noch einmal voller Liebe, dann folgte sie dem Blick Sheenas nach hinten, zu einer Gestalt neben einem Baum. Undeutlich erkannte sie Rakshee, spürte aber nichts von den wild lodernden Gefühlen in ihrer Enkelin. Wünschte sich nur ebenso wie Sheena, dass die Graue zu ihnen kommen würde, wären dann doch die drei neuen Priesterinnen der Sternenwinde vereint. Und sie kam. Banshee war nur froh darüber, vermochte es nicht, in die Tochter ihres Sohnes hineinzublicken.
“Ihr drei – Rakshee, Sheena, Tyraleen – ihr werdet von nun an allen Wölfen in diesem Tal das Licht der Göttin schenken. Ihr dürft eure Aufgabe niemals vergessen, versprecht mir das. Ihr seid nun Priesterinnen Engayas, Trägerinnen der Liebe. Und diese Liebe beginnt in der Liebe zu euch selbst. Was zwischen euch vorgefallen ist, müsst ihr vergessen, wenn ihr drei zu einer Einheit werdet, so ist es auch möglich, alle unter den Flügen unserer Göttin zu vereinen. Ich wünsche mir, dass euch dies gelingt und werde versuchen, euch beizustehen, so gut ich kann. Ihr seid die Hoffnung dieses Tals.“
Ernsthaftigkeit hatte sich in ihre Augen geschlichen, diese drei Fähen mussten nun all die Geschichten, die sie einst erzählt bekommen hatten, weitergeben, nie durften sie vergessen, wem sie dienten. Jede von ihnen wurde noch einmal an der Stirn berührt, dann wandte sich die Weiße von ihren drei einstigen Schülerinnen ab und hin zu einer weißen Gestalt – Ahkuna – die aufgetaucht war und doch nicht zu nahe kam. Ihre leisen Worte waren so kaum zu verstehen und Banshee wünschte sie näher. Wieder reckte sie sich einer Enkelin entgegen und wünschte sie näher, lächelte dabei wehmütig.
“Ich werde über euch wachen und gegen jedes Unheil ankämpfen, als würde es mich selbst bedrohen. Auf Wiedersehen, Ahkuna.“
Hinter der Weißen tauchte etwas Schwarzes auf, trat an ihr vorbei und blieb dann vor Banshee stehen. Malicias Blick war für die sterbende Leitwölfin undeutbar, es war nicht nur Trauer darin zu sehen – beinahe so etwas wie Wut? Ihr wurde bewusst, wie wenig sie mit ihrer Tochter seit deren Rückkehr zutun gehabt hatte. Schuldgefühle wollten aufkommen und wurden sanft zur Seite geschoben – es gab zu viel in Banshees Leben, das sie anders hätte machen sollen und jetzt dennoch nicht mehr bereuen durfte … auch dafür war es zu spät. Der sanfte Stupser der Schwarzen wirkte wie eine Aufforderung aufzustehen und mit ihr fort zu gehen, auch wenn Malicia das sicher nicht beabsichtigte, schien Banshee ihr für einen Herzschlag lang folgen zu wollen. Dann aber spürte sie wieder die endlose Müdigkeit und all die Leiber, die sich an sie drückten, sodass nur ihre Schnauze zu ihrer Tochter fand und sie an der Nase berührte.
“Danke, Malicia, meine Kleine. Danke, dass du zurückgekommen bist, danke, dass du noch immer da bist. Und danke, dass du immer bleiben wirst. Du musst für das Rudel da sein und für die Kinder deiner Schwester. Ich bin so froh, dass sie alle auch unter deinem Schutz stehen.“
Als sie die Tränen der Schwarzen sah, musste sie wieder schlucken, war es doch gerade Malicia, die sich gerne stärker als jeder andere zeigte. Sanft wusch sie die Tränen ihrer Tochter von deren Wange und wartete ruhig, bis die älteste ihrer noch verbliebenen Welpen wieder Worte fand.
“Ich weiß, Malicia. Du bist eine gute Wölfin und wirst es immer sein, egal was geschieht. Vergiss nur nie deinen Weg und dein Lächeln, dann werde ich immer bei dir sein. Auf Wiedersehen, Malicia, meine kleine Tochter.“
Auch sie wurde an der Stirn berührt, auch sie noch einmal angesehen, um keinen ihrer Blicke aus den klaren Augen und keine Bewegung ihrer schwarzen Schnauze zu vergessen. Dann musste Banshee den Blick auch von ihrer Tochter abwenden, denn eine neue Gestalt war aufgetaucht und als sie sie erkannte, erschien ein Lächeln auf ihren Lefzen, das keinem der vorherigen glich. Es war frei von jeder Trauer, tatsächlich lag einzig Freude darin und eine tiefe Ruhe, die einzig Face verstehen konnte.
“Face Taihéiyo, mein Freund. Für mich wird es nur ein Flügelschlag lang dauern, doch vergiss nicht, dass meine Tochter dich noch immer braucht. Und wenn sie bereit ist, dann werde ich auf dich warten. Ich werde da sein.“
Das Versprechen, dass sie ihm vor wenigen Tagen gegeben hatte, klang in ihren Ohren nach und beinahe freute sie sich darauf, mit Face den Weg zurück in seine Vergangenheit zu gehen. Und wenn er gefunden hatte, was er suchte, würde sie seine Pfoten nehmen und ihm den Weg zeigen in ein Land, welches er scheinbar nie betreten sollte. Das Lächeln blieb. Und verrutschte erst, als ein Windstoß ihren Körper erfasst und ihn durchfuhr, als wäre er kein Arm des Sturms sondern aus dem Himmel gesandt. Ihr Blick wich von ihrer Familie, irrte in den dunklen Wald hinein und verharrte zitternd in der Schwärze der Nacht. Ihr Kopf hatte sich gehoben, plötzlich wirkte sie aufrecht und erhoben, obwohl sie noch immer lag. Ein so unerschütterliches, unantastbares Gefühl hatte sie erfasst, dass sie keine Sekunde an seiner Wahrheit zweifelte. Sie schloss die Augen, ihr Maul öffnete sich leicht und auch wenn ihre Nase keinen Geruch außer den des rasenden Sturms aufnahm, spürte sie die Schritte ihres Gefährten auf dem nassen Waldboden. Sie meinte seine dunkle Stimme zu hören und den süßesten Geruch seinen Körpers zu wittern. Acollon, Acollon. Er war gekommen.
Acollon kämpfte. Kämpfte gegen das, was er verkörperte, gegen seinen Herren und Vater. Den Tod. Seine Kiefer krachten aufeinander, als würde er nach jenem unsichtbaren Feind schnappen. Averic wusste nicht, was er tun sollte, seine Zähne knirschten unter der Kraft, mit der er sie zusammen drückte. Sein Vater musste wieder auf die Pfoten kommen, was es auch kostete. Und wenn er ihn zu Banshee zerren musste. Egal, ob es den miesen Eindruck von seiner Beziehung zu Acollon nur wieder bestätigen würde. Es wäre ihm egal, was die anderen dachten. Hauptsache er konnte seiner Mutter diesen letzten, unausgesprochenen Wunsch erfüllen.
Seine Ohren ertaubten langsam unter dem Gebrüll des Gewitters, der lauten Regentropfen und dem peitschenden Sturm. Der schwarze Wolf drückte sich gegen seinen Vater, schob ihn, stützte ihn und schließlich, endlich, oh endlich stämmte er sich wieder auf die Läufe. Ein Grollen verließ Averics Kehle und doch war es nur ein Luftmachen, ein zittriges Ausatmen. Seine dunklen Augen stachen in die des Vaters und warnten ihn ganz deutlich, dass er ihm nicht noch einmal einen solchen Schrecken einjagen sollte. Sein Herz schmetterte schmerzhaft gegen seine Brust, die Zeit saß ihm im Nacken, jagte ihn, hetzte ihn. Er hatte keine Zeit mehr und für diesen Moment hatte Averic das Gefühl, als würde alle Last der Welt auf seinen Schultern liegen. Auch Acollons Gewicht, den er nun stützte, schien ihm Ketten angelegt zu haben. Nach und nach bündelten sich die Geräusche um ihn herum, vermischten sich zu einem einzigen, langgezogenen Ton. Es war wirklich so, als würde die Welt untergehen.
Nur leise drangen schließlich wieder die Worte seines Vaters an ihn heran, wurden laut und zerrissen den langen Ton. Stolz? Acollon wollte stolz auf ihn sein? Die blauen Augen glitten wieder zu dem Mattschwarzen herum und obgleich er sicherlich genügend Gegenargumente, oder überhaupt irgendwelche gehässigen Kommentare auf Lager gehabt hätte, fiel ihm nichts mehr ein. Er konnte nicht. Statt dessen bildete sich langsam, aber sicher so etwas wie ein Kloß in seinem Hals. Wieder rief er sich ins Gedächtnis, dass er der Begleiter eines Sterbenden war. Und dass dieser sterbende sein verfluchter Vater war. Und mit einem Mal schmerzte es so sehr, dass aller Hass aus seinem Kopf, gar aus seiner Seele geschleudert wurde.
„Du ... warst ein wirklich miserabler Vater und Leitwolf ... Trotzdem hätte ich niemals jemand anderen an deiner Stelle akzeptiert.“
Seine Worte wirkten weiterhin kühl und doch konnte er die Bitterkeit nicht aus seiner Stimme vertreiben. Und auch nicht die wahre Bedeutung dahinter. Der Pechschwarze ließ den Kopf langsam etwas tiefer sinken, konzentrierte sich auf die schleppenden Bewegungen seines Vaters, den ersten Körperkontakt zu ihm seit Jahren, der nicht Mord und Todschlag bedeutete. Ja, er erinnerte sich an den kleinen Welpen, der von seinem Vater gerettet worden war, der durch ihn geschützt schließlich geruht hatte. Das einzige Mal, wo Acollon wirklich sein Vater gewesen war. Nur für ihn ... Papa.
„Gib’ gut auf Mama Acht ... Vater.“
Averic hob das Haupt wieder, starrte nach vorne, zu den Gestalten, die grau und schemenhaft vor ihnen auftauchten. Er meinte zu spüren, wie sein Herz in der Kälte des Sturmes erfror, als sein Blick seine Mutter traf, die umgeben von ihrer aller Familie dort unter den Trauerweiden lag. Ihm blieben nur noch ein paar Sekunden, nur noch wenige Herzschläge, dann würde alles still sein. Ihr Atem würde nicht mehr wehen, ihr Herz nicht mehr schlagen, ihre Stimme nie mehr erklingen. Für einen Moment wollte er stehen bleiben, als ob er so auch die Zeit zum Stillstand bringen könnte.
Aber er trieb sich weiter, brach zusammen mit Acollon aus dem Dunkel des Waldes hervor und besiegelte – endlich – sein stummes Versprechen. Acollon war da. Noch einige Wolfslängen vor seiner Mutter blieb Averic stumm und erhaben stehen, er würde seinen Vater die letzten Schritte alleine gehen lassen. Nur kurz glitt sein Blick noch zu Tyraleen, die bei ihrer beider Mutter lag. Er hatte seine Pflicht getan. Sie waren da.
Schritt für Schritt auf die dunkle Schwärze zu. Ein Weg, der nur einmal beschritten werden konnte und der Hüne wollte sich es nicht nehmen lassen, seinen ganzen Stolz, seine Würde zu zeigen. All das, was ihn Jahrelang ausgemacht hatte, all das, was ihm die Stärke gegeben hatte um nicht aufzugeben. Ein würdiges Ende, ein letzter Gang. So würde man sich also an den Schwarzen erinnern. Ein Rüde, der von Kälte umhüllt und ständig auf Zerreißprobe mit den Gefühlen stand. So sollte es sein. Und dennoch war es nicht die Zeit, die Acollon so zu seinem Sohn sprechen ließ. Es waren Worten, die immer und immer wieder in seinen Gedanken aufkeimten und nie ausgesprochen werden konnten. Und nun – nun, war der Augenblick in dem er die Gelegenheit dazu hatte. Es war an der Zeit. Keine andere Gelegenheit würde sich dem Rüden bieten. Verspielt und zu spät, aber dennoch wichtig. Für den Frieden in Engayas Pfoten? Nein, wichtig für Averic, der noch so viele Jahre auf dieser Erde hatte. Ein Vater, der niemals zu seinen Kindern gesprochen hatte erhob nun das Wort um jegliche Unstimmigkeiten aus dem Weg zu räumen. Das war der letzte Wille, der letzte Weg. Das war der Weg eines Hünen, der nur Hass und Zorn verspüren konnte und doch im Herzen rein war. Der Donner tobte und der Regen wurde zu einem hässlichen Schleier, der auch die letzten Konturen aus dem Sichtfeld verschwinden ließ. Der grollende Gang des Hünen würde zu einem schwierigen Unterfangen. Immer wieder sprudelte das Blut aus seiner Kehle hervor. Je näher er Banshee kam, desto näher trat er auch auf Fenris zu. Seinem Schöpfer, seinem Vater. Er war es, der den Fenriswanderer zerstörte. Und Acollon? Er lächelte, sah dem Untergang amüsiert entgegen und widerstand jeglicher Versuchung seinem Körper Ruhe zu geben. Vater, das Wort drang in einer solch Intensität an die empfindlichen, abgestumpften Ohren, dass der Hüne fast auf geguckt hätte. So lange waren es die gewünschten Laute gewesen. Und im Augenblick des Todes würde man ihm den letzten Wunsch erfüllen.
“Das werde ich, mein Sohn. Und nicht nur über Deine Mutter“,
die Beiden hatten die Gruppe erreicht. Seine Familie, sein Rudel. Der Quell eines jeden Lebens, der Anfang eines jeden Todes. Und da war sie. Die Wölfin, die ihm das Leben gezeigt hatte. Die Fähe, die jene Gefühle wie Liebe in ihm hervorgerufen hatte. Banshee. So schön und strahlend wie eh und je. Sein altes Mädchen. Seine Gefährtin. So wunderbar wie am ersten Tag ihrer Begegnung. Das ermüdete Lächeln wurde noch ein Stück breiter. Das Haupt glitt empor. Und endlich konnte er sich von der Seite des Pechschwarzen lösen. Der heimliche Segen auf das Leben seines Erben gesprochen. Der neue Sohn des Todes. Erbe und Nachfolger. So wie er es sich gewünscht hatte. Die grauen Augen erkannten auch Nyota. Sie war alt geworden. So alt wie er sich selbst mittlerweile fühlte. Tyraleen, Daylight – seine Welpen. Und sogar in den Kleinsten unter ihnen erkannte er seine Person. Acollons Enkel. Die Rute richtete sich empor. Der Leitwolf war wieder bei seiner Familie. In der Runde der Wölfe, in die er gehörte. Doch das erblindende Augenmerk richtete sich wieder nur auf einen Wolf. Konnte er sich doch nicht satt sehen. Wie sentimental man doch im Angesicht des Todes werden konnte.
Langsam, gebrochen und dennoch so stolz wie er es nun einmal war, schritt er an den einzelnen Wölfen vorbei und blieb in derer Mitte stehen, direkt bei seiner geliebten Gefährtin.
“Oh mein altes Mädchen“, flüsterte er rau und senkte das Haupt. Sein schwarzer Fang suchte ihre Lefzen. Sacht und zart, im gleichen Rhythmus strich er ihr über die Schnauze. Der Moment war begrenzt und noch konnte er sich nicht zu ihr legen. Er wusste, dass er noch einige Worte gab, die gesprochen werden mussten.
“Banshee, meine geliebte Banshee“, die Freude und die aufkeimende Kraft stachen aus seinen Worten hervor. Das Grinsen wurde zu einem seichten, ehrlichen Lächeln. Liebevoll hatte er das Seelenspiegel auf das Geschöpf gerichtet, für das er nun sterben würde. Für diesen Moment blieb die Welt stehen. Die Zusammenkunft zweier Welten. Der stille Liebesschwur. Oh Banshee.
Alles was blieb war ein seichter Schauer im Fell. Kälte und Geborgenheit. Die totale Ruhe, der Nullpunkt, der Stillstand. Einen Atemzug war es, als würden die Tropfen nicht mehr fallen, der Wind nicht mehr brausen, das Herz schlichtweg stillstehen. Nightmare genoss diesen Moment nicht, er nutzte ihn aus. Er schaute sich selbst an, blickte tief in die Nacht. Die Schwärze schien einen Kreis um sie zu ziehen, und Nightmare dachte nach. Lange über ihre Worte, fand richtige, falsche, immergrüne Dinge darin. Er verstand nicht, warum Wölfe in Rudeln lebten. Er verstand es manchmal nicht. All die Feindschaften, all die Probleme, nur weil so viele gleiche Wesen nebeneinander, aneinander, füreinander leben wollten. Nightmare fragte sichm, wie man lieben konnte wie Aryan, wie man so leicht reden konnte wie Shania, wie man so offen sein konnte wie Daylight. Er verstand Shania, vollzog ihre Worte nach, fand sie richtig, passend, schön, heilend. Wenn es bei ihm etwas zum heilen gegeben hätte. Sie würde sicher vielen hier helfen können. Sie würde mit offenen Armen empfangen werden, und Nightmare würde gehen. Gehen wie ein Wanderer nunmal ging. Er war nicht gebunden, und auch wenn er es sich manchmal wünschte, eigentlich bestand er nicht darauf. Er war frei, ein Tänzer, jemand zu dem man ging, weil man es konnte, nicht wollte oder musste, oder weil es sich anbot. Sondern weil er grade ihren Weg kreuzte. Damit er seine kostbaren Worte spendete, sie über die Zunge gleiten lies, sie in den Wind schrieb und wieder einfing durch sich. Wie er sie gleiten lassen konnte, und doch Schweigen so viel angenehmer fand.
>>Verstehen...<< sagte sie. Sie lachte, leicht und froh. Sie schwieg, sie wartete.
Verstehen... sagte sie.
Nightmare zuckte innerlich über dieses Wort zusammen. Verstehen... Ja, verstehen. Aber wollte sie ihn verstehen? Bestimmt. Wollte er verstanden werden? Manchmal. Er legte die Ohren kurz an, die sturmgrauen Augen schlossen sich. Verstehen. Er verstand nichtmal sich selbst. Er verstand nicht, warum r so intensiv, so krass, nach der Liebe eines Gegenübers gierte. Er verstand nicht, warum er um eine Fähe weinte, die er nur oberflächlich, kurz, schlierend geliebt hatte.
Warum habe ich nie um Mutter geweint?
Er senkte den Kopf, und schüttelte ihn leicht. Er verstand es nicht. Er verstand sich nicht, und sie- nur bedingt. Er verstand sie, weil er sich in ihr sehen konnte. In den Augen, die so tief schienen. Die Augen die das Gefühl wach riefen sich hinunterstürzen zu wollen, mit dem sicheren Gefühl, dass es endlich zu Ende geht.
Die grauen Augen öffneten sich, verklärt vom Traum, verklärt von sich. Ein Kampf, ein Krieg im Kopf, im Herzen- der Verstand schlug sich mit dem Herzen.
Verstehen.
"Verstehen.... Verstehen... Ich verstehe mich nicht.", sagte er langsam, und wagte es nicht, sie anzublicken. Hob den Kopf nicht, ließ sich kauernd zurück, wollte fliegen. Fliegen wie damals.
"Du kannst es versuchen.", lachte er, doch sein Lachen war nicht glücklich. Sein Lachen war traurig. Seltsam traurig wie die Augen des Wolfes, der nicht in das Rudel wollte, der Angst hatte zu viel Nähe zu spüren, zu viel Wärme, zu viel Gefühl- zu viel Enttäuschung. Sie konnte es versuchen. Er erwartete nichts. Sicher, wollte er sie verstehen, und irgendwo war in ihm das Verlangen, dass sie ihn und seine Einsamkeit verstand. Die gesamte Kälte verstand, den Wahn, die Unperfektion des Unfassbaren.
"Ich will dich irgendwie verstehen.", sagte er, sprach eher mit dem vom Regen gepeitschtem, schwarzem Wasser, als mit ihr. Sprach mit allem, sprach mit sich, sprach mit den Winden und dem Augenblick- mit allem.. Auch für sich.
"Aber ich denke, das bringt die Zeit. Die Zeit und der Verstand.", Ein Nicken, der Kopf hob sich langsam, bald genießend dem Regen entgegen.
"Und natürlich kann ich dich zum Rudelplatz bringen... Wann du willst, Shania."
Auch die letzten Familienmitglieder erreichten die Versammlung der Trauernden. Daylight und Avendal kamen gemeinsam und Banshee nahm ihre Enkelin in die schützende Umarmung ihrer anderen Kindeskinder und sah ihrer kleinen Tochter noch einmal in die Augen. Sie wusste um das Herz Daylights, das sich zerteilen wollte und wünschte ihr stumm alle Stärke der Welt, um diese Zeit zu durchstehen. Amúr und Tascurio wurden ebenso empfangen, auch wenn ihr Enkel zurückhaltend und fast abwehrend wie immer war. Auch Sharíku war gekommen, stumm wie immer hatte sie sich verabschiedet und Banshee wünschte sich Shani herbei, die ihre Tochter doch immer hatte trösten können. Zum Schluss tauchten zwei Wölfe zwischen den Stämmen auf, die sie niemals erwartet hätte … Kursaí und Parveen waren zurückgekehrt. Ihre Enkelin war nicht lange fort gewesen, auch wenn viel geschehen war, ihre Tochter dagegen hatte sie zwei Jahre nicht gesehen! Voller Glück über dieses Wiedersehen vergrub sie noch einmal ihre Schnauze in dem schwarzen Fell Parveens und versprach ihr, irgendwann wieder ewig Zeit für sie zu haben. Dann würde sie ihr alles erzählen können, was sie auf ihrer langen Wanderung erlebt hatte. Banshee freute sich darauf. Doch während all diesen letzten Verabschiedungen hatte sie bang darauf gewartet, dass ihr Gefährte sie endlich erreichte.
Und dort war er. Banshee spürte sein Auftauchen noch bevor die Dunkelheit sein schwarzes Fell erkennen ließ. Sie spürte seine Müdigkeit, die der ihren so glich, sah durch seine Augen, die trüb geworden waren und fühlte gleichsam sein ewiges Glück, wieder im Tal der Sternenwinde, an ihrer Seite, zu sein. Averic war bei ihm, stand nun still und sie spürte sein Versprechen, dass er ihr nie gesagt und nun doch erfüllt hatte. In dem Sturm und ihrer eigenen Müdigkeit war es ihr nicht möglich, seinen Blick zu finden, blind vertraute sie darauf, dass er noch näher kommen würde, es gab noch etwas Wichtiges, was sie ihm sagen musste. Doch vorerst gab es nur noch Acollon, der sich nun aus der Dunkelheit löste und langsam auf sie zukam. Er hatte sich kaum verändert, auch wenn er kleiner wirkte, als damals und seine Augen strahlten nicht mehr in diesem intensiven Blau. Für sie war er noch immer ihr starker Gefährte, der rücksichtslos und rasend jede Gefahr vertreiben konnte und der sie anlächelte, wie nur er es konnte. Acollon war zu ihr zurückgekehrt. Und auch wenn es zu spät war, um irgendetwas zu ändern, so gab ihr sein Dasein noch einmal alle Kraft dieser Welt. Liebe – deutlich wie der süße Duft der Blumen im Frühling – erfüllte den Hain aus Trauerweiden und plötzlich spürte ein jeder die Anwesenheit der Götter, die wie der Sturm über ihnen wehten.
Als sie das erste Mal seit so langer Zeit wieder seine Stimme hörte, schloss sie die Augen, um diesen süßen Moment zu genießen. So erfüllend und herrlich, so sanft und himmlisch. Sie hob den Kopf ganz leicht an, versuchte noch mehr von dem süßen Duft in sich aufzunehmen. Er sprach, wie nur er es konnte und wagte und seine Worte perlten wie junge Tautropfen an ihrem Lächeln hinab. Ihre Nase strich ganz leicht über die seine, erzitterte unter dieser Berührung und suchte doch gleich wieder nach weiteren, berührte seine Lefzen, seine Stirn, seinen Hals und seine Schulter. Er war noch immer ihr Acollon und alles an ihm war vertrauter, als ihr eigener Körper.
“Du bist zurückgekehrt, Acollon, Geliebter.“
Seinen Namen hatte sie so lange nicht mehr ausgesprochen und doch hörte er sich vertrauter an, als jedes normale Wort ihrer Welt.
“Jede Sekunde meines Daseins, habe ich auf diesen Moment gewartet.“ Atemlos hielt sie inne. “Du schenkst mir meine Welt, jede Faser meines Glücks. Ich liebe dich, mehr als ein Wolf zu lieben fähig ist.“
Sie versuchte nicht, ihn zu sich zu ziehen und berührte ihn nur leicht mit der Schnauze, wusste, dass sie ihren Acollon noch teilen musste. Seine Welpen und Enkel sollten ihn noch einmal kennenlernen, bevor auch er starb. Sie sollten wissen, wer Acollon, ihr Vater und Großvater und der Sohn Fenris’ gewesen war. Ein klein wenig Zeit würde ihnen bleiben, dann wären sie alleine, nur noch sie beide und die Götter und alles würde gut sein.
Stumm hatte Tyraleen die ankommenden Wölfe betrachtet und sie doch kaum wahrgenommen. Trostsuchend an Sheena geschmiegt und mit immer mehr Tränen in den Augen betrachtete sie ihre Mutter, die lächelnd zu ihr hinauf sah. Banshee sagte, dass sie stolz auf sie war. Seltsam, wie viel diese Worte in der Weißen auslösten, wie sie sich plötzlich federleicht fühlte und merkte, dass sie das noch nie von ihrer Mutter gehört hatte. Sie war stolz auf sie … alles, was sich Tyraleen gewünscht hatte. Sie hielt den Blick aufrecht, hing in den goldenen Augen ihrer Mutter und ließ sie schließlich los, denn noch weitere kamen, um sich zu verabschieden. Leise schluchzend genoss sie die zögernden Zärtlichkeiten Sheenas und freute sich, dass die Weiße sie nicht verstieß sondern warm aufnahm und ihr bereitwillig Trost schenkte. So etwas wie Schuldbewusstsein kam auf, Sheena schlecht behandelt zu haben und ihr niemals die Chance gegeben zu haben, ihre Freundin zu werden. Das würde sich nun ändern … sie mussten schließlich zueinander halten, jetzt, da Banshee nicht mehr sein würde.
So freute sie sich mit Sheena, als ihre Mutter ihr ihre Stimme zurückschenkte und sie die ersten zögernden Worte seit einer langen Zeit aussprach. Und als die Weiße ihre dritte im Bunde – Rakshee – zu ihnen rief und diese langsam kam, fühlte sie sich plötzlich eigenartig. Eine seltsame Kraft durchströmte sie und schien sie an Sheena und Rakshee zu binden … Fast gleichzeitig begann Banshee zu ihnen zu sprechen, sah jeden ihrer einstigen Schülerinnen an und nahm ihnen ein Versprechen ab, das sie niemals brechen durften.
“Ich verspreche es, Mama.“
Sie flüsterte nur und wusste doch, dass ihre Worte bis zu Engaya getragen wurden … das war auch ein Versprechen vor ihrer Göttin. Von nun an war sie eine Priesterin und würde als das tun müssen, was einst Banshee übernommen hatte. Und sie war froh, mit dieser Aufgabe nicht alleine zu sein, Sheena und Rakshee an ihrer Seite zu haben und in ihnen Vertrauen und Liebe zu finden. Wenn nicht jetzt sofort, dann vielleicht schon bald. Sie würden gemeinsam diese Aufgabe meistern und Tyraleen freute sich darauf.
Fast im gleichen Moment wie Banshee, spürte auch die weiße Tochter etwas Ungewöhnliches. Sie konnte es weniger leicht einordnen wie ihre Mutter, doch Averics näherkommende Schritte entgingen ihr nicht – eine Welle der Erleichterung erfasste sie. Er kam zu ihnen, er ließ sie nicht alleine. Doch als sie ihn schließlich in der Dunkelheit erkannte, war er nicht alleine, brachte sein Spiegelbild mit und erst nach einigen atemlosen Herzschlägen erkannte Tyraleen ihren Vater. Acollon. Ihr Herz blieb stehen, ihr Blick konnte nicht fassen, was er da sah. Ihr Papa, ihr Papa war gekommen!
“Papa!“
Wieder flüsterte sie nur. Ihr ganzer Körper zitterte, die Tränen der Trauer verwandelten sich in Tränen des Glücks. Winselnd machte sie einen zögernden Schritt, stand da schon genau vor ihm und sah ihm in seine trüber gewordenen Augen. Ihr über alles geliebter Vater, Acollon, ihr Held und Vorbild … er hatte sie nicht alleine gelassen.
“Papa, Papa, du bist wieder da, ich habe dich so vermisst, Papa, ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen, Papa, Papa.“
Sie winselte, drückte ihren Kopf an seine dunkle, hagere Schulter und schluchzte in sein dünn gewordenes Fell. Sie konnte in ihren Gedanken nicht erfassen, wie glücklich sie war, wirre Fetzen flogen in ihrem Kopf herum, dass ihre Kinder ihren Opa doch kennenlernen durften, dass ihre Mama nicht alleine sterben würde, dass Averic ihn herbegleitet hatte. Die Schnauze im Pelz ihres Vaters vergraben suchten ihre Augen den Blick ihres Gefährten und fanden ihn in einigem Abstand. Dank lag in ihrem Blick und der Wunsch, ihn an ihrer Seite zu haben.
Das Herz raste in Kishas Brust, während die hellen Augen auf der Weißen ruhten. Die Schwarze versuchte die Tränen hinunter zu schlucken, wollte nicht schwach wirken. Aber es half nichts, sie war zu überwältigt. Sie war selbst überrascht, dass die kein bisschen zusammen zuckte, als Banshee sie berührte. Sie hielt still, atmete den Geruch ihrer Mutter ein. Sie konnte es sich nicht anders erklären, ihre Mama.. Die braunen Augen ließen sie keinen Moment aus den Augen, während die Gedanken in ihrem Kopf wild umher rasten. Ihre Worte lösten eine tiefe, vertraute Wärme in ihr aus. Es war ein wunderbares Gefühl, so etwas zu hören. Vergessen war der Regen, die Kälte. Sie wünschte sich Zeit, Zeit, die sie mit ihrer Mutter verbringen konnte. Sie wollte so viel wissen, so viel Fragen. Aber.. hier waren so viele Wölfe, so viele Freunde von Banshee.. sie wollten sich verabschieden, ihr alles Gute für den letzten Weg wünschen. Auf die letzten Worte Banshees hin, zog sich ein sanftes, trauriges Lächeln auf die dunklen Lefzen der Fähe. Zeit..
Die Schwarze trat einen weiteren Schritt zurück, gab den anderen Wölfen Platz, die sich von ihrer Mutter, Oma und Freundin verabschieden wollten. Einige der Wölfe sorgten für einen Klos in ihrem Hals. Sie kamen ihr so bekannt vor, und sie schämte sich dafür, sie nicht zu ordnen zu können. Mit einem leisen, wehmütigen Seufzen ließ sie sich auf die Hinterläufe sinken, betrachtete die Wölfe, die nach und nach zu ihnen kamen. Es verging so viel Zeit, so viele gesprochene und ausgesprochene Worte. Und trotz allem fühlte sie selbst sich ein wenig fehl am Platz. Sie alle kamen um Banshee zu verabschieden, wußten, wer für immer von ihnen gehen würde. Nur sie.. sie kämpfte mit Erinnerung, mit der Unsicherheit.
Dann tauchten zwei schwarze Rüden auf, den einen hatte sie vorher schon ein Mal gesehen. Averic, ein Sohn Banshees. Ihr.. Bruder. Sie blickte den Schwarzen einige Momente lang an, die Ohren noch immer ein wenig nach hinten geknickt. Wenige Momente später richteten sich die hellen Augen auf den zweiten Rüden. Er begrüßte Banshee, und die Weiße erwiderte seine Begrüßung. SO herzlich und liebevoll.. Acollon. Dieser Name hatte etwas vertrautes an sich, jetzt, wo Erinnerungen langsam zurück kamen. Es war fast zu viel für sie.. aber sie wollte es schaffen.. Der Hüne wurde betrachtet, den Kopf leicht gesenkt. Neben ihr erklang eine weitere Stimme, Tyrraleen, die sich eben von ihrer Mutter verabschiedet hatte, begrüßte nun ihren Vater. In einem für sie nicht definierbaren Moment bauten sich in ihrem Kopf Erinnerungen zusammen. Papa.. Papa, Acollon. Die Fähe biß die Fänge aufeinander, konnte den Blick aber nicht von dem Schwarzen abwenden. Sie wußte nichts zu tun, stand nur da, während noch immer Tränen über das schwarze Fell perlten.
Rakshee ertrank Schluck für Schluck in Selbstmitleid und Trauer, in der Abgeschiedenheit ihres Standpunktes und in der Angst, einen halben Meter von ihrer Oma entfernt zu spät zu kommen. Und sie konnte sich doch nicht rühren, sie war wie am Boden festgenagelt. Die bernsteinernen Augen blickten erschrocken auf, als die Braune Sheenas Stimme hörte. Wie ein Peitschenhieb drang die Aufforderung durch sie, schlug Wellen und vermochte letztendlich die Jungwölfin aus ihrer Starre zu lösen.
Unbeholfen setzte sie Schritt um Schritt die Pfoten voreinander, noch immer leicht bebend, und trat unsicher zwischen Tyraleen und Sheena. Sie fühlte sich falsch, so voller Wut und Trauer in diesem Moment, und mit gesenktem Blick lauschte sie den Worten ihrer Oma und Lehrerin. Nur zaghaft wagte sie schließlich den Blick zu heben, erst nach dem Tyraleens leise Stimme erklungen war. Sie schluckte, nahm sich noch einen letzten, langen Moment um in Banshees Augen zu sehen, und sich wieder zuhause zu fühlen. Das Zittern lies nach, ihre Läufe streckten sich, und hoben Rakshee zu voller Größe neben Tyraleen und Sheena auf. Sie wollte Oma nicht enttäuschen - nicht jetzt und niemals sonst. Ihr Blick glitt zu Sheena, fand sogleich zu Tyraleen. Innerlich gestärkt sah sie wieder zu Banshee, nickte sacht.
"Ich verspreche es, Oma"
Ihre Stimme war stärker als sie es erwartet hatte, und überrascht und erfreut zugleich wand sie sich nocheinmal an Sheena, stieß sie vorsichtig, geradezu fragend mit der Nase an, und bot ihr, so stumm wie Sheena es lange gewesen war, einen Neuanfang an. Ihr Blick trennte sich erst wieder von Sheena, als Tyraleen sich von ihnen löste, auf Averic zuging - und auf einen anderen Wolf, den sie noch nie gesehen hatte. Sie glaubte seine Präsenz spüren zu können, genauso wie sie allmählich die Wärme unter ihren Pfoten zu spüren begann. Sie wand sich leise an Sheena.
"Wer ist das?"
Oma Banshees Reaktion beobachtend musterte sie den schwarzen Rüden, spürte im gleichen Moment Engaya an ihrer Seite. Er war groß, und offensichtlich kannte Oma ihn - aber warum hatte sie ihn noch nie gesehen? Fragend und neugierig zugleich musterte sie den Rüden, als zu ihr durchdrang, wie Tyraleen ihn vorhin gerufen hatte. 'Papa'. Dann war dieser Wolf auch der Vater ihres Vaters...ihr Opa. Sie hatte nicht gewusst dass sie einen hatte, und sie wusste nicht, ob sie über diese späte Erkentnis glücklich oder enttäuscht sein sollte.
Die Schwarze hatte ruhig ihren Posten gewahrt, hatte Banshee immer wieder sanft über das Fell geleckt, sie gestützt und sie stumm begleitet. Um sie beide herum war ihre Familie versammelt, wie Regentropfen auf die Erde treffen, so war einer nach dem Anderen zu ihnen gekommen. Nerúi hatte sich nicht mehr weit von Turién wegbewegt, und Nyota war das ganz Recht. Die Welpen schienen nach und nach verstanden zu haben mit welcher Endgültigkeit dieser Tag beladen war, und keiner von ihnen tobte nun noch. Auch die Töchter und der Sohn Shanis und Hiryogas hatten sich inzwischen eingefunden. Nyota meinte eine Veränderung an Rakshee wahrgenommen zu haben, wurde jedoch sogleich davon abgelenkt, als Kursaí und Parveen dazu kamen. Parveen kannte sie selbst nicht einmal, Kursaí war eine weitere Schwester von ihrem Paten, Jakash.
Der Regen und der Sturm über ihnen waren zwar nicht zu überhören, aber so wirklich drang davon längst nichts mehr zu ihr durch. Als seien es ihre eigenen Gefühle, spürte sie was Banshees fühlte, bei jedem, der sich verabschieden kam.
Die Schwarze hatte sich langsam näher an ihre Schwester geschoben, glaubte die Zeit wie ihr Blut rinnen zu spüren, und hatte auch die Augen geschlossen. Alles was sie roch war Banshees duftendes Fell, alles was sie hörte war ihre Stimme. Die Wärme zwischen ihnen hatte sich längst bis in ihre Rutenspitze ausgebreitet, und langsam öffnete die Schwarze die Augen wieder, als Acollon näher trat. Sie hätte ihn nicht ansehen zu müssen, um zu wissen dass er es war - was Banshee empfand sprach Bände, und die Gefühle ihrer Schwester waren ihr in diesem Moment präsenter als ihre Eigenen. Ein finsteres, schelmisches Lächeln legte sich auf ihre Leftzen, als sie zu dem Rüden hochblickte.
"Da bist du ja endlich, alter Herr"
Tadelte sie ihn, und schenkte ihm ein zähnebleckendes Lachen. Sie hatte nicht besonders laut gesprochen - er würde sie auch so gut verstehen. Die Schwarze blieb vorerst wo sie war, an Banshees Seite. Rings herum waren soviele Wölfe die diesen Rüden so lange nicht, zum Teil sogar noch nie gesehen hatten - und der alte Kancker sollte sich wenigstens mal vorstellen, bevor er abtrat. Zärtlich leckte sie Banshee über die Schnauze, blinzelte ihr aus verweinten und lachenden Augen zu. Alles Glück in ihr war auch Glück für sie selbst, denn es überstrahlte alle Trauer. Die Präsenz ihrer Göttin nahm sie nur am Rande war, war doch all das viel zu wichtig, um auch nur einen Moment nicht in sich aufzusaugen. Über Banshees Schnauzenrücken bis zu ihrer Stirn hin strich sie ihre Zunge, rutschte, den Kopf anhebend, noch ein wenig näher.
'Alles für uns hier und jetzt'
Averic vernahm nur seinen eigenen Herzschlag, meinte jede Bewegung, die nun folgte, nur verlangsamt zu sehen. Er fühlte sich nicht präsent, als würde er bloß durch eine Scheibe zuschauen, wie ein kleiner Ruck durch den Körper seiner Mutter ging, wie sein Vater bei ihr ankam, wie sie beide endlich wieder vereint waren. Seine Augen wanderten, sahen, wie sich alle Blicke auf den Schwarzen richteten, der den meisten fast, bis gänzlich fremd war. Er hörte keine Geräusche und konnte doch aus ihren Gesichtern ablesen, was sie sagten. Wie sehr sich Banshee freute, wie sich Hiryogas Tochter wunderte, wie Nyota Acollon tadelte. Und natürlich auch, wie sich seine Gefährtin, Tyraleen freute. Sah sie ihn nicht erst das zweite Mal in ihrem Leben? Hatte sie nicht bei ihrer ersten Begegnung mit dem Vater genau so reagiert? Genau so überschwänglich? Es war nur eine dunkle Erinnerung, die er durch den Tränenschleier einer lange vergangenen Zeit sah. Er hatte sie damals noch nicht wirklich gesehen, die kleine Welpin.
Hast du diesen Empfang wirklich verdient?
Seine Augen beobachteten alles, was sich nun um Acollon abspielte, doch rührte er sich nicht. Er konnte nicht. Einen unsinnigen Moment lang drängte sich ihm sogar der Gedanke auf, nun, wo er Banshee seine Pflicht erwiesen hatte, wieder zu verschwinden. Nur um seine unantastbare Fassade aufrecht zu erhalten, die drohte ein zu stürzen. Wie krankhaft. Und doch musste er sich zwingen, niemals würde es sich Averic verzeihen, die letzten Chance, bei seiner Mutter zu sein, verschmäht zu haben.
Der Pechschwarze schritt vorwärts, der bis dahin nur wie eine Statue dagestanden hatte, musste unsichtbare Fesseln zerreißen. Er trat an Tyraleens Seite, die noch neben Acollon stand und sich an ihn schmiegte, fuhr sachte mit der Schnauze an ihrer Seite entlang und ging noch einen Schritt weiter, bis er ebenfalls direkt vor Banshee stand.
„Mama ….“
Averic musste schlucken, ohne dabei den Kloß in seinem Hals vertreiben zu können, der sich wieder gebildet hatte. Ihm fielen keine Worte mehr ein.
Ahkuna stand immer noch da wie angekettet. Ihre Augen hatten die, der Fähe auf dem Boden, nicht verlassen. Es stand Trauer in den Augen Ahkunas. Sie wollte nicht das sie ging. Sie wollte nicht das die Fähe, zu der sie auf sah, starb. Banshee war neben ihrer Mutter und ihrer Schwester Rakshee, die wichtigste Fähe in Ahkunas Leben. Was sollte sie nun machen? Wer sollt ihr zeigen wie man durch das Leben geht? Wer soll ihr wieder die Geschichte der Götter erzählen? Niemand konnte es so gut wie Banshee. Es war einfach schöner zu wissen eine Gottestochter an seiner Seite zu haben. Auch wenn in Ahkuna selbst das Blut Banshees und somit auch das Blut Engayas, war es nicht das selbe. Sie wollte doch das Banshee für immer lebt. Immer an ihrer Seite ist. Ihr immer half.
Erst als sie jemanden neben sich spürte. Blickte sie von der Fähe vor sich weg. Malicia war an ihr vorbei getreten und hatte sich zwischen Banshee und Ahkuna gestellt. Vielleicht war dies auch besser. Sie wollte nicht das Banshee sah wie Ahkuna nun anfing zu zittern. Ahkuna versuchte sich mit aller Kraft auf den Beinen zu halten, diese Aktion glückte und sie war stolz auf sich, sich nicht so vor ihrer Oma blicken lassen zu müssen. Bei dem Gedanken das es jeden Moment zu ende seien würde, wurde ihr schlecht und ihre Lungen fühlten sich an, als würde sie platzen.
„Danke schön, Banshee“
Ein seichtes Grinsen bildete sich auf dem Gesicht der Weißen. Langsam ging sie zur Seite bis sie wieder Banshee im Blick hatte. Sie sah die ganze Zeit nun wieder Banshee an. Ahkunas Gliedmaßen zitterten zwar immer noch aber dies blendete Ahkuna aus. Ihr bebender Brustkorb gab ihr Gewissheit das ihre Lungen noch nicht zerplatz waren, auch wenn sie es sich gewünscht hatte, mit ihrer geliebten Oma zu sterben. Da sie von Fenris verschont wurde, hatte sie wohl noch eine Aufgabe. Eine Sache, für welche es sich lohnte weiter zu Leben.
Nun trat ein weiterer schwarzer Körper in das Sichtfeld der Weißen. Jemand den wohl manche kannten. Die Worte die Banshee und dieser Fremde aussprachen sprachen wohl für sich. Vor alledem das glänzen in Banshees Augen ließen Ahkuna darauf schließen das dies wohl ihr Großvater war. Als Tyraleen nun auch noch ihn mit ´Papa´ansprach war es für Ahkuna sicher. Dies war ihr Großvater. Der Rüde, der sich schon vor so langem Ahkunas Blicken entzogen hatte und einfach verschwunden war. Der Rüde, der seine ganze Familie im Stich gelassen hatte und trotzdem eine so herzliche Begrüßung, seitens Banshee und Tyraleens bekam.
„Schön dich zu treffen, Großvater“
In dem Moment, in dem Nightmare die Ohren anlegte, die Augen schloss und in sich selbst verfallen schien schwieg Shania einfach. Sie wollte ihn jetzt nicht in seinem Traum stören, seinen Flug nicht unterbrechen denn sonst würden sie abstürzen. Sie beide und das riskierte die weiße Fähe nicht. Ein sanftes Lächeln lag auf ihren Gemüt, auf ihren Leftzen und zeichnete sie in dem Moment, in dem sie Nightmare einfach nur ansah und darauf wartete, geduldig und ohne ihn jemals stören zu wollen oder zu drängen, dass er landete; erwachte und zu ihr sagte, was seine Gedanken ihm schon so lange geraten hatten. Sie wartete und sah, wie er den Kopf schüttelnd senkte und dabei so hilflos erschien wie ein Welpe, der seine Eltern verloren hatte. Mitleid kroch in ihr hoch, kratzte sich ihren Rücken hinauf um ihren Kopf zu erreichen und doch wollte sie ihn nicht wie ein Opfer behandeln denn er war keines. Er war kein Opfer, nicht einmal von sich selbst, er schien einfach nur böse enttäuscht worden zu sein, vielleicht war er auch nur verwirrt. Aber sie würde ihm helfen. Sie wollte es auch, denn sie spürte, dass er sie irgendwie irgendwo brauchte. Als er sagte, das er sich nicht verstand und sich verloren fühlte, wusste Shania, dass große Worte hier fehl am Platze war.
Sie senkte die Schnauze und berührte ihn an seiner, es war ein leichtes, sanftes Stupsen. Aber sie zog ihren Kopf, ihre Schnauze nicht zurück, sondern blieb an seiner liegen um ihm Wärme und Nähe zu schenken und ihm das Gefühl zu geben, dass er nicht alleine war. Er war nie alleine, wenn er es nur zuließ. Auch Shania hatte die Augen geschlossen und genoss die Stille, die um sie herum eingebrochen war. Selbst der Regen schien lautlos zu sein und nur noch davon zu fliegen.
"Ich möchte mehr, als es nur versuchen.", flüsterte Shania und vergrub ihre weiße Schnauze in seinen schwarzem, nassen Fell, "Und wenn du es zulässt, schaffe ich es auch.."
Shania hob den Kopf wieder an und sah zu Nightmare. Aber sie sah nicht zu ihm hinab, sondern versuchte irgendie auf Augenhöhe mit ihm zu bleiben. Er schien Angst zu haben, vielleicht sogar vor dem Rudel und der großen Ansammlung von Wölfen und irgendwie verstand sie ihn. Es waren zu viele und nicht alle würden ihn lieben wie man es mit einem Wolf tat, der zur Gemeinschaft gehört, aber Shania würde immer an seiner Seite sein und ihm helfen. Kein Wolf würde ihm weh tun, das würde sie nicht zulassen. Als Nightmare sagte, dass er mit der Zeit sie verstehen wollte, nickte Shania.
"Du hast Recht, es eilt nicht. Du wirst mich verstehen - und du wirst dich verstehen, denn das scheint dir am Wichtigsten zu sein."
Ein Lächeln zog sich erneut über ihre Leftzen, dann trat sie an seine Seite. Anstelle ihm zu folgen wie es der Wolf tat stand sie lieber direkt neben ihm, Flanke an Flanke gedrückt. Er sollte sich nicht alleine fühlen, niemals.
"Lass uns ein wenig laufen, in Richtung deiner Alphawölfe. Dieses Rudel scheint mir ein neues zu Hause geben zu können, aber ich möchte nicht bleiben, wenn du gehst, Nightmare. Ich möchte, dass du ebenso hier bleibst.", sie legte ihren Kopf auf seinen Nacken und schloss die Augen. "Ich möchte dir helfen, das Rudel zu verstehen, sowie ich dem Rudel helfe, dich zu verstehen. Niemand wird dir etwas tun, kein Wolf wird über dich spötten. Sollte er es nur wagen, werde ich einschreiten, ich lasse so etwas nicht geschehen, denn niemand hat so etwas verdient. Niemand!"
Shania zog ihren Kopf zurück und sah Nightmare wieder von der Seite aus an.
"Versprichst du mir etwas? Versprichst du mir, dass du es wenigstens versuchst? Wenn es nicht funktioniert, du dich nicht wohl fühlst und unglücklich ist, ziehe weiter und suche deine Bestimmung. Aber würdest du es in diesem Rudel versuchen? Für mich und mit meiner Hilfe?"
Miara trottete durch den Wald, der Wind flüsterte ihr, wie immer zu, allerlei Gerüche drangen in ihre Nase und ihre Füße trabten in einem gleichmäßigem Rhymtus über den Waldboden. Ein Windhauch fuhr durch ihr Fell, das spärliche Laub flog auf und ein Blatt landete auf ihrer Schulter, als sie witternd auf der Stelle verharrte. Verächtlich schüttelte sie sich, das Fell sträubend und ihr Lefzen verzogen sich nach oben, spöttisch grinsend, dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Ihre Muskeln spielten unter dem pechschwarzem Fell und ihre Rute war selbstbewusst in die Luft gestreckt und ihre Zähne waren leicht entblößt. Wieder blieb Miara stehen und ihre Schnauze zuckte, eine Duftspur lag in der Luft, vielleicht nicht mehr weit entfernt, endlich schien sie das Rudel erreicht zu haben. Sie setzte sich abermals in Bewegung und nach ein paar Minuten lag die Rudelmarkierung stechend in ihrer Nase. Miara sandte ein durchdringendes Heulen in die Luft, an die Wölfe und vorallem die Alphawölfe des Rudels. Dann übertrat sie die Grenze, um nach ein paar Metern wieder wartend stehen zu bleiben.
16.01.2010, 00:10
Ayrenia stand da, ganz auf Gani fixiert. da spürte sie die Anwesenheit eines anderen Wolfes. Immernoch in ihren Rausch verfallen drehte sie sich um, und die Fremde stach ihr sofort ins Auge. Das war ihre Chance. Die Chance diesem schrecklichen Kampf zu entkommen. Die Chance auf ein friedliches Kennenlernen. Sie wendete sich ab, und mit weiten und kraftvollen Sprüngen sprintete sie in die Richtung der Fremden. dann blieb sie kurz vor ihr stehen. Grüne, funkelnde Augen blickten sie neugierig an. Das schwarze Fell schmiegte sich sanft um ihren kraftvollen Körper, und es war nicht zu übersehen dass auch sie eine Kämpferin war. Das Feuer des Krieges loderte in Ayrenias Augen, doch sie wusste dass auch diese eine von Fenris Anhängern war. Der Blutrausch blieb, und für einen Moment machte sie sich Sorgen darüber, dass ihre gruselige Gestalt Feindschaft hervorrufen könnte. Das hätte sie nicht gebrauchen können.
(... Wer bist du? Ich komme in Frieden. Lass uns nicht kämpfen. Da vorne könnten Probleme aufkommen. Wenn es in einem Kampf endet erbitte ich deine Hilfe. Meine Name ist übrigens Ayrenia...)
Sie unterstrich diese Worte mit dem Farbwechsel ihrer Augen von Gold zu Blutrot. Die Fremde machte ihr keine Angst, und sie wünschte sich ein wenig Hilfe. Bei Gani erwies sich ihr Eindruck als machtlos, doch dies konnte sich schnell ändern. Diese Gani war so arrogant. Ein Knurren entfuhr ihr in dem Gedanken an diese arrogante Fähe. Sie wollte nicht kämpfen. Doch diese Situation erwies sich als höchst kompliziert
Miara's Nackenhaare stellten sich bedrohlich auf, als sie eine fremde Fähe witterte und ihre Krallen gruben sich in die Erde, ihr Körper zitterte vor Anspannung und ein tiefes Knurren drang warnend aus ihrer Kehle. Doch die Fähe schien nicht auf Kampf aus zu sein und das sagte sie ihr auch. Nicht kämpfen? Ha, dass die eine Kämpferin ist, sieht man von Weitem, aber lassen wir uns halt auf das Spielchen ein, vielleicht meint sie es wirklich so.
"Man ruft mich Miara, Gesandte Fenris'. Du tust gut daran, nicht mit mir zu kämpfen, Fähe."
Herausfordernd funkelten ihre Augen, aber dann besann sie sich anders und richtete das Wort erneut an die Kriegerin.
"Ich merke, dass auch du eine Fenris' Gläubige bist, wie ich. Das ist gut, ich würde mich nie wirklich mit einer Engayaverfallenen richtig unterhalten, also sei froh darüber."
Diese Worte wuffte sie halb im Spaß, halb im Ernst, sie würde sich vielleicht auch mit Wölfen, die Engaya gläubi waren, abgeben, aber auch nur vielleicht, geschweige denn, ein Wort wechseln. Was das betraf war sie sehr stur und nur schwer zu überzeugen, aber wenn man wirklich wollte, konnte man sie schon überzeugen, mit einem zu reden, egal an wen man glaubte. Aber es gab eine Seite in Miara, die war dominant und unterdrückte die andere, die Freundlichkeit. Man konnte sich nie sicher sein, was sie im nächsten Moment tun würde, man war besser daran, ihr nicht zu begegnen, schon gar nicht in der Nacht. In dem Geruch der Fremden erkannte sie, dass sie zu dem Rudel gehörte, was ihr auch der Wind bestätigte. >Sie gehört dem Rudel an, dem du beitreten sollst und sie wird dich verstehen, wie es kaum einer in diesem Rudel könnte.< So schnell die säuselnde Stimme des Windes gekommen war, so schnell war sie auch wieder weg, aber eines hatte sich verändert: Miara's Haltung und Sichtweise der anderen gegenüber.
"Ich komme gerne mit dir, ich suche dieses Rudel schon seit Monden und was den Kampf betrifft, ich habe nichts dagegen."
Ihre Lefzen verzogen sich zu einem Grinsen und sie trat an die linke Seite der Fähe, bereit ihr zu folgen, wenn auch widerwillig, denn normalerweise folgte sie lieber ihren eigenen Wegen.
So viel Freundlichkeit, und das auchnoch von einer der ihren? Ayrenia musste Lächeln. Nach dem Treffen mit Gani war dies mal eine erfrischende Abwechslung, denn ein wenig Frieden war ja immer gut. Die Fremde ließ ihren Namen verlauten, und sofort musste Ayrenia schmunzeln. es war als ob sie ihr Spiegelbild vor sich hatte. Miara machte ihre Stellung klar, und trotzdem blieb sie freundlich. Dies war ihr sehr hoch anzurechnen, auch da Ayrenia nicht sehr freundlich aussah. Miara hatte gesagt, sie hätte sich nicht mit einer Engayaverfallenen unterhalten. Das gefiel Ayrenia sehr, und sofort sah sie in der Fähe eine Freundin. Sie schloss die Augen, um die Gefühle der Fremden zu erkennen. Da hört sie den Wind, einen Satz säuseln der ihr mit Sicherheit verborgen bleiben sollte, doch sie nahm ihn aufgeregt wahr. Dann sprach sie mit einer sehr sanften Stimme.
(...Ich bin selber noch neu hier in diesem Tal, und zum Rudel gehöre ich leider nicht. Jedoch würde ich mich gerne mit dir zusammenschließen, denn ich mag dich. Wir sind beide Kämpferinnen, und unsere Seele ist schwarz. Da vorne steht Gani, eine arrogante Fähe die mich anscheinend nicht mag. Soll sie irhe Meinung haben, ich warne dich jedoch vor. Sie ist vorlaut und frech, also wappne dich...)
Das Grinsen auf Miaras Lefzen wurde mit einem wilden Schlecker über ihre Schulter von Ayrenia erwidert. Danach stellte sie sich neben Ayrenia, und sie wusste dass sie eine Verbündete gefunden hatte.
(...Du kannst mich Ayra nennen...)
Miara erwiederte die freundliche Geste Ayrenia's, auch sie schleckte ihr über die Schulter, kurz und bündig, aber trotzdem das erste freundliche Zeichen ihrerseits seit Monden. Es war lange her, dass sie überhaupt jemanden getroffen hatte, und dann auch noch eine freundliche im Glauben Fenris'? Wunder geschahen also tatsächlich.
"Und du darfst mich Mia nennen, wenn es dir genehm ist."
Die Fähe schüttelte den linken Hinterfuß aus und blickte dann Ayra an. Ihre Augen funkelten wie zuvor, aber nun nicht mehr agressiv, eher kampflustig und ihr Körper zitterte noch mehr, die Spannung in ihren Muskeln war kaum noch auszuhalten und erwartend richtete sie sich ganz auf und dann blickte sie wieder die andere Fähe an.
"Können wir endlich los? Ich bin schon auf diese Gani gespannt, die kann ihren Schwanz schon mal zwischen ihren zitternden Beinen verstecken, wenn sie erstmal mir, äh uns begegnet."
Miara grinste gehässig und spöttisch und sie baute sich noch größer, zu ihrer ganzen Größe auf, die Krallen in die Erde gebohrt.
Die freudige Erwartung des Kampfes schimmerte unverkennbar in Miaras Augen. Das sie jemals jemandem begegnen könnte der ihr so sympatisch war, das hätte sie nie für möglich gehalten. Abgelenkt von der Freude einer neuen Bekanntschaft, stahl sich ein Gedanke in ihren Kopf.
(...Jetzt kann sie endlich für das bereuen was sie meiner Schwester angetan hat...)
Sofort verfluchte sie sich innerlich dafür dass sie laut gedacht hatte. Ein breites grinsen stahl sich auf ihre Lefzen, sie freute sich auf den unfairen Kampf mit Gani. Diese Mia schien nicht ganz ohne zu sein, ihre kräftigen Muskeln und ihre langen Hauer bewiesen dass sie eine große Kämpferin war. Und als sie langsam in die Richtung ihres Feindes gingen, bemerkte Ayrenia plötzlich dass Mia mehr als nur eine Wölfin war. Diese Anmut, diese Kampfeslust. Sie hatte eine Freundin gefunden. Und sie hatte noch nie zuvor eine Fenrisgläubige getroffen, wesewegen sie immer bei ihrer Schwester war, ohne eine einzige Freundschaft. Ihr bisheriges Leben bestand einzig und allein aus Mama, Papa und Shila. Nie war jemand anderes zu ihr gekommen, hat mit ihr geredet oder gespielt. Ihre Schwester wurde jedoch geliebt, jeder schloss sie sofort ins Herz. Beschämt blickte sie auf den bemoosten Waldboden. Ihr Spitzname, den ihre Schwester immer benutzte schlich sich in ihre Gedanken. Einsame blutige Kriegerin.
(...Mia. Lass uns Gani umbringen...)
Mia setzte Pfote vor Pfote, nichts hätte sie in dem Moment von ihrem Weg abringen können, niemand. In dem Wald war es ungewöhnlich still, nur manchmal pfiff ein Vogel seinen Lockruf oder es raschelte irgendwo eine kleine Maus. Wie sie so neben Ayrenia neben her ging, musterte sie diese von der Seite. Ayra schien in Gedanken versunken, völlig in Gedanken an etwas, das ihr nicht zu behagen schien. Also wollte sie sich selbst aus den Gedanken reißen, knurrte die Fähe Mia. Lass uns Gani umbringen... Aus Miara's Kehle drang ein zustimmendes Knurren.
"Endlich jemand, der meiner Meinung ist, aber lassen wir uns Zeit, wir werden mit ihr vorher noch ein bisschen spielen..."
Miara bleckte ihr Zähne und ihre Lefzen schoben sich zu einem gehässigen Grinsen nach oben, das Spiel mit dem Opfer war eins ihrer Lieblingsbeschäftigungen, man konnte es das Aufwärmtraining vorm Töten nennen. Abermals rauschte der Wind durch das Blätterdach und eine leise, aber durchdringende Stimme flüsterte ihr zu. Miara, es ist nicht mehr weit. Bald triffst du auf diese Fähe, sie ahnt nichts von ihrem nahenden grausamen Tod. Miara verlangsamte kurz ihre Schritte und witterte, der Geruch dieser Fähe lag eindeutig in der Luft, sie dürfte ganz in der Nähe sein oder denselben Weg vor nicht allzu langer Zeit gegangen sein.
"Ayra, sie ist nicht mehr weit weg. Hier dürfte sie irgendwo sein, führ uns hin, dann lass uns das Spiel beginnen..."
Erwartungsvoll funkelten ihre Augen noch gefährlicher als sonst und man konnte ihr den Blutdurst ansehen, jeder der sie sah, würde sofort die Flucht ergreifen, wenn man nicht zu ihr gehörte wie Ayrenia. Ihre Pfoten hinterließen tiefe Abdrücke, so fest trat sie auf und ihre Rute war selbstbewusst erhoben, in ihren Bewegungen anmutig und geschmeidig.
Chanuka sah seine Mama an, gekuschelt in ihr Fell, blickte er zu ihr hinauf. In seinem Blick lag kein bestimmter Ausdruck, er starrte sie einfach nur an und lauschte ihren Worten. Er wollte nie vergessen, wie sie aussah, obwohl er wusste, dass die Zeit gegen ihn arbeiten würde. In seinem Kopf war das Bild von ihr anders als das, was er vor sich sah. Er wollte sich Banshees Aussehen nicht in dieser Abschiedsszene merken. Er wollte sie anders in Erinnerung behalten. Es fiel ihm nur dummerweise unendlich schwer, sich an bessere Zeiten zurückzuerinnern.
Er war erleichtert, dass sie ihm versicherte, dass es ihr gut gehen würde und er nickte bestätigend, dass er auf sich aufpassen würde. Sie brauchte sich keine Sorgen zu machen. Nicht um ihn. Nicht auf diese Art. Er war der letzte Wolf des Rudels, der sich mit Absicht in Schwierigkeiten bringen würde. Aber seine Mama würde ihn begleiten, immer und überall. So oder so. Und sie sagte, sie würde ihn hören und sehen können. Also nickte er erneut, einverstanden mit ihrer Entgegnung. Es gelang ihm nicht, über ihre Worte zu lächeln, obwohl er es gerne getan hätte. Denn, es war doch gut, dass er noch mit ihr reden konnte, oder? Die Traurigkeit wollte dadurch nicht von ihm abfallen. Es war zwar schön, dass er nicht ganz verloren sein würde, aber ihm würde ihre Wärme fehlen. Er würde sie so schrecklich vermissen.
Müde sah er zu seinen Geschwistern hinüber, ließ den Blick über die vielen Wölfe gleiten, die anwesend waren. Abschied, überall Abschied. Und jeder blieb mit seiner eigenen, traurigen Geschichte zurück. Abgesehen von seiner Mama, die die Wölfin war, die gehen würde. Chardím war direkt neben ihm und er konnte nicht sagen, seit wann er da saß. Manche Bewegungen nahm er einfach nicht war. Plötzlich hatte sich das Bild, dass er zuletzt wahrgenommen hatte, verändert und seine Gedanken drifteten erneut ab, unterbewusst wissend, dass alles wieder anders sein würde, wenn er wieder einen Augenblick klar denken konnte.
Die Stimme seiner Mama klang angenehm in seinen Ohren, dennoch hätte er nicht sagen können, was sie zu all den Wölfen sprach. Er hörte ihr nicht zu, nicht den Worten, nur dem Klang. Es war wohl für eine sehr lange Zeit das letzte Mal, dass er ihr lauschen konnte. Und dann änderte sich plötzlich alles.
Jemand kam, jemand, der ihm fremd war und er hob den Blick, als die Gestalt über ihm stand, nur Augen für Banshee.
“Acollon…“,
wisperte er tonlos. Mit großen Augen blickte er zu dem schwarzen Wolf nach oben. Fasziniert, dass er seinen Opa, oder Papa noch kennen lernen durfte, starrte er zwischen ihm und seiner Mama hin und her. Und dann kamen seine eigentlichen Eltern hinzu. Er beobachtete die Szenerie, erneut verstummt. Alles war so zerrissen. Glück und Trauer, so nah beieinander. Tod und Leben, so musste es wohl sein. Er verstand, dass Banshee nicht allein gehen musste und dass Acollon auf sie aufpassen würde, ob dies nötig war, oder nicht. Und Chanuka wusste, dass der Rüde, von dem er nur den Namen wusste, stets ein Unbekannter bleiben würde. Denn die Zeit zog unaufhörlich vorbei.
Die absolute Stille in seinem Innern stand im tiefen Kontrast zu dem lauten Donnergrollen um sie herum, fegte der Wind schier das Laub von den Bäumen, blieb seine Seele vollkommen unberührt. Der Regen durchtränkte ihr schwarzes Fell, ließ es perlengleich und nachtschwarz schimmern, wie der bewölkte Himmel über ihnen. Tiefes Blau traf auf die Mitternacht, während sich die Seelentore miteinander verwoben, um doch gänzlich auseinander zu gehen. Zwei Rüden, zwei Wege, zwei Schicksale, die sich durch Zufall trafen und zwei Herzen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Lange Zeit, zumindest fühlte es sich für den Nachtsohn so an, der nur schweigend im Sturm stand, diesem trotzte und sich nicht von der unbändigen Macht der Natur hinreißen ließ. Er war ein Sonderfall, ein Sonderling, wieder der Natur, der längst in Fenris Pfoten ruhen sollte. Und dennoch gab es ihn, hier, lebendig und leibhaftig. Ein Abbild seiner Selbst, ein Schatten seiner Vergangenheit, Gegenwart und einer ungewissen Zukunft.
Ruhe und Geduld lag in dem nächtlichen Blick des Rüden, der still auf eine Reaktion wartete. Nur langsam traten die Worte seines Gegenübers an seine Ohren, sanken tiefer in sein Bewusstsein und ergaben einen Sinn. Er fand, dass der Name zu ihm passte. Mitternacht, wie die Geburtsstunde des neuen Tages, der Sterbeminute der Vergangenheit. Anfang und Ende, Stille und Einsamkeit. Es mochte stimmen, dass sein Name wirklich zu ihm passte, doch nie hatte er sich näher Gedanken dazu gemacht, geschweige denn überlegt, warum seine Eltern ihn so genannt hatten. Für einen Wolf ohne Erinnerung, ohne Zeitgefühl, ohne Leben in der Seele spielte vieles keine Rolle mehr und die Ergründung seines Namens gehörte wohl dazu.
Woher er seinen Beinamen hatte konnte er ebenfalls nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, noch vermochte er diesen Namen zu deuten. Es war für ihn fast wie ein schlichtes Anhängsel, eine Tatsache, so wie seine Augen blau wie die tiefste Nacht waren.
„Mag sein.“
, gab die leise, emotionslose Stimme des Rüden unbestimmt zurück, ein kurzes Nicken folgte. Auch dies spielte für Midnight lange keine Rolle mehr. Die Seelentore folgten einem weiteren Blitz, der über den Himmel zuckte, um die Welt in einem tieferen Schwarz zurück zu lassen. Nach weiteren Worten wollte der Nachtsohn nicht suchen, wollte weder erklären, noch fragen, hatte er doch das seltsame Gefühl, dass es vergebens war und diese junge Seele den Totenwandler nicht verstehen konnte.
Nerúis Tränen waren nur allmählich versiegt, nachdem sie bereits Turiéns Fell durchnässt hatten. Sie fühlte sich so schwach, wie sie so da lag, und zugleich tat es so gut, ihren Silberbruder bei sich zu haben, und Caylee, Atalya und die Anderen. Es war auch gut, dass Mama in der Nähe war, direkt neben ihrer Tante - und noch viel mehr half es ihr, ihre Mama weinen zu sehen - wie konnten Tränen einen Wolf schwach sein lassen, wenn selbst ihre Mama weinte? Tante Bani hatte ihnen immer wieder liebevoll über das Fell geleckt, und die Schwarzbraune hatte sich nun gemütlich bei Turién angeschmiegt, sodass der grausigen Situation schon wieder soviel von ihrer Grausamkeit dadurch genommen wurde, dass er immernoch bei ihr war.
Nerúi hob den Kopf, und beobachtete durch den Tränenschleier vor ihren gelben Augen all die Wölfe, die sich näherten. Caylees Patin kam, und die Schwestern von ihr - und auch ein paar Wölfe, die Nerúi gar nicht kannte! Sie fragte sich, warum sie da waren - aber Tante Banshee schien alle zu erkennen, und hatte für jeden ein paar tröstende Worte übrig. Und dann veränderte sich etwas. Papa Averic kam endlich - Nerúi wollte aufspringen um ihn zu begrüßen, aber sie war zu gespannt, um sich zu bewegen. Da kam schon wieder ein Wolf, den sie noch nie gesehen hatte - aber er brachte eine neue, eine andere Stimmung mit, die zuvor nicht dagewesen war. Tante Bani und sogar Mama Nyota schienen ihn zu kennen, und Mama Tyraleen nannte den Wolf Papa - aber warum kannte sie den denn nicht? Immerhin war Tante Banshee doch Tyraleens Mama, und wenn der Rüde da Tyraleens Papa war...das war alles seltsam. Unruhig stieß sie Turién und Caylee an, pfotete auch nach Atalya.
"Kennt ihr den?"
Fragte sie leise, und verfolgte mit wachsamen Agen, wie der Wolf auf Tante Banshee zuschritt. Überhaupt behielt sie jede seiner Bewegungen im Auge, immerhin konnte der ja gefährlich sein. Sie verstand das nicht. Die ganzen Fremden, in soeiner intimen Situation verwirrten sie zusehends - un das komische Gefühl, dass dieser Schwarze nun mit sich gebracht hatte, war erst Recht seltsam... Aber vielleicht konnten ihre Geschwister ihr ja alles erklären?
Seine Wahrnehmungen verblassten, die eigentlich so feinen Sinne stumpften ab und verschlossen ihn vor der Außenwelt. Es war die tiefe Trauer, die lähmte. Jedem Wolf erging es so, jeder musste sich dem irgendwann stellen oder würde diesen Schmerz erleben. Für Akru war es das erste Mal, dass ihn ein solcher Verlust aus der Bahn warf. Es war sein erster Verlust, den er in seinem so langen Leben hatte erfahren müssen. Und es war nicht einfach die Haltung zu wahren oder das Lächeln wieder auf die Lefzen zu legen. Das Spiel war vorbei. Game over. Er hatte verloren und damit musste er wohl oder übel weiterleben.
Einige Augenblicke dauerte es bis er wahrnahm, dass die weiße Tyraleen zögerlich vor ihm zum Stehen gekommen war. Ihr Pelz schimmerte in dem so kargen Licht und sie glich ihrer Mutter auf eine beruhigende, wenn auch seltsame Art und Weise. So würde er in ihr wohl immer ein wenig von Banshee finden. Unweigerlich und ungewollt. Natürlich war sie nicht ihre Mutter. Eine ganz andere Persönlichkeit. “Ich danke dir, dass du meine Mutter begleitet hast. Deine Trauer ist unsere Trauer, ich hoffe, dass auch du ein wenig Trost finden kannst – vielleicht auch bei uns“, hörte der Rüde ihre wärmenden Worte. Seine neue Leitwölfin stand vor ihm. Sein Versprechen richtete ihn auf, stark für sein Rudel. Stark für all jene, die nicht so stark sein konnten. In Würde und mit viel Verständnis und Durchhaltevermögen würde er der jungen Wölfin zur Seite stehen. Das Lächeln wurde fester und seine Augen etwas klarer. Sie wusste wohl nicht einmal, dass es ihr Leben war, dass ihn an dieser Welt halten würde. Eine undefinierbare Bindung war entstanden.
“Gemeinsam. Wir sind ein Rudel“,
hauchte er die Worte aus. Der Zusammenhalt war wichtiger denn je. Mit Banshees Abgang würde sich herausstellen, ob die Sternenwinde ein Rudel waren. Jeder Wolf würde dazu aufgefordert, jeder Wolf würde für den Anderen einstehen. Man konnte nur soviel erreichen, wie man seinem Gegenüber vertraute.
Doch das Erscheinen zweier ungewöhnlichen Weggefährten ließ den Grauen seine Aufmerksamkeit wieder auf das zentrale Geschehen lenken. Ein fast ungläubiger Ausdruck spiegelte sich auf die jung wirkenden Züge wider. Ohne, dass man seinen Namen aussprechen musste, wusste Akru wer gerade in die Mitte der Trauerfeier Platz einnahm. Die Präsenz, die Ausstrahlung und vor allen Dingen der unerklärliche, aber vorhandene Gottessegen erklärte dem Hünen mehr, als man ihm wohl mit Worten deutlich machen konnte. Hatte er sich davor gefürchtet oder warum war ihm einmal so elend zu mute? Ein Stechen in der Brust als er den Schwarzen fixierte. Acollon, Banshees Gefährte. Überraschend hatte er den Weg also hierher gefunden, an die Seite seiner rechtmäßigen Gefährtin. Dem Grauen war immer klar gewesen, dass es einen anderen Rüden gab, den Banshee liebte. Doch jetzt, wo er leibhaftig vor ihm stand, wurde aus der Ahnung klare Gewissheit und aus dem flüchtigen Verdammen eine schmerzende Eifersucht.
Es war schwer sich für seine weiße Freundin zu freuen, obwohl sie es verdiente. Als Freund sollte er sich für sie freuen, für sie lächeln und den Schwarzen akzeptieren. Aber es war der Gedanke, dass seine Zeit an der Seite seiner Leitwölfin von dem Schatten des alten Leitwolfes überdeckt wurde.
Der Graue löste sich von seinen Gedanken und ein Stück weit aus dem Schatten der Trauerweide.
Der Regen lief wie die Zeit an ihr vorbei, zählte für sie die Augenblicke, die Momente, die verstrichen. Vom Gefühl her waren es Stunden, Tage, bis zur Endgültigkeit. Die regenblauen Augen, fern von jedem Hass, suchten noch immer nach dem klaren Goldton ihrer Mutter, versuchte ihren Klang zu finden, lauschte in ihren Herztönen und fand eine kurze Sekunde, in der Banshee sie anblickte. Verwirrt konnte sie den Blickkontakt nicht lange halten, verstand den Blick in den Bernsteinen ihrer Mutter nicht, nicht mehr. Früher waren sie sich so vertraut gewesen, waren sie fast wie zwei Fremde und sich doch nicht unbekannt.
Der Todesengel blickte in die vielen Gesichter, die sich alle um die sterbende Leitwölfin drängten, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, sich zu verabschieden. Immer wieder hing der Blick aus den Regenaugen an ihrer weißen Schwester, die sich an Sheena geschmiegt hatte. Ein seltsames Gefühl, welches sie nicht einordnen konnte, durchzuckte Amáya, die immerhin dafür Sorge getragen hatte, dass Sheenas Bezugsperson Zack für immer von dieser Welt verschwand. Der Mord an einem Rudelmitglied lag noch immer wie ein düsterer Schatten auf ihr, die schwarzen Schwingen senkten sich über die Anwesenden. Der kalte Hauch ihres Atems ließ die Welt verstummen. Die Schuld klebte an ihren blutverschmierten Fängen, nagte an dem einst reinen Herzen der Welpin, die sie vor so langer Zeit gewesen war. Verschwunden war sie, verloren gegangen und nimmer wieder gekehrt. Ein fremdes Wesen hatte nun den Platz ihrer Selbst eingenommen, war Tochter, Schwester, Bekannte, trug das scheinheilige Gesicht einer Anderen. Der Wandel in ihrem Herzen, in ihrer Seele schien sich jedoch in keinem Fall auf Banshee ausgewirkt zu haben, die sie trotz allem weder töten, noch verbannen ließ. Mit einer Güte, die nicht von dieser Welt schien, hatte sie zärtliche Ketten aus Liebe gesponnen, die ihre verlorene Tochter an das Rudel band. Dennoch hatte Amáya das Gefühl, dass sie nicht in diesen Kreis gehörte, dass es nicht ihr Platz war. Sie war eine Fremde, unbekannt in ihrer eigenen Familie, wobei die Bilder der Vergangenheit in ihrer Erinnerung noch immer vorhanden waren. Die beiden Welpen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, verbunden in einem Augenblick, in einer Sekunde ihres Seins, zusammen um reinen, weißen Schnee. Ihre Schwester.
Tief atmete Amáya die regenschwere Luft ein, fühlte es näher kommen und wie sich dieses Etwas immer mehr von ihr entfernte. Es zog und zerrte an ihr, wie der Sturm an ihrem regenschweren Pelz. Bis ein anderes Gefühl, überwältigend und nicht minder Mächtig als Banshees Liebe, die Fähe innerlich fast zusammen zucken ließ. Ein vertrautes Gefühl, eine bekannte Seele, sie konnte ihn spüren. Er war hier.
Es dauerte nicht mehr lange, die Götter tobten und tanzten über ihnen, da schritt aus dem Dunkeln des Waldes die andere Hälfte des Lebens hervor. In Begleitung ihres älteren Bruders Averic war ihr Vater aufgetaucht. Acollon, der so lange Zeit fort gewesen war. Nur ein Mal konnte Amáya einen Blick auf die schwarze Vaterfigur werfen, die ihr Leben geschenkt hatte. Nur ein Mal. Jetzt war er wieder hier und sie spürte, dass auch ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Langsam trat die Dunkle ein paar Schritte näher, gesellte sich an die Seite ihrer Schwester, die sich an Acollon schmiegte, ihn begrüßte und so unendlich viele Tränen weinte, wie Amáya es nie erlebt hatte, wie es der Regen nicht konnte. Die Unsicherheit, die sie als Welpe stets dominiert hatte, war gänzlich aus dem Leib des Todesengels gewichen und mit festen Blick schaute Amáya Acollon in die blauen Augen, die schier vor ihrem Blick immer trüber zu werden schienen. Es war nur ein kurzer Augenblick, ein Moment, dann zog sich die Schwarze wieder zurück. Sie gehörte nirgends hin, weder an Banshees Seite, noch zu Acollon. Sie war fremd in dieser Familie und dennoch blieb sie an ihrer Seite. Ein Ohr drehte sich nach hinten, einen fragenden Blick an Banshee gerichtet. Es fehlte ihr an Worten, die sie für ihre seltsamen Gefühle nicht finden konnte. Es fehlte ihr an Liebe, welche sie damals gegen Hass getauscht hatte und dennoch war der Todesengel nicht unfähig zu fühlen.
Mia's Art gefiel Ayrenia zunehmend mehr, und die Idee mit Gani zu spielen ließ das blutige Rot in ihren Augen interessiert aufflackern. Doch dann hörte sie es. Ihre Schwester. Das Heulen hallte an jeder Felswand, im ganzen Tal wieder. Es war ein Ruf. Ihr Blick zuckte sofort in die Richtung aus der sie Shila vermutete.
(...Mia, das war meine Schwester. Ich muss zu ihr. Ich komme bald wieder, du kannst Gani ja schonmal darauf vorbereiten, was auf sie zukommen wird. Ich mag dich Mia. Ich mag dich wirklich sehr...)
Es fiel ihr schwerer als gedacht sich von Mia zu entfernen, doch ihre Schwester war jetzt wichtig. Ihre Pfoten trugen sie sanft über den weichen Boden, und das Gewitter ließ Blitze hageln. Ihre Atmung blieb ruhig und gleichmäßig, doch ihre kraftvollen Sprünge verliehen ihr ein Gefühl der Freiheit, des Fluges. Jetzt zählte nurnoch ihre Schwester. Auch wenn die Zeit ohne sie nur von kurzer Dauer war, der Schmerz des Verlustes hatte ihr Herz vergiftet. Äußerlich gab sie sich taff und mutig, doch in ihrem Inneren wollte sie nur noch zu ihr, Sie konnte ihnen einen entscheidenden Vorteil beim Kennenlernen des Rudels verschaffen, denn wer ließ sich schon von ihrer liebevollen und zarten Art abschrecken? Ganz im Gegensatz von der Ihren. Dann war sie endlich da. Für einen Augenblick blieb die Zeit stehen, und sie blickte ihr direkt in die Augen. Ihr Herz wurde warm, die Liebe breitete sich in ungeahnten Maßen aus. Sie verlor die Kontrolle, und Freude überschwemmte sie, so stark, dass ihr Tränen in die Augen traten. Der Rausch verschwand, die Lust zu morden, das alles verschwand ins Leere. Ihre Augen wurden erfüllt von einem Gold, wie man es nur in dem funkelsten und hellsten Sonnenstrahl sah. So lange. Das Rauschen der Blätter, das Flüstern des Windes. Das alles zählte jetzt nicht mehr.
(...Schwester...)
Da stand sie nun, zwischen den Bäumen, dass Wetter war nicht gerade klasse, Regentropfen perlten von den Blättern, der Boden war matschig doch sie wollte jetzt nur noch zu ihrer Schwester. Ihr Heulen hallte in jeder einzelnen Ecke des Tals wieder. Sie wusste nicht ob sie auf ihren Ruf reagieren würde, doch sie hoffte es. Endlich war sie hier. Nach dem langen Weg sah sie endlich ihre allesgeliebte Schwester wieder. Jeden Tag stellte sie sich die Wiedervereinigung vor, doch niemals dachte sie es würde so schön werden wie jetzt. Ayrenia tauchte wie aus dem nichts auf. Dieses Gefühl was sich in ihr verbreitete, wärmte ihren ganzen Körper. Sie konnte es kaum glauben. Ihre Schwester. Sie sah die Tränen in den Augen von ihrer großen Schwester, aber natürlich sagte sie nichts denn Ayrenia hasste es wenn sie ihre Tränen sah, und sie wollte diesen wunderschönen Moment nicht zerstören. Ihre Augen funkelten stark, dieses funkeln hatte sie vermisst. Sie spürte wie die dunkle Aura langsam verschwand. Nur ein paar Sekunden standen die Zwei sich gegenüber doch für Shila fühlte es sich an wie Stunden. Sie lächelte ihr Schwester an.
~ Da bin ich Schwesterherz. Hast du mich vermisst? ~
Sie kam auf Ayrenia zu und schleckte sie ab. Das fühlte sich so gut an, endlich wieder wie früher, rumtollen und einfach nur fröhlich sein.
Sie hatte sie so vermisst. Wie sie ein Lächeln auf Ayras Gesicht zauberte, wie sie mit ihren kühlen blauen Augen mal wieder lachte, all das hatte ihr so gefehlt. Ihr schwarzes Fell strahlte wie immer vor Sauberkeit, es war perfekt gepflegt. Der Drang sie durch zu knuddeln war kaum zu beherrschen.
(...Natürlich habe ich dich vermisst, kleine Schwester. Dein Lächeln macht mich glücklich. Du hast mir so gefehlt...)
Sie schaute beschämt zur Seite. Sie hoffte dass Shila nicht traurig sein würde, wenn sie herausfände, dass sie kurz vorm Morden gewesen war. Dann erinnerte sie sich. Die seelische Verbindung zu Shila hatte ihr ermöglicht die Wunde zu fühlen. Sofort blitzten ihre Augen wieder rot und mörderisch auf, doch sie wollte das Wiedersehen nicht mit ihrem Instinkt zum Töten verderben.
(...Hat es dir sehr wehgetan?..,)
Sie wollte das Lächeln, das Gefühl des Glücks dass Shila ausstrahlte nicht zerstören, doch sie musste wissen ob der Schmerz ihrer Wunde ihr irgendetwas getan hatte. Sie wusste nur zu gut, dass sie mit Schmerzen härter im Nehmen war als ihre Schwester. Dann ging sie auf Shila zu, nur ein paar Schritte, doch für sie war es wie ein ganzes Leben. Jetzt wo sie endlich wieder vereint waren, da war alles gut. Die Sonne schien ein paar helle Strahlen durch das Gewitter zu schicken, und der Wind blies für einen Moment nicht mehr so erbarmungslos durch den Wald.
(...Ich wollte nicht dass es zu einem Kampf kommt...)
Tiefe Reue spiegelte sich in ihren goldenen Toren wider, sie wollte nicht dass ihre Schwester enttäuscht war. Sie konnte Ayrenia zwar nie böse werden, jedoch würde ihre Enttäuschung Ayrenia verletzen. Sie war die einzige die dies konnte,
Polar blickte Midnight abwartend aus seinen dunklen Augen heraus an. Die tief blauen Augen seines Gegenübers wirkten auf irgendeine Weise einsam und verlassen auf ihn. Er rührte sich keinen einzigen Millimeter und horchte auf seine Umgebung. Seine Antwort, so kurz und knapp sie auch war, hatte einen Hintergrund, den Amronial nicht zu entdecken vermochte. Er gab es nach wenigen Minuten auf, nach einem Hintergrund zu suchen und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den schwarzen Midnight. Dann schaute er wieder in den Himmel und beobachtete die Blitze und zwinkerte immerzu, weil die Regentropfen im in die Augen fielen. Nach kurzem Zörgern senkte er seinen Kopf wieder.
"Ich weiß nicht, wie ich darauf komme.", begann er zu erklären. "Aber ich habe das seltsame Gefühl, als würdest du mir etwas verschweigen. Ich weiß nicht, was es ist, aber das Gefühl lässt mich einfach nicht los. Es kann auch sein, dass du mir nichts verschweigst. Ich weiß es nicht."
In Gedanken verfluchte das schwarze Schneefeuer sich, weil er diese Worte ausgesprochen hatte und im nächsten Moment wartete er auch schon auf eine Antwort. Leicht kopfschüttelnd richtete sich Polar Amronial auf und stand dann auf seinen vier kräftigen Pfoten. Die Blitze über ihren Köpfen zuckten, in Polars Augen, nervös über den Himmel. Als würden sie ganz genau wissen, was in Midnight vor sich ging. Er hoffte irgendwo tief in sich, dass es Midnight gut ging. Nicht, dass er äußerlich krank aussah oder ein Zeichen einer Krankheit aufwies. Nein, er sah so aus, als würde etwas ihn von innen heraus auffressen. Fast schon ungeduldig krazte er sich hinterm Ohr.
Einen Moment zögerte Majibáh und eine Unsicherheit breitete sich in ihr aus. Sollte sie ihrer Schwester weiterhin folgen, wie sie es ihr Leben lang getan hatte? Oder sollte sie es jetzt aufgeben, jetzt, wo sie ihr Ziel fast erreicht hatte? Würde sie es einsehen müssen, dass es keinen Sinn mehr hatte; oder war es gar nicht so? Wenn sie es versuchen würde, würde es schiefgehen oder hätte sie sich dann für das Falsche entschieden? Was würden die Konsequenzen sein, wenn Letzteres eintreffen würde? Würde es verheerende oder unwichtige, nebensächliche Folgen haben? Würde sie den Schritt bereuen oder sich darüber freuen, ihn gemacht zu haben? Könnte sie das denn überhaupt noch oder wäre sie Jumaana schon in den Tod gefolgt? Oder würde es für die beiden etwas anderes geben, eine überraschende Wendung ins Positive? Und was, wenn es ins Negative wäre? Warum stellte sie sich diese Fragen eigentlich, wenn es keine Antwort gab? Warum fragte sie sich das, wenn sie es ausprobieren müsste, um es herauszufinden? Warum wagte sie es einfach nicht, loszulaufen und ihrer größten Vertrauen hinterherzugehen, wie bisher; ohne zu zögern?
Vielleicht, weil die Feigheit sie übermannte. Diese quälende Angst, die sich in ihr festbiss und sie nicht mehr loslassen zu wollen. So scheinte es zumindest. Möglicherweise hätte sie auch schon bald genügend Kraft geschöpft, um es zu wagen. Doch sie wusste nicht, woher sie diese nehmen sollte. Nachdem sie jahrelang nach ihrer einzigen Hoffnung, ihrem einzigen Halt im Leben gesucht hatte, fand sie sie schließlich. Doch diese war in einer weitaus schlimmeren Lage als sie selbst. Brauchte ihre Hilfe, doch wünschte sie diese gleichzeitig nicht. Es schien zu spät zu sein. Fast, als wäre es schon geschehen. Fast, als könnte man es doch nicht hindern. Fast, als wäre die letzte Hoffnung nun doch erloschen. Doch die Fähe wusste, dass das nicht der Fall war. Und sie wusste auch, dass sie es nicht durchstehen konnte. Es war Sommer, und doch ergriff Kälte von einem Besitz, sobald die Nacht hereinbrach. Da stand sie nun und fror, als der Wind über ihr Fell peitschte wie ein verbitterter Mensch, welcher Rache ausüben wollte; wie der größte Feind eines Rudels. Schloss ihre Augen und versuchte, ihre Konzentration auf ihre momentane Situation zu lenken. Lange konnte sie nicht mehr warten, sonst würde Jumaana ohne eine Reaktion ihrerseits aufbrechen. Und das wünschte die Weiße nicht. Denn obwohl man all diese Geschehnisse niemals aufheben könnte, als wären sie nie passiert und sie nie in Vergessenheit geraten lassen würden, würden beide irgendwann damit leben können. Mit der Vergangenheit abschließen und von Neuem anfangen. Nur würde all dies nicht geschehen, wenn … wenn sie nicht den ersten Schritt machen würde. Den ersten Schritt in die Besserung, indem sie ihrer Schwester beweisen würde, dass es doch noch Zuversicht für sie gab. Für alle Zwei.
„Nein, Schwester, denn ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich dich bei diesem Schritt alleinelassen. Denn auch wenn du es gerade nicht glaubst, geht das Leben weiter. Immer. Und ich bin da, um dir beizustehen. Jetzt hast du etwas, in dem du Kraft finden kannst. Auch wenn ich für dich fast eine Unbekannte bin. Gib' doch nicht auf. Um meinetwillen. Um Takashis Willen. Um des Rudels Willen.“
Schon hatte sie gesprochen, fühlte sie sich gleich besser. Erleichterung durchströmte die Weiße, denn jetzt spürte auch sie, wie ihr Körper an neuer Kraft gewann. Jetzt fehlte nur noch ein kleiner Erfolg. Etwas, worauf sie ihre weiteren Schritte aufbauen könnte, ihren Plan, den Weg wiederzufinden, statt in der Dunkelheit umherzuirren und dabei zu verzweifeln. Würde sie doch nur etwas Zustimmung bekommen ...
Als ein Heulen an Miara's Ohren drang, schaute sie kurz mit zusammengekniffenen Augen um sich, es hatte sich angehört, als wäre es nicht weit entfernt gewesen, aber das konnte auch an dem lauten Echo liegen, das die Felsen wieder und wieder gaben. Misstrauisch dreht sie ein Ohr in die vermutliche Richtung des Wolfes, während sie noch immer hochkonzentriert und in vollem Rausch war. Nichts hätte sie mehr überraschen können, als die Worte Ayra's. Sie hatte eine Schwester und zu der wollte sie nun. Vermutlich war das ihre Schwester, sonst wäre sie nicht so aufgeregt. Typisch Geschwisterliebe, meine habe ich längst getötet.... dachte sie etwas mürrisch, war die "Jagd" nun unterbrochen und Miara dachte auf keinen Fall daran, ohne ihre neue Bekanntschaft Gani ermorden zu wollen, schließlich sollte auch Ayra ihren Spaß haben.
"Natürlich, aber kehre bald wieder zurück, ich werde nämlich nicht ohne dich anfangen."
Kurz dachte sie nach, für sie war es, als vergingen Stunden, aber schon noch ein paar Sekunden fügte sie noch einen Satz hinzu, auch wenn ihr dieser mehr als nur schwer fiel.
"Ich ... bin auch dir ncht abgeneigt."
Der Satz fiel eher kurz aus und die Worte waren auch nicht die gewesen, die eigentlich aus ihrer Schnauze kommen hätten sollen, aber es widersprach ihrem eigentlichen Charakter, allzu freundlich zu sein, selbst wenn es sich um eine Fähe wie Ayra handelte. Ihre Läufe stoppten wie von selbst und ihre scharfen Augen beobachteten, wie Ayrenia davonstob, auf schnellstem Wege zu ihrer Schwester. Miara fragte sich, wie Ayra's Verwandtschaft wohl wäre, aber sie beschloss, sich darum nicht weiter Gedanken zu machen, denn so gern sie Arya auch wirklich hatte, eine 'Freundin' oder Bekannte reichte ihr, sei ihre Schwester so böse wie sie beide oder nicht, hin und her, Ayra reichte ihrer schwarzen Seele vollkommen. Gelangweilt setzte sie sich auf ihre Hinterläufe, ihre Augen verfolgten jede Bewegung und ihre Ohren registrierten jedes Geräusch und insgeheim sehnte sich Miara nach der geheimnissvollen Stimme, die aber nicht erklang. Mürrisch funkelten ihre Augen erbost auf, da hörte sie auf einmal ein Rascheln neben ihr, eine unvorsichtige Maus, die nicht nur dumm war, sondern völlig verblödet, hätte die doch längst begreifen müssen, dass sie in größter Gefahr war. Doch das kleine Mäuschen irrte sich weiter durch das Laub und dachte nicht im Geringsten an Verstecken oder Weglaufen, sofern man das 'laufen' nennen konnte, war es doch eher ein trippeln. Miara's Lefzen zogen sich zu einem gehässigen Lächeln hoch, entblößten ihre scharfen Reißzähne und mit einem kurzen Schlag mit der großen Pfote war die Maus tot, so hatte Miara sie am liebsten, auch wenn sie nicht einmal ein richtiger Snack war, sondern nur eine Beute, die man nur aus Langeweile tötete. Ihre Rute schlug genervt auf den Boden, lange warten zu müssen war nicht gerade ihre Stärke.
Sie merkte wie sehr sich Ayra freute, sie liebte es wenn ihre Schwester mal wieder lächelte, und dies geschah nicht sehr oft. Meist war Ayra ja nicht gerade gut drauf deshalb versuchte Shila so oft wie möglich in ihrer Nähe zu sein, da sie wusste wie sehr ihre Anwesenheit ihre Schwester beeinflusste.
Shila blickte auf das zerzauste Fell von Ayrenia. Sie schüttelte sich vor ekel.
~ Naja, Körperpfelge war ja noch nie deine Stärke. ~
Shila musste kichern.
~ Und zu deiner Frage. Ja es hat weh getan, doch ich weiß du hast es schwer dich zu beherrschen, also nehm ich dir das nicht übel. Du brauchst auch nicht so zu schaun. So schwach bin ich nun auch wieder nicht! ~
Der Wind hörte für einen Moment auf zu wehen. Alles war still, Shila wusste nicht genau was sie sagen sollte. Sie blickte in Ayras Augen, es sah aus als ob sie glücklich wäre, doch irgendwas stimmte nicht.
~ Sag mal, ist irgendwas ? Ich sehe doch das dich was bedrückt. ~
Shila weiß das ihre Schwester sie nicht anlügen kann. Sie schaute verlegen auf den Boden.
Als sie hörte wie abfällig ihre Schwester mal wieder über ihr Fell sprach sank ihre Laune wieder ein Stück. Typisch. Durch die vielen Kämpfe hatte sie es sich abgewöhnt, jedesmal ihr Fell zu säubern und daher war es ihr egal ob es blutverschmiert oder zerzaust war. Shila, die Kleine, hatte natürlich nichts besseres zu tun als ständig an sich rumzulecken und sich ordentlich zu halten. Innerlich spürte Ayrenia Mia´s Ungeduld und wollte sich beeilen schnell wieder zu ihr zu kommen, doch ihre Schwester war ihr sehr wichtig.
(...Eitelkeit war eben nochnie eine meiner Stärken, Kleine Schwester. Ganz im Gegensatz zu einem Putzwahn wie deinem...)
Und es war für sie ebenso typisch, ihre Schwächen zu verbergen. Das war ja klar, sie wollte auch immer schon so rüberkommen wie Ayrenia, doch ihre Zartheit machte es ihr oft sehr schwer ernstgenommen zu werden. Der Wind rauschte durch den Wald, und sie meinte ein gelangweiltes Stöhnen aus Mia´s Richtung zu vernehmen. Belegt tapste sie von der einen Pfote auf die andere, trippelte ein wenig umher. Shila wusste dass sie etwas bedrückte, und sie hatte Angst mit der Sprache rauszurücken.
(...Hör zu, ich habe 2 andere kennengelernt. Zuerst Gani, eine arrogante, dumme Fähre, ebenfalls des Dunklen gläubig. Sie wollte kämpfen, doch dann vernahm ich die Gegenwart einer Anderen. Miara. Sie war so lieb und wollte mir helfen, und jetzt waren wir gerade dabei dieser Fremden den Tod zu bringen. Sie wollte keinen Frieden, sie ist selbst Schuld. Doch mit dieser Mia ist das anderst, sie ist wie ich, und das mag ich. Wir beide sind von schwarzem Herzen und ich glaube nicht dass sie Engayas Anhänger begrüßen würde, deswegen bitte ich dich um Vorsicht wenn du ihr begegnest. Und falls du bei dem Kampf dabei bist- Halt dich da raus. Ist das klar? Ich sehe das Gani nicht schwach ist, udn du sollst nicht verletzt werden...)
Sie unterstrich ihre Worte bedrohlich mit dem roten Flackern ihrer Augen. Sie würde auf sie aufpassen. Und niemand würde ihr etwas tun. Ihre Krallen bohrten sich krampfhaft in das feuchte Gras, bei dem Gedanken, sie könne einer so dunkeln Kämpferin wie Mia begegnen. Sie stellte ihre Rute auf und machte sich ein wenig größer, damit Shila klar war- Sie würde auf ihre Schwester hören. Kurz fegte ihr ein Gedanke durch den Kopf. Vielleicht könnte Shila den Streit schlichten? Doch so schnell wie er gekommen war verschwand er auchschon wieder. Die Gefahr für sie war viel zu groß. Sie konnte und wollte das Risiko, ihre Schwester an diese Fähe zu verlieren nicht eingehen. Sie würde sie beschützen. Der Drang zum Töten verwandelte sie erneut, und diesmal gab sie sich keine Mühe es zu verbergen. Denn eines stand fest. So lecht würde Gani nicht davonkommen.
Ein Lächeln- kurz und angebunden. Sein Kopf, der sich leicht reckte, sein Gefühl, seine einzige erfüllbare Nähe. Dann ein Nicken, auf ihre Worte hin. Versuchen... er wollte es versuchen. So schwer würde es sein, schwerer als das Wasser im Fell, schwerer als das Dunkel dieser Nacht. Versuchen.... Dinge zu tragen, die er niemals für ersichtlich gehalten hatte- Tanzen, fliegen, auferstehen... Das tote Land der eigenen Vergangenheit ausmerzen. Einfach eine Bleibe finden, einfach, für immer vielleicht.
Ihre Berührung in seinem Fell, ihre Worte in seinem Kopf- ein süßlich bitt'rer Schwur.
"Ich danke dir, für deinen wunderbaren Schutz, Shania..."
Er wollte sie nicht verletzen. Er wollte nicht sagen, dass er ihren Schutz nicht brauchte, wollte nicht sagen, dass es ihm davor gräulte in dieses Rudel zu gehen, sich umzusehen, und in einer Gemeinschaft zu sein- die Dinge von ihm erwartete. Nightmare hatte es doch niemals gelernt- solch ein Gemeinschaftsleben war selten angeboren.
"Ich verspreche- wenn auch ungern- dass ich es versuche."
Mal wieder, wie immer- für immer. Nightmare verstand sich selbst noch weniger als vorher-so fremde Worte drangen aus seiner Schnauze, so fremder Regen fiel in sein Fell- die fremde Wärme drang in die Gedanken- das fremde Wesen war nicht sie, sondern er. Mal wieder, wie immer- für immer.
"Ich weiß nicht, wo sie sind- ich glaube etwas furchtbares wird geschehen... Es liegt in der Luft, wie eine Fährte."
sagte er leise, und hob den Kopf, als wolle er ihr deutlich machen zu schnuppern, die bittersüße Nacht einzuatmen, alles mitzureißen- in sich.. Für diese Nacht.
"Greifbar ist das springende Beutetier jedoch nicht... Nicht für mich."
Dennoch stemmte er den großen Körper auf, schüttelte sich leicht, um die Schwere des Fells ein wenig zu lindern, stupste Shania auffordernd lächelnd an.
"Aber zum Rudelplatz kann ich dich geleiten- Komm nur, Komm..."
Wind umfing die rabenschwarze Fähe, ihre glühend grünen Augen stachen aus dem pechschwarzen Fell und ein lautes, drängendes Knurren entkam ihrer Kehle. Miara schluckte die Wut hinunter, konnte Ayrenia doch nichts dafür, dass ihre Schwester im ungünstigsten Moment auftauchen musste, zumindest wollte sich die Fähe das einreden, was ihr nicht wirklich gelang. Missmutig hatte sie es sich zum Ziel gemacht, den jungen Baum neben ihr zu malträtieren, bis die andere Fähe wiederkommen würde und so wie es aussah, würde die kleine Buche diese Zeit nicht überleben, lagen doch schon mehrere, gewaltsam abgebrochene Äste am Boden. Tiefe Krallenspuren bewiesen die Stärke und Kraft, die in Miara steckte, die jeden Moment ausbrechen konnte, wie ein Vulkan, dessen Öffnung verschlossen war. Langeweile war eins der Dinge, die sie hasste, wenn man von verweichlichten Engayaanhängern absah. In Gedanken verdammte die Rabenschwarze die Schwester Ayra's, würde sie ihr unter die Krallen kommen, wäre sie in sekundenschnelle tot. Ihre glühenden Augen spähten in die Richtung, in die Ayrenia verschwunden war, ihre Augen kniffen sich zusammen, aber so sehr sie sich anstrengte, die Wölfin konnte sie nicht entdecken. Abermals packte sie Wut, unendlich große Wut, die sie nur mit Mühe wieder hinunterschlucken konnte, denn normalerweise ließ sie genau derjenigen immer freien Lauf, aber sie musste Ayra nicht gleich verschrecken, geschweige denn deren Schwester, falls die fatalerweise vorhatte, mitzukommen. Diese, so war sie sich sicher, würde das Spiel mit Gani nicht überleben, in ihrem Rausch verletzte sie jeden, der nicht schnell und überaus geschickt war, aber sie hatte nicht vor, irgendjemanden zu warnen, es war eine Spiel mit dem Tod, auf eigene Gefahr. Wild knurrend glitten ihre scharfen Krallen durch das weiche Holz, als wäre es Butter und zerschnitten die Äste, was ihr zumindest für kurze Zeit die Langeweile vertrieb.
Sie fühlte Mia`s Wut, als wäre es ihre eigene. Sie konnte sie nciht länger warten lassen. Hin und her gerissen drehte sie sich abwechselnd in Shilas und Mias Richtung. Dann fasste sie einen Entschluss.
(...Warte hier. Ich muss los. Mia kann nichtmehr warten. Bleib hier. wenn ich wieder da bin gehen wir gemeinsam los. Und wenn ich sehe wie du versuchst mit zu kämpfen dann werde ich sehr sauer. Also, Kleine. Warte einfach. Ich hab dich lieb...)
Ohne auf eine Antwort zu warten wendete sie und rannte in Richtung ihrer Freundin. Die Vorfreude des Kampfes ließ ihre Augen erneut in einem dunklen rot erstrahlen, und ihre Kraft verwandelte sie in eine brutale Bestie. Sie genoss das Gefühl des Windes auf ihrem Fell, der Freiheit. Der Kampf würde spaßig werden. Dias Gewitter ließ Regen auf ihr weißes, verwuscheltes Fell tropfen. Ihre Pfoten waren braun, denn der Schlamm auf dem Boden hinterließ auch seine Spuren. Insgesamt sah sie aus wie eine wilde Kämpferin. Für einen Moment schloss sie die Augen und versuchte, durch ihre Gabe herauszufinden wie stark Gani sein könnte. Sie lächelte. Das wurde ein Kinderspiel. So arrogant wie sie tat, ihre Stärke war nicht annähernd mit der Ayrenias zu vergleichen. Dann war sie da. Mia zerfetzte gerade einen Baum. Sie spürte die Wut, die in ihr loderte. Es war unverkennbar, dass es eine gute Entscheidung war Shila nicht mitzunehmen. Sie konnte förmlich spüren, wie Elektrizität die in der Luft lag, das Mia jagen wollte. Ihre Augen flammten auf, als sie Ayrenia sah. Freundlich wedelte diese mit der Rute , und dann knurrte sie laut, um zu zeigen, dass auch sie jetzt endlich bereit war.
(...Es tut mir Leid dass du warten musstest. Vorfreude ist doch die schönste Freude, nicht wahr? Also. Wie kämpfen wir. Nähern wir uns ihr von 2 Seiten?...)
Sie freute sich. Endlich wieder Blut sehen. Das gewitter über ihr ließ Blitze hageln. Was für eine schöne Nacht.
Miara's Anspannung ließ sich kaum mehr aushalten, die ganze Luft war gefüllt von ihrer Kraft, ihres Adrenalins, die ihr schon die Vorfreue bereitete, man konnte sich kaum vorstellen, wie die Rabenschwarze wäre, wenn sie gegen einen riesigen Rüden kämpfen würde. Endlich tauchte das weiße Fell Ayrenia's zwischen den Bäumen auf, begrüßend knurrte Mia ihr zu und das antwortende Knurren war das Ok, dass es losgehen konnte, endlich. Kurz verdrehte sie die Augen, dann konzentrierte sie sich wieder voll auf die bevorstehende "Jagd".
"Ja, wenn wir gleichzeitig von zwei Seiten angreifen, kann sie sich überhaupt nicht wehren, sie wird uns vollkommen ausgeliefert sein. Komm, lass uns 'spielen'."
Gereizt legte sie all ihre Kraft in ihre Hinterläufe und sprang mit einem gewaltigen Satz über einen gefallenen Baum hinweg, hinter ihr spritzte die nasse Erde, die zum Teil nur mehr Schlamm war, weg. Mit lustvollem Knurren schaute sie zur Seite und blickte direkt in die rot leuchtenden Augen Ayrenia's und Freude machte sich in ihr breit, Freude, wie sie sie noch nie verspürt hatte. Die Geruchsspur Gani's lag nun so eindeutig in der Luft, dass man genauso gut mit Neonrichtungspfeilen den Weg zu der scheinbar arroganten Fähe beleuchten können. Mit gehässigem Lächeln entblößte sie ihre langen Fangzähne und fletschte sie gefährlich. Noch immer war die flüsternde Stimme nicht da, was die Fähe ein bisschen beunruhigte, ließ sie doch fast jeden Tag ein paarmal etwas hören. Wütend und genervt über sich selbt legte sie die Ohren verärgert nach hinten an und lief weiter in rasendem Tempo auf die Fähe zu, die nun ihre Leben als 'Spielzeug' beenden würde.
Der Moment war so kostbar, so unendlich und von gänzlicher Vollkommenheit. Jede Berührung ließ den alten Rüden erstrahlen, stärkte ihn für die nächste Reise an ihrer Seite. Ihr Fell schimmerte gleißend durch das trübe Licht hindurch, die Augen von einem satten Gold. Nein, das Alter hatte vor ihrem Antlitz Halt gemacht. Sie war immer noch die schönste Fähe auf dieser und jeder anderen Welt. Als Banshee das Wort erhob klang ihr Sopran so herrlich vertraut, dass der Hüne hätte lachen wollen. Ihre Lieblichkeit schwang in jeder Silbe, in jedem Satz. So lange hatte er sich nach ihrer Nähe gesehnt, nach ihrem Fell, ihrem Duft, ihrer Stimme – nach allem, was sie ihm schenken konnte. Acollon war heimgekehrt. Und es war diese Richtigkeit, die ihn noch einmal voller Stolz und Glück aufrichten ließ. Hier gehörte er her, an die Seite seiner Gefährtin. 'Du bist zurückgekehrt, Acollon, Geliebter', das war er – ihr Geliebter. Ihr Acollon. Gefährte und Vater ihrer Welpen. Sie waren die Wölfe, die das Schicksal gebrochen und einen fremden Weg voller Höhen und Tiefen gewählt hatten. Rücken an Rücken gegen das Gebot der Götter und Legenden. Es war ihre Liebe gewesen, die die Welt verändert und sie zum dem gemacht hatte, die so nun war. Eine wunderbare Welt. Eine voller Glück, voller Abenteuer und Freundschaft. Voller Abstürze und Sehnsucht. Mit Leidenschaft, Gefühl und Vertrauen. Ein Paradies der Wölfe. Eine Familie, die selbst in den dunkelsten Stunden Zusammenhalt fand. Dies war der Ort, den der Hüne so lange ersehnte, den er nicht mehr verlassen wollte. Hier hatte es begonnen, hier würde es enden. Aber ein ewig währendes Ende würde es nicht geben. Gemeinsam würden die Tochter des Lebens und der Sohn des Todes über dieses Tal wachen, über die Wölfe der Sternenwinde und über das Glück eines jeden Einzelnen. Ihr Dasein im Hier war vorüber, doch ihre Reise – die mit Glück und eben jener Liebe geführt sein würde – würde die Ewigkeit sein. 'Jede Sekunde meines Daseins, habe ich auf diesen Moment gewartet', so wie auch er. Mit letzter Hoffnung und dem unbesiegbaren Willen hatte er den Weg gefunden. Er hatte die Sekunden und Stunden überwunden, die ihn von ihr trennten. Selbst der unaufhaltsame Gevater Tod hatte ihn nicht stoppen können. Dank Averics Hilfe hatte er auch diesen besiegt und erhielt das schönste Geschenk, das man ihm hätte bereiten können. So fühlte sich also der wahre Tod an – nicht einmal so übel. 'Du schenkst mir meine Welt, jede Faser meines Glücks. Ich liebe dich, mehr als ein Wolf zu lieben fähig ist' und er liebte sie. Liebte ihre Seele, ihren Körper, ihr Sein, ihr Wesen. Er liebte schlichtweg Alles an ihr.
“Du bist meine Welt, Liebste“, ein schiefes Lächeln auf den Lefzen, “an Deiner Seite bin ich glücklich. An Deiner Seite wird mir niemand das nehmen können, was mich leben lässt: meine Liebe zu Dir. Meine Liebe, die auch die Zeit überdauern wird“, er hatte die Augen kurz geschlossen und lauschte dem Klang seiner eigenen Worte. Ihre Ehrlichkeit erfüllte den Hain.
Der Blick wanderte weiter und blieb an einem ergrauten und vertrauten Gesicht hängen. Ein schiefes Grinsen legte sich auf die Züge des Hünen. Der alte Höllenbraten. Ihr schelmisches Lächeln ließ die Vergangenheit zum Teil aufleben und er konnte sich an die leibhaftigen Auseinandersetzungen mit der schwarzen Fähe erinnern. Sie hatte keineswegs an der Feurigkeit verloren, die sie nach wie vor zu der Nyota auszeichnete, die Acollon so gerne geneckt hatte. Es war nie ein Krieg der völlig bösen Absichten gewesen und doch wusste er, dass die Schwester ihn für seine Abwesenheit eben so verurteilte wie er selbst tat. 'Da bist du ja endlich, alter Herr', tadelte sie ihn und sein Grinsen wurde ein Spur frecher, vielleicht sogar ein wenig zynischer.
“Wer mag wohl unter diesem ergrauten Pelz stecken?“, sinnierte der Hüne und bleckte kurz die Zähne. “Nyota – bist Du es?“, fragte er im gespieltem Entsetzen und starrte die Fähe unverhohlen schelmisch an. “Du bist alt geworden, Lieblingsschwägerin“, lachte er und schüttelte den Kopf.
Er hatte diese kleinen Spielchen wirklich vermisst und ersehnte für einen kurzen Moment die Zeit herbei, als die beiden Wölfe sich noch eines jungen Alters erfreuen durften. Wahrlich, er würde das Hölleninferno wirklich ein wenig missen. Mit dem Alter kam eben auch die Vernunft, und die verspätete Erkenntnis.
Als der Rüde das Wort wieder erhob, sprach er so leise, dass nur Banshee, Nyota und Averic, der zu ihnen gekommen war, hören konnten. “Wir sehen uns bald wieder, Nyota. Ich hoffe, Du wirst die Zeit ohne mich in vollen Zügen genießen, denn dort oben“, er nickte kurz in Richtig Himmel, “wirst Du mir nicht entkommen können.“ – was für einen normalen Abschied bedeute: 'Ich freue mich Dich wiederzusehen, Nyota.'
Ein leises Wispern ließ den ergrauten Leitwolf zur Seite blicken. Ein schwarzer Welpe hatte sich an das dichte Fell seiner Gefährtin gekuschelt, als suche er Schutz bei seiner Mutter. Für Fragen hatte der Schwarze keine Zeit mehr, aber für einen seiner Enkel – und das musste das kleine Fellknäuel sein – hatte er es schon. Ein kurzes Zwinkern für den Welpen. “Meine Verlegenheit ist unbeschreiblich... so kenne ich nicht einmal die Namen meiner Enkel“, seine Stimme war aber nicht betrübt. Die große Pranke hob sich vom Boden und er legte sie dem kleinen Geschöpf auf den Kopf, mit sachten Bewegungen hatte er ein wenig Unordnung ist das Schopfhaar des Kleinen gebracht. Viel besser. Ein wenig verwegen, so wie der Großvater selbst. Großvater, oh je, das war wirklich ein wenig zu altbacken. Opa klang doch noch weitaus jünger, so jung wie sich Acollon bei seiner Familie, seiner geliebten Banshee fühlte.
'Papa!', wisperte eine leise, zierliche Stimme. Der Schwarze brauchte seine Seelenspiegel nicht um zu erkennen wer dies geflüstert hatte. Seine Erinnerungen waren schwach, doch bei ihrem Klang schien die Vergangenheit wieder auf zu blühen. Ein kleiner, weißer Welpe. Voller Freude, Wissen und Neugier. Gleichend ihrer Mutter und mit einer ebenso großen Güte und Wärme. Tyraleen.
Zögerlich schritt sie auf ihn zu und er drehte sich um, öffnete die grauen Augen. Sie war erwachsen geworden, gleichermaßen schön. So wunderschön wie es Banshee war. Ihrer Mutter so vollkommen ähnelnd und doch – auch Acollons Züge waren in ihrem Gesicht zu erkennen. Stolz fesselte den Hünen. Der Kopf richtete sich auf und das schiefe Lächeln wurde breiter. 'Papa, Papa, du bist wieder da, ich habe dich so vermisst, Papa, ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen, Papa, Papa', und dennoch war sie immer noch sein Kind, seine Tochter. Wie erwachsen sie auch geworden sein mag, der Schwarze erkannte immer noch den kleinen, weißen Welpen von damals. Winselnd hatte sie ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, schluchzte und drückte sich in sein mattes, zerzaustes Fell. Ein leises, kehliges Lachen ertönte und auch der Schwarze vergrub seine Schnauze in ihrem Fell. Zog den vertraute, süßlichen und welpischen Geruch ein. Ja, sie war immer noch seine Tochter – vielleicht ein bisschen größer und nicht mehr ganz so kompakt.
“Ich habe Dich auch vermisst, meine kleine Tyraleen. Wie groß und schön Du geworden bist und Enkel hast Du mir auch geschenkt – wie wunderbar. Das ist das schönste Geschenk, was Du Deinem alten Herrn machen konntest. Bei der Rüdenwahl hast Du auch einen sehr schönen Fang gemacht“, scherzte der große Schwarze und lachte wieder auf. Seine Freude war unbändig. Und gerade in dieser Stunde wusste er, dass es wichtig war all das zu sagen, was immer gesagt werden musste. “Oh Tyraleen, ich hoffe Du kannst mir verzeihen. Ich habe mich verspätet und nun ist es zu spät. Aber eines will ich Dir noch auf Deinen so langen und glanzvollen Weg mitgeben: ich bin immer stolz auf Dich und glaube fest an Deine Fähigkeiten. Eine so wunderschöne, erwachsene Fähe mit viel Wärme und Güte kann nur gewinnen. Versprich mir eines“, er löste sich aus ihrem Fell und flüsterte ihr die nächsten Worte in das flauschige, weiße Ohr: “passe gut auf unseren grimmigen Averic auf. Er braucht Dich sehr“, es erinnerte stark an die frühe Welpenzeit der Weißen. Auch damals hatte der Vater seiner Tochter immer Geheimnisse in das viel zu große Ohr der Welpin geflüstert. Die Vergangenheit spiegelte sich mit der Gegenwart.
Ein Schatten hatte sich aus der Menge gelöst und trat an die Seite von Tyraleen und ihm. Gleichend einer stillen und ewig währenden Nacht. Eine seiner Töchter, ein Geheimnis, still und schweigend. Amáya. Der pechschwarze Welpe hatte sich verändert. Seine Tochter hatte sich verändert. Ihr Pelz noch schwarzer, die Augen so klar und blau. Ihre Präsenz hatte sich vollkommen gewandelt und Acollon roch den Duft des Todes. Es war Fenris, der sie in seinen Fängen hielt und zu einem ihm sehr gleichenden Geschöpf machte. Sorge um wog das schon schwache Vaterherz. Hatte er sich für seine Kinder immer gewünscht, dass sie nie seinen Weg gehen würden oder mussten. Doch genau das tat Amáya. Er konnte ihre Isolation förmlich spüren. Selbst der schwarze Hüne hatte mehr Zuflucht und Nähe gefunden – vielleicht auch nur, weil er unweigerlich eine bedeutende Rolle in dieser Familie geschenkt bekommen hatte. Einen kurzen Augenblick starrte sich die beiden Wölfe in die Augen. Ein kurzer Moment, der rechte um seinen Segen auszusprechen und sie vor dem ewiglichen Erbe zu wahren. Nein, sie würde nicht seinen Weg antreten. Dann verschwand der Todesengel wieder.
Ernst hatte er den Kopf geschüttelt, strich der Weißen noch sachte über die Schnauze und wandte sich an Kisha. Sein Lächeln wurde sanfter und er schritt langsam auf sie zu. Tränen perlten über ihren schmalen Fang hinab zu Boden. Ihr schwarzes Fell von gleicher Farbe wie seines, in ihren Seelenspiegeln lag etwas Unruhiges. War es die so verbitterte Trauer oder wie bei Averic die Vorwürfe seiner Rolle als Vater gegenüber? Der Hüne wusste es nicht einzuschätzen, würde aber die verbliebenen Sekunden nicht mit Ratespielchen verbringen. Ohne Zögern legte er seinen Kopf auf ihren Nacken und mit sanfter Gewalt – oder drängender Zärtlichkeit – übte er Druck auf ihren Körper aus. Das Blut tropfte ungehindert auf ihr junges Fell und er startete den kläglichen versuch es wieder zu säubern. “Du siehst so zerbrechlich aus, kleine Kisha. So unendlich traurig und das erschwert mir das Herz. Trage den Kopf aufrecht und versuche in dieser bitteren Stunde die Hoffnung zu finden“, ein kurzes Lachen, ein leises Husten, “natürlich sagt sich das als Sterbender leicht, aber als Vater – wie grausam ich in dieser Rolle auch immer gewesen bin – versuche ich Dir den Weg zu ebnen. Es gibt keine Weisheiten, die ich Dir mit auf den Weg geben kann“, er hob seinen Kopf an, verharrte aber in der Berührung, “aber ich schenke Dir meinen Segen für jeden Schritt, den Du tun wirst. Pfote um Pfote werde ich über Dich wachen.“
Den schwarzen Körper erfasste ein erneutes Husten und Acollon löste sich ruckartig von seiner Tochter, um den Schwall Blut nicht auf sie nieder regnen zu lassen. Mit einem Lächeln und einem Zwinkern für die schwarze Tochter sah er wieder in die Runde seiner Familie.
Der Blick blieb an den Kleinsten hängen und die Gesichtszüge wurden mild, fast sanft. Seine Kinder waren mindestens so produktiv gewesen wie er selbst. Die Gene des Todessohnes würden weiterleben und in tausend Jahren fand man in irgendeinem Tal einen kleinen schwarzen Welpen, der mit blauen Augen und einem schalkhaften Grinsen zum Himmel sah. Dieser Gedanke war doch erheiternd. Erstaunt war er aber über den Anblick einer kleinen schwarzen Welpin mit bernsteinfarbenen Augen. Sie sah einer gewissen Altwölfin sehr ähnlich. Die Brauen hochgezogen schielte er kurz zu Nyota. Hatte der alte Giftzahn auf ihre alten Tage tatsächlich noch einen Welpen in die Welt gesetzt? Das wäre ja nicht einmal der erstaunlichste Punkt gewesen – aber welch Rüde war so tapfer und setzte sich dieser Wölfin aus? Zu schade, dass man seine Gedanken nicht hatte lesen können, dafür wäre er glatt ausgezeichnet worden.
“Eine große Familie“, seufzte er, doch klang kein Missmut mit, sondern Erheiterung. “Alles meine Enkel, schätze ich mal“, wieder ein breites Grinsen und er machte einen Schritt auf die kleine Meute zu. “Zu schade, dass ich nur wenig Freude an euch haben kann, denn ich bin ein erstaunlich guter Opa“, das wäre er tatsächlich gewesen. Das wusste und fühlte der Schwarze in der Mitte seiner Familie.
Shania blickte in den regenverhangenen Himmel, während Nightmare ihr für den Schutz dankte, den sie ihm schenkte. Es war seltsam, dass sie ihn so beschützte, als wenn er immernoch ein Welpe war oder ein Jährling, der noch nicht den richtigen Weg gefunden hatte. Aber daran lag es nicht. Wäre Nightmare ihr Zähnefletschend begegnet, hätte sie sich zurückgezogen und es nicht gewagt, ihn anzusprechen, aber seine indirekte Offenheit, seine Art zu träumen und zu fliegen bewunderte sie einfach und es weckte eine Menge Sympathie. Seine Traurigkeit und Zweifel jedoch lösten in ihr ein seltsam kaltes Gefühl aus und sie liebte die Wärme so sehr, dass sie auch der schwarze Rüde wiederhaben sollte. Und er würde sie wiederbekommen, Shania ließ sich davon nicht mehr abbringen. Nightmare versprach ihr, dass er mitkam und es versuchte und sie war glücklich. Irgendwie. Es war ein Anfang und jeder Schritt würde schwer werden, Shania war sich dessen durchaus bewusst. Aber die weiße Fähe würde niemals den Weg abbrechen.
"Es ist ein Anfang, Nightmare. Fühl dich nicht gedrängt und nimm dir alle Zeit der Welt. Manchmal klappen die Dinge nicht beim ersten Mal und man fällt, aber ich bin mir sicher, dass du die Kraft hast, wieder aufzustehen."
Sie trabte langsam vorwärts, stupste ihn an damit er mit ihr ging.
"Spreize deine Flügel und flieg wieder aufwärts, irgendwann werden sie sehen, dass du dich nicht unterkriegen lässt. Du kannst das - auch ohne mich.."
Sie wollte nicht, dass der Rüde sich von ihr abhängig machte, aber die Weiße glaubte auch nicht, dass er es tat. Trotzdem war es ihr wichtig, dass Nightmare das wusste, er musste bald als Teil des Rudels akzeptiert werden und so leben können und das auch ohne sie. Sie würde bleiben, immer an seiner Seite sein, aber Konflikte konnte sie ihm nicht nehmen. Nur so wurde man erwachsen und lernte das Leben kennen.
Nightmare stupste sie an, forderte sie auf zu kommen und deutete das Grauen an, das in der Luft lag. Shania hatte es ebenso gespürt. Sie hatte gespürt, dass die Luft still stand, die Nacht keinen Ton von sich gab und es hatte ihr das Fell gesträubt. Eine seltsame Stimmung ging durch das Tal und all ihre Sinne kündigten an, dass eine große Veränderung bevorstand. Ob die Rudelleitung eine wichtige Nachricht zu verkünden hatte? War etwas geschehen? Alles war möglich. Sie schüttelte den Pelz, sie würde es gleich erfahren und so ging sie neben den nachtschwarzen Rüden her und lächelte in seine Richtung.
"Danke, das du mich begleitest..", sagte sie dann, wenn es auch eher beiläufig klang, es war immerhin keine Selbstverständlichkeit. "Ist das Rudel in diesem Revier groß? Sind es viele Wölfe? So viele verschiedene Gerüche krochen meine Nase hoch und kreuzten meine Gedanken.."
Erneut sog sie die Nachtluft ein, als wenn sie dadurch die Sterne küssen könnte.
"Ich fürchte mich davor, vor neue Wölfe zu treten - gleichzeitig freue ich mich auf eine Gemeinschaft. Aber dennoch fehlt immer irgendetwas, ein Teil von mir." Shania seufzte. "Nightmare...die Frage ist vielleicht zu durchdringend und zu viel verlangt, doch - was ist mit deiner Familie? Wohin ist sie gegangen? Du wirkst so traurig, dir scheint etwas zu fehlen - was haben sie dir genommen?"
Sie wollte den Weg nicht nur schweigen, sie hoffte, dass er redete, während er sie zum Rudelplatz führte und sie so vielleicht irgendetwas Kleines aus ihm herauskitzeln konnte.
"Wenn du nicht reden willst, ist es in Ordnung. Dann erzähle ich dir etwas.."
Es war seltsam klar, dass auch Acollon sein Ende erreicht hatte. Banshee spürte den Tod nicht mehr als sonst und auch sah ihr Gefährte zwar nicht gesund, aber auch nicht dem Tode nahe aus. Dennoch wusste sie, dass er sein Ende an ihrer Seite in diesem Hain finden würde und dass Fenris keine andere Absicht hegte, als sie gemeinsam diesen letzten Weg antreten zu lassen. Stumm fragte sie sich, ob das aus reiner Liebe zu seinem Sohn geschah, oder ob dem großen Todesgott gar keine andere Wahl blieb. Die Tochter des Lebens und der Sohn des Todes mussten gleichzeitig ihre Plätze räumen, sonst würde sich alles verwirren. Dunkel erinnerte sie sich an den Tag in den Bergen, an dem sie gestorben, ohne dass ihr der Tod nahegewesen war. Fast zufrieden ließ sie ihre Gedanken los und grübelte nicht mehr über den unbeantworteten Fragen. Vieles davon war nicht einmal ihr klar und es war auch nicht sicher, ob ihre kleine Tyraleen alles erfahren würde … es gab Geheimnisse der Götter, die Geheimnisse bleiben mussten, sonst könnte ein jeder die Ordnung dieser Welt verstehen. Das aber war den Göttern vorbehalten und Banshee war damit zufrieden. Sie war mehr als das; erfüllt mit Glück und Ruhe, alles bei sich habend, was sie brauchte, die größte Freude gefunden am Ende ihrer Existenz. Es reichte, mehr als das, es war alles.
Sie fing den Blick ihres Gefährten auf und ebenso wie sie wusste, dass auch er nun starb, spürte sie sein Wissen über alles, was sie getan hatte. Über Akru, der irgendwo in der Dunkelheit verborgen stand und sie beobachtete und über die toten Welpen, deren Seelen dort oben auf sie warteten. Nur ob er ihr vergab, konnte sie nicht wissen und nicht spüren und wollte doch die Gewissheit haben, dass er nicht in diesen verbitterten Gedanken verstrickt starb.
“Unsere Liebe, die alles überdauern wird.“ Ihre Stimme wurde leiser, verschloss sich vor den Ohren der Welpen und der anderen Zuhörer. “Verzeihst du mir, Acollon? Verzeihst du mir jeden unbedachten Schritt, jeden Weg, den ich aus Schmerz nahm und jeden schlimmen Fehler, den ich nicht mehr ungeschehen machen kann?“ Fröhlichkeit war Hoffnung und Schuld gewichen. “Ich verzeihe dir alles, jede Stunde, die du nicht bei mir warst, ist vergessen, jetzt, da du nie mehr von meiner Seite weichen wirst.“
Auch das hatte sie ihm noch sagen müssen. Dass ihn keine Schuld mehr belasten musste, dass sie ihm verzieh und dass sie keine Sekunde daran dachte, warum sie nun eigentlich hier lagen und starben. Weil sie beide Fehler begangen hatten, die ihre gemeinsame Welt ins Verderben stürzten. Nur Fenris vermochte Schuld verblassen zu lassen - der Tod ließ vergessen, warum er kam. Nicht einmal Nyota schien alte Streitigkeiten und Vorwürfe neu erheben zu wollen. Die ewige Hassliebe zwischen ihrem Gefährten und ihrer Schwester war früher eher Hass, heute eher Liebe und gipfelte nun in einer Begrüßung, die für Banshee der Inbegriff von Nostalgie und Friedfertigkeit – auf Nyotas und Acollons Art und Weise interpretiert – war. Sie waren sich doch in vielen Punkten ähnlich, nicht zuletzt genossen sie uneingeschränkt Banshees Liebe und Vertrauen und hatten das beide mehr als verdient. Wie sie jetzt hier vereint waren, meine die Sterbende wieder den Anfang zu sehen, als Nyota und sie unwissend durch das Tal der Sternenwinde gestreift waren und Acollon zähneknirschend in ihr gerade erst entstandenes Rudel aufgenommen hatten. Mit einem höchst zufriedenen Lächeln kuschelte sie sich auf der einen Seite an Nyota und auf der anderen an ihren Gefährten. Nun war alles gut und Nyotas Gedanken tanzten auch in dem Kopf der Weißen, unbändig lächelnd.
Nur langsam nahm sie auch all die Reaktionen der anderen auf Acollon war. Tyraleen, wie sie strahlte und wie sie sich an dem Wort „Papa“ nicht sattreden konnte. Kishas Blick, Rakshees verwirrte Frage, Ahkunas Worte, die nicht von Herzlichkeit sprachen. Doch woher hätte diese auch kommen können? Und dann schob sich endlich das erhoffte Gesicht an den vielen anderen vorbei und hielt vor ihrem inne. Averic war als Letzter zu ihr gekommen und doch wusste sie, dass das keine Widerspiegelung seiner Gedanken war. Nur zu gut erinnerte sie sich noch an die Situation an der Schlucht in den Bergen, als sie Merawin und Cylin verabschiedet hatten. Auch Worte fand er keine, aber das brauchte er auch nicht. Nur sie musste ihm etwas mit auf den Weg geben, dass er nie vergessen durfte … eine Bitte. Sie lächelte sanft in seine dunklen Augen, berührte ihn an der Stirn und schob dann ihre Schnauze zu seinem Ohr, sodass nur er die Worte hören konnte.
“Averic, mein großer Sohn. Du weißt, dass du jemand besonderes bist, dass auch in deinen Pfoten das Schicksal dieses Rudel liegt. Dein Leben fängt jetzt erst an, dir wurde große Macht mitgegeben. Doch ich habe eine Bitte an dich, von der ich nur hoffen kann, dass du sie nie vergisst. Es ist nicht deine Bestimmung, dieses Rudel zu führen – es gibt andere Wölfe, die diesen Posten einmal einnehmen werden. Du dagegen sollst wachen über sie alle. Du sollst unterstützen, wer uns Glück bringt und vertreiben, wer nur Böses will. Du sollst Tyraleen helfen und über sie wachen, jedes Unheil, dem sie noch nicht gewachsen ist, von ihr fernhalten. Du bist kein Leitwolf, Averic, du bist mehr. Du bist der Wächter dieses Rudels und ich wünsche mir nichts mehr, als dass du diese Aufgabe annehmen wirst. Du bist der einzige, dem ich diese Verantwortung übertragen kann. Beschütze sie, Averic, ich werde es nicht mehr können.“
Langsam zog sie ihre Schnauze zurück, unwissend, was sie mit diesen Worten in ihrem Sohn ausgelöst hatte. Immerhin war er einer der stärksten Rüden in diesem Rudel und zudem Tyraleens Gefährte – die Wölfin, die unaufhaltsam eines Tages Leitwölfin werden würde. Und nun bat ihn seine eigene Mutter, diesen Posten niemals anzunehmen. Natürlich hatte sie einen Grund dafür, doch hatte sie diesen erklären können? Auch so, dass die Ohren eines jungen, aufstrebenden Wolfes sie verstanden? Ihre größte Angst war wohl, dass Averic sie nicht verstehen und sie nun voller Unverständnis und möglicherweise Wut hier sterben lassen würde. Doch ihr großer schwarzer Sohn war kein Führer, er war ein Wolf, der sah und verstand, keiner der sprach und lenkte. Doch wusste das ein junger Rüde, der gerade erst begann, die Welt ganz zu verstehen? Ganz besonders ihr junger Rüde, der so anders war, als all ihre anderen Kinder? Es blieb Banshee nichts anderes übrig als stumm zu hoffen und nebenbei wie in einer anderen Welt ihre Familie wahrzunehmen wie sie zu Acollon strebten. Amáya, die keine Worte fand und die ihr jetzt einen Blick zuwarf, den die Weiße nicht interpretieren konnte. Sie erwiderte ihn stumm, lächelte wieder und schickte Amáya aus weiterer Ferne als den anderen ihren Segen. Egal wie weit Amáya im Geiste von ihr entfernt war. Auch Acollons Worte hörte sie, doch vorerst antwortete sie auf seine Erkenntnis nichts. Noch war zu wichtig, was Averic nun sagen würde.
Gani knurrte leise, als die Fremde sich umwandte und davon ging. Unbeweglich stand sie da, während ihr tausend Gedanken durch den Kopf schossen. Zwei Namen - tausend Gedanken. Aryan. Akru. Aryan. Akru. Das Wichtigste in ihrem Leben. Ihr Leben. Einfach alles. Akru brauchte sie jetzt. Aryan brauchte sie jetzt. Und wo war sie? Nicht da. Ein Träne kullerte in den weißen Sand und einen Moment sah sie aus wie Blut. Gani hatte schon einmal blutige Tränen geweint, als ihre Mutter und Akru auf dem Felsvorsprung lagen. Regungslos. Und nur Akru war wieder auferstanden. Weil Engaya ihm eine zweite Chance gegeben hatte. Warum war nicht sie gestorben? Schließlich war sie diejenige, die die Schuld trug. Doch Engaya schien ihr zu verzeihen. Fenris war zu stark.
Doch dieses Mal war es kein echtes Blut. Gani sah rot. Vor Wut. Auf sich selbst. Einen Moment lang schwelgte sie in Erinnerungen, dann dachte sie einen Augenblick daran, ihr Leben zu beenden. Hier und Jetzt. Der Tod war sicher etwas Schönes. Unbeschwertes. Gani kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an, während sie weiterhin an den Tod dachte. Aryan hatte sie nie im Stich gelassen, Akru ebenso nicht. SIE war es gewesen, die gegangen war. Weg von Aryan, der nach ihrem Blut dürstete. Weg von Akru, der sie damals gebraucht hatte - der sie jetzt brauchte. Die tote Prinzessin schwieg und schluckte. Jetzt. Aryan. Sofort. Alles war egal. Aryan war derjenige, den sie liebte.
» Liebe ist nichts im Gegensatz zu Vertrauen. Und doch ist Liebe nicht gleich Liebe. Ich liebe Aryan - und ich liebe Akru. Beide auf verschiedene Weise. Ich liebe das Rudel - und hasse es. Noch eine andere Weise. Aber Vertrauen ... nein, da ist nichts. Ich vertraue niemandem, liebe und lebe leichtsinnig. DOCH!
Hin und hergerissen stand Gani da und zitterte am ganzen Leib. Ihre Glieder waren steif und unbeweglich, hin und wieder kullerte eine Träne über Ganis Schnauze. Wem vertraute sie? Fenris? Engaya? Akru? Aryan? Niemandem? Nein, so war es nicht. Misstrauen hieß nicht, dass man nicht Vetrauen konnte. Aryan war alles, doch Akru war mehr als Alles. Mit Aryan verband sie nichts als ihre Seele, mit Akru ihr Blut. Sie war seine Tochter, seine liebende Tochter. Und Aryan war ihr Seelengefährte - ihre Liebe. Er hatte Daylight und es störte Gani nicht. Sie wusste, was sie dem schwarzen Hünen bedeutete. Aber Akru hatte Isis und Gani hasste sie. Die Graue lebte ein seichtes, einsames Leben, während Isis' voll von Freude und Verspieltheit war.
Das Zittern hörte auf und Gani warf einen Blick nach hinten. Sie sah eine schwarze Fähe, die auf sie zustürmte, ein Knurren in der Kehle und ein Funkeln in den Augen. Töte mich, sagte Ganis Körperhaltung und Verschwinde ihr Herz. Wieder einmal siegte die Seele, das Gefühl. Sie konnte nicht sterben - nicht hier und jetzt. Aryan und Akru brauchten sie - liebten sie. Ein schwaches Seufzen entfuhr der Prinzessin und mit gebleckten Zähnen stellte sie sich in Kampfhaltung. Doch dann wisperte eine Stimme in ihrem Kopf - mit einer sanften Melodie, die Gani sich immer von Engaya vorgestellt hatte - dass sie nichts falsches tun sollte. Nein, das Morden war beendet. Aryans Blut war das letzte, was die Prinzessin gekostet hatte.
Ganis Wille machte sich selbstständig. Sie stand auf, seelenruhig, und legte den Kopf in den Nacken. Sie stieß ein langgezogenes, warnendes Heulen aus. In ihrem Heulen lag noch etwas anderes, Qual. Gani wusste nicht, wo die Rudelfamilie sich befand, dennoch wusste sie, dass man dort ihr Heulen nicht vernehmen konnte. Wer auch immer es hören würde, er würde wissen, dass es hier nicht sicher war. Zudem lag in ihrem Heulen die Ankündigung zweier Fremder, jedoch bat Gani Amíra nicht um Einlass für sie. Sie war nicht gerecht - niemand war gerecht. Nicht einmal das Leben.
Mit einem leichtfertigen Satz sprang die Prinzessin der Schwarzen aus der Bahn, sie würde nicht kämpfen. Hier war Rudelgebiet, niemand durfte hier morden. Der Geist der Sternenwinde hatte sich in ihrer Seele festgesetzt und sie belehrt. Sie war jetzt eine von ihnen. Gehörte für immer dazu. Gani Amíra, die blutrote Prinzessin der Sternenwinde.
Tyraleens verschwommener Blick war vor Glück taumelnd von Gesicht zu Gesicht gewandert, hatte die verwirrten Augen der Welpen gesehen und das Wiedererkennen ihrer Geschwister genossen. Sie alle würden sich kaum so sehr freuen wie sie, schließlich kannte niemand von ihnen Acollon … selbst Tyraleen nicht. Aber ihre Liebe war so stark, so unzerstörbar, dass nicht einmal die ewige Abwesenheit ihres Vaters dieses Band hätte zerschneiden können. Sie wusste, dass Averic sie nicht verstand – schmerzlich, schließlich genoss sie es doch, in ihm jemanden gefunden zu haben, der sie kannte und ihre Gedankengänge nachvollziehen konnte. Nicht aber diesen. Sie verstand ihn ja nicht einmal selbst … sie spürte nur die unbändige Liebe zu ihrem Vater, die taumelnde Freude über seine Rückkehr und die Wärme, die sein Körper ihr schenkte. Und das reichte ihr, sie brauchte keine Erklärungen. Auch ihr Vater schien keine Sekunde zu zögern, schien ihre Liebe aufzunehmen, als wäre sie das selbstverständlichste dieser Welt und dafür war sie ihm dankbar. Er fragte nicht, er akzeptierte und gab ihr zurück, was sie ihm schenkte. Sein Lachen klang so vertraut, auch wenn sie es noch so selten gehört hatte und als er schließlich zu ihr sprach, war seine Stimme wie der Gesang der Sterne, die sie so oft in den Schlaf getragen hatten. Oder war es doch er gewesen? Ihr Vater war stolz auf sie, freute sich über ihre Welpen und schien auch nicht verwundert über die Tatsache, dass zwei seiner Kinder Gefährten waren. Aber er war ja auch Acollon, der Sohn Fenris’, er verstand so viel mehr als normale Wölfe.
“Oh Papa, ich bin so glücklich. Egal wie lange du fort warst, jetzt bist du hier und alles andere ist nicht mehr wichtig. Wie könnte ich dir auch nur eine Sekunde lang böse sein? Dann würde ich Zeit verschwenden, in der ich dir meine Welpen zeigen könnte! Schau nur, du sollst sie alle kennen. Der schwarze mit den weißen Abzeichen ist Chardím, ist er nicht eindeutig von den Göttern gezeichnet? Und Caylee, die weiße mit den grauen Abzeichen, siehst du die Sterne in ihren Augen? Atalya ist ganz grau, dort neben Turién, mit seinem Silberpelz. Und Chanuka, ganz nahe bei Banshee, ist so gut wie schwarz. Amúr ist die gräuliche mit den eisblauen Augen. Avendal ist ebenfalls weiß-grau, dort neben Daylight – erkennst du sie? Und nicht zuletzt Tascurio, ein wenig abseits, beinahe schwarz. Es sind acht und alle sind einzigartig und wunderbar … wie du, sie haben viel von ihrem Großvater.“
Fast ein wenig atemlos hielt sie inne und ließ ihren Blick über die großen Augen ihrer Welpen schweifen, die diesen großartigen Wolf namens Acollon niemals wirklich kennenlernen durften. Aber wenigstens diese wenigen Momente mit ihm sollten ihnen im Gedächtnis bleiben … so wie ihre Oma auch. Sie senkte die Schnauze zu ihren Kindern, stupste einen nach dem anderen an und lächelte.
“Das ist euer Opa, meine Kleinen, Acollon. Er ist noch einmal gekommen, damit Oma nicht alleine gehen muss.“
Sie sah wieder zu ihrem Vater, strahlend, und schob ihre schnauze dann ebenso wie er ganz nahe an sein Ohr und pustete sachte hinein.
“Ich verspreche es dir. Auch wenn er noch immer ein wenig brummig wirkt, Averic wird ein großer Wolf, da bin ich mir ganz sicher. Du wirst auf uns beide stolz sein können.“
Wie ein kleiner Welpe zog sie lächelnd ihre Schnauze zurück und spürt just in diesem Moment Averic an ihrer Seite. Er berührte sie leicht, als sie im Vorbeigehen seinen Blick auffing, konnte sie wenig darin lesen, dann stand er bei ihrer Mutter. Was sie sprachen, verstand Tyraleen nicht, aber sie spürte, dass Banshee ihm noch etwas Wichtiges zu sagen hatte. Sie vergaß keinen von ihnen, am wenigsten ihren Sohn, den in manchen Zeiten alleine sie geliebt hatte. Was für einen wichtigen Teil seines Lebens verlor ihr Gefährte nun. Das Jahr, als sie noch ein kleiner Welpe und Cylin schon tot gewesen war, musste für Averic schrecklich einsam gewesen sein. Es hatte niemanden gegeben, der sich um ihn kümmerte oder der den Anschein erweckt hatte, ihn zu mögen. Nur Banshee hatte an ihm festgehalten, hatte ihn gegen jeden Vorwurf verteidigt. Und nun starb sie. Er musste einen noch viel schlimmeren Verlust verkraften als Tyraleen selbst. Die Traurigkeit war wieder zurückgekehrt, hatte sich aus der Freude über das Wiedersehen hervorgegraben und erinnerte sie nun daran, dass auch ihr Vater sterben würde. Erneut drückte sie ihren Kopf an die Schulter Acollons.
“Du wärest ein wundervoller Opa, ich bin mir sicher. Aber … natürlich kannst du Mama nicht alleine lassen. So müssen auch wir schon wieder auf Wiedersehen sagen.“
Niedergeschlagen blinzelte die Weiße in die dunkler gewordenen Augen ihres Vaters.
Er versuchte gedanklich aufzuzählen, wie viele Wölfe aus dem Rudel er kannte. Sieben... Vielleicht Acht? Er wusste es nicht. Er wusste es wirklich nicht. Er strich nur durch diese Gegend und suchte sich seine Beute, er versuchte dm Rudel aus dem Weg zu gehen, und war froh, dass ihn jeder in Ruhe ließ. Als Fremder galt er nur halb. Und Als Feind gar nicht. Manchmal beobachtete er die Welpen, und dann musste er sich eingestehen, dass er auch zu gerne Welpen haben würde. Ein Kind, ein Träger der neuen Unschuld, ein Neuanfang für ihn. Und andererseits, hatte er doch Angst in die Gemeinschaft zu gehen, vielleicht eine Fähe kennenzulernen, zu lieben, zu finden, was er wollte, zu binden und sich Wünsche zu erfüllen. Komplette Erfüllung hieß Gefahr- man vergaß den Sinn des Lebens.
"Ich weiß es nicht so genau- es scheint ein recht großes Rudel zu sein, ich war ganz froh, dass ich in Ruhe hier leben konnte.. Ich war ganz froh über meine Einsamkeit."
Weil er unverletzt gebleiben war. Unverletzt und unberührt vor einer Welt, die Narben schlagen konnte mit all ihrer Schönheit. Narben die aufrissen, durch einfache Worte. Er spürte es, als sie ihre nächsten Worte sprach. Eine Sekunde der Realisierung, dann ein seltsam fremder Zusammenbruch.
Er spürte wie sich alles in ihm verkrampfte, erstarrt in einer Welt aus Schnee, der stetig vor ihm hertrieb. Mit jedem Schritt, mit jeder Berührung des dünnen Bodens, der ihn trug. Das schwarze Fell sträubte sich, ihre Worte hallten in seinem Kopf nach, alles zog sich aus dieser einen Welt- Der Regen war fort, der Schnee fiel. Er fiel.. und fiel... und fiel... Dort waren Spuren im Sand- Spuren seiner selbst. Er wollte ihnen nicht folgen, und doch tat er es- er konnte sich selber nicht mehr so genau daran erinnern, was mit seiner Familie geschehen war- es war verwischt, ein Schleier aus Schnee- Ein dunkler, düsterer Schleier ohne Grund- nichts war so dunkel.. Nichts- nicht einmal die tiefste Nacht-
Nichts ist so dunkel wie der Schnee. Nichts ist so dunkel wie Weiß.
Alles war fremd, alles- Die Luft die plötzlich kalt war, die Lungen, die Platzen wollten. Totgeglaubte, fremde Erinnerungen stürmten Nightmare, der auf seinen Lefzen ein seltsames Lächeln spürte- EIn Lächeln, dass so blutig schmeckte, wie es einst gewesen war. Er wusste es wieder, er wusste genau, wo seine Familie war, er wusste genau, wen er umgebracht hatte, wen er verschont hatte, wen er aus Hass, getötet hätte, und wer dafür gebüßt hatte. Er hatte damals die Schuld nur von sich weg geschoben, hatte sich davon distanziert, weit, weit fern gebracht, alles was damit zu tun hatte. Er war ein Mörder, und doch nicht. Er war ein Feigling gewesen, als er davonlief und den Anderen die Schuld gab. Und ein Held, als er sie geschultert hatte- Das Bewusstsein, Schuld zu tragen machte ihn zu einem seltsamen Philosophen, einen schwarzen Täufer, einem verstummten Racheengel- Im Hinterkopf, das stille Bewusstsein, dass Unschuld erfahrungslos bedeutete- Schuld einen somit weise und alt werden ließ.
Was fließt durch meine Venen?`
Tausend Tränen klebten in seinem Fell, gefroren von der Kälte, erfroren in seinem Sein. Wie viel er schon zerstört hatte, darunter seine Familie. Wie viel er nicht geschafft hatte, von dem was er hatte schaffen wollen.
Nur die Einsamkeit hatte ihn erfüllt. Die Einsamkeit, hatte ihn genährt. Sie hatte eine gewisse Ruhe in das tobende Flammenmeer der Wut gebracht, hatte es eingefroren, zu schillernder Schwärze gemacht, die nur blendete. Blendete vor dem Ich, was Macht hatte, unendliche Macht. Schleier von Schnee durchzuckte ihn. gefunden, das Monster aus den Winternächten- Nicht viel mehr als der Vater, der sein Kind zerfetzte.
Kaltes Feuer, Heißes Eis...
"Meine Familie.... hm."
In ihm schrie es, es schrie alles vor Schmerz, vor Freude- irrsinniger masochistischer Stolz, vermischt mit einer einengenden Gestalt, die wohl er selbst war. Das Spiegelbild, welches niemals zeigte wer man war. Der Schatten zwischen Bäumen- mit dem Wind Gestalten ändernd.
Helles Schwarz, und dunkles Weiß.
"Mein Vater ist der Wind."
Er blickte sie von der Seite an, in den sturmgrauen Augen schwamm der Wahn, fortgerissen mit sich selbst, in eine andere Welt, fort- Schön war es dort nicht, aber auch nicht unangenehm. Die Kälte die in den Gliedern war, die Hitze in seinem Kopf, das Fieber in den Augen. Alles war perfekt. Schwarzer Schnee.
Meine Liebe, tut dir weh.
"Meine Mutter ist die Kälte."
Ihre Umrisse waren so wunderschön. Der Regen umspielte ihre schlanken Glieder, die Pfoten, die Gleichmäßigkeit ihres weißen Felles. Ihre Augen, blau wie der Sommerhimmel, warm wie der Frühlingsregen. in ihrem Fell klebte das Wasser- sie schimmerte wie eine Traumgestalt- träumte er? Was war gescheh'n? Er hatte doch nicht den Himmel gesehen. Konnte er fliegen? Durfte er sein? Durfte sie sein, neben ihm- oder sollte er sie fortjagen, bevor er sich holte, was er wollte- Wärme... Für einen kurzen Moment.
Was ist so dunkel, wie der Schnee?
"Mein Bruder, ist der Schnee."
Sein Lächeln, ihre Augen, die Dunkelheit um ihn,. Der Regen war zurück, das Blut fort, die Spuren verwischten, weil der Wind wehte. Alles war gut, alles war perfekt.Schwarzer Schnee der sich um sie legte.
"Und wo ich wirklich herkomme, will ich nie mehr wissen."
Er senkte den Blick wieder nach vorn, senkte den Kopf leicht, starrte auf den gleitenden Boden, die regelmäßig aufschlagenden Pfoten.
"Und deine Familie? Was ist mit der?"
Er hörte seien Worte in sich, er lauschte dem eigenem Puls, dem eigenem herzen, wie es ihm sagte, dass er lebte. Er lauschte dem Regen, und der Erde unter den Pfoten. Er lauschte in die Nacht, udnw artete, dass die ungewohnte Stille vertrieben würde. Vertrieben von ihrer Stimme.
Ja... Was fließt durch meine Venen?
Alles wurde ausgeblendet. Nur noch seine Mutter war wichtig. Im Hinterkopf war Averic bewusst, dass Tyraleen hinter ihm war, dort auch Acollon, mehr musste er nicht wissen, mehr interessierte ihn in diesem Moment nicht.
Als sich Banshees Schnauze zu seinem Kopf hob, senkte der Pechschwarze sein Haupt noch ein wenig tiefer, schloss die dunklen Augen, als sich ihr Fang zu seinem Ohr schob und klammerte sich an diesen Moment mit seiner Mutter, als könne er ihn so für ewig festhalten. Denn er wusste, es würde der Allerletzte sein. Er speicherte den Geruch ihres Felles, den Klang ihrer warmen Stimme, wie sie seinen Namen aussprach. Nie wollte er das alles vergessen. So blieb sie für immer bei ihm. In seinem Kopf, in seinem Herzen.
Stumm lauschte Averic den Worten Banshees, Jedes sickerte langsam und doch klar zu ihm durch. Sie sprach etwas an, worüber er noch gar nicht gewagt hatte nach zu denken. Sie redete weiter und in ihm sträubte sich alles gegen den Gedanken, bald einen neuen, ganz anderen Leitwolf akzeptieren zu müssen. Trotz seiner Abwesenheit, trotz seines Hasses war für Averic immer Acollon der einzige Leitwolf des Rudels gewesen. Manchmal hatte er daneben sogar Nyota vergessen. Doch sie würden sterben. Ja und auch seine Tante würde nicht mehr zu lange unter ihnen weilen, dessen war er sich bewusst. Tyraleen würde Banshees Platz einnehmen, ohne je einen Gedanken daran verschwendet zu haben wusste er auch das. Doch er selbst ... er würde Acollons Erbe antreten, niemals jedoch seinen Platz neu besetzen. Jetzt, wo ihn seine Mutter darauf ansprach, sogar genau darum bat, wurde es auch dem Pechschwarzen klar. Vielleicht war er der Stärkste, er, der schon im Jungwolf alter stark genug gewesen war seinen Vater und auch sich selbst zu Fall zu bringen. Und doch, er würde immer nur Averic bleiben. Es war sicher richtig so, er konnte sich auch nicht vorstellen, dass ihm irgend einer dieses Packs freiwillig folgen würde. Er war dazu nicht geeignet.
Averic hatte die dunkelblauen Augen wieder geöffnet, als Banshee ihren Kopf zurück zog und ihn wieder ansah. Ein Wächter des Rudels sollte er sein. Mehr. Als Einziger, der wohl doch, trotzdem dazu fähig war diese Verantwortung zu tragen. Ein Lächeln legte sich auf die Lefzen des Schwarzen, trotzdem irgendwie freudlos und kurz fragte er sich, ob sie ihm diese Worte nur zum Trost sagte.
„Ich weiß.“
Wissen. Es war von Anfang an klar gewesen. Er schluckte, vernahm hinter sich stumpf, wie Tyraleen ihrem Vater all die Namen ihrer Welpen erzählte und wie sie aussahen. Einen kurzen Blick warf Averic hinter sich, doch auch die Freude seiner Schwester wurde langsam wieder von Traurigkeit überdeckt.
„Ich werde gut auf sie aufpassen. Ich verspreche es.“
Und das würde er. Seine kleine Tyraleen war doch noch viel zu jung, um all das, was demnächst auf sie zukommen würde, alleine zu tragen. Wenn nötig würde er sie mit Klauen und Zähnen verteidigen, egal, wie die anderen über ihn denken mochten. Sie konnten es sich vielleicht nicht vorstellen, doch auch ihm ging es nur um eines. Um das Wohl seiner Familie. Darum, dass die Ehre Banshees Rudels niemals beschmutzt werden würde.
Averic wandte sich wieder seiner Mutter zu, sah noch einen Moment in die für ihn farblosen Augen und drückte dann sachte seine Stirn gegen ihre.
„Du wirst mir fehlen, Mama.“,
flüsterte er noch einmal, mit einem leichten Zittern in der Stimme. Doch nur so leise, dass es außer ihr niemand hören würde.
Cassio wusste längst nicht mehr, wo genau er eigentlich gelandet war. Das heißt, eigentlich hatte er es noch nie gewusst, aber er hatte inzwischen vergessen, daran zu denken, dass es sinnvoller war, sich bald danach zu erkundigen und nach wie vor vorsichtig zu sein, um nicht womöglich auf einige feindlich gesinnte Wölfe zu treffen. So etwas gab es immer mal wieder.
Rudel, die keine Eindringlinge wollten, Einsiedler, die scharf ihre Reviergrenzen bewachten und manch Anderes. Cassio nahm es ihnen nicht übel. Jeder hatte seinen Grund, wenn er etwas tat. Obgleich der Rüde sich selten damit beschäftigte, andere zu entschuldigen, wusste er doch recht gut, dass es immer mindestens zwei Möglichkeiten gab, eine Sache zu sehen und es war meistens sehr schwer, die andere Möglichkeit auf Anhieb zu erkennen.
Aber das war auch gar nicht von Belang. Wenn er unerwünscht war, dann ging er. Allerdings war er im Moment eigentlich auch gar nicht darauf aus, sich einem Rudel anzuschließen. Er wollte nur vorwärts kommen. Wohin, das wusste er nicht recht. Aber es brachte ihm keine schlaflosen Nächte, kein Ziel zu haben. Es würde sich dann schon ergeben, wenn eines da war und wenn nicht, dann wanderte er eben weiter.
Der braune Rüde hielt nicht viel davon, auf Teufel komm Raus nach etwas zu suchen. Und je größer und wichtiger es war, für desto sinnlos hielt er es, danach zu hechten. Besonders dann nicht, wenn man gar nicht wusste, wonach man hechten sollte.
Der Rüde war ein sehr überlegter Wolf. Zwar nicht unbedingt berechnend, aber er mochte es nicht, Dinge zu überstürzen. Besonders dann nicht, wenn er keinen Grund dazu sah. Und er sah keinen Grund dazu, kopflos durch die Welt zu irren, weil er keinen Sinn im Großen und Ganzen seines Lebens entdeckt hatte. Wenn es einen Sinn gab, war es nur sinnvoll, diesen erst zu erkennen, wenn man am Ende stand. Denn was sollte er mit seinem Leben anfangen, wenn er dessen Sinn bereits verstanden und erfüllt hatte? Dann musste er entweder zwangsläufig sterben, oder sich einen neuen Sinn suchen.
So drehte er mehr oder weniger die Gedanken in seinem Kopf und hatte doch meistens das Problem, sie gar nicht zu hören bei diesem Lärm. Es war eines jener typischen heftigen Regengüsse, die von allerlei Brimborium begleitet waren und die man nur genießen konnte, wenn man in einer schönen, warmen Höhle lag und das weit oben, wo weder Wasser noch Wind einen erreichen konnten.
Aber dieses Glück besaß er ganz offensichtlich nicht. Er war völlig durchnässt. Sein dichtes Fell war eingesunken und obwohl er sich ab und an schüttelte, brachte es nichts. Er war nass, das konnte er nicht leugnen. Natürlich wollte Cassio das auch gar nicht. Es machte auch keinen Sinn, dass er sich immer wieder schüttelte, aber es war ein Reflex und wenn sein Körper fand, es wäre Zeit, sich zu schütteln, wollte er ihn nicht davon abhalten.
Genau genommen war auch das etwas, das derzeit voll automatisch ablief und ihn eigentlich kaum wirklich tangierte. Die Umgebung wirkte nicht trist, aber stellenweiße konnte er kaum etwas sehen wegen dem Regen und dem Matsch. Sein sonst recht helles Bauchfell war inzwischen ebenso braun wie der Rest des Wolfes und zu allem Überfluss bekam er nun auch noch Durst. Welche Ironie!
Es schüttete junge Wölfe und er hatte Durst. Aber dagegen ließ sich kaum etwas machen. Der Versuch einer Witterung scheiterte daran, dass es physikalisch nicht möglich war, die Schnauze in die Luft zu heben und zu erwarten, dass nur Luft in seine Lungen gelangte, als er kräftig einatmete. Unwillkürlich musste Cassio herzhaft niesen und beschloss, diesen Versuch zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. So folgte er einfach einem Bach, der sein Pensum an Wasser bereits weit überschritt und gelangte schließlich zu einem sehr unruhigen Fluss. Die Tropfen tanzten auf der Wasseroberfläche und rissen behäbige Muster hinein. Es wirkte, als hätte die Zeit endlich eine Oberfläche gefunden, um sichtbar zu werden.
Aber lange haftete Cassios Blick nicht auf dieser unruhigen, schwarzen Spiegelsohle. Er wandte sich um und beschloss, dem Fluss zu folgen. Sein Durst war nach wie vor nicht gestillt, aber das lag schlicht daran, dass er es nicht wagen konnte, sich dem Ufer zu nähern, denn es gab kein Ufer mehr. Alles war Matsch.
Und ihm kam dummerweise erst viel zu spät in den Sinn, dass er eben einem Bach gefolgt war, der ebenso gut seinen Durst hätte stillen können, ehe er ihm als Wegweiser gedient hatte.
Aber das war nun nicht mehr zu ändern, er hatte keine Lust, umzukehren und hoffte stattdessen, bald noch ein Rinnsal zu finden, das denselben Zweck erfüllte. Und tatsächlich, es dauerte nicht lange, da gelangte er an den nächsten, kleinen Kanal, der dem ersten bis auf den Tropfen glich.
Nachdem Cassio seinen Durst nun gestillt hatte, sah er sich wieder um. Nun lag deutlich die Witterung von Wölfen in der Luft. Allerdings musste das nicht heißen, dass da auch zwangsläufig Wölfe waren. Es waren keine idealen Bedingungen, um sich auf seine Schnauze zu verlassen, die immer noch ein wenig zu viel Wasser abbekommen hatte, zumal der Geruch an sich auch blass war, vielleicht schon mehrere Tage alt.
Dennoch bestand freilich die Möglichkeit, dass hier Wölfe waren und in der Tat vernahm Cassio durch den prasselnden Regen hindurch Stimmen. Dieses Wetter war wirklich lästig, wenn man nicht davon ausgehen konnte, alleine zu sein. Es war laut, es war feucht, es war überall.
Nach kurzem Überlegen beschloss der Rüde, sich den anderen zu nähern. Er wusste nicht genau, was ihn dazu getrieben hatte, denn wie bereits erwähnt, er hatte nicht vor, sich schon wieder einem Rudel anzuschließen. Vielleicht war es Neugierde, oder einfach nur der Trotz, nicht wieder umkehren zu wollen, nachdem er auch nicht umgekehrt war, um seinen Durst zu stillen.
Dennoch platzte er nicht gleich in die Unterhaltung, sondern blieb höflich in einem Abstand stehen, der ihn gut sichtbar machte, wenn man ihn sehen wollte, und schwieg, um niemanden zu unterbrechen. Er wusste, es war nicht gerade intelligent, sich einer kleinen Gruppe von Wölfen so zu nähern, wenn sie ihm Böses wollten oder einfach nur schlecht drauf waren, hatte er schlechte Karten. Aber ab und an ließ Cassio es darauf ankommen.
Allerdings wurde sein Plan des höflichen, schweigenden Wartens jäh unterbrochen, als sich ein Reflex meldete, sich den Weg über das Gehirn sparte, sofort in die ausführenden Synapsen glitt und ihn dazu veranlasste, sich herzhaft zu schütteln und damit nicht nur auszusehen wie ein aufgeblasenes Rebhuhn, sondern auch sogleich kräftig ums ich zu spritzen. So war das nun wirklich nicht gedacht gewesen.
16.01.2010, 13:49
Shákru spitzte die Ohren und lauschte gespannt den Worten seines Bruders. Dieser berichtete recht unblumig Krolock von seinem herben Verlust. Ob die Worte so richtig gewählt wurden, wusste der Schwarzfang nicht genau. Er konnte nicht mal behaupten, dass er das besser gemacht hätte.
Wie sollte man auch einem kleinen Welpen beibringen, der erst seine Mutter verlor, dass sein Vater von einem Pumaweibchen zerfleischt wurde. Shákru ließ die Ohren herumschnippen, aber es war unmöglich Geräusche in dem Rausche auszumachen. Selbst die Sicht war eingeschränkt, von der Witterung ganz zu schweigen. Die kleine Sternenleier ließ seine Blicke umherschweifen, als er besorgt bemerkte, dass der Fluss begann über die Ufer zu treten. Wie konnten sie nur diese Gefahr unterschätzen? Etwas nervös stupste Shákru Ayv ein Stück vom Fluss weg, bedeutete auch Krolock mit dem Kopf, dass er weiter mitkommen sollte, als sich plötzlich Umrisse in seine Seelenspiegel hefteten. Minor kniff die Augen zusammen, witterte angestrengt bis ein leichter Duft des Fremden seine Schnauze erreichte. Es war nur eine Ahnung.
"Ich bin gleich wieder da, Bruder."
Shákru zog Ayv noch mal sanft am dessen weißen Ohr, dann lief er erst zögerlich auf dem Fremden zu. Dieser hatte ebenso stechend grüne Augen wie die kleine Sternenleier. Der Schwarzfang wurde mit jedem Schritt selbstbewusste, denn immerhin war der Rüde in einem fremden Revier bei einem Rudel, dass Führungslos war. Konnte sein, dass der die Chance witterte. Shákru spitzte seine Ohren, das Nackenfell stellte sich leicht auf, die Rute kerzengrade. Als der Fremde sich plötzlich schüttelte, entwich Shákru vor Schreck ein drohendes Grollen, was er aber sofort wieder unterbrach, dennoch ging die Warnung von ihm deutlich aus, dass der Andere jetzt nichts falsches machen sollte. Mit etwas Abstand blieb Minor schließlich stehen, senkte wieder leicht die Rute.
"WIllkommen im Tal der Sternenwinde. Ich hoffe du weißt, dass du ein fremdes Revier betreten hast."
Das die Alphas im Sterben langen musste er ja nicht gleich hinausposaunen.Shákru entspannte sich wieder etwas. Was sollte der Fremde schon böses wollen.
"Mein Name ist Shákru Minor. Mit wem habe ich die Ehre?"
Ayv ließ sich von Shákru ein Stück vom Fluss wegschupsen, während er weiterhin Krolock aufmerksam beobachtete. Shákru ließ auch Krolock nicht an Ort und Stelle stehen, sondern schob ihn sanft ebenfalls ein Stück vom Ufer fort. Der Nebelgeist vernahm seines Bruders Stimme und nickte langsam. Mit seinen Augen folgte er ihm und sah dann auch die Umrisse eines anderen Wolfes. Das Leuchten, dass die Bäume zeigte, war immer etwas abgestumpft aber doch freundlich und hell. Shákrus Lichtumriss war hell und dunkel zu gleich. Sein innerstes war dunkel und außenherum war es eher hell weiß. So konnte er ihn von der Umgebung gut unterscheiden. Der Neue jedoch war komplett hell. So, als hätte er ein helles Fell, eigentlich weiß, aber das passte nicht. Er vermutete, dass es ein etwas bräunliches Fell hatte.
Ohne weiter darüber nachzudenken, wandte er sich Krolock wieder zu.
"Krolock? Magst du mich zu Shani begleiten?"
, fragte Ayv freundlich und senkte seine Nase auf die Höhe des kleinen Welpen.
Tascurio saß völlig ruhig und ungerührt am Rand der Familie und beobachtete mit versteinerter Miene, was sich zutrug. Seine Augen glitten wach und klar über jeden Wolf, der sich hier zum Abschied eingefunden hatte. Nicht selten beobachtete er Amáya, mit dem neugierigen Blick, wie ihn Welpen haben sollten, allerdings nicht in einer solchen Situation. Und er war froh, dass ihm niemand größere Beachtung schenkte. Er spürte den nahenden Tod. Er wusste um den Wolf, der nun bald zu ihnen stoßen würde. Nicht einmal der Name des Schwarzen war ihm unvertraut. Anders als seine Geschwister, wusste er, wer dieser Rüde war, der zu Banshee trat und zu ihr gehörte, wie nichts sonst. Nichts in seinen Augen änderte sich, doch er sah seinen Opa an, wusste, wer er war und war sicher, dass auch dieser wusste, welche Art von Enkel da am Rande Platz genommen hatte. Sein Pelz war weiß, fast so weiß wie der von Banshee, Tyraleen und Caylee. Die Augen dunkel, fast schwarz. Nicht viel erinnerte an seinen Großvater, nichts, was die Augen sehen konnten. Aber er war ein Geschöpf Fenris’. Tascurio hatte nicht vor, sich der Familie zu nähern, die dort zusammen saß. Er interessierte sich nicht für die Verabschiedung von Banshee und Acollon. Beide waren ihm gleich fremd und nah. Leben und Tod. Und die Natur tobte um sie herum. Regen, Wind, Sonne. Die Dinge die viel wichtiger für ihn waren, als all die Wölfe, die hier zusammen gekommen waren. Seine Ohren klappten zurück, als Tyraleen seinen Namen sagte. ‚etwas abseits’, da hatte sie recht und er war überrascht, dass sie ihn wahrgenommen hatte. Es war ihm sogar unangenehm. Er wusste nicht, ob ihnen je klar geworden war, um wen es sich bei ihm handelte. Er stand nicht auf der Seite des Lebens. Acollon musste es wissen, da war sich der kleine, weiße Rüde sicher. Aber es sollte ein Geheimnis bleiben. Nicht hier, nicht jetzt sollten sie es erfahren. Seine Oma sollte es nicht mehr erkennen. Sein Blick richtete sich in den Himmel, während die Regentropfen ungeachtet in seine Augen stachen und ihn hin und wieder zwinkern ließen. Es wäre im lieb gewesen, wenn das Sterben endlich seinen Lauf nahm, damit er gehen konnte. Stattdessen erhob er sich und stapfte auf seine Patentante zu, die sich gerade wieder von der Familie zurückzog. Randfiguren, dazu hatten sie sich gemacht. Vielleicht hätte er ihr zugelächelt, wenn diese Geste nicht allzu grotesk gewirkt hätte. Er blieb neben ihr stehen und sah zu ihr auf, ohne anzunehmen, dass sie ihm Beachtung schenkte. Er seinerseits schenkte der restlichen Familie kein bisschen seiner Aufmerksamkeit mehr.
Cassio war von Natur aus ein eher ruhiger Wolf, den man nicht so leicht aus der Fassung bringen konnte. Soweit er das wusste und beurteilen konnte, war er das immer gewesen. Immerhin hatte ihn Hincha dafür gehasst. Er wusste bis heute nicht, ob sie ihre Intrigen einzig und allein seinetwegen gesponnen hatte und er damit ja im Grunde für alles verantwortlich war, was geschehen war. Aber er weigerte sich, diesen Gedanken zu akzeptieren. Er war nicht der Wolf, der sich Vorwürfe für etwas machte, das es nicht zu ändern galt. Im Gegenteil. Cassio wirkte viel mehr wie jemand, der beständig in die Zukunft sah. Nicht unbedingt ein Optimist, obgleich er durchaus optimistische Züge besaß, aber wie jemand, der gelernt hatte, dass es in der Vergangenheit nichts mehr zu holen gab.
Er hatte schon so viele Dinge erlebt, die er gerne geändert hätte. Aber er wusste, dass das nicht möglich war und deswegen hielt er sich nicht mit solchen Dingen auf. Für den Braunen war die Vergangenheit eine Quelle, aus der man Kraft für die Zukunft schöpfen, aber in der man ebenso gut ertrinken konnte. Und das wollte er nach Möglichkeit vermeiden.
Als nun doch einer der Wölfe auf ihn zukam, was ja an sich nicht weiter verwunderlich war, nachdem er sich so charmant bemerkbar gemacht hatte, blickte Cassio diesen ruhig an. Es war schließlich abzusehen gewesen, was geschehen würde und auch wenn der andere ihm feindselig gegenüber stand, behielt der Rüde seine Miene bei. Der Grund dafür war simpel. Einerseits glaubte er nicht, dass der schwarze Rüde ihm Böses wollte. Viel mehr nahm er an, dass es sich um eine Reaktion handelte, ebenso wie sein Schütteln bei diesem Regen. Andererseits hatte er kaum eine Wahl. Er konnte die Drohungen nicht erwidern, auch wenn er größer war als sein Gegenüber. Er befand sich in der Unterzahl, davon einmal ganz abgesehen, dass es nicht gerade sinnvoll war, die Zähne zu fletschen, wenn man sich unterhalten wollte.
Stattdessen lauschte er recht aufmerksam und mit einem höflich neutralen Gesichtsausdruck den Worten des Anderen. Dieser war freundlich genug, um ihm zu erzählen, wo genau er sich befand, auch wenn das dem Rüden nicht unbedingt weiterhalf. Was den Rest anging, so war das eher eine Floskel, nahm er an.
Denn natürlich wusste er, dass er sich in einem fremden Revier befand. Er wusste es seit ungefähr hundert Herzschlägen. Immerhin standen sich keine vier Wölfe einfach so gegenüber und redeten gemütlich. Auch hatte er stark angenommen, dass das bei Weitem nicht alle Rudelmitglieder sein konnten. Ein Rudel, das aus vier Rüden bestand, war recht unpraktisch, wenn es um den Erhalt der Art bestellt war. Aber Cassio hatte keine Ambitionen, den anderen darauf hinzuweisen. Immerhin hatte er lediglich Dinge gesagt, die von seinem Standpunkt aus für den Fremden interessant sein mussten und außerdem war es meistens schwer genug, ein Gespräch neutral zu beginnen.
Dass er ihm immerhin seinen Namen sagte, ohne viel Aufhebens darum zu machen, darüber war Cassio nun doch froh. Viele machten einen riesen Aufstand wegen ihrem Namen oder forderten auf eine sinnlos stolze Art zuerst seinen zu erfahren, dann den seines Geburtsrudels, seiner Herkunft und seines Glaubens, ehe sie eine halbwegs sinnvolle Frage stellten wie: ‚Was willst du hier?‘ Vorausgesetzt, sie dachte daran, diese Frage überhaupt zu stellen.
Cassio mochte solche Gespräche nicht unbedingt. Sie erschienen ihm unsinnig und sinnlos und davon einmal abgesehen empfand er sie als ausgesprochen unhöflich, denn damit wurde nichts weiter gesagt, als: ‚Das ist mein Revier und ich kann dich her solange ausfragen, wie es mir gefällt.‘
“Nenne mich Cassio“, erwiderte der Braune höflich.
Wie bereits erwähnt, er war kein Freund von großen Namen. Aber er war auch kein Freund von Lügen. Das heißt, er war kein Freund von Lügen, aus denen man sich nicht herauswinden konnte. Denn sein Name war nicht Cassio, aber er hatte nicht vor, sich von irgendjemandem O’Caso rufen zu lassen. Nur sein Vater und seine Schwester hatten diesen Namen benutzt und das gefiel ihm noch viel weniger. Deswegen sagte er nicht: ‚Mein Name ist Cassio.‘ Denn das wäre eine Lüge gewesen.
Der Rüde war niemand, der es mit der Wahrheit so genau nahm, dass er nicht auch behaupten hätte können, Cassio sei sein Name. Aber er war jemand, der gerne ein wenig mit der Wahrheit spielte. Und er nahm nicht an, dass sein Gegenüber, Shákru, diesen Worten irgendwelche Bedeutung zuteilen würde.
Allerdings war er bislang auch noch nicht sicher, ob er sich mit dem anderen unterhalten wollte und er wusste auch nicht unbedingt, worüber. Cassio war ein Wolf, der in einem Gespräch ausgesprochen mächtig werden konnte. Und das, ohne dass sein Gegenüber etwas davon bemerkte. Was ihn zusätzlich also auch noch gefährlich werden ließ. Für gewöhnlich nutzte der Rüde das nicht aus. Er hatte kein Interesse daran, andere zu manipulieren, einzig aus dem Grund heraus, dass es ihm Spaß machte oder weil er ihnen schaden wollte. Viel mehr überlegte er derzeit, ob er das Gespräch darauf hinauslaufen lassen wollte, dass man ihn zum Alpha führte oder ob er viel lieber erfahren wollte, wer das da war, der vor ihm stand.
Eigentlich riss ihn beides nicht sonderlich. Aber die Alternative war, ein Weiterziehen zu erwirken. Ebenfalls nicht unbedingt problematisch, aber aus irgendeinem Grund gefiel ihm das nicht. Deswegen beschloss er, vorerst eine neutrale Situation zu beschwören.
“Seid ihr die Einzigen oder gibt es noch mehr Wölfe … in diesem Revier?“, fragte er mit neugierigem Interesse.
Natürlich hatte er sich selbst die Frage längst beantwortet. Aber es war der beste und logischste Ansatzpunkt. Wölfe mochten es nicht, wenn sie bemerkten, dass sie sehr leicht zu durchschauen waren oder dass ihr Gegenüber mehr wusste, als sie ihm gesagt hatten. Und Cassio störte es nicht, sich dümmer zu geben, als er war. Es war manchmal von Vorteil, aber vor allem war es ungleich seltener von Nachteil.
Die Ruhe war unerträglich, denn das Chaos um die Wölfe herum entsprach weitaus mehr dem, wie sich der schwarze Nachtwandler fühlen sollte, fühlen wollte. Etwas wühlte die Seele des Rüden auf, stimmte ihn unruhig und ein Wunsch, ein Drang, die Pfoten gegen die Erde zu stemmen und fort zu laufen, immer weiter und weiter, wohin ihn seine Pfoten nur tragen konnte, keimte in seiner Brust auf. Wem oder was er es verdanken konnte das er blieb – vielleicht wussten es die Götter. Ironie des Schicksals. Nach außen hin zeigte der Nachtschwarze nichts weiter als die übliche Ruhe, die in ihm herrschte. Es gab keinen Unterschied, kein Anzeichen davon, dass die Wolkendecke des Rüden aufreißen konnte. Leicht zuckten die schwarzen Ohren, schnippten das Regenwasser aus den empfindlichen Ohrmuscheln, als Polar erneut ansetzte. Aufmerksam richteten sich die mitternachtsblauen Augen auf den jüngeren Rüden, blickten ihn voller Ruhe und abwartend an. Midnight schwieg, während Polar nach den richten Worten zu suchen schien, um ihm seine Gedanken richtig zu erklären. Diese klangen genau wie der Regen ein paar Augenblicke in ihm nach, suchten nach einem Echo, einer Antwort und dennoch wurde der Totenwandler nicht recht schlau aus seinen Worten.
„In wie fern.“, gab die leise Stimme des Nachtwandlers unbestimmt zurück und hielt seine Tonlage wieder so, dass es mehr eine Aussage als eine Frage war.
Wobei, wenn er es sich recht überlegte, war es vollkommen unerheblich und seine Nachfrage überflüssig. Es war immerhin nicht so, dass er gefragt worden wäre, was er verheimliche, sondern es wurde nur das Gefühl oder die Vermutung geäußert, dass er etwas verheimlichen könnte. Bewusst war er sich dessen nicht genau, allerdings konnte der Anschein immer ein anderer sein. Warum er daher das genauere Spektrum erfahren wollte, wusste Midnight selber nicht genau, waren die Worte über seine Lefzen geperlt, noch ehe er sich weitere Gedanken drüber gemacht hatte. Von der Unruhe ließ er sich jedenfalls weder beeindrucken noch vereinnahmen, sondern harrte schlicht der Dinge. Es gab wohl nichts mehr, was ihn noch schocken konnte.
Sanft atmete sie den Duft der Weißen Wölfin ein. Sanft kuschelte sie sich in das samtweiche Fell. Es war das letzte mal das sie sich so sehr an ihrer Großmutter lehnen konnte und sie spüren konnte. Der Tot, war etwas schreckliches. Nun musste Amúr schon so früh kennenlernen was es heißt abschied zu nehmen. Abschied zu nehmen von dem Familienmitglied, den sie Liebte. Die Stimmen die auch an diesem Tag nicht schwiegen, redeten ihr ein nicht Traurig zu sein. Sagten ihr ,sie solle los lassen. Aber wussten diese Stimmen wie schwer so etwas sein kann? Nein ! Für Amúr wussten sie es nicht.Es viel ihr schwer los zu lassen, nur das sanfte anstupsten ihrer Mutter konnte sie dazu bringen los zu lassen. Sie drückte sich von dem Weißen und noch warmen Körper weg und tapste mit gesenktem Kopf und bedrückter mimik zu ihrer Mutter. Lehnte sich leicht an dessen Pfoten und blickt zu ihr hinauf.
,, Ich brauch Großmutter doch noch”
, winselte sie und legte die Ohren an. Sie war sichtlich traurig darüber was hier gerade alles geschah. Es war zu früh für sie den Tod kennenzulernen. Sie fühlte sich nicht reif genug dafür. Nun tauchte auch noch ihr Großvater auf. Jemanden den sie noch nie kennengelernt hatte. Jemanden der einfach in ihr Leben auftauchte und wieder gehen musste. Alles das führte nur dazu , das sie sich enger an ihrer Mutter lehnte. Es war schon fast so als wollte sie in sie hineinkriechen.
Sie empfand alles als Unfair. Alles war so Unfair. Sie konnte ihren Großvater nicht richtig kennenlernen, nun wusste sie nur, das er schwarz war. Schwarz wie so einige im Rudel. Schwarz wie ihr Vater. Und genau zu ihm glitt nun ihr Blick. Averic. Er sprach noch zuvor mit ihrer Großmutter, sie konnte nicht hören was, und sie wollte es auch nicht. Es dauerte einen Augenblick bis sie ihren Blick auf ihre Geschwister legen konnte. Doch sie mit einem uninterssiertem Blick begutachtet. Sie war nun mal lieber alleine und wollte nicht viel mit ihren Geschwistern zu tun haben. Außer in diesem Moment. Sie Trauerten ebenfalls wie alle anderen in der Familie.
,, Nun seit ihr still…?”
, flüsterte sie an die Stimmen gerichtet, die tatsächlich verstummt waren. Freudig entfuhr ihr ein seufzen, und doch war es in voller Trauer getunkt.
Sie war weg. Ayrenia zitterte vor Wut. Es war ihr klar gewesen dass Gani flüchten würde, doch angesichts ihres hochnäsigen Geredes ein paar Minuten zuvor kroch das Verlangen sie zu töten langsam in ihr hoch. Ganz ruhig. Sie sah sie noch weg rennen als beide da waren, doch ihr hinterher zu rennen, das passte ihr nicht. So wichtig war die Wölfin ihr nun auch wieder nicht. Das Heulen der Fremden ließ verlauten, dass 2 Fremde im Anmarsch waren, doch um Einlass für sie bat sie nicht. Das war ja auch klar. Ayrenia stöhnte genervt auf. Die Jagd war somit beendet, und da eine sehr komplizierte Situation gerade herrschte musste sie sich überlegen wie sie sich dem Rudel wohl vorstellen würde. Mia und Shila mussten auf jeden Fall mit, doch dann musste sie höchst vorsichtig sein. Mia war zwar nett zu ihr, doch sie würde nicht zögern ihre Schwester umzubringen. Wieder einmal trippelte sie herum, in Richtung Rudelgebiet und in Richtung ihrer Schwester. Letztendlich beschloss sie dass ohne ihre Schwester die Chance für sie und Mia bestand, vertrieben zu werden. Und sie wusste dass Shila nie ohne ihre Schwester reingehen würde. Riskant, ja das war es, doch sie scheute das Risiko eh nie. Das Gewitter verweilte immer noch über dem Himmelszelt, und in Gedanken versunken fragte sie sich, wann es wieder morgen sein würde. Dies war ohnehin die längste Nacht ihres Lebens gewesen. Und selbst wenn sie für den Einlass in dass Rudel ihr Leben lassen müsste, alles was zählte war dass es ihrer Schwester gut ging. Dann fiel ihr auf, dass es ja niemanden mehr gab den sie töten konnte, somit beschloss sie wieder normal zu werden. Ihre Augen wurden von dem flüssigen Gold überschwemmt und eingenommen, ihre Zähne ragten nicht mehr bedrohlich aus ihrem Maul heraus und ihr ganzer Körper wurde ein wenig zarter. Dann blickte sie zu Mia. Sie ahnte dass sich in ihren grünen Augen Enttäuschung widerspiegeln würde.
(...Es wird Zeit, uns diesem Rudel vorzustellen...)
Miara sprang mit einem gewaltigen Satz auf die Fremde zu und verfehlte sie doch knapp. Feige war sie ihr ausgewichen, anstatt sich dem Tod wiedergespiegelt in ihr angemessen zu stellen, wütend knurrte sie und Geifer tropfte zu Boden, ehe sie ihr mit einem grausamen Blick nachsetzte. Sie ignorierte das laute Heulen, das das Rudel warnen sollte, sie ignorierte die Tatsache, dass das Rudel stärker war und Eindringlinge wie sie töten könnte, alle ihre Sinne waren nur auf eins gerichtet: die Jagd und darauf folgenden Tod der Fähe. Miara's Augen leuchteten in klarem Grün, aber als sie gerade Gani angreifen wollte, heulte Ayrenia ihr zu, sie solle sich auf das Treffen mit dem Rudel vorbereiten. Nicht viel fehlte und sie wäre ihrer "Freundin" an die Kehle gesprungen, aber ihr Instinkt wusste, dass es besser war, Gani laufen zu lassen, anstatt unnötigen Ärger mit dem Rudel zu provozieren. Laut knurrend und äußerst widerwillig trottete sie an Ayra's Seite und knurrte aufgebracht und enttäuscht.
"Willst du nun ihren Tod oder nicht? Entscheide dich!"
Miara funkelte die Fenrisanhängerin mörderisch an. Vielleicht bist ja du dran, irgendwer muss heute sterben, durch meinen Krallen und den Willen Fenris'! Sie entblößte ihre scharfen Zähne und gab Ayrenia damit zu verstehen, dass sie sich hüten sollte, auch wenn sie sich gut miteinander verstanden, denn Tod und Kampf standen über Familie und Freunden, das war schon immer so und würde auch immer so bleiben. Ihre Augen nagelten die Fähe vor ihre auf den Boden, so stechend hatte sich ihr Blick auf Ayrenia gerichtet.
"Spielverderberin."
Knurrte sie warnend und wandte ihren Blick ab, durchsuchte die Ferne, aber noch war niemand zu sehen. Ihr Herz pochte rasend schnell und genau in diesen Momenten war sie am gefährlichsten, man brauchte sie nur ein wenig zu reizen und sie würde einem an die Kehle gehen, das stand so gut wie fest. Hüte dich bloß, ein falscher Schritt und du bist dran, anstatt Gani. mahnte sie Ayrenia in Gedanken und ihr Knurren bestätigte diesen Gedanken.
Jumaana neigte leicht den Kopf. Liebe durchströmte sie, ein untrügliches Gefühl. Liebe zu Majibáh, ihrer Schwester und zu Takashi, ihrem Gefährten. Liebe zu Cirádan, ihrem Kleinen und Liebe zu Banshee, die nun gehen musste. Doch noch immer spürte die Weiße das Band, welches sie mit dem Rudel verband. Sie gehörte noch dazu. Engaya und Banshee würden ihr verzeihen, dass sie das Tal verlassen hatte. Ein zuversichtliches Lächeln breitete sich auf den Zügen der Wölfin aus. Sie vernahm ein Heulen in der Ferne, konnte dies jedoch nicht recht zuordnen. Eine Fähe. Vielleicht Sheena?! Nein, sie würde gewiss nicht an der Rudelgrenze sein. Shanis Ruf würde Jumaana sicher erkennen und auch Nyota war jetzt sicherlich bei ihrer Schwester. Gani Amíra, die Tochter Akrus? Jumaana war sich nicht sicher. Dennoch verstand sie die Botschaft der Fähe, sie kündigte zwei Neue an. Sie bat nicht um Einlass für die Fremden. Jumaana wurde sich sicherer in dem Gedanken an die graue Fähe, die oft ruppig war, aber von anderen geschätzt wurde. Zum Beispiel von dem jungen Aryan, der oft in ihrer Nähe war. Oder war sie es, die in seiner Nähe war?!
Jumaana wandte den Kopf zu ihrer Schwester und deutete leicht zum Rudelplatz. Dann tat sie es der anderen Fähe gleich und stieß ein kurzes, freundliches Heulen aus. Sie war sich sicher, dass von ihrer eigenen Schwester keine Bedrohung ausging.
“Die Trauer ist zu groß und Nyota wird gewiss nicht anwesend sein. Dennoch kannst Du mir folgen, Schwester, wenn es Probleme geben sollte, stehe ich auf Deiner Seite. Wir werden uns auf die Suche nach Takashi oder Shani begeben, wobei ich mir sicher bin, dass Shani bei Cirádan ist und über ihn wacht. Er hängt sehr an ihr und Liel.“
Der Gedanke an den kleinen Welpen machte Jumaana traurig. Sicher hatte er gespürt, dass sie unsicher war, dass sie das Rudel hatte verlassen wollen. Er sollte nicht denken, sie würde ihn im Stich lassen. In der Hoffnung, Cirádan würde ihre Gefühle über das dünne Band der Patenschaft, das sie verband, verstehen, dachte sie kurz an sich und ihn – zusammen. Dann lächelte sie leicht und ging weiter, in der Hoffnung, dass Majibáh ihr folgen würde. Jumaana hatte keinen Grund, sie dazu zu zwingen, nur den Glaube daran. Ihre Schwester hatte nie Angst vor irgendwelchen Folgen gehabt, die sie auslösen könnte, sondern sich der Gefahr gestellt. Jumaana hatte sich oft gewünscht, so zu sein wie sie. Sie seufzte leise und ihre Augen suchten den Rudelplatz im Tal nach dem schwarzen Rüden ab. Mit leisem Bedauern stellte sie fest, dass er anscheinend nicht da war, aber genauso gut konnte es sein, dass die weiße Wölfin ihn einfach nicht gesehen hatte. Erneut suchte sie mit ihrem Blick den ihrer Schwester, bevor sie neben die Weiße trat, um ihr mit der Schnauze zärtlich das Fell zu verwuscheln.
“Vergiss das alles, meine Liebe. Alles was zählt, ist, dass Du hier bei mir bist, Schwester!“
Parveen stand in einiger Entfernung und schaute ihrer Mutter Banshee und Vater Acollon zu. Sie schloss einen Moment die Augen und wartete. Auf was sie wartete, konnte sie absolut nicht sagen. Sie horchte einfach auf den Wind und ließ ihre Gedanken mit ihrem kreisen. Sie sog ganz tief die Luft ein und horchte. Sie hörte eine flüsternde Stimme, sie hallte in ihren Ohren wieder.
~Parveen, du warst so lange nicht mehr da, willst du es dabei belassen? Soll es einfach so zu Ende gehen? Meinst du nicht auch, dass das nicht genug war? Willst du nicht noch einmal zu ihnen gehen und ihnen etwas sagen? ...~
So ging es noch ein wenig weiter und Parveen hörte aufmerksam dieser Stimme zu. Dieser Stimme, die sie nicht kannte und ihr doch so vertraut war.
Sie atmete tief durch stellte ihre Ohren nach vorne und öffnete ihre Augen. Sie setzte ihre rechte Pfote ein Stück nach vorne. Atmete noch einmal tief durch und entschloss sich schließlich, doch etwas zu tun. So ging sie weitere Schritte nach vorne. In ihren Augen fing das Feuer an zu glitzern und sie war sich irgendwie sicher, dass selbst der Stern auf ihrer Stirn heller glänzte. Ihre Schritte wurden sicherer und schließlich ging sie flüßig aber langsam voran. Zwischen den anderen Wölfen hindurch, direkt auf ihre Mutter zu. Sie hatte ihre Begrüßung zuvor erwiedert und ihr Versprechen angenommen, aber sie hatte trotzdem das Gefühl, dass noch etwas fehlte. Sie hatte sich nicht entschuldigt, dass sie so lange fort gewesen war. Hatte sich nicht entschuldigt, dass sie Banshee und Acollon alleine gelassen hatte! Sie hatte nichts dergleichen getan.
Jetzt war sie nur noch wenige Schritte von Banshee entfernt. Sie hörte ihre sichere Stimme, wie sie zu Averic sprach. Ihr Blick wurde weicher und sie hörte ihr zu. Sie war glücklich, Averic hier gesund vor sich zu sehen.
Und Acollon mit Banshee vereint.
Sie ließ ein Lächeln über ihre Lefzen huschen, dann trat sie noch ein paar Schritte auf Banshee zu und stand dann schräg neben ihr. Kurz betrachtete sie noch mal Averic, dann wanderte ihr Blick weiter zu Banshee. Sie zögerte. Dann sprach sie doch.
"Mutter. Ich weiß, wir haben uns schon verabschiedet, aber mich lässt das Gefühl nicht los, dass ich was vergessen habe." Eine Träne rollte durch ihr Fell. Bevor sie weitersprach stupste sie Banshee an der Schulter sanft an. "Ich möchte mich entschuldigen. Ich war so lange fort und bin damals einfach gegangen. Bitte verzeih mir das. Aber mir ist noch etwas anderes sehr wichtig: Ich will dir danken. Du hast mir eine schöne Zeit verschafft. Du hast in mir immer wieder das Feuer entfacht und mir immer wieder auf die Beine geholfen, wenn ich deine Hilfe brauchte. Du hast mir immer geholfen, wenn ich es nötig hatte. Das kann ich nicht einfach so hinnehmen, ohne mich nochmal zu bedanken. Banshee, ich danke dir! Es war eine sehr schöne Zeit mit dir und mit allen Familienmitgliedern. Aber du wirst mir fehlen. Bitte, vergiss mich nicht und komm bald wieder. Auch wenn es nur Zeichen sind, die ich sehen, hören oder spüren kann."
Parveen verstummte. Sie hatte sich oft wiederholt, aber das war egal. Banshee würde wissen, was sie meinte. Sie atmete noch einmal tief ein und ließ die Luft durch ihre Zähne entweichen.
"Mutter, ich will dir noch etwas sagen, dass mir sehr wichtig ist, aber das betrifft auch dich, Vater."
Parveen wartete kurz, um sicher zu gehen, dass sie auch Acollons Aufmerksamkeit hatte. Eine weitere Träne kullerte hinab, dann fuhr sie in einem freundlichen und liebenden Ton ruhig fort.
"Das letzte, was ich euch sagen möchte, ist: Acollon und Banshee, ich werde euch immer einen Platz in meinem Herzen bewahren, es wird immer ein Platz da sein! Egal, was passiert!"
Diese letzten Worte hallten in Parveens Ohren ein paar mal wieder. Sie hörten sich schön an. Jetzt hatte sie auch ein Versprechen gegeben und sie würde es halten! Ja, sie würde es halten! Sie überwand die letzten paar kleinen Schritte und kuschelte sich nochmal in Banshees Fell, dann in Acollons Fell. Es fühlte sich weich an und es erinnerte sie an früher, wenn sie sich als kleiner Welpe in ihr Fell gekuschelt hatte. Nur der Unterschied war, dass sie jetzt selber groß war.
"Ich werde euch vermissen."
, flüsterte sie.
Sie strafte ihre Schultern, dann ging sie zurück, schaute in ihre Augen und lächelte noch einmal sehnsüchtig. Es war die Sehnsucht danach, dass sie bleiben würden. Aber sie würden nicht bleiben, denn Engaya und Fernis hatten längst entschieden. Also wollte Parveen sie nicht aufhalten, sie wollte sie gehen lassen.
Shákru war eigentlich gar nicht befugt irgendetwas über den Verbleib des Fremden zu entscheiden. Er durfte ihn nicht verjagen, noch ihm Eintritt gewähren, aber vielleicht war der Fremdling auch nur ein Wanderer. Minor wusste nicht mal, ob es dahingehen überhaupt Regeln gab, wenn die Alphas im Sterben lagen. Zumindest barg sich in der jetzigen Situation wirklich die Gefahr etwas falsch zu machen, denn das würde Averic sicherlich gleich zu nutzen machen und den unbeliebsamen Wolf abschieben. Aber daraus machte sich Shákru auch nicht mehr wirklich was. Er war hier noch nie willkommen gewesen, wurde nie wirklich aufgenommen und vermisst sowieso nicht.
Der Regen nahm noch mehr zu, grub sich durch das Fell in sein Fleisch. Der Wind zerrte an den Ohren, rauschte mit dem Blut durch die Adern des Schwarzfang. Dennoch fügte sich die kleine Sternenleier anstandslos in dieses Bild mit ein. Es war schon sonderbar diesen Wolf anzusehen. Da war eben diese Aura, die irgendwie komisch war. Vielleicht gab es auch gar keine Aura, sondern es war der Blick. Shákru Minor konnte es nicht mal wirklich selbst sagen, sondern musste sich immer auf das Urteil der Anderen verlassen. Wenn er sich mal im Wasser angsehen hatte, dann waren seine Seelenspiegel grün und gut war. Kein besonderer Blick, keine komische Aura.
Cassio nannten sich der Fremdling. Kein außergewöhnlicher Name. Zumindest nicht so außergewöhnlich wie sein Eigener, aber wer wusste schon, ob das sein richtiger Name war? Minor ließ sich auf die Hinterläufe nieder. Seine spitzen Zähne blitzten kurz hervor, als sich seine Lefzen zu einem amüsierten Grinsen verzogen. Hielt dieser Cassio die Drei wirklich für ein Rudel?
"Zähle noch ein paar Dutzend dazu, dann weißt du ungefähr wie viele in diesem Rudel sind."
Shákrus Blicke ruhten in Cassios grünen Augen. Lauschend schnippten seine Ohren umher, wenngleich das eigentlich nicht viel brachte. Er wusste ja nicht mal, wie er Shani wegen Krolock bescheid geben soilte. Minor zählte sich immer noch nicht zum Rudel. Er war ein ausgestoßender und würde es immer bleiben. Ketzer würden sie ihn nennen.
Immer zu die alte Weise, lauschen ihm nur noch die Greise...
Ob Shákru hier noch mal einen Platz finden würde? Sicherlich, Sheena und Ayv würden ihm bestimmt beistehen, aber es war dennoch nicht das ware. Die Anerkennung, das Akzeptieren von einem Wolf, der die Dinge eben etwas anders sah. Was war daran so schwer?
Sicherlich, bei den Indianern lernte Shákru, dass jeder Glauben miteinander verknüpft war.
Leblos und ohne Ziel, dreht er seine eigene Melodie
Er hatte in der Eiswüste Fenris und Engaya gesehen, hatte einen anderes Wesen kennen gelernt, aber dennoch. Immer wieder rutschte er in seine alte Denkensweise. Es konnte doch nicht alles nur Zufall sein. Sternenleier, der Pfad der Wölfe auf seinem Rücken, der weiße Ring um seine Pfote. Minor richtete seinen Blick wieder auf Cassio.
"An wen glaubst du? Fenris oder Engaya?"
Aus seiner Stimme erschlug einem fast der Zweifel.
Cassio betrachtete den Schwarzen ruhig. Sein Fell wirkte düster, aber in diesem Regen wirkte sicherlich alles Schwarz düster, von der Düsternis eines Loches abgesehen, das eine trockene Höhle versprach. Aber ansonsten bot die Welt gerade einen sehr verdrießlichen Schauplatz an Dingen, die einen doch wirklich zweifeln ließen, dass es so etwas Mythisches wie die Sonne überhaupt gab. Wie lange hatte er sie schon nicht mehr gesehen? Mindestens einen Tag war das nun her.
Innerlich musste der braune Wolf schmunzeln. Es war so lächerlich, sich über die Sonne den Kopf zu zerbrechen. Der war es recht egal, sie würde die Welt nachher schon wieder trocknen.
Der Braune mochte Gedankenspiele, vor allem aber jene, die es ihm gestatteten, von Sinnlosigkeit zu Sinnlosigkeiten zu kommen. Es war einfach befreiend, ein paar absurde Gedanken zu pflegen, man konnte sie sehr bequem wieder wegschließen und später in Ruhe weiterspinnen. Und das war ein großer Vorteil.
Im Moment aber konnte er sich sowas nicht leisten, er brauchte es aber auch gar nicht. Da gab es andere Dinge, die seine Aufmerksamkeit nahmen. Der Schwarze vor ihm war eines von diesen Dingen. Und Cassio zeigte ihm deutlich, dass er sein Interesse besaß.
Der Schwarze schien in der Tat zu glauben, dass Cassio dumm, einfältig oder zumindest unüberlegt war. Natürlich nahm ihm der Rüde das nicht krumm, er hatte es ja provoziert. Aber es war doch amüsant zu sehen, wie schnell andere bereit waren, sich selbst für klüger zu halten, als ihr Gegenüber. Er hielt Shákru nicht für dumm. Der Schwarze rechnete nicht damit, dass jemand solche Absichten hegen könnte. Vielleicht war er nie einem Wolf begegnet, der so etwas tat, vielleicht dachte er auch nur im Moment nicht daran. Das spielte eigentlich keine Rolle. Fakt war, dass der Schwarze ihn für nicht ganz so klug hielt, wie er war. Das unmittelbare Resultat war, dass sich Cassio amüsierte. Was er später einmal mit dieser Tatsache anfangen wollte, stand noch in den Sternen. Es war ebenso wahrscheinlich, dass er nichts tun würde damit. Aber man konnte ja nie wissen.
Jedenfalls verriet ihm Shákru sehr großzügig, dass es sich wohl um ein nicht zu unterschätzen großes Rudel handeln musste. Vielleicht hätte der Schwarze ihm das auch so gesagt, aber nun konnte er sicher sein, dass er ihn nicht belog, denn er kam gar nicht darauf, dass er ihn hätte belügen können.
Cassio wusste, dass diese Gedankenspielchen sehr theoretisch waren, dass Shákru ebenso gut einfach deshalb die Wahrheit sagte, weil er keinen Grund zu lügen hatte. Aber es schadete niemandem, dass er sich das überlegte und deswegen sah er keinen Grund darin, damit aufzuhören.
“Dein Rudel?“, fragte der Braune mit einer verführerischen Mischung aus Belustigung, Irrglauben und etwas, das den Eindruck erweckte, er sei beeindruckt.
Er hatte da deutlich so etwas wie Stolz in Shákrus Worten gehört. Es war nicht der Stolz, den man gewöhnlich auf sein Rudel hatte. Auch war der Rüde vor ihm gewiss nicht der Alpha. Aber eben dieser Stolz weckte sein Interesse. Es war ein verborgener, ein verbotener Stolz. Ein Stolz, wie er nur bei solchen vorschnellen, flotten Worten zum Vorschein kam und normalerweise wohlweißlich gehütet wurde wie eine teure Erinnerung.
Cassio wusste noch nicht, was er mit diesem Wissen anstellen wollte, mit dieser Vermutung, aber es sorgte dafür, dass das Interesse an dem Schwarzen wuchs.
Allerdings schien Shákru es gar nicht nötig zu haben, sein Interesse auf diese Art zu wecken, denn seine nächste Frage fand der Rüde doch auch sehr interessant. Einen Moment sah er ihn recht verdutzt an. Immerhin war diese Frage doch sehr aus dem Zusammenhang gerissen.
Nachdem er nun aber einen Augenblick Zeit gefunden hatte, sie zu verstehen, nickte er kurz. Das war eine recht unübliche Frage für die Zweite Frage. Natürlich kannte Cassio Engaya und Fenris, das Leben und den Tod. Das waren sie in seinem Heimatrudel gewesen, die Götter des Lebens und des Todes und obgleich er selbst niemals daran gedacht hatte, dass all das Leid und der Schmerz, all das Schöne und Herzliche Schicksal sein könnten, kannte er sie doch und er glaubte an sie. Er musste es ja zwangsläufig, schließlich sah er das Leben um sich her, spürte es. Und auch den Tod. Er spürte ihn, er hatte ihn so oft schon erlebt.
Dennoch war diese Frage nicht nur sehr persönlich, sondern auch recht außergewöhnlich. Und Cassio wusste, dass man solche Fragen selten aus plötzlicher Neugierde und Einfallsreichtum fragte, sondern viel mehr, weil sie einem selbst gerade irgendwie in den Sinn kamen.
Meist handelte es sich um flüchtige Gedanken, auch wenn ihm das eher komisch vorkam, dass jemand so eine Frage auf Grund von irgendwelchen oberflächlichen Besinnungen stellte. Viel mehr glaubte er, dass diese Frage den Wolf recht beschäftigen musste. Aber sicher konnte er sich da nicht sein, weswegen er beschloss, es herauszufinden. Auf seine Art.
“Kannst du denn an einen von ihnen glauben, ohne an den anderen zu glauben?“, fragte er mit ein wenig Erstaunen in der Stimme.
Er war bislang nicht als so selbstsicher und überlegt aufgetreten, da hielt er es nun nur für ratsam, das nicht plötzlich zu ändern. Dennoch war seine Frage wohl überlegt. Wie konnte man nur an einen von ihnen glauben? Wo es Leben gab, musste es auch Tod geben. Wo Engaya schuf, musste Fenris zerstören.
Wie konnte der Kleinere da an nur einen der beiden Götter glauben? Cassio wusste es nicht, aber es interessierte ihn nun doch sehr.
Shákru hielt Cassio durchaus nicht für Dumm. Der Schwarzfang hielt niemanden für dumm. Vielleicht stand mal jemand neben sich, aber dumm war eigentlich kein Wolf. Nein, selbst Averic war nicht dumm. Die Sterneleier blickte weiter den Neuen an. Schien ein ganz normaler Wolf wie jeder Andere auch zu sein, aber was war schon normal? Wer definierte "Normal"? War normal jemand, der sich so verhielt, wie man es ihm vorschrieb. Jemand, der sichd er Masse anglich? Dann war Shákru Minor tatsächlich unnormal, aber das musste man ihm ja wohl kaum noch sagen. Er wusste es von selbst, hatte es in diesem Rudel ganz besonders zu spüren bekommen.
Die Sternenleier ahnte nichts von Cassios Gedanken, sonst würde er ihm wohl genau erklären, dass er keinen Grund zum Lügen sah. Hatte er eigentlich schon mal gelogen? Wohl eher nicht, nein. Dann schwieg der Schwarze lieber, als das eine Lüge seinen Fang verließe.
Eigentlich war er genau genommen zu ehrlich und zu offen. Ob das sein Fehler war? Das er eben jedem Wolf seine Gedanken vor die Pfoten legte? Das konnten leider nur die Anderen sagen, aber die sprach ja kaum mit ihm.
"Mein Rudel?"
Shákrus Blicke durchbohrten nun Cassio. Warum sein Rudel? Sah er aus wie ein Alpha? Sah er aus, als würde er sein Leben für diese Wölfe lassen? Minor schüttelte den Kopf.
"Siehst du in mir irgendwie die Aura eines Alphas oder gar den Willen diese Wölfe zu verteidigen? Nein, sicherlich nicht."
Warum war eigentlich wieder zurückgekehrt? Ayv war der Grund. Nun konnte er eigentlich auch wieder verschwinden. Vermissen würde ihn sowieso kein Wolf. Warum auch? Man wusste ja nicht mal, dass er wieder da war. Shákru schloss kurz die Augen, atmete tief die Luft ein und wieder aus. Was führte er denn nur für ein Leben? Was war das nur? So ein Dreck. Minor seufzte leise. Warum trug er diese dämlichen Zeichen auf seinem Körper, warum beugte er sich damals nicht den Priestern, warum ließ er nur das Rudel allein mit seinem Bruder. Diesen hatte er nun wieder. Endlich und dennoch. Die Wehmut in seinem Herzen nahm wieder Überhand. Und das Wetter? Nicht mal der Regen schaffte es die Gedanken fortzuspülen.
Shákru drehte seine Ohren nach hinten, verengte die Augen zu schlitzen und grollte leise:
"Das erübrigt sich, wenn man an gar keinen Gott glaubt."
Wieder legte der Schwarzfang die Karten offen zwischen sie. Cassio musste über hn schon mehr wissen, als die Sternenleier jemals wahrscheinlich von dem Fremden erfahren würde. Wieder ein Fehler, wieder hatte er sich in das Abseits geschossen. Was war denn nur, wenn Cassio nun damit im Rudel hausieren ging. Nun, es war nicht so, dass keiner um seinen Glauben wusste, aber wenn Wolf das noch mal schön unter die Schnauze gerieben bekam, dann hatten sie wieder etwas zum Rumhacken.
Bevor ich da war, war ich schon verlorn'
Nyota lachte Acollon entgegen, als der Rüde sich an sie wandte. Oh, es gab Dinge, die änderten sich nie - sie beide zum Beispiel. Mit einem gespielten Schnappen quittierte sie seine Worte, und antwortete dem Schwarzen dann jedoch so leise wie er sich zuvor an sie gewand hatte.
"Oh, sei bloß dankbar für jeden Tag an dem ich dir noch nicht in die Rute beisse dort oben"
Zwinkernd und mit gebleckten Zähnen grinste sie dem Rüden zu, und wand sich dann Tyraleen zu, in deren freudige Erzählungen über ihre Welpen sie einstimmen musste, nachdem die Weiße geendet hatte.
"Hehe, und denk ja nicht deinen Enkeln bliebe etwas erspart - wenn ich dich erst wieder in den Pelz zwicken kann, dann wird es meine hübsche Tochter bei deinen Enkeln tun"
Drohte sie breitlächelnd, und deutete mit dem Kopf auf Nerúi, deren Blick auf Acollon sowohl als neugierig als auch misstrauisch auszulegen war. Zufrieden mit sich und der Welt zwinkerte sie ihrer Tochter in dem Welpenknäuel zu, und schmiegte sich sanft an Banshee. Da waren sie, und lagen, als würden sie alle nie wieder aufstehen. Es schmerzte die Schwarze, als einzige von ihnen Dreien diesen Ort wieder verlassen zu müssen - umso wichtiger war es, der nächsten Generation den Weg zu ebnen - soweit wie es nur ging, und so weit wie sie noch konnte. Es war an ihr, und sie würde alles tun was Banshee getan hätte - in ihrem Leben hatte es keine bessere Lehrerin gegeben als ihre Schwester selbst - nun sollte sie selbst eine werden. Amúr lag dicht genug bei ihnen, dass Nyota sie hörte, und sie reckte den Hals, um die Kleine anzustupsen.
"So wie wir alle - aber der Fluss der Zeit wird auch dich eines Tages zu ihr zurücktragen"
Erklärte sie leise, und leckte der Welpin über den kleinen Kopf. Für wen konnte es schwerer sein den Tod zu begreifen, als für das pure Leben selbst, das jeder dieser Welpen darstellte? Die Welt war gerecht in all ihren Zügen - denn jeder von ihnen würde weiterleben, in der welt die nur den Verstorbenen zugänglich war. Sie selbst wusste nur zu gut um den Weg zum Paradies - die Fährten von Banshee und Acollon würden noch nicht alt sein, wenn sie ihnen folgen würde. Ach, so bald.
Ein sehnsüchtiger Blick wanderte über das Tal. Ergriffen von Wehmut wünschte sie sich nichts anderes herbei, als sich wieder in dieses Leben einzugliedern. Bisher war sie nie daran beteiligt gewesen, doch bereute sie das. Auch wenn ihre Schwester nun endlich bei ihr war, vermisste sie Liebe. Tränen, wenn sie wieder verschwinden würde. Lächeln, begleitet mit einer unbändigen Freude, wenn sie von jemanden erblickt wurde. Bisher war es ihr egal gewesen, wem sie was und wieviel bedeutet. Aber bisher hatte sie auch nicht gewusst, dass es das geben könnte. Doch die Zeit mit Jumaana, so kurz sie auch gewesen sein mochte, hatte sie eines Besseren belehrt. Und ebendiese schien sie als nur eine Fremde anzusehen, da sie ihr kaum bekannt war. Da spielte es keine Rolle, welche nahe Verbindung, die Verwandschaft, sie zusammenhielt und verband. Auf ewig. Oder täuschte Majibáh sich, bildete sie sich das nur ein? Wohl kaum; zu offensichtlich waren die Anzeichen. Welche Worte sie mit ihr sprach und wie unwichtig sie ihr zu sein schien. Liebe - würde sie dieses Gefühl immer nur von einer Seite kennen, würde es immer nur von ihr ausgehen? Oder würde eines Tages jemand das Gleiche für sie empfinden? Hoffnungen wallten in ihr auf. Hoffnungen, die niemals sterben würden, nicht vor ihrem Leben. Hoffnungen, die so unendlich lange bestehen würden. Majibáh wurde von ihrer Schwester aus den Gedanken gerissen, als diese zu sprechen begann. Und obwohl die Fähe eben noch so tief versunken war, konzentrierte sie sich völlig auf diese Worte. Der Klang der Stimme, so vollkommen und wunderschön, prägte sich in ihrem Herzen ein. So warm war er, so weich, und so sehr hatte sie all das vermisst. Neben der Weißen zu stehen, endlich vereint, ganz in ihrer Nähe. Ihre aufmerksamen Augen ruhten noch immer auf dem schönen Gesicht, das sie so sehr an sich selbst erinnerte. Verwandt waren sie, tatsächlich, doch nicht nur das gemeinsame Blut, das durch ihre Adern floss, umschloss sie wie ein Band, sondern auch der Zusammenhalt. Der Zusammenhalt, entstanden und basierend auf nichts, hatten sie doch nie eine engere Beziehung gehabt. Doch irgendwie kannten sie sich gegenseitig gut, sehr gut. Wussten, dass das Gegenüber für sie eine Rolle im Leben gespielt, so wenig es auch eingegriffen hatte, und nun eine noch weitaus größere Rolle spielen würde.
Auch das Weibchen trat näher an ihre geliebte Schwester heran, um endlich wieder ihren Duft aufnehmen zu können. Tief sog sie diesen in ihre Lungen und drückte ihre Schnauze in das helle Fell. Wie einst, wie es vor etwa 3 Jahren geschehen war, als man sie noch nicht auseinandergerissen hatte. Als das Schicksal es so gewählt hatte. Wenigstens hatte es sie jetzt wieder zusammengeführt. Und wenigstens wollte Jumaana noch etwas mit ihr zu tun haben, wenigstens hatte sie sich nicht verändert, wenigstens war sie noch immer das gütige, liebe und sympathische Tier, das sie schon immer gewesen war. Auf einmal entwickelte sie eine Art Beschützerinstinkt, obwohl beide genauso viele Jahre schon geschafft haben. Hinter sich gelassen haben, die Vergangenheit, endlich damit abgeschlossen. Mit den Tagen, als sie fror und sich nur nach Nähe sehnte, an der ihr langweilig war. Ein so langer Weg von ihr, unbestimmt, möglicherweise unendlich, erst vom Tod eine Grenze gesetzt. Wohin würde sie der nächste Schritt führen? Wann würde sie das letzte Mal eine Pranke vor die andere setzen? Wann würde sie das letzte Mal Kräfte und Hoffnung in sich aufflammen spüren? Wann würde sie endlich ihr Ziel erreichen, und würde sie das überhaupt?
Doch die 'Orchidee des Winters' hatte schon immer gekämpft. Gekämpft für diesen Moment, endlich hatte sie es geschafft. Nachdem sie so vielen Gefahren ausgesetzt war, anderen Rudeln, vermeintlichen Feinden, Tiere, die sie als Beute ansahen. Und auch ihre Jahreszeit hatte sie nie verschont. Die Kälte hatte in ihre Klieder gebissen wie die spitze Zähne eines hungrigen Wolfes. Wunden waren davon zurückgeblieben, Wunden des Trauers, des Schmerzes und der körperlichen Verletzungen. Manchmal hatte sie sogar gedacht, sie würde einfrieren und in Vergessenheit geraten. Nicht mehr als irgendeines dieser Lebewesen auf der weiten, weiten Erde. So unbedeutend, so egal, niemals wäre sie im Herzen der anderen weitergelebt. Ob überhaupt jemand nach ihrem Tod gewusst hätte, dass sie existiert hatte? Hatte ihre Schwester sie anhand ihres Geruches erkannt oder schon wegen ihres Aussehens einen Verdacht gehegt? Wohl kaum, wahrscheinlich wäre sie auch von ihr übersehen worden. Und für Majibáh wäre es schlimm gewesen, hätte sie in der Gewissheit leben müssen, dass niemand sie mehr kannte. Oben im Himmel, endlich erlöst von den Qualen und den Schmerzen, und tot. Tot für immer und ewig, da sie niemanden mehr bekannt war. Wie eine verhüllte Blume, die von dem Schnee tief eingedeckt war. Zwar kalt, doch wurde sie von dem Eis wie eine Decke geschützt. Zwar wunderschön, doch waren auch tausende andere ihrer Sorte wunderschön und sie nur irgendeine von ihnen. Wie es der Fähe hätte passieren können.
„Aber trotzdem, wenn ich dir helfen kann, ich bin immer für dich da. Niemals werde ich dich verlassen, egal, wie ich nun empfangen werde. Sie kennen mich schließlich nicht, nicht mehr. Ihnen wird es nicht gefallen, dass eine Fremde ihr Revier betritt, ohne Einlass gewährt bekommen zu haben, geschweige darum gebittet zu haben! Aber ich mache es. Ich mache es einzig und allein für dich.“
Ein warmes Lächeln lag auf ihren Lippen. Sachte stupste sie ihre Schwester an, um diese Worte nochmals zu bekräftigen. Ein seliger Blick musterte sie, die noch an ihrer Seite stand, ehe sie sich wieder von ihr löste und die Grenze nun endgültig übertrat. Ein fragender Blick und sie bewegte sich wieder etwas vorwärts. Schaute wieder prüfend zurück und wartete auf eine Reaktion. Ein weiteres Mal erhob sie ihre Stimme, sanft und sachte, hatte sie doch endlich die richtigen Worte gefunden, um ihre Liebe auszudrücken. Kombiniert mit der Erzählung all der Minuten und Stunden, all der Tage und Wochen, all der Monate und Jahre, die sie mit der Suche verbracht hatte. Kurz und knapp gefasst, doch so mit Emotionen und starken Gefühlen geprägt, das es sie selbst fast zu Tränen rührte.
„Schließlich war das mein einziges Ziel. So oft habe ich schon aufgeben wollen, weil ich dachte, meine Kraft ist zu Ende. Aber ich habe nie aufgegeben, denn es bestand immer die Hoffnung, dass ich dich wiederfinde. Niemals könnte ich es beschreiben, was in mir vorgeht und was in mir vorging, als ich dich wiedersah, als all meine Hoffnungen und Wünsche in unzähligen Sekunden und Minuten in Erfüllung gingen.“
Cassio betrachtete den Rüden vor sich mit einem Blick, der beinahe ein wenig suspekt wirken musste. Er war wie immer recht aufmerksam und höflich, aber bei genauerem Hinsehen musste man sich fragen, warum er im Moment aufmerksam und höflich dreinschaute, wo es an sich doch eigentlich kaum einen Grund dafür gab. Es wäre logisch gewesen, aufmerksam zu sein, interessiert vielleicht, vorsichtig. Und es wäre logisch gewesen, bis zu einem gewissen Grad höflich zu sein. Aber aufmerksam und höflich war völlig sinnlos. Er befand sich immerhin in einem fremden Revier und er musste damit rechnen, nicht unbedingt freundlich empfanden zu werden, nachdem er hier ja in gewisser Weise eingedrungen war.
Und dennoch sah er Shákru aufmerksam und höflich an und schien daraus nicht einmal einen Hel zu machen. Wahrscheinlich war das auch gar nicht notwendig, denn es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn seinem Gegenüber das einfach nicht aufgefallen wäre. Schließlich beobachtete nicht jeder seine Umwelt so genau, denn es bestand keine Notwendigkeit darin und man konnte sehr gut die Kraft, die man dafür aufbrachte, in andere Dinge investieren. Aber Cassio tat das eben nicht.
Seine Ambition, den anderen dazu zu bringen, ihm etwas über das Rudel zu erzählen, schlug fehl, wie er feststellen musste. Aber dafür erfuhr er einiges über den Rüden selbst. Mehr, als er anfänglich beabsichtigt hatte und mehr noch, als er für möglich gehalten hätte.
Der Schwarze machte auf ihn nicht den Eindruck, dass er bösartig, gewalttätig oder arrogant war, aber seine Worte standen doch im Kontrast dazu. Er wirkte ablehnend und eben weil er nicht aussah wie ein brutaler Wolf oder wie jemand, dem das Leben prinzipiell egal war, deutete Cassio diese Worte als Enttäuschung. Vielleicht war er ein Ausgestoßener? Aber wieso stand er dann hier mit gleich drei anderen Wölfen? Und der Braune hatte durchaus die Geste des Rüden gesehen, als dieser den weißen Wolf angestupft hatte. Das war eher außergewöhnlich für einen Ausgestoßenen.
Shákru hatte es also durchaus geschafft, seine Aufmerksamkeit zu bekommen.
“Man braucht nicht unbedingt eine Aura, um Dinge zu tun“, erwiderte Cassio gelassen.
Was war schon eine Aura? Das war nicht mehr als ein Gefühl, das ein anderer Wolf hatte, wenn er einen sah und je mehr Wölfe dieselbe oder eine ähnliche Ansicht über dieses Gefühl hatten, desto bedeutungsschwerer wurde es. Cassios Aura zum Beispiel, wenn man das so nennen wollte, war eine sehr ruhige und zuversichtliche, eine höfliche Aura. Und doch entsprach sie weder seinem Wesen, noch seiner Art und schon gar nicht seinem Willen.
Dass sein Gegenüber nun aber gestand, nicht an Götter zu glauben, überraschte ihn doch ein wenig, obgleich er sich das nicht anmerken ließ. Der Braune war jemand, der kein Problem damit hatte, einen Wolf zu akzeptieren, der etwas Anderes glaubte. Jedenfalls machte er seinen Eindruck nicht am Glauben fest. Andererseits musste er zugeben, es fiel ihm schwer, jemanden zu verstehen, der nicht glaubte. Zumindest nicht an Engaya und Fenris, an Leben und Tod.
Ob es dabei mystisch zuging oder nicht, jeder sah doch, dass es Leben und Tod gab. Wie konnte man dann behaupten, dass es sie nicht gab? Es war nicht Cassios Aufgabe, andere davon zu überzeugen. Er brachte andere gerne dazu nachzudenken, aber was das Resultat war, das ging ihn nichts an.
“Aber es erklärt nicht deine Frage“, sagte der Braune leicht lächelnd. “Du hast mich gefragt, an welchen der beiden ich glaube. Und ich frage dich, ob man an einen von ihnen glauben kann, ohne an den anderen zu glauben. Dass du an beide nicht glaubst, ist eine Sache, aber sie erklärt nicht, wieso du mich vor die Wahl zwischen ihnen gestellt hast.“
Cassio beharrte auf dieser Tatsache. Nicht, weil er Shákru bloßstellten wollte. Aber er spürte, dass der Rüde einerseits gewiss nicht hören wollte, dass seine Ansichten falsch sein konnten und andererseits doch reden wollte. Ja, er wirkte wie ein Wasserlauf, den man gestaut hatte und der nun langsam über die Ufer trat, wenn man den Staudamm nicht bald brach oder ihm zumindest einen kleinen Abflusskanal zustand.
Und dem Braunen stand gerade der Sinn danach, diesen Kanal zu bauen.
Der angespannte Blick der Weißen hatte sich nicht mehr von ihrem großen, dunklen Sohn gewandt. Averic hatte mit geschlossenen Augen gelauscht und jetzt, da er die Lider öffnete und Banshee wieder das tiefe Dunkelblau seiner Seele sehen ließ, wusste die Weiße, dass sie ihm nichts Neues gesagt hatte. Nur etwas, über das noch keiner außer ihr nachgedacht hatte. Sie war erleichtert, als sich nun auch ein Lächeln auf die Lefzen ihres Sohnes legte, auch wenn ihr bewusst war, dass kaum Freude in ihm stand. Seine Gedanken gab er ihr nicht preis, sie konnte nur erahnen, dass er ihre Worte annahm und sich nicht gegen sie sträuben würde. Eigentlich hatte sie nichts anderes erwartet, auch wenn sie sich nun wünschte, noch einmal einen solchen Moment wie damals bei Cylins Bestattung erleben zu dürfen. Es war vielleicht das einzige Mal gewesen, dass Averic ihr offenbart hatte, wie wichtig sie ihm war und wie sehr er sie schätzte. Etwas, das sich jede Mutter von ihren Welpen wünschte und das sie doch nie von ihrem dunklen Sohn erwartet hätte. Auch wenn sie gewusst hatte, dass es in ihm war. Aber Averic sagte nur leise, dass er es wusste, immer gewusst hatte und immer wissen würde. Sein Schicksal war ihm klarer, als den meisten anderen Wölfen. Vielleicht sogar klarer als Tyraleen. Banshees Lächeln wandelte sich ganz langsam zu einem ernsten Nicken, dennoch reckte sie ihre Schnauze wieder ein wenig nach oben und fuhr ihrem Sohn mit der Zunge über die Ohren, leckte ihm die Nase und rieb ihre Wangen an seinen.
“Dann ist es gut.“
Sie war sich bewusst, dass Averics Aufgabe vielleicht niemals mehr ausgesprochen werden würde. Auch Tyraleen – ja, vielleicht gerade sie – sollte nichts von ihr erfahren, hatte sie sich doch auf ganz andere Dinge zu konzentrieren. Und wer wusste schon, ob sie nicht aufbrausender sein würde, wenn sie hörte, dass ihre Mutter ihrem Gefährten verboten hatte, einmal den Posten des Leitwolfes zu besteigen. Sie wusste, dass Averic ein Außenseiter und Eigenbrödler war, aber konnte sie es auch wirklich akzeptieren? Wollte sie nicht noch immer so gerne, dass ein jeder merkte, dass Averic doch nicht ganz so abweisend war wie er gerne tat? Was in ihrer Tochter vorging, vermochte Banshee nicht mehr sicher zu sagen, sie hoffte nur, dass Tyraleen den Lauf des Schicksals annahm so wie es Banshee immer getan hatte. Und ebenso wie ihre Mutter, würde auch die kleine Tyraleen jemanden an ihrer Seite haben, der immer auf sich achten würde. Wölfe wie Averic waren die Schätze auf ihrer grauer gewordenen Erde.
“Oh, Averic, mein kleiner, rebellischer Sohn. Egal, was in der Vergangenheit passiert ist, ich war immer froh, dass gerade du mein Sohn warst und, dass … gerade du mir als einziges geblieben bist. Es scheint kein Tal für kleine Rüden zu sein … um so mehr musst du auf deine eigenen Söhne achten. Ich wünsche mir, sie erst in vielen Jahren wiederzusehen. Ebenso wie dich, mein Sohn, auch wenn ich mich jede Sekunde auf dich freuen werde.“
Das Lächeln hatte sich wieder auf ihre Lefzen gelegt und jetzt schweifte ihr Blick wieder über die anderen Wölfe. Insbesondere Sheena, Rakshee und die von ihrem Vater abgelenkte Tyraleen wurden gesucht, ihre Aufmerksamkeit erbeten. Dann lagen ihre Augen wieder bei ihrem Sohn, Liebe stand in ihnen.
“Vergesst niemals … Die Liebe bleibt, trotz Leid und Tod und Hass, der Grund der Welt.“
Wieder drückte sich ihre Schnauze an die ihres Sohnes, ihre bernsteinernen Augen hatten sich geschlossen.
“Niemals … Lebe wohl, Averic. Auf Wiedersehen, mein großer, starker Sohn.“
Damit wandte sie sich von ihm ab, wünschte sich nun, diesen Marathon der Trauer zu beenden und sich dem hinzugeben, was noch immer wartete und doch an Geduld verlor. Aber noch immer wollte ihre Familie nicht schweigen und natürlich konnte ihnen Banshee nicht böse sein. Ein jeder verlor sie heute und auch für sie war es noch einmal wunderschön zu sehen, wie viel sie ihren Kindern und deren Kindern bedeutete. Paveen, ihre lieber, zurückgekehrte Parveen stand wieder da, neben Averic und Banshee wurde zum ersten Mal bewusst, wie ähnlich sich die beiden sahen. Auch wenn Averics Augen blauer waren, sein Fell noch schwärzer und sein Körper weit aus stärker, sah man ihnen an, dass sie Geschwister waren. Vielleicht würden sie das auch selbst sehen, später, wenn Banshee nicht mehr bei ihnen war?
“Parveen …“ Das warme Lächeln war wieder da. “Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Dass du fort warst war gut und dass du nun wiedergekehrt bist und wir uns noch ein letztes Mal sehen können, ist ebenso gut. Du bist deinen Weg gegangen, dafür musst du dich nicht entschuldigen. Ebenso brauchst du mir nicht zu danken, schließlich bist du meine Tochter. Ich habe immer versucht, die alles zu schenken, was ich besaß. Ich hoffe, dein Weg wird dich ab jetzt nur noch in diesem Tal herumführen und dein Herz wird wieder in deiner Familie ruhen. Weißt du noch, wie du mit Tyraleen gespielt hast, als sie noch ein Welpe war? Nun hat sie selber Welpen, aber noch immer bist du ihre große Schwester. Hilf Averic und ihr mit ihren Kindern, lerne deine Nichten und Neffen kennen, sprich mit Shani, deiner Schwägerin und lerne kennen, was in der Zeit geschehen ist, in der du gewandert bist. Dann ist es gut. Und all das werde ich sehen und mich mit dir freuen.“
Auch ihre zurückgekehrte Tochter wurde noch einmal mit der Nase an der Stirn berührt – auf dem Stern, den Engaya ihr an dieser besonderen Stelle geschenkt hatte.
“Auch ich werde dich vermissen, meine große Tochter. Lebe wohl, Parveen.“
Wieder spürte Banshee einen kalten Wind über ihren Rücken ziehen und ihr Blick wanderte zu Acollon hinauf. Es war an der Zeit, dass nur noch sie beide hier lagen, all die anderen sollten dem Tod noch nicht so nahe kommen. Am schwersten würde ihr es fallen, Nyota nicht mehr an ihrer Seite zu haben. All die lange Zeit, die sie schon hier lag, war ihre Schwester keinen Wimpernschlag von ihr fortgerückt … doch jetzt würde Acollon diesen Platz einnehmen. Mit schwerer Zunge drehte sie ihren Kopf zu Nyota, an deren Lächeln sie sich wenigstens noch für einige Herzschläge lang laben konnte.
“Es ist an der Zeit … lass die Welpen nicht spüren, wie der Tod alle Wärme aus meinem Körper zieht. Führe sie fort, so wie du es ab jetzt hoffentlich noch lange tun wirst. Aber geh nicht weit, ich möchte doch … möchte … deine Nähe noch spüren, wenn die Kälte kommt.“
Nun hatte sich wieder eine Träne hervorgekämpft und rann sanft wie ein Rebenbogen ihre Wange hinab. Nur ihr Blick blieb fest auf ihrer Schwester, als müsse sie nur stark genug schauen, um Nyota auch über eine größere Distanz nicht mehr loszulassen. Die Zeit des wahren Abschieds war gekommen. Aber sie war nicht alleine, Acollon würde auch an diesem letzten aller Enden bei ihr sein.
Averic spürte, wie sich das Fell seiner Mutter von seiner Stirn löste, sie ihm dafür über die Ohren und die Schnauze leckte. Er genoss, wie sie ihre Wange an seine drückte und blieb einfach ganz brav stehen. Averic, der große, böse Wolf. Seiner Mutter gegenüber doch fast zahmer als ein Lamm. Er wollte jetzt nicht weiter darüber nachdenken, was kommen würde. Es würde ihn früh genug einholen, in diesem Moment aber ging es nur noch um die letzten Augenblicke mit Banshee. Letzte, letzte, letzte. Jenes Wort schnitt ihm mit jedem Atemzug tiefer in die Brust und doch konnte er es nicht aus seinem Kopf scheuchen.
Sie sagte, es war gut. Der Pechschwarze wusste nicht, ob dem wirklich so war, aber er hoffte, den Worten seiner Mutter einfach so bedingungslos wie immer glauben zu können.
Mit gesenktem Kopf, damit er ihrem ganz nahe war, blieb Averic weiter dicht bei Banshee stehen und lauschte ihren Worten. Es war schön ihr zu zuhören, einmal zu hören, dass sie für ihn nicht nur eines ihrer vielen Kinder war. Dass es ihr doch geholfen hatte, dass grade er immer bei ihr geblieben war. Und dieses kleine Lächeln, vielleicht ausdrucksvoller als es jedes Grinsen oder Lachen je hätte sein können, blieb auf seinen Lefzen. Es tat gut. Er würde sich immer an diese Worte erinnern.
„Auch ich freue mich darauf ...“,
fügte der Dunkle leise hinzu, sich sehr wohl bewusst, dass seine Zeit noch lange nicht kommen würde. Aber irgendwann. Irgendwann, wenn ihre Kinder hoffentlich wohlbehalten aufgewachsen waren und sich in der Welt ohne sie zurecht fanden, würden Tyraleen und er ihnen folgen.
Wieder spürte er die warme, schmal gewordene Schnauze Banshees an seiner, doch dieser einen Satz, den sie vorher noch verlauten ließ, brannte sich tief in seinen Kopf und sein Inneres. Er wusste, dass sie ihn nicht anklagte, dass seine Mutter dies niemals tun würde und doch fühlte sich Averic mit einem Mal schuldig. Hatte er doch immer – und vielleicht war er noch immer dort – so viel Hass mit sich herum getragen. So viel, dem selbst seine kleine Schwester nicht entkommen konnte. So viel, dass er sie alle damit umgebracht hatte. Der Schwarze schloss ebenfalls die Augen, drückte sich an seine Mutter, führte die Schnauze zu ihrem Ohr.
„Ich wollte immer nur, dass dir niemand mehr weh tut, weil ich dich liebe. Ich hoffe, du kannst mir all meine Taten verzeihen.“
Wenn die Liebe der Grund der Welt war, so war er wohl der Grund von allem. Auch von Leid und Hass und Tod.
„Auf Wiedersehen, Mama.“
Dieses eine Mal fuhr der Sohn seiner Mutter über die Stirn und die Ohren, dann war sie vorbei, die Zweisamkeit mit ihr. Parveen stand jetzt neben ihm und Normalerweise hätte es ihn wohl erzürnt, dass sie sich einfach so dazwischen gedrängt hatte. Vor allem da grade sie fast 2 Jahre fort gewesen war und jetzt, erst jetzt, am Tag wo ihre Eltern sterben sollten, einfach so zurück kam. Aber er blieb still und betrachtete nur wieder die endlose Güte Banshees. Seine dunklen Augen hafteten ein paar Sekunden auf Parveen, als Banshee ihr auftrug auch für ihn, Tyraleen und ihre Welpen da zu sein. Er hatte sich nie wirklich um seine Wurfschwester geschert, diese Besonderheit war immer Cylin vorbehalten gewesen und manches Mal hatte auch noch Malicia seine Aufmerksamkeit bekommen. Hiryoga und Parveen waren immer die Zwei gewesen, mit denen er am Allerwenigsten zutun gehabt hatte. Aber so sollte es sein. Er nickte ihr kurz zu, ein Zeichen der Kenntnisnahme, dass seine Schwester wieder da war. Bei der Familie.
Aus den Augenwinkeln sah Averic, wie sich Banshee wieder zu Nyota umwandte, folgte ihrem Blick. Ihre Worte, die sie an seine Tante richtete und die Träne, die jetzt an ihrer Wange schimmerte, ließen sein Herz zusammen krampfen. Der entgültige Abschied war jetzt so nah, dass er das Gefühl hatte wieder von ihm erdrückt zu werden. Seine Pfoten wollten sich nicht rühren, als müsste er nur weiter hier stehen bleiben, damit Fenris sich nicht her traute. Und doch wusste der Pechschwarze, dass auch er gehen musste.
Engel, hörst Du mich? Jumaana erschauderte leicht, während sie in Gedanken bejahte.
Das Leben war nie fair, hörst Du. Schätze Dich glücklich, dass Du Deine Schwester empfangen darfst. Die Weiße war restlos verwirrt. Aarinath, fragte sie in Gedanken, obwohl sie wusste, dass die sanfte, warme Stimme nicht die Feenkinds sein konnte. Nein, meine Tochter. Ich bin es. Die Mutter eurer Seelen. Die Wächterin eurer Gedanken und die Schützerin eures Herzens. Ihr nennt mich Engaya, das Leben. Stumm starrte Jumaana zu ihrer Schwester, durch sie hindurch und trat einen Schritt von ihr Weg. Ein zartes Band fesselte sie an ihre Gedanken; nicht zu fest und doch fest genug, um sie in ihren Bann zu ziehen. Was willst Du? Ihre Kehle verengte sich. Sie wusste nicht warum und doch spürte sie, dass Engaya sie strafte. Für ihre unfreundlichen Worte?! Die Wölfin zuckte zusammen. Starrte durch Majibáh ins Nichts. Sprich Mutter, was möchtest Du mir mitteilen?, fragte sie etwas sanfter – es schien, als hätten sich ihre Gedanken allein in ihr Inneres gekehrt. So ist es besser. Jumaana erschrak, über sich und über die Grobheit Engayas. In ihren Träumen, ihren Hoffnungen war die Gotteswölfin immer viel zärtlicher und einfühlsamer gewesen, nicht so impulsiv und bedrohlich.
Ein zarter Schauer durchlief den Körper der weißen Fähe. Engaya führte ihre Rede in den Gedanken Jumaanas weiter. Meine Tochter ist nun tot. Ihre Nachfolgerin steht fest. Dennoch … das Rudel sucht Schutz. Jeder ist dazu verpflichtet, den Sternenwinden treu zu dienen, ob nun mir oder dem Tod. Das ist nicht meine Entscheidung. Doch jeder muss dienen. Dem Rudel. Den Leitwölfen. Einige scheinen dies nicht zu tun. Gegen Leben und Tod ankämpfen zu wollen. Finde die Übeltäter und sammle Beweise, die Du der Leitwölfin überbringen wirst. Ich beobachte Dich. Engayas Antlitz verschwand aus Jumaanas Gedanken. Dafür trat Aarinath in Erscheinung. Nicht ihr Bild, längst konnte Jumaana normal handeln, wenn die Fähe mit ihr sprach, aber ihre Stimme. „So so, die teure Göttin Engaya, der mein Sohn so misstraut. Du wirst doch nicht tun, was sie sagt, Weiße? Feenkinds Stimme wurde langsam, aber merklich schriller, Jumaana erkannte die Angst und das Misstrauen darin. Doch sie ließ sich nicht beeindrucken, stattdessen, suchte sie Majibáhs Blick und ein zärtliches Lächeln umspielte ihre Lefzen.
„So beruhige Dich doch, Aarinath. Es wird alles gut werden. Mach’ Dir keine Sorgen um meinen Geliebten.“
Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern und doch mehr als ein stummer Gedanke und die schwarze Wölfin entschwand. Sie schien nicht ganz zufrieden, aber wenigstens ein bisschen beruhigt. Das reichte für die nächsten Tage, wenn nicht wieder etwas Unvorhergesehenes geschah oder Jumaana ihre Gefährten aufsuchte. Doch auch das Lächeln auf ihren Lippen zerfiel, als die Wölfin über Engayas Worte nachdachte. Jeder ist dazu verpflichtet, den Sternenwinden treu zu dienen, ob nun mir oder dem Tod. Doch jeder muss dienen. Dem Rudel. Den Leitwölfen. Ein Zittern fuhr durch den schlanken Leib der Fähe. Dienen. Verpflichten. Ankämpfen. Hoffen. Träumen. Dienen. Dazugehören. Ein Sternenwind sein. Majibáh. Sie war keine Wölfin des Rudels. Sie war im Grenzgebiet des Tals. Sie hatte Verbotenes getan. Zwar hatte die Weiße ihre Schwester mit einem kurzen Heulen angekündigt, aber … dennoch war sie nicht erlaubt gewesen, das Tal einzutreten. Hör auf zu denken, ermahnte Jumaana sich und schritt weiter. Sie würde sich jede Schuld aufbürden, für all das Verbotene, was sie getan hatte, würde sie büßen. Irgendwann. Auf dem Weg in den Himmel durch die Hölle.
Hier war es warm. Zwischen seinen Geschwistern war es so schön warm. Wenigstens etwas Wärme neben dem klammen und kalten Gefühl, dass sich in seinem Körper verbreitete. Neben dem Regen, der sie alle durchnässte und der kalten Nacht, die ihren Schleier über sie gelegt hatte. Seine Ohren stellten sich aufmerksam auf, als Banshee nochmals zu ihm sprach und er sog ihre Worte regelrecht auf. Er würde sie für immer und ewig in seinem Kopf bewahren. Das war ein Versprechen. Ein stilles und heimliches Versprechen an Banshee in ihm selbst. Die Liebkosung seiner liebsten Lieblingsoma war wie ein warmes Kribbeln, das seine Stirn und seinen Rücken entlang strich und ihn zu wärmen versuchte. Auf der einen Seite mochte er dieses Gefühl nicht missen, auf der anderen machte es ihn traurig. Er war entzweigerissen, stand zwischen seinen Gefühlen und konnte sie nicht einordnen. Es war irgendwie zuviel für einen kleinen Welpen, der noch kaum etwas von der Welt gesehen hatte und erst noch lernen musste, das Leben nur so nehmen zu können, wie es kam. Er würde nicht verhindern können, dass Oma Banshee starb, wegging, ohne es selbst zu wollen. Es war doch unfair. Abwesend fuhr er Nerúi mit seiner kleinen Zunge über den Pelz, um ihr ein wenig Trost zu spenden, obwohl er wusste, dass es nicht viel bringen würde. Doch hoffte er, dass seine Zunge auch bei der kleinen Schwarzen ein warmes Kribbeln hinterlassen würde. So wie Banshees Zunge bei ihm.
Sein tränennasses Gesicht, gemischt mit einigen Regentropfen, drehte sich leicht, um Chanuka anblicken zu können, der sich nun zu Banshee bewegte, nachdem diese ihn zu sich gerufen hatte. Auch diesem Gespräch lauschte er, fühlte sich etwas unwohl dabei, doch konnte er seine Neugierde nicht überwinden. Chanuka war immerhin sein Bruder und Banshee seine Oma, also durfte er auch wissen, was sie sagten. Ein letztes Mal, es würde ihm wohl keiner Übelnehmen. Während sie sprachen kam auch Chardím zu ihnen, kurz darauf war auch Atalya da. Sie wurden immer mehr, und das Gedränge um Banshee immer dichter. Turién und scheinbar alle anderen waren in ihre eigenen düsteren Gedanken versunken, und doch war da dieses starke Gefühl von Gemeinschaft, von Familie, welches er noch nie zuvor in seinem kurzen Leben verspürt hatte. Es war so unfassbar stark, er würde es nicht in Worte fassen können, hätte er es versucht.
Doch dann wurde ihm plötzlich kalt. Der Silberrüde blickte auf, hatte er zuvor in Gedanken vor sich hin gedöst und die Situation gleichzeitig genossen und bedauert. Ein Schauer fuhr ihm über den Rücken und sein kleines Herz fing mit einem Mal ganz schnell an zu schlagen. Was war das nur für ein Gefühl? Diese Art von Kälte hatte er noch nie gespürt, sie umfasste sein Herz, seine Seele und machte ihm Angst. Seine Augen weiteten sich, während sein Atem schneller wurde und er sich beinahe schon einbildete kleine, kühle Dampfwolken auf zu atmen, so kalt war ihm schon…
Erst Nerúis Frage und ihre Pfote ließen ihn aus seiner Erstarrung erwachen und er erkannte erst jetzt, dass sich ein Wolf genähert hatte. Zusammen mit seinem Papa! Alle Augen schienen auf dem Fremden zu liegen, und doch war er für einige kein Fremder. Sie nannten ihn Acollon. Fast schon fasziniert beobachtete der kleine Silberne den dunklen Schwarzen, der sich auf Oma Banshee zubewegte. Sie waren so vertraut miteinander – fast so wie Mama Tyraleen und Papa Averic… dann geschah alles so schrecklich schnell. Es war verwirrend für den Welpen.
„Ich weiß nicht …“ , flüsterte er leise.
Doch kaum einige Sekunden später hörte er seine Mama, die dem Schwarzen all die Namen seiner Geschwister nannte, auch den seinen und sie alle vorstellte. Turién reckte seinen Kopf um Acollon ganz sehen zu können. Er sah sehr krank und schwach aus, doch steckte auch noch eine Kraft in ihm, die ihn früher wohl sehr mächtig gemacht haben musste. Und nun merkte er auch, dass diese Kälte, die er zu spüren vermochte, von diesem Wolf ausging. Es machte ihm Angst und faszinierte ihn zur gleichen Zeit. Doch das war so unsinnig.
„Wieso kommt er denn dann erst jetzt? Nur um wieder zu gehen…?“
Er schüttelte leicht seinen Kopf. Er verstand die Logik der Erwachsenen nicht, sie waren so seltsam. Sie verhielten sich so kompliziert, dabei könnte alles doch so einfach sein. Die naive Denkensweise eines kleinen Rüden.
„Aber das ist gut. Dann muss Oma Banshee nicht alleine sein! Obwohl sie nicht alleine ist…“
Der traurige Gesichtsausdruck der kleinen Rüden verlieh seinem Satz einen seltsamen nachklang, bevor er seinen Kopf wieder sinken ließ, ihn zwischen Caylee und Nerúi legte und sich so geborgen fühlte. Er schluckte hart, seine Kehle war trocken, und seit der Ankunft seines Opas, den er nun zum ersten und zum letzen Mal in seinem Leben sah, war auch dieses kalte Gefühl im sein Herz nicht gewichen. Er hatte etwas mitgebracht. Er hatte etwas mitgebracht, etwas endgültiges, etwas Besiegelndes.
Er hatte das Ende mitgebracht.
Der Schlamm hatte sein einst weißes Fell mit einem wohligen dunkelbraun überzogen, hier und da ein wenig hellbraun. Sah man genauer hin, konnte man sogar das Grün vereinzelter Blätter erkennen. Das Ganze wurde abgerundet durch einige wenige Steinchen, die dem Ganzen die nötige Struktur verliehen. Mit der Schnauze im Dreck blickte er zu Satori auf.
„Toll siehst du aus“
Das Grinsen seiner Gefährtin wurde mit einem Augenrollen beantwortet, auch wenn ihn die Vorstellung, wie er nun wohl aussah, absurderweise selbst in dieser Situation zum Schmunzeln brachte. Die aktuelle Situation war alles andere als zum Schmunzeln. Jikken schüttelte kurz den Kopf, ihm war etwas schummrig vor Augen. Dieser furchtbare Takashi hatte ihn quer durch den Wald gejagt und nun hatte er seinen Vorsprung dadurch zunichte gemacht, dass er hier einfach rum lag, sodass Takashi nun einfach zu ihm rüber spaziert kam. Dieser hatte wohl auch einiges von der ganzen Aktion davon getragen. Er musste wohl einen ähnlichen Anblick wie Jikken selbst bieten. Doch bei Takashi kam noch ein wenig rot ins Spiel, das machte das Ganze irgendwie farbenfroh. Der schwarz, braun, rote mit allerlei Geschenken des Waldes bestückte Rüde, Takashi, starrte grimmig von oben auf ihn herab. Satori schwieg, wich einen Schritt zurück. Man sollte meinen, Jikken sollte dasselbe tun, doch das tat er nicht. Man sollte meinen, das schmunzeln sollte von seinen Lefzen weichen, doch auch das tat er nicht. Im Gegenteil, das Schmunzeln wurde zu einem breiten Grinsen, das Grinsen zu einem leisen Lachen, bis Jikken lauthals in Gelächter ausbrach.
„Na toll, jetzt hast du wohl endgültig den Verstand verloren, was?“
Bei genauerer Betrachtung würde wohl jeder zu diesem Ergebnis kommen, aber Jikken war das in diesem Moment so ziemlich egal. Er lag lachend von Schnauze bis Rute im Dreck.
Von oben herab betrachtete der einst pechschwarze Takashi den ebenfalls völlig schlammbeschmierten Jikken. Irgendwas schien hier nicht mit rechten Dingen zuzugehen, denn der Rüde, der da im Matsch lag, schien wirklich noch über die ganze Aktion zu lachen! Ja, er lachte wirklich! Takashi konnte seinen tiefblauen Augen einfach nicht glauben. Das, was er da nun vor sich sah, konnte nicht real sein. Allmählich schien der normalerweise Schwarze unruhig zu werden.
.oO(Na was soll das denn jetzt? Spinne ich etwa oder was ist hier los? Nach der ganzen Aktion hier lacht der da einfach noch? Liegt da hilflos im Dreck und lacht! Darf doch nich’ wahr sein!)
Unsicher taumelte er ein oder zwei Schritte zurück, bis er wieder sicher auf seinen Pfoten stand. Langsam schüttelte er nur den Kopf, als wäre er verwirrt, und zog dabei die Augenbraue hoch. Kurz danach machte sich auch schon großes Entsetzen in ihm breit. Denn Takashi hatte bis jetzt jeden Wolf, auf den er traf, in Angst und Schrecken versetzen können. Doch dieser hier, dieser komische Jikken, lachte einfach nur noch darüber. Er lachte ja nicht einmal leise und zaghaft, nein! Er lachte so unverschämt laut – bis wo würde man ihn wohl hören? Eigentlich war dieser Jikken ja ganz harmlos und würde Takashi körperlich wohl kaum etwas zufügen können. Jedoch schien sein verhalten alles andere als nur eigenartig zu sein. Auf eine gewisse Art und Weise war es schon unheimlich.
“Spinnst du? Was soll das?“
Fragte Takashi mit ein wenig Verzweiflung in der Stimme. Unsicher zuckten die Ohren des schlammbeschmierten Rüden nach hinten und kurz danach wieder nach vorne.
„Was gibt es bitte jetzt noch zu lachen?“
Satoris kalte Frage ging in seinem Lachen unter. Aber war da denn jetzt überhaupt noch etwas, weswegen man noch lachen konnte? Jikken war diesem bedrohlichen Rüden so ziemlich schutzlos ausgeliefert. Großartig zu Wehr setzen konnte er sich gegen ihn bestimmt nicht wirklich effektiv. Einfach reden hatte ja auch nicht funktioniert, was sollte er nun also tun? Heulen, verzweifeln, aufgeben? Heulen, um Mitleid zu heucheln? Ob das funktionieren würde? Das kam in Satoris Gegenwart sowieso nicht in Frage. Verzweifeln und aufgeben angesichts einer aussichtslosen Situation? Das würde nicht wirklich Sinn ergeben, so war Jikken einfach nicht. Lachen war sowieso viel schöner. Anderes kam folglich auch nicht für diese Situation in Frage, also lachte er einfach weiter.
In diesem Augenblick fragte ihn dieser furchterregende Rüde doch tatsächlich, was das sollte und ob er denn spinne. Das war nun wirklich zu viel. Erkannte Takashi das denn nicht?
„Das fragst du noch?“, brachte Jikken zwischen den Lachern hervor. Auf einmal war er wieder todernst, die Ohren aufgestellt, den Kopf emporgehoben, die Rute still am Boden, für den Augenblick wohl angemessen wollte man meinen. „Nun ja, wir rennen durch den halben Wald, tragen eben diesen auch noch mit uns herum, und mir zumindest tut alles weh… Und warum das Ganze?“, Jikken ließ eine kurze Pause, „Tja, keine Ahnung“.
Erneut fing er an zu lachen, den Kopf und die Rute fröhlich wie ein kleiner Welpe im Schlamm schüttelnd. Er konnte den gespielten Ernst einfach nicht mehr beibehalten. Satori zog missbilligend eine Augenbraue empor. Jikken bemerkte dies nicht, es interessierte ihn im Augenblick auch nicht. Ob er sich über Takashi lustig machte? Auf eine gewisse Art und Weise hatte das zumindest den Anschein. Über die Folgen dessen hatte Jikken sich noch keine Gedanken gemacht, der Moment war auch viel schöner, als das, was da kommen würde.
Für einen Moment blickte Takashi zur Seite, sodass er Jikken nicht ansah, und schüttelte den Kopf, während er nur leicht genervt die Augen verdrehte. Was war dieser Jikken bloß für ein durchgeknallter Typ? War er einfach nur dämlich und albern oder gar auf eine gewisse Art und Weise gefährlich? Durfte man ihn unterschätzen oder nicht? Konnte man ihn überhaupt einschätzen? Jedenfalls war er sehr eigenartig, das stand schon mal fest! Langsam blickte der große Rüde wieder in die Richtung Jikkens. Dieser lag noch immer Matsch und schien sich darin sehr zu vergnügen.
.oO(Was macht der denn die ganze Zeit da unten? Ein bisschen Erde, was vom Regen aufgeweicht wurde…meine Güte, muss das eine Besonderheit sein! Wo kommt der überhaupt her? Naja wo soll auch schon so einer herkommen? … Und verarschen tut er mich auch weiterhin? Oder was soll das da?)
Dachte der Rüde mit den tiefblauen Augen und wusste nicht einmal mehr, wie er in Jikkens Richtung blicken sollte. Denn angeblich konnte sich Jikken gar nicht vorstellen, warum sie vorhin wie die Irrsinnigen durch den Wald gejagt sind. War denn die Antwort nicht offensichtlich? Wohl anscheinend nicht. Handelte es sich hier etwa um ein Missverständnis? Nun stand er sprachlos da, den Rüden im Matsch musternd. Jetzt wusste er nicht einmal mehr, ob er nun wütend sein oder gar lachen sollte.
“Was tust du da?“
Fragte Takashi ungläubig, zog erneut die Augenbraue hoch und wartete auf eine Antwort.
Shania nickte nur stumm als Nightmare über seine Einsamkeit redete und damit festlegte, was das Rudel für eine Bedeutung hatte. Sie wollte ihm keine unnötigen Worte schenken, wollte mit einem Schweigen und einem stummen Nicken zeigen, dass sie ihn verstanden hatte, ihm aber trotzdem helfen würde die Tatsachen zu ändern. Das Lächeln auf ihren Leftzen schien in der Dunkelheit das einzige Strahlen zu sein, das Licht am Ende des Tunnels und ihre Schnauze stupste leicht die des schwarzen Rüden an um ihn zu zeigen, dass sie auf jeden Fall immer da sein würde. Dennoch änderte es nichts an diesem Moment. Sie lauschte dem Wind, der irgendwelche unverständlichen Botschaften mit sich brachte, ließ das Schweigen zwischen Nightmare und ihr aber wirken. Die Frage nach seiner Familie schien alles andere als einfach zu sein für den Rüden, sie sah im Augenwinkel, wie sich das Fell sträubte, glaubte zu verstehen das es nicht einfach war für ihn zu erklären, was ihm widerfahren war im Leben, was er von den Wölfen hielt die sich seine Familie schimpften. Ihre Augen waren nachdenklich, dennoch leuchtete die leichte Hoffnung darin die ihm Mut geben sollte zu reden, den Schmerz nicht zu verschlucken. Er war nicht allein. Die Stille durchflutete sie beide, schien wie eine Welle zu versuchen sie beide zu verschlingen, aber Shania ließ es mit Sicherheit nicht zu, würde Nightmare wie einen Welpen am Nackenfell tragen und beschützen. Und erst dann, als sie kurz davor war zuzupacken und ihn zu schützen, da sprach Nightmare und durchbrach die Stille, das Schweigen, die Angst das es noch schlimmer werden konnte. Es klang alles andere als erleichtert, seine Augen wirkten verträumt und ernst zugleich und Shania seufzte leie.
"Tut mir leid, dass ich gefragt habe. Aber lass mich dir etwas sagen..", fing sie an.
Shania hob den Kopf an, ihre Schnauze hatte sich etwas erhoben und sie sog die wunderschöne Nachtluft an. Ein liebevoller Blick galt dem Rüden neben ihr und sie rieb kurz ihre Schnauze an seinem Hals, dann deutete sie ihm an, in den Himmel zu schauen.
"Dein Vater ist der Wind, deine Mutter die Kälte und dein Bruder der Schnee? Dann sind sie doch alle bei dir, nicht wahr? Dein Vater umspielt jedes Mal dein Fell, flüstert dir die Geschichten jener Wölfe zu und erzählt dir Legenden, von denen du dir wünschst, dass sie wahr sind. Deine Mutter lehrte dir, zu frieren und doch genießt du diese Kälte doch, möchtest nicht immer ohne sie sein und suchst sie. Und wenn dein Bruder der Schnee ist, dann folgst du jeden Winter seiner Spur, nicht wahr? Wenn der Schnee vom Himmel fällt, schauen wir ihn sehnsüchtig an, weil wir uns selbst darin wiederfinden, Nightmare. Sie haben dich nicht verlassen, auch, wenn du das denkst..."
Die Weiße lächelte den Rüden an, der dann auf ihre Familie zu sprechen kam. Sie wollte ihm erklären, was ihre Familie für sie bedeutete, indem sie in seine Welt eintauchte, denn es gab so viel was man da loswerden konnte. Und warum sollte sie verschweigen?
"Meine Familie?", sie lächelte, "Sie ist auch immer bei mir. Meine Eltern leben zwar noch, doch es scheint mir, als wenn sie wie meine Geschwister mich mit jedem Sonnenstrahl küssen und mir mit jedem Mondschein den richtigen Weg weisen. So auch meine Welpen, die mittlerweile zu hübschen Jungwölfen herangewachsen sind. Sie sind immer bei mir, in meinem Herzen...obwohl ich sie verlassen habe.."
Die Fähe senkte kurz den Blick, fixierte den Boden unter ihren Pfoten. "Und der Wolf, den ich einst geliebt habe, wird mit jedem Regen, mit jeder Pfütze, jedem See immer bei mir sein. In jeder Flut werde ich sein Lächeln sehen und wissen, dass er mich nicht für immer verlassen hat."
Shania stupste Nightmare an, sah dann suchend voraus: "Ich spüre, dass wir gleich da sind, ja?"
Er hätte es eigentlich wissen, es kommen sehen müssen. In dem Augenblick, da es ihn überwältigte, lag es so glasklar vor seinen Augen. Im nächsten Moment war es fast vergessen, rückte in den Hintergrund - verdrängt durch den inneren Kampf, der in Jakash entfachte. Der junge Rüde hatte sich etwas zurückgezogen, um seine Großmutter in ihren letzten Momenten nicht zu bedrängen, während der Rest ihrer großen Familie sich noch ein letztes Mal verabschieden wollte. Er hörte die liebevollen Worte und spürte, wie ein Gefühl der Leere sich in ihm ausbreitete. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, dass selbst seine Trauer überlagerte. Seine Großmutter würde sterben. Gleich. Bald. Unabwendbar. Und es fühlte sich so unendlich falsch an. Jakash musste den Blick abwenden, doch seine Augen irrten nur ziellos umher und fanden keinen Punkt, an dem sie sich festhalten konnten. Zumindest bis Averic die Lichtung betrat, an seiner Seite ein riesiger, hagerer schwarzer Wolf. Jakashs Augen wurden sofort von dem Hünen angezogen - und plötzlich schien ein gewicht in seinem Inneren zu kippen. Mit einem Mal bogen sich die Sträucher selbst im dichten Unterholz unter dem lautlosen Tosen des grauen Sturms, dessen ruhiges Zentrum die Lichtung bildete. Die beiden Ankömmlinge glühten im satten Schwarz, als würden ihre Körper das Licht der Umgebung aufsaugen. Im starken Kontrast dazu war das weiße Leuchten Banshees, das jedoch fast blass wirkte gegen das strahlende Weiß ihrer drei Schülerinnen, die unweit von ihr standen. Jakash musste unwillkürlich die Augen zusammenkneifen und dem Drang widerstehen, einen Schritt zurück zu weichen. Überhaupt hatte er sich im gleichen Moment verkrampft und wagte nicht, auch nur einen Muskel zu rühren - trotz der Kälte in seinem Innern konnte er die Angst vor dem spüren, was er vielleicht unternehmen mochte, wenn er sich jetzt diesem... diesem Gefühl hingab. Dies war der Todesabend seiner Großmutter - ein Moment, der glücklich trotz der Trauer sein sollte. Auf keinen Fall, auf gar keinen Fall durfte er ihre letzten Momente zerstören!
Sein Blick folgte den glühenden Wölfen, bis sich die konträren Farben trafen. Er spürte, wie sich seine Lefzen kräuseln wollte, wie sein Blick hart wurde. Jakash rührte sich noch immer nicht. Vielleicht ging es vorbei, wenn er nichts tat, wenn er sich nicht hingab. Vielleicht würde dann auch niemand etwas bemerken. Er wollte nicht, dass Banshee ihn so sah ...
Er hatte ihr verziehen, er hatte es in der Sekunde getan als er davon erfahren hatte, als es sich ihm zeigte. Vielleicht hätte es Liebe zerstören sollen, vielleicht Hass schüren müssen. Doch das Einzige was der Hüne in diesem Moment gefühlt hatte war reine Zuneigung. Banshee war seine Gefährtin, war von jeder Schuld befreit – so wie sie auch ihn von seiner Schuld freigesprochen hatte. Es war doch nur ein Handeln auf seine Abwesenheit gewesen, es war nur der verzweifelte Ruf nach Nähe und Schutz und die Hilfe eines grauen Freundes. Die matten Augen suchten den Hain ab und fanden den Rüden, der seiner Gefährtin in den schwersten Zeiten zur Seite stand. Mit großer Gewissheit hätte der Todessohn diesen Wolf in Stücke gerissen, stünde er nicht so kurz vorm Tode, würde er nicht erkennen was noch wirklich zählte. Und das waren bestimmt keine Kämpfe, keine Auseinandersetzung, keine Verschwendung von hasserfüllten und hohnvollen Worten. Nicht mehr jetzt, nicht im Augenblick des Abgangs. Nicht vor Banshee, nicht vor seinen Kindern, nicht vor seiner Familie. Nicht mehr in diesem Leben, nicht im nächsten oder darauf folgenden. Nein, er würde dem Zeitwächter kein Fellhaar krümmen, ihm keine Predigt halten und auch sonst verschonen. Die Güte eines kaltherzigen Wolfes. Welch Satire auch in den letzten Atemzügen noch stecken konnte – erstaunlich! Ein leises Kopfschütteln, der Blick glitt wieder zu der schönsten Wölfin dieser Erde. Ein leichtes Nicken, ein kurzes Zwinkern. Keine Sekunde brauchte sie an seiner Zugehörigkeit zweifeln, konnte sich seiner Liebe sicher sein.
“Gewiss, mein Herz“, Worte, die wieder nur leise gesprochen waren.
Seine Aufmerksamkeit – die langsam zu verschwimmen drohte – lag wieder auf seiner weißen Tochter, die ihre Welpen in voller Freude und stolz vorstellte. Das leichte Lächeln wurde schief und der getrübte Blick wanderte wieder über die kleine Bande der so unterschiedlichen Welpen in denen er sich zum Teil wiederfand. Für Nachfolger war gesorgt. Für ein Leben in Harmonie und Eintracht (und ein wenig Chaos und Zerstörung, ganz ohne Fenris war die Welt eben nicht schön genug).
Er wurde vorgestellt und wieder wurden die Gesichtszüge weicher. Es kostete immer mehr Kraft sich auf den Pfoten zu halten und auch wenn er wusste, dass seine Familie ihm eine Schwäche verzeihen konnte, so hielt er sich tapfer und kostete noch einmal von dem wohligen Geschmack der alten, schönen Zeit. Einer Zeit, in der hätte schon begreifen können, dass er genau hierher gehörte. Es war sein Leben, sein Platz. Verpasste Chancen waren genau das, was die Meisten unter ihnen auszeichnete und prägte. Sein Fehler war groß, die Einsicht dafür um so geschmackvoller.
“Ich bin froh, dass Du mir nicht böse bist, Tyraleen. Es erleichtert mir das Herz, nimmt mir allen Groll und gibt uns die Möglichkeit einen Blick auf die Zukunft zu legen. Auf Deine Welpen. Wunderbar. Jeder Einzelne so wertvoll und erhellend“, tatsächlich legte sich ein leichter Glanz in die trüben Augen. Und als seine weiße Tochter ihm ins Ohr pustete, lachte er noch ein letztes Mal auf, hustete wieder fürchterlich. Nur das schiefe Lächeln hielt sich, gegen jeden trüben Gedanken, gegen jede Vorahnung auf das Ende.
Ihre Worte in Fenris´ Ohren! Natürlich würde der Hüne stolz auf jeden Einzelnen sein, würde die Wege seiner Kinder und Ekel und dessen Kinder behüten und beschützen. Sein Stolz reichte für die nächsten Generationen. Er war stolz auf seine Familie. Stolz darauf, dass Banshee so lange durchgehalten hatte, stolz darauf, dass Averic einen (seinen) Weg gefunden hatte, war froh über Nyotas Anwesenheit und erfreute sich an jedem Welpen. 'Du wärest ein wundervoller Opa, ich bin mir sicher. Aber … natürlich kannst du Mama nicht alleine lassen. So müssen auch wir schon wieder auf Wiedersehen sagen', und damit hatte sie Recht. Es war an der Zeit wieder einmal 'lebe wohl' zu sagen. Wie schmerzlich auch dieser Verlust immer sein mochte, er eröffnete neue Wege.
“Du hast Recht. Ich kann und werde Deine Mutter nicht alleine lassen. Meine Zeit ist gekommen und ich werde mich von dieser Welt entfernen, aber nicht aus Deinem Herzen – da bin ich mir sicher. Leider blieb uns nie viel Zeit und auch jetzt werde ich nicht mit den Sekunden hadern. Zu schwach mein Körper, zu viel was ich noch sagen könnte. Manchmal reicht das Schweigen und das Wissen um den Zuspruch derer, die man liebt. Verzeih´ mir, dass ich nicht mehr klar sehen kann, verzeih´ mir, dass ich mich nicht mehr so offensichtlich freuen kann. Es ist der Tod, der an mir nagt. Doch einem kannst Du Dir sicher sein, liebste Tochter: ich bin stolz auf meine Kinder, stolz der Großvater einer solchen Bande gewesen sein zu dürfen“, auch wenn nur für so kurze Zeit. Das reichte, mehr war ihm eh nicht geschenkt.
Das Geräuschumfeld wurde immer dumpfer und der Hüne konnte nur am Rande die Worte seiner Tochter Parveen verstehen, bekam noch die liebreizende Antwort von Nyota zu hören. Doch er schaffte nicht mehr als das schiefe Lächeln, welches er immer trug. Auch in der Sekunde. Die grauen Augen wurden immer matter und die Standfestigkeit ließ nach. Wieder ein fürchterliches Husten, wieder ein Schwall Blut. Es war an der Zeit. Er wollte ruhen, wollte noch einige wenige Sekunden mit Banshee verbringen, bevor sie in Ewigkeit vereint sein würden. Er hoffte, man würde ihm verzeihen, dass er nun nicht mehr sprach, dass er nur den Blick durch die Runde schweifen ließ. Langsam trat er zurück, an den Platz, an dem er immer gehört hatte. Der schwarze Leib taumelte, doch fanden die Pfoten das erstrebte Ziel. Langsam ließ er sich an die Seite seiner Gefährtin nieder, schützte sie mit der restlichen, verbliebenen Kraft. Ihr Körper wurde kälter und seiner tat es ihrem gleich. Den Kopf bettete er vorsichtig, liebevoll auf ihren schlanken Hals.
“Lebt wohl“,
hauchte er leise. Seine Stimme immer noch dunkel, rau und von diesem unbändigen Stolz sprechend. Würde man von ihm erzählen, so würde man erwähnen müssen, dass er auch zum Schluss noch lächelte und voller Stolz (dem richtigen) war.
Seufzend und schwer atmend sog er den süßlichen Duft ein, der ihn so lange in einem Leben voller toller Dinge begleitet hatte.
“Nun müssen wir sie alleine lassen, mein Herz“, er sprach, als seien sie schon allein. “Aber mache Dir keine Sorgen: sie tragen unser Erbe.“
Der ungleiche Blick wanderte von Shani zu seiner Schwester und wieder zurück. Die schmerzhafte Vorahnung festigte sich und brach durch die undurchsichtigen Schleier der Lüge hindurch. Einen Moment japste der weiße Welpe auf und verschloss sich darauf hin wieder in seine Gedanken. Aus einer reinen Angewohnheit zählte er seinen Herzschläge, hörte auf den Rhythmus seines eigen Blutkreislaufes. Es war Alles nur eine Blende, keine Wirklichkeit mehr. Alles musste seine Richtigkeit haben, Alles musste geordnet in einer Reihe stehen. Nichts von den Dingen durfte sich aus seiner Pfote lösen. Das Leben hatte seine Reihenfolge und die musste strickt eingehalten werden,. Und er war es, der die Fäden für dieses – sein – Leben zog. Es durfte nicht anders sein, es durfte keine andere Ordnung geben. Alles bestand aus Zahlen – eine Zahlencode, den nur er kannte. Die Anderen würden ihn nicht erkennen, würden nicht verstehen, was Ciradán verstand. Es gab den Tod nicht und niemand starb. Weil es die Zahlen sagte, weil er es so wollte. Ja, so war es gut, so war es richtig.
Ein leichtes, verwirrtes Lächeln legte sich auf die kleinen Lefzen des Welpen.als seine Schwester ihn von der kleinen Gruppe entfernte. Er lief ohne zu murren, ohne Fragen. Er vertraute auf diese einzige Richtigkeit, auf die wahre Wahrheit. Egal, was seine Schwester ihm auch sagen mochte, er wusste: sie brauchte keine Angst haben, denn er wusste Bescheid und würde das Leben schöner machen. Dem Paradies ein Stückchen näher. Das wollten sie doch alle: das Paradies erreichen. Und er würde eines erschaffen, für sich und für sie. Für all jene, die es wollten, für all jene, die er liebte.
Ihre Worte klangen fern und irgendwie lustig. War redet Liel denn da? Sie brauchte doch keine Geschichten erzählen. Papa war nicht tot! Er saß doch mit Mama unten am See. Und die Geschwister durften noch ein wenig spielen, aber sollten aufpassen. Und Ciradán würde auf seine Schwester aufpassen – denn er kannte die Formel zum ungetrübten Glück.
“Aber nicht doch!“, das Lächeln wurde zu einem Grinsen.
Alles an ihm schien in prächtiger Laune. Das freudige Gesicht, die kleine Rute, die hin und her schwenkte. Nur das blaue Auge sah getrübt und matt in das Gesicht seiner Schwester. Schwesterchen, Du brauchst keine Angst haben, ich bin doch bei Dir! Wer erzählt Dir solche Lügen? Wer wagt es Dir Angst zu machen? War es wieder Krolock? Höre nicht auf ihn, Liel, er will Dir nur Angst machen. Das tut er auch ständig mit mir. Aber ich höre nicht mehr darauf. Alles sinnlos. Mama und Papa haben gesagt, dass sie auf uns am See warten werden – wir dürfen also noch spielen!
“Willst Du spielen?“, Traum und Realität vermischten sich auf eine grausame Art und Weise. Kein Unterschied, kein Boden, der ihn mehr hielt.
Nur zwei kleine graue Pfoten hatten sich auf seine weiße gelegt. Er spürte die Zärtlichkeiten seiner Schwester. Er musste sie doch trösten – schließlich hatte Krolock wieder Unsinn mit ihr getrieben. Irgendwann würde es Ciradán reichen und er musste dem schwarzen Bruder klar machen, dass er nicht so mit Liel umzugehen hatte. Das gehörte sich nicht und Mama würde fürchterlich traurig sein, wenn die Geschwister nicht zusammenhalten würden. Und Mama sollte ja nicht traurig sein, so würde der Weiße also für Ordnung sorgen.
“Am See warten sie“, er lächelte seiner Schwester aufmunternd entgegen. Na los! Lass uns zu ihnen laufen. Vielleicht erzählt uns Papa noch eine Geschichte und wir können uns an Mama kuscheln.
Er legte den Kopf etwas schief. “Ein so schönes Wetter!“
Nyota hatte nun mehr geschwiegen - Amúr schien vorerst beruhigt, die Welpen aber von Acollons Ankunft nicht weniger verunsichert und aufgeregt wie die Jungwölfe selbst - weder Jakash und seine Schwestern noch die jetzigen Welpen hatten Acollon je gesehen - und jetzt war er plötzlich da, so plötzlich, wie ihre Schwester starb. Einfach so, weil der Weltenlauf es so wollte. Weil es so sein musste. Und weil das alles auch für sie bald zuende sein würde. Mit Acollon war noch jemand zu ihnen gekommen, so sehr Nyota ihn auch hatte ignorieren wollen. Der schwarze Rüde hatte Fenris mitgebracht, und Nyota glaubte dessen Atem so nah zu spüren, als gelte ihr selbst sein Ruf, und nicht ihrer Schwester. Kälte floss einen Moment lang durch ihre Venen, doch dann wand Banshee sich an sie, und mit jedem Wort rannen neue Tränen Nyotas Wangen herab. Der schwerste Gang stand ihr erst noch bevor - jetzt. Die Augen voller Tränen drückte sie ein letztes Mal ihr Gesicht gegen das ihrer Schwester, strich mit der Zunge über ihre Schnauze und ihren Kopf - ganz so, als könne jede Berührung ihre Wärme in sich aufnehmen, und Banshee auch dann noch wärmen, wenn sie längst nicht mehr an ihrer Seite wäre. Ganz so, als könnte ihre Schwester ihre Berührungen auch dann noch spüren, wenn jedes Gefühl aus ihrem Körper wich. Ihr Hals schmerzte, es gelang ihr kaum die Schnauze zu öffnen, und sie rang um jedes Wort. Es war alles so lange her - selbst Gestern schien eine Ewigkeit entfernt.
"Ich werde immer bei dir sein, Schwester"
Versprach sie leise, jedes Wort mühsam hervorgebracht, unter den Tränen, die ihre Stimme ersticken wollten. Zögernd erhob sie sich, mit langsamen Bewegungen, und leckte Banshee noch einmal über die Nase. So langsam wie sie ihre Läufe streckte, wand sie auch den Kopf zu den Welpen, senkte ihn zu ihnen herab. Sanft stupste sie die Kleinen an, leckte ihnen um die regennassen und salzigen Schnauzen.
"Kommt"
Sie sprach leise, bedeutete den Welpen jedoch mit dem Kopf, ihr zu folgen, und tat dann ein paar Schritte von ihrer Schwester fort, ohne den Blick wirklich von ihr zu lassen. Sorgsam achtete sie darauf dass jeder der Welpen ein paar Schritte Abstand gewann, genauso wie die Erwachsenen, die sich so eng um ihre Schwester geschart hatten. Ihre Augen fanden sogleich zu denen ihrer Schwester zurück, die trotz nur weniger Pfotenlängen Distanz, viel zu weit fern schien - und doch jeden Herzschlag näher zu kommen schien. Es war alles gesagt - Nyota hielt sich mit den Augen an ihrer Schwester fest, als könnte jeder Blick Fenris von ihr vertreiben - und sie wusste doch, dass es vorbei war. Die Welt, die ihr zerbrach, war die Welt, die die Welpen wieder aufbauen würden.
'Ich liebe dich'
16.01.2010, 14:35
Caylee hatte sich verkrochen gehabt, eingebuddelt zwischen Neruí, Turién und Banshee hatte sie nicht mehr zugehört und –gesehen. Nur immer wieder eingeatmet, den süßen Geruch ihrer Oma gerochen, ihrer Stimme gelauscht, ohne die Worte zu verstehen und ihre weiches Fell gespürt, das noch gemütlicher war, als ein Berg voll Moos. Und das wollte was heißen, Caylee liebte es, sich in Moos zu legen. Aber daran verschwendete sie keinen Gedanken, sie versuchte sich ganz auf den Moment zu konzentrieren, sich alles zu merken, sie wollte es nie nie vergessen, das hatte sie Oma versprochen. Und je mehr Wölfe von ihrer Familie dazukamen, desto besonderer fühlte sich der Moment an, alle kamen, alle wollten nie vergessen. Und dann kam noch jemand, aber der passte nicht ins Bild. Als erstes merkte das Caylee an den anders gewordenen Bewegungen Banshees, irgendwie kraftvoller. Da hatte sie schon den Kopf aus dem Fellgemisch genommen und sich umgesehen. Tatsächlich war da ein Wolf, bei Papa, den sie noch nie gesehen hatte. Nur Oma schien sich riesig über ihn zu freuen und plötzlich kam auch Mama und begrüßte ihn mit „Papa“ – aber das war doch Averic? Ach nein, der war ja nur Caylees Papa … und natürlich noch der von ihren Geschwistern. So wie Tyraleens Mama Banshee war, obwohl sie ja Caylees Oma war. Aber … wenn ihre Mama nun den fremden Wolf Papa nannte … dann war der ja ihr Opa! Verwirrt sah sie zu dem seltsamen Wolf hinauf, neben sich hörte sie auch Neruí verblüfft fragen. Das war also der Gefährte von Banshee, so wie Averic der Gefährte von Tyraleen war. Das war alles so kompliziert … die Kleine hatte nicht einmal gewusst, dass sie einen Opa hatte. Sie hatte auch nie darüber nachgedacht, irgendwie war es selbstverständlich gewesen, dass da nur Banshee war. Auch Turién neben ihr begann sich zu regen und stellte nun eine sehr vernünftige Frage. Warum kam denn nun ihr Opa? Gleichzeitig stellte Tyraleen sie alle vor und Caylee versuchte ein erstes, zaghaftes Lächeln zu dem großen schwarzen Rüden, als ihr Name fiel. Danach wandte sie sich schnell wieder zu ihrem Bruder und sah ihn hilflos an.
“Vielleicht konnte er nicht früher kommen, weil er noch etwas ganz Wichtiges tun musste.“
Was dieses Wichtige sein könnte, konnte sich die Weiße nicht vorstellen, aber eigentlich war das auch nicht so wichtig. Denn Mama freute sich so sehr darüber, dass dieser Acollon aufgetaucht war, dass sich Caylee einfach mitfreuen musste. Auch wenn Oma starb. Und ihr Opa nun wohl auch. Sie drückte sich stumm an ihren Bruder und nickte ganz leicht, sicher war es so gut, wie es war, genau das sagte nämlich Banshee schon die ganze Zeit. Und Caylee glaubte ihr, das hatte sie immer getan und würde sie auch immer tun. Sie hatte sich an ihrem großen, seltsamen Opa noch nicht sattgesehen, als Oma Bani etwas von fortgehen sagte und Tante Nyota plötzlich aufstand. Warum mussten sie denn jetzt gehen? Sie sollten nicht bei Oma liegen, wenn sie starb, das hing sicher mit Fenris zusammen … Caylee verstand schon, aber es machte sie dennoch traurig. Mit hängendem Köpfchen richtete sie sich auf und schlüpfte aus den Umarmungen ihrer Geschwister. Sanft rieb sie noch einmal die Schnauze an der Nase ihrer Oma und schniefte leise.
“Tschüss, Oma“
Fast unsicher verharrte sie vor dem noch immer so schönen Gesicht ihrer Großmutter, dann wandte sie sich schwermütig ab und blieb wieder vor ihrem unbekannten Opa stehen.
“Hallo … Opa. Auf Wiedersehen.“
Sie kam sich doof vor, aber ihr fielen keine besseren Worte ein. Was sollte sie denn schon zu ihm sagen? Sie kannte ihn ja gar nicht, auch wenn er sicher ein toller Vater gewesen war, so glücklich, wie Tyraleen aussah. Auch von ihm wandte sie sich schließlich ab, tappte neben Nyota und sah doch immer wieder zurück zu Oma. Sie gingen zum Glück nicht weit, standen noch immer ganz nahe an Banshee, auch wenn sie sie nicht mehr berühren konnten. An Nyotas Lauf gekuschelt setzte sich die Kleine und sah mit tränennassen Augen zu ihren Großeltern.
Nerúi gefiel die neue Situation nicht. Zuvor hatte sich alles ein wenig entspannt, obwohl es voller geworden war. Die Tränen waren ihr ausgegangen, und die Verzweiflung hatte sie zwischen ihren Geschwistern und an Tante Bani gekuschelt nicht mehr so fest in den Pranken gehalten. Aber dieser Rüde, den Papa mitgebracht hatte - er regte Widerstand in ihr. Mama Nyo und Mama Tyraleen freuten sich, und sogar Tante Bani schien so viel glücklicher mit ihm - aber Nerúi traute all dem nicht. Der Wolf machte, dass sich alles anders anfühlte. So ähnlich wie der Rüde, der nur Papa von Liel, Cirádan und Krolock war. Nur viel stärker. Turiéns Antwort gefiel ihr nicht - energisch schüttelte sie den kleinen Kopf, stieß dabei ihre Geschwister unsanft an.
"Ich glaube, er ist daran Schuld. Er nimmt sie uns weg!"
Flüsterte sie ihren Geschwistern zu, die misstrauischen Augen jetzt nicht mehr von dem schwankenden Hünen lassend. Er war groß, hustete dauernd, und blutete aus der Schnauze - nichts an ihm war vertrauenserweckend, und auch die Reaktionen ihrer Eltern konnten Nerúi nicht beruhigen. Wenn dieser Wolf so toll war, warum war er dann nicht alleine gekommen? Warum war er dann nicht immer dagewesen?! Papa Averic hatte ihn bewacht, als er ihn hergebracht hatte - damit er keinem was antat, genau! Nerúi war vollkommen überzeugt davon dass dieser Wolf böse war - und die letzte Münze viel für sie, als Mama Nyota nun aufstand und sie mitzukommen hieß. Der böse Wolf Acollon vertrieb sie von ihrer Tante! Er nahm sie ihnen weg, er vertrieb sie von ihr - er war Schuld dass sie sterben musste! Sie hatte Turién gar nicht mehr zugehört, sprang nun auf, das Rückenfell vom Nacken bis zur Rute gesträubt. Auch Caylees Worten konnte sie nichts mehr abgewinnen, abermals schüttelte sie den Kopf, sah zu dem bösen großen Wolf hoch, der sich nun an ihrer statt zu Tante Banshee gelegt hatte. In den verweinten Augen funkelte es, die kleinen Zähnchen wurden gebleckt. Egal was alle erwachsenen sagten - sie spürte es doch! Der Wolf brachte was böses! Der Wolf brachte den Tod!
"Du klaust uns Tante Banshee!"
Fuhr sie ihn mit schriller, verzweifelter Stimme an, und machte, ganz im Gegensatz zu Mamas Anweisung, nicht einen Schritt von Banshee weg, sondern drängte sich an sie, versuchte so verzweifelt wie erfolglos den Wolf von ihr weg - und sich selbst zwischen die beiden zu schieben. Neue Tränen kullerten aus ihren Augen, und mit Zähnen und Krallen ging sie nun den Wolf an, um ihn nur weg von Banshee zu bekommen.
"Geh weg!"
Wimmerte sie mit bitterbösem Blick, und krallte sich nun an Banshee fest, so als könnte sie somit verhindern dass sie starb.
"Der Wolf ist böse! Er will dich wegnehmen! Er ist Schuld!"
Schluchzend biss sie sich in Omas Brustfell fest, krallte sich nun im Boden fest, aus Angst, von einem der Großen einfach weggetragen zu werden. Das Gefühl ging nicht weg, was der Schwarze mitgebracht hatte, und Nerúi wurde immer verzweifelter. Alle Worte über das, was nach dem Tod kamen waren ihr wie aus dem Gedächtnis gewischt. Das ungute Gefühl was dieser Wolf mitgebracht hatte konnte nicht zu einem schönen Ort führen. Es würde nicht schön sein, sondern ganz furchtbar! Dessen war sie sich nun absolut sicher.
16.01.2010, 14:41
Schweigend hatte der Todesengel nur da gestanden, hatte eigen Augenblick den Blick zu den Eltern gesucht, hielt für diese Sekunde den Augenkontakt zum Vater, tauschte wortlose Gedanken aus. Es gab nichts mehr zu sagen, nichts zu verkünden, es gab nichts mehr, was von Bedeutung gewesen wäre. Ein Blick sagte meist mehr als tausend Worte. An diese Regel hielt sich die Dunkle, hielt sich an dem Anblick und der sachten Berührung ihrer Mutter fest, als sie das letzte Mal mit ihr gesprochen hatte.
Ein letztes Mal war die Maske gefallen, die ihre Seele verunstaltete und sie zu etwas Dunklem machte. Ein letztes Mal hatte sie den Geruch aufgesogen, dem Klang ihrer Stimme gelauscht, ihre Wärme genossen. Amáya wusste, dass sie sich wohl eines Tages wieder sehen würden, sie alle. Sie wusste auch, dass es ihr bestimmt war, diesen seltsamen Pfad zu gehen, sie wusste, dass sie nicht dorthin zurück konnte, wo sie einst war und von dem sich ihre Mutter wünschte, dass sie zurück kehrte. Allerdings gab es auch keinen Weg auf Fenris Pfaden, keinen Weg, der zum Tod führte. Sie trat weder in den Pfotenstapfen Acollons, noch folgte sie Banshee. Es war ihr Weg, ihr Leben, welches sie von nun an lebte, es war ihre Art, die Dinge zu sehen und zu beurteilen. Das hatte die Schwarze gelernt. Der Blick in die kühlen, stolzen Augen ihres Vaters hatte sie darin bestätigt, sie konnte spüren, dass er, obwohl der Tod an ihm nagte, auch sie fühlen konnte. Eine eigenartige, einmalige Gegebenheit und hätte es die zeit zugelassen, so hätte Amáya gerne mehr Zeit mit ihm verbracht.
Zu spät, Chance vertan. So spielte das Leben. Und das Leben verabschiedete sich jetzt, würde eins mit dem Tod werden. Wiedergeburt, eine neue Generation, würde eine andere Ära einläuten, auf die sie alle gespannt sein durften. Altes ging, damit Neues entstehen konnte. Dennoch konnte das Regenkind seinen Hass und die Wut nicht vergessen. Zu tief war der Schmerz in das Gemüt gebrannt. In dieser Situation jedoch schluckte die Fähe alles herunter, stand ihrer Familie ungerechtfertigt zur Seite. Es wurde ein stummer, schweigender Abschied.
„Nur der Regen weint an deinem Grab.“
16.01.2010, 14:41
Der Blick der weißen Tochter lag nun sorgenvoller auf ihrem Vater. Tyraleen sah die kriechende Schwäche, die sich immer schneller in seinem Körper ausbreitete und hatte plötzlich das Gefühl, ihn nur noch für Sekunden bei sich zu haben. Sein raues Husten und der trübe Blick erinnerten sie schmerzhaft daran, wie er einst ausgesehen und was sein nahender Tod nun aus ihm gemacht hatte. Nur sein schiefes Lächeln hing wie an einem seidenen Faden in seinem Gesicht und hielt sich aufrecht, als könne es über jedes Zeichen des Todes hinwegtäuschen. Aber etwas Wichtiges sah Tyraleen auch, etwas, das ihr trotz allem das Herz aufgehen ließ. Acollon war glücklich. Er genoss es so sichtlich bei seiner Familie zu sein, seine Enkel zu sehen und mit ihr hier zu sprechen, dass die Weiße keine Sekunde an der Richtigkeit des Schicksal zweifelte.
Sanft drückte die Tochter ihren Kopf an die Schulter ihres Vaters, rieb die flache Stirn an seinem Hals und nickte leicht. Mehr als je zuvor war heute auch ein Tag der Zukunft, des Neuanfangs. Alte Wölfe machten Platz für neue, so schmerzhaft es auch gerade für diese war.
“Ja, sie sind die Zukunft … es ist nur so unendlich traurig, dass es in der Zukunft keinen Acollon mehr geben wird. Keinen Vater für mich.“
Sie schluckte und sah zu ihrer Mutter, die ebenso nicht mehr zu der Zukunft gehörte. Sie sprach mit Averic, sah aber nun auch zu ihr, ließ ihren Blick über Sheena und Rakshee wandern. Ihre Worte richtete sie nun nicht nur noch an ihren Sohn und Tyraleen lauschte dem Satz fast ehrfürchtig. Die Liebe bleibt, trotz Leid und Tod und Hass, der Grund der Welt. Nein, sie würde ihn niemals vergessen. Liebe war alles, alles, was sie brauchten, so viel mehr, als Worte, Taten und Macht. Kurz schloss die Weiße die Augen, lächelte dabei aber zu ihrer Mutter und wandte sich dann mit hängendem Kopf wieder zu den glasigen Augen ihres Vaters, der ihr auch jetzt leider zustimmte. Natürlich, auch wenn die Weiße vielleicht irgendwo gehofft hatte, dass er ihre Feststellung verneinen und einfach bei ihr bleiben würde. Aber das war nicht nur unmöglich … es wäre auch falsch. Tyraleen brauchte ihn nicht so sehr wie Banshee ihren Gefährten nun brauchen würde. Deshalb trat sie auch schon einen kleinen Schritt zurück, kippte den Kopf leicht zur Seite, sah ihren Vater noch einmal liebevoll an. Seine Worte hörten sich wunderschön an und doch waren sie eine Verabschiedung. Mit einem kleinen Lächeln und doch Tränen in den Augen berührte sie Acollon ein letztes Mal an der Nase.
“Nein, das wirst du nie. Du wirst immer bei mir sein. Und egal was geschehen ist, jetzt noch passiert oder passieren wird, alles verzeih’ ich dir. Weil ich dich liebe.“
Sie wich noch einen Schritt zurück, sah mit Sorge, wie Acollon taumelte, hustete und beinahe zu stürzen schien. Aber er blieb standhaft, lächelte und legte sich schließlich zu Banshee, dort, wo er hin gehörte.
“Leb wohl.“
Flüsterte Tyraleen ganz leise, spürte, wie ihre Stimme versagte und schloss die Augen. Sie musste nicht sehen, wie Nyota sich erhob und die Welpen folgten. Wie nun alle den Platz an Banshees Seite verließen und sie demjenigen überließen, der sie begleiten würde. Es war richtig so und doch sehnte sich Tyraleen nun danach, noch einmal Banshees Nase zu berühren, durch ihr Fell zu fahren. Die Endgültigkeit nahm ihr den Atem. Und dann kam plötzlich das Chaos. Ein Welpe schrie auf, sofort waren Tyraleens Augen wieder offen, erkannten Neruí, die nun plötzlich knurrte, sich an Banshee krallte und schreckliche Worte sagte. Zuerst wollte die Weiße einem Impuls folgen, zu ihrer Mutter springen und Neruí einfach aus der Luft wegpflücken. Aber dann blieb sie doch stehen, wusste, dass Banshee es Neruí erklären wollte. Dass Banshee so viel Zeit noch nehmen würde. Dass Banshee auch diese Situation meistern würde. Auch jetzt noch, so fern.
16.01.2010, 14:43
Wieder fühlte sich Banshee an die Situation in den Bergen erinnert. Sie lag mittlerweile schon Jahre zurück und doch spürte die Weiße noch die Trauer über den Verlust von drei ihrer Liebsten, die Freude über die Ankunft Acollons und den rasenden Zorn Averics, der sich so plötzlich und überraschend in vollkommene Hingabe verwandelt hatte. In einen Moment, der Banshee klar gemacht hatte, wie sehr ihr Sohn sie brauchte und immer gebraucht hatte und wie viele Gefühle hinter den stechend blauen Augen verborgen lagen. Es war ein Moment voller Wärme – manchmal meinte sie, der wärmste Augenblick im Leben ihres Sohnes – in mitten von Chaos. Er hatte den schrecklichen Tag zu einem sanften Ende gebracht. Er hatte ihr ein Stück weit die Augen geöffnet. Heute war es nur ein Wiederholen des Schwures, eine Erneuerung der starken Bande zwischen Mutter und Sohn. Aber sie war wichtig für die Sterbende, denn sie zeigten, dass sie sich in jeder Sekunde seines Lebens auf ihn verlassen hatte können und es jetzt noch immer konnte. Sie zeigten, dass sie in Averic all ihre Hoffnungen legen konnte.
“Danke, Averic, mein Sohn.“
Sein leises Schuldgeständnis schob sie mit einer kraftlosen Geste ihrer Schnauze fort, wollte sie nicht hören. Sie beide wussten, dass Averic viele Fehler begangen hatte und doch hatte er aus jedem gelernt. Keiner konnte ohne Fehler überleben, nicht einmal Banshee hatte das geschafft. Und so lange sie nie vergaßen, was sie getan hatten, würden sie nicht noch einmal das Falsche machen.
“Vergiss nie, aber verzeihe dir, so wie ich es immer getan habe und immer tun werde. Alles war richtig, alles war, wie es sein musste.“
Sie verharrte wenige Sekunden, den Blick auf seinem ganz leicht lächelnden Gesicht gelegt, glücklich, dass er verstanden hatte. Dann wandte sie endgültig die Augen von ihrem Sohn, kurz irrten sie in die Dunkelheit und blieben dort hängen, als würde sie wirklich sehen, wer dort stand.
“Jakash …“
Nur ein leises Flüstern, ein erspürtes Grollen, schon lag ihr Blick wieder warm auf Nyota, auf ihrer lieben Nyota, der nun aller Schmerz der Welt im Gesicht stand. Die müden Augen Banshees vermochten es kaum noch, der Schwarzen ebenso zu zeigen, dass sie sich nichts mehr wünschte, als ihre Schwester für immer hier an ihrer Seite zu wissen, nur die Sehnsucht, nicht gehen zu müssen lag wie Nebel in der Luft. Stumm genoss sie die letzten Berührungen Nyotas, erwiderte sie sanft und ohne Eile, als sich die Schwarze erhob begleitete Banshees Schnauze die ihrer Schwester, bis sie nicht mehr zu erreichen war und blieb in einer wehmütigen Geste in der Luft hängen. Schließlich sank der Kopf der Weißen langsam zu Boden, blieb dort liegen, als fehle nun mehr jede Kraft für eine Bewegung. Immer langsamer hob und senkte sich die eingefallene Brust der sterbenden Leitwölfin. Während sie spürte, wie Acollon sich zu ihr legte, suchten ihre Augen Akru, fanden ihn nicht und wussten doch, dass er dort draußen saß und zu ihr sah. Auch ihm schickte sie ein letztes „Auf Wiedersehen“ und dachte an die kurze Zeit an seiner Seite. Nicht wehmütig, nicht voller Zorn, sondern glücklich, diese erlebt und hinter sich gelassen zu haben, glücklich, nun Acollon bei sich zu haben. Zärtlich schmiegte sie sich an ihren Gefährten. Leise flüsternd erwiderte sie seine Worte, nunmehr ruhig und ohne Trauer.
“Auch wenn wir gehen, sie sind nicht alleine, ebenso wenig wie wir es sind. Du hast mir das größte Geschenk gemacht, welches nunmehr noch übrig geblieben ist. Du bist bei mir in unserem Tod. Mehr habe ich nie gewollt.“
Müde schloss sie die Augen, spürte wie immer mehr Wärme verloren ging, von den Welpen, die Nyota folgen, von ihrem eigenen Körper. Sie meinte Fenris zu sehen, wie er auf sie zukam und doch war überall um sie her Engaya, ließ sie nicht alleine und gab ihr die Gewissheit, dass Fenris zwar Banshees Leben nehmen würde, aber ihre Seele würde in den Pfoten der Göttin ruhen.
Jäh und erschreckend zerriss ein Schrei die lähmende Ruhe, ein kleiner Körper drückte sich zitternd an sie, so fest und dicht, als hätte sie Angst, dass Banshee sie wegstoßen würde. Banshees Augen – nun wieder geöffnet .- fanden Neruí, die sich wild knurrend und ihre kleine Zähnchen bleckend an sie drängte, die Augen wütend auf Acollon gerichtet. Wie ein Tuch, nur schwer wie ein Stein legte sich die Trauer über Banshees Gesicht, nahmen ihr jedes Lächeln und jedes Strahlen.
“Neruí …“ Ihre Stimme war zu schwach, um lauter zu sprechen. “… kleine Neruí, du irrst dich.“
Traurig wanderte ihr Blick über den zitternden Welpenkörper, verließ ihn und blieb an den Augen Nyotas hängen.
“Acollon ist gekommen, dass ich nicht alleine bin. Er lässt sein Leben für mich, ohne ihn, würde ich genau so gehen müssen, nur einsam und ohne einen Wolf, den ich liebe, an meiner Seite.“
Ihre Zunge fühlte sich schrecklich schwer an, wollte keine Worte mehr sprechen und doch konnte sie Neruí nicht einfach wegschicken, wollte niemanden sie holen lassen. Ihre kleine Nichte sollte verstehen, sollte Acollon als ihren Onkel nicht als bösen Todesbringer in Erinnerung behalten, auch wenn diese Eigenschaft schon immer zu dem Schwarzen gehört hatte. Nicht aber heute. Heute war er ein Engel, der ihr Liebe brachte.
“Bitte, Neruí … es ist nur noch so wenig Zeit. Ich kann dir nur noch ein Lächeln schenken und wünsche mir, eines von dir zu sehen. Geh zu deiner Mutter, schau, sie wartet auf dich. Und dann werde ich wieder kommen und deinen Weg mit Sonne erhellen.“
Zuletzt hatte sie die Augen wieder geschlossen, schwach lag ihr Körper da. Nur eine Träne irrte durch ihr Fell und tropfte auf Neruís Stirn.
16.01.2010, 14:44
Jetzt wurde es chaotisch. Eben noch war Shani auf in ihrem ganz persönlichen rosa Himmel angelangt – trotz allem Leid, hatte sie eine wundervolle Aufgabe bekommen – und seit dem kam ein Wolf nach dem anderen zu ihnen und machte die Situation schwierig. Zunächst Cirádan, den sie gesucht und erhofft hatten, auch wenn er nun wohl Liels Antwort verhinderte, was schade war. Aber das war zu verkraften, so wie es aussah, würde Shani noch viel Zeit mit der kleinen Tochter Kaedes verbringen dürfen. Dann aber war plötzlich eine schwarze Wölfin aufgetaucht und zu Shanis eigenem Entsetzen, hatte sie sie erkannt. Das war doch Hiryogas Schwester, oder? Sie war sich nicht sicher und Parveen schien sie auch nicht zu erkennen, aber die Weiße hatte schon immer ein gutes Gedächtnis gehabt … diese schwarze Wölfin roch nach Parveen, sah aus wie sie und tauchte nun einfach hier auf, nach so langer Zeit, nach dem Tod ihres Bruders, nach der Ankündigung Nyotas. Shani war noch ganz von der Rolle, starrte Parveen stumm an, als diese sich schon wieder umdrehte und davonrannte. Offensichtlich hatte sie die Witterung ihrer Familie aufgenommen – nichts anderes hätte Shani ihr geraten. Aber es kam noch besser … nun tauchte plötzlich Lunar auf – Lunar! Lunar! ihr geliebter Bruder! – und hatte einen weiteren Welpen im Maul. Unschlüssig starrte Shani auf die kleine Fellkugel und fühlte sich überfordert. Nun tauchte ihr Bruder einfach so auf, nach langer Zeit, in der er sich fast schon von ihr ferngehalten hatte und brachte ihr einfach einen Welpen mit. Zudem sah dieser gar nicht gut aus, abgemagert und zitternd, die Augen halb geschlossen … ganz so, als wolle er diese Welt schon wieder verlassen. Aber Shani hatte jetzt keine Zeit, sie musste jetzt für Liel und Cirádan da sein, ihr neuer kleiner Schützling sah schon jetzt so aus, als wäre er ganz und gar unzufrieden mit der Situation. Kein Wunder, alles stand um sie herum, dabei musste sie nun ihrem Bruder eine schreckliche Nachricht überbringen. Aber Liel hatte wie immer eine Lösung. Charmant auf ihre Welpenart verkündete sie, etwas Wichtiges besprechen zu müssen und zog ihren Bruder schon fort, bat Shani zu folgen. Und natürlich würde die Weiße das tun. Etwas gehetzt wandte sie sich an ihren Bruder.
“Du musst ihn warm halten.“ Sanft aber etwas eilig schob sie den halbtoten Welpen zwischen Lunars Läufe. “Ich weiß nicht, ob er es überleben wird.“
Kurz hielt sie noch den Blick mit ihrem Bruder, fragte ihn nicht, warum er nie da gewesen war und doch lag Wehmut in ihren Augen, dann wandte sie sich ab und folgte ihren beiden Schützlingen. Als sie neben Liel trat und ihre Schnauze zu den beiden Welpen hinabsenkte, hatte die gerade fertig gesprochen und fuhr ihrem Bruder nun tröstend aber ein wenig hektisch mit der Zunge über die Schnauze. Ciradán wirkte seltsam. Shani konnte es erst nicht deuten, aber dann erkannte sie ein Lächeln. Ein wenig verklärt, irgendwie abwesend, aber der kleine Bruder Liels lächelte auf diese schrecklichen Worte hin. Shani schluckte, fühlte sich unwohl hatte plötzlich das Gefühl, dass etwas ganz schrecklich schief lief. Ciradáns Gesicht verzerrte sich zu einem Grinsen und jagte damit der Weißen einen Schauer über den Rücken. Er glaubte es nicht. Er wollte spielen. Sie warten am See? Er träumte. Bildete sich ein, seine Eltern würden noch leben. Die tannennadelgrünen Augen der Weißen huschten zu Liel, fragten sich, was diese furchtbare Reaktion in der kleinen auslösen würde und wusste doch nichts dagegen zu tun. Sie fühlte sich schrecklich hilflos, Ciradán schien wie gefangen.
“Ciradán.“ Sie flüsterte. “Du träumst. Wach auf, Ciradán.“
Sachte stupste sie den Weißen an und erwartete doch nicht, dass es irgendetwas bringen würde. Lieber musste sie sich um Liel kümmern, konnte sie doch keine Reaktion ihres Schützlings auf diese Situation vorstellen. Sanft fuhr sie mit der Zunge über den grauen Pelz, drückte ihre Schnauze an den kleinen Kopf und flüsterte in das winzige Ohr.
“Sei nicht traurig, Liel. Ciradán träumt. Er ist verwirrt, es ist zu viel passiert, heute. Lass uns einfach bei ihm bleiben. Er sollte schlafen, vielleicht kannst du ihn dazu bringen. Ich werde über euch wachen.“
16.01.2010, 14:46
Acollon fuhr mit der Schnauze an Tyraleens Hals entlang und küsste sie am Ende auf die Nase. Diese Zukunft, die auf sie wartete mochte ohne einen Vater für sie sein und ohne einen Opa für ihre Welpen, aber dafür würde anderes kommen. Neues, auf das sie sich freuen würde. Ihr Verzeihen zauberte wieder ein Lächeln in sein Gesicht.
“Dein Verzeihen bedeutete mir alles. Lebe wohl, meine kleine Tochter.“
Er ließ sie zurücktreten, sah Caylee entgegen, die nun plötzlich vor ihm stand, ihn begrüßte und verabschiedete und davonwuselte. Auch über sie musste er lächeln, sie verstand noch so wenig und doch nahm ihre Generation nun seinen Platz ein. So war es gut. Als er sich zu Banshee legte, ihre Stimme ganz nahe an seinem Ohr hörte, schloss er glücklich die Augen, übernahm er den langsamen Herzschlag seiner Gefährtin und genoss die Schwäche, die sich langsam in seinem Körper ausbreitete.
“Niemand sonst hätte dieses Geschenk verdient.“
Denn nur Banshee stand es zu, an seiner Seite zu sterben, ebenso wie niemand anderes an ihrer Seite hätte sterben dürfen. Es war perfekt, so wie es die Götter gewollt hatten. Den Gruß seines Vaters hörte er bereits und die Gewissheit, nun am Ende angekommen zu sein hatte etwas Tröstendes. Er spürte, wie Banshees Atemzüge immer langsamer wurden, passte sich ihnen an, übernahm die stille Ruhe und schreckte dann ebenso auf wie sie, als die Welpenstimme den Frieden durchbrach. Er hätte auf die Vorwürfe hin gegrinst, wäre das Gesicht seiner Gefährtin nicht so endlos traurig. Die kleine Tochter Nyotas hatte ein aufmerksames Auge, so ganz Unrecht hatte sie schließlich nicht, aber jetzt war es natürlich wirklich nicht an der richtigen Zeit Acollons Bestimmung aufzuwerfen. Banshee versuchte ihr Möglichstes, den Welpen zu beruhigen, der Schwarze selbst wusste nicht so genau, was er nun sagen sollte. Zustimmen wäre sicher nicht gut, widersprechen konnte er aber auch nicht so leicht, zudem hatte Banshee ja schon alles gesagt.
“Neruí, du bist eine sehr schlaue junge Dame. Aber jetzt hat Banshee Recht … ich bin nur ihre Begleitung, gekommen, dass sie nicht alleine gehen muss. Ich glaube, sie wäre sehr traurig, wenn du mich von ihr fortscheuchen würdest.“
17.01.2010, 20:47
Ihr Bruder folgte ihr voller Vertrauen, das machte die Worte noch schwerer und härter, die Liel ihm danach gesagt hatte. Doch zum Glück kam Shani auch gleich zu ihnen und wieder fühlte Liel sich von einer tiefen Dankbarkeit umhüllt.
Sie beobachtete Ciradán genau, sie wusste nicht, wie er reagieren würde, hatte sich innerlich aber auf einen Zusammenbruch eingestellt, sie hatte gedacht, dass der kleine Welpe vor Trauer zerrissen werden würde, doch vorerst geschah nichts.
Liel fragte sich mittlerweile schon, ob er ihre Worte gar nicht vernommen haben mochte, doch schon wollte sie erneut ihre Schnauze öffnen um die schicksalsschweren Worte erneut zu sprechen, da fing Ciradán an zu grinsen. Liel blinzelte verwirrt. Doch wirklich, ihr kleiner Bruder grinste sie wahrhaftig an. Es gab keine Möglichkeit dies auf ihren eigenen verstörten Zustand zu schieben, denn nun sprach Ciradán Worte, fröhliche Worte, die Liels ganzes Leben noch mal auf den Kopf stellen sollten.
Mit jedem weiteren Wort was der kleine Rüde sprach, wurden Liels Augen ein kleines bisschen größer und ihre Trauer wurde immer ein kleines bisschen mehr zu einem Gemisch aus Wut, Verzweiflung und Angst um den Bruder. Was war nur los mit ihm, er musste verwirrt sein, sie hatte doch ganz genau gesehen wie ihr Papa gestorben war. Sie war doch dabei gewesen, als er in den Fluss gelassen wurde.
Aber vielleicht hatte ihre Fantasie ihr wirklich nur einen Streich gespielt. Warum sollte Ciradán so etwas reden, wenn es nicht der Wahrheit entsprach. Er würde sie doch niemals anlügen, sie waren doch Geschwister und liebten sich.
Die kleine Stirn runzelte sich angestrengt auf der Suche nach der wahren Seite der beiden Geschichten. Schließlich konnte einer von ihnen beiden nicht die Wahrheit sagen. Außer sie selbst war vielleicht auch gestorben, zusammen mit Ciradán. Dann konnte sie von dem Tod Urions erzählen und er konnte sie am Ufer sitzen sehen, eben weil sie dort saßen und darauf warten mit ihnen zusammen zu Engaya zu gehen. Fast schon konnte Liel ihre beiden Eltern vor sich sehen, gemeinsam, ihnen zulächelnd, an einem schönen, klaren See. Ja, Ciradán musste recht haben.
Doch dann sprach Shani, redete davon, dass Ciradán träumen würde und jäh wurde Liel aus ihren Gedanken gerissen.
Also waren ihre Eltern doch tot und sie selber noch am leben. Also hatte Ciradán sie die ganze Zeit über angelogen, hatte ihr seine Geschichte aufbrummen wollen und gleichzeitig Krolock als Bösewicht dargestellt.
Zorn über diese Ungerechtigkeit wallte in ihr auf. Ciradán träumte nicht. Er war verrückt. Und böse. Eindeutig, das konnte doch jeder sehen.
Blind vor Trauer und Angst bellte sie ihren über alles geliebten Bruder an.
Unbedachte Worte die nur darauf aus waren jemand anderen zu treffen und zu verletzen, die nur versuchen einen in seinen eigenen Abgrund zu stürzen.
„Lügner, Ciradán du bist ein Lügner, du bist Verrückt. Hör auf davon zu reden, sie sind tot, alle beide. Und Krolock ärgert mich nicht, genauso wenig wie er dich ärgert. Du bist krank, lass mich in Ruhe, ich möchte nicht von dir angelogen werden. Ich möchte nichts mit dir zu tun haben“
Damit drehte sie sich um, es war alles gesagt und getan. Doch ihre Wut war nicht verfolgen, mit tieftraurigen Augen blickte sie zu Shani, ihre tröstenden Gesten hatte sie über sich ergehen lassen, doch sie war viel zu aufgewühlt um sich von ihnen beruhigen zu lassen.
Dankbar strich sie mit ihrer Schnauze ganz rasch über die der großen Fähe, dann wand sie sich ab und begann zu laufen. Sie musste nachdenken. In Ruhe. Alleine.
[Shani und Ciradán- Allein. Ende.]
17.01.2010, 22:17
Nerúi war rasend vor Wut, panisch und verzweifelt. Wenn sie ihn wegscheuchen würde, würde Tante Banshee nicht sterben! Nein nein! Tränen rannen aus den wütenden Augen, und der schwache klang von Banshees Stimme war wie ein Schlag, der ihr auf der Stelle allen Grimm aus dem Gesicht wischte - ihr Ärger wurde erschlagen von der Mühe, die jedes Wort Banshee zu bereiten schien, und von der verzweifelten Trauer in ihrer eigenen Brust. Schon bereute sie ihren Vorstoß, der ihre Tante solchen Schmerz zu bereiten schien. Einen hilflosen Schritt zurücksetzend wand sie den Blick, sah hinter sich die traurigen Augen ihrer Mama Nyota, und sah sofort zu Acollon, als er zu sprechen begann. Sie verstand die Welt nicht mehr - aber sie hatte das doch gespürt! Und jetzt war Tante Bani so traurig ihretwegen! Mit eingekniffener Rute tapste sie nocheinmal zu den beiden großen Wölfen heran, versuchte sich erfolglos an dem Lächeln für Banshee.
"..tut mir Leid"
Ihre Stimme war jetzt nicht mehr lauter als die von Banshee, ihr Klang war erdrückt von der Trauer die auf ihren Schultern lastete, und schleichend zog sie sich nun zurück, senkte nach ein paar Schritten den Blick, und wand sich schließlich um, und rettete sich zu Mama Nyota und zwischen deren Pfoten - ihr schlechtes Gefühl war nicht verschwunden - bloß die Wut war von dem Leid davongespült worden, gelöscht von der Trauer die sie hervorrief. Unsicher glitt ihr Blick zu den anderen, die Mama Nyota gleich gefolgt waren - hatten sie denn alle nichts davon gespürt? Ihr Blick fand ein weiteres Mal zurück zu Banshee und Acollon. In ihren Tränen spiegelte sich Endgültigkeit.
[Hain | Nyota, Chardím, Atalya, Caylee, Turién, Chanuka, Amúr, Avendal, Tascurio]
19.01.2010, 12:42
Den müden Blick weiterhin mühsam auf Neruí haltend, flutete Erleichterung Banshees Herz, als sie den brechenden Widerstand in den Augen ihrer Nichte sah. Sie konnte in diesen letzten Momenten nicht wissen, ob Neruí tatsächlich verstand, ob sie Acollon nun plötzlich als guten Engel der Liebe ansah, aber sie war auch nicht mehr dazu fähig, sich darüber Gedanken zu machen. Immer stärker spürte sie die Kraft schwinden, als würde der tosende Sturm sie mit sich reißen. Geräusche wurden immer leiser, die Bilder, die ihre Augen ihr schickten, immer verschwommener. Nur noch undeutlich sah sie Neruí näher kommen, erkannte unscharf ihr Bemühen um ein Lächeln und erfreute sich daran, egal ob es der Kleinen gelang. Den Worten, die nicht lauter als ihre eigenen waren, konnte sie noch ihre Bedeutung zuordnen und schenkte der Tochter Nyotas dafür ein Lächeln.
“Verziehen, Neruí … leb wohl … aufmerksame, schlaue … Tochter.“
Sie wusste nicht, ob man die Worte hören konnte, ob sie nur ein leises Flüstern waren, ob der Wind sie in Fetzen riss. Sie war nur froh, sie noch sprechen zu können, nun die Augen schließen zu dürfen, zu wissen, dass sie alles so zurückließ, dass es irgendwo gut war. Acollons warmer Körper neben ihr erzeugt die Illusion von vergangenen Tagen, als sie oft nebeneinander gelegen hatten, am Sternensee, am Rudelplatz, überall … gemeinsam. Sie war fast ein wenig erstaunt, dass sie keine Bitterkeit auf ihrer Zunge schmeckte, dass sie der Zeit nicht nachtrauerte, auch nicht in Gedanken wie „Was wäre gewesen, wäre Acollon früher gekommen?“ verfiel. Es war nun einfach alles gut, alles so, wie es hatte sein sollen. Und sie war glücklich. Ein Glücksgefühl, welches sie so nicht kannte, da es in keinster Weise dem fröhlichen Hüpfen von plötzlicher Freude gleichkam, oder dem schnellen Rutewedeln eines schönen Wiedersehens. Es war Frieden, alles ignorierender, weicher und warmer Frieden. Sie wollte nichts weiter, als hier liegen und ohne Ungeduld darauf zu warten, dass ihr Herz nicht mehr schlagen würde. Nichts war schöner. Nie hatte sie etwas anderes gewollt. Während sie es genoss, wie der Atem Acollons in ihrem Fell spielte, meinte sie die Sonne auf ihrem Fell zu spüren. Sie wollte den Kopf heben und die Augen öffnen, doch er war zu schwer. Aber auch so spürte sie die wohlige Wärme des Lichts und erfreute sich daran, dass der große Himmelskörper noch einmal vor ihrem Tod auf sie hinabschien. Der Frieden wurde noch größer. Dann meinte sie eine schwarze Gestalt zu erkennen, wusste, wer es war und fürchtete ihn doch nicht. Es war auf seine Art schön ihn zu sehen. Sie liebte seinen Sohn, irgendwo liebte sie auch Fenris. Und trotz der Kälte seiner Anwesenheit, die ihr irgendwo bewusst war, blieb der Sonne warm und hell, ließ sich nicht vom Tod verscheuchen. Und plötzlich wurde alles hell. Sie sah eine weite Einöde und doch wuchsen auf ihre Blumen, sie sah dunkle Wolken und doch strahlte die Sonne am Himmel, sie spürte kalten Wind und doch war ihr warm. Und am Horizont, fern und klein, kamen zwei Gestalten – Seite an Seite – auf sie zu. Die eine war schwarz wie die Nacht, schien jedes Licht in seiner Nähe aufzusaugen wie ein Schwamm und von ihm schien der eisige Wind auszugehen. Die andere strahlte Licht und Wärme, ihren Schultern entwuchsen Flügel der Liebe und unter ihren Pfoten sprossen Blumen. Die beiden Wölfe waren Gegenteile und doch überdeckte das Licht nicht die Dunkelheit, verscheute die Kälte nicht die Wärme. Banshee erhob sich, war federleicht. Auch Acollon stand an ihrer Seite, lächelte und gemeinsam begannen sie den beiden Gestalten entgegenzulaufen. Immer näher kamen sie sich, Banshee sah jetzt das leuchtende Schimmern im weißen Fell ihres Gegenübers, Acollon musste die Kälte des Schwarzen längst entgegengeschlagen sein. Jetzt waren sie so nahe, dass die Sterbende die Augenfarbe der Göttin erkennen konnte – es waren alle Farben dieser Welt. Keine einzige schien zu fehlen, alle verwoben und im Einklang miteinander. Und dann hatten sie sich erreicht, keiner stoppte den Lauf, sie müssten zusammenstoßen und doch gab es keinen Aufprall. In dem Augenblick, da die Schnauzen der zwei Wölfe die des anderen Paares berührten, war alles Licht und alles Dunkelheit, sie gingen ineinander über, verschmolzen, wurden eins.
“An eurer Seite …“
Wie ein Windhauch wehten die Worte zu der zurückgelassenen Familie. Das Herz der Weißen hatte aufgehört zu schlagen, alles stand still. Banshee war tot und doch war das Leben überall.