Atalya
27.12.2009, 13:16

Recht zügig aber erschreckend unauffällig hatte der Winter den Herbst verdrängt. Die Wölfe vom Tal waren so ganz anderes gewohnt, der Herbst in den Bergen war schon wie ein harter Winter gewesen, doch jetzt begannen die Temperaturen immer tiefer zu fallen, die Schneedecke wuchs und wuchs und ein Problem begann sich bemerkbar zu machen. Durch die Kälte froren zuerst die kleinen Bäche, die von dem Gletscher in den See flossen ein, dann begann sich eine Eisschicht über dem Gewässer auszubreiten, bis sie so dick und undurchbrechbar wurde, dass es plötzlich kein Wasser mehr gab. Aus Schnee zu trinken war mit einem Mal lebensnotwendig und noch immer bereitet es einigen Wölfen erhebliche Probleme. Die Wölfe, die schon ewig keine Höhle mehr betreten hatten, mussten sich nachts und wenn der Wind stärker wurde, in der Grotte am Rande des Gletschers verkriechen. Sie war groß und von dem Atem vieler Wölfe auch verhältnismäßig warm. Zudem bot sie nicht nur vor dem Wind Schutz, sondern auch vor Lawinen, die immer wieder von den noch höheren Bergen dem Tal entgegenstürzen und so schnell zur tödlichen Gefahr wurden.
Die Welpen waren weiter gewachsen und erinnerten immer mehr an Jungwölfe, ihre älteren Geschwister dagegen wurden unaufhaltsam erwachsen, unterschieden sich kaum noch von den anderen Mitgliedern des Rudels.
Die Nacht neigt sich dem Morgen, hinter vielen Schneeflocken und irgendwo über den Wolken geht gerade eine Sonne auf, der Sturm in der Nacht hatte die Wölfe in die Höhle getrieben, jetzt hat er nachgelassen und nur leichter Schneefall schränkt die Sicht ein. Es ist bitterkalt, in der Höhle nicht viel weniger als draußen, die Wölfe liegen eng beieinander.


Banshee erwachte aus einem schmerzhaft verwirrenden Traum. Sie war in einem Tal gewesen, das dem Tal der Sternenwinde ähnelte, aber überall war Schnee und Eis und mit einem Mal waren Lawinen gekommen, hatten sie gejagt und sie war gerannt, so schnell sie konnte. Nie wurde sie erwischt, aber nach einander waren Wölfe aufgetaucht, zuerst Cylin, dann Ayala und Merawin, auch Acollon und Nygero waren unter ihnen gewesen, sie alle wurden von den Lawinen verschluckt, bis sie in eisiger Stille zurückgeblieben war. Jetzt beruhigte sie der Anblick von einer eher friedlich daliegenden Schneelandschaft, auch wenn sie sie sonst so hasste. Tief einatmend setzte sie sich auf, sie fror, jedoch nicht so stark wie sonst, nur eine unangenehme Nässe hatte sich in ihren Pelz gesetzt. Sie schüttelte sich, wurde das Gefühl so aber auch nicht los. Unruhig tappte sie zum Höhleneingang und sah hinaus in das nur noch leichte Schneetreiben. Der Eingang war viel zu groß, sie hätte sich aufgerichtet auf den Rücken einen großen Rüden stellen können und wäre gerade so mit der Pfote an den oberen Rand gekommen. Durch den großen Durchgang zog so viel von der wertvollen Wärme nach Draußen, wo sie von den heißhungrigen Eiskristallen aufgesogen wurde wie das Licht von Schatten. Sie fuhr sich in einer wehmütigen Bewegung mit der Pfote über die Schnauze, seit sie hier oben waren machte sie sich Gedanken und Sorgen, sie fraßen sich in ihr Herz und in ihren Kopf, vergifteten ihren ganzen Körper. Zu wenig zu Fressen, zu wenig Wasser, zu wenig Schutz, zu kalt, zu großer Höhleneingang, zu nasse Höhle, zu gefährlicher Gletscher, zu viel Schnee … ihr wehmütiger Blick hing wie betäubt in der Schneelandschaft während sie ihr Tal vor sich sah, zwischen den wispernden Bäumen in einer Zeit, in der Sorgen so weit fort gewesen waren. Erst viele Herzschläge später löste sich ihr Blick und glitt zu ihrem Rudel. Wie so oft war sie einer der ersten, der erwacht war und wie immer hatte sie in dieser Zeit zwischen Wach und Schlafend mit ihren melancholisch stummen Gedanken verbracht, bevor wieder so viele zu ihr kamen und etwas wollten, sich in Gefahr begaben oder irgendetwas passierte, das ihre volle Aufmerksamkeit bedurfte. Das war ihr Leben … und, trotz allem, sie liebte es. Mit einer fließenden Bewegung sank sie zu Boden und lehnte sich leicht an das Eis des Höhleneingangs, es war bitterkalt, aber sie spürte es kaum. Mit einem sanften aber abwesenden Lächeln sah sie in die Schneelandschaft und wartete darauf, dass etwas passieren würde, in dem festen Wissen, dass es nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.

Nyota hatte sich zur Nacht hin neben ihrer weißen Schwester niedergelassen, den Kopf auf eine von Banshees Pfoten gebettet und ihr noch einen sanften Blick geschenkt bevor sie die Augen geschlossen hatte. Die Nacht war kurz gewesen, kurz und kalt. Immer wieder war sie aufgewacht, hatte den verschlafenen Blick über das Rudel gleiten lassen, welches zum größten Teil ihre leibliche Familie darstellte, und war mit einem leisen Murmeln wieder eingeschlafen. Das ständige Aufwachen würde sie sich wohl mit der Zeit abgewöhnen, aber allein unterwegs war soetwas sehr praktisch.
Als sie nun die Augen öffnete, und hinter dem schneeverhangenen Höhlenausgang die ersten rosafarbenen Sonnenstrahlen auf dem Himmel ihr Muster hinterliessen, lag ein Lächeln auf ihren Leftzen.
Was auch immer sie geträumt hatte, es war wohl wunderschön gewesen...

Doch mit gnadenlos kaltem Griff wurde sie von der Kälte und der Leere in ihrem Bauch in die Realität zurückgerissen. Wie lange hatte sie nun nichts gefressen? Es war schon eine ganze Zeit her. Und wenn es ihr schon so schwer fiel, wie hielten die - nunja, Welpen konnte man kaum noch sagen - Jungwölfe es dann aus, die doch noch im Wachstum waren und so viel mehr an Energie benötigten?

Ihr Blick wanderte zu Sheena herüber, Amáya und Tyraleen streifend, an Daylight vorüberziehend, auch zu Averic sah sie herüber. Von den anderen Jungtieren hatte sie noch keines so richtig kennengelernt, aber das würde die Zeit mit sich bringen... Die gelben Augen funkelten lächelnd zu Banshee herüber, und sie streckte den dunklen Leib auf dem kalten Boden aus.

"Guten Morgen Banshee"

klang es sehr leise, um die anderen nicht zu wecken,

"Ich möchte heute jagen...weißt du wo ich hier etwas finden kann?"

fragte sie, und ihr Blick glitt wieder in Richtung Himmel, der inzwischen in ein wundeschönes Farbenspiel aus flüssigem Gold und zart-pastellartigem Rosa übergegangen war. Und das alles hinter einem sanften Schleier beständig fallenden Schnees...


Nienna hatte sich für die lange und kalte Winternacht ziemlich weit und dicht an der Felswand nieder gelassen und lag ziemlich allein da, sodass sie das fast ganze Rudel überblicken konnte. Die Schwarze lag immernoch verschlafen in der Höhle und blinzelte mit ihren Augen in denen sich das Licht der Morgensonne reflektierten. Die mehr oder weniger kleine Fähe musste immer wieder an dieses Menschenkind denken. Wo sie wohl war, was sie gerade macht, ob sie wieder ein Wolf sei und vorallen Dingen ob sie überhaupt noch lebt. Nienna legte ihre Pfoten übereinander streckte den Kopf in die Luft und schaute über viele Köpfe die ihr eigentlich ziemlich bekannt aber trotzdem Fremd vor kamen. Wieder musste sich Nienna an die seltsam klingenden Worte des Menschen erinnern und ihre Lefzen zogen sich grinsend nach oben. Sie findet es einfach lustig wie ein Mensch die Sprache der Wölfe spricht. Die Fähe wollte aufstehen aber ihre Beine und Pfoten waren zu kalt dafür, sie blieb erst noch einen Moment wach liegen und blickte über das Rudel. Sie sah eine große Fähe welche etwas erschrocken schaute sich dann aber wieder nieder lies und aus dem kleinem Unterschlupf lauerte. Nienna wollte nun auch endlich auf stehen und schon stemmte sie ihre Pfoten gegen den Boden der dabei etwas knirschte wie als ob man einen großen Ast oder Baumstamm durch bricht weil er morsch ist. Sie lauschte den sanften Atem der Wölfe und blickte über alle. Wieder schwief ihr Blick an einer Fähe vorbei welche zuerst aggressiv behandelt wurde aber jetzt die beste Freundin der großen weißen Fähe sei. Als die Grünäugige hörte das man jagen wolle setzte sie vorsichtig ein paar Schritte nach vorn. Nienna hatte schon seit Tagen nichts richtiges mehr zu essen gehabt auser hier und da mal eine kleine Maus. Sie bewegte sich also in Richtung der Schwarzen und blieb nur wenige Meter von ihr entfernt stehen.

"Guten Morgen ihr zwei.."

brachte Nienna hervor, schon fast etwas kleinlaut wofür sie sich etwas schämte. Sie legte ihre Ohren an und blickte aus der Höhle. Es schneit...sie sah die einzelnen Flocken herrunter fallen und wie der Wind die einzelnen Kristalle verwehten und weit über den Gletscher trugen. Nienna vermisste in diesem Moment das Gefühlt der Heimat schlieslich war sie noch nicht einmal richtig in das Rudel gedrehten oder darum gebittet ob sie sich mit auf den Weg machen darf. Aber sie schüttelte sanft den Kopf wie als ob sie den Gedanken aus ihren Kopf schleudern wollte und blickte mit gespanntem Blick zu der weißen Fähe. Ihr Blick war voll hochachtung und doch schaute Nienna verwundert das sie sich überhaupt zu den Leitfähen getraut hatte.


Es war nun fast ein Jahr her, dass die kränkliche Fähe das Rudel der Sternenwinde verlassen hatte. Damals waren die ersten Schneeflocken gefallen und hatten eine sanfte Decke über das Tal gelegt. Jetzt war es wieder so weit. Nur gab es hier den feinen Unterschied, dass der Schnee ihr bis an die Bauchdecke reichte und sie sich über kahle Felsen aus der Kälte retten musste. Seit mehreren Tagen folgte sie einer unsichtbaren Spur in die Berge, getrieben von der hohen Göttin Engaya. Ninniach hatte Rat bei ihr gesucht. Das Leiden ihres Herzens und ihrer Lunge war immer schlimmer geworden und sie wusste nicht was sie machen sollte. In Einsamkeit sterben - dass hatte sie immer gewollt. Doch nun bemerkte die Fähe erst, wie wenig Wille hinter diesem 'Wunsch' lag. Sie wollte es nicht mehr, nicht allein sein. Die Schwarze brauchte etwas, dass ihr Kraft gab und Wärme schenken konnte und so geleitete sie diese unsichtbare Kraft in die Richtung des Rudels der Sternenwinde. Obgleich sie schwach und krank war, eingeschränkt in jeglicher Lebensfunktion, blieben ihre Schritte stark. Sie lehnte sich gegen die Witterung auf. Doch die Kälte und der viele Schnee machten sie allmälich aggressiv.

.oO(Seit Tagen wandere ich jetzt schon und es geht immerzu bergauf. Und was sehe ich? Nichts! Nichts außer kaltem, weißem Schnee! Schnee, Schnee und nochmals Schnee. So sehr ich ihn liebte, so sehr hasse ich ihn jetzt. Wenn er doch nur nicht so verdammt kalt wäre! Jegliches Gefühl in meinen Pfoten ist bereits gewichen - aber ich gebe nicht auf. Aber wenn das so weiter geht... Nein, Ninniach - denk gar nicht erst dran. Einen Unterkühlungstod oder den einer Krankheit; hier draußen - ganz allein?)

Es würde sich nichts daran ändern, dass sie es vermied mit großen Mengen an einem Ort zu kampieren. Doch in der Nähe haben, wollte sie sie doch. Sie brauchte etwas, woran sie sich festhalten kann. Und eben dieser Gedanke trieb sie an. Unerbittlich kämpfte sie sich voran.
Als ihr endlich feine Düfte in die Nase stiegen, die sie zu kennen glaubte... wagte sie den Versuch nach ihnen zu rufen. In der Hoffnung, dass der Schnee ihren Ruf nicht ersticken würde, hob sie die Schnauze in die Luft und stieß ein erbärmliches Heulen aus, das vielleicht zwei Meter weit hallen konnte. Sie senkte den Kopf und schnappte nach Luft. Mit einem tiefen Atemzug hob sie erneut zu einem Rufen an, das wesentlich weiter hallen würde.

.oO(Ich bitte dich, große Göttin. Lass es irgendwen hören; irgendwen!)

Die kleine Wölfin schleifte sich weiter, unter wachsamem Blick, durch die weiße Masse..


Banshees Blick musste nicht zu lange einsam in Schneeflockengewirbel hängen, Nyota hatte sich mit leisen Pfoten zu ihr gesellt und streckte sich nun neben ihrer Schwester aus. Banshee begrüßte sie liebevoll mit einem leisen Fiepen und fuhr ihr knabbernd durch das Nackenfell. Sie mochte diese ruhigen Minuten in denen sie Zeit hatte stumm die Nähe ihrer Schwester oder einer anderen geliebten Person zu genießen. Sie hielten nie lange an, aber dafür konnte sie sie umso mehr genießen. Das Guten Morgen quittierte sie nur mit einem sanften Lächeln, wäre ihr Ironie bekannt, hätte man es vielleicht sogar als ironisch bezeichnen können, so aber war es als hoffend zu deuten, dass der nächste Morgen vielleicht ein guter werden würde. Bei der nächsten Frage Nyotas verblasst das Lächeln aber schnell und machte einem ziemlich hoffnungslosen Gesichtsausdruck platz. Hier oben zu jagen war eine Qual. Beutetiere hatten sich in ihre Höhlen zurückgezogen oder waren gleich tiefer gewandert. Nur mit Glück fand man eine vereinsamte Herde Bergschafe oder –ziegen, Schneehasen waren hier scheuer als eine verängstigte Rike und Mäuse mussten schon längst alle erfroren oder irgendwo unter der Schneedecke sein. Aber jagen musste man und irgendwie hatten sie es bis jetzt ja sogar geschafft, also sollte sie Nyota wohl eher Mut machen, auch wenn ihre Schwester wohl schon längst alle Gedanken in ihren Augen abgelesen hatte.

“Der Schneefall ist schwächer geworden, vielleicht ist heute wirklich eine gute Gelegenheit gekommen. Wenn du lange herumziehst könntest du möglicherweise die Witterung von Bergschafen oder Bergziegen aufnehmen. Schneehasen könnten hier auch irgendwo sein. Ansonsten kann ich dir kaum helfen, wir sind noch zu kurz hier oben, kaum länger als du. Treib die Beute auf den Gletscher, dort finden ihre Hufen keinen Halt.“

Sie verstummte und dachte nach, aber ihr fiel nichts mehr ein, was sie ihrer Schwester noch raten konnte. Die wenigen Male, die sie erfolgreich auf Jagd gewesen waren, hatten nur Erfolg durch Zufall und Glück gehabt. Sie schüttelte leicht den Kopf, wollte Nyota damit aber keines Falls umüberzeugen, dass sie jagen gehen wollte, erleichterte Banshee, denn irgendwer musste wohl oder übel, wenn sie nicht verhungern wollten. Ihr Blick blieb dankbar aber ratlos an ihrer Schwester hängen, dann glitt er langsam über das Rudel.

“Nimm ein paar Wölfe mit. Vielleicht auch jüngere, auch sie müssen lernen und kräftig werden. Frag oder ruf einfach ein paar, ich werde aber hier bleiben müssen.“

Sie blinzelte leicht, als wie auf Befehl hinter dem Rudel Nienna Singollo auftauchte und fast ein wenig ängstlich auf sie zu kam. Die Schwarze war ebenso gewachsen wie ihre eigenen Welpen, eine noch kleine und etwas verschüchterte Jungwölfin. Banshee schenkte ihr ein warmes Lächeln und warf Nyota einen fast auffordernden Blick zu.

“Guten Morgen, Nienna. Möchtest du mit jagen gehen?“

Sie war wahrscheinlich noch vollkommen ohne jegliche Erfahrung und ihre Hilfe bei der Jagd würde nicht sonderlich groß ausfallen, aber sie sollte auch in erster Linie lernen und wenn Nyota richtig mit ihr umgehen würde, wäre das sicher kein Problem. Nyota war Leitwölfin … gewesen? … also würde sie das können, in diesem Punkt vertraute sie ihrer Schwester … so wie in fast allen anderen auch. Ein fast unhörbarer Laut lenkte sie ab, ihr Kopf schnellte in die Höhe und die Ohren drehten sich nach vorne. Da war er noch mal, nicht viel lauter, aber jetzt konnte sie es als ein Wolfsheulen identifizieren. Sie blinzelte, sogar die Stimme meinte sie zu kennen, konnte sie aber nicht zuordnen. Es klang schwach und kränklich, zermürbt und am Ende seiner Kräfte. Weitaus kraftvoller und bemüht leitend antwortete sie und versuchte mit lockenden Tönen dem armen Wolf dort draußen den Weg zu der Höhle zu leiten. Möglicherweise war der Fremde schon die ganze Nacht im Freien, er musste schon halb tot sein. Sie stupste Nyota ganz sachte an, die ruhigen Stunden waren vorbei, sie sollte sich zur Jagd aufmachen, bevor mit dem Fremden und einem wachen Rudel wieder alles unübersichtlich werden würde.


Das zärtliche Knabbern Banshees lies ein ruhiges Lächeln auf ihre Leftzen schweben. Die Ruhe die sie beide nun füreinander hatten würde nicht lange währen. Mit einem Schmunzeln beobachtete die Dunkle die Veränderungen in Banshees schönem Gesicht während sie sprach, und lies ihr kaum die Zeit zum Antworten, bevor sie selbst wieder das Wort ergriff.

"Natürlich wird es furchtbar, in diesem Schnee zu jagen kann kein Vergnügen sein. Aber wer wenn nicht ich sollte sich mit solchen, zwar unschönen aber lebensnotwendigen Aufgaben befassen? Du selbst Liebes kannst ja keinen Schritt tun ohne belagert zu werden. Bis ich wieder mit dir jagen kann, werden Äonen vergehen müssen."

Sie sagte es fröhlich, mit neckischem Klang, doch was in ihren Augen lag verriet wohl ihnen beiden wie gerne sie es wieder tun würde. Aber war es nicht immer so gewesen? In dieser Position gab es einfach keinen Moment der Ruhe sobald das Rudel erwachte.


"Und würde ich versuchen dich mitzunehmen"

fügte sie hinzu, um die trüben Gedanken zu verscheuchen,

"so würde ich damit ein ganzes Rudel hinter mir herschleifen und jedes Tier verscheuchen"

schloss sie lächelnd, bevor sie sich an Nienna wand, die mit leisem Gruß dazugekommen war.

"Guten Morgen"

meinte sie lächelnd, und lies einen schnellen Blick über das Rudel gleiten, das zum größten Teil noch im Schlaf lag.

"Es wäre schön wenn du mich begleiten könntest"

sie hatte sich wieder an Nienna gewand, und sah nun zu Sheena herüber.

"Sheena würde ich auch gerne mitnehmen, wenn sie möchte...und vielleicht stellst du mir noch einen erfahreneren Jäger an die Seite, Schwesterherz? Ich selbst kann ja nicht sagen wer von ihnen geschickt darin ist."

Mit einer schnellen Bewegung erhob sie sich, wand den Kopf dem Höhlenausgang zu und zog die kalte, klare Luft ein. Es würde ein guter Tag werden, und wenn er noch so kalt war.


Tyraleen lag an Face Taihéyio gekuschelt inmitten der Wölfe und erwachte langsam aus einem traumlosen Schlaf. Leise Stimmen, ein Heulen und das Tappen von Wölfen hatte sie geweckt, vielleicht war es aber auch die Kälte, die sie selbst hier nicht losließ. Ihr schwarzer Pate im Rücken spendete immerhin ein bisschen Wärme, so kuschelte sie sich noch ein wenig enger an ihn und schlug die Augen auf. Am Höhleneingang saßen ihre Mutter, ihre Tante und Nienna, der Rest lag noch immer schlafend oder dösend um sie herum. Sie drehte leicht den Kopf und konnte so Face sehen, dessen Augen zwar geschlossen waren, er aber nicht mehr zu schlafen schien. Die Zeit in der sie ihn nicht hatte ansehen wollen und dieses seltsame Gefühl gespürt hatte, das sie mittlerweile als Eifersucht bezeichnen würde, war zum Glück vorbei. Sie war älter geworden, dass sie nun dem Welpenalter so gut wie entwachsen war, wollte sie nicht so ganz glauben, aber schon an ihren Geschwistern konnte sie sehen, dass sie alle eher Jungwölfen glichen. Damit war die sorglose Zeit vorbei aber so gesehen hatte es diese für Tyraleen sowieso nie gegeben. Sie war nie so übermütig und gedankenfrei wie Daylight gewesen und ihre Mutter hatte selbst gesagt, durch die Flucht in die Berge hatten sie keine normale Welpenzeit verbringen können. Tyraleen war darüber nicht direkt traurig, sie kannte ja nichts anderes und nach Art der Welpen waren die Erinnerungen an das Tal der Sternenwinde langsam verblasst. Schnee und Kälte waren zu ihrer Heimat geworden und auch wenn es bitterkalt war, liebte Tyraleen ihre Heimat. Sie hatte vergessen, wie es sich anfühlte, über Gras zu laufen, wie es sich anhörte, wenn der Wind durch die Blätter der Bäume fuhr und wie es roch, wenn die Sonne einen in der Nase kitzelte. Dafür wusste sie, wie es war, wenn man mit Schnee im Maul trank, wie es sich anfühlte, wenn man von hartem Schnee, über den man schlitterte plötzlich in weichen Schnee fiel und in ihm bis zu den Schultern versank und wie die Sonne zwischen Wolken auf Schneeflocken schimmerte.
Sie rappelte sich langsam auf und sah sich erneut um, auch wenn sich nichts an dem vorherigen Bild geändert hatte. Sie wollte nicht mehr rumliegen, war auch nicht mehr müde, aber zu ihrer Mutter wollte sie auch nicht. Sie schnuffte liebevoll in das Fell ihres Paten und wisperte dann ganz leise in sein Ohr:

“Hab dich lieb.“

und tappte langsam von ihm weg, aus dem Haufen von Wölfen an den Rand und entdeckte Averic, der die Augen ebenfalls geschlossen hatte aber natürlich weit abseits lag. Ob sie zu ihm gehen sollte? Aber was hatte sie ihm schon zu sagen, er war nach wie vor wie ein Fremder für sie. Also vielleicht doch zu ihrer Mutter? Sie war kein dummer kleiner Welpe mehr, sie stellte sich kindisch an, wenn sie sich so verhielt. Einigermaßen entschlossen tappte sie auf die drei Wölfe zu, hielt dann aber mitten in der Bewegung inne. Was sagten sie da? Jagen? Noch Wölfe suchen? Fast hastig machte sie gerade wieder kehrte und flüchtete, alles aber nicht jagen. Sie war zwar erst einmal bei einer Jagd dabei gewesen, aber das war schlimm genug, so etwas würde sie sich nicht noch einmal antun. Ganz automatisch hatte sie den Weg zu Averic eingeschlagen, er lag nicht nur in einer dunklen Ecke, sondern auch noch am weitesten vom Höhleneingang weg. Tyraleen ließ sich mit ein bisschen Abstand neben ihm nieder und versteckte sich dadurch hinter ihm, er war so groß geworden, dass er sie mühelos verdeckte. Sie lächelte ihm schief zu und hoffte dann, dass ihre Mutter nicht auf die Idee kam, gerade sie zu rufen und zum Mitkommen auf zu fordern.


Rasmús durchlebte traumatische Angst. Er hatte sich allein in einen dunklen Winkel der Höhle zurückgezogen, nur manchmal konnte man seine honigfarbenen Augen durch die Dunkelheit aufblitzen sehen. Ein stetes Zittern durchlief seinen Körper, die vollkommen animalische, nackte Angst, die er empfunden hatte, als er am Abgrund gestanden und nach Shani gerufen hatte, war einer beängstigenden Leere gewichen. Vergebens hatte er sich durch den alten, verlassenen Fuchsbau gekämpft. Schnee, Regen und Eis hatten den Gang, je weiter er nach unten kam, immer weniger passierbar für ihn gemacht. Scharfe Eiskanten hatten sich gebildet und gedroht, ihm das Fleisch zu verletzen, sollte er es wagen, siuch an ihnen vorbeidrängen zu wollen. Die Luft war immer kälter geworden, und irgendwann war jeder Atemzug schmerzhaft gewesen, so als ob die Luft in seinen Lungen zu Eis erstarren würde. Unzählige Schnittwunden später und einer Lungenembolie nahe, hatte er gezwungenermaßen aufgeben müssen, wollte er sich nicht umbringen. Der Rückweg war schwierig gewesen. Fast die Hälfte des Weges hatte er rücklings wieder zurückkriechen müssen, ehe der Gang sich kurz in eine Kuhle ausweitete, in der er sich umdrehen konnte. Die Haare verklebt von Eiskristallen, die sein Fell starr wirken ließen, Die Augen halb schneeblind und die Glieder kalt und steif, hatte er sich nicht getraut, noch einmal nach seiner neuen Freundin zu rufen, und zwar als geschlagener Wolf zur Höhle zurückgekehrt.

Nun lag er da, den Kopf auf den Pfoten, wie in Trance. Die Gewissheit, Shani verloren zu haben, und die Ungewissheit, ob es wirklich so war, und ob jemand bei ihr gewesen war... Der Schmerz, so unnütz gewesen zu sein. Dieser Schmerz war schlimmer als seine vom Eis wunden Pfoten, seine Schrammen und das Kribbeln in seinen Läufen, die erst langsam wieder auftauten. Das Schneetreiben draußen interessierte ihn genauso wenig wie die Gleichgültigkeit der anderen ihm gegenüber. Sie kannten ihn nicht, und auch ihm waren sie allesamt unbekannt. Er konnte Tyel nicht entdecken, Shani... Er mochte nicht mehr an die ölfin denken.
Also verdrückte er sich allein in eine Ecke, erlag der Kälte der Einsamkeit bald mit hypnotischer Bewegungslosigkeit und fror, nicht nur ob des Gedanken an Shani, auch, als er die Gemeinschaft der anderen sah, die dicht an dicht zusammengedrängt dalagen und sich leise unterhielten, schliefen oder auch nur unbeschäftigt in Gedanken versanken.

"Was bist du nur für ein Versager, du elender Graupelz. Lässt dich von einer Meute mottenzerfressener Elendiger, die sich Wölfe schimpfen, hierher treiben. Findest deine Schwester wieder. Und verlierst eine gerade neu gewonnene Freundin sofort aus den Augen, weil du Angst um deine eigene Haut hast! Du gehörst nicht in diese Familie! Jeder hier hätte ein besseres Argument als du! Du hättest es schon geschafft, irgendwie in die Schlucht herunterzukommen, wenn du es nur versucht hättest!"

Je weiter er redete, desto lauter wurde er, von einem Flüstern zu einem Schrei. Er tobte, sprang auf, bockte wie ein Pferd, dass man zureiten wollte, wusste nicht, wohin mit seiner Verzweiflung und seiner Wut auf sich. Doch genauso schnell, wie er ausgerastet war, rastete sein Verstand auch wieder ein. Er legte sich erneut in die Ecke der Höhle, das Blut in seinen Adern rauschte zornig in seinen Ohren. Unbefriedigt war seine Tobwut, aber es hatte keinen Sinn.


Nienna's Ohren drehten sich leicht im Wind als eine frische Brise der klaren Winterluft herrein kam. Sie lauschte dem Schneegestöber wärend sie für einen kurzen Augenblick die Augen geschlossen hatte. Doch dann öffnete sie die Augen und ihr Blick wanderte von Banshee zu der schwarzen Fähe.

o°O(Ob ich es sagen soll das ich mit Jagen möchte..und das ich ein ziemlich schneller Sprinter bin mit viel Ausdauer...)

dachte Nienna und für einen Moment hielt sie an dem Gedanken fest. Schlieslich schüttelte sie wieder den Kopf und der Gedanke verflog. Die kleine Fähe schaute zu Banshee hoch und nickte leicht.

"Ja genau ich möchte mit Jagen gehen...ich habe schlieslich hunger und so richtig eingeprägt habe ich mich hier auch nicht..und helfen werd ich immer so oft ich kann..."

sagte sie. Sie begann den Satz etwas leise wurde dann immer leiser bis sie schlieslich sehr leise hinzu fügte:

" Und eine schnelle Sprinterin bin ich auch..mit sehr viel Ausdauer."

Niena sank den Kopf leicht auf den Boden und schaute von unten zu Banshee und der Schwarzen hoch. Sie hob ihren Kopf und sie wurde etwas mutiger weil sie sich beweisen wollte und sich richtig in dem Rudel einbringen wollte. Sie stemmte sich gegen den Boden erhob sich und streckte auch einfach aus Neugier die Nase aus der Höhle und sie sah direkt vor ihrer Nase wie ihr noch warmer Atem zu Nebel wurde. Sie pustete leicht gegen den Nebel der dann im Schnee verschwand. Nienna drehte sich zu Banshee und ihrer Schwester, sie wartete gespannt auf eine Antwort.


Shanis Schritte waren schwer, immer wieder knickte einer ihrer Läufe ein und sie stolperte, manchmal fing sie sich, manchmal stürzte sie, rappelte sich aber immer wieder auf. Noch nie in ihrem ganzen Leben war sie so erschöpft gewesen. Ihr ganzer Körper schien wie erfroren, sie spürte sich kaum mehr, sie hatte solchen Hunger, dass ihr manchmal schwarz vor Augen wurde und sie sehnte sich so sehr danach, sich zwischen anderen Wölfen ausruhen zu können, schlafen ohne Angst und von der Geborgenheit des Rudels Kraft zu tanken. Allein die Tatsache, dass dieser Traum plötzlich in greifbare Nähe gerückt war, ließ sie weiterlaufen. Und vielleicht Hiryoga an ihrer Seite, der ebenfalls immer weiter ging. Ohne ihn wäre sie schon vor Tagen irgendwo im Schnee liegen geblieben und auf den Tod gewartet. Aber sie hatten sich und immer wenn sie nicht mehr weitergehen wollte, musste sie ihn nur ansehen, ihn berühren und ihn an ihrer Seite spüren, schon fand sie wieder Kraft für die nächsten Schritte. Drei Wochen waren sie nun schon vom Rudel getrennt, drei ewig lange, qualvollen Wochen. Nach dem Sturz in den Gletscher waren sie zwar tief schockiert, aber entschlossen und noch recht kräftig. Sie hatten einen Durchgang entdeckt, waren endlose Gänge aus Eis entlanggegangen, immer wieder auf Sackgassen gestoßen und manchmal schien das Labyrinth aus Eis keinen Ausgang zu haben, bis sie nach endlosem Suchen doch einen kleinen Spalt entdeckt hatten. Wie lange sie dort herumgewandert waren, konnte keiner von ihnen sagen, aber als sie endlich am Rande des Gletschers ins Freie getreten waren, hatten sie so riesige Erleichterung gespürt, dass zunächst alles andere egal gewesen war. Sie hatten es geschafft, sie lebten beide noch. Doch die Euphorie hatte nicht lange gehalten. Sie hatten in einem Gebiet aus dem Gletscher gefunden, in dem sie nie zuvor gewesen waren. Vollkommene Orientierungslosigkeit und die Unerfahrenheit von Jungwölfen wurden ihnen zum Verhängnis. Hilflos waren sie herumgetappt, wurden immer wieder von Schneestürmen zurück in die Gletscherhöhle, aus der sie gekommen waren, getrieben und irgendwann hatten sie sogar auf Jagd gehen müssen, ohne Erfahrung und erst nach endlosen Versuchen mit Erfolg. Die Suche nach dem Rudel hatte sich als unendlich schwer erwiesen, Rasmús hatten sie schon beim Verlassen des Unfallortes verloren und in dieser einsamen Eiswüste war kein anderer Wolf mehr aufgetaucht. Im Sturm konnte man nichts wittern und auch wenn er nachließ schien es fast unmöglich, einen Geruch aufzunehmen. So waren sie meist blind und taub durch das Flockengewirbel getappt, hatten aber nie endgültig die Hoffnung verloren. Und jetzt endlich hatten sie plötzlich den Geruch des Rudels aufgenommen, die Landschaft kam ihnen zwar nicht bekannt vor, aber sie kannten die gesamte Bergwelt nicht, einzig den See hätten sie vielleicht erkannt, aber zu diesem wurden sie nicht geführt. Viel mehr waren sie wieder zum Gletscher gekommen und liefen jetzt an seinem Rand entlang.
Shanis Ohren drehten sich nach vorne, als ein Heulen erklang. Sie kannte die Stimme nicht, aber schon kurz danach kam eine Antwort und diese stammte unverwechselbar von Banshee, Hiryogas Mutter und Leitwölfin ihres Rudels. Sie hatten es wirklich geschafft. Erleichterung und Freude ließen ihren trüben Blick aufleuchten und sie strahlte Hiryoga so gut es ging an.

“Wir haben es geschafft! Oh, Hiryoga, wir haben es wirklich geschafft.“

Ihre Rute zuckte zwei Mal, dann kämpfte sie sich weiter. Neue Kraft trieb sie weiter, das Rudel musste so nahe sein, sie wollte nur noch zu ihnen, endlich wieder lebende Wölfe sehen. Es schien ihr wie eine grausame Ewigkeit, aber irgendwann tauchte ein großes, gähnendes Loch im Gletscher auf und undeutlich waren darin Banshee, eine Fremde und eine Jungwölfin zu erkennen. Shani blinzelte zweimal, dann erkannte sie im inneren der Höhle viele, eng zusammenliegende Wölfe … das Rudel! Die letzten Schritte schienen wieder so schwer zu sein, Pfote vor Pfote, noch drei Wolflängen, noch zwei, noch eine, noch drei Schritte, noch einen … geschafft. Im Höhleneingang, Banshee und den anderen zwei Wölfen zugewandt knickten ihre Läufe zum letzten Mal ein und sie sank zu Boden, die Augen jedoch wieder glitzern und mit einem Strahlen im Gesicht.

“Wir … sind wieder da.“

Sie atmete schwer und sie fühlte sich, als würde sie sich nie wieder vom Fleck bewegen können, trotzdem hielte sie den Kopf gehoben, strahlte zuerst Hiryogas Mutter an und dann Hiryoga, bis ihr Blick über das Rudel huschte. Sie wollte Tyel und Rasmús sagen, dass sie wieder da waren … dass sie lebten und dass es ihnen gut ging.


Teilnahmslos lag die Fähe in der Rudelhöhle. Viele Wölfe waren am schlafen und Sheena ließ ihren Blick langsam über die vielen verschiedenen Rudelangehörigen gleiten. Ein wenig verwundert blieb ihr Blick auf einem kleinen runden Kopf hängen, welcher ganz alleine in einer Ecke hervorlugte. Es war ein zitterndes Fellbündel und schon der Geruch verwunderte Sheena ein wenig, doch wollte sie sich nicht mit irgendwelchen komischen Dingen befassen, wenn war das die Aufgabe Banshees oder eines Wolfes, welcher dieses Ding kannte. Sie sah, wie Banshee sich regte und dann leise mit Nyota sprach. Eine kleine Fähe gesellte sich ebenfalls zu ihnen. Sheena seufzte. Noch immer hatte sie sich nicht bei Banshee entschuldigt, so wie sie es eigentlich vorgehabt hatte und sie hatte auch noch nicht mit Nyota geredet, da sie diese vor einigen Tagen zwar gerufen hatte, doch dann selber sich zurück gezogen hatte und sich versteckt hatte. Sie kam sich so unhöflich vor, doch sie hatte plötzlich gedacht, dass sie das alles niemals Nyota erzählen konnte, nicht der Schwester Banshees. Jetzt schämte sie sich auch hierfür. Schließlich hatte sie über alles lange genug nachgedacht und hatte gemerkt, dass Banshee natürlich Recht hatte, dass sie niemals ihre Eltern als schlecht bezeichnet hatte. Es lag nur an Sheena, sie hatte überreagiert und so alles verdreht.
Schwerfällig stand sie nun auf und streckte sich vorsichtig. Dann bahnte sie sich einen Weg durch die vielen Wölfe die zusammengekuschelt dalagen um nicht frieren zu müssen. Hier oben war es wirklich hart zu überleben. Wieder fiel ihr Blick auf das Zitternde Bündel Fell und sie wunderte sich, warum es erstens so alleine da lag und warum es zweitens so komisch aussah. Dann war sie auch schon bei Banshee, Nyota und der weiteren Fähe angekommen. Sheena blickte zerknirscht zu Banshee auf.

„Es tut mir Leid Banshee. Alles was ich gesagt habe tut mir Leid, ich war sauer und enttäuscht und habe die Worte verdreht. Ich war so wütend, dass ich nicht mehr klar denken konnte, meine Gedanken waren vernebelt, wurden erstickt in der Trauer. Und so kam es, dass ich all diese Dinge gesagt habe und ich schäme mich dafür!“ Sie wendete ihren Blick Nyota zu „Genauso wie ich mich schäme, dass ich dich nach dem Gespräch gerufen habe und dann aber weggelaufen bin. So bist du umsonst gegangen, warst sicherlich verwundert mich nicht dort vorzufinden, von wo der Ruf kam. Doch mir waren so viele Zweifel gekommen, ich hatte mich nicht getraut dir alles zu erzählen. Doch auch dafür möchte ich mich entschuldigen und hoffe, dass ich trotzdem in diesem Rudel erwünscht bin. Ich würde gerne Engaya dienen und einfach froh in diesem Rudel leben, Freunde finden und miterleben, wie wir wieder in unser Tal zurückziehen!“

Damit senkte Sheena ihre Stimme, ihr Blick aber blieb erhoben und harrte nun wieder auf dem von Banshee, nachdem sie Nyota lange, auf ihre Weise liebevoll angeblickt hatte. Nach dieser kleinen Rede musste sie erst einmal tief durchatmen, und als sie ihre Gedanken ordnete fiel ihr wieder das kleine Ding ein, was hinten am Rand der Höhle lag. Vielleicht sollte sie es Banshee erzählen, denn sie selber wusste damit nichts anzufangen.

„Ach und Banshee, eben als ich mich umgeguckt habe, habe ich etwas Komisches entdeckt. Es sieht nicht aus wie ein Wolf und riecht auch nicht ganz danach, nur ein wenig. Ich selber kann es nicht einordnen, weiß nicht was es ist und warum es da ist, es scheint aber nicht bedrohlich zu sein. Eher scheint es verzweifelt zu sein, es sieht aus als ob es frieren würde. Es liegt dahinten alleine und schlottert vor sich hin. Ich weiß nicht, vielleicht kennst du es ja oder einer von euch beiden“ Ihr Blick glitt von Banshee zu Nyota und zu der ihr unbekannten Fähe(Nienna Singollo) „Ich habe mich wie gesagt nicht getraut näher hinzugehen, vielleicht ist es ja auch gar nicht nötig, aber ich wollte es gesagt haben.“

Sheena schüttelte sich vorsichtig. Sie hatte mit gedämpfter Stimme gesprochen, damit sie keine anderen Wölfe aufwecken würde aber trotzdem sah sie, wie sich einige Wölfe verschlafen umschauten. Wie schön es doch war sie hier alle liegen zu sehen. Einträchtig neben einander. Nur ein Wolf vermisste Sheena. Wo war Neyla geblieben? Und Zack? Ihn glaubte sie weiter hinten ausmachen zu können, jedoch nicht mit seiner sonst so treuen Gefährtin. Sheena runzelte die Stirn. War ihr wohl etwas zugestoßen?



Sie hatten es tatsächlich aus der Gletscherspalte geschafft und nach endlos langem Herumirren im inneren des Gletschers, hatten sie den Ausgang gefunden, doch wurden sie immer wieder zu diesem Unglücksort zurückgetrieben von starken Winden und Schneemassen. Doch jetzt war es anders, sie hatten den Geruch des Rudels in der Nase, sie hatten ihr Ziel im Auge, wobei sie nicht einmal wussten, wo dieses Ziel lag. Der Schnee wirbelte um die Tiere herum und die Kälte nagte an den geschwächten Körpern, der kalte Wind trieb ihnen die Schneeflocken ins Gesicht, doch sie liefen weiter, immer wieder waren sie am Ende ihrer Kräfte gewesen, hatten fast die Hoffnung aufgegeben, doch die Sehnsucht und ihr Lebenswille, hatten sie weiter getrieben. Hiryoga war immer wieder zu Boden gegangen, wollte sich seinem Schicksal ergeben, doch allein der Blick von Shani hatte ihn dazu gebracht, sich zu erheben und weiterzulaufen. Ja, allein für sie war er gelaufen, er wusste sie würde ihn nicht alleine zurücklassen und daher musste er weiter, damit sie lebte, damit er lebte. Jedoch kämpfte da etwas gegen, ein stechender Schmerz, der sich ständig bemerkbar machte in der Brust des jungen Wolfes und ihn an den schmerzhaften Fall erinnerte. Er hielt es für ein Wunder, dass er sich überhaupt bewegen konnte, dass er überhaupt weiterlaufen konnte. Es sah ihm kein Stück ähnlich, aber er hatte sich verändert. In so kurzer Zeit hatte sich seine Persönlichkeit wieder gewandelt, sie hatte ihn verändert. Und auch wie aussichtslos ihre Lage war, spürte er eine gewisse Freude am Leben. Sie hatten so viel Glück gehabt, dass sie sich bei dem Fall nicht lebensgefährlich verletzt, dass sie einen Ausweg aus dem Gletscher gefunden, dass sie drei endlos lange Wochen ohne Hilfe überlebt und jetzt endlich eine Spur des Rudels gefunden hatten. Nein, dies war mehr als Glück, es war Schicksal. Sie sollten überleben und mittlerweile wollte er es, er wollte leben und dieses Leben mit Shani verbringen, egal wie sehr seine Pfoten schmerzten, halb erfroren, zerschlissen, abgemagert, sie waren am Leben und sie waren zusammen.
Nur sehr leise und verschwommen vernahm er die Worte der Weißen, sollten sie es tatsächlich geschafft haben? Der Braune schaffte es nicht seine Stimme zu erheben, er glaubte der Fähe und zeigte seine Freude über diese Tatsache durch ein sachtes Lächeln. Shani schien Kraft aus dieser Tatsache zu schöpfen und ging voran, etwas schneller als sonst, sodass er hinter ihr blieb, Hiryoga wollte seine letzte Kraft nicht so unnötig zu verbrauchen. Natürlich verstand er ihre Freude, aber wer wusste, was noch auf sie warten würde, sodass er sich ein bisschen Kraft noch schonen wollte. Ohne sein Wollen wurden seine Schritte langsamer, er sah Shani die letzten Schritte zur Höhle machen, doch er blieb vor ihr stehen, die Ohren aufmerksam nach vorne gedreht, den Kopf nach hinten gewandt. Drei Wochen waren sie herumgeirrt, hatten sich selbst ernährt und wohl einiges dazu gelernt, zwar mehr ungewollt als gewollt, aber sie waren nun endlich 'Zuhause'. Wie es jetzt wohl im Tal der Sternenwinde aussehen würde? Wahrscheinlich würde auch dort Schnee liegen, nur nicht so viel wie hier, die Bäume würden geschmückt von den weißen Flocken sein, die Bäche zugefroren. Ein leises Seufzen entfloh seiner Kehle, wie es ihr wohl erging? Warum gab es hier oben keine Bäume? Sie wäre ihm sicherlich nach hier oben gefolgt, doch ohne Bäume konnte sie nicht leben, aber irgendwann würden sie zurückkehren, auf jeden Fall. Mit diesem Gedanken wandte er seinen Kopf zur Höhle und betrat sie, ein erleichtertes Seufzen war von ihm zu hören, als sein Körper neben Shanis zu Boden ging. Aufmerksam ließ der Rüde den Blick über das Rudel schweifen, es schien so, als ob sich hier nichts verändert hatte, alle waren wohl auf, soweit er es erkennen konnte. Aber zwischen Shani und ihm hatte sich eine Menge verändert, er würde den Tag nicht vergessen, an dem sie in die Gletscherspalte gefallen waren, er würde die Worte nicht vergessen, die er gesprochen und sie erwidert hatte. Ja, im Moment konnte er mehr als nur zufrieden sein, sie waren am Leben und hatten endlich das Rudel gefunden. Sanft drückte er seine Schnauze in ihr Fell, pustete dort leicht hinein und sog ihren lieblichen Geruch auf, alles fühlte sich in diesem Augenblick richtig an und die Tatsache, dass das gesamte Rudel hier war, schien ihn nicht zu stören, im Gegenteil, es erfüllte ihn mit Freude.

"Zuhause..."

Nur leise murmelte er das Wort, schloss die Augen und genoss die Wärme der Fähe und all der Wölfe, die sich hier in dieser Höhle befanden und dadurch die Luft erwärmten. Völlig entspannt streckte er die Hinterläufe von sich, ehe er die smaragdfarbenen Augen wieder öffnete und kurz über das Rudel blickte, hier war er Zuhause, wo das Rudel war. Dieser Ausdruck war nicht Ortsgebunden, sondern Personengebunden, wie er soeben feststellte. Es würde alles irgendwie gut werden, sie hatte Recht, oh, wie Recht sie doch immer hatte. Als sein Blick Banshee streifte, wischte seine Rute ein paar Mal über den kühlen Boden, die großen Ohren legten sich etwas an, aber nicht aus Ehrfurcht, sondern aus Freude.


Ninniach hoffte so sehr, dass ihr Rufen erhört wurde. Ohne ihr Ziel aus den Augen zu verlieren kämpfte sie sich durch den Schnee. Verbittert senkte sie den Kopf und schüttelte ihren ganzen Leib um sich von den verdammten Flocken zu befreien. Im Grunde hätte sie sich den Aufwand auch sparen können, schließlich blieb dieser Akt ohne jeglichen Erfolg. Grade als sie sich aufrichten wollte, schnellten ihre spitzen Ohren nach vorn. Das war unverkennbar die Stimme einer ihr vertrauten Wölfin, Banshee. Mit einem Ruck setzte sich der Körper der kleinen, schwarzen Fähe in Bewegung und sie trieb sich weiter durch die Massen, sie konnte nicht mehr weit vom momentanen Aufenthalt des Rudels entfernt sein.
Auf dem kämpferischen Weg in dessen Richtung witterte sie zwei weitere Wölfe. Eine ihr fremde Fähe und einen etwas bekannteren Geruch eines jungen Rüden. Es wäre hoffnungslos gewesen zu versuchen einen Geruch irgendeinem Gesicht in Ninniachs Erinnerungen zuzuordnen. Die Bilder waren veraltet, viele verblasst oder längst entschwunden. Es gab nur noch wenige, an die sie sich erinnerte. Banshee war eine davon; wie konnte es auch anders sein? Drei weitere vielen ihr auf Anhieb ein. Averic und Cylin, die beiden Welpen, die sich des öfteren in ihrer Gegenwart aufgehalten hatten und ihr sympathisch waren - und Face. Der schwarze Rüde hatte etwas, dass sie damals immer wieder zu ihm zog. Bis Ninniach sich entfernt hatte und eigentlich den Entschluss gefasst hatte sich irgendwo nieder zu lassen und auf das Ende ihrer Tage zu warten. Das Warten hatte ihr bedeutend zu lange gedauert... Als sie nur noch wenige Meter vom Eingang der Höhle entfernt war, pausierte die Schwarze einen Moment. Mit einem Mal war sie so starr, als hätte man sie in Metall gegossen. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihr breit.

.oO(Was müssen sie nur denken, wenn die Aussetzige nun wieder Zuflucht bei ihnen sucht? Was kann ich nur antworten auf die Fragen, die aufkommen werden? War es wirklich die richtige Entscheidung hierher zurück zu kehren?)

Sie schüttelte heftig den Kopf und spannte die Läufe an. Ruhig schritt sie weiter, spürte, wie ihre Kräfte sie verließen - doch sie blieb unbeirrt.

.oO(Du findest schon die richtigen Worte. Wäre das nicht die richtige Entscheidung gewesen, hätte Engaya mich nicht hierher zurückgebracht, nachdem ich sie darum bat. Ich wollte es so. Wie dumm wäre es, jetzt umzukehren?!)

Sie kämpfte sich bis zum Eingang her. Auch ihr hatten sich viele Fragen aufgehäuft; doch sie besaß den Anstand damit zu warten oder sie vielleicht auch gar nicht erst zu stellen. Sie trat zu Banshee und den anderen, die ihr alle fremd waren. Sie hielt sich anfangs bedeckt und wartete, bis bei ihnen Ruhe eingekehrt war. Sie senkte nur den Kopf vor ihnen und schien damit zu grüßen als auch zu deuten, dass sie warten würde, bis sie alles geklärt hätten.
Mit ihrer Luft ringend ließ sie sich auf den Hinterläufen nieder und blickte von einem zum anderen. Einerseits wegen ihrer Neugier andererseits aber, weil sie ihr fremd waren und sie ihr gesundes Misstrauen nicht einfach abschieben konnte. Für einen Moment schloss sie die Augen und nahm nur die Gerüche wahr. Wie es den anderen dreien, die ihr, mehr oder minder, vertraut waren, ergangen war. Banshee schien es, so glaubte Ninniach, soweit gut zu gehen.


Weit weg lag er, weg von ihnen allen. Diesen vielen, dummen Wölfen, die sich wärmesuchend alle auf einen Haufen geschmissen hatten. Da wollte der Pechschwarze nicht zwischen, es war ihm zu wider. Auch nach all der Zeit, die wieder mal ins Land – oder eher in die Berge – gestrichen war, wollte Averic recht wenig mit seinen Rudelkameraden zutun haben. Er hatte sich charakterlich wenig verändert, nur seine Körpergröße hatte enorm zugenommen. Manchmal hatte der Dunkle sogar das Gefühl gehabt zu spüren, wie er jeden Tag ein wenig wuchs. Und jetzt hatte er sogar seine Mutter überholt, er der kleine, schmächtige Welpe von damals. Aber es war ihm ganz recht so, von seinen Geschwistern war er der Größte und der Stärkste! Allerdings ... eine große Kunst war das nun auch wieder nicht. Schließlich waren er und Hiryoga als einzige Rüden übrig geblieben und der Braune war schon immer viel kleiner und schwächer gewesen. Noch kleiner als Cylin, sein kleiner Träumer. Und der war nun schon seit einem ganzen halben Jahr nicht mehr am Leben ... Es war immer noch seltsam. Nirgendwo erwartete ihn mehr die ganz besondere Stimme seines Bruders, immer so verträumt und abwesend, doch Averic wusste, dass er ihm immer zugehört hatte. Genau so wie seine Augen, dessen Farbe er nicht kannte. Aber sein Feuer, diese warme, helle Farbe, sie hatte er gesehen. Doch auch diese Farbe konnte er nicht benennen. Irgendwie schon bitter.
Langsam hob der große Rüde den Kopf und ließ den dunkelblauen Blick zum Höhleneingang wandern, wo er seine Mutter erkennen konnte. Sie war auch wach geworden und keine paar Minuten später ließ sich beobachten, wie sich gleich wieder zig Wölfe um sie versammelten, wie als seie sie die Beute von gierigen Aasgeiern. Aber irgendwie war das kein geeigneter Vergleich, oder? Man musste es irgendwie umdrehen – also, wie eine Mutter, die gleich von ihren hungrigen Welpen über den Haufen gerannt wurde. Ätzend. Und auch wenn er eigentlich ganz gerne bei seiner Mutter saß, die anderen konnten ihm gestohlen bleiben. Da wollte er jetzt nicht hin. Grade wollte Averic den Blick wieder abwenden und den Kopf auf seine großen Pfoten zurück sinken lassen, da fiel ihm eine kleine Fähe auf, die grade am Höhleneingang aufgetaucht war und sich stumm nieder ließ. Stimmt, da hatte doch eben irgendwer geheult oder? Wenn er jetzt mehr darüber nachdachte ... irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Ein klein wenig ... da waren so verschwommene Erinnerungen. Cylin war ein Teil von ihnen. Wie bei eigentlich jeder Erinnerung ... Aber die Schwarze war zu weit weg, als das er ihr Gesicht nun wirklich zuordnen konnte. Außerdem nahm er grade eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Der Pechschwarze drehte den Kopf herum und blickte dann etwas irritiert die weiße Jungwölfin an, die gradewegs auf ihn zugelaufen kam. Was wollte Tyraleen denn von ihm? Sie hing doch immer bei ihrem Paten rum und nun wechselte sie den Platz kam sie zu ihm? Averic erinnerte sich nur noch wenig an seine Patin Eris, er hatte sie kaum gekannt und so ein wirkliches Verhältnis war da eh nie aufgekommen. Sie war halt irgend eine Wölfin gewesen, die irgendwann abgehauen war. Face Taihéiyo war auch ein komischer Rüde, allerdings musste ja irgendwas an ihm sein, dass Banshee ihn zum Beta ernannt hatte und Tyraleen freiwillig bei ihm rumlag. Nur warum kam sie jetzt zu ihm? Die tiefblauen Augen des Pechschwarzen verfolgten jede Bewegung der Jungwölfin misstrauisch, bis sie fast neben ihm lag und er zog eine Augenbraue hoch, als er schief angelächelt wurde.

Suchst du was Bestimmtes hinter mir?“

Hey, das war für seine Verhältnisse sogar noch ganz freundlich formuliert. Gesprochen klang es zwar kühler und schroffer, doch wenn man den Vergleich zu Daylight zog ... fast nett. Wenn Tyraleen allerdings wie sie anfing, konnte sich aber auch das noch ändern. Wenn er etwas nicht abkonnte, dann waren es so nervtötende Viecher wie der graue Fellball. Abwartend neigte der große Rüde den Kopf leicht schief und ließ in seine Augen wieder den typisch gleichgültigen Ausdruck Platz nehmen.


Tyraleen lugte aus ihrem blicksicheren Versteck vorsichtig hervor und betrachtete mit aufkommender Erleichterung, wie sich am Höhleneingang die Ereignisse häuften. Sheena redete auf ihre Mutter ein, eine fremde Schwarze war plötzlich aufgetaucht und stand ein wenig verloren in dem großen Durchgang und zudem lagen dort noch plötzlich Shani und Hiryoga. Tyraleen hatte am Rande mitbekommen, dass die beiden verschwunden waren, da sie aber noch nie wirklich mit ihnen gesprochen hatte, hatte sie sich wenig Gedanken gemacht. Im Nachhinein tat ihr das irgendwie leid, schließlich war Hiryoga ihr Bruder, aber jetzt schien er ja wieder wohlbehalten mit der Weißen zurückgekehrt zu sein. Zudem würde er Banshee endgültig davon ablenken, ihre kleine weiße Tochter zu suchen und sie zur Jagd zu verdonnern. Tyraleen entspannte sich ein wenig und sah dann wieder zu Averic, der sie mittlerweile irritiert ansah. Vielleicht hatte er das mit der Jagd nicht mitbekommen, oder aber er hatte nicht bemerkt, wie unglücklich sie beim letzten Mal gewesen war. Vielleicht aber hatte er beides bemerkt, fragte sich nun aber irgendwie zu Recht, warum sie deshalb zu ihm kam. Einfach neben Face legen und so tun, als würde sie schlafen wäre sicher auch eine gute Taktik gewesen …

“Die gehen auf Jagd.“

Als wäre das genug Erklärung drückte sie ihren Kopf auf die Pfoten und sah ein wenig auf den Steinboden vor ihr. Er war kalt, aber offensichtlich nicht kalt genug, denn feine Nässe lag über ihm. Sie fuhr darüber, als würde sie damit den Stein trockenen können und sah dann mit einem stummen Blick zu ihren schwarzen Bruder.

“Ich will nur nicht, dass sie auf die Idee kommen, mich mitzunehmen.“

Averic hatte den Kopf leicht geneigt und sah damit irgendwie freundlicher aus, auch wenn sein Blick die übliche Gleichgültigkeit ausstrahlte. Davon ein wenig ermutigt lächelte sie ebenfalls irgendwie freundlich und überlegte sich dann, ob sie nun wie fast immer weggehen sollte. Eigentlich war sie noch nie irgendwo „alleine“ mit Averic gewesen, sie hatten ein paar Worte gewechselt und dann war jeder wieder seines Weges gegangen. Nun hatte sie keinen Weg zum gehen und er eigentlich auch nicht … also blieb sie eben hier. Sie hatte ihm zwar immer noch nichts zu sagen, aber er war immerhin ihr Bruder und irgendwo mochte sie ihn sicher.



Averic zuckte leicht mit dem linken Ohr auf Tyraleens kurze Begründung hin. Aha, weil die anderen auf die Jagd gehen wollten, kam sie zu ihm. Nein, wenn er es jetzt bedachte, versteckte sie sich eher bei ihm. Aber warum bei ihm? Konnte sie sich nicht auch bei ihrem tollen Paten verstecken? Und überhaupt ... eine Jagd klang doch gar nicht so schlecht. Zumindest für ihn. Es war zwar bitterkalt und die Sicht war wie immer eingeschränkt, aber man konnte laufen, sich dadurch aufwärmen und musste nicht in dieser dämlich nassen Höhle versauern. Kurz wandte der Pechschwarze seinen Blick herum und ließ ihn ein paar Sekunden auf den Wölfen am Eingang ruhen. Hm ... nein, danke. Ganz schnell beschloss der Rüde, dass auch er nicht die geringste Lust hatte, mit diesem Pack Vollidioten durch den Schnee zu hüpfen. Als Tyraleen noch etwas sagte, drehte er den Kopf wieder zu ihr zurück. Kühl, aber gleichzeitig gelassen blickte er auf die junge Fähe hinab, die ihren Kopf auf die Pfoten gesenkt hatte.

Und deswegen kommst du zu mir?“

Es war eine Frage, klang aber auch ein wenig, wie eine nüchterne Feststellung. Eigentlich brauchte man eh nicht großartig über seinen Ton nachdenken, er war immer so. Und eigentlich war das fast positiv, bei schlechterer Laune, oder angenervt-sein, hätte er sich längst aggressiver ausgedrückt und die Weiße dazu aufgefordert, zu verschwinden. Wie bei ihrer Schwester zum Beispiel. So konnte man es fast als eine Einladung zum Bleiben sehen, als Averic seinen Kopf ruhig wieder auf die Pfoten sinken ließ.

Wenn du aufgefordert wirst, sag halt, dass du nicht willst.“,

fügte der Pechschwarze noch hinzu. Das war doch ganz einfach. Er machte es schließlich genau so. Nur das tun, was man wollte. Jeder hatte doch einen eigenen Willen und das Recht ihn zu nutzen, oder? Gut, es gab Regeln, aber eigentlich hielt er sich doch ganz gut an sie. Zumindest gefährdete er niemanden, solange man ihn nicht auf die Palme brachte.
Ungerührt musterte Averic seine Schwester ein wenig, sie gehörte zwar zum jüngeren Wurf, doch wenn er ehrlich war, hegte er gegen sie nicht den selben Hass, wie auf ihre Geschwister. Amáya, Daylight ... zum Kotzen. Aber Tyraleen hatte ihn auch noch nicht genervt ... Sie war auch weder so wie Daylight, noch wie Amáya. Und eigentlich war das nur positiv. Ein dritter Nervbold hätte ihn wahrscheinlich den Verstand gekostet, oder andere Maßnahmen gefordert.


Tyraleen betrachtete Averic, der zunächst nicht groß auf ihre Worte reagierte. Nur wie immer der kühle, gelassene Blick und irgendwelche Gedanken, die sich in seinem Kopf abspielten. Die Weiße dachte daran, dass Banshee und ihre Schwester und wahrscheinlich auch Cylin und Averic sich nur hatten ansehen müssen und an dem Blick des anderen seine Gedanken ablesen konnten. Sie konnte das bei keinem ihrer Geschwister, weder bei Daylight und Amáya noch bei Averic, Hiryoga, Kischa, Malicia oder Parveen. Sie alle waren Fremde für sie, dabei waren sie doch eigentlich Geschwister, Wölfe die sich liebten und die ein untrennbares Band verbanden. Wie Banshee und Nyota, Tyel und Rasmús, vor langer Zeit Averic und Cylin. Vielleicht war sie ja einfach zu jung. Oder zu introvertiert. Sich einen Ruck gebend versuchte sie eine schlaue Antwort auf Averics Frage zu finden.

“Nein, weil … ja.“

Ja, dann gab sie es eben zu, sie war deswegen zu ihm gekommen, na und? Er war groß und schwarz und lag weit genug von allen weg. Außerdem war er ihr Bruder. Sie kräuselte leicht die Nase, sah dabei aber nicht böse aus, und betrachtete wieder den Schwarzen. Er war erstaunlich nett. Zu ihr war er zwar auch nie böse gewesen, aber sie hatte ihn trotzdem schon ganz anders erlebt. Sie war fast ein wenig stolz, als er den Kopf auf seine Pfoten legte und damit nicht mehr so schien, als würde sie ihn stören. Auf seine Worte hin verzog sie das Gesicht und schüttelte leicht den Kopf, ein verbitterter Ausdruck trat in ihren Blick.

“Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Tochter der Leitwölfin, Überleben des Rudels, Einer für Alle – Alle für Einen, Gemeinschaft, Lernpflicht, Jungwölfin, Zusammenhalt …“

Sie spie die Wörter zusammenhangslos aus und klang dabei, als würde sie eine ungenießbare Pflanze erbrechen. Es war vielleicht nicht direkt eine Antwort auf Averics intelligente Aufforderung, aber sagte trotzdem genug aus. Genau das würde Banshee ihr vorpredigen, wenn sie auf die Idee käme, ihr mitzuteilen, dass sie keine Lust auf Jagen hätte. Im Allgemeinen hatte Tyraleen gar nichts gegen den Zusammenhalt des Rudels und die Sicherheit der Gemeinschaft … aber sie hatte etwas dagegen, mit Banshee darüber zu diskutieren. Leise und mit einem Ton, der ein wenig zu viel von ihren Gedanken preisgab fügte sie hinzu:

“Banshee“

Eine kurze Zeit lag sie wie erstarrt da, dann huschte ihr Blick wieder zu Averic und sie sah ihn fast herausfordernd an, als würde er sie gleich beleidigen oder, noch schlimmer, auslachen.


Averic zuckte nur leicht mit der Schnauze, beschloss aber nichts weiter auf das „Nein, weil ... ja“ zu antworten. Vielleicht wusste Tyraleen ja selbst nicht genau, was sie wollte, warum sie nun zu ihm gekommen war. Er lag hier halt so rum. Ungestört und weit weg von den anderen. Da musste man doch einfach herkommen und das Alleinsein stören. Der Schwarze nahm einen tiefen Atemzug und blies ihn dann sachte wieder heraus. Kurz fuhr er sich über die Lefzen und spitzte dann die Ohren, als die Weiße anfing Wörter herunter zu rattern. Langsam hob er den Kopf wieder von den Pfoten und blickte Tyraleen abschätzend an. Sie klang wie eine trotzige Jungwölfin, der das alles zum Hals raushing. So ähnlich ... wie er selbst, nur er würde es sicherlich ein wenig anders von sich geben. Scheiß auf die Pflichten, eine richtige Gemeinschaft fehlte sowieso noch, und er war sowieso einer gegen alle. Ein eintöniges Lachen verließ leise seine Kehle, grade wollte er zur Antwort ansetzen, als Tyraleen noch einen Namen hinterher warf. Banshee. Der große Rüde verengte leicht die Augen und sah seine Schwester noch einen Augenblick länger unbeweglich an. Der Ton gefiel ihm nicht und bei jedem anderen Wolf wäre er nun wohl aggressiver geworden. Aber irgendwie rührte sich in ihm nichts außer dem Nichtgefallen.

Ich glaube nicht, dass sie dir das jetzt predigen würde. Schau dich mal um, hier liegen wirklich genug Vollidioten rum, die jagen können müssen. Du gehörst noch zu den Jüngsten, es wäre also viel ratsamer erfahrenere Wölfe mit zu nehmen. Ach und zufälliger Weise bin ich auch Sohn der Leitwölfin.“

Averic lehnte den Kopf leicht zurück und sah von oben prüfend auf seine kleine Schwester hinab. Gemeinschaft, Pflichtbewusstsein. Wenn es einen gab, der all das vernachlässigte, dann war es Acollon. Dem sollte man das vorpredigen! Nur war dieses Arschloch ja mal wieder nicht im Lande, also musste er sich sowas auch nicht anhören. Ironischerweise war er sogar eigentlich derjenige, der von den selben Dingen predigen sollte, wie Banshee. Schließlich war sein Vater ebenfalls Alpha dieses Rudels. Doch wie immer hatte dieser Mistkerl etwas besseres zutun. Ein aggressives Flackern trat kurz in seine Augen, bei dem Gedanken an ihn. Wie sehr er ihn doch hasste, diesen verlogenen Hund, der auch noch sein Vater war! Und immer wenn er Banshees Schwester ansah, hatte er das Gefühl, dass sie ihn mit ihm verglich. Aber er war nicht wie er! Er ging nicht fort um die im Stich zu lassen, die ihn brauchten! Nur ... diejenigen, die er brauchte gingen. Cylin ... Und nun brauchte ihn niemand mehr. Der Pechschwarze senkte den Kopf wieder ein wenig und ließ seinen Blick gegen die Wand prallen.

Wenn man jemandem von Pflichtbewusstsein vorpredigen muss, dann ist es Acollon.“

Obwohl er leise gesprochen hatte, würde sie all die Verachtung aus seiner Stimme heraushören können, die er in den Namen seines Vaters gelegt hatte. Er machte keinen Hehl daraus, jeder sollte es wissen, dass er, Averic, seinen Vater hasste.


Daylights zierlicher Körper bahnte sich einen Weg durch den hohen Schnee, Schneeflocken umtanzten sie und verfingen sich in ihrem grauen Pelz. Hoffnungslos hob die Kleine den Kopf und starrte zum Himmel empor, der immer wieder vor ihren Augen zu verschwimmen drohte, doch sie sah bloß Schneeflocken. Weiß. Die Kälte ließ ihren kleinen Körper erzittern und beben, verzweifelt grub sie die kleine Schnauze in das eisige Weiß, ihr heißer Atem schmolz den Schnee und schickte kleine, weiße Wölkchen in die gefrorene Winterluft. Ein Wind kam auf und blies ihr den Schnee ins Gesicht, wie Nadeln hämmerten die Flocken auf sie ein und die Kleine sank zu Boden. Der Schnee begrub sie unter sicht, bis man sie nicht mehr von der kargen Landschaft unterscheiden konnte. Das Wasser in ihrem Fell war in wenigen Minuten zu Eiskristallen gefroren und ihr dichter, grauer Pelz konnte sie nun nicht mehr vor der eisigen Kälte des Berges schützen. Die Kleine ließ den Kopf auf die bebenden Läufe sinken, die sie vor Kälte kaum noch spürte. Ihre Pfoten brannten, als würde sie nicht durch Eis sondern durch Feuer laufen. Mühsam fuhr ihre Zunge über die wunden Pfotenballen, um die Schneeklumpen zwischen ihnen zu schmelzen und es gelang ihr auch halbwegs. Doch es machte es nicht besser… die Kleine ließ sich zur Seite fallen, streckte die langen, schmalen Läufe von sich und ließ den Kopf auf den zusammengepressten Schnee sinken. Sie schloss für einen Moment die Augen, nur einen Moment wollte sie ausruhen. Würde sie die anderen jemals wieder finden, hier in der orientierungslosen Wüste aus Eis und Schnee? Sie fühlte sich so seltsam schwach, sie fror und gleichzeitig fühlte sie sich unbeschreiblich heiß, gerade so als wäre es Hochsommer, nur noch viel, viel schlimmer. Ihre Augenlider flackerten unruhig und schließlich viel die Graue in einen unruhigen Schlaf. Im Traum sah Daylight Kisha neben sich, sie kuschelte sich eng an ihren schwarzen Pelz. Sie sah Merawin und sich selbst, wie sie als Welpen zusammen unten im Tal im warmen Wasser des Sternensees planschten. Sie sah Parveen, deren heller Stern im Sonnenlicht matt schimmerte und schließlich warf sie einen kurzen Blick auf Cylin, der halb im Schatten der Bäume verborgen stand, sodass nur seine hellen Augen im Dunkeln funkelten, wie die Sterne am schwarzen Nachthimmel. Zitternd schreckte die Graue aus dem Schlaf, ihr kleiner Körper bebte vor Angst und Kälte, hektisch sprang sie auf und begann sich unbeholfen einen Weg durch den Schnee zu bahnen. Schließlich nach einigen Minuten stand sie, noch immer zitternd, auf der Spitze einer kleinen Schneewehe. Ihr fiebriger Blick glitt über die weiße Landschaft, irgendwo dort zwischen Schnee und Eis nahm sie eine Bewegung war, auch wenn sie nicht wusste, ob es nur ein Trugbild war, dass das zeigte, was sie sich am sehnlichsten wünschte, setzte sie ihren Weg fort. Ihre Pfoten wirbelten den Schnee auf und die Schneeflocken hüllten sie ein, in einen Wirbel ganz aus weiß.
Daylight wusste selbst nicht wie sie es geschafft hatte, erst aus dem See hinaus, dann weiter durch den meterhohen Schnee, um schließlich die Höhle zu finden, in die ihre Mutter das Rudel geführt hatte. Erschöpft und fiebrig sank sie auf den warmen, steinigen Boden, ihr Blick glitt kurz zu Banshee, dann entdeckte sie Averic und Tyraleen. Shani und Hiryoga hatte sie nicht einmal bemerkt. Erschöpft raffte sich die kleine Wölfin noch einmal auf und kroch zu Amáya hinüber. Sie wusste selbst nicht, warum gerade Amáya, vielleicht weil ihr schwarzes Fell sie an Kisha erinnerte, obwohl sie doch ganz anders war. Müde ließ sie sich neben sie fallen, ihre goldbraunen Augen streiften sie kurz, ihre Rute wedelte schwach, dann sank ihr Kopf zu Boden.

„Ich hab euch… wieder gefunden…“

Sie seufzte leise, doch es klang glücklich und sie rückte ein wenig zu ihrer Schwester hinüber, kuschelte ihren kalten, schmerzenden Körper an den warmen, dunklen Amáyas.

„Ich habe Kisha gesehen und Merawin und Parveen und Cylin…“

Es war eine sinnlose Aufzählung von Namen, die sie vor sich hin flüsterte, schließlich verstummte sie kurz, die Augen geöffnet und starrte zur Decke hinauf, ihr Blick war verschleiert und fiebrig und sie begann wieder zu flüstern. Erzählte ihrer Schwester weiter von zusammenhanglosen Dingen, die keinen Sinn ergaben, dann ließ sie den Kopf auf die Schulter ihrer Schwester sinken, ihr Atem ging schwer und ruckartig, ihr Körper zitterte vor Kälte und gleichzeitig fühlte sie sich so warm, dass sie es kaum ertrug. Ihre Augen fielen ihr vor Erschöpfung zu und sie sank in eine Mischung aus Halbschlaf und Wachsein.


Banshees Lefzen zierten ein wehmütiges Lächeln als sie stumm den Worten ihrer Schwester lauschte und in ihren Augen noch mehr als, als die Worte ausdrücken konnten. Die weiße Leitwölfin dachte an das letzte Mal, als sie mit ihrer Schwester gemeinsam hatte jagen dürfen. Es war schon so lange her, sie konnte sich kaum erinnern, aber es war schön gewesen. Auf eine Art und Weise schön wie es nur mit Nyota zusammen möglich war. Noch immer traurig lächelnd aber mit einem sanften Optimismus schüttelte sie den Kopf und berührte ihre Schwester an der Nase.

“Es ist schön, dich wieder an meiner Seite zu haben. Und eines Tages werden auch wir wieder Flanke an Flanke durch den Wald rennen.“

Auf die weiteren Worte hellte sich Banshees Lächeln auf und sie schnippte leicht mit dem rechten Ohr, Nyota hatte Recht, körperlich wirklich alleine sein, dieses Gefühl kannte sie nicht. Und dafür war sie eigentlich dankbar. Wie immer betrachtete sie voller Freude, wie liebevoll und aufmerksam Nyota mit Welpen, eigentlich eher Jungwölfen, umging. Damals, als es noch keine Welpen gegeben hatte, hätte Banshee das nicht erwartet, jetzt freute sie sich umso mehr darüber. Auch erfreute sie es, dass Nienna sofort einwilligte mit auf Jagd zu gehen, sie schien sich sogar sehr darüber zu freuen. Auch wurde sie ein wenig mutiger und mit einer liebevollen Geste wurde auch die schwarze Jungwölfin an der Stirn berührt, ganz so, als würde Banshee ihr ihren Segen geben. Dann wandte sie sich wieder Nyota zu und dachte ernsthaft nach. Erfahrene Jäger … sie war sich nicht ganz sicher, viele waren neu und hatten ihr Talent noch nicht unter Beweis stellen können. Während ihr Blick jedoch nachdenklich über das Rudel glitt, wählte sie spontan einige aus.

“Sheena mitzunehmen ist eine gute Idee. Ich denke, Corvina wäre dir eine Hilfe. Sie geht sicherlich gerne mit. Auch Midnight Sáyran kannst du einmal fragen, er ist ein wenig verschlossener.“

Sie dachte noch kurz stirnrunzelnd nach, nickte dann aber. Einige waren nicht geeignet, andere kannte sie zu wenig und wieder andere wollte sie, wenn Nyota nicht bei ihr war, an ihrer Seite haben. Ruhig betrachtete sie die Schwarze, wie sie sich erhob und auf erste Tuchfühlung mit der Schneelandschaft ging, dann wurde sie von der herannahenden Sheena abgelenkt. Ihr Blick wurde sanfter, ungewiss wie die Graue nun zu all dem Geschehenen dachte, es war nur zu hoffen, dass sie genug Zeit gehabt hatte, Banshee wünschte es ihr und sich. Die Fähe fing sofort an zu reden, sie schien das alles loswerden zu wollen, als würde es ihr auf den Pfoten brennen, was Banshee als gutes Zeichen deutete. Auch die Worte der Grauen machten sie glücklich. Sie hatte zumindest den Ansatz verstanden und sie wollte lernen … das war alles, was sich die weiße Leitwölfin gewünscht hatte. Liebevoll fuhr sie der Wölfin durch den Pelz und berührte sie dann an der Stirn.

“Ich bin sehr froh, Sheena, dass du dich darauf eingelassen hast und mir eine Chance gibst. Wenn du erwachsen bist, dein Köper scheint es schon fast zu sein, werde ich dir so viel erzählen. Genieße noch die Monate als Jungwölfin, ich wünsche es dir. Nyota fragte gerade, ob du mit ihr auf Jagd gehen möchtest, ich halte das für eine gute Idee.“

Sie hatte gerade ausgesprochen, als Sheena erneut zum Reden ansetzte und etwas von einem fierenden Lebewesen sagte. Banshee legte leicht den Kopf schräg und sah dann über ihre Schulter, konnte aber nichts entdecken. Es war zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber vielleicht war es gefährlich … sie sollte dem nachgehen. Mit einem leisen Seufzen erhob sie sich, Ruhe endgültig adé, und sah Sheena auffordernd an.

“Wo soll es sein?“

Aber sie wurden unterbrochen. Im Schneegestöber tauchten zwei Wölfe auf … ein Weißer und ein Brauner. Konnte es wirklich sein? Shani und Hiryoga! Banshees Herz machte einen kleinen Hüpfer. Dass die zwei verschwunden waren, hatte sie mitbekommen, aber bei Hiryoga hatte sie sich eigentlich keine Sorgen machen wollen, er war schon einmal ohne ein Wort gegangen. Dass er nun zurückkehrte, erleichterte sie, auch wenn die beiden nicht gut aussahen. Sie stupste Sheena an um ihr zu zeigen, dass sie sie nicht vergessen hatte und erhob sich dann in einer eiligen Bewegung. Die beiden Wölfe waren nun näher gekommen, ihnen gegenüber war nun auch eine schwarze Gestalt aufgetaucht. Fast gleichzeitig erreichten alle Gestalten die Höhle und wirklich … es waren Shani und Hiryoga. Und noch ein weiteres bekanntes Gesicht. Ninniach Favéll! Verblüfft sah die Leitwölfin auf die schwarze Gestalt, die nun vor ihr zum Stehen kam. Sie war zurückgekehrt … es schien so, als würde diese unwirtliche Landschaft etwas Anziehendes zu haben. Banshee trat einen Schritt auf sie zu, streckte zum dritten Mal sie Schnauze aus und berührte auch die Schwarze an der Stirn.

“Willkommen zurück, Ninniach Favéll. Es ist schön, dich lebend und in einigermaßen guter Verfassung zu sehen.“

Sie lächelte ihr ein sanftes Lächeln zu, sie wollte keine Fragen stellen, es tat einfach gut, zuerst Acollon, dann Nyota, dann Ninniach … und so gesehen auch Shani und Hiryoga. Sie wandte sich den beiden zu, die mittlerweile im Höhleneingang lagen und strahlten. Sie sahen erschöpft und am Ende ihrer Kräfte, jedoch eindeutig glücklich aus.

“Auch an euch, willkommen zurück … mein Sohn.“

Wie lange sie Hiryoga nicht mehr so genannt hatte, wusste sie selbst nicht mehr … aber es musste vor seinem Verschwinden vor fast einem halben Jahr gewesen sein. Liebevoll fuhr sie ihm durch das Fell, auch Shani kurz, dann lächelte sie in die kleine Runde der Wiederkehrer. Der Tag begann gut.


Es war, als sauge ihm jemand das Blut aus den Adern. Gähnende Leere in seinem Bauch, in seinem Herzen, in seinem gesamten Körper. Sein Herz setzte ein paar Schläge lang aus, der Atem stockte ihm. Er spürte seinen Geist und seine Sinne taub werden, alles um ihn herum, die Unterhaltungen der Wölfe und das Tosen des Schneesturms, drangen gedämpft wie durch eine dichte Schneedecke an seine Ohren. Er konnte nicht fassen, wen er da, völlig von Erschöpfung umklammert und mit einem Gefährten, ebenso zerschlagen, die Rudelhöhle betrat.

Wie lange hatte er sich damit abgefunden, dass sie fort war, auf ewig, und er ihr nie sagen konnte, dass er sie vom ersten Moment an gern hatte? Wie lange hatte er im Innersten darauf gehofft, sie würde wiederkehren? Wie oft war er hinausgegangen, hatte den Schnee und das Eis nach Shani durchpflügt, nach ihr gerufen, bis seine Stimme versagte, oder der Schneesturm ihn übertönte und verstummen ließ? Wie lange? Wie sehr hatte er sich gewünscht, sie nochmal zu sehen? Er konnte nicht erklären, wieso Shani ihm so rasch in solch einer festen Bindung ans Herz gewachsen war. Er liebte sie wie eine kleine Schwester, obwohl er noch nicht viel mit ihr gesprochen hatte. Irgendetwas sagte ihm, dass es richtig war. Irgendetwas ließ ihn einen unglaublichen Beschützerinstinkt ihr gegenüber entwickeln, und ihn tief in seiner Seele dieses Gefühl von Geschwisterschaft empfinden. Plötzlich wusste er, was 'Geschwister im Geiste' bedeutete. Das, das musste es sein. Shani war es, die ihm gezeigt hatte, dass man Mut haben musste, um an sein Ziel zu kommen. Und Mut, das nahm er sich vor, würde er in Zukunft mehr haben, so viel, wie er brauchte, um Tyel und Shani vor dem Übel der Welt zu schützen. Shani war es, die ihn mit seiner Schwester zusammengeführt hatte, und seine Schwester würde er halten, bis seiner letzten Tage Sonne unterging. Shani war es, die ihm die größte Angst seines Lebens gemacht hatte, zu groß, um sie überhaupt richtig fühlen zu können, zu gewaltig, als sie packen zu können. Und Shani war es, die nun hier stand, überlebt hatte, lebte. Hier war, bei ihm, ein kleiner Teil seiner Familie, der ihn nicht verlassen würde, das wusste er nun.

An diesem Tag, das würde Rasmús später vermutlich nicht als Erster bemerken, veränderte sich sein Wesen. Die Helligkeit in seiner Seele blieb, das warme Licht seines Herzens blieb, seine weichen, vertraulichen Züge blieben. Und doch - tief in ihm kippte sein Weltbild. Das Übel der Welt. Wie ein Meer aus Tinte, ein dunkler Schatten kroch es unaufhaltsam auf sie zu, streckte immer wieder seine langen, gierigen, verdammten Finger nach seiner Familie, nach Tyel und Shani, aus. Er wusste auch noch nicht, dass er Hiryoga sehr bald zu dieser Familie zählen würde, wenn er wusste, dass er ein Teil von Shani war. Er wusste noch nicht, dass das Übel der Welt bald ein großer, schwarzer Fleck in seinem hellen Herzen sein würde. Die ständige Sorge, die unerfüllbare Aufgabe, die er sich in diesem Moment selbst auferlegte, würden ihn zermürben. Tyel und Shani zu beschützen. Wenn nötig mit seinem Leben. Mit mehr, als seinem Leben, wenn es sein musste.

Mit tauben Gliedern erhob sich der Graupelz, wankte fast benommen auf Shani und den ihm noch unbekannten Rüden zu, verschaffte sich ein wenig Platz bei seiner Seelenschwester, wie er sie fortan nennen würde.

"Shani... Shani! Du lebst, du lebst...! Ich fass' es nicht...",

stammelte er leise, und dann brach sein kleines Herz, völlig erschöpft ob der Erleichterung, in bittersüße Tränen aus.

"Ich bin so froh, so froh! Ich dachte schon, ich hätte die Glegenheit, dir zu sagen, wie sehr ich dich nach unserer kurzen Zeit schon mag, verpasst. u bist wie eine kleine Schwester für mich! Ich dachte, du wärst tot. Ich hab dich fallen sehen... Da war ein alter, verlassener Fuchsbau, ich wollte zu euch runter... Du lebst! Ich bin so glücklich... Da war ein gang, er war verist, ich konnte nicht durch... ich dachte, ich hätte dich verloren, dabei muss ich vorallem noch eins... Mich bei dir bedanken."

Rasmús war sich sicher, dass sie in ihrem Zustand nicht einmal die Hälfte mitbekommen, geschweige denn verstanden hatte. Zu durcheinander, zu schnell vor Aufregung war sein Redeschwall. Nun brach er in reundschaftliche Zärtlichkeiten aus, begann, Shani die teilsweise fast verheilten Wunden zu lecken, ihr zerzaustes Fell zu ordnen und sich vorsichtig an sie zu kuscheln. Hiryoga entdeckte er erst ein wenig später.

"Kann ich auch was für dich tun?",

fragte er höflich und hoffte im selben Moment, er möge dem Rüden durch sein Verhalten nicht zu nahe getreten sein - denn er schien fest an Shanis Seite zu gehören.


Tyraleen betrachtete noch immer mit einem trotzigen Gesichtsausdruck Averics Reaktion auf ihre Worte, die zunächst nur in einem Kopfanheben und einem abschätzigen Blick bestand. Ein heiseres Lachen folgte, allerdings klang es nicht so, als würde er sich über sie lustig machen … um genau zu sein klang es gar nicht lustig und auch nicht fröhlich. Eher genau so wie sie sich gerade fühlte, obwohl sie nicht glaubte, dass ihr Bruder und sie die gleichen Gedanken hegten. Zudem erstickte es gleich wieder in seiner Kehle und undeutlicher Missgefallen ließ sich in seinem Blick erahnen. Ihm schien es nicht zu gefallen, was sie von Banshee dachte, das hatte sie schon erwartet. Er, Averic, der doch alle so sehr hasste, liebte gerade seine Mutter, die doch wohl der Inbegriff von Liebe für Alles und Jeden war, so sehr, dass er seine Schwester dafür verurteilte. Oder vielleicht verurteilte sie sich auch selbst, aber darum ging es nicht. Averic war hier derjenige, der Banshee verteidigen wollte, beinahe könnte man da triefenden Sarkasmus vermuten, schließlich waren die beiden ein einziges Gegenteil. Banshees Ideale wurden von Averics verhöhnt, ihre ewige, für Tyraleen ätzende, Liebe und Vergebung wurden von Averics Verhalten in den Dreck gezogen. Nicht, dass Tyraleen das so störte … es war nur auffällig, dass Averic es nicht zu bemerken schien. Fast spürte sie die Lust, ihm das ins Gesicht zu sagen, aber sie wollte sich nicht mit ihm streiten. Zudem sollte sie doch eigentlich ein wenig Respekt vor ihm haben … nur war der, je älter sie wurde, langsam aber sicher verschwunden. Averic war nur ihr Bruder und was er tat, war nicht erwachsener als ihr Verhalten. Sie brummte leise, schielte ihn dann aber doch von der Seite an und meinte langsam:

“Ist mir auch aufgefallen, dass du der Sohn der Leitwölfin bist. Bei dir ist das aber trotzdem etwas anderes. Du bist … ein Problemfall.“

Sie hatte eher trotzig angefangen, doch der letzte Satz war weder provozierend noch böse gemeint. Es war einfach die Wahrheit. Banshee käme sicher nicht auf die Idee, Averic dazu zu zwingen, mit auf die Jagd zu gehen. Sie würde ihn liebevoll anblinzeln und ihm dann sofort verzeihen, dass er ein elendes Arschloch war. Tyraleen zuckte erschrocken über ihre eigenen Gedanken zusammen. Ihr wurde bewusst, dass Averics Verhalten auf sie überging. Sie musste nur mit ihm reden, schon dachte sie genauso verbittert wie er es tun musste und redete auch nicht viel besser. So wollte sie nicht werden, das war nicht sie. Sie rückte ein winziges Stück weg von ihm und sagte dann leise, ohne jeden Trotz und ohne jede Angriffslust:

“Acollon … vielleicht ist er kein guter Vater, aber er ist unser Vater.“

Was war schon ein guter Vater? Sie liebte ihn, bedingungslos … auch wenn sie ihn nicht mal einen Tag lang hatte sehen dürfen. Die Vorstellung war absurd. Sie seufzte leise, legte den Kopf wieder auf die Pfoten und schien ganz so, als hätte sie Averics Anwesenheit vergessen. Ihr war es egal, ob er ihren Vater nun hasste, oder nicht und was sie ganz bestimmt nicht tun würde, wäre sich mit ihrem Bruder darüber zu streiten, ob Acollon nun gut oder schlecht war.

Atalya
27.12.2009, 13:17

Mit scharfem Blick fixierte Averic Tyraleens Gesichtsausdruck, der trotzig aussah, wie der Blick eines jungen Welpen, der nicht bekam, was er wollte. Er fragte sich, was sie wohl über ihn denken mochte, ihn, den großen, bösen Bruder. Wahrscheinlich bildete sie sich wie alle anderen ihre elenden Vorurteile, vielleicht wurde er sogar wieder mit Acollon verglichen. Allein dieser Gedanke ließ ihm die Galle hochkommen. Mit einem Ohrenzucken lauschte er ihren Worten und kräuselte dann die Lefzen. Problemfall? Wenn hier jemand Probleme hatte, dann war es dieses verdammte Pack! Einer dämlicher als der andere und jeder würde sich vor Acollon in den Dreck schmeißen, ihm die Pfoten küssen oder sonst was, nur weil er ihr schlechter Leitwolf war. Sie würden ihn wahrscheinlich auch noch anhimmeln, wenn er vor ihren Augen einem Wolf die Kehle durchbiss. Aber weil er genau das nicht tat, war er der Problemfall. Weil er von all dem so angepisst war, dass er keine Probleme mehr damit hatte aus zu sprechen, was er dachte. Weil er sich nichts, rein gar nichts gefallen ließ und nicht auf so bescheuert lieb und nett tun wollte, wo er innerlich doch kotzen könnte! Eigentlich konnte es ihm scheiß egal sein, was andere über ihn dachten, aber allein das Wort „Problemfall“ reizte ihn schon wieder bis aufs Blut, sodass er am Liebsten laut aufgeknurrt und die Weiße angefahren hätte. Sie war wohl auch jemand von denen, die bloß ein wenig auf der Oberfläche rumkratzten und sich dann ihr Bild machten und meinten, sie wüssten alles. Allein diese Bezeichnung verriet doch schon, was sie von ihm hielt. Cylin hätte ihn niemals als Problemfall bezeichnet, Cylin war derjenige, der immer viel tiefer geschaut hatte und jeden wahren Hintergrund entziffern konnte. Er würde seinen Hass verstehen, vielleicht würde er ihn sogar teilen. Denn schließlich kannte er Acollon fast genau so lange wie Averic. Er würde auch wissen, warum er grade seine Mutter liebte, die ihn, wie ebenso wie er, nicht dafür verurteilte. Tyraleens Wegrücken von ihm verstärkte seine Ansicht nur noch und als sie dann auch noch den selben Müll von sich gab, wie er ihn schon mal gehört hatte, verließ nur noch ein abfälliges Schnauben seine Kehle und er richtete den Kopf mit leicht gesträubtem Fell auf.

Der Problemfall sagt dir jetzt mal was; du bist genau so wie die anderen! Ihr seid alle gleich, genau so blind und ihr kratzt nur an der Oberfläche herum! Acollon ist unser Vater, wir müssen ihn lieb haben ... ja bin ich denn bescheuert? Einen Kerl, dem wir scheiß egal sind, der nie für uns da ist? Und du kennst ihn nicht mal, du hast ihn bloß einmal kurz gesehen. Du hast keine Ahnung. Von mir nicht und von ihm auch nicht.“

Averic hatte sie nicht angeschrieen, der Pechschwarze war nicht mal laut gewesen, so wie vielleicht bei einem anderen. Denn obwohl er es eigentlich wollte, wollte er es irgendwie auch nicht, konnte er nicht. Trotzdem war die Deutlichkeit seiner Worte nicht zu überhören, auch nicht, dass er gereizt war. Diese Wölfe hier waren echt gut, jeder schaffte es gleich ins Schwarze zu treffen. Seine kalten, blauen Augen fixierten Tyraleen noch einen stummen Augenblick länger, dann biss er die Zähne fester aufeinander und drehte den Kopf von ihr weg, während er ihn wieder auf die Pfoten sinken ließ. Die Sehnsucht nach seinem Träumer flammte wieder in ihm auf, wie gerne er nun bei ihm liegen würde, nur um einfach das Wissen zu besitzen, dass ihn jemand mochte, so wie er war. Das ihm jemand zustimmen würde. Sein Vater ... ja Acollon war Schuld daran, dass alles nun so war.
Tyraleen weiterhin nicht ansehend, verließ noch ein leises Murmeln, dass nur von ihr gehört werden konnte, seine Schnauze.

Wenn Acollon wieder kommt ... bringe ich ihn um.“


Draussen tobte die unerbittliche Kälte, welche schien, als wolle sie die ganze Welt in ihrem Atem erfrieren lassen, so zumindest kam es Corvina vor, obschon sie zwischen anderen Wolfsleiber ruhte, deren Wärme sie auch abbekam, war ihr dennoch fröstelnd zumute, sie hatte erst gerade etwas zögerlich die Augen aufgemacht, doch noch sah man nicht, dass die weisse Fähe wach war, immer noch ruhte der markante Kopf auf den Wolfspfoten und der Blick wirkte leicht nachdenklich, wäre sie noch bei ihrer Menschenfreundin, sie würde warm haben, doch was wäre wenn sie nicht hier wäre, dann hätte sie doch niemals Katara kennen gelernt, es war eine leichte hin und her Gerissenheit, welche in der Wölfin tobte, doch längst schon stand fest, dass sich die weisse niemals mehr ihre Freiheit abjagen lassen würde, auch wenn sie oft noch an die Menschliche Freundin dachte, sie mochte sie, oder besser sie hatte sie gemocht, denn schliesslich war sie aus freiem Willen schliesslich auf und davon in die Wildnis, also ganz alleine ihre Entscheidung und sie bereute es in keiner Weise sich so entschieden zu haben und dennoch, weshalb dachte sie dann an sie. Sie hob den Kopf und schüttelte diesen kräftig, teils um die lästigen Gedanken loszuwerden, teils aber auch um etwas wacher zu werden.
Sie gähnte herzhaft und blickte sich um, sie war nicht die erste, welche auf den Beinen war, Banshee und Nyota, die ihr noch fremde schwarze, waren schon wach und auch einige andere Wölfe, Corvina spitzte ihre Plüschohren, als sie leise das Wort Jagt zu ihr herüberklingen hörte, doch sie würde sicherlich nicht dabei sein, denn schliesslich war sie noch nicht allzu lange in diesem Rudel und andererseits würde es wohl erfahrenere Jäger als sie geben! Doch als die Wölfin ihren Namen erklingen hörte, siegte doch die Neugierde und die zierliche Fähe erhob sich geschmeidig, schüttelte sich rasch und trottete dann zu den anderen hinüber, mittlerweile waren noch Wölfe aus dem leichten Schneegestöber in die Höhle gekommen, sie mussten durchgefroren sein, wenn sie die Nacht in dieser Gegend verbracht hatten!

„Guten Morgen allerseits!“

begrüsste die weisse die Wölfe, welche vor dem Höhleneingang standen und sie senkte kurz den Blick, ehe sie ihn wieder erhob und dennoch schwieg, was wenn sie sich geirrt hatte, doch halt sie sollte doch nicht immer an sich selbst zweifeln!

„Ich vermeinte meinen Namen gehört zu haben, darf ich wissen um was es geht?“

fragte sie freudig und mit munterer Stimme, welche beinahe schon ihr Markenzeichen war, ja dort wo Corvina war, dort war auch die unvergleichliche Fröhlichkeit zuhause, zumindest wenn sie in Gesellschaft war, war sie alleine so war sie oftmals nachdenklich. Abwartend setzte sie sich auf die Hinterläufe und neigte leicht den Kopf mit den Bernsteinfarbenen Augen, welche abwechselnd von einem Wolf zum anderen tanzte.


Shani spürte mit Erleichterung wie auch Hiryoga sich neben sie fallen ließ und mit seiner Schnauze durch ihr Fell fuhr. Was alle Angst, alle Schmerzen und jede Erschöpfung heilte, war nicht die Tatsache, dass sie zum Rudel zurückgefunden hatte, sondern, dass sie beide es geschafft hatten. Das leise gemurmelte Zuhause jagte ihr einen Schauer über den Rücken … ja, sie waren zu Hause. Hier gehörten sie hin, in ihre Familie, auch wenn es nicht Shanis wirklich Familie war. Sie gehörte nun zu ihnen und auch wenn manchmal ihre Gedanken weit fort, in eine fast vergessene Kindheit glitten, empfand sie doch kaum Sehnsucht, viel zu lange war es her, viel zu schön war es hier … an Hiryogas Seite. Sie ließ ihren Blick wieder über das Rudel gleiten, plötzlich hatte sie Angst, dass Tyel und Rasmús vielleicht ebenfalls am Gletscher gestürzt waren, später, als Hiryoga und sie schon fort waren. Der Gedanke war ihr all die lange Zeit da draußen nie gekommen, sie hatte fest damit gerechnet, dass die beiden auf sie warten würden und ihnen entgegenstürmen würden, übermütig vor Wiedersehensfreude. Sie hob leicht den Kopf, als sie eine Schnauze berührte, Banshee war zu ihnen gekommen, strahlte sie an und schien erleichtert zu sein, sie zu sehen. Shani erwiderte zwar ihre Berührung und lächelte ihr auch glücklich zu, doch gleich huschte ihr Blick wieder in die Höhle hinein. In diesem Moment tauchte eine wankende graue Gestalt auf, zuerst vermochte Shani sie nicht zu erkennen, zu tife Furchen hatten sich in das Gesicht gegraben, Sorge wie sie später erkennen würde. Aber dann, als das Licht des Morgens auf ihn fiel, wusste auch Shani, dass Rasmús noch da war, noch lebte und dass er sie begrüßen kam, freudentaumelnd. Schon war er an ihrer Seite, bevor sie ihn nur ebenso glücklich begrüßen konnte, schon flossen Worte wie warmer Regen in ihr Herz und füllten es an mit neuer Freude. Er redete so schnell, dass sie ihm kaum folgen konnte, hörte aber doch genug aus seinen Worten heraus, um kurz vor Freude zu erzittern. Schon flog ihre Schnauze zu seinem Ohr, zog sanft daran, fuhr durch sein Fell, knabberte hier und dort und rastete kurz in seinem Nackenpelz, nur um gleich darauf wieder zu seinem Ohr zu huschen.

“Ja … ich lebe. Oh, du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, auch dich hier lebend zu finden. Und dass du mich vermisst hast und … und dass du mir wie ein großer Bruder bist, der an mich denkt und auf mich aufpasst, wenn ich wieder etwas Dummes mache.“

Sie verstummte fast ein wenig hilflos. Es war nie ihre Stärke gewesen, große Worte für große Gefühle zu finden. Mit Gesten konnte sie Sterne malen und Feuer entzünden, so schob sie ihren Kopf an seinen Hals und schmiegte sich an ihn. Dumpf verstand sie seine Worte zu Hiryoga und musste leise und vergnügt lachen. Es klang doch etwas unsicher, aber man hörte nur heraus, dass er freundlich sein wollte.

“Rasmús, das ist Hiryoga. Hiryoga, das ist Rasmús Tinuviel, Tyels Bruder.“

Mit einem ebenso liebevollen Blick, aber doch auf eine andere Art sah sie kurz Hiryoga an, lächelte ihm zu und zeigte ihm damit, wie glücklich sie war. Das war ihr zu Hause, mit all diesen Wölfen und keien Begrüßung hätte sie glücklicher gemacht, als diese. Sie seufzte wohlig und kuschelte sich sowohl, an Hiryoga als auch an Rasmús. Aber schon nach ein paar Herzschlägen hob sie den Kopf wieder an und blinzelte in die Höhle.

“Und … Tyel?“

Sie hatte erwartet, dass die Braune bei ihrem Bruder sein würde, aber jetzt war sie nicht aufgetaucht. War etwas geschehen. Besorgt huschte ihr Blick zu dem Grauen, sah ihn fragend, fast ängstlich an.


Dösend lag die Schwarze auf dem Boden, hatte sich halb zusammen gerollt, die Ohren nach Hinten gerichtet. Wie lange mochte sie schon so liegen? Sie wusste es nicht. Ihr Schlaf hatte sich in den vergangenen Nächten eher zu einer Art Dämmerzustand entwickelt. Ihr Körper ruhte, während ihr Gehirn auf Hochtouren lief und ihre Gedanken ihr keine Ruhe ließen. Und wo diese überall hin wanderten... Schon seltsam. Unauffällig hielt sich Amáya zurück, sprach kaum und war generell sehr still. Sie suchte niemandes Nähe, niemandes Gesellschaft. Obwohl sie gewachsen war, war sie noch immer zierlich, wirkte untersetzt und schwächlich und ihr Wesen nicht weniger seltsam wie als Welpe. Sollten die anderen aus dem Rudel denken, was sie wollten. So richtig gehörte sie doch nicht dazu, war immer anders, auch wenn sie sich ein wenig besser mit ihren Wurfgeschwistern verstand. Sie blinzelte, schlug dann die Augen auf, als sie jemanden hörte der sich ihr näherte. Sie lag ein wenig abseits, an einer dunklen, kalten Wand, eher im Schatten. Aufdrängen tat sie sich nicht und stören wollte sie auch niemanden. Aber das Regenkind hob den Kopf, als etwas Eiskaltes sich an sie kuschelte. Sofort fröstelte sie, die nasse Kälte sickerte durch das Fell, kroch in sie hinein. Die blauen Augen hatten sich ein wenig geweitet, als sie ihre Schwester erkannte. Der Sonnenschein im Wurf. Wie Tag und Nacht, Sonne und Regen. Stumm lauschte sie den Worten ihrer Schwester. Was war mit ihr los? Als sie die Namen erwähnte, trat für einen Herzschlag ein ungläubiger Gesichtsausdruck in ihre Züge, dann nur noch Besorgnis. Die Ohren locker angelegt, drehte sie den Hals, wandte den Kopf zu der Grauen um. Mit der Zunge fuhr sie ihr sanft und vorsichtig durch das Gesicht, dann über den Kopf, Nacken und Rücken. Stück um Stück schob sie sich vorwärts, leckte schweigend ihre Schwester trocken und versuchte gleichzeitig ihre Durchblutung zu fördern, damit ihr wieder wärmer wurde. Amáya fragte nicht nach, was das bedeuten sollte. Das hatte Zeit und war eine unwichtige Nebensächlichkeit. Langsam schob sie sich über den Boden, kroch ein wenig zur Seite, während sie Daylight noch immer leckte und ihren warmen Körper um den ihrer Schwester legte.

Shh, ist ja gut... Du bist in Sicherheit.

, murmelte sie leise, drückte dann ihren Kopf nach unten. Sie solle sich ausruhen und ihre Kraft nicht an so etwas verschwenden.


Langsam ließ Hiryoga den Kopf sinken, bettete ihn auf dem kalten Stein zwischen seinen Vorderläufen, seufzte zufrieden und schloss die smaragdfarbenen Augen, doch nicht für lange. Schon bemerkte er eine Gestalt, die auf ihn zukam, er brauchte nicht die Augen zu öffnen, um zu erkennen, um wen es sich handelte, er brauchte nicht ihren Geruch aufzusaugen, sein Herz verriet es ihm, dass seine Mutter ihm entgegentrat. Mit einem fast überraschten Blick hob er den Kopf und betrachtete die Weiße und genoss ihre kurze Zärtlichkeit, ein sanftes Lächeln, so liebevoll und rein, wie es nur das Lächeln eines Welpen an seine Mutter sein konnte, zog sich um seine Lippen, obwohl der Braune schon fast erwachsen war, fühlte er sich bei ihr immer noch so klein und jung, beschützt und glücklich. Er konnte keine Gründe dafür nennen oder würde es als schlecht bezeichnen wollen, wohl im Gegenteil, es entlastete ihn von seiner neuen Verantwortung, die er mittlerweile erworben hatte, die wohl jeder Wolf erwarb, wenn er erwachsen wurde. Bei den Worten "mein Sohn" spürte der Rüde, wie ein sanftes Zittern über seinen Nacken, seinen Rücken hinab lief bis in seine Rutenspitze. Mit einigem Kraftaufwand erhob er sich, machte noch die letzten Schritte zu seiner Mutter und trat so seitlich an sie heran, schob seine Schnauze unter ihre und gab ihr somit die Anerkennung als Alphawölfin, jedoch war es auch zugleich einfach nur eine Liebkosung, die seiner Mutter galt. Für einen Augenblick schloss er die Augen, genoss diesen Moment, dieses Gefühl beschützt zu sein und geliebt zu werden. Nach diesem Moment zog er seinen Kopf zurück, legte die Ohren etwas an, doch seine Rute wedelte immer noch sacht hin und her, seine smaragdfarbenen Augen sprachen wohl genau dieselben Gefühle aus, wie sie es vor vielen Monaten getan hatten, als er noch ein kleiner, hilfloser Welpe gewesen war.

"Es tut gut dich wieder zusehen...Mutter."

Seine Stimme erklang nur leise, doch mit viel Wärme und Freude in ihr, vielleicht war auch Zufriedenheit darin zu finden, oder gar die Veränderung, die er durchlebt hatte, die Fähe würde es sicherlich jetzt bemerkt haben, sie war nicht umsonst seine Mutter. Die Aufmerksamkeit des Rüden wurde jedoch abgelenkt, als ein Fremder zu ihnen trat, dessen Stimme Hiryoga jedoch bekannt war, dies musste der Rüde sein, der oben an der Spalte gestanden hatte und nach Shani gerufen hatte, als sie hinab gestürzt waren in den Gletscherspalt. Aufmerksam musterte er ihn, stellte freudig fest, dass er wohl ein liebevolles Gemüt besaß und schon ein guter Freund von Shani war, die sich auch sehr über dieses Wiedersehen zu freuen schien. Es war gut, wenn die Fähe sich freute und Freunde fand, es gab ihm ein gutes Gefühl. Ohne es zu merken wandelte sich jedoch seine freundliche Neigung für den Rüden zu Abneigung, als er seinen zärtlichen Umgang mit Shani sah, seine Worte hörte und ihre allgemeinen Reaktionen. Hiryoga wusste nicht, dass das was er nun empfand, Eifersucht war, er kannte dieses Gefühl nicht, zeigte nach außen hin nur etwas Unsicherheit, er legte die Ohren nach hinten und betrachtete die zwei, doch von der Eifersucht war nichts zu sehen, auch nichts zu spüren. Er war nicht der Typ dafür, seinen Gefühlen freien lauf zu lassen, vor allem nach außen hin, doch innerlich spürte er, dass es ihm lieber gewesen wäre, dass der fremde Rüde sich von Shani fernhielt, doch dies sollte ihm erst später bewusst werden, ebenso dass er eifersüchtig war. Völlig in Gedanken versunken schreckte er zusammen, als der Rüde ihn ansprach und er ihm kurz darauf, als Rasmús Tinuviel vorgestellt wurde, Tyels Bruder.

"Nei...nein, danke. Es freut mich dich kennen zu lernen Rasmús. Oder doch...aber Shani hat schon gefragt, könntest du uns sagen, wo Tyel ist?"

Hiryoga wusste nicht, wieso er diese Frage stellte, wieso er überhaupt so viel redete, vielleicht einfach nur, weil er so überrascht worden war mit der Frage und der Situation. Selbst wenn er dem Braunen nicht vertraute, so war er doch freundlich geblieben, vielleicht etwas ungeschickt oder schon fast überfordert, aber freundlich. Sein Blick huschte kurz zu Shani und ohne es zu wissen, verengten sich seine Augen etwas, doch blieb ein nachdenklicher Ausdruck in seinem Gesicht, nichts von Eifersucht oder ähnlichem zu spüren. Auch fühlte er keinen Hass gegen ihn, es war etwas anderes was sich da in ihm regte und was er nicht beschreiben konnte. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass seine Mutter direkt neben ihm stand und sein gesamtes Verhalten mitbekam, hatte sie seine Gefühlswandlung vernommen, konnte sie ihm Antworten geben, konnte sie sein Verhalten verstehen? Der Rüde wagte es nicht, ihr in die Augen zu sehen und ihr damit die Chance zu geben, seine Gedanken und Gefühle zu lesen, sodass er den Blick zu den zweien richtete.


Tyraleen schien sich zunächst gar nicht um Averic zu kümmern. Sie bekam mit, wie er die Lefzen kräuselte, wie er sich innerlich aufzuregen begann, aber anders als vorher, als sie sich von seinem brennenden Feuer des Hasses und der Verachtung beinahe hatte anstecken lassen, prallte es nun an ihr ab. Sie würde nicht so werden wie er, zu viele Denkfehler erkannte sie jetzt schon in seinem Verhalten. Sie wusste nur selbst nicht, wie sie darüber dachte. Ob sie ihren Bruder dafür nicht mochte, oder vielleicht verurteilte, verachtete, oder ob sie ihn gerade deshalb mochte. Sie war mit sich selbst bereits so weit, dass sie darüber nachdachte, was sie eigentlich gerade dachte und fühlte, schon sehr weit für einen gerade heranwachsenden Jungwolf, aber sie hatte auch erkannt, dass sie wenig davon verstand. So konnte sie auch nicht sagen, was sie von Averic hielt. Mittlerweile hatte sich dessen Fell aufgerichtet und für einen kurzen Augenblick fragte sich Tyraleen, ob er sie nun anfallen würde. Aber schließlich verließ doch nur ein Schnauben seine Kehle. Langsam hob die Weiße ihren Kopf und sah ihren Bruder nun zum ersten Mal direkt an. Sie wusste nicht, was in seinem Kopf vorging, nach wie vor nicht, aber doch meinte sie fast zu spüren, was er von ihr hielt. Aber bevor sie diese Gedanken ordnen konnte, begann er sie anzufauchen oder wie auch immer sie seine aggressiven aber nicht lauten Worte nennen sollte. Aber es waren Worte, die sie fast erwartete hatte, aber so machten sie sie wütend.

“Ich bin genauso wie die anderen? Du regst dich über Vorurteile auf, aber wirfst selbst damit um dich? Du regst dich darüber auf, dass man nur an der Oberfläche kratzt? Es gibt hier nicht nur dich unter einer Oberfläche, zufällig habe zum Beispiel auch ich eine, du elendes Arschloch!“

Sofort verstummte sie, ihre Augen weiteten sich erschrocken und sie presste die Lefzen zusammen. Was hatte sie da gesagt? Sie hatte ihren Bruder beleidigt, aber nicht nur das, sie hatte sich doch genauso ausgedrückt, wie er es immer tat. Sie wollte das doch nicht, das war nicht ihre Absicht gewesen. Er hatte sie nur so wütend gemacht … ihre Ohren klappten zurück. Wie ein kleiner Welpe, der etwas Böses gemacht hatte, presste sie den Kopf auf den kalten Stein und machte sich dabei so klein wie möglich. Im nächsten Augenblick wurde ihr bewusst, was sie da tat und hob den Kopf wieder leicht an, hielt ihn aber noch immer verschreckt gesenkt.

“Warum ich Acollon lieb hab, kann dir doch egal sein. Genauso egal ist es mir, warum du Banshee lieb hast, obwohl du ihre Ideale in Dreck ziehst.“

Jetzt hatte sie es doch gesagt, aber sie hatte nicht einfach nur beschämt da sitzen wollen. Wie leid es ihr tat, dass sie ihn ein elendes Arschloch genannt hatte, wollte sie auch nicht sagen, obwohl es ihr wirklich aus tiefstem Herzen leid tat. Nicht nur für Averic, sondern auch für sich selbst. Noch immer konnte sie Averic nicht anschauen, drehte jetzt sogar den Kopf nach links, sodass er sie nicht mal von der Seite ansehen konnte.

“Tust du nicht.“

Sie war sich nicht mal sicher, ob er es gehört hatte, so leise hatte sie es in die andere Richtung gewispert, aber es war ihr eigentlich auch egal. Weiterhin so verharrend wünschte sie sich, sich gar nicht erst auf einen Streit mit ihm eigenlassen zu haben …


Bei Niennas Worten nickte die Schwarze und besah sie mit prüfendem Blick, als wollte sie sich vergewissern dass der junge Körper tatsächlich schon in der Lage war die genannte Leistung zu erbringen. Doch schon war Sheena heran und überflutete sie und Banshee mit einer Welle freundlicher und entschuldigender Worte. Mit gerunzelter Stirn schüttelte sie bloß den Kopf und tappte mit der Pfote nach der Weißen.

"Das macht mir nichts, ich hatte bloß Sorge ob Banshees Worte dir nicht die gewünschten Antworten hatten geben können"

Es klang so viel zu freundlich für ihre dunklen Leftzen was sie da sprach, doch die zerbrechliche Jugend rings um sie schien sie zu besänftigen.

"Ja, Nienna kommt auch mit, willst du uns auch begleiten Sheena?"

Sie lächelte ein Lächeln dass den Hunger in ihrem Magen und die Kälte unter ihrer Haut völlig auszublenden schien, und fuhr ein wenig erschrocken herum, als im Höhleneingang zwei Wölfe auftauchten, dicht gefolgt von einem dritten.Die zwei, die noch abgekämpfter aussahen als die Schwarze die hinterdrein kam, liessen sie ein wenig unruhig werden. Besonders für sie wäre ein wenig Futter sicher hilfreich, damit sie ihre verlorenen Kräfte wieder sammeln konnten. Doch sie wusste nicht wer da vor ihr stand, und auch als Rasmús an ihr vorbeitrat war sie noch ein wenig verwirrter.

"Willkommen zurück, wo auch immer ihr drei gesteckt habt"

versuchte sie sich an einer etwas gebrechlichen Begrüßung, und sah zu Banshee herüber, der die drei alle bestens bekannt schienen. Sohn? Teufel, das waren ganz schön viele. Und, ja, das war es dann mit der Ruhe. Sie war recht froh als Corvian auf sie zutrat, und sie von der bizarren Szene ablenkte.

"Guten Morgen...wir sprachen gerade über die Jagd"

meinte sie, deutlich zufriedener mit diesem Thema.

"...und Banshee empfahl mir dich zu fragen, ob du uns begleiten willst."

Das Lächeln fand zurück auf ihre Leftzen. Draussen würde es bedeutend kälter sein als hier, der Schneefall trübte einem die Sicht und der Schnee selbst machte einem jede Bewegung schwer. Doch nichts war besseres Training. Ein Wolf, der unter solchen Umständen jagen lernte, der würde überall jagen können.

Nocheinmal wand sie sich an Banshee, und rief ihr über die allgemein seltsame Stimmung hinweg zu.

"Eines Tages komme ich darauf zurück! Denk ja nicht du kannst mir entkommen!"

Ein Grinsen begleitete diese Worte. Wann war eines Tages? Wenn die Rudelführung in anderer Pfote lag? Oder wenn es das Rudel nicht mehr gab?


Der Graupelz war sehr feinfühlig, was seine Umgebung betraf. Er reagierte oft betroffen, wenn er mitbekam, dass sein Umfeld Probleme hatte oder es Anderen schlecht ging. Dabei ging es ihm sehr selten nur um sich. Wenn er selbst sich schlecht fühlte, es ihm elend ging, er düsteren Gedanken nachhing und seine Miene sich zunehmend verfinsterte. So erwartete er nicht eine Sekunde lang Unterstützung, wollte nicht eine Sekunde lang bemitleidet werden. Es war für ihn schlimmer, Leid zu erfahren, wenn es um Andere ging, als Leid zu empfinden, wenn es dabei um ihn ging. Sein Wesen war darauf ausgerichtet, aufmerksam die Gefühle der Wölfe um ihn herum zu achten, ohne dabei ihren privaten Rückzug zu stören. Gern lauschte er Sorgen und Kummer, um mit Rat und Tat oder auch nur tröstlichen Worten, solange es nur in seiner Macht stand, zu helfen. Denn jemand, der einem ein Ohr schenkte, nicht unterbrach und keine Fragen stellte, Interesse zeigte und sich mit dem, was man sagte, auch gedanklich beschäftigte - so jemand war ein Schatz, und insgeheim wusste Rasmús, das er dies ruhig zu seinem positiven Eigenschaften zählen durfte, auch, wenn er ein bescheidener Geselle war, der sich immer unter das kleinere Licht stellte, gern jedoch Komplimente machte und Anerkennung verteilte. Nie jedoch erwartete er irgendetwas davon zurück. Vielleicht war dies auch eine Schwäche - denn irgendwann, und insgeheim wusste er auch dies, würde es ihm schlecht gehen. Und möglicherweise gab es niemanden, der seine Eigenschaften genug schätzte, um ihn dann um sich haben zu wollen.

Jedoch konnte er nichts daran ändern, dass er aufmerksam, vorsichtig und leider auch sehr hörig war. Sein Gefühl für das Detail rettete ihn zwar oft, ließ ihn aber auch immer wieder Dinge registrieren, die er lieber nicht sehen, nicht wissen wollte. Und so fiel ihm auf, dass Hiryoga nur in einem winzigen, kleinen Augenblick, gerade, als seine Gefühlswelt umschlug, zu erkennen gab, dass die Freundlichkeit nicht allzu sehr auf Gegenseitigkeit beruhte. Er ließ nichts anmerken, dass er Hass oder Abneigung empfand, und sofort wurde seine Miene undurchdringlich. Davon abgesehen, dass Rasmús nicht die Absicht hatte, durch ihn hindurchzublicken. Wie gesagt, er achtete darauf, nichts mit Gewalt hjervorzulocken. Wenn jemand nicht wollte, dass er seine oder ihre Gefühle erfuhr, so ließ er ab. Jeder hatte das recht auf geheime Gedanken und Gefühle.

Nun aber stürzte seine ganze Welt zusammen. Im Augenblick der Gefahr, als Shani ihm geantwortet hatte und er in helle Panik ausgebrochen war, weil er helfen wollte, sich jedoch gebundener Hände für schuldig erklären lassen musste... da hatte er Tyel vergessen. Einfach so. War fortgelaufen, um Shani zu suchen, zu helfen. Er hatte Angst gehabt, solche Angst. Und nun? In sein Leben schien niemals Ruhe einzukehren, auf die strahlende Freude des Wiedersehens folgte Verlustangst, Unsicherheit, Panik, Verzweiflung, ... Musste es denn wirklich so sein, dass er für einen Erfolg gleich immer mit vielen, vielen Niederlagen bezahlte? Alles was er wollte war Frieden, ein bisschen Ruhe nur und Balsam für sein Herz. Er hatte seine zweite Hälfte wiedergefunden, Tyel, seine Schwester. Hatte Shani, und nun auch Hiryoga kennengelernt. banshee, die kleinen Welpen, die zwischen dem Rudel umhertollten, jetzt langsam erwachsen waren, neue Welpen, die noch viel lernen würden.

Er hatte das pure Leben entdeckt.

Generationen von Wölfen lebten um ihn herum, erfahrene Tiere, junge, kräftige Wölfe, noch verspielte Jungwölfe, die langsam heranwuchsen, und die Welpen. Und alle waren sie eine große Familie.
Aber wo, wo war Tyel? Wo hatte er seine Gedanken gehabt, wo? Wieso hatte er nicht aufgepasst, wieso war er einfach weggelaufen, ohne sie mit sich zu nehmen? Wieso? Warum konnte er nicht einmal auf sein allergrößtes Gut, auf seinen goldenen Stern aufpassen, den er doch gerade erst wiedererkämpft hatte. Warum?!

"I-Ich... ich weiß nicht... Ich..."

Völlig unter Schock stand der Graue, wusste nicht, was er von sich selbst halten sollte. Er hatte gar nicht darüber nachgedacht. Wie konnte er sich nur Bruder nenen? ie konnte er nur verantworten, seine Schwester bereits jetzt wieder verloren und im Stich gelassen zu haben? Verloren sah er aus, und beschämt. Ein kleiner Haufen Fell, der in sich zusammenschrumpfte unter der Schuld, dich er auf sich geladen hatte. Wie würden sie reagieren? Was würden siwe nun von ihm halten? Ein Wolf, der sich mehr für eine Freundin als für seine Schwester interessierte, die er ungefähr genauso gut kannte wie seine Schwester - fast gar nicht? Und dazu war er noch erfolglos gewesen... Er blieb ein Versager, doch solange er es nicht aussprach, konnte ihm das keiner ausreden. Und schön reden konnte man das, was er versäumt hatte, auch nicht - Liebe. Wo war die Liebe für seine Schwester? Er liebte sie abgöttisch, aber wenn das wirklich wahr war, hätte er sie nicht vergessen.. Rasmús war sich ncith mehr sicher, was er denken oder fühlen sollte.

"Ich... bin einfach gelaufen, ich weiß nicht... weiß nicht, wo... Tyel..."

Seine Stimme begann zu zittern, verwirrt und hilflos blickte er vonn Hiryoga zu Shani und zurück. Er hatte Angst vor ihren Mienen, Angst vor ihren Worten - Angst vor seiner eigenen Schuld.


Die kleine Schwarze fühlte sich mit einem Mal vollkommen fehl am Platze. Nicht, weil sie zurückgekehrt war; nicht, weil sie ihr Verhalten in diesem Moment als ein falsches erdachte. Es war einfach dieses beklemmende Gefühl, bei irgendwas zu stören. Das war eine Familienangelegenheit - von der sie zwar nicht viel mitbekommen hatte - die sie einfach nichts anging. Dennoch verharrte sie, mit ihrer ausgereiften Geduld und wartete, bis sich die Gemüter ein wenig beruhigten. Zumindest war das ihre Absicht gewesen. Denn irgendwie schien keine Ruhe vorzudringen und so ließ sie ihren Blick über die ruhenden Rudelmitglieder schweifen, die ihr allesamt fremd waren. Immerhin war viel Zeit vergangen, seit sie das letzte Mal auf die Sternenwindwölfe getroffen war. Doch dieses Mal sollte ihr Aufenthalt dauerhaft bleiben. Sie hatte nicht vor noch einmal fort zu gehen.

Ruhig lauschte sie den Worten, die untereinander gewechselt wurden. Als sie das bloße, entkleidete Word "Jagd" vernahm, durchzog sie ein bitterer Schmerz und Gedanken krochen aus Ecken, die sie sicher verschlossen geglaubt. Bilder schossen wild durch ihr Gedächtnis und alles was einst so verschwommen fasste wieder ungewollte Klarheit. Mit einem Mal schien jeder gute Vorsatz vom Winde verweht.

.oO(Warum bin ich hier? Für einfachste Aufgaben bin ich zu schwach, in nichts eine Hilfe. Außer vielleicht dabei die kostbare Luft weg zu atmen und Platz einzunehmen, den andere Wölfe viel mehr verdient hätten. Du hast dich von einem Hirsch umrennen lassen und dein gottverdammtes Leben riskiert. Aber nein! Selbst zum Sterben bist du nicht intelligent genug!)

Die schreckhafte Erkenntnis ließ sie voller Zorn die Augen zusammenkneifen. Sie hatte ihre liebe Not ihre Pfoten ruhig zu halten. Wenn sie jetzt davonlief, nur, weil ihr Gewissen ihr schmerzendes Gift einflößte, bräuchte sie nie wieder zurückkehren und schon gar nicht unter die Augen Engayas treten.

.oO(Es ist alles in Ordnung. Du hast deinen Frieden mit deiner Geschichte gemacht. Es ist gut, beruhige dich. Dein Geist ist schwach, Aufregung tut ihm nicht gut.)

Ihr innerer Monolog ließ wieder Frieden in sie einkehren. Sie sah Banshee kurz an, wartete darauf, dass sie es bemekerte und erhob sich dann. Einen Sekundenbruchteil sah sie noch zu Banshee, neigte dann den Kopf zu Boden, wie aus herzlichster Dankbarkeit. Sie wollte sich jetzt einfach zurückziehen und nur für einen kurzen Moment liegen und Kraft sammeln. Außerdem hatte die Leitwölfin grade durchaus wichtigeres zu tun, als sich mit dem alten Neuling zu befassen. Und so suchte sie sich ein Plätzchen bei den anderen Wölfen um kurz zu pausieren. Wenn es etwas zu bereden und zu fragen gab, würde Banshee schon nach ihr schicken. Aber jetzt brauchte sie einen kurzen Moment der Ruhe. Eine kleine Rast...


Averic lauschte den Worten seiner Schwester, sah sich aber nicht nach ihr um. Sein Blick führte nach vorne zum Höhleneingang, doch wirklich ansehen tat er dort auch keinen. Nicht seinen Bruder bei seiner Freundin, nicht seine Mutter bei ihrer Schwester, nicht die anderen Gestalten. Der Pechschwarze ließ die Worte an sich abprallen, wollte es zumindest, bis dann die letzten Worte gefallen waren. Sein Kopf schoss wieder in die Höhe und wirbelte zu Tyraleen herum. Elendes Arschloch? Arschloch?! Den ersten Moment war er völlig baff, dass es diese kleine Welpin gewagt hatte ihn so zu nennen, fast verblüfft sah er auf sie herab, fixierte ihre Reaktion auf ihre eigenen Worte. Typisch. Erst mit dem, was man wirklich dachte um sich schmeißen und dann den Schwanz einziehen. Er, Averic, stand hinter dem, was er sagte. Mit seinem ganzen Willen und seinen Zähnen. Die tiefblauen Augen verengten sich und er überlegte, ob er sie nun einfach auslachen sollte. Eben hatte sie ihn Problemfall genannt, nun ein Arschloch. Obwohl die zweite Bezeichnung durchaus unfeiner war, löste sie nicht wieder diese rasende Wut in ihm aus. Es war einfach nur eine Beleidigung, wie er sie gerne mal von sich gab. Aber das Tyraleen sich jetzt mit angelegten Ohren auf den Boden presste, war wieder bloß lächerlich. Ihre Meinung über ihn und Banshees Ideale machten ihn dann eher wieder wütend. Er zog ihre Ideale in den Dreck?! Ihr jämmerliches „Tust du nicht.“ überhörte er einfach und hob den Kopf ein ganzes Stück näher zu ihr herüber, auch wenn sie ihn nicht mehr ansah und er ihr Gesicht ebenso wenig sehen konnte.

Elendes Arschloch sagst du? Das war aber nicht viel feiner, als meine Art. Ich habe übrigens nie behauptet der Einzige mit einer Oberfläche zu sein, aber durch deine scheine ich ja ganz gut zu kommen, wenn dich meine Worte so aufregen.“,

zischte der große Wolf leise zu ihrem Ohr und richtete sein Haupt wieder auf.

Ich ziehe Banshees Ideale nicht in den Dreck, nicht weniger als Acollon. Und ich habe einen guten Grund Banshee zu lieben, nicht nur, weil sie meine Mutter ist. Und was mein Vorhaben betrifft ... weiß es unser Vater schon. Er wusste es von Anfang an.“

Averic erinnerte sich an vieles. An Acollons Blicke ihm gegenüber, daran, dass er oft alleine mit ihm hatte reden wollen. Vielleicht hatte dieser Feigling versucht das Schicksal ab zu wenden und nun, wo sein Sohn groß genug war, traute er sich nicht mehr her. Seine Gedanken ratterten durch die Vergangenheit, an alles, was mit Acollon zutun hatte, an jede grobe bis grausame Tat ihm gegenüber, bis hin zur Hirschjagd und da ... rasteten sie kurz ein. Sein Blick hatte sich bereits wieder von Tyraleen abgewandt und starrte gegen den kalten, nassen Höhlenboden. Das Ende dieser weit zurückliegenden Jagd war das einzige Ereignis gewesen, in dem Averic Acollon wirklich als Vater angesehen hatte. Das einzige Mal, wo Acollon sich wirklich wie einer verhalten hatte. Ja, wie unendlich bitter es auch klang, nur wegen Acollon hatte er sie überlebt. Das passte ihm grade gar nicht, war aber nicht zu ändern. Er war jung gewesen ... jung und dumm, hatte sich von dem Blutbad und Fenris so ergreifen lassen, dass er einfach nicht aufgepasst hatte. Nur deswegen. Ein leises, raues Seufzen verließ seine Kehle und Averic schielte funkelnd wieder zur Seite, seine Schwester an.


Zähneklappernd schlug Thylia ihre Augen auf und blickte um sich. Wie lange war sie schon hier in der Höhle? Schlaftrunken rieb sie sich ihre Augen und blickte umher. Viele Wölfe lagen hier versammelt und draußen tobte ein gewaltiger Schneesturm. Wie gut, dass sie hier drinnen war, denn selbst hier war es schon lausig kalt, wurde es doch von den Wölfen gewärmt. Wie sollte es dann dort draußen sein? Sie wäre hoffnungslos eingegangen, hätte ihr die junge Fähe nicht die Höhle gezeigt. Doch jetzt traute sie sich kaum, sich zu rühren. So viele Wölfe, wie hier versammelt waren, da gab es gewiss einige, die keine Menschen mochten oder die Angst bekommen würden, würde sie jetzt einfach durch sie hindurch gehen. Doch sie hatte das Gefühl, dass sie sich wieder verwandeln könnte, in einen Wolf. Sie fühlte sich kräftig und ausgeruht, auch wenn sie nur kurze Zeit in dem menschlichen Körper verbracht hatte und obwohl es so bitter kalt war. Sie drehte den Kopf leicht. Es wäre doch viel einfacher die Höhle im Schutze eines Wolfes zu verlassen.
Vorsichtig setzte sie sich auf und entdeckte am Rande der Höhle einige Wölfe. Unter anderem Banshee und die Fähe, welche ihr die Höhle gezeigt hatte. Wenn ihre Augen sie jetzt nicht täuschten. Alles sah so anders aus, wenn man durch Menschenaugen blickte. Verwirrt strich sie sich die blonden Haare aus dem Gesicht und zog dann die Felle enger um ihren Körper. Sie spürte, wie dieser leicht zitterte und atmete vorsichtig aus. Ihr Atem stieg in einer Rauchwolke hoch an die Höhlendecke. Die Hände aneinander reibend hoffte sie, dass vielleicht ein Wolf sie entdecken würde und mit ihr hinausgehen würde. Dort könnte sie sich dann in Ruhe zurück verwandeln und vielleicht würden einige Wölfe ja auch auf die Jagd gehen, dann könnte sie mal wieder ein wenig essen und so sich selber noch mehr aufbauen. Dann konnte es nicht mehr so schnell passieren, dass sie sich durch einen Ausbruch verwandelte und außerdem war sie an sich eine gute Jägerin. Sie war schnell und wendig, außerdem hatte sie eine gute Ausdauer und ihre Instinkte waren sehr ausgeprägt. Zweifelnd zog sie ihre Füße unter ihren Körper. Würde sie denn jemand bemerken?


Wie froh sie doch war, dass Banshee nicht sauer auf sie war und auch Nyota sprach freundlich zu ihr. Das hatte sie doch gar nicht verdient. . . Doch darüber machte Sheena sich jetzt keine Gedanken mehr, sie schenkte beiden ein strahlendes Lächeln. Wie glücklich sie sich doch fühlte, Banshee war froh, dass sie begriffen hatte und würde ihr noch mehr erzählen, wenn sie älter war, sagte ihr, dass sie erstmal ihre Jugend genießen sollte und das wollte sie auf jeden Fall. Sie machte einen kleinen Freudenhüpfer und schaute dann beschämt die Wölfe um sich herum an, hatte es jemand mitbekommen? Sie wollte gerade Banshee antworten, da bat diese sie sich noch kurz zu gedulden. Kein Problem für Sheena. Sie kam sich vor, als ob ihr gerade gar nichts ausmachen könnte, als ob nichts ihre wunderbare Laune trüben konnte. Sie lächelte weiterhin, ein Lächeln, was man früher selten oder sogar nie auf ihren Lefzen gesehen hatte. Banshee begrüßte froh einige Wölfe und so wand Sheena sich erst Nyota zu.

„Oh doch, Banshees Antworten waren super, auch wenn ich sie in meinem Zorn zuerst alle verdreht habe, doch jetzt wo ich in Ruhe nachgedacht habe, habe ich einiges verstanden und den Rest werde ich mit der Zeit auch verstehen. Jetzt ist alles super bei mir! Mit auf die Jagd kommen? Oh ja, das wäre bestimmt toll. Meinst du denn ich kann das schon? Ich meine natürlich ich bin groß genug, aber nicht das ich irgendetwas tollpatschiges mache und uns alle in Gefahr bringe? Aber nein, ich denke ich sollte das schaffen, ich würde gerne mitkommen und natürlich freut es mich, wenn noch andere Wölfe mitkommen. Dann lerne ich auch ein paar andere kennen außer dich und Banshee. Wo ich gerade Banshee sage, wollte sie nicht eben noch nachschauen, was ich da hinten in der Höhle gesehen habe?“

Der Blick der Fähe huschte zu der Ecke in der sie das Wesen gesehen hatte und erschrocken sprang sie ein bisschen näher zu Nyota herüber. Es hatte sich bewegt, es lag nicht mehr zitternd am Boden, sondern hatte sich in eine seltsame Position gebracht. Es sah aus, als ob sie auf den Hinterbeinen sitzen würde, jedoch waren ihre Vorderbeine nicht wie bei einem Wolf normal davor auf dem Boden, sondern es schien, als ob sie diese in den Fellen vergraben hätte und nur undeutlich konnte sie eine Bewegung erkennen, die aussah, als ob sie die Pfoten irgendwie bewegte. Außerdem bibberte das ganze Bündel immer noch heftig vor sich hin. Verwirrt blickte sie Nyota an.

„Nyo, Banshee kann gerade anscheinend nicht, dann sag du mir doch bitte, was genau DAS da hinten in der Ecke ist?! Es verwirrt mich ein wenig und irgendwie fürchte ich mich auch ein wenig davor, dabei sieht es gar nicht bedrohlich aus. Aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Da ist es doch verständlich, dass ich Angst habe oder was meinst du? Hast du so etwas schon mal gesehen? Kannst du mir sagen, was es ist und was es hier bei uns zu suchen hat? Und warum sitzt es so komisch und wo sind seine Vorderpfoten und warum zittert es so komisch und“

Sheena holte tief Luft und blickte Nyota fragend an. Nach ihrem kleinen Wortschwall musste sie erst einmal Pause machen, genügend Luft in ihre Lunge bekommen, denn es passierte schnell, dass man das Atmen vergas, wenn man zu viel redete. Sowieso kam es Sheena vor, als ob sie ununterbrochen reden würde, doch sie hatte das Gefühl, als ob sie all das was sie früher nicht gesagt hatte jetzt aufholen müsste, als ob sie all die ungesprochenen Worte aufholen müsste. Als ob es ein Limit gäbe, welches ein junger Wolf erreicht haben musste um Erwachsen zu werden. Sheena wusste, dass sie manchmal noch wie ein neugeborener und neugieriger Welpe wirken musste, doch das störte sie eher weniger. Sie stupste Nyota liebevoll an und schnaufte leise in ihr Fell, ehe sie die Schnauze wieder hob und die andere junge Fähe neben sich musterte.

„Du bist Nienna Singollo, habe ich Recht? Und du kommst mit uns noch auf die Jagd ja? Freut mich dich kennen zu lernen, ich bin Sheena!“


Auf Sheenas Antwort hin musste sie wieder lächeln. Natürlich waren Banshees Antworte perfekt, sie waren es immer. Sie waren so perfekt wie Banshee selbst. Und es freute sie, diesen Gedanken in den Worten der kleinen Weißen bestätigt zu hören.

Auch ihre Sorgen über die Jagd hörte sich die Dunkle lächelnd an, und erinnerte sich an diese erste Jagd mit Ayala...es war so weit fern, das alles war soweit fern, selbst Acollon. Er hatte damals mitgeholfen sie und Banshee zu retten, aber er war immer ein Wolf gewesen der sich nicht unterordnen konnte. Und dann dieser dreiste Weißpelz, dem sie den Titel Fegefeuer verdankte...es lag soweit zurück, doch mit jedem Blick auf die Wölfe ringsherum wurden all diese Erinnerungen so viel lebendiger...sie war in ihr altes Leben zurückgekehrt.

"Keine Sorge. Hier oben gibt es nur relativ kleine Tiere Bergschafe und Ziegen, viellicht Hasen. Die können uns zwar auch verletzten, werden aber eher selten gefährlich"

meinte sie zu Sheena, und wie von selbst verlor sich ihr Blick in Richtung Hiryoga, Rasmús, Banshee und Shani. Ihre Schwester und sie hatten damals einen niemals ernst gemeinten Wettbewerb begonnen, wer zuerst den besten Rüden fand. Nun, in der Kategorie zuerst gefunden hatte Banshee sie wohl auf ganzer Linie geschlagen, doch ob Acollon nun so eine gute Wahl war, das bezweifelte sie noch immer.

Sheenas Sorge riss sie aus ihren Gedanken, und den Blick schärfend sie in die Richtung, in der Sheena ihr das Wesen bedeutet hatte. Und tatsächlich - was auch immer es war - lag dort und zog die Läufe an. Was für seltsame Bewegungen es machte! Überhaupt sah ihr ganzer Leib so seltsam aus, so verkehrt - mit gespitzten Ohren trat sie vor, fixierte das Wesen mit den honiggelben Augen und schritt bis auf einen halben Meter heran. Corvina und Nienna würden es ihr wohl kaum übel nehmen wenn sie sich das seltsame Etwas ansah. Mit gekräuseltem Fell blieb sie vor Thylia stehen und streckte die Schnauze nach ihr aus um vorsichtig an ihr zu schnuppern.

"Wer bist du?"

Klang es mit abgekühlter Stimme zu dem Wesen herüber, und mit wachsamen Augen musterte sie die Glieder dieser komischen Gestalt. Nein, gefährlich sah es nicht aus - aber sehr fragwürdig.


Still saß der Rüde vor der Höhle, schon den ganzen Morgen lang. Wölfe waren viele an ihm vorbei gekommen, doch niemand hatte sich um ihn geschert. Die runden Ohren waren aufmerksam aufgestellt, doch kein Wort schien ihn wirklich zu erreichen – er war tief in Gedanken versunken und schaute mit verklärtem Blick in den Schnee. Der eiskalte Wind strich durch das dichte Fell, welches mit Eiskristallen geschmückt war. Sicher hätte er in der Höhle Unterschlupf gefunden, doch er wollte nicht bei dem Rudel liegen, denn es war nicht sein Rudel. Banshee schien ihn schon vergessen zu haben, doch ein Gefühl in seinem Inneren ließ ihn hier verweilen. Innerlich tadelte er sich dafür jedoch selbst. Er könnte hinab ins Tal laufen, fort von der Eiseskälte und dem endlosen Schnee in mildere Gebiete. Der Rüde schnaubte auf, erhob sich dann und schüttelte sich den Schnee aus dem Fell. Er trat langsam ein paar Schritte vor, blickte in die Höhle und sah die Alphafähe, umringt von vielen Wölfen, die er nicht kannte. Sein Blick war wehmütig. Wahrscheinlich würde sie ihn nicht einmal bemerken. Mit einem Grummeln wandte er seinen Blick schnell ab. Noch zwei Nächte, nahm er sich vor, dann müsste etwas geschehen, sonst wäre er weg und ward niemals mehr gesehen.
.oO(Engaya, warum sollte ich in dieses trostlose Gebiet? Es bedarf meiner Hilfe nicht. Sie kommen auch ohne mich aus!)
Anklagend wandte er seine Gedanken an die Göttin. Enttäuscht und wütend gar kratzte er mit seinen Vorderläufen durch den Schnee. Doch ein fast warmer Windhauch kam von Osten und schien ihn zu liebkosen, ihn friedlich stimmen zu wollen. Entschuldigend hielt der Wächter in seiner Bewegung inne. Er hatte die Göttin angeklagt… doch sie war ihm nicht zornig, nein, sie verstand ihn. Der Rüde beruhigte sich, warf noch einen Blick in die Höhle und lies sich dann wieder in den Schnee sinken. Schneeflocken setzten sich erneuert auf sein Fell und reglos, wie er da saß, wirkte er wie eingefroren.


Die weisse Wölfin hatte gar nicht wirklich auf ihre Umgebung geschaut, umso erstaunter schien die Träumerin zu sein, als sie die vielen Wölfe um sich herum wahrnahm, doch dies geschah erst dann, als die schwarze Nyota ihr erklärt hatte, um was es gegangen war, die Plüschohren hatten sich freudig gespitzt und der Blick schien ein wenig mehr aufzuklaren, auf jeden Fall so weit, dass sie nun die vielen anderen um sich wahrnahm, sie musterten die vielen unbekannten Gesichter, einige hatte sie damals schon gesehen, als Katara und sie das Rudel gefunden hatten.
Einer dieser Wölfe welchen sie jedoch zum ersten Male erblickte war Hyroga, und je mehr Corvina den Gesprächen und den Wortfetzen um sich lauschte, wusste sie alsbald, dass dies ein weiterer Nachkomme der weissen Leitwölfin war, sie etappte sich dabei, wie ihr Blick schon länger auf ihm lag, sie schüttelte den Kopf und blickte sich dann weiter zwischen den anderen herum.

„Nun Nyota, wenn Ihr es gestattet würde ich gerne mit Euch und den anderen mitkommen“

meinte die Fähe dann, mit leicht träumerischer Stimme, ja so war sie nun mal, einmal eine Träumerin, doch konnte sie auch aufmerksam sein und entging ihr wieder nichts! Heute schien es wieder, dass sie am träumen war, doch lag es wohl eher daran, dass sie leicht verunsichert war, denn wann war sie zum letzten mal in einer festen Rudelgesellschaft aufgenommen worden und war dann auch dort verweilt? Abermals schien die Fähe aufzuschrecken, als die Rede von einem fremden ja gar unbekannten Wesen war, ihr Blick huschte in die Richtung, welche Sheena angegeben hatte und sie neigte leicht ungläubig den Kopf und die Augen schienen sich noch ungläubiger zu weiten, als sie den aufgerichteten Körper einer Menschenfrau sah, sie japste leicht nach Luft, und Erinnerungen kamen hoch, an eine behagliche Wärme, an ein einsames Häuschen im tiefen Wald und an sanfte und wärmende Hände, einen Augenblick lang schien Corvina wie versteinert, dann aber sprang sie auf die Läufe, die Nase zuckte, als sie die Witterung aufnahm. Nyota hatte sich vor den Menschen gestellt, doch offenbar schien sie sie nicht für eine Gefahr zu halten,... oder? Leicht scheu trat sie neben die schwarze Fähe und glaubte, als sie sich umdrehte, vor der Höhle im leichten Schneegestöber die Umrisse jenes Wolfes vom See zu sehen, doch sicher war sie sich nicht.

„Nyota, ich glaube nicht, dass dieser Mensch uns böses will, denn sonst hätte er uns schon lange angreifen oder gar verletzten können“

meinte Corvina leise an die schwarze Fähe gewandt, ja sie kannte die Menschen, einerseits waren sie ihr verhasst und andererseits verdankte sie einem Menschen ihr leben!


Shit war an diesem Tag eine Weile auf Erkundungstour gewesen und kehrte nun zum Rudel zurück. Es war nicht gerade warm, dadurch, dass er sich aber in ständiger Bewegung befunden hatte, war ihm nicht kalt geworden. Wie ein kleiner wirbelwind war er durch den Schnee und das Eis gefegt, ganz, wie es seine Art war. Ebenso ungestüm rannte er inzwischen zurück zum Rudel, auf die Höhle zu, in der sich eine ganze Meute gesammelt hatte. Als ihm wieder einfiel, wieso er es so eilig hatte, bremste er ungeschickt ab und lief in ruhigerem Tempo weiter. Es war natürlich sein welpischer Lauf, sein Hüpfen, sein Toben, nur eben in langsam.

.oO(Wieso schlägt Shits Herz so schnell?)

Es lag nicht am Sprint, den er hinter sich hatte. Er benahm sich geradezu wie ein Jungwolf der das erste Mal verliebt war. Er war ein junger Wolf, der sich verliebt hatte. Das erste Mal. Nicht sehr aufbauend und beruhigend, wie er feststellte. Er hatte sich allerdings auch nicht grade eben erst verliebt, sondern liebte Banshee, seit dem ersten Tag und inzwischen war er doch schon eine ganze Weile bei diesem Rudel. Wie das Leben so spielte, hing er sehr an dem Ort, an dem er zum ersten Mal akzeptiert worden war. Er war ein kleiner, unabhängiger Geist in einer riesigen Gemeinschaft. Er unterließ die Philosophie in seinem Kopf, dass er niemanden kannte, der hier war, zu beflügelt war er von dem Gedanken, der sich seit einigen Tagen in seinem Kopf festgesetzt hatte. Naiv und verspielt wie immer tänzelte er auf seine Leitwölfin zu und blieb vor ihr stehen, ihr ins Gesicht sehend. Er räusperte sich. Und drehte sich wortlos um und stob davon, um sich hinter einem Hügel zu verkriechen und die Pfoten über die Augen zu legen. Kichernd und mit wedelnder Rute amüsierte er sich über sich selbst und wartete darauf, bis sein Herzschlag wieder etwas ruhiger wurde. Seine verworrenen Gedanken fügten sich wieder zusammen und so schlich sich die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass sein Auftritt, soweit ihn jemand bemerkt hatte, doch sehr peinlich gewesen war. Zumindest Banshee hatte ihn mit Sicherheit wahrgenommen.

.oO(Shit ist danach, zu schreien!)

Er schnappte den Schnee vor seiner Schnauze und schob ihn dann mit der Zunge wieder aus seinem Fang. Seufzend richtete er sich auf, hob den Kopf über den Hügel und sah zurück zu der Ansammlung um seine geliebte Banshee.

„Shit ist ein Feigling.“

Sagte er zu sich selbst und seufzte erneut. Hibbelig und unruhig verlagerte er sein Gewicht von einer Hinterpfote auf die Andere und blieb erst einmal sitzen, um sein Gemüt zu kühlen.


Nienna schaute kurz zu Banshee auf als sie ihre Stirn berührte. Die kleinere Fähe schielte leicht auf ihre Stirn und erinnerte sich wie eine dicke Schneelocke da landete, genau so war ihr Blick auch. Nienna schaute zu einer weißen oder grauen, sie wusste es nicht genau, Fähe und musterte sie. Ihre Beine waren für die Fähe schwarz und ihr Fell ein Mix zwischen grau und weiß. Die kleine Schwarze überlegte über die Fellfarbe nach und ihre Lefzen zogen sich leicht grinsend nach oben. Ihr gefiel diese Musterung aber, Nienna legte sich für einen Moment auf den Boden. Sie musste wieder an ihren Vater denken, er hatte die Wölfe auch nur nach dem Aussehen beurteilt und genau deswegen ist das Rudel auch zusammen gebrochen, ganz einfach hatte er endschieden das Manche etwas dämonisches beziehungsweise Menschliches an sich haben und so hat er sie einfach einen Berg hinunter stürzen lassen, verhungern lassen oder etwas ähnlich grausames. Nienna hatte es auch schon am eigenem Leib erfahren doch dann wurde sie aus ihrer Gedankenwelt herraus gezogen. Glücklicherweise. Sie hörte eine zarte Stimme die von der Fähe kam, welche gerade von Nienna gemustert wurde. Die Schwarze hob ihren Kopf hoch, stemmte sich hoch und rieb ihre Schnauze in dem Fell der Fremden.

"...Ja genau ich bin Nienna Singollo..aber du darfst mich gerne Green oder Nienna nennen...ich hasse den Namen Singollo...zumal ich noch nicht einmal weis was er bedeutet..darf ich auch erfahren wer du bist?Und Nyota...auch wenn ich zierlich und klein wirke....kann ich dennoch schnell sprinten und meine Ausdauer hällt auch für längere Zeit an."

Konnte man Nienna Singollo reden hören, sie sagte es leicht rechthaberisch und ihre Stimme senkte sich am Schluss sehr leicht. Sie senkte erst für einen kurzen Moment den Kopf und hörte wie die Wölfe über ein Menschenkind redeten und ihr Blick schwief sofort umher und es schien so wie als ob ihr Blick die Gegend abtastete. Da saß sie. Sie sah sie genau und schüttelte sich leicht bei dem Blick des blonden Haares und der blassen Haut. Nienna konnte sich ziemlich gut Gesichter merken, zumindest wenn es um Menschen Gesichter geht.

" Ich kenne das Menschenkind...sie erzählte mir sie sei eigentlich ein Wolf..die Felle die sie um sich hängen hat wären von ihr selbst und wenn sie die Felle von sich legt wäre sie praktischerweise eine nackte Fähe..."

Murmelte Nienna zum Abschluss als sie sich langsam zu Nyota Banshee und den Anderen drehte.


Immer wieder funkelten Kishas goldbraune Augen in der Dunkelheit zu ihr hinüber, ihr schwarzes Gesicht war ihr so nah, das Daylight meinte es mit den Pfoten berühren zu können, doch als sie es versuchte löste sich das Bild ihrer Patin in Nichts auf und erschien sobald die Graue die schmale Pfote sinken ließ von neuem. Verzweifelt versuchte die kleine Jungwölfin es von neuem, immer und immer wieder, bis sie schließlich aufgab. Sie bemerkte die warme Zunge Amáyas kaum die führsorglich über ihr eisiges Fell fuhr und sie wärmte, sie kuschelte ihren kleinen Kopf an das warmes, schwarzes Fell ihrer Schwester und schloss erschöpft die honigfarbenen Augen. Wieder fühlte sie die Hitze die in ihrem Körper aufstieg und sogleich begann sie vor Kälte zu zittern und drückte die Schnauze in Amáyas Pelz. In ihrer Stirn hämmerte es und noch immer war die seltsame Schwäche und Müdigkeit nicht von ihr gewichen. Unruhig rollte sie sich auf den Rücken und streckte die grauen Läufe von sich, eine kurze Weile blieb sie in dieser Position liegen, dann öffnete sie die Augen. Die Schmerzen in ihrem Kopf wurden immer unerträglicher und hielten sie davon ab den Befehlen ihres Körpers nachzukommen, die sie eindringlich nach Schlaf riefen, fast schon hörte die Kleine die Stimme in ihrem Kopf. Erst erkannte sie die Schwarze nur verschleiert und trübe, dann klarte sich ihr Blick auf und sie stupste schwach, aber dankbar mit ihrer Schnauze gegen Amáyas eben so zierliche.
Wieder überkam sie eine Welle von Hitze, wie als Bestrafung für diese Anstrengung, doch sie wandte den Blick nicht von den nachtregenblauen Augen ihrer Schwester und starrte sie unverwandt an, ein klägliches Wimmern drang über die dunklen Lefzen des Sonnenkindes, doch sie lächelte leicht, so froh wieder hier zu sein, dass es all der Schmerz wert war. Sie kuschelte sich erneut an Amáyas dichtes, schwarzes Fell und als sie nun sprach klang ihre Stimme kläglich, doch Daylight versuchte die Angst aus ihr zu nehmen. Nie, nie hatte sie daran gedacht sterben zu können, doch in diesem Augenblick glaubte sie nicht daran, dass die alte Stärke und Ausgelassenheit zurückkehren könnte. Der hämmernde Schmerz in ihrem Kopf wurde beinahe unerträglich und Daylight setzte erneut zum sprechen an.

„Mir ist so warm, Amáya… und gleichzeitig so kalt…“


Sie hielt inne und schloss schmerzerfüllt die Augen, ihr ganzer Körper bebte. Immer enger drückte sie sich an den warmen, schützenden Körper des Regenkindes. Ihre hellen Augen schimmerten zu ihrer Schwester empor, als sie leise hinzufügte:

“Glaubst du… glaubst du das ich je wieder gesund werde? Es ist alles meine Schuld… ich hätte nicht in den See gehen sollen… doch ich dachte dort wären silberne Flossenwesen, so wie unten im Tal.“

Ihre Augen hatten einen verträumten, leicht abwesenden Ausdruck angenommen als sie das Tal erwähnte und plötzlich sah sie sich selbst auf Parveens Rücken klettern und die Pfoten zwischen ihre dunklen Ohren legen. Sie sah Kisha, die auf sie zugejagt kam, dann wechselte die Szene und plötzlich erblickte sie erneut Merawin, der einige Schritte hinter ihr lief unaufhörlich seinen Namen flüstern. Der Silbergrauen klang seine Stimme noch in den Ohren und ein glückliches Lächeln huschte über ihre erschöpften Züge, als nun wieder die blauen Augen ihrer Schwester vor ihr im Halbdunkeln schimmerten. Daylight fuhr unbeirrt fort.

“Ich dachte… i-ich… ich könne sie fangen… doch dort war nichts, Amáya… hier ist alles so anders. Ich habe mir gewünscht, dass wir einmal auf den Berg gehen, ich habe Mama danach gefragt und sie hat damals gesagt vielleicht würden wir einmal gehen… es kommt mir so vor als wüsste sie alles schon… das-das wir einmal fortgehen müssen aus dem Tal. Meinst du, dass wir wieder zurückkehren werden, alle?“

Sie blinzelte einmal und schloss für einen Moment erneut die goldbraunen Augen, ehe sie Amáya wieder in die Augen blickte, ihr Blick war ernst und die Verträumtheit war aus ihm verschwunden, auch die Fröhlichkeit, die man sonst in ihm fand war fort.

„Ich-Ich glaube ich-ich… vielleicht ist es meine Schuld, dass wir hier oben sind, meine ich… weil ich es mir doch so gewünscht habe. Nie mehr werde ich solche Wünsche haben und vielleicht werde ich ja jetzt dafür bezahlen… vielleicht sterbe ich… wenn ihr dann zurück ins Tal geht, dann… dann wünsche ich euch alles Gute.“

Es war, als wäre ein Licht erloschen, dieses Licht der Liebe und des Lebens, dass sonst in der kleinen Wölfin gebrannt hatte, doch nun schien es ganz so als hätte die Düsternis der Berge dieses Licht für immer erstickt. Daylights Lebenswille schien verschwunden zu sein und in diesem Moment fühlte sich die Kleine noch unendlich schwächer als zuvor… die Berührung mit dem Tod, die Angst, die sie verfolgte, seit sie unter den unendlichen Anstrengungen den Berg erklommen hatten, dies alles schien ihre unbesorgte Kindheit in weite Ferne gerückt zu haben. Die Gelassenheit, die Lebensfreude, die Übermut und die Fröhlichkeit, sie schienen wie von ihr abgefallen. Erschöpft schloss die Kleine ihre schweren Augenlider, ihr warmer Atem strich ruhig über Amáyas Fell und die Graue drückte sich immer fester an ihre Schwester, so als klammere sie sich an sie, wie sich ihr Körper in das an ihm verbliebene Leben klammerte.

„Meinst du ich sterbe, Amáya?“

Ihre Stimme war nun kaum mehr als ein Flüstern und erinnerte nicht mehr an die ausgelassene, fröhliche Stimme jener grauen Welpin, die einst mit ihrem Bruder durch das Tal gejagt war, jene Welpin, die selbst versucht hatte Face ein Lächeln zu entlocken und nach seiner Rute schnappte, jene kleine Wölfin, die versucht hatte Freundschaft mit ihrem kalten, verschlossenen Bruder zu schließen und deren Fröhlichkeit selbst Averics barsche Zurückweisung nicht anhaben konnte, jener Sonnenschein, der sich zuvor so von ihrer Schwester unterschieden hatte… doch nun hatte Daylights Stimme etwas bitteres angenommen, eine wissende Bitternis und etwas flehendes, was man nie zuvor aus ihr herausgehört hatte und die Angst, Angst die ihre Kehle zuschnürte und kleine Tränen in ihre geschlossenen Augen malte, die unter ihren grauen Lidern hervorquollen und im Dämmerlicht schimmerten wie Diamanten. Sie hatte ihrer Schwester erzählt, was ihr in den Gedanken der Trauer und unter dem Fieber, das nun wieder von ihr Besitz ergriff gedacht hatte und was sie Banshee nicht hatte sagen wollen, weil sie den Schmerz in den Augen ihrer Mutter nicht sehen wollte. Doch diese Gedanken verzehrten ihr Herz und machten alles daran das Licht vollkommen zu ersticken und aus ihr eine andere kleine Fähe zu machen, die ihrer schwarzen Schwester ähnlicher war als zuvor.


Erschrocken hob Thylia den Kopf ganz, als sie merkte, dass Wölfe auf sie zukamen. Als erstes war es nur eine schwarze Fähe, die auch gleich ihr Wort an sie richtete. Danach kam noch eine zweite hinzu. Sie sprach zu der anderen Fähe. Und nun kam auch noch die jüngere, welche ihr die Höhle gezeigt hatte und erklärte den beiden, was sie über Thylia wusste. Sie verzog ihren Mund zu einem lächeln, wobei sie dabei etwas die Stirn runzeln musste, da es sich so komisch anfühlte einen normalen Mund zu haben und nicht eine Schnauze, welche sich lustig beim lächeln nach oben verzog. Vorsichtig strich sie mit ihrer einen Hand ihre Haare aus dem Gesicht, darauf bedacht nicht die Wölfe durch ihre, für sie, komische Bewegung zu erschrecken. Dann zog sie ihre Hand wieder zurück in die etwas wärmenden und schützenden Felle und nickte den Wölfen freundlich zu. Sie überlegte kurz, wie sie knapp erzählen konnte was sie eigentlich war, sodass die Wölfe keine Angst vor ihr bekamen oder doch auf die Idee kamen, dass sie ihnen vielleicht schaden konnte. Andererseits, Banshee wusste ja was sie war und sie hatte ihr erlaubt in dem Rudel zu sein, also sollte sie ihren Namen erwähnen, dann fühlten sie sich bestimmt sicherer, denn soweit sie es mitbekommen hatte hielten die Wölfe Banshee für sehr klug und vertrauten ihr auf eine tolle Art und Weise.

„Ich bin Thylia. Es tut mir Leid, dass ich euch durch meine Gestalt vielleicht erschreckt habe, das war gewiss nicht meine Absicht. Und Schwarzpelz, ich werde euch nichts tun, da könnt ihr ganz beruhigt sein, dass hat sie“ Sie deutete auf die andere schwarze Fähe(Corvina) „schon ganz richtig erkannt. Ich bin schon etwas länger hier im Rudel, Banshee hat mir erlaubt hier bei euch zu verweilen. Und Nienna, so heißt du doch oder? Hat ganz recht mit dem was sie sagt. Normalerweise bin ich ein Wolf, eine Fähe um genau zu sein und dies hier sind auch meine Felle die mich jetzt umgeben und schützen, es ist also kein Tier dafür gestorben. Wenn euch der Begriff Werwolf etwas sagt könnt ihr euch euren Teil gewiss denken. Aber erschreckt jetzt nicht, ich habe nicht vor das Rudel irgendwie auseinander zu nehmen oder irgendjemandem etwas Böses zu tun. Ich kann nichts dafür, dass diese Verwandlungen manchmal passieren. Normalerweise verweile ich in der Wolfsgestalt, doch wenn ich zu erschöpft bin oder mich aufrege wird dieses ekelige Biest von Werwolf aus mir und es ist schwer sich dabei unter Kontrolle zu haben und die einzige Rettung ist dann dieser komische Menschenkörper. Es dauert dann einige Zeit, bis ich wieder genügend Kraft gesammelt habe um mich in einen Wolf zu verwandeln. Doch ich glaube jetzt ist es soweit. Ich wollte nur nicht durch die ganzen Wölfe hier laufen in der Angst, dass einer von ihnen vielleicht einen Hass auf Menschen regt und mich irgendwie angefallen hätte, denn dann wäre das Biest wieder gekommen. Und mich hier drinnen zu verwandeln ist ebenfalls zu riskant, dann würden sich sicher einige erschrecken und vielleicht noch mehr Angst vor mir haben. Und das will ich schließlich nicht. Also auch ihr braucht keine Angst zu haben, es wäre nur unheimlich lieb, wenn ihr mich vielleicht mit raus begleiten würdet dann könnte ich mich in sicherer Entfernung verwandeln und wieder einer von euch werden. Und dann könnte ich auch auf die Jagd gehen, mich stärken, denn dann kommt so etwas auch nicht mehr so schnell vor, vor allem weil es sehr ungemütlich und kalt ist in diesem komischen Körper zu stecken. Ich bin froh, dass ich es überhaupt überstanden habe, wenn ihr versteht was ich meine?“

Tief Luft holend blickte Thylia die drei hoffnungsvoll an. Oh, da hatte sie aber viel geredet. Sie hoffte, dass die Wölfe sie verstehen würden, Banshee hatte sie schließlich auch verstanden, aber hier wusste sie auch nicht wie die beiden Schwarzen reagieren würden, Nienna war ihr ja freundlich gesinnt, das hatte sie gemerkt. Auch die beiden hier schienen ihr vernünftig genug um das alles zu verstehen. Ach, wie sie doch diesen jämmerlichen Menschenkörper hasste. Damals war sie vor ihm geflüchtet und nun verfolgte er sie immer noch. Sie würde ihn wohl nie loswerden. Nur wenn sie weiter lernen würde und sie schafft es einfach nicht, nicht alleine ohne ihre Familie bei der sie ja nicht bleiben wollte. Innerlich verfluchte sie sich für ihre Dummheit. Schließlich war sie im Grunde genommen ja doch eine Gefahr für alle Anwesenden. Und dafür schämte sie sich. Sie wollte keine Gefahr sein, sie wollte einfach ein normaler Wolf sein, aber das ging wohl nicht, es würde niemals gehen. Sie war nun mal eigentlich ein Mensch und daran konnte man nichts ändern. Nein sie musste sich verbessern. Sie war einmal eigentlich ein Mensch gewesen. Leise stöhne sie auf, sie hasste es sich damit länger zu befassen. Gequält schüttelte sie den Kopf, ehe sie sich wieder der Wölfe bewusst wurde und ihnen ein gezwungenes lächeln zuwarf.


Was sollte jetzt nur noch geschehen..? War nicht alles schon geschehen, was im Negativen schon geschehen war? Der Tod konnte nicht negativer sein. Es war vorbei. Die Vorstellung war zu Ende, das Leben ging weiter. Ja, das Leben ging weiter, aber der Satz war rein gar nicht optimistisch geprägt, er war eine harte Tatsache, die der weißen Fähe Kummer bescherte. Wenn man eine Zukunft hatte aber nichts mit ihr anzufangen wusste und eigentlich nur Angst hatte, dass man wieder etwas verlor, was einem lieb war, wollte man auch diese Zukunft nicht. Am liebsten wäre sie einfach in der Gegenwart geblieben, oder besser noch, in eine von ihr ausgewählter Moment der Vergangenheit zurückgegangen und wäre dort für immer geblieben. Aber sie wurde einfach mitgeschleift, gnadenlos. Man konnte nichts dagegen tun, irgendwer sorgte dafür, dass es so war. Oder bildeten sich die Tiere die Zeit nur ein und sie brauchten sie nur vergessen, um sie für immer anzuhalten? Aber das war unnütz. Für denjenigen, der sein ganzes Leben Glück empfand, war die Zeit auch zeitlos, für jemanden, der hoffte, es würde einmal wieder schön werden, voran sie wie im Fluge. Müde trottete sie von dem lebendigen Zentrum. Das Rudel war die Zeit, sie machten die Zeit und Leyla war nicht im Stande, mit ihr mitzuhalten. Orientierungslos lief sie durch die Gegend, nur weg von diesen starken Spannungen, von diesem..Leben. Sie wollte davor flüchten, war aber zu schwach, im ihrem Widerwillen zu entkommen. In dieser Kälte, sie hatte das Gefühl, um so weiter sie fort ging, desto kälter wurde es, hatte man das Gefühl, einem fror der Verstand ein, die Wahrnehmung, nur die Zeit nicht. Sie lief unaufhörlich weiter, irgendwann einmal, würde sie an ihr vorbeigehen, so lange, bis sie außer Sichtweite war, für immer. Die Weiße wollte sich nicht mit den anderen um die wenigen, halbwegs sicheren Plätze vor dem kalten Sturm und den Schneemassen streiten, sie gab freiwillig auf. Was gab es jetzt noch zu verlieren? Aber sie hatte ihre Ausdauer unterschätzt. Schon wenige Baumlängen hinter dem Rudel verließen auch ihre letzten Kräfte ihren ausgezehrten Körper und sie sackte wie ein Stein zu Boden, als ob sie plötzlich tot wäre. Sie blieb liegen, unternahm nicht einen noch so geringen versuch, wieder aufzustehen. Hier war niemand, keiner, der sie für ihre Schwäche auslachen konnte. Jetzt wartete sie nur darauf, daß die Wahrnehmung nachließ und sie Ruhe fand.

Trüb hatte der Wolf seinen Blick in den Schnee gerichtet, als eine Bewegung außerhalb der Höhle seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein Blick traf auf die weiße, schlanke Gestalt einer Wölfin, die betrübt und doch gezielt Abstand vom Rudel nahm. Ein wenig verwirrt richtete sich der Graue auf und blickte sich um - niemand schien ihr zu folgen. Misstrauisch suchte er die Gestalt wieder, doch im gelißenden Weiß des Schnees und dem Wirrwar der fallenden Flocken war die Weiße beinahe untergegangen. Langsam setzte sich Siléo in Bewegung, folgte der Fähe, doch in gebührendem Abstand, sodass sie ihn kaum bemerken würde. Sie wirkte in Gedanken, traurig gar, sodass sie sicher nicht auf ihre Umgebung achtete. Der Schnee knartschte leicht unter den breiten Pfoten, die neben den Abdrücken der Weißen erstaunlich groß und ausladend wirkten. Der milde Blick aus den blauen Augen lag unverwandt auf der Weißen... Ihre Schritte wirkten der Aufgabe nahe, sie besaß keine Lebensfreude mehr, das spürte der Wächter deutlich und es versetzte ihm einen bösen Stich ins Herz. Und in diesem Moment brach die Weiße zusammen. Leblos ließ sie sich in den Schnee sinken und das schlagende Herz in dem Körper des Grauen machte einen unangenehmen Sprung.
Siléo drückte seine Läufe tief und fest in den Schnee, eilte zur Wölfin. Ein wenig hilflos blickte er sie an, bevor er ihre Stirn sanft mit seiner Schnauze berührte. Er kannte diese Geste von seinen Eltern und ziemlich allen Eltern, denen er bisher begegnet war... Welpen reagierten sehr positiv darauf, doch eine erwachsene Fähe?

"Der Schnee wird dich erfrieren lassen, weiße Fähe... gib nicht auf... nicht hier!"

Warm und doch eindringlich flüsterte er der Fähe diese Worte zu, stupste sie an und stellte sich dann schützend über sie, den Blick besorgt auf ihre Gestalt gelegt. Er konnte nicht sagen, warum er ihr half. Er kannte sie nicht, und doch fühlte er sich wie so oft verantwortlich. Immer wieder strich er mit seiner Schnauze durch das weiße Fell, versuchte, ihre Lebensgeister zu erwecken. Eine kleine Reaktion nur - dann würde er Hilfe holen.

"Ich bin hier... du bist nicht allein."


Mit Erschrecken stellte die Weiße plötzlich fest, daß sie nicht mehr allein war. Zu spät hatte sie mitbekommen, daß sich ihr jemand genähert hatte, zu spät um Unverletzbarkeit, Unverletztheit und Sorgenfreiheit zu mimen, wie sie es wohl getan hätte. Wie erwischt fühlte sie sich, als er sie dort fand. Sie bemerkte ihn erst, als er schon dicht bei ihr stand und ihre Stirn stupste. Zu schwach war ihr Körper, um aufzuspringen und Abstand zu nehmen. Sie kniff die Augen zu und zog die Pfoten an ihren Körper, legte die Rute eng an ihn heran.
Ein Mißfallen-ausdrückendes Stöhnen, so leise wie der erste Laut eines neugeborenen Wolfs, drang aus ihrer Nase. Sie fühlte seine Bewegungen, das Berühren ihres Fells. Sie krümmte sich zusammen und neigte den Kopf eng an ihr Fell, versuchte ihr leidvolles Gesicht zu verbergen, doch gewiß nicht ihr Mißfallen darüber. Sie sah es überhaupt nicht als Hilfe an, sie fühlte sich bedrängt und eingeengt. Angst schoß durch ihre Seele, was wollte der Fremde? Was waren seine Motive? Mit welcher Gesinnung war er zu ihr gekommen? Sie legte die Pfote über die Schnauze, so dass sie leider auch seinen Blick nicht sehen konnte, der ihr vielleicht verraten hätte, dass er nichts Unheilvolles im Schilde führte. Sie war zu schwach um aufzustehen und wegzugehen, hatte nur die Möglichkeit ihn mit Worten bewegen, aufzuhören. Sie wollte seine Nähe nicht, seine Fürsorge, die sie als solche nicht ansah, sie wollte ihre Ruhe. Selbst wenn sie seine Hilfsbereitschaft erkannt hätte, wäre sie damit nicht einverstanden gewesen, denn sie wollte keine Hilfe, erst recht nicht von Fremden. Wo war die weiße Wölfin, die Alphawölfin? Sie sollte doch für ihr Rudel sorgen. Aber was verlangte sie..sie konnte nicht überall sein, ihre Rudelmitglieder waren nicht ihre Diener, sie konnte sie nicht steuern.

„W..weg..b-bitte!“

Mit einer Mischung aus Befehl und Bitte äußerte sie diese zwei, leisen und schwachen Worte. Sie wußte, daß sie höchstens bitten konnte, was sie wollte, statt ihm das zu befehlen, sie hatte keine Macht über ihn. Wenn sie wirklich etwas erreichen wollte, dann konnte sie es nur auf freundlich Weise versuchen, an seine Vernunft appellieren, wenn er es denn nicht wirklich böse meinte und das hoffte sie. Sie schloß die Möglichkeit ein, daß er seine eigene Aufdringlichkeit nicht einmal erkannte und sich wirklich nicht in sie hineinversetzen konnte. Wenn man jemandem helfen wollte, in dieser Lage, dann mußte man mehr können, als jemanden nur zu sehen, man mußte mit ihm sehen können und das..konnte er gewiß nicht, er kannte sie ja auch nicht. Sie nahm ihre Pfote von ihrem Gesicht, hatte die Augen aber weiter zugekniffen und legte sie an ihn, drückte ein wenig, kraftlos..symbolisierte, daß er Abstand nehmen sollte. Sie war bereit zu versuchen aufzustehen, doch in der Lage gab er ihr keine Chance, vielleicht merkte er es nur nicht..vielleicht aber tat er es doch und wollte sie nicht aufstehen lassen. Vielleicht wollte er ihr Böses, oder er wollte ihr Gutes und das mit Zwang. Er wollte ihre Hilflosigkeit erhalten um jemanden zu haben, dem er helfen konnte, das konnte sie sich zumindest vorstellen. Aber sie wollte weder Böses von ihm, noch Gutes. Sie wollte nichts mehr, es war alles schlecht.


Banshee sah mit liebevollem Blick, wie Hiryoga auf sie aufmerksam wurde, sein Gesicht sich veränderte und sie fast meinte, ihr kleiner, hilfloser Sohn in der dunklen, warmen Höhle würde ihr wieder entgegenblicken. Aber kaum erhob er sich, sah dabei aus, als würden ihn seine Läufe nicht mehr tragen, wurde Banshee bewusst, dass sich sehr viel verändert hatte. Ihr Sohn war fast drei Wochen da draußen im Eis gewesen und hatte überlebt, war auf sich allein gestellt gewesen, hatte niemanden gehabt außer seiner gleich alten Freundin. Und er hatte jemanden, der ihn liebte und den er liebte. Schon als er damals mit Shani zurückgekehrt war, hatte Banshee gesehen, was in ihrem Sohn vorgegangen war und hatte sich schon leise gefreut. Jetzt schienen ihr Sohn und die Weiße verstanden zu haben, sie sah es an seinem Blick, sie sah es an ihrem Blick und sie sah es in der Art und Weise, wie Hiryoga Shani berührte, sie anlächelte, wie er sich bewegte und wie er sprach. Mit einem mütterlich leicht funkelnden Blick betrachtete sie den Braunen, wie er zu ihr kam und sich an ihre Seite kuschelte, seine Schnauze liebevoll unter ihre schob und ihre Worte leise erwiderte. Sanft fuhr sie ihm mit der Schnauze über die Ohren und folgte dann seinem Blick auf Rasmús Tinuviel. Ihn und Shani schien eine enge Freundschaft zu verbinden und sie spürte ohne Hiryoga ansehen zu müssen, wir ihr Sohn über den Grauen dachte. Nicht schlecht, Hiryoga dachte wohl über fast niemanden wirklich schlecht, aber es kam Eifersucht auf. Nach den Worten, die die drei Jungwölfe wechselten, entschloss sich Banshee, sie alleine zu lassen. Sie hatte sie begrüßt und nun war es an der Zeit, diesen kleinen Zwist untereinender auszumachen. Sie als Erwachsene und sehr viel ältere hatte da nichts verloren. Hätte sie nicht gewusst, wie ernst diese Lage für Hiryoga war, hätte sie nun geschmunzelt, Eifersucht war etwas, das sie schon lange abgelegt hatte, aber sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass es kein schönes Gefühl war. Sanft fuhr sie ihrem Sohn mit der Zunge über die Nase, berührte ihn dann noch einmal fast tröstend, versteckte Gesten nur für ihn, an der Stirn und wandte sich um. Es ging schon wieder drunter und drüber, Nyota, die ihr zuvor noch etwas von nicht entkommen hinterher gerufen hatte, war mit Sheena, Nienna und Corvina irgendwo im hinteren Teil der Höhle verschwunden und verdeckten mit ihren Körpern etwas, dass sie alle gespannt ansahen. Das musste das Etwas sein, von dem Sheena ihr berichtet hatte, aber da es nun in den sicheren Pfoten Nyotas war, musste sie sich selbst nicht darum kümmern und war ihrer Schwester dafür erneut sehr dankbar. Ninniach stand immer noch vor ihr, senkte aber nun leicht den Kopf und zog sich zurück, Banshee ließ sie mit einem sanften Lächeln gehen, sie brauchte eindeutig Ruhe. So plötzlich, wie alle möglichen Wölfe auf sie eingestürmt waren und etwas von ihr wollten, so plötzlich hatte sie gar niemanden mehr, um den sie sich kümmern musste. Zuerst überlegte sie sich, ob sie das ausnutzen sollte und sich irgendwo wieder hinlegen sollte, dann wurde ihr aber klar, dass sie das als Leitwölfin nicht einfach so machen konnte und noch dazu eigentlich nicht mal wollte. Sie war es gewohnt, dass immer viel um sie herum los war, die ruhigen Minuten des Aufwachens nun wieder zurückholen zu wollen, wäre seltsam. Zudem kam eben gerade jetzt Shit auf die Höhle zu, blieb stehen, räusperte sich und drehte sich dann mit wehender Rute um und rannte hinter den nächsten Hügel. Banshees Ohren stellten sich auf und sie hob leicht eine Augenbraue. Shits Verhalten war selten leicht zu verstehen gewesen, aber das nun gab ihr neue Rätsel auf. Hinter der Schneewehe tauchten seine braunen Ohren und seine Schnauze auf, er sah zu ihr. Der Kopf der Weißen kippte leicht nach rechts, ihr Blick war fragend, auch wenn Shit das von der Entfernung nicht sehen konnte. Mit einem Blick auf ihr Rudel, bei dem alles in Ordnung schien, trat sie langsam aus der Höhle, sah Amien Siléo bei Leyla und hielt inne. Sie war sich nicht sicher, ob etwas passiert war, aber es sah nicht so aus, als bräuchten die beiden Hilfe. Kurz zuckten ihre Ohren, dann ging sie weiter auf Shits Ohren zu, nicht zu eilig, auch wenn es sie interessierte, warum er sich nun wieder so aufführte. Sie umrundete sie Schneewehe und sah dahinter Shit wie ein aufgeregter Jungwolf von einer Pfote auf die andere trippeln. Er sah seltsam glücklich und fast beflügelt aus, irgendetwas musste passiert sein.

“Shit?“

Wieder legte sich ihr Kopf leicht schräg und sie lächelte, teilweise amüsiert über sein Verhalten, teilweise, weil es sie fast ein wenig ansteckte. Zu viele traurige und sorgenvolle Gesichter hatten sie in letzter Zeit angesehen, da war das überdrehte Lächeln Shits eine Wohltat.

Atalya
27.12.2009, 13:18

Shit hielt sich versteckt hinter der Schneewehe, der felsenfesten Überzeugung, niemand könne ihn sehen. Er nahm nicht wahr, dass Banshee in anblickte, oder glaubte eher an eine Ausgeburt seiner lebhaften Fantasie. Verträumt sah er zu, wie sich die bildschöne Wölfin auf ihn zu bewegte. Für ihn war die Welt in diesem Augenblick nur noch rosarot. Genauso sah er sie auch an, als sie vor ihm stehen blieb. Als wäre er high, vollgesogen vom Gefühl der Verliebtheit, die ihn erfüllte. Als sie seinen Namen sagte, verschwand der etwas dämliche, verträumte Welpenblick und machte großem Erstaunen und Entsetzen platz.

.oO(Was? – Wie? – Wo? Warum steht sie nun vor mir?)

Seine Schnauze stand einen Spalt weit offen und verlieh seinem Gesicht wieder einen etwas dämlichen und doch typischen Gesichtsausdruck. Sein Unterkiefer begann sich zu bewegen und anfangs brachte er erst einmal kein Wort heraus, dann fing er an zu stottern.

„Ba..Ba..Banshee? Wieso bist du hier in Shits – ähm…“

Er vergrub den Kopf im Schnee. Bilder ordneten sich in seinem Kopf zu und er sah, was bereits Vergangenheit war und er eben versäumt hatte, in sein Bewusstsein aufzunehmen. Die Leitwölfin war ihm gefolgt, seines merkwürdigen Bewegens wegen, natürlich. Mit verwuscheltem Fell und Schnee auf dem Kopf, hob er den Blick wieder und schüttelte sich.

„Wurde Shit etwas gefragt?“

Irritiert sah er sie an, sichtlich damit kämpfend, irgendwo in seinem aufgedrehten, aufgeheizten Gemüt so etwas wie Ruhe zu finden. Ob es sonst da war, war fragwürdig, in gewisser Weise schon, aber in dieser Sekunde, war es zersplittert und in alle Himmelsrichtungen verstreut.

„Shit wollte mit dir reden, werte Leitwölfin. Es ist nur so… Shit fehlen grade die Worte… Kannst du einen Augenblick warten?“

Der Braungraue wollte sich also sammeln. Aber wie das so ist, wenn man unter Druck steht, funktionierte es schon allein deshalb nicht, weil Banshee sicher eine Erklärung wollte. Seine Gedanken schienen sich noch mehr zu zerstreuen und verloren sich sofort wieder, wenn er versuchte sie zu bündeln.

„Warum Shit hergekommen ist…“

Versuchte er seine an sich selbst gerichtete Frage zu beantworten, ohne dabei wirklich zu merken, dass er die Worte laut aussprach. Es war für ihn Gewohnheit, mit sich selbst zu reden. Ihm war irgendwie bewusst, dass er den Satz nun nicht so stehen lassen konnte, weshalb er nach weiteren Worten suchte. Er setzte sich erst einmal und betrachtete Banshee mit strahlendem Lächeln.

“Es ist nämlich so, Banshee… Shit…“

Und mit einem Mal schienen die Worte da zu sein, die er gesucht hatte. Auf ihrem langen Weg durch sein Gehirn, erreichten sie wohl doch noch das Sprachzentrum, ehe er davon laufen musste, um an einem anderen Tag, einen weiteren Versuch zu starten. Vielleicht war es deshalb so schwer, weil er schon lange nicht mehr zugelassen hatte, dass nur sein Herz mitteilte, was es fühlte, weil sich immer sein Verstand dazu geschalten hatte, der es ja beschützen musste.

„Es gibt mit Sicherheit auf der ganzen, weiten Welt keine zweite Wölfin wie dich. Niemanden, der schaffen kann, was du jeden Tag bewerkstelligst. Einen ganzen Haufen völlig individueller Persönlichkeiten anzuführen und dabei weder die Geduld noch den Mut zu verlieren ist, Shits Meinung nach, eine Glanzleistung. Es beweist mehr Größe, als du dir je eingestehen wirst, weil du bescheiden bleibst. Du bist so gut, so vollkommen, dass ein Wolf wie Shit sich fast unwürdig vorkommt, nur mit dir zu sprechen, oder eben anfängt zu stottern und zu stammeln, obwohl er dir eigentlich mehr sagen will, als nur das, was alle wissen und jeden Tag sehen. Shit begleitet das Rudel lange genug um zu wissen, welch schwere Last du zu tragen hast, immer wieder. Wie dich Schicksalsschlag für Schicksalsschlag von den Pfoten zu reißen versucht und du doch wieder aufstehst und weiter machst. Es ist bewundernswert und unbeschreiblich. Shit hofft und wünscht für dich, alles Schöne und Wunderbare dieser Welt herbei.“

Die Nervosität war aus ihm verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Mit seinem liebevollen, sanften und strahlenden Lächeln sah er aus wie ein kleines Glühwürmchen, das vor Glück gleich platzen würde. Er holte tief Luft und sah in seiner Haltung einen Augenblick stolz aus. Nicht auf sich, sondern einfach nur darauf, seine Leitwölfin kennen gelernt zu haben.

„Seit Shit das erste Mal eine Pfote in dieses Revier gesetzt hat, seit dem Tag, an dem er dir, Banshee, begegnet ist, ist da etwas, ganz tief in Shits Herz, dass zwischen dir und anderen Wölfinnen einen Unterschied macht. Schon lange wollte Shit dir sagen, dass sein Puls schneller wird, wenn er dich sieht und das allein dein Anblick ein Lächeln auf seine Lippen zaubert.“

Sein sanftes Lächeln verblasste nicht, ruhte liebevoll und in ewiger Treue auf dem hübschen Fell der in seinen Augen perfekten Fähe.

„Ich liebe dich.“


Tyraleen könnte Averics Reaktionen auf ihre Worte nicht sehen, aber sie spürte den Luftzug, als er seinen Kopf schnell bewegte. Einzig daran merkte sie, dass ihm ihre Worte nicht gefielen, aber dessen war sie sich auch schon vorher bewusst gewesen. Als Averics Kopf sich ihrem näherte, fast drohend, als würde er jeder Sekunde ihr das Genick brechen, zuckte sie erst von der Wärme seines Atems zusammen, dann aber rückte sie, ohne ihn anzusehen, ein Stück weg von ihm. Sie hatte keine Angst vor dem Schwarzen, aber wenn er ihr so nah kam, fühlte sie sich seltsam. Sie mochte Nähe nicht, vor allem so absichtlich aufdringliche wie die von Averic jetzt. Über seine Worte hätte sie sich vielleicht erneut aufgeregt, hätte er nicht gerade das ihr zum Vorwurf gemacht. Ein Schnauben verließ eher unabsichtlich ihre Kehle und als ihr klar wurde, dass ein ganz ähnlicher Laut kurz zuvor von Averic gekommen war, hätte sie am liebsten geschrieen. Ihr Bruder wühlte sie auf, so sehr, wie es noch kein anderer Wolf vorher geschafft hatte, aber schön war das nicht gerade. Es verwirrte sie eher, sie reagierte extrem emotional, erkannte sich gar nicht wieder, fühlte sich plötzlich genauso ausgestoßen wie Averic und hatte plötzlich Angst, so wie er zu werden. Aber … was hieß denn, so wie er zu werden? Ein „Problemfall“? Vielleicht wäre es fast schön … aber sie durfte es nicht. Neue Worte kamen von Averic, aber sie ließ sich in ihren Gedanken noch nicht unterbrechen. Sie konnte kein Problemfall werden, denn Problemfälle wurden nicht Leitwolf. Und in jedem verdammten Augenblick, wenn der Blick ihrer Mutter auf ihr lag, konnte sie darin die Hoffnungen Banshees sehen, ihre Nachfolgerin vor sich zu haben. Averic wusste doch gar nicht, wie das war. Und das Schlimmste … sie wollte es nicht einfach hinwerfen. Auch wenn sie selbst nicht so genau wusste, warum. Ihre Gedanken gerieten in eine Sackgasse. Aber sie hatte es geschafft, sich ein wenig zu beruhigen. Keinesfalls wollte sie wieder so wütend werden und Averic wieder beleidigen. Das war nicht sie.

“Ich hätte es nicht sagen sollen.“

Keine Entschuldigung, nur eine Zustimmung. Warum entschuldigte sie sich nicht? Er hatte es nicht verdient. Aber eigentlich sie. Sie schob trotzdem kein ganz einfaches Tut mir leid hinten dran.

“Wenn du dir einbildest, nur weil ich wütend werde, dass du dann durch meine Oberfläche dringst, tust du mir leid. Du weißt doch gar nichts, du kannst weder über mich, noch über jemand anderen aus diesem Rudel sprechen. Du bist doch immer allein, immer nur allein.“

Bei den letzten Worten hatte sie den Kopf gehoben und sah Averic wieder an, es schwang kein Vorwurf darin mit, es klang sogar fast traurig, als würde sie sich wünschen, dass er mehr beim Rudel war, worüber sie allerdings noch nie nachgedacht hatte. Über Acollon würde sie kein Wort mehr verlieren, vielleicht kam er nicht wieder, weil er es wusste, aber eigentlich schien er nicht wie ein Feigling und noch würde er Averic besiegen können. Abgesehen davon, dass es ihre Mutter niemals zu lassen würde. Denn wenn Acollon sterben würde … würde sie mit sterben, da war sie sich fast sicher. Und damit würde Averic Banshee umbringen, was die Aussage ihres Bruders unmöglich machte. Aus welchem Grund auch immer er Acollon nicht umbringen wird, es würde einen geben.

“Du ziehst sie nicht weniger in den Dreck als Acollon? Macht das irgendetwas besser? Oder nicht eher schlimmer?“

Mittlerweile lag ihr Blick wieder auf der kalten Höhlenwand. Wieder hatten ihre Worte so geklungen, dass sie möglicherweise nicht mal an Averic gerichtet waren. Sie war froh, dass sie es geschafft hatte, ruhig zu bleiben, dass sie sich wieder in den Griff bekommen hatte. Sonst wäre sie möglicherweise irgendwann einfach aufgesprungen und davon gerannt, weil sie es einfach nicht mehr ausgehalten hätte.


Ruhig war der Blick aus den regenblauen Augen der jungen Fähe, die ihren warmen Körper um den ihrer Schwester gelegt hatte, die sich an sie schmiegte. Ruhe und Stille strahlte die Schwarze aus, mehr nicht. Mehr war es auch nicht, was Daylight brauchte. Stress oder Hektik, Aufregung und anderes in dieser Richtung taten ihr nicht gut. Die Graue sollte sich ausruhen und Amáya würde erst Mal dafür sorgen, das sie sich nicht überanstrengte. Nie hatte sie viel mit ihrer Familie zu tun gehabt, hatte sich eher auf Distanz gehalten. Erst als sie mit Tyraleen den Schneefall bewundert hatte, war sie ihren beiden Wurfgeschwistern näher gekommen, wenn auch nur ein wenig. Sie begutachtete ein wenig missbilligend, wie ihre Schwester sich herum drehte, so liegen blieb, nur sich dann doch wieder anders rum zu drehen und an sie zu kuscheln. Wenn sie sich weiter so viel bewegte, würde es ihr gewiss nicht besser gehen. Das sie eigentlich körperlicher Nähe aus dem Weg ging, war ihr in diesem Augenblick egal und der Gedanken daran ganz weit entfernt. Was zählte war, das sie versuchte Daylight ruhig zu halten. Sacht leckte sie ihr über die Stirn.

Du glühst richtig...Bleib liegen und ruh dich aus, dann wirst du bestimmt wieder gesund.

Sie leckte weiter über das graue Fell, regte so die Durchblutung an, was Daylight wärmen sollte und trocknete so ihr Fell. Auf die restlichen Worte antwortete Amáya nur mit Schweigen, beschäftigte sich alleine mit dem Trocknen des Fells, das nach Kälte, Wasser und einen Hach von Tod schmeckte. Ja, sie konnte es deutlich auf ihrer Zuge spüren, die wieder und wieder über den Pelz glitt. Erst als das Sonnenkind geendet und zum Schluss sie gefragt hatte, ob sie sterben würde, hob die Schwarze den Kopf, blickte aus ihren klaren blauen Augen ihre Schwester an.

Du wirst nicht sterben, das lasse ich nicht zu. Schlaf jetzt etwas, ich passe auf dich auf.

Ein wenig zog sie die Läufe an, legte sich ein wenig mehr auf die Seite, spendete Wärme und würde für die Ruhe sorgen, die gerade gebraucht wurde. Den Kopf aufgerichtet, die Ohren nach vorne gehüllt und den klaren Blick wachsam ließ sie Daylight auf ihrem weichen schwarzen Fell liegen und würde die ganze Zeit über ihren Schlaf bewachen.



Banshee betrachtete mit zunehmender Verwirrung, wie das überglückliche Grinsen des Rüden einem erschrockenen Gesichtsausdruck platz machte und er sie ansah, als wäre sie wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht. Das leicht offen stehende Maul verlieh ihm endgültig etwas zutiefst Anrührendes, was erneut die Muttergefühle in Banshee weckte. Shit war zwar heute irgendwie anders als sonst, aber zumindest sah er aus wie immer, nur hatte sie ihn schon lange nicht mehr dabei beobachten können. Obwohl er nicht ihr Sohn war, liebte sie wie einen solchen und würde ihn vor aller Welt beschützen. Sein heftiges Stottern ließ sie aber noch ein wenig verwirrter werden, der Braune hatte ab und an leicht gestottert, aber so schwer noch nie, zudem schon lange nicht mehr. Den Inhalt seiner Frage zu verstehen gestaltete sich dementsprechend schwer, er brach auch ziemlich schnell ab und steckte dann den Kopf in den Schnee. Es war wie das sprichwörtliche Kopf in den Sand stecken und die Weiße fragte sich langsam wirklich, ob es vielleicht gar nicht so lustig war und Shit hatte irgendeinen Steinschlag auf den Kopf bekommen oder ähnliches. Sie hatte es nie selbst erlebt, aber manche Wölfe wurden von zu schweren Schlägen verrückt. Nur irgendwie hatte sie nicht das Gefühl, dass das bei Shit der Fall war … er war einfach … überdreht. Und überglücklich. Sein Kopf war wieder aufgetaucht, er sah noch ein wenig anrührender aus mit dem ganzen Schnee zwischen den Ohren und auf der Schnauze. Als er wieder sprach, stotterte er immerhin nicht mehr, das beruhigte sie wieder und ließ ein liebevolles Lächeln auf ihren Lefzen tanzen. Sie hätte vielleicht eine Antwort auf die Frage gefunden, obwohl sie ja nicht direkt irgendetwas gefragt hatte, aber Shit redete schon weiter. Er wollte mit ihr reden … es musste also wirklich etwas passiert sein, auch wenn Banshee sich schwer vorstellen konnte, was in dieser Einöde und zudem einem Wolf wie Shit passieren konnte, dass ihn so glücklich und überdreht wirken ließ.

“Natürlich kann ich warten.“

Sie fuhr ihm mit der Zunge über die Stirn und wippte leicht mit der Rute, er konnte sich ruhig Zeit lassen. So hatte sie auch selbst die Möglichkeit, ein wenig zu spekulieren. Ein Gedanke, der ihr ganz spontan gekommen war, den sie aber selbst nicht ganz glauben konnte, war die Möglichkeit, dass Shit eine fremde Fähe hier oben entdeckt hat und sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte. Ungefähr so sah er ja auch aus, nur war hier nirgendwo eine Fähe. Zudem müsste Shit darum eigentlich auch nicht so ein Aufsehen machen, Banshee nahm selbst hier oben jeden auf. Aber vielleicht wollte er ihr im Vertrauen erzählen, dass er in diese Fähe verliebt war, das könnte sein. Schon freute sich Banshee, es war wie bei Hiryoga, der Shani gefunden hatte, auch wenn er nie direkt mit ihr gesprochen hatte. Shits erster Ansatz ging unter, aber Banshees Lächeln blieb, er erwiderte es strahlend und ihre Vermutung rückte ein wenig näher hin zur Wahrheit, so sah man aus, wenn man verliebt war. Der zweite Ansatz ging auch unter, aber er gab nicht auf. Erst beim dritten Mal begannen dann plötzlich die Worte aus ihm heraus zu strömen. Sie hörte ihm aufmerksam zu und ihr Lächeln wurde immer wärmer. Noch nie hatte ihr jemand so viele Komplimente gemacht und es freute sie, einfach nur, weil es auch ihr gut tat, besonders in diesen Stunden, von jemand so liebem und freundlichem wie Shit einfach gesagt zu bekommen, dass man den richtigen Weg ging. Sie verstand zwar nicht genau, warum er ihr das nun sagte, aber in diesem Moment machte sie sich auch keine Gedanken darüber. Sie berührte ihn an der Stirn und wisperte ein leises

“Danke.“

Aber schon begann Shit wieder zu reden, dabei schaffte er es, mit jedem Herzschlag noch ein wenig glücklicher als vorher auszusehen und mehr Freude in sein Gesicht zu zaubern, als sie je bei einem Wolf gesehen hatte. Doch je mehr er sagte, desto weniger konnte sie auf die Freude achten und desto weniger war diese ansteckend. Seine Worte ähnelten denen, die er oft zu ihr sagte und doch waren sie anders, gingen in eine Richtung, in die sie nicht gehen durften. Ihr Lächeln verblasste nicht, aber innerlich stolperte sie auf ihrem Gedankengang, die kurze Stille verharrte sie fast wie ein scheues Reh ihm Scheinwerferlicht und lauschte den drei Worten Shits, die er nicht hätte sagen sollen. Er hatte ich gesagt … Shit war Shit und wenn Shit redetet, so redete er von Shit. Schon allein, dass er jetzt, zum aller ersten Mal, seit er bei ihnen war, ich gesagt hatte, zeigte ihr, dass es ihm ernst war. Sie wusste zwar nicht, ob er Liebe wie sie zwischen Acollon und ihr herrschte wirklich verstand, aber er schien von ihr reden zu können. Ihr Lächeln lag nach wie vor auf ihren Lefzen, wurde nun aber trauriger. Innerlich wehrte sie sich gegen den Gedanken, dass Shit wirklich jene Liebe empfinden konnte und sie nicht so liebte wie man seine Mutter liebte. Es war ihr unmöglich, sich dies vorzustellen, Shit war ein kleiner Welpe … aber … konnten sich nicht auch schon fein sichtbare Verbindungen zwischen Welpen spinnen, so wie es bei Hiryoga und Shani der Fall gewesen sein musste? Sie konnte es sich trotzdem nicht vorstellen und zudem … sie war kein Welpe mehr, sie war erwachsen und dazu Leitwölfin und … Acollon. Shits Gesicht strahlte noch immer, sie wusste, gleich würden ihre Worte dieses Lächeln wegwischen, aber wie er reagieren würde, konnte sie sich nicht vorstellen. Alle Begegnungen zwischen ihnen waren liebevoll verlaufen, zwischen Mutter und Sohn, manchmal war er ein wenig beleidigt gewesen, aber nie ernsthaft. Plötzlich hatte sie Angst, dass ihre Worte alles verändern würden, wenn es nicht schon seine getan hatten. Er wäre nicht mehr so etwas wie ihr Sohn, er könnte zu einem der Rüden werden, die sich in sie verliebt hatten und daraufhin von Acollon nicht sehr gut behandelt worden waren. Nygero war tot, Diablo war tot … Angst um Shit keimte auf, auch wenn sie nicht glaubte, dass ihm wirklich etwas passieren würde. Aber vielleicht würde er sich auch nur von ihr entfernen, sie nicht mehr an sich heranlassen … und er brauchte doch jemanden, der auf ihn aufpasste. Sie schluckte, hob aber in einer sicheren Geste den Kopf und sah Shit mit traurigen Augen an.

“Shit … mich rühren deine Worte sehr … doch du weißt, ich liebe Acollon, so wie eine Fähe einen Rüden liebt. Dich liebe ich, wie eine Mutter ihren Sohn liebt, mehr noch, als alle anderen Wölfe auf dieser Welt. Es tut mir sehr leid, dass ich dich mit diesen Worten enttäuschen oder verletzen muss, aber sie sind die Wahrheit. Du wirst für mich immer wie ein Sohn sein, aber niemals mehr.“

Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn nun berühren durfte, schließlich hatte sie ihn gerade abgelehnt, ganz deutlich, ohne dass ein Missverständnis entstehen könnte. So berührte sie nur ganz leicht, kaum spürbar mit ihrer Nase die seine und trat dann einen Schritt zurück. Sie konnte nur hoffen, dass er es akzeptieren und verstehen würde, noch nie zuvor hatte es eine ähnliche Situation mit ihm gegeben und in diesem Fall war er uneinschätzbar.


Shit freute sich über die Geduld seiner Leitwölfin, die diese aufbringen wollte, während der in seinem Gedankenchaos gefangen war. Sie berührte seine Stirn mit der Zunge und er wollte geradezu dahin schmelzen. Es war, als hätte ihn eine Heilige berührt und ihm ihren Segen gewährt. Nach seiner Aneinanderreihung von Komplimenten bedankte sie sich, ganz wie er es erwartet hatte. Ein liebevolles, gütiges Dankeschön, für ein paar zusammen getragene Worte. Es war mehr, als er je zu erwarten gewagt hätte. Als er geendet hatte, betrachtete er Banshees Gesicht. Zu diesem Zeitpunkt war er blind für alle Regungen, ob sie nun von Banshee ausgingen, von ihm, oder von einem Wolf in ihrer Nähe. Ihren Worten hingegen lauschte er mit großer Aufmerksamkeit. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, mit jedem Satz ein Stückchen mehr. Als seine geliebte Leitwölfin geendet hatte, seufzte er schweren Herzens. Die rosarote Seifenblase war geplatzt und die Realität legte sich ganz nüchtern auf sein sonniges Gemüht.

“Shit würde nicht gehen, er wäre immer da…“

Begann er, ehe er sich selbst ausbremste und zu Banshees Worten zustimmend nickte. Natürlich hatte er keine Chance gegen den schwarzen, großen Rüden, die hatte er nie gehabt. Ob der Gefährte der Leitwölfin nun da war, oder nicht, spielte dabei keine Rolle. Ihr Herz gehörte ihm, wahrscheinlich länger, als ein Wolfsleben andauerte. Seine Augen richteten sich auf Banshee. Er schämte sich nicht für seine Worte und auch nicht für seine Naivität. Hinter dem bitteren Geschmack der Wahrheit verspürte er so etwas wie stolz, stolz auf seinen Mut, den es gebraucht hatte, um so viel von sich preis zu geben.

„Shit braucht keine Mutter mehr, er ist bald drei Jahre alt und passt sein zwei Wintern selbst auf sich auf. Shit wird in dir nie eine Mutter sehen, Banshee, Leitwölfin des Rudels der Sternenwinde, du bedeutest mehr. Viel mehr, als alle Worte der Welt je ausdrücken können werden.“

Er schnippte mit den Ohren und hielt den Blick auf Banshee gerichtet, ohne ihn auch nur eine Sekunde abzuwenden. Sie berührte ihn leicht an der Nase, ohne das in seinen Augen eine Regung zu vernehmen war. Er sah sie nur an.

“Es ist immer das gleiche mit Shit. Er denkt zu wenig nach, ehe er den Mund aufmacht. Aber das ändert nichts an der Wahrheit oder? Eine lebenslange Lüge bleibt immer, was sie ist. Schweigen tötet das Verständnis für die Welt. Es gibt kein wortloses Verstehen, es gibt nur die Möglichkeit zu erahnen, oder den Versuch, etwas zu deuten. Jedes Handeln kann anders ausgelegt werden, als es gemeint ist. Wenn Shit beim Rudel bleibt, hat es nur einen Grund: Er bleibt bei dir. Wenn Shit etwas tut, tut er es für dich.“

Er lächelte, ein an ihm seltsames Lächeln. Es war erfüllt von Trauer. Eigentlich nichts Ernstes und vielleicht doch das schmerzhafteste der Welt. Ein gebrochenes Herz, Schlag für Schlag, trommelnd in seinem Inneren. Es änderte nicht viel. Nur alles. Es veränderte nichts an seinem Charakter, nur jeden einzelnen Zug. Es blieb sein Glück, hier sein zu dürfen und der bittere Beigeschmack nicht haben zu können, was er sich am meisten wünschte.

„Alles was Shit sagte, ist die Wahrheit. Vor ihm steht die großartigste Wölfin, die Shit kennt. Eine unerreichbare Legende.“

Er nickte ihr zu, berührte ihre Nase so leicht und vorsichtig, wie sie die seine und dann lief er davon, hinaus in die ewigen Weiten des Schnees. Erst sehr schnell, dann langsam und dann rannte er um die Wette, mit dem Wind und der Freiheit, wie es seine Art war. So lange, wie seine Pfoten ihn tragen wollten, lief er, immer wieder die selben Wege, entfernt des Rudels, allein und irgendwann blieb er mitten in der Eiswüste sitzen und richtete seine Augen in den Himmel.


Es war zum Verzweifeln! Seit viel zu langer Zeit irrte die weiße Fähe nun schon alleine durch das Schneegestöber, hatte dabei sämtlichen Orientierungs- und Zeitsinn verloren. Eigentlich genauso wie jeden Lebenswillen. Hima's Glieder waren steifgefroren, ihre Ballen waren wund und brannten, als ob man einen glühenden Schürhaken daran pressen würde. Von den ehemaligen anmutigen Bewegungen war momentan kaum mehr etwas zu erahnen, ihr sonst so federnder Gang war ihr unter diesen Umständen verloren gegangen. Schnee... Überall nur Schnee und Kälte. Eigentlich hätte man meinen müssen, dass die Weiße mit solchen Temperaturen vertraut war, damit umzugehen wusste. Doch ihr dichter Pelz schien nicht mehr in der Lage zu sein, die eisigen Winde von ihrem schlanken Körper fernzuhalten - und sie war alleine. Nirgends war ein anderer Wolf, mit dem sie wenigstens ein bisschen Wärme hätte teilen können.

Hima verharrte kurz, überlegte sogar schon, sich einfach hinzulegen und der Erschöpfung nachzugeben. Denn hatte sie überhaupt noch Hoffnung? Von mindestens drei Rudeln war sie schon vertrieben worden, mit wütendem Geknurre und Zähngefletsche. Natürlich, sie verstand das. Es waren harte Zeiten im Winter, kein Alpha würde so einfach von sich behaupten können, ein weiteres hungriges Maul stopfen zu können. Aber kam es denn wirklich auf einen Wolf mehr an? Machte das so einen großen Unterschied?

.oO(Hör auf so zu denken... Irgendwo wird sich ein Rudel finden, dass bereit ist dir zu helfen.),

ermahnte sie sich selbst. Aber konnte sie auch noch wirklich daran glauben? Inzwischen waren ihre Schritte so langsam geworden, dass sie kaum mehr nennenswerte Entfernungen zurücklegte.
Ihr Magen war leer und knurrte schon seit Tagen. Sie hatte ganz einfach nicht mehr genügend Kraft, um weiterzugehen. Erneut stoppte sie, schwankend diesmal, und blickte gen Himmel, die Augen zusammengekniffen.

"Lass das nicht das Ende sein - und wenn es doch so sein muss, dann mach, dass es schnell geht... Bitte!"

Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern, das der Wind sofort zu übertönen schien, als gäbe es keine Gnade für die einsame Fähe. Wie zur Bekräftigung dieser Annahme wurden ihr nun die fallenden Schneeflocken ins Gesicht geblasen. Es fühlte sich an wie lauter spitzte Nadeln, die sich tief in ihr Fleisch bohrten. Gequält stieß Hima ein leises Jaulen aus, warf sich in den Schnee und vergrub den Kopf so gut es ging unter den Pfoten. Ihr Fell hob sich kaum noch vom weißen Tod ab, der sie umgab.


Kälte. Sam hasste die Kälte. Sie griff einem unter das Fell durch die Haut und schien an den Knochen zu sägen und konnte selbst den kräftigsten Wolf zu fall bringen. Selbst den kräftigsten Wolf, selbst den Stärksten und sie war erst ein Jahr alt. Doch sie musste diesen Weg einschlagen. Anders wäre sie von dem fremden Rudel nicht weg gekommen, die sie doch direkt in die Schneewüste getrieben hatten. Die Fähe war müde, so unendlich müde und hätte sich am liebsten genau auf diesem Flecken Erde hingelegt, hätte sich zusammengerollt, wie sie es immer am Bauch ihrer Mutter getan hatte und wäre eingeschlafen. Sam wäre eingeschlafen und nie wieder aufgewacht und das wusste sie, deswegen hatte sie schon seit drei Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Ein kurzes Einnicken hatte sie sich am Anfang immer mal wieder gegönnt, welches jetzt aber schon zu gefährlich wäre. Wenn sie überleben wollte, durfte sie sich keinen Fehltritt mehr erlauben und auch nicht die Hoffnung aufgeben. Irgendwo in dieser verdammten Schneewüste musste es doch Wölfe geben. Wölfe die wussten wie man hier überlebt.

Sie vermisste ihr Rudel. Aber sie wollte ja weg und herausfinden ob sie auch alleine zurechtkommen würde. Sie wollte der Sonne folgen und immer in der Nähe ihrer warmen Strahlen bleiben. Doch die Sonne hatte Sie verlassen. Sam nahm es ihr nicht übel, wer will schon freiwillig an so einem Ort verweilen. Der Schnee fiel so dicht, dass sie kaum etwas sehen konnte. Und die Kälte sägte beharrlich weiter an ihren Knochen und ihren Nerven.

Hätte sie wenigstens einen Gefährten. Dann könnte man sich anneinander wärmen und sich Mut zusprechen. Die Einsamkeit saß ihr auf der einen und der Schnee auf der anderen Schulter und beide drückten sie immer weiter in die Knie. Diese Wüste musste doch ein Ende haben. Sam's Schritte wurden immer schneller. Bald rannte sie, spürte wie ihre steifen Beine ächzten und vor Schmerzen schrien. Aber sie lief weiter.

Eine Bewegung. Nichts weiter als ein Hinderniss für die Schneeflocken im unendlichen Weiß, wo aber nichts sein konnte. Vielleicht hatte Sam glück. Vielleicht war es ein Hase den sie reißen könnte. Ihre Sinne spielten verrückt, die Hoffnung kam zurück, der Instink wurde wach und die Wärme kam zurück in den steifgefrorenen Körper.

Dann erschrak sie, denn die vermeintliche Beute drehte sich um und sah ihr direkt ins Gesicht mit blaugrünen Augen, die sie traurig und verzweifelt anblickten. Sam war nicht mehr allein...


Fast. Beinahe wäre es soweit gewesen, beinahe hätte der weiße Tod Hima mit seinen so trügerisch einschläfernden Worten geholt. Die Weiße war nur zu gerne bereit gewesen, die blaugrünen Augen zu schließen, als sie schließlich schon einmal lag, den Kopf weiterhin unter den Pfoten verborgen um all diese empfindlichen Partien wenigstens ein bisschen besser vor den angriffslustigen und so schmerzhaften Eiskristallen zu schützen.
Mit jedem Atemzug hatte sich mehr Wärme in ihren Gliedern ausgebreitet. Angefangen hatte es in ihrer Brust und drang mit jedem Herzschlag weiter durch ihren Körper. Doch soweit sollte es doch nicht kommen. Irgendetwas- die Fähe konnte nicht sagen, was es war - hatte sie gezwungen, sich wieder zu bewegen, die schweren Lider zu heben und wieder kraftvoller zu atmen. War es bloßer Überlebensinstinkt oder doch etwas Größeres, mit den Sinnen nicht zu begreifen? Auf jeden Fall lag Hima zwar weiterhin im Schnee, doch sie hatte erneut begonnen zu kämpfen. Der Kopf war nun ein wenig angehoben, knapp über ihren Pfoten. Sie rollte sich ein wenig mehr zusammen, in der Hoffnung so kostbare Wärme zu gewinnen.- Und in dieser Haltung wartete sie. Wie lange, das konnte sie nicht sagen. Vielleicht waren es nur wenige Minuten, möglicherweise aber auch eine volle Stunde. Sie lag und wartete, wartete auf dass, was ihr Wille ihr versprach: Hoffnung.

Die Zeit, die verstrich, mitsamt den quälenden Umständen waren jedenfalls lange genug um Himas Glauben erneut zu schwächen. In ihre ganze Haltung und besonders in ihren Blick hatte sich die pure Verzweiflung gelegt. Hatte sie letztendich etwa doch umsonst mit dem Tod gerungen? Gerade wollte sie einen weiteren Versuch starten, weiterzuziehen. Denn schließlich musste sie die ihr gegebene Chance irgendwie nutzen, um weiterzukommen. In ihren Pfoten begann es unangenehm zu kribbeln, als wollten sie sie dazu drängen, weiterzu laufen. Doch dann drehten sich ihre rundlichen Lauscher plötzlich in eine andere Richtung. Die Fähe spannte sich an, konnte ihr Glück kaum fassen. Da war ein Geräusch gewesen. Ein anderes als das ständige Heulen des Windes... Wie ein leises, angestrengtes Atmen.. Und ja, vermischte sich damit nicht auch das Knirschen von Schnee? Und dann, wenige Augenblicke später, erschien er, der andere Wolf. Noch recht klein war, vom Bau - den Hima nur undeutlich wahrnehmen konnte - ebenfalls eine Fähe. Diese starrte zu ihr hinüber, die Überraschung stand ihr deutlich ins pelzige Gesicht geschrieben. Hima durchströmte ein absolutes Glücksgefühl. Sie sprang auf die Läufe, knickte fast ein und tapste dann, langsam und vorsichtig auf die Fremde zu. Immer noch konnte sie es nicht fassen. Vielleicht bildete sie sich das alles auch nur ein... Eine Halluzination, geschaffen von ihren Ängsten?

"Wer... wer bist du? Bist du wirklich?"

Ihre schwache Stimme kam kaum gegen den Wind an, trotzdem schien sie zu siegen, die einsame Stille zu durchbrechen. Die Fähe musterte die Andere, nahm jedes kleinste Detail ins Visier, während sie auf Antwort wartete...


Mit einem ruhigen Seitenblick zu Corvina und Nienna hatte sie den Worten der zwei Fähen gelauscht, und von Thylia selbst war sie mit einem ganzen Fluss von Worten überschüttet worden, die sie nun ordnete und einsortierte.

~Werwolf...Werwolf...~

Uneins mit ihren Gedanken schüttelte sie den Kopf, sah das Menschenkind wieder an und nickte dann langsam.

"Dies Rudel hat schon einmal einen Werwolf beherbergt. Und wenn Banshee dir gestattet zu bleiben, so bist du stets und in jeder Gestalt willkommen."

Stellte sie fest, und lies zu dass das Lächeln zurück auf ihre Leftzen fand.

"Ich nehme stark an dass du draussen erfrieren wirst bevor du auch nur 3 Schritte von der Höhle entfernt bist. Verwandel dich besser hier. Wenn es jemand iritiert, werden wir es ihm schon erklären."

Meinte sie, und schenkte der Werwölfin ein zuversichtliches Lächeln, bevor sie sich an Corvina und Nienna wand, offensichtlich Zustimmung erwartend, damit das Menschenkind sich beruhigen würde.

"Auf der Jagd kannst du uns gerne begleiten. Am besten brechen wir auch gleich auf, wenn du soweit bist. Ich denke, keiner von uns hat ein sonderlich großes Verlangen danach, noch weiter zu Hungern, oder?"

sprach sie Lächelnd, und trat einen Schritt näher zu Thylia, eine Geste die ihr Schutz und Vertrauen symbolisieren sollte.


Langsam setzte der Tiefschwarze eine Pfote vor die andere. Endlos weiße Weite vor ihm. Endlos weiße Weite hinter ihm und überall. Hinter im zog sich neben seinen Spuren eine rote, gesprenkelte Linie bis zum Horizont. Es ging immer weiter.
Sachte öffnete Face Taihéiyo die saphirblauen Augen, spürte noch kurz ein unangenehmes Brennen in seiner langen Narbe, dann sah er wieder klar die Höhlenwand vor sich. Er atmete tief ein und aus, sah leicht den Dunst seines Atems, dann wandte er den Kopf etwas herum. Es war ... immer noch ungewohnt den zierlichen Körper seiner Patenwelpin neben sich zu spüren. Obwohl, Welpin konnte er schon nicht einmal mehr sagen. Dennoch empfand er es nicht als unangenehm, auch wenn es gegen all seine abweisenden Prinzipien ging. Der Tiefschwarze betrachtete Tyraleen noch einen Moment länger, dann ließ er das Haupt wieder auf die großen Pfoten sinken und schloss erneut die leeren Seelentore. Ein wenig später spüre Face, wie sich neben ihm etwas regte, die Weiße musste wach geworden sein. Nachdem sie sich noch einmal an ihn gedrückt hatte, wurde es wieder kühl an seiner Seite. Aber der stille Ozean schlug seine Augen noch nicht wieder auf. Ihre Worte entlockten ihm äußerlich nur ein Ohrenzucken und erst als er die Schritte von sich weg hörte, öffnete Face die Augen einen Spalt weit. Sie hatte ihn lieb ... er erinnerte sich nicht daran – nein, er war sich sicher diese Worte zum ersten Mal von jemandem zu hören. Er wusste nichts zu antworten, aber Tyraleen war eh schon weitergewandert. Es ... ging einfach nicht in seinen Kopf, es war zu unvorstellbar. Vielleicht hätte er sie angelächelt, würde er es können. Blinzelnd hob der tiefschwarze Wolf das Haupt und sah Tyraleen nach, die sich nun – seltsamer Weise – zu Averic begab.

.oO°( Ich ... dich auch. )

Unausgesprochene Gedanken, zu mehr war er einfach noch nicht fähig. Zudem konnte er es ja auch nicht durch die Gegend schreien, wo sie schon weg war. Langsam wandte er sich zum Höhleneingang um. Mal wieder hatte sich gleich eine Horde um Banshee gebildet und versperrte zum Großteil den Blick nach draußen. Er würde nicht in Banshees Haut stecken wollen, so viele Wölfe um sich herum haben. Aber er war nun Beta ... er konnte sich also nicht allem entziehen. Jetzt sah er jedoch keine Notwendigkeit darin sich zu der Masse zu gesellen.
Erst als sich der Trubel langsam auflöste und an eine andere Stelle verlagerte, entdeckte er eine schwarze Fähe am Eingang, die ihm unweigerlich bekannt vorkam. Face runzelte leicht die Stirn. Konnte das wirklich sie sein? Jene Wölfin, die sich auf der Jagd vor über einem Jahr so verletzt hatte? Ninniach Favéll ... die Schwarze, die den Toten nach dem Vorfall noch eine Weile begleitet hatte, durch den langen Winter, und dann verschwunden war. Er vergaß niemals etwas, jemanden, einen Namen. Sie lebte? War nun zurück? Langsam ließ Face Taihéiyo den saphirblauen Blick abgleiten und er starrte wieder in die Schneelandschaft hinaus. Hinaus ... raus ... Mit einem Ruck erhob sich der große, endlos schwarze Rüde und trat auf den Höhleneingang zu, wo nun niemand mehr stand. Als er in einem recht großen Abstand an der Schwarzen mit den meergrünen Augen vorbei kam, blieb Face jedoch kurz stehen und wandte den leeren, ausdruckslosen, aber doch irgendwo lebendigen Blick zu ihr herum.

So sieht man sich wieder ...“

Doch anders als damals steckte in seinem kalten Körper nun Leben. Zwar immer noch ein anderes, ertrunkenes Leben, aber ... noch ein Leben. Neben dem Nichts. Die Flammen auf dem tiefen Ozean tanzten müde weiter. Der Wolf nickte Ninniach Favéll stumm zu und verließ dann die Höhle. Er wollte raus aus der Enge, dieser verhassten Bedrängnis von Wänden. Der Schwarze war in solch einem Engpass einfach nicht zu halten. Die frische, eisige Luft, die ihm nun ins Gesicht strömte, tat allerdings so gut, der Wind im seidigen Fell, des war einfach das Gefühl der einsamen Freiheit. Nicht weit von der Höhle entfernt sah er eine weiße Fähe im Schnee liegen. Er kannte ihren Namen nicht, obwohl er wusste, das die Fähe schon lange im Hintergrund das Rudel begleitete. Aber er zog weiter durch den Schnee. Nur eine kleine Runde drehen. Langsam eine Pfote vor die andere. Wie in seinem Traum zog eine grade Spur immer weiter hinter ihm her. Nur jetzt fehlte das Blut ...


Die weisse Fähe hatte dem Wortfluss der Menschen oder Wolfsfrau schweigend gelauscht und wahrlich war es ein richtiger Schwall an Worten mit denen sie die drei Wölfe zudeckte, Corvina neigte leicht den Kopf, ein Werwolf, was war denn dies für ein seltsames Wesen, hiess dies, dass sie manchmal Wolf war und dann wiederum ein Mensch, dies ging irgendwie nicht in den Kopf der Fähe rein, also es gab Menschen und Wölfe, doch es ging ja gar nicht, dass ein Wolf in einer Fähe vereint war oder eben ein Wolf mit dem Menschen, sie wich leicht zurück, das naheliegendste was Corvina tat, wenn sie unsicher war und sich leichtes Misstrauen dazugesellte, andereseits erfuhr sie aus den weiteren Worten, dass es Banshee wusste und Banshee würde wohl kaum ein bedrohliches „Wesen“ im Rudel aufnehmen, also konnte man der Frau also trauen, auch wenn sie anders war, als sie alle zusammen! Nyotas Worte rissen die Fähe aus ihren Gedanken, sie blickte Nyota geradewegs ins Gesicht, sie hatte nicht hingehört, doch offenbar wurde eine Zustimmung oder eine Antwort erwartet.

oO Du dumme Traumtänzerin, nun wird nach deiner Meinung verlangt und du verpennst sie, weil dir das nachdenken wieder einmal wichtiger erscheint! oO

Dachte sie bei sich und wartete noch einen kurzen Moment, ehe ein leises,

„Ich bin ebenfalls der selben Meinung!“

erklang, sie setzte sich auf die Hinterbeine und blickte rasch zu der schwarzen Fähe, welche arg gewachsen war, sie hiess Nienna, wenn sich Corvina recht zu erinnern vermochte, damals war sie bei Katara gewesen als sie, sie das erste mal getroffen hatte.
Corvinas Blick huschte wieder zurück zu Nyota, welche den Aufbruch zur Jagt vorschlug. Corvina nickte zustimmend und stand elegant und grazil wieder auf die Läufe und wartete leicht mit der Rute wedelnd auf die anderen.


Sam war verwirrt. Alle ihr Sinne waren losgelöst von der Müdigkeit und in der hoffnung seit tagen die erste Beute wieder vor sich zu haben voll und ganz auf das Jagen eingestellt. Doch als sich der Wolf vor ihr umdrehte und sie anssah, war sie vom Donner gerührt. Als ob ein Blitz in einen Baum fahren würde. Sie hatte die Hoffnung nicht aufgegeben und sie war endlich auf einen weiteren Wolf gestoßen. Die jagtgeschärften Sinne verschwanden zusammen mit dem Schnee.

Im dichten Treiben der Flocken war kaum etwas von ihrem Gegenüber auszumachen. Weiß war sie. Wie der kalte Tod um sie rum. Der Abstand zwischen den beiden schrumpfte und Sam hörte auch wie der andere Wolf, scheinbar eine Fähe, zu ihr sprach. Aber sie nahm nichts auf von dem Sinn der Wörter. Sie war nur gänzlich erfüllt von warmer Freude. Fast hätte sie jagt gemacht auf diese genauso einsame Fähe. Glück haben sie beide gehabt. Unendliches Glück. Ihr gegenüber sah auch nicht besser aus als es Sam tat, vielleicht sogar noch etwas hoffnungsloser. Aber das war jetzt vorbei. Zu zweit war man auf jeden Fall stärker als einer alleine, das hatte Sam in ihrer Einsamkeit gelernt.

Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass sie angesprochen wurde.

"Bist du auch so alleine, wie ich? Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch jemanden finden würde in dieser kalten Einsamkeit."

Sam überlegte, was man einem völlig Fremden sagen konnte. Es war eine komische Situation. Beide schienen dem erfrierungstod nahe, wirkten ausgezehrt und todmüde. Würden sie es zu zweit überhaupt schaffen zu überleben? Konnte sie der anderen Fähe trauen? Sam war schon immer mistrauisch gewesen. Aber wie könnte ihr die Fremde gefährlich werden. Sie sah aus, als ob sie gleich tod umkippen würde. Die Augen waren trüb, wie mit einer dünnen Eisschicht überzogen und Sam bekam Mitleid. Diese Fähe, dem Schnee so ähnlich und doch ganz anders, war dem Tod vielleicht näher als Sam. Sie wollte bei ihr bleiben...


Nienna schaute kurz zu dem Menschenkind hoch und drehte leicht ihr Ohr im Wind, wärend ihr Bauch etwas grummelte weil die Schwarze schon lange nichts richtiges zu Essen hatte. Sie saß auf ihren hinteren Pfoten und musterte alle Wölfe die sich um Nienna befanden. Zu einem fiel ihr eine weiße Fähe in die Augen und die Schwarze erinnerte sich sofort an Corvia. Nienna stand auf schnupperte kurz an ihr und rieb ihre Nase als kleine Begrüsung in ihrem Fell.

"..Ich werde schon einmal aus der Höhle gehen mit mit der eisigen Kälte anfreunden. Ich habe ziemlich starken Hunger und im Moment auch Bewegungslust..."

Sprach Nienna leise fast schon flüsternd als sie sich auch schon hoch stemmte und ihre Pfoten setzte, einer nach der andren. Die Schwarze drehte leicht ihre Ohren, hörte den Boden unter ihren Pfoten knirschen und ihr Herz find an zu schlagen, weil sie schon große Vorlust hatte auf di Jagt zu gehen. Nienna wusste nicht genau ob sie mehr Vorfreude oder Angst zu versagen hatte. Nun stand die kleine Fähe also in dem Höhleneingang und spürte direkt den Wind wie er um sie wirbelte und die Schneeflocken direkt mit sich trug. Nienna zog ihre Lefzen leicht nach oben und spürte eine richtige Vofreude und Neugier in sich, vorallem war sie ja noch nie jagen und sie weis eigentlich auch nicht genau wie sie es anstellen sollte. Nienna setzte noch einige Pfoten nach vorne und ihr Blick schwief über die karge Schneelandschaft. Schnee...und vereinzelt ein paar kleine Hügel und sonst ging es stark abwärts. Sie spürte wieder dieses Gefühl wie als ob dei Kälte ihr Fell zerreisen würde, und ab liebsten würde Nienna geradewegs wieder in die Höhle zurück gehen doch sie dachte sie müsse stark bleiben. Ihr Blick war voller Neugier als sie plötzlich mit der rechten Forderpfote etwas in den Tiefschnee einsackte. Mit der Rute wedelnt schaute sie auf ihre Pfote und sprang ein kleines Stückchen rückwärts womit die Fähe dann auch ihre Pfote befreite. In ihrem Pechschwarzem Fell konnte man jeden einzelnen Schneekristall erkennen wie er langsam durch die eigene Körperwärme dahin schmolz und schlieslich in das Fell sickerte. Nienna zog ihre Lefzen nach oben und fand den verspielten Wolf in sich wieder. Erneut drehte sie die Ohren im Wind und lauschte dem Schneerauschen und dem knistern unter ihrem Pfoten wärend sie einige Schritte weit von der Höhle weg ging und man sie bald nur noch als kleinen schwarzen Fleck erkennen konnte weil sie sich ganz dich in den Schnee nach unten presste und versuchte sich zu verstecken. Die Schwarze lag nun da und schaute über die dicke Schneedecke, das einzigste was sie sehen konnte war ihre schwarzen Pfoten die sie unter sich zusammenschlug. Nienna drehte den Kopf langsam nach rechts und überblickte das Gebirge.


Rasch antwortete ihr eine der schwarzen Fähen und Thylia nickte ihr dankbar zu. Sie vertraute ihr, wieso sollte sie es auch nicht tun. Etwas traurig blickte sie die andere an, die instinktiv das richtige getan hatte und zurück gewichen war.

„Du brauchst wirklich keine Angst haben“

Murmelnd verließen die Worte Thylias Mund und dann schloss sie ihre Augen und begann leise zu summen. Die ganze Verwandlung hatte wohl kaum eine halbe Minute gedauert und doch hatte sie selber das Gefühl, als ob eine große Zeitspanne an ihr vorbei gezogen war. Wieder gab es einen hellen Lichtblitz und dann wurde sie in einen goldenen Schimmer eingehüllt und ehe die beiden Fähen vor ihr blinzeln konnten puffte es leise und vor ihnen stand eine schneeweiße Fähe, welche sie beide lieb anlächelte.

„So das war es schon. Dankeschön“

Sie nickte ihnen nochmals dankbar zu. Es war lieb von ihnen, hier drinnen in der Höhle ein Tumult in Kauf zu nehmen nur damit sie sich verwandeln konnte. Nun merkte sie, wie ihr Magen zu grummeln anfing und sie grinste ihr heiß geliebtes Wolfsgrinsen. Sie hob ihren Kopf in Richtung des Höhlenausgangs und kläffte den beiden zu. Von ihr aus konnte es losgehen. Sie bahnte sich also einen Weg durch die anderen Wölfe nach draußen und blickte dort suchend umher, damit sie Nienna wieder finden würde, die schließlich auch mit auf die Jagd kommen wollte. Das Schneetreiben, was dicke Flocken vom Himmel zauberte schien undurchdringlich. Der Schnee, der sich auf das Fell der Fähe legte schien gar nicht zu existieren, denn auf ihrem weißen Fell fielen die Flocken nicht auf, auch als es mehr wurden. Sie blickte sich um, um auf die anderen beiden zu warten. Und vielleicht wollte ja auch noch jemand mitkommen. Würden sie wohl auch etwas für einige Wölfe hier oben mitbringen? Vielleicht gab es in diesem Rudel ja Wölfe, welche es nicht mehr schafften alleine auf die Jagd zu gehen, oder eben nicht hier oben. Doch darüber wussten die anderen sicherlich mehr, schließlich kannte sie selber kaum Wölfe aus diesem Rudel außer Banshee und ein wenig Nienna und nun die beiden anderen schwarzen Fähen. Sie schmunzelte. Sie würde die anderen gewiss nicht verlieren, doch hier Fell war so unauffällig. Doch der Geruch sollte so zu riechen sein, dass sie sich im Notfall auch wieder finden würden, darauf vertraute Thylia nun, als sie noch einen Schritt in die wunderbare aber auch tückische Landschaft setzte.


In Himas taumelten soviele verschiedene Gedanken und Gefühle umher, dass sie sich nicht entscheiden konnte, wie sie sich verhalten sollte. Ruhig und entschlossen? Die letzte Kraft für die Freude verbrauchen? Was auch immer die bessere Entscheidung war, sie wusste nun, dass ihr Instinkt sie nicht betrogen hatte - wenn es denn dieses Urgefühl im Herzen jedes Wesens war, dass sie zum Bleiben gefordert hatte. Von dem sie gedacht hatte, dass es sie nur umbringen würde... Doch nun war sie nicht mehr allein, nein! Allerdings, änderte das etwas an ihrer gefährlichen und todbringenden Situation? Sicher, sie waren nun in der Lage sich gegenseitig zu wärmen, wenn sie zusammenblieben. Und das sie dies tun würden, daran bestand kein Zweifel. Aber sie alle beide hatten Hunger. Das konnte Hima felsenfest von sich behaupten, doch auch die andere, deren Namen sie immernoch nicht kannte, wirkte abgemagert. Das Fell schien nutzlos diesen schlotternden, viel zu dünnen Körper zu bedecken und in der Weißen tauchten Beschützerinstinkte auf. Die Andere war jünger, soviel stand fest. Zwar war sie selbst noch lange keiner der Erfahrensten ihrer Rasse, doch sie fühlte sich nun verantwortlich für die Jüngere.
Fast wie selbstverständlich schritt sie langsam näher, stupste der Fremden sachte gegen den Fang und drängte sich mit einem freundlichen und gleichzeitig zufriedenen Grummeln an sie heran. Dabei schweifte ihr Blick aufmerksam umher, die Augen immer wieder zusammengekniffen um sie vor den schmerzhaften Eiskristallen zu schützen. Nirgendwo gab es so etwas wie eine kleine Nische oder zumindest einen kargen Baum um sich zumindest etwas besser zu schützen.
Hima fiepte leise, sie hatte keine Ahnung, was nun zu tun war. Einfach stehen bleiben konnte sie nicht - das würde ihr eigenes sowie das Leben der Fremden gefährden. Doch wohin? Dann, urplötzlich, setzte erneut dieser Drang ein. Wie ein Druck in ihrer Brust, etwas, das sich um ihr Herz schnürte. Nicht schmerzhaft, nein. Aber mahnend, zur Eile fordernd.

.oO(Bereits einmal habe ich diesem Gefühl schon vertraut und es hat mir geholfen. Ich sollte es ein weiteres Mal tun, eine andere Möglichkeit besitzen wir sowieso nicht...)

Sie drängte die andere Fähe mit sanftem Stupsen in die Richtung, in die ihr Herz es zu ziehen schien. Es fühlte sich beinahe an, wie eine starke Sehnsucht.. Und doch wieder anders; lebensrettender eben.
Nach kurzer Stille hob sie wieder ihre Stimme.

"Es ist ein Glück, dass wir uns getroffen haben. Du wirst sehen, wir kommen durch. Achja... Mich nennt man übrigens Hima. Wie lautet dein Name?"

Ihre Worte kamen in ungewöhnlicher Geschwindigkeit aus ihrem Mund geschossen. Zu lange hatte sie einfach mit niemandem mehr geredet, scheinbar musste dies nun nachgeholt werden.
Doch mit jedem Schritt, den Hima tat und den sie an der wärmeren Seite der Anderen verbrachte, desto größer wurden wieder ihre Zweifel. Wie ein einziges Chaos brodelten sie in ihr auf, als wollten sie jeden Hoffnungsschimmer im Keime ersticken. Denn wenn sie nun doch unweigerlich sterben müssten? Wenn dieses Gefühl nun nicht zur Rettung verhalf, sondern einfach nur aus ihrer Verzweiflung und dem Unwillen zu sterben entstand? Dann nahm sie die Fähe mit ins Unglück! Genau in dem Moment, als sie den Fang öffnen und ihre Zweifel preisgeben wollte, drängte der Wind, der bis eben noch schräg von vorne auf sie eingestürmt war, von hinten heran. Der Weißen kam es vor, als ob sie von der Natur selbst weiter nach vorne geschubst wurde. Ein kleines, trauriges Lächeln zauberte sich auf ihre Lefzen - so sollte es also sein.


Sam freute sich darüber, dass Hima schon jetzt eine Stütze für sie war. Wie ein sperriger Ast in einem eiskalten Bach, gegen den man getrieben wird weil die starke Strömung einen nicht gehen lassen will. Allein durch ihre Anwesenheit fühlte die junge Fähe neuen Mut. Jetzt musste es einfach bergauf gehen. Es musste einfach. Kampflos würde sie nicht aufgeben.

Die müdigkeit kam zurück und Sam bemerkte es immernoch sehr spät, wenn die ältere Fähe mit ihr sprach.

"Sam... Sam ist mein Name."

Sie bekam die Leftzen ja kaum auseinander. Die Kälte ließ sich halt doch nicht so einfach vertreiben. Weiter und erbarmungslos sägte sie an den geschundenen Knochen und würde nicht eher aufgeben, biss Sam sich unter der weichen und tödlichen Schneedecke zum schlafen legen würde.

Sam wusste, wenn sie nicht bald ein Rudel finden, dass sie aufnimmt und einen Unterschlupf für den Winter für sie bieten, dann sah es schlecht aus. Zumindest eine Höhle... eine kleine... Die kleine wölfin lehnte sich beim gehen etwas an Hima an, diese neigte sich auch etwas zu ihr und so stützten sie sich eine weitere Strecke lang, die für jeden alleine schon zuviel gewesen wäre.

"kannst du dir vorstellen? Ich hätte dich fast angegriffen... Ich dachte du wärst ein Schneehase oder etwas in der Art."

Sam brachte eine art grunzen hervor und schaffte es sogar, die Leftzen etwas hochzuziehen zu einem leichten Lächeln. Beide hatten die Augen tief zusammengekniffen und konnten den anderen nicht sehen. Sie konnten nur die Nähe und die fast verschwindende Wärme spüren, die der Wind mit jeder Böhe wegtrug als wäre sie falsch an diesem Ort. Sie hielten die Köpfe eng aneinander und horchten der Stimme der anderen.

"ich bin schon so lange im Schnee, dass meine Sinne wohl verrückt spielen."

Kurz überlegte sie, ob sie nicht lieber den Atem für den Marsch durch den Schnee behalten sollte. Entschied sich jedoch dagegen. Wie viel Zeit würden sie wohl miteinander verbringen können? Die Realität war hart und grausam. Sam konnte schon bald wieder alleine sein und dieser Gedanke pflanzte sich, wie ein eiskalter Keim in ihr Herz. Nie wieder wollte sie alleine sein. Denn die Einsamkeit würde sie jetzt für immer an den Schnee erinnern, der immernoch darauf wartete sie zum schlafen zu legen und ihre Herzen mit kalten Fingern anzuhalten. Sam gab sich einen Ruck, denn so sehr, wie sie sich auch freute eine Gefährtin jetzt zu haben, man hatte ihr beigebracht Respekt vor älteren zu haben.

"Erzähl mir was."

Sagte sie mit leiser, fast im geheule des Windes verschwindender Stimme und horchte auf Antwort, wärend ihre Herzen nebeneinander schlugen als letzte Rebellion gegen die tödliche Kälte.


Averic beobachtete seine Schwester von der Seite her ganz genau, es konnte ihn fast wundern, dass sie sich so ... rebellisch ihm gegenüber verhielt. Das tat sie doch sonst bei niemandem, oder? Aber naja, wie hatte seine Mutter noch gesagt? Er war eben ... anders. Anders als sie alle. Etwas anderes. Nicht wie sie, nicht so ... und er würde niemals so sein wollen. Nein, an dem Tag, wo er nicht mehr er selbst sein durfte, würde er sterben. Lieber sterben als nicht man selbst zu sein. Hatte nicht jeder das Recht darauf zu sein, wie er war? Wem hatte er bisher damit geschadet, außer sich selbst? Niemandem. Denn seine Beleidigungen bekam nur Acollon an den Kopf, an dem eh alles abprallte und zersplitterte, wie Glas. Und dann erfroren die Worte im Winde und zerfielen zu eisigem Staub.
Auf ihre Entschuldigung – obwohl es wahrscheinlich nicht mal eine sein sollte – hin, lehnte er bloß den Kopf ein wenig zurück, nahm fast eine lässige Haltung an und blickte ruhig wieder nach vorne.

Hast du aber.“

Seine dunkle Stimme klang dabei ganz normal, es war eine reine Tatsache. Was Tyraleen dann aber noch hinten dran hängte, ließ den Pechschwarzen seinen Kopf wieder wenden. Wenn man ihren Worten genau lauschte, war sie doch eigentlich genau so dämlich, naiv und starrsinnig – wie auch immer man das alles bezeichnen wollte – wie er. Im Eigentlichen trugen ihre Worte ähnliche Bedeutung, wie die Seine. Trotzdem verengten sich seine dunkelblauen Augen wieder, während er Tyraleen nun direkt und kalt ansah.

Und ihr könnt genau so wenig über mich sprechen.“

Seine Worte waren kalt deutlich, bestimmt und wissend. Bildete diese weiße Welpin sich etwa ein mehr über das Rudel zu wissen als er? Mehr über ihn zu wissen? Wie naiv war sie eigentlich? Im Grunde genommen wusste sie selbst gar nichts. Ihre letzten Worte lösten jedoch ein schmerzhaftes Ziehen in seiner Magengegend aus. Nicht, dass sie ihn nun verletzt hatte, es war allein der Gedanke, einmal nicht allein gewesen zu sein. Der Gedanke, dass er nun nur allein war, weil Cylin ihn verlassen hatte. Weil sein kleiner Bruder einfach weg war, weil sein Träumer ausgeträumt hatte. Der Kleine war nicht mehr bei ihm, nur deshalb war er alleine. Trotzdem hatte Tyraleen unrecht, denn er war da gewesen. Cylin hatte existiert und damit war er nicht immer allein gewesen. Eigentlich war er nie allein gewesen, weil ... weil es halt den Schwarzen gegeben hatte. Erst seid er tot war, ermordet, erst seit dem. Und es tat immer noch weh. Stumm wandte Averic den Blick von seiner kleinen Schwester ab und ließ den Kopf wieder auf die großen Pfoten sinken. Sein kühler Blick richtete sich starr gegen die Wand.

Ich weiß, dass ich nun alleine bin ...“

Der Pechschwarze sprach nun leiser, trotzdem betonte er vor allem das nun. Nun. Nicht immer ... Averic biss die Zähne ein bisschen fester aufeinander und schloss die tiefblauen Augen. Dieses Gespräch mit Tyraleen zerrte auf eine seltsame Art und Weise an ihm und wahrscheinlich hätte er jedem anderen schon deutlich gemacht, dass er verschwinden und ihn in Ruhe lassen sollte. Warum er es hier nicht tat, war ihm nicht ganz klar, er dachte auch nicht wirklich darüber nach die Weiße weg zu scheuchen. Er war zu beschäftigt damit das Gesicht seines Bruders aus seinen Gedanken zu bekommen, das Hologramm zu zerstören. Die letzten Worte der Weißen nahm nur noch halb auf und er hatte keine Lust etwas auf sie zu erwidern. Averic erinnerte sich nicht daran, die Ideale seiner Mutter jemals in den Dreck gezogen zu haben. Er lebte nur nach seinen eigenen. So wie sein verdammter Vater auch. Nur wenigstens war er immer noch da, im Gegensatz zu ihm. Nur für seine Mutter. Denn die anderen wären ihn sicherlich am Liebsten längst los geworden. Aber das wollte er diesen Bastarden nicht gönnen.


Nachdem sie sich ihr Plätzchen gesucht hatte, rollte sie sich ein uns versuchte vergebens sich dadurch selbst erwärmen zu können. Doch die Kälte nagte weiterhin unerbittlich an ihr - allerdings schien sie ihr bedeutend weniger auszumachen als vielen anderen. Sie lag entfernt von den anderen Wölfen, um sich nicht aufzuzwingen, dennoch aber nicht zu weit, sonst würde sie sich abermals ausschließen. So war es ihr bei ihrem letzten Aufenthalt hier ergangen. Sie erinnerte sich noch lebhaft daran. Dem Bilderspiel der Memoriale verfallend schloss sie für einen Moment die Augen. Damals hatten die Welpen, von denen sie nur Cylin und Averic wirklich 'kannte' ihre Paten bekommen. Begrüßt worden war sie von einer weißen Fähe, deren Name Ayala gelautet hatte.
Den Blick umherschweifen lassend bemerkte sie, dass jene sich nicht mehr hier befand. Warum auch immer... es war eine weitere Frage, die sich ihr aufdrängte. Viele, die sie gekannt hatte, zumindest flüchtig oder eher noch.. nur vom Sehen her, waren nicht mehr hier. Ihr fiel nur auf, dass Banshees Gefährte wieder einmal nicht bei dem Rudel verweilte. Als sie kam, war er nicht da. Erst weit nach ihrer fehlgeschlagenen Integrierung, kurz vor der missglückten Jagt, war er da gewesen. Sie machte sich kein Bild über den Schwarzen und versuchte auch, es nicht weiter zu hinterfragen. Die Familientragödien gingen sie nichts an; wenn man sie ihr nicht envertraute. Und dazu würde es nicht kommen, so viel stand für sie fest. Bei dem Gedanken an die Hirschjagt wurde ihr jedes Mal speiübel. Schmerzen durchströmten ihren ganzen Körper, wenn sie die Augen schloss und die Bilder wieder klar vor sich sehen konnte. Ein ausgebüchster Junghirsch hatte sie damals einfach über den Haufen gerannt. Sie hatte einen Welpen im Schlamm entdeckt und wollte ihm zu Hilfe eilen; wurde jedoch als markante Gefahr identifiziert und in einer panischen Reaktion des Haarwildes niedergetreten. Die Verletzungen waren bis zum heutigen Tage nicht ganz verheilt. Eine Weile war ihr ganzer Brustkorb geprellt und sie selbst schwer erkrankt an ihrer Schwäche. Das Atmen war ihr aufeinmal sehr schwer gefallen. Rippenbögen waren gebrochen und zwei von ihnen hatten sich durch den linken Lungenflügel gebohrt. Die löchrige Lunge war fähig zu atmen, tat sich aber manchmal dennoch sehr schwer, was stark an ihr zehrte. Zudem war große Anstrengung nicht mehr möglich ohne ein gewisses Risiko einzugehen. Eine bleierne Schlinge legte sich um ihr Herz und der Gedanke an das Beschrenktsein ließ sie wehmütig seufzen. Die grünlich schimmernden Augen verschwanden einen Herzschlag lang hinter den schwarzen Lidern, als sich eine ihr sehr vertraute Stimme erhob und sich an sie, so glaubte sie richtete. Die spitzen, schwarzen Ohren schnippten gebannt nach vorn und ihr Blick traf auf das paar Augen, das sie damals so fasziniert hatte. Sie besaßen immer noch eine identische Leere. Ein karges Lächeln entfloh ihr und sie erwiderte sein Nicken, nicht aber seine Worte. Ihr fiel nichts ein, was sie hätte sagen können. Gern wäre sie dem Schwarzen wieder gefolgt; so wie sie es damals getan hatte. Gemeinsam waren Ninniach und Face durch das Revier der Sternenwinde gestrichen, weit abseits des Rudels. Geredet hatten sie kaum, grade so viel, dass sie den Namen des anderen kannten. Ninniach war im Gegensatz zu ihm ein wortgewandter Redekünstler; und das obwohl sie das Schweigen, ähnlich wie er, bevorzugte.
Ruhig sah sie ihm nach, wie er die Höhle verließ und ein innerer Drang wollte dem Schwarzen nach - doch sie blieb liegen. Er hätte schon einen Grund zu gehen und wollte sicher allein bleiben. Auch damals war Schnee gefallen... irgendwann war die Schwarze einfach verschwunden. Sie empfand sich selbst als eine zu große Last und verließ Face. Nun trafe sich ihre Wege wieder, aus welchem schleierhaften Grund auch immer. Und geeint wurde dieser erneut durch die eisige Schneedecke über den Landen...


Egal wie sehr das Gefühl, dass sie leitete und gleichzeitig erleichterte auch drängte, der Weg den beide Fähen beschritten - dicht aneinander gedrängt, die Augen zum Schutz geschlossen und dadurch wie blind - war nicht leicht und würde es mit Gewissheit auch nicht werden. Zwar trieb der plötzlich von hinten aufgekommende Wind die Schritte beider Wölfe mit einer enormen Kraft an, doch dabei griff er ihnen auch eisig unter den Pelz und schien durch die dünne Haut zu stechen, als wollte er sie von innenheraus erfrieren lassen.
Der Weißen tat die Gegenwart der Anderen gut, man konnte wenigstens in der Nähe Trost suchen, beruhigt die Ohren schnippen lassen, wenn die leise Stimme sprach. Auf Sam's Worte hin breitete sich ein Kribbeln in ihrer Brustregion aus, dass sich bis zu ihren Lefzen auszuweiten schien. Sie war amüsiert und das wiederum ließ sie ein leichtes Glücksgefühl spüren. Schließlich war Frohsinn in solchen Situationen besonders hilfreich für die Motivation.

"Ein Schneehase, ja? Das ist nicht verwunderlich... Immerhin kann man mich bei der Farbe meines Pelzes wohl kaum vom Schnee unterscheiden. Und dieser scharfe Wind macht eine Witterung einfach ummöglich! Er übertönt genauso alles, was für uns wichtig sein könnte. Stiehlt unsere Stimme und lässt sie ganz einfach vergehen, genauso, wie wir in diesem Chaos wohl kaum das Heulen eines anderen Wolfes oder sogar Rudels wahrnehmen würden!"

Hima versuchte es mit einem kleinen Lächeln, aber diese Worte stellten die harte Realität ganz einfach wieder vor sie. Wie eine unumgehbare Mauer. Sie verfiel kurz in Schweigen, lauschte der Bitte der Jüngeren nach einer Erzählung. Was erzählte man nun? Über sein bisheriges Leben und warum man unterwegs war, vielleicht. Oder die schönere Variante: eine Geschichte oder Legende, am Besten mit einem schönen Ende um die Stimmung nicht zu drücken. Doch momentan konnte sich die weiße Fähe an keine aufmunternde oder spannende Geschichte erinnern, davon lenkte sie viel zu sehr der stechende Schmerz in ihren Pfoten ab. Bereits davor hatten ihr die Ballen wehgetan und gebrannt. Jetzt schien sich das Ganze verschlimmert zu haben, wurde erneut aufgerieben und in den stechend kalten Schnee gedrückt, schürfte immer wieder über kratzige Eisstellen. Sie wurde langsamer, fiepte leise und tauchte dann den Fang in den Schnee. Sie war durstig, ihre Kehle ausgetrocknet da sie es in den letzten Tagen, in denen sie alleine durch die Schneewüste geirrt war, kaum gewagt hatte vom 'Kalten Tod' zu trinken. Schließlich kam damit noch mehr Eiseskälte in ihren Körper. Doch was sein muss, muss sein und so erschauderte sie mit einem kläglichen Fiepen, als der geschmolzene Schnee ihre Kehle hinunterrann. Wie erwartet setzte die Kälte nun noch heftiger nach, was Hima dazu brachte die Pfoten wieder vorsichtig aufzusetzen und weiterzulaufen, mit Sam an ihrer Seite.

"An was für eine Erzählung hattest du gedacht, Sam? Denn das Einzigste, dass mir gerade durch den Kopf spukt ist die Tatsache, dass wir irgendwie überleben werden. Frag mich nicht, woher ich das weiß. Es ist ein Gefühl, tief in mir drinnen. Wie eine Stimme, die mich dirigiert und gleichzeitig auch wie ein Fremder, der mich lenkt. Unheimlich, aber es wird uns retten, daran glaube ich!"

Während ihrer Worte waren sie wieder ein gutes Stückchen weitergetaumelt, immer wieder hatte Hima beim Sprechen kleine Pausen eingelegt um ihren Atem zu schonen. Mit einem gewissen Erstaunen stellte sie fest, dass sie kaum noch auf den Weg achtete. Der innere Drang schien fast vollkommen die Kontrolle über sie zu erlangen und somit zu führen, und ab und zu steuerte der Wind ebenfalls seinen Teil bei und drängte aus einer anderen Richtung. Das alles machte auf Hima einen schon übernatürlichen Eindruck und in Gedanken dankte sie immer wieder dafür. Denn von einem Wolf, dem soetwas wie ihr gerade passiert war, davon hatte sie noch nie gehört. Aber möglicherweise lag das einfach daran, dass niemand von solchen Vorkommnissen berichtete. Weil keiner dem glauben würde, was man zu berichten hatte? Besonders glaubwürdig klang es natürlich nicht...
Plötzlich zuckte der Fang der Weißen höher in die Luft. Da war etwas gewesen! Wie ein Flimmern, nur eben kein Bild sondern ein Geruch... Einen Geruch, auf den sie die ganze Zeit gewartet hatte! Es war ihr egal, ob sie tatsächlich etwas gerochen hatte. Mit einem Ruck blieb sie stehen und stieß ein Heulen aus. Anfangs noch recht schwächlich wurde es doch nach einigen Sekunden voller und kräftiger, schien ihren ganzen Körper zum Schwingen zu bringen.
Sie warf Sam einen fröhlichen Seitenblick zu. Ob wirklich nur sie es gerochen hatte? Egal ob wahr oder nicht, die Fähe wollte nicht auf das Glück hoffen, wirklich gehört zu werden, sondern stupste die Jüngere erneut sanft an und schritt dann weiter, erfüllt mit neuem Mut.


Ein ruhiges Lächeln huschte über Daylights erschöpfte Züge, sie schloss die müden Augen und ließ den zierlichen Kopf zwischen ihre Pfoten auf den warmen Stein sinken, auf dem ihre Tränen bereits getrocknet waren. Sie genoss Amáyas Nähe, ihre Zunge, die sanft durch ihr Fell fuhr, so wie es Banshees immer getan hatte, um sie zu waschen und früher hatte sie sich sogar gegen die kitzelnde Zunge ihrer Mutter gewehrt. Doch jetzt genoss sie die Fürsorglichkeit und Liebe ihrer Schwester, sie genoss, dass sie nicht fröhlich sein musste, um die anderen aufzumuntern, sie genoss, dass es nicht sie war, die sich um andere sorgte. Die Ruhe und Friedlichkeit schien tief aus dem Herzen der kleinen Wölfin zu kommen und das zufriedene Lächeln auf ihren Lefzen wurde breiter, als ihre feinen Ohren die letzten Sätze ihrer Schwester vernahmen. Als sie nun erneut zu sprechen begann war ihre Stimme noch immer sehr leise, kaum mehr als ein Flüstern, doch voller Wärme und Dankbarkeit, die sie für ihre schwarze Schwester empfand.

„Wenn du auf mich aufpasst, Amáya, dann ist alles gut, dann kann mir nichts passieren, während ich schlafe…“

Sie hielt kurz inne und öffnete die warmen goldgelben Augen. Eine Weile lang haftete ihr Blick auf der steinernen, dunklen Wand, dann glitt er zu Amáya empor und suchte ihren Blick, schaute sie eine Weile nur an und fügte noch leiser hinzu:

“Ich hab dich lieb, Schwesterchen.“

Die honigfarbenen Augen schlossen sich erneut und ein warmes, liebevolles Lächeln huschte über ihre schwarzumrandeten Lefzen, dann sank die kleine Graue in tiefe Dunkelheit – doch diese Dunkelheit war weder kalt, noch gefährlich, sondern voller Ruhe und Zufriedenheit, die sie umspannten, wie das Netz einer Spinne.
Und Daylight träumte, in ihrem Traum lief sie durch hohes Gras, das an ihre Flanken schlug, während ihre Nase die vielfältigen Gerüche aufnahm, die auf angenehme Weise ihre Sinne betäubten. Kleine Flügelwesen summten nah an ihrem Ohr und der Gesang der Vögel umgab sie in sanfter auf- und abschwellender Melodie. Ihr Blick glitt hinauf zu den Bergen, deren spitzen, zerklüfteten Zinnen und Graten steil in den wolkenlosen Sommerhimmel ragten und dunkle Schatten auf den See warfen, in denen ihr Bildnis klarer und friedlicher schien, als in Wirklichkeit. Die kleine Wölfin lachte und die Sonnenstrahlen liebkosten ihren grauen Pelz, während sie immer weiter lief. Nur lief und lief, so schnell ihre langen Läufe sie trugen, doch sie schien sich den Schatten der Berge nicht nähern zu können, egal wie schnell, oder lange sie auch lief. Doch es machte ihr nichts, sie wollte gar nicht dort ankommen, wo die Schatten sie verschlucken würden, sie lief bloß immer weiter und weiter, endlos. Schließlich hielt die Graue inne, ihr Blick glitt zurück und sie erblickte Banshee, deren weißes Fell im Sonnenlicht funkelte und schimmerte, wie die Sterne es taten, wenn das große Tageslicht die Welt verließ. Dort waren Face, Averic, Hiryoga, Tyraleen und schließlich Amáya und all die anderen, die zu ihrem Leben gehörten, seit sie zum ersten Mal die schützenden Wurfhöhleverlassen hatte. Alle lächelten ihr freundlich zu – mit Ausnahme von Face und Averic, die ausdruckslos und kalt wirkten wie eh und je. Daylight lächelte zurück, ihr Blick huschte zum Berg hinauf und mit einem Mal verstand sie, sie verstand warum Merawin und Cylin nicht unter den Wartenden waren und sie verstand, warum sie den Berg nicht erreichen konnte. Sie brauchte es nicht einmal, mit raschen, ausholenden Sprüngen voller Lebensfreude kehrte sie zurück, fand endlich ihr zu Hause wieder, umarmte Banshee, Tyraleen und Amáya mit den Pfoten und vergrub ihre Schnauze in ihrem Pelz. „Ich bin zurück…!“, sagte sie leise und sie lächelte. Sie begriff nun, das sie die Toten nicht mehr zurück holen konnte, keine Träne der Welt konnte das, sie begriff, das Fenris es so gewollt hatte und das es gut so war, auch wenn sie es nicht verstand. Und in jenem Moment wo sie die schützende Höhle zwischen Eis und Schnee erreicht hatte, hatte sie nach Hause zurück gefunden und dort würde sie bleiben, bis Fenris ihr den Weg hinauf ins Himmelsreich wies, doch so lange würde sie ihre Geschwister, Eltern und Freunde nicht mehr im Stich lassen, denn der Tod war es nicht wert aus ihr jemand anderes zu machen – das Lächeln auf Daylights Lefzen wurde breiter, während sie im Schlaf murmelte. „Ich bin zurück – Zuhause… endlich.“ Ihre Züge entspannten sich und die Kleine schmiegte sanft den Kopf an die Schulter ihrer Schwester, während sie wollig brummte und die warme Welt der Träume genoss, die sie erneut umgab und ein weiteres Lächeln auf ihre Lefzen zauberte. Endlich wieder Zuhause und es war egal, wo sie war, wenn sie nur nicht allein war, denn dort wo Freunde und Verwandte auf sie warteten – dort war ihr Zuhause, ganz gleich, wo dieser Ort lag…


Der Schmerz war zurückgekehrt, in jenem Moment, als die Sternschnuppe über den Himmel schoss und sein Herz erwärmte. Er war ein verdammter Idiot. Doch die Hoffnung, die sich nun in ihm ausbreitete, wie ein warmes Feuer, hatte den Widerstand in seinem Kopf verbrannt, wie ein bloßes Stück Papier. Doch mit der Hoffnung kam auch der Schmerz zurück, den er solange verdrängt hatte. Verbittert glitt sein Blick über das Meer aus Schneeflocken, das vor ihm her trieb. Die Kälte drang durch sein dichtes, tiefschwarzes Fell, wie dutzende eiskalte Nadeln, die ihn mit ihren Spitzen erbarmungslos durchbohrten. Das Tosen des Windes machte ihn taub für jegliche Art von Lauten und so musste er sich ganz allein auf seine Nase verlassen. Der Blick aus stahlblauen Augen war verbittert nach vorn gerichtet, nur alle paar Schritt glitt er zurück, auf die schmale Schneise, die sein muskulöser Körper durch den Schnee bahnte. Welchen Sinn hatte diese verfluchte Quälerei, wenn es am Ende des Weges nur Enttäuschung und noch mehr Schmerz gab? Hatte er nicht aufgehört daran zu glauben, dass er sie jemals wieder finden würde? Den einzelnen Stern am endlos schwarzen Nachthimmel? Ein verächtliches Knurren entwich seinen Lefzen… er war eben doch nur ein naiver Idiot, der die Hoffnung nicht aufgab. Wie vielen hatte er erklärt, das Hoffnung schwach machte, bevor er sie tötete. Wie vielen hatte er gesagt, was für Schwächlinge sie waren? Doch er sah es nicht selbst ein, das er keineswegs besser war, als all die anderen, die er mit jeder Faser seines kräftigen Körpers hasste und verachtete und es war ihm allmählich auch egal. Was kümmerten ihn schon die anderen? Was gingen sie ihn an, wo sich doch nie jemand um ihn gekümmert hatte. Warum sollte er sie dann beachten? Und trotzdem fiel es ihm schwer andere zu ignorieren, auch wenn sein Verhalten genauso verachtenswert war, wie alles andere an ihm, doch sie hassten ihn nicht, so wie er sie hasste, sie fürchteten ihn, den schwarzen Todesengel aus dem Norden. Ein verächtliches, spöttisches grinsen huschte für einen Augenblick über seine dunklen Lefzen, dann richtete er seinen Blick, wieder auf den unsichtbaren Pfad, den ihn zu seiner Sternschnuppe führen sollte. Doch allmählich begann er daran zu zweifeln, er würde hier hinaufsteigen und diesen feigen Wölfen seine Meinung sagen, ehe er so schnell wie möglich wieder verschwinden würde, sobald das Wetter es zuließ. Er war eben doch bloß nur ein Wanderer, nirgendwo war er länger geblieben als ein paar Tage, denn er hasste die anderen Wölfe so sehr, wie sie ihn fürchteten und er genoss diese Furcht, sie gab ihm die Gewissheit nicht schwach zu sein. Das was er vor allem anderen hasste: Schwäche. Wie von selbst hielten seine Pfoten inne, er hob den Kopf und sein stehend blauer Blick durchstach die Schneeflocken wie ein Messer. Vor ihm, am Ende seines Weges zeichnete sich ein finsteres Schemen von all dem Weiß ab, das ihn umgab. Wirbelnde Flocken hatten sich in seinem Fell verfangen und er schüttelte sie erbarmungslos fort, so wie er auch seine Opfer tötete, erbarmungslos und ohne Mitleid, wobei es fraglich war, ob man mit einer Schneeflocke Mitleid haben müsse. Ein hämisches Grinsen huschte über seine Lefzen und er dachte an den dummen, kleinen Jungwolf, der ihn vor dem Tod gerettet hatte, er hätte bestimmt Mitleid mit einer Schneeflocke gehabt. Doch der Schwarze empfand keine Dankbarkeit und auch kein Mitleid, nur Verachtung für einen solch erbärmlich naiven Wolf. Seine Schritte waren nun zielstrebiger und bald schon erreichte er die schwarze Silhouette am hellen Horizont, welche sich als Unterschlupf für die geflohenen Wölfe herausstellte. Der dunkle Rüde hielt inne, sein stahlblauer Blick glitt über das Rudel hinweg, streifte jeden von ihnen und musterte sie kurz und glitt dann weiter. Als er nun sprach war seine Stimme voller Sarkasmus und spöttischer Verachtung für das erbärmliche Rudel.

„Ihr seid wohl die feigen Schwächlinge, die aus ihrem Tal davon gelaufen sind? Wie erbärmlich.“

Seine schwarzen Lefzen kräuselten sich zu einem hämisch, spöttischem Grinsen, das genauso unerträglich war, wie der Ton seiner dunklen Stimme, die nun durch den Raum hallte, sodass auch jeder der Wölfe ihn verstehen konnte. Der schwarze Engel richtete sich auf, hob den Kopf und sein überheblicher Blick streifte ruhig durch das Halbdunkel und sein Grinsen wurde immer breiter. Seine Schnauze zuckte vor Blutdurst, er richtete die Ohren auf, sein tiefschwarzes Fell blieb glatt und geschmeidig, gerade so, als hätte er nichts vor ihnen zu befürchten, so als gehörte dieses Rudel ihm.
Er war ein Wahnsinniger, vielleicht… doch er war nicht dumm und gerade in diesem Moment hegte er den heftigen Wunsch sich mit jemandem zu streiten und ihn den Schmerz spüren zu lassen, den er all die Jahre empfunden hatte. Auch wenn es das alles nicht besser machte, es machte ihn auch nicht glücklich oder gar zufrieden mit sich selbst. Es machte ihn nur noch selbstgefälliger, als er so wie so schon war und es gab ihm Macht, genau die Macht nach der er verlangte und die sein Adoptivvater immer gewollt hatte, doch daran dachte er nicht mehr. Er dachte nicht daran, das er genauso geworden war, wie all jene die er so hasste und vielleicht wollte er auch gar nicht daran denken.

Die Schwarze war hinter Thylia und Nienna in Richtung Höhlenausgang getrabt, und kaum dass ihr die kalte Luft durch das Fell gestrichen war, hatte sich ihre Rute in unruhigem Takt zu bewegen begonnen.

Gerade wollte sie aufbrechen, als ein schwarzer Rüde sich im Höhleneingang postierte. Sie hatte den Schwarzen noch nie gesehen, doch als sie seine Worte vernahm, glomm die Überzeugung in ihr auf dass es besser wäre wenn er nicht einen weiteren Sonnenaufgang sehen sollte. Er beleidigte mit seinen Worten jeden Wolf in diesem Rudel, Banshee genauso wie Sheena und Nienna und auch sie selbst. Und niemand hatte das Recht Banshee zu beleidigen.

Mit einem lautgrollenden Knurren trat sie näher, die weißen Zähne gänzlich entblößt und das Fell zur Bürste erhoben. Wieder in den Höhleneingang tretend schob sie sich vor ihn, fixierte ihn mit flammendem Blick und lies abermals ein finsteres Knurren hören. Ihre Rute striff immer noch von links nach rechts, doch nun waren es langsame Bewegungen, langsam und zähfliessend.

"Wer bist du, dass du dir solche Worte erlaubst?"

kam es mehr geknurrt den gesprochen herüber, und sie spürte wie sich bereits die ersten Muskeln in ihr spannten. Es geschah wie von selbst, denn so war sie immer verfahren, und so würde sie immer verfahren.
Was auch immer er suchte, sojemand hatte hier nichts verloren. Am Ende war er noch gefährlich für das Rudel...


Shani beobachtete, den Kopf an Rasmús Schulter gelehnt, wie Hiryoga zu seiner Mutter trat und die beiden sich in einer Vertrautheit begrüßten und berührten, wie sie sie nie hatte erfahren dürfen. Wie es sein würde, seine Mutter, die man längere Zeit nicht gesehen hatte, glücklich wieder begrüßen zu dürfen, ihren liebevollen Blick auf sich zu spüren und zu wissen, dass ihre Liebe ewig sein würde und ebenso bedingungslos … das waren nur Wunschträume. Aber dafür hatte sie Rasmús, der wie ein Bruder für sie war, Hiryoga, der für sie plötzlich die Welt bedeutete und … Tyel … nur wo war sie? Die Weiße riss sich von dem Anblick der beiden Wölfe los und klappte die Ohren zurück. Mit ihren Worten schien sie Rasmús erschreckt zu haben, als hätte er zuvor gar nicht an sie gedacht. Er wusste es nicht … Shani schluckte. Der Graue konnte nichts dafür, er woltle Hiryoga und ihr helfen, hatte alles für sie tun wollen, wie hatte er da auf Tyel achten können? Aber was war dann geschehen? Sie blinzelte, konnte ein leises Wimmern nicht unterdrücken, sah dann aber, wie der Graue aussah. Er schien noch viel erschrockener, besorgter und fast beschämt … sie nahm sanft sein Ohr ins Maul und wollte aufmunternd daran ziehen, aber es rutschte ihr einfach wieder aus der Schnauze. Eine hilflose Schnauzengeste, dann sah sie zu Hiryoga auf. Er hatte auch nach Tyel gefragt. Vor lauter Sorge bemerkte die Weiße nichts von Hiryogas Gefühlen, auch nicht seine etwas steife Haltung oder den verschleierten, sonst so ehrlichen Blick. Er schien ebenso ratlos. Mit der Nase fuhr sie fast tröstend an Rasmús’ Lefzen entlang und rappelte sich dann mühsam auf. Sie hatte sich so darauf gefreut, endlich ruhig zu liegen … aber jetzt konnte sie es nicht mehr.

“Wir müssen sie suchen.“

Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, dass es ihrer Freundin vielleicht genauso wie ihnen ergangen war und sie nun ganz alleine irgendwo da draußen herumstreunte. Zudem konnte man sie dann kaum finden, das Land war zu groß und die Sicht wurde vom Schnee genommen, genauso wie jeder Geruch und jedes Geräusch verschluckt wurde. Und trotzdem … sie mussten da wieder raus. Shani schob leicht den Unterkiefer vor und sah damit zwar energisch und doch fast traurig aus. Eine Stimme vom Höhleneingang, ganz nahe bei ihnen, ließ sie leicht den Kopf wenden. Ein schwarzer, hochgewachsener Wolf stand dort, spottete und schien Streit zu suchen. Die Ohren der Weißen stellten sich langsam auf, ihr trotziger Gesichtsausdruck wich und einige Sekunden sah sie den Rüden einfach nur an. Keine Emotion spiegelte sich in ihrem Blick und kein Lebewesen, nicht mal sie selbst, konnte sagen, was sie in diesen Sekunden dachte, dann blinzelte sie, schien kurz verwirrt, als wäre sie aus einem Traum erwacht und drehte den Kopf wieder zu Rasmús und Hiryoga.

“Wir müssen …“

Die Entschlossenheit war zwar noch nicht gewichen, schien aber im Begriff zu sein, sie im Stich zu lassen. Ihre Läufe, auf denen sie sich noch immer wacker hielt, schmerzten und ihr ganzer Körper verlangte danach, sich wieder hinzulegen. Aber sie durften nicht … Tyel.



Sam musste sich zu jedem neuen Schritt zwingen und langsam keimte in ihr die Erkenntnis, dass trotz der neuen Gefährtin, sie es nicht mehr lange aushalten würde und die Müdigkeit letztendlich über den Überlebenswillen triumphiert. Die Kälte hatte sie in ihrer eisernen Hand. Ihre Ohren drehten sich langsam zu Hima als sie zu ihr sprach. Ja, man würde sie nicht sehen im Schnee. Noch nichtmal hören. Mut machte das nicht gerade. Wäre die junge Fähe doch nur bei ihrem Rudel geblieben... Dort war es warm und geschützt. Sie bekam Heimweh.

"...aber es wird uns retten, daran glaube ich!"

...hörte sie Hima gerade sagen. War sie wirklich so zuversichtlich? Wusste sie etwas, was Sam nicht wusste? Konnte sie etwas spüren, was Sam nicht spüren konnte? Vielleicht lag es an ihrem jungen Alter, dass sie eine ganz andere Mentalität als Hima hatte und somit diese Situation ganz falsch einschätzte. Aber Hima glaubte wirklich an das, was sie gesagt hatte. Und Sam bewunderte sie dafür.

"Das was du gesagt hast, reicht mir schon vollkommen. Keine Geschichten, keine Märchen. Mit der Wahrheit müssen wir uns auseinandersetzen." Sagte Sam mit leiser Stimme. Und dann einfach, "Danke." So leise, dass es Hima garnicht gehört haben konnte.

Plötzlich wurde Hima unruhig, blieb stehen, horchte und hielt die Nase in den schneidenden Wind. Sie hatte etwas gewittert. Sam's Herz schlug ihr bis zum Hals. Zum ersten Mal hörte sie die ältere Fähe heulen. Erst ein leisen Wimmern, dann ein Heulen, welches immer lauter wurde und Sam fast ansteckte, obwohl sie den Grund nicht finden konnte. Ihre Nase war fast erfroren und wollte patu nichts riechen, außer den Schnee um sie rum.

Hima stubste sie an und Sam erwachte aus ihrer Starre der überraschung.

"Was ist los?! Was hast du gerochen? Sind Wölfe in der Nähe?" Was, was, was, was! Ja! Was war los? Die Weiße ging weiter und lächelte nur. Sam beeilte sich hinterher zu kommen.

Atalya
27.12.2009, 14:26

Die Ungeduld der Jüngeren ließ Hima einen Laut ausstoßen, der fast wie ein Lachen klang - nur etwas eingerosteter. Zwar war noch keine Antwort gekommen, doch die Weiße war weiterhin wild entschlossen und voller Hoffnung. Sie konnte sich ganz einfach nicht getäuscht haben! Schließlich passte alles zusammen: dieser innere Drang, der wie von einer höheren Macht wirkende Wind... und dann natürlich dieser winzig kleine Geruchsfetzen, der Wärme versprach. Und andere Wölfe.
Mit einem Mal schien jede Schwerfälligkeit von ihren Gliedern abgefallen zu sein, der Schmerz zwar nicht vergessen jedoch bestmöglich in die hintersten Winkel ihrer Wahrnehmung verdrängt. Tänzelnd, beinahe mit ihrer früheren Leichtigkeit umrundete sie mit einem leisen Wuffen Sam, bewusst der Tatsache, diese damit wohl in höchstem Maße verwirren zu müssen. Aber was konnte man schon tun, mit diesem heftigsten Ausbruch jener zurückgekehrten Lebensfreude? Denn Leben würden sie, das war Hima nun mit absoluter Bestimmtheit klar. Kein einzigster Zweifel regte sich mehr in ihrem Wolfskörper.

"Da war eine Witterung in der Luft, nur sehr wenig, aber sie war DA! Ich mag zwar vielleicht noch lange kein Altwolf sein und auch nicht dessen Lebenserfahrung innehaben, aber ich weiß, dass ich meiner Nase vertrauen kann. Genauso wie meinem... Instinkt..?"

Die Fähe legte den Kopf schief. Immernoch konnte sie nicht mit Klarheit sagen, ob nun Instinkt oder doch etwas - oder besser gesagt jemand sie geleitet hatte. Doch noch sprach sie nicht von ihren Gedanken, sondern knuffte die Braune freundlich in die Seite. Es war gleichzeitig als Aufheiterung und kurze Geste zum Weitergehen gedacht, denn keine Witterung dieser Welt würde ihnen aus dieser Patsche heraushelfen, wenn sie ihr nicht nachgingen.
Die Rute leicht erhoben federte sie also weiter durch den viel zu hohen Schnee. Bildete sie es sich nur ein, oder hatte sogar der Wind seine tödliche Schärfe verloren? Tatsächlich dauerte es - zumindest verglichen mit der verstrichenen Zeit der letzten Tage - gar nicht einmal mehr so lange, als die Weiße meinte, durch den rieselnden Schnee so etwas, wie eine Höhle auszumachen. Aber schlagartig verschwand ihre gute Stimmung, denn je näher sie kamen, desto mehr schien sich die Luft mit etwas zu füllen... Vielleicht war das gesuchte Wort, das hier am Besten passte 'Ärger'? Als schließlich die Umrisse immer deutlicher wurden und ein schwarzer Wolf sich recht deutlich vor dem geräumigen Eingang abzeichnete, stoppte die Fähe. Schon allein das Bild, das sich dort abbildete, passte einfach nicht zu einer harmonischen Stimmung. Unwohl trat Hima von einer Pfote auf die andere. Alles in ihr schrie danach, die Szene mit einem erneuten Heuler zu unterbrechen. Aber ob das eine gute Idee war?

.oO(Sei's drum... Ankündigen müssen wir uns wohl. Und wenn ich damit gleichzeitig diesen 'Streit' zumindest für kurze Zeit beenden kann, dann werde ich das Risiko wohl eingehen!)

Gedacht, getan. Sie schenkte Sam noch einen warmen Blick ihrer blaugrünen Augen, in denen deutlich ihre Hin- und Hergerissenheit zu sehen war, dann stieß sie erneut einen Heuler aus, behielt dabei die Geschehnisse vorsichtshalber im Blick.


Das Eis unter den Pfoten der Fähe knackte gefährlich laut. Sie wusste nicht ob sie noch weiter hinausgehen sollte, doch immer wieder erschienen die Gesichter ihrer Freunde. Shani und Hiryoga. Immer wieder und doch irgendwie durchsichtig. Tyel wusste nicht was sie tun sollte. Einfach weiterlaufen und Gefahr laufen in das eiskalte Wasser zu stürzen? Oder stehen bleiben und hoffen das die Beiden von der anderen Seite einen Weg zu ihr fanden. Was war nur mit den beiden passiert und warum waren sie so weit von ihr entfernt? Und wo war eigentlich Rasmús? Zuletzt hatte sie ihn an der Klippe gesehen hatte die Stimme von Shani vernommen. Sie war um ihren Bruder getänzelt und hatte ihm Fragen gestellt. Fragen auf die sie keine Antworten erhalten hatte. Sie war durch den Schnee gelaufen Rasmús Spuren folgend immer durch den Schnee. Hatte versucht eine Erklärung zu finden und war schließlich wieder zurück zum Rudel gegangen. Eine Ecke in der geräumigen Höhle hatte sie für sich beansprucht. Hatte dort über alles nachgedacht und war schließlich wieder gegangen. Und nun stand sie auf dem Eis ging noch einen Schritt vorwärts. Hörte es wieder knacken und spürte wie es unter ihren Pfoten nachgab. Sie konnte das eiskalte Wasser an ihren Pfoten spüren. Merkte wie auch ihr Fell nass wurde und wie sie langsam in die tiefe sank. Sie versuchte zu paddeln doch sie kam nicht vorwärts. Stattdessen veränderte sich nun die Umgebung. Auch hier war es kalt doch eine andere Kälte. Es war kein Wasser in dem sie lag, es war Schnee. Blütenweißer Schnee. Nur Schnee wohin sie auch schaute. Auch Shani und Hiryoga waren nicht mehr zu sehen. Es war wohl nur ein Traum gewesen.

oO Wo seid ihr nur...meine Freunde Oo

Unsicher stand die junge Fähe nun wieder auf. Schüttelte sich den Schnee aus dem Fell und versuchte sich daran zu erinnern, wo genau die Höhle lag. Zumindest fiel ihr ein was sie gestern Abend hier draußen gemacht hatte. Den Mond und die Sterne beobachtet. Versucht eine Lösung zu finden. Sie hatte einfach nur im Schnee gelegen, nachdenkend und etwas traurig. Manchmal erzählten die Sterne ihr Geschichten. Geschichten von einer Fremden Welt und von einem Land das Tyel niemals sehen wird. Doch wen die junge Fähe sich das Land vorzustellen versuchte glitt sie immer wieder in einen tiefen und langen Schlaf. Vielleicht bildete sie es sich nur ein, dass Sterne Geschichten erzählen konnten und ihr einen friedlichen Schlaf schenkten. Doch an manchen Tagen erfüllten sich die Träume die sie hatte wen sie allein unter den Sternen gelegen hatte. Vielleicht war es auch egoistisch immerhin gehörten die Sterne doch niemandem und irgendwie lagen doch alle unter den Sternen. Ob sie nun allein waren oder in zusammen in einer Höhle schliefen. Auch glaubte Tyel nicht an Engaya und die anderen Wolfssagen. Sie glaubte an den Mond und die Sterne. Daran, dass alle toten Seelen zu Sternen wurden und Geschichten von ihrem Leben erzählen konnten. Daran das es dort oben ein Land gibt, dass man nicht sehen kann wen man noch lebt. Und daran, dass alle Verstorbenen über die Lebenden wachen und ihnen den Weg weisen. Die junge Fähe wusste selber, dass es ziemlich unwahrscheinlich war, dass sie jemanden fand der auch daran glaubte. Deshalb behielt sie es für sich. Sie erzählte niemandem woran sie glaubte wich diesen Gesprächen immer aus.

oO Ob Shani und Hiryoga auch dort oben sind und auf mich herabgeschaut haben als es dunkel war? Oo

Noch einmal ließ sie ihren Blick über die Ebene schweifen oder besser über die Berge. Sie hatte lange nach solch einem Platz gesucht. Einem Platz an dem sie den Sternen nah sein konnte und gleichzeitig auch allein. Sie hoffte den Platz hier oben kannte noch niemand. Von nun an würde sie wohl öfters hier hoch kommen und den Sternen zusehen. Doch nun musste sie wieder zum Rudel. Immerhin wollte sie nicht, dass Rasmús sich noch Sorgen um sie machte. Der Verlust von Shani lastete schon Schwer auf ihm er sollte sich nicht auch noch Sorgen um sie machen müssen. Vorsichtig stapfte sie durch den Schnee, ließ die Rute dabei hängen und über den weichen Schnee gleiten. Ihre Spuren verwischte sie damit zwar nicht wirklich gut aber wenigstens ein wenig. Sie wusste wo lang sie gehen musste.


Banshees warmer, aber noch immer traurig besorgter Blick lag auf Shit, dessen Lächeln mit jedem Wort schwächer wurde und sein Seufzen schließlich einen bitteren Geschmack auf ihre Zunge legte. Sie hatte ihn niemals enttäuschen wollen, aber noch immer war ihr nicht ganz klar, was der braune Rüde ihr eigentlich so genau gesagt und dass er es wirklich ernst gemeint hatte. Er war ihr einfach nie wie ein erwachsener Rüde vorgekommen, war immer nur ihr kleiner Shit gewesen … als der Braune wieder etwas sagte, verstand sie zunächst nicht, was er meinte. Erst als er zustimmend nickte, wurde ihr klar, dass er auf Acollon angespielt hatte. Es traf sie hart, dass nun auch von ihm, Shit, der doch sonst so wenig verstand oder es zumindest vorgab, eine Kritik an Acollon kam. Sie alle sagten es doch immer wieder, schienen aber dabei gar nicht zu merken, wie sehr sie es verletzte. Sie konnte doch auch nichts daran ändern … genauso wenig wie sie jemals etwas daran ändern konnte, dass sie ihn liebte, dass jede Faser ihres Körpers ihm gehörte und dass kein Lebewesen und nicht mal ein Gott sie trennen könnte. Ihr Lächeln war ganz verschwunden, sie sah nur noch traurig aus. Shit begann wieder zu reden, sehr viel, sie war nicht seine Mutter, das wusste sie selbst und jetzt wusste sie auch, dass sie sich auch nicht als eine solche sehen sollte. Wieder kamen Komplimente, aber dieses Mal konnte sie sich nicht mit einem Lächeln bedanken. Er redete von Wahrheit und Verstehen und Banshee war erstaunt, wie viel er sah und verinnerlichte und wie er es ausdrücken konnte, wenn er nur wollte. Sie nickte langsam, brachte aber noch kein Wort heraus, sein trauriges Lächeln machte sie nur noch trauriger. Die letzten Worte, die er sprach, bevor er sich umdrehte und davon rannte, hätte sie vielleicht beantwortet, sie war keine Legende und nicht immer großartig … aber er war schon davon und ließ nur wirbelnd aufgescheuchte Schneeflocken zurück. Plötzlich war sie sich nicht sicher, ob sie ihn wieder sehen würde, sie hatte Angst davor, wenn er nicht mehr da war und sie sich fragen müsste, ob etwas passieren könnte, Shit war nicht hilflos, aber allzu oft viel zu naiv, um ohne weiteres zu überleben. Sie senkte den Kopf und schluckte. Shits Trauer, seine Worte über Acollon und die unerwarteten Erkenntnisse setzten ihr zu. Eben noch war sie entspannt und fast glücklich, jetzt fühlte sie sich so elend wie in den ersten Tagen in den Bergen. Am liebsten hätte sie sich einfach in den Schnee fallen gelassen und die Augen geschlossen, Verarbeiten und Verstehen … aber sie durfte nicht. Stimmen waren zu hören und schon wieder einige neue Gerüche. Sie war Leitwölfin … sie war stark. Ihr Kopf hob sich wieder, die Ohren aufgestellt, die Rute leicht angehoben und mit aufgerichteter Haltung bewegte sie sich mit ruhigen Schritten um die Schneewehe herum und steuerte auf den Höhleneingang zu. Ein schwarzer Rüde stand darin und sah nicht sehr freundlich aus. Nyota war bei ihm, sah ebenfalls nicht gerade nett aus und hatte schon fast eine Kampfhaltung angenommen. Schon wurden ihre Schritte schneller, ein Heulen erklang, ganz in der Nähe waren zwei Fremde zu sehen, aber Banshee konnte sich nicht um sie kümmern. Schon stand sie neben Nyota und sah den Rüden mit einem stolzen Blick entgegen, ohne den beiden zu zeigen, wie schwer es ihr fiel. Der Schwarze ähnelte Acollon, ebenso wie sein Grinsen und das Flackern in seinen Augen. Es machte die Sache nicht gerade leichter.

“Hört auf.“

Ihre Stimme war nicht laut, aber fest und keinen Widerspruch duldend. Ihre Flanke berührte bei jedem Atemzug die ihrer Schwester und würde die Schwarze vielleicht beruhigen. Langsam musterte sie den Schwarzen und schnippte dann mit dem rechten Ohr, sein Verhalten war ihr unverständlich. Er gehörte nicht zu der fremden Schar aus dem Tal und auch wenn sie weder seine Worte noch die Nyotas hatte verstehen können, so schien es nicht wirklich einen Grund für sein Verhalten zu geben.

“Sei kein Narr, hier oben gibt es keine Feindschaft zwischen Wölfen, die Berge sind uns und auch dir Feinde genug. Wir wollen kein Blut vergießen, auch nicht das eines Fremden. Sag mir, was du hier suchst, ich kenne keinen Grund, warum ein Wolf freiwillig ohne in Not zu sein, hier hinauf wandert.“

Wieder hatte ihre Stimme fest geklungen, war nun ein wenig beruhigender geworden. Sollte der Rüde auf die Idee kommen, sie anzugreifen, wäre er in kürzester Zeit tot, das sollte ihm klar sein. Aber Banshee wollte es nicht dazu kommen lassen, eigentlich hatte sie nicht erwartet, hier ihnen feindlich gesinnte Wölfe zu treffen, für jedes Lebewesen gab es hier oben genug andere Probleme. Zu der Ruhe und der stummen Erhabenheit hatte sich Unverständnis für den Schwarzen gesellt.


Tyraleen war froh, dass sie ihn nicht ansah, als er sein Hast du aber. losließ und dabei, aus dem Augenwinkel, wirkte, als ob ihn genau diese Tatsache äußerst amüsierte. Ja, sollte er sich eben daran erfreuen, wie sehr er sie aufbrachte. Sie konnte es ja sowieso nicht vor ihm verbergen. Stumm fragte sie sich, ob sie es gerne verbergen würde, denn Averic hatte in einem Punkt Recht. Ein bisschen konnte er schon unter ihre Oberfläche blicken, nur musste er dafür ein wenig weiterdenken. Zum Beispiel, dass es nicht direkt seine Worte waren, die sie so aufbrachten. Ihr Gedankengang wurde von seiner Stimme durchbrochen, wieder hob sie den Kopf und sah ihn an. Sein Blick war kalt, es war zwar eigentlich normal für ihn, aber jetzt wünschte sie, er würde wegschauen.

“Das habe ich auch nie tun wollen.“

Sie konnte sich nicht mehr an alle ihre Worte erinnern, die sie ihm im Zorn ins Gesicht geschleudert hatte, glaubte aber, dass nie eines gefallen war, das Averic verurteilen konnte. Hatte sie über ihn gesprochen, so war es nur um die Meinung der anderen gegangen … um den Problemfall … aber ob sie dieser Meinung war, das konnte er daraus nicht schließen. Averics Kopf sank wieder auf seine Pfoten und Tyraleen überlegte vorsichtig, als könnte er ihre Gedanken lesen, ob sie ihn verletzt hatte. Dass ihre Worte ihn zumindest getroffen hatten, war unübersehbar. Bevor er wieder sprach, wusste sie, woran er dachte und das überdeutlich betonte nun ließ auch keinen Zweifel daran. Cylin … ja, er war bei Averic gewesen, das wusste sogar sie, auch wenn sie ihren toten Bruder kaum gekannt hatte. Schon bei ihrer Geburt war er oft fort gewesen, bis er irgendwann einfach nicht mehr wiedergekommen war. Dass sie sich nicht mal mehr an sein Gesicht erinnern konnte, machte sie traurig, auch wenn sie wusste, dass sie nichts dafür konnte. Damals war sie noch ein kleiner Welpe gewesen, zu schnell hatte sie so viel aus diesen Tagen vergessen. Genauso wie das Tal, genauso wie Merawin …

“Ich habe Cylin nie wirklich kennenlernen können … aber er ist tot, Averic. Du kannst nicht mehr auf ihn warten.“

Sie hatte ihn angesehen, aber seine Augen waren geschlossen und sie sah unter der hauchzarten Haut seiner Lefzen, wie er die Zähne zusammenbiss. Sie senkte leicht den Kopf, sah auf ihre zierlichen Pfoten hinab und fragte sich, ob sie zu weit gegangen war. Averics Trauer um Cylin ging sie nichts an und eigentlich konnte es ihr auch egal sein, wenn ihr Bruder sich so verschanzte. Vielleicht hatte sie es nun wieder geschafft, ihn zu verärgern, egal was andere über Cylin sagten, es ärgerte den Schwarzen immer, aber vielleicht würde er, nachdem er sich mit ihr gestritten hatte, auch normal mit ihr reden. Vielleicht … wenn sie das wollte, das wusste sie nicht so genau.


Die blauen Augen der jungen Fähe wanderten langsam durch das Dunkel der Höhle, während die Ohren wachsam nach vorne gehüllt waren. Die kühle Nase der Schwarzen witterte die verschiedenen Gerüche, die hier lagen, von Fremden, Neuen, alten Bekannten, Freunden, Familienmitgliedern. Das Rudel war nicht gerade klein und dennoch kamen sie irgendwie klar, mussten es, wie sie überleben wollten. Leicht drehte sich das rechte Ohr zur Seite, wachsam wanderte der Blick aus den nachtregenblauen Augen weiter. Wie oft kam es vor, das Amáya jemanden in Schutz nahm? Es war wohl das Erste mal, aber es war in Ordnung. Still ließ sie Daylight bei sich liegen, in ihr schwarzes Fell gekuschelt. Sie sollte sich ausruhen und sie würde darauf achten, das keiner sie störte. Als ihre Schwester dann doch noch Mal zu sprechen begann, senkte das Regenkind den Kopf, neigte ihn näher an die Schnauze der Grauen, um ihren Worten besser lauschen zu können, die immer leiser wurden. Als Antwort legte sie sachte ihre Schnauze auf die Stirn ihrer Schwester, strich mit der Spitze sanft über das Fell. Natürlich würde ihr nichts passieren. Die Schwarze würde es nicht zu lassen, denn auch wenn sie sich bisher immer abgesondert hatte, sie waren Geschwister und sie wollte nicht noch jemanden verlieren. Ihre zweite Hälfte hatte sie verloren, noch bevor sie die Augen geöffnet hatte. Sie war alleine in diese Welt gekommen, unvollständig. Dann waren nun auch noch Cylin und Merawin gestorben. Weitere Teile ihrer Familie. Das jetzt noch jemand ging würde sie verhindern. Irgendwie. Zärtlich fuhr die Zunge der Schwarzen noch ein Mal über Daylights grauen Kopf, eine stumme Antwort, ehe auch sie die Augen schloss, der Stille lauschte, die nur von leisen Worten unterbrochen wurde, die sie aber nicht verstehen konnte und mit wachem Geist auf ihre Schwester auf passte. Sie sollte sich ausruhen, dann würde es ihr schnell wieder besser gehen, dessen war sie sich sicher.

Der Schnee tanzte um ihn herum, wirbelte umher, während der Wind das dunkle Fell verwehte. Die blauen Augen hatte der Schweigsame geschlossen, nur die Ohren, die sich langsam und nur leicht hin und her drehten, wann immer ein Laut an sie drang, ließ darauf schließen, das Midnight wach war, lebendig und keine ausgestopfte Puppe, die man aufgestellt hatte. Ja, der Totenwandler lebte, existierte und vegetierte vor sich hin, das Blut wurde durch seine Adern getragen und die kalte Luft erfüllte seine Lungen, doch innerlich war der Rüde schon lange tot. Er hatte ganz einfach tot zu sein. Wer überlebte einen solchen Sturz? Keiner. Nur er. Warum gerade er? So viele Fragen erfüllten seine Seele, während er verwirrt durch die Welt taumelte, auf der Suche nach Etwas, das sich sofort wieder entfernte, sobald er es in den Pfoten zu halten glaubte. Sollte er nicht einfach aufgeben? Es hatte keinen Sinn, sich immer die gleichen Fragen zu stellen und je mehr er fragte, desto mehr Fragen kamen hinzu. Aber er fand keine Antwort, fand des Rätsels Lösung und den Schlüssel zur Wahrheit nicht. Was für ein Ziel hatte sein Leben denn dann? Wozu war er hier, wenn er doch nur alleine weiter im Kreise tanzte, sich das Karussell in schweigender Monotonie mit ihm weiter drehte. Es ergab einfach keinen Sinn für ihn. Auch die Gespräche mit Kaede hatten ihn nicht weiter gebracht, auch wenn er ein kleines Fragment aus einem ganzen Mosaikfeld, in das sein Leben zerbrochen war, hatte erhaschen können, aber auch dies hatte nur viele weitere Fragen aufgeworfen. Es war ihm einfach nicht erkenntlich, was ihn hier hielt, was ihn an dieses Leben hier fest band, schier fest kettete. Leicht senkte der Nachtsohn den Kopf, neigte ihn nach vorne, ohne die Augen zu öffnen, als er tief ein und dann wieder ausatmete. Ohne hin zu sehen wusste er, das sein Atem kleine Dunstwolken verursachte, wie bei jedem anderen. Luft war eine der Grundlagen für Leben, genau das, was ihm ein Rätsel war. Würde er verstehen, wenn er nicht mehr fragte? Aber selbst das hatte er getan, hatte alles hin genommen, hatte sein Ende gesucht und im entscheidenden Augenblick hatte man ihm einen Rüden zur Seite gestellt, der ihn abhielt, der ihn mit nahm. Aber auch er hatte ihn alleine gelassen, hatte sich von ihm abgewandt, war irgendwo in der Dunkelheit verschwunden. Oder war er es selber, der in der Dunkelheit ertrunken war? Unsichtbar für die Anderen, kein lebendes Wesen, welches irgendwo versteckt vielleicht auch noch fühlen konnte, das jetzt aber nichts als Einsamkeit verspürte. Aber wann war es Mal anders gewesen? Nur damals, als er mit Shit in den Bergen gewesen war, als sie sich den Pfad geteilt hatten. Doch nun hatte jener Pfad die beiden Rüden wieder getrennt. Etwas hatte einen Keil zwischen sie getrieben, aber der Nachtschwarze fühlte sich zu schwach, um diesen Keil zu beseitigen, der ihn hart getroffen hatte, einen neuen Sprung in seiner Seele hinterlassen hatte. So saß Midnight nur schweigend da, hatte sich nicht sehr weit von dem Höhleneingang entfernt, war dennoch ungesehen, denn niemand wollte ihn sehen.

Der Schwarze musterte die fremde Fähe aus leicht zusammengekniffenen stahlblauen Augen abschätzig und schenkte ihr schließlich ein herablassendes Lächeln.

„Wer ich bin? Ich wüsste nicht, was es dich anginge…“

Er machte eine Pause und betrachtete genüsslich den Zorn in ihren gelben Augen und ihre aggressive Haltung. Doch er zog nur zweifelnd die Brauen hoch, gerade so als nehme er sie nicht ernst (und das tat er ja auch nicht) und erwiderte ihren Blick aus ruhigen blauen Augen. Es machte ihm Spaß sie zu provozieren, wo er doch wusste, dass sie ihm am liebsten an die Kehle springen würde, wie schon so viele vor ihr. Doch es beeindruckte ihn nicht im Mindesten und so fuhr er in dem gleichen sarkastischen Ton fort mit dem er begonnen hatte.

„Nun, ich glaube zwar nicht, das du meines Namens würdig bist… jedoch… er wird dir ohnehin nicht viel sagen, denn ich glaube nicht das ihr – du und dein feiges Pack – hier oben viel von der Welt mitbekommen hättet.“

Das herablassende Lächeln auf seinen schwarzen Lefzen wurde zu einem spöttischen Grinsen, während er sie weiterhin gelassen musterte. Nicht einmal seine Halskrause sträubte sich, er stand ganz ruhig, wippte bloß unbeteiligt mit der Rute. Er fürchtete sich nicht vor ihr, wieso sollte er auch? Er der schwarze Engel des Nordens hatte vor niemandem Angst, schließlich gab es keinen Grund dazu. Er konnte diese schwächliche, kleine Fähe mit einem Schlag töten, wenn er wollte, doch dazu bestand im Moment noch kein Grund, denn er fand diese ‚nette’ kleine Unterhaltung äußerst amüsant und so fuhr er in seinem provozierend gelangweilten Ton fort.

„Dort oben im Norden…“, sein Blick glitt kurz gen Norden, durch das Meer von wirbelnden Schneeflocken, ehe er wieder den Blick der schwarzen Fähe einfing und sie von oben herab musterte. „nennen sie mich den Schwarzen Engel von Svalbard und die Schwarzgefiederten, mit denen ich eine Weile zu reisen pflegte nannten mich nach ihnen selbst. Rabenschwinge, doch ich glaube eher, dass dir diese Namen zu hoch sind und deshalb…“

Der Schwarze musterte sie erneut mit demselben arroganten Blick, wie zuvor und fügte theatralisch seufzend hinzu:

„Nenn mich bei dem verfluchten Namen, den meine Adoptivmutter Layna mir einst gab. Lunar. Wie der Mond am Himmel, falls dir das etwas sagt.“

Er wusste, dass es ihn schmerzen würde diesen Namen aus einer anderen Schnauze, als der seiner geliebten Schwester zu hören, doch es würde ihm nichts ausmachen, nicht wenn er stark war. Sein Grinsen wurde breiter und er senkte den Kopf, sodass die schwarze Wölfin seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte und sich ihre Nasen fast berührten. Wenn sie nun nach ihm schnappen würde, gut, er würde nicht zurückzucken, er würde es ihr bloß zurückzahlen.

[I„Aber verrat mir eins, Wölfin. Warum flieht ihr statt um euer Tal zu kämpfen? Ich dachte Wölfe wie ihr – falls man euch überhaupt Wölfe nennen kann, denn Wölfe sind nicht so feige wie ihr – kämpfen um ihre ach so geliebte Heimat?“

Der sarkastische Unterton aus seiner dunklen Stimme war nun kaum mehr zu überhören. Zuvor hatte er so laut gesprochen, dass alle Wölfe ihn hatten verstehen können, sie sollten ruhig wissen, wer er war, doch nun war seine Stimme so leise, das bloß die Schwarze ihn verstehen konnte. Es klang immer noch spöttisch und herablassend und genauso war auch der Blick aus seinen stahlblauen Augen, den er nun direkt auf die gelben Augen der Wölfin gerichtet hatte.

„Waren sie etwa zu stark für dein Pack?“

Fügte er noch grinsend bei und hob den Kopf wieder an, sein Blick glitt über die Wölfe und gleichzeitig versetzten ihm seine eigenen Worte einen schmerzhaften Stich, der ihn wage an das Messer erinnern ließ das dieser verdammte Zweifüßler ihm einst in die Rippen gerammt hatte, doch es war keine körperliche Wunde, die ihm zu schaffen machte. Er sah es wieder vor sich, das Tal blutbesudelt im Mondschein und die merkwürdig leblosen Körper seiner toten Brüder und Schwestern, seiner Mutter und die seines verhassten Vaters und Shani, wie sie ihren kleinen Körper angsterfüllt an sein schwarzes Fell schmiegte. Shani. Ihre tannennadelgrünen Augen, die im Licht des Mondes seltsam schimmerten und ihr Blick… er würde es nie vergessen. Doch nun musste er sich wieder auf die schwarze Fähe konzentrieren, einen Moment noch rang er mit der Erinnerung, die ihm plötzlich wieder so seltsam klar schien, doch dann war er wieder vollkommen ruhig. Seine stahlblauen Augen durchbohrten die gelben seiner Gegenüber und er grinste erneut sein spöttisches, ruhiges Grinsen. Nur eine Frage ging ihm nicht mehr aus dem Kopf… würde er sie jemals wieder sehen? Der weißen Fähe, die nun an die Seite der Schwarzen trat warf er nur einen kurzen spöttischen Blick zu. Wenn sie gehoffte ihn zu etwas bringen zu können, hatte sie sich mächtig geirrt, ein kurzen Moment verharrte sein Blick in ihren Augen und erinnerte ihn Layna… die seine Mutter… gewesen war. Sie hatte genau den gleichen Blick und er stutzte und trat einen Schritt zurück, die Weiße nicht aus den Augen lassend.

„Ich habe es schon deiner kleinen Freundin gesagt… ich wüsste nicht, dass es dich etwas angehen würde zu wissen, was ich hier suche. Das hier ist ein freies Land, es gehört euch nicht.“

Doch nun klang seine Stimme nicht mehr sarkastisch, sondern beinahe unsicher, er trat unruhig auf der Stelle. Dann knurrte er. Was bildete diese Fähe sich eigentlich ein? Wie konnte sie so ruhig mit ihm sprechen? Seine stahlbauen Augen funkelten sie wütend an, doch er schwieg, vielleicht weil er nicht wusste, was er sagen sollte, vielleicht aber auch weil die Folge der Bilder aus seiner Vergangenheit vor seinen Augen erneut wieder Gestalt annahm, auch wenn er mit aller Macht dagegen kämpfte. Wieso war er überhaupt auf die verfluchte Idee gekommen hier hinaufzusteigen?


Averic hielt die dunkelblauen Augen weiterhin geschlossen, wollte sie nicht öffnen und nichts auf Tyraleen erwidern. Sie log. Sie hatte es bereits getan. Sie warf ihm vor Banshees Ideale in den Dreck zu ziehen, er, der Problemfall und der Pechschwarze war sich sehr sicher, dass sich in den Gedanken der Weißen noch viel mehr davon abspielte. Er zuckte kurz mit der Schnauze, hatte die anderen Wölfe in der Höhle bereits ausgeblendet. Es interessierte ihn nicht, was sie taten. Erst auf Tyraleens nächsten Satz hin, hob er die Augenlider wieder und sah einen Moment stechend zu ihr herüber. Aber sie hatte nichts gesagt, was ihn verärgern konnte. Ihre Wortwahl war gescheiter als die, die wahrscheinlich Daylight von sich gegeben hätte. Es stimmte nur wieder nicht ganz ... er wartete nicht. Averic war sich durchaus bewusst, dass Cylin nie mehr zurückkommen würde. Wie könnte er auch? Der Träumer hatte ihn verlassen und war ermordet worden. Einen Moment überlegte der große Rüde, was er antworten sollte, ob er wie immer einfach alles abwehren und blocken sollte. Aber es ging um Cylin, seinen kleinen Bruder und er hatte nicht verdient, dass der Schwarze ihn verleugnete. Das würde er nicht tun. Und wenn man alles genau in Betracht zog, war Tyraleen ebenso Cylins Schwester und sie musste einfach wissen, wie der beste Bruder gewesen war. Zumindest ein bisschen. Das sie sich nicht an ihn erinnerte war fast schon Sünde ... aber was wollte er erwarten? Die Familie kannte sich doch kaum. Nur er. Er kannte Cylin, besser als jeden anderen. Und Cylin kannte ihn ... hatte ihn gekannt. Hatte, damals, vor langer, langer Zeit. Aber Kisha, Parveen, Hiryoga, Malicia. Sie waren mehr Fremde für ihn geworden, auch wenn er sich früher noch ganz gut mit Malicia verstanden hatte. Kisha hatte eher seine Nerven strapaziert. Und von Daylight, Amáya und Merawin hatte er sowieso nie etwas wissen wollen. Leider schienen sie das nicht ganz so gemerkt zu haben, dafür hatten nun vor allem Amáya und Daylight seine Verachtung ergattert. Warum das allerdings nie für Tyraleen gegolten hatte, konnte er nicht genau sagen. Vielleicht ... weil sie so nach Banshee kam? Auf jeden Fall besaß diese Familie keine sonstigen Verbindungen zueinander. Nie.
Averic ließ noch einmal Cylins Bild zu ihm hervor dringen und richtete den tiefblauen Blick dann wieder gegen die Höhlenwand.

Cylin ... war ein kleiner großer Träumer und vom ersten Atemzug an immer bei mir. Ich war derjenige, der ihn immer beschützt hat und er derjenige, der mich immer verstanden hat, auch wenn sein Blick dabei noch so verpeilt aussah ...“

Ein kleines, leises Lächeln legte sich schwach auf die Lefzen des Pechschwarzen, bei diesen fast geflüsterten, ruhigen Worten. Er würde nie sagen können, welche Farbe diese verpeilten Augen gehabt hatten, dafür erinnerte er sich an jedes andere Detail. Daran, dass sein Bruder seine kleine Traumwelt gehabt hatte, die ihn manchmal so geistesabwesend werden ließ, dass Averic ihn weglenken musste, damit Cylin nicht vor einen Baum lief. Daran, wie sie als Welpen nebeneinander gesessen hatten, irgendwer immer mit dem Ohr des anderen in der Schnauze. Aber Averics Lächeln verschwand schnell wieder und ließ kalte, unnahbare Züge wie eh und je zurück. Eigentlich ging Tyraleen das überhaupt nichts an, er hatte schon mehr gesagt und dabei gezeigt, als er es eigentlich wollte. Seine Oberfläche bestand aus Eis. Der kräftige Kopf des Rüden richtete sich wieder auf und die dunklen Augen blickten die Weiße wieder an.

Er war ein liebenswerter Wolf auf den man immer aufpassen musste. Aber letzten Endes habe ich es doch nicht geschafft und auf ganzer Linie versagt.“

Seine Stimme war wieder fest und kühl, was er sprach war eine reine Tatsache. Nur hatte sein Träumer es doch so viel mehr verdient zu leben, als er ...


Er brachte sie zum Toben. Allein seine ganze Art, als wäre er der König der Welt, lies sie ungezähmten Blutdurst verspüren. was bildete er sich ein?! Tatsächlich überragte er sie ein Stück, aber dennoch war sie weder schmächtig noch klein zu nennen, und zudem war sie durchaus bereit zu töten.
Faszinierende Augen hatte er, ja, aber vielleicht würde er sie in kurzer Zeit für immer schliessen.
Sie hob den Kopf noch weiter an, baute sich zu voller Größe auf und erwiederte den abwertenden Blick mit einem weiteren, drohenden Knurren.
In ihren Augen brannten Verachtung und Agression in munterem Zusammenspiel, es war nicht zu übersehen dass sie sich genau so verhielt wie er es sich zu wünschen schien - doch sie selbst merkte davon nichts, für sie war es bloß ein Schritt von wenigen. Denn, soweit war sie sich immer treu geblieben, vor dem Angriff kam die Drohung. Ihr Gegner sollte durchaus um sein Schicksal wissen; und er hätte längst ihre Zähne gespürt, wäre da nicht Banshee gewesen. Sie schwebte längst heran, doch auch wenn sie noch Kilometer entfernt gewesen wäre, hätte sie wohl gewartet. Ihre Schwester war nicht so reizbar wie sie, und vergoß auch bei weitem nicht so gerne fremdes Blut.

"Ich kann dir verraten was es mich angeht. Du stehst im Eingang einer Rudelhöhle, und wenn du dort lebendig verweilen willst, solltest du deine zu lang geratene Zunge in Zaum halten"

Sie fauchte geradezu, lies ein weiteres, leises Knurren hören und fixierte ihn mit vernichtendem Blick während er fortfuhr.

"Ein Engel bist du sicher nicht, glaub mir"

kommentierte sie nur, nun in ebenso abfälligem Ton wie auch er sprach, und lies die Rute zum Stehen kommen, horizontal stand sie nun ab.

"Rabenschwinge? Gut..."

Was für ein allberner Name. Aber das machte diesen Rüden nicht weniger lästig.

"Und was denkst du, Flattervogel, geht es dich an was uns hier her verschlagen hat?"

Ihre Wut kühlte sich keineswegs an dem Ton, den sie von ihm übernommen hatte, doch es war befridigend ihn mit dem selben Tonfall zu bedenken den auch er verwand.

"Und warum bist du hier? Hat dich jemand in die Rute gebissen und du bist hier hoch gelaufen?"

keifte sie, nun äusserst motiviert bei der Sache, zurück.

Banshees Ankunft schien den Schwarzen aus dem Konzept zu bringen, und sachte drückte sie für einen Moment die Flanke gegen ihre Seite.

~Da bist du ja~

Mit Genugtuung beobachtete sie die Veränderung des Rüden, ihre Rute setzte sich wieder in sanfte Bewegung und ihre Haltung entspannte sich, während sie Banshee berührte.

"Es geht uns eine ganze Menge an. Vorallem dann, wenn du dich unserem Rudel aufdrängst"

Es klang nun ebenfalls ruhig, längst nicht so beherrscht wie Banshee, aber ruhig und weder geknurrt noch sonstwie drohend unterlegt.

~Unser Rudel...?~

sie hatte es ganz von selbst so formuliert, aber sie war sich gar nicht so sicher wie Banshee das sah - vermutlich hatte Acollon ihren Posten übernommen, sobald sie fort gewesen war. Aber von Acollon war nichts zu sehen, darum sprach nichts dagegen wenn sie ihn wieder wie selbstverständlich für sich übernahm.

Ihre Rute strich gegen Banshees, und sie musste beinahe für einen Moment lächeln. Nicht nur das ihre Schwester sie in jedweder Situation zu beruhigen verstand, sie würde sie nun auch nicht mit diesem Rabenwolf alleine lassen. De.. noch bevor die Gedanken so richtig zu Worten geworden waren, hatten sie ihr einen Schlag in die Magengegend versetzt, ihr Blick verhärtete sich sofort wieder.

~Den Fehler habe ich schoneinmal gemacht~


Sam wurde immer aufgeregter. Das getänzel und die plötzliche Lebhaftigkeit von Hima verwirrte sie aber steckte sie auch gleichzeitig an.

"Bist du dir wirklich sicher? Das wäre ja wunderbar!"

Sollte wirklich ein Rudel in der Nähe sein? Sollte die Rettung wirklich so nahe liegen? Hima stubste die kleine Wölfin ermutigend und auffordernt an worauf sich Sam wieder aufraffte. Gerade wollte sie lostrotten und hob schon die erste eisverkrustete Pfote aus dem hohen Schnee, da passierte es. Erst konnte Sam es nicht ausmachen, sie konnte nicht verstehen, was Hima so plötzlich spürte und roch. Aber Sie roch es jetzt auch. Es wurde in kleinen Duftfetzen immerwieder an ihre einskalte Nase geweht und lockte sie. Schlug einen kleinen Haken mit einer Schnur daran in Sams Nase und zog. Zog sie in eine Richtung und Sam fing an immer schneller eine Pfote vor die andere zu setzen. Der Geruch von Wölfen. Sie wollte nur noch raus aus dem Wind, wollte ihren Pelz wieder trocknen, wollte nur einmal wieder richtig essen und sicher in der Mitte eines Rudels schlafen. Pelz an Pelz. Die Wärme von anderen spüren und den Herzschlag eines Rudels hören. Ja, danach sehnte sie sich. Sie lief hinter Hima her.

In der Fehrne konnten beide jetzt eine große Höle ausmachen. Sam schien es, als ob sich ein grßes Loch vor ihr auftun würde. Sie war so viel kleiner als die meisten Wölfe die sie kannte und sie hatte das Gefühl, wenn sie in diese Höle eintreten würde, würde sie in dem Magen eines riesigen Tieres verschwinden. Aber der Gedanke war albern, die Fantasy ging mit ihr durch. Und selbst wenn. Im Magen eines Tieres war es warm...

Die Luft war jetzt erfüllt vom Wolfsgeruch, der die Beiden leitete. Der Schnee und die Kälte hatten die letzten Tage ihre Sinne beherrscht, doch jetzt wurden sie zur Seite gedrengt. Es gab nur noch das Bild des Rudels in Sams kopf und alles, was ein Rudel für sie verkörperte. Aber plötzlich mischte sich etwas in dieses Bild. Ein Gefühl, unbehaglichkeit und agressivität in einem. Sam sah wie Hima stopte. Hatte sie auch was bemerkt? Sie empfing den verwirrten Blick der Älteren und konnte diesen gut nachvollziehen. Diese Heulte erneut auf und Sam sah wieder hoch zur Höhle und stimmte ein. Wieder keimte die Angst in Sams Brust auf. Jetzt wissen sie, dass wir hier sind...

oO Sie werden uns weg jagen. Wir sind doch nur eine weitere Belastung für ein Rudel in dieser harten Zeit. Sie werden uns weg jagen und wir werden sterben. Oo

Der Gedanke war aufeinmal so kristallklar in Sams Kopf. Und egal, wie oft sie versuchte diesen wieder weg zu wischen um nicht panisch zu werden, er ließ sich nicht wegwischen. Verzweifelt blickte sie Hima an.

"Spürst du das auch? Was ist da oben los? Ich fühl mich nicht gut dabei... Hima ich hab...."
Sie stoppte. Schluckte und sprach weiter: "Ich hab Angst, dass sie uns vertreiben und uns garnicht haben wollen. Dann werden wir sterben."

Sam fühlte sich so dumm als sie es aussprach. Sie waren so weit gekommen. Beide standen praktisch vor der Tür die ihre Rettung sein könnte. Und Sam zögerte eben diese Tür aufzustoßen, fast so, als ob sie Angst vor der Enttäuschung hatte. Wieder weggetrieben zu werden und diesmal in den entgültigen Tod.


Ihre Läufe zitterten, zitterten obwohl sie sich bewegte, obwohl sie den anstrengenden Aufstieg wagte. Die Kälte, die sie in ihrem jungen Leben noch überhaupt nicht gewohnt war, kroch ihr in die Knochen. Das haselnussbraune Fell war zu kurz, zu kurz für einen Wolf, zu kurz um ihren schmächtigen Körper gegen die Kälte zu schützen. Mit den kleinen, scharfen Krallen versuchte sie, Halt zu finden und glitt doch jedes Mal von Neuem über den rutschigen Boden. Langsam sollte sie es doch einsehen, die sonst so realistisch denkende Fähe hatte diesen Aufstieg begonnen, obwohl sie wusste, dass sie es nicht schaffen würde. Doch es war ihre letzte Hoffnung, sie musste langsam jemanden finden, der ihr helfen konnte, ob nun Zweibeiner oder Vierbeiner war völlig gleich. Sie war erst seit kurzem unterwegs, ein oder zwei Wochen vielleicht, und sie wusste, dass sie es nur bis hier her geschafft hatte, weil sie Glück hatte.

oO Glück... Was für Glück? Denke nicht so einen Unsinn Miral. Was soll das für ein Glück gewesen sein?! Glück, dass du deine Mutter erst mit 8 Monaten verloren hast? Glück, dass sie erst jetzt gestorben ist, wo du alt genug bist um wenigstens für kurze Zeit allein zu überleben? Das klingt ganz schon Herzlos meine Liebe. Herzlos! Oo

Doch es stimmte, es war Glück. Wäre Sinai schon früher jenem schrecklichen Unfall erlegen, hätte Miral keine zwei Tage überlebt. Wäre sie zum Beispiel gestorben, als Miral gerade 3 Monate alt war, dann hätte die kleine braune es nicht geschafft. Vor ihrer Nase bildete sich eine Nebelwolke, jedes Mal, wenn sie den Atem ausbließ. Warum eigentlich war sie hier herauf gegangen, warum war sie nicht unten geblieben, wo sie die Fährten von Wölfen entdeckt hatte, warum hatte sie die Berge in Angriff genommen ohne zu wissen, ob es hier überhaupt Leben gab. Ein ziemlich dummer Einfall, der sie das Leben kosten könnte und sie liebte ihr Leben doch.
Miral hielt in der Bewegung inne, den Blick der bunten Augen auf der Suche nach einem leichteren Aufstieg auf die Felsen vor ihr gerichtet. Sie sollte umdrehen, solange sie noch die Möglichkeit dazu hatte, jetzt oder nie, vielleicht würde sie dann überleben, zumindest besser, als hier oben in den Bergen, wo es so kalt war, dass sie sogar unter der Anstrengung des Aufstieges zu Zittern begann. Sie ließ sich, ganz langsam, auf die Hinterläufe nieder und ließ prüfend den Blick über die Schulter wandern. Wie viel sie geschafft hatte, so weit war sie schon gekommen, dass sie die Baumgrenze schon hinter sich gelassen hatte. Hier und da sah sie ein paar Sträucher zwischen dem Schnee hervor lugen, doch beinahe alles war schon längst von den Eismassen abgelöst worden. Nein, sie würde nicht kehrt machen. Sie war so weit gekommen, und ihre Mutter hatte ihr beigebracht, niemals aufzugeben.
Suchend wanderte der Blick des Welpen über die Schneelandschaft. Der Boden schien, mehr oder weniger eben zu werden. Wie man es eben betrachtete, in den Bergen. Vielleicht sollte sie heulen, rufen, in der Hoffnung gehört und gerettet zu werden. Es wiederstrebte ihr, denn Sinai hatte ihr erklärt, wie wichtig es war unentdeckt zu bleiben. Doch das wollte die kleine Braune nicht einsehen, das Heulen gehörte zu ihr, sie war ein Wolf und Wölfe mussten auch mal heulen. Ein wenig nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Nase. Sie hatte schon oft geheult, aber nur leise und war sich nicht sicher, ob sie ihrer Stimme die nötige Kraft verleihen konnte. Sie gab sich einen Ruck, wie sollte sie wissen, ob sie es schaffte, wenn sie es nicht einmal probierte. Sie hob den Kopf ein wenig, legte ihn in den Nacken und setzte zu einem hilferufenden Heulen an. Der erste Versuch war nicht wirklich eine Glanzleistung, sie hielt ihre Stimme genauso leise wie sonst. Der zweite Versuch war ein wenig besser, sie hatte Mut, wieso zeigte sie das nicht auch in ihrer Stimme. Erst beim dritten Mal war das Heulen laut genug, laut genug dass der welpische Hilferuf wenigstens sein Ziel erreichen würde, von dem Miral noch nicht einmal wusste, dass es da war.


Ein sachtes Lächeln hatte seine Lefzen geziert, als seine Mutter ihn nochmals liebkoste und dann nach draußen schritt, aufmerksam folgte sein Blick ihr, sie war wohl zu Shit gegangen, der eben kurz erschienen und wieder verschwunden war. Dieser Rüde war ein Rätsel für sich, nicht unsympathisch, aber seltsam. Hiryoga wandte den Kopf wieder zu Shani, die wahrlich an Rasmús zu hängen schien, ihn ständig berührte und umtänzelte. Die großen Ohren waren immer noch nach hinten gelegt, doch seine Körperhaltung sprach Bände, er wusste nicht wohin mit sich im Moment, was er sagen und tun konnte, Tyel schien verschwunden und die beiden verfielen der Panik. Natürlich machte auch der Braune sich Sorgen, Tyel war in kurzer Zeit eine gute Freundin geworden und ihr Verlust wäre wohl schlimm gewesen für die drei jungen Wölfe, doch Hysterie würde das Problem nicht lösen.
Langsam löste sich der Rüde aus seiner unsicheren Pose und trat näher an die Zwei heran, die Ohren stellten sich langsam auf, legten sich aber sofort wieder an, als er Shanis leises Wimmern vernahm, sofort hatte er den Drang sie zu berühren, ihr beruhigende Worte zuzusprechen, doch sein Körper wollte sich nicht bewegen. Die smaragdfarbenen Augen betrachteten nun wieder Rasmús, der völlig hilflos und besorgt wirkte, es war fast so, als ob der Rüde immer kleiner werden würde, aber natürlich kam es Hiryoga nur so vor. Und ohne es mitzubekommen, ohne es zu wollen oder nicht zu wollen, entwickelte er Sympathien für den Fremden, vor kurzem erst hatte er seine Schwester gefunden und nun verloren, das war nicht fair, aber das Leben war nicht fair. Diese Lektion hatte er gelernt, schon zu oft gespürt, doch nun war keine Zeit darüber zu philosophieren, sondern sie mussten Tyel finden und zwar schnell. Sein unsicherer Blick flog nochmals über die beiden Wölfe, ehe er ihn kurz zu Boden senkte, nun musste er einmal der Starke sein, er musste sie aufmuntern und die richtigen Worte finden, es war seine Chance sich zu beweisen und für Shani da zu sein. Die großen Ohren spitzten sich, als er den Kopf wieder anhob und tatsächlich wirkte sein Blick plötzlich sicher, ein liebevoller, aufmunternder Ausdruck war in ihnen zu finden, jetzt galt es ihn nur nicht zu verlieren. Mit diesem Blick trat er zu der Fähe, der sein Herz gehörte, sanft fuhr er ihr mit der Schnauze durch das Fell, schob seine Schnauze unter ihre, hob diese an und blickte ihr einen kurzen Augenblick in die Augen, ehe er wieder einen Schritt nach hinten machte und Rasmús mit einem sachten Lächeln ansah.

"Nur keine Sorge, ich bin sicher, Tyel geht es gut."

Er sprach die Worte leise, freundlich, aber mit Sicherheit in der Stimme, aus. Es würde ihr gut gehen, da war er sich mehr als sicher, sie hatten doch auch dort draußen fast drei Wochen überlebt, wieso sollte Tyel es also nicht können? Natürlich, sie waren zu zweit gewesen, doch Hiryoga konnte nicht alleine sein und Shani ebenso wenig.

"Es ist nicht deine Schuld...Rasmús, sie weiß schon, was sie tut und...

Diese Worte waren schon etwas schwieriger für den jungen Rüden zu formulieren, der einerseits aufbauend sein wollte, andererseits musste Rasmús einsehen, dass Tyel erwachsen war und er nicht die Schuld für ihr Abhandenkommen trug. Sie war erwachsen und musste selbst entscheiden und wissen, dies konnte kein großer Bruder für sie übernehmen, vor allem hatte sie das auch eine lange Zeit gemacht, in der er nicht da war, so viel er zumindest mitbekommen hatte. Sein Blick wanderte kurz über Shani, sie musste genauso geschwächt sein wie er, doch würde es sinnlos sein, sie aufzufordern sich auszuruhen, nein sie würde voller Tatendrang dagegen stimmen, so gut kannte er sie bereits. Die großen Ohren schnippten nach vorne, kurz trat der Braune zu dem Rüden, berührte ihn aufmunternd an der Schulter, nur kurz und vorsichtig, denn er wusste nicht, wie Rasmús darauf reagieren würde. Dann wandte sich sein Körper zum Ausgang der Höhle, um wieder das Schneegestöber zu betreten. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit, doch für seine Freundin Tyel würde er wieder dort hinausgehen und nicht ohne sie zurückkehren.

"...und wir werden sie finden und nicht ohne sie zurückkommen!"

Erstaunlicherweise erhob Hiryoga die Stimme, sprach die Worte mit einer Überzeugung aus, die nicht ganz zu ihm passte, doch er war sich sicher, dass sie sie finden würden. Doch hatte er es nicht gewagt, sich umzudrehen und die Zwei anzusehen, denn im Moment war sein Blick nicht so sicher, wie seine Worte, davon bekamen die anderen jedoch nichts mit, da er schon am Ausgang stand und in die Weite blickte. Ein kalter Schauer rann ihm den Rücken hinab, würde es ihr tatsächlich noch gut gehen, wenn sie wirklich drei Wochen dort draußen allein gewesen war? Aber so durfte er nicht denken, für sich nicht, für Shani, für Rasmús und für Tyel, durfte er so nicht denken! Er musste glauben, egal wie schwer es war…


Das hier war alles falsch, vollkommen. Zumindest hatte es sich die weiße Fähe nicht so vorgestellt, ein Rudel zu finden, mitten in diesem eiskalten Wind, die Pfoten bedeckt vom schweren Schnee. Sie warf einen kurzen, fast desinteressierten Blick hinab auf den Boden, musterte die weiße Masse, in der sich ihre Läufe bis über die Sprunggelenke eingegraben hatten. Sie war verwirrt, hob grummelnd eine Pfote nach der anderen um sie zu schütteln, wieder aufzuwecken von ihrem erforenen Zustand. Angst hatte die Jüngere, das war sehr gut merkbar. Und Angst hatte auch sie selber. Denn wie bereits erwähnt: mit soetwas hatte sie nicht gerechnet. Ihr war klar, dass in dieser Jahreszeit nicht gerade eine friedliche Stimmung herrschen konnte - zu gereizt waren alle Wolfsnerven wegen Kälte und Hunger. Aber das hier? Das grenzte an tödliche Spannung, die wiederum nicht passte in dieser krassen Form. Denn schließlich war Zusammenhalt in diesen schwierigen Stunden immernoch etwas Wichtiges. Als Sam sprach blickte Hima ihr nur ruhig in die Augen, fiepte leise und leckte ihr mit einer fast mütterlich wirkenden Geste über den Fang.

"Hab keine Angst, zumindest jetzt noch nicht. Du weißt doch, unsere Art ist sehr empfänglich für solche Gefühle. Aber sie werden uns nicht verjagen, die Höhle sieht groß und geräumig aus! Das da vorne..-"

Die Fähe stockte. Die Szene sah relativ eindeutig aus und nicht gerade wie eine kleine Uneinigkeit unter Freunden. Dazu waren die verschiedenen Haltungen zu verfeindet, zu bedrohlich. Trotzdem fuhr sie nach einer kurzen Denkpause fort.

"...das ist nichts weiter. Einer von ihnen wird über die Strenge geschlagen haben. Nichts, weswegen wir uns Sorgen machen müssten. Und es werden keine Bestien sein! Sie sind fühlende Wesen wie du und ich, nicht wahr? Sie werden wissen, in was für einer Lage wir uns befinden und uns zumindest für kurze Zeit Einlass gewähren. Also keine Angst..."

Sie begann weiterzulaufen, jeder Schritt schien von Selbstsicherheit zu zeugen, obgleich die Weiße keine Spur davon verspürte - sie wollte die Andere einfach nicht beunruhigen, sondern ihr Hoffnung geben. Und irgendwie hatte sie ja schon Recht, mit ihren eigenen Worten. Es war kaum zu übersehen, dass die beiden Fähen dem Tod nur sehr knapp über die Schippe gesprungen waren. Nocheinmal so viel Glück würden sie bestimmt nicht haben und dieses Rudel würde das verstehen. Recht langsam schritt sie nach vorne, die Pfoten mit Bedacht aufsetzend. Aus Vorsicht um keine allzu lauten Geräusche zu verursachen und gleichzeitig, um sie zu schonen... Und jeder Schritt brachte sie näher an das Geschehen, das immer bedrohlicher zu werden schien. Nein, hier ging es offensichtlich wirklich um weit mehr als Futterneid! Ihre blaugrünen Augen glitten kurz über jeden der drei Wölfe, die da standen. Zwei Schwarze und eine deutlich Hellere. Und schon der Anblick dieser letzteren ließ ihre Zweifel schwinden.

"Sam?" flüsterte sie beinahe andächtig. "Wir werden hier bleiben können, glaube ich..."

Mit gut über einem Meter Abstand von den drei Kontrahenten blieb sie stehen, die Rute fast schon entspannt pendelnd. Ihr Blick heftete sich mit einem Lächeln auf die Helle, deren Namen sie noch nicht kannte, lehnte sich dann leicht an Sam an, um ihre Nähe und Wärme zu spüren und wartete. Sie würden schon gleich bemerkt werden.


Etwas unsicher sah die junge Fähe sich um. War sie hier schon vorher vorbeigekommen? Waren es die gleichen Bäume die sie schon vorher gesehen hatte oder war sie irgendwo zu früh abgebogen? Sie hatte fast einen ganzen Tag oben in den Bergen verbracht. Hatte sich ein eigenes kleines Heim gebaut. Nunja ein eigenes Heim war es wohl nicht eher ein Windgeschützter Platz der auch den Schnee ein wenig abhielt. Den Schnee und vor allem die Kälte. Es war nun ihr eigenes kleines Geheimnis. Nicht jeder konnte von sich behaupten einen Platz zu haben an dem er gleichzeitig geschützt war und die Sterne beobachten konnte. Doch Tyel hatte einen solchen Platz gefunden. Hatte ihn gefunden und hatte ihn für sich allein. Vorsichtig schüttelte die Braune sich den Schnee aus dem Pelz sie war wieder einmal unachtsam gewesen als sie an einem der Äste gezogen hatte und plötzlich in einer Schneewolke gestanden hatte. Wieder einmal unvorsichtig. Die Fähe verzog die Lefzen zu einem kurzen warmen Lächeln.

oO Was soll nur aus mir werden wen ich nicht einmal auf die Bäume Rücksicht nehme? Oo

Sie hatte die weichen Ohren etwas nach hinten gestellt sodass sie den Wind nicht so in die empfindlichen Ohren bekam. Doch nun richtete sie ihre Ohren schlagartig auf. Der Wind hatte ihr ein leises Heulen zugetragen. Ganz Schwach und trotzdem da. Aufmerksam lauschte sie in die Stille bis es ein weiteres Mal erklang. Diesmal war es Lauter. Tyel streckte ihre Nase kurz in den Wind, versuchte herauszufinden ob noch andere Wölfe in der Nähe waren. Doch sie roch nur einen weiteren Wolf. Aufgewühlt setzte sie sich wieder in Bewegung. Die kräftigen Läufe bewegten sich nun immer schneller. Sie dachte an die Stimme des Wolfes, schwach und ängstlich. Sie musste einfach helfen. Sie war die Einzige in der Nähe, wusste jedoch nicht wie sie dem Hilfesuchenden entgegentreten sollte. Ihre Schritte verlangsamten sich wider. Sie lief eine Zeit lang langsam, dann wieder schnell und aufgebracht. Die Ohren hatte sie noch immer aufgestellt, all ihre Sinne waren angespannt. Darauf fixiert den fremden Wolf zu finden. bei jedem ihrer Schritte wirbelte sie etwas Schnee auf der dann ihn feinen Wölkchen hinter ihr langsam wieder zu Boden glitt.

oO Warum passiert so was immer mir? Oo

Das Gelände hier oben war uneben und an manchen stellen sehr steil. Tyel hoffte, dass sie den Fremden Wolf schnell fand. Sie musste an Rasmús denken. Er würde sie bestimmt schon suchen. Doch plötzlich sah sie den Hilfesuchenden. Eine kleine Braue Fähe stand mitten im Schnee. Den Kopf in den Nacken gelegt, hatte sie versucht Hilfe zu rufen. Sie hatte wohl Glück gehabt. Die Schritte der Braunen verlangsamten sich bis sie schließlich stehen blieb. Sie hielt ein wenig Abstand, war aber trotzdem nahe genug um zu sehen, dass die Fähe zitterte. Tyel blieb stehen und musterte die kleine Braune, wusste nicht was sie sagen sollte. Wusste, dass sie wahrscheinlich die letzte Rettung für die kleine war.

"Hey was machst du den so hoch in den Bergen, ganz allein?"

Irgendwie kam ihr die Frage ziemlich komisch vor. Es zählte im Moment wahrscheinlich wenig was die Kleine hier oben wollte. Es zählte mehr, dass sie überlebte. Und vor allem, dass Tyel die Einzige war die ihr helfen konnte. Vorsichtig ging die Braue Fähe weiter auf den fremden Welpen zu.

"Keine Angst. Ich helfe dir. Nicht weit von hier befindet sich ein großes Rudel. kannst du noch laufen?"

Wieder waren die Worte die sie sprach schlecht gewählt und irgendwie unbeholfen. Sie konnte es einfach nicht. Konnte nicht so gut mit anderen Wölfen umgehen wie Shani es konnte. Shani. Wo war sie? War sie in den Sternen? Für einen kurzen Moment legte sich eine unendliche Traurigkeit auf das Gesicht der jungen Fähe, dann jedoch erinnerte sie sich daran wo sie eigentlich gerade stand. Und vor allem was ihre nächste Aufgabe war.

"Mein Name ist Tyel..."

Sie schenkte der kleinen Braunen ein aufmunterndes Lächeln. Versuchte Zuversicht auszustrahlen. So wie Shani es immer so gut gekonnt hatte.


Sam wollte Hima so gerne glauben. Aber die Angst saß tief in ihr und hatte sie in festen Händen. Die beiden schwarzen Wölfe am Höhleneingang sahen aggressiv aus und schienen kurz davor sich gegenseitig zu zerfleischen. Sam wollte nich in diesen Konflikt geraten, aber die Kälte drängte sie dazu in der Höle schutz zu suchen.
In ihrem durchnässten und teils gefrorenen Fell stand sie mit Hima, der es bestimmt nicht besser ging, vor dieser Höle, die ihre Rettung darstellte. Und allein diese aggressive Stimmung, die fast kälter als das Eis um sie herum war, hielt sie beide davon ab weiter zu gehen. Alles in Sam drengte sie in diese Höle und die Verzweiflung und die Angst nannten ihr so gute Grüde, einfach an den beiden vorbei zu maschieren und sich hinzulegen und zu schlafen. Egal ob sie dort nun willkommen waren oder nicht.

oO Was machen wir denn jetzt? Ich will da rein. Ich bin so müde und ich will einfach nur in diese verdammte Höle da rein. Warum müssen die beiden ausgerechnet jetzt streiten. So nehmen sie uns doch nie auf. Die aggressivität hat sie bestimmt alle angesteckt.... es ist bestimmt der Hunger..... Er macht einen wahnsinnig und rasend.... Oo

Sie sah wieder Hima an, welche ihr ein zaghaftes Lächeln schenkte. Lächelte etwas verzagt und sah zurück zum Eingang. Niemand schien sie bisher bemerkt zu haben. Die weiße Fähe am Eingang wirkte falsch in dieser Situation. Ganz ruhig. Das Ganze Bild stimmte nicht. Wie konnte man so ruhig daneben stehen. Sam hätte sich längst von der Stimmung anstecken lassen...

Hima stubste die kleine an. Sam rutschte etwas näher an die Fähe, kuschelte sich in das feuchte und kalte Fell und setzte sich hin. Die Rute um die eisigen Pfoten gelegt und wartete. Sie hatten keine andere Chance.

oO Wenn sie uns sehen würden, würden sie vielleicht ihren Streit vergessen... warum sehen sie uns denn nicht? Oo

Sam hielt die Luft an und wartete...


Banshee hatte von dem ganzen Gekeife des Schwarzen nichts verstehen können, was in der Höhle gesprochen wurde, war draußen unmöglich zu hören. Nur hatte er sich viel gesagt, was ein jeden Wolf reizen würde, vielleicht sogar soweit, dass es zu einem Kampf kommen könnte. Banshee war fast froh, dass ihr die Worte erspart geblieben waren, es waren lediglich großspurige Reden eines Verletzten. Denn aus keinem anderen Grund würde sich ein Wolf so aufführen. Wie und wo und besonders warum der Schwarze verletzt worden war, konnte die Weiße nicht sagen und sie maßte sich keine Vermutungen an, aber nur wenn man verletzt war, führte man sich so unmöglich und ganz besonders unvernünftig auf wie er. Seine Reaktion auf ihren Blick bestätigte ihre Gedanken nur noch, ein Stutzen und trat er einen Schritt zurück. Ein sanftes Lächeln schlich sich auf ihre Lefzen, der Schwarze war noch recht jung, kein Jungwolf mehr, aber auch noch nicht all zu lange erwachsen. Sie kannte die Motive für sein Handeln zwar nicht, aber sie konnte ihn dennoch verstehen. Nicht sie, Banshee, als Leitwölfin ihres Rudels, sondern sie, Tochter Engayas, als Mutter aller. Die Worte des Schwarzen waren in ihrer Art zu erwarten gewesen, sie nickte langsam, er hatte natürlich vollkommen Recht, auch wenn es ein starkes Stück war, Nyota als klein zu bezeichnen … sie war zwar kleiner als sie selbst, aber Banshee war nun mal ungewöhnlich groß, ohne dabei wirklich groß zu wirken, eine, nebenbei bemerkt, seltsame Eigenschaft. Aber um diese galt es sich nun keine Gedanken zu machen, viel eher verlangte der Schwarze nach Aufmerksamkeit, er trippelte hin und her und knurrte dann, ganz wie ein Tier in einer sich langsam zuziehenden Falle.

“Nein, für wahr, die Berge gehören uns nicht, wohl eher gehören wir ihnen, so wie mit uns umgehen können. Doch du hast dich in die Nähe meines Rudels begeben, mit der offensichtlichen Absicht, Ärger zu machen. Und ich denke, da steht es mir doch zu, nach deinen Gründen dafür zu fragen. Aber wenn du sie mir nicht nennen willst, so steht es dir frei in dieses freie Land zu gehen und dein freies Leben zu leben, so wie wir unseres leben.“ Sie machte eine schnippende Schnauzenbewegung in Richtung des Höhlenausganges. “Nur zu.“

Sie spürte, wie sich Nyota an ihrer Seite entspannte und den sanften Druck ihrer Flanke ebenso sanft erwiderte. Dass ihre Schwester sich über diesen Rüden maßlos ärgerte, war zu erwarten gewesen, ebenso ihre eigene Reaktion. Die Ruhe, die Nyota zu wenig hatte, hatte Banshee dafür doppelt abbekommen, aber genau so war es gut. Nicht immer war ihre eigene sanfte Gutmütigkeit und unerschütterliche Gelassenheit von Vorteil, ein Fegefeuer wie die Schwarze konnte doch manchmal sehr schnell potenzielle Ärgernisse in sich zusammenfallen lassen. Es kam einfach nur auf die Situation an, offensichtlich war sie bei dieser noch gerade rechtzeitig herbeigeeilt, aber jetzt, da Nyota wieder fest an ihrer Seite weilte, würde das Gegenteil ebenfalls irgendwann Gestalt annehmen … und zumindest in diesem Augenblick freute sich Banshee darauf. Nyotas Worte waren auch schon viel ruhiger geworden, ihre Formulierung selbst bemerkte die Weiße jedoch kaum, viel zu sehr beschäftigte sie noch die vorangegangene Szene mit Shit. Vielleicht würde ihr später auffallen, welchen Platz Nyota begann einzunehmen und vielleicht würde sie ein Gespräch suchen, nicht als Leitwölfin, sondern als Schwester, vielleicht sogar als kleinere, unsicherer Schwester, die sie allein bei Nyota sein konnte. Ein Gefühl, dass sie während der Abwesenheit der Schwarzen sehr vermisst hatte. Etwas unsanft wurden ihre Gedanken von ziemlich plötzlich aus dem Schneegewirbel aufgetauchten Wolfsköpfen unterbrochen. Praktisch genau vor dem Höhleneingang standen zwei Fähen, eine Graue und eine Weiße, beide scheinbar ein wenig unsicher, wahrscheinlich angesichts der etwas schwierigen Situation mit dem Schwarzen.

“Kommt nur näher, wir haben nur einen kleinen Zwist.“

wandte sie sich freundlich und mit einer fast aufmunternden Stimme an die beiden Fremden. Es glich nicht gerade der sonst eher würdevollen und noch ein wenig abschätzenden Begrüßung, aber es passierte gerade ein wenig zu viel, um sich jetzt auch noch dieser hochtrabenderen Worte zu bedienen. Shit geisterte ihr nach wie vor im Kopf herum und legte sich schwer auf ihr Herz, der Schwarze wollte gebändigt werden und dann waren eben diese zwei ziemlich unerwartete aufgetaucht. Es begann anstrengend zu werden.


Wie eine noch recht junge Mutter kam sie sich vor, als sich Sam an ihren klammen Pelz klammerte, der von Eiskrusten überzogen zu sein schien. Die Fähe verunsicherte das Gefühl, doch es wärmte sie gleichermaßen körperlich und geistlich. Wie in Trance glitt ihre Zunge immer wieder über den Kopf der Jüngeren um sie zu beruhigen. Dabei schien diese eingefroren zu sein, fühlte sich vollkommen taub an. Fast wie ein Körperstück, dass nicht zu ihr gehörte. Als ihre Bewegungen immer mehr erlahmten während sie dem Spektakel knapp vor ihr zusah, reagierte die ruhige weiße Fähe, die soviel Freundlichkeit ausstrahlte auf ihre Anwesenheit. Augenblicklich schnippten Hima's Ohren nach vorne, in die Richtung dieser Quelle und seufzte erleichtert auf. Es war eine wohltat diese Stimme zu hören, doch noch viel wichtiger waren die Worte, die diese Wölfin sprach.

.oO(Näherkommen... Das ist keine Abweisung, nein. Wir werden aufgenommen werden, bestimmt...)

Selbst ihre Gedanken schienen nur dumpf in ihrem Wolfschädel zu tönen und erst nach ein paar Augenblicken hatte sie die Bedeutung und Gewichtigkeit der Worte der Fähe und ihrer Gedanken erkannt. Sie schluckte einmal schwer, wagte es noch nicht nach vorne zu treten, wo dieser 'Zwist' herrschte. Denn Himas Meinung nach schien dieses Wort viel zu einfach dafür zu sein, um die Situation weitgehend richtig zu beschreiben. Erst als sie wieder die Nähe Sams spürte fühlte sie sich darin bestärkt den Weg in die Höhle anzutreten, vorbei an diesem Chaos, das sie zu lindern nicht im Stande war. Ihr Blick glitt über den schlotternden Körper der Grauen neben ihr und ein Lächeln legte sich auf ihre Lefzen. Schon allein um ihretwillen mussten sie weiter, so sehr es sie auch sträubte sich nicht einfach einzumischen und zu fragen was los sei.
Stattdessen nickte sie einmal kurz in die Richtung der Höhle und setzte sich dann in Bewegung. Ihre Pfoten begannen erneut zu brennen und der Schmerz sowie die Kälte schienen zu versuchen Hima das Lächeln aus dem Gesicht zu wischen. Doch mit jedem Schritt, der sie weiter zu ihrer Rettung brachte, verfestigte sich dieses und ein neues Gefühl der Sicherheit breitete sich in ihr aus, ließ ihren Gang wieder geschmeidiger werden. Immer näher rückten sie heran, waren schließlich ganz nah am Geschehen. Mit einem vorsichtigen Blick auf den großen Schwarzen, der wie der Teufel persönlich vor dem Eingang zu lauern schien trabte sie weiter. Den Fähen warf sie ein dankbares Lächeln zu, das gleichzeitig entschuldigend wirken sollte. Die Weiße, die eine gewisse Dominanz auszustrahlen schien und deshalb wohl einen sehr hohen Rang haben musste, hatte gerade wohl Wichtigeres zu tun, als sich den beiden Neulingen zuzuwenden und Hima verstand das. Anstatt sich also mit großen Reden aufzuhalten, erhob sie nur kurz die Stimme, die ihre Kraft noch nicht ganz verloren hatte.

"Ich danke dir. Wenn du nichts dagegen hast, dann werden wir beide versuchen uns drinnen aufzuwärmen. Zu lange schon sind wir draußen in der Kälte und dieser Fall scheint seine Wichtigkeit zu haben."

Mit diesen Worten fluffte sie Sam einmal kurz durch den Pelz und tapste dann weiter. Das innere der Höhle empfing sie mit mehr Wärme, als sie in den letzten Tagen je gespürt hatte. Beinahe sofort überfiel die weiße Fähe eine bleierne Müdigkeit, doch sie hielt sich tapfer auf den wackligen Läufen. Erst musste sie sicher sein, dass es ihrer jungen Begleiterin an nichts fehlte und dann würde noch mit Sicherheit ein Gespräch mit dem Alphatier folgen. Es erforderte zwar eine gewisse Disziplin, doch nachdem sie noch einige Schritte weit in die Höhle eingedrungen war und einen neugierigen Blick auf die verstreut liegenden Wölfe geworfen hatte, setzte sie sich mit konzentriert wirkender Miene auf den Steinboden, Sam betrachtend.

"Ist auch alles in Ordnung bei dir?"


Shanis Blick flackerte zwischen Hiryoga und Rasmús hin und her, sie war erschöpft, nicht nur körperlich, erneut tiefe Sorge zu spüren, zerrte an ihrem müden Geist. Zuvor hatte sich alles darauf konzentriert zum Rudel zu finden, eine Pfote vor die andere zu setzen, den Kopf zu heben und Hiryoga zu sehen … jetzt, da sie das nicht mehr tun musste, da sie nun endlich in Sicherheit war … musste sie für jemanden anderen als sich selbst hoffen und flehen. Und suchen. Unerwartete fing sie Hiryogas Blick auf, er war … liebevoll, sicher, aufmunternd und auf eine ungewohnte Art stark. Als er an ihre Seite trat und mit der Schnauze durch ihr Fell fuhr, sie sanft anhob, wie als wollte er “Sei stark – du kannst das.“ sagen, spürte sie neue Kraft durch ihren Körper fließen. Sanft nahm sie sein Ohr in ihre Schnauze, kaute liebevoll darauf und ließ es sich dann wieder aus dem Maul ziehen, ein leichtes Lächeln hatte sich auf ihre Lefzen gelegt. Jetzt sprach er Rasmús aufmunternd zu und kurz fühlte sie kribbelndes Glück, dass der Braune bei ihr war und sie bei ihm, dann besann sie sich aber auf eine ungewohnt vernünftige Art. Sie sollten anfangen zu suchen. Und wie als hätte er ihre Gedanken geahnt, trat Hiryoga an ihnen beiden vorbei und setzte die ersten Schritte außerhalb der Höhle. Shani senkte die Schnauze zu Rasmús und berührte ihn liebevoll und aufmunternd zugleich, dann wandte sie sich erneut um … und ihr Blick fiel wieder auf den Schwarzen. Er war gerade wieder dabei zu spötteln und zu provozieren, die Weiße wollte eigentlich gar nicht hinhören, auch wenn ihr Blick sich wieder an dem Rüden festsaugen wollte. Sie musste sich fast zwingen zu Hiryoga zu sehen und neben ihn zu treten, aber bevor sie ebenfalls außerhalb der Höhle stand, hielten sie die Worte des Fremden zurück. Wie erstarrt stand sie, mitten in der Bewegung innegehalten, seitlich abgewandt fast neben Banshee, Nyota und dem Fremden und ließ dessen Worte in ihren Ohren widerhallen. “… den meine Adoptivmutter Layna mir einst gab. Lunar. Wie der Mond am Himmel …“ Ihre Lefzen bewegten sich tonlos und ohne es auszusprechen formten sie das Wort Mama.

“Hiryoga,“ Ihre Stimme klang plötzlich seltsam rau. “gehst du mit Rasmús schon mal vor?“

Sie wartete seine Antwort nicht ab, drehte sich jetzt richtig zu den drei Gestalten im Höhleneingang. Langsam strakste sie auf sie zu, die Schwarze kannte sie nicht, Banshee war ihre Leitwölfin, aber beides war ihr nun egal. Wie hypnotisiert sah sie nur den schwarzen Rüden, wie er dort stand und seinen Namen aussprach … Lunar. Jetzt war sie bei ihnen, stand direkt vor ihm und je länger sie so nahe bei ihm war und seinen Geruch einatmete, desto klarer wurde der Gedanke, der sich in ihrem Kopf formte.

“Luuu~.“

Es war nur ein Wispern, als würde sie sich nicht trauen, diesen Namen laut auszusprechen. Seit so endlos langer Zeit hatte sie ihn nicht mehr gesagt, doch jetzt, wo so plötzlich der schwarze Rüde vor ihr aufgetaucht war, hatte sie den Tonfall sofort wieder im Kopf, so wie damals, als sie auf Lunar zugesprungen kam, kindlich naiv, ohne die Welt und all ihr Übel zu kennen … Luuu~ …


Sie durften in die Höle! Sam spürte, dass die weiße Fähe im Höhleneingang einen hohen Rang haben musste. Die Ausstrahlung und die Ruhe trotz der umsich greifenden Aggressivität sprachen Bände. Und sie erlaubte den beiden in den Kreis des Rudels zu treten. Die kleine und die große mussten wirklich erbärmlich ungefährlich aussehen, dass man sie einfach so einließ. Sam's Ohren richteten sich zu Hima als sie zu der Fähe, vielleicht sogar das alpha Tier in diesem Rudel, sprach und schaute abwechselnd zwischen hima und ihr und den beiden schwarzen hin und her. Dann tapste sie neben ihrer großen Gefährtin in die Höle, aus dem Wind, aus dem Schnee und ließ sich von den neuen Gerüchen und dem atmen der anderen Wölfe umschließen.

oO Geschafft... wir haben es geschafft... wir leben und wir haben dem kalten Tod getrotzt...Oo

Sie hätte am liebsten aufgejault und wäre in die Luft gesprungen, hätte allen gezeigt, dass sie trotz ihrem jungen Alters die Wüste draußen überlebt hatte, zusammen mit Hima. Aber sie konnte nicht. Sie fühlte sich taub und von innen heraus aufgefressen. Sie tabste neben Hima her und sah nur noch ganz verschwommen, merkte, wie ihre Sinne herunterfuhren sich ihr verschlossen und ihre Energie aufgebraucht war. Sam schwankte leicht. Sie hörte auch kaum noch wie Hima zu ihr sprach. Seit dem sie in die Höle kam, fühlte es sich an, als ob eine alte knorrige Eiche auf sie gefallen wäre, aus heiterem Himmel und sie unter sich begrub.

Sie war nur noch dazu fähig leicht zu nicken und dann fiel sie auch schon mit ihrem gefrorenen Pelz auf den harten Hölenboden.

oO Ok... Es ist doch alles ok... warum hab ich mir sorgen gemacht. Ich hab keine mehr, also mach du dir auch keine Hima... Oo

Hatte sie das laut gesagt? Hatten sich ihre Leftzen überhaupt bewegt? Sie wusste es nicht mehr. Sie lächelte leicht. Ohne den Wind war es so warm. Würde Sam auf sich runtersehen können, sie würde sehen, wie das Eis langsam von ihr abfiel und eine kleine Lache um die braun, weiße Wölfin bildete. Sie schlief ein. Die Höle umgab sie, wie eine große Schutzkuppel, aber sie wusste schon garnicht mehr, dass sie aus Stein war. Für sie war die Höle aus Erde und lag in ihrem Wald, der immer grün war und wo die Sonne schien....


Die Schwarze hatte den zierlichen Schädel auf den schwachen Läufen abgelegt und irgendwann die Augen geschlossen, die vor Müdigkeit bleiern waren. Doch ihr Schlaf war alles andere als ruhig. Zwar fiel sie tief in ihn hinein, doch erholsam war er keinesfalls. Immer wieder tauchten die schrecklichen Bilder vor ihren Augen auf. Dinge, die geschehen waren, längst vorbei und nie vergessen. Verstört schreckte sie hoch, schnippte die Ohren nach vorn und starrte einfach gradeaus, als könnte sie dort eine Bedrohung erkennen und sie durch das bloße fixieren mit ihren weniger bedrohlichen Augen in die Flucht schlagen. Zermürbt und deprimiert knickten die spitzen Ohren nach hinten und der Blick wurde sanft; aber traurig und richtete sich gen Boden. Wenn es so weiterginge, würde sie an Schlaflosigkeit zu Grunde gehen. Vorsichtig plazierte sie den schwachen Körper wieder auf dem harten Boden. Besser als Schnee war es alle Male; auch wenn es nicht unbedingt einen höheren Komfort besaß. Immerhin konnte man hier überleben - mit etwas Glück. Ihr Blick wanderte über das Rudel, Minuten lang. Einige lagen etwas abseits - so wie sie. Andere kamen neu hinzu oder hatten einfach irgendwas zu tun. Sie nicht. Sie lag hier, nichtstuend ohne eine Ahnung, was sie tun oder lassen sollte, konnte oder durfte, ohne mit jemandem aneinander zu geraten. Unschlüssig blieb sie, vorerst, dabei, die anderen zu beobachten. Missmutig glitt ihr Blick hin und her. Ninniach verspürte, wie noch nie zuvor, den Drang sich jemandem zuzuwenden. Warum auch immer... Eigentlich war es ihr sehr willkommen allein zu sein. Doch war das der Grund, weshalb Engaya sie zurückgeführt hatte? Nach all der vergangenen Zeit in der sie umkommen hätte können? Und es im Übrigen auch fast getan hätte. Es gab nur ein einziges Problem. Eine Schranke, die ihr diesen Wunsch verbarrikadierte. Die Angst. Wenn sie doch bloß über ihren Schatten springen würde... doch sie wollte niemandem zu nahe treten, sich aufzwingen oder dergleichen. Ihr Blick blieb, ungewollt, an einem schwarzen Rüden hängen. Sie kannte ihn nicht, wusste auch nicht ob sie je etwas mit ihm zu schaffen haben würde. Den Blick konnte sie auf unerklärliche Weise nicht von ihm lassen. Sie erhaschte nur für einen Bruchteil einer Sekunde einen Blick auf seine blauen Augen. War es die Farbe, die sie faszinierte? Oder war es einfach, dass Wölfe die einsam waren, irgendwas markantes an sich hatten oder sonderbar wirkten, sie interessierten? Oder war es, weil sie eine ähnliche Leere wiedergaben, wie in Faces Augen? Nein; es war nicht das gleiche. Face war unvergleichlich. Aber auch dieser Rüde hatte etwas Besonderes an sich. Sie fühlte sich ihm verbunden obwohl sie ihn nicht kannte. Weil er die Einsamkeit gesucht hatte? Sie wusste es nicht. All ihrer Angst trotzend fasste sie den, wenn auch zaghaften, Entschluss, zu ihm zu gehen. In langsamen Bewegungen zog sie sich auf die Läufe und senkte den Kopf, die Ohren leicht nach hinten gelegt. Sie war sich unsicher, ob das, was sie tat, wirklich richtig war. Warum auch musste sie immer einen Grund oder Sinn für irgendwas suchen? Warum hatte sie krampfhafte Angst, irgendwas falsch zu machen?
Vorsichtig schritt sie auf ihn zu. Als sie ihn fast erreicht hatte, wollte sie am liebsten umkehren, weglaufen - was sie immer getan hatte. Doch sie blieb, was auch immer sie hielt. Ein Wink der großen Göttin? Vielleicht - auch wenn es anzuzweifeln war.

"Hallo.."

Ihre Stimme drang nur zaghaft voran. Vielleicht hatte er sie ja gar nicht gehört? Vielleicht wollte er sie nicht hören? Für einen Harzschlag schloss sie die Augen und vergaß, was ihr Angst machte.

"Ich... ich dachte, vielleicht.. weil du.. so allein, abseits des Rudel liegst.. möchtest du vielleicht ein wenig Gesellschaft? Weil... "

Weil? Ja, weil was?! Herr Gott, wieso musste sie sich dann auch alles verkomplizieren! Sie zog die Rute zwischen die Hinterläufe und ließ die Ohren ein wenig hängen. Ein würdeloses Häufchen Elend ohne jeden Funken von Stolz oder Kraft; wirklich sehr beeindruckend. So konnte man sich das ganze auch verscherzen.

"Ich lag auch allein.. und dachte, vielleicht.. tut mir Leid. Ich wollte nicht stören, nur ein wenig Gesellschaft leisten. Wenn du möchtest.."

Na immerhin hatte sie den Schluss ohne Unterbrechung und gedankliche Einschübe hinbekommen, ohne dauernd zu pausieren. Sie musste wirken wie ein hilfloser Welpe. Ganz toll hinbekommen! Es reute sie, hergekommen zu sein. Wieder einmal erfuhr sie, wie dumm sie war und wie schwer es ihr fiel, unter ihrer Angst, etwas falsch zu machen, etwas richtig hinzubekommen.


„Hätte ich das bloß vorher gewusst, dann hätte ich sie gleich in Stücke reißen können“,

knurrte der Schwarze und duckte sich noch weiter hinter den Felsen, um sich besser verbergen zu können. Acollon hatte sich lange im Abseits gehalten. Er war nächtelang unterwegs gewesen und die Einsamkeit hatte ihn verschluckt, sein Wesen gedrückt. Oder war es etwa eine andere Kraft, die ihn in den Wahnsinn getrieben hatte? Der Schwarze schien einen inneren Kampf auszutragen. Doch ein unheimliches Wesen ergriff immer die Überpfote. Die Stimme, die ihm verzweifelt zurief, war mittlerweile schon so schwach, dass sie eher einem Flüstern glich.
Sei stark. Du liebst sie. Sie lieben Dich. Du gehörst zu ihnen. Du brauchst nicht mehr weglaufen.
Jegliches Flehen war vergeblich. Die grauen Augen waren getrübt, hatten einen matten Glanz. Das Fell war zerzaust und blutverschmiert, dreckig. Sein Brustkorb wellte sich deutlich vor und auch die Kruppe war knochig. Der einst hübsche Rüde hatte seine Pracht verloren. So wie er auch sein Selbst verloren hatte. Ein irres Lächeln zierte seine Lefzen. Das leichte Wippen machte ihn apathisch.
Töte sie!, sagte die andere Stimme, die ihn vorwärts trieb.

„Ja, ich muss sie töten. Dann hat Alles ein würdiges Ende. Dann hört die Rastlosigkeit auf.“,

der schwarze Rüde sprang auf. Doch irgendetwas ließ ihn nicht weitergehen, hielt ihn an Ort und Stelle fest.
Nein, Du liebst sie. Du kannst sie nicht töten.
Das Flüstern war mit einem Male hart geworden. Der Schwarze zitterte. Der Kampf begann von neuem. Der Körper krampfte und warf ihn zu Boden. Das dumpfe Geräusch eines Keuchens ertönte und wurde immer lauter, bis hin zu einem schmerzerfüllten Jaulen. Wie von Sinnen rappelte er sich auf und würgte eine kleine Menge Blut hervor. Der Schwarze heulte auf, die Qualen zermürbten ihn. Blindlings stürmte er los, stieß gegen einige Felsen. Konnte nur erahnen, wo sein Weg ihn hinführen würde. In der Nähe einer Höhle (wie der Zufall es will-> die Rudelhöhle) kam er zum Stehen. Blind vor Wut, vor Erschöpfung.

„Kann dem denn keiner ein Ende machen?“

Atalya
27.12.2009, 14:27

Gregory hatte das Szenario des Schwarzen beobachtet, unweigerlich lachte er triumphierend auf. Bald war es soweit, der Augenblick war ganz nah. Die Siegesgewissheit ließ den Rüden strahlen. Er setzte dem Schwarzen nach, bis vor die Höhle, hielt sich allerdings verborgen. Er genoss Acollons Leiden, Acollons Untergang. Oh, es war so nah. Nur noch zwei Hauptdarsteller fehlten: Banshee und Averic. Die Beiden, die Acollon am meisten liebte. Oh, es würde so einfach sein. Der schwarze Alpharüde war so geblendet, so ins Zwielicht geführt worden. Jetzt, jetzt! Ich spüre es schon, der Zeitpunkt ist gekommen Der Graue hatte sein Leben nur diesem Augenblick gewidmet. Und es war nun soweit. Die Ungeduld trieb Gregory fast in den Wahnsinn. Er könnte sich das Alles noch schön von hieraus ansehen, warten, bis Alles perfekt war. Oder einfach dem Ganzen das „i“- Tüpfelchen aufsetzen und seine Sache beenden. So lange hatte er darauf gewartet, hatte nur dafür gelebt.
Das Warten zerrte an seinen Nerven. Und ohne es wirklich geplant zu haben, stand er vor dem Schwarzen.

“Nun ist es auch egal. Sie werden schon früh genug davon erfahren“,

der Rüde lachte lauthals auf. Verächtlich sah er auf Acollon hinab. Der Hass brodelte in ihm, die Wut ließ sein Nackenfell aufrecht stehen. Die Lefzen waren angespannt und entblößten sein Gebiss.

“Endlich liegst du am Boden, im Dreck! So habe ich dich doch am liebsten“,

der gehässige Ausdruck in seiner Stimme war mit einem Hauch einer Drohung geschmückt. Er marschierte vor seinem Opfer auf und ab, hier und da knurrte er kurz auf.

“Oh Acollon, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich auf diesen Augenblick gewartet habe. Du hast es mir aber auch nicht einfach gemacht. Du hast dich so lange dagegen gewehrt, doch irgendwann war die Sehnsucht doch größer, als die Angst um sich selbst, nicht wahr? Es hat keinen Sinn mehr dagegen anzukämpfen. Es hat keinen Sinn mehr, du bist verloren. Aber weißt du was, einer wird sich sehr über deinen Tod freuen. Du ahnst doch schon wer. Averic, ja, dein geliebter Sohn. Er wünscht dir den Tod mehr als alles andere. Eigentlich lustig, findest du nicht? Er könnte dich nicht töten, würde selbst dabei drauf gehen. Und ich tue ihm den Gefallen, denn ich kann nicht sterben. Ich bin ein Gott, genauso wie du und deine Banshee. Der Haken an der ganzen Geschichte ist, dass ich deinen Sohn leider danach auch töten muss. Und weißt du, warum ich das Ganze tue? Aus Rache, mein Lieber, aus blanker Rache.“,

mit gebleckten Zähnen kam er Acollon näher. Die Augen still auf den schwarzen, kraftlosen Leib gerichtet. Die Genugtuung war in seinem Gesicht zu lesen.

“Aber du sollst auch eine Chance haben, einen letzten Wunsch. Möchtest du, dass ich dich vor deinen Geliebten töte? Oder soll ich es ganz schnell machen, dann hast du nicht viel zu leiden? Egal Acollon, aber entscheide dich schnell, ja?“

Erneut schallte sein falsches Lachen auf.



Die weiße Fähe hatte sich auf den kalten Fels gelegt, den Kopf auf den Läufen, als sie lauter werdende Stimmen vernommen hatte, würde es nun endlich auf die Jagd gehen? Sie hatte sich grazil auf die Läufe erhoben, doch schnell hatte sie bemerkt, dass es nicht ein allzu friedliches Gespräch war, welches sich hier beinahe zu einem Streit entwickelte, die Fähe verstand bloß etwas, von wegen unwürdig und solchen Sachen, mehr kam sie gar nicht mit, auch zwei Fremde hatten die Höhle betreten und irgendwie wurde Corvina dies alles zu viel, und so wie sie es immer tat, verschwand sie, ganz ohne Laut und schnell!
Draußen im Schnee, zog sie erst einmal die frische Luft in ihre Lungen und schon schien es ihr besser zu gehen, sie ließ ihren leicht trüben Blick schweifen, bemerkte einige der anderen Wölfe, welche es sich ebenfalls im Schnee gemütlich gemacht hatten, doch die Lust auf Gesellschaft war in der weißen Fähe rasch erloschen, nach dieser Diskussion, welche in der Höhle herrschte und so trottete sie einsam und alleine weg von allem, durch den hohen Schnee, in welchen sie mittlerweile auch rasch einsank.
Sie prustete leicht und verdrehte die Augen, war ganz schön anstrengend, sich in diesem hohen Schnee fortzubewegen und bald schon hing ihr die rosige Zunge aus dem halb geöffneten Fang, sie hielt andächtig inne und wandte ihren Kopf gegen die Höhle, vielleicht sollte sie besser in der Nähe bleiben, falls sie dann endlich einmal aufbrechen würden zu diesem Beutezug. Es war schön alleine zu sein, weitab von dem Trubel, welcher herrschte, weitab von all den Stimmen, einfach alleine mit sich und der Stille!
Dennoch wandte sie sich schnell um und stob dann durch den Schnee, wie ein Welpe, welcher dieses glitzernde etwas zum ersten Male entdeckte, sie liebte den Schnee... hatte ihn immer geliebt und tief im Herzen war sie immer noch jener Welpe, welcher vor langer Zeit im Schnee vergessen worden war! Etwas abseits der Rudelhöhle, fand sie schließlich einen Fels, auf welchem sie es sich bequem machte und den Kopf gegen die Höhle gewandt, legte sie sich hin, als Acollon, regelrecht angetorkelt kam, er verhielt sich ziemlich seltsam und die Fähe legte leicht den Kopf schräg, im nächsten Moment versetzte es der Fähe noch mehr Gedanken in den Kopf, als der Schwarze zu Boden ging und ein gequältes Jaulen ausstieß, eben war die weiße Wölfin im Inbegriff gewesen, zu Acollon zu gehen, als ein weiterer Wolf erschien, groß, fremd und bedrohlich! Leicht kräuselte sich die Schnauze der Fähe, als sich dieser an den Schwarzen anschlich, was sollte denn das geben? Er schien nicht in freundlichen Absichten zu kommen, doch vielleicht handelte es sich um ganz was anderes, deshalb blieb die Fähe erstmals auf ihrem Fels sitzen und bedachte das seltsame Szenario mit aufgestelltem Nackenfell aus der Ferne.


Verwundert öffnete Sheena die Augen. Was war denn nun schon wieder mit ihr gewesen, so weggetreten kannte sie sich doch gar nicht. Verwirrt schüttelte sie ihren Kopf. Die Szene hatte sich wahrhaftig um einiges geändert. Der Mensch in der Ecke war verschwunden, dafür stand ein ihr unbekannter schneeweißer Wolf kurz vor der Rudelhöhle. War dies wohl der Mensch gewesen? Außerdem lag eine Spannung in der Luft, die Sheenas Barthaare zittern ließen. Mit abgeklappten Ohren, tat sie ebenfalls einen Schritt nach vorne.

„Nyota? Nienna? Wollten wir nicht jagen gehen? Ich war gerade etwas abwesend es tut mir Leid, wenn ich etwas nicht mitbekommen habe, aber war das nicht der ursprüngliche Plan gewesen?“

Abwartend spähte sie zu den Wölfen herüber. Irgendwie kam ihr alles so merkwürdig und unnahbar vor. Wieder schüttelte sie verwirrt und verärgert über sich selbst den Kopf. Was war denn nur los mit ihr? Plötzlich verschwammen alle Wölfe vor ihr, sie mochte sich noch so anstrengen, es schien ihr, als ob ihre Augen immer schwerer wurden und taumelnd machte die Fähe einen Ausfallschritt um nicht in den Schnee zu stürzen. Dann vernahm sie nur noch ein leises und erschrockenes Quieken und wieder wurde alles dunkel um sie herum. Ein lautes polterndes Geräusch und eine Stimme ließen sie wieder die Augen aufreißen. Sie blinzelte schwer in das grelle Licht. Die Stimme war von mehreren Wölfen gekommen, die in ihrer Nähe herum standen und das polternde Geräusch was sie vernommen hatte, war ganz eindeutig ihr Magen, welcher Nahrung verlangte. Sie stand vorsichtig wieder auf und sprach nun lauter.

„Entschuldigt mich, ich möchte ja nicht stören, aber ich bekomme allmählich Hunger und würde gerne etwas jagen gehen!“

Benommen taumelte sie wieder einen Schritt nach vorne, ehe sie sich fing und zusammenriss, sodass sie wieder sicher auf ihren Pfoten stand. Sie erinnerte sich an Bilderfetzen, welche sie gesehen hatte, während sie, anscheinend, im Schnee gelegen hatte. Kurz blinzelte sie noch einmal, ehe sie neben Nyota sprang und diese schüchtern Lächelnd anschaute.


Ruhig saß der schwarze Wolf da, die blauen Augen entspannt geschlossen und wirkte wieder so leblos, wie er es eigentlich immer tat. Kaum merklich hob und senkte sich der Brustkorb des Nachtsohnes und auch die eisige Kälte die seine Pfoten, seine Läufe, ja eigentlich seinen gesamten Körper erfüllte schenkte er keinerlei Beachtung. Er nahm nicht den schneidenden Wind wahr, der ihm durch das Fell fuhr, ihn immer weiter auskühlte. Nein. Der Totenwandler bemerkte es schlicht nicht. Er war gefangen in seinem Selbst, in der Leere, die ihn erfüllte und wieder ein Mal mehr in die Knie zwang.
Verzweiflung machte sich in ihm breit und die Frag, wieso er Shit seinen Glauben geschenkt hatte. Was hatte ihn damals nur veranlasst ihm und seinem Leben eine Chance zu geben? Dabei hatte er es von Anfang an gewusst, hatte geahnt, dass sich so rein gar nichts ändern würde. Alleine das Spielt mit ihm hatte von vorne begonnen. Das war alles. Er war dazu verdammt auf ewig dieses Spiel mit zu machen, als Einsatz seine Seele, die immer weiter zerstört wurde. Es ging ihm hier nicht schlecht, er konnte sich nicht beklagen. Aber konnte man die Existenz, die er hier führte – tagein, tagaus in Gedanken verloren- abgeschieden und unbekannt, als Schatten, konnte man dies wirklich Leben nennen? Oder war dies das Leben, welches ihm vorherbestimmt war? Wer legte fest, was geschah? Wer steckte hinter alledem und wer zog die Schicksalsfäden, wenn es so etwas und diese Person tatsächlich gab. Und wenn es sie gäbe, würde er ihr eines Tages gegenüber stehen und die Antwort auf seine Frag erhalten? Auf den Bruchstücken seines Selbst laufend wanderte Midnight wieder auf dem Schmalen Grad. Würde es ihn eines Tages den Verstand kosten oder hatte er gar schon damit bezahlt? War er so besessen? Er wollte doch nur den Frieden finden, wollte nicht mehr denken müssen. Wofür war er hier? So viele Fragen, doch keiner war da, der sie ihm hätte beantworten können. Selbst der jüngere Rüde, dem er es zu verdanken hatte, dass er nun hier war, hatte ihn alleine gelassen. Er hätte es wissen müssen. Selbst nach der endlosen Ewigkeit würde sich sein Leben nicht ändern.
Eine zaghafte Stimme holte ihn wieder zurück, beendete seinen Trümmerlauf, holte ihn in seinen steif gewordenen Körper zurück. Nur langsam drehte sich ein Ohr zur Seite, in die Richtung, aus der die Stimme kam – als Zeichen das er gehört hatte - aber noch schwieg er, hielt die Augen geschlossen. Ruhig hörte er sich die gestammelten Worte an, noch immer schweigend. Machte er tatsächlich einen solch verlorenen Eindruck, wie er sich fühlte? Sehnte er sich denn nach Gesellschaft? Es kam nicht oft vor, dass ihm jemand Beachtung schenkte oder gar sich zu ihm gesellte.

Du dachtest, dann wären wir gemeinsam einsam.

Endlich hatte Midnight seine tiefe, ruhige Stimme erhoben, in der wie immer ein Hauch Monotonie und Melancholie mit schwang. Auch hatte er seine mitternachtsblauen Augen geöffnet, die nun in die grüngrauen Augen der schwarzen Fähe an seiner Seite blickten.


Worte. Viele sinnlose Worte. Waren es überhaupt Worte? Das Tosen in seinem Kopf schwoll an. Unerträgliche Schmerzen machten sich in ihm breit. Die Stimmen sollten Ruhe geben, aufhören. Acollon konnte keine klaren Gedanken fassen. Doch dieser graue Rüde vor ihm; er kannte ihn, aber woher? Seine Züge waren ihm seltsam vertraut, als wäre er täglicher Begleiter. War der Graue ein Vertrauter? Nein, das war nicht. Er war Feind. Er war die Stimme, die ihn vorantrieb. Er war der, der versuchte über den Schwarzen zu bestimmen. Der ihn in die Knie zwang und seinen Verstand vernebelte. Die grauen, glanzlosen Augen sahen auf. Kein Zeichen eines Gefühls, einer Regung. Es schüttelte ihn immer noch vor Schmerz, aber irgendetwas hatte sich verändert. Vielleicht, weil ein leichtes Lächeln auf Acollons Lefzen trat? Jetzt verstand er den Laut, den er die ganze Zeit über im Herzen trug. Banshee.
Das war der Name, der den Schwarzen vor der völligen Dunkelheit bewahrt hat. Der sein Herz geschützt hatte. Banshee.
Alles bekam einen Rahmen. Von der Geburt seiner ersten Welpen bis zu diesem Moment hin. Wie hatte Acollon sich bloß so blenden lassen können? Warum sah er es erst jetzt? Ein vertrauter, süßlicher Duft. Dieser Duft hatte ihn an viele schöne Sommerabende erinnert, die er mit einer weißen Wölfin verbracht hatte. Dieser Duft trug Wärme und Acollons Zuhause.

“Wovon redest Du da eigentlich?“,

fragte der Schwarze in einem erstaunlich ruhigen Ton. Immer noch zitternd, doch nun mit mehr Sicherheit und Stolz stand Acollon seinem Peiniger gegenüber.

“Ich muss schon sagen, Du bist nicht zu unterschätzen. Du hast mich regelmäßig vom meinem Rudel fern gehalten, hast mich in die Einsamkeit geschickt. Und dann hast Du Dich meines Verstandes bedient. Zwei Fragen, warum das Alles und vor allem wie?“

Allmählich wurde Acollons Sicht freier. Die Stimmen in seinem Kopf schienen aus einem schlecht eingestellten Radio zu kommen. Mal lauter, mal leiser. Mal fern, mal nah. Der Schwarze bediente sich seiner Kraft, die er aus seinen Erinnerungen an eine schöne Zeit gezogen hatte. Würde jetzt Alles ein eigenes Ende haben? Banshee, rief er stumm im Geiste. Er verstand nun mehr denn je. Noch schlimmer, es ergab sogar noch Sinn. Der Schwarze verdankte dem Wolf vor sich so einiges. Einiges Schlechtes. Aber welche Beweggründe könnte dieser Rüde haben? Und was noch viel merkwürdiger war, er konnte sich Götter bemächtigen. Beunruhigend war, dass er somit noch mehr Kräfte besitzen musste. Und zurzeit befand sich der Fenrissohn in keinem guten Zustand. Wenn es zu einem Kampf käme; und das würde es; hätte der Schwarze schlechte Karten. Außerdem war das Zwielicht noch nicht ganz von Acollon abgeworfen, er konnte immer noch die Stimmen hören. Seine eigene Herzensstimme und die Stimme des Rüden.


Die stahlblauen Augen des tiefschwarzen Rüden wechselten zwischen den beiden Fähen hin und her. Schwarz. Weiß. Schwarz. Weiß. Schwarz… Aufmerksam und mit einem gelassenen Lächeln auf den schwarzen Lefzen lauschte er den Worten der beiden Fähen. Die beiden unterschieden sich so sehr von einander wie Sonne und Mond und Leben und Tod. Und das nicht nur in ihrer Fellfarbe, sondern auch in ihrer Art, wie sie sich ihm gegenüber benahmen. Die Weiße, wohl die erfahrene Leitwölfin, betrachtete ihn mit Ruhe und Gelassenheit, wie es wohl auch Layna einst getan hatte. Und die Schwarze, die ihn nun die ganze Zeit mit argwöhnischem, gelbem Blick musterte schien ihm als impulsiv und leicht reizbar. Auf den Hinweis der Schwarzen, dass er ganz bestimmt kein Engel war hatte er nur ein breites Grinsen parat. Für wie dumm hielt sie ihn eigentlich? Wusste sie nicht, dass er das, was sie gerade gesagt hatte genauso gut wusste wie sie und er sie damit nur hatte reizen wollen? Doch dort im Norden hatten sie ihm tatsächlich diesen Namen gegeben, vielleicht weil er mächtig war, weil sie ihn für einen Gott hielten, oder weil sie ihn einfach bloß bewunderten… warum wusste er nicht, doch es war ihm auch egal, ihm gefielen seine Namen sehr gut, warum also sollte er sich Gedanken über ihre Herkunft machen? Als die Schwarze nun erwähnte, dass sie sich bei der Höhle, vor der sie sich befanden, um eine Rudelhöhle handelte, konnte er seine Worte nicht mehr zurückhalten, denn die spöttischen, sarkastischen Bemerkungen kamen nun, ohne, dass er darüber nachdenken musste.

„Welch eine Erkenntnis, kleine Wölfin. Braucht ihr armen, kleinen Wölfchen etwa einen Haufen Steine, um euch vor dem grausamen, blutrünstigen Schnee zu verstecken? Oder versteckt ihr euch etwa vor mir oder vor den bösen, bösen Rudel dort unten im Tal, die euch armen kleinen Wölfchen ihre ach so geliebte Heimat geklaut haben?“

Seine Augenbraue zuckte kurz und ein Grinsen legte sich auf seine Lefzen, während er die Worte aussprach, die die Schwarze noch mehr reizen würden, die sie provozieren würden, bis sie ihn tatsächlich anfiel? Er wippte entspannt mit der Rute, in seinen Augen brannte es. Und dann, ohne Vorwarnung hielt er plötzlich inne, das Grinsen auf seinen Lefzen gefror, seine Züge verhärteten sich, seine Rute hörte auf zu wippen. Langsam, so unendlich langsam, dass es den anderen vorkommen musste wie eine halbe Ewigkeit wanderte sein Blick hinab zu der kleinen Wölfin, die sich nun zwischen die Schwarze und die große Weiße zwängte und zu ihm emporschaute. Aus großen tannennadelgrünen Augen, aus genau denselben Augen, die er zuvor noch in seinen Erinnerungen gesehen hatte. Und sie sprach seinen Namen, genau, wie sie es damals immer getan hatte. Luuu~… mit derselben sanften Stimme, die nun der einer erwachsenen Fähe gehörte. Mit genau demselben Klang. Und er schaute sie nur an, aus dunklen, leeren blauen Augen. Mit einem ausdruckslosen Blick, den selbst sie nicht zu deuten vermochte. Erwiderte ihren Blick, als sie ihn nun ansah nach fast zwei Jahren. Eine Weile stand er ganz stumm. Hatte alles um sich herum vergessen, die anderen Wölfe, die Schneeflocken, die um ihn herum tanzten, sah nur sie. Seine kleine Schwester.

„Shani Caiyé.“

Seine Stimme klang so ausdruckslos, wie es sein Blick war. Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Er hatte sie wieder gefunden. Seine kleine Sternschnuppe. Sein Licht. Seine Seele. Sein Herz. Alles. Es kehrte zurück. Doch genau in diesem Augenblick, als er sie nun zum ersten Mal sah, konnte er nichts fühlen. Er hatte gedacht, er würde sich freuen, wenn er sie wieder sah. Sie würden einander die Pfoten auf die Schultern legen, einander umarmen. Er würde erneut nach fast zwei Jahren die Wärme eines anderen spüren können, die Liebe. Doch sie rührte sich nicht. Und auch er stand nur still da und schaute sie an, ohne den Blick von ihr wenden zu können. In all der Zeit, in der sie getrennt von einander gelebt hatten, hatten sie sich sehr verändert. Shani war kein Welpe mehr. Und er kein Jungwolf. Und sie standen beide nur da und starrten einander an. Hasste sie ihn vielleicht, für all das, was er ihr angetan hatte? Er hatte sie angelogen, sie fort gejagt. Hätte er ihr nicht eine Menge Leid ersparen können, wenn sie einfach bei ihm geblieben wäre? Wenn er sie gelassen hätte? Wahrscheinlich hatte sie in all der Zeit nicht ein einziges Mal an ihn gedacht, er hatte schon befürchtet sie würde sich nicht an ihn erinnern können, doch sie hatte seinen Namen ausgesprochen, genauso, wie sie es als Welpe immer getan hatte. Genauso so, wie er es geliebt hatte. Mit dem kindlich verspielten Klang einer Welpenstimme und es war eben dieser Klang, der ihm einen Stich versetzte, ein großes Loch in sein zerbrochenes Herz bohrte und ihn all den Schmerz spüren ließ, den er all die Jahre verdrängt hatte. Sie hatten so viel Zeit verschenkt… und es war alles seine Schuld. Was wenn er damals gestorben wäre? Sie hatte ein Rudel gefunden und sie hätte ihn nicht vermisst, das wusste er nun, doch es verschaffte ihm keine Erleichterung, wie er es erwartet hatte, nur noch mehr Schmerz. Erst jetzt merkte der Schwarze, dass er die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte und atmete nun verstört aus. Er spürte wie sein ganzer Körper zu beben begann, seine Rutenspitze zuckte und es dauerte eine Weile bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Doch keinen Herzschlag lang hatte er die kleine weiße Fähe aus den Augen gelassen.
Sie hatte neue Freunde, neue Geschwister, eine neue Familie gefunden, sie brauchte ihn nicht mehr. Nicht mehr jetzt, wo er sie fast zwei Jahre lang im Stich gelassen hatte. Sie brauchte ihn nicht mehr. Doch er brauchte sie, auch, wenn er es sich nicht eingestehen wollte… er brauchte sie mehr als alles andere, sie war seine Luft zum atmen, alles was er zum Leben brauchte, ohne sie ergab das Leben keinen Sinn mehr. Jetzt, wo er wusste, dass sie nicht tot war, dass sie so nah war und gleichzeitig unendlich fern und jetzt, wo er spürte, wie sehr er sich nach ihr gesehnt hatte, würde er nicht mehr ohne sie leben können. Doch er konnte ihr all das nicht sagen, stattdessen schaute er sie nur an, aus leeren Augen, in der sie nichts würde finden können.


Nienna lag, während alle anderen Wölfe in der Höhle oder schon fast direkt vor der Höhle standen, ein kleines Stück weiter weg von der Höhle und lauschte einfach nur dem Schneerauschen. Sie dachte dabei über die Jagt nach und verfiel wieder in ihre ganz eigene Gedankenwelt in der sie sagen durfte was sie wollte. Die Schwarze dachte viel über die Jagt nach, sie wollte durch die Steppe rennen den Wind in ihrem Fell spüren, spüren wie die Kälte sie langsam anknabbert und auch endlich etwas zwischen ihren Zähnen haben. Gejagen hatte sie zwar noch nie aber sie wollte nun endlich los rennen, stürmen, dabei das Rudel kennen lernen, sich einbringen, sich beweisen. Nienna wollte so viel im Moment doch dann schüttelte sie kurz den Kopf um ihre Gedanken abschweifen zu lassen was ihr auch gelang. Nienna spürte nun auch wie die Kälte sich durch ihr dichtes Fell bohrte, Ihr Fell war inzwischen schon ganz mit Schnee bedeckt und nur noch ihr Kopf schaute aus dem Schnee herraus da sie öfter die Blickrichtung ändern wollte.

o.O(Ich will jetzt endlich jagen gehen! Ich will mich bewegen...ob ich mich wohl unbeliebt mache wenn ich jetzt bei Nyota einstürme und sie störe....)

Dachte Nienna Singollo und schon stemmte sie ihre Pfoten gegen den Boden. Sie spürte das ihr Fell durch den vielen Schnee darauf viel schwerer wirkte und so gleich sie dies bemerkte schüttelte sie sich und um Nienna endstand ein klitzekleiner Schneesturm da alle Schneekristalle durch die Luft wirbelten und schlieslich vom Wind weg getragen wurden. Die Schwarze schaute den Eiskristallen kurz nach,wande den Blick ab und dreht sich langsam zu Nyota und den anderen Wölfe. Nienna fiel genau in diesem Moment, bei dem Anblick der Fähe ein, dass sie noch keinen einzigen Rüden aus dem Rudel kennt doch sie blieb unbeeindruckt von diesem Gedanken und ging weiter ihres Weges. Schlieslich stand die Fähe vor Nyota wante ihren Blick direkt auf sie senkte ihren Kopf nach unten und schaute von unten zu der größeren Schwarzen hoch.

"..Werden wir bald endlich zur Jagt aufbrechen? Ich habe einen leeren Magen und die anderen Wölfe haben bestimmt auch das Bedürfniss etwas zu fressen...Auserdem mag ich mich bewegen da ich keine Lust hab einzufrieren...Endschuldige mich wenn ich frech komme aber..."

Sprach Nienna leise schon fast mit einem kleinem krächzten in der Stimme als sie sich schüchtern davon drehte und ihre Pfoten wieder in Richtung der Kälte setzte.


Es war ganz wie früher. Kaum hatte der Tag begonnen, ging alles drüber und drunter. Das pulsierende Leben. Ihre Augen lagen finster auf dem Schwarzen, als Banshees sich zwei Fähen zuwand die um Einlass baten, und erst als Banshees Aufmerksamkeit wieder bei dem Rüden lag, gestattete auch sie sich einen Blick zu den beiden. Erst Shani und Hiryoga, dann die zwei - es tat ihr Leid dass sie sich ihner nicht annehmen konnte.

Lunars Worte brachten sie zum Lächeln. Ein Lächeln wie von einer Medusa, so unheilverheißend und so besessen vom Wunsch der Zerstörung. Aber ihr geliebter Gegenpolstand noch immer dicht neben ihr, und sogleich wandelte sich dieser Blick wieder zu etwas ruhigem, berechenbarem.

"Natürlich verstecken wir uns vor dir, so etwas lästiges und zeitraubendes wie dich lehrt uns durchweg das Fürchten."

Die Stimme der Schwarzen triefte geradezu vor Sarkasmus, doch sie war so viel ruhiger als ihre Worte zuvor. Als nun plötzlich Shani vortrat lies sie die Weiße vorbei, sah einen Moment auf sie herunter und hörte ihre Stimme so fremd. Natürlich kannte sie diese Fähe kaum, aber sie war vorhin zurückgekehrt und hatte sich ganz anders angehört.

Die gelben Augen fanden zu Lunar zurück, sahen wie er sie ansah - es lag nichts in seinem Blick, einfach nichts - aber er schien wie gelähmt, dies eine, kleine Wort hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen wie es schien.

Über Shani hinweg sah sie zu Banshee hinüber.

~Die Macht der kleinen Dinge~

schien ihr Blick zu sagen, dann wand sie sich an Sheena und Nienna, die gerade zu ihr getreten waren.

"Ihr habt Recht. Und ich denke, das hier klärt sich nun auch ohne mich"

noch ein Blick zu Banshee, kurz aber alles sagend, voller Vertrauen.

"Es tut mir Leid das ich euch solange habe warten lassen, aber der Schwarze schien nicht ganz ohne"

sprach sie etwas leiser zu den zwei Fähen, und schob sich an Lunar vorbei, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen. Was auch immer Shani mit ihm angestellt hatte, Banshee würde wissen wie damit umzugehen wäre, und sie könnten nun endlich für Futter sorgen.

"Wo ist Thylia?"

sie sah sich suchend um, als sie in den Schnee trat, entdeckte jedoch auf den ersten Blick nur Corvina, und nahm Kurs auf sie. Die zwei Rüden im Schnee hatte sie nicht gesehen, und der plötzliche Wechsel von erträglicher Temperatur in der Höhle und der Kälte davor hatten ihre Nase lange genug betäubt, um ihr Acollons Anwesenheit zu verschweigen.

Vor Corvinas Fels angekommen blieb sie stehen und deutete mit einer Kopfbewegung in den endlosen Schnee.

"So. Fehlt uns nur noch Thylia, dann können wir endlich los."


Shit war tief in den Schneemassen verschwunden, von denen es hier oben im Hochland mehr als genug gab. Sein Nackenfell stand aufrecht, wie ein Kamm auf seinem Rücken, die Lefzen zuckten hin und wieder. Der Geruch eines schwarzen Rüden war in seine Nase gekrochen und reizte ihn bis aufs Blut. Seine Züge waren hart geworden, eisigkalt. Von Shit dem Welpenhaften war nichts mehr übrig. Viel mehr sah man Shitani, die Wirklichkeit, das Ergebnis seltsamer Erziehungsmethoden. Der braune, große Rüde hatte kehrt gemacht und steuerte wieder auf die Wölfe zu, die sich Rudel nannten und einem Versager folgten. Hatte es je jemanden gegeben, der Acollon in Frage gestellt hatte? Es wurde Zeit, dass jemand diese Aufgabe übernahm. Muskeln und Sehnen spannten sich in seinem Körper. Shit lief, flog fast über den Schnee, elegant, stolz, nicht Shit, sondern Shitani. Kühle Ruhe hatte sich über ihn gelegt, er war nicht derselbe Wolf, der sich noch vor wenigen Momenten schüchtern einer Alphawölfin genähert hatte, ohne den Mut ihr seine Liebe zugesehen. Jetzt war er ein Blutdurstiger. Ein Krieger. Immer näher kam er der Versammlung um die Alphawölfin, doch sein Weg führte ins Abseits, zu Acollon, direkt auf diesen zu. Ein kleines Stück von ihm entfernt, hielt er inne. Es gab kein Zurück, keinen Zweifel, kein Zögern. Shitani war fest entschlossen.

„Hey, schwarzer Alpharüde dieses Rudels!“

Rief er zornig, um die Aufmerksamkeit des Unfähigen auf sich zu ziehen.

„Wie lange bleibst du dieses mal? Wann lässt du dein Rudel wieder im Stich, du wertloses Stück?“

Provozierte er weiter, aber so schnell würden ihm die Worte nicht ausgehen.

„Acollon, aufgrund deiner Unfähigkeit, deiner Unzuverlässigkeit, die jeder hier kennt, fordere ich deinen Posten als Leitwolf dieser Gemeinschaft. Es ist ein Leichtes, es besser zu machen, als du, ich lasse dir aber die Option, dich kampflos zu ergeben und dich in die Reihen des Rudels einzufügen. Wenn du meinst, weiter auch nur irgendein Recht auf die Rudelführung zu haben, soll ein Kampf entscheiden, wer der Bessere ist.“

Ein kaltes Lächeln legte sich über seine Lefzen, während er die Worte aussprach. Acollon würde sich mit Sicherheit nicht einfach geschlagen geben.

„Du bist nicht besonders vertrauensvoll, du lässt deine Liebste immer wieder eiskalt im Stich und keine Entschuldigung der Welt ist dafür ausreichend. Du bist ein schlechter Alpha, ein mieser Gefährte, ein selbstverliebter Vater und Allgemein als Wolf in jeder Hinsicht ein Versager.“

Der Wind zerzauste sein Fell. Vor dem Tod stand ein Teufel, der sich seiner Hülle entledigt hatte und seine Seele verspielte.


Mit eingezogener Rute und weggeknickten Ohren stand sie noch immer bei dem schwarzen Rüden, den sie mit ihrer Anwesenheit zu belästigen versuchte. Merklich schien dieser von ihr gestört, schwieg und reagierte nicht. Obgleich er kaum ein Lebenszeichen von sich gab, glaubte Ninniach in dieser Gestik, die keine war, Abneigung zu erkennen. Grade diese Gedankengänge verhinderten es ihr, soziale Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen. Sie kam sich grundsätzlich unerwünscht vor. Um nicht länger zu stören, wandte sie sich, ein wenig geknickt, von Midnight ab. Grade in diesem Moment, drang die Stimme des Rüden an ihre schwarzen Ohren. Wenngleich seine Worte eher karg ausfielen, so tat es ihr gut, dass man mit ihr sprach. Zwar schien es keine Frage, viel mehr eine Festellung zu sein, doch die Fähe hatte das Bedürfnis darauf Antwort zu geben.

"Vielleicht.. aber, wenn dich meine Anwesenheit stört, so kehre ich wieder um."

Allmälich empfing ihr Körper wieder Ruhe und sie schien davon ein wenig überrascht. Sie stand weniger verkrampft in der Gegend herum und das beklemmende Gefühl alles falsch zu machen, fiel von ihr ab. Keinesfalls war sie nun aufgeschlossen oder sprang um den ihr noch Fremden Midnight herum, doch sie fand, für sich selbst, eine Art Fortschritt gemacht zu haben. Sie ließ sich auf den Hinterläufen nieder und senkte den Kopf wieder ab. Jedem, dem sie begegnete, zollte sie ein Übermaß an erforderlichem Respekt. Vermutlich würde sie sich selbst einem Welpen unterwerfen, wenn man es von ihr verlangte.Nun, es mag übertrieben klingen. Aber sie stellte sich über niemanden. Schon gar nicht über den Schwarzen, da sie ihn unerlaubter Weise gestört hatte.


Noch bevor der Graue ein Wort erwiderte, mischte sich ein weiterer Quälgeist ein. Es war der Rüde Shit. Das hatte dem Schwarzen gerade noch gefehlt. Nicht nur, dass sich ein weiterer Gott in Acollons Privatangelegenheiten gemischt hat, nein, jetzt kommt noch ein anderer Wicht. Zwar kämpfte der Schwarze weiter gegen die Manipulation in seinem Verstand an, aber seine eigentliche Kraft schien wiederzukehren. Allmählich und nur schleichend, doch sie kam.

“Shit, mach Dich nicht lächerlich. Mag sein, dass Du mit Deinen Worten irgendwie Recht behältst. Aber leider muss ich sagen, dass Du keine Ahnung hast von dem, was hier vor sich geht.“,

kurz wendete er den Blick von dem Grauen ab und sah Shit an, um seine Worte tatkräftig zu unterstreichen. Sein Lächeln war immer noch nicht gewichen. Das hatte er doch immer gewollt. Hass und Chaos. Ein Wolf mehr oder weniger, den er in einem Kampf klarmachen musste, dass man ihm nicht so einfach etwas zu sagen hatte.

“Ein Kampf mit Dir wäre sinnlos. Ich bin der Tod und Du bist ein Sterblicher. Du kannst mich nicht besiegen.“,

sein Blick huschte wieder zu dem anderen Rüden.

“Banshee wusste worauf sie sich einließ. Sie kennt die Macken des Todes. Ich muss töten, es ist meine Aufgabe. Und wenn Du unbedingt den Drang verspürst zu sterben, gerne. Dafür ist nicht einmal ein Kampf nötig.“

Er lachte. Kalt und Hohnvoll. Grausam. Ja, der Tod war wieder bei vollem Bewusstsein. Die Stimmen waren verebbt.

“Sie wird Dich nicht lieben, Shit. Du weißt nicht einmal was Liebe bedeutet. Du kennst ihre wahren Schmerzen nicht. Banshee leidet und ich tue es ihr gleich. Wenn Du einen Kampf forderst tust Du ihr weh, aber das scheint Dir in Deinem Hochmut so gleichgültig zu sein, wie Dein Leben. Und Du willst sie wirklich lieben?“

Doch Acollon hatte sich schon wieder seinem wahren Feind gestellt. Bereit zum Absprung. Das Zittern war nun nichts mehr als ein Beben. Die Freude stieg in ihm auf. Shit hatte Recht. Er war ein verdammt schlechter Erdenwolf. Und dennoch wusste sich der Schwarze der Liebe seiner Weißen sicher. Und auch das bestärkte ihn in seinen nächsten Zügen.
Ohne einen weiteren Laut sprang er auf den Grauen zu. Riss ihn zu Boden. Der getragene Schmerz entlud sich in Hass. Er musste diesen Gott töten. Er musste ihn verjagen. Er vergrub sein scharfes Gebiss in die Kehle des Hünen. Mit einem sichtlichen Vergnügen riss und zerrte er an seinem Opfer.


Gregory hatte nicht einmal Zeit gehabt sich zu verteidigen. Ihr Gespräch war von einem anderen Rüden unterbrochen wurden. Nach einem Schlagabtausch entschloss sich der Schwarze Gregory anzugreifen. Die Wucht riss den Grauen von den Pfoten. Die Luft blieb ihm weg. Nur allmählich gewann er die Fassung wieder. Ein gurgelndes Geräusch drang aus seiner Kehle. Schnell befreite er sich von dem Klammergriff. Schwer atmend stand er vor dem schwarzen Rüden. Acollon hatte erstaunlicher Weise seine alte Kraft wieder gefunden. Wie war das möglich? Warum konnte sich der Fenrissohn von Gregory lösen? Er sprang auf und stürzte sich auf den Schwarzen, verbiss sich in den Hinterlauf.

“ICH BRING DICH UM!“,

schrie er. Ja, und er klang ein wenig verzweifelt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Schwarze sich zu Wehr setzen könnte. Mit gewaltiger Kraft versuchte er den Schwarzen zu Boden zu drücken.


Kein so lokales Gefühl, das um Herz und Magen kreist, sondern eines, das den ganzen Körper ausfüllt und die letzte haut durchdringt. Es ist nicht unbedingt ein schlechtes Gefühl, aber auf keinen Fall ein gutes. Und man meint es zu kennen, aber es ist so uralt, dass man es beinahe vergessen hat. Azag dämmerte langsam in den Wachzustand zurück und obwohl er damit immer mehr Kontrolle über seinen Körper gewinnen sollte, beklemmte ihn irgendetwas von Moment zu Moment mehr. Diese Entwicklung war ihm unheimlich, aber er wusste auch nichts dagegen zu tun. Er hielt einfach die Augen geschlossen und wusste dabei nicht einmal, ob das wirklich eine Entscheidung von ihm war. Das Ausharren brachte tatsächlich etwas und ein verlässlicher Reflex erlöste ihn aus seiner Starre. Ein Schütteln durchfuhr ihn von der Ruten- bis zur Nasenspitze, so stark, dass es ihnn auf die Beine trieb. Jetzt hatte er die Augen aufgerissen und starrte in gleißend weißes Licht, das sich allmählich in den Ausblick aus der Rudelhöhle verwandelte und als das seine Richtigkeit hatte, blickte Azag auf seine zitternden Läufe. Die Pfoten waren schneebedeckt und, wie er spürte, seine Schnauze auch. Sein Blick fiel auf den Boden, der Azags Abdruck trug. Immernoch zitternd, was ein bisschen Wärme erzeugte und sein Hirn zum Laufen brachte, kam ihm die Erkenntnis, dass er viel zu nah am Höhlenausgang geschlafen hatte. Er stieß den zitternden Atem etwas wütend aus, aber er war eigentlich garnicht wütend, dieser Zustand, dieser Kontrollverlust hatte ihn nur so erschreckt und jetzt war das wegen so etwas banalem gewesen. Banal. Er begann, noch etwas steif, hin- und herzugehen und erinnerte sich an die Worte, die ihm beim Aufwachen durch den Kopf gegangen waren. Ein uraltes, allausfüllendes Gefühl ... das alles, aber kein gutes Gefühl war. Azag beugte sich kurz runter und strich sich die Schneekristalle von der Nase. Eigentlich garnicht so banal. Neben all den Gefühlen, die vom Kopf erzeugt werden, Freude, Vorahnung, Eifersucht, Liebe, gibt es ja auch welche, die Urgefühle, die ganz körperlich sind, ein Gefühl von: alles ist gut, ich bin satt, oder eben: da läuft was ganz falsch. Und Auskühlung ist definitiv ganz falsch, im schlimmsten Fall todbringend. Soweit wollte er nicht gehen, aber ... mir muss schon ganz schön kalt gewesen sein.
Azag trat blinzelnd raus in den schneehellen Tag. Es gab nun viel wichtigere Dinge, die es zu überdenken, eigentlich eher zu ändern galt. Überdacht hatte er es nämlich schon gestern. In einem vollkommen öden Moment war ihm aufgefallen, wie schief das alles hier lief. Was habe ich eigentlich die ganze Zeit gemacht, seit ich hier angekommen bin?, drängte sich ihm plötzlich die Frage auf. Nichts. Ich sollte Informationen sammeln, mich integrieren, nichts, ich habe ja kaum mit jemandem gesprochen. Ich bin ein schlechter Spion, hatte er resigniert gedacht. Bis jetzt, im Grunde genommen, garkeiner. Aber ... wenn ich in dieser Zeit kein Spion war, dann muss ich doch zwangsweise schlicht ein Rudelmitglied gewesen sein, oder? Das ist noch schlechter, ich bin also auch kein gutes Rudelmitglied und das erste, was ein Spion machen sollte, war doch ein guter Eindruck in seiner Tarnrolle. Bis zur Nacht, in der er es dann irgendwie hinbekommen hatte, sich aus dem Inneren der Rudelhöhle so unklug nah an den Ausgang zu robben, hatte Azag es geschafft, die unangenehme Erkenntnis erfolgreich zu verdrängen. Aber nun, musste sich etwas ändern. Draußen war schon ziemlich viel los, so viel tatsächlich, dass es Azag ein wenig überforderte. Er sah Acollon, den zurückgekehrten Alpha und fand, dass man ja garnicht so falsch liegen konnte, wenn man sich an den Alpha hielt und es stand schon zwei Rüden bei ihm, nach deren Namen er bis jetzt noch nicht gefragt hatte, dann war Azag wenigstens nicht die einzige Nervensäge. Er stellte sich also neben den Rüden (Shit) und war sich schon im nächsten Moment sicher, dass das ganz und gar der falsche Moment gewesen war. Er hatte gerade das Gefühl, dass eine gewisse Aggression in der Luft läge, als der andere Rüde (Gregory), neben dem er nicht stand, Acollon auch schon anfiel.

"Also -",

entfuhr es Azag entsetzt und auch etwas empört, sowas machte man schließlich nicht. Dem Ausruf des angreifenden Rüden nach zu urteilen, war die Sache ziemlich ernst.

"Komm mal runter, es ist noch früh am Morgen!",

rief Azag in den Kampf hinein und wusste für sich, dass das überhaupt nichts bringen würde.


Mit wachsender Besorgnis hatte Hima der Jüngeren zugeschaut, hatte bemerkt wie ihr Blick flackerte und ihre Bewegungen schwankten. Offenbar ging es Sam deutlich schlechter als ihr selbst, obwohl auch sie Probleme damit hatte nicht im nächsten Moment auf dem kalten, harten Höhlenboden aufzuschlagen und für die nächsten Stunden oder Tage im rettenden Schlaf zu versinken, der ihre Kräfte wieder zu regenerieren wusste. Doch wachbleiben musste sie um eine Ansprechperson für die höheren Ränge dieses Rudels darzustellen. Denn Misstrauen wollte sie erst gar nicht aufkommen lassen - die Rudelleitung sollte von Anfang an wissen, dass sie mit den beiden erschöpften Wölfen keine Bedrohung in die Höhle gelockt hatten, genausowenig wie Schmarotzer oder ähnlichem, das der Rudelgemeinschaft zur Last fallen könnte.
Mit einem nervösen Fiepen beobachtete sie also, wie Sam zu Boden sank, der Blick erschreckend leer, doch wenigstens ein leichtes Lächeln auf den Lefzen, die der Weißen zu sagen schienen, dass alles in Ordnung war. Und dann schlief die Jüngere auch schon und Hima gönnte es ihr von ganzem Herzen.

Ohne einen Laut zu machen erhob sie sich aus ihrer Sitzhaltung und tapste langsam näher zu ihrer Gefährtin, leckte ihr mit einem beruhigenden Singsang, der irgendwo aus ihrer Kehle zu kommen schien, über Fang, Kopf und Nacken und legte sich schließlich wie ein fester Wall neben sie, den Kopf weiterhin erhoben, die Vorderläufe ordentlich nebeneinander gelegt. Zwar war es in der Höhle im Gegensatz zu draußen recht warm, doch sie versuchte Sam weiterhin mit allen Möglichkeiten zu wärmen, was selbstverständlich auch ihr selber zu Gute kam. Ihr wachsamer Blick streifte durch die Höhle, musterte verschiedene Wölfe, glitt kurz zurück zum Höhleneingang indem sich das Schauspiel erneut geändert hatte: Die Schwarze, die vorhin noch eine so bedrohliche Mauer gegenüber dem schwarzen Rüden gebildet hatte war verschwunden, dafür war eine kleinere Fähe neben die Weiße getreten, die immernoch wie die Ruhe selbst wirkte. Der große Schwarze erschien Hima jetzt allerdings nicht mehr aggressiv, eher ein wenig... Ja, wie wirkte er? Verwirrt? Möglicherweise. Hastig sah sie wieder fort, hatte sie doch nun nämlich das Gefühl, sich durch solche Blicke in etwas ganz privates Einzumischen.
Stattdessen betrachtete sie nun wieder Sam, die schlafend einen völlig friedlichen Eindruck machte - und wäre sie nicht so dünn gewesen hätte man sie für eine völlig normale Jungwölfin halten können, die nach ihrer ersten erfolgreichen Jagd erschöpft den Schlaf der Jäger genoß. Ein sanftes Lächeln zeichnete sich auf Himas Gesicht ab, inzwischen schien die Erde ihre Anziehungskraft auf sie verdoppelt zu haben, denn ihr Kopf sank immer weiter hinab bis er schließlich auf ihren Pfoten zum Ruhen kam. Doch über ihre Augen hatte die weiße Fähe noch recht gute Kontrolle und sie erlaubte es sich noch nicht ebenfalls einzunicken. Vielleicht würde die Alpha gar nicht so schnell Zeit für sie finden..? Doch immernoch gab es da ihren hungrigen Magen, der sie nun wieder schmerzhaft daran erinnerte, dass sie dringend Nahrung benötigte. Mit einem erschöpften Seufzer kuschelte sie sich enger an die Jüngere neben ihr.

"Alles ist gut geworden, nicht wahr? Mein Gefühl hat mich nicht getäuscht...",

murmelte sie leise, wie zu sich selbst und schloß schließlich doch die Augen. Doch so richtig gelingen einzuschlafen wollte es ihr nicht und so verharrte sie mit gesenkten Lidern, ruhig atmend auf dem Boden liegend und wartete. Wartete auf die Alpha, Fleisch... Auf alles eben.


Shits Lefzen zogen sich noch höher, das Grollen das aus seiner Kehle drang wurde noch tiefer, hielt an. Er baute sich zur vollen Größe auf, ohne Anstalten zu machen, Acollon anzugreifen. Dieser konnte den Kampf mit dem Anderen gerne noch zu Ende führen, es war Shit egal. Danach würde er zum Zug kommen.

„Was nützt dir alles Wissen, wenn du doch die falschen Entscheidungen triffst?“

Murrte er, beobachtete die Rüden und musterte sie gleichzeitig.

„Acollon, du bist so schrecklich arrogant! Übermächtig? Ja. Stärker als ich? Ja, wahrscheinlich sogar, wenn du nicht der Tod wärst. Im Vorteil? Sicher doch. Aber du bist nicht im Recht und das wirst du nie sein.“

Sein Blick glitt zum Himmel und wanderte von dort über die Ebene, über den Schnee, über die fast lebensfeindliche Gegend. Seine Ohren schnippten mit unnatürlicher Ruhe immer wieder.

„Deine Aufgabe? Ist das nicht eine dämliche Ausrede, weil du zu Feige bist, Verantwortung zu übernehmen? Abgesehen davon habe ich dir keinen Mord vorgeworfen.“

Er grinste lieblos.

“Ich bin sicher, du bist im Stande mich zu töten. Es ist mir aber egal wer du bist, nur weil du dich für Allmächtig hältst, hast du noch lange nicht das Recht, zu tun, was dir beliebt. Du wirst, solange du existierst, töten können, du wirst alle, die dir Unrecht vorwerfen vernichten, aber es ändert nichts.“

Eigentlich war er gefasst gewesen, erfüllt von der Ruhe, die jedem zuteil wurde, der nichts mehr zu verlieren hatte. Doch dann bohrte sich der Schmerz in sein Herz und ließ den Teufel in ihm kurz wanken.

.oO(Du weißt nicht einmal, was Liebe bedeutet.)

Die Worte hallten in seinem Kopf wieder und hinterließen eine trostlose Leere.

„Ich weiß, was ich für Banshee fühle.“

Sagte er bestimmt, was ihn selbst verwunderte. Er hätte wetten können, das seine Stimme brach, doch das tat sie nicht. Er kannte Liebe nicht, das stimmte, denn nie hatte sie ihm jemand entgegen gebracht, aber er kannte das Gefühl, denn er liebte Banshee.

„Es spielt keine Rolle, ob sie mich liebt, oder nicht. Sie liebt mich nicht, sie wird mich nie lieben.“

Eine bittere Erkenntnis, die nichts zur Sache tat. Acollon war schlecht. Schlecht für alle hier. Nur nicht für Banshee, jedenfalls nicht, wenn er da war, aber er war nie da. Er verschwand doch sowieso wieder. Wie konnte sie ihm vertrauen? Wie konnte sie ihn lieben? Und wie konnte sie den Schmerz ertragen? Ein niederes Wesen wie Shit würde sie nicht lieben und Shitani kannte sie nicht einmal wirklich. Aber auch diesen würde sie nicht lieben.

“Du lässt sie immer wieder aufs Neue leiden. Soll ich etwa so tun, als wärst du gut, in der Position, in der du bist, nur, weil du mich sonst tötest? Soll ich unrecht geschehen lassen? Soll ich Rücksicht nehmen? Wenn jeder Wolf so egoistisch wäre, gäbe es an den Rudelspitzen nur Wölfe wie dich. Und jede Seele würde unter ihrer Führung zersplittern.“

Seine Muskeln spannten sich noch ein bisschen mehr an, bereit, sein Schicksal zu besiegeln. Den Wolf, der neben ihn trat, beachtete er nicht weiter. Shit hätte sich wahrscheinlich gefreut, Shitani kümmerte sich nicht darum.


Ein wenig abgelenkt durch die Worte, die sich zwischen das Kampfgetose mischten, versuchte er den Grauen abzuschütteln. Denn er hatte sich in seinen Lauf verbissen. Laut knurrend und mit voller Wucht riss er seine Pfote aus den scharfen Gefängnis.

“VERSUCHS DOCH“,

brüllte er lauthals zurück. Der Gegner hatte nicht damit gerechnet, dass Acollon sich erholen würde, sich befreien könnte. Das verschaffte einen großen Vorteil. Mit einem Satz löste er sich wieder von dem Grauen und stand ihm für einige Sekunden keuchend gegenüber. Blut tropfte ihn von seinen Lefzen. Mit Genuss leckte er es auf. Ein leises drohendes Lachen entfuhr ihm abermals. Lustvoll preschte er wieder auf den Grauen zu. Riss und zerrte an seinem Nackenfell, bis sich ein großes Stück Fleisch löste. Die Wucht, die hinter dem Reißen der Sehnen steckte, schlug ihn rücklings nach hinten. Das Grollen wurde immer lauter. Es entwickelte sich zu einem übermächtigen Knurren. Er spürte, dass seine Gier nach Blut immer größer wurde.

“Oh je, Shit, lass uns das nachher unter Freunden klären, okay?“,

lachend warf er sich wieder in das Getümmel. Er bemerkte einen weiteren Rüden (Azag), der auf der Bildfläche auftrat. Wer war dieser Wolf? Seine Aufmerksamkeit schweifte für einen Moment ab.


Als Gregory spürte, wie sich sein Fleisch aus dem Nackenbereich löste, schrie er kurz heulend auf. Die Wut stieg ins Unermessliche. Und Acollon schenkte so nebenbei noch einem anderen Rüden Aufmerksamkeit. Das nervte den Grauen tierisch. Er war sein Gegner.

“Und was mischt du dich in diesen Kampf ein? Gebühr wenigstens dem Wolfskodex die Ehre!“,

knurrte er diesen Shit an. Er hatte nichts mit diesem Kampf zu tun. Okay, es war sicherlich so gewollt, dass kein Wolf Acollon mehr mochte. Aber jetzt war nur noch der Kampf wichtig. Und da störte dieser Shit. Triefend standen sich die Rivalen gegenüber. Oh, würde Gregory doch nur sein ziel erreichen können. Traurigkeit stieg in ihm auf. Er hatte solange auf diesen Augenblick gewartet. Doch er hatte nicht geglaubt, dass er so schwach sein würde. Acollon war durch einen weiteren Rüden (Azag) abgelenkt. Das war die Chance. Aus dem Hinterhalt sprang er den Schwarzen an. Biss sich fest in seine Schnauze. Knurrte mit voller Lautstärke. Verlor fast die Beherrschung. Ein Trieb zog ihn mit. Es verblendete ihn. Sein Ziel verschwamm und der Kampf wurde nur Austragungsstätte seiner Gefühle.


Der Kopf immer noch auf die Pfoten gelegt, und dem Schauspiel, welches sich ihr vor der Höhle geboten hatte, ganz vergessen, musste sie wohlan eingeschlafen sein, oder auch bloss weggedöst! Die Läufe der weissen Wölfin zuckten, als würde sie laufen, leises Fiepen durchbrach die in der Nähe unmittelbare herrschende Stille,... wahrlich träumte sie, sie träumte ... Eine Wiese, gross und in voller Frühlingspracht, wunderschön, so wie sie die Wiesen kannte und nicht diese kahle Gebirgswelt, welche dauernd damit drohte, die Wölfin in tiefe Melancholie zu stürzen.
Nun betrat sie die grosse Frühlingswiese, Bienen summten und vielerlei Insekten krabbelten am Boden herum, da und dort hoppelten Kaninchen zwischen den äsenden Rehen herum, es schien, als wäre sie geradewegs in das Paradies gekommen, leises Vogelgezwitscher ging von einem Schwarm kleiner Vögelchen aus und Corvina wiegte sachte den Kopf in diesem Paradies, doch etwas war hier doch falsch...
Sie blickte sich um, wahrlich, sie sah nur die Kaninchen, die Rehe und all die anderen Tierchen, doch nirgendwo war ein anderer Wolf zu sehen, doch vermeinte sie einen Ruf zu hören, jemand rief nach ihr, und sie kannte diese Stimme,...sie hatte sie in der ersten Minute ihres Lebens schon vernommen, die Stimme ihrer Mutter! Und die weißen sehnigen Läufe trugen die Wölfin schneller und immer schneller der Stimme entgegen, sie schien immer lauter zu werden, doch Corvina schien sich einfach nicht vom Fleck zu bewegen. Auf einmal ergriffen die eben noch friedlich ruhende Rehherde die Flucht, wenig später bahnte sich ein Wolfspärchen den Weg durch die Wiese, sie blieben stehen in einiger Entfernung zu Corvina, diese musterte die beiden, die Stimme war nicht mehr zu hören und doch spürte sie instinktiv, dass dies ihre Eltern waren, ein freudiges Jaulen entfuhr ihr und sie rannte auf sie zu, doch sie kam trotzdem nicht näher, so sehr sie auch rannte!

„Du kannst nicht zu uns kommen...kleine Corvina...erst viel, viel später doch deine Zeit ist noch nicht gekommen...“

Corvina jaulte laut und schmerzerfüllt auf, jedoch bloß im Traume, als sie den Sinn der Worte begriff...auf einmal verschwamm alles und die Witterung Nyotas war zu vernehmen, blinzelnd öffnete sie die Augen, und blickte geradewegs in diejenigen der schwarzen Wölfin, etwas verwirrt schüttelte sie den Kopf, was war das gewesen, Traum oder Botschaft?
Sie schüttelte den Kopf, der Blick wirkte leicht verstört, doch drang in ihr Bewusstsein, dass es nun wohlan an der Zeit war jagen zu gehen!

„Na dann, hat ja lange genug gedauert!“

meinte Corvina, die Stimme leicht durchzogen von einem nachdenklichen Ton, es war nicht schwer zu erraten, worüber sie nachdachte! Grazil erhob sie sich und streckte sich ausgiebig, ehe sie vom Felsen sprang und sich zu den anderen gesellte.


Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, gefunden zu werden. Hatte nicht erwartet, dass sie hier oben in dieser unwirtlichen Gegend jemanden antreffen würde. Sie war hier hinauf gekommen, mit der Hoffnung im Herzen hier würde jemand leben, auch wenn es eigentlich das Unwahrscheinlichste gewesen war. Sie hatte einfach nicht unten bleiben wollen, wo sie die Spuren anderer Wölfe gefunden hatte. Doch irgendetwas in diesen Spuren hatte ihr Angst gemacht, sie wusste nicht warum und hatte während des ganzen Aufstieges nur daran gedacht, welch idiotische Idee es gewesen war, nicht den Spuren im Tal zu folgen. Und nun, wo sie hier oben war und gerufen hatte, gerufen nach Hilfe, nach irgendwem der sie mitnehmen könnte, sie hier hinaus führen hatte sie schon beinahe aufgegeben. Dieser Umstand war nun wohl der Grund weshalb sie sich so extrem erschreckte als sie ein ziemlich nahes „Hey“ vernahm.
Die kleine Braune Fähe zuckte so erschrocken zusammen, dass sie beinahe von ihrem ohnehin schon etwas schrägen Podest gerutscht und wieder 20 Meter den Berg hinab geschliddert wäre. Doch irgendwie schaffte sie es, sich mit den kleinen spitzen Krallen in das Eis unter ihren Pfoten zu krallen und oben zu bleiben. Sie sog die kalte Bergluft durch die schwarze Nase um den Schreck abklingen zu lassen. Schließlich schnippten die kleinen, leicht abgerundeten Welpenohren nach vorn und sofort blies ihr eine kräftige Windböe in die empfindlichen kleinen Lauscher. Sie schüttelte schnell den Kopf, das rechte Ohr schlackerte fröhlich, bevor sie den Blick schließlich hob und endlich, endlich die Gestalt ausmachen konnte, die sie gefunden hatte. Sie erkannte nach einigem Blinzeln gegen den eisigen Wind eine bunte Fähe, zierlich und allein hier in den Bergen. Die kleine Braune setzte eine Pfote nach vorn und zog sich von ihrem Podest auf mehr oder weniger ebenen Boden. Die kugelrunden Welpenaugen waren auf die bunte Fähe gerichtet, die nun vor ihr stand. Sie zitterte noch immer, auch wenn sie es nun nicht mehr wirklich mit bekam. Die Kälte machte ihr jetzt nichts mehr aus, denn sie war nicht mehr allein. Und, was sagte die bunte Fähe da? Es gab ein ganzes Rudel hier oben? Dann war es doch keine falsche Entscheidung gewesen, nicht unten im Tal zu bleiben. Fast wie Schicksal… Auf den Lefzen der kleinen Braunen breitete sich ein überglückliches Lächeln aus.

„Hallo Tyel, mein Name ist Miral. Miral Ninárika.“

Stellte sie sich mit überschwänglicher Stimme vor. So war sie. Eben noch allein, voller Angst und nun in Gesellschaft wieder der fröhliche Welpe. Sie brauchte keine Angst mehr zu haben, denn sie war nicht mehr allein. Vorsichtig tapste sie auf die Fähe zu, die sich ihr als Tyel vorgestellt hatte. Die kleine Welpin legte den Kopf auf die Seite und schaute zu ihr hinauf.

„Noch mehr Wölfe sagst du? Kannst du mich mitnehmen? Keine Angst, das schaff ich bestimmt noch?“

Ja, sie war sich sicher, dass sie es schaffen würde. Sie hatte nun ein Ziel, und sie war ehrgeizig genug es zu erreichen, das reichte vollkommen um ihr noch ein wenig Kraft und Mut zu geben. Die kleine Pinselartige Rute wedelte von einer Seite zur anderen, die schon fast vollständig braunen Augen waren fröhlich auf Tyel gerichtet.


Acollons Unachtsamkeit wurde bestraft, der Graue hatte seine Chance gesehen und ergriffen. Ein betäubender Schmerz zog sich bis in seine Stirnhöhle hoch. Der Schwarze zog und zerrte, sprang hin und her, um sich wieder loszureißen. Die Wucht schleuderte ihn erneut nach hinten und beförderte ihn direkt gegen den schwarzen fremden Wolf (Azag). Acollon rappelte sich schüttelnd auf und schenkte dem Fremden (Azag) ein “Sorry“.
Erneut warf er sich auf den Grauen, doch diesmal gezielt auf die Hüften. Ein lautes unangenehmes Knacken erfüllte die Luft. Die Hüftgelenkte seines Gegners waren zertrümmert. Das knirschende Geräusch hatte zwei Effekte, zum einen den, dass der Graue sich nicht mehr rühren konnte, und zum anderen holte es Acollon wieder in die Realität. Ihm wurde bewusst, warum er diesen Rüden vernichten wollte.

“Pass mal auf, Du Bastard. Wenn Du es noch einmal wagen solltest, Dich meiner Familie zu nähren, dann töte ich Dich, klar?“,

grollte der Schwarze. Er drückte dem Grauen auf die Kehle. Seine Augen verengten sich und die ganze Anspannung fiel von ihm ab. Mürrisch und mit einem seltsam gemischten Ausdruck wich er einige Schritte nach hinten. Sein Blick weilte auf dem fast reglosen Körper am Boden. Stille tauschte mit dem Kampfgetöse.


Einen Augenblick blieb der Blick aus den blauen Augen auf der Schwarzen hängen, die sich zu ihm gesellt hatte, dann wandte er sich ab, blickte in das endlose Schneetreiben. Schweigend folgten seinen Augen den einzelnen Flocken, die sich erst ziellos im Winde drehten, um dann sanft zu Boden schwebten. Die eisige Luft füllte tief seine Lungen aus und doch hatte er zum wiederholten Male das Gefühl zu ersticken, der Strick zog sich immer fester.

.oO(Wie lange irre ich nun schon so durch die Welt? Was für einen Sinn hat das Alles denn eigentlich noch?)

Es gab keine Vergangenheit, keine Zukunft. Aber ein Hier und Jetzt in dem er leben konnte irgendwie auch nicht. Es war da nur die gleich bleibende Monotone und der Kreis, der sich immer weiter drehte. Ein Kreis mit nur einem Anfang aber ohne Ende. Alles wiederholte sich und am Schluss würde er wieder alleine da stehen, da wo er immer stand und alles würde wieder von vorne beginnen. Irgendetwas verbaute ich die Chance zu sein, man ließ ihn allerdings auch nicht zur Geschichte über gehen. Der Totenwandler hing fest, mittendrin, ohne sich vor noch zurück bewegen zu können. Die Worte der Fähe drangen an seine Ohren, lenkten ihn ein wenig von seinen Gedanken ab.

Nicht doch.

Leise waren die paar wenigen Worte aus seiner Schnauze erklungen, doch einen regelrechten Wortschwall würde man bei diesem Rüden eher vergeblich suchen. Und bitten das sie in jedem Fall bei ihm blieb, würde er nicht, das maßte er sich nicht an. Langsam wanderte sein Blick wieder zu ihr zurück, ein freundliches Lächeln - wie es die Meisten wohl nun erwarteten – blieb allerdings aus. Dennoch war seine Mine nicht abweisend, zurück drängend oder abschreckend. Viel eher ließ er ihr den Freiraum, den jeder brauchte. Wenn sie sich nun doch nicht zutraute hier zu bleiben, was er ihr keines Falls verübeln würde, konnte sie gehen. Ein freier Ort, wo jeder zu jeder Zeit dorthin gehen konnte, wie es beliebte. Er würde ganz gewiss niemandem Vorschriften machen. Die Ohren nach vorne gehüllt blieb Midnight – wieder in Schweigen verfallend – ruhig dort sitzen, wo er sich nieder gelassen hatte, egal ob sie sich nun die Einsamkeit teilen würden, oder nicht.


Abermals beruhigten sie, in gewisser Hinsicht, die Worte des ihr fremden, schwarzen Rüden. Zwar fielen die gewählten Worte eher karg aus, doch waren sie von erholsamer Ruhe. Innerlich darüber erfreut, empfing sie die kurze Antwort. Sie erhob sich von ihren Hinterläufen und trat Midnight etwas näher, nicht zu nahe, schließlich wollte sie ihn nicht bedrängen abber dennoch irgendwie in seiner Nähe sein. Obgleich er kühl und eisig, in sich selbst gefangen wirkte, machte seine Anwesenheit auf die Fähe einen erwärmenden Eindruck. Vermutlich war dieses Gefühl der Wärme hauptsächlich dadurch entstanden, weil sie nicht fortgeschickt worden war. Die junge Schwarze schien sich äußerlich gefangen zu haben, wo doch in ihr alles so zerrissen war. Es ging nicht vor oder zurück, sie stand nur in Mitten ihres Lebens und wusste nichts damit anzufangen, fragte sich oft nach dem Sinn.Oft hatte sie versucht diese Gedankengänge abzustellen, doch mit der Zeit gab sie es immer mehr auf, irgendeinen Gedanken zu verhindern. Nun, nicht alle Gedanken, die schlecht scheinen, sind es auch. Ninniach ließ das Schweigen weiterhin über ihnen kreisen. Der Rüde schien nicht davon angetan zu sein, irgendwas zu sagen und auch sie war nicht ein Wesen großer Worte. Zumal die meisten Worte die aus ihrem Maule stammten, nur von Unsicherheit und Angst zeugten. Etwas anderes gab es in dem Wesen der Fähe nicht, so war sie veranlagt. Doch unbestreitbar gab es Tage, an denen sie vollkommen verwandelt schien. Diese Tage hatten Raritätwert und erfreuten sich zunehmender Seltenheit. Nachdenklich legte sie eine Pfote über die andere und bettete den Kopf darauf. Für einen Augenblick schloss sie die Augen und ließ ihrer Fantasie freien Lauf. Saftige grüne Wiesen auf denen die Frühlingsblumen standen erstreckten sich über ihr ganzes Sichtfeld. Am Rande war ein Saum von Bäumen, die in voller Reife waren. Das Licht der Sonne erwärmte das Fell der Schwarzen, die über die Auen lief und ihren Läufen kein festes Ziel gab. Doch je länger sie lief, desto unerträglicher wurde die Hitze. Und irgendwann färbten sich die Blätter bunt. Pflanzen... die einzigen Teilhaber ihres kleinen Tagtraumes. Die Blätter tanzten durch die Luft, während ihr Gang immer langsamer und schleppender wurden. Und Blatt wurde zu Schnee, der ihr Fell kristallisierte und ihre Glieder steif machte. Es war als liefe sie die ganze Zeit durch einen Tunnel, dessen Wände die dicht an dicht gereihten Stämme der Bäume waren. Sie waren nicht mehr schön, knorrig und tot, das waren sie. Kälte ergriff diesen traumatischen Tunnel und zwang sie in die Knie. Die Gelenke brachen ihr durch und sie fiel Hals über Kopf in den Schnee, der sie nach und nach bedeckte und ihr eisiges Grab baute. Die Gewissheit zu sterben wurde plötzlich zu ihrem zentralen Gedanken, der sich durch nichts verdrängen ließ. Kein positiver Gedanke schlug ihn hinfort. Sie prallten an ihm ab, wie Wasser an Fels. Die Ohren der kleinen Fähe schnippten nach vorn und ihre Augen öffneten sich, erfüllt von unermesslicher Trauer. Was wie ein harmloser Traum begonnen hatte war alsbald eine schreckliche Botschaft geworden. Plötzlich war es ihr wieder gewahr. Der Tod würde sie holen, früher oder später - ein jeder ging diesen Weg. Doch ihr lastete er schwer auf den Schultern, schließlich wusste die Fähe um ihr Schicksal. Es stand nicht gut. Die Fragen drängten sich ihr auf... womit hatte sie das verdient? Hatte sie etwas verbrochen? Für ihre Existenz konnte sie nichts? Auch nichts für ihr Wesen, sie war Spielstein der Zeit. Diese hatte sie geschliffen wie die Gezeiten einen Stein, durch stätige Bewegung. Abermal erhob sie ihre zarte Stimme, doch sie wirkte erstickt.

"Wie fühlt es sich an zu sterben?"

Sie fand keinen festen Punkt, auf den sie zu schauen wagte und stierte unentwegt ins Leere. Midnight würde ihre Frage wohl kaum beantworten können, vielleicht erschien es ihm auch lächerlich. Doch es war, was Ninniach zu erfahren versuchte. Es war ihre Angst und trotzdem ihr Begehr. Das Leid dieser Welt, nicht allein das in ihrem Leben, machte ein Leben nicht lebenswert, im Gegenteil. So wollte sie keine Existenz führen. Aber wollte sie sterben? Die Ungewissheit blieb ihr wie ein Dorn im Herzen. Er würde immer dort stechen, mal mehr, mal weniger schmerzhaft darin bohrend. Erkenntnis...


Ein zuckender, gleißender Schmerz durchfuhr Gregorys Hüfte. Es zog sich in sein Rückenmark bis hin zu seinem Nacken. Ächzend brach seine Hinterhand nach unten, seine Vorderläufe hielten den grauen Kopf noch krampfhaft nach oben. Es war vorbei, es gab keine Chance mehr, seine Unachtsamkeit und seine Unerfahrenheit hatten dem jungen Rüden, die Beine gebrochen. Sein größter Herzenswunsch zerbrach, doch zeitgleich drängte sich ein neuer Wunsch an die Oberfläche.

“TÖTE MICH, NA LOS! BEENDE DEIN WERK! LASS MICH NICHT ALS KRÜPPEL STERBEN!“,

er schrie so laut, dass es über den ganzen Rudelplatz wehte. Seine Stimme überschlug sich. Die Gelassenheit wich vollkommen von ihm. Ein deutliches Flehen legte sich auf sein Gesicht. Vom Jäger, zum Gejagten. Der Rüde brach zusammen, sein Kopf schlug auf die harte Schneedecke. Seine Lider schlossen sich. Ruckartig atmete er.

“Lass mich nicht so sterben“

wisperte Gregory. Doch Acollon würde ihn nicht töten. Er würde ihn hier so liegen lassen. Würde der Hunger den Grauen töten? Oder doch die kalten Umstände, die hier herrschten? Auf jeden Fall würde es schmerzhafter werden, als wenn der schwarze Rüde ihn gleich töten würde. Ein leichtes Seufzen entfuhr dem Grauen. Es war klagend und traurig.


Banshee nickte den beiden Fremden freundlich zu, die Weiße hatte etwas unerwartet reagiert, aber in diesem Fall kam ihr das Recht. Keine Vorstellung, keine Erlaubnisfrage … nunja, sie hatte dem Schwarzen gerade erklärt, dass diese Welt nicht ihr Revier war. Sie würde sich um die beiden Fähen später kümmern. Mit einem ebenso freundlichen, aber etwas milderem Lächeln wandte sie sich wieder dem Rüden zu und betrachtete ausgiebig seine Reaktionen auf Nyota und sie. Seine Worte waren die eines unerfahrenen Jungwolfes und sie bemerkte mit Freunden, dass er es nicht schaffte, sie zu verärgern. Viel eher begann sie sich schon auf die nächsten Antworten zu freuen. Im Prinzip wäre es ratsam gewesen, ihn einfach stehen zu lassen, aber das hieß gleichzeitig, ihn alleine mit Nyota zu lassen und das war keine gute Idee. Sie schien sich doch von seinen Worten angegriffen zu fühlen. Ihre Antwort aber fiel dann doch eher zum Schmunzeln aus, fast vergnügt wippte Banshees Rute und sie knuffte ihre Schwester spielerisch tadelnd in die Seite. Dann kam aber ein neuer Faktor zu dem etwas chaotischen Geschehen. Shani tauchte neben ihnen auf, schien sie beide gar nicht zu sehen und starrte Lunar an wie einen Geist. Er starrte ebenso zurück und eine kleine Ahnung keimte in Banshee. Viel mehr kam aber Zufriedenheit hinzu, denn die Weiße würde ihren schwarzen Bekannten eindeutig bändigen. So wie es aussah konnte sie die zwei nicht nur alleine lassen, sie sollte es sogar. Auch Nyota schien sich dazu zu entscheiden, warf ihr noch einen Blick zu, den sie mit einem sanften, zustimmenden Lächeln beantwortete und verschwand dann außerhalb der Höhle. Sie schienen endlich aufzubrechen. Das war ein weiterer sehr guter Verlauf der Situation, denn wenn sie sich die zwei Neulinge betrachtete, kam ihr die leise Ahnung, dass sie ein wenig Nahrung bitter nötig hatten. Vor der Höhle schien es einen kleine Tumult zu geben, aber Banshee wollte nun die beiden Fremden begrüßen, danach konnte sie sich darum kümmern, im Notfall wäre Nyota schon zur Stelle. Mit beruhigend pendelnder Rute und einem freundlichen Lächeln trat sie nun auf die Weiße und die Braune zu und setzte sich vor sie, beide sahen sehr erschöpft aus.

“Willkommen, ihr beiden. Ich bin Banshee, die Leitwölfin dieses vertriebenen Rudels. Ihr scheint sehr erschöpft, meine Schwester geht mit einem Jägertrupp auf die Jagd, hoffentlich kehren sie erfolgreich zurück. Aber sagt mir, was hat euch hier hoch geführt?“

Sie fragte nicht danach, ob die beiden sich ihrem Rudel anschließen wollten. In dieser unwirtlichen, lebensfeindlichen Landschaft gehörte für sie jeder Wolf zu einem Teil einer größeren Gemeinschaft, in die sie eintraten, kaum waren sie hier oben. Auch wenn die beiden sie bald wieder verlassen sollten und nie zu einem ihrer Schützlinge werden sollten, sah sie es jetzt doch als ihre Pflicht an, ihnen zu helfen. Sie würden die Beute, sofern es denn welche gab, gerecht unter allen aufteilen, selbst mit dem schwarzen Lunar würde sie teilen.


Shani erzitterte unter dem Blick, den ihr der große Schwarze nun zuwandte. Er war leer, so grausam leer, dass sie nichts darin finden konnte, kein Wiedererkennen, keine Freude, kein Hass, kein Erstaunen … keinen großen Bruder. Sie fühlte wie sie unter dem Blick kleiner wurde, in sich zusammensank, die Ohren zurückklappte, die Rute einzog, jedes Glück aus ihrem Körper gesogen wurde, ebenso wie jeder andere Gedanke. Sie hatte den Drang, wegzulaufen, sich bei Hiryoga zu verkriechen, diesen Schwarzen stehen zu lassen und sich einzureden, dass das nicht ihr Lunar war, nicht ihr Luuu~. Und doch wusste sie, dass er es war, er sah sie an so wie damals seine Worte geklungen hatten, als er sie davongejagt hatte. Jäh durchbrach er die Stille, sagte ihren Namen. Und plötzlich waren Erinnerungen wieder da. Caiyé. Ihr Name … Shani Cayé, nicht nur Shani, Shani war sie nie gewesen, Shani Caiyé hatte ihre Mutter sie genannt. Es war Luuu~. Aber die Freude darüber, ihren Namen wiederzukennen kam gar nicht erst auf, viel zu gierig wurde alles von dem Blick des Schwarzen aufgesogen. Seine Worte hallten in ihrem Kopf nach, als hätte er sie ihr erst ebengerade ins Gesicht geschrieen.
.oO(„Shani, du Idiotin! Ich hasse dich! Du bist unverletzt. Du bist schuld daran, dass sie gestorben sind, Merokan, Caleb, Ináno und Syri! VERSCHWINDE ENDLICH VON HIER!“)
Sie hatte Schuld, obwohl der Blick Lunars ebenso leer wie eben gerade noch war, sah sie plötzlich darin Vorwürfe stehen, er war nicht mehr ihr Luuu~, er war der Lunar, der er gewesen war, als er sie verjagt hatte, als er ihr gesagt hatte, dass sie schuldig war und dass er sie hasste … ja, Luuu~ gab es nicht mehr. Sie musste den Blick abwenden, hinaus in die Schneelandschaft vor der Höhle. Sie erstarrte. Da draußen bewegten sich Schatten, schwarze Wölfe schlichen sich seitwärts durch das Flockengewirbel, gelbe Augen fixierten sie, das Weiß von gebleckten Zähnen stach ihr ins Herz. Sie waren wieder da, die Schattenwesen, die schwarzen Wölfe, es war alles wieder da, wie früher. Sie winselte auf, drückte ihren Körper zu Boden, kniff die Augen zusammen, erzitterte immer wieder. Sie wollte nicht in die vorwurfsvollen Augen Lunars sehen, sie wollte nicht wieder hören, was er ihr schon einmal gesagt hatte, sie wollte die schwarzen Schatten nicht sehen, die nicht existierten. Es war alles wieder wie früher, wie damals, alles ging kaputt, ihre Welt, ihre neue. Warum war Lunar hier aufgetaucht? Wie hatte er sie finden können? War er gekommen um sie zu töten, wollte er sich dafür rächen, dass sie seine Familie und Brüder auf dem Gewissen hatte? Wollte er wie einer der schwarzen Schatten, aber so grausam real ihr Leben zerstören? Unerträgliche Schmerzen schüttelten ihren Leib, jetzt, da Lunar aufgetaucht war, sehnte sie sich nach Luuu~, nach ihrem Luuu~, nach dem großen Bruder, der sie liebte und den sie liebte. Sie hatte ihn so lange vergessen können, jetzt war er wieder da und rief so starke Sehnsucht hervor, dass sie den Anblick Lunars nicht ertragen konnte. Sie fühlte sich fast einer Ohnmacht nahe, die Schwäche der langen Wanderung und die panische Angst, der unerträgliche Schmerz und die wallende Sehnsucht ließen ihren Körper und ihren Geist so schwach werden, dass sie sich kaum mehr spürte. Es war alles kaputt.


Tyraleen betrachtete ihren Bruder, wie er weiterhin mit geschlossenen Augen dalag, man könnte fast denken, dass er schlief. Aber sie wusste, dass in seinem Kopf die Gedanken rasen mussten, gerade entschied er sich wohl, ob er sie nun anschreien oder ihr ganz normal antworten sollte. Sie hoffte Zweiteres, sie wollte sich nicht schon wieder mit ihm streiten, sie war es müde. Zudem interessierte es sie wirklich, was Averic über seinen Bruder dachte und wie viel er ihr preisgeben würde. Das einzige, was sie von den beiden wusste, war, dass sie sich mochten und immer zusammen gewesen waren. Wahrscheinlich wusste der Rest des Rudels auch nicht mehr, aber ihr schwarzer Bruder hatte auch nie jemandem die Chance dazu geben, mehr zu erfahren. Außer vielleicht ihrer Mutter, aber Banshee wusste eh wohl fast alles. Als sich Averics Augen öffneten, sah Tyraleen ganz instinktiv weg, obwohl ihr Bruder sie gar nicht ansah. Sein Blick war weiterhin starr auf die Höhlenwand gerichtet. Als er sprach, ganz leise und so sanft wie sie es noch nie von ihm gehört hatte, legte sich ein Lächeln auf seine Lefzen und Tyraleen wurde bewusst, dass sie den Schwarzen zum ersten Mal lächeln sah. Es stand ihm unerwartete gut. Irgendwie tat ihr sein Lächeln gut, auch wenn es nicht ihr galt, es zeigte ihr, dass Averic wirklich lebte, dass er ein wahrer Wolf war. Nur seine Worte schwächten diese schöne Erkenntnis etwas ab.

“Aber du lässt doch niemandem mehr die Chance dazu, dich zu verstehen. Es gibt keinen zweiten Cylin, aber vielleicht einen zweiten Wolf, der bei dir ist und dich versteht.“

Wieder wusste sie nicht, ob sie zu weit gegangen war, aber das Lächeln und die sanften Worte waren für sie wie ein Erfolg, der sie einen Schritt weiter gehen ließ. Es gab wirklich keinen Wolf, der bei Averic war. Banshee verstand ihn zwar, aber sie war nicht bei ihm, es ging gar nicht. Viel zu viel hatte sie zu tun, beim Rudel ging es drunter und drüber und auch wenn Tyraleen hier, weiter im Inneren nichts davon mitbekam, wusste sie, dass ihre Mutter sicher mittendrin war. Sie konnte Averic nicht helfen. Zudem musste er sich sowieso selbst helfen, auch wenn das Wort „helfen“ wohl falsch war. Glücklichmachen … bei ihm sein. Sein Blick traf sie unerwartet und heftig, er hatte den Kopf wieder gehoben, seine Gesichtszüge waren kalt und leer, der Averic von ebengerade schien nicht mehr zu existieren. Seine Worte klangen ebenso, was er aber sagte, ließ sie aufhorchen. Er hatte versagt … war das ein weiterer Grund? Dass er sich alle Schuld für Cylins Tod gab? Ein interessanter Gedanken … aber ihn einfach so auszusprechen wagte sie nicht, sie hatte das sichere Gefühl, dass Averic dann wirklich böse werden würde. Aber vorsichtiger, andeutungsweise, vielleicht würde das ja gehen.

“Er war ein freier Wolf, dessen Pfoten dorthin gehen durften, wo sie ihn hinführten.“

Es war vielleicht nicht genau eine Verbindung zu sehen, aber sie traute sich nicht, noch etwas Klareres anzuhängen. Es war allein die Schuld des fremden Rudels, dass Cylin nun tot war und die Weiße wusste, dass die Schar dafür leiden werden würde. Vielleicht nicht durch Banshee, die verzieh sogar diesem räudigen Pack, eine weitere Eigenschaft, die die Jungwölfin rasend machte, aber durch Acollon, durch Nyota und sicher auch durch Averic. Sie verspürte keine Genugtuung bei diesem Gedanken, was sie ein wenig verwirrte.


Wie viel Zeit wohl vergangen war? Ihr kam es nicht lange vor, aber sie war wohl eingeschlafen, während des Schlafs hatte man kein Zeitgefühl..es war wie Tot-Sein. Sie hatte nichts mitbekommen, was um sie herum geschehen war. Waren schon verschiedene Tiere, Artgenossen oder gar Menschen an ihr vorbeigezogen? Hatten sie sie für tot gehalten? Nein, sicher nicht. Sie atmete ja noch. Außerdem schmolz der Schnee zu einem kleinen Bisschen neben ihrem Körper, nur etwas, aber es zeugte von Wärme, die von ihrem Körper ausging. Jetzt hatte sie die Augen aufgeschlagen. Sie hatte einen seltsamen Traum gehabt. Ja, jetzt erinnerte sie sich wieder. Da war dieser Wolf, aber es konnte nicht real gewesen sein. Konnte sie froh darüber sein, dass es nur ein Traum war? Oder war es nur eine Frage der Zeit, bis sie wirklich ein ähnliches Erlebnis haben würde? Sie war sich nicht sicher, wie sie darüber denken sollte, wie sie über ihr Leben denken sollte und was es noch wert war. War es überhaupt jemals etwas wert. Sie hatte den Tod nur deshalb immer wieder versucht fortzudrängen, weil sie Angst vor den Schmerzen beim Sterben hatte. Wie simpel der Tod war, bewies der Schlaf, und er ersparte ihr sogar noch solch schreckliche Träume wie diesen eben. Sie ächzte leicht und schloss wieder ihre Augen. Reflexartig drehten sich ihre Ohren ein Stück nach hinten, als sie die Schritte eines anderen Tieres vernahm, wohl ein Wolf. So unmöglich war es auch nicht, schließlich war das Rudel immer noch ganz in ihrer Nähe. Oder waren sie schon weitergezogen? Würden sie ohne sie weiterziehen? Sicherlich..wer würde sie schon vermissen. Sie hatte doch zu niemandem einen Kontakt und sie sah es auch nicht mehr als nötig an. Sie wollte nicht wieder enttäuscht werden, wenn sie niemanden verlor, der ihr etwas bedeutete. Lieber wollte sie gar keinen mehr haben, der ihr etwas bedeutete, die Angst, ihn wieder zu verlieren, so wie zuletzt erst mit Alienna, war einfach zu groß. Sie war zu schwach um ihren Kopf in die Richtung der Geräusche zu drehen. Nur ihre Nasenspitze bewegte sich ein ganz kleines Bisschen und versuchte den Geruch des oder der Fremden zu bekommen, um die Frage nach dem, was jetzt geschehen könnte, besser zu klären, falls sie sich überhaupt klären ließ. Viel Erfolg hatte sie auch damit nicht, der Wind stand ungünstig und sie konnte den Geruch nicht zuordnen, so gab sie es auf und war bereit entgegenzunehmen, was auch immer kommen mochte.

Atalya
27.12.2009, 17:57

Die anderen Wölfe die mit auf die Jagd wollten hatten sich zusammen gefunden und Thylia jaulte freudig auf. Jetzt würde es also gleich losgehen. Doch hatte sie in der zwischen zeit nicht nur unnütz herumgestanden und in das Schneetreiben gestarrt, sondern sie hatte sich Gedanken um ihre Zukunft gemacht. Ihr war mittlerweile klar geworden, dass sie niemals in einem normalen Wolfsrudel leben konnte, dafür war sie zu unsicher, sie war eine Gefahr für ein Rudel und das wollte sie vor allem diesem tollen Rudel nicht antun. Auch wenn sie sich hier sehr wohl fühlte, wusste sie, dass es genau deshalb wichtig war von ihnen zu gehen, zurück zu ihren Artgenossen, ihrer alten Familie, vielleicht hatte sich dort einiges geändert, sodass sie besser mit ihnen auskommen würde. Doch erst würde sie mit den anderen zur Jagd aufbrechen und nachdem sie etwas gefressen hätte, würde sie ihren eigenen Weg gehen. Sie hatte beschlossen Nyota zu erzählen, dass sie das Rudel verlassen würde, da sie gesehen hatte, dass diese guten Kontakt zu Banshee hatte. Sie würde sie einfach bitten, es Banshee auszurichten, die Worte welche sie ihr mitteilen würde, dann würde Banshee schon verstehen. Flott machte Thylia sich auf den Weg zu Nyota, Corvina, Nienna und einer anderen Fähe und begrüßte sie alle freundlich. Sie nickte ihnen allen zu und warf ihnen einen entschuldigenden Blick zu, da sie auf sie warten mussten. Dann trat sie an die Seite von Nyota und stupste diese sachte an.

„Nyota. Schön, dass wir nun losziehen. Ich habe noch eine letzte Bitte an dich. Ich werde jetzt mit euch losziehen, wenn wir etwas fangen ein wenig speisen, doch dann werde ich meinen eigenen Weg gehen. Ich werde dieses Rudel verlassen und ich möchte dich bitte, dies bitte Banshee zu erklären, sollte sie fragen. Ich mag dieses Rudel wirklich sehr, aber mein wahres Ich erlaubt es mir nicht bei euch zu verweilen. Ich bin eine Gefahr, eine große und bis jetzt haben wir unwahrscheinliches Glück gehabt, ich werde zu meiner alten Familie zurückkehren, sie sind alle wie ich, dort wird es mir ebenfalls gut gehen.“

Sie lächelte Nyota warm an und drehte sich dann zu den anderen.

„Wollen wir dann nun los? Mir knurrt der Magen“


Wärend Nienna schon wieder drausen im Schneel lag und ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Nachdenken , nach ging sah sie 2 Rüden kämpfen. Als das Knacken die Luft erfüllte musste Nienna Singollo ihre Augen leicht zusammenkneifen, da sie sich vorstellte die der Schmerz durch ihre Knochen zuckte und sich einen Weg bahnte. Niennas Augen lagen in diesem Moment auf dem Rüden der auf dem Boden lag und um Hilfe flehte oder schrie oder flüsterte je nach dem wie weit man von dem Geschehen entfernt war. Sie starrte den Rüden schon förmlich an und hatte sogar schon Schuldgefühle auch wenn sie noch so weit weg lag. Die schwarze Fähe schüttelte kurz den Kopf und wande den Blick Thylia, Nyota und den anderen Wölfen die schon bereit für die Jagt bei Nyota standen. Nienna lag schon auserhalb der Höhle im Schnee, in der beisenden Kälte und wartete bis sich endlich wer in Bewegung setzte. Nienna jaulte kurz, drehte den Kopf zu Nyota und versuchte etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Danach lächelte die Fähe warm zu Nyota und stemmte die Pfoten in den Boden der leise unter ihren Pfoten knirschte wie Styropor wenn man es in kleine Teile reist. Nienna rannte ein paar Meter über die Schneelandschaft damit sie etwas Wärme bekam doch dann galopierten ihre Pfoten in Richtung von Nyota. Kurz vor ihr bremste die halbgroße Fähe senkte den Kopf leicht nach unten und schaute bettelnd zu der Schwarzen hoch. Nienna schaute zu ihr hoch, zog ihre Lefzen grinsend nach oben und stellte sich wieder gerade hin. Sie beobachtet noch für eine Weile das geschehen bis sie zu Thylia rüber schaute und mit ihrer Nase über Tyhlia's Fell fuhr.

"..Du kannst doch nicht einfach verschwinden...ich habe kein Problem mit dir als..Menschenkind..auch wenn du etwas seltsam aus sehen wirst..und schlieslich wissen wir doch alle das du uns nichts an haben wirst..oder doch?!

Sprach Nienna wärend sie mit ihrer Nase durch Thylia's Fell fuhr. Sie zögerte etwas als sei dieses Wort mit Mensch ins Maul nahm, und wurde an dieser Stelle auch etwas leiser als sonst. Doch im Moment intressierte sich Nienna Singollo mehr für die Jagt wie alles andere und so wanderte ihr Blick erneut zu Nyota.


Thylia schaute überrascht Nienna an. Sie war ihr durchs Fell gefahren. Verwirrt bildete sich ein freudiges Lächeln auf ihren Lefzen und sie stupste die Fähe leicht an. Sie wollte jetzt eigentlich nur zur Jagd und am liebsten über die Trennung nicht mehr nachdenken, doch wollte sie Nienna erklären, wieso sie dieser Meinung war und wieso sie das Rudel auf jeden Fall verlassen musste, ob sie wollte oder nicht. Sie schmunzelte leicht und blickte zu Nyota. Mit einen Kopfnicken gab sie ihr zu verstehen, dass sie nur noch kurz erklären wollte, denn gleich würde es keine Zeit mehr geben. Sofort danach könnten sie von ihr aus starten und das zu erläutern würde auch nicht lange Zeit in Anspruch nehmen.

„Nienna, ich würde euch auch nicht verlassen, wenn es irgendwie anders gehen würde, doch habe ich Angst die Kontrolle zu verlieren, dann wäre nämlich alles vorbei weißt du? Ich könnte nichts dagegen tun, ich könnte mich nicht zurück halten und würde nur noch töten. Und das wollen wir ja alle nicht. Aber ich werde auch nicht zu den Menschen gehen, wenn du das jetzt dachtest. Das würde ich nie wieder tun! Ich werde zu meiner alten Familie gehen, heißt die Werwolf Familie und nicht die Menschen Familie. Denen könnte ich nämlich nichts erklären, das verstehst du sicher. Und meine Werwolf Familie ist total nett, sie haben mir am Anfang geholfen, waren immer für mich da und werden es auch jetzt sein. Sie hatten mir am Anfang schon gesagt, dass es kaum geht in einem normalen Rudel zu leben, doch ich wollte es eben nicht glauben, es war schon immer mein Traum ein Wolf zu sein nur eigentlich nicht unter solchen Umständen, doch die kann man jetzt auch nicht mehr ändern. Also muss ich alles tun um alle vor mir zu schützen und das geht so am leichtesten, aber ich bin froh, dass du mir gesagt hast, dass du nichts gegen mich hast. Ich mag die Nienna und ich wünsche dir ganz viel Glück, Friede und Kraft in deinem weiteren Leben. Ich werde nicht mehr dazu kommen mich zu verabschieden, da ich während der Jagd, nachdem ich etwas gegessen habe, mich auf den Weg machen werde.“

Sie schnoberte Nienna liebevoll ins Fell an der Brust und stupste sie sachte an, ehe sie sich zu Nyota wand und diese ebenfalls kurz liebkoste. Dann schenkte sie der ganzen Runde ein lächeln, schüttelte sich kurz und trat dann einen Schritt nach vorne.

„Also was ist? Wollen wir los?“


Sheena hatte das um sie herum nur halbwegs wahrgenommen, denn sie war sehr in Gedanken versunken gewesen. Nun hatte sie ihren Geist wieder einigermaßen offen für alles um sie herum und vernahm so noch, dass die eine komische Fähe sie verlassen wollte während der Jagd. Sie blinzelte sie an, hatte sie nicht ganz mitbekommen warum, aber irgendetwas von wegen sie alle schützen hatte sie doch verstanden. Sie blinzelte wieder und schüttelte sich schnell, wobei sie einige komische Seitwärtshüpfer an den Tag legte, welche sie beschämt registrierte. Sie lachte dann hell auf und blickte alle frohen Mutes an.

„Mensch, da wir nun alle versammelt sind können wir ja endlich loslegen? Oder wartet ihr auf mich? Ich hoffe ich habe nicht schon wieder vor mich hingeträumt. Und Thylia, so heißt du doch oder? Ich wünsche dir alles gute, auch wenn ich gestehen muss, dass ich nicht alles mitbekommen habe, du wirst schon wissen, was du warum machst und ich wünsche dir auch viel glück und kraft weiterhin und grüß deine Familie von mir, auch wenn sie mich nicht kennen. Kannst ihnen ja sagen, dass du doch lange gut mit dem Rudel ausgekommen bist, dann musst du ihnen nicht ganz recht geben“

Sie lächelte verschmitzt und machte einen kleinen Sprung nach vorne. Jetzt ging es ihr wieder richtig gut, auch wenn ihr Magen ununterbrochen am knurren war. Sie rannte einmal um die kleine Gruppe um ihre Muskeln zu lockern und aufzuwärmen, ehe sie wieder still stand, zumindest fast ihre Pfoten trippelten ein wenig durch den Schnee, welchen sie dadurch festdrückte. So geschah es dann auch, dass sie plötzlich vor den Gruppe in der Grätsche auf dem Boden lag, da der festgetretene Schnee sehr rutschig geworden war. Verdutzt schaute Sheena auf, lachte abermals hell auf und rappelte sich wieder auf um dann vorsichtig einen Schritt zur Seite zu gehen.

„Ich kleines Dummerchen. Kommt nun wollen wir aber. Ich habe schließlich Hunger und wir wollen ja nicht, dass mein Magen irgendwelche bösen Sachen anlockt, weil sie denken es ist irgendwas großes und gefährliches in der Nähe. Außerdem möchte ich nach der Jagd gerne zu Zack und Neyla, ich habe sie lange nicht gesehen. Es sind doch fast meine Eltern“

Aufgeregt hüpfend sprang die nun wieder ein paar Schritte voraus um dann auf die anderen zu warten.


Azag verfolgte den Kampf mit halb zugekniffenen Augen, als würde damit auch die Aggression etwas geschmälert werden ... was natürlich Unsinn war, aber immerhin verlieh es seinem Wunsch etwas Ausdruck und im schlimmsten Fall konnte er die Augen dann rasch schließen ... was wiederum unsinnig war und die Sache nicht ungeschehen machen würde. Aber Azag war auch nicht dazu bereit sich einzumischen, das wäre, als würde er sich freudig zwischen zwei aneinanderreibende Kontinentalplatten schmeißen. Naja, freudig vielleicht nicht, aber es käme auf´s Selbe hinaus. Außerdem schienen sie das ja auch irgendwie zu wollen: "Ich bring dich um!" - "Versuch´s doch!" war eindeutig die Einigung auf einen Kampf und es klang ziemlich fest entschlossen. Währenddessen fing der Wolf neben Azag mit Acollon ein Gespräch über sehr ernste Themen wie Liebe und diktatorisch anmutende Rudelführung an. Nicht, dass er sich bereits anstellte für den nächsten Kampf, sobald Acollon nicht mehr verhindert sein würde.
Mitten im Gefecht schaute der schwarze Rudelführer auf und erfasste Azag mit einem analytischen Blick, was für sich schon unangenehm genug war und noch ein bisschen mehr, als er wegen dieser Unaufmerksamkeit im Kampf schmerzhaft von seinem Gegner erwischt wurde. Für ein schlechtes Gewissen blieb nicht viel Zeit und dann war es auch schon nicht mehr nötig, weil Azag eh sogleich bestraft wurde, als Acollon sich losriss und dabei vom Schwung gegen ihn geschleudert wurde. Er nickte fahrig bei der Entschuldigung des mächtigen Rüden, nach dessen kurzzeitiger Niederstreckung er sich wieder aufrappelte. Und dann trat auch schon der Fall ein, bei dem Azag lieber die Augen schloss. Das schlimme war nur, das hierbei das Geräusch wohl charakterischer war und der Anblick realtiv unspektakulär gewesen wäre. Nun war das Geräusch bei geschlossenen Augen Azags Fantasie überlassen und er wünschte sich, anders entschieden zu haben. Als er die Augen wieder öffnete, lag Acollons Gegner bewegungslos am Boden und ihm fiel auf, dass der Schnee sich an vielen Stellen rot gefärbt hatte. Der Zustand des Rüden musste endgültig sein, so wie er schrie und was er schrie ... Azag wollte dem Rüden neben sich abraten sich jetzt mit Acollon einen Kampf zu liefern, hatte ihn auch schon angestupst, aber seine Stimme machte nicht mit. Sein Hals war trocken. Eigentlich sieht der Schnee eher rosa aus , ging es ihm durch den Kopf.


Unruhig tänzelte sie nun auf den Pfoten umher. Thylia erschien fast wie auf Zuruf, und erklärte schon dass sie wieder gehen würde - das war schade, aber sie selbst kannte die Gefahr von der die Weiße sprach. Sie war eben nicht die erste Werwölfin in diesem Rudel.

Auf ihre Worte hin nickte sie, schenkte der Fähe ein Lächeln und stupste sie ebenfallls sanft mit der Nase an. Im Blick der gelben Augen lag Verständnis.

"Natürlich werde ich ihr das sagen. Den Grund allerdings wird Banshee so gut kennen wie du selbst"

Das Lächeln verschwamm, doch ein freundlich-hoffnungsgebender Ausdruck verblieb auf ihrem Gesicht, und sie wand sich Nienna zu.

"Manche Wesen sind nunmal geschaffen um zu töten - da kann auch der friedlichste Charakter nichts gegen tun..."

Beruhigend schob sie die Nase durch Niennas Fell, sah nun auch Sheena herankommen und drehte sich einmal um sich selbst.

"Dass uns dein knurrender Magen nur nicht die Beute verscheucht"

scherzte sie und pfotete nach der Fähe.
Endlich ging es los. Mit frischem Schwung setzte sie sich in Lauf, weg von der schützenden Höhle, hinaus in die tödlichen Schneemassen.

"Wir andern werden nichts fressen bevor wir nicht wieder bei der Höhle sind, allein für Thylia machen wir eine Ausnahme. Wir haben vier Wölfe die lange durch den Schnee gewandert sind, und diese haben absoluten Vorrang was das Futter anbelangt"

Nach dieser kleinen Erklärung spannte sie sich etwas und trieb ihre Läufe zu schnellerem Takt. Tatsächlich war die Zeit ein großer Feind, wenn man jagte um solch erschöpften Wesen zu Hilfe zu kommen.


Ein leises, entnervtes Seufzen verließ Averics Kehle, auf Tyraleens Antwort hin. Filterte die Jungwölfin nun jede Kleinigkeit aus seinen Worten heraus, die ihn schlecht dastehen ließen? Die tiefblauen Augen des großen Wolfes verengten sich leicht, und er sah Tyraleen mit einem etwas zur Seite geneigtem Kopf an.

"Averic will keiner verstehen, weil er ja so böse, schlecht und gemein ist. Aber bevor ich nicht mehr ich selbst sein darf, bin ich lieber tot.",

erwiderte er zynisch mit einem bissigen Unterton. Fast fragte er sich, warum er überhaupt noch hier lag und sich das anhörte, wenn ihm eh jedes Wort im Mund umgedreht wurde. Er hätte sich längst einen anderen Platz suchen können, wo ihn keiner mehr belästigte - zumindest vorerst. Aber auf zu stehen und weg zu gehen, war dem Pechschwarzen irgendwie auch zu dämlich. Außerdem sagte seine Schwester grade wieder etwas zu Cylin. Ein freier Wolf, da hatten sie das Thema wieder. Freiheit. Natürlich hatte sein Bruder überall hingehen dürfen, nur wenn er für sich selbst nicht die Verantwortung tragen konnte, wer außer ihm, Averic hätte es getan?

"Ich hatte Cylin versprochen, ihn immer zu beschützen ... und das ist mir nicht gelungen."

Der schwarze Träumer hatte sich vom Rudel abgesondert, Averic wusste, dass er lieber für sich gewesen war um irgendwo vor sich hin zu driften, in seinem Traumland zu leben. Er hatte ihn oftmals dabei begleitet. Aber trotzdem ... nein, Cylin hatte nicht vorgehabt ihn allein zu lassen, sicher nicht. Auch wenn es zum Ende hin öfters geschehen war, dass der Schwarze nicht bei ihm war. Trotzdem ... niemals. Es war allein seine Schuld, er hätte zu seinem Wort stehen sollen. Nun konnte er das nur noch wieder gut machen, indem er irgendwann Rache nehmen würde. Und das ganz sicher. Langsam ließ der Pechschwarze den Kopf wieder auf die Pfoten sinken und drehte den Blick, plus ein Ohr zu Tyraleen herum.

"Übrigens, wenn ich nicht wollen würde, dass mich jemand versteht, hätte ich dir das alles nicht erzählt.",

bemerkte Averic noch knapp, aber schon nicht mehr so kühl. Er hatte keine Lust mehr. Außerdem begann es langsam in seinem Rücken zu kribbeln, irgend etwas brachte ihn dazu den Kopf zum Höhleneingang zu drehen und in den Schneesturm zu starren, als würde er etwas erwarten und lauern. Doch der Schwarze sah nichts und so zwang er sich, den Blick wieder von dort ab zu wenden.


Die Szene, die sich nun vor ihm abspielte kam ihm merkwürdig bekannt vor. Es war genau wie damals, als die kleine Welpin ihren vor Angst bebenden Körper an den leblosen Körper ihrer Mutter schmiegte, der große, schwarze Wolf, der sie bedrohte. Lunar sah es vor sich, als wäre es kaum ein paar Herzschläge her. Doch diesmal war er nicht der Retter, diesmal war er der Böse, der seiner kleinen Schwester Angst machte. Sein Herz schlug wie wild gegen seinen Brustkorb, Schmerz zerstörte jede Faser seines Seins. Und plötzlich war Lu zurück, Shanis Lu. Alle Kraft schien aus seinem geschmeidigen Körper gewichen zu sein, der leere Ausdruck in seinen Augen wurde weicher. Langsam, unendlich langsam senkte Lu den Kopf und berührte mit der Schnauze sachte die Stirn seiner Schwester. Mit dieser Bewegung berührte er nicht nur ihren Körper, sondern stieß genauso sacht an ihre Seele, berührte ihren Geist mit seinem. Er wusste, dass seine Schwester diese Berührung spüren konnte, noch mehr, als jede körperliche. Er hielt die Berührung nur so lange aufrecht, das Shani nicht genug Zeit hatte zurückzuzucken, denn er wusste, dass er es nicht hätte ertragen können, wenn sie vor ihm zurückweichen würde. Ihm – ihrem Bruder. Luuu~…
Mit einem gequälten, schmerzerfüllten Blick trat er einen Schritt vor ihr zurück. Es war nicht nur ein Schritt, denn ihm kam es vor, als bewegte er sich durch diesen nur einen Schritt, meilenweit von ihr fort. Als entstand plötzlich die unsichtbare Mauer von neuem, durch die er sie nicht spüren konnte, durch deren Sicht sie eine andere war. Nicht seine Shani. Sie war ihm eine Fremde geworden, mit jedem Schritt, den er sich von ihr entfernte und in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er es nicht ertragen könnte, sie erneut zu verlieren. Dass er ohne sie nicht mehr leben konnte, nicht jetzt, wo sie ihm so nah war und gleichzeitig so unendlich fern. Denn es schien ihm, als würde sie sich mit jeder Minute, in der er ihr nicht näher kam nur noch weiter von ihm entfernen, bis sie erneut am Horizont verschwand.
Tränen schimmerten auf seinem dunklen Gesicht und gefroren sofort zu leblosen Tropfen, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte. Lu senkte still den Kopf, eine stumme Geste, damit sie seine Tränen nicht sah, schon fast erwartete er ihre Zunge auf seinem Gesicht zu spüren, die die gefrorenen Tränen fort wusch. Doch schon im nächsten Moment glaubt er nicht mehr daran, denn die Erkenntnis traf ihn hart, wie eine Messerklinge, die sein Herz in tausend Teile schnitt. Wie ein Puzzle, dachte er, du musst sie aufsammeln, Shani… und dann baust du mein Herz wieder zusammen. Aber du würdest nicht verstehen…
Ein trauriges Lächeln huschte über seine Lefzen.
Aber ich verstehe jetzt… alles. Ob sie auch verstehen würde? In seinen Augen lag nun etwas Flehendes, ein verzweifelter, bittender Blick, der ihren suchte und auf Verständnis hoffte. Bitte, vergib mir. Sagten seine Augen, die von unten zu ihr empor blickten. Doch seine Stimme sagte bloß:

„Du hast… du hast mir geglaubt.“

Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Sein Blick wurde leer und schweifte von ihr ab. Er konnte es nicht sagen, seine Zunge war einfach nicht in der Lage die Worte zu formen, die sich in seinen Gedanken immer und immer wiederholten. Er stand einfach nur da, hielt den Kopf so tief, das er zu ihr hinauf blicken musste, wenn er ihr in die Augen schauen wollte. Wie in einer nicht enden wollenden Trance folgte er ihren panischen Blicken, die ins Leere starrten. Und er begriff, Shani sah etwas, das nicht existierte. Diese unendliche Furcht, die Panik machte ihm Angst. Unschlüssig machte er einen Schritt auf sie zu, ohne den Blick von ihren Augen zu nehmen. Er wollte sie berühren, ihr gut zureden, sie trösten, ihr die Worte sagen, die sie hören wollte, hören muusste, um endlich verstehen zu können. Doch er konnte es nicht, er fühlte sich schwach und hilflos. Erneut überkam ihn die Verzweifelung, nicht enden wollende Dunkelheit. Shani. Shani. Shani. Er riss sich von seinen Gedanken los, die Worte kamen nun, wo er sich mit aller Macht dazu zwang sie auszusprechen, wie von selbst. Bitte glaub mir, sagten seine Augen. Bitte, Shani du musst… bitte .Die Worte, die nun über seine Lefzen kamen, waren nicht mit derselben Intensität, wie sie seine Augen sagten, sondern vielmehr voller Verzweifelung und Hoffnungslosigkeit.

„Shani, bitte hör mir zu. Ich habe gelogen. Das was ich damals gesagt habe, zu dir… es war eine Lüge. Du bist an nichts schuld, wenn jemand Schuld ist, dann bin ich es. Ich hätte nicht fortlaufen sollen. Wenn ich geblieben wäre, dann hätte ich für euch kämpfen können. Doch ich wollte, dass ihr in Frieden leben könnt, damit Va- …Erôn so tun konnte, als hätte es mich nie gegeben. Ich wusste, dass er es so wollte.“

Er ließ den Kopf hängen, wich ihrem Blick aus, als er von ihrer Familie zu sprechen begann. Denn es war in gewisser Weise seine Schuld. Er hatte sie nicht angelogen, er hatte seinen Adoptivvater nicht, hatte ihn nie gehasst. Doch trotzdem empfand er plötzlich eine unbezähmbare Wut, nicht nur auf seinen Vater sondern auch auf sich selbst. Er hätte es wirklich verhindern können. Hätte er doch bloß einen Tag gewartet… einen Tag. Dann hätte Shani dies alles nie durchleben müssen… Doch er hätte auch nie die Chance gehabt, sie wieder zusehen, nicht solange sie unter der Herrschaft ihres Vaters stand. Er zwang sich von seinen Gedanken fort, er musste weiter sprechen, sie musste verstehen.

„Ich hasse dich nicht… ich habe dich nie gehasst. Seit dem ersten Moment, in dem ich mit dir zusammen war, habe ich dich geliebt. Du bist meine Schwester Shani, ich könnte dich nie hassen. Du warst immer für mich da… und du wusstest nicht, warum ich so deprimiert war und trotzdem hast du mich immer getröstet. Ich habe dir nie gesagt, das Erôn mich geschlagen hat, er hat nach mir geschnappt sobald er unzufrieden war. Doch ich wollte nicht, dass du die Verletzungen und Wunden sahst. Du warst noch so klein. Und ich hatte Angst, dass er auch dir wehtun würde, wenn er erfahren hätte, dass du alles wüsstest. Das wollte ich nicht. Ich wollte dir nichts vorspielen, ich wollte dich auch nicht anlügen.“

Er hielt einen Moment inne, sein Blick suchte erneut den ihren. Er wollte kein Mitleid. Er wollte bloß Verständnis. Und wieder schaute er in ihre grünen Augen und musste gegen das Verlangen ankämpfen vor ihrer Furcht davon zu laufen, er wollte ihre Angst nicht sehen, denn sie tat ihr so unendlich weh, doch er widerstand dem Schmerz und sprach weiter, als wäre nichts gewesen.

„Damals dann, als ich den Mörder (Das Wort ließ ihn zusammenzucken, denn wieder wurde er daran erinnert, dass er keineswegs besser war) getötet hatte… da… da dachte ich würde sterben. Ich wollte nicht, dass du dabei bist, weil du schon so viel Schmerz gesehen hattest. So viel Leid. Und noch immer warst du bloß so klein. Ein Welpe. Du hättest es nicht verstanden. Deshalb sagte ich dir, ich würde dich hassen, ich hoffte du würdest einfach davonlaufen, ehe ich sterben würde. Und ich hoffte, dass es dir gut gehen würde, dass du vergessen würdest, dass du irgendwo eine Familie finden würdest, die dich aufnimmt. Und so war es ja auch. Trotzdem hatte ich Angst, Angst, dass dir dasselbe passieren würde, wie mir. Doch du hast Glück.“

Schloss er mit leerer Stimme. Bitte, sagten Lus Augen erneut, Bitte versteh das, vergib mir. Er schwieg eine Weile, sein Blick glitt kurz zu dem Grauen hinüber, dem Grauen mit den grünen Augen, aus dessen Richtung Shani gekommen war. Und der noch immer dort stand und auf sie wartete. Er verzog kaum merklich die Lefzen, sein Blick suchte wieder den seiner Schwester. Noch immer stand er zusammengekauert und mit demütig angelegten Ohren vor der kleine, weißen Fähe. Und endlich schaffte er es die Worte zu finden, nach denen er die ganze Zeit gesucht hatte, all das, was bis jetzt nur seine Augen gesagt hatten. Was seine Zunge nicht hatte sagen können.

„Ich weiß, das ist keine Entschuldigung. Ich habe einen Fehler gemacht… doch bitte Shani. Du kannst alles von mir verlangen, was du willst. Wenn du sagst, ich soll gehen, dann gehe ich und werde nie mehr zurückkommen und dich in Frieden leben lassen. Doch bitte, verzeih mir vorher.“

Lu schloss die Augen. Die Worte waren ihm unendlich schwer gefallen , doch er wusste, es waren die richtigen. Tränen quollen unter seinen geschlossenen Lidern hervor und rollten stumm über seine dunklen Wangen. Er wollte nicht gehen. Wollte sie nicht verlieren. Denn er konnte nicht ohne sie leben. Wenn sie sagen würde er solle gehen, dann würde er gehen. …und sich die nächste Schlucht hinunter stürzen, dachte er verbittert. Denn er konnte nicht ohne sie leben. Nicht ohne seine Sternschnuppe. Nicht ohne ein Licht, denn die Dunkelheit würde er nicht länger ertragen können.



Keuchend und fast vor dem Zusammenbrach starrte Acollon fest auf den Boden. Seine Schulterblätter drückten fest aneinander und schienen dem Schwarzen mehr Halt geben zu wollen. Der Fang war wie sein Blick zu Erde gerichtet.

„Nein“,

flüsterte der Sieger dieses Kampfes. Es dauerte bis er wieder einige Kraftreserven fand um seinen Blick auf den Grauen zu richten. Es wäre für diesen die Befreiung gewesen. Und das wollte der Schwarze weiß Gott nicht. Er sollte leiden, so wie es auch Acollon getan hatte, büßen, was er verrichtet hatte. Und da war noch ein anderer Grund, doch den schob er weit von sich weg.

“Dein Leben soll geprägt sein. Vergiss niemals mit wem Du Dich angelegt hast. Jeder wird sehen können, wie skrupellos und feige Du warst. Und jeder soll erkennen, dass es einen Wolf gab, der Dich niederstreckte. Lebe und lerne“,

sprach er sehr monoton. Dann fiel sein Blick knapp zu Shit, der eben noch den Schwarzen herausgefordert hatte. Doch das Ende war schon geschrieben, also brauchte er sich nicht mit weiteren Kämpfen abmühen. Es war lästig überhaupt nur an einen weiteren Kampf zu denken. Der Blick fiel wieder auf den Fremden (Azag). Er schien nicht sonderlich angetan von diesem Specktakel. Und Acollon konnte ihm das nicht einmal verübeln. Der Schwarze hatte soeben die schlimmste Strafe verhängt. Langsam und allmählich schritt er vorwärts. Bedacht auf jeden einzelnen Schritt, der ihn in die Höhle führen würde. Es sah gerade so aus, als würde der Alpha ein Spaziergang in seinem Revier machen.

Er verschwand im Dunklen der Höhle. Der Geruch, der ihn gerufen hatte, wurde hier immer stärker. Es bestand kein Zweifel, Banshee war hier. Wortlos suchte er die Nähe seiner Gefährtin und setzte sich seufzend auf die Hinterläufe. Seine Knochen dankten ihm diese Entscheidung. Verwundet und gehetzt von sehr vielen verwirrenden und brutalen Eindrücken mochte der Schwarze nichts sagen. Sein Schweigen war eher ruhig und nachdenklich. Nicht unangenehm und aufdringlich. Vielleicht bedarf dieser Moment auch keiner Worte? Acollon fielen zumindest keine vernünftigen ein.


Der junge Rüde schritt ein wenig verwirrt durch die Gegend. Sein Bruder hatte ihn vorgeschickt, er würde bald nachkommen. Eigentlich war es Aki nicht gewohnt allein zu sein, ohne seinen Bruder also. Zwar hatte es natürlich auch Vorteile, wenn Shakar nicht in seiner Nähe war, denn dann konnte er einer seiner heimlichen Leidenschaft nachgehen. Dem Essen von berauschenden Pilzen. Und es war erstaunlich, wie viele Aki immer davon fand. Manchmal übernahm er sich allerdings mit den guten Lüsten. Genau wie auch jetzt. Er taumelte ein wenig hin und her, bemerkte kaum, wo er eigentlich hinging. Er machte sich keine Sorgen darum, dass Shakar ihn nicht finden würde, eher darum, dass er sich selbst gerne in Schwierigkeiten brachte.

“Uhm, mal sehen“,

murmelte er zu sich selbst und sah endlich von der weißen Schneedecke auf. Etwas schielend blickte er einen sehr steilen Abhang hinunter, dort unten bewegten sich kleine schwarze Punkte. Er versuchte seine Sehsinne zu schärfen. Das Bild verschwamm immer wieder, aber er glaubte Artgenossen zu sehen.
Ohne wirklich nachzudenken, wollte er weiter schreiten. Er hatte vergessen, dass sein weg nach unten führte. Und so passierte das, was voraus zu sehen war. Der Schwarze rutschte kopfüber den steilen Abhang hinunter. Schlagartig war die Adrenalinproduktion auf Höchstleitung gestellt. Aki riss die Augen weit auf, um sehen zu können, wo er lang rutschte. Auch wenn er ein Hindernis erspäht hätte, er würde keine Chance haben diesem auszuweichen. Nach einigen schrecklichen Momenten kam er unten an. Leicht keuchend rappelte er sich und blickte umher. Er war direkt in ein Nest voller Wölfe gelandet. Und keiner schien ihn Willkommen zu heißen.

.oO(Nun gut, erst einmal sitzen bleiben und abwarten, was passiert. Irgendwann werden sie Dich sehen. Spätestens, wenn Du hier festgefroren bist.)Oo.


.oO(Lass uns das nachher unter Freunden klären…?)

Shit wurde beinahe schlecht vor Wut, als Acollon ihn wie ein wertloses Stück Dreck behandelte. Wie einen Diener, einen Sklaven. Einen dummen Welpen. Einen Narren, eine bedeutungslose Kreatur. Es war schlimm genug, dass er nicht viel mehr war, aber sich ihm gegenüber so zu verhalten und ihn das alles spüren zu lassen, verletzte nicht nur, es säte Gefühle in seinem Herzen, die hätten verschlossen bleiben sollen. Auf die dämlichen Worte des Wolfes, gegen den Acollon kämpfte, reagierte er nicht. Wozu? Er mischte sich nicht in diesen Kampf ein. Er hätte ihm helfen können, denn für gewöhnlich war er immerhin ein Feind von Gewalt und soviel sinnlosem Schmerz, aber gerade jetzt war es ihm egal. Er beobachtete regungslos, was sich abspielte und wünschte sich, sie würden beide tot umfallen. Bitterer Weise verbot er sich den Wunsch, dass Acollon zu Tode kam, weil er die Traurigkeit Banshees nicht ertragen hätte.
Gleichgültig wartete, bis die beiden Dummen all ihre Aggressionen ausgetauscht hatten, dann wollte er sich dem Alpharüden zuwenden. Dieser schenkte ihm allerdings nur noch mehr Missachtung und schritt davon. Ein tiefes Grollen stieg aus seiner Kehle und sein Blick verfinsterte sich. Das Stupsen des ihm Unbekannten änderte nichts, er ging, als wäre es nicht da gewesen, hinter Acollon her. Gefangen in einer unheilvollen Welt. Es war, als wäre er der Sklave seines eigenen Körpers. Irgendwo tief in seinem Inneren wollte er gehen, fortziehen und den Abschaum Acollon hinter sich lassen und seine geliebte Banshee, doch alles Andere forderte Blut. Es fühlte sich in seinem Herzen beinahe so an, als wäre er Schizophren geworden. Vielleicht war er das in all der Zeit auch geworden, in der er Shitani verleugnete, in der er jemand anders war. Ohne Augen für irgendetwas um ihn herum, betrat er die Höhle, in der Acollon verschwunden war. Hass loderte in seinen Augen und er stürzte auf diesen zu, riss ihn zu Boden und wollte seine Zähne in seinem Hals vergraben, als ein Impuls seinen Körper wieder aufrichtete und er sich wortlos umwandte und aus der Höhle eilte. Mit schnellen Schritten verschwand er in den Schneemassen und kämpfte um jeden Funken Vernunft, den er irgendwo in sich besitzen musste.

„Shit, was tut er nur? Er hat gesagt, was er sagen wollte, Shit hat gegen einen Stein angeredet. Er kann nichts ändern, er kann niemandem helfen, am allerwenigsten sich selbst. Shit kann Acollon nicht besiegen, solange Banshees Herz an ihm hängt. Er kann gar nichts tun. Shit wird nicht gesehen und nicht gehört, er ist nicht länger da und genauso sollte er sich auch verhalten.“

Der große Rüde schüttelte sich, als wolle er sich selbst loswerden und alle Gefühle, die damit verbunden waren. Hass, Aggression, Wut und Zorn, Hilflosigkeit, Schwäche, Erinnerungen an die Vergangenheit. Es war, als hätte er sich selbst daran erinnern müssen, wieso er sich Shit nannte und warum er nicht den Namen Shitani angenommen hatte. Jetzt war ihm alles wieder eingefallen. Er war ein einsamer Wanderer, die einsame Pfote, ein Wesen, das nur in seiner eigenen Vorstellung existierte. Ein bisschen etwas von dem, was er einst war, ehe sie ihn brechen wollten. Sie hatten ihn zerbrochen, aber ihm blieb noch das Wissen an die Welpentage, in denen er beinahe ohne Sorge gelebt hatte. Ohne Liebe, ohne Freundschaft, ohne Vertrauen, ohne einen Spielgefährten. Er ersetzte sich selbst, gegen die ganze Welt und damit war er gut klar gekommen. Seit so vielen Mondwenden war er einfach der Ersatz für das, was er gerne an seiner Seite gewusst hätte.

„Shit wollte sich wohl mal wieder nicht mit den Tatsachen abfinden. Es reicht nicht, nur der Welt das Schauspiel vorzuspielen. Sie glauben und glauben nicht, aber vor allen Anderen muss es Shit doch selbst glauben! Shit ist ein unzureichender Wolf, aber es darf nicht sichtbar sein. Shit… Ja, Shit ist eine Katastrophe, nur die Wahrheit darf niemand sehen.“

Endlos viele Herzschläge lang lief er einfach nur weiter, bis er sich unter einen Felsen setzte und zurück blickte. Er war sich nicht sicher, ob seine Pfoten je wieder dem Pfad zum Rudel folgen würden. Er hatte Shitani nicht unter Kontrolle gehabt, er war nicht bereit gewesen, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, er hatte dies nur zu spät gemerkt. Doch vielleicht würde er als uralter Wolf noch nicht dazu bereit sein und das bedeutete, verflucht zu sein, zu ewiger Einsamkeit.

„Shit ist sowieso dazu verdammt. Tröstenderweise hat Shit nichts zu verlieren.“

Er machte sich über sich selbst lustig und amüsierte sich an dieser Ironie des Schicksals. Zeit, ein wenig zu Tanzen. Wie ein Jungwolf umkreiste er in Windeseile den Felsen, unter dem er eben noch gesessen hatte. Beim Fangen spielen, mit dem Wind, wurde jede Sorge und jedes Problem einfach davon getragen.


Sich jener monotonen Ruhe des Schneefalles hingebend, setzte Face Taihéiyo immer weiter eine Pfote vor die andere, lenkte sich selbst gar nicht mehr. Er fühlte den Wind, wie er an seinem seidigen, etwas länglichem Pelz zerrte und ihn voran trieb, doch er spürte nicht den Schnee unter ihm. Warum war er nicht bei der Höhle geblieben und hatte Ninniach Favéll vernünftig begrüßt? Nun, erst einmal wäre zu erwähnen, dass jener tiefschwarze Wolf vor der engen Höhle flüchtete und Zweitens ... was hieß schon vernünftig begrüßen? Er war nicht wie die anderen Wölfe, außerdem wurde Face durch sie daran erinnert, was es hieß tot zu sein. Denn damals war die Jagd. Durch schwere Huftiere gebrochen und umgebracht und doch nicht gestorben. Noch einmal. Nichts gespürt. Aber sie, sie hatte dort im Matsch gelegen und alles gespürt, während er bloß da stehen konnte und nicht einmal wusste wieso er es tat. Und dann noch dieser Welpe ... Aber nun war es ja vorbei. Die Spuren, die sich hinter ihm durch den Schnee zogen, waren kein Trugbild für den Unwissenden mehr, sie waren da, sie waren real, genau wie es der Wolf wieder war, der sie hinterließ. Aus der Asche wieder auferstanden. Asche, so schwarz ... und doch noch nicht einmal so schwarz wie er. Zu Staub zerfallenes Leben.
Face Taihéiyo war noch gar nicht mal so weit gelaufen, als ihm die weiße Fähe im Schnee wieder auffiel. Sie war ganz abseits vom Rudel und wenn sie noch weiter so rumliegen würde, käme der Tod sicherlich ebenso schnell auf seinen leisen Pfoten. Eigentlich brauchte ihn das gar nicht zu interessieren, was jemand aus seinem Leben machte war nicht das Problem des Tiefschwarzen, allerdings holte er sich an der Stelle wieder ins Bewusstsein, dass Banshee ihn zum Beta des Rudels ernannt hatte. Es gehörte zu seinen Pflichten. Ein tonloses Seufzen verließ Faces Kehle und er drehte kurz den Kopf herum, zurück zur Höhle. Er konnte als dunkle Kleckse in der Landschaft ein paar Wölfe ausmachen, aber hier würde wohl keiner so schnell hinkommen. Stumm drehte der Tiefschwarze das Haupt wieder nach vorne und schritt weiter. Seine saphirblauen Augen waren unverändert ausdruckslos, gar vollkommen leer, aber sein Gang hatte etwas zielstrebiges an sich. Sein Gang war der eines Wanderers, welcher schon Tausend rastlose Meilen hinter sich gebracht hatte, aber immer noch grade stand. Endlos viele Male erstickt und endlos viele Male nicht gestorben ...
Mit einigen Metern Seitenabstand von der Weißen hielt er dann inne, den Blick aber weiterhin nach vorne gerichtet. Nur langsam wandte er den Kopf herum und ließ die einzigartigen Augen auf ihr ruhen.

Ist alles in Ordnung bei Euch, Fähe?“,

fragte Face Taihéiyo mit dunkler, klarer Stimme. Er sprach nie besonders laut, immer eher mit einem ruhigen, manchmal fast ausdruckslosem Ton. Trotzdem war es laut genug, damit die Fähe ihn verstehen konnte.


So versuchte sie sich abzulenken, die Wahrnehmung des Fremden einfach zu ignorieren. Sie wollte es einfach gar nicht wissen, auch wenn es jetzt noch von großer Bedeutung für sie sein konnte, denn sie war noch nicht tot. Sowieso schien sich das Ende hinauszuzögern, dabei wusste sie nicht, wofür sie noch lebte. Es war sinnlos geworden, die Monde verstrichen und nichts wurde besser. Es gab Hochs und Tiefs, doch die Hochs in ihrem Leben waren so tief, dass sie sich nicht als Hoch bemerkbar machten. Es war nur ein ewiger Dämmerzustand, ja, sicher auch eine Spur von Selbstmitleid. Doch war das nicht auch etwas angebracht, nach alle dem, was geschehen war? War es nicht einfach nur die reale Wahrnehmung? Man wusste doch, wenn man litt, oder etwa nicht? Wäre es nicht schlimmer gewesen, sie hätte nicht ein Mal das gemerkt? Oder wäre es besser gewesen, weil das Leid dann nicht wehgetan hätte? Jetzt witterte sie den Wolf immer mehr, er musste ihr näher gekommen sein, oder der leichte Wind hatte sich gedreht, doch das glaubte sie nicht. Ihr Raten um den wahren Ablauf wurde spätestens dann beendet, als sie plötzlich eine tiefe, männliche Stimme hörte. Sie erschrak, die Erinnerung an diesen unschönen Traum kam wieder hoch. Wurde er jetzt Realität? Würde sie einen grauen Rüden, mit hellen, blauen Augen sehen, der sich mit erdrückender Hilfsbereitschaft erkenntlich zeigen wollte? Ihr Herz schlug schneller, ihr flacher Atem wurde unruhiger. Sie wollte sich gar nicht umdrehen, selbst wenn sie es gekonnt hätte. Der Fremde fragte sie nach ihrem Befinden. War es eine ironische Frage? Eine drohende Frage? Verschiedene Thesen wehten ihr förmlich durch die Gedanken, verwehten wohl die Realität. Sie wollte niemanden in ihrer Nähe. Außerdem war es ein unschönes Gefühl, wie Beute am Boden zu liegen, wie Dreck .. wie .. tot.
Sie krümmte sich weiter zusammen, wollte sich, von der Natur aus, schützen und zwängte die Pfoten an ihren Körper, legte die Rute noch enger an und kniff die Augen zu.

„Mh..!“

Ein Laut, der dem eines Schlafenden gleichkam, den man geweckt hatte und der so verschlafen war, dass er das nicht schön finden konnte, aus seinen Träumen gerissen worden zu sein, kam aus ihrer Nase. Es war ein Laut, der symbolisierte, ganz unbeabsichtigt, dass sie niemanden sehen wollte, dass sie unzufrieden war, dass man sie hier so liegen sah, wobei sie das nicht ändern konnte und dass sie zu schwach war, eine ausführliche und normale Antwort zu geben. Sie krümmte sich so stark zusammen, wie es nur ging und spürte dabei ihr weiches Fell. Sie versteckte ihr Gesicht und legte die Ohren an, sie wollte keine weiteren Fragen hören .. natürlich ging es ihr nicht gut!


Ob sie wohl eingeschlafen war? Hima konnte es sich im Nachhinein selbst nicht beantworten, aber ohne dass sie irgendetwas gehört hatte, befand sich plötzlich die Alpha des Rudels direkt vor ihr und Sam. Wenn sie geschlafen hatte, dann war es wohl auch nur die plötzliche Gegenwart dieser Wölfin, die sie aus dem Schlaf gerissen hatte - denn noch bevor diese gesprochen hatte, war die weiße Fähe hellwach. Mit einer gewissen Kraftanstrengung kam sie auf die Läufe, schüttelte den Pelz aus und setzte sich dann der Alpha in gebührendem Abstand gegenüber. Sie vernahm ihre Worte, die wie Balsam für ihre Seele waren: kein Rauswurf aus der Höhle, sondern ein 'Wilkommen'. Ein leichtes Lächeln trat auf ihre Lefzen,tauchte ihre grünblauen Augen in ein wärmeres Licht, dass auch kurz Sam streifte, die immernoch träumend neben ihr lag. Anscheinend war die Jüngere wirklich sehr erschöpft gewesen und befand sich weiterhin tief im Schlaf, sodass Hima beschloß, auch für ihre Begleiterin zu sprechen. Denn nun hatte die weiße Alpha geendet, wartete geduldig auf eine Antwort und Hima wollte sie nicht enttäuschen und warten lassen.

"Ich grüße dich, Alpha dieses Rudels. Und ich möchte dir auch noch einmal dafür danken, dass du uns beiden Schutz gewährst. Mein Name lautet Hima, und das hier..-"

Sie ruckte mit dem Fang in richtung der Schlafenden und senkte plötzlich die Stimme, als wollte sie die Andere nicht mit ihrer Stimme und dem Klang des eigenen Namens wecken.

"Das ist Sam. Ich habe sie ein langes Stück weit weg von hier gefunden... Oder bessergesagt: sie mich. Ich bin schon recht lange allein umhergewandert, wurde schon von einigen Rudeln verstoßen... Ich bin ihnen deswegen nicht böse. Überall ist der Winter nicht gerade leicht zu überstehen, auch wenn ich sagen muss, dass er hier besonders hart zu sein scheint... Um ehrlich zu sein, ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, weiterleben zu dürfen. Und Sam wohl auch... Aber da war etwas! Es ist schwer zu erklären, aber ich werde es versuchen. Ein innerer Drang, als würde jemand mein Herz in eine bestimmte Richtung lenken und ziehen wollen, aber nicht grob sondern sanft - aber mit einem bestimmten Nachdruck, denn sonst würde ich wohl kaum überlebt haben. Also habe ich versucht, meinem Herzen zu folgen, dass mir als erstes riet, zu warten. Auf was, das wusste ich nicht, bis diese junge Fähe hier auftauchte. Und ab dann ging es weiter, blind durch den Schneesturm aber trotzdem immer mit einem Gefühl, dass wir es schaffen würden. Dazu kam dann noch Wind, der von hinten auf uns eindrängte und jede Wegfehler zu korrigieren wusste... Ich weiß, es klingt alles sehr merkwürdig."

Sie versuchte ein leises Lachen anklingen zu lassen, doch es endete eher in einem keuchenden Hustenanfall. Gequält blinzelte sie zu ihren Pfoten, die immernoch wundgescheuert auf dem kalten Steinboden ruhten. Nach einigen Sekunden, in denen sich ihr Atem wieder zu beruhigen wusste, blickte sie erneut hoch, freundlich lächelnd, bittend, und doch gleichzeitig fest.

"Ich hoffe, dass Du und Dein Rudel uns bei euch aufnehmen könnt... Ich weiß zwar nicht genau, wie es bei Sam ist, aber bei mir weiß ich, dass der Wunsch weiterzureisen noch lange nicht da ist."



Face blieb unverändert stehen und sah stumm auf die weiße Fähe hinab, sie schien ihm jedoch nicht antworten zu wollen. Stattdessen krümmte sie sich zusammen, als hätte sie Höllenschmerzen. Der endlos schwarze Rüde zuckte nur leicht mit einem Ohr, seine leere Mimik blieb unverändert. Sie lag da genau wie jene Schwarze, damals. Und genau wie damals, konnte er nur da stehen und nicht wissen, was zutun war. Ihm war, als würde er wieder auf dieser riesigen Ebene stehen und rennen, ohne den Boden unter seinen Pfoten zu spüren. Man riss ihn von den Pfoten, trampelte über ihn hinweg und ließ ihn in einer bizarren Stellung am Boden liegen, weggeschleudert wie ein Stück Dreck. Was war passiert? Jener Flammentänzer war schon nach wenigen Sekunden wieder aufgesprungen, als wäre nie etwas passiert. Acollon und Eris waren damals in seiner Nähe gewesen, er hatte noch genau die verhöhnende Stimme des Leitwolfes im Ohr ... „Sorge Dich nicht um jemanden, der nicht sterben will, Eris. Er wird uns mit Sicherheit nicht das Vergnügen schenken und sterben.“
Aber er ... er hatte ja noch nie von irgendwas eine Ahnung gehabt. Zumindest nicht, was ihn anging. Gestorben, war er bereits. Und zwar aus freiem Willen. Face Taihéiyo war in einem Flammeninferno verbrannt, hatte die Welt jedoch nicht verlassen. Es war ein grauenhaftes Gefühl zwischen Raum und Zeit gefangen zu sein, nicht atmen zu können, nicht zu leben, aber auch nicht richtig tot zu sein. Man hing in dieser Leere, in einem Vakuum, als das personifizierte Nichts. Jetzt hatte man ihm das Leben zurück gegeben, nachdem er irgendwie nachgegeben hatte, denn alles war ihm lieber gewesen, als die Unendlichkeit, in der man jede Sekunde starb, in der man wandelte ohne Pause. Man schloss die Augen ohne zu schlafen. Man rannte geschwind ohne den Wind zu spüren. Man wurde berührt, ohne es wahr zu nehmen. Der Körper war eine dumpfe Hülle. Es gab keine Gefühle, die man ausdrücken konnte, man hinterließ keine Spuren im Schnee. Man gehörte nicht mehr zur Welt. Immer nur Leid und Schmerz. Da war selbst ihm das Leben lieber gewesen.
Langsam, in einer einzigen, ruhigen Bewegung, ließ sich Face Taihéiyo auf die Hinterläufe sinken, immer noch den leeren Blick auf die weiße Fähe gerichtet. Was hatte dieses Wesen so zerrissen, dass es zitternd vor ihm im Schnee liegen musste?

Wenn du hier im Schnee liegen bleibst, wirst du erfrieren ... und glaub mir, der Tod bringt niemandem Erlösung ...“,

wisperte er fast, aber so, dass die Wölfin ihn noch verstehen konnte. Der Tiefschwarze kannte nicht mal ihren Namen und ebenso wenig war er sich sicher, ob die Weiße wusste, wer er war. Und er wusste ebenso wenig, ob er ihr helfen konnte. Er war nicht der Typ, der anderen auf die Beine half, nein, er ganz sicher nicht. Nur da sitzen, das war das Einzige. Seltsamer Weise hatte er Ninniach Favéll damals dadurch helfen können. Hier war er sich nicht sicher, ob es etwas brachte.


Rasmús tauchte nur langsam aus seinem Schockzustand auf, noch immer strafte ihn die Gewissheit, dass die ganze Aufregung Tyel aus seinem Gedächtnis gelöscht hatte, wie endlose Schläge. Sie prasselten auf ihn nieder und nur ganz allmählich wurde er wieder wach, rappelte sich aus seiner Schuld auf wie aus einer bleiernen Lache aus zäher Flüssigkeit. Dann plötzlich war er vollkommen aufgeregt, sein Befinden schlug um wie ein Metronom. Kopflos und total überstürzt verließ Rasmús die Höhle, den Schnee unter seinen Füßen. der Sturm hatte sich verzogen, doch der Wind heulte noch unangenehm in seinen Ohren. Es rauschte überall, einzelne Schneeflocken fielen noch immer auf die Erde, ganz so, als könne der Himmel nicht aufhören damit, die Welt unter sich zu begraben.

Die Pfoten des Rüden sanken tief in den Schnee ein, bis zum Bauch versank er in dem flockigen Weiß, und es kostete ihn ein großes Maß an Kraft, erst einmal aus Sichtweite der Höhle zu kommen. Er hinterließ eine breite, tiefe Schneise im Schnee. Der Rückweg würde nicht so anstrengend werden, wenn der Schnee einmal zusammengesunken war.
Keuchend setzte der Graue seinen Weg fort, die Luft bildete dichte weiße Dunstwolken über seinem Kopf. Sein Herz ging schwer, er musste sie finden. Nur wo, in dieser Panorama-Landschaft, die ihn vor Helligkeit fast blendete? Bald musste Rasmús seinen Spurt aufgeben und sich auf einen schnellen Wolfstrab beschränken. Die Zunge hing ihm aus dem Fang, er hatte Mühe, mit den Pfoten den Halt zu finden, den er zur schnellen Fortbewegung brauchte.

"Tyel! TYEL!",

rief der Rüde immer wieder aus, blickte sich nach allen Seiten aufmerksam um. Er musste sie finden, würde sie finden. Obwohl ihm die eisige Luft in die Kehle schnitt, der schwere Atem sie direkt in seine Lunge trug und dort Kälte verbreitete, rief er immer wieder, wurde dadurch jedxoch immer atemloser. Es schwindelte ihm, bald würde er eine Weile Pause machen müssen. Wie weit konnte seine Schwester entfernt sein?

"Tyel!!!"


Bestimmt würde der Fremde nicht lockerlassen, so einfach ging man nicht, wenn man so etwas Seltsames gesehen hatte, wie er es nun tat. Eine Wölfin am Boden, nur noch mit dem Willen, aus dem Leben zu scheiden und alle Qualen hinter sich zu lassen, die nicht ein Mal mehr fähig war, eine ausführliche Antwort zu geben. Sie machte sich also darauf gefasst, dass noch weitere Fragen folgen würden, irgendwelche Sätze, Aussagen, die wahrscheinlich nichts mit ihr zu tun hatten und genauso gut an jeden anderen gerichtet hätten werden können, weil er nichts über sie wusste. Sie legte es auch gar nicht darauf an, vernünftige Antworten zu geben, weil er es sowieso nicht verstehen würde. Er sah nur eine gebrochene Fähe auf dem Boden, die hilflos auf den Tod im Eis wartete. Aber sie wusste es besser, sie wusste, dass es besser war, zumindest meinte sie das. Als sie seinen neusten Satz vernahm, riss sie die Augen weit auf, er konnte es nicht sehen, daher konnte es ihr gleich sein. Der Satz war nicht zutreffend, aber er war wiederum so unzutreffend, dass er, setzte man ihn genau ins Gegenteil um, genau das war, was zutraf. So konnte sie nur spekulieren, ob er ein besonders guter Personenkenner war oder ein besonders miserabler.
und glaub mir, der Tod bringt niemandem Erlösung ..
und glaub mir, der Tod bringt Erlösung
Aber diese Gedanken waren absurd, wenn er das gemeint hätte, hätte er es sicher auch so gesagt. Oder warum hatte er es nicht gesagt? Weil es so zynisch klänge? Sie kannte ihn nicht, wusste über ihn genauso wenig wie er über sie. Sie musste wohl eher davon ausgehen, dass er es auch so meinte, wie er gesagt hatte. Sie wusste noch nicht einmal, wie er aussah, weil sie sich nicht zu ihm umgedreht hatte, nicht einen Blick auf den Redner warf, den Redner von Worten, die ihr schon jetzt unter die Haut gingen. Er meinte, sich ein Urteil bilden zu können, obwohl er sie überhaupt nicht kannte? Das machte die Sache fast schon wieder interessant, wie würde er reagieren, wenn sie, trotz aller Schwäche, widersprechen würde? Es wäre sinnlos, sie müsste es begründen und das lohnte sich nicht, nicht so kurz vor dem Ende. Er konnte es nicht verhindern, es war nun einmal ihre Entscheidung. Wohl hätte es mehr gebraucht, doch das konnte er ihr nicht geben, weil er sie nicht kannte. Er wusste nicht, welche Worte es wohl gebraucht hätte, um sie noch einmal zum Nachdenken zu bringen. Seine Worte trafen höchstens zufällig und es lag an ihrer Fantasie, wie sie sie aufnahm.

„Was weißt du schon..“

Murmelte sie leise in ihr Fell und schloss die Augen wieder. Sie wusste sehr wohl, dass es damit nicht abgetan war und dass er das nächste Gegenargument sicher schon parat hatte, bevor sie auch nur über ihren vergangenen Satz nachgedacht hatte. Aber vielleicht interessierte es ihn auch nicht, vielleicht kümmerte er sich auch einfach nur um seine eigenen Dinge und lief nun weiter, das war ihr Wunsch.


Regungslos im Schnee sitzend, ließ Face Taihéiyo den Wind an seinem Halsfell zerren, wirbelte die Flocken gegen seinen Körper und doch setzten sie sich nicht auf seinem makellosen Körper fest. Das tiefe Schwarz verschluckte jeden weißen Punkt. Emotionslos war der saphirblaue Blick auf die Wölfin gerichtet, vielleicht sah die Situation von Weitem schon fast bedrohlich aus. Ein wie zur Säule erstarrter, großer Wolf und in einigem Abstand zu seinen Pfoten ein zierliches, zusammengerolltes Geschöpf. Wer Face Taihéiyo jedoch ein klein wenig kannte – in wirklich zu kennen war nicht mal ansatzweise möglich – wusste ganz genau, dass von ihm keine Gefahr aus ging. Von ihm nicht. Er war bloß das Nichts. Zumindest war es noch ein Teil von ihm.
Ein leises Schnauben verließ seine Kehle, auf die Worte der Weißen hin und er verengte die Augen leicht. Es war immer das Selbe. Natürlich. Er ... er wusste überhaupt nichts. Komplett ahnungslos, vor allem nach dem letzten Jahr. Klar doch. Nun gut, was der Tod für einen bereit hielt, der durchgelassen wurde, wusste Face wirklich nicht. Aber wahrscheinlich wollte er es auch gar nicht mehr erfahren, wobei es natürlich irgendwann geschehen musste. Er lebte nicht ewig, Gott sei Dank. Blieb nur zu hoffen, dass er nicht irgendwann wieder dort landete, auf dem schmalen Grad zwischen Leben und Tod, nicht vorwärts oder rückwärts konnte. Weitere Sekunden blieb er stumm, reagierte nicht auf die verwerflichen Worte der Wölfin, sondern hob den Kopf und blickte über sie hinweg in die kalte Schneewüste. Und sein saphirblauer Blick gefror mit dem Wasser, das vom Himmel fiel und zu weißen Eiskristallen wurde.

Diesbezüglich ... mehr als du und jedes andere Lebewesen, das kannst du mir glauben.“,

antwortete Face schließlich, nach Minuten, leise und in seiner Stimme schwang schon fast ein verbitterter Klang mit. Die Leere überwog noch, fast tonlos. Er wusste, was es hieß zu sterben, für immer und ewig. Nur er. Wenn einer keine Ahnung hatte, dann waren es Wölfe wie Acollon oder diese Weiße vor ihm im Schnee. Langsam erhob sich Face Taihéiyo wieder, bereit zu gehen. Er konnte hier nicht helfen. Er konnte es nirgendwo.


In den leeren Augen des Schwarzen spiegelten sich die Eiskristalle wieder, die noch immer vom Himmel fielen, alles zu deckten und unter sich begruben. Alleine die Bruchstücke seiner Erinnerung konnten nicht begraben werden, sie bohrten noch immer unangenehm, schmerzhaft in sein Fleisch. Es war alles so verwirrend. Egal wie lange und wo er suchte, es gab immer mehr Fragen, nur keine Antworten. Er war es müde, immer nach dem ‚Warum’ zu fragen. Innerlich war er längst an dieser schlichten Frage zerbrochen, an sich selber praktisch zu Grunde gegangen. Keiner wusste wirklich etwas mit ihm anzufangen, war er doch allen so fremd. Selbst Kaede und Shit, mit denen er bisher die längsten Wortwechsel gehabt hatte, hatten nicht auch nur einen Hauch von ihm kennen gelernt. Sein Selbst hatte sich in endloser Nacht verlaufen, verirrt und hatte sich schließlich zur Ruhe gelegt, der einsamen Melancholie die ihn nun erfüllte Platz gemacht. Ruhig blickte der Totenwandler schließlich zu der Fähe, die sich nieder gelassen hatte, den Kopf auf den überkreuzten Pfoten gebettet. Auch sie hing ihren Gedanken nach, so tat es ihr der Nachtsohn gleich. Schweigen erfüllte die Luft zwischen ihnen und dennoch war es anders als es bisher immer gewesen war. Natürlich drehte er sich noch immer im Kreise, dennoch wurde ihm nicht mehr ganz so schwindelig. Er wurde nicht auf den Boden gedrückt, konnte ein wenig verschnaufen und schlicht so sitzen bleiben. Erst als sie ihre zarte Stimme wieder erhob, blickte Midnight auf. Eine schwierige Frage, die wohl niemand wirklich beantworten konnte und die, die es können würden, würden sie hier nicht fragen können.
Selbst er hatte keine genaue Vorstellung, wollte es aber auch nicht wirklich wissen. Wie fühlte es sich an zu sterben? Wie ein endloser Fall? Frei, durch die Luft fliegend, um dann hart auf dem Boden zu landen? Das hatte er schon erlebt und trotzdem überlebt. Er war oft genug an seinen eigenen Gedanken und seinem Kummer erstickt. Aber wirklich eine Antwort darauf wusste er darauf nicht. Er konnt sich denken, dass viele der Vorstellung der Vorrang gaben, einfach ein zu schlafen, friedlich in endlose Tiefe sanken, aus der sie nicht mehr erwachen würden. Und diese Vorstellungen wollte er nicht zerstören, wenn auch die Fähe eine solche hegen sollte. Seine bisherigen Erfahrungen – auch wenn sie unvollendet, unvollkommen gewesen waren- waren eher schmerzhafter Natur gewesen. Und überdies...er konnte sich nur an die letzten beiden Male schwach erinnern...selbst verschuldet. Während sich sein Inneres bitter zusammen krampfte, war seine äußere Hülle unverändert beherrscht.

Das weiß niemand... Eines Tages werden wir es wissen, auch wenn sterben für jeden anders ist.

Eine weitreichend formulierte Antwort, die dennoch das ausdrückte, was er dachte. Immerhin starben viele Seelen in ihrem Leben mehrere Tode. Ein Freund, ein Geliebter oder sonst etwas konnten die Seele umbringen, wenn auch nicht den Körper. Makellos schwarzer Körper, nachtblaue Augen – totes Innenleben. Totenwandler.


Der junge Rüde saß weiterhin still dar und versuchte zu erkennen wie viele Wölfe es nun genau waren, die hier ihr Leben verbrachten. Etwas zögerlich stand er wieder auf und streckte sich. Von dem Absturz hatte er eine kleine Wunde am Kopf, die nun anfing zu brennen. Sein rechtes Auge tränte.

.oO(So wird das nie was. Ignorantes Volk.)Oo.

Aki nahm sich reichlich Zeit um sich für eine Richtung zu entscheiden, in die er gehen würde. Schließlich trat er schlendernd auf die Höhle zu, die sich so ziemlich zentral des großen Platzes befand. Immer noch etwas benommen von seinen Rauschpilzen, konnte er nur schwer die Umrisse der Artgenossen ausfindig machen. Ein schwarzer, wirklich schöner Rüde stand ganz in der Nähe der Höhle. Er starrte auf den Boden, doch was genau da lag, konnte der junge Rüde nicht erkennen. Die langen schwarzen Läufe verdeckten die Kreatur. Erst als er fast neben dem Schwarzen (Azag) stand erkannte er die fast leblose Gestalt eines anderen Wolfes. Grau war sein Fell, getränkt mit roten Flecken. Seine hinteren Läufe standen in einem seltsamen Winkel von seinem restlichen Körper ab. Die schönen, dunklen bernsteinfarbenen Augen des Jungrüden weiteten sich. Er sah umher. Keiner schien recht eine Notiz von diesem angefallenen Rüden zu nehmen. Er war aber noch nicht tot, er atmete leicht. Und der schwarze Rüde (Azag), der den graufarbenen Wolf anstarrte schien irgendwie nicht in der Lage zu sein, Hilfe zu holen.

.oO(Sehr ignorant. Das ist nicht zu fassen.)Oo.

Doch er schien nicht böse, oder verärgert über das verhaltene Verhalten der anderen Artgenossen. Er war nur erschrocken. Zählte Zusammenhalt und Hilfe hier nicht so sehr? Vorsichtig nährte er sich dem regungslosen Körper. Schnupperte kurz und konnte einen Kampf vor seinem inneren Auge erkennen. Dieser Rüde hatte verloren. Dennoch, die Brutalität in diesem Rudel gefiel Aki nicht so recht.

“Hey“,

hauchte Aki sanft und stupste den graufarbenen Wolf an. Er wollte den ohnehin schon sehr mitgenommenen Rüden nicht allzu sehr mit Fragen quälen, er hatte schließlich wohl andere Probleme als einem Fremden zu erzählen, wie das alles wohl passiert ist. Aufschauend blickte er zu der Höhle und wandte sich an den schwarzen Rüden (Azag).

“Weißt Du, wer die Alpha dieses Rudels sind? Der hier bräuchte vielleicht Hilfe.“,

erst als er dem schwarzen Hünen ins Gesicht sah, schmunzelte er etwas erheiternd. Dieser Wolf war tatsächlich hübsch. Über Geschmack ließ sich zwar bekannter Weise streiten, doch das war eher eine Feststellung. Etwas abschätzend sah er dem Rüden in die Augen.


Während Azags Blick entrückt zwischen den Ebenen schwebte, verzogen sich alle um ihn herum. Acollon verschwand in die Rudelhöhle, nachdem er dem Besiegten den Hüftbruch als Lektion, im besten fall Lernerfolg für sein weiteres Leben schmackhaft gemacht hatte. Auf den Fersen folgte ihm dann der andere Wolf, den Azags kraftlose Anstupserei nicht von seinem Plan abgeschreckt hatte, kam aber gleich darauf wieder zurück, unversehrt, und entschwand ihn die weißen Schneemassen. Azags Blick schärfte sich wieder und fiel sogleich auf den am Boden Liegenden ... klar, verschafft doch jemandem eine saftige Behinderung und kümmert euch dann nicht weiter drum. Entledigt euch eurer sozialen Verantwortung! Azags Gedanken schlugen einen sarkastischen Ton an und innerlich unterlegte er das mit theatralischen Gestiken, äußerlich schaute immer nur noch mit leerem Gesicht auf den dunklen Körper im Schnee. Gehört er eigentlich zum Rudel? Wenn, dann bürdet Acollon nichtmal i r g e n dwem die weitere Pflege auf, sondern seinem eigenen Rudel. Oder ist der mit Ausübung dieser Strafe aus dem Rudel verstoßen?
Plötzlich hob sich ein weiterer dunkler Körper in Azags Blickfeld vom Schnee ab und gesellte sich zu dem ersten. Azag beobachtete den Wolf, der im Gegensatz zu dem Verletzten ganz fit, wenn auch etwas unkoordiniert in seinen Bewegungen schien. Als dieser sich an Azag wandte, erkannte er, dass auch sein Blick nur mit Bemühung fixiert war. Am Einschlafen, fiebrig ... oder unter Drogeneinfluss , waren Azags erste Gedanken dazu. Er blinzelte ihn an. Jetzt war es Zeit zu antworten, seine Gedanken konnte der Fremde ja nicht hören. Das vergaß er manchmal und kam sich dann entgegen Fremdbeobachtungen ganz gesprächig vor.

"Ehm ... wie soll ich sagen, der Alpha dieses Rudels ... ist der Grund für die Hilfsbedürftigkeit dieses Kerls.",

tat sich Azag etwas schwer, die Situation aus all dem blutigen Vorhergegangenen klar hervorzuheben.

"Das heißt natürlich nicht, dass er nicht trotzdem Hilfe bräuchte.",

setzte Azag hastig hinzu, er wollte ja nicht herzlos wirken. Irgendwie auch, weil der Fremde so besorgt war, ein Fremder, der nicht einmal klar gucken konnte und sich doch gleich auf die Probleme eines Anderen konzentrierte.

"Du aber vielleicht auch? Dein ... Blick wirkt sehr verschwommen."

Er blickte den Rüden stirnrunzelnd an und entschloss sich, die beiden lieber nicht gleich in die Rudelhöhle zu bringen, obwohl zumindest der Verletzte das nötig gehabt hätte. Da war schließlich Acollon drin und es wäre vielleicht nicht so klug, den Grund für seine knochenbrechende Wut gleich wieder in sein Blickfeld zu zerren. Banshee aber, schien doch immer sehr sanft in ihren Reaktionen und ihrem Urteil. Nach kurzem Zögern stieß Azag einen nach kompetenter Hilfe fragenden Ruf aus.


Wäre es ihr nicht so schlecht gegangen, hätte sie grinsen müssen. Solch eine Antwort hatte sie dann doch nicht erwartet. Ohne dass sie den Fremden sah, machte sie sich ein Bild von ihm, ganz unfreiwillig. Ihr Interesse sank allmählich wieder. Seine Art schien ihr in diesem Stadium beinahe arrogant, ja, besserwisserisch. Er kannte sie doch gar nicht, wieso urteilte er dann so? Wie sah er sie dort liegen? Hielt er sie für naiv, weil sie sich vom Tod Gutes versprach? Ihr erster Kontakt schien nicht gut zu verlaufen. Auf der anderen Seite war ihr diese Begegnung doch lieber als jene, von der sie geträumt hatte. Sie kannte ihn genauso wenig und konnte nicht behaupten, dass sie es besser wusste, er jedoch auch nicht. So baute sich eine beiderseitige, kindische „Ich weiß es aber besser“-Fassade auf, die das wahre Bild des dahinterstehenden Charakters unscharf aussehen ließen und keinen klaren Blick darauf gewährten. Sie hatte nicht die Kraft, um ihm erneut zu widersprechen, es spielte auch gar keine Rolle. Sie war keine Kämpferin und hatte sich nicht zur Aufgabe gemacht, das Verständnis anderer zu erreichen. Es konnte ihr ganz gleich sein, wie er darüber dachte. Es hatte sich doch sonst kaum jemand für ihr Wohl interessiert. Er erzählte das sicher nur, weil er gerade nichts Besseres zu tun hatte. Sobald ihm eine sinnvollere Beschäftigung einfiel, würde er gehen und nie wieder an sie denken.
Sie hatte im Sinn, aufzustehen. Sie wollte noch ein letztes Mal aufstehen. Nicht, weil sie neuen Mut geschöpft hatte, sondern weil sie hier keine Ruhe fand, nicht die Ruhe, die sie benötigte… Sie sammelte all ihre Kraft, die wenige, die verblieben war und stemmte ihre Vorderpfoten auf den kalten Boden. Sie biss die Zähen zusammen und verzerrte das Gesicht vor Anstrengung. Sie hatte nicht die Kraft, das spürte sie schon jetzt. Aber sie wollte es versuchen. Sie versuchte aufzustehen und einen Ort zu suchen, an dem sie wirklich allein war. Noch weiter von hier entfernt, von allen, von den Erinnerungen, irgendwo, wo die natürlichen Gegebenheiten sie forttragen würden. Aber sie schaffte es nicht, sie brach erneut zusammen und kam mit dem Oberkörper unangenehm auf dem Boden auf. Ächzend schlug sie wieder auf dem Boden auf, auf dem Boden der Realität, die ihr klar machte, dass sie zu schwach war, dass sie keine Macht über nichts mehr hatte. Sie legte ihren Kopf gerade hin und die Pfoten neben die Schnauze. Ihr trüber Blick suchte verzweifelt die Ferne. Jetzt lag sie auf dem, Bauch, aber sie lag, nach wie vor.. Ihre Rute lag knittrig auf dem Schnee, ihre Hinterläufe in einer so schlechten Position, dass sie das Drücken im Körper spürte. Hoffentlich war das alles bald vorbei..


Banshee wurde sich erst bewusst, dass die beiden Wölfinnen geschlafen hatten, als die Weiße sich ruckartig aufsetzte und kurz Erstaunen in ihren Augen stand. Die Graue blieb liegen, schien so erschöpft zu sein, dass sie weder die Worte der Leitwölfin noch das plötzliche Aufschrecken ihrer Begleiterin geweckt hatte. Die Wölfin stellte sich als Hima vor, die Schlafende als Sam. Banshee nickte auf die Namen hin, lächelte, sanft und gleichzeitig ohne den Dank Himas annehmen zu wollen, es war eine Selbstverständlichkeit, hier oben einem jeden zu helfen. Der Erklärung der Weißen lauschte sie aufmerksam, zunächst ein wenig erstaunt, dann mit jedem weiteren Wort in helleres Strahlen in den Augen. Diese beiden Wölfinnen waren von Engaya gelenkt worden, in einer Welt, in der die strengen Gesetze der Wölfe galten, hatten sie keinen Schutz gefunden. Kurz glitt Banshees Blick in die Schwärze im hinten Teil der Höhle und lächelte, auch wenn hier oben kein leichtes Leben zu führen war, so hatte Engaya doch Recht gehabt und Banshee würde alles tun, dass es diesen beiden Fähen gut erging.

“Engaya war mit euch, sie hat euch an einen Ort geführt, an dem ihr immer sicher sein werdet.“

So sicher wie es nur irgend ging, was seine Grenzen hatte, sonst säßen sie jetzt nicht in dieser eiskalten Höhle und es wären auch weder Merawin, noch Cylin tot. Sie ließ die Gedanken gar nicht erst an sich heran, sondern beobachtete aufmerksam die Weiße. Sie hustete, keuchend, es hörte sich nach einer Krankheit an, auch ihre Pfoten waren wundgescheuert und ihr Gesichtsausdruck war, den Blick zu Boden gerichtet, gequält. Banshee reckte leicht den Kopf vor und berührte Hima mit der Nase an der Stirn, die Geste mit der sie neue Rudelmitglieder begrüßte, Verlorengegangene wiederempfing, tröstete, segnete, etwas Besonderes weitergab. Dann nickte sie, noch immer lächelnd.

“Ihr beide könnt bleiben, solange ihr wollt. Momentan leben wir nicht sehr gemütlich, aber wir haben einander und vielleicht kehren wir bald in unser Tal zurück.“

Ihre Stimme klang zwar hoffnungsvoll, ihre Augen jedoch waren trauriger geworden und sie sah nicht so aus, als würde sie erwarten, ihr geliebtes Tal bald wiederzusehen. Nur war es eine schönere Aussicht, als auch den Sommer in diesem Bergland zu verbringen, in dem vielleicht noch immer Schnee lag, selbst wenn unten im Tal die Sommerblumen blühten und die Sonne jeden Wolf in den kühlen Schatten des Waldes trieb. Sie seufzte leise, lächelte dann aber wieder aufmunternd zu Hima, die beiden Wölfinnen sollten erst wieder zu Kräften kommen. Sie wollte gerade den Kopf drehen um zu schauen, ob Nyota und ihre Jägertruppe mittlerweile aufgebrochen waren, als ein Geruch die Höhle erfüllte und ein schwarzer Wolf an ihre Seite trat, sie neben sie setzte und mit seinem Schweigen eine stumme Ruhe verbreitete. Acollon war wieder da. Ebenso stumm wie er drückte sich Banshee an ihn, rieb ihre Schnauze an seiner und knabberte zärtlich in seinem Fell. Es war keine stürmische Begrüßung und ihre Augen hatten sich nur kurz von Hima abgewandt, dennoch freute sich die Weiße, dass ihr Gefährte wieder da war, auch wenn sie nie erwartet hatte, dass er nach der letzten Wiederkehr erneut lange fortbleiben würde. Er roch nach einem bekannten Wolf, den sie jedoch nicht einordnen konnte, auch der Geruch von Blut klebte an ihm, aber die Weiße wollte nicht fragen.


Der gesamte Körper der Fähe war verkrampft, wild zitternd und die Augen noch immer fest geschlossen lag sie vor dem schwarzen Rüden, der hoch und fast bedrohlich über ihr aufragte. Schluchzen und leises Keuchen kam von irgendwo aus dem weißen Haufen Fell und für einige Sekunden könnte ein Außenstehender den Eindruck erlangen, dass der Schwarze soeben die Weiße tödlich verwundet hatte. Doch dann trat ein seltsam weicher, ganz und gar unpassender Ausdruck in die Augen des Schwarzen und er senkte die Schnauze, berührte die Fähe zu seinen Pfoten in einer so liebevollen Geste, man musste nur hinsehen und konnte spüren, dass diese Berührung so viel mehr als ein leichter Stupser, kaum das Fell berührt schon wieder zurückgezogen, war.
Shanis Atem stockte, als Lunars Nase ganz kurz ihre Stirn berührte. Die Berührung durchzuckte ihren ganzen, zitternden Körper, schlich sich in ihr Herz und riss nur noch viel stärker an ihm. Es war wie damals, wenn Luu~ sie angestupst hatte. Immer hatte sie die Liebe und die Zuneigung durch seine Berührung fühlen können, immer war ihr ein warmer Schauer über den Rücken gelaufen. Jetzt aber erzitterte sie immer wieder, es war nicht ihr Luu~, es war Lunar, der kalte, schwarze Rüde, der sie davongejagt hatte und der die Mörder ihrer Familie getötet hatte. Sie kniff die Augen nur noch fester zusammen, wieder erschütterte ein Schluchzer ihren Körper, dann drang eine Stimme zu ihr durch. “Du hast … du hast mir geglaubt.“ Ihre tränengefüllten Augen öffneten sich zaghaft, wollten weder zu Lunar, noch in die Schneelandschaft schauen und sahen so auf den Boden. Lunars Pfoten waren ein Schritt zurückgewichen. Langsam hob sie den Blick, ganz vorsichtig, und sah in das Gesicht des Schwarzen. Tränen schimmerten in seinen Augen, der Blick plötzlich voller Leben … Vergebung. Sie verstand nicht. Damals, sie war doch nur ein paar Monate alt gewesen, hatte sie ihrem Luu~ alles geglaubt, jedes Wort war eine neue Wahrheit gewesen, alles was er sagte, war richtig und gut. Wann hatte er gelogen, warum hatte er gelogen? Er kam wieder einen Schritt auf sie zu, sah sie an, flehte um etwas, das sie nicht verstand. In ihrem Kopf hallten nur immer wieder die gleichen Worte.
.oO(Geh weg, quäl mich nicht, bitte, schwarzer Fremder, so geh doch!)
Sie musste die Augen wieder schließen, doch auch unter den geschlossenen Lidern perlten Tränen hervor, verloren sich in ihrem Fell und klebten ihr doch kalt an ihrer Haut. Jetzt sprach Lunar wieder, ebenso wie vorher drangen die Worte nur langsam zu ihr durch. Lüge - Lüge - Lüge hallte es in ihrem Kopf nach. Sie verstand nicht, er hatte gelogen, Erôn, Frieden, kämpfen. Wieder schlug sie die Augen auf, sah Lunar jetzt verständnislos an. Wieder begann er zu reden, Wörter über Wörter, die Shani so schnell kaum aufnehmen konnte, so viel Vergangenes, so viel, worüber sie nie hatte nachdenken wollen. Er hasste sie nicht, er hatte gelogen, sie - seine Schwester, er - ihr Bruder, ihr Vater - was? Trauer, Schmerz und Angst wurden zunehmend von Verwirrung, Unverständnis, fast Schrecken verdrängt. Sterben, ihr Luu~ sterben? Davon laufen, es wie ihm ergehen, Familie … Familie – Familie - Familie Dann plötzliche Stille. Sie öffnete den Fang und brachte doch kein Wort heraus, langsam, unendlich langsam begann sie zu begreifen, was Lunar ihr da sagte. Er hatte sie weggeschickt, weil er sie schützen wollte, er hätte sterben können, er hatte weggehen müssen, weil Erôn ihn gequält hatte, er war nicht Lunar, er war Luu~, er war es und würde es immer sein. Und doch sah Shani ihn nur an, die Tränen versiegt, der Blick nun seltsam traurig. Der Schwarze setzte erneut zum Reden an und jetzt verstand Shani schnell, verzeihen … ihrem Bruder Luu~ den einzigen und doch schrecklichsten Fehler seines Lebens verzeihen. Lunar hatte die Augen geschlossen, sie sah wieder Tränen, fühlte sich wie gelähmt und schaffte es nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Ja, sie liebte Luu~, ja, sie hatte ihn immer geliebt, nein, Lunar war ein Fremder für sie, Lunar hatte sie verjagt, Lunar-Luu~ redete von Lügen, von so vielem, was sie verstand, was sie ihm glaubte, wie sie ihm alles geglaubt hatte und doch wusste sie nicht, ob vor ihr Lunar oder Luu~ stand, ein Fremder oder ihr geliebter Bruder.

“Ich … ich will meinen Bruder wieder. Luu~ … will ich alles verzeihen, alles, wenn er nur wieder kommt.“

Sie wusste nicht, ob der Schwarze verstand, ob er sah, was sie sah und ob er einfach auf Knopfdruck ihr Bruder sein konnte. Sie wollte noch mehr sagen, Lunar hatte so viel geredet, sie wollte darauf antworten, Fragen stellen, ihm sagen, dass sie verstand, aber sie konnte nicht. Zuerst wollte sie Luu~ wiederhaben, zuerst sollte ihr Bruder neben ihr liegen und ihr sagen, dass er wieder da war, dass alles wieder gut werden würde, dass sie wieder eine Familie waren.

Atalya
30.12.2009, 21:26

Nachdem es keiner weiteren Frage bedurfte war Ninniach für eine Weile zurück in ihre Gedanken gekehrt und rekonstruierte Bruchstücke ihres Lebens, die sie, wie ein Puzzle, aneinander zu fügen versuchte. Immer wieder waren es die gleichen Gedanken, immer wieder, der selbe monotone Klang des Wiederhalls in ihrem Kopf. Tag ein Tag aus gab es nicht, das sie beschäftigte außer ihren Gedanken. Wie nannte man das? Ein Leben? Nun, ihr Leben war durchaus lebenswerter und erfüllter als so manch anderes. Sie wollte sich nicht beklagen, nicht wirklich. Es gab nichts zu klagen, nur auch nichts, was zu heiterer Stimmung erweckte. Die Suche nach Frieden blieb vergebens, die Suche nach Hoffnung, nach Wärme. Zurück blieb alles, was sie nur noch als einen Trümmerhaufen ihrer gescheiterten Existenz ansah. Für einen Augenblick schloss sie die Augen und lauschte den Worten des Schwarzen. Es fühlte sich an, als würden Tränen durch ihren Geist fließen, eiskalt, ihn frieren und erzittern ließen. Gefangen in stiller Verlassenheit, weil sich doch nie jemand zu ihm getraut hatte. Die Dunkelheit darin behielt die Kälte erhalten. Ebenso wie in ihrem Herzen. Irgendwann wäre die letzte Träne gefallen, der letzte Atemzug genommen und der letzte Schmerzimpuls gefühlt sein. Midnights Stimme hallte in ihrem Kopf wieder. Ruhig... für jeden war sterben anders. Und trotzdem für alle gleich. Sie blieb blind, blind für die Schönheit dieser Welt, hören wollte sie auch nichts mehr, nichts. Es war alles gleichgültig. Ninniach wollte ihre Ängste beiseite schieben und vergessen was vor gut einem Jahr alles geschehen war. Halt! Nicht alles. Die Begegnung mit einem Wolf hatte sie geprägt. Face. Wo er wohl war? Ninniach erhob sich und kehrte Midnight, föllig in Gedanken versunken den Rücken zu. Ihre sanften Schritte trugen sie fort, durch den Schnee. Hinfort, zurück auf ihren unbekannten Pfad. Ohne Anfang, ohne Ziel. Oh, vielleicht doch. Ihr Ziel blieb stetige Rückkehr zum Rudel. Es war ein Abschied; doch diesmal nur für kurze Zeit. Ein kurzer Spaziergang, der sie nicht allzuweit entfernen sollte. Hier oben wäre das tödlich.
Die Lichter verließen sie, erloschen. Ihre Augen schlossen sich, lichtlos.. sie verfolgte blind einen ihr nicht bekannten Wesen. Ihr Herzschlag wurde langsam, sollte endlich enden. Diese ewige Fragerei, diese Ratlosigkeit. Es wurde ihr alles zuviel!
Sie wollte schreien, so laut wie es ihre lang ungebrauchten Stimmbänder zuließen. Doch wie üblich blieb sie stumm, monotones Schweigen. Ihre Gedanken würden sie umbringen, eines Tages. Die letzten Funken verglühten, jeden Tag einer mehr, bis letzlich keiner mehr zurückblieb. Wie ein bittersüßes Gift, tagtäglich.. nichts bliebe zurück, nichts. War nichts nicht auch irgendwas? Es tat weh, verdammt weh. Stechender Schmerz, körperlich. Reißender Schmerz, tief in ihr. Niemand wusste es, niemand würde es je erfahren. Niemand. Ihre Gefühle schienen nach und nach abzusterben. Empfand sie irgendwas? Sie hasste niemanden, liebte niemanden, freute sich über nichts. War sie nicht traurig? Vielleicht, es war undefinierbar. Ihre Hoffnungen, je ein normales Leben führen können, drifteten immer weiter ab. Sie konnte sie nicht mehr erreichen... Sie wünschte sich nie wieder irgendwas sehen zu müssen, dass so grausam wie das Leben war - und gleichzeitig so schön. Doch wo, wo waren die schönen Seiten?! Alles... nichts... wo war es? Fort. Verloren... Ihren einzigen 'Freund' suchte sie nun. Er war nun ein hohes Tier dieses Rudels, Face... es konnte nicht schaden, ihn aufzusuchen. Sie war immerhin eine Zeit lang mit ihm umher gezogen, er hatte ihr Halt gegeben. Obwohl er es vermutlich nicht einmal gewollt hatte und wissen... tat er es vermutlich auch nicht. Wie auch immer. Vielleicht tat ihr seine Anwesenheit ganz gut. Sie brauchte irgendwas, woran sie sich lehnen konnte. Vielleicht...


Tyraleen hörte das entnervte Seufzen von Averic sofort. Auch ihrerseits hätte sie nun gerne die Augen verdreht, wollte aber nicht genauso reagieren wie ihr Bruder, deshalb reagierte sie gar nicht. Er wollte sie ja auch nicht verstehen, ja, er wollte nicht nur sie sondern es einfach nicht verstehen. Der einsame Kämpfer, das Rudel gegen ihn allein, nur mit seinem toten Bruder an seiner Seite. Die Rolle schien ihm ja zu gefallen. Ihr wurde bewusst, dass sie schon wieder gehässig wurde und unterbrach ihren Gedankengang sofort. Natürlich hatte sie Recht, aber so etwas denken durfte sie trotzdem nicht, geschweige denn sagen. Auch wenn es irgendwie verlockend war.

“Du kämpft gegen eine Front, die es gar nicht gibt und gegen Vorurteile, die keiner hegt. Außer vielleicht du selber.“

Gut, der letzte Satz war ein wenig provozierend, aber irgendwoher mussten diese Gedanken bei Averic ja kommen. Banshee liebte ihn, Amáya und Daylight wollten so gerne, dass er sie liebte und der Rest kümmerte sich nicht um ihn. Wer hatte hier etwas gegen wen? Wenn irgendjemand etwas gegen Averic hatte, dann konnte das nur er selbst sein und plötzlich hatte Tyraleen das Gefühl, auf einer ganz heißen Spur zu sein. Auch wenn es sie eigentlich nichts anging. Und auch wenn Averic, wüsste er von ihren Gedanken, sie sicher angeschrieen hätte. Der Schwarze kam auch schon wieder auf seine angebliche Schuld an Cylins Tod zu sprechen und gab Tyraleen damit neues Brennholz, die Spur wurde zu einem Bild.

“Ihn immer zu beschützen … das muss doch furchtbar sein. Er wollte auch auf seinen eigenen Pfoten stehen. Dass es so endete konnte niemand wissen und doch hat dann nur er die Verantwortung dafür zu tragen. Mal abgesehen von dem fremden Pack …“

Ihre Stimme wurde doch etwas leiser und irgendwie aggressiver, auf eine sanfte Tyraleen-Art, als sie die fremde Schar erwähnte. Einerseits wollte sie sie tot sehen, andererseits spürte sie bei diesem Gedanken keine Befriedigung, kein Glücksgefühl. Sie blinzelte zweimal und spürte dann wieder Averics Blick auf sich ruhen während ihr eigener weiterhin an der Höhlenwand hing. Bei seinem letzten Satz bröckelte ihr schönes Bild wieder. Da hatte er irgendwie Recht … warum erzählte er ihr das ganze? Weil sie einfach zu ihm gekommen war und sie nun mal geredet hatten? Sie konnte sich nicht erinnern, dass das jemals jemand anderes versucht hatte … außer Daylight … aber das war wohl irgendwie die falsche Methode.

“Stimmt … nur hat normalerweise niemand einen Grund, warum er ganz hinten in die Höhle zu einem griesgrämig guckenden Wolf gehen sollte.“

Sie klang nicht böse, das griesgrämig meinte sie fast liebevoll, soweit das bei Averic überhaupt möglich war.


Emotionslos ruhte Face Taihéiyos Blick auch weiterhin auf der weißen Fähe. Nicht sehr kooperativ, aber was hatte er erwartet? Er war bloß ein unnahbarer Wanderer, der noch nie etwas richtig machen konnte. Worte lagen dem Tiefschwarzen noch weniger als Taten. Die Weiße erinnerte ihn ein wenig an sich selbst, damals, als er regungslos auf dem Felsen an jenem Ort gelegen hatte, bereit sich nie wieder zu erheben. Und niemand hatte daran etwas ändern können – letztendlich war es er selbst gewesen, der sich wieder erhoben hatte, für einen letzten Gruß an Alail. Es war auch seine letzte Begegnung mit ihr, nach dem sie verkündet hatte ihr Leben zu beenden, hatte Face sie nie wieder gesehen. Wahrscheinlich – nein, mit Sicherheit war sie längst tot. War der stille Ozean damals nicht erschrocken gewesen? Face Taihéiyo hatte sich stumm zum Sterben nieder gelegt, während seine Freundin Ähnliches vorgehabt hatte. Vielleicht war er deshalb los gelaufen und hatte sein Vorhaben – zumindest auf die Art – nie fort gesetzt.
Heute beobachtete er stillschweigend, fühlte sich wie jemand, schwebend über der Welt und sah sie alle, die verzweifelten Wesen, welche mit gebrochenen Läufen und totem Willen ihrem Ende entgegen fielen.
Entwickelte sich da nicht ein tonloser Trotz? Es war schwierig zu differenzieren, wo nur Selbstmitleid schwamm und wo man wirklich zerrissen war. Risse befanden sich leise im Verborgenen, dort wo niemand hinsah. Man präsentierte sie nicht, zeigte die Schwächen nicht. Kein Funken Selbstmitleid, nur schwere Leere. Das war er. Würde sich der Tiefschwarze jemals in den Schnee legen und jedem seine erbärmliche Hilflosigkeit offenbaren? Niemals. Denn darin sah er die wahre Schwäche. Was wirklich war, lag tief unter der Haut.
Face Taihéiyos Blick veränderte sich auch nicht, als die Wölfin versuchte auf zu stehen und jämmerlich zurück in den Schnee fiel. Fas Saphirblau blieb blank und ausdruckslos. Sie hatte sich schon zu krank gemacht, eigentlich konnte der Tiefschwarze umdrehen und gehen. Die Weiße konnte sich selbst nicht mehr helfen und er kannte sie nicht. Es war sinnlos. Doch eines hinderte ihn. Face war nicht grausam, nicht wie sein Vater. Und er hatte dem Rudel gegenüber nun Pflichten, den einzelnen Mitgliedern also auch.
Weiterhin wortlos schritt der große Rüde um die Wölfin herum, bis er vor ihr stand, den Rücken zugewandt. Face Taihéiyo sah einen Augenblick über seine Schulter auf die Fähe herab, in ein Paar grüner Augen, dann lief er langsam los, grade aus in die Schneewüste hinein. Der Rüde mit dem schwärzesten Fell erwartete keines Wegs, dass sie ihm folgte, war sie ja nicht mal in der Lage zu stehen. Es gab nur noch eines, was er deswegen unternehmen konnte. Dann würde auch niemand behaupten können, er hätte bloß da gestanden und nichts getan. Inzwischen rannte der tiefschwarze Wolf, ließ sich allein von seinem Instinkt und dem Geruchsinn leiten. Mit der Zeit wurde Face wieder langsamer und stellte sich gegen den Wind. Automatisch duckte er sich etwas in seiner Haltung und ließ den blauen Blick schweifen. Langsam erfassten seine Augen eine zarte Spur im Schnee, welcher er dann lautlos zu folgen begann. Eine Sekunde lang rauschte das Knistern von Hufen im Gras durch seine Ohren, das Schnauben von den Huftieren der Indianer, ihre seltsamen Stimmen, das Hecheln der Wildhunde. Der Flammentänzer war ein perfekter Jäger. Solange er lautlos blieb und der Wind ihn nicht verraten würde, wäre es ein einfaches Unterfangen den weißen Hasen, noch recht weit von ihm entfernt im Schnee, zu packen. Seine schwarzen Ohrenspitzen verrieten ihn. Es war notwendig, dass das Tier sich nicht umdrehte, denn ein rabenschwarzer Wolf mitten im weißesten Schnee, wäre doch ein wenig unübersehbar. Faces geschmeidige Bewegungen wurden schneller, als der Hase dann schließlich den Kopf erschrocken reckte, sprang der große Wolf bereits tonlos auf.
Die kleine Hetzjagd hatte nicht viele Sekunden gedauert, dann war es schon zuende. Kurz und schmerzlos. Mit einem schlaffen Körper zwischen den Zähnen drehte Face Taihéiyo um und folgte seiner Fährte zurück. Zuerst rannte er noch ein wenig, dann wurden seine leichten Schritte wieder langsamer und gelassener. Schließlich konnte er den weißen Körper der weißen Fähe wieder ausmachen. Während Face an sie heran trat, blieb sein Blick gefühllos wie eh und je. Wortlos ließ er das erlegte Tier vor die Pfoten der Wölfin fallen und trat einige Schritte zurück. Mehr konnte er nicht tun.
Sein Kopf wandte sich ab und blickte in die Ferne, Richtung Rudelhöhle. War da nicht eine schwache, aber vertraute Witterung, die näher kam? Der Tiefschwarze konnte es noch nicht sagen.


Der Alpha war verantwortlich für das Leid dieses Wolfes hier? Da muss ja einiges reichlich schief gegangen sein. Ein Streit, den Aki nicht mitbekommen hatte und in den er sich nun indirekt einmischte. Murrend und ein wenig grollend setzte er sich neben den verletzten Wolf, als wolle er die Totenwache halten.

.oO(Das hast Du nun davon, Aki. Weil Du Dich einfach in die Angelegenheiten Anderer einmischen musst, hast Du nun ein Problem mehr. Andererseits kann ich nicht einfach genauso ignorant sein, wie die anderen hier. Obwohl, der Schwarze scheint sich wirklich Sorgen zu machen, ist aber irgendwie ein wenig verplant.)Oo.

Der verträumte Blick sammelte sich erneut und starrte nun fast penetrant auf das Augenmerk des Schwarzen. Aki war es etwas unangenehm; er konnte dem Fremden doch nicht erklären, warum sein Blick so trüb und seine körperliche Koordination so schlecht war. Er setzte ein vielleicht zu leichtes Lächeln auf und meinte etwas nuschelnd:

“Ich? Hilfe? Ach nein. Mir geht es echt gut, na ja, mir is ein wenig schwindelig, aber das kommt von meinem Absturz“,

und Aki glaubte sich sogar selbst. Und neigte leicht den Kopf und Richtung des Schwarzen, damit er die kleine Wunde sehen konnte, die er sich bei dem tatsächlichen Absturz eingehandelt hatte.

“Hm, wir sollten den Grauen in die Höhle bringen, dort ist er wenigstens vor der Kälte und unangenehmen Blicken geschützt“,

die verträumten Augen bekamen einen scharfen Ausdruck und fixierten die Höhle. Mit einem leichten Schwung drehte er sich um und schnappte nach der Rute des Grauen und zog sanft daran. Das Alles sah etwas in Watte gepackt aus. Der Schwarze mit den dunklen Augen schaffte es ohne große Mühen, den Grauen einige Zentimeter vorwärts zu bewegen.

.oO(Wäre Shakar bloß hier, der wüsste was zu tun ist. Der ist für solche Situationen geboren. Außerdem hat der allemal mehr Kraft als ich. Oh je, Du bringst Dich ehrlich immer in schwierige Situationen.)Oo.


Mittlerweile hatten sich auch die anderen eingefunden, welche sich zur Jagd zusammengetan hatte, und auch Thylia war da, welche soeben verkündet hatte, dass es für sie keinerlei wiederkommen gäbe, und so würde dies das letzte mal sein, wo die weiße, etwas andere Fähe mit ihnen auf die Jagt zog. Die Bernsteinfarbenen Blicke Corvinas lagen nachdenklich auf Thylia, sie war für kurze Zeit die einzige Verbindung zu der Menschenwelt gewesen, auch wenn sie die Weiße erst vor sehr kurzer Zeit so gesehen hatte, wie sie ebenfalls war, Mensch und Wolf, doch gesehen hatte sie in Thylia immerzu einen Teil des Menschen in der Höhle, und so wie dort verließ auch jetzt kein Wort die Kehle der weißen Plüschfähe, bloß der Blick zeugte davon, dass sie es Bedauerte, dass sie das Rudel verließ und man sie nicht mehr sehen würde. Doch wie man schon immer sagte,...Reisende sollte man nicht aufhalten und so rappelte sich schlussendlich auch Corvina in die Höhe und ließ sich in den Schnee runterfallen, blickte dann immer noch schweigend und leicht abwesend in die Runde, alle schienen sie ebenfalls unter dem Hunger zu leiden, doch Corvina waren die Worte Nyotas nicht entgangen, es würde erst gefressen werden, wenn sie in der Höhle sein würden und auch dort würde noch die Rangordnung zählen, die Rute der weißen Wölfin wedelte matt, als es endlich losging, sie ließ den anderen den Vortritt und trabte den anderen schließlich hinterher,...weg von der Höhle in die eisige Bergwelt des Todes, doch heute würden andere Wesen den Tod finden um wiederum die anderen zu ernähren!
Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Züge, als sie den Schnee zu ihren Pfoten spürte, und bald wurde ihr warm, von dem Vorwärtsgehen, da sie immer wieder leicht einsackte und sich dann wieder einen festen Grund verschaffen musste, doch sie war zufrieden, den Blick nach vorne gerichtet,...für einmal nicht nach hinten!


Ohne Erbarmen hatte die ältere Fähe ihren Körper den Berg hinauf getrieben, aber nicht dass es ihr etwas ausgemacht hätte, sie war das Wandern gewohnt und genoss die frische Bergluft, das leichte Schneetreiben, die kühlen Flocken auf ihrem Gesicht, es ließ ein sanftes Lächeln auf den dunklen Lefzen erscheinen. Sie hatten den größten Teil des Anstiegs schon hinter sich gebracht, mittlerweile konnte man den Geruch des Rudels wortwörtlich dem Schnee entnehmen, nicht dass der Wind schon den Geruch des Rudels ihnen zutrug, aber überall in der Luft hing er, dass Rudel hatte hier wohl eine Pause gemacht. Kisches Schritte wurden etwas langsamer, bis sie zum Stehen kam, die Rute hoch erhoben, schwing sanft hin und her, die kleinen, buschigen Ohren zuckten aufmerksam, die dunkle Nase reckte sie in die Luft, blickte sich einen kurzen Moment um, ehe sie zu Akriyo trat. Mit einem freundlichen Lächeln betrachtete sie den Rüden, den sie vor gut einer Woche vor dem Revier angetroffen hatte. Auf den ersten Blicke hatte sie sagen können, dass er wohl ein freundliches Gemüt besaß, selbst wenn er deprimiert wirkte, ihr machte es nichts aus, er würde schon zum Leben kommen, ob mit oder ohne ihre Hilfe. Sie wusste nicht wieso, aber etwas zog sie zu diesem Rudel, so als ob es ihre Bestimmung sei, sie spürte dass etwas sie hierhin brachte, etwas über dem Nichts stand und nie etwas stehen würde. Vielleicht wollte man dies einen stark ausgeprägten Instinkt nennen, einen gut ausgebildeten Sinn, vielleicht war es auch einfach nur eingeredet, aber sie glaubte daran und wenn es etwas gab, was sie verkörperte, dann dass Glauben Berge versetzten konnte. Der Blick der bernsteinbraunen Augen legte sich auf den grauen Rüden, betrachtete ihn kurz, ehe sie ein Ohr nach vorne schnippen ließ, mit ihrer Schnauze kurz über seinen Hals strich und ihm ein liebevolles Lächeln zuwarf, ehe sich ihre Gesichtszüge etwas verhärteten.

"Das Rudel wird uns bald wittern können. Bereit für die letzte Etappe?"

Ihre Stimme erklang sehr sanft, wie sie es von Natur aus auch war, aber ein leichter ernster Hauch war darin nicht zu verkennen, der jedoch von einem liebevollen Lächeln wie ausgelöscht wurde. Sie wollte sich nur vollkommen sicher sein, dass Akriyo sie auch weiterhin begleiten würde und sie nichts gegen seinen Willen taten. Als sie sich vor gut einer Woche kennen gelernt hatten, hatten sie längere Gespräche darüber geführt, ob er sie zu dem Rudel begleiten solle und ob es sinnvoll für ihn wäre. Nicht wirklich überraschend war die Meinungsänderung für die Fähe, sie kannte ihr Talent, auf eine liebevolle Art und Weise jemanden zu überreden zu etwas, was ihm gut tun würde. Dabei handelte es sich auch nicht um Selbstüberschätzung, sondern einfach Wissen, welches sie sich in den vielen Jahren, die sie nun schon hier auf dieser Welt verbrachte, angeeignet hatte, welches sich selbst und andere betraf.
Kurz wandte sie ihren Kopf um und richtete den Blick dorthin, von wo sie gekommen waren. Sie hatten schon den größten Teil des Weges zurückgelegt, wenn sie es recht beurteilen konnte, weit hinter ihnen musste das Revier legen, welches sie eigentlich aufsuchen wollte. Doch es schien ein anderes Rudel dort zu leben, der Geruch des ersten Rudels hatte noch an jedem Baum, an jedem Lebewesen gehaftet, nicht zu verkennen war es, dass sie ihr Revier wohl verloren hatten. Schon zweimal hatte sie so etwas selbst miterlebt, einmal mit ihrem eigenen Rudel, ein anderes Mal in einem fremden Rudel, dem sie eine Zeit lang beigetreten war. Es hatte nicht so sehr an ihr genagt, sie war nicht ortsgebunden, aber sie band sich an Rudelmitglieder, was eine Trennung noch schwerer machte, wenn sie von Nöten war. Und nach einer geraumen Zeit war sie nötig.
Mit einem kaum bemerkbaren Kopfschütteln wandte sie ihr Haupt wieder Akriyo zu, sie mochte den grauen Wanderer, der zwar sehr schweigsam war, aber manchmal brauchte man keine Worte, es reichte ihr nicht alleine reisen zu müssen und sich in guter Gesellschaft zu wissen. Die meisten hätten ihr wohl vorgeworfen, völlig unvorsichtig und naiv zu sein, einem völlig fremden Rüden einfach zu vertrauen, mit ihm weiter zureisen, ohne Bedenken, aber Kische wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht einfach vertrauen könnte, ohne Vorurteile und Unwohlsein.


Averic verzog die Lefzen leicht auf Tyraleens Antwort hin. Vorurteile, da hatten sie es ja schon wieder! Er hatte keine Lust mehr sich irgend was anhängen zu lassen, wovon die Weiße eh keine Ahnung hatte. Wie kam sie überhaupt dazu für das ganze Rudel zu reden? Sie kannte doch keinen außer diesem Face und den dämlichen Geschwistern Daylight und Amáya. Es ärgerte ihn. Es ärgerte den Pechschwarzen schrecklich doll, sich das alles anhören zu müssen. Nervensäge. Jeden anderen hätte er längst vertrieben, dennoch rührte Averic sich nicht weiter, gab allerdings auch keine Antwort mehr. Auf Tyraleens zweite Aussage hin wandte der große Wolf dann doch den Kopf herum und funkelte die Weiße wütend an. „Ihn immer zu beschützen … das muss doch furchtbar sein. Er wollte auch auf seinen eigenen Pfoten stehen.“
Sollte das jetzt heißen, dass er Cylin zu sehr „bemuttert“ hatte – was ja wohl der größte Schwachsinn war – und dieser deswegen immer öfter dem Rudel fern blieb und so schließlich leichte Beute für das fremde Pack war?! Ja klar, es war ja eh alles seine Schuld. Ein dumpfes, unzufriedenes Brummen verließ seine Kehle, aber dann verrauchte sein Zorn seltsamer Weise genau so schnell wieder und gleich nach dieser Bewegung, drehte er das Haupt wieder nach vorne, ließ es etwas hängen und schüttelte fast enttäuscht seufzend den Kopf. Tyraleens letztem Satz schenkte er bloß ein Ohrenzucken und schielte nur kurz zur Seite.

An dem verdammten Pack werde ich mich rächen ... Egal mit welchen Absichten und warum Cylin fort gegangen ist.“,

gab er nur leise noch von sich. Ohne Aggression, es war vielleicht nur leichte Verbitterung heraus zu hören. Allerdings änderte sich das sehr schnell wieder – Averic hatte erneut den Blick durch die Höhle gleiten lassen und erstarrte, als dieser Banshee traf. Ein schwarzer Schatten thronte mal wieder neben seiner Mutter, als seie er schon immer da gewesen. Die eh schon hin und her schwankenden Gefühle in seiner Brust barsten völlig auseinander und die Lefzen des Pechschwarzen zogen sich zu einem grausamen, aber tonlosen Grollen hoch. Ganz automatisch spürte er, wie die Massen des Hasses wieder auf ihn einstürzten, durch den Damm zogen sich schon zu viele Risse, nun brach alles mit gewaltigem Getose zusammen. Nach außen hin blieb es allerdings still. Zu still. Mit bedrohlicher Langsamkeit erhob sich der kräftige, große Rüde, die Schultern hoch gezogen, wie ein lauernder Wolf. Da stand er wieder, dieser verdammte Bastard. Genau wie er es erwartet hatte. König der Welt, Herrscher über das niedere Fußfolg, nein, die Fußabtreter. Er, der alles tun und lassen konnte, was er wollte und den deshalb niemals jemand verurteilte, im Gegensatz zu ihm. Averic fühlte das Brodeln tief in sich, wirbelnde Flammen, die sich zu einem Feuersturm zusammen trugen, bereit Acollon in die ewige Verdammnis zu schicken. Die klammernde Besessenheit nahm sein Opfer lautlos wieder in Besitz, sandte ihm ein gefährliches Glühen in die dunkelblauen Augen und trieb ihn schleichend vorwärts. Langsam. Ganz langsam – ein paar Schritte erst. Wie ein Raubtier, dass sich seiner Beute näherte.
Averic hatte Tyraleen und alles andere längst ausgeblendet, wie es immer geschah, wenn er und Acollon aufeinander trafen. Es war ein Zwang, der Hass und die Besessenheit durch Fenris. Natürlich wusste der Pechschwarze irgendwo noch, dass es eigentlich unmöglich war Acollon zu töten ... aber ... er war nicht irgend ein Wolf. Er war Averic. Sein Sohn. Acollons Kehle gehörte ihm.


Als der Rüde auch noch begann, um sie herumzulaufen, wurde sie erst recht nervös. Ihr Kopf wollte sich in seine Richtungen drehen, doch sie schaffte es kaum. Sie war müde und nicht bereit, neue Bekanntschaften zu schließen. Sie legte ihre Rute an sich und die Pfoten enger an ihren Körper, sammelte ihren Körper zusammen und stauchte sich förmlich in sich selbst zusammen, wollte keine Ecke unbeobachtet lassen, unbewacht..doch eher war er es, der hier wachte. Sie fühlte sich bedrängt, auf ein andere Art und Weise, als es in ihrem Traum geschehen war, doch es war auch eine Art von Bedrängung. Sie verspürte Angst, vor allem aber Respekt. Nach einiger Zeit gab sie es auf, seinen Bewegungen zu folgen. Ein großer schwarzer Rüde, das war er also, der Erzeuger dieser tiefen Stimme, die etwas Ruhiges, Mystisches aber auch etwas Abstand-Nehmendes an sich hatte. Sie fragte sich, zu wem er gehörte, persönlich gehörte und ob man Angst vor ihm haben musste, wer Angst vor ihm haben musste. Warum ging er nicht einfach und ließ sie in Ruhe sterben? Warum war es so reizvoll, um eine schwache Fähe herumzulaufen und auf sie herabzusehen? Es stand vollkommen außer Frage, wer hier mehr Macht hatte, warum also dieses Spiel? Sie hegte erste Antipathien zu ihm. Erst als er scheinbar ging, bekam sie wieder..Luft zum Amten. Sie atmete durch und senkte den Kopf wieder. Sie legte sich wieder hin, auf die Flanke und war bereit, so schnell wie es nur ging aus dem Leben zu scheiden. Ja, schnell, bevor neue Unglücke über sie hereinbrachen und sie noch weiter leiden ließen.
Die Momente vergingen, für sie nur ein einziger, kurzer, viel zu kurzer..und der Schwarze kam zurück. Sofort hob sie ihr Haupt und warf ihm einen ängstlichen Blick zu. Sie musterte seine sich nähernde Gestalt, dieser kräftige Körper, das tiefschwarze Fell und nicht zuletzt die blauen Augen, die das eigene Spiegelbild verschlangen. Was ging in ihm vor, was waren seine Motive? Noch eh sie furchterregende Vermutungen aufstellen konnte, erkannte sie, dass er ein totes Beutetier mitgebracht hatte. War es..Ironie? Zynik? Was wollte er damit andeuten? Wollte er ihr weiter Angst machen, war das wirklich seine Absicht? So mitfühlend wie noch nie einem Beutetier gegenüber, sah sie das tote Tier an. Schreckliche Vorahnungen fuhren ihr durch den Leib, wie ein Blitz, ein Stechen, ein Schub oder eine große Welle der Angst. Das Blut des Tieres erschien ihr so real..so real ihres zu sein. Sie rückte ein paar Pfotenspitzen zurück, scheiterte aber an einer richtigen Flucht letztlich wieder durch die fehlende Kraft.
Sie versuchte und erneut aufzustehen, ihr blieb nichts anderes übrig. Das einzige, was sie jetzt, in diesem Moment wollte, war Abstand. Sie stieß all ihre verblieben Kraft mit einem Mal in ihre Muskeln und schaffte es, ihren Leib zu erheben. Mit zusammengepressten Lefzen und angezogener Luft, hob sie sich an, bis sie auf ihren vier Läufen stand. Jetzt lag sie nicht länger am Boden. Sie blickte herab auf das tote Beutetier. Sie hatte es geschafft, sich wieder in eine Position zu bringen, in der nur ein lebendiges Wesen sein konnte. Sie stand, wie es ein Tier mit Würde tat. Würde wiedererlangte sie damit noch lange nicht, doch hatte sie jetzt die Möglichkeit, noch weiter Abstand zu nehmen. Sie ging langsam, sehr vorsichtig, wacklig auf den Pfoten, wie ein Welpe in seinen ersten Tagen, ein paar wenige Schritte zurück. Dann hielt sie an, sie war erneut an ihre Grenzen geraten, musste stehen bleiben um nicht das Risiko einzugehen, wieder hinzufallen. Sie wollte den Rüden genauer mustern. Jetzt sah sie ihn also, hob den Blick und fasste ihn ins Blickfeld. Er wirkte nun noch größer, obwohl sie eine größere Entfernung zu ihm hatte, als eben noch. Sie war gering, verglichen mit dem Möglichkeiten, die man eigentlich hatte, doch für sie war der Abstand..mehr Freiheit, weniger Bedrängung, mehr Ruhe, gewiss auch eine Spur von Distanz im persönlichen Sinne. Sie kannte ihn nicht, sie kannte seine Motive nicht und sie wusste nicht, was er vorhatte. Ihr Blick wechselte zwischen ihm und dem Beutetier. Sie konnte auf ihren Läufen stehen. Die Parallelen zu dem toten Tier waren nun weniger geworden. Trotzdem war klar, dass sie über keinerlei Macht verfügte, nicht über jemanden anders, so wie er, auch nicht über sich selbst, auch wie er. Auch wenn sie stand, hatte es kaum symbolischen Wert. Es wäre jedem anderen ein Leichtes gewesen, ihr diese würdige Stellung wieder zu nehmen, jede Kraft von außen konnte sie ohne große Mühe wieder umstoßen.

„Wie..heißt du, Rüde?“

Fragte sie aus sich heraus, leise und vorsichtig, mit einem unsicheren Blick, der nie lange auf seinen Augen verweilten konnte. Die Angst vor neuen Kontakten war zu groß. Sie ging nicht davon aus, dass er ihr Gutes wollte. Sie wusste aber auch nicht, ob er Böses wollte, sie hatte einige Erfahrungen gemacht und konnte doch mit keiner etwas anfangen. Alles löste sich im Nichts auf, es verschwand einfach und es kam wieder Neues, so lange sie lebte. Aber sie wollte es nicht mehr, sie wollte nichts Neues mehr, was sie dann wieder von Neuem verletzte, enttäuschte und ihr den Boden unter den Läufen wegzog. Die Angst vor neuen Enttäuschungen war zu groß. Jetzt hatte sie wieder einen fremden Wolf vor sich, kannte ihn nicht und wieder stellte sich für sie die Frage, was kommen würde. Selbst jemand, der gute Absichten hatte, konnte Schaden anrichten, konnte unwissentlich verletzend sein und Fehler begehen. Sie wusste, dass die Antwort auf die Frage nicht wesentlich war. Viel wichtiger war für sie, wie er antwortete, nur das konnte erste Auskünfte über seine Person geben, welche für sie bis jetzt nur ein tief verschlossenes Geheimnis in seinem großen, kräftigen, schwarzen Körper war. Das Maul noch leicht geöffnet, als wollte sie noch etwas sagen, den Blick mit aller Mühe auf ihn haltend, um seine Blicke interpretieren zu können, verfolgen zu können, wenn er antwortete. Was las er in ihren Augen? Sie wusste es natürlich nicht, sie wusste noch nicht einmal, was sie aus seinen lesen sollte. Er war weder Wert für sie, noch Unwert. Er war einfach nur fremd, unbekannt und scheinbar voller Willkür.


Wie um seine Beteuerung zu unterstützen, strengte sich der fremde Wolf nun an, einen scharfen Blick zu behalten. Das brachte Azag zum Lächeln, nur ganz leicht und auch nur ganz kurz. Der mochte es wohl auch nicht, Schwäche zu zeigen, da wollte Azag ihn ruhig in dem Glauben lassen, er hätte ihn überzeugt. Obwohl die Erklärung für seinen unkoordinierten Zustand viel beunruhigender war, als schlicht ein verschwommener Blick ... Azag wartete einen Moment vergebens, aber er hatte auch nicht wirklich daran geglaubt, dass wer kommt. Irgendwie war an diesem Morgen auf nichts Verlass, das hatte er schnell gemerkt. Also nahm er sich ein Beispiel an dem Fremden, der sich gleich daran gemacht hatte, den Verletzen in Bewegung zu setzen bzw. er übernahm das Beispiel des Rüden, weil Azag dessen Kraftreserven nicht traute.

"Komm, lass mich mal.",

sagte Azag und schubste den Schwarzen etwas zur Seite und fand gleichzeitig, dass dieses Führung-übernehmen-Ding nicht zu ihm passte. Er wanderte um den Verletzten herum, weil er den Nacken für geeigneter zum Ziehen hielt, so machten das schließlich auch die Mütter bei ihren Welpen. Bevor er aber sein eigenes Maul mit Nackenfell stopfte, wollte er noch eine Frage an den Schwarzen loswerden oder mehrere. Dann hatte Azag etwas zum Zuhören, während er zog und der Fremde würde ja wahrscheinlich eh mitkommen.

"Wie tief war denn dieser Sturz? Ich meine, auf den Kopf fallen ist ohnehin nicht gut, aber ich würde mir Sorgen machen, wenn ich im Anschluss nicht klar sehen könnte. Und ... wer bist du überhaupt?"

Jetzt biss er dem Unglücklichen beherzt in den Nacken und wunderte sich über seine fehlende Zaghaftigkeit. Und über seinen letzten Satz. `Wer bist du überhaupt?`... Oha, das klang ja schon richtig danach, als würde ich hier selbstverständlich dazugehören. Azag setzte sich in Bewegung und der schlaffe Körper zog eine Spur durch den Schnee.


Akriyo folgte der weißen Fähe schwerfällig, jeder Schritt ließ seinen massigen Körper tief einsinken. Er war es gewohnt, durch tiefen Schnee zu wandern, schließlich hatte er einst im kalten Winterwald gelebt, doch der steile Weg war sehr kräftezehrend. Alles hier war anders als in den flachen Gegenden, durch die er am liebsten wanderte, vor allem die Luft, die er atmete, hatte einen ganz anderen Geruch und Geschmack. Es war eisig kalt, doch die Anstrengung, sich den Berg hinaufzuschleppen ließ den Grauen hecheln wie im Hochsommer.

oO(Warum tue ich mir das eigentlich an?)

fragte er sich wieder einmal. Warum ging er zu einem Rudel, das ihn, einen Rüden, der zum Jagen und Hetzen kaum zu gebrauchen war, wahrscheinlich sowieso fortjagen würde? Und auch, wenn er vom Rudel aus bleiben dürfte, würde er sich fremd fühlen und sich bald schon wieder nach der ewigen Wanderschaft sehnen. Er betrachtete Kische. Sie war der erste Wolf seit langer Zeit, in dessen Gesellschaft er sich nicht vollkommen fremd fühlte, und das war das Einzige, das dafür sprach, zu diesem Rudel zu gehen. Die weiße Fähe wollte unbedingt dort hin, auch wenn sie das Rudel nicht kannte, so wie er es verstanden hatte. Lange hatte sie ihm gut zugeredet, bis er schließlich nur noch aus Gewohnheit Gründe dagegen genannt hatte, obwohl er sich schon längst dazu entschieden hatte, mit ihr zu gehen. Er blieb stehen, als Kische zu ihm kam, erleichtert über die Möglichkeit einer ganz kurzen Pause. Er ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen und wandte sich dann wieder der Fähe zu.

"Wenn du es bist."

sagte er mit tiefer und müder Stimme, stubste sie an und sah wieder hinauf in die Richtung, in der er das Rudel vermutete. Bisher hatte er immer Kische den Vortritt gelassen, hatte sich immer erst in Bewegung gesetzt, wenn die Fähe schon losgelaufen war, doch er hatte das Gefühl, dass er ihr zeigen sollte, dass er aus freier Entscheidung hier war und sie ihn zu nichts trieb, war er nicht wollte. Der Graue warf der Weißen noch einen kurzen Blick zu, dann trottete er los.


Ein Lächeln lag auf den Lefzen der Fähe als sie der kleinen Braunen zusah. Sie wirkte nun ganz und gar nicht mehr traurig, was wohl an der Gesellschaft lag. Es war nicht leicht alleine in den Bergen. Tyel wusste das und für einen Welpen war es noch schwerer als für einen ausgewachsenen Wolf. Vorsichtig streckte sie ihren Kopf ein wenig näher zu der kleinen Fähe, nahm ihren Geruch auf. Tyel freute sich für die kleine. Es musste schrecklich gewesen sein, so ganz allein im Schnee. Doch waren nicht unten im Tal auch noch Wölfe? warum war die kleine so weit in die Berge gelaufen, wo sie doch hätte unten bleiben können. Unten war es wärmer und der Weg zum anderen Rudel währe viel kürzer gewesen. Die Fähe fuhr sich kurz mit der Zunge über die Nase und musterte die kleine dann wieder. sie war ganz schön mutig. So allein in die Berge zu gehen. Was wohl passiert war, dass sie so allein in die Berge gehen musste. Vielleicht war sie ja schon bei dem Rudel unten gewesen...

"Warum bist du nicht zu dem Rudel gegangen, dass unten am Sternensee haust?"

Eigentlich ging es Tyel nichts an doch sie hatte die Frage ausgesprochen bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnte. Jetzt war es jedoch zu spät um noch darüber nachzudenken. Nun musste sie damit auskommen. Vorsichtig drehte sie sich in die Richtung aus der sie gekommen war. Der Weg den sie hinterlassen hatte konnte man deutlich sehen.

"Na komm Miral, bevor du mir noch erfrierst."

Die Stimme der Bunten war nun freundlich und gut gelaunt. Nicht mehr scheu. Sie lief langsam und wartete auf die kleine Braune. Wollte sie sie doch nicht verlieren. Sie sollte nun sicher sein. Brauchte keine Angst mehr zu haben. Im Rudel würde sie bestimmt willkommen sein. Die buschigen Ohren der Fähe stellten sich aufmerksam auf als sie eine Stimme im Wind hörte. Es war nur ein wispern, ganz leise. Doch Tyel bildete sie sich ein ihren Namen gehört zu haben.

oO Rasmús Oo

Mit einem Mal erinnerte sie sich wieder an ihren Bruder. Sie hatte bei der ganzen Aufregung gar nicht mehr an ihn gedacht. Er machte sich bestimmt schon Sorgen. Sie hatte ihm nicht gesagt wohin sie ging und nun war sie schon eine ganze Weile weg. Er musste sich einfach Sorgen machen. Wieder hörte sie ihren Namen, diesmal ein Wenig näher doch noch immer war es nur eine Stimme im Wind. Tyel schaute sich nochmals zu der kleinen Braunen um.

"Hörst du das auch?"

Sie lächelte aufmunternd auch wen sie am liebsten losgerannt währe, sie konnte es jetzt nicht. Sie musste auf Miral acht geben. Auf sie aufpassen. Sie konnte nicht einfach losrennen und sie mitten im Schnee stehen lassen. Auch wen sie ihren Spuren sicher gefolgt währe.


Stumm hatte der Rüde mit dem Rücken zu den Zweien gewartet, als Shani plötzlich davon redete, nicht mitzukommen und auf einen fremden Rüden zusteuerte. Völlig darauf konzentriert, bemerkte Hiryoga nicht, wie Rasmús plötzlich in Aufruhr die Höhle verließ und nach draußen stürmte. Leicht senkte der Braune den Kopf, die großen Ohren aufmerksam nach vorne gespitzt, verharrte er so einige Augenblicke, betrachtete Shani, wie sie auf den fremden Unruhestifter zutrat, kannte sie ihn etwa? Vielleicht, vielleicht war das jemand aus ihrem alten Rudel? Aber nein, die Chance war relativ gering, vielleicht verwechselte sie ihn auch nur, vielleicht war sie auch nur neugierig? Aber das würde der Weißen nicht ähnlich sehen. Erst jetzt bemerkte der Rüde, was er da eigentlich tat und zog den Kopf verschreckt hoch, so als ob er ertappt worden wäre bei einer verbotenen Tätigkeit. Es ging ihn doch nichts an, mit wem sie reden wollte und warum, es war ihre Sache. Aber... Hiryoga wandte den Kopf zur Seite und musste mit Überraschung feststellen, dass der Braune mit dem Namen Rasmús schon weg war. Und dann fiel es ihm wieder ein, er war einfach nach draußen gestürmt, ohne auf irgendwen zu warten, völlig überstürzt war er hinausgelaufen in die bittere Kälte.
Kurz legte Hiryoga die Ohren an den Kopf, es grauste ihm vor dem Gedanken da wieder hinaus zugehen, Shani bei dem Fremden zu lassen und die Spur eines aufgebrachten Bruders zu suchen. Er wagte es nicht, den Blick nochmals auf die Weiße zu richten, er wusste er würde sie wieder anstarren und sich nicht von der Stelle lösen können, er hatte versprochen nach Tyel zu suchen und das würde er nun auch tun. Langsam, mit fast mechanischen Bewegungen zwang er seinen Körper nach draußen in die Kälte, spürte den kühlen Wind im Gesicht, sah vereinzelte Schneeflocken vom Himmel tanzen, ehe er die Schnauze hob und die Spur des Rüden suchte. In dieser kurzen Zeit hatte er wohl doch schon ein ganzes Stück zurückgelegt, seine Spuren waren noch relativ gut im Schnee zu erkennen, er musste wohl wirklich durch den Schnee geprescht sein, dann würde er jetzt wohl langsamer geworden sein, nicht allzu lange hielt man solch ein Tempo in den Schneemassen aus. Missmutig legte Hiryoga die Ohren an den Kopf, ehe er sich dazu aufrappelte los zulaufen, den Spuren von Rasmús zu folgen.
Natürlich war sein Unbehagen mehr als gerechtfertigt, die letzten Wochen hatte er in dieser Kälte verbracht, gegen Hunger und Unterkühlung gekämpft. Aber nun war es etwas anderes, er wusste wo die Rudelhöhle lag, machte sich auf den Weg eine Freundin zu suchen, das war etwas völlig anderes. Je weiter er lief, in einem recht angenehmen Wolfstrab, spürte er doch, wie die Anstrengung an seinen geschwächten Kräften zerrte, wie die Muskeln in seinem Körper sich vor Schmerzen zusammenzogen und verkrampften. Endlich erblickte er den Braunen in der Ferne, spitzte die Ohren leicht und legte noch etwas an Tempo zu um ihn endlich erreichen zu können.

"Rasmús!"

Seine Stimme sollte eigentlich laut und kräftig erklingen, doch wurde sie fast erstickt von dem rasselnden Hecheln, welches seine Kehle verließ, rau und abgehackt ertönte seine Stimme, man sah ihm die Anstrengung der letzten Wochen wahrlich an. Sein Ruf war mehr eine Bitte gewesen auf ihn zu warten, zu geschwächt war er, als dass er ihm hätte ewig in diesem Tempo nachlaufen können. Erst jetzt bemerkte Hiryoga, dass er die Entfernung zu dem Rüden völlig falsch eingeschätzt hatte, nur noch wenige Meter trennten ihn und den Braunen, wie konnte nun das schon wieder sein? Aber das interessierte ihn jetzt nicht, sondern mehr der Gedanke daran, ob er schon eine Spur von seiner Schwester hatte. Als er jedoch die Stimme erheben wollte und den Fang zum sprechen öffnete, ertönte kein Laut, seine Stimme war zu angeschlagen, das Sprechen würde ihn zu viel Kraft kosten, er sollte sich lieber die Kraft für die Suche aufsparen, als unnötige Worte zu wechseln. Einen Moment verharrte er, ehe er doch den Fang öffnete, um nach seiner Freundin zu rufen.

"Tyel!"


Ruhig war die ältere Fähe verharrt, außer ihrer Rute bewegte sich nichts in dem zierlichen Körper, nicht einmal ihre Brust hob sich beim Atmen, gespannt wartete sie auf die Reaktion des Rüden, die sie doch etwas überraschte. Sein freundliches Anstubsen bewertete sie positiv, aber als er dann noch voran trat, schnippten ihre Ohren für einen Augenblick nach hinten, musterten den Grauen aufmerksam, er schien sie wirklich begleiten zu wollen.

"Auf zur letzten Etappe!"

Ein freudiges Lächeln zog sich um die dunklen Lefzen, die buschige Rute wirbelte die Schneeflocken unter ihr auf, ehe sie mit einem großen Satz Akiryo folgte und in einem schnellen Tempo voranpreschte. Es sah in diesem Augenblick fast so aus, als wäre sie eine Jungwölfin und der Übermut hätte sie gepackt, dabei war sie schon sechs lange Winter alt, doch ihr Gemüt war so jung geblieben, dass man es nicht hätte erwarten können. Nicht lange hielt sie dieses Tempo, ehe sie stehen blieb und sich umdrehte, sie hatte ihren Weggefährten nicht dazu aufgefordert es ihr nachzumachen, sie wusste, dass er ein eher schweres Tier war, nicht wirklich für solche Sprinte geeignet, sodass sie einfach nur aus Spaß losgeprescht war. Ein lautes Lachen verließ ihre Kehle, es war ein warmes, ein herzhaftes Lachen, ein Lachen welches ansteckte und andere erfreute, zumindest war dies oft der Fall gewesen. Nicht weit war sie voraus gelaufen, sodass der Graue nicht lange zu ihr brauchte.
Ihr Herz schlug schnell in der Brust, welche sich auffällig hob und senkte, ein Sprint durch diese Schneemassen strengte doch an, auch wenn sie noch ziemlich gut in Form und ausdauernd war. In dieser Schneelandschaft ging die recht kleine Fähe förmlich unter, sie war ebenso strahlend weiß, wie der Schnee, wobei man die grauen Abzeichen auf ihrem Fell nur bei genauerem Hinsehen erkennen konnte. Ein leichtes Funkeln, voller Lebensfreude und leichtem Übermut war in den dunklen bernsteinen Augen zu erkennen, würde nun die Sonne scheinen, hätte man das 'Feuer' in ihnen lodern sehen können, aber der Himmel war behangen von Wolken, die Schnee versprachen, oder besser gesagt, gebracht hatten und immer noch weiße Flocken ausschütteten.

"Akriyo, ich muss dir danken, ohne dich wäre diese Wanderung ein grausames Spiel aus Einsamkeit und Hungersnot geworden. Ich bin froh, dass du dich dafür entschieden hast, mich zu begleiten."

Ihre Worte waren ernst gemeint, sie hatte diesen Rüden lieb gewonnen, auf seine ruhige Art und Weise erhellte er ihr schon so fröhliches Wesen und ließ sie schon fast strahlen. Ihre Stimme erklang wie meist freundlich und sanft, solche Worte waren normal bei ihr, es tat gut anderen freundliche Worte zu schenken und sie ebenso zu erhalten. Manchmal konnte man wirklich das Gefühl bekommen, dass sie strahlte, so seltsam war ihre Fellfarbe, vor allem dann, wenn es ihr gut ging und sie völlig glücklich war. So langsam beruhigte sich ihr Gemüt wieder und der Übermut schwand, sie mussten noch ein Stück an Weg zurücklegen, das Rudel würde sie bald wittern und nicht allzu lange und sie mussten sich vorstellen. Würde er das übernehmen wollen, oder sollte sie? Aber es war noch zu früh zum Fragen, der Schnee und der Wind würden ihre Rufe verschlucken und das Rudel nicht benachrichtigen können, sodass sie doch erst näher kommen mussten.


Hima hatte der Alpha des Rudels, und damit ja nun auch ihrer neuen Alpha, aufmerksam zugehört, die Haltung im Sitzen gerade und ordentlich, obwohl ihr ganzer Körper dagegen aufzubegehren schien - sie war ganz einfach noch nicht in der Verfassung die starke Wölfin zu spielen, die diese kalte herzlose Welt dadraußen überlebt hatte. Doch sie hielt stand, mochten ihre Muskeln ihren Körper auch noch so zittrig machen.

.oO(Engaya soll uns geführt haben..? Dann hatte ich ja doch nicht ganz so Unrecht damit, das mich irgendetwas Übernatürliches zu führen scheint... Engaya, ich danke dir..)

Die grünblauen Augen der weißen Fähe wanderten für einen kurzen Augenblick an die Höhlendecke, glitzernd vor Dankbarkeit. Natürlich fragte sie sich weiterhin, warum ausgerechnet sie und Sam diese Hilfe zuteil wurde, während irgendwo da draußen bestimmt jede Menge anderer Wölfe mehr oder weniger grausam den Tod fanden. Doch jetzt war wohl kaum der richtige Augenblick, über solche Dinge nachzudenken, einmal weil das gegenüber Engaya und der Alpha undankbar war und außerdem sprach letztere gerade weiter. Und mit allergrößter Erleichterung vernahm sie die erlösenden Worte, die sie zum Bleiben aufforderten. Hima war bereits kurz davor Sam stürmisch anzustupsen um ihr die freudige Nachricht mitzuteilen, doch schnell überlegte sie es sich anders. Die Jüngere hatte ein Recht darauf weiterzuschlafen um ihre Kräfte aufzutanken. Doch die nächsten Worte der weißen Alpha machten ihr Sorgen. Vielleicht kehren wir bald in unser Tal zurück...
Warum nur vielleicht? Zudem sprach ihr Blick Bände und strafte ihre Stimme lügen - nein, diese Fähe hatte offenbar die Hoffnung auf eine Rückkehr aufgegeben. Aber wieso? Was war geschehen in der Heimat dieses Rudels, dass ihnen eine Heimkehr verwehrt blieb? Hima setzte gerade zu einer ähnlichen Frage an, als ein neuer Wolf zu ihnen stieß: Ein Rüde, groß und schwarz - und ganz offensichtlich sehr vertraut mit der Alpha. Mit ihm kehrte der vertraute Geruch von Blut in die einigermaßen gewärmte Höhle ein. Frischen Blutes... Nachdenklich betrachtete sie den Neuankömmling, doch ihr Blick wurde dabei keineswegs misstrauisch sondern behielt seinen freundlichen Grundton, zudem ein sachtes Kopfnicken stieß, um den Schwarzen zu grüßen. Die Harmonie, die die beiden nun wie eine unsichtbare Aura zu umgeben schien, zauberte ihr ein schwaches Lächeln auf die Lippen. Zwar wollte sie die traute Zweisamkeit der beiden nur ungern stören, doch die Fragen, die in ihr aufgekommen waren ließen sich nicht weiter unterdrücken.

"Entschuldige wenn ich frage, aber du scheinst daran zu zweifeln, in deine ursprüngliche Heimat zurückkehren zu können. Was ist geschehen?"

Die Worte waren leise gesprochen worden, wieder im Bewusstsein, dass neben ihr eine schlafende Fähe lag. Und vielleicht auch, weil Hima die Frage unangebracht erschien...


Miral erhob sich langsam. Die Kälte in ihren Pfoten spürte sie nicht mehr wirklich. Einerseits waren sie beinahe taub, andererseits lenkte die Gegenwart der Bunten die kleine Fähe schlicht davon ab. Als sie nun jedoch einen Schritt auf die noch Fremde zu setzte wurde es ihr kribbelnd wieder bewusst. Ein Stechen fuhr durch ihre Ballen, welches sie zusammenfahren ließ. Sie erholte sich jedoch schnell davon und hob den Blick wieder. Die schmale Spur ihrer Lefzen bildete ein beruhigendes und fröhliches Lächeln - so schlimm war es schließlich nicht. Sie war nie besonders kleinlich gewesen, sie hatte sich diesen Weg ausgesucht und musste mit den Konsequenzen zu Recht kommen. So war das Leben und ihre Pfoten würden ja nicht ewig erfroren bleiben. Es würde besser werden, das tat es fast immer.
Miral hielt still, als Tyel den Kopf zu ihr reckte, um den Geruch der kleinen Fähe aufzunehmen, die schlanke gertenartige Rute schlug fröhlich von einer Seite auf die andere und die schalenförmigen Ohren waren neugierig in Tyels Richtung gedreht. Sie war wirklich wie jeder andere Welpe und irgendwie auch nicht, sie fürchtete sich vor der Einsamkeit und war doch immer selbstständig. Sie war neugierig und achtete dennoch stets darauf, dass sie niemandem auf die Nerven ging. Sie war in ihrer jungen Art sehr naiv und achtete dennoch darauf was sie tat. Sie war realistisch und dennoch hörte sie auf ihr Herz. Letzteres war wohl die Antwort auf die Frage, die Tyel ihr soeben gestellt hatte. Miral überlegte einige Augenblicke, wie sie ihre Gefühle, die sie unten, am Fuße des Berges hatte, in Worte fassen könnte, und während sie das tat, ging sie wieder auf die Fähe zu, welche sich nun, zumindest glaubte Miral das, dem Weg Richtung Rudel zugewandt hatte.

"Also... ich weiß nicht so recht, warum ich nicht unten geblieben bin, wo es warm war und wo ich sicher war, dass dort Wölfe sind. Ich wusste ja nicht einmal sicher, dass hier oben jemand wohnt. Es gab nirgends Spuren. Aber unten wollte ich auch nicht bleiben. Die Gerüche der Wölfe dort waren irgendwie... hm... mir gefielen sie jedenfalls nicht, also bin ich hier hoch geklettert. Eben noch fand ich es eine furchtbar blöde Idee aber dann hast du mich gefunden und gesagt, dass es hier noch mehr Wölfe gibt also bin ich mit meiner Entscheidung eigentlich weitestgehend zufrieden."

Schloss sie und ein breites Lächeln huschte über ihre jungen Züge. Wieder einmal musste sie feststellen, dass sie reden konnte ohne Punkt und Komma und sie war sich nicht sicher, ob es Tyel störte. Die kleine Dame wollte die Bunte ja nicht gleich wieder mit ihrem welpischen Geschwätz vertreiben. Vorsichtshalber setzte sie hinzu,

"Tut mir Leid, ich rede sehr gerne. Wenn es dich nervt..."

Mitten im Satz hielt sie inne und stellte die kleinen Schalen auf um genau zu lauschen. Wie Tyel hatte sie eine Stimme im Wind wahrgenommen, wenn auch erst den zweiten Ruf. Und kurz darauf erklang auch eine andere Stimme, die ebenfalls nach ihrer Begleiterin rief. Sie wandte sich Tyel zu und neigte fragend den Kopf auf die Seite. Gleich zwei, die nach der Bunten riefen. Fremde konnten es nicht sein, denn sie kannten ja den Namen ihrer Retterin, vielleicht waren sie aus dem Rudel, von dem Tyel gesprochen hatte. Noch ehe Miral den Gedanken zu Ende gebracht hatte, richtete sie die Frage schon an die Bunte neben ihr.

"Ja, ich hab es auch gehört. Kennst du sie denn? Vielleicht aus dem Rudel?"


Weiterhin blieb Acollon stumm, er genoss nur das stille Willkommen seiner Gefährtin. Die Kraftlosigkeit hatte etwas nachgelassen, und dennoch war ihm jetzt nach Einsamkeit zumute. Eine Einsamkeit, die er sich selbst wünschte. Die aus freien Stücken als Wunsch in ihm aufkeimte. Aber auch ein anderer Wunsch machte sich in ihm breit; er wollte hier bleiben, nicht weg, nicht noch einmal alles verlieren. Seine grauen Augen verengten sich, das Nackenfell stellte sich hoch auf. Der Schwarze hatte das seltsame Gefühl beobachtet zu werden. Die schwarzen Ohren standen aufrecht und die Hinterläufe drückten sich in den Boden.
Sein Blick glitt jedoch nicht durch die Rudelhöhle, sondern zu Banshee. Die Weiße hatte alles fest in den Pfoten, sie wusste wer kam und wer ging. Dazu brauchte sie keine Hilfe, und dennoch wollte der Rüde ihr irgendwie begreiflich machen, dass er jetzt hier wäre und nicht mehr gehen würde, außer…

“Banshee, ich störe Dich nur ungern und eigentlich möchte ich nach allem was passiert ist, keine lange Rede halten, aber könnten wir uns für einen Moment unter vier Augen sprechen. Allein. Es wird wirklich nicht viel Zeit in Anspruch nehmen“,

eine Kopfbewegung deutete zum Ausgang. Doch der Hüne blieb stehen und wartete auf ein Zeichen des Einverständnisses. Es war zwar ein langes Gespräch nötig um alles zu klären und das bedurfte mehr, viel mehr Zeit, aber Acollon wollte nur die wesentlichen Dinge erwähnen und wollte ihr ein Versprechen geben. Und ein ihm wäre es auch recht, wenn die Beiden für einen Moment einfach nur allein sein könnten. Vielleicht hasste Acollon sich sogar ein Stück selbst für seine Worte und Taten. Nach einem so langen Verschwinden wieder aufzukreuzen und die Zweisamkeit mit Banshee verlangte. Doch es gab einen guten Grund sich dies zu wünschen und den musste er Banshee nicht erst erklären. Mit einiger Mühe versuchte er ein Lächeln- es war ein kläglicher Versuch. Denn ihm war nicht nach einem Lächeln zumute.


Aki musste leicht schmunzeln, als der Schwarze sich besann und ihm half. Er ließ sich einfach zur Seite schupsen und beobachtete, wie sein Gegenüber es etwas geschickter anstellte und den Verletzten Richtung Höhle zog. Hier und da zerrte der junge Rüde auch an dem Grauen, um es besser voran gehen zu lassen. Die dunklen Augen ruhten dabei im Stillen.

“Ach was, der Sturz war harmlos. Ist ja nichts weiter passiert als diese kleine Beule“,

und er schielte auf die klaffende Wunde an seinem Kopf. Diese Verletzung war tatsächlich nicht weiter schlimm, da hatte der Jungwolf schon einiges mehr einstecken müssen; viel mehr. Nach einige lang gezogenen Minuten des Schweigens hatten die Beiden den Verletzen vor den Eingang der Höhle gezerrte und Aki hielt kurz inne.

“Meine Name ist Aki Wodah und das hier ist mein Bruder Sha-“,

er brach ab und sah an seine leere Seite.

.oO(Jetzt hält er Dich ehrlich für verrückt, oder durchgeknallt.)Oo.

Aki war es gewohnt mit seinem Bruder zu reisen, selten von ihm getrennt zu sein. Und wenn es doch einmal eine Abwesendheit von Shakar gab, konnte er sich nur schwer umorientieren. Eigentlich war sein älterer Bruder wie ein Schatten, der seinen jungen Bruder beschützte, vor allem und jeden. Sicherlich hätte Shakar geschwiegen, wenn er jetzt hier wäre; hätte wohl nichts gesagt oder getan, außer an Akis Seite zu stehen. Mit einem seichten Lächeln schaute er auf und sagte leise, fast flüsternd:

“Mein Bruder ist noch nicht hier, aber er kommt bestimmt nach.“

.oO(Natürlich wird Sha bald hier sein. Er würde Dich nicht verlassen. Egal, was Du auch anstellst, er würde Dich niemals im Stich lassen.)Oo.

Aki scharrte ein wenig nervös mit der Pfote auf dem Boden rum und schob den Schnee hin und her. Sein Blick hatte sich etwas geschärft, dennoch war sein Ausdruck immer noch sehr glasig, träumerisch. Die Begleiterscheinung war aber leider alles andere als angenehm. Ihm war etwas schwindelig und es gab leichte Kreisbewegungen vor seinem inneren Auge.

“Und wie ist Dein Name?“


Der schwarze Teufel ließ ihn einfach dort liegen, verletzt und unbeweglich. Rasende Wut begleitet von großer Enttäuschung machte sich in ihm breit. Er zog die Lefzen hoch und presste seinen Fang zusammen, um ja keine Gefühlsregung zu zeigen. Doch es war eigentlich zu offensichtlich. Seine schönen Augen verengten sich. Sein Körper blieb einfach geschwunden am Boden liegen. Er mochte sich nicht bewegen und gleichzeitig wollte er nur losstürmen, dem Schwarzen hinterher. Eigentlich hatte der Graue verstanden, dass er gefallen war. So geschunden wie ein Engel, der wegen Verrats seine Flügel verlor. So fühlte es sich auch an, nicht nur körperlich. Zwei Fremde bemühten sich um Gregory. Ihre Worte aber waren nur Schall und Rauch. Er verstand sie nicht, hörte auch nicht direkt zu. Erst als sie Anstalten machten ihn in die Nähe der Höhle zu zerren, schnippten seine Ohren kurz und legten sich eng an seinen Kopf an. Er wehrte sich nicht weiter. Ließ alles mit sich machen. Vielleicht würde das ja alles ein Albtraum sein. Denn seine Lebensaufgabe war einfach zerstört, und das konnte nur ein böser Traum sein, nein, das war keine Realität. Getrimmt auf den einen Mord, hatte er versagt. Was machte sein Leben jetzt noch für einen Sinn? Gregory verdrehte die Augen, der Gedanke an den Tod machte ihm keine Angst. Er zog es lieber vor zu sterben, als sich in dieser Schande weiter durch das Leben ziehen zu müssen. Und das Schlimmste an diesem Gedanken war, dass er vorerst nicht aus diesem Revier verschwinden konnte, nicht weg von all diesen Bastarden konnte.

Als die Fremden es geschafft hatten ihn bis vor die Höhle zu zerren, knurrte er auf. Dort war der Schwarze. Noch ein letzter verzweifelter Akt, diesen Teufel auszumerzen. Seine Vorderläufe gehorchten ihm, sie stemmten die Last des Vorderkörpers auf, nur seine Hinterläufe regten sich nicht. Wie im Wahn rutschte er vorwärts, schwankte gefährlich mit dem Kopf an die Höhlenwand. Sein Grollen hallte in der Höhle wider. Es war laut und kräftig, die Verzweiflung trieb ihn an. Er war so blind, sah nicht, dass er eigentlich keine Chance hatte. Doch auf diesen Versuch wollte er es drauf ankommen lassen. Sollte jeder Wolf sich doch das Maul zerreißen und über ihn lachen. Ihm war es gleich. Er hatte doch sonst keinen Sinn in seinem Leben. Was sollte er denn sonst machen? Sich verändern? Am besten noch Freundschaft mit diesen verkümmerten kläglichen Abbildern seiner Vorfahren schließen? Nein, bestimmt nicht. Er ist, wer er war, und würde dies auch nicht ändern. Selbst wenn er sich mit dieser verzweifelten Tat zum Gespött machte, aber diese Rache gehörte nur ihm.
Er war der Feind unter den Feinden von Acollon. Nur Gregory Soeh würde den schwarzen Teufel töten, nur er würde es schaffen und auch tun.
Das Blut tropfte von seinen Lefzen, gemischt mit Speichel flog es bei jedem erneuten Aufgrollen an die Höhlenwände. Seine Augen verengten sich, sie spähten durch den Raum und suchten den Bastard, doch es war nun wirklich nicht schwer auszumachen. Gregory nahm Acollons Fährte sofort auf. Er kannte diesen Geruch nur zu gut. Es war ein leichtes ihn zu riechen. Er stank immer nach Blut, nach Tod. Die Seelen anderer klebten an seinem Fell und machten seine eigene Geruchlosigkeit zu Nichte. Es war ja nicht einmal sein eigener Geruch, er stahl ihn sich von anderen Wölfen. Trotz Gregorys unbeweglichen Hinterbeinen machte er einen sehr bedrohlichen Eindruck. Wieder nicht zu unterschätzen. Er hatte immer noch seine Zähne, seinen Fang, der zuschnappen könnte. Der eine Kehle nur zu gern in Stückte reißen würde. Mit einem fast irren, hohen Lachen zerrte er sich weiter in die Höhle. Nur Augen für seinen Feind. Seiner Lebensaufgabe: Acollon töten.

Eigentlich war der Graue einst ein schöner, ruhiger Rüde, der zwar früh seine Aufgabe kannte und auch dort hin erzogen wurde, aber immer seine Schwester an seiner Seite hatte. Er liebte einst die Freiheit sehr und vor allem den Wind, mit dem er so gern um die Wette lief. Gregory hatte eine Familie, bestehend aus seiner Alana und seinem besten Freund, Kamuijell. Sie hielten immer zusammen, sie waren unzertrennlich. Sie bauten sich eine eigene Weg auf und wollten diese auch leben. Wäre der Graue ein befreiter Wolf gewesen, hätte das wohl auch geklappt. Dann hätten die Drei das Meer eines Tages mal sehen können. Aber so war die zeit mit seiner Familie nur begrenzt, nur knapp. Es verlor sich der Traum in seiner Aufgabe. Er tauschte ein glückliches Leben durch ein erfülltes und von einer Aufgabe bestimmt. Irgendwann hatte er Spaß dran gefunden, irgendwann sah er es nicht mehr als Außenstehender, sondern als Hauptspieler. Dabei bemerkte er nicht, wie er zur Marionette wurde. Der Spielball einer höheren Macht. So verrannte er sich, schien ein perfekter Jäger und Spion zu sein. Liebte es, andere Wölfe den Verstand zu rauben und erprobte sich als „der Auserwählte“. Es begann die Hetzjagd auf den Tod.


Der Rüde hechtete durch den Schnee, bermerkte Hiryoga zunächst gar nicht, da er vor lauter Anstrengung und Kummer all seine Sinne nach vorn richtete, auf seine Schwester. Er ließ seiner Stimme keine Pause, rief immer wieder den Namen seiner Sternenschwester, seiner gerade erst wiedergewonnenen zweiten Hälfte. Wie glücklich er gewesen war, als er sie wiedergefunden hatte, nach Jahren der Suche. Und wieviel Angst er davor hatte, sie jetzt wiederzufinden, erfroren vielleicht, verhungert...? Verirrt in dem Schneesturm, der gerade erst nachgelassen hatte. Rasmús zwang seine Muskeln zu einem Kraftakt, den er sich nie zugetraut hätte, schon zum zweiten Mal im Beisein dieses Rudels. Hier war er schließlich Zuhause, wenn auch noch nicht lange. Hier würde er leben, zusammen mit seiner Schwester Tyel, und Shani und Hiryoga, ein Leben führen, dass ihn stets auf Trab halten würde, aber auch seine ruhigen Momente hatte...

"Tyel!"

Rasmús blieb kurz stehen, und wandte sich um. Das war nicht sein Ausruf gewesen, auch, wenn er gerade erneut den Fang zu einem verzweifelten Schrei geöffnet hatte. Seine Beine zitterten, sein Atem ging rasch und stach ihm in die Kehle. Die Ohren starr nach vorn gerichtet, suchte sein Blick die weiße Landschaft hinter sich ab, und er entdeckte den Rüden, der an Shanis Seite war, der mit ihr in den Abgrund gefallen war, ohne, dass er es gewusst hatte. Ein Freund für ihn,wie Shani für ihn eine Schwester im Geiste war. Er hegte Respekt vor Hiryoga, wollte ihm doch wegen der Sache mit Shani nicht zu nahe treten. Regungslos erwartete Rasmús den Rüden an seiner Seite, ehe er weiterlief. Und da, kaum war Hiryoga neben ihm, kaum war er ein paar Schritte gelaufen, da hörte er Tyel's Stimme. Diese Stimme, süß wie Honig für ihn, jetzt, da er sie lebendig wusste.

"Tyel!",

entfuhr es ihm aufgeregt, seine Stimme überschlug sich fast vor Erleichterung. Er hätte Saltos schlagen können. Er warf Hiryoga einen glühenden Blick zu, dann war er mit ein paar gestreckten Sprüngen bei Tyel, begann, sie zu liebkosen, ihr durchs Fell zu lecken, und sanft an ihren Ohren zu ziehen, wie bei ihrem ersten treffen.

"Ich bin froh, so froh, dass du lebst! Es tut mir so Leid!"

Um seine Schwester herumtänzelnd, stupste er sie von allen Seiten an, rieb mit seiner Nase an ihrem Hals entlang, und brach schließlich sogar in leises Lachen aus. Dann bemerkte er aus dem Augenwinkel den kleinen Welpen im Schnee, der sich in Tyels Nähe befand. Sie schien gerade noch mit ihr geredet zu haben. Es war eine Fähe. Sofort war in Rasmús die Welpenliebe geweckt. Er liebte Kinder über alles, liebte es, mit ihnen zu spielen, sie ein wenig zu necken und sich dann von ihnen anfallen zu lassen. Er musste stets lachen, wenn sie an seinen Ohren zogen, und dabei rauften und knurrten wie kleine Bären.

"Nanu, wer bist du denn?",

fragte er freundlich und neigte sich ein wenig zu der Fähe hinab. dann warf er Tyel einen Blick zu, und auch Hiryoga, schließlich hatte er ihn nicht vergessen.

"Danke, dass du mir gefolgt bist",

murmelte er und nickte dem Rüden zu.


Der dunkle sah sich etwas um, schlug eine andere Richtung ein als sein Bruder Aki. 'Geh schon mal vor, ich komme nach.' hatte er zu ihm gesprochen. Als er dies sagte sind sicherlich schon eine gute Zeit vergangen. Es war seltsam, er hatte seinen Bruder noch nie irgendwo vorgeschickt, aber diesmal schon. Eigentlich war er es, der immer Vorging, um seinen Bruder vor möglichen Gefahren zu beschützen. Er hatte festgestellt das hier in der Nähe irgendwo Wölfe waren - ein Rudel, dessen war er sich sicher. Noch wusste er nicht, ob es eine gute Entscheidung war, seinen Bruder einfach so vorzuschicken, in dem Wissen, das er einem Rudel in die Läufe lief. Ebenso wusste er nicht, ob es eine gute Entscheidung war, das er selbst seinem Bruder noch nicht folgte, sondern sich erstmal umsah. Er begab sich irgendwann nach einiger Zeit endlich auf den Weg dahin zurück, wo er sich von seinem Bruder getrennt hatte, hoffte, dieser würde auf sich aufpassen. Shakar würde sich niemals verzeihen, wenn diesem etwas passieren würde - hatte er ihn doch bisher vor allem schlechten so gut es eben ging bewahrt.

So kam es schließlich auch, das er genau an dem Punkt ankam, wo sein Bruder vorgehen sollte. Seine Ohren zuckten einen Moment, vielleicht würde er ja irgendwelche Geräusche oder Stimmen vernehmen. Vielleicht sogar Hilferufe von seinem Bruder. Oh, machte sich hier am Ende schon jemand Sorgen um jemanden? Seine kalten Blicke sahen sich um, er konnte sich erinnern in welche Richtung Aki gelaufen war, und so lief er langsam in die gleiche Richtung los - nur um ihm zu folgen. Hoffentlich hatte er ihn nicht zu lange warten lassen - hoffentlich war alles klar bei ihm. Hoffentlich stellte er keine Dummheiten an. Seine Ohren waren Aufmerksam aufgestellt, dies passierte ja schon selten genug, meist passte er ja nicht auf sich auf. Da wären wir schon wieder bei diesem Thema - Was ihm selbst passierte war ihm völlig egal, solange es seinem Bruder gut ging.

Letztendlich kam er an einen kleinen Abhang an. Himmel - ist sein Bruder etwa dort hinuntergekommen? Die Witterung sagte 'Ja', sein Gehirn fragte sich, wie dies wohl ausgesehen haben mag. Ein leises, kaum hörbares Brummen entrann seiner Kehle, erneut untersuchten seine Augen die Umgebung, aber es schien nicht wirklich etwas zu geben, wo man leichter hinunterkommen könnte. Jetzt stellte sich nur noch folgende Frage: Wenn Shakar hier runtergehen würde, gäbe es dort unten Gefahr? Das ließe sich ja in kürze herausstellen. Erneut ein leises Brummen, dann setzte er an... um den Abhang irgendwie heil herunter zu kommen. Ein Schritt, ein paar kraftvolle Sätze nach unten, ein kurzes Rutschen, und unten war er. Wie er sowas hasste, Abhänge - solche waren oft ganz gemein. Des öfteren hatte er sich schon im wahrsten Sinne des Wortes auf die Schnauze gelegt, wegen solchen Dingern. Wie unnütz. Zum Erklimmen waren diese ganz nett, zum Absteigen... pfui!

Nun, ein kurzer Blick nach oben wurde gemacht, dann folgte ersteinmal ein Wittern am Boden, die Ohren wieder aufmerksam aufgestellt. Ja, sein Bruder ist hier gewesen, sein Blick wanderte also nach vorne, wo er möglicherweise. Aufgrund der Tatsache das ja hier überall Schnee lag, war die Witterung jedoch nur... bedingt möglich. Machte nichts, denn beinahe dachte er schon, seinen Bruder zu sehen, aber er konnte sich täuschen - Immerhin war er ein wenig erschöpft von den letzten Tagen. Kein Laut drang aus ihm heraus. Er würde hier ersteinmal einen kurzen Augenblick verharren - ohne zu wissen, das dies auch schon sein Bruder Aki genau hier tat - und erstmal abwarten. Nun, abwarten... auf was denn?


Etwas verwirrt sah er dem verletzten Grauen nach, der eben noch am Boden lag und dann schon wieder aufstand. Wenn man das als Aufstehen bezeichnen könnte. Der Graue zog und zerrte sich verbissen in die Höhle, knurrte und grollte. Aki wich einen Schritt zurück, sah zu dem fremden Schwarzen, der immer noch nicht seinen Namen genannt hatte. Ein wenig erstarrt von dem abrupten Wandel. Was bewog diesen Wolf trotz seiner Verletzungen einfach aufzuspringen und sich wieder in einen Kampf; denn das war bei diesen Drohgebärden klar; zu stürzen? Gut, Aki wusste, dass sein Bruder auch bis zum letzten Ende kämpfen würde. Allein nur um seinen jüngeren Bruder zu beschützen. Ihn ließ es immer wieder erstarren, wenn er seinen Bruder knurren hörte. Es war gewaltig geworden, und der Jungwolf selbst hasste Gewalt. Außer es war wirklich nötig.

Ein Geruch streute sich zu der Rudelhöhle und Aki sprang schnell auf und sah sich um. Dort hinten, der schwarze Schatten. Shakar war endlich nachgekommen. Unbewusst ließ Aki seine Rute hin und her schwenken, aufgerichtet und sehr freudig.
Ein lautes Wuffen ertönte und er lief los. Ohne Halt und Bremse. Vorbei an anderen Wölfen und direkt auf seinen Bruder zu. Ja, sein Heißgeliebter Bruder war endlich da. Seine Freude übermannte ihn fast und er bremste viel zu spät und rasselte ein wenig hart in den großen Bruder hinein. Shakar war standhaft.

“Sha“,

hauchte er leise. Und drückte seinen schmalen Kopf an Shakars. Ja, sein Bruder würde ihn um jeden Preis beschützen, doch das würde Aki auch tun. Die Geschwister standen sich schon immer am nächsten. Und das war auch gut so.

“Schön, dass auch Du den Weg endlich hier her gefunden hast“,

meinte Aki und löste sich von seinem Bruder. Seine Worte klangen gerade so, als seien sie Jahre getrennt gewesen. Und ein wenig verlegen fügte er hinzu:

“War ja klar“,

er lachte leise in sich hinein.


Tyel hatte der kleinen Fähe aufmerksam zugehört. Ein Lächeln lag auf den Lefzen der Bunten, als Miral geendet hatte. Sie verstand die Kleine auch sie war mit dem Rudel geflüchtet. Geflüchtet vor dem fremden Rudel.

"Keine Angst, noch nervst du mich nicht."

Ihre Stimme war sanft während sie Miral antwortete. Sie stupste die kleine kurz an und hob dann wieder den Kopf. Schon wieder hörte sie ihren Namen im Wind. Sie blickte wieder auf die kleine Fähe und beschleunigte ihre Schritte dann. Wartete jedoch noch immer auf die kleine. Sie wollte nun endlich wieder zu ihrem Bruder wollte nicht, dass er sich weiter sorgen um sie machte. Sie wollte nicht der Grund für eine Solche Aufregung sein, war sie doch nie so wichtig gewesen. Immer war sie allein gewesen. Immer hatte sie ihr Leben alleine meistern müssen. Sie war nie der Mittelpunkt gewesen und nun auf einmal musste sie auf die kleine Miral aufpassen und Rasmús suchte sie. Überrascht spitzte die Fähe die buschigen Ohren, war da noch eine andere Stimme. Hiryogas Stimme? Nein Hiryoga war weg und Shani auch. Ob sie wiederkommen würden? Tyel hoffte es, doch glaubte sie, im Gegensatz zu Rasmús, nicht wirklich daran. Sie glaubte nicht daran, dass die beiden Wölfe aus der Schlucht gefunden hatten. Nicht so schnell. Selbst wenn, die beiden hätten sich wahrscheinlich nicht so schnell wieder zum Rudel gefunden. Die kleine Braune Fähe riss sie, mit ihrer Frage, schlagartig aus den Gedanken.

"Ja, mein Bruder."

Plötzlich tauchte Rasmús aus einer Schneewehe vor ihr auf. Das Lächeln auf den Lefzen der Fähe wurde größer. Sie genoss es von ihrem Bruder liebkost zu werden. Kurz schloss sie die Augen, blieb ruhig stehen, genoss noch für einen Augenblick die Nähe ihres Bruders. Dann fing auch Tyel an ihn zu liebkosen. Fuhr ihm mit der Schnauze durchs Fell und zog ihm an den Ohren. Erst als Rasmús Miral entdeckte hörte Tyel auf und ließ von ihm ab. Sie schaute an Rasmús vorbei und entdeckte Hiryoga. Sie blinzelte kurz, schaute wieder zu dem grau weißen. Er war es! Tatsächlich. Hiryoga. Die Rute der Bunten schlug schnell von einer zu anderen Seite aus. Immer wieder. Fröhlich lief Tyel auf Hiryoga zu. Sie konnte es kaum fassen, dass er wirklich da stand. Vor ihr. Im Schnee. Tänzelnd ging Tyel nun auf den Rüden zu, stupste ihn an als sie neben ihm stand.

"Du...Du bist wieder da. Wie lange seid ihr schon wieder da. Wie seid ihr aus der Klippe gekommen."

Die Fragen sprudelten der Fähe nur so aus den Lefzen. Sie war so unendlich glücklich über das wieder sehen. Auch Hiryoga begrüßte sie, wie sie vorher Rasmús. Liebkoste ihn und fuhr ihm durch das braune Fell. Zog ihm fröhlich am Ohr. Doch eine Frage brannte ihr noch auf der Zunge.

"Ist Shani auch wieder da? Ist sie beim Rudel?"


Vorsichtig drehte Kaede den Kopf in verschiedene Richtungen. Seit dem sie oben angekommen waren hatte sie nicht viel mehr gemacht als herumgelegen, sich ausgeruht und nachgedacht, doch nun fand sie es an der Zeit sich wieder einzugliedern, vor allem weil sie Banshee doch mit dem Rudel helfen musste. Sie stand also vorsichtig auf und schüttelte sich. Wenn sie es recht mitbekommen hatte war eine kleine Gruppe von Wölfen losgezogen und auf die Jagd gegangen. Kaede hoffte für sie, dass sie erfolgreich waren und genügend Fleisch für das Rudel mit hoch brachten. Sie hob ihre Schnauze in die Luft und sog die bitterkalte schneeige Luft ein. Sie fand es hier oben zu ungemütlich, doch sie würden es schon schaffen und wieder in ihr Tal zurückziehen können. Erstmal musste nun bald wohl Welpenzeit sein, wenn sie sich jetzt nicht vertat. Vorsichtig und langsam ging Kaede los. All ihre Sinne waren angespannt, denn hier kannte sie sich so gut wie gar nicht aus und sie wollte schließlich nicht irgendwo landen, wo sie nichts zu suchen hatte oder wo es gefährlich war. Die Rudelhöhle hatte sich entschieden geleert und irgendwie konnte Kaede niemanden ausmachen, der ihr bekannt vorkam, doch das störte sie jetzt eher weniger. Sie hoffte irgendwann auf Banshee zu treffen, vielleicht würde sie ihr etwas dazu sagen können, wie sie es sich hier nun vorstelle. Ob sie daran dachte bald zurückzukehren, sobald die Welpen alt genug waren. Mit schrecken stellte Kaede fest, dass genau das noch ziemlich lange dauern würde. Traurig stellte sie fest, dass es unter diesen Umständen sein konnte, dass sie niemals das Tal wieder betreten würde, doch mit einem Kopfnicken verscheuchte sie diese dumpfen Gedanken und brachte ein Lächeln auf ihre Lefzen. Froheren Mutes steuerte sie weiter auf den Höhlenausgang zu, als sie bemerkte, dass sie etwas zu nah an die Felsenwand gekommen sein musste. Auf jeden Fall war es an ihrer rechten Seite recht kühl und mit einem leichten Kopfschlenkern in die Richtung stellte sie fest, dass sie wirklich fast an der Wand herumschabte. Ärgerlich schüttelte sie ihren Kopf und steuerte etwas weiter auf die Mitte der Höhle zu, oder zumindest das was sie als die Mitte der Höhle vermutete. Dann konnte sie das Schneerauschen vernehmen und steuerte freudig darauf zu. Schneerauschen bedeutete Freiheit, Ausgang und hoffentlich auch andere Wölfe. Innerhalb der Höhle blieb Kaede also stehen, legte ihren Kopf schräg und lauschte dem Geschehen draußen.

Der Transport des Verletzten wurde dann doch eine recht schweigsame Sache, weil der Rüde lieber half, als zu reden und das gefiel Azag. Er handelte so ... eigen. Er half, weil er helfen wollte und nicht weil ein missbilligender Blick ihm diesen Wunsch untergeschoben hatte. Azag fragte sich, was er gemacht hätte, wäre der Fremde nicht dazugestoßen. Liegen gelassen hätte er den Verletzten bestimmt nicht, aber zu helfen war sein erster Reflex ja auch nicht gewesen. Das lag vielleicht auch daran, dass er gesehen hatte, wie dieser Wolf den Kampf willentlich, ja fast sehnsüchtig ins Rollen gebracht hatte.
Azag lockerte seinen Kiefer und ließ den schweren Körper damit in den Schnee zurück sinken, während der Andere sich vorstellte. Als Aki Wodah und ...? Azag blickte auf und sah ihn gedankenverloren schweigen, den Kopf zur Seite geneigt, als hatte er sich an wen wenden wollen. Seine Augen bewegten sich dabei, vermutlich synchron mit einigen Aki Wodah eigenen Gedankengängen. Seine nächsten Worte waren leise und mit einem lächelnden Hauchen darunter, aber Azag verstand sie, er hatte sehr gute Ohren, aber auch der Inhalt war klar für ihn. Aki Wodah hatte gedacht, sein Bruder sei an seiner Seite. Vermutlich waren sie sonst unzertrennlich ... für Azag klang es fast ein wenig so, als sei sein Bruder gestorben und der Rüde hatte sich noch nicht daran gewöhnen, auch nicht damit abfinden können. Aber wer weiß, vielleicht liege ich auch falsch ... er scheint seinen Bruder aber wirklich sehr zu mögen. Azag hatte keine Geschwister.

"Ich bin Azag Mo-",

setzte er an und dann klappte seine Schnauze bis zum Anschlag auf. Was zum- ? Kurz mit einem Knurren angekündigt, erwachte der verletzte Wolf zu neuem Leben und wirkte mit seinen nur zur Hälfte funktionstüchtigen Läufen viel gefährlicher, als zuvor. Das lag an der den Tod kein bisschen scheuenden Entschlossenheit, die in seinen Augen aufleuchtete, bevor er sich von der Dunkelheit der Höhle verschlucken ließ. Seine Laute waren Respekt einflößend. Azag ging einen Schritt zurück vom Höhleneingang. Okay, ab hier ließ er die Pfoten von der Sache. Was lässt der Bastard sich vor die Höhle kutschieren, um dann auf unsere Hilfe zu scheißen? Erst rumkränkeln, der Pisser und dann ... Azag regte sich darüber auf, dass er so vulgär in Gedanken wurde, aber noch viel mehr regte ihn auf, dass er sich hier emotional in etwas verwickeln ließ, was sich überhaupt nicht auszahlte. Er gab ein zutiefst unwilliges Knurren von sich und wollte der Sache damit den Rücken kehren, also drehte er sich schwungvoll, die Pfoten in den kalten Boden bohrend, zu Aki Wodah um. Der nicht mehr da war. Er rasselte gerade in seinen Bruder, der also tatsächlich nachgekommen und nicht tot war. Irgendwie freute Azag sich für ihn, aber ... ja, verpisst euch doch alle!

"Was ist denn das heute für ein Tag?!",


konnte er sich nicht zurückhalten in die kalte Luft zu brüllen. Rauchend, wie es ihm vorkam, stapfte er in die nächstgrößte Schneewelle, die er finden konnte und strampelte sich hindurch, einfach, um seinen Ärger loszuwerden.

Atalya
30.12.2009, 22:35

Miral schien förmlich zu spüren, wie das Eis brach. Tyel war vor ein paar Minuten ihr gegenüber noch relativ zurückhaltend gewesen, zeigte sich jetzt jedoch gar nicht mehr so. Und Miral, ihrerseits, hatte Vertrauen gefasst. Der Blick, mit dem sie die große bunte Fähe bedachte zeugte von einer gewaltigen Menge an Zutraulichkeit. Sie hatte die Bunte auf Anhieb gemocht und hatte auch nicht den Eindruck erhalten, sie seie unwillkommen, eher im Gegenteil. Also, beschloss sie, würde sie bei Tyel bleiben und diese würde auf sie aufpassen und ihr helfen. Bestimmt. So hoffte sie zumindest. Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lefzen sah sie zu der Bunten auf und wackelte mit den spitz zulaufenden Ohren.

"Noch..."

War die Antwort auf Tyels Feststellung. Miral wollte niemanden nerven, sie war eigentlich sehr verantwortungsbewusst, doch manchmal bekam sie es einfach nicht mit, oder es ging mit ihr durch, dann konnte sie auch nichts dafür. Und sie hoffte, man würde ihr immer Bescheid sagen, wenn sie einen mal wieder überrannte, denn sie mochte es überhaupt nicht, wenn man sie über irgendetwas, besonders über ihr Verhalten, im Unklaren ließ.
Je unterbrach sie sich in ihren Gedanken, denn schon waren die Besitzer jener Stimmen aus dem Schneetreiben erschienen, die sie eben noch vernommen hatten. Die große Begrüßung und offensichtliche Wiedersehensfreude überrumpelte die kleine braune Fähe ein wenig und sie hielt sich dicht an Tyels Seite, denn sie bekam schon leicht Panik ob der vielen Pfoten, die sie vielleicht noch überrannten. Natürlich war sie sich bewusst, dass das wohl eher nicht geschehen würde, doch man konnte nicht vorsichtig genug sein.
Miral sah auf, zu dem Rüden, von dem sie glaubte, dass es Tyels Bruder war, denn diese ließ es sich nicht nehmen, ihn ausgiebig zu liebkosen. Außerdem konnte sie die Sorge deutlich hören, die in seiner Stimme mitgeschwungen war, als er sie entdeckt hatte. Viele Füße, viel Geschmuse und viele Worte. Alles ein bisschen viel und sie wich eilig ein paar Schritte zur Seite, um nicht im Weg zu stehen. Langsam ließ sie sich auf die Hinterläufe sinken, den Kopf leicht auf die Seite gelegt und die Schalenohren nach vorn gestülpt, richtete den Blick der sanften haselnussbraunen Augen auf Tyel und konnte sich ein welpenfreches Schmunzeln nicht verkneifen.

"Dafür, dass sie eben noch so zurückhaltend war kann sie ja beinahe genauo viel reden wie ich..."

... und sie zuckte je zusammen, als man sich plötzlich ihr zuwandte. Ein wenig überrascht richtete sie den Blick auf den Rüden, den sie als Tyels Bruder zu identifizieren glaubte und der nun plötzlich vor ihr stand. Tyel hatte sich nun an den Besitzer der zweiten Stimme gewandt, der hinter ihrem Bruder gestanden hatte. Miral sah nur ein Stück von diesem zweiten fremden Rüden, denn Tyels Bruder versperrte ihr ein wenig die Sicht. Und auch dieser hatte sich nun dem zweiten fremden Rüden zugewandt. Diese vielen Wortwechsel irritierten die kleine Braune, sie wollte sich nirgends einmischen, aber sie wollte ja auch nicht untergehen in dieser ganzen Wiedersehensfreude, also holte sie einmal tief Luft, um auf sich aufmerksam zu machen.

"Mein Name ist Miral, Miral Ninárika. Und wer seid ihr?"


Als er seine Umgebung ein wenig mit seinen Augen untersuchte, fragte er sich, wo zur Hölle er genau angekommen war. Aber was solls, nun war er hier und dies ließe sich ersteinmal nicht ändern. Er war sich schon beinahe sicher, das er entdeckt worden war - und es bestätigte sich sogar, als sein Bruder Aki auf ihn zukam. Oh, der Wolf der wie Aki aussah, war es sogar tatsächlich wegen, wie schön. Dessen Wuffen hatte er gar nicht wahrgenommen, und dann kam er auch so schnell auf ihn zu. Und dann war es schon passiert... Aki stieß mit Shakar zusammen, der jedoch kaum eine Bewegung zeigte. Hatte sich hier jemand wehgetan, oder war alles in Ordnung? Der schwarze Bruder wurde einmal gemustert, und es dauerte nicht lange, bis ihm auffiel, das er eine Wunde am Kopf hatte, wenn auch eine kleine. Er stupste den anderen kurz einmal an, und kurz darauf war es ein Nicken, das er seinem Bruder zeigte.

"Stürmisch wie eh und je."

sprach er leise aus, und es war ein Grinsen, das seine Lefzen schließlich einen Augenblick zierte. Er grinste selten, noch seltener war ein Lächeln oder Schmunzeln. Dann wurde der Blick auf die Wunde am Kopf nocheinmal angesehen... und ein paar Sekunden später würde über jene ein paar mal geleckt. Wie hatte er diese denn abbekommen? Hatte er womöglich nicht soviel Glück gehabt beim Abstieg wie er? Aber da er ja sicher gleich fragen würde, bekäme er auch sicher eine Antwort von seinem Bruder Aki. Erneut vergingen ein paar Sekunden, bis er das Lecken an der Wunde einstellte, und seinen Bruder erneut anstupste.

"Auch wenn es etwas länger gedauert hat, so bin ich hier, genau. Willst du mir sagen, wie es zu deiner Wunde da am Kopf kam? Und ist soweit alles in Ordnung?"

Eindeutig war ein wenig der Klang von Sorge in seiner Stimme zu erkennen, er sprach jedoch weiterhin leise, es würde sonst sicherlich Ohren geben, die lauschen könnten. Er wandt den Blick von seinem Bruder kurz ab, und sah sich somit einmal um. Dann wanderte der Blick aber wieder zu Aki, und eine weitere Frage fiel ihm ein.

"Ein fremdes Revier. Wurdest du schon von einem Alpha empfangen?"

Nach diesen Worten schwieg er, zog es nämlich vor, seinen Bruder auch einmal zu Wort kommen zu lassen. Immerhin müsste dieser ja noch antworten. Seine Ohren wurden also aufmerksam aufgestellt, sein Blick auf Aki gerichtet, und so wurde gewartet.


Der junge schwarze Rüde genoss die Zärtlichkeiten seines Bruders. Es war schon immer so gewesen, dass Shakar sich um ihn sorgte. Oft zu sehr, denn er vernachlässigte sich selbst und opferte sich immer für Aki auf. Manchmal wünschte er sich, an Stelle seines Bruders der Beschützer zu sein. Mit einem seichten Lächeln sah er auf und schaute in die Augen seines Bruders. Sie waren nicht so voller Leben wie die von Akis, sie waren aber aufmerksamer, wacher, stiller.
Aki war schon immer ein sehr mutig und schritt mit einer Gewissen Freude im Leben voran. Er hatte Spaß; suchte sich dafür aber nicht immer den leichtesten Weg.

“Na ja, der Abhang war doch steiler als ich gedacht habe“,

es war nicht die ganze Wahrheit gewesen. Aki hatte zwar nicht genau abgeschätzt, aber im Endeffekt war sein berauschter Zustand an seinem Sturz schuld.
Doch seine Flunkerei konnte man nicht leicht enttarnen, der schwarze Rüde war sehr geschickt im „etwas verheimlichen“. Um vom Thema abzuweichen sah er kurz auf, ließ seinen Blick über das Gelände schweifen und blieb schließlich bei einem Hinterteil, der aus einem Schneehaufen ragte, stehen. Etwas Stirn runzelnd und schief lächelnd meinte er seinem Bruder zugewandt:

“Nein, die Alpha habe ich noch nicht kennen gelernt. Dafür möchte ich Dir jemand anderen vorstellen!“

Aki trat auf den Wolf im Schneehaufen zu und stupste ihn leicht von der Seite an.

“Das ist Azag Mo und na ja, jeder hat so seine Vorlieben“,

etwas verlegend sah er zu seinem Bruder und meinte anschließend flüsternd zu seinem Bruder:

“Bei dem Nachnamen ist das aber ehrlich kein Wunder“

Der junge Wolf grinste und schloss für einen Moment die Augen. Vielleicht könnten Shakar und er endlich hier einen neuen Anfang wagen? Nachdem sie von ihren Eltern weg waren, hatten sie keinen festen Platz gefunden, wo sie bleiben konnten und wollten. Meist war der große Bruder sehr kritisch und nicht gerade sehr gesellig. Nun gut, die Vergangenheit erlaubte es ihm. Und Aki konnte es ihm nicht verübeln. Oft wünschte er sich zwar, dass er mit seinem Bruder über die Vergangenheit sprechen könnte, aber das würde Shakar nicht zulassen, das wusste er. Es war nicht leicht gewesen, aber sie hatten zusammen gehalten und versucht neu anzufangen. Als der Rüde die Augen wieder öffnete blinzelte er seinen Bruder an.


Face Taihéiyo hatte sich wieder auf die Hinterläufe in den Schnee fallen lassen. Sein Blick hing schon nicht einmal mehr richtig auf der weißen Wölfin, er merkte auch so, dass sie wieder zurück wich und inzwischen auf ihren schwachen Läufen stand. War sie so realitätsfremd und vom Schlechten erzogen, dass sie alles negativ sah und nicht einmal eine helfende Geste hinter dem erbeuteten Hasen erkannte? Das war nicht einmal mehr pessimistisch, was er ja eindeutig war, nein ... das war zerstörerisch.
Aber der Tiefschwarze beachtete sie kaum noch, zumindest saß er so da, machte diesen Anschein. Die Weiße würde sich eh von allem bedrängt fühlen. Langsam hob sich seine Schnauze und die saphirfarbenen Augen – tief und doch fremd wie ein riesiger, unergründlicher Ozean – fingen an wieder den Himmel zu fixieren und die einzelnen Schneeflocken zu verfolgen. Er wandte den Blick auch nicht ab, als die Fähre ihn unerwartet nach seinem Namen fragte. Es schien eher, als hätte Face sie gar nicht gehört – regungslos. Allerdings öffnete er dennoch nach einem kurzen Augenblick den Fang zur Antwort.

Face Taihéiyo.“

Kurz und knapp, ruhig ausgesprochen und klar in den Wind gehaucht. Es war bloß ein Name. Oft sagten diese überhaupt nicht aus und wenn war es etwas, das einem gar nicht entsprach. Meistens. Sein Name war eine dieser Ausnahmen und ein Rätsel, hinter das er nie kommen würde. Denn er trug ihn seid seinen ersten Lebenswochen und doch passte er Heute, wie damals schon. Ohne das jemand in die Zukunft oder gar in seine Seele hätte blicken können.
Der rabenschwarze Wolf senkte den Kopf wieder und wandte ihn zu der Weißen herum. Sie waren beide schon länger hier, im selben Rudel und doch wussten sie noch nicht einmal die Namen voneinander. Es wäre sinnlos das Gedächtnis zu durchwühlen, Face würde nichts finden. Es gab nichts. Denn der Flammentänzer vergaß nie jemanden oder etwas. Man mochte ihn dafür beglückwünschen, er selbst wünschte sich lieber, dass so etwas wie ein Langzeitgedächtnis nicht existieren würde.

Wie ist dein Name?“,

fragte Face Taihéiyo schließlich, während er den Kopf langsam wieder senkte. Hätte die Weiße nicht nach seinem Namen gefragt, wäre der Tiefschwarze wahrscheinlich gegangen und auch jetzt noch hatte er das Gefühl, dass er nicht unbedingt hier sitzen bleiben sollte. Die Weiße fühlte sich unwohl und er war eh kein Wolf, der die Gesellschaft suchte. Er lebte allein und war allein, mochten auch noch so viele Wölfe dabei um ihn herum stehen. Sein Leben lang.


Mit der Schnauze vom Schnee umschlossen beruhigte Azag sich wieder. Sein warmer Atem und Körper brachte die lockere Schneewand schnell zum Schmelzen, so konnte er leicht die Augen öffnen und sein Blick fiel in ungetrübtes Weiß. Er wunderte sich über sich selbst ... was nicht die schlechteste Idee war, wenn man sich gerade brüllend in Schneemassen gestürzt hatte, aber für Azag war das nochmal besonders untypisch. Atypisch, das klang sogar noch passender. Denn Azag hatte tatsächlich noch nie etwas auffallendes gemacht. Und es wunderte ihn nicht etwa, warum das plötzlich so anders war, sondern in erster Linie, wie wenig es ihn berührte. Wenn man eine Veränderung durchmacht, neue Seiten an sich kennenlernt, dann müsste man davon doch leicht beeindruckt sein? Negativ oder positiv, aber irgendwie musste man dazu doch stehen. Das erweiterte schließlich das Selbstbild oder stellte es auf den Kopf oder so. Vermutlich lag es daran, dass Azag kein bestimmtes Bild von sich selbst hatte. Er wusste eigentlich nicht, wie er zu sich selbst stand, er war eben einfach da ... in dieser Schneehöhle und starrte eine schmelzende Wand an.
Azag wurde angestubst und fand sowieso, dass es Zeit für einen Rückzug aus dem ziemlich kalten Schneehaufen wurde. Mit Schneeklumpen überall im Fell kam er rückwärts wieder ans Tageslicht und hörte gerade noch, dass sein Nachname Thema des Gesprächs war.

"Was ist mit meinem Nachnamen?",

fragte er nüchtern und lehnte den Kopf mit einem leichten Schütteln zu beiden Seiten, um den Schnee aus den Ohren zu bekommen. Dabei schaute er zu Aki Wodahs Bruder auf, der fast die gleiche Fellfarbe hatte, aber nicht den Bernsteinton in den Augen.

"Und du bist Sha ... oder so fängt dein Name zumindest an?",

erinnerte sich Azag, richtete sich wieder auf und schnippte noch das ein oder andere Mal mit den Ohren.


Die Kälte ergriff Besitz von der kleinen, schwarzen Fähe, die in tiefer Melacholie nichts mehr, außer ihrem schweren Herzschlag, wahrnahm. Jeder Atemzug war verbunden mit Schmerzen, die sie auszublenden gelernt hatte. Die Zeiten hatten sich geändert, die Vergangenheit tiefe Spuren hinterlassen, tief, sehr tief. In dem einen mehr, im anderen weniger. Ursprünglich hatte sie gehofft den Schwarzen zu finden, auf dessen Suche sie sich begeben hatte. Doch jetzt schienen Hirn und Pfoten nicht mehr miteinander verbunden zu sein. Ihre Gedanken beschäftigten sich nunmehr mit ganz anderen Dingen; laufen war nur noch reine Nebensache. Es führte jeder Weg gradeaus; mit Hindernissen, ohne Ziel. Sich immermehr im Kreise drehend, schlug sie hart auf, in ihrer eigenen kleinen Welt. Ninniach hielt Inne, blieb auf einem Vorsprung stehen und starrte ins Nichts. Ihre Mimik blieb steinern, die Gesten gefroren. Der Wind zog an den langen Haaren ihres Fells. Glättete es, zog es in die, mal in die Richtung, kräuselte es... das Spiel des Windes, egoistisch orientiert.

.oO(Wozu geboren mit Ohren, die nicht hören, was wichtig ist? Die abgestumpft sind, für alles Schöne? Wozu geboren mit einer Nase, die verzüglichste Düfte nicht in der Lage ist wahrzunehmen? Wozu geboren mit einer Zunge, die nicht Gedanken in Worte kleiden kann? Wozu mit Sprache geboren, wo sie doch immer, wenn von ihr Gebrauch gemacht werden müsste, verstummt.)

Schwermütig pendelte die Rute im Wind hin und her, jegliches Gefühl darin verloren. Unsägliche Ruhe kehrte in das ohnehin ruhige Gemüt. Die Ruhe vor dem Sturm? Nein. Auf Ninniach bezogen wäre dieser 'Sturm' vielleicht grade ein laues Lüftchen, wenn überhaupt. Sie verspührte keine Abscheu, keinen Argwohn oder Hass.

.oO( Lass mich meine Segel spannen und hinfortziehen. Niemand wird warten, an den Ufern, die ich hinter mir ließ. Niemand wird warten an den Ufern, zu denen mich der Wind gelobt zu tragen. Wieso kann ich nicht springen, über den schweren, dunklen Abgrund hinweg? Niemand wird stehen am Rande, von dem ich einst sprang. Niemand wird warten, am anderen Rande, mich willkommen zuheißen und niemand wird sein in dunkler Schlucht, mich zu fangen. Wieso kann ich nicht atmen, wo die Luft doch so klar? Wieso kann ich nicht hören, wenn ein jeder schweigt? Wieso nicht sehen, wo das Bild ist ungetrübt und klar?)

Ihre Antworten blieben in alle Winde verstreu, keine fände je zu ihr. Unbefriedigt und enttäuscht senkte sie den Blick gen Horizont. Sie verweilte unentschlossen an dem selbigen Ort, ruhte für einen Moment. Wieso konnte sie niemand halten? Weder an einem Ort, an dem sie zu bleiben versuchte, es aber nie schaffte, noch bevor sie stürzte... und sie stürzte oft, meist sehr tief und gelegentlich mit unermässlichen Schmerzen. Die Frage 'Warum?' kehrte immer wieder zu ihr zurück. Nie in Begleitung von einer passablen Antwort. Nach einigen Minuten des erdrückenden Frierens erhob sie sich mit klammem Fell und tauben Läufen und wandte dem Horizont ihren Rücken zu. Mit einem weniger eleganten Sprung hechtete sie von ihrem Standpunkt. Bei der eher unsanften Landung versanken die verkühlten Pfoten im Schnee. Dieses Hindernis würde überwinden. Erneut schlug sie ihren alten Kurs ein.
Ihre Nase wehte ihr den Hauch der bekannten Witterung in die Nase und beflügelte sie. Als sie den schwarzen Rüden ausmachen konnte, fixierte sie ihn mit ihren grünlich-schimmernden Augen, als ob sie nicht wagte ihn daraus wieder zu verlieren. Sie hielt die Luft an, für einen kurzen Moment und spürte wie Wärme durch sie floss. Warum? Da war sie wieder, diese nie beantwortete Frage. Sie fühlte sich wohl beim bloßen Anblick eines... Vertrauten? Sie überlegte, ob sie hingehen sollte, ihn ansprechen... Leyla bemerkte sie noch nicht. Das weiße Fell hob sich schließlich in keinster Weise von der Schneedecke ab. Sie lief langsam auf Face zu, bemühte sich, ruhig zu bleiben. Unmittelbar in seiner Nähe legte sich ein warmes Lächeln auf die schwarzen Lefzen.

"Face..."

Sie hauchte den Namen in den Wind. Ninniach kostete den Klang des Namens, wie es sich anfühlte ihn auszusprechen. Doch ihre warme Offenheit wandelte sich, als sie endlich die Weiße in seiner Nähe sah. Ihr Lächeln verschwand und ihre Ohren schnippten verunsichert nach hinten. Sicherlich störte sie, wie immer, wie jeden. Sie wich einen Schritt zurück, verstand die Gebärden der Fähe, die äußerst schlecht auf Gesellschaft zu reagieren schien.

"Ich... ich störe wohl grade.."

Sie versuchte ihre belegte Stimme herunterzuschlucken, doch wollte ihr das nicht gedrungen. Auch ihre Haltung zeugte von zunehmender Unsicherheit und alles anderem als Wohlbefinden.

"Tut.. tut mir Leid, ich wollte nicht... ich... ich gehe lieber."

Sie sah die weiße an, den Kopf gesenkt. Eine Geste der Unterwerfung und Entschuldigung. Danach sah sie zu Face, unschlüssig ob sie nun tatsächlich gehen sollte und tat noch einen Schritt zurück. Einen weiteren Schritt. Die Kälte ergriff ihr Herz und ihre Lunge, schnürte sie ab und zerdrückte ihr Gemüt. Zermürbt versuchte sie sich zu fassen, doch es gelang ihr nicht. Unfähig... störend... fehl am Platze.


Seine Ohren zuckten, als die Worte des Bruder an diese drangen, und jedes einzelne von ihnen einsaugten. Schließlich war es ein kaltes Grinsen, das seine Lefzen zierte. Aki sollte wissen, das dieses Grinsen nicht böse gemeint war, denn zu seinem Bruder konnte er gar nicht böse sein. Es ist wahr - immer stand der Bruder an erster Stelle, danach... nichts. Irgendwann aber auch sein eigenes Wohlbefinden, aber dies schien ihm vollkommen Gleich zu sein.

"Beim nächsten mal musst du besser aufpassen, Aki. Nicht das du dich noch stärker verletzt."

Nach diesen wenigen Worten schwieg er wieder, überdachte die Worte seines Bruders nocheinmal und schien einen kurzen Augenblick zu überlegen. Die Alphas haben Aki also noch nicht empfangen, aber das wird sich sicherlich in kürze ändern. Es war ein fremdes Revier, und es wäre höchst Unhöflich, wenn man sich nicht vorstellen würde. Wenn die Alphas nicht zu ihnen kämen, dann müssten sie eben zu diesen gehen. Dann aber drangen schon die nächsten Worte Aki's an seine Ohren. Herrje, sprich doch nicht so schnell, Brüderchen, die anderen Worte und eigenen Gedanken mussten doch ersteinmal geordnet werden. Er folgte seinem Bruder schließlich zu dem fremden Rüden wohl, und blieb dich neben Aki auch wieder stehen. Nun stellte er sich die Frage, was mit Vorlieben nun genau gemeint war, aber zeigen würde sich dies wohl von selbst noch. Vielleicht würde man ihm ja noch sagen, was genau gemeint war.
Der Fremde sprach ihn dann an, dies fiel ihm aber irgendwie nur auf, da das Wort 'Sha' zu hören war. Letztendlich war es ein Nicken des Schwarzen, das zu sehen war.

"Shakar, und du dann wohl Azag Mo, wie mein Bruder meinte?"

Es waren wenige Worte, dies war man ja schon gewohnt. Doch diese Worte wurden einigermaßen Freundlich ausgesprochen, denn er wollte sich ja nicht gleich zu Beginn Feinde machen. Auch würde er versuchen, die Freundlichkeit beizubehalten. Schließlich war es aber erstmal das Schweigen, das von ihm ausging, des es war ein Mustern, das nun folgte...


Immer noch wusste sie nicht so recht, was sie von dem Rüden halten sollte. Nun konnte sie ihn sehen, aber seinen Blick weniger, weil er ständig woanders zu sein schien. Er schien sich gar nicht besonders zu interessieren. Doch konnte sie sich dann fragen, warum er ihr Nahrung mitgebracht hatte. Stand doch etwas Böses hinter dieser scheinbar so netten Geste? Wollte er jemanden unter Kontrolle haben, Einfluss besitzen? Sie wusste es nicht und würde es auch nicht erfahren, nicht aus seinen Blicken lesen können, so lange er sie nicht richtig ansah. Sie hingegen sah ihn die ganze Zeit an, fast ununterbrochen. Sie wollte den, bei dem sie nicht wusste, wie er wirklich gesinnt war, natürlich keinen Moment lang aus den Augen lassen. Zwar schien das sinnlos, was spielte es schon für eine Rolle, ob sie jemanden ansah, der sowieso so viel mehr Macht hatte als sie, oder nicht. Aber doch war es so eine selbstverständliche Sache. Sie musste die Beute jedenfalls annehmen, was nicht bedeutete, dass sie auch vorhatte, sie zu fressen. Welche Bedeutung sich tatsächlich hinter der Geste verbarg, war ihr nicht offensichtlich. Nur war sicher, dass es nett aussehen sollte, das glaubte sie jetzt. Sie würde sie also annehmen, auch wenn sie sie dann nicht fraß. Niemals würde sie vor seinen Augen beginnen, die Beute zu fressen. Sie würde wohl noch schwächer wirken, würde sie sich sofort, mit ihrem ganzen Hunger, auf das Tier stürzen, das er für sie erbeutet hatte. Dann würde sie wirklich abhängig wirken, was sie auch war. Ein Rest ihrer Würde musste sich also noch in ihr befinden, auch wenn sie es nicht als solche erkannte.
Dass er sie nach ihrem Namen fragen würde, war leider selbstverständlich, auch wenn sie daran gar nicht gedacht hatte. Wie viel konnte jemand mit dem Namen eines anderen anfangen? Sie konnte nicht viel mit seinem anfangen, sie kannte seine Bedeutung nicht, falls er eine hatte. Sie hatte nur das Empfinden, dass er sich etwas geheimnisvoll anhörte. So geheimnisvoll, wie die Tiefen des Meeres. Doch mehr konnte sie damit einfach noch nicht anfangen. Sie hätte ihn auch nach der Bedeutung fragen können, doch dafür schien jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zu sein. Schließlich hatte sie jetzt die Pflicht, ihren Namen zu nennen. Sie bewegte die Augen nach links und rechts, als würde sie sich umsehen, ob noch jemand anderes in der Nähe war, ihn aber nicht so lange aus dem Blick lassen wollen, dass sie auch den ganzen Kopf hätte wenden können, bevor sie beinahe flüsternd antworte, wieder, als sollte niemand anderes ihren Namen erfahren.

„Leyla.“

Die Antwort schien fast wie eine Frage, unsicher, als hätte sie erst einmal überlegen müssen. Das musste sie nicht, aber sie wusste nicht, welche Konsequenzen es hatte, wenn sie jemandem ihren Namen verriet, von dem sie nicht wusste, wer er war und was seine Absichten waren. Hoffentlich fragte er nicht nach, wie ihr Name war, weil er ihn akustisch nicht verstanden hatte. Aber sicher tat er das nicht, sie hatte ihn nicht undeutlich gesprochen, nur sehr leise und vorsichtig. Sie ließ den Blick einmal nach oben fahren, zum Himmel hin. Hier stand sie, hier und jetzt, an diesem Tag. Sie wusste nicht, wie es weiter ging, ob es weiterging und ob sie sich einmal Gedanken über diese Situation machen würde oder ob sie später bedeutungslos blieb. Gern hätte sie für einen kurzen Moment in die Zukunft geschaut, sich gefragt, was aus diesem Moment geworden ist, was sie über diesen Wolf erfahren hatte, wie er reagiert hatte und ob sie selbst schon wusste, wer er denn nun war. Aber diesen Weg dorthin gab es noch nicht, sie musste ihn erst selbst noch laufen und dabei war sie gerade, ohne zu wissen, ob nicht einfach nur ein Abgrund folgte. Alles schien so zerbrechlich, ihre ganze Welt. Beeinflussbar durch jedes Wort. Sie wusste nie, was hinter den nächsten Felsen kam, ob ein schönes Tal, das womöglich auch nur eine Illusion war, oder ein offensichtliches Ödland, das nur Tod und Verderben brachte oder neuen Schmerz.
Als sie den Blick wieder senkte, fiel er erneut auf das tote Beutetier. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Sie musste eine Reaktion zeigen, konnte seine Geste nicht wortlos hinnehmen. Ein leises

„Danke.“

verließ ihre Lefzen, noch leiser als ihr Name wenig vorher. Müde scheinend blickte sie auf das tote Tier herab. Seine beeindruckenden Kräfte konnte sie nur erahnen.
Ihre ununterbrochene Musterung auf den schwarzen Rüden wurde plötzlich unterbrochen, als sie von einer Fähe abgelenkt wurde. Sie bemerkte sie recht früh, sie war sehr angespannt und ihre Ohren waren, trotz aller Schwäche, in der Lage, jedes kleine Geräusch wahrzunehmen. Sie drehte den Kopf ein Stück und warf einen Blick in ihre Richtung. Von jetzt an musste sie beide Wölfe beobachten, durfte keinen mehr aus den Augen lassen, denn auch sie kannte sie nicht. Aber ihr Hauptaugenmerk lag nach wie vor bei ihm. Sollte sie die Beute nun rasch in Sicherheit bringen? Hunger hatte sie wohl, sie brauchte dringend Nahrung, doch sie hatte sich bereits für die Geste bedangt und so sollte eigentlich klar sein, dass sie die Beute als ihre anerkannt hatte. Das war auch unmissverständlich gewesen. Warum also sollte er nun zulassen, dass die schwarze Unbekannte Leyla das Fleisch eventuell vor der Nase wegnahm? Sie wusste leider nicht einmal, ob sich die beiden kannten, aber sicher taten sie das. Ihre Unwissenheit darüber wurde aufgeklärt, als die Schwarze den Namen des Rüden sprach. Sie schien sie etwas später bemerkt zu haben, als Leyla sie bemerkt hatte. Ihre grünen Augen waren auf sie gerichtet. Wie schwach Leyla war, war sicher nicht schwer zu erkennen, doch mit verletzter Würde am Boden liegend, musste man sie jetzt auch erst ein Mal nicht sehen, sie stand auf ihren Pfoten, wie es sich für einen erwachsenen Wolf..gehörte.
Leyla hörte ihre Worte, dass sie das Gefühl hatte, zu stören. Doch genau das Gefühl entwickelte sich in Leyla auch. Sie kannten sich..das erschuf in ihrem Geiste eine Grenze. Eine Grenze zwischen ihnen und ihr. Sie ging einen weiteren Schritt langsam zurück, dann noch einen. Ihr Blick wechselte sich weiterhin zwischen ihnen ab, nicht sehr gleichmäßig, immer nach Gefühl. Sie fühlte sich ausgeschlossen, zog in Betracht, dass er die Beute nun doch eher ihr überlassen würde. Sie sah nicht aus, als wäre sie eine vor Energie und Kraft strotzende Fähe, doch machte sie auch nicht so einen schwachen Eindruck wie Leyla. Ihr Vorteil jedoch war, sodass sie sich kannten. Natürlich gab man so jemandem eher seine Beute, als einer Fremden, die vielleicht sogar desinteressiert schien, weil sie das Geschenk nicht sofort annahm. Ein letzter Blick fiel auf die Beute, sie machte sich mit dem Gedanken vertraut, fortgejagt zu werden, sie durfte die Gemeinsamkeit der anderen nicht mit ihrer Anwesenheit belästigen.


Ihre Worte klangen in seinem Kopf nach, als ob sie ihn angeschrieen hätte. Er spürte ihre stummen Fragen, viele Worte, die sie nicht über sich brachte. Alles. Sei wieder Luuu~
Das Feuer in seinen Augen flackerte kurz. Konnte er es? Erst jetzt, wo er es aus ihrer Schnauze hörte, bemerkte er wie sehr er sich verändert hatte. Er war Lunar, der Starke, der Rebell, der Tyrann… ein Mörder. Sie wollte doch bloß Luuu~ zurück haben. Nur ihren Bruder. Den schwachen, dummen Jungwolf. Seine Lefzen zuckten kurz, als wolle er zu einer Antwort ansetzen, doch er blieb stumm. Sie hätte nicht ertragen, wie er über sich dachte, über Lu. Über ihren großen Bruder. Er wollte ihr nicht wehtun. Nie mehr wollte er ihren Schmerz ertragen müssen. Was war er doch für ein Egoist. Er hatte ihr versprochen alles für sie zu tun. Alles. Er konnte ihre Bitte nicht abschlagen, wenngleich es ihm schwer fiel ihr nicht zu widersprechen. Sie wollte, dass er schwach war. Alles in ihm begann sich gegen ihn zu sträuben, einen Herzschlag lang erstarrte sein schwarzer Körper zu einer bewegungslosen Statue, während er innerlich mit sich selbst kämpfte. Dann war der Kampf entschieden.
Fast lautlos, um die kleine, weiße Wölfin nicht zu verschrecken, ließ er sich neben sie in den kalten Schnee sinken. Kleine, weiße Flocken stoben auf und umtanzten den schwarzen Schatten, bis sie sich schließlich zu Ruhe legten und auf dem schwarzen Pelz wie Myriaden winziger Sterne schimmerten und funkelten. Er neigte leicht den Kopf, sein Blick folgte Shanis grünen Augen. Lange Zeit erhielt er die Stille aufrecht, die die beiden Wölfe voneinander trennte. Er spürte die Erschöpfung seiner kleinen Schwester. Was war in all der Zeit passiert, in der sie getrennt voneinander gelebt hatten? In all der Zeit in der er ihr nicht helfen – sie nicht beschützen konnte? Viele Fragen verwirrten seine Gedanken, doch dies war nicht der richtige Augenblick, um sie zu stellen. Nicht der richtige Ort. Nicht der richtige Zeitpunkt. Seine stahlblauen Augen huschten über die vielen fremden Gesichter. Der Graue stand noch immer dort, wo Shani ihn zurückgelassen hatte. In Lunars Augen blitzte es, als er die schwächliche Gestalt des Grünäugigen betrachtete. Er rümpfte die Nase. War es Eifersucht? Aber er konnte dem Grauen nichts vorwerfen, schließlich war es seine Schuld, das Shani von ihm fortgelaufen war. Der Fremde hatte jene Zeit genutzt, die Lunar verschenkte hatte, als er versucht hatte seine Schwester zu beschützen.
Sachte, aus Angst ihrem zerbrechlichen Körper Schaden zuzufügen, rieb er den schwarzen Kopf an ihrer Schulter. Seine Augen fingen ihren Blick ein, Besorgnis spiegelte sich ihnen.

„Willst du dich nicht ein wenig ausruhen?“

Seine dunkle Stimme, hatte einen ungewohnten Hauch von Zärtlichkeit und Fürsorge angenommen. Er schnappte spielerisch nach einem ihrer kleinen, weißen Ohren und hielt es vorsichtig zwischen den spitzen Fängen.

„Ich laufe dir ja nicht davon, nie mehr. Versprochen.“

Flüsterte er in das gefangene Ohr, der Druck seiner Zähne ließ nach und schließlich gaben seine Fänge das Ohr wieder frei. Seine Zunge fuhr rasch über ihre zierlichen Gesichtszüge und wusch die gefrorenen Tränen fort. Er bettete den schweren Kopf in den Schnee zu seinen Pfoten, seine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen. Wachsam versuchte er ihre Mimik zu entschlüsseln, die Angst saß immer noch tief verankert in ihren Augen. Er würde sie nicht von heute auf Morgen besiegen können, genauso wenig, wie er von heute auf morgen plötzlich wieder Lu sein konnte. Er schenkte seiner Schwester ein warmes Lächeln, das wärmste, was er finden konnte, erhob sich schließlich und stieß sie auffordernd mit der Schnauze an.

„Komm schon.“,seine Nase kräuselte sich. „Dein grauer Freund dort, wird bestimmt nicht begeistert sein, wenn du meinetwegen krank wirst.“

Sein Blick glitt zu dem Grauen hinüber, der noch immer dort stand, wo Shani ihn zurückgelassen hatte. Das Lächeln gefror und er wandte schnell den Blick ab, damit seine Schwester die Tränen nicht sehen konnte. Die nun in schneller Folge über seine Wangen flossen und tiefe Löcher in die unberührte Schneedecke zu seinen Pfoten stachen. Er hatte sie verloren. Auch wenn er sie nun wieder gefunden hatte… er hatte sie verloren. Sie gehörte ihm nicht mehr, sie gehörte ihm schon lange nicht mehr. Er hatte sie verloren, in jenem Augenblick, als er sie fortschickte und sich ihr eine neue Welt öffnete, hatte er sie verloren.
Es war der Moment, in dem er begriff, dass es nie mehr werden würde, wie es früher war. Sie konnte die Vergangenheit nicht einfach vergessen und er durfte es nicht. Es schien so einfach, doch das war es nicht. Es würde nie mehr einfach sein. Er würde seine Schwester teilen müssen, sie würde nie mehr nur ihm gehören. Fort. In diesem Moment schien sie für ihn unerreichbar weit entfernt, obwohl er ihre Wärme zu seinen Pfoten so einfach spüren konnte. Fort. Sie mussten noch einmal von vorn beginnen. Er würde lernen zu teilen. Sie gehörte ihm nicht mehr. Der Gedanke traf ihn wie ein Messer. Doch jetzt würde er sie nicht mehr loslassen. Kraftlos sank sein Kopf zu Boden. Sein Blick musterte die vielen kleinen Eiskristalle, die von der Zerstörungswütigen Wärme seiner Tränen und seines Atems verschont geblieben waren, zwischen ihnen klafften tiefe dunkle Spalten, die eine Schneeflocke von der anderen trennte. Er schob die Löcher mit der Schnauze zu. Der feine Schnee rieselte leicht hinab und schloss die Wunden. Doch zurück blieb eine unebene Landschaft voller Narben, die nichts mehr mit der zu vorigen Reinheit und Makellosigkeit zu tun hatte. Am Ende blieben immer Narben. Er drehte den schmalen Kopf in Shanis Richtung. Noch immer funkelten stille Tränen auf seinem Gesicht und in seinen tiefblauen Augen.

„Wir müssen noch einmal von vorne anfangen.“

Wieder eine Feststellung, doch seine Stimme klang brüchig und nicht mehr so fest und ausdruckslos wie zuvor. Diesmal würde er den Teil der Sternschnuppe die ihm gehörte festhalten, und diesmal würde er ihn nicht mehr loslassen. Nie mehr würde er sie loslassen. Er senkte den Blick auf die narbige Schneelandschaft, Schatten huschten über seine Augen. Doch er würde sie nicht zerreißen, lieber würde er sich selbst zerreißen, als ihren Schmerz spüren zu müssen. Sternschnuppen fallen. Doch diese hier würde nicht mehr fallen müssen. Das würde er nicht zulassen, er wollte ihr Lächeln nicht verlieren. Denn ohne ihr Lächeln fühlte die Welt sich schrecklich leer an. Ohne ihr Lächeln, war die Welt schrecklich dunkel.
Seine Schnauze berührte sanft ihre Schulter, ein Lächeln huschte über seine Züge, als sein Blick ihren streifte. Seine Sternschnuppe war zurückgekehrt. Ein wunderschöner Traum, den schönsten, den er je hatte. Er seufzte leise und sein Atem malte eine leichte Furche in den Schnee. Ein schrecklich wirklicher Traum war es schon.


Face Taihéiyo hatte den Kopf ruhig wieder etwas gesenkt, achtete jedoch noch immer mehr auf den Wind und die Schneeflocken, die um ihn herum wirbelten und angenehm an seinem Fell zogen ... der Wind war frei. Aber jedes andere Lebewesen würde es niemals sein. Höchstens für einen kleinen Augenblick, dann kamen die Ketten wieder, die sich brutal um die Leiber spannten, um seinen Leib und alles einhüllten. Stahl, blanker, grauer Stahl. Und irgendwo hing man dann, unfähig sich richtig zu bewegen, den Kopf gesenkt und ein leerer Blick, irgendwo ins Nichts. Genau so schienen Faces saphirblaue Augen in diesem Moment durch die Weiße hindurch zu sehen und sich in irgend einem Vakuum zu verfangen, wie ... von Ketten gefesselt. Erst als sie ihren Namen schließlich Preis gab, blinzelte der rabenschwarze Wolf und zuckte mit den Ohren. Leyla ... er wiederholte den Namen kurz in Gedanken, konnte nun aber nichts weiter damit anfangen. Immerhin würde er diesen schwachen Zügen mit grünen Augen, nun ewig einen Namen zuordnen können. Der große Rüde blies etwas kalten Atem in die Luft und nickte leicht. Ausdruckslos verfolgte Face, wie sich ihre Aufmerksamkeit zumindest halbwegs wieder dem erlegten Tier zuwandte, welches er ihr gebracht hatte. Der Flammentänzer konnte sich nicht vorstellen, dass sie vor ihm anfangen würde zu fressen. Wenn er ehrlich war, hatte er noch nie ein so misstrauisches Geschöpf gesehen, mal abgesehen von ihm selbst.

Nichts zu Danken ...“,

flüsterte er als leise Antwort auf ihren Dank hin und trat einen Schritt zurück. Vielleicht hätte Face Taihéiyo sich nun langsam umgedreht und wäre zu dem Entschluss gekommen, dass es besser war Leyla allein zu lassen, damit sie das Tier vielleicht wirklich fraß, wenn nicht eine Stimme hinter ihm erklungen wäre, die ihm tatsächlich einen leichten Schauer über den Rücken jagte und seinen Kopf ziemlich schnell herum schickte. Etwas Verwunderung mischte sich in seine leeren Züge, als Face Ninniach erkannte. Er bekam nur noch für den Bruchteil einer Sekunde mit, dass auf ihren Lefzen ein warmes Lächeln gelegen hatte, dann schien die Schwarze Leyla entdeckt zu haben und zeigte ein ihm schon von der Weißen bekanntes Bild. Unsicherheit. Aus den Augenwinkeln konnte Face erkennen, dass nun gleich zwei Fähen von ihm wegrückten, von ihm, von einander ... was sollte jemand wie er mit so einer Situation anfangen. Kurz drehte er den Kopf zu Leyla herum, fixierte einen ausdruckslosen Moment ihre grünen Augen, dann blickte er Ninniach an und schüttelte den Kopf. Mehr nicht. Bloß eine kurze, aussagekräftige Geste. Der Tiefschwarze fühlte sich von seiner früheren, kurzen Begleiterin nicht gestört, Leyla wohl schon eher. Ein leises Seufzen verließ seine Kehle, während er sich wieder der Weißen zuwandte, die inzwischen auch von der Beute zurück gewichen war. Was sollte er tun? Face fühlte sich nicht weniger hilflos, als es die Wölfinnen in der Situation tun mussten, nur war bei ihm davon überhaupt nichts zu sehen, wie immer. Es war nie zu sehen, was sich in ihm, seinen Gedanken, seiner Seele, seinem Hirn, oder gar seinem Herzen abspielte. Nicht mal in seinen Augen, die bloß blank und leer waren. Aber dennoch nicht kalt. Nein ... er war nicht kalt. Aber auch kein Wolf der Worte. Genau so wenig würde es diese ‚Konversation’ weiter bringen, wenn er trotzdem weiter schwieg. Leyla zumindest, würde sicher nicht ihr Wort erheben. Langsam und zögerlich ließ er sich wieder auf die Hinterläufe sinken. Jetzt kam es ihm wieder falsch vor, der Weißen den Rücken zu kehren und ... dann was auch immer.

Keiner wird dir die Beute wieder wegnehmen ... ich nicht ... und sie ... auch nicht.“,

versuchte Face ruhig zu erklären. Er drehte das Haupt wieder zu Ninniach Favéll herum, er hatte sie nicht beim Namen genannt, weil er es für richtiger hielt, wenn die Schwarze sich selbst vorstellte. Mit seinem Blick konnte er ihr das jedoch nicht sagen, er war der Augensprache nicht sehr fähig. Ein normaler Wolf hätte ihr jetzt vielleicht zu gelächelt, so wie sie eben ihm, aber auch das konnte er nicht. Nur hoffen, dass sie selbst wusste, was richtig war.


Die Fähen waren schon fast aufgebrochen, als sich -wie gerufen- Midnight Sayrán zu ihnen begab. So waren sie dann drei Schwarze und drei Weiße Jäger.

Das Sechsgespann pflügte in vollem Lauf durch den Schnee, die Wölfe schmissen die Läufe nur so vor sich, die die Kälte der Berge starr gehalten hatte. Das Blut raste durch ihre Adern, und Jagdlust pulsierte darin. Den Schnee nur so zu allen Seiten wirbelnd zogen sie mit jedem Schritt tiefe Furchen durch die tödlichen weißen Massen, und schon nach wenigen Minuten ausgelassenen Rennens reduzierten die Jäger in Schwarz und Weiß ihr Tempo auf einen angenehmen Trab. Ihre Kräfte würden sie noch früh genug aufbrauchen.
Der Wind in den Bergen war so wechselhaft wie der Schneefall, und es bescherte den Wölfen einige Mühe eine Witterung ausfindig zu machen. Doch schliesslich fanden sie sogar Spuren. Sie konnten nicht sagen zu wem sie gehörten, denn der Schnee hatte die Abdrücke schon wieder halb verweht, und auch ihre Nasen wurden von der Kälte nicht gerade geschärft.
Aber sie folgten der Fährte, immer wieder die Nasen auf den Boden senkend und in den Wind hebend.
Doch eine zweite Fährte mischte sich in ihre Spur, und bedeutend vorsichtiger liefen die Fünf nun durch das endlose Weiss.

Blutgeruch stieß ihnen entgegen, als sie vor sich schon einen großen Schemen ausmachen konnten - auch ein Bär hatte sich in die ewige Kälte hier oben verlaufen.


Sie waren schon eine ganze Weile der zweifachen Fährte gefolgt, als der bittersüße Geruch von Blut sich in den Wind mischte. War ihre Beute verunglückt? Das wäre ja zu einfach..? Aber die Hoffnungen der Schwarzen zerbrachen zu Staub, als sie den kräftigen Körper des Bären erkannte, der sich über eine Bergziege beugte.
Ein leises Knurren ausstoßend sah sie zu dem gewaltigen Tier herüber. Stunden des Laufens waren somit umsonst gewesen. Und mit diesem Gegner konnte es niemand aufnehmen. Ihr Blick huschte über ihre Jagdgefährten - spürten auch sie die Enttäuschung ihrer geschundenen Pfoten und knurrenden Mägen? Ihr Blick blieb einen Moment lang an Midnight hängen. Es war ihr unglaublich peinlich dass sie ihn einfach so vergessen hatte. Einer Wölfin wie ihr sollte soetwas nicht passieren...

Sie hatte gewusst dass es etwas ganz anderes war hier oben zu jagen als unten im Wald...aber ganz so enttäuschend hatte sie sich den Verlauf nun nicht vorgestellt. Dort war es ein Vergnügen, hier war es Krieg. Ein Krieg gegen die Berge, gegen den Schnee, die Kälte, und ein Krieg gegen sich selbst, gegen die frierenden Läufe, die wund werdenden Pfoten und gegen den Hunger, der ihren Magen längst schmerzen lies.

Mit grimmig-enttäuschtem Blick wand sie sich an ihre Gruppe, und sah noch einmal zu dem Bären herüber, der nicht dein Eindruck erweckte als gedächte er etwas übrig zu lassen.

"...das war wohl nichts. Und den Bären sollten wir nicht angehen, wenn wir an unserem Leben hängen."

Wieder ein leises Knurren in Richtung des fressenden Braunpelzes. Sie mochte keine überlegenen Gegner.

"Suchen wir weiter. Und machen wir möglichst einen großen Bogen um das Biest dadrüben."

Sie lies den anderen noch Zeit zu reagieren, und hielt schon wieder die Nase in den Wind. Das war ja wohl nicht das einzige Tier gewesen, dass hier oben noch lebte. Wehe wenn doch...


Nun waren sie also aufgebrochen, Thylia war froh endlich unterwegs zu sein und ihre Muskeln passten sich ihren geschmeidigen Bewegungen an. Jetzt war sie keineswegs mehr müde und ausgepowert sondern sie fühlte sich so frisch wie schon lange nicht mehr, auch wenn sie Hunger hatte. Auch war sie traurig das Rudel verlassen zu müssen, aber sie wusste das es besser war. Sie lief dicht hinter Nyota und folgte der Fährte bis sie ebenfalls den starken Blutgeruch wahrnahm und ein knurren entfuhr ihrer Kehle, als sie den Bär erblickte, der genüsslich ein kleineres Tier verspeiste. Nyota wollte umkehren und nach einer anderen Beute suchen, doch Thylias Blick war starr auf den Bär gerichtet. Sie murmelte trotzdem in Nyotas Richtung.

„Ich glaube du hast mich vergessen. Selbst als Wolf bin ich stärker als ein normaler Wolf. Nicht das ich angeben möchte ich will euch nur ein letzten Freundschaftsbeweis liefern. Ich habe das Rudel gemocht, mag es immer noch und da es schwer genug ist hier oben etwas zu finden bin ich bereit auch diesen Bär zu erledigen. Allerdings nur wenn ihr wollt, sonst könnt ihr auch weiter ziehen, dann erledige ich den Bären mir alleine. Wenn es euch zu unehrlich oder unheimlich ist meine ich. Dann habe ich genug Nahrung und kann gut weiterziehen. Also?“

Abwartend wendete sie den Kopf zu Nyota, schaute rasch auch zu den anderen und beobachtete dann weiter den massigen Bären, der sie noch nicht wahrgenommen hatte, da der Wind in ihre Richtung schlug und nicht in seine. Ihre Lefzen verzogen sich zu einem fröhlichen lächeln. Vorfreude ließ ihr Herz schneller schlagen und Adrenalin wurde durch ihren Körper gepumpt. Gewiss sie konnte diesen Bären töten. Nur wäre es viel zu viel Fleich für sie alleine.


Nur einen Augenblick hatte Midnight der Schwarzen hinterher gesehen, die – kaum das er geantwortet hatte- aufgestanden und sich entfernt hatte. Es störte ihn nicht, verletzte ihn nicht. Es machte ihm nichts aus und wundern tat ihn mittlerweile ebenfalls schon nichts mehr. Wer wolle sich schon mit einem Rüden abgeben, der nur durch ‚Zufall’ überlebt hatte? Nichts brachte er richtig fertig oder zu Ende, nicht Mal seinen eigenen Tod. Schließlich stand der Rüde auf, setzte sich langsam in Bewegung. Immerhin besser, als nur herum zu sitzen und in den Gedanken zu ertrinken, die ihn wieder mit zu reißen drohten. Die Ohren locker zur Seite gedreht folgte der Nachtsohn der kleinen Gruppe, die sich aufgemacht hatte, um Nahrung zu beschaffen. Vielleicht konnte er sich so wenigstens ein wenig nützlich machen, wenn er schon mit sich selber nichts anzufangen wusste. Und selbst wenn das nicht war die Bewegung ein wenig Ablenkung.
Kräftig stießen sich die Läufe vom schneebedecktem Boden ab, trabte locker den anderen hinterher. Mit ihm waren sie zu sechst – er war der einzige Rüde. Und wenn schon. Die blauen Augen kniffen sich ein wenig gegen den scheidenden Wind zusammen, die feine Nase versuchte die im Wind liegenden Fährten zu zerteilen und die Gerüche einzeln wahr zu nehmen. Kein leichtes Unterfangen, aber er hatte so lange in einer solchen Gegend gelebt, dass er ein wenig Erfahrung mit brachte. Wie es mit den anderen aussah wusste er nicht und nach fragen wollte er nicht, würde er nicht. Er öffnete nicht den Fang, erhob nicht die Stimme. Seinen Atem wurde er sich sparen, bis es soweit sein würde. Mit langen Schritten hielt der Totenwandler mit, als die Fähen geschlossen zum Spurt ansetzten, um dann nach einer Weile wieder inne zu halten. Fehlalarm. Nur ein Bär, der sich über eine Beute her machte. Pech für die Wölfe, die nun schon eine Weile unterwegs waren und noch immer leere Mägen zu verzeichnen hatten. Den Hunger unterdrückte der Nachtschwarze, ignorierte den Hauch Kälte, den er verspürte. Die Temperaturen waren eisig, der Schnee tödlich. Trotzdem nahm er kaum etwas wahr, nahm nur wenig von seiner Umgebung Notiz. Dennoch hielt er an, als auch der Rest der Gruppe stehen blieb. Er schwieg, zeigte weder Enttäuschung noch großen Unmut. Erst als eine Weiße die Stimme erhob, blickte Midnight sie mit klarem Blick an.

Einen Bär zu jagen ist kein Spaziergang und endet aus Prinzip tödlich.

Eindringlich begutachtete er die Fähe, die schon eine Weile einen seltsamen Eindruck auf ihn machte, den er jedoch bisher zur Seite geschoben und nicht länger beachtet hatte. Jetzt besah er sie sich ein wenig genauer, wandte sich dann aber schnell wieder ab, blickte sich nach einer neuen Richtung um.
Einen Bär zu töten war für diese Gruppe zu gefährlich, dass wusste eigentlich jeder. Selbst ein ganzes Rudel könnte Probleme bekommen und sie waren nur zu sechst und ein paar von der Wanderung müde und hungrig. Ein einzelner Wolf, was für Kräfte dieser auch immer haben mochte – wie es die Weiße erklärt hatte – war zu schwach, um solch ein Tier zu töten.

Wir sollten weiter...

, fügte er leise hinzu, während er sich aufmerksam umblickte. Nur mit Ruhe und geduld würden sie fündig werden und schließlich auch erfolgreich sein. Nur wer seine eigenen Schwächen versteckte und die Schwäche der beute ausnutzte, würde auch belohnt werden. Das Geheimnis einer jeden Jagd, das schon Jungwölfen auf den Weg gegeben wurde. Sachte drehten sich die Ohren zur Seite, den Blick auf die schwarze Fähe mit dem Namen Nyota gerichtet, die vor sich hin brummelte.


Der junge Rüde lächelte sanft und setzte sich auf den kalten Untergrund. Ein leises zufriedenes Seufzen erklang und seine großen schwarzen Ohren stellten sich aufrecht hin. Es war das erste Mal seit langem, dass Shakar sich auf einen Fremden einließ. Es gefiel Aki die Nähe anderer Wölfe zu spüren. Gutmütig dachte er daran, wie es wäre, hier bleiben zu können. Es wäre herrlich, vielleicht könnte auch sein Bruder sich hier wohl fühlen. Zwar war das Klima nicht unbedingt das schönste, aber solange man zusammen hielt, wäre alles zu ertragen. Verträumt sah er zu seinem Bruder. Die Augen leicht verengt, doch recht entspannt. Sein Kopf legte sich fragend leicht schief. Shakar würde wissen, was der Schwarze jetzt dachte. Aki hatte zwar ein Entscheindungsrecht für sich selbst, doch die Meinung seines Bruders war ihm mehr wert. Schließlich würde die Beiden nichts trennen können.
Genüsslich leckte er sich über die Lefzen. Vergessen war der Verletzte, der so rasch aufgesprungen war und sich in die Höhle geschleppt hatte.

.oO(Wir könnten hier bleiben. Unter anderen Artgenossen. Sha und ich würden nicht mehr alleine sein. Und vielleicht können wir die Vergangenheit ruhen lassen, einfach vergessen. Es war nicht leicht für uns, aber Sha hat es sehr verändert. Er ist nicht mehr der Gleiche, sein Wesen dreht sich nur noch um meinen Schutz. Ich genieße es, sicherlich, aber ich wünschte, mein Bruder hätte Spaß an anderen Sachen, Spaß am Leben.)Oo.

“Dein Nachname? Ach, na ja, ist gewöhnungsbedürftig“,

er zwinkerte und wedelte leicht mit der Rute. Eigentlich wäre es mal an der Zeit, die Alpha aufzusuchen, aber Aki mochte sich nun nicht erheben. Wollte eigentlich hier sitzen bleiben, bei Shakar und Azag.
Der Rausch in seinem Kopf verebbte, und die Sicht wurde klarer. Endlich war der Trip gelaufen und der schwarze war wieder bei klarem verstand. Doch auch der Schmerz in seiner Wunde wurde stärker, das Pochen lauter.


Thylias Ohren drehten sich nach hinten, als der Rüde anfing zu sprechen. Er war ihnen gefolgt, hatte wohl auch Lust bekommen zu jagen. Sie blickte ihn intensiv an. Über seine Worte wollte sie sich nicht aufregen, er wusste schließlich nicht was sie war. Sie nickte ihm leicht zu, hatte seinen Blick auf ihr bemerkt. Ihre Pfoten tappten leise, fast schon zart auf dem eisigen Schnee herum. Sie spürte keinerlei Kälte, allerdings auch sonst nicht sonderlich viel, nur die Freude auf diesen gewaltigen Bären. Sie hob ihre Stimme wieder leise an.

„Wie ich schon gesagt habe, ich weiß, dass ich es schaffe, wenn ihr lieber weiter suchen wollt, dann geht ruhig. Dann sollen sich unsere Wege wohl hier schon trennen. Ich verlasse euch ja so oder so, von daher ist es denke ich jetzt kein großer Unterschied ob wir den Bären töten ihr euren Anteil nehmt und zurück zieht oder ob ihr jetzt weiterzieht und ich den Bären töte und meinen Anteil nehme. Ich weiß, das ich Hunger habe und auch bald los möchte, ich will euch also nichts einreden, entscheidet was ihr machen wollt und ich werde euch nicht im Wege stehen.“

Von dem Schwarzen glitt ihr Blick nun zögerlich über die anderen Fähen zu Nyota. Schließlich musste sie letztendlich entscheiden was zu tun war.

„Natürlich könnt ihr, wenn ihr jetzt weiterzieht auch wieder kommen und das restliche Fleisch ebenfalls mit zum Rudel nehmen, nur ich denke ihr mögt nicht zu gerne ein liegen gelassenes Tier mitnehmen, oder?“

Grinsend trat Thylia nun einen Schritt zurück.

„Nur sollten wir uns vielleicht rasch entscheiden, bis der Bär mitbekommt das wir hier sind und selber zum Angriff übergeht. Ich will nicht sagen, dass das nicht ein wenig die Spannung anheben würde, aber ich möchte nicht das einer von euch verletzt wird. Ihr habt schließlich auch noch einen weiten und tückischen Weg zur Höhle vor euch.“

Ihre Ohren pendelten leicht hin und her, sie war auf die Reaktion des Schwarzen gespannt. Sicherlich dachte er, sie wäre einfach etwas hochmütig, vielleicht konnte er sie aber auch einschätzen. Aber eigentlich war es ihr egal, was er von ihr dachte, was irgendwer von ihr dachte, sie würde so oder so ihr Ding durchziehen solange dabei niemand zu Schaden kommen konnte und das war bei dieser Aktion ganz gewiss nicht der Fall.


Einem Zuschauer hätte sich nun eine einmalige, äußerst verwirrende und groteske Vorstellung dargeboten. Zwei Fähen, ein Rüde, jeder einzelne mit der Situation sichtlich überfordert, zumindest die Fähen. Es konnte kaum deutlicher werden. Das verwirrend Merkwürdige daran war, dass sie eigentlich alle Teil der selben Gemeindschaft, des gleichen Rudels waren. Doch sie kannten einander nicht oder eher kaum. Für gewöhnlich hätte kleine Schwarze irgendwie versucht deutlich zu machen, dass sie Hilfe brauchte. Doch hier gab es niemanden der ihr helfen konnte. Die Weiße hatte scheinbar das gleiche Verlangen und der Schwarze war nun nicht grade Meister der Worte. Interaktion und Konversation waren zwar auch nicht grade ihr Schwerpunkt, aber irgendwie musste es doch funktionieren. Zumindest hatte es bisher immer funktioniert.
Ninniach klappte die Ohren nach hinten und betrachtete die weiße Fähe. Sie konnte nun wirklich nichts Bedrohliches an ihr erkennen. Sie hatte wohl nur Probleme damit, ihre Hilflosigkeit zu zeigen. Die Schwarze hatte damit einen äußerst geschulten Umgang, sie legte nur allzudeutlich offen, wie schwach sie war. Ein großes Hindernis wäre Ninniach wohl eher nicht, selbst wenn sie es nicht täte. Ob das nun lobenswert oder gar eine ausgezeichnete Eigenschaft war... darüber konnte man sich streiten.
Sich sammelnd tat sie die Schritte, die sie rückwärts gesetzt hatte, noch einmal nach vor. Langsam und zögerlich näherte sie sich erstmal Face. Wenn sie eines nicht wollte, dannw ar es zur Last fallen. Aber für Leyla schien sie grade genau das zu sein. Sie konnte nur erahnen, was Face für richtig erachtet, doch sie tat es nicht. Ihr Name war nicht wichtig, sie war nicht wichtig. Aber etwas sagen wäre vielleicht gar nicht so verkehrt. Die grünlich schimmernden Augen sahen direkt in die der weißen Fähe.

"Entschuldige, bitte. Es war ein Fehler einfach so zu euch zu stoßen. Ich wusste nicht, dass ich dich vielleicht verschrecken könnte..."

Um ihre Worte zu untermalen knickte sie die Ohren ein uns sah sie entschuldigend an.

"Wenn ich euch störe, kann ich auch wieder gehen."

Sie lächelte kläglich, suchte Face Blick für einen Moment, kehrte wieder zurück zu Leyla. Um weder dem einen noch dem anderen in die Augen sehen zu müssen wandte sie schließlich und endlich den Blick ab und stumm zu Boden.


Aufmerksam hatte er gehorcht, die großen Ohren gespitzt und die strahlende Schneelandschaft nach Tyel abgesucht, ebenso wie es ihr Bruder tat. Kaum hatte er eine bekannte Stimme erfasst, stürmte Rasmús auch schon wieder los, war das tatsächlich Tyel? Kurz reckte der braune Rüde seine Nase gen Himmel, sog allerlei Gerüche ein, darunter auch Tyels und den einer fremden Fähe. Hiryoga spürte ein starkes Ziehen, welches sich von seinem Nacken in seinem ganzen Körper ausbreitete und in den Pfoten endete. Sie hatten Tyel gefunden, dass letzte Stück würde er noch laufen müssen, dann konnten sie die Rückreise antreten. Ein leises Seufzen verließ seine Kehle, ehe er wieder zu laufen begann, langsamer, dann etwas schneller und als er die zwei Fähen und den Rüden schon sah verlangsamte er sein Tempo, bis er vor ihnen stehen blieb, dennoch in einem kleinen Abstand, er wollte die Wiedersehensfreude nicht durch seine Anwesenheit behindern. Kurz flog sein Blick zu der Welpin, die anscheinend zu Tyel gehörte, wer sie wohl war? Immerhin, Wochen waren sie nicht hier gewesen, wahrscheinlich hatte sie irgendwer mitgebracht oder sie war auf das Rudel gestoßen.
Ein sanftes Lächeln zog sich um die Lefzen des Rüden, als er die Liebkosungen der Zwei sah, nie waren sich seine Geschwister und er so nahe gewesen, nie hatten sie sich nahe gestanden, aber sie waren eine Familie. Als Rasmús sich ihm zuwandte, legte er die Ohren kurz an den Kopf, er hatte doch gar nichts getan, es war selbstverständlich gewesen, dass er den Braunen nicht einfach nach draußen laufen ließ. Hiryoga wollte die Stimme erheben, als Tyel plötzlich auf ihn zutrat, einige Fragen aus ihr heraussprudelten. Gerade als er die Stimme erheben wollte, begann sie ihn zu liebkosen, einen kurzen Augenblick lang wusste er darauf nicht zu reagieren, aber dann tat er es ihr gleich, fuhr mit der Schnauze durch ihr Fell, leckte ihr über die Nase und wedelte mit der buschigen Rute. Als sie von ihm abließ und ihm erneut Fragen stellte, spitzte er die Ohren, ehe er antwortete.

"Wir sind eben erst eingetroffen. Unten in der Gletscherspalte gab es eine Art Labyrinth, viele Gänge, irgendwann fanden wir den Weg nach draußen. Wir hatten viel Glück…"

Ein leichtes Lächeln zog sich um die dunklen Lefzen, ein leichter Schauer rann ihm über den Rücken, bei dem Gedanken an die Gletscherspalte. Natürlich, er verband sie mit einem wunderbaren Ereignis, er hätte es sich wohl nie getraut Shani von seinen Gefühlen zu erzählen, wären sie nicht in diese Spalte gestürzt. Ein leichter Schmerz zog sich durch seine Brust, hin und wieder spürte er dort noch ein Stechen, der ihn an den Sturz erinnerte. Einen Augenblick schwieg er, ehe er auf die nächste Frage, bzw. Fragen einging.

"Ja, Shani ist auch wieder da. Aber sie ist in der Höhle geblieben, die letzten Wochen waren sehr anstrengend, sie wollte gerne mitkommen, aber du wirst sie ja gleich sehen…"

Hiryoga blickte die Fähe schon fast entschuldigend an, dabei gab es eigentlich nichts zu entschuldigen, sie würde schon verstehen, dass Shani ebenso wie er, sehr ermüdet war, die Anstrengungen der letzten Wochen konnte sie nicht nachvollziehen, aber sie würde es verstehen, da war er sich sicher.

"Ich freue mich dich wohlauf zu sehen, euch alle."

Kurz schenkte er Tyel noch ein Lächeln, ehe er seinen Blick auf die Welpin richtete, die sich mutig vorgestellt hatte. An ihrer Stelle hätte er den Fang nicht aufbekommen, viel zu schüchtern und ängstlich war er gewesen. Freundlich erhob er wieder die Stimme und schenkte Miral ein sachtes Lächeln.

"Hiryoga, nenn mich Hiryoga, es freut mich dich kennen zu lernen, Miral."


Diese Situation gab ihr keine Ruhe. Noch immer stand sie auf wackeligen Beinen und spürte, wie sie langsam wieder nachgaben und sie auf den Boden sinken würde, wenn sie noch länger versuchte, sich stehend zu halten. Aber sie konnte jetzt nicht vor diesen beiden Wölfen auf den Boden sinken..besonders nicht vor dem Rüden, es wäre demütigend gewesen. Wenn, dann wollte sie gleich richtig sterben, dann musste sie auch diese Schmach nicht länger ertragen, doch so war es verletzend, ohne, dass man ihr etwas zuleide tun wollte. Um nicht doch wieder in den Schnee zu fallen, als würde sie schwere Wunden am Körper plagen, setzte sie sich hin. So konnte sie nicht so einfach größere Abstand nehmen oder..flüchten, doch das war wohl eh nicht mehr möglich. Sie konnte nicht gehen, sie wusste auch gar nicht wohin. Sie wusste einfach nicht, was sie von dieser Situation und von diesen beiden Wölfen halten sollte. Der Schwarze machte keinen bösen Eindruck, doch, bedingt durch ihre Vergangenheit, hegte sie Furcht, vor allem aber großen Respekt. Immer wieder glitt ihr Blick in seine tiefblauen Augen und wurde von ihnen gefesselt. Sie mochte ihn nicht länger ansehen, sie wollte auch nicht länger Kommunikationen aufrecht erhalten, sie wollte einfach nur in Ruhe auf das Ende warten, noch einmal über alles nachdenken und sich somit schwere, innerliche Wunden zufügen, was sie aber nicht zu verhindern wusste und dann warten, bis die eisige Kralle des Winters sie mit sich nahm in sein..warmes Reich der Unvergänglichkeit. Ihr weiches Fell wehte leicht mit dem Wind, kalt fuhr es ihr durch den Körper.
Sie fühlte sich wie über einem Feuer. Es war heiß und sie wusste nicht, wann die Flammen so groß wurden, dass sie auch nach ihr griffen und versuchten, sie zu erobern und in Brand zu setzen. Sie wusste, dass das Sterben nicht angenehm war und doch wünschte sie es sich. Sie wünschte sich noch einmal Schmerzen, wenn sie auch noch so groß waren, um dann nie wieder welche empfinden zu müssen. Was für ein Gefühl war es, zu wissen, dass alles einfach weitergehen würde. Niemand würde sie vermissen, es würde nicht lange dauern und man hatte sie ganz vergessen. Sie war bedeutungslos und obwohl alles, was geschah, nur geschah, weil sie es für sich selbst mitbekam, lief es einfach weiter, unaufhörlich. Die Atmosphäre von Trauer, Angst und Schmerz spürte der Schwarze nur so lange, wie er in ihrer Nähe war und das sicher auch nicht so enorm, wie sie es tat. Er brauchte nur fortgehen und alles wäre wieder vorbei, es war wie..Unterhaltung, man lernte etwas kennen und konnte wieder Abstand davon nehmen, weil es zu schwach war, sich zu binden, an den Erlebenden und seine Gedanken, an seine Erinnerungen. Sie fühlte sich machtlos. Der Rüde hingegen hatte so vieles in seiner Macht, konnte alles bestimmen, über sie, über sich selbst, für sie war es die reine Willkür, egal wie sinnlos oder logisch seine Taten für sie schienen, für sie würde er immer Willkür sein, weil sie ihn nicht kannte. Dies alles schien so schlaff, so ausgeleiert. Wie alles schon unzählige Male erlebt. Es war immer dasselbe und doch trug die Zeit sie weiter fort. Sie bedankte sich, er sagte, das es keinen Grund für das Bedanken gab..alles wie man es eben kannte. Sie waren Wölfe, aber trotzdem nicht dieselben, noch nicht einmal die gleichen.
Die Worte der fremden Wölfin strichen wie der wind an ihr vorbei. Sie hatte ihren Namen nicht gesagt, wollte wieder weg sein, bevor sie ihn sagen würde. Leyla fühlte sich gestört, von allen, vom Leben, von sich selbst. Alles war falsch, richtig kannte sie gar nicht. Hinzu kam, dass sie das Fleisch nicht anrühren würde, so lange die Fremden bei ihr waren und sie war nicht in der Lage, es zu nehmen und weg zu gehen. Noch nicht einmal darüber hatte sie Macht. Sie konnte über ihr Schicksal nachdenken und die Schmerzen empfinden, war verdammt dazu, mehr durfte sie nicht. Sterben war immer erlaubt. Seufzend fiel ihr Blick langsam zu Boden, was nützte es schon, wenn sie ihr sagte, dass sie mit ihrer Anwesenheit nichts anfangen konnte. Einsicht würde sie dafür bestimmt nicht ernten und Face, welcher sie kannte, reagierte bestimmt weniger freundlich, als er es bisher vielleicht noch war. Es war nicht in ihrer Macht, zu bestimmen, wer hier war und wer nicht. Warum noch Wünsche äußern, sie machten alles nur noch schlimmer, weil man zu hören bekam, dass sie nicht in Erfüllung gingen. Sie hatte niemanden und sie wollte auch niemanden mehr, weil sie Angst vor neuen Verlusten hatte. Ihre Augen richteten sich nach oben, sie blinzelte ins triste Grau des bedeckten Himmels. Die Nässe in ihren Augen durfte nicht aus ihnen weichen..nicht jetzt..nicht hier..


Schon gar lange, wandelte die Jägertrupp des Rudels in der Schneewüste, und allmählich verspürte nun auch Corvina das klagende Geräusch eines hungernden Magens, kein Wunder, es war bloß eine Frage der Zeit gewesen, denn schließlich war Corvina schon so schmächtig genug gewesen, doch seit sie vollständig im Gebirge weilten, konnte man deutlich erkennen, dass sie noch schmächtiger geworden war, obschon der dichte weisse Pelz versuchte dies zu verbergen, die Zunge hing der Wölfin aus dem Fang und doch rannte sie weiter durch den tiefen Schnee, durch den Schnee, welcher auch schon ununterbrochen auf die Trupp niederrieselte. In dieser weißen Einöde, verschmolz Corvina im Gegensatz zu den schwarzen, welche man deutlich erkennen konnte und als die weiße Fähe vermeinte, einfach zurückbleiben zu müssen, erreichte auch ihre schwarze zuckende Nase einen verlockenden Blutgeruch, es schien richtig gewesen zu sein, dass sie den kaum sichtlichen Spuren gefolgt waren, denn es musste so sein, dass ihre Beute verwundet sein musste, und schon spiegelte sich ein leicht siegesgewisses Lächeln auf den Zügen Corvinas wieder.
Doch dann, beinahe im gleichen Augenblick wie die anderen auch, bemerkte Corvina den massigen Bären, welche der Beute habhaft geworden war und sie musste sich schon sehr zusammenreißen nicht ein enttäuschtes Jaulen auszustoßen, allmählich schmerzte der Hunger schon. Nyota hielt es also für besser, wenn sie weitergehen würden, jedoch Thylia nicht, sie wollte ihn erledigen ... alleine! Und doch kam ein anderer schwarzer Wolf, ein Rüde hinter der Trupp her, welcher es aber auch als besser befand weiterzusuchen, was Corvina wollte, wusste sie nicht genau, doch sicherlich Beute wollte sie, aber wollte sie das Leben verwirken?

„Und wie wäre es, wenn wir den Bären ablenken, ich meine, wir sind ja nicht bloß zu zweit, immerhin sind wir einige beisammen und sogar einem Bären leuchtet es wohlan ein, dass er gegen hungrige Wölfe nicht ankommt!“

mischte sie sich nun auch noch ein, ihre Stimme war eher leiser gewesen, sie mochte es nicht, wenn sie nach solchen Worten angestarrt wurde oder sonst was, es war immer so, außer, wenn sie sich deutlich im Recht wusste. Nun aber blickte sie aufmerksam mit leicht geneigtem Kopf in die Runde, wenn sie ehrlich war, ihr waren die Worte auch bloß entwischt, weil der Hunger und die Enttäuschung sie dazu veranlasst hatte.


Banshees Augen folgten mit einem warmen Lächeln wie der Blick Himas zur Höhlendecke glitt und dabei tiefe Dankbarkeit ausstrahlte. Es war immer wieder eine Wohltat, Wölfe zu treffen, die Engaya ehrten und liebten, die verstanden, wie gütig die Mutter allen Lebens war und dass sie jeden beschützte und führte, der bereit war, ihre Hilfe anzunehmen. Hima wäre eine Wölfin, die dieses Rudel bereichen würde, da war sich die Weiße sicher. Nicht nur der Göttin gegenüber, auch ihr selbst, Banshee, schien Hima dankbar zu sein, als sie ihr versicherte, bleiben zu können. Sie beide hätten dies gerne auch der schlafenden Sam mitgeteilt, schienen sich darüber aber einig zu sein, sie weiterhin schlafen zu lassen; die Fähe schien Kraft bitter nötig zu haben. Ihre Reaktion auf Acollons Auftauchen war freundlich, was Banshee mehr freute, als man es erwarten könnte. All zu oft war ihr Unfreundlichkeit entgegengekommen, kaum war Acollon aufgetaucht – nicht zuletzt sogar von ihrem eigenen Sohn – was sie doch mehr schlauchte, als sie nach außen hin preisgab. Nur hatte es wohl etwas Natürliches, dass man dem Tod nicht mit Liebe entgegentrat. Hima schien eine von Grund auf freundliche und offene Wölfin zu sein, was Banshee bereits jetzt schon an ihr schätzte, auch ihre Frage zeugte von mitdenken und gesundem Interesse. Ihr zu antworten war weniger schön, es beschwor alte Bilder herauf, die Weiße hatte jedoch irgendwo ein Recht darauf, es zu erfahren.

“Eine fremde Schar hat uns vertrieben. Das war im Sommer, unsere Welpen waren noch klein und schutzbedürftig, alle anderen Täler in dieser Gegend dich bevölkert. Die Verzweiflung ließ uns schließlich hier hinauf fliehen, dieser Entschluss hat jedoch bereits jetzt einige Opfer gefordert. Es ist kein gutes Land, kein Land für uns Wölfe. Feindlich und unruhig macht es uns besonders jetzt das Leben zur harten Prüfung und besonders um meiner Welpen Willen hoffe ich so sehr, bald ins Tal zurückkehren zu können.“

Sie hatte nicht versucht, den traurigen Ton aus ihrer Stimme zu unterdrücken, ebenso wenig hatte sie irgendeine Tatsache beschönigt, auch wenn es vielleicht nicht im besten Sinne war, wenn Hima bereits jetzt die Traurigkeit kannte, die sich seit der Ankunft in dieser unwirtlichen Welt über Banshee gelegt hatte. Doch natürlich hatte es auch viel gegeben, dass sie glücklich gemacht hatte. Acollons unerwartete Rückkehr im Herbst, dann Nyota, die niemand mehr erwartet hatte und nicht zuletzt Ninniach, von der ebenfalls niemand gedacht hätte, dass sie wieder zu ihnen fand. Acollons leise Worte neben ihrem Ohr erwiderte sie zunächst mit einem leichten Nicken, war sich aber nicht sicher, ob sie Hima nun hier einfach sitzen lassen konnte.

“Hima, ich denke auch du solltest dich jetzt ausruhen. Wenn du möchtest, können wir später weiterreden, es würde mich sehr freuen.“

Wieder berührte sie die Weiße mit der Schnauze sanft an der Stirn, schenkte ihr noch ein Lächeln und erhob sich dann mit einem warmen Blick zu Acollon. Seiner Geste in Richtung des Höhlenausgangs folgte sie schweigend, nebeneinander verließen sie die Wärme und den Schutz des Felsens und traten seitlich am Geltscher entlang, bis sie außer Hörweite der anderen waren. Banshee erkannte Leyla, Face und Ninniach etwas weiter weg im Schnee, da Face bei ihnen war, beunruhigte sie der Anblick jedoch nicht. Ebenso zufrieden stelle sie fest, dass Nyota mit ihrer Jagdtruppe bereits auf und davon war. Allerdings zeichneten sich drei schwarze Schemen im Schneeflockengewirr ab, die sie nicht ganz zuordnen konnte, ließ sich davon jedoch ebenfalls nicht beunruhigen. Viel eher interessierte sie es, was Acollon ihr zu sagen hatte, auch wenn es ihr reichen würde, zu hören, dass er sie liebte.

“Alle Zeit der Welt.“

sagte sie leise, ein sanftes Lächeln auf den Lefzen. Wieder fuhr ihre Schnauze durch sein tief schwarzes Fell und sog seinen Geruch ein, den sie so sehr vermisst hatte.


Tyraleen kräuselte leicht die Lefzen. Dass Averic auf ihren zugegenbenermaßen recht provozierenden Satz keine Antwort gab, war für sie ja schon fast klar gewesen. Schade war es trotzdem, hoffentlich machte er sich wenigstens darüber Gedanken. Ihm stand zwar die einsame Kämpferrolle ganz gut, aber irgendwie wünschte sie sich doch, dass er einfach mehr bei ihnen allen war, sie waren schließlich eine Familie. Sie selbst war ja auch nicht groß an einer großen, sich lieb habenden Gemeinschaft interessiert, aber so extrem wie es bei Averic war, gefiel es ihr dann doch nicht. Würde er es einfach Mal versuchen … aber dazu würde sie ihn sicherlich nicht bringen. Höchstens vielleicht Banshee, aber die bemühte sich darum ja nicht gerade. Etwas, das sie Averic aber auch nicht so direkt sagen wollte. Als sie wütend von der Seite angefunkelt wurde, reagierte sie nicht groß, sondern sah weiterhin einfach nur auf die Höhlenwand, von ihrem Bruder würde sie sich schon nicht mehr provozieren lassen. Er brummte vor sich hin und die Weiße erwartete schon gar keine Antwort mehr, als ein seltsam unpassendes Seufzen und dann eine wahre Drohung aus seinem Maul kamen. Da war sie mal wieder mit ihm einer Meinung … er sollte sich an diesem Pack rächen, ja, er sollte sie dafür leiden lassen … obwohl auch dieser Gedanke sie nicht glücklich machte. Sie überlegte eine gute Antwort zu geben, als sich erneut eine Veränderung in Averics Gesicht abzeichnete. Seine Lefzen waren hochgezogen und gaben den Blick preis auf ein ziemlich angsteinflößendes Gebiss, Hass stand in den blauen Augen. Sofort huschte Tyraleens Blick zum Rudel und sah dort genau das, was sie erwartet hatte … Acollon. Freude packte sie, ihren Vater dort zu sehen, machte sie plötzlich wahnsinnig glücklich, am liebsten wäre sie aufgesprungen, zu ihm gerannt, ihn begrüßt und ihm gezeigt, wie froh sie war, dass er zurückgekommen ist. Aber angesichts von Averic, der sich jetzt erhoben hatte, lauerte wie ein Jäger auf seine Beute und bereits die ersten Schritte auf ihren Vater zu schlich, wurde sie sich einer ganz anderen Aufgabe bewusst. Schon stand sie ebenfalls auf allen vier Pfoten, war an Averic vorbeigesprungen, stellte sich ihm in den Weg. Es musste lächerlich aussehen, sie war gerade dem Welpenalter entwachsen, noch nicht mal ein ganzer Jungwolf und stellte sich einem fast ausgewachsenen, riesigen Wolf entgegen. Trotzdem wirkte sie größer, als sie es in Wirklichkeit war und ihren Augen blickten fest, ungewöhnlich ernst und mit einer Willenskraft, die weit über ihr Alter hinausging, in Averics.

“Lass ihn.“

Erneut hatte es etwas Lächerliches, als ob sie ihren Bruder an irgendetwas hindern könnte. Trotzdem war ihr Fell gesträubt und ihre Ohren eng an den Kopf angelegt und ihr Blick ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.

“Bevor du ihn tötest, musst du erst mich aus dem Weg schaffen.“

Wieder war ihre Stimme voller Ernst, die leicht angehobene Schnauze schien ihn fast dazu aufzufordern, ihr an die Kehle zu gehen. Sie war nicht mehr die kleine, verunsicherte Tyraleen, die erst noch ihren Weg finden musste. Sie war die Alphatochter, die zukünftige Leitwölfin und die Tochter ihres Vaters, für den sie ihr Leben geben würde.


Der schwarze Rüde war der Weißen gefolgt, ohne noch einmal in die Höhle zu sehen. Dass der verletzte Graue ihn anraunzte, störte den Schwarzen nicht. Er ignorierte ihn einfach.
Seine Schritte waren langsam, nicht so kräftig wie sonst. Sein Blick war in die Ferne gerichtet, nicht direkt zu Banshee blickend. Sein Atem war ruhig, aber stoßweise, als versuche er die Luft um sich herum weg zu drücken. Das, was alles passiert war, tat ihm unendlich leid. Er konnte sein Fehlen nicht entschuldigen, aber mit guten Gründen erklären.
Acollon blieb neben seiner Gefährtin stehen und setzte sich hin. Eine ganze Weile starrte er nur auf das weiße Nichts und schwieg. Er versuchte alle Gedanken zu ordnen, einen vernünftigen Anfang zu finden. Es würden viele Worte werden, viele, die schwer zu verstehen waren, die verrückt und vielleicht sogar absurd klingen würden. Doch Acollon war sich sicher, dass Banshee verstehen würde. Sie war das Leben; und allem voraus eine kluge Wölfin. Seufzend blickte er auf und fixierte sie. Versuchte kurz ein Lächeln und begann dann zu sprechen:

“Es sind viele Worte. Viele Worte, die verwirren und argwöhnisch machen. Aber Du verstehst mich. Du bist meine Gefährtin, wir sind verbunden.
Meine Reisen, meine Abwesendheit war nicht aus einer Laune der Natur entstanden, sondern aus einem bestimmten Grund. Ein Grund der seltsam klingt, da ich mit meinem Vater nicht besonders im Reinen war, wie Du wohl weißt“
,

er lächelte kurz ehrlich auf und zwinkerte.

“Er rief mich zu sich. Fenris rief seinen Sohn. Es gab langes Schweigen, Kämpfe, Auseinandersetzungen und letzten Endes aufklärende Worte. Unter anderem eine Neuigkeit, die uns Beide wohl sehr ins Staunen versetzt, womit wir nicht wirklich gerechnet hatten. Es gibt sie noch, die Helfer, die Zwischenweltler; kurzum die Geflügelten. Und sie sind nicht so fern wie wir glaubten. Eine von ihnen war immer ganz in unserer Nähe. Es ist Deine Schwester, Banshee. Es ist Nyota.“

Er seufzte erneut und sah etwas finsterer drein.

“Und der Andere hat mich gerade versucht zu töten. Gregory, ist sein Name, wenn ich mich wohl recht erinnere. Fenris erzählte mir also, dass wir zwei Helfer haben; dass wir nicht mehr allein sind. Fenris hat mich jedes Mal, in meiner Abwesendheit, gerufen. Aber das ist eine andere Geschichte. Wichtig ist nur, dass Fenris auch sagte, wir würden in nächster Nähe ein schweres Schicksal tragen und nicht so leicht vergessen können: für mich aber wird es das reinste Vergnügen. Und wir Beide wissen, womit es wohl zu tun haben wird. Aber was es nun genau damit auf sich hat, verriet er nicht.“

Acollon sah seine Gefährtin an, blinzelte nicht, versuchte all ihre Züge und Emotionen aufzusaugen. Wie lange hatte er sich gewünscht einfach bei ihr zu sein. Und auch bei seinen Kindern. Es hätte eine schöne Zeit sein können. Der stolze Vater hätte seinem Sohn Averic viel beibringen können. Oder wie war es mit Tyraleen? Auch sie hatte er nicht allzu lange sehen können, bevor er wieder Fenris´ Ruf gefolgt war. Aber er wollte wenigstens sie kennen lernen, all seine anderen Kinder würden ihn nicht akzeptieren, das wusste der Schwarze. Aber die kleine Weiße, die ihrer Mutter aus dem Gesicht geschnitten war, würde ihrem Vater verzeihen. Sie trug immerhin das Leben in sich. Doch das würde Acollon nicht sagen, das war eine Sache, die sich selbst erledigte. Acollon schwieg, er wollte, dass seine Gefährtin Fragen stellen konnte, bevor er weiter erzählte. Und er sehnte sich nach Zärtlichkeiten. Seine müden und matten Augen hatten einen Ausdruck von großer Freunde, von Ruhe und Wohlwollen.

Atalya
30.12.2009, 22:36

Langsam öffnete der Graue die Augen. Schnee wehte ihm ins Gesicht und er musste zukneifen. Schon lange nicht mehr hatte der Rüde einen solchen Winter gehabt und war deshalb auf der Suche nach Schutz vor dem Schnee. Er wusste nicht wo er war, da er ein Streuner war und alle Nächte unterwegs war. Egal wo ihn sein Weg führen würde, Balthasar war das egal. Seit ein paar Tagen lief er nun schon über große Berge und Hügel. Hier in den Bergen war der Schnee besonders hoch und man konnte sich nur schwer durchkämpfen. Nun aber richtete sich Balthasar auf und ging los. Er musste so schnell wie möglich Unterschlupf finden, sonst würde er in dieser Kälte noch erfrieren und vom Schnee begraben. Dann aber endlich konnte er etwas erkennen, es war ein zugefrorener See oder so etwas in der Art. Vorsichtig ging er näher. Er musste auf den Boden achten, nicht das er plötzlich auf den See stand und dieser einbrechen würde. Doch dann nahm er Witterung auf. Zwar konnte er den Geruch nur leicht wahrnehmen, doch es schienen Wölfe zu sein. Als er seine Augen dann leicht zukniff, spähte er über den gefrorenen See. Dort hinten konnte er Umrisse anderer Wölfe erkennen. Dort, wo auch eine Höhle war. Der Rüde hob den Kopf zum Geheul.

„Mein Name ist Balthasar. Ich komme von weit her und suche Schutz vor den erbarmungslosen Schnee. Wenn ihr gestattet, darf ich mich zu euch gesellen?“

fragte er und hoffte auf Antwort.


Ein verblüffter, erschrockener Ausdruck legte sich auf die hübschen Züge des Grauen. Sein Feind bemerkte ihn nicht, schenkte ihm keine Beachtung. Er war einfach mit seiner Gefährtin nach draußen verschwunden, hatte sich nicht einmal umgesehen. Da stand er, nur mit den Vorderläufen gestützt und zitterte, nicht vor Angst oder vor Schmerz, sondern vor Wut, vor Entsetzen. Was fiel dem Schwarzen ein? Er ignorierte seinen erneuten Versuch den Schwarzen zu töten. Acollon empfand es nicht für wichtig; erachtete den Grauen für nicht kampffähig. Keuchend versuchte Gregory sich zu fassen. Er verstand es nicht, wie konnte man ihn einfach dort stehen lassen? Er wollte kämpfen, bis zum Ende, bis zum Tod. Lieber sterben, als so geprägt durch die Welt laufen zu müssen. Ungerechtigkeit und Rufmord. Ja, das waren die passenden Ausdrücke. Oh, war der Graue wütend. Doch er regte sich nicht. Konnte es nicht, er verharrte, bewegte sich nicht. Das Knurren und Grollen war verebbt- sein Feind war nicht mehr Zugegen. Alles brach zusammen, sein ganzes Lebenswerk. Gregory war davon ausgegangen, dass Acollon einem Kampf nicht aus dem Weg gehen würde, er war darauf gefasst, dass er sterben würde, wenn er verlor. Warum wollte der Tod seine Seele nicht? Sie war nichts wertvolles, aber sie hatte starke Eigenschaften. Von Manipulation angefangen bis hin zur fiesen Hinterlist. Seine Seele wäre nützlich gewesen. Warum konnte der Tod ihn nicht nehmen? Gregory hatte keine Aufgabe mehr, er war zu Nichts mehr zu gebrauchen. Selbst wenn seine gebrochenen Hüften wieder heilten, er würde nie wieder richtig laufen können. Und erneut gegen den Schwarzen antreten? Nein, das wäre der vollkommene Stolzbruch. Der Schwarze hatte ihn verschont, schenke ihm ein wertloses Leben. Der Graue würde wieder verlieren, er hätte keine Chance sich erneut auf zu raffen, seine Chance war vergeben. Der Todessohn hatte seine Seele nicht haben wollen, er würde sich auch später nicht wollen, erst wenn es sich nicht mehr vermeiden ließe, erst wenn Gregory alt und zu schwach zum leben wäre, dann würde der Tod wohl oder übel ihn sterben lassen. Was sollte das? Hatte denn keiner Verständnis für den grauen Marionettenspieler? Nein, und wohl auch mit Recht. Er war nicht gerade beliebt oder geliebt gewesen. Außer damals. Von seinem besten Freund und seiner Schwester. Aber selbst sie hatte er in Stich gelassen. War verschwunden, hatte versprochen er käme wieder, aber das würde er nicht. Er hatte sich sehr verändert und er dachte nur selten an die früheren Zeiten. Damals war er frei, er hatte keine Pflichten, liebte das Leben und wollte Frieden für seine Familie und sich haben. Jetzt war alles verblasst, vergessen. Alle Gesichter waren verblasst. Schwammig und irritierend schien es, wie Bilder aus wirren Träumen. Gregory konnte sich nicht mehr richtig an das Leben vorher erinnern. Er lebte nur für seine Überzeugung. Doch war es eigentlich seine eigene Überzeugung? Wer hatte ihm gesagt, dass er unbedingt den Todessohn vernichten sollte? Wer hatte ihn auf diese wahnwitzige Idee gebracht? Er wusste es nicht mehr. Er war einem Geist nach gejagt und musste nun feststellen, dass er in die Irre gelaufen ist. Dass er in dichtem Nebel stand und nicht wusste wo es nun hinging.
Und nun mischten sich Schuldgefühle zu der Wut. Er fühlte sich schuldig gegenüber seiner Schwester, seines Freundes und selbst Banshee und ihren Kindern, ein wenig auch vor Acollon. Er hatte ihr Leben zerstören wollen, und wusste nicht einmal mehr, warum. Verlassen hatte er sein eigenes Leben. Rettete sich in der Einsamkeit in seine Aufgabe, in seinen Wahn, der ihn vorantrieb. Aber warum war ihm das Leben nicht verwehrt worden? War er noch nicht am Ende seiner Aufgabe, stand ihm noch etwas bevor? Noch mehr Einsamkeit und Schmerz? Nein danke, dachte sich der Graue. Er würde hier bleiben, warten, aber nie wieder sich von etwas führen lassen. Er würde die restliche Zeit abfristen und dann sterben. Die Wut verblasste, Trotz trat an seine Stelle.

“Sagt dem Himmel ‚guten Tag’, und das ich mein verschissenes Leben mag, drum bleib ich noch hier“,

knurrte er ganz leise. Sicherlich, er war am Ende. Aber war es ein endgültiges Ende? Nein, sonst würde er nicht mehr hier stehen und sich darüber Gedanken machen können.

Seine Läufe machten unter der ständigen Gewichtsbelastung schlapp, er zog sich ein Stück aus der Höhle, sah noch vor einen kurzen Moment den Schwarzen und seine Gefährtin an, bevor er sich in das kalte Weiß fallen ließ und regungslos blieb. Die Augen halb geschlossen, aber mit einem trotzigen und widerstrebenden Lächeln. Es war ein ehrliches Lächeln. Es war nicht für jeden zu sehen, doch er selbst spürte es. Er schwor sich, nicht einfach auszugeben. Er würde diesen Weg gehen. Es machte also keinen unterschied, ob sterben oder leben. Aber vielleicht könnte das Leben noch etwas für ihn bereithalten. Vielleicht gab es etwas, für das er bestimmt war. Schicksal hin oder her. Er würde trotzen. Er würde sich seinem Leben stellen und versuchen, sein eigenes Ich wieder zu finden. Und wer weiß? Irgendwann würde er seine geliebte Familie wieder sehen. Ja, er gab mal Wölfe, die den grauen liebten. Das wusste Gregory. Und der Gedanke würde reichen. Er könnte sich an den guten Erinnerungen laben, davon nähren. Nur jetzt brauchte er Ruhe, musste zu Kräften kommen. Brauchte vielleicht später Nahrung. Wohl oder übel musste er auf pflanzliche Nahrungsmittel zurückgreifen. Dieses Rudel würde ihm nichts von der Beute abgeben. Nein, sie würden ihn hier liegen lassen. Er hatte schließlich den Alpha herausgefordert und somit auch die Unsympathie der Anderen. Aber was soll´ s? Er würde es schaffen. Gregory war verbissen genug, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er war zäh wie Unkraut. Aber Unkraut war immerhin besser als Dreck.
Sein Atem wurde flacher und er fand seine Ruhe wieder. Eine Ruhe, die ihn von all schlechten und der Zukunft fern hielt.


Ihr Blick glitt zu Thylia, als die Werwölfin sich zu Wort meldete. Natürlich, sie war viel stärker - aber übermächtig war auch sie nicht, und es war ihr ganz Recht dass Midnight ihr die Antwort vorweg nahm. Mit krausgezogener Stirn lauschte sie den beiden, und erst bei Corvinas Worten erhellte sich ihr Blick.

Dennoch wand sie sich zuerst an Thylia.

"Ich weiß sehr wohl um die Kräfte deines Volkes, aber auch für euch ist es kein Kinderspiel einen Bären zu erlegen, und dann noch einen hunrigen. Besonders hier oben kann jede Verletzung den Tod bedeuten, und alleine kämpfen lasse ich dich auch nicht, solange du uns begleitest. Corvinas Idee hingegen gefällt mir -"

sie wand den Kopf ruckartig zu der Weißen herüber.

"- wir teilen uns auf."

Mit einem abschätzenden Blick bedachte sie jeden einen Moment, als wollte sie den Wölfen ihre Stärken und Schwächen aus dem Fell ablesen.

"Midnight, Thylia und ich werden ihn von der Beute fortlocken. Wir bleiben jedoch immer ausser seiner Reichweite"

fügte sie mit einem ernsten Blick zu Thylia hinzu. Es war Wahnsinn einen Bär zu töten, denn auch als Werwolf war man kein Götterwesen, und wog dem Bär in Stärke wohl gleichauf, aber nicht über.

"Corvina, Nienna und Sheena umkreisen derweil den Bären. Sobald er weit genug weg ist, schnappt ihr euch das Tier und rennt. Sobald ihr weit genug seid, folgen wir."

Schloss sie, und schien diese Idee noch einmal im Kopf durchzugehen, wobei ihr Blick immer wieder auf dem Bären landete.

"Thylia, ich kann nicht verantworten dass du dir Verletzungen einfängst, nicht solange wir noch zusammen laufen. Natürlich kann ich dir nicht verbieten ihn anzugehen wenn wir fort sind, aber der Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht."

Fügte sie hinzu, bedachte ihre Truppe mit auf Einverständnis oder Kritik wartenden Blicken, und behielt den Bären im Auge.

~Wenngleich der Bär für mehr Mägen ausreichen würde als eine halb verspeiste Bergziege~


Abwartend hatte Thylia tänzelnd auf eine Antwort gewartet. Sie lauschte Corvina in Ruhe und auch Nyotas Antwort nahm sie deutlich wahr. An sich war das keine schlechte Idee, doch sie sah Nyota fast an, dass sie liebend gerne mehr mit zu dem Rudel bringen würde. Sie sah sich die übrig gebliebene Bergziege an und schüttelte langsam den Kopf.

„Nyota, ich schätze es, dass du nicht möchtest, dass ich verletzt werde, aber schau dir die Ziege, die halbe Ziege doch einmal an. Damit bekommst du kaum jemanden satt und viele werden weiter hungern müssen. Ich würde sagen wir schließen einen Kompromiss. Die Idee von Corvina ist gut, den Bären abzulenken. Ein flinker Wolf könnte außer Reichweite an ihm vorbei laufen, das lenkt ihn auf jeden Fall ab, vielleicht auch so tun, als ob der Wolf dem Bären die Beute abnehmen will, das wird ihn auf jeden Fall kurze Zeit irritieren. Diese Zeit könnte ich nutzen um den Bären anzugreifen. Einen nicht aufpassenden Bären zu erlegen sollte ich schaffen, auch wenn ich nicht stärker bin als er, ich bin mindestens genauso hungrig.“

Ein grinsen fuhr ihr in das Gesicht und sie blickte Nyota hoffnungsvoll an. So oder so würde sie den Wolf danach noch anfallen und ihn versuchen zu töten, selbst wenn sie ihre Werwolfsgestalt dafür annehmen musste, dann wäre sie dem Bären in der Größe schon fast ebenbürtig, doch das wollte sie nicht unbedingt. Doch wenn sie zuerst angreifen würde und die anderen dann, wenn er ungefährlicher war mithelfen würden, würde es doch sicherlich klappen. Außerdem konnten sie das Rudel nicht mehr lange warten lassen. Es gab einige Wölfe die nicht mehr alleine ihr Futter jagen konnten, besonders nicht hier oben, also wollte Thylia ihnen wenigstens noch ein Abschiedsgeschenk mitgeben.

„Ach komm schon Nyota, du weißt doch eh, dass ich ihn versuchen werde zu erlegen, wenn ihr fort seit, ich werde ihn zuerst alleine angreifen in dem Moment in dem er abgelenkt ist und dann wenn er nicht mehr so gefährlich ist, könnt ihr noch mithelfen und dann haben wir ihn schnell erledigt. Ansonsten wenn ich sehe, dass jemand zu schaden kommen könnte verwandele ich mich, dann hat er denke ich keine Chance mehr. Sonst rufe ich euch, wenn ich ihn erlegt habe und dann könnt ihr überlegen ob ihr ihn euch noch holt, wie gesagt ich will euch nichts aufdrängen, ich möchte nur das unser, nein euer Rudel satt wird und es keine Auseinandersetzungen innerhalb des Rudels gibt, da alle sehr hungrig sein werden. . .“

Nun legte Thylia den Kopf schief, nein sie wollte nicht, dass jemandem etwas passierte, sie wollte jetzt etwas essen und dann würde sie davon ziehen. Ob mit Wunden oder ohne, ihre Wunden heilten sowieso schneller als die der anderen Wölfe. Warum sollte sie nicht mal etwas riskieren, wenn es schon für einen guten Grund war.


Banshee wartete geduldig ab, bis Acollon seine Gedanken gefasst hatte, er schien viel auf dem Herzen zu haben, allerdings war er auch lange fort gewesen, sah man von seiner kurzen Rückkehr im Herbst ab. Noch ahnte sie nicht, was er auf dieser Reise getan hatte, wusste jedoch sicher, dass er wegen einer höheren Aufgabe gegangen war, alles andere wäre absurd. Das bestätigten auf eine beruhigende Weise die ersten Worte Acollons. Auch waren sie in einer wärmenden Art und Weise vertraut, so sehr wie zwischen Banshee und Engaya Liebe herrschte, hatte zwischen Acollon und Fenris Hass geherrscht, ihrer Natur entsprechend, so wie Engaya und Fenris und eben Banshee und Acollon auch selbst waren. Doch die Worte ihres Gefährten ließen erahnen, dass sich in dieser Beziehung etwas geändert haben könnte, was die Weiße aufhorchen ließ. Das Einzige, was sie gemeinsam hatten, war ewige Treue und möglicherweise hatte Fenris genau dies gefordert. In einem ganz bestimmten Fall wohl, den der Schwarze ihr nun schildern wollte. Aber sie hatte sich geirrt, was Acollon sagte, verstand sie kaum. Helfer, Zwischenweltler … Geflügelte. Wovon sprach er? Ihr Blick verirrte sich in das Schneegestöber, als würde sie da eine Antwort erwarten. Vielleicht erhoffte sie sich sogar eine, spürte sie Engaya doch ganz deutlich bei sich. Doch außer einem diffusen Gefühl von Wissen, das nicht zu ihr durchdringen konnte, verstand sie nichts. Und dann Nyota. Dass ihre Schwester keine normale Wölfin war, hatte sie schon immer gewusst. Als sich ihre Rolle als Leben mit der Ankunft des Todes offenbarte, hatte sie heimlich darauf gewartet, dass ebenso etwas für Nyota geschehen würde, doch es war nichts gekommen. Acollon redete weiter, erwähnte plötzlich Gregory, der seltsame Rüde, den sie kurz willkommengeheißen und dann nicht mehr gesehen hatte? Auch er war ein solcher Geflügelter wie Nyota? Und warum sprach Acollon von Helfern? Verwirrung zeichnete sich jetzt auch auf ihren Gesicht und sie sah ihrem Gefährten etwas ratlos in die Augen.

“Ich verstehe nicht, wovon du sprichst. Geflügelte, was ist das? Und Helfer?“

Sie kräuselte leicht die Stirn und kam sich ein wenig dumm vor, zudem mit diesem Gefühl, dass ihr immer deutlicher sagte, dass sie es wusste, nur kam sie nicht dran. Etwas hilflos knabberte sie an Acollons Ohr, starrte wieder in den Schnee und versuchte jedes Wort noch einmal durchzugehen. Und plötzlich tauchten Erkenntnisse auf, Wissen, dass sie nie gewusst hatte und das sie nun doch kannte. Die Abgötter, Sohn und Tochter göttlicher Abstammung und doch keine Götter, Machtgestalten ohne Macht. Und ihre Söhne und Töchter …

“Nyota und Gregory … Geflügelte?!“

Plötzlich zeichnete sich Schrecken auf ihrem Gesicht, fast ängstlich sah sie ihren Gefährten an.

“Aber … er ist Fenris’ Feind, er ist dein Feind. Und Nyota … was ist sie?“

Wieder Verwirrung, aber jetzt mit Erkenntnissen vermischt. Wenn Nyota die Tochter der Tochter ihrer Mutter war, einer Abgöttin, was hieß das dann hier, auf Erden, für sie? Gregory hatte Acollon töten wollen, aber sie trugen den Tod in ihren Adern. Nur wie stand die Tochter Engayas zu Engaya? Fragen über Fragen, auf die Banshee keine Antwort wusste und auch Acollon würde ihr wohl nur Fragen zum Tod beantworten können. Sie musste Antworten selbst finden …


Leicht verbitternd sah Acollon seine Gefährtin an. Er konnte ihr nicht verübeln, dass sie das Alles ein wenig verwirrend fand. Er selbst hatte lange gebraucht, um zu verstehen, was ihm gesagt worden war. Doch das Unverständnis machte es dem Rüden nicht leichter. Er versuchte nach weiteren Erklärungen zu suchen. Er fand lediglich nur Leere. Eigentlich wollte er nicht sprechen, nur ihre Nähe genießen, aber das war wohl eher Zweitrangig. Jetzt galt es Bericht zu erstatten- Banshee aufzuklären. Er rief sich das Geschehene und Gesagte wieder in den Kopf, aber alles schien so fern, so weit weg. Etwas traurig wandte er seinen Blick ab, und sah, wie vorher seine Gefährtin, in das Schneegestöber.
Fenris hatte ihn gerufen, hatte ihm eingebläut, dass Treue seinerseits das Beste für alle war. Und er sich doch endlich seinem Schicksal stellen solle. Ja, sein Vater hatte gut reden. Er kannte nicht die Gefühle, die Acollon gelernt hatte, er verstand nicht, was es bedeutete ewig und ehrlich zu lieben. Vielleicht war es auch deswegen der Grund, warum er Gregory erwähnte; warum dieser ihn töten wollte. Aber das war alles eine andere Geschichte. Das würde sich später klären. Der Schwarze ließ seine Schnauze zu Boden sinken. Man sah nun deutlich, dass er kraftlos und müde war. Man sah, wie er gekämpft, gesiegt und verloren hatte, dass er einfach Ruhe brauchte.

“Es ist alles schwer zu verstehen, ich weiß, Banshee, ich weiß. Und ich finde nicht die richtigen Worte, die alles deutlich machen könnten. Sie sind Helfer, weil der Tod und das Leben sich ursprünglich nicht leiden konnten, Konkurrenten waren. Gregory ist Deinetwillen geschickt worden, er soll mich töten. Nyota ist demnach meinetwegen auf dieser Erde…“,

er wollte die Vermutung, dass Nyota ihrer Schwester etwas antun könnte nicht aussprechen. Eigentlich hätte er sagen wollen, dass Nyota für Banshees Tod zu ständig war. Aber das glaubte der Schwarze selbst nicht. Sie war zu gut und liebte ihre Schwester zu sehr. Sie würde ihr nichts antun, sie wusste ja nicht einmal, dass sie eine Aufgabe besaß, oder doch?
Als könne Acollon die Gedanken seiner Gefährtin lesen, sagte er sanft:

“Nyota ist Deine Schwester. Sie wird es auch immer bleiben. Klar, sie steht unter Fenris´ Stern, aber das hat nichts zu bedeuten“,

er sah wieder auf und fügte hinzu:

“Ich werde sie aufsuchen, sobald sich die Gelegenheit bietet und ihr diese Botschaft überbringen. Ich kann anhand ihrer Reaktion erkennen, ob sie irgendwelche Absichten hat oder schon davon wusste. Mach Dir keine Sorgen!“

Der Rüde hätte sich die Worte auch sparen können. Banshee machte sich Sorgen. Es war ihre Natur, sie war „die Gute“. Oft hasste sich der Hüne selbst dafür, was er seiner Geliebten antat, dass er sie nicht einfach in Sicherheit wiegen konnte. Es gab eine Zeit lang, wo es so war. Es gab Zeiten, wo Acollon sich gegen seinen Vater gestellt und zu Engaya gehalten hatte. Mit aller Kraft und Überzeugung Banshee schützen zu wollen. Eine Zeit lang hatte er verstanden, was es heißt unbeschwert zu leben.
Der Schwarze legte die Ohren an und drückte den Kopf seiner Gefährtin fest an sein Brustfell. Schloss die Augen und sog ihren Duft ein. Er war besonders. Er war wärmend und liebend. Leise murmelnd meinte er:

“Es gibt viel zu erzählen. Aber lass´ mir ein wenig Zeit, die richtigen und verständlichen Worte zu finden. Ich möchte, dass Du verstehst. Dass Du mir verzeihen kannst, dass ich so lange von Dir und unseren Nachkommen getrennt war. Ich möchte, dass Du die Wahrheit sehen kannst und Dich nichts erschüttern kann. Du sollst gewarnt sein. Zwar bin ich wieder hier und werde Dich vor allem beschützen. Werde wieder über Deine Träume wachen. Aber Du bist ein Teil des Ganzen. Du musst es wissen.,

es waren wohl die ersten verständlichen Worte, die der Rüde von sich gab. Schließlich löste er sich von Banshee und schleckte ihr über die Schnauze. Wie schön sie doch war. Wie aus einem Hauch Schnee zusammen geformt. Nicht scharf, aber auch nicht schwammig. Ganz deutlich, doch fern.


Kaede spitze ihre Ohren und lauschte in den erbarmungslosen Wind, der vor der Höhle tobte und Schnee durch die Gegend peitschte. Sie blinzelte leicht und lauschte abermals. Hatte sie da nicht etwas entfernt ein heulen wahrgenommen? Genau verstehen konnte sie erst nichts, doch als sie sich konzentrierte erhaschte sie noch Worte die darauf schließen ließen, dass ein fremder Wolf Schutz vor dem tödlichen Schneesturm suchte. Sie lauschte nach Banshee und erhaschte auch hier nur Wortfetzen, die der Wind mit sich nahm und die in einem Tempo an ihr vorbeiflitzten, sodass sie nicht folgen konnte worum es ging. Auf jeden Fall war sie beschäftigt und so übernahm sie diesen Fremden. Unsicher schüttelte sie den Kopf und scharrte in dem Schnee, der in den Eingang der Höhle geweht war. Sie tat einen kleinen Schritt nach vorne und tastete sich so langsam ganz aus der Höhle hinaus. Draußen angekommen tappte sie in die Richtung aus der das heulen gekommen war und hüpfte dann erschrocken einen Schritt zurück, als die merkte, dass sie auf Eis getreten war. Auch wenn es schwer zu bemerken war, da dies auch schon zugeschneit war. Erschrocken stand sie kurz still, ehe sie sich sicher war, dass sie auf festerem Boden stand und nicht auf Eis und dann erhob sie ihre Schnauze um dem Fremden zu antworten.

„Sei gegrüßt Balthasar. Ich bin Kaede, die Beta Fähe des Sternenwind Rudels und wenn du guten Willens hergekommen bist, kannst du natürlich zu mir kommen und ich geleite dich mit in die Rudelhöhle. Ich werde dich dann auch herzlich empfangen, doch komme nur, wenn keine bösen Absichten dich zu uns führen. . .“

Kaede holte tief Luft und senkte ihre Schnauze wieder. Also würde sie hier auf den Rüden warten. Sie tappte ein wenig auf ihrem Stellchen umher, um ja nicht unbedacht irgendwo hinein zu treten aber darauf bedacht, dass ihr auch ja nicht zu kalt wurde. Der eisige Wind fuhr ihr stark unter das Fell und auch wenn sie trotzdem noch geschützt war, empfand sie es als unangenehm, da sie solche kalten Winde nicht gewöhnt war. Zudem merkte sie wie die Schneeflocken um sie herum wirbelten und sie fand es schade, dass sie das bezaubernde weiße Bild um sich herum nicht sehen konnte. Aber vielleicht war das auch besser so, überall weiß, das konnte einem bestimmt auch bedrückend vorkommen. Lächelnd dachte sie so über die ihr unbekannte Landschaft nach und malte sich in ihrem Kopf ihr eigenes Bild. Dabei fiel ihr auf, dass sie unbedingt irgendwen später einmal fragen musste, wie es hier eigentlich aussah, sodass sie sich ein besseres Bild von ihrer Umgebung und von ihrem neuen Lebensraum machen konnte. Auch wenn es dann sicher nicht genau wäre, besser als ihr eigen gebildetes war es auf jeden Fall. Lauschend spielten ihre Ohren leicht von hinten nach vorne, sie traute ihrer Nase bei diesem Wind nicht sonderlich und wollte nicht von dem Fremden Wolf überrascht werden, auch wenn sie nicht glaubte, dass er bösen Willens hier war. Das wäre ein viel zu mühseliger Weg hier hoch gewesen.



Als eine etwas ältere Fähe zu Balthasar trat, war der Rüde ein wenig erleichtert. Endlich hatte ihn jemand gehört und würde ihm nun helfen. Die Fähe nannte sich Kaede und lud Balthasar ein mit in die Höhle zu gehen, falls er nicht aus bösen Gründen hier sei. Nun erhob er ein wenig den Kopf und sag der Wölfin in die Augen...

„Es freut mich, dass du mich so herzlich begrüßt, Kaede. Wie dein Name doch war. Natürlich bin ich nicht aus bösen Absichten hier hergekommen. Der einzige Grund ist Schutz vor dem Schneesturm. Gerne würde ich mit in eure Höhle kommen...“

sprach der Graue und sah Kaede weiterhin an. Er hoffte sie würden sich so bald wie möglich auf den Weg machen, denn er konnte diese Kälte nicht mehr lange ertragen. Sein Fell war nun schon ganz weiß geworden und frohr sozusagen ein. Kurz leckte er sich über die Pfoten, Balthasar konnte kaum mehr stehen und musste so schnell wie möglich ins Warme. Als Balthasar dann wieder zu Kaede schaute, bemerkte er ihre weißen Augen. Er konnte nicht ganz verstehen warum sie weiß waren. Die Wölfin schien blind zu sein, aber wie war sie dann hier hergekommen? Doch das konnte sich dann wieder aufklären. Balthasar hatte ja nach Hilfe geheult und sie musste dem Geräusch gefolgt sein. Doch das war gerade kein Grund zu Sorge. Der Rüde würde bald erfrieren und er zitterte schon am ganzen Körper…


Ruhig nickte Kaede Balthasar zu. Natürlich warum sollte er denn böser Absichten hierher gekommen sein. Sie schüttelte sich und drehte sich dann langsam um. Natürlich war sie auch viel zu gutgläubig, doch man musste einem Fremden ja Unterschlupf gewähren bei so einer Kälte. Außerdem, was sollte ein einzelner, wahrscheinlich halb erfrorener Wolf auch schon gegen ein Rudel ausrichten können außer es auszuspionieren und das konnte sie sich nun gar nicht vorstellen. Und selbst wenn je nach dem was gefragt wurde konnte man ja immer genau überlegen was man antwortet. Kaede lächelte Balthasar zu, wie auch immer sie auf solche Gedanken gekommen war, er wollte nichts von ihrem Rudel und so wollte sie ihn auch gerne mit zu der Höhle begleiten, denn er schien erbärmlich zu frieren.

„Genau, mein Name ist Kaede. Du scheinst sehr zu frieren Balthasar. Komm wir gehen rasch zu unserer Höhle, es ist zwar nicht warm in ihr, aber um einiges wärmer als hier draußen und man kann gut in ihr überleben, heißt man friert immerhin nicht, wenn man nicht vor hat die ganze Zeit über nichts anderes zu machen außer zu liegen. Und wenn noch ein paar Wölfe in der Höhle sind ist es auch gleich viel wärmer in ihr.“

Sie drehte sich langsam und vorsichtig um und begann in die Richtung zu laufen aus der sie gekommen war. Ihr duft lag noch auf dem Weg und so bahnte sie sich mühelos einen Weg durch den wieder zugewucherten Weg, der sie unverkennbar zu ihrem Ziel führte. Sie wusste, dass Balthasar ihr folgen würde und klappte ihre Ohren ab. Sie hasste es wenn der Wind kalt in sie hinein fuhr, auch wenn sie schon so pelzig waren, außerdem würde Balthasar gewiss gerade nichts sagen, da es schwer war in dem Wind, wenn man sich nicht gegenüber stand, etwas zu verstehen. Da sie nicht weit von der Höhle entfernt gewesen waren, hatte sie schnell den Höhleneingang erreicht und so schüttelte Kaede sich kurz vorher den Schnee aus ihrem dichten Fell, ehe sie in den Eingang trat und sich nach Balthasar umdrehte. Er musste auch gleich hier sein.


Akriyo sah Kische nach, als sie an ihm vorbeisprintete. Sie wirkte so jung, so fröhlich, voller Lebensfreude, als wäre sie gerade dem Welpenalter entwachsen. Er kannte ihr genaues Alter nicht, doch er wusste, dass sie gleich alt oder älter als er sein musste, dennoch erinnerte sie ihn an einen Welpen oder Jungwolf. Dieser Gedanke erwärmte sein Herz, während gleichzeitig die alten Wunden wieder aufzureißen drohten, als er an seinen eigenen kleinen Welpen denken musste.
Nakiri...
Oh, wie der Graue ihn vermisste! Sein Welpe, seine Gefährtin, sein Herz. Der Rüde lief immer langsamer, bis er schließlich mit gesenktem Kopf stehen blieb und auf den endlosen weißen Schnee starrte. Die traurigen Gedanken, die grässliche Wahrheit, die er mit der Gesellschaft der Sternenfähe hatte verdrängen können, kehrten zurück. Seine Gefährtin und sein Welpe hatten ihn verlassen, der kalte Winter hatte sie verschlungen. Sie waren fort. Für immer. Und er war alleine. Es konnten noch so viele Wölfe bei ihm sein, er würde immer alleine bleiben. Die Einsamkeit war der Inhalt seines Lebens, sein Fluch. Müde hob er den Kopf. Er würde trotzdem zum Rudel, das auf dem Berg lebte, gehen. Er würde sich vergewissern, dass Kische dort gut aufgehoben war, vielleicht einige Tage, Stunden, oder auch nur Minuten bleiben und sich dann wieder auf den Weg machen. Wandern, einfach nur laufen, irgendwohin. Er setzte sich wieder in Bewegung um Kische einzuholen.

Als er ihre freundlichen Worte hörte, schwieg er nur und sah sie an. Wie sollte er ihr erklären, dass sein ganzes Leben aus Einsamkeit bestand? Er starrte hinauf zu den Wolken. Auch sie wanderten, meistens recht langsam, manchmal schneller, je nachdem, wie der Wind sie vorantrieb. Genau so zog er auch durchs Land, ohne zu wissen, nach was er eigentlich suchte. Und er wollte nicht stehen bleiben, er konnte es nicht. Er trottete gedankenverloren neben der weißen Fähe her, bis ihm auffiel, dass das Rudel sie wahrscheinlich noch nicht wittern würde, aber sehr wohl einen Ruf von ihnen hören würde. Besser, sie kündigten ihr Kommen so früh wie möglich an.

„Vielleicht sollten wir heulend darum bitten, das Revier des Rudels betreten zu dürfen.“

stellte er knapp fest.


Während Averic noch so ewig langsam voran schritt, sprang plötzlich etwas vor ihn, sodass er stehen bleiben musste. Die glühenden Augen richteten sich hinunter auf Tyraleen und ein drohendes Knurren verließ seine Kehle. Elende, dumme Närrin. Wie konnte man nur so sein Leben für jemanden wegschmeißen, der es gar nicht verdient hatte!? Vor allem – für jemanden, den man bloß ein paar Atemzüge lang kannte! Noch dazu war es vollkommen lächerlich, er könnte die Welpin mit nur einem Biss in die Kehle töten, die sie ihm ja fast schon anbot. Aber der Pechschwarze hatte nicht die Absicht, seiner Schwester etwas an zu tun. Sein Hass galt Acollon, auch wenn sie es schaffte, durch ihre Naivität ebenfalls Wut auf sich zu ziehen. In seinem Kopf pochte es, als befände er sich bereits im Rausch, da war ein unglaublicher Druck. Er musste vorwärts, er wollte Acollon zwischen den eigenen Fängen zerfleischen, während die Besessenheit nur so durch seine Adern jagte.

Das wäre Verschwendung. Ich habe nicht vor dir etwas an zu tun.“,

entgegnete Averic kalt und wandte den Blick ab zum Höhleneingang. Dort wo eben noch Banshee und Acollon gewesen waren, waren nur noch zwei fremde Wölfinnen und seine Eltern sah er grade noch durch den Höhleneingang nach Draußen verschwinden. Sein Fell sträubte sich noch ein wenig mehr und ganz automatisch trieb es ihn wieder vorwärts, einfach an Tyraleen vorbei ohne sie noch mal zu beachten. Ohne das er sich dagegen hätte wehren können. Dieses Mal waren seine Schritte ein wenig schneller und er dachte auch nicht wirklich daran, dass die Weiße das sicherlich nicht dabei belassen würde. Seine Gedanken, sein Hass, alles drehte sich nur noch um Acollon, wie Stimmen in seinem Kopf, die seinen Namen flüsterten und riefen, dass er seinen Tod bringen sollte.


Balthasar lächelte. Er war froh, dass Kaede erkannt hatte, dass er nicht aus bösen Absichten hierher gekommen war. Doch jetzt musste er erstmal in die Höhle. Sonst würde er nur erfrieren, aber da wollte er natürlich nicht. Als sich Kaede dann aber abgewandt hatte, lief Balthasar schnell hinterher. Er konnte sich kaum bewegen, nahm dann aber seinen Mut zusammen und ging los. Langsam lief er hoch zur Höhle. Kurz noch sah er zurück, lief dann aber weiter. Bei der Höhle angekommen, tat er es Kaede gleich und schüttelte sich den Schnee vom Fell. Dann noch leckte er an seinen Pfoten und setzte sich neben die Graue. Weiter leckte er und wärmte sozusagen seine Pfoten. Er sah durch die Höhle und erkannte weitere Wölfe dieses Rudels. Der Rüde wollte nicht einfach so hereinplatzen und setzte sich deshalb aufrecht hin. Dann sah er die anderen an..

„Hallo, mein Name ist Balthasar. Ich konnte von weit her und suchte Schutz vor den erbarmungslosen Schnee. Kaede hat mich hier hergebracht und ich danke ihr sehr. Eure Höhle ist wunderbar, hier findet man genug Schutz vor den Schneesturm und warm ist es hier auch...“

sprach er und lächelte Kaede an, in der Hoffnung sie würde es im Herzen spüren. Er war ihr sehr dankbar und wusste sie zu respektieren. Zwar war sie blind, dafür aber sehr bescheiden. Kein blinder Wolf würde einen so starken Winter überleben können, doch sie schon. Sie wusste sich die Natur zum Nutze zu machen. Nun aber hoffte Balthasar dass ihn die anderen hier akzeptieren würden und blickte sie mit etwas neugierigen Augen an...


Banshees Worte hatten in Hima ein Gefühl tiefster Sorge freigelegt. Eine fremde Schar von Wölfen, die ein relativ großes Rudel wie dieses hier einfach vertrieben? Das hörte sich in ihren Ohren alles andere als gut an. Und selbstverständlich war die Alpha über diesen Zustand alles andere als glücklich... Aber was würde mit dieser Gemeinschaft geschehen, wenn sie nicht in ihr Tal zurückkehren konnte? Sicher, der Winter würde vorbeigehen - selbst hier oben. Es würde angenehmer werden... Aber immer noch sehr viel schwerer als in normalen Verhältnissen. Möglicherweise würden es nicht alle schaffen, sich den neuen Umständen auf Dauer anzupassen. Ein verzweifeltes Brummeln entstieg ihrer Kehle, leise genug um es niemanden hören zu lassen. Sam lag weiterhin friedlich atmend neben ihr, offensichtlich weiterhin im geschützten Reich des Schlafes. Die weiße Fähe brachte ein kleines Lächeln zustande, während sie ihrer neuen Alpha kurz hinterher blickte.

.oO(Ich glaube kaum, dass ich mich jetzt ausruhen kann, auch wenn mein ganzer Körper danach verlangt. Das waren zu viele besorgniserregende Informationen auf einmal für meinen armen Schädel... Ob ich dieser aggressiven Wolfsschar, die dieses Rudel aus ihrem angestammten Revier vertrieben hat wohl begegnet bin?)

Nachdenklich schloss sie die Augen, bis nur noch ein schmaler Schlitz ihr Sicht gewährte. Doch ihre Frage konnte sie sich nicht beantworten, es waren einige Rudel gewesen, von denen sie zurück in die Einsamkeit und Kälte getrieben worden war. Unmöglich zu sagen, ob eines davon das gemeinte Rudel war, ganz davon abgesehen, dass Hima das erbeutete Tal ja nicht einmal kannte. Unruhig sprang sie auf die Läufe und schüttelte sachte ihren weißen Pelz aus. Nein, es hatte wirklich keinen Sinn nun versuchen zu schlafen. Ihr Kopf würde sie nur wach halten und die Zeit konnte sie auch besser nutzen!
In diesem Augenblick betrat eine weitere Fähe die Höhle, offenbar kein Neuankömmling. Wenige Sekunden darauf folgte ein Rüde, der schon weniger selbstsicher wirkte. Also noch einer, der aus dem Schneetreiben gerettet worden war und dem nun Schutz gewährt wurde? Hima fühlte jähen Stolz in sich aufkeimen, solch ein freundliches und aufopferndes Rudel gefunden zu haben. Als der Fremde begann zu sprechen stellte sie neugierig die Ohren auf und tapste langsam in seine Richtung, bis sie nur noch wenige Schritte voneinander trennten.
Er schien ähnlich dankbar zu sein wie sie selbst, seine Rede machte ihn sympathisch und Hima wollte ihm und sich selbst die Freude machen und darauf eingehen - auch wenn sie selbst noch niemanden in diesem Rudel kannte, selbst erst vor so wenigen Augenblicken aufgenommen worden war. Trotzdem erhob sie ihre Stimme, kaum das Balthasar geendet hatte.

„Ich grüße dich Balthasar, auch wenn es mir eigentlich nicht zusteht. Ich bin selbst er vor kurzem hier eingetroffen, halb erforen von diesem Schneegetümmel da draußen... Trotzdem nehme ich mir jetzt heraus, dich auch zu begrüßen! Mein Name ist Hima.“

Die ganze Zeit über hatte die Weiße freundlich gelächelt, wie bei jedem mit dem sie sprach. Denn nur wer Freundlichkeit gab konnte sie schließlich auch rechtmäßig zurückbekommen. Trotzdem wirkte sie ein wenig verunsichert, dass sie sich in den ersten Minuten schon soviel herausnahm.


Leicht lächelte Kaede, sie konnte Balthasars Dankbarkeit spüren und ebenfalls in seiner Stimme mitschwingen hören. Sie freute sich, dass er alle gleich so freundlich begrüßte und stupste ihn sanft mit ihrer Schnauze an die Schulter. Sie war froh, dass er den Weg hier hoch überhaupt alleine überlebt hat, aber lange konnte sie nicht darüber nachdenken, denn schon kam noch eine Wölfin zu ihnen, die Kaede ungekannt war. Sie ließ ihren Kopf in deren Richtung schlenkern und sog den Geruch der Fähe tief ein, damit sie ihn nicht wieder vergessen würde. Sie lauschte auch ihren Worten und nickte ihr dann zu, dabei trat sie einen kleinen Schritt nach vorne.

„Sei gegrüßt Hima. Natürlich darfst du Balthasar auch begrüßen. Jeder darf doch schließlich jeden begrüßen, ganz wie er es mag. Das wäre doch Unsinn, wenn ich oder er dir das verbieten würden. Also, ich hoffe du lebst dich gut in unser Rudel ein und machst es dir, ebenso wie Balthasar so gemütlich wie es hier oben eben geht. Ihr werdet sehen, die Zeit vergeht bestimmt schneller als wir jetzt noch denken. Außerdem haben wir ja auch noch schöne andere Bilder ins unserem Kopf, die die Zeit verschönern und verkürzen.“

Sie lächelte unbestimmt weiter und ihr Kopf hob sich ein wenig Richtung Höhlendecke. Ihre Rute pendelte langsam hin und her und als sie den Kopf wieder senkte, war ihre Schnauze zu einem strahlenden Lächeln verzogen.


Der graue Rüde war noch etwas unsicher und er hoffte, sich gemäß vorgestellt zu haben. Als sich dann eine weiße Fähe aufrichtete und zu ihm getreten war, seufzte er kurz aus. Die Wölfin war ihn selbstbewusst gegenübergetreten und hatte sich ihn vorgestellt. Balthasar lächelte..

„Ich danke dir Hima für deinen herzlichen Empfang. Wenn ich richtig gehört habe, bist du auch erst vor kurzem hier hergekommen. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich erleichtert. Ich hatte schon befürchtet ich wäre der einzige Neuankömmling hier, bestimmt werden wir uns gut verstehen.“

Dem Rüden gefiel Hima und er hoffte sie so bald wie möglich besser kennen zu lernen. Schließlich hatte Balthasar noch nicht sehr viele Freunde, da er ständig unterwegs war. Er wünschte sich, mit jedem hier anzufreunden. Doch am meisten fühlte er sich Hima angezogen. Er konnte sich das Gefühl selbst nicht beschreiben, doch irgendetwas hatte sie. Ihre Aura war stolz und liebevoll.

.oO(Was soll ich denn nun tun? Ich hoffe sie fühlt sich nicht zu überrumpelt. Naja, das wird sich schon irgendwie regeln.)

Balthasar selbst wusste nicht was gerade geschehen war. Irgendetwas Seltsames ging in ihm hervor. Normalerweise hat er mit Flirten oder so etwas in der Art nichts am Hut. Er wollte sich nicht wieder in das Herz anderer schleichen. Nein, so hatte er es früher getan, doch nun war es anders. Der Rüde war bescheiden geworden und wusste mit solch Situationen umzugehen. Wieder sah er zu Hima... "Verzeiht mir mein Benehmen. Ich bin sehr müde und erschöpft. Wenn ihr erlaubt würde ich mich gerne etwas erholen.."

sprach er etwas verlegen und sah durch die Höhle. Der Graue zitterte noch ein wenig. Er war müde und wusste selbst nicht mehr was er genau tat...


Hima nickte der Fähe, die so freundlich mit ihr gesprochen hatte dankbar zu und wollte gerade etwas erwiedern, als ihr die Augen der Anderen auffielen. Milchig, ohne klaren Blick und Schärfe. Sie seufzte betroffen auf, schüttelte hinterher aber sofort energisch das Haupt. Nein, diese blinde Fähe wollte kein Mitleid, oder sie brauchte es nicht. Erst vor wenigen Augenblicken hatte Hima schließlich selber festgestellt, wie selbstsicher sie sich trotz dieser Einschränkung bewegen konnte. Von weitem fiel es überhaupt nicht auf. Somit verschwand auch blitzschnell der Gedanke daran, der Blinden irgendwelche mitfühlenden Worte zuzuführen - nützen würden sie nichts, und dass es der Weißen aus tiefstem Herzen leid tat, das konnte man sich denken. Engaya würde schon gewusst haben, was sie dieser Fähe gegeben hatte.

"Vielen Dank, ich werde mich hier garantiert schnell eingewöhnen können. Und nunja... Ich war mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht als erstes einem Höherrangigen Mitglied zustehen würde, Balthasar vor mir zu begrüßen. Zum Beispiel die Alpha."

Sie lachte leise auf und schenkte der Fähe ein Lächeln, auch wenn sie es nicht sehen konnte. Schließlich spürte man ja Freundlichkeit.

"Darf ich dich auch noch nach deinem Namen fragen? Dann würde ich noch ein Gesicht passend ansprechen können."

Ihr Blick war inzwischen zu dem Rüden gewandert, als er zu sprechen begann ließ sie sich in eine gemütlichere Sitzposition auf die Läufe fallen und fuhr sich mit aufmerksamer Miene und der rechten Tatze über das angerissene Ohr. Balthasar wirkte ein wenig verunsichert, sie selbst kannte dies natürlich. Das er es nicht nötig hatte seine Gefühle und Empfindungen zu unterdrücken oder großartig zu überspielen war ein sympathischer Zug an ihm. Doch irgendetwas in seinem Gesicht schien noch eine Spur sanfter zu werden, was Hima wiederum verlegen machte.
Mit ihren jungen Jahren kannte sie zwar noch längst nicht alle Gesten und Verhaltensweisen, die das andere Geschlecht zu zeigen wusste, doch es reichte um ihr gewissermaßen zu schmeicheln.

"Nein, der Einzigste bist du wirklich nicht! Ich selbst habe nur durch Engayas Führung den Weg hierher gefunden und dabei - wer weiß ob aus Glück oder aus Vorhersehung - eine weitere Fähe gefunden. Inzwischen schläft sie schon tief und fest... Aber mach dir keine Sorgen, Balthasar. Selbstverständlich werden wir uns gut verstehen. Du scheinst ja schließlich nicht das Böse in Person zu sein. Und für so einen Wunsch musst du dich auch nicht entschuldigen, das ist selbstverständlich!"

Sie brummte zur Bestätigung ihrer Worte, die grünblauen Augen blitzten schelmisch auf. Das Balthasar erschöpft sein musste konnte sie sich denken. Dort draußen tobte die weiße Hölle und ihre Gedanken wanderten kurz zu dem von Banshee erwähnten Jägertrupp. Sie hoffte inbrünstig, dass sie Glück haben würden und wenigstens unversehrt zurückkehren konnten. Um sich abzulenken konzentrierte sie sich erneut auf ihre beiden Gesprächspartner.

"Was ist denn eigentlich bei euch passiert? Ich vermute jetzt einfach mal, dass ihr beide euch zufällig begegnet seid?"


Banshees Augen waren wieder zu Acollon gehuscht, wie er nun den Kopf hängen ließ und unendlich müde aussah, wollte sie ihm am liebsten sagen, dass das alles Zeit hatte und er sich zunächst ausruhen sollte. Doch Angst war aufgekommen, besonders was die Gesinnungen Nyotas und Gregorys betraf und nun musste sie alles wissen, obwohl sie nicht mal wusste, ob ihr dieses Wissen nicht viel zerstören würde. Ihre Beziehung zu ihrer Schwester war schon immer so stark gewesen, was auch immer passieren sollte, Banshee würde Nyota lieben, über alle Taten hinweg, doch wenn die Götter ins Spiel kamen, begannen Schicksal verworren zu werden. Sie hatte nicht das Recht, egal wen uneingeschränkt zu lieben. Und vielleicht war es gerade Nyota, die zu diesen wenigen Wölfen gehörte? Sie wollte die Antwort schon fast nicht mehr wissen. Aber Acollon fuhr fort, er klang erschöpft. Doch seine Worte waren noch viel schlimmer, als sie erwartete hatte, plötzlich zeichnete sich die Angst und das Erschrecken deutlich auf ihrem Gesicht ab.

“... um mich zu töten?“

.oO(Nein, niemals. Nicht mal du, Geliebter, kannst mich dazu bringen, dies zu glauben!)
Dieses logische Ende von Acollons Satz, war so ungeheuerlich, dass Banshee es schlichtweg als unmöglich ansah. Aber wenn Gregory für sie geschickt worden war, um Acollon zu töten und sie ebenso Gegensätze waren wie ihre Eltern, wie deren Eltern und wie deren irdische Sohn und Tochter … dann sollte Nyota Banshee töten. Die Weiße schüttelte heftig den Kopf, Acollon musste etwas verwechselt haben, die Logik konnte nicht logisch sein, weil ihre Schwester sie niemals töten würde, nicht einmal auf den Geheiß ihrer Mutter, nicht einmal wenn ihre Mutter eine Abgöttin war. Acollons beruhigenden Worte machten die Sache nicht besser, viel eher war plötzlich Wut da, geboren aus rasendem Entsetzen und plötzlicher Angst. Er irrte sich, er musste sich irren! Nyota hatte nichts mit Fenris zu tun, rein gar nichts, es gab für sie zudem auch gar keinen Grund, sie zu töten. “Vielleicht ja doch …“ Flüsterte eine kleine böse Stimme. “Wenn die Tochter des Lebens ausgelöscht ist, gibt es nur noch eine weitere Tochter und noch dazu eine Göttliche …“ Banshee wich plötzlich vor Acollon zurück, als hätte er diese Worte gesagt und nicht ihr eigener Geist. Die unterschiedlichsten Gefühle irrten durch ihren Blick, Entsetzten, Ansgt, Sorge, Enttäuschung und nun auch Wut, nicht auf Acollon sondern noch eher auf sich selbst.

“Niemals! Nyota liebt mich ebenso wie ich sie liebe, sie würde sich eher selbst umbringen, als mich auch nur zu verletzen! Fenris lügt! Er will dich verwirren, dich für sich einnehmen!“

Ihre Worte hatten schrill geklungen, viel zu laut ihre Stimme und gleichzeitig panisch. Die gute Idee mit Fenris war ihr während des Sprechens gekommen, aber sofort stürzte sie sich darauf wie eine Verhungernde. Das war ein Intrigenspiel Fenris’ alles abgekatert, möglicherweise wollte er Acollon gegen Nyota aufhetzen. Ja, damit diese ihr, Banshee, nichts tun konnte, sollte Acollon sie vorher töten. Er durfte daran nicht glauben! Die Ankündigung des Schwarzen, Nyota aufzusuchen und ihr alles zu erklären, wurde unter diesem Gesichtspunkt zu einer Drohung und Banshee schüttelte heftig den Kopf.

“Nein, du solltest sie nicht aufsuchen. Sie wird schon wissen, was sie ist. Oder Gregory sagt es ihr.“

Noch immer klang sie verwirrt und ängstlich, vermischt mit einer Härte, die man von ihr nicht erwarten würde. Sie würde nicht zulassen, dass Nyota irgendetwas geschah. Den Kopf fast herausfordernd nach hinten geworfen und wie eine verzweifelt ihren Posten haltende Kämpferin auf einen unbekannten Feind starrend, wurde sie nur ganz langsam von Acollons leiseren, liebevollen Worten zurückgeholt. Sie steigerte sich in ihre Gedanken hinein, es war nur Chaos, keine Wahrheiten … Engaya. In einer, mit Schmerz getränkten Geste ließ sie den Kopf sinken und gab einen undefinierbaren, hilflosen Laut von sich. Sie würde Engaya fragen, sie wollte verstehen, aber Acollon konnte ihr dabei nicht helfen. Er konnte nur ihr Gefährte sein, gegen den sie sich nicht stellen durfte, und ihr Kraft geben. Wie ein plötzlich hilfloser Welpe schmiegte sie sich an den Schwarzen, schluckte ihre Thränen hinab, kniff die Augen zusammen und schien die Welt vergessen zu wollen. Sie war eine schwache Banshee, eine, die nur Acollon und Nyota kannten und die sie doch manchmal sein musste, die sie Acollon nun schenkte.


Die grau-weiße Fähe schleckte sich kurz über die Schnauze. Zwei neue Wölfe die hier hoch gefunden haben, sie wusste sie alleine hätte es nie geschafft, allerdings waren diese zwei sicherlich nicht blind, so wie sie. Sie ließ sich langsam auf ihre Hinterläufe sinken und legte ihre Rute um ihren Körper herum. Stolz stellte sie ihre Ohren auf und blickte eine Runde durch die ihr unsichtbare Höhle. Sie hörte das pfeifen des Sturms und vereinzelt drangen Wortbrocken zu ihr durch, doch als die beiden wieder anfingen zu sprechen, konzentrierte sie sich auf ihre Worte um nichts durcheinander zu bringen. Nachdem die beiden geendet hatten erhob sie ihre melodische Stimme und drehte ihre kleinen Ohren zur Seite.

„Natürlich, geh dich ruhig ausruhen Balthasar, du musst reichlich erschöpft sein. Und Hima, mein Name ist Kaede. Schön euch beide kennen zu lernen. Ich habe Balthasar nicht durch Zufall getroffen nein, er hat gebeten, dass er doch zu uns ins Rudel darf und da ich Beta dieses Rudels bin und unsere Alphas momentan anderweitig beschäftigt sind habe ich ihn eingesammelt und hierher gebracht, damit er sich ausruhen und erholen kann. Und wenn er möchte sich auch länger unserem Rudel anschließen kann oder auch festes Mitglied werden kann, je nachdem wie es ihm beliebt. Und du Hima? Hast du meine Alphas schon kennen gelernt? Und wie hast du den Weg nach hier oben gefunden? Ich fand es ja schon katastrophal als ich mit dem Rudel unterwegs war, vor allem da ich mich hier oben ja überhaupt nicht auskenne. Allerdings habe ich, glaube ich, nicht so gefroren, wie einige andere Wölfe. Ach ja, ich rede schon wieder sehr viel, Balthasar ruh dich nur aus, wenn Hima mag kann sie ja bei mir bleiben oder hast du schon irgendetwas vor Hima?“

Ihr Blick war auf Hima gerichtet, während er bei ihrer Rede eher hin und her gependelt hat um die betreffende Person auch anzuschauen und in ihre Richtung zu sprechen. Eigentlich wusste sie gar nicht genau, was Banshee und Acollon taten, aber sie konnte sich vorstellen, dass Banshee wissen wollte warum er so lange weg gewesen war. Und Face? Wo er wohl hin war. Aber es störte sie nicht, sie war schließlich ebenfalls Beta. Sowieso hatte sie lange mit niemandem des Rudels gesprochen. Vielleicht ließ sich das bald auch wieder einrichten, doch jetzt war sie gespannt darauf, wie die beiden nach hier oben gekommen waren. Außerdem wollte sie nur zu gerne wissen wie Balthasars Blick zu Hima war. Seine Stimme hatte sich etwas verändert, einen anderen Klang angenommen, als er mit ihr gesprochen hatte. Ein kleines schmunzeln musste sie sich verkneifen, von Himas Seite aus hatte sie nichts wahrgenommen, jedoch sollte das nichts heißen, die beiden hatten sich anscheinend jetzt erst kennen gelernt.


Erschöpft sah der Schwarze zu, wie seine Gefährtin den Kopf verlor. Wie Angst sich in ihr breit machte und sie versuchte alles von sich zu weisen. Acollon war bewusst gewesen, dass sie so reagieren würde, doch er hatte nicht gewusst, dass es so schlimm werden würde. Auch für ihn. Stillschweigend sah er die Weiße an, wollte ihr helfen, wusste aber nicht wie. So viel Zorn und Wut hatte er dem sanftmütigen Geschöpf gar nicht zu getraut. Umso mehr musste er nun versuchen, die Kälte und Gleichgültigkeit aus seinem Wesen zu vertreiben. Und nun spürte er es, Angst. Angst, dass Banshee sich verrennen würde, dass sie ihm die Schuld für seine Worte gab, für das Schicksal. Angst, das war ein komisches Gefühl. Es war tief im Herzen, als würde es dort schon immer keimen und nur darauf warten endlich an die Oberfläche zu kommen. Sein Kopf richtete sich auf und sein ganzer Körper spannte sich an, die Ruhe, die eben noch in ihm herrschte, verebbte schnell. Zurück blieb der Todessohn in Bereitschaft. Sein unruhiger Blick suchte die sanftmütigen Augen, die seiner Gefährtin gehörten.
Banshee warf sich in an das Brustfell. Sofort drückte er seinen Kopf an ihren, fest. Es symbolisierte den festen Halt, den sie jetzt brauchte. Er schloss die Augen. Schnell beruhigte sich sein Herz. Die weiße Schönheit war verzweifelt und brauchte nun Schutz und viel Wärme, die Acollon ihr zweifelsfrei geben konnte. Es war alles so verkehrt gelaufen. Es hätte anders kommen sollen.

“Ich weiß, dass sie Dich liebt, meine Hübsche. Ich weiß es. Aber schöpfe doch Hoffnung. Wir haben gemeinsam auch unser Schicksal abgewendet, verändert. Wir hätten nie lieben sollen und wir tun es. Wir hätten kämpfen sollen, liegen aber friedlich neben einander. Gut, jeder trägt seine Eigenschaften und jeder hat eine andere Geschichte. Ich kann nicht aufhören zu morden und Du nicht, zu lieben. Aber wir sind zusammen. Und so kann auch Nyota, Deine liebende Schwester ihr Schicksal verändern.“,

seine Stimme war rau und fest. Doch war da etwa Zuversicht zu hören? War der Schwarze im Begriff sich und sein selbst zu verraten? Innerlich lächelte der Fenrissohn. Er belächelte seine manchmal zornige Art und wusste, dass es nun einmal so war; und es nichts bringen würde, sich dagegen zu stellen. Seine grauen Augen öffneten sich, viel Güte lag in ihnen. Wo eben seine Gefährtin, das Leben, Wut zeigte, so zeigte er nun Liebe. Langsam leckte er das weiße Fell, hauchte seinen warmen Atem in ihr Nackenfell.

“Weine ruhig. Ich verstehe Deine Tränen, ich verstehe sie. Ich bleibe bei Dir- Du bist nicht mehr allein.“,

flüsterte er ganz leise und knabberte zärtlich an ihrem Ohr. Immer noch geschwächt von seinen langen Reisen und weiterhin die starke Müdigkeit tragend blieb er fest stehen. Für ihn war später noch genug Zeit. Seine Gefährtin brauchte ihn. Sie glich nun einem schutzlosen Welpen, der Hilfe suchend durch die Welt irrte. Acollon mochte seine Gefährtin nicht so sehen, es brach ihm fast das Herz.
Banshee, ich liebe Dich!


Der Rüde blickte Kaede etwas fragen an. Er hatte gar nicht gewusst dass sie Beta dieses Rudels war. Nachdem er bemerkt hatte das sie blind war, hatte er es ihr nie zutrauen können. Doch nun, als sie ihn so selbsbewusst zur Höhle geführt hatte, fiel es ihm erhebbar besser. Zwar war sie blind, doch dafür voller Anmut und Selbstbewusstsein. Nun musterte sich wieder ein Lächeln auf seinen Leftzen..

"Genau so war es. Ich war halb erforen und suchte nach Schutz vor dem Schneesturm. Kaeda hat mich hierhergebracht, als ich nach Hilfe geheult hatte. Dafür möchte ich mich nocheinmal bedanken, Kaede. Doch nun würde ich mich gerne ausruhen. Also wenn ihr mich entschuldigt.."

Kurz noch nickte er Hima zu und wandte sich dann von den beiden Fähen ab. Langsam fuhr er mit seinen Kopf herum und suchte nach einen geeigneten Platz, wo er sich ausruhen konnte. Dann ging er langsam an den anderen Wölfen vorbei und legte sich weiter hinten in der Ecke hin. Seinen Kopf auf die Pfoten, dann schloss er seine Augen. Es war ein wunderbaren Gefühl. Hier in der Höhle war es deutlich wärmer und man konnte sie super entspannen. Langsam wurde Balthasar`s Herz schwerer und er schlief ein...

Thylia war überglücklich darüber, dass Nyota ihrem Plan zugestimmt hatte, auch wenn sie und die andren skeptisch waren. Nun schaute sie zu, wie der Bär den drei schwarzen Wölfen deutlich zu verstehen gab, dass sie unerwünscht waren. Sie bemerkte das leichte Hinken und wusste, dass sie alle nun im Vorteil waren. Sie nickte den dreien zu, bewusst das sie es nicht sehen würden, da sie vom Schnee verschluckt wurde und stupste Sheena freundschaftlich an.

„Verhalte dich still, bis das gröbste vorbei ist, dann kannst auch du deinen Teil dazu beitragen wenn du magst. Außerdem muss alles noch sicher zum Rudel gebracht werden!“

Sie schenkte ihr noch ein aufmunterndes lächeln und schlich dann so dicht sie es sich traute an den Bären heran ohne das sie bemerkt wurde. Als der Bär sich gerade wieder seiner Beute zuwenden wollte und dabei etwas unsicher wankte, stieß Thylia sich kräftig ab und machte einen großen Satz in Richtung des Bären. Dabei knurrte sie bestialisch. Der Bär, seine Reaktion durch die Unsicherheit etwas langsamer als normal, drehte sich herum und man konnte seine Ungläubigkeit in den Augen sehen. Er konnte es nicht fasse, das ein einzelner Wolf sich auf ihn stürzte. Vor allem war er nicht gefasst auf den kräftigen Aufschlag, den Thylia verursachte. Man sah ihr schließlich nicht an, dass sie anders war, wenn man Werwölfe nicht kannte oder ein Wolf mit sehr guten Instinkten war. Der Bär versuchte sein Gleichgewicht zu halten und wollte sich fest auf beide seiner Beine stellen, jedoch gab das eine Bein nach und so fiel er mit einem dumpfen laut auf den Schnee. Thylia immer noch in ihn verbissen und laut knurrend. Ihrer Meinung nach konnten die anderen jetzt kommen.


Hima brummelte dem Rüden zum Abschied friedlich hinterher und verfolgte ihn noch kurze Zeit mit Blicken, ehe er aus ihrer Sichtweite verschwand, um sich irgendwo hinter ein paar Wolfsleibern zum Schlafen hinzulegen. Sie schüttelte nachsichtig den Kopf. Ob er hätte schlafen können, wüsste er von der schlimmen Nachricht, die Banshee ihr über das vertriebene Rudel berichtet hatte? Schließlich, dessen war sie sich relativ sicher, wollte Balthasar diese neu gefundene Gemeinschaft nicht all zu schnell wieder verlassen und in diesem Fall war die Sache mit dem verlorenen Revier durchaus auch sein künftiges Problem.
Nun konnte sie sich erneut und ganz allein Kaede widmen, die munter redete. Viele Worte waren es, die die Weiße zum Lächeln brachten, obwohl es ein wenig gequält wirkte. Die Blindheit der Anderen setzte ihr doch mehr zu als sie es eigentlich wollte. Und das obwohl Kaede relativ gut damit zu Recht kommen schien. Nach einigen nachdenklichen Sekunden setzte sie schließlich mit schwingender Stimme an zu sprechen.

„Ich denke ich fange erstmal damit an, wie ich hier hochgekommen bin, nicht wahr? Da gibt es eigentlich nicht sehr viel zu erzählen, aufgeklärt über die Geschehnisse bin ich auch schon. Also: nachdem ich schon von einigen anderen Rudeln, die im Winter einfach keinen Platz mehr für einen Neuling aufbieten konnte, vertrieben wurde bin ich lange Zeit völlig orientierungs- und wohl auch hoffnungslos durch den Schnee geirrt, der immer schlimmer zu werden schien. Unter diesen Umständen war es mir kaum möglich Jagen zu gehen oder wenigstens Schutz zu suchen. Ich war auch schon kurz davor aufzugeben, als ein merkwürdiges Gefühl sich in mir ausbreitete... Es schien vor allem eins auszudrücken: ,Nicht aufgeben, ihr werdet es schaffen!’ Und wenige Augenblicke später wurde ich gefunden, könnte man sagen. Die andere Fähe, die ich vorhin bereits erwähnt habe, hielt mich für einen Schneehasen. Sie selbst war in keinem besseren Zustand, im Gegenteil, um sie schien es sogar noch schlimmer bestellt zu sein.“

Hima stockte kurz, an ihre Erinnerungen gefesselt. Hoffnungslose und ausdrucksleere Augen erschienen in ihrem Inneren, Augen, die sich kurz darauf veränderten als ob etwas Gutes geschehen war. Nun ja, die Tatsache nicht mehr alleine zu sein war ja wirklich etwas Gutes....

„Aber mit diesem Zusammentreffen war es natürlich noch nicht getan. Das erwähnte Gefühl ließ nicht mehr locker, drängte mich förmlich die Andere mitzunehmen, blind loszulaufen ohne zu wissen, ob es nicht ins bloße Verderben führen könnte. Und genau das haben wir dann auch getan. Wir liefen und liefen, gelenkt vom Wind und dieser... nun ja, inneren Stimme? Und irgendwann kamen wir dann hier an. Zu der Zeit war die Alpha übrigens in einen Konflikt mit einem schwarzen Rüden verwickelt, ich weiß immer noch nicht ganz genau, was denn nun los war. Gesprochen habe ich auch schon von Banshee. Und dabei erzählte sie mir von der Sache mit eurem Tal... Sie hat es nicht großartig weiter ausgeschmückt. Ich weiß nur, dass es fremde Wölfe waren. Kannst und möchtest du mir vielleicht mehr erzählen? Ich mache mir ernsthafte Sorgen darüber...“

Nach so vielen Worten räusperte sich Hima kurz, die Augen gespannt auf Kaede gerichtet. Wenn sie Glück hatte würde sie nun mehr Informationen erhalten, die ihr vielleicht das Einschlafen erleichtern würden...


Thylia hatte sich auf den Bären gestürzt, und Nyota war dichtauf gefolgt, ebenso die anderen. Sie wichen immer wieder riskanten Prankenhieben aus, aber Midnight gelang es, den Bären mit einem gezielten Biss kampfunfähig zu machen - die Fähen erledigten das Übrige, Thylia riss ihm die Kehle auf, Corvina zerrte dabei an seinen Ohren, sodass er sich kaum wehren konnte. Die zwei Jungwölfinnen hatten sich auch nicht zurückgehalten, und wie durch ein Wunder war tatsächlich keiner von ihnen verletzt worden.
Nyota atmete auf, als der Bär sich endlich nicht mehr regte, und hob den Kopf in den Nacken, und mit lautem Heulen dem Rudel von ihrer Jagd zu berichten...

Sie versuchten gar nicht erst den Bären - und den Rest der Bergziege - zum rudel zu bringen. Sie müssten hier auf das Rudel warten. das war der Nachteil, wenn man solche Beute jagte...


Als Nyota das heulen anstimmte, erhob Thylia ebenfalls ihre Schnauze gen Himmel und heulte ihre Freude hinaus. Sie lächelte Nyota und den anderen zu. Sie hatte sich ein Stück der Bergziege geschnappt, nur ein kleines, soviel dass sie weiter wandern konnte, zurück zu ihrer Familie, dahin von wo sie gekommen war. Sie verspeiste das Stück Bergziege schnell, sie wollte davon sein, wenn das Rudel eintrudelte. Sie wollte nicht viel aufsehen erregen und so schnell wie möglich verschwinden. Sie trat also zu Nyota und steckte ihre Schnauze kurz, freundlich in das Fell der Schwarzen.

„Vielen Dank, dass du oder ihr meine Idee doch umgesetzt habt und mich mit unterstützt habt. Ich denke auch das Rudel wird es euch danken. Ich werde mich nun verabschieden und wünsche euch ganz viel Glück hier oben. Und ich hoffe, dass ihr bald wieder in euer wunderschönes Tal zurückkehren könnt, es hat mir dort sehr gut gefallen!“

Sie stupste noch einmal freundlich gegen Nyotas Schulter und wendete sich den anderen zu. Ein warmes lächeln und ein freundliches Kopfnicken, dann drehte sie sich um. Sie öffnete ihre Schnauze abermals zu einem kräftigen Heulen und verabschiedete sich so von ihren Jagdgenossen und von dem restlichen Rudel, sollte es, es mitbekommen. Dann machte sie ein paar große Sätze und war im Schneegestöber verschwunden. Nicht einmal mehr ein Schemen war auszumachen so wurde ihre Fellfarbe von dem Schnee verschluckt.

Und so begann ihre weite Wanderung in ihre alte Heimat.


Die Freude überströmte wie es so oft geschah, ihren Körper und ihre Seele, ihr Gemüt strahlte, die Gesichtszüge zeigten ein freudiges Lächeln, ach wie schön es doch war zu leben. Länger war sie nicht mehr so gerannt, einfach nur ein kleines Stück voranzupreschen, ohne Sinn und Verstand, den Gefühlen damit einen Ausdruck verleihen, wie sie es so gerne tat. Laufen. Ihr Seelenheil, es machte sie glücklich, es nahm ihr die überschüssige Freude und ließ sie klare Gedanken fassen. Nicht jeder konnte es verstehen, wie solch ein Glücksgefühl in ihr allein durch das Laufen erwachen konnte, doch so war es und sie war froh, dass ihr Glück an so etwas Natürliches, Alltägliches gekoppelt war. Ein zufriedener Seufzer verließ ihre Kehle, sie sog die kühle Luft in ihre Lungen und spürte wie sich die kalte Bergluft in ihren Lungen ausbreitete, wie es sie schon fast schmerzte, aber sie lebte und das war nur ein zu gutes Zeichen dafür.
Doch jede Freude kommt zu einem Ende, selbst ihre, denn es war Akriyos plötzliche Stimmungswandelung, die sie bemerkt hatte und die sie nachdenklich stimmte. Sie vermochte nicht urteilen, über das, was ihm in seinem Leben schon widerfahren war, sie wollte keine Hypothesen aufstellen, sie wollte sich nicht darüber den Kopf zerbrechen, aber es musste doch etwas geschehen sein, was diesen Rüden gebrochen hatte, auf solch eine grausame Art und Weise, die sie nicht verstand. Kische kannte ihn nicht lange, sie kannte ihn nicht gut, aber was sie wusste war, dass er zu ihr gut war, dass er freundlich und treu schien, sie verließ sich auf ihn und vertraute ihm, das wusste sie und es war gut so. Wer mochte ihm nur dieses wohl grässliche Schicksal gebracht haben, von dem sie nichts wusste? Sie spekulierte, es musste doch wohl ein schreckliches Schicksal sein, welches ihn oft so ruhig und traurig stimmte? Welches Geschöpf war schon vom Grundwesen her auf traurig und unglücklich? Nein, es war etwas, was man über die Zeit erlernte, was man sich aneignete oder was durch Schicksalsschläge hervorgerufen wurde. Das wusste sie und hatte sie über ihre sechs langen Jahre, die sie nun schon hier verbrachte, oft genug erfahren, auch bei ihren eigenen Welpen.
Ein seltsames Gefühl schlich sich in der strahlend weißen Fähe hoch, ein Gefühl welches ihr Lächeln betäubte und ihre Ohren verschloss, ihre Pfoten schwer machte und ihren Körper und ihr Herz sich leer anfühlen ließ. Auch ihr war das Schicksal nicht immer gut gesinnt gewesen. Sie hatte ihren Gefährten verloren, von ihren acht geborenen Welpen hatten fünf überlebt, doch Yuko hatte sie mit einem jungen Jahr verlassen. Und dann hatte er sie auch noch verlassen, Jerry. Die dunklen Bernsteinen Augen wirkten für einen Augenblick glasig, bis Akriyo wieder seine Stimme erhob. Was tat sie denn nur grade? Kische liebte doch ihre Familie und auch wenn sie schon viele verloren hatte, so war sie doch glücklich und dankbar, für jede Erinnerung, für jeden Moment, den sie mit ihren Geliebten hatte verbringen dürfen. Nein, sie wurde selten traurig bei diesem Gedanken, sie hatte das Glück gehabt geliebt zu werden und dafür war sie dankbar. Aber nun war genug der Gedanken, der Graue hatte recht mit seinen Worten, die sie sich schon eben erdacht hatte, sie mussten sich endlich ankündigen, nicht dass das Rudel sie für fremde Eindringlinge hielt, die ihnen schaden wollte, Vorsicht war nun einmal besser als Nachsicht. Sie wusste nicht genau, ob er nun seine Stimme erheben wollte, sie wollte ihm nicht zuvorkommen, aber wenn er dies hätte tun wollen, so hätte er es doch getan? Somit hob Kische den Kopf gen Himmel und ließ ihre Stimme erklingen.

"Rudel, welches durch die Gesetzte von Mutter Natur seinen Weg in die Berge fand, mein Weggefährte Akriyo und ich, Kische, ein Kind des Lichts, erhoffen Zuflucht, vielleicht sogar einen Platz zum Leben bei euch, sofern ihr uns diesen gewähren wollt. Doch zuerst erbitten wir um Erlaubnis, euch gegenübertreten zu dürfen."

Die Worte waren mehr frei gewählt, sie zeugten jedoch, ohne dass es der Lichttänzerin auffiel, von Erfahrung und Wissen, welches sie besaß und angesammelt hatte. Sie bezeichnete diesen Ort nicht als Revier, denn es gab keine klaren Grenzen, sie hielt es für angebracht, über die veränderte Lebensweise einige Worte erklingen zu lassen, damit das Rudel, besser gesagt die Alphas wussten, dass sie hier, die zwei Außenstehenden von ihrem Zustand wussten und trotzdem bereit waren, einen Platz in ihrem Rudel einzunehmen.


Die verschleierten Augen der Fähe irrten scheinbar ziellos durch die Höhle, bis sie dort ruhten, wo sie Hima vermuteten. Die Ohren waren aufmerksam, sodass sie alle Worte Himas mitbekommen hatte. Was sollte sie ihr da noch großartig erzählen, sie selber war eigentlich nur mit dem Rudel mitgelaufen, hatte sich so gut es ging orientiert, bis sie die Gegend nicht mehr erkennen konnte. Sie war selber überrascht gewesen und musste versuchen nicht den Anschluss zu verlieren, denn sonst wäre sie hoffnungslos verloren gewesen. Es wäre ihr schwer gefallen den Weg ganz alleine nur durch die Spur des Geruches zu finden. Aber das wollte Hima ja gar nicht wissen. Aber was sollte sie ihr sagen. Kaede räusperte sich und verlagerte ihr Gewicht ein wenig um. Sie schloss ihre Augen kurz und als sie, sie wieder öffnete schienen sie nicht mehr so verschleiert wie zuvor. Sie hatten ein wenig etwas Leuchtendes in ihr, als ob in ihnen etwas funkeln und strahlen würde.

„Ja, was soll ich da Groß zu sagen. Ich habe nicht viel genaues mitbekommen. Eigentlich weiß ich nur, dass plötzlich ein Rudel ankam. Vielleicht kam auch erst ein einzelner Wolf, ich weiß es nicht tut mir Leid. Auf jeden Fall kam irgendwann dieses Rudel. Es war kein gutes Jahr, es gab wenig Nahrung und da unser Tal sehr fruchtbar war, was Fleisch angeht war es eben auch sehr begehrt. Einige unserer Wölfe wollten kämpfen, haben es vielleicht auch. Aber das Rudel war letztendlich zu stark und Banshee hat uns zurück gerufen. Wir sind geflüchtet, den ganzen weiten und beschwerlichen Weg hier hoch. Einige unseres Rudels haben uns auf diesem Weg verlassen, auf die eine oder andere Weise. Viele Wölfe habe ich hier oben auch gar nicht mitbekommen, sie scheinen sich irgendwie verschanzt zu haben. Vielleicht war es zu viel für sie, dass sie ihr geliebtes Tal verloren haben. Vielleicht haben sie auch Angehörige verloren. Auf jeden Fall sind wir irgendwann hier oben angekommen und das ist gut so. Hier gibt es wenigstens eine Höhle, die wärmer ist als der Sturm dort draußen. Wie du schon gesagt hast, dort zu überleben ist wahre Kunst. Nun schlagen wir uns hier halt durch, es klappt ja auch bis jetzt einigermaßen gut. Ich will nicht wissen, was noch alles auf uns zukommt, aber ich bin optimistisch, dass das Rudel erhalten bleibt. Vielleicht wird es Verluste geben, aber die gibt es so oder so, es wird schon alles so vorhergesehen sein und alles zu seinem Rechten verlaufen. Man darf nicht in Trauer oder Pessimismus versinken man muss sich immer wieder sagen, dass man eigentlich alles schaffen kann, was man nur schaffen will. Hast du das heulen gehört? Das bedeutet, dass die Jagd erfolgreich war. Es wird bestimmt bald auch wieder wenigstens etwas wärmer. Wir werden es schaffen, sorge dich nicht Hima“

Die Graue stupste die andere Fähe liebevoll an. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass alles gut gehen würde. Sie schaute nachdenklich in die Höhle und wartete ab, was weiterhin passieren würde.


Shani Caiyé sah stumm zu dem großen Schwarzen auf. Ihr Blick war voller flehender Hoffnung, aber ebenso traurig, voller Sehnsucht und doch schrecklich enttäuscht. Sie hätte so viel dafür gegeben, dass Luu~ einfach Luu~ geblieben war, aber wie er jetzt vor ihr stand, wie er vorher gewesen war, was er gesagt hatte, wie er sich verhalten hatte, war ihr klar, dass er nicht mehr Luu~ war und dass sie möglicherweise etwas Unmögliches verlangte. Aber wenn es unmöglich war … würde sie es ertragen? Würde sie es aushalten, einen Bruder zu haben und doch keinen mehr zu haben? Lunar jeden Tag zu sehen, und doch niemals Luu~ bei sich zu haben? Sie schluckte, zum ersten Mal in ihrem Leben betete sie stumm zu Engaya, dass sie doch noch Luu~ erscheinen ließ, dass sie ihr nicht ein solches Geschenk machte, ihren Bruder wiederzufinden, und ihn dann doch nicht mehr ihren Bruder sein ließ. Doch die Göttin blieb stumm und der Schwarze zeigte kaum Reaktion, schien plötzlich ganz starr zu sein. Sie konnte nichts von seinem inneren Kampf wissen und in ihrem Zustand war es ihr nicht möglich, ihn zu erahnen, sie konnte ihn nur weiterhin ansehen, mit so viel Naivität und noch so ungebrochenen Augen einer jungen Fähe. Und endlich löste sich der Schwarze aus seiner Starre, bewegte sich ganz langsam, trat an ihre Seite und ließ sich neben ihr nieder. Sie spürte seinen Körper ganz deutlich an ihrem, sah das Weiß neben dem Schwarz funkeln und strahlen und fühlte Wärme, die sie weich umhüllte. Lunar war warm, lebendig wie er es immer gewesen war und schien plötzlich wie ein Schutzwall, der alles Böse dieser Welt von ihr Fernhielt. Obwohl der Blick nun auf die Schneelandschaft freigegeben war, konnte sie keinen einzigen Schatten mehr erkennen. Sanft rieb er seinen Kopf an ihrer Schulter, nur ganz leicht, vorsichtig. Seine Worte waren anders und doch genau wie früher, fürsorglich, ein großer Bruder. Wie sie es einst, es schien schon so lange Zeit her, von ihm übernommen hatte, nahm er auch jetzt wieder ihr Ohr liebevoll in sein Maul, zog schwach daran, so wie sie es liebte. Es war nicht Lunar. Es war auch nicht Luu~, es war einfach ihr großer Bruder, der sich so verändert hatte, wie auch sie sich verändert hatte. Es war ein neuer Luu~, so wie sie eine neue Shani war und doch waren sie beide genau so wie es der andere sich wünschte. Ein Lächeln erschien auf ihren Lefzen, zuerst traurig, dann immer breiter, voller Freude, nicht ohne Schmerz, aber ehrlich. Sie schniefte leise, vergrub ihre Schnauze in Luu~s Brustfell und schloss die Augen. Atmete den Geruch ihres Bruders ein, der so anders geworden war und doch noch immer genau so war wie er sein sollte. Wie der eines großen Bruders.

“Geh nie mehr fort.“

flüsterte sie leise. Es war sie gewesen, die gegangen war, aber für sie hatte Luu~ sie verlassen, nicht andersrum. Aber er würde es nicht wieder machen, er versprach es ihr, erneut, und sie glaubte ihm. Als er sich erhob, den Blick auf die Stelle gerichtet, an der Hiryoga eben verschwunden war, blieb sie stumm liegen und betrachtete nur das Gesicht ihres Bruders. Er wandte es von ihr ab, aber sie sah die Tränen, die in den Schnee tropften und tiefe Löcher hineinbrannten. Zunächst verstand sie nicht, warum er wieder weinte, doch je länger sie stumm dalag und nicht wagte, sich zu bewegen, desto klarer wurde ihr, woran Luu~ dachte. Er hatte erkannt, wie viel ihr Hiryoga bedeutete, mehr noch, dass er für sie die Welt bedeutete. Er hatte erkannt, dass sie hier eine neue Familie gefunden hatte. Aber er hatte nicht erkannt, dass sie sich nichts mehr wünschte, als ihm diese neue Familie zu zeigen und ihn ein Teil von ihr werden zu lassen. Eine Familie ohne einen großen Bruder war wie ein Himmel ohne Sterne. Er sah sie wieder an, senkte die Schnauze zu ihr, berührte sie sanft an der Schulter, lächelte traurig. Er hatte Recht … neu anfangen, was blieb ihnen auch anderes übrig? Aber doch so wie es immer gewesen war. Sie würde immer seine kleine Schwester bleiben. Ein trauriges Lächeln legte sich auf ihre Lefzen, doch nicht ohne Hoffnung.

“Neu anfangen und doch so bleiben. Ich muss dir so viel erzählen.“

Nur jetzt bin ich müde … sagten ihre Augen. Und sie sah ihm an, dass es ihm ebenso ging. Zuerst mussten sie sich ausruhen. Zuerst wollte sie einfach nur bei ihm sein. Bei Luu~. Bei ihren großen Bruder.


Banshee war froh, dass Acollon sie fest hielt, sie stützte, in diesem Moment, in dem sie noch immer kein Wort glaubte und doch von furchtbaren Zweifeln zerfressen war. Vertrauen … sie wollte vertrauen, sie brauchte das Vertrauen, ohne Vertrauen, konnte sie nicht leben. Und nun kroch kaltes Misstrauen in ihr Herz, wenn sie Nyota ansehen würde … würde sie sich dann vorstellen, wie es wäre, wenn die Schwarze doch eben jene Aufgabe zu erfüllen beabsichtigte, die sie nicht mal mehr zu denken wagen würde? Es durfte nicht sein … Vertrauen. Acollons Worte lenkten ihre Gedanken ein wenig ab, er hatte Recht. Götter waren stark, doch war es nur eine Abgöttin, von der Nyota stammte. Wie viel zählten ihre Gebote, wie stark war ihr Wille? Gleichzeitig wurde sie nachdenklich, sie stimmte Acollon in einem Punkt nicht zu. Hatten sie sich wirklich gegen das Schicksal gestellt? Gegen den Willen der Götter? Nein, Banshee glaubte nicht, dass sie nicht für einander bestimmt waren, auch wenn sie Gegensätze waren, auch wenn ihre Eltern Feinde waren. Der Tod brauchte das Leben, ebenso wie das Leben den Tod brauchte, ohne den anderen, konnte keiner von beiden existieren. Aber die Wahrheit, ob sie sich wirklich auflehnten oder nur verborgenen Plänen folgten, würden sie so oder so nie erfahren und die Weiße musste es auch nicht wissen. Wichtig war nur, dass Acollon bei ihr war und dass er dies für immer bleiben würde. Ohne den Tod kein Leben …

“Rede mit Nyota … und sage ihr, dass ich Engaya befragen werde. Es ist Fenris’ Wahrheit, die du kennst, ich werde Engayas erfahren. Und zusammen wird sich zeigen, was sein muss.“

Sie hatte sich wieder gefasst, ihre Stimme klang wie immer, sie schien wieder ergeben in ihr Schicksal, jetzt ihr unumstößliches Wissen verborgen in sich, dass Nyota sie niemals töten würde. Ihre Stärke zurückgewinnend, richtete sie sich langsam auf, sogar ein trauriges Lächeln kehrte zurück, nur durch Liebe und ewiges Vertrauen, würde sie das Misstrauen besiegen können. Schon hoffte sie, dass die Schwarze bald von der Jagd zurückkommen würde, ob mit oder ohne Beute. Acollon würde zuerst mit ihr reden, aber dann würde die Weiße das Gespräch mit ihrer Schwester reden. Ein brennendes Verlangen, sie zu sehen und sich von ihrer Liebe zu ihr zu überzeugen, überkam sie. Nur wurde es wieder niedergekämpft, sie musste sich nicht überzeugen, sie wusste es auch so … sie wollte nur mit ihr sprechen, nur wissen, was in dem Kopf ihrer Schwester vorging.
Sie schluckte und wandte den Blick wieder zu ihrem Gefährten, fuhr ihm mit der Zunge über die Schnauze und dankte ihm stumm. Mit ihm an ihrer Seite würde alles gut werden, was auch immer die Götter mit ihrem Schicksal vorhatten. Noch kurz vergrub sie ihre Schnauze in seinem Nackenfell, sog noch einmal seinen Duft ein und genoss die stumme Nähe, dann erhob sie sich und sah zur Höhle. Ein Heulen war erklungen, wieder schienen sich Fremde hier hoch verirrt zu haben und möglicherweise kam schon bald einer der Jäger zurück … vielleicht mit einer guten Nachricht.


Ein Wolf aus dem Jägertrupp fand schon bald wieder zu dem Rudel und verkündete die erfolgreiche Jagd. Begeistert und in der Hoffnung, endlich wieder satt zu werden, brach das Rudel auf um zu dem nicht zu weit entfernten Ort zu gelangen, an dem der Jagdtrupp auf sie wartete. Auf dem Weg fanden sie Kische und Akriyo, die von Banshee willkommen geheißen und gleich mit zur Beute genommen wurden. Es herrschte ausgelassene Stimmung, die Mahlzeit versetzte die mageren und teilweise sehr geschwächten Wölfe in Hochstimmung. Dank des großen, gut genährten Bären, würde jeder satt werden, so war bald die Rangordnung vergessen und jede vornehme Zurückhaltung abgelegt. Ein einziges Jaulen, Quietschen, Wuffen und Bellen war von dem Fressplatz zu hören, alle Sorgen waren vergessen, der unwirtlichen Bergwelt ihr Schrecken genommen. Als alle satt waren und nur noch ab und an jemand träge nach einem Stück Fleisch schnappte, war es Zeit, zur Höhle zurückzukehren, die Reste der Beute mussten mitgenommen werden, hier in der Kälte würde das Rudel über Nacht nicht bleiben können. Vollgefressen und schläfrig ließen sich die Wölfe nur ungern überreden, wieder aufzustehen, sahen jedoch schnell ein, dass sie den Weg wirklich wieder zurückgehen mussten. Doch die nicht unfreundlich murrenden und schläfrig brummenden Laute verstummten schon bald, ein fernes Grollen war zu hören, dass sogar einen satten, zufriedenen Wolf in Alarmbereitschaft versetzte. Nach einem weiteren Donnern, schon viel näher, schaltete sich der Fluchtinstinkt ein, ohne die Gefahr zu verstehen, rannten die Wölfe, so schnell ihre vollgefressenen Mägen es erlaubten. Die eben noch zufriedene und träge Stimmung war Panik und Todesangst gewichen, das Rudel rannte um sein Leben. Die Lawine krachte mit ungeheuerer Wucht über die Reste ihrer Beute, sog alles mit sich, auf der Flucht konnte keiner erkennen, wer es geschafft hatte, wer nicht. Erst an der Höhle machten sie Halt, verängstigt und verstört verkrochen sie sich im Inneren des Steins, nur langsam verstanden sie. Doch erst viele Stunden später wurde gewagt, nach Opfern zu suchen. Man fand niemanden, doch Leé, Neyla, Malicia, Parveen, Thila Reycou, Hazúki, Roxana, Mórion Manve und Katara tauchten nicht wieder auf. Das Rudel war wie gelähmt vor Schrecken. Mit all seiner Macht hatte ihnen dieses Land gezeigt, dass es keine guten Zeiten gab, keinen Moment, in dem man unaufmerksam sein durfte. Und dafür hatte es Opfer gefordert, Wölfe, die schon lange und fest zum Rudel gehört hatten, Welpen der Leitwölfe und nicht zuletzt eine Gefährtin. Lähmende Trauer und tief sitzender Schrecken legte sich über das Rudel und ließ Thränen gefrieren.

Endlose Eiswüste, ein sachter Schneefall der alles umtobte. Und mitten drin standen ziemlich verloren drei Wölfe, zwei schwarz, einer Weiß wie das Drumherum. Wer das Ganze von Außen betrachtete, würde sicherlich die Stirn runzeln. Da war keine Unterhaltung, es wirkte mehr wie ein Konflikt. Zwar gab es auch diesen nicht wirklich, aber die Positionen der Wölfe könnten darauf schließen lassen. In der Mitte von allem ein großer, unendlich schwarzer Rüde und vor sowie hinter ihm zwei Wölfinnen. Jeden steckte die Anspannung in den Knochen, es war zwar keine Aggressive, eher eine Unsichere, aber es reichte. Face Taihéiyo ließ wie immer nichts nach außen dringen, er versteckte sich nicht einmal. Es war einfach so. Eingesperrt, nicht geflüchtet. Nur langsam kam wieder etwas Bewegung in die Gruppe, als sich Ninniach Favéll vorsichtig etwas näherte. Ein Ohr des stillen Ozeans zuckte leicht, fast hatte er diese Reaktion erwartet. Warum? Warum konnte er Wölfe durchschauen, wo er doch alles von sich wegweisen wollte? War es so einfach? Die saphirblauen Augen wandten sich kurz der schwarzen Wölfin zu, emotionslos, aber nicht kalt. Vielleicht würde man den Funken Hilflosigkeit aus seiner Seele heraus erkennen? Wahrscheinlich nicht. Dafür sah niemand genau genug hin. Die Augen schließend wandte er den Kopf herum und öffnete sie wieder, als seine Schnauze auf Leyla gerichtet war. Sie hatten alle drei ihre Barrieren. Wobei jede ein wenig anders aussah. Jede war von anderer Beschaffenheit und Form. Seine war eine, die einen Wolf bis zu einer gewissen Distanz körperlich heran ließ, aber danach wurde alles abgeblockt. Psychisch so gut wie undurchdringbar. Bei Leyla war es vielleicht anders herum. Die äußere Blockade groß, damit die schwächere psychische Grenze nicht überwunden werden konnte? Was wusste er schon. Wie sah es bei Ninniach aus? Das wiederum, erschlich sich ihm nicht ganz. War sie wirklich schwächer? Was wusste er schon ... was? Man lernte das ganze Leben irgend etwas um schlussendlich zu dem Ergebnis zu kommen, dass man nichts wusste. Aber auch nichts. Anders war es auch gar nicht möglich, die Welt viel zu groß. Gedanken und Erinnerungen, Gefühle und all das arbeitete ganz anders. Wenn man jedes Problem, jede Frage an sich heran lassen würde, käme man damit überhaupt nicht klar, man wäre ein überfordertes, zerrüttetes Wesen. Aber auch hier gab es wieder Unterschiede, nämlich jene, die mehr an sich heran ließen und die, die sich nicht darum scherten. Einen Moment lang harrte der tiefblaue Blick noch auf der weißen Wölfin mit den grünen Augen, dann verließ ein kaum hörbares Seufzen seine Kehle. Langsam erhob sich der große Wolf und drehte sich zu Ninniach Favéll herum, ging ein paar Schritte.

So wie wir beide stören, sollten wir auch beide gehen ...“,

sagte Face leise, hatte den Kopf ein wenig gesenkt und betrachtete abwesend den Schnee vor seinen Pfoten. Dann bewegten sich seine Augen noch einmal nach hinten, wo sie die Weiße erfassten.

Du solltest es fressen. Sonst wirst du bald nie mehr in der Lage dazu sein ... und das ist kein schönes Gefühl.“

Der letzte Teil verließ nur leise flüsternd seinen Fang, als seien diese paar Worte nur für ihn selbst bestimmt gewesen. Auch hier war wieder der Vergleich zu seinem Schicksal und mit Sicherheit würde dieses niemals jemand anders außer ihm ereilen, aber dennoch. Obgleich es vielleicht unmöglich war so zu Enden, musste er die anderen vor dem ‚vielleicht’ schützen. Du hast hunger, aber kannst nichts fressen. Du hast durst, aber kannst nichts trinken. Du verdurstest, du verhungerst. Immer und immer wieder. Langsam hob Face Taihéiyo das Haupt wieder ein wenig höher und richtete den Blick auf Ninniach.


Das Misstrauen hatte sich etwas gelegt und doch bestand die Weiße weiterhin auf Distanz. Mit der, ihr noch sehr fremden Fähe, konnte sie noch weniger anfangen, so erstaunlich das auch sein mochte. Dass man sie als Außenstehender nicht verstand, war ihr nicht neu. Doch warum die Schwarze so handelte, wie sie es jetzt tat, obwohl es ihr vielleicht etwas ähnlich ging, das verstand sie nicht. Sie schien sich jedoch besser in Worten ausdrücken zu können. Ähnliche Gefühle brachte sie zu Wort, das hätte sie nie gekonnt. Sie dachte kaum daran, irgendeinen besonderen, gar verfälschten Eindruck für andere von sich zu hinterlassen, sie musste nur daran denken, wie sie für sich selbst am besten klarkam, doch das tat sie im Moment nicht. Sie hatte wieder das Bedürfnis, sich zurückzuziehen und vor sich hin zu vegetieren und neue Schicksalsschläge abzuwarten. Wie sie wenig später erfuhr, hatte sie auch gleich wieder ihre Ruhe. Die Zwei wollten gehen. Oder er wollte es, ob sie es ehrlich auch wollte oder nur aus Höflichkeit ging, um einen besseren Eindruck zu hinterlassen, wusste sie nicht. Vielleicht drängte er sie auch etwas zum Mitgehen. Oder er ging davon aus, dass sie mitging, weil bei Leyla sowieso niemand länger verweilen wollte. Das verstand sie gut, wer wollte schon, dass seine Stimmung durch jemanden anders so zu Boden gedrückt wurde, man war doch froh, wenn es einem selbst gut ging. Auf der anderen Seite war er auch nicht unbedingt mit Freudensprüngen angekommen zu ihr, vielleicht verstand er sie also doch besser, als sie zunächst erwartet hatte.
Von seinem letzten Satz wusste sie wieder einmal nicht, was sie davon halten sollte. War es eine altkluge Belehrung oder eine Drohung? Sein Gesicht hatte nicht unbedingt aus einer Drohung gesprochen, es sah nicht danach aus. Aber dann verstand sie es nicht. Sie hätte sicher angefangen zu fressen, nachdem sie fort waren, doch jetzt war sie noch unsicherer geworden und sie ließ es erst einmal noch liegen. Misstrauisch beäugte sie das tote Tier, dann hob sie ihren Blick noch einmal und sah in die tief blauen Augen. Warum wollte sie noch jemand belehren..? Sie hatte doch schon alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Dass sie überhaupt noch lebte, war ein unglücklicher Zufall. Wenn er meinte, es besser zu wissen, dann sollte er offen sprechen und mehr erzählen, sonst wusste sie nicht, ob sie ihm Glauben schenken durfte.
Nun hatte sie wieder ihre Ruhe. Sie konnte sich nicht länger auf den Beinen halten, nutzte die Gelegenheit, in der sie allein war und sank wieder zu Boden, wo sie dem Fleisch sehr nahe war. Der Hunger quälte sie, aber die Worte des Rüden gingen ihr nicht aus dem Kopf. Unentschieden verformte sie ihre Lefzen. Sie wollte nicht. Weder von dem Fleisch fressen, noch dadurch länger leben. Was machte das auch für einen Unterschied? Ob sie nun noch eine Weile lebte und dadurch nur noch länger Leid erfuhr und noch mehr ungute Erfahrungen machen musste oder ob sie sich jetzt schon qualvoll verhungern ließ. Sicher hatte er Recht, Verhungern war kein schönes Gefühl, im Gegenteil. Aber er, trotz dass er das gesagt hatte, würde ihr sicherlich nicht jedes Mal etwas zum Fressen jagen, sie konnte nicht jedes Mal zu ihm kommen, nur um seinen Worten Folge zu leisten- nicht auf den qualvollen Hungertod zu warten. So stand in den Sternen, wie lange sie noch lebte. Der Frühling würde kommen, das würde ihr einen Jagdversuch eventuell erleichtern. Aber eigentlich hatte sie keine Lust, ein weiters Jahr auf dieser schrägen Ebene, irgendwo zwischen tot und lebendig, zu verweilen.
Aber egal, welcher Tod sie auch ereilen mochte und wann er es tat, jetzt musste sie etwas fressen, ob sie mochte oder nicht und das tat sie dann auch.