Caylee
03.10.2010, 17:41

Die langen Äster der Trauerweiden striffen über Caylees Rücken, während sie zwischen ihnen hindurch sprang. Letzte Reste von Tränen rannen über ihr Gesicht, als sie schließlich die kleine Lichtung in Mitten des Hains erreichte. Auf ihr standen nebeneinander, teilweise ineinander verschlungen zwei zarte Bäumchen, gerade einmal so groß wie Caylee selbst. Langsam ging sie auf sie zu, berührte beide Pflanzen, als wären sie Wölfe, die sie liebevoll begrüßte und legte sich dann an ihre dünnen Stämmchen. Hier fühlte sie sich sicher, hier fühlte sie sich bewacht. Hier waren Oma und Opa, von hier blieb all das Böse in der Welt weit weit fort. Leise schluchzend schloss sie die Augen und versuchte all die schrecklichen Bilder in ihrem Kopf zu verdrängen, anstatt dessen Banshee zu sehen, wie sie sich lächelnd über sie beugte und mit der Zunge durch ihr wolliges Welpenfell fuhr. Sie meinte ihre Stimme zu hören, wie sie die Legende der Götter erzählte und die Wärme ihrer Nähe flutete die Seele der Jungwölfin. Wäre doch nur Oma Banshee wirklich hier ... dann wäre all das niemals geschehen, ganz sicher. Nie niemals.

Chanuka
12.10.2010, 20:30

Chanuka, - fortgetrieben von unsichtbaren, bösen Kräften, die nun um seinen Federbaum herum spukten, - fühlte sich im Revier auf einmal heimatlos. Obwohl alles um ihn herum sein Zuhause war, gab es doch nicht mehr die Geborgenheit eines immer selben Orts, an den er gehen konnte, ganz gleich wie er sich fühlte. Mit Liel war er auch ziellos umhergestreift, nachdem ihn das Gefühlschaos am Rudelplatz fortgetrieben hatte.
Eine Weile hatte er sich auf der anderen Blumenwiese aufgehalten. Blumen. Blumen. Blumen. Tascurio. Er seufzte bitter. Er wollte Blumen in seiner Nähe haben und wollte doch nicht mehr an das Denken, was sich zugetragen hatte. Noch schlimmer als die versammelten Blumen auf der Wiese waren die abseits stehenden, die einsamen Blüten, die ihn zu verfolgen schienen. Erst hatte er versucht, sie aus seinen Gedanken auszusperren, in dem er die Augen schloss, doch dann hatte er sie wittern können, ganz gleich, wie weit er sich zu entfernen versuchte. Und wenn er seine Nase im Moos versteckte, tanzten vor seinen geschlossenen Lidern die Bilder und Geschehnisse, die sich vor dem Unwetter zugetragen hatten. Weglaufen war unmöglich. Bisher hatte Chanuka nie das Verlangen gehabt, davon zu laufen, doch nun wollte er so gerne, dass sein Geist zur Ruhe kommen konnte. Liel hatte ihm das Gefühl gegeben, dass er all das irgendwie durchstehen konnte, aber damit hatten sich nicht alle Gedanken und Gefühle in Luft aufgelöst.
Fernab des Rudels konnte er plötzlich Caylee ausmachen, die sich wohl hier her geflüchtet hatte. Chanuka wusste nicht so genau, ob er sie stören sollte, schließlich war sie sicher mit Absicht von allen fort gegangen. Andererseits wusste er nicht so genau, wie es ihr am Rudelplatz ergangen war und vielleicht hatte gar niemand nach ihr gesehen und sie fühlte sich noch so verloren wie er, als er alleine davon gelaufen war?
Unschlüssig trat er auf sie zu und nickte ihr vorsichtig grüßend zu. Er bewegte sich so, als könne er auch, wenn sie sich entsprechend verhielt, einfach wortlos an ihr vorbei laufen, um sie nicht weiter zu stören. Sie war zwar seine Schwester, aber sie waren völlig aneinander vorbei aufgewachsen.

Caylee
17.10.2010, 16:35

Caylee bemerkte Chanuka noch bevor der vom Regen verwaschene, undeutliche Geruch zu ihr dringen konnte. Sie öffnete langsam die Augen, suchte den Hain nach ihrem Bruder ab und entdeckte schließlich das schwarze Fell, das zögernd auf sie zukam, irgendwie unbeteiligt, als würde er einfach an ihr vorbeilaufen wollen. Ihr Blick folgte seinen langsamen Schritten, er sah sie an, schien jedoch keine Worte zu finden. Sie wusste zunächst nichts zu sagen, ließ Chanuka beinahe an sich vorbei ziehen, bis ihr einfiel, dass der Schwarze trotz allem der Sohn Averics und Tyraleens war, auch wenn Banshee ihn großgezogen hatte. Er musste furchtbar traurig sein.

“Das alles wäre nie passiert, wenn nur Oma Banshee noch hier wäre.“

Sie sprach leise, ganz so, als könnte sie auch nur mit sich selbst reden. Ihr Blick lag noch immer auf Chanuka, plötzlich beinahe schüchtern.

Chanuka
18.10.2010, 15:10

Chanuka ließ betrübt die Ohren hängen. Nicht, weil Caylee ihn scheinbar doch nicht wortlos an sich vorbei treten ließ, sondern weil ihren Worten Verzweiflung zu entnehmen war. Banshee hatte Tascurio zu sich genommen.

"Wir... wir sind alle nicht perfekt und wir machen alle Fehler... wir können uns nur bemühen, so oft wie möglich das Richtige zutun. Dem einen mag das besser gelingen als dem Anderen und manchmal brauchen wir Zeit, nachzudenken, um zu einer richtigen Antwort zu kommen, niemand weiß was geschieht, wenn wir das Falsche tun."

Er senkte betrübt den Blick. Es erschien ihm selbstverständlich, dass er seine Mutter verteidigen musste. Ob seine Mama hätte verhindern können, dass Tyraleen im Affekt den eigenen Sohn tötete, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. Er glaubte es nicht wirklich. Aber sie hätte wohl verhindert, dass das Rudel so unbarmherzig übereinander herzog.

"Vielleicht hat Tyraleen das Falsche getan, vielleicht aber auch nicht. Wenn hier an dieser Stelle die einzige Möglichkeit gegeben war, zu verhindern dass Tascurio irgendwann Averic tötet, dann war es vielleicht gar nicht so falsch. Wir können es nur nicht wissen. Wir werden es wahrscheinlich nie wissen. Aber die Möglichkeit wird sich auch nie ausschließen lassen."

Was wäre gewesen, wenn Banshee hier gewesen wäre? Nein, er wusste mehr als Caylee. Er wusste das Banshee sich geirrt hatte, dass Tascurio der hätte sein sollen, der bei ihr aufwuchs. Er wusste, dass seine Mama genauso wenig perfekt war, wie sie alle. Sie hatte einen Fehler gemacht und Tyraleen hatte einen Fehler gemacht. Und vielleicht hatte Averic zu schnell reagiert, vielleicht hatten Turién und er nicht richtig gehandelt. Möglicherweise baute ein Fehler auf den Anderen auf. Aber sie waren immer noch eine Familie! Und er liebte jedes einzelne Mitglied davon, ganz gleich wer welche Fehler gemacht hatte.

"Mir ist ganz egal, wer wem die Schuld gibt. Ich hab sie alle lieb, egal was sie tun oder getan haben. Keiner von ihnen ist böse... und keiner muss perfekt sein! Aber dass verstehen sie alle gar nicht… haben zuviel Angst, sind zu wütend oder zu verletzt… aber... aber vielleicht beruhigen sie sich ja wieder und denken nochmal drüber nach..."

Die letzten Worte waren nicht mehr als ein Flüstern. Eine wage Hoffnung, an die er sich im Augenblick noch klammern konnte.

Caylee
01.11.2010, 21:58

Caylee war überrascht, als Chanuka so bereitwillig antwortete und scheinbar doch darauf gewartet hatte, dass sie das Wort erhob. Ein wenig unsicher, aber zustimmend nickte die Kleine.

“Oma Banshee hat auch Fehler gemacht, sonst wäre sie nicht gestorben. Das hat Mama gesagt, als sie von den Götterkindern erzählt hat. Wenn sogar jemand wie Oma Fehler macht, warum darf das dann nicht auch Mama tun?“

Chanuka redete ein wenig verwirrend, manchmal kam es Caylee vor, als wäre er viel älter als sie selbst und ihre anderen Geschwister. Sicher, sie waren keine Welpen mehr, aber doch auch noch keine Erwachsenen. Sie senkte leicht die Schnauze.

“Ich mochte Tascurio nie. Er war seltsam und mochte uns doch auch nicht. Ich hätte mich für Averic entschieden, aber … ich weiß nicht, ob ich einen Wolf hätte töten können. Es macht mir Angst, dass Mama ihn einfach getötet hat. Einfach so.“

Ihre Stimme war ein wenig wackliger geworden, als sie sich vorstellte, wie es gewesen wäre, hätte sie Tascurio töten müssen. Sie hätte es nicht gekonnt. Sie konnte doch nicht einfach töten.

“Ich habe sie trotzdem auch noch lieb. So wie Papa auch. Auch wenn ich es nicht fair finde, dass er jetzt so gemein zu Mama ist. Aber ich würde es ihm sofort verzeihen, so wie ich auch Mama verzeihen würde, wenn doch nur alles so wie früher wäre.“

Sie sah auf und blinzelte zu Chanuka. Er war ihr Bruder, auch wenn er irgendwie nicht so richtig Bruder war und er wünschte sich, dass sich alle lieb hatten. Auf wackligen Pfoten richtete sie sich auf und tappte auf ihn zu. Ein wenig unsicher aber bestimmt schleckte sie ihm über die Nase.

“Wir müssen ihnen zeigen, wie es geht. So wie Neruí und ich. Wir passen auch immer aufeinander auf und haben uns immer lieb. Wenn wir das alle machen, dann werden vielleicht auch Mama und Papa sehen, dass es so am besten ist.“

Chanuka
08.01.2011, 21:38

Chanuka setzte sich, langsam, so als wüsste er nicht genau, ob er sich wirklich zu Caylee gesellen durfte. Er wollte sie nicht stören. Soviel wie sie dann allerdings sagte, glaubte er, dass es für sie in Ordnung war, wenn sie sich ein bisschen unterhielten. Sie schienen sich immerhin einig zu sein. Es versetzte ihm einen kleinen Stich, als sie sagte, dass sie Tascurio nie gemocht hatte und dieser auch niemanden gemocht hatte, aber er entschied sich, jetzt nichts von ihm zu erzählen. Er hatte das so gewollt, es war also sicher besser, wenn Caylee bei dieser Einstellung blieb. Dennoch hatte er Mitleid mit dem Weißen, der sich immer zurückgezogen hatte, damit er jetzt niemandem fehlen konnte. Denn obwohl sich alle wegen dieser Sache stritten, hatte er nicht den Eindruck, dass es dabei wirklich um seinen Bruder ging. Es ging mehr ums Prinzip, dass eine Mutter ihren Welpen nicht töten durfte, egal aus welchem Grund, schon gar nicht, wenn dieser sich noch nicht wehren konnte, oder dies gar vermied. Er verstand schon, wieso Averic so sauer war, aber er verstand auch, warum Tyraleen nicht lange nachgedacht hatte.
Als Caylee auf ihn zu trat und ihn über die Nase schleckte, weiteten sich seine Augen, während sich Unsicherheit in ihm breit machte. Es fühlte sich komisch an, noch nie mit seiner Schwester geredet zu haben und ihr doch gleich so nah zu sein. Er hatte solange Distanz von all seinen Geschwistern gehalten, dass es sich falsch anfühlte, sich einfach darauf einzulassen, dass sie miteinander verbunden waren. Aber es war nicht falsch, es war richtig. Es hätte immer so sein müssen und so schmiegte er seinen Kopf an sie. Er stellte sich vor, wie sie dies als Welpen eigentlich schon tausendfach hätten tun müssen und dass ihre Körper schon viel zu groß waren, für das erste Mal Nähe. Es war unwichtig. Denken war unwichtig.

„Wir zeigen ihnen, wie es geht…“

Wiederholte er zustimmend und hoffend, dass seine Eltern auch Augen für das haben würden, was Caylee und er soeben beschlossen haben.

„Aber wir müssen es ihnen alle zusammen zeigen. Meinst du das geht?“

Caylee
25.02.2011, 15:59

Caylee merkte Chanukas Unsicherheit und sein Erstaunen, als sie so forsch und indiskret auf ihn zukam und ihm quer über die Schnauze schleckte. Wären sie richtige Geschwister, die das seit Welpentagen an gewöhnt waren, wäre es sicher etwas anderes gewesen. Doch so nahen Körperkontakt hatten sie wohl seit ihrer Geburt nicht mehr gehabt. Umso schöner war es, als Chanuka ihre Geste erwiderte und seinen Kopf an sie schmiegte. Eine Einwilligung in ihren Plan, ein neuer Pakt, um das traurige Getrenntsein ihrer Familie aufzuheben. Wenn sich dafür schon zwei so unterschiedliche und fremde Wölfe wie Chanuka und Caylee zusammenschließen konnten, wie einfach müsste es dann anderen fallen? Beinahe aufgeregt begann die Rute der Weißen hin und her zu pendeln.

“Natürlich geht das. Neruí und du und ich haben jetzt den Anfang gemacht. Wir holen auch noch Atalya und Chardím und Avendal und Amúr und Turién dazu. Und vielleicht machen ja sogar Liel, Cirádan und Krolock mit. Das wird alle erstaunen, das erwartet niemand. Und Engaya wird es sehen und sich sicher freuen.“

Chanuka
04.05.2011, 17:04

Chanuka löste sich wieder von Caylee, um sie ansehen zu können, als sie sprach. Er nickte zu ihren Worten und dachte über die Geschwister nach, mit denen er sich nie wirklich beschäftigt hatte. Abgesehen davon hatten sich manche von ihnen so welpisch benommen, dass er nicht wusste, ob sie zu so einem Plan überhaupt bereit waren. Wir hatten sie nur ihre eigenen Eltern verurteilen können?

"Liel schließt sich uns bestimmt an."

Gab er überzeugt zurück. Ihre Brüder kannte er nicht wirklich. Sie hatten seine Wege selten bis gar nicht gekreuzt. Aus der Ferne hatte er sie oftmals beobachtet, aber auf diese Weise urteilte er nicht. Krolock schien jedenfalls kein Wolf zu sein, mit dem man gerne seine Zeit verbrachte. Chanuka jedenfalls glaubte, dass der Gleichaltrige sich stets auf Konfrontationskurs befand und man ihm deshalb besser aus dem Weg ging.

"Banshee wird sich freuen."

Es fühlte sich für ihn seltsam an, seine Mama bei ihrem Namen zu nennen, aber er wollte, das Caylee gleich wusste, wen er meinte. Für ihn war Banshee das greifbare Bild der Göttin des Lebens. Der Name Engaya war ihm eher fremd. Eine Wölfin, die er nicht gekannt hatte.