02.11.2010, 19:29
Jakash saß am Rand des Steinernen Waldes zwischen den toten Stämmen und sah in Richtung des Flusses, an dessen Ufer Chardím lag. Sein Patensohn hatte um ein wenig Zeit allein gebeten und so hatte er sie ihm gewährt mit dem Versprechen, in der Nähe zu sein und zu warten. Mehr denn je fühlte er sich für den Schwarz-weißen verantwortlich, war es doch die Aufgabe eines Paten im Notfall der Ersatz für Vater und Mutter zu sein. Normalerweise galt dies für den Fall des Todes der Eltern, aber solange Chardím nicht wusste, wie er zu Averic und Tyraleen stehen sollte oder wollte, so war doch ein ganz ähnlicher Fall gegeben. Und Jakash wollte für den Jungrüden da sein, wollte ihm helfen. In gewisser Weise fand er dadurch selbst Ruhe, um mit der Situation und sich selbst klar zu kommen. Kein leichtes Unterfangen immerhin.
Zu allem Überfluss war es jetzt, am Morgen nach der schrecklichen Offenbarung Tyraleens, plötzlich bitterkalt geworden. Die steinernen Stämme glitzerten vor Eiskristallen, trotz des nur fahlen Lichtes, das durch die Wolken drang. Jakashs Flanken zitterten ab und an, wenn die Kälte einen Schauer über seinen Rücken jagte, und die Spitzen seines schwarzen Felles waren hell punktiert von Rauhreif. Wie konnte es im Frühsommer nur so kalt werden?
02.11.2010, 20:49
Es war einfach viel zu kalt um vernünftige und klare Gedanken fassen zu können. Sheena hatte beschlossen, dass die Bewegung ihr dabei helfen würde, die eingefrorenen Glieder ein wenig aufzuwärmen, aber tatsächlich half das Laufen nur wenig. Eher schnitt die eiskalte Luft noch peitschender in ihr dünnes Winterfell.
Außerdem hatte sie in sich ein Gefühl der Ruhelosigkeit, sie suchte unterbewusst nach etwas, oder besser jemanden. Doch so richtig wollte sie sich dies wohl nicht eingestehen und so lief sie eher ziellos durch die Kälte.
Erst als sie in der Ferne den Steinwald funkeln sah, wurde ihr bewusst, dass sie eine recht weite Strecke zurück gelegt hatte. Bei dem Anblick des glitzernden Waldes fiel ihr sofort wieder die Begegnung mit Tyraleen in eben diesem Wald ein. Es war ja irgendwo auch ihr Wald. Sie beide waren sich näher gekommen, hatten sich einander Dinge offenbart, die vorher noch nie laut ausgesprochen wurden. Es war eine schöne Erinnerung, trotz der drückenden Stille, die in dem Wald geherrscht hatte.
In Gedanken versunken war sie dem Wald näher und näher gekommen und erst jetzt stieg ihr der Duft von zwei Wölfen in die Nase, der eine kam von Chardím, welcher am Rand des Ufers lag und der andere kam von Jakash.
Jakash.
Instinktiv wusste sie, dass sie die ganze Zeit über ein Ziel gehabt hatte und ihre Pfoten nicht einfach wahllos auf den gefrorenen Boden gesetzt hatte. Am liebsten hätte sie jedoch trotzdem kehrt gemacht und wäre den weiten Weg zurück gelaufen. Sie wusste zwar, dass dies ihre kaum vorhandenen Kräfte maßlos überfordert hätte, aber gleichwohl überforderte sie die plötzliche Begegnung mit dem Schwarzen, der etwas abseits von Chardím am Steinwaldrand saß und zu warten schien.
Auf wen?
Schnell verscheuchte sie diese Gedanken wieder aus ihrem Kopf. Gewiss nicht auf sie sondern auf Chardím. Was nur logisch war. Schließlich war er sein Pate.
Langsam kam sie dem schwarzen Rüden näher, ihre Nervosität ließ sie sich glücklicherweise nicht anmerken, doch innerlich waren ihre Nerven ein wenig am vibrieren. So ein Kinderkram.
Leicht lächelte sie, konnte das Beben ihres frierenden Körpers jedoch nicht so gekonnt verstecken, wie ihre aufkeimende Nervosität. Zu der es natürlich gar keinen Grund gab.
„Hey Jakash. Schön dich zu treffen.“
Oh man, war sie denn vollkommen verblödet?
03.11.2010, 18:16
Es war so still hier. Jakash konnte sehen, wie der Wind die Äste der Bäume auf der anderen Seite des Flusses wiegte. Sicherlich strich er auch über das geeiste Gras, nur waren die Halme zu steif gefroren um sich unter der Brise zu neigen. Aber zwischen diesen steinernen Stämmen wehte kein Lüftchen, als würde der Wind einen Bogen um diesen toten Wald machen.
Es war kalt und still, aber dadurch auch friedlich. Hier konnte man seine Gedanken treiben lassen und sehen, wohin sie einen führten. Jakash führten sie in die vergangene Nacht zurück, als die Stimmung im Rudel das Gegenteil der jetzigen Szenerie gewesen war: laut, heiß vor Zorn und agressionsgeladen. In gewisser Weise brachte dieser Gegensatz zwischen dem Jetzt und seinen Erinnerungen seine Gedanken und Gefühle ins Gleichgewicht. Jakash hatte schon vorher das Gefühl gehabt, von außen die Szenerie zu betrachten, und jetzt hatte er dieses Gefühl wieder, nur irgendwie distanzierter...
Sheenas Stimme unterbrachen seine Gedanken nicht direkt, drängte sie aber zunächst an den Rand seines Bewusstseins. Der Schwarze wandte den Kopf zu ihr um und sah sie erstaunt an - er hatte nicht erwartet, hier auf jemanden zu treffen.
"Oh, hallo Sheena. Schön dich zu sehen",
erwiderte er und lächelte. Es stimmte, er freute sich, sie zu sehen. Auch über Rakshee oder seine Mutter hätte er sich gefreut, aber das war eben auch Familie. Sheenas Gesellschaft war ihm auf eine andere Art angenehm, eine, die er aber nicht benennen konnte.
"Wie geht es dir? Du wirkst... müde."
Eigentlich hätte er sich die Frage auch sparen können - bestimmt hatten viele Wölfe in der Nacht nicht gut geschlafen. Er erinnerte sich daran, dass sie für Tyraleen gesprochen hatte und auch mit ihr und Malakím den Rudelplatz verlassen hatte. Vielleicht hatte sie die ganze Nacht kein Auge zugetan...
07.11.2010, 17:58
Das ehrliche Lächeln auf den Lefzen des Rüden, welches seine Freude ausdrückte, ließ Sheena kurzzeitig straucheln. Schnell hatte sie sich jedoch wieder gefangen und schenkte ihm ein ebenso strahlendes Lächeln, wie sie es soeben empfangen hatte.
Langsam trat sie ein paar Schritte weiter an Jakash heran, ehe sie sich, auf der Stelle tretend, versuchte ein wenig warm zu halten.
Oh ja, sie war unglaublich müde. Sie hatte die letzte Nacht kaum ein Auge zumachen können, sie war mit Tyraleen durch die Wälder gezogen, ohne großartig Pausen einzulegen. Dafür war es auch einfach viel zu kalt gewesen. Außerdem hatte sie versucht, ihren Kopf wieder frei zu bekommen. Doch das war leichter gesagt als getan. Irgendwie war sie einfach nicht auf der Höhe auf der sie sein wollte.
Diese Schlappheit äußerte sich nicht nur körperlich, sondern auch ihre Psyche schien dem anhaltenden Druck nicht mehr gewachsen zu sein. Sie verstand sich selbst nicht mehr. Egal was sie gesagt hatte, irgendwie war es immer falsch aufgefasst worden. Dabei hatte sie es doch gar nicht böse gemeint.
Und sie wusste, dass sie keine dumme Fähe war. Irgendetwas störte sie, irgendetwas versuchte sie, erneut, kaputt zu machen. Doch soweit wollte sie es nicht kommen lassen. Dann musste sie nun halt vermehrt darauf achten, sich nicht zu übernehmen.
„Stimmt. Ich bin furchtbar müde. Und dazu diese merkwürdige Kälte, die sich hier eingeschlichen hat und die niemand kommen sehen hat. Ich verstehe es nicht ganz…“
Schon wieder so unvollständige, wenig logische Sätze. Sie wackelte leicht mit dem Kopf. Ihr Alter konnte auf keinen Fall für diesen ‚Verlust’ in Betracht gezogen werden. Sie befand sich schließlich in ihren besten Jahren.
„Aber auch du scheinst nicht vollkommen fit zu sein. Es ist die Kälte, zu den Geschehnissen, nehme ich an…?“
Trotzdem, er sah auf jeden Fall besser aus, als sie sich fühlte.
08.11.2010, 09:33
Sheena wirkte ein wenig zerstreut, aber das erschien ihm ziemlich normal für die momentane Situation. Sie war übermüdet und die plötzlich Kälte zehrte zusätzlich an den Kräften, das war es nicht verwunderlich, wenn der Geist ab und an Sprünge tat. Auch seine eigenen Gedanken huschten bisweilen wirr durch seinen Kopf und ließen sich kaum einfangen, geschweige denn sortieren. Aber genau aus diesem Grund genoss er die Stille und Abgeschiedenheit des toten Waldes, waren dies doch beste Vorraussetzungen dafür, die Gedanken zu ordnen. Obgleich Sheenas Gesellschaft gleichwohl eine willkommene Ablenkung darstellte.
"Ja, ich weiß, was du meinst. Es ist.... falsch. Diese Kälte.. und überhaupt alles",
erklärte er und ließ den Blick zu Chardím schweifen. Falsch. Das Wort, mit dem sein Patensohn schon gestern Abend die ganze Situation zusammen gefasst hatte und Jakash fand, dass kein anderes Wort und keine Beschreibung das Geschehene und die momentane Lage besser ausdrücken konnte.
Seine grünen Augen fanden zurück zu Sheena. Ein Hauch Unsicherheit lag in seinem Blick.
"Ja, du hast Recht. Die Kälte.. Tascurios Tod..."
Sollte er ihr von dem Ziehen in seiner Brust erzählen? Davon, wie die Götter um seine Seele rangen? Er hatte sich damals Banshee anvertraut, aber Banshee war tot. Ansonsten wussten nur noch seine Mutter davon und von den Priesterinnen nur Rakshee. Er hatte überlegt auch mit Tyraleen darüber zu sprechen, aber erst hatte ihn banshees Tod davon abgehalten, dann war das Nichts gekommen und nun schien ihm der Moment wiederum äußerst unpassend. Nicht nur für Tyraleen, sondern generell. Es gab wahrlich genug Probleme, er musste niemanden auch noch mit seinen Persönlichen beladen. Zudem schien es besser zu werden, er behielt die Kontrolle. Trotzdem wünschte er, dieses beständige Ziehen wäre weg...
"Und ich fühle mich hin und her gerissen. Zudem mache ich mir um Chardím Sorgen...",
fügte er hinzu und teilte sich ihr mit, ohne ihr direkt etwas von sich zu erzählen. Zugleich lenkte er von sich selbst ab, indem er auf den Schwarzweißen zu sprechen kam...
10.11.2010, 19:06
Falsch. Das war wohl das treffendste Wort für die Situation in der sich das Rudel befand. Aber das tat jetzt nichts mehr zur Sache. Viel interessanter war sein zuletzt gesagtes.
Er fühlte sich hin und her gerissen. Gleichzeitig versuchte er das Thema auf seinen Patenwolf zu lenken, indem er ihr von seiner Sorge um ihn berichtete. Sollte sie damit von dem ersten Punkt weggeführt werden? Jetzt wollte sie ihn erst recht zu seiner Hin- und Hergerissenheit befragen. Vielleicht hatte er dies beabsichtigt. Viel eher aber, wollte er ihr wahrscheinlich einfach nichts davon erzählen. Sonst hätte er es sicherlich getan. Aber vielleicht wollte er sie auch einfach nicht mit seinen Problemen beladen, außerdem kannten sie sich auch noch gar nicht so gut.
Andererseits war sie eine Priesterin, eine ihrer Aufgaben war es, den anderen Wölfen zuzuhören und ihnen zu helfen, insoweit es in ihrer Macht stand. Auch wenn momentan nicht sonderlich viel in ihrer Macht stand. Zuhören aber, das konnte sie allemal.
Ein Versuch würde nicht schaden, wenn er nicht erzählen wollte, würde er es auch auf ihr Angebot hin nicht tun. Und das war dann okay.
„Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst, wenn du das möchtest. Entweder, weil du es mir, Sheena, mitteilen möchtest, oder aber, weil du einfach jemanden zum Reden benötigst und meine Priesterausbildung mich somit zum schweigen verpflichtet…“
Sie lächelte ihn an. Hoffentlich bat er nicht um irgendwelchen höheren Beistand, dem sie ihm momentan nicht geben konnte. Aber eigentlich sollte er sehen, dass es ihr nicht gut genug ging, um ein Gespräch mit den Göttern zu ersuchen.
Worüber konnte er gesprochen haben, zumindest Andeutungsweise. Sie kannte ihn zu wenig, als dass sie sich diese Frage hätte beantworten können.
„Ich… ich wollte dir das nur anbieten. Falls du… darüber sprechen möchtest. Also, über deine Zerrissenheit. Und über die Sorge um deinen Paten Chardim.“
11.11.2010, 16:58
Seine grünen Augen lagen regungslos auf Chardím, während er Sheenas Worten lauschte. Von den vier Problemen, die er benannt hatte, hatte sie sich ausgerechnet das ausgesucht, über das zu reden ihm am schwersten fiel. Er hätte es gar nicht erst erwähnen sollen, trotzdem war es ihm andeutungsweise über die Lippen gekommen. Wollte er sich vielleicht sogar unterbewusst noch jemandem anvertrauen? Hatte ein Teil von ihm gehofft, sie würde nachhaken? Jakash konnte es nicht sagen.
Trotzdem schenkte er ihr ein Lächeln, als er sie wieder ansah. Sie hatte es verdient, sei es für ihr Pflichtbewusstsein als Priesterin oder ihre ehrliche Hilfsbereitschaft.
"Danke",
erwiderte er jedoch nur und wandte den Kopf zurück zu seinem Patensohn, ohne ihn jedoch bewusst zu beobachten. Sein Blick richtete sich nach innen, forschend, ob er mit Sheena über seine Zerrissenheit reden wollte oder nicht. Die Erwähnung ihrer Schweigepflicht war ein ungeahnt gewichtiges Argument in seinen Gedanken. Er kannte einige Geschichten, in denen es um Sheenas lose Zunge ging, aber mittlerweile schienen diese Zeiten der Vergangenheit anzugehören. Banshee hatte ihr einst aufgetragen zu schweigen, und Sheena hatte dieses Schweigegelübte nie gebrochen, soweit er wusste. Sie war daran gereift, schien ihm, und achtete nun mehr darauf, was sie sagte und zu wem. Wenn sie zu Verschwiegenheit verpflichtet war, was die Probleme anderer Wölfe anging, so würde sie sich wohl daran halten. Jakash schloss für einen Moment die Augen und holte tief Luft. Es kostete jedes mal wieder Überwindung, zu beginnen.
"Die Götter... kämpfen um mich. Sie wollen, dass ich mich entscheide. Engaya und Fenris... sie reißen an meiner Seele und wollen mich jeder auf seiner Seite haben. Und ich weiß nicht einmal, warum..."
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber in der Stille des Steinernen Waldes und der Klarheit der eisigen Luft war sie dennoch deutlich vernehmbar.
"Manchmal... da sind sie ganz nah. Viel zu nah. Ich kann sie spüren, kann fühlen,wie sie sich in meinen Kopf, in mein Herz setzen und..."
Er schloss die Augen, sah Rakshee vor sich und erinnerte sich an den plötzlichen Hass, der nicht aus ihm sondern aus Fenris entsprungen war.
"... und die Kontrolle übernehmen. Ich habe Rakshee angegriffen und hätte ihr beinahe... Schlimmes angetan. Und letzte Nacht habe ich Chardím getröstet, aber die Worte gehörten gar nicht mir..."
Jakash biss sich auf die Lefzen, um die Verzweiflung nieder zu ringen, die in ihm aufstieg. Das Ziehen in seiner Brust wurde zu einem unangenehmen Pulsieren, und plötzlich fürchtete er die Kontrolle zu verlieren, wenn er seinen Gefühlen freien Lauf ließ.
"Seit gestern Nacht kann ich ununterbrochen fühlen, wie sie an mir zerren. Dabei hatte ich gehofft, dass es endlich aufhören würde."
Einmal mehr sog er in einem langen Atemzug die frostige Luft ein. Die Kälte half ihm, bei klarem Verstand zu bleiben und sich zu fassen. Jetzt endlich konnte er auch Sheena wieder ansehen, obgleich er fürchtete, was er in ihren Augen sehen mochte. In den Seinen stand noch imer die Verzweiflung.
"Wie schaffst du es nur, Priesterin zu sein? Dein Leben einem Gott zu widmen?"
14.11.2010, 18:04
Seine Worte, so verzweifelt und hilflos, drangen bis in ihr Herz. Am liebsten wäre sie zu ihm gegangen, hätte ihn liebkost und ihm etwas von ihrer Kraft geschenkt. Doch sie rührte sich vorerst nicht. Erstens kannte sie ihn nicht gut genug und als Priesterin wäre ein solches Verhalten nicht gerechtfertig gewesen. Zudem besaß sie selber nur die Menge an Kraft, die sie aufrecht stehen ließ. Wie sollte sie ihm davon etwas abgeben? Doch sie hätte es so gerne getan.
Entgegen ihrer inneren Unruhe und Eile, schritt sie mit langsamen, langen Schritten auf ihn zu. Innerlich trippelte und rannte sie ihm entgegen. Doch so etwas gehörte sich für eine Priesterin nicht. Als sie ihn erreicht hatte, blieb sie stehen, ein unsicherer Blick, kaum greifbar, so rasch ging er wieder vorbei. Sie berührte ihn, ihre Schnauze strich sanft, fast schon zu sanft, seitlich an seinem Kopf entlang. Die Gefühle die dabei in ihr aufwallten, ließen sie beinahe wieder zurückspringen. Sie spürte ein Kribbeln was stetig stärker wurde, es prickelte in ihrer Schnauze, genau da, wo sie ihn berührte. Langsam ließ sie wieder von ihm ab. Sie war verwirrt. Hatte er dies wohl auch gespürt? Oder spielte nur ihr Körper verrückt.
Und. Wieso tat er das überhaupt?
Sie wehrte sich gegen das Offensichtliche. Nein, das war es sicherlich nicht.
Sie rang um ihre Fassung, lächelte den schwarzen Rüden an, versuchte Zeit zu schinden, ihre Gedanken wieder zu sortieren um ihm eine vernünftige Reaktion auf seine Worte bieten zu können. Natürlich hatte sie ihm zugehört, sie hatte sogar unterbewusst schon über das Gesagte nachgedacht. Und trotzdem musste sie die Worte erst finden, die Sätze erst formen.
„Was du beschreibst kenne ich nur zu gut.“
Er hatte sich ihr offenbart, ob nun ihr selbst oder ihrer Priesterrolle, das spielte letztendlich keine Rolle. Und es war ihm schwer gefallen, das hatte sie mitbekommen, auch wenn ihr Kopf, zugegebenermaßen, ein wenig benebelt gewesen war.
Doch konnte auch sie sich ihm öffnen, sollte sie ihm von ihren inneren Kämpfen erzählen? Wo doch Tyraleen der einzige noch lebende Wolf war, der ihre Geschichte kannte. Sie würde sie nicht verraten, wie stand es mit ihm?
Sie durfte nicht nur erzählen, weil ihre Gefühle Karussell fuhren, sie musste sich sicher sein, dass er ihre Geschichte verdiente und nicht misshandelte.
Aber, worum sorgte sie sich? Sah er aus wie ein Wolf, der sie hintergehen würde, benahm er sich wie ein solcher?
Die Entscheidung war schnell gefallen, doch vorher sollte sie erneut ein wenig Abstand zwischen ihn und sich bringen. Was eine verzwickte Situation.
„Ich nehme an, auch du hast bereits einiges über mich gehört…
Die Ausbildung zur Priesterin ist lang. Und schwer. Es hat mich viel Kraft gekostet um zu dem zu werden, was ich nun bin.
Auch in mir tobten zeitweise zwei Götter, selbst am Anfang meiner Ausbildung war Fenris noch präsent, ständig zog und zerrte er mich mit aller Gewalt wieder hinüber in seine Richtung. Ich habe es damals nicht verstanden.“
Sie schwieg. Langsam stiegen ihre Atemwölkchen hinauf in die kalte Sommerluft. Ihr Blick verflüchtigte sich. Sie blickte Jakash an. Und auch wieder nicht. Ihre Lieder flimmerten, die Erinnerung schmerzten in ihrer Brust.
„Meine Wut, mein Jähzorn stärkten Fenris, erst durch die Schweigepflicht die Banshee mir auferlegt hatte, schaffte ich es mich nur Engaya zuzuwenden. Und selbst jetzt, hin und wieder, spüre ich ihn in mir. Wie er mich ruft. Doch ich kann es ignorieren, ich habe mich entschieden, ich habe gelernt, ihn als das nötige Gleichgewicht in mir drin zu sehen, obwohl ich zu Engaya gehöre.“
Und was brachte ihm ihr Gerede?
„Ich denke auch du wirst deine Zugehörigkeit noch finden. Ob Engaya, Fenris oder beides. Du musst es nur in ein Gleichgewicht bringen… Dann hast du die Kontrolle.“
Zwei Schritte zu ihm, instinktiv setzte sie ihre Schnauze auf seine Brust. Dort, wo die Götter tobten.
20.11.2010, 17:35
Sheena antwortete nicht sofort. Für einen Moment stand sie nur da und erwiderte seinen Blick, während er in ihren Augen zu ergründen suchte, was sie nun dachte. Über sein Problem. Über ihn. Mit einem Mal fürchtete er sich davor, dass sie ihn jetzt ablehnen oder sich gar vor ihm ängstigen würde. Er hätte das gut verstanden, fürchtete er sich doch vor sich selbst, aber plötzlich ahnte er, dass ihre Ablehnung ihne tiefer treffen würde als bei den meisten anderen Wölfen. So, wie er sich auch vor den Reaktionen Banshees und Shanis gefüchtete hatte.
Und dann trat sie auf ihn zu und strich ganz sanft mit ihrer Schnauze über seine Wange. Ihre zarte Berührung hinterließ ein warmes Kribbeln, und ein eigentümlich angenehmer Schauer flüchtete sich über seinen Rücken. Es war so schnell vorbei wie ihre Berührung flüchtig war, trotzdem war seine Angst wie weggeweht und machte Erleichterung Platz. Sie kehrte ihm nicht den Rücken, sondern stand ihm bei. Er hoffte nur, dass sie das nicht nur als Priesterin tat - obwohl er es ursprünglich eher der Priesterin erzählt hatte...
Sheena nahm wieder Abstand von ihm und setzte dann zu einer Antwort an. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich zu Erstaunen, als sie zu sprechen begann. Er hatte gedacht, er wäre ganz allein mit diesem Problem... selbst Banshee hatte nichts über Sheena erzählt.
Umso aufmerksamer lauschte er ihrer weiteren Erzählung über ihr Priesterdasein und verwob die Antwort auf seine Frage geschickt mit seinem Problem - dem Kampf der Götter in ihm. Und warf doch gleichzeitig neue Fragen auf. Wenn Sheenas Jähzorn Fenris gestärkt hatte... womit hatte dann er, Jakash, dem Todesgott Kraft verliehen? Er wusste es nicht zu benennen...
Noch einmal trat sie zu ihm und berührte ihn diesmal an der Brust. Vielleicht war es Zufall, vielleicht spürte sie es als Engayapriesterin aber auch, und vielleicht wusste sie es auch einfach wirklich aus Erfahrung - aber sie setzte ihre Schnauze genau auf die Stelle, an der ihn innerlich das Ziehen quälte. Das Zerren schwoll so plötzlich an, dass sich Jakashs Kehle ein Keuchen entrang, aber fast sofort ließ es auch wieder nach. Der Schwarze schloss die Augen und spürte, wie Ruhe in ihn einkehrte, zumindest für den Augenblick.
"Danke, Sheena",
brachte er schließlich hervor.
"Ehrlich gesagt will ich weder Fenris noch Engaya in mir haben. Aber ich fürchte, das werden sie mir nicht gestatten... und das verstehe ich nicht. Es gibt so viele Wölfe in diesem Rudel..."
Jakash ließ den Satz unvollendet. Warum kämpften die Götter ausgerechnet um ihn? Oder war das gar ein Trugschluss? Hatten vielleicht viel mehr Wölfe hier das gleiche Problem wie er?
05.12.2010, 23:11
Sein Keuchen ließ sie zurückweichen, anscheinend hatte sie erreicht, was sie erreichen wollte. Sein entspannter Gesichtsausdruck ließ darauf schließen. Sie lächelte ihm ein wenig schüchtern zu, als er sich bei ihr bedankte. Warum war sie bei ihm nur so unsicher in allem was sie tat. Sie mochte es nicht, wenn ihr Körper Dinge tat, die sie nicht verstand. Früher hatte er das oft getan, mit weniger schönen Konsequenzen. Doch das hier fühlte sich anders an, es fühlte sich auf eine gewisse Art und Weise gut an. Und das verwirrte sie.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als er von den Göttern sprach. Natürlich gab es viele Wölfe, natürlich hätte es jeden anderen treffen können. Aber hätte der sich dann nicht auch gefragt, warum gerade er betroffen war? Es war ein Teufelskreis, jeder würde sich fragen, genau wie sie sich gefragt hatte, warum sie so verrückt war.
„Genauso könnte ich mich fragen, warum gerade ich, vor allem mit meiner Vorgeschichte, Priesterin geworden bin.“
Den genauen Grund, warum sie diesen, eher unnötigen, Satz von sich gegeben hatte, konnte sie nicht benennen. Vielleicht um ihm zu zeigen, dass es auf solche Fragen keine Antworten gab. Aber das wusste er doch selbst.
Sie fühlte sich dumm, ihre Gedanken verwoben sich immer mehr im Takt ihres Herzens. Und da ihr Herz wesentlich schneller schlug als normal, erschien ihr alles wie ein einziger Brei. Und in diesem war es ihr unmöglich einen klaren Gedanken zu fassen und diesen auszusprechen.
Also schwieg sie.
Und schaute ihn an, und dann wieder auch doch nicht. Ihr Blick huschte durch die schneidende Luft, überallhin und doch nirgendwohin. Und dann wurde ihr ganz warm ums Herz. Und sie verstand.
Sie hatte sich verliebt. In den schwarzen Rüden mit den grünen Augen. Den Rüden der im Stichfeuer der beiden Gottheiten stand.
In den Rüden, mit dem sie wegen Rakshee noch einiges an Ärger bekommen würde. Wahrscheinlich sogar dann, wenn er nicht so empfand wie sie.
Erschrocken stellte sie fest, dass sich ihre Gefühle einen eigenen Weg gebahnt hatten. Und zwar an die Oberfläche. Ihre Augen mussten schimmern und strahlen, sie fühlte förmlich das Glühen ihrer goldenen Sprenkel, die das Auge durchzogen.
Beschämt sank ihr Blick endgültig gen Boden. Hatte er sie angeschaut, bestand die Möglichkeit, dass er von all dem nichts mitbekommen hatte?
06.12.2010, 10:25
Es überraschte ihn wenig, dass sie seine unausgesprochene Frage beantwortete. Es war offensichtlich gewesen, nicht wahr? Genauso vorhersehbar wie ihre Antwort - nicht, dass sie sich als Beispiel anführte, sondern die generelle Aussage dahinter. Jakash lächelte und nickte, den Blick dabei umher schweifen lassend. Seine Frage war so natürlich wie es keine Antwort auf sie gab. Selbst wenn er die Götter fragen könnte, mochte es gut sein, dass selbst sie keinen speziellen Grund anführen konnten, warum es ihn getroffen hatte. Vielleicht war dieses Denken blasphemisch, denn wer konnte schon sagen, wie die Götter dachten? Aber das kümmerte ihn nicht, half es ihm doch endlich zu akzeptieren, dass es so war, wie es war. Seltsam, die Antwort war so offensichtlich gewesen, aber er hatte soviel Energie und Zeit darauf verwendet sich die Frage immer und immer wieder zu Stellen, dass er die Antwort einfach nicht gesehen hatte. Es brauchte erst jemand anderes, der sie aussprach.
Jakash sah wieder zu Shenna und stellte überrascht fest, dass sich ihr Blick gewandelt hatte. Da war ein Leuchten in ihren Augen, das von einem plötzlichen Glück sprach und von dem Jakash nicht wusste, woher es kam oder kommen sollte. War es seine Zustimmung, die sie so freute? Sein Dank? Was immer es war, es war schön, sie so zu sehen. Es sprach von besseren Zeiten, von ein wenig Wärme bei all dieser Kälte, die momentan auf dem Tal und in den Herzen der Wölfe lag. Es ließ die Weiße schöner aussehen, als sie es ohnehin schon war...
Jakash stolperte über diesen Gedanken und wandte ein wenig beschämt den Blick gen Boden, fast zeitgleich mit Sheena selbst. Auf seinen Lefzen lag noch das Lächeln, dass er unwillkürlich erwidert hatte, und aus einem ihm unerklärlichen Grund schlug sein Herz schneller als zuvor. Eine seltsame Wärme dehnte sich in seiner Bauchgegend aus, aber sie war nicht unangenehm.
Etwas zögerlich hob Jakash den Blick und sah, dass Sheena noch immer den Blick gesenkt hielt. Etwas in ihm drängte danach, näher zu rücken und sie aufzumuntern. Er wollte sie wieder lächeln sehen, stellte er fest, so wie eben gerade. Aber er rührte sich nicht - er traute sich nicht! Um der Götter Willen, was war denn jetzt plötzlich so schwer daran?!
Verwirrt über sich selbst suchte der Schwarze hastig nach einem Ausweg aus dieser seltsamen Situation. Da fiel ihm etwas ein, dass er ohnehin ihr hatte sagen wollen, und wegen der schrecklichen Geschichte mit Tyraleen nicht mehr dazu gekommen war.
"Was ich dir noch sagen wollte... Du hast das echt gut gemacht mit der Jagd. Du hast Talent darin, andere zu unterweisen und anzuführen..."
Plötzlich stellte er fest, dass er aufgestanden und ein wenig näher gerückt war, ohne sich jedoch richtig neben sie zu setzen. Er lächelte, etwas verlegen ob des Themawechsels und seines Näherkommens, aber ehrlich in dem, was er sagte.
09.12.2010, 22:45
Als sie ihren Kopf gen Boden sank, sah sie, dass auch sein Blick sich auf den Boden heftete. Also hatte er ihre Offenbarung doch mit angesehen. Nur warum ließ er seinen Blick fallen, empfand er sie als zu aufdringlich? Oder bestand noch die Chance, dass er ihren Blick fehl gedeutet hatte?
Dass er ähnliche Gefühle haben könnte, diesen Gedanken schloss sie von vorneherein aus. Darüber hatte sie nicht einmal nachgedacht, so abwegig erschien es ihr. Folglich verschwendete sie auch jetzt keinen Gedanken in diese Richtung.
Sie fühlte nur die brennende Scham in sich aufsteigen. Dies veranlasste sie dazu die Zähne fest aufeinander zu pressen, so ein Fehler durfte ihr nicht erneut unterlaufen.
Doch, was tat er? Während er mit ihr sprach, über eine sehr absurde Thematik, die Jagd, wie sie fand, war er aufgestanden und einige Schritte zu ihr gekommen. Und gleichzeitig auch nicht zu ihr. Warum sprach er über die Jagd? Zwar klangen seine Worte ehrlich, aufrichtig, und obwohl sie dies anders sah, konnte sie das Kompliment hinnehmen und ja, sogar ein wenig annehmen. Doch wozu der Themenwechsel? Wozu seine Schritte?
Eine kleiner Hoffnungssamen begann in ihrem Herz zu wachsen, empfand er vielleicht doch etwas für sie?
Nun kreiselten ihre Gedanken, hatte sie zuvor noch nicht darüber nachgedacht, erschien es ihr trotzdem eher unrealistisch. Womit hätte sie ein solches Glück verdient?
Da war sie wieder, die alte Sheena, verunsichert und kein bisschen selbstbewusst. Was die Hormone so mit ihr anstellen konnte, das war wirklich unglaublich. Und das wollte sie nicht.
Sie sollte ebenfalls etwas zu der Jagd sagen, so tun, als ob alles normal wäre. Als ob es diese Spannung zwischen ihnen nicht geben würde. Aber was? Ihr fiel einfach nichts Gescheites ein.
„Danke…“
Damit hatte sie die Situation weniger erfolgreich gerettet. Hatte er sie beobachtet? Hatte er von dem ‚Vorfall’ mit Aléya etwas mitbekommen? Warum war er dann nicht zu ihnen gekommen?
Fragen über Fragen, auf die sie, durch bloßes Nichtstun, sicher keine Antwort bekommen würde.
Sie blickte wieder hoch, wagte es ihn anzugucken. Nur um gleich wieder fort zu schauen.
Doch dann riss sie sich zusammen, begegnete seinem Blick erneut mit Kraft und Stärke. Und ihrer Zuneigung. Und sie lächelte, weniger breit als vorher, nicht jedoch weniger intensiv.
03.01.2011, 07:35
(Sryyyy, dass ich erst jetzt poste, aber ich war ne Weile planlos und dann kamen Weinachten und Silvester XD)
Ihr Dank klang ehrlich, gleichzeitig aber auch ein wenig gezwungen. Jakashs Verlegenheit wuchs und betreten sah er zu Boden. Noch immer lächelte er, aber langsam fühlte es sich eher dümmlich an, was nicht gerade zur Verbesserung seines Befindens beitrug - geschweige denn zur Rettung der Situation.
Da saßen sie also beide hier, ziemlich nah beieinander und doch nicht nah genug, um einander zu berühren.
Stille um sie. Der Steinerne Wald schluckte einmal mehr alle Geräusche, die von fern vielleicht zu ihnen dringen wollten. Kein Wind, der zwischen den toten Stämmen wehte und durch ihr Fell fuhr. Die Luft so kalt, dass sie fast zu glitzern schien, als würde sie selbst gefrieren. Der Atem eine weiße Wolke, der sanft wirbelnd davon trieb.
Stille zwischen ihnen. Das Schweigen schien sich regelrecht zu dehnen, als könnte es die Zeit verlangsamen. Jakashs Ohren flippten unruhig. Es drängte ihn, diese Stille zu füllen, aber er wusste nicht, was er sagen sollte. Was, wenn ein erneuter Themenwechsel sie nochmals irritieren würde? Die Scham ob dieser Vorstellung stieg schon jetzt in ihm auf. Warum war er plötzlich so unsicher? Warum war es plötzlich so wichtig, mit seinen Worten bei ihr gut anzukommen?
Moment mal - gut ankommen? Bei Sheena gut ankommen?! Himmel, bedeutete das etwas...? Absurd!
Unwillkürlich kehrte sein Blick zu ihr zurück, und Sheena senkte ihrerseits schnell den Blick. Jakash schluckte und versuchte, sich zu beruhigen. Alles okay, kein Problem, bestimmt war alles -
- war viel schlimmer!
Er konnte es in ihren Augen sehen. Sie sah ihn an, mit dieser Intensität, die seinen Bauch Purzelbäume schlagen ließ, mit dieser Wärme, die er so gern in ihrem Gesicht sah - und die ihn jetzt innerlich zurück schrecken ließ. Sie war in ihn verliebt! Und - oh ihr Götter! - er selbst wahrscheinlich auch in sie!
Die Erkenntnis überforderte ihn maßlos und erschreckte ihn dadurch. Mit einem Mal verstand er sich selbst und seine Gefühle nicht mehr. Und plötzlich war da auch Furcht: Was, wenn das gar nicht seine eigenen Gefühle waren? Was, wenn diese Verliebtheit, dieser Strudel in seinem Bauch, ihm von Engaya eingegeben wurden?
Viel zu spät wurde ihm bewusst, dass sich seine Empfindungen größtenteils in seinem Gesicht widerspiegelten...
(Argh, mein eigener Post tut mir leeiid XD Aber hat sich selbst geschrieben XXDD)
08.02.2011, 19:33
Sie beobachtete ihn. Und irgendwie auch nicht. Denn gleichzeitig mit dem Beobachten, war sie auch stark damit beschäftigt, schnell genug ihren Blick abzuwenden, wenn er den seinen hob. Ein Versteckspiel, wer blieb am längsten unentdeckt und unerkannt?
Doch sie hatte ihn. Sie konnte seine Gefühle fast greifen, sie müsste nur, nur, nur…
Es war aber nicht einfach ‚nur’. Wenn sie den Mut hätte, noch näher zu ihm zu rücken, wenn sie ihn berühren würde, würde sie seine Gefühle nicht nur sehen, sondern auch spüren. Sie war sich sicher, dass sich das feine Knistern, was mittlerweile in die Luft gestiegen war, auch auf ihrem Körper bemerkbar machen würde. Und auf seinem. Aber, aber…
Wo war all ihr Mut? Entflogen in die kalte Luft, entflogen als die Erschöpfung über sie gekommen war.
Aber, hatte nicht auch er sie schon gefangen? Auch sie war nicht mehr versteckt, sie wussten beide von den Gefühlen der anderen. Das Einzige, was sie stutzen ließ, war der plötzliche Wechsel in seinen Augen. Die Offenbarung der Gefühle wurde überschattet, von einer Unsicherheit, die nicht davon herrührte, dass er sich nicht zu verhalten wusste. Oder zumindest nicht nur daher. Was konnte es dann sein?
Ihr eines Ohr klappte nach hinten, enttäuscht, nein, eher verängstigt. Die gewaltige Gefühlswelle hatte sie einfach so mit sich gerissen, erst als sie gebrochen war, war es ihr überhaupt aufgefallen.
Jetzt hatte sie das Dilemma. Sie seufzte innerlich auf. Ihre Nase kräuselte sich, langsam spielte ihr Ohr wieder nach vorne und wie, als ob es eine Bewegung wäre, Ohr und Körper, stand sie auf. Fast schon selbstverständlich. In einer fließenden Bewegung war sie bei dem schwarzen Rüden angekommen, stand nun in seinem Sichtfeld zu Chardím. Ihr Kopf sank runter, sie duckte sich fast ein wenig, sodass ihre Schulterknochen spitz aus ihrem Fell herausragten. Und dann hob sie seinen Kopf mit ihrer Schnauze an.
Sie erblickte das Chaos in seinen Augen, als sie ihn von unten herauf anschielte. Und was war da noch? Was würde sich auf ihre Tat hin in seinen Augen spiegeln?
23.02.2011, 15:14
Was jetzt? Was jetzt? Wie sollte er sich nur verhalten, was tat man in so einer Situation nur? Fiel das jedem so schwer, wenn er das erste mal verliebt war - Engaya, bin ich verliebt, oder gibst du mir diese Gefühle ein?! - oder stellte er sich einfach nur selten dämlich an? Er hatte sich nie viele Gedanken um die Liebe gemacht, aber in seiner Vorstellung sollte es ganz einfach sein, ganz warm und herzlich zu einer Fähe 'Ich liebe dich' zu sagen. Vielleicht war es das sogar - später, wenn dies hier hinter ihm lag? Und vielleicht war das nur Wunschdenken, und er war einfach nicht mutig genug dafür und würde es nie sein. Und was, wenn Sheena darauf wartete eben diese drei Worte zu hören? Mehr und mehr Zeit verstrich, und bald musste sie furchtbar enttäuscht vn ihm sein, wenn sie es nicht jetzt schon war!
Der Strudel in seinem Bauch wurde schwer und schwerer, als sauge er seine Eingeweide in sich ein. Mittlerweile war Jakash davon überzeugt, dass er es vermasselt hatte, dass Sheena in Kürze wütend auf ihn sein würde. Er musste sich entschuldigen, mehr konnte er ohnehin nicht retten...
"Sheena... ich...",
begann er, ohne aufzusehen, aber weiter kam er nicht. Denn plötzlich stand sie vor ihm, plötzlich war da ihre Nase unter seinem Kinn, und sie drückte sanft seinen Kopf hoch. Jakash war unfähig sich zu widersetzen und hob den Kopf, sah sie endlich wieder an. Er war nicht sicher, was er in ihren goldenen Augen sah, aber allein ihr Anblick genügte, dass sich der Strudel in seinem Magen in die andere Richtung zu drehen begann. Und mit einem Mal begriff der schwarze Jungwolf, dass er gar nichts sagen musste.
Jakashs Züge wurden weich, sein Blick warm. Er löste seine Schnauze von der ihren, und dann leckte er ihr sanft über den Fang. Wanderte ihre Schnauze empor zu ihrer Stirn, ihren Augen, ihrer Wange, um schließlich sein Gesicht in ihr Halsfell zu vergraben. Tief sog er ihren Geruch ein und genoß die Wärme ihres Körpers. Die eisige Luft rückte weit aus seinem Bewusstsein, ebenso wie Chardím... und alles andere.