Atalya
01.01.2010, 18:36

Es war einige Zeit vergangen, der Sommer im Tal, heiß, trocken und sonnig noch in vollen Zügen genossen, so wie es in den Bergen nicht möglich gewesen war. Das ganze Rudel hatte sich gemeinsam aufgemacht und hatte das Revier markiert, lange Tage der Wanderung, die jedoch weder von Eile noch von dem Gedanken auf ein böses Ende geprägt wurde. Damit unterschied sie sich ganz und gar von der, die sie in ihr Tal hinabgeführt hatte und war ausgelassen und fröhlich. Die Wölfe lernten das Tal kennen, alte Wege wurden wieder vertraut und bald konnten jene Mitglieder, die bereits vor dem Jahr in den Bergen bei ihnen gewesen waren, jeden Baum und jeden Stein wieder in und auswendig so wie jeder Wolf sein Revier kannte. Das Tal war wieder verwebt mit ihren Gerüchen, die des alten Rudels ausgemerzt mit einer fröhlichen Verbissenheit. Die Verletzungen waren geheilt, bei manchen waren Narben geblieben aber das war schließlich das Einzige, was von dem Kampf übriggeblieben war.
Es war Herbst geworden, die ersten Blätter färbten sich feuerrot und leuchteten grell zwischen dem noch immer grünen Gras und ihren noch nicht verfärbten Brüdern hervor. Es war ein milder Herbst, kein kalter Wind fegte durch das Tal und die Sonne lachte vom Himmel, verdrängte jede Wolke, die Regen oder Sturm bringen könnte. Den Wölfen ging es gut, viel Beute ließ sich finden und endlich wurde auch das schwächste Mitglied wieder kräftiger. Nach Art der Wölfe traten die schlimmen Erinnerungen an die Zeit in den Bergen in den Hintergrund, jetzt, da sie es wieder gut hatten.
Ein schöner Herbstmittag, die Sonne schien warm und nicht zu heiß, allerlei Gefiederte tummelten sich auf dem Sternensee, noch nicht willig zu ihrer langen Wanderung in den Süden aufzubrechen und der Wald lag ruhig und nur ab und an im Wind eine Krone schwingend da. Nyota und Banshee hatten beschlossen, endlich mit der Einweisung der Welpen zu beginnen, sie sollten die Welt kennenlernen und ebenso von ihren Göttern erfahren. Zu diesem Zweck hatten sie Gruppen gebildet, die sich nun herumtreiben durften, wo immer sie wollten.

Gruppe 1: Rakshee, Banshee, Sheena, Tyraleen, Midnight, Aszrem, Averic, Akru
Gruppe 2: Jakash Caiyé, Nyota, Zack, Amáya, Face Taihéiyo, Ninniach Favéll
Gruppe 3: Kursaí Akihiko, Takashi, Jumaana, Amiyo. Isis, Linné, Cumará Tumaan, Kensharion
Gruppe 4: Ahkuna Caiyé, Tyel Tinuviel, Kaede, Urion, Kandschur Yiga, Ilias, Nienna Singollo, Sania
Gruppe 5: Sharìku, Lunar, Hiryoga, Shani Caiyé, Liam, Aradis, Kisha, Daylight


Nyota hatte immer wieder Cariyas letzte Züge im Traum gesehen. Es war quälend und zugleich war sie stolz auf den Jungrüden gewesen, trotzdem er ihr ihre Beute praktisch unter den Zähnen hinweg gerissen hatte. Die schwarze Alpha hatte Nyota fast erreicht, als der Rüde auf ihrem Rücken aufkam, sie niederriss und augenblicklich tötete. Die restlichen Wölfe hatten ihr Heil in der Flucht gesucht und gut daran getan, und Nyota hatte ihre Kämpfer gelobt und geholfen etwaige Verletzungen zu versorgen.
Jetzt saß sie mit ihrer Gruppe im Wald, auf einer kleinen, kreisförmigen Lichtung, auf der ein paar Felsen lagen, auf einem davon hatte sie sich niedergelassen, die warmen Augen auf Jakash gerichtet. Sie hatte von seinem Erlebnis während des Kampfes gehört, und er schien tiefe Spuren davongetragen zu haben...die es auszumerzen galt.

Die gelben Augen flogen über den Rest ihrer kleinen Gruppe. Da war Amáya, eine von Banshees Töchtern, die sie immer nur am Rande wahrgenommen hatte, ausserdem Facé und Ninniach...insgesamt also keine allzu redseelige Truppe, aber das würde nicht schaden. Manchmal reichten Gesten, um den rechten Pfad als solchen zu zeichnen. Und sie waren nun in der Position von Lehrmeistern, für Jakash und auch für Amáya, die in ihrer Jugend sicher noch viel zu lernen hatte. Mit einem Lächeln richtete sie sich auf, und sah nocheinmal zu Jakash herüber.

"So ihr Lieben..."

begann sie mit einem verschworenen Grinsen,

"...ich werde euch etwas von früheren Tagen erzählen, also macht es euch bequem"

forderte sie lächelnd, und legte die Rute um den eigenen Körper, und lies den Blick nocheinmal durch ihre kleine Gruppe schweifen. Das alles gehörte ihr, gehörte ihnen. So war es immer gewesen, und so würde es immer sein. Sie liebte diesen Ort.


Sommer - und so heiß, wie Jakash es nie für möglich gehalten hätte, kannte er doch nur die ständige Kälte der Berge. Alles im Tal so anders, so viel bunter, so viel geräuschvoller, so viel wärmer, so viel..mehr! Im Gegensatz zu dieser Fülle an Farben, Tönen und Gerüchen waren die Berge regelrecht tot gewesen. Der kleine Rüde hatte ja gar nicht geahnt, wieviel Leben es auf der Welt gab. Es war fast schon zu viel - anfangs hatte er geglaubt, von all dieser Fülle schier erschlagen zu werden, hin und hergerissen zwischen tausenden neuen Entdeckungen und Eindrücken. Dann hatte er sich gewünscht, wieder oben in den Bergen zu sein und Luft holen zu können und für einen Moment nur eine Pause von all dem einlegen zu können. Ab und an war hier alles für ihn nicht nur mehr sondern glatt weg zu viel...
Nichts destro trotz war er glücklich, hier zu sein. es war wundervoll zu sehen, wie sehr seine Eltern und viele andere des Rudels es genossen, wieder in ihrer Heimat zu sein. Dafür hatten sie schliesslich gekämpft. Was Jakash anging, war er inzwischen froh, nicht mitgekämpft zu haben. Dieser kurze Einblick in die Welt von Krieg, Blut und Tod hatte ihm gereicht und nächtelang Albträume beschehrt. Niemand hatte wirklich mit ihm geschimpft, weder seine Eltern, noch Oma Bani oder Tante Nyota. Geredet hatten sie mit ihm, ja aber nicht bestraft - das erledigten dafür die Träume. Dann sah er sich wieder in Richtung des Waldes laufen und den fremden Wolf auf sich zu hasten, sah ihn springen... Manchmal rettete ihn Aszrem, und dann sah er plötzlich mit den Augen des Angreifers. Manchmal vertrieb der Rüde den Feind. Manchmal tötete er ihn. Und manchmal kam er zu spät, um Jakash zu retten. Aber das war vergleichbar harmlos gegen die Träume, in denen erst der Rest seiner Familie getötet wurde... Seiner Mutter hatte er versprochen, nie wieder fortzulaufen.

Nun saß er hier zwischen den Wölfen, die Oma Bani und Tante Nyota zu 'seiner' Gruppe eingeteilt hatten. Jakash hatte sie alle gemustert und festgestellt, dass er sie alle nur wenig kannte - zumindest nicht tiefer gehend. Aber sie alle sollten wohl helfen, ihn zu unterrichten, wenn er das richtig so verstanden hatte. Der junge Schwarze fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut. Was würden sie alles von ihr erwarten?
Als seine Tante das Wort erhob, erwachte dann doch die Neugier in ihm. Erzählen wollte sie von früheren Tagen? Kam da jetzt eine Art Geschichte? Jakash mochte Geschichten. Er blieb so sitzen, wie er war, denn er empfand das als bequem. Liegen wollte er nicht - da kam keine Spannung bei guten Geschichten auf, fand er...


Die Ohren hatte die Schwarze ein wenig scheu zurück gelegt und hielt sich nur schwerlich auf ihrem Platz. Sie fühlte sich unbehaglich, absolut ungut. Es bestand kein Grund zur Besorgnis, das wusste sie, das sagte ihr Kopf. Aber es war da dieser Drang zu verschwinden, einfach weg zu wandern, egal wohin. Seit sie ins Tal zurück gekehrt waren – bei dem Kampf war sie keine große Hilfe, eher eine Last gewesen – hatte sie wieder fließendes, klares Wasser gesehen, welches sie automatisch mit ihrer anderen Hälfte verband, die sie niemals kennen gelernt hatte. In den Bergen hatte sie schon vergessen gehabt, es war alles so unwirklich, alles so fern. Hier unten, wo sie geboren und einen geringen Teil ihrer Welpenzeit verbracht hatte, war ihr plötzlich alles so fremd gewesen. Die falschen, feindlichen Gerüche waren inzwischen verschwunden und dennoch. Es blieb ein hartnäckiges Gefühl von Unbehagen, welches sich an ihr fest krallte und sie einfach nicht los lassen wollte.
Auch die Gruppe, in der sie sich nun befand... Es war seltsam, befremdlich, schließlich konnte sie nun nicht mehr so einfach in der großen Gruppe des Rudels untertauchen. Hier, bei den wenigen Wölfen, würde automatisch auch ab und an das Augenmerk auf ihr liegen, das war ihr nur zu sehr bewusst. Als kurz daraufhin auch gleich der Blick ihrer Tante Nyota auf ihr lag, rutschte sie unruhig hin und her, legte sich kurz nieder, die Ohren angelegt, erhob sich dann wieder und blieb so sitzen. Sie wollte nicht liegen bleiben, schutzlos und wehrlos auf dem Boden. So konnte sie wenigstens noch aufspringen. Das ihre Gedanken zu dumm waren, das wusste sie selber, aber sie konnte nichts dagegen tun. Es war diese Furcht, die bereits schon immer zu ihr gehörte und gegen die sie nichts machen konnte. Erst ihre Schwester Daylight hatte sie ein wenig verändert gehabt, aber die war in eine andere Gruppe gekommen und war nun irgendwo anders in diesem Tal. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich nun befand und was sie machte. Ob sie auch an sie dachte? An ihre dumme, ängstliche Schwester, die sie doch irgendwie lieb hatte und die sich um sie gekümmert hatte, als es ihr schlecht ging? Wohl eher weniger. Leise seufzte Amáya, schwieg dann aber sofort wieder. Was sollten die anderen von ihr denken? Das sie eine alte Oma Wölfin war, die bereits das gesamte Leben auf den Schultern trug? Ein wenig biss sie sich auf die Lefzen, bis sie ein wenig Blut auf ihrer Zunge schmeckte, ließ es dann sein, wandte den Blick der regenblauen Augen in Richtung Himmel, der von Baumwipfeln umsäumt war und versuchte still für sich ein wenig ruhiger zu werden.


Ninniach hatte sich in Nyotas Nähe platziert in gebührendem Abstand zu Face, den sie vorerst nicht vorhatte wieder zu verkleinern. Ihr Blick blieb verhangen, flog zwar über Jakash und haftete dann an Nyota, hielt sich aber von den weiteren fern. Bei Amáya hatte sie das Gefühl, dass sie nicht gesehen werden wollte - und das konnte Ninniach nur zu gut nachempfinden - und bei Face... sie wollte ihn nicht ansehen. Nervös spielte sie mit den Ohren, bis Nyota ihre Stimme erhob, der es zu lauschen galt. Nun, so war es immer gewesen. Allerdings drang bei ihren Worten ein leichtes Lächeln nach außen, doch ihren Kommentar dazu, dass Nyota aus frühen Tagen erzählen wollte, ersparte sie der Gruppe. Im Übrigen wäre es unhöflich gewesen der Schwarzen ins Wort zu fallen; das wollte sie nicht. Auch sie machte es sich bequem, legte den Kopf auf ihre Pfoten und sah dann abwartend zu Nyota hoch, sich fragend, was es zu erzählen gab. Immer wieder kam der Drang den Schwarzen anzusehen, fragend, traurig. Sie hatte ihn beim Aufbruch ins Tal verloren, ihn zuvor mit freudigen Gesten überschüttet aber nie eine Antwort bekommen. Jetzt war sie verwirrt... mit falschen Eindrücken und Interpretationen seines Verhaltens gezeichnet. Schnell entrann sie ihrem Gedankenwahn und blickte auf den Boden, kurz bevor sie die Augen schloss um jedes Wort Nyotas wissbegierig aufzunehmen - auch wenn alles, was sie taten die Welpen belehren sollte.

Die Schwarze sah sich noch ein letztes Mal auffordernd um, schenkte Ninniach neben ihr und auch Jakash ein Lächeln, lies dann wieder den Blick über alle Sechse gleiten und begann mit ruhiger Stimme zu erzählen.

"Damals, vor langer Zeit, lebte schon einmal ein Rudel in diesem Tal...sie nannten sich Sternenfänger, und sie hatten kein Glück in diesem Tal...die Strukturen waren unglücklich, der Alpha ständig aggressiv, immer zum Zerreissen gespannt - bis tatsächlich das Rudel zeriss und sich alles verlor..."

der Blick der Schwarzen hatte sich irgendwo über den Baumwipfeln verloren, man sah ihr an dass sich all das in ihrem Geiste nun wiederholte.

"Banshee und ich waren die letzten Welpen jenes Rudels, und wir trennten uns, damals im Alter von 2 Jahren, von unseren Eltern. Eine Zeit lang striffen wir so umher, und kehrten schliesslich hierher zurück, um ein Rudel aufzubauen...und um es besser zu machen"

sie machte eine kurze Pause, ihr Blick war abwesend während er die Wölfe ringsherum striff.

"Es dauerte auch nicht lange, bis sich ein kleiner, vertrauter Kreis um uns gefunden hatte...aber ebenso schnell ging es, da zog es mich fort. Ich hatte bisher nur einen Bruchteil der Welt gesehen, und ich wollte mehr davon kennen, viel mehr..."

~Viel mehr als jeder andere Wolf...~

Nur kurz fand ihr Blick in die Runde zurück, ganz kurz war sie wieder im Hier und Jetzt, und nutzte den Moment um Ninniach ein Lächeln zu schenken.

"Ich habe tatsächlich viel gesehen...soweit meine Pfoten mich trugen bin ich gelaufen, und der einzige Begleiter der mit treu blieb war der Wind...aber er war beleibe nicht der Einzige Weggefährte der mich in all der Zeit begleitete. Viele Wölfe teilten ein Stück meines Weges, mal blieb ich ein paar Tage bei einem Rudel, mal bildete sich ein Zweckverband von Jägern...und manchmal, tja, musste ich einsehen dass 20 Kiefer doch stärker waren als einer - aber..nur manchmal..."

erweiterte sie mit einem Zwinkern gen Jakash den Satz, und lies den nun wieder klaren Blick über die Runde schweifen. Das wichtigste kam ja erst noch.

"Banshee, müsst ihr überdies wissen, ist nicht bloß meine Schwester. Obwohl unser beider Eltern normale Wölfe waren, ist doch ihre Seele von einer anderen, höheren Natur...aber dazu später...irgendwann, und meine Reise ging lang, kam nun aber auch in mir die Sehnsucht nach Banshee wieder auf. Der Gedanke an sie trug mich viele Tage lang von ihr fort, gab mir Kraft und Mut für alles was ich begann, aber nachdem mir kein Stein mehr fremd zu sein schien wurde das Verlangen nach meiner Schwester immer stärker...also kam ich zurück, zurück in unser Tal, in dem sich die Ratten eingenistet hatten..."

Ihr Blick lag wieder auf Jakash, ernst und mit einer Spur deutlicher Sorge darin.

"Ich erwähnte es schon...manches Mal kann man nicht alleine einen Sieg davon tragen, also ging ich, und begann mit dem Aufstieg durch die Berge...der Weg war hart, aber schlimmer noch war meine Nase, die ab einer gewissen Temperatur erst einmal den Dienst versagte. Von da an musste ich mich vollkommen auf die Zeichen Engayas verlassen, die mich jedoch sicher führten - Engaya, Jakash, ist die geistige Mutter Banshees, sie ist das reine Leben, und Banshee ist die Verkörperung des Lebens hier bei uns"

damit schloss sie, und schon bereute sie sich keinen Platz an einem Tümpel gesucht zu haben...nach all den Worten war ihre Zunge ihr Trocken geworden.

"Es gibt da natürlich noch den Gegensatz Engayas. Fenris, der für den Tod steht. Sein Sohn hier unter uns ist Acollon, dein Großvater Jakash. Ihr tragt also sowohl das Erbe des Lebens wie auch das des Todes in euch..."

Endete sie zwinkernd, und lies sich nun in eine liegende Position sinken, und sah auffordernd in die Runde. Bei Ninniach, Zack und Face auf Ergänzungen, bei Amáya und Jakash auf Fragen wartend...


Jakash sah gespannt zu seiner Tante auf, alle anderen waren vergessen. Seine Ohren waren aufgerichtet und zuckten nichteinmal mehr, sein Blick folgte Nyotas, als könne er all ihre Erinnerungsbilder sehen, wenn er nur in die gleiche Richtung sah wie sie. Das war natürlich nicht der Fall, aber dafür verfügte er über den schier unerschöpflichen Vorrat eines Welpen an Fantasie. Und so sah er seine Tante durch Lande ziehen, die er selbst sich kaum vorstellen konnte, vermischte Schee und Berge und all das, was er in diesem Tal an Neuem schon entdeckt hatte. Schwerer fiel es ihm dagegen, sich seine Tante und seine Oma als Welpen vorzustellen - gedanklich verschwamm diese Vorstellung mit den Abbildern seiner Schwestern, auch wenn darunter keine mit weißen Fell war. Ihre gezwinkerten Hinweise an ihn verstand er jedoch instinktiv. Natürlich meinte sie damit sein Vorhaben, für das Rudel um das Tal zu kämpfen, und das Unglück, dass beinahe wegen ihm daraus geworden war. Und doch...

'Manchmal...',

klang es in ihm nach. Jakash musste unwillkürlich Grinsen, und fühlte sich ein bisschen.. erleichterter. Das Grinsen wich schließlich einem überraschten und bewundernden Ausdruck, als seine Tante über seine Oma und seinen Opa sprach. Letzteren kannte er gar nicht, hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt aber nicht darüber gewundert, weil ihm gar nicht klar gewesen war, dass er eigentlich einen Opa haben müsste. Es war fast so unvorstellebar wie die Behauptung, dass seine Tante und seine Oma mal Welpen gewesen sein sollten... Tatsächlich beschäftigte ihn diese Frage sogar mehr als die Erzählung über Oma Banis... äh.. Absonderlichkeit. Leben und Tod als Begriffe zu verstehen war für ihn schon schwierig genug, und in abstrakten Bahnen oder gar Personifizierungen zu denken, war nicht so einfach. Er akzeptierte es eher, so wie Fell- oder Augenfarbe.

"Wo ist Opa jetzt? Warum ist er nicht hier bei uns?",

fragte er, während sich sein gehirn schon mit anderen Dingen weitergehend beschäftigte. Wenn Oma und Opa Leben und Tod waren, was waren dann seiner Eltern? Oder er und seine Schwestern? Oh, und dann gab es da noch eine Lücke, die geschlossen werden musste...

"Tante Nyo, was bist denn dann du? Und Mama und Papa, und meine Schwestern? Und ich?"


Auch Ninniach hatte den Worten Nyotas mit großem Interesse gelauscht und hatte versucht, dadurch mehr über dieses Rudel zu erfahren - immerhin war sie keine große Rolle und kannte so wirklich recht niemanden außer Face. Sie war dankbar für das Lächeln, das Nyota ihr schenkte, es lag etwas darin, dass ihr bisher nicht begegnet war. Nicht allzuviele freundliche Gesten hatten ihren Weg bisher gekreuzt. Anders als Jakash konnte sie sich besser verbildlichen, wie der Weg, den Nyota gewandelt war, und wie sie eventuell als Welpen gelebt hatten. Die Verbildlichung von Leben und Tod anhand zweier Wölfe fiel ihr jedoch ungefähr genauso schwer. Sie war zwar kein Welpe mehr, der belehrt werden musste, doch es zwang sich ihr eine Frage auf, die sie dringend stellen wollte, doch hielt sie sich zurück. Jakash stellte seine Fragen scheinbar ohne großes Bedenken, worüber Ninniach lächelte - sie hätte gern wieder diesen einfachen Zustand zurück, wäre redegewandter gewesen. Als der junge Rüde geendet hatte, blickte sie zu Nyota.

"Entschuldige... auch ich habe eine Frage; ich möchte nicht unhöflich sein. Aber - welche große Bedeutung ist dem Leben und dem Tod anzumessen? Wirkt es sich nicht... als sehr schwierig aus, eine solche 'Last' zu tragen - wenn es denn eine Last ist."

Kaum hatte sie geendet, überkam sie wieder das Gefühl, schrecklich dumm gewesen zu sein. Peinlich berührt knickte sie die Ohren ein und wünschte, Nyota hätte ihre sinnfreie Frage einfach überhört. Was vermutlich nicht der Fall war, sie saß ja unmittelbar in ihrer Nähe.


Etwas geknickt und stumm saß der tiefschwarze Wolf bei seiner Gruppe und verspürte eigentlich mehr den Drang ganz weit weg zu gehen. Irgendwo hin laufen, nur nicht hier bleiben. Er hatte noch bei Ninniach gelegen, als man sie zum Aufbruch ins Tal zusammen gerufen hatte. Ihn hatte man mit an die Spitze der langen Karawane gesetzt, zu anderen kräftigen Rüden. Doch er war nicht wie sie. Er hatte nicht kämpfen wollen, er hatte nie gekämpft. Bereits in frühster Kindheit, quasi von Anfang an hatte sich bei ihm diese Abneigung gegen Gewalt entwickelt. Ausschlaggebend waren wohl all die Aggressionen seines Vaters, die immer an ihm ausgelassen worden waren. Dabei war er längst kein schwacher, kleiner Welpe mehr. Es gab so Vieles, das er sich Heute vor Augen halten musste, um es nicht zu vergessen. Dabei schockierte es ihn dennoch immer wieder. Sein Geist war inzwischen sechs lange Jahre alt. Seinem Körper fehlte ein Jahr und aufgrund dessen, dass sein endlos schwarzes Fell auch weiterhin nicht das kleinste, hellgefärbte Härchen aufwies, sah er auch sonst viel jünger aus. Nur sein Gesicht und seine Augen, ausdruckslos und leer, hatten nie eine wirklich jugendliche oder gar kindliche Ausstrahlung zugelassen. Und er war Beta dieses Rudels, das er seit nunmehr zwei Jahren begleitete. Eine endlos lange Zeit für einen ziellosen Wanderer wie ihn. Beta, damit stand er direkt unter dem Alpha, welcher den Wölfen längst wieder abhanden gekommen war. Eigentlich war er der ranghöchste Rüde im ganzen Rudel. Es war ... einfach unwirklich. Es passte noch immer nicht zu ihm. So Vieles passte nicht.
Abwesend lauschte Face Taihéiyo Nyotas Erzählung von ihrem Leben und bekam dabei doch jedes Wort mit. Ninniach saß bei ihr, mied seine Nähe, seinen Blick. So, als würde sie ihn nicht sehen, als seie er unsichtbar, so wie damals, so wie immer. Es verletzte ihn, rief Erinnerungen in ihm wach, die wohl niemals vergehen würden. Die Vergangenheit verfolgte ihn bis in alle Ewigkeiten. Und die Wölfin, sie verwirrte ihn. Es war ihm unmöglich ihr Verhalten nach zu vollziehen, er wurde einfach nicht schlau aus ihr, wusste nicht, was sie wollte. Was machte sie? Trieb sie ein Spiel mit ihm? Dieser Gedanke schmerzte. Er hätte vor dem Aufbruch seinen Mund halten sollen, so wie es immer besser gewesen war. Vielleicht hatte sie seine Geschichte verstört, nachdem sie begriffen hatte, was sie wirklich bedeutete. Seine leeren Augen striffen sie kurz, dann blickte er Nyota an, oder mehr ... durch sie hindurch. Er hatte jedes Wort gehört, auch Ninniachs Frage.

Das Leben und der Tod besitzen unvorstellbare Mächte, die sich über alle Regeln hinweg setzen. Mächte, die auch das Gesetz des Seins brechen können. Und sie machen von ihnen Gebrauch, wenn ihnen danach ist.“

Seine Stimme erklang still und war doch klar verständlich. Ein bitterer Beigeschmack lag ihr bei, obgleich sie oberflächlich tonlos wirkte. Face knirschte stumm mit den Zähnen. Der Tod hatte ihn nicht sterben lassen, obwohl er längst gestorben war und das Leben hatte ihn letztendlich zurück geholt, obwohl sein Pulsschlag schon vor endloser Zeit verloschen war. Er kannte bis Heute keine Gründe, würde sie nie erfahren und wusste grade deswegen ganz genau, dass diese Taten alle Regeln und Gesetze gebrochen hatten. Er war das Nichts.


Nyota hatte sich auf ihrem Fels ausgestreckt und sah nun lächelnd zu Jakash herüber, während der Kleine nachfragte. Natürlich hatte er ja Acollon noch gra nicht kennen gelernt...und es war nicht sicher ob er es je tun würde...

"Dein Großvater ist nicht...nunja...sonderlich zuverlässig. Er ist oft fort, eigentlich ist er mehr fort als hier, er lässt Banshee oft alleine mit dem Rudel...so ist er eben...wo er sich wieder rumtreibt kann ich dir nicht sagen...wer weiß, vielleicht erledigt er etwas für Fenris?"

Nyotas Blick war bei ihrer Erzählung über den Schwarzen ein wenig Düster geworden, verbanden sich in ihr doch sehr unterschiedliche Gefühle mit dem Rüden und Todessohn...nicht zuletzt hatten sie sich schon immer bekämpft, aber er hatte sie auch einmal gerettet, im Sog des Wassers, amals...damals... Dennoch waren ihre letzten Worte völlig ernst gemeint - so etwas war, soweit sie wusste, schon vorgekommen...

Die nächste Frage lies Nyota breit lächeln, und sie beugte sich etwas weiter zu Jakash herab. Die Schwarze hatte mit dieser Frage gerechnet, sich jedoch keine Antwort zurechtgelegt.

"Ich? Ich bin deine Tante"

sprach sie grinsend, und stupste Jakash mit der Nase an, wobei sie sich sehr bemühen musste ncht von ihrem Stein zu rutschen. aber sie fand ihr Gleichgewicht rechtzeitig wieder.

"Ich spiele in diesen Dingen keine große Rolle, Jakash, ich bin eins jener Wesen über die Engaya und Fenris richten. Ich kann auf sie hoffen, aber ich bin nicht sonderlich wichtig für sie...deine Eltern...ich glaube sie sind ebenso normal wie ich. Weißt du, es ist nicht bloß eine Sache des Blutes, sondern eine der Seele...deine Schwestern..."

sie zögerte kurz, nickte wie zu sich selbst, und fuhr fort.

"Rakshee ist anders...Banshee wird sie deswegen unterrichten. Die anderen sind jedoch den Göttern nicht besonders nahe. Zumindest haben wir noch nichts davon bemerkt, wenn es denn so ist. Bei dir wird es auch so sein. Was dich jedoch nicht daran hindert in dir besonders zu sein..."

fügte sie zwinkernd hinzu, und wand sich dann an Ninniach, sie lächelte ob der vorsichtigen Worte der Fähe, und überlegte einen Moment, bevor sie antwortete. Die Worte Facés klangen in ihren Ohren, und sie nickte dazu bloß.

"Face hat ganz Recht...jene Mächte die Engaya und Fenris verkörpern sind nahezu unvorstellbar - und du hast ganz Recht, denn wie es mit allen Extremen ist, so haben auch diese beiden - Banshee und Acollon - sowohl die Last und Verantwortung zu tragen die damit einhergeht, sowie auch einige Vorteile zu geniessen...was überwiegt kann man nie sicher bestimmen, doch ist es sicher kein leichtes Los"

Sie war zum Ende hin unmerklich leiser geworden, und sah Ninniach nun aus ruhigen, gelben Augen an. Sie stand in diesem Kreislauf mittendrin und doch war sie kein Teil dessen - nicht so richtig. Und sie war froh darum...

Die gelben Augen fanden wieder zu Jakash zurück.

"Wir alle sind Teil dieses Kreises, stehen zwischen den Göttern und können sie beeinflussen, so wie sie uns beeinflussen können. Manche sind Engaya näher, andere Fenris. Und wir, wir sind alles. Es gibt noch soviel mehr, denn die Spanne ist riesig groß. Und doch kann man sie mit einem Schritt überwinden..."

versuchte sie es zu verbildlichen, und erhob sich wieder zu einer sitzenden Position.

"Und so wie Rakshee die Lehren Engayas ganz genau kennen lernen wird, wirst du zu kämpfen lernen. Es ist ein großer Unterschied, und doch liegt nur ein Augenaufschlag dazwischen."

Meinte sie, und lies den Blick noch einmal lächelnd über ihr kleines Grüppchen schweifen, sah aufmunternd zu Face und lächelte auch Amáya zu - die Schwarze schien sehr unglücklich mit sich und der Welt, und das sollte niemand sein. Nicht hier.


Jakashs Gesichtsausdruck wechselte schier im Takt seines Herzschlages. Verwirrung, Neugier, Verwunderung, Staunen, Unglauben und jede Menge Nachdenklichkeit zeigten sich auf den welpenhaften Zügen und unterstrichen, wie sehr er sich mit dem Gesagten beschäftigte. Er war bemüht, alles zu verstehen, aber zu Vieles entzog sich ihm ganz einfach. Noch zumindest. So konnte er sich unter dem Begriff 'Götter' noch immer nichts Eindeutiges vorstellen. Für Jakash waren Engaya und Fenris soetwas wie Über-Alphas. Sie fällten viele Entscheidungen über das Rudel, obwohl sie nie da waren. Und doch waren sie da - das zumindest behauptete Oma Bani immer. Engaya sei überall und immer da, meinte sie oft. Der kleine Rüde hoffte, dass das für Fenris nicht auch galt. Denn wenn Fenris für den Tod stand - und Jakash verband in erster Linie die Geschehnisse des Kampfes damit - dann wollte er ihn lieber nicht in der Nähe seiner Familie haben. Er wollte nicht, dass seine Träume wahr wurden... Jakash schluckte und versuchte, diese Gedanken zu verdrängen. Es fiel ihm nicht leicht, denn Angst schlich sich immer in sein Gemüt, wenn diese Bilder in ihm aufstiegen. Und es half nicht wirklich, dass seine Tante verkündete, dass er Kämpfen lernen wollte. Der kleine Schwarze legte die Ohren an und duckte sich unwillkürlich ein wenig. Das Bild des fremden Angreifers stieg in ihm wieder auf. Er erinnerte sich an den Geruch des Blutes, an die Schmerzensschreie, als Aszrem eingegriffen hatte...

"Ich glaube... ich will nicht mehr kämpfen...",

flüsterte er leise und senkte den Blick, konnte Nyota dabei nicht ansehen. Und er konnte die Bilder nicht loswerden...


Es waren so viele Dinge, die der Schwarzen durch den Kopf gingen, so viele unterschiedliche Bilder, die durch ihren Geist wanderten und diesen in Unruhe versetzten. Stumm lauschte sie den Worten, die Nyota an sie richtete. Engaya und Fenris. Die Götter, die auf dieses Rudel acht gaben und es beeinflussen konnten. Die Götter, die dieses Rudel durch ihre Abgesandten leiteten. Sie hatte bereits davon gehört, aber besonders viel wusste sie von ihnen allerdings nicht. Zack, in dessen Nähe sie sich gerne aufhielt, regte sich nicht. Der Rüde sprach sowieso nicht sonderlich viel war ihr aufgefallen, aber dass er so beharrlich schwieg? Einen Augenblick blieb ihr regenblauer Blick auf ihm hängen, dann lauschte sie wieder Nyotas Worten. Auch den Wortwechsel zwischen Nyota und Jakash, sowie die Einwürfe von Ninniach und Face hörte sie, aber selber dazu beitragen konnte sie nichts. Ihr fiel nichts großartiges ein, was sie hätte sagen können. Nie hatte sie den Göttern nahe gestanden oder viel mit ihnen zu tun gehabt. Sie war doch nur das kleine, unscheinbare, nutzlose Wesen, welches sich nicht alleine versorgen konnte und dem Rudel hinterher schlich. Das war dann auch schon alles. Amáya legte wieder die Ohren an, den Kopf ein wenig gesenkt. Dabei wollte sie ihre Eltern doch mit Stolz erfüllen, dass sie die Schwarze als Tochter hatten. Aber nichts konnte sie, absolut nichts. Ihre Jagdfähigkeiten waren bei weitem nicht ausgeprägt, die Statur zum Kämpfen hatte sie mit Sicherheit auch nicht, dazu war sie zu klein und schwach und obendrein hatte sie vor so vielem Angst, dass sie es kaum aufzählen konnte. Angst davor jemanden zu verletzten, unnütz zu sein – wobei dies wohl ihre einzige Eigenschaft war, die sie konnte – Angst davor, dass man sie alleine lassen würde... Sie würde wohl immer das kleine, ängstliche, schwächliche Nesthäkchen sein und es auch bleiben. Manche Dinge änderten sich wohl nie.

Ehm... Tante? Zeigen… zeigen sich uns denn die Götter und wie können wir sie erkennen? Also... ich meine...

Unsicher brach Amáya ab. In der Hoffnung etwas sinnvolles beizutragen, hatte sie das ausgesprochen, was ihr durch den Kopf gegangen war. Ob sie den Göttern mal über den Weg laufen würde?

.oO(Nein, mit Sicherheit nicht. Was sollten sie denn für ein Interesse an dir haben?)


Er fühlte sich komisch in dieser Gruppe, der er zugeteilt worden war. Er kannte hier doch niemanden wirklich… Natürlich, er würde versuchen das Beste daraus zu machen, aber fragte er sich doch, warum Banshee ihn von Urion, Ilias und vor allem Sheena getrennt hatte. Nicht, dass er ihre Entscheidung anzweifelte, sie würde schon einen tieferen Sinn haben, nur wüsste er diesen gerne. Grübelnd schlenderte er zu der Gruppe, die sich versammelt hatte und schaute sich alle Wölfe an. Niemand von ihnen würde ahnen können, dass er eigentlich nachdachte. Seine Augen blickten so klar, so anwesend, als ob er sich auf die Gespräche konzentrieren würde, die geführt wurden. Seine ganze Haltung strahlte förmlich eine Zufriedenheit und Sicherheit aus, wie sie sich so manch ein Wolf nur wünschen konnte. Und doch fühlte er sich innerlich gar nicht mehr so sicher. Eher fühlte er sich, ja, man konnte schon fast sagen, zerrissen, dabei wollte er das gar nicht. Nur, fühlte er sich so alleine. Nachdem er aus seinem abgesonderten Zustand und der Trauer von Neyla weggekommen war und nur mit Sheena, Urion und Ilias unterwegs gewesen war, fehlte ihm einfach die Nähe von den vertrauten Gesichtern. Er hatte das Bedürfnis sich mit jemandem zu unterhalten, wollte er aber nicht in die gerade geführten Gespräche hineinplatzen. Er sah Nyota, seine zweite Alpha Fähe, kannte er sie doch kaum, Face Taiéiyo, seinen Beta Rüden, auch ihn kannte er so gut wie gar nicht. Eine weitere Fähe kannte er gar nicht, konnte er sich nicht daran erinnern sie irgendwann einmal gesehen zu haben und dann hab es natürlich noch Jakash Caiyé, den Welpen den sie erziehen sollten. Und noch eine Fähe, kein Welpe aber keine Erwachsene, Amáya hieß sie. Und da überkam es ihn auf einmal, er hatte das Gefühl, dass ein Blitz durch seinen Körper fahren würde und innerlich schüttelte er sich.
Hatte er nicht wirklich den gleichen Fehler zweimal begangen? Was war, wenn diese Fähe genauso wie Sheena reagieren würde? Könnte er dies aushalten. Oder irrte er sich jetzt und seine Erinnerungen spielten ihm einen Streich? Nein, unmöglich, Amáya musste die Jungwölfin sein, die seiner geliebten Neyla und somit auch ihm anvertraut worden war. Genauso wie Sheena hinterher. Und er hatte den gleichen Fehler bei ihr begangen, wie bei Sheena. Nach Neylas Tod hatte er sie vergessen, sich nicht mehr um sie gekümmert. Was war er nur für ein Pate, was war er nur für ein Ziehvater. Innerlich verfluchte er sich, könnte jemand in sein Inneres gucken, würde man nicht glauben, dass dies der ruhige und besonnene Wolf war, wie er den äußeren Eindruck gab. Dass dies der Wolf war, der immer ein offenes Ohr für alle hatte und versuchte ihnen immer zu helfen. Man würde eher meinen, dass er Hilfe brauchte und zwar schnell.
Er schüttelte sich, wollte diesen blöden Gedanken keinen Platz lassen, er konnte jetzt sowieso nichts mehr an der Vergangenheit ändern, konnte nur schauen, dass er die Zukunft, vor allem aber die Gegenwart änderte und zwar so schleunig wie möglich. Mit einem leichten lächeln nickte er allen Wölfen zu, umrundete die halbe Gruppe bis er bei Amáya angekommen war und setzte sich, nicht zu aufdringlich nah, neben sie.

„Hallo Amáya… Hallo, euch Allen. Entschuldigt mich bitte, dafür, dass ich erst jetzt zu euch stoße. Ich habe wohl ein wenig herumgetrödelt und nicht so darauf geachtet euch zu folgen…““

Da war er wieder, der alte, höfliche und besonnene Zack. Er schenkte allen noch ein entschuldigendes Lächeln, besonders Nyota blickte er lange an, ebenso nur ein wenig kürzer Face. Er wollte nicht, dass sie böse auf ihn waren. Danach ließ er seinen Blick zu Amáya wandern. Ließ ihn auf ihr verweilen, in der Hoffnung, dass sie sich nicht bedrängt fühlen würde, in der Hoffnung, dass sie ihn vielleicht erkennen würde. Er wollte sie nicht mit einem Wortschwall überfordern, vor allem weil sie gerade eine Frage gestellt hatte, er wollte sie nicht gänzlich durcheinander bringen. Er wollte einfach abwarten, wie sich die ganze Situation hier entwickeln würde und wie sie ihn annehmen würde. Wie sie auf ihn reagieren würde.


Stumm lauschte sie den Worten der anderen; ohne die Absicht sich nochmal ins Gespräch einzubringen. Im Gegensatz zu ihr schienen Nyota und Face wissend... sie hingegen entsprach den Dummheiten und Eigenschaften eines Jungwolfes - was sie nun eigentlich nicht mehr war. Eher reserviert beobachtete sie das Geschehen und fühlte sich nichtsnütziger als je zuvor. Sie konnte dem jungen Rüden nichts beibringen - außer vielleicht wie man weglief oder dumme Fragen stellte. Aber wer konnte mit solchen Fähigkeiten schon etwas anfangen? Wirklich nützlich war das, was Ninniach konnte nicht. Äußerlich schien sie sehr verhalten, doch in ihr wurde es immer unruhiger und gesträubter - bis sie sich kurzerhand erhob und Nyota entschuldigend ansah.

"Nyota... entschuldigst du mich für einen Moment?"

Sie wollte hier nicht sein, wo sie keine Hilfe sein konnte. Verwirrt, wütend auf sich selbst und traurig darüber sich so nutzlos vorzukommen. Ja, das waren ziemlich viele Gefühle auf einmal... Sicher würde Nyota sich wundern, was das merkwürdige Verhalten ihrerseits zu bedeuten hatte - aber vielleicht ließe sie die Schwarze auch einfach gehen - nicht für lange Zeit; nur kurz durch den Wald und sich selbst suchen und hoffentlich auch finden. Sie wollte sich nur sammeln, kurz für sich sein und die Zeit zum Nachdenken nutzen... sei es ihr vergönnt würde sie halt weiter hier ruhen und tun, was immer sie tat oder tuen sollte. Wie auch immer es sein sollte, sie würde aktzeptieren.


Nyota hatte Augen und Ohren voererst auf Jakash verweilen lassen, sah jedoch immer wieder auf zu den anderen. Zack kam hinzu, und Nyota erwiederte seinen Blick lächelnd und nickte bloß.

"Ist schon in Ordnung, jetzt bist du ja da"

auch sie kannte den Rüden nicht näher, wusste nur dass er am Rande immer da war, ruhig und eher unauffällig in ihren Augen, wie das Wasser. Ruhig und stetig.

Ihr Blick fand zu Jakash zurück, dessen Miene in eine ziemlich unglückliche umgeschlagen war, und der sogleich den Blick senkte, während er ihr leise seinen Widerspruch zuflüsterte. Nyota legte den Kopf leicht schief, versuchte zu verstehen was in ihm vorgehen musste, was in ihm in dieser Nacht vorgegangen war...sie selbst hatte in ihrer Jugend erste Erfahrungen mit Gewalt gemacht, als der Alpha sie damals angefallen hatte...aber da war sie schon eine Jungwölfin gewesen, und es hatte sie nur angespornt stärker zu werden, um sich selbst verteidigen zu können... Sie trat von ihrem Stein herunter auf Jakash zu, senkte den Kopf bis auf seine Höhe und sah ihn an, mit einer Mischung aus gutmütigem Lächeln und tröstender Wärme auf den Zügen und in den Augen.

"Mit dem Kampf, Jakash, ist es wie mit den Göttern. Engaya kann uns Trost, Genesung und Liebe spenden, zugleich ist es für ihre Priesterinnen oft eine große Last all ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Fenris nimmt unsere Liebsten im Tod zu sich, doch ein Wolf der sich nur quält wird sich freuen dem Dunklen zu begegnen..."

sie machte eine kurze Pause, holte Atem und fuhr fort.

"Kämpfen kann deinen Gegner töten, aber es kann auch deine Familie und dich selbst vor dem Tod beschützen. Viele Wölfe kämpfen ungern, weil sie anderen nicht wehtun möchten, aber manchmal muss man abwägen was besser ist - selbst Schmerzen ertragen oder sie anderen zufügen um sich zu schützen. Und zum Beispiel Rangkämpfe sind oft völlig unblutig, weil es nicht darum geht einander zu verletzten, sondern darum herauszufinden wer der Stärkere ist. Es ist letztendlich deine Entscheidung..."

sie hob den Kopf wieder, sah kurz über die anderen Wölfe hinweg, und senkte ihre Stimme wieder etwas.

"...aber es liegt dir im Blut...und in manchen Positionen ist es unabdingbar kämpfen zu können..."

schloss sie sehr leise, und lächelte Jakash an. Bevor sie wieder auf ihren Felsen hüpfte zwinkerte sie ihm zu, nur ein winziger Moment, aber ihr Lächeln hatte in dieser Sekunde etwas überaus verschworenes angenommen. Nyota setzte sich wieder auf ihren warmen Fels, und sah sogleich zu Amáya herüber.

"Die Götter sind immer um uns, mal deutlicher und mal im Verborgenen. Als ich damals ins Gebirge kam war die Chance das Rudel zu finden verschwindend gering. Die Kälte hatte meine Nase völlig taub werde lassen, aber ein bestimmtes Gefühl hat mich den ganzen Weg über geführt, bis ich vor Banshee stand...es war Engaya die an meiner Seite war. Bestimmt hast auch du sie schon gesehen, ohne es ahrzunehmen...es sind oft kleine Dinge, die uns im ersten Moment gar nicht auffallen"

erklärte sie lächelnd, und deutete auf ein paar Blätter, die vom Wind an ihnen vorbeigetragen wurden.

"Engaya ist in allem, und immer wenn ein kleines Ding dich zum Lächeln bringt, kannst du dir sicher sein dass sie es ist..."

Tatsächlich lächelte nun auch Nyota wieder recht breit, und fragte sich einen Moment lang wer eigentlich ihre Maulwinkel dermaßen in die Höhe gezogen hatte.

"Vor den Göttern gibt es kein zu klein oder zu groß. Vor ihnen hat jeder seinen Wert, ob er sie verspottet oder sie verehrt. Sie sind wohl launisch, aber sie sind auch...nun...Götter"

schloß sie, zwinkerte auch Amáya zu und sah dann zu Ninniach herüber, als die Fähe sich an sie wand.

"Natürlich"

gab sie freundlich zurück, und sah in die Runde, neuer Fragen harrend.


Jakash wurde aus seiner Trübsinnigkeit gerissen, als die andere schwarze Fähe eine Frage stellte - und Nyota auch mit 'Tante' ansprach! Der kleine Rüde hob überrascht den Kopf und starrte Amáya an. Vor Verblüffung war er gar nicht Fähig, sein Erstaunen in Worte zu fassen und sie zu fragen was das sollte. Sie war jawohl nicht seine Schwester, dafür war sie ja viel zu alt, und überhaupt kannte er sie ja fast gar nicht! Jakash sah zu SEINER Tante und wollte sie fragen, wollte protestieren, aber Nyota wandte sich zunächst an einen Rüden, der zu ihrer Gruppe dazu kam, und dann wieder an ihn.
Jakash lauschte aufmerksam und vergaß darüber diese seltsame verwandtschaftliche Verstrickung. Es wurde ihm wieder schwer ums Herz, als Nyota vom Kämpfen sprach und dazu sich auf die Götter bezog. Jakash mühte sich ihren Ausführungen zu folgen, während in seinem Kopf die Gedanken und in seiner Seele sich die Gefühle überschlugen. Er fühlte sich so kleine angesichts der Erwartungen, die seine Tante in ihn setzte. Aber ihre Worte drangen durch und berührten den einen Punkt, der seine Ängste mit einem Schlag bröckeln ließ. Er sah wieder diesen Augenblick vor sich, als der feindliche Wolfe sich auf ihn und Rakshee stürzte und Aszrem den Fremden angsprang, um sie beide zu beschützen. Beschützen.
Seine Schwester, seine Familie hätte verletzt werden können wegen ihm - seine Träume wiesen ihn fast jede Nacht darauf hin. Das würde niemals geschehen, wenn er sie retten, sie beschützen könnte. Wäre er größer und stärker gewesen und hätte zu kämpfen gewusst, hätte er sie selbst verteidigen können. Er war der Erstgebrorene und einziger Rüde des Wurfes - wer, wenn nicht er, musste jetzt und später seine Schwestern und Eltern beschützen? Der Entschluss war so schnell gefasst, dass Jakash sich dessen zunächst gar nicht bewusst war. Er sah in seinem Innneren, wie die Träume sich wandelten und ein besseres, ein gutes Ende nahmen. Damit es nicht nur Wünsche blieben, musste er tun, was seine Tante von ihm verlangte. Er musste kämpfen lernen... Jakash sah auf und seiner Tante ins Gesicht. In seinen Augen standen Zuversicht und Entschlossenheit.

"Ich will sie beschützen! Wann fangen wir an?",

erwiderte er, und es war wohl Antwort genug....


Abwesend lauschte die Schwarze den Worten ihrer Tante, die sie bisher nie richtig in Augenschein genommen hatte. Auch wenn sie ihre Verwandte, ein Teil ihrer Familie war – die gestörte Verbindung zu eben jenen hatte Amáya noch nie wirklich zu ihnen geführt. Sie kam sich schon immer vor, als sei sie nur ein Nebenbild, etwas, was wohl existent war, aber nur am Rande mit lief. Ein kleiner Name neben ihren Geschwistern, der in dem Stammbaum der Familie auftauchte und so unbedeutend und so namenlos war, als wäre sie Nebel. Ihre regenblauen Augen wanderten kurz zu Zack, der sich nun endlich an schloss, eine kleine Sicherheit an ihrer Seite. Seitdem ihre Patin verstorben war, hatte sich der Rüde immer weiter zurück gezogen. Die Jungfähe konnte es ihm nicht verübeln und dennoch war da ein Stich, ein Schmerz in ihrem Herzen. Ein Ohr zuckte und sie blickte eine Sekunde in die warmen Augen des Rüden an ihrer Seite, als Zeichen das sie ihn bemerkt hatte, Worte hatte sie allerdings nicht an ihn zu richten.
Ihr Augenmerk lag nun wieder auf der Unterhaltung von Nyota und Jakash, einem Sohn ihres älteren Bruders. Auch diese Welpen hatte sie nie wirklich erlebt, nur am Rande ihre Namen aufgeschnappt, da sie sich aber meist abseits hielt, hatte sie nie wirklich viel mit bekommen. Schweigend verharrte Amáya, verfolgte die Worte die allerdings größtenteils doch an ihr vorbei tröpfelten. Wie Regen flossen sie in ihr Bewusstsein, hielten sich dort allerdings nicht lange, sondern wurde bald darauf wieder heraus geschwemmt. Als würde die junge Fähe in einer Art Trance schweben, merkte sie nicht, wie Nyota ihren Platz verließ. Erst als ihre dunkle Tante sich wieder zurück bewegte und sie den Blick auf ihr spürte, hob sie den Kopf und schaute ihr ins Gesicht. Die Götter waren also überall.

.oO(Nur gewiss nicht bei mir, mich haben sie vergessen. Ich bin ja doch nur am Rande existent...)

Weiter sagte sie allerdings nichts dazu, gab nur ein leises Brummen und ein Nicken von sich. Sie hatte verstanden, wirklich viel konnte sie damit allerdings nicht damit anfangen. Zum Beispiel wurde ihr nicht erklärt, weswegen ihre andere Hälfte hatte sterben müssen, noch ehe sie das Licht der Welt erblickt hatte, weshalb da diese Distanz zwischen ihr und ihrer Familie herrschte, die vor allen Dingen in Augenblicken wie diesen fast schon greifbar war, warum ihre Patin hatte gehen und sie gänzlich alleine lassen müssen und schlussendlich, was man für sie vorgesehen hatte, wo ihr Leben doch so rein gar keinen Sinn erfüllte. Zumindest keinen offensichtlichen. Die Fragen wirbelten ihr durch den Kopf, greifen konnte sie diese allerdings nicht und ihnen verständliche Worte geben auch nicht. Wer verstand, was in ihr vorging, wo sie es doch selber nicht wirklich begriff. Wieder nickte sie nur langsam, zurück in ihre Trance fallend und den apathischen Blick in den Himmel richtend.


Nyota sah wieder zu Amáya herüber, erwartete noch eine Reaktion, aber die Jungwölfin schien jetzt zu wissen was sie wissen wollte, und nickte nur brummend.
Damit wand Nyota sich wieder Jakash zu, und beinahe im selben Moment sah auch er wieder zu ihr auf. Nyota sah sofort die Veränderung in seinem Blick, und ein verschwörerisches Grinsen floss in ihre Züge ein, während sie Jakash Worten lauschte. Zwar konnte sie nicht sagen was genau es gewesen war, aber offensichtlich hatte sie genua den Effekt erzielt den sie sehen wollte. Zufriedenheit mischte sich in das Lächeln der Schwarzen, und langsam erhob sie sich auf dem Stein, mit sichtlich herausgezögerten Bewegungen und diesem immer breiter werdendem Grinsen, das längst jedem zeigte dass sie mit dieser Antwort überaus zufrieden war. So langsam wie sie sich erhoben hatte, duckte sie sich nun wieder etwas, den Kopf deutlich senkend, und mit nun mehr lauerndem Blick. Da es still geworden war über der kleinen Gruppe, knnte man bei jeder Bewegung das sanfte Rascheln ihres Fells vernehmen, und die Luft um sie schien beinahe zu Knistern. Bis sie plötzlich lossprang, direkt vor Jakash abrupt aufkam und mit funkelnden Augen zu ihm herübergrinste. Ihre Stimme war genauso voller Spannung wie ihre ganze Haltung, und es lag eine unüberhörbare Herausforderung darin.

"Jetzt!"


Er hatte es gesehen, jede einzelne ihrer Bewegungen, und das mit einer Klarheit, die ihm als solches gar nicht bewusst wurde. Sie machte es ihm ja auch einfach, sie wollte, dass er sie beobachtete, dass er sie kommen sah. Trotzdem zuckte er ein wenig zusammen, als sie plötzlich vorschnellte und direkt vor ihm landete. Aber nur ein wenig, denn er hatte ihn erwartet, diesen Sprung. Seine Lefzen zuckten und verzogen sich zu einem schelmischen Grinsen. In den Augen seiner Tante sah er den gleichen Ausdruck wie ihn Kursaí immer hatte, wenn seine Schwester mit ihm herumbalgte und sie ihre kleinen Kämpfe austrugen. Erwartungsvoll, herausfordernd, lauernd. Jakash erhob sich langsam und duckte sich dabei, alle Muskeln angespannt. Leicht pendelte seine Rute noch, Zeichen des welpischen Spiels, das es für ihn noch war. Es fiel ihm nicht leicht, sich nur auf seine Tante zu konzentrieren, denn da war noch der Rest der Gruppe, der zwar nicht viel getan hatte bisher, aber eben trotzdem präsent war. Jakash war alt genug um sich beobachtet zu fühlen und sich dadurch beim Spielen komisch vorzukommen, solange das Spiel selbst ihn noch nicht so sehr gefangen hatte, dass er alles um sich vergaß. Seine Haltung wirkte daher noch steif und unsicher. Jakash überlegte fieberhaft, was jetzt das klügste wäre und hatte gleichzeitig Angst davor, sich vor allen zu blamieren. Er wollte sie so gerne beeindrucken, und traute sich dennoch nicht...






Es war einige Zeit vergangen, der Sommer im Tal, heiß, trocken und sonnig noch in vollen Zügen genossen, so wie es in den Bergen nicht möglich gewesen war. Das ganze Rudel hatte sich gemeinsam aufgemacht und hatte das Revier markiert, lange Tage der Wanderung, die jedoch weder von Eile noch von dem Gedanken auf ein böses Ende geprägt wurde. Damit unterschied sie sich ganz und gar von der, die sie in ihr Tal hinabgeführt hatte und war ausgelassen und fröhlich. Die Wölfe lernten das Tal kennen, alte Wege wurden wieder vertraut und bald konnten jene Mitglieder, die bereits vor dem Jahr in den Bergen bei ihnen gewesen waren, jeden Baum und jeden Stein wieder in und auswendig so wie jeder Wolf sein Revier kannte. Das Tal war wieder verwebt mit ihren Gerüchen, die des alten Rudels ausgemerzt mit einer fröhlichen Verbissenheit. Die Verletzungen waren geheilt, bei manchen waren Narben geblieben aber das war schließlich das Einzige, was von dem Kampf übriggeblieben war.
Es war Herbst geworden, die ersten Blätter färbten sich feuerrot und leuchteten grell zwischen dem noch immer grünen Gras und ihren noch nicht verfärbten Brüdern hervor. Es war ein milder Herbst, kein kalter Wind fegte durch das Tal und die Sonne lachte vom Himmel, verdrängte jede Wolke, die Regen oder Sturm bringen könnte. Den Wölfen ging es gut, viel Beute ließ sich finden und endlich wurde auch das schwächste Mitglied wieder kräftiger. Nach Art der Wölfe traten die schlimmen Erinnerungen an die Zeit in den Bergen in den Hintergrund, jetzt, da sie es wieder gut hatten.
Ein schöner Herbstmittag, die Sonne schien warm und nicht zu heiß, allerlei Gefiederte tummelten sich auf dem Sternensee, noch nicht willig zu ihrer langen Wanderung in den Süden aufzubrechen und der Wald lag ruhig und nur ab und an im Wind eine Krone schwingend da. Nyota und Banshee hatten beschlossen, endlich mit der Einweisung der Welpen zu beginnen, sie sollten die Welt kennenlernen und ebenso von ihren Göttern erfahren. Zu diesem Zweck hatten sie Gruppen gebildet, die sich nun herumtreiben durften, wo immer sie wollten.

Gruppe 1: Rakshee, Banshee, Sheena, Tyraleen, Midnight, Aszrem, Averic, Akru
Gruppe 2: Jakash Caiyé, Nyota, Zack, Amáya, Face Taihéiyo, Ninniach Favéll
Gruppe 3: Kursaí Akihiko, Takashi, Jumaana, Amiyo. Isis, Linné, Cumará Tumaan, Kensharion
Gruppe 4: Ahkuna Caiyé, Tyel Tinuviel, Kaede, Urion, Kandschur Yiga, Ilias, Nienna Singollo, Sania
Gruppe 5: Sharìku, Lunar, Hiryoga, Shani Caiyé, Liam, Aradis, Kisha, Daylight


Nyota hatte immer wieder Cariyas letzte Züge im Traum gesehen. Es war quälend und zugleich war sie stolz auf den Jungrüden gewesen, trotzdem er ihr ihre Beute praktisch unter den Zähnen hinweg gerissen hatte. Die schwarze Alpha hatte Nyota fast erreicht, als der Rüde auf ihrem Rücken aufkam, sie niederriss und augenblicklich tötete. Die restlichen Wölfe hatten ihr Heil in der Flucht gesucht und gut daran getan, und Nyota hatte ihre Kämpfer gelobt und geholfen etwaige Verletzungen zu versorgen.
Jetzt saß sie mit ihrer Gruppe im Wald, auf einer kleinen, kreisförmigen Lichtung, auf der ein paar Felsen lagen, auf einem davon hatte sie sich niedergelassen, die warmen Augen auf Jakash gerichtet. Sie hatte von seinem Erlebnis während des Kampfes gehört, und er schien tiefe Spuren davongetragen zu haben...die es auszumerzen galt.

Die gelben Augen flogen über den Rest ihrer kleinen Gruppe. Da war Amáya, eine von Banshees Töchtern, die sie immer nur am Rande wahrgenommen hatte, ausserdem Facé und Ninniach...insgesamt also keine allzu redseelige Truppe, aber das würde nicht schaden. Manchmal reichten Gesten, um den rechten Pfad als solchen zu zeichnen. Und sie waren nun in der Position von Lehrmeistern, für Jakash und auch für Amáya, die in ihrer Jugend sicher noch viel zu lernen hatte. Mit einem Lächeln richtete sie sich auf, und sah nocheinmal zu Jakash herüber.

"So ihr Lieben..."

begann sie mit einem verschworenen Grinsen,

"...ich werde euch etwas von früheren Tagen erzählen, also macht es euch bequem"

forderte sie lächelnd, und legte die Rute um den eigenen Körper, und lies den Blick nocheinmal durch ihre kleine Gruppe schweifen. Das alles gehörte ihr, gehörte ihnen. So war es immer gewesen, und so würde es immer sein. Sie liebte diesen Ort.


Sommer - und so heiß, wie Jakash es nie für möglich gehalten hätte, kannte er doch nur die ständige Kälte der Berge. Alles im Tal so anders, so viel bunter, so viel geräuschvoller, so viel wärmer, so viel..mehr! Im Gegensatz zu dieser Fülle an Farben, Tönen und Gerüchen waren die Berge regelrecht tot gewesen. Der kleine Rüde hatte ja gar nicht geahnt, wieviel Leben es auf der Welt gab. Es war fast schon zu viel - anfangs hatte er geglaubt, von all dieser Fülle schier erschlagen zu werden, hin und hergerissen zwischen tausenden neuen Entdeckungen und Eindrücken. Dann hatte er sich gewünscht, wieder oben in den Bergen zu sein und Luft holen zu können und für einen Moment nur eine Pause von all dem einlegen zu können. Ab und an war hier alles für ihn nicht nur mehr sondern glatt weg zu viel...
Nichts destro trotz war er glücklich, hier zu sein. es war wundervoll zu sehen, wie sehr seine Eltern und viele andere des Rudels es genossen, wieder in ihrer Heimat zu sein. Dafür hatten sie schliesslich gekämpft. Was Jakash anging, war er inzwischen froh, nicht mitgekämpft zu haben. Dieser kurze Einblick in die Welt von Krieg, Blut und Tod hatte ihm gereicht und nächtelang Albträume beschehrt. Niemand hatte wirklich mit ihm geschimpft, weder seine Eltern, noch Oma Bani oder Tante Nyota. Geredet hatten sie mit ihm, ja aber nicht bestraft - das erledigten dafür die Träume. Dann sah er sich wieder in Richtung des Waldes laufen und den fremden Wolf auf sich zu hasten, sah ihn springen... Manchmal rettete ihn Aszrem, und dann sah er plötzlich mit den Augen des Angreifers. Manchmal vertrieb der Rüde den Feind. Manchmal tötete er ihn. Und manchmal kam er zu spät, um Jakash zu retten. Aber das war vergleichbar harmlos gegen die Träume, in denen erst der Rest seiner Familie getötet wurde... Seiner Mutter hatte er versprochen, nie wieder fortzulaufen.

Nun saß er hier zwischen den Wölfen, die Oma Bani und Tante Nyota zu 'seiner' Gruppe eingeteilt hatten. Jakash hatte sie alle gemustert und festgestellt, dass er sie alle nur wenig kannte - zumindest nicht tiefer gehend. Aber sie alle sollten wohl helfen, ihn zu unterrichten, wenn er das richtig so verstanden hatte. Der junge Schwarze fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut. Was würden sie alles von ihr erwarten?
Als seine Tante das Wort erhob, erwachte dann doch die Neugier in ihm. Erzählen wollte sie von früheren Tagen? Kam da jetzt eine Art Geschichte? Jakash mochte Geschichten. Er blieb so sitzen, wie er war, denn er empfand das als bequem. Liegen wollte er nicht - da kam keine Spannung bei guten Geschichten auf, fand er...


Die Ohren hatte die Schwarze ein wenig scheu zurück gelegt und hielt sich nur schwerlich auf ihrem Platz. Sie fühlte sich unbehaglich, absolut ungut. Es bestand kein Grund zur Besorgnis, das wusste sie, das sagte ihr Kopf. Aber es war da dieser Drang zu verschwinden, einfach weg zu wandern, egal wohin. Seit sie ins Tal zurück gekehrt waren – bei dem Kampf war sie keine große Hilfe, eher eine Last gewesen – hatte sie wieder fließendes, klares Wasser gesehen, welches sie automatisch mit ihrer anderen Hälfte verband, die sie niemals kennen gelernt hatte. In den Bergen hatte sie schon vergessen gehabt, es war alles so unwirklich, alles so fern. Hier unten, wo sie geboren und einen geringen Teil ihrer Welpenzeit verbracht hatte, war ihr plötzlich alles so fremd gewesen. Die falschen, feindlichen Gerüche waren inzwischen verschwunden und dennoch. Es blieb ein hartnäckiges Gefühl von Unbehagen, welches sich an ihr fest krallte und sie einfach nicht los lassen wollte.
Auch die Gruppe, in der sie sich nun befand... Es war seltsam, befremdlich, schließlich konnte sie nun nicht mehr so einfach in der großen Gruppe des Rudels untertauchen. Hier, bei den wenigen Wölfen, würde automatisch auch ab und an das Augenmerk auf ihr liegen, das war ihr nur zu sehr bewusst. Als kurz daraufhin auch gleich der Blick ihrer Tante Nyota auf ihr lag, rutschte sie unruhig hin und her, legte sich kurz nieder, die Ohren angelegt, erhob sich dann wieder und blieb so sitzen. Sie wollte nicht liegen bleiben, schutzlos und wehrlos auf dem Boden. So konnte sie wenigstens noch aufspringen. Das ihre Gedanken zu dumm waren, das wusste sie selber, aber sie konnte nichts dagegen tun. Es war diese Furcht, die bereits schon immer zu ihr gehörte und gegen die sie nichts machen konnte. Erst ihre Schwester Daylight hatte sie ein wenig verändert gehabt, aber die war in eine andere Gruppe gekommen und war nun irgendwo anders in diesem Tal. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich nun befand und was sie machte. Ob sie auch an sie dachte? An ihre dumme, ängstliche Schwester, die sie doch irgendwie lieb hatte und die sich um sie gekümmert hatte, als es ihr schlecht ging? Wohl eher weniger. Leise seufzte Amáya, schwieg dann aber sofort wieder. Was sollten die anderen von ihr denken? Das sie eine alte Oma Wölfin war, die bereits das gesamte Leben auf den Schultern trug? Ein wenig biss sie sich auf die Lefzen, bis sie ein wenig Blut auf ihrer Zunge schmeckte, ließ es dann sein, wandte den Blick der regenblauen Augen in Richtung Himmel, der von Baumwipfeln umsäumt war und versuchte still für sich ein wenig ruhiger zu werden.


Ninniach hatte sich in Nyotas Nähe platziert in gebührendem Abstand zu Face, den sie vorerst nicht vorhatte wieder zu verkleinern. Ihr Blick blieb verhangen, flog zwar über Jakash und haftete dann an Nyota, hielt sich aber von den weiteren fern. Bei Amáya hatte sie das Gefühl, dass sie nicht gesehen werden wollte - und das konnte Ninniach nur zu gut nachempfinden - und bei Face... sie wollte ihn nicht ansehen. Nervös spielte sie mit den Ohren, bis Nyota ihre Stimme erhob, der es zu lauschen galt. Nun, so war es immer gewesen. Allerdings drang bei ihren Worten ein leichtes Lächeln nach außen, doch ihren Kommentar dazu, dass Nyota aus frühen Tagen erzählen wollte, ersparte sie der Gruppe. Im Übrigen wäre es unhöflich gewesen der Schwarzen ins Wort zu fallen; das wollte sie nicht. Auch sie machte es sich bequem, legte den Kopf auf ihre Pfoten und sah dann abwartend zu Nyota hoch, sich fragend, was es zu erzählen gab. Immer wieder kam der Drang den Schwarzen anzusehen, fragend, traurig. Sie hatte ihn beim Aufbruch ins Tal verloren, ihn zuvor mit freudigen Gesten überschüttet aber nie eine Antwort bekommen. Jetzt war sie verwirrt... mit falschen Eindrücken und Interpretationen seines Verhaltens gezeichnet. Schnell entrann sie ihrem Gedankenwahn und blickte auf den Boden, kurz bevor sie die Augen schloss um jedes Wort Nyotas wissbegierig aufzunehmen - auch wenn alles, was sie taten die Welpen belehren sollte.

Die Schwarze sah sich noch ein letztes Mal auffordernd um, schenkte Ninniach neben ihr und auch Jakash ein Lächeln, lies dann wieder den Blick über alle Sechse gleiten und begann mit ruhiger Stimme zu erzählen.

"Damals, vor langer Zeit, lebte schon einmal ein Rudel in diesem Tal...sie nannten sich Sternenfänger, und sie hatten kein Glück in diesem Tal...die Strukturen waren unglücklich, der Alpha ständig aggressiv, immer zum Zerreissen gespannt - bis tatsächlich das Rudel zeriss und sich alles verlor..."

der Blick der Schwarzen hatte sich irgendwo über den Baumwipfeln verloren, man sah ihr an dass sich all das in ihrem Geiste nun wiederholte.

"Banshee und ich waren die letzten Welpen jenes Rudels, und wir trennten uns, damals im Alter von 2 Jahren, von unseren Eltern. Eine Zeit lang striffen wir so umher, und kehrten schliesslich hierher zurück, um ein Rudel aufzubauen...und um es besser zu machen"

sie machte eine kurze Pause, ihr Blick war abwesend während er die Wölfe ringsherum striff.

"Es dauerte auch nicht lange, bis sich ein kleiner, vertrauter Kreis um uns gefunden hatte...aber ebenso schnell ging es, da zog es mich fort. Ich hatte bisher nur einen Bruchteil der Welt gesehen, und ich wollte mehr davon kennen, viel mehr..."

~Viel mehr als jeder andere Wolf...~

Nur kurz fand ihr Blick in die Runde zurück, ganz kurz war sie wieder im Hier und Jetzt, und nutzte den Moment um Ninniach ein Lächeln zu schenken.

"Ich habe tatsächlich viel gesehen...soweit meine Pfoten mich trugen bin ich gelaufen, und der einzige Begleiter der mit treu blieb war der Wind...aber er war beleibe nicht der Einzige Weggefährte der mich in all der Zeit begleitete. Viele Wölfe teilten ein Stück meines Weges, mal blieb ich ein paar Tage bei einem Rudel, mal bildete sich ein Zweckverband von Jägern...und manchmal, tja, musste ich einsehen dass 20 Kiefer doch stärker waren als einer - aber..nur manchmal..."

erweiterte sie mit einem Zwinkern gen Jakash den Satz, und lies den nun wieder klaren Blick über die Runde schweifen. Das wichtigste kam ja erst noch.

"Banshee, müsst ihr überdies wissen, ist nicht bloß meine Schwester. Obwohl unser beider Eltern normale Wölfe waren, ist doch ihre Seele von einer anderen, höheren Natur...aber dazu später...irgendwann, und meine Reise ging lang, kam nun aber auch in mir die Sehnsucht nach Banshee wieder auf. Der Gedanke an sie trug mich viele Tage lang von ihr fort, gab mir Kraft und Mut für alles was ich begann, aber nachdem mir kein Stein mehr fremd zu sein schien wurde das Verlangen nach meiner Schwester immer stärker...also kam ich zurück, zurück in unser Tal, in dem sich die Ratten eingenistet hatten..."

Ihr Blick lag wieder auf Jakash, ernst und mit einer Spur deutlicher Sorge darin.

"Ich erwähnte es schon...manches Mal kann man nicht alleine einen Sieg davon tragen, also ging ich, und begann mit dem Aufstieg durch die Berge...der Weg war hart, aber schlimmer noch war meine Nase, die ab einer gewissen Temperatur erst einmal den Dienst versagte. Von da an musste ich mich vollkommen auf die Zeichen Engayas verlassen, die mich jedoch sicher führten - Engaya, Jakash, ist die geistige Mutter Banshees, sie ist das reine Leben, und Banshee ist die Verkörperung des Lebens hier bei uns"

damit schloss sie, und schon bereute sie sich keinen Platz an einem Tümpel gesucht zu haben...nach all den Worten war ihre Zunge ihr Trocken geworden.

"Es gibt da natürlich noch den Gegensatz Engayas. Fenris, der für den Tod steht. Sein Sohn hier unter uns ist Acollon, dein Großvater Jakash. Ihr tragt also sowohl das Erbe des Lebens wie auch das des Todes in euch..."

Endete sie zwinkernd, und lies sich nun in eine liegende Position sinken, und sah auffordernd in die Runde. Bei Ninniach, Zack und Face auf Ergänzungen, bei Amáya und Jakash auf Fragen wartend...


Jakash sah gespannt zu seiner Tante auf, alle anderen waren vergessen. Seine Ohren waren aufgerichtet und zuckten nichteinmal mehr, sein Blick folgte Nyotas, als könne er all ihre Erinnerungsbilder sehen, wenn er nur in die gleiche Richtung sah wie sie. Das war natürlich nicht der Fall, aber dafür verfügte er über den schier unerschöpflichen Vorrat eines Welpen an Fantasie. Und so sah er seine Tante durch Lande ziehen, die er selbst sich kaum vorstellen konnte, vermischte Schee und Berge und all das, was er in diesem Tal an Neuem schon entdeckt hatte. Schwerer fiel es ihm dagegen, sich seine Tante und seine Oma als Welpen vorzustellen - gedanklich verschwamm diese Vorstellung mit den Abbildern seiner Schwestern, auch wenn darunter keine mit weißen Fell war. Ihre gezwinkerten Hinweise an ihn verstand er jedoch instinktiv. Natürlich meinte sie damit sein Vorhaben, für das Rudel um das Tal zu kämpfen, und das Unglück, dass beinahe wegen ihm daraus geworden war. Und doch...

'Manchmal...',

klang es in ihm nach. Jakash musste unwillkürlich Grinsen, und fühlte sich ein bisschen.. erleichterter. Das Grinsen wich schließlich einem überraschten und bewundernden Ausdruck, als seine Tante über seine Oma und seinen Opa sprach. Letzteren kannte er gar nicht, hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt aber nicht darüber gewundert, weil ihm gar nicht klar gewesen war, dass er eigentlich einen Opa haben müsste. Es war fast so unvorstellebar wie die Behauptung, dass seine Tante und seine Oma mal Welpen gewesen sein sollten... Tatsächlich beschäftigte ihn diese Frage sogar mehr als die Erzählung über Oma Banis... äh.. Absonderlichkeit. Leben und Tod als Begriffe zu verstehen war für ihn schon schwierig genug, und in abstrakten Bahnen oder gar Personifizierungen zu denken, war nicht so einfach. Er akzeptierte es eher, so wie Fell- oder Augenfarbe.

"Wo ist Opa jetzt? Warum ist er nicht hier bei uns?",

fragte er, während sich sein gehirn schon mit anderen Dingen weitergehend beschäftigte. Wenn Oma und Opa Leben und Tod waren, was waren dann seiner Eltern? Oder er und seine Schwestern? Oh, und dann gab es da noch eine Lücke, die geschlossen werden musste...

"Tante Nyo, was bist denn dann du? Und Mama und Papa, und meine Schwestern? Und ich?"


Auch Ninniach hatte den Worten Nyotas mit großem Interesse gelauscht und hatte versucht, dadurch mehr über dieses Rudel zu erfahren - immerhin war sie keine große Rolle und kannte so wirklich recht niemanden außer Face. Sie war dankbar für das Lächeln, das Nyota ihr schenkte, es lag etwas darin, dass ihr bisher nicht begegnet war. Nicht allzuviele freundliche Gesten hatten ihren Weg bisher gekreuzt. Anders als Jakash konnte sie sich besser verbildlichen, wie der Weg, den Nyota gewandelt war, und wie sie eventuell als Welpen gelebt hatten. Die Verbildlichung von Leben und Tod anhand zweier Wölfe fiel ihr jedoch ungefähr genauso schwer. Sie war zwar kein Welpe mehr, der belehrt werden musste, doch es zwang sich ihr eine Frage auf, die sie dringend stellen wollte, doch hielt sie sich zurück. Jakash stellte seine Fragen scheinbar ohne großes Bedenken, worüber Ninniach lächelte - sie hätte gern wieder diesen einfachen Zustand zurück, wäre redegewandter gewesen. Als der junge Rüde geendet hatte, blickte sie zu Nyota.

"Entschuldige... auch ich habe eine Frage; ich möchte nicht unhöflich sein. Aber - welche große Bedeutung ist dem Leben und dem Tod anzumessen? Wirkt es sich nicht... als sehr schwierig aus, eine solche 'Last' zu tragen - wenn es denn eine Last ist."

Kaum hatte sie geendet, überkam sie wieder das Gefühl, schrecklich dumm gewesen zu sein. Peinlich berührt knickte sie die Ohren ein und wünschte, Nyota hätte ihre sinnfreie Frage einfach überhört. Was vermutlich nicht der Fall war, sie saß ja unmittelbar in ihrer Nähe.


Etwas geknickt und stumm saß der tiefschwarze Wolf bei seiner Gruppe und verspürte eigentlich mehr den Drang ganz weit weg zu gehen. Irgendwo hin laufen, nur nicht hier bleiben. Er hatte noch bei Ninniach gelegen, als man sie zum Aufbruch ins Tal zusammen gerufen hatte. Ihn hatte man mit an die Spitze der langen Karawane gesetzt, zu anderen kräftigen Rüden. Doch er war nicht wie sie. Er hatte nicht kämpfen wollen, er hatte nie gekämpft. Bereits in frühster Kindheit, quasi von Anfang an hatte sich bei ihm diese Abneigung gegen Gewalt entwickelt. Ausschlaggebend waren wohl all die Aggressionen seines Vaters, die immer an ihm ausgelassen worden waren. Dabei war er längst kein schwacher, kleiner Welpe mehr. Es gab so Vieles, das er sich Heute vor Augen halten musste, um es nicht zu vergessen. Dabei schockierte es ihn dennoch immer wieder. Sein Geist war inzwischen sechs lange Jahre alt. Seinem Körper fehlte ein Jahr und aufgrund dessen, dass sein endlos schwarzes Fell auch weiterhin nicht das kleinste, hellgefärbte Härchen aufwies, sah er auch sonst viel jünger aus. Nur sein Gesicht und seine Augen, ausdruckslos und leer, hatten nie eine wirklich jugendliche oder gar kindliche Ausstrahlung zugelassen. Und er war Beta dieses Rudels, das er seit nunmehr zwei Jahren begleitete. Eine endlos lange Zeit für einen ziellosen Wanderer wie ihn. Beta, damit stand er direkt unter dem Alpha, welcher den Wölfen längst wieder abhanden gekommen war. Eigentlich war er der ranghöchste Rüde im ganzen Rudel. Es war ... einfach unwirklich. Es passte noch immer nicht zu ihm. So Vieles passte nicht.
Abwesend lauschte Face Taihéiyo Nyotas Erzählung von ihrem Leben und bekam dabei doch jedes Wort mit. Ninniach saß bei ihr, mied seine Nähe, seinen Blick. So, als würde sie ihn nicht sehen, als seie er unsichtbar, so wie damals, so wie immer. Es verletzte ihn, rief Erinnerungen in ihm wach, die wohl niemals vergehen würden. Die Vergangenheit verfolgte ihn bis in alle Ewigkeiten. Und die Wölfin, sie verwirrte ihn. Es war ihm unmöglich ihr Verhalten nach zu vollziehen, er wurde einfach nicht schlau aus ihr, wusste nicht, was sie wollte. Was machte sie? Trieb sie ein Spiel mit ihm? Dieser Gedanke schmerzte. Er hätte vor dem Aufbruch seinen Mund halten sollen, so wie es immer besser gewesen war. Vielleicht hatte sie seine Geschichte verstört, nachdem sie begriffen hatte, was sie wirklich bedeutete. Seine leeren Augen striffen sie kurz, dann blickte er Nyota an, oder mehr ... durch sie hindurch. Er hatte jedes Wort gehört, auch Ninniachs Frage.

Das Leben und der Tod besitzen unvorstellbare Mächte, die sich über alle Regeln hinweg setzen. Mächte, die auch das Gesetz des Seins brechen können. Und sie machen von ihnen Gebrauch, wenn ihnen danach ist.“

Seine Stimme erklang still und war doch klar verständlich. Ein bitterer Beigeschmack lag ihr bei, obgleich sie oberflächlich tonlos wirkte. Face knirschte stumm mit den Zähnen. Der Tod hatte ihn nicht sterben lassen, obwohl er längst gestorben war und das Leben hatte ihn letztendlich zurück geholt, obwohl sein Pulsschlag schon vor endloser Zeit verloschen war. Er kannte bis Heute keine Gründe, würde sie nie erfahren und wusste grade deswegen ganz genau, dass diese Taten alle Regeln und Gesetze gebrochen hatten. Er war das Nichts.


Nyota hatte sich auf ihrem Fels ausgestreckt und sah nun lächelnd zu Jakash herüber, während der Kleine nachfragte. Natürlich hatte er ja Acollon noch gra nicht kennen gelernt...und es war nicht sicher ob er es je tun würde...

"Dein Großvater ist nicht...nunja...sonderlich zuverlässig. Er ist oft fort, eigentlich ist er mehr fort als hier, er lässt Banshee oft alleine mit dem Rudel...so ist er eben...wo er sich wieder rumtreibt kann ich dir nicht sagen...wer weiß, vielleicht erledigt er etwas für Fenris?"

Nyotas Blick war bei ihrer Erzählung über den Schwarzen ein wenig Düster geworden, verbanden sich in ihr doch sehr unterschiedliche Gefühle mit dem Rüden und Todessohn...nicht zuletzt hatten sie sich schon immer bekämpft, aber er hatte sie auch einmal gerettet, im Sog des Wassers, amals...damals... Dennoch waren ihre letzten Worte völlig ernst gemeint - so etwas war, soweit sie wusste, schon vorgekommen...

Die nächste Frage lies Nyota breit lächeln, und sie beugte sich etwas weiter zu Jakash herab. Die Schwarze hatte mit dieser Frage gerechnet, sich jedoch keine Antwort zurechtgelegt.

"Ich? Ich bin deine Tante"

sprach sie grinsend, und stupste Jakash mit der Nase an, wobei sie sich sehr bemühen musste ncht von ihrem Stein zu rutschen. aber sie fand ihr Gleichgewicht rechtzeitig wieder.

"Ich spiele in diesen Dingen keine große Rolle, Jakash, ich bin eins jener Wesen über die Engaya und Fenris richten. Ich kann auf sie hoffen, aber ich bin nicht sonderlich wichtig für sie...deine Eltern...ich glaube sie sind ebenso normal wie ich. Weißt du, es ist nicht bloß eine Sache des Blutes, sondern eine der Seele...deine Schwestern..."

sie zögerte kurz, nickte wie zu sich selbst, und fuhr fort.

"Rakshee ist anders...Banshee wird sie deswegen unterrichten. Die anderen sind jedoch den Göttern nicht besonders nahe. Zumindest haben wir noch nichts davon bemerkt, wenn es denn so ist. Bei dir wird es auch so sein. Was dich jedoch nicht daran hindert in dir besonders zu sein..."

fügte sie zwinkernd hinzu, und wand sich dann an Ninniach, sie lächelte ob der vorsichtigen Worte der Fähe, und überlegte einen Moment, bevor sie antwortete. Die Worte Facés klangen in ihren Ohren, und sie nickte dazu bloß.

"Face hat ganz Recht...jene Mächte die Engaya und Fenris verkörpern sind nahezu unvorstellbar - und du hast ganz Recht, denn wie es mit allen Extremen ist, so haben auch diese beiden - Banshee und Acollon - sowohl die Last und Verantwortung zu tragen die damit einhergeht, sowie auch einige Vorteile zu geniessen...was überwiegt kann man nie sicher bestimmen, doch ist es sicher kein leichtes Los"

Sie war zum Ende hin unmerklich leiser geworden, und sah Ninniach nun aus ruhigen, gelben Augen an. Sie stand in diesem Kreislauf mittendrin und doch war sie kein Teil dessen - nicht so richtig. Und sie war froh darum...

Die gelben Augen fanden wieder zu Jakash zurück.

"Wir alle sind Teil dieses Kreises, stehen zwischen den Göttern und können sie beeinflussen, so wie sie uns beeinflussen können. Manche sind Engaya näher, andere Fenris. Und wir, wir sind alles. Es gibt noch soviel mehr, denn die Spanne ist riesig groß. Und doch kann man sie mit einem Schritt überwinden..."

versuchte sie es zu verbildlichen, und erhob sich wieder zu einer sitzenden Position.

"Und so wie Rakshee die Lehren Engayas ganz genau kennen lernen wird, wirst du zu kämpfen lernen. Es ist ein großer Unterschied, und doch liegt nur ein Augenaufschlag dazwischen."

Meinte sie, und lies den Blick noch einmal lächelnd über ihr kleines Grüppchen schweifen, sah aufmunternd zu Face und lächelte auch Amáya zu - die Schwarze schien sehr unglücklich mit sich und der Welt, und das sollte niemand sein. Nicht hier.


Jakashs Gesichtsausdruck wechselte schier im Takt seines Herzschlages. Verwirrung, Neugier, Verwunderung, Staunen, Unglauben und jede Menge Nachdenklichkeit zeigten sich auf den welpenhaften Zügen und unterstrichen, wie sehr er sich mit dem Gesagten beschäftigte. Er war bemüht, alles zu verstehen, aber zu Vieles entzog sich ihm ganz einfach. Noch zumindest. So konnte er sich unter dem Begriff 'Götter' noch immer nichts Eindeutiges vorstellen. Für Jakash waren Engaya und Fenris soetwas wie Über-Alphas. Sie fällten viele Entscheidungen über das Rudel, obwohl sie nie da waren. Und doch waren sie da - das zumindest behauptete Oma Bani immer. Engaya sei überall und immer da, meinte sie oft. Der kleine Rüde hoffte, dass das für Fenris nicht auch galt. Denn wenn Fenris für den Tod stand - und Jakash verband in erster Linie die Geschehnisse des Kampfes damit - dann wollte er ihn lieber nicht in der Nähe seiner Familie haben. Er wollte nicht, dass seine Träume wahr wurden... Jakash schluckte und versuchte, diese Gedanken zu verdrängen. Es fiel ihm nicht leicht, denn Angst schlich sich immer in sein Gemüt, wenn diese Bilder in ihm aufstiegen. Und es half nicht wirklich, dass seine Tante verkündete, dass er Kämpfen lernen wollte. Der kleine Schwarze legte die Ohren an und duckte sich unwillkürlich ein wenig. Das Bild des fremden Angreifers stieg in ihm wieder auf. Er erinnerte sich an den Geruch des Blutes, an die Schmerzensschreie, als Aszrem eingegriffen hatte...

"Ich glaube... ich will nicht mehr kämpfen...",

flüsterte er leise und senkte den Blick, konnte Nyota dabei nicht ansehen. Und er konnte die Bilder nicht loswerden...


Es waren so viele Dinge, die der Schwarzen durch den Kopf gingen, so viele unterschiedliche Bilder, die durch ihren Geist wanderten und diesen in Unruhe versetzten. Stumm lauschte sie den Worten, die Nyota an sie richtete. Engaya und Fenris. Die Götter, die auf dieses Rudel acht gaben und es beeinflussen konnten. Die Götter, die dieses Rudel durch ihre Abgesandten leiteten. Sie hatte bereits davon gehört, aber besonders viel wusste sie von ihnen allerdings nicht. Zack, in dessen Nähe sie sich gerne aufhielt, regte sich nicht. Der Rüde sprach sowieso nicht sonderlich viel war ihr aufgefallen, aber dass er so beharrlich schwieg? Einen Augenblick blieb ihr regenblauer Blick auf ihm hängen, dann lauschte sie wieder Nyotas Worten. Auch den Wortwechsel zwischen Nyota und Jakash, sowie die Einwürfe von Ninniach und Face hörte sie, aber selber dazu beitragen konnte sie nichts. Ihr fiel nichts großartiges ein, was sie hätte sagen können. Nie hatte sie den Göttern nahe gestanden oder viel mit ihnen zu tun gehabt. Sie war doch nur das kleine, unscheinbare, nutzlose Wesen, welches sich nicht alleine versorgen konnte und dem Rudel hinterher schlich. Das war dann auch schon alles. Amáya legte wieder die Ohren an, den Kopf ein wenig gesenkt. Dabei wollte sie ihre Eltern doch mit Stolz erfüllen, dass sie die Schwarze als Tochter hatten. Aber nichts konnte sie, absolut nichts. Ihre Jagdfähigkeiten waren bei weitem nicht ausgeprägt, die Statur zum Kämpfen hatte sie mit Sicherheit auch nicht, dazu war sie zu klein und schwach und obendrein hatte sie vor so vielem Angst, dass sie es kaum aufzählen konnte. Angst davor jemanden zu verletzten, unnütz zu sein – wobei dies wohl ihre einzige Eigenschaft war, die sie konnte – Angst davor, dass man sie alleine lassen würde... Sie würde wohl immer das kleine, ängstliche, schwächliche Nesthäkchen sein und es auch bleiben. Manche Dinge änderten sich wohl nie.

Ehm... Tante? Zeigen… zeigen sich uns denn die Götter und wie können wir sie erkennen? Also... ich meine...

Unsicher brach Amáya ab. In der Hoffnung etwas sinnvolles beizutragen, hatte sie das ausgesprochen, was ihr durch den Kopf gegangen war. Ob sie den Göttern mal über den Weg laufen würde?

.oO(Nein, mit Sicherheit nicht. Was sollten sie denn für ein Interesse an dir haben?)


Er fühlte sich komisch in dieser Gruppe, der er zugeteilt worden war. Er kannte hier doch niemanden wirklich… Natürlich, er würde versuchen das Beste daraus zu machen, aber fragte er sich doch, warum Banshee ihn von Urion, Ilias und vor allem Sheena getrennt hatte. Nicht, dass er ihre Entscheidung anzweifelte, sie würde schon einen tieferen Sinn haben, nur wüsste er diesen gerne. Grübelnd schlenderte er zu der Gruppe, die sich versammelt hatte und schaute sich alle Wölfe an. Niemand von ihnen würde ahnen können, dass er eigentlich nachdachte. Seine Augen blickten so klar, so anwesend, als ob er sich auf die Gespräche konzentrieren würde, die geführt wurden. Seine ganze Haltung strahlte förmlich eine Zufriedenheit und Sicherheit aus, wie sie sich so manch ein Wolf nur wünschen konnte. Und doch fühlte er sich innerlich gar nicht mehr so sicher. Eher fühlte er sich, ja, man konnte schon fast sagen, zerrissen, dabei wollte er das gar nicht. Nur, fühlte er sich so alleine. Nachdem er aus seinem abgesonderten Zustand und der Trauer von Neyla weggekommen war und nur mit Sheena, Urion und Ilias unterwegs gewesen war, fehlte ihm einfach die Nähe von den vertrauten Gesichtern. Er hatte das Bedürfnis sich mit jemandem zu unterhalten, wollte er aber nicht in die gerade geführten Gespräche hineinplatzen. Er sah Nyota, seine zweite Alpha Fähe, kannte er sie doch kaum, Face Taiéiyo, seinen Beta Rüden, auch ihn kannte er so gut wie gar nicht. Eine weitere Fähe kannte er gar nicht, konnte er sich nicht daran erinnern sie irgendwann einmal gesehen zu haben und dann hab es natürlich noch Jakash Caiyé, den Welpen den sie erziehen sollten. Und noch eine Fähe, kein Welpe aber keine Erwachsene, Amáya hieß sie. Und da überkam es ihn auf einmal, er hatte das Gefühl, dass ein Blitz durch seinen Körper fahren würde und innerlich schüttelte er sich.
Hatte er nicht wirklich den gleichen Fehler zweimal begangen? Was war, wenn diese Fähe genauso wie Sheena reagieren würde? Könnte er dies aushalten. Oder irrte er sich jetzt und seine Erinnerungen spielten ihm einen Streich? Nein, unmöglich, Amáya musste die Jungwölfin sein, die seiner geliebten Neyla und somit auch ihm anvertraut worden war. Genauso wie Sheena hinterher. Und er hatte den gleichen Fehler bei ihr begangen, wie bei Sheena. Nach Neylas Tod hatte er sie vergessen, sich nicht mehr um sie gekümmert. Was war er nur für ein Pate, was war er nur für ein Ziehvater. Innerlich verfluchte er sich, könnte jemand in sein Inneres gucken, würde man nicht glauben, dass dies der ruhige und besonnene Wolf war, wie er den äußeren Eindruck gab. Dass dies der Wolf war, der immer ein offenes Ohr für alle hatte und versuchte ihnen immer zu helfen. Man würde eher meinen, dass er Hilfe brauchte und zwar schnell.
Er schüttelte sich, wollte diesen blöden Gedanken keinen Platz lassen, er konnte jetzt sowieso nichts mehr an der Vergangenheit ändern, konnte nur schauen, dass er die Zukunft, vor allem aber die Gegenwart änderte und zwar so schleunig wie möglich. Mit einem leichten lächeln nickte er allen Wölfen zu, umrundete die halbe Gruppe bis er bei Amáya angekommen war und setzte sich, nicht zu aufdringlich nah, neben sie.

„Hallo Amáya… Hallo, euch Allen. Entschuldigt mich bitte, dafür, dass ich erst jetzt zu euch stoße. Ich habe wohl ein wenig herumgetrödelt und nicht so darauf geachtet euch zu folgen…““

Da war er wieder, der alte, höfliche und besonnene Zack. Er schenkte allen noch ein entschuldigendes Lächeln, besonders Nyota blickte er lange an, ebenso nur ein wenig kürzer Face. Er wollte nicht, dass sie böse auf ihn waren. Danach ließ er seinen Blick zu Amáya wandern. Ließ ihn auf ihr verweilen, in der Hoffnung, dass sie sich nicht bedrängt fühlen würde, in der Hoffnung, dass sie ihn vielleicht erkennen würde. Er wollte sie nicht mit einem Wortschwall überfordern, vor allem weil sie gerade eine Frage gestellt hatte, er wollte sie nicht gänzlich durcheinander bringen. Er wollte einfach abwarten, wie sich die ganze Situation hier entwickeln würde und wie sie ihn annehmen würde. Wie sie auf ihn reagieren würde.


Stumm lauschte sie den Worten der anderen; ohne die Absicht sich nochmal ins Gespräch einzubringen. Im Gegensatz zu ihr schienen Nyota und Face wissend... sie hingegen entsprach den Dummheiten und Eigenschaften eines Jungwolfes - was sie nun eigentlich nicht mehr war. Eher reserviert beobachtete sie das Geschehen und fühlte sich nichtsnütziger als je zuvor. Sie konnte dem jungen Rüden nichts beibringen - außer vielleicht wie man weglief oder dumme Fragen stellte. Aber wer konnte mit solchen Fähigkeiten schon etwas anfangen? Wirklich nützlich war das, was Ninniach konnte nicht. Äußerlich schien sie sehr verhalten, doch in ihr wurde es immer unruhiger und gesträubter - bis sie sich kurzerhand erhob und Nyota entschuldigend ansah.

"Nyota... entschuldigst du mich für einen Moment?"

Sie wollte hier nicht sein, wo sie keine Hilfe sein konnte. Verwirrt, wütend auf sich selbst und traurig darüber sich so nutzlos vorzukommen. Ja, das waren ziemlich viele Gefühle auf einmal... Sicher würde Nyota sich wundern, was das merkwürdige Verhalten ihrerseits zu bedeuten hatte - aber vielleicht ließe sie die Schwarze auch einfach gehen - nicht für lange Zeit; nur kurz durch den Wald und sich selbst suchen und hoffentlich auch finden. Sie wollte sich nur sammeln, kurz für sich sein und die Zeit zum Nachdenken nutzen... sei es ihr vergönnt würde sie halt weiter hier ruhen und tun, was immer sie tat oder tuen sollte. Wie auch immer es sein sollte, sie würde aktzeptieren.


Nyota hatte Augen und Ohren voererst auf Jakash verweilen lassen, sah jedoch immer wieder auf zu den anderen. Zack kam hinzu, und Nyota erwiederte seinen Blick lächelnd und nickte bloß.

"Ist schon in Ordnung, jetzt bist du ja da"

auch sie kannte den Rüden nicht näher, wusste nur dass er am Rande immer da war, ruhig und eher unauffällig in ihren Augen, wie das Wasser. Ruhig und stetig.

Ihr Blick fand zu Jakash zurück, dessen Miene in eine ziemlich unglückliche umgeschlagen war, und der sogleich den Blick senkte, während er ihr leise seinen Widerspruch zuflüsterte. Nyota legte den Kopf leicht schief, versuchte zu verstehen was in ihm vorgehen musste, was in ihm in dieser Nacht vorgegangen war...sie selbst hatte in ihrer Jugend erste Erfahrungen mit Gewalt gemacht, als der Alpha sie damals angefallen hatte...aber da war sie schon eine Jungwölfin gewesen, und es hatte sie nur angespornt stärker zu werden, um sich selbst verteidigen zu können... Sie trat von ihrem Stein herunter auf Jakash zu, senkte den Kopf bis auf seine Höhe und sah ihn an, mit einer Mischung aus gutmütigem Lächeln und tröstender Wärme auf den Zügen und in den Augen.

"Mit dem Kampf, Jakash, ist es wie mit den Göttern. Engaya kann uns Trost, Genesung und Liebe spenden, zugleich ist es für ihre Priesterinnen oft eine große Last all ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Fenris nimmt unsere Liebsten im Tod zu sich, doch ein Wolf der sich nur quält wird sich freuen dem Dunklen zu begegnen..."

sie machte eine kurze Pause, holte Atem und fuhr fort.

"Kämpfen kann deinen Gegner töten, aber es kann auch deine Familie und dich selbst vor dem Tod beschützen. Viele Wölfe kämpfen ungern, weil sie anderen nicht wehtun möchten, aber manchmal muss man abwägen was besser ist - selbst Schmerzen ertragen oder sie anderen zufügen um sich zu schützen. Und zum Beispiel Rangkämpfe sind oft völlig unblutig, weil es nicht darum geht einander zu verletzten, sondern darum herauszufinden wer der Stärkere ist. Es ist letztendlich deine Entscheidung..."

sie hob den Kopf wieder, sah kurz über die anderen Wölfe hinweg, und senkte ihre Stimme wieder etwas.

"...aber es liegt dir im Blut...und in manchen Positionen ist es unabdingbar kämpfen zu können..."

schloss sie sehr leise, und lächelte Jakash an. Bevor sie wieder auf ihren Felsen hüpfte zwinkerte sie ihm zu, nur ein winziger Moment, aber ihr Lächeln hatte in dieser Sekunde etwas überaus verschworenes angenommen. Nyota setzte sich wieder auf ihren warmen Fels, und sah sogleich zu Amáya herüber.

"Die Götter sind immer um uns, mal deutlicher und mal im Verborgenen. Als ich damals ins Gebirge kam war die Chance das Rudel zu finden verschwindend gering. Die Kälte hatte meine Nase völlig taub werde lassen, aber ein bestimmtes Gefühl hat mich den ganzen Weg über geführt, bis ich vor Banshee stand...es war Engaya die an meiner Seite war. Bestimmt hast auch du sie schon gesehen, ohne es ahrzunehmen...es sind oft kleine Dinge, die uns im ersten Moment gar nicht auffallen"

erklärte sie lächelnd, und deutete auf ein paar Blätter, die vom Wind an ihnen vorbeigetragen wurden.

"Engaya ist in allem, und immer wenn ein kleines Ding dich zum Lächeln bringt, kannst du dir sicher sein dass sie es ist..."

Tatsächlich lächelte nun auch Nyota wieder recht breit, und fragte sich einen Moment lang wer eigentlich ihre Maulwinkel dermaßen in die Höhe gezogen hatte.

"Vor den Göttern gibt es kein zu klein oder zu groß. Vor ihnen hat jeder seinen Wert, ob er sie verspottet oder sie verehrt. Sie sind wohl launisch, aber sie sind auch...nun...Götter"

schloß sie, zwinkerte auch Amáya zu und sah dann zu Ninniach herüber, als die Fähe sich an sie wand.

"Natürlich"

gab sie freundlich zurück, und sah in die Runde, neuer Fragen harrend.


Jakash wurde aus seiner Trübsinnigkeit gerissen, als die andere schwarze Fähe eine Frage stellte - und Nyota auch mit 'Tante' ansprach! Der kleine Rüde hob überrascht den Kopf und starrte Amáya an. Vor Verblüffung war er gar nicht Fähig, sein Erstaunen in Worte zu fassen und sie zu fragen was das sollte. Sie war jawohl nicht seine Schwester, dafür war sie ja viel zu alt, und überhaupt kannte er sie ja fast gar nicht! Jakash sah zu SEINER Tante und wollte sie fragen, wollte protestieren, aber Nyota wandte sich zunächst an einen Rüden, der zu ihrer Gruppe dazu kam, und dann wieder an ihn.
Jakash lauschte aufmerksam und vergaß darüber diese seltsame verwandtschaftliche Verstrickung. Es wurde ihm wieder schwer ums Herz, als Nyota vom Kämpfen sprach und dazu sich auf die Götter bezog. Jakash mühte sich ihren Ausführungen zu folgen, während in seinem Kopf die Gedanken und in seiner Seele sich die Gefühle überschlugen. Er fühlte sich so kleine angesichts der Erwartungen, die seine Tante in ihn setzte. Aber ihre Worte drangen durch und berührten den einen Punkt, der seine Ängste mit einem Schlag bröckeln ließ. Er sah wieder diesen Augenblick vor sich, als der feindliche Wolfe sich auf ihn und Rakshee stürzte und Aszrem den Fremden angsprang, um sie beide zu beschützen. Beschützen.
Seine Schwester, seine Familie hätte verletzt werden können wegen ihm - seine Träume wiesen ihn fast jede Nacht darauf hin. Das würde niemals geschehen, wenn er sie retten, sie beschützen könnte. Wäre er größer und stärker gewesen und hätte zu kämpfen gewusst, hätte er sie selbst verteidigen können. Er war der Erstgebrorene und einziger Rüde des Wurfes - wer, wenn nicht er, musste jetzt und später seine Schwestern und Eltern beschützen? Der Entschluss war so schnell gefasst, dass Jakash sich dessen zunächst gar nicht bewusst war. Er sah in seinem Innneren, wie die Träume sich wandelten und ein besseres, ein gutes Ende nahmen. Damit es nicht nur Wünsche blieben, musste er tun, was seine Tante von ihm verlangte. Er musste kämpfen lernen... Jakash sah auf und seiner Tante ins Gesicht. In seinen Augen standen Zuversicht und Entschlossenheit.

"Ich will sie beschützen! Wann fangen wir an?",

erwiderte er, und es war wohl Antwort genug....


Abwesend lauschte die Schwarze den Worten ihrer Tante, die sie bisher nie richtig in Augenschein genommen hatte. Auch wenn sie ihre Verwandte, ein Teil ihrer Familie war – die gestörte Verbindung zu eben jenen hatte Amáya noch nie wirklich zu ihnen geführt. Sie kam sich schon immer vor, als sei sie nur ein Nebenbild, etwas, was wohl existent war, aber nur am Rande mit lief. Ein kleiner Name neben ihren Geschwistern, der in dem Stammbaum der Familie auftauchte und so unbedeutend und so namenlos war, als wäre sie Nebel. Ihre regenblauen Augen wanderten kurz zu Zack, der sich nun endlich an schloss, eine kleine Sicherheit an ihrer Seite. Seitdem ihre Patin verstorben war, hatte sich der Rüde immer weiter zurück gezogen. Die Jungfähe konnte es ihm nicht verübeln und dennoch war da ein Stich, ein Schmerz in ihrem Herzen. Ein Ohr zuckte und sie blickte eine Sekunde in die warmen Augen des Rüden an ihrer Seite, als Zeichen das sie ihn bemerkt hatte, Worte hatte sie allerdings nicht an ihn zu richten.
Ihr Augenmerk lag nun wieder auf der Unterhaltung von Nyota und Jakash, einem Sohn ihres älteren Bruders. Auch diese Welpen hatte sie nie wirklich erlebt, nur am Rande ihre Namen aufgeschnappt, da sie sich aber meist abseits hielt, hatte sie nie wirklich viel mit bekommen. Schweigend verharrte Amáya, verfolgte die Worte die allerdings größtenteils doch an ihr vorbei tröpfelten. Wie Regen flossen sie in ihr Bewusstsein, hielten sich dort allerdings nicht lange, sondern wurde bald darauf wieder heraus geschwemmt. Als würde die junge Fähe in einer Art Trance schweben, merkte sie nicht, wie Nyota ihren Platz verließ. Erst als ihre dunkle Tante sich wieder zurück bewegte und sie den Blick auf ihr spürte, hob sie den Kopf und schaute ihr ins Gesicht. Die Götter waren also überall.

.oO(Nur gewiss nicht bei mir, mich haben sie vergessen. Ich bin ja doch nur am Rande existent...)

Weiter sagte sie allerdings nichts dazu, gab nur ein leises Brummen und ein Nicken von sich. Sie hatte verstanden, wirklich viel konnte sie damit allerdings nicht damit anfangen. Zum Beispiel wurde ihr nicht erklärt, weswegen ihre andere Hälfte hatte sterben müssen, noch ehe sie das Licht der Welt erblickt hatte, weshalb da diese Distanz zwischen ihr und ihrer Familie herrschte, die vor allen Dingen in Augenblicken wie diesen fast schon greifbar war, warum ihre Patin hatte gehen und sie gänzlich alleine lassen müssen und schlussendlich, was man für sie vorgesehen hatte, wo ihr Leben doch so rein gar keinen Sinn erfüllte. Zumindest keinen offensichtlichen. Die Fragen wirbelten ihr durch den Kopf, greifen konnte sie diese allerdings nicht und ihnen verständliche Worte geben auch nicht. Wer verstand, was in ihr vorging, wo sie es doch selber nicht wirklich begriff. Wieder nickte sie nur langsam, zurück in ihre Trance fallend und den apathischen Blick in den Himmel richtend.


Nyota sah wieder zu Amáya herüber, erwartete noch eine Reaktion, aber die Jungwölfin schien jetzt zu wissen was sie wissen wollte, und nickte nur brummend.
Damit wand Nyota sich wieder Jakash zu, und beinahe im selben Moment sah auch er wieder zu ihr auf. Nyota sah sofort die Veränderung in seinem Blick, und ein verschwörerisches Grinsen floss in ihre Züge ein, während sie Jakash Worten lauschte. Zwar konnte sie nicht sagen was genau es gewesen war, aber offensichtlich hatte sie genua den Effekt erzielt den sie sehen wollte. Zufriedenheit mischte sich in das Lächeln der Schwarzen, und langsam erhob sie sich auf dem Stein, mit sichtlich herausgezögerten Bewegungen und diesem immer breiter werdendem Grinsen, das längst jedem zeigte dass sie mit dieser Antwort überaus zufrieden war. So langsam wie sie sich erhoben hatte, duckte sie sich nun wieder etwas, den Kopf deutlich senkend, und mit nun mehr lauerndem Blick. Da es still geworden war über der kleinen Gruppe, knnte man bei jeder Bewegung das sanfte Rascheln ihres Fells vernehmen, und die Luft um sie schien beinahe zu Knistern. Bis sie plötzlich lossprang, direkt vor Jakash abrupt aufkam und mit funkelnden Augen zu ihm herübergrinste. Ihre Stimme war genauso voller Spannung wie ihre ganze Haltung, und es lag eine unüberhörbare Herausforderung darin.

"Jetzt!"


Er hatte es gesehen, jede einzelne ihrer Bewegungen, und das mit einer Klarheit, die ihm als solches gar nicht bewusst wurde. Sie machte es ihm ja auch einfach, sie wollte, dass er sie beobachtete, dass er sie kommen sah. Trotzdem zuckte er ein wenig zusammen, als sie plötzlich vorschnellte und direkt vor ihm landete. Aber nur ein wenig, denn er hatte ihn erwartet, diesen Sprung. Seine Lefzen zuckten und verzogen sich zu einem schelmischen Grinsen. In den Augen seiner Tante sah er den gleichen Ausdruck wie ihn Kursaí immer hatte, wenn seine Schwester mit ihm herumbalgte und sie ihre kleinen Kämpfe austrugen. Erwartungsvoll, herausfordernd, lauernd. Jakash erhob sich langsam und duckte sich dabei, alle Muskeln angespannt. Leicht pendelte seine Rute noch, Zeichen des welpischen Spiels, das es für ihn noch war. Es fiel ihm nicht leicht, sich nur auf seine Tante zu konzentrieren, denn da war noch der Rest der Gruppe, der zwar nicht viel getan hatte bisher, aber eben trotzdem präsent war. Jakash war alt genug um sich beobachtet zu fühlen und sich dadurch beim Spielen komisch vorzukommen, solange das Spiel selbst ihn noch nicht so sehr gefangen hatte, dass er alles um sich vergaß. Seine Haltung wirkte daher noch steif und unsicher. Jakash überlegte fieberhaft, was jetzt das klügste wäre und hatte gleichzeitig Angst davor, sich vor allen zu blamieren. Er wollte sie so gerne beeindrucken, und traute sich dennoch nicht...