03.01.2010, 15:44
Die Temperaturen waren weiter gefallen, die Schneemengen hatten nur noch zugenommen. Bald schon hüllte das gesamte Tal eine dicke Schneeschicht ein. Er reichte den Wölfen teilweise bis zu den Flanken und es hörte nicht auf zu schneien. Selbst vom See war nichts mehr zu sehen, wie eine große, schneebedeckte Ebene lag er da. Die Jagd fiel den Wölfen leicht, denn noch schwerer als sie selbst hatten es die Beutetiere. Viele verendeten weil sie kein Gras mehr fanden, andere waren so schwach, dass sie sich in dem hohen Schnee kaum mehr bewegen konnten. Wäre es nicht so kalt, wäre es sicher eine sehr angenehme Zeit gewesen. Doch so lagen die Wölfe oft eng zusammen oder bewegten sich, um warm zu bleiben. Das Fehlen einer Höhle fiel nun zum ersten Mal auf, es wurde dennoch keine gesucht. Dazu hätten sie sich wohl bis zu den Bergen durchschlagen müssen, viel zu weit fort von ihrem angestammten Rudelplatz und den bekannten Jagdgebieten. Auch der Winter würde vorbeigehen und schon bald würde es wieder warm werden.
Eine ganz andere Gefahr als der Winter und die Kälte dämmerte derweil im südlichen Teil des Reviers herauf. Etwas entstand, das alles andere verschluckte. Bäume, Gras, Steine, Tiere, alles verschwand wie von Geisterhand und zurück blieb … nichts. Eine unbekannte Gewalt war aufgekommen, die noch kein Wolf zuvor gesehen hatte. Das Nichts. Was es verschluckte verschwand, als hätte es es nie gegeben, kein Loch, keine Schwärze, kein Nebel blieb zurück, sondern einfach nichts. Und es breitete sich aus. Langsam, endlos langsam aber unaufhaltsam.
Es waren vier Wochen seit dem Tod Zacks vergangen. Weiterhin schneite es und die Temperatur war auf -19 Grad gefallen. In dieser kalten Zeit hielt sich das Rudel meistens möglichst eng zusammen, besonders die Welpen – die mittlerweile schon fast zu Jungwölfen herangewachsen waren – wurden ein wenig mehr als sonst umsorgt. Die Sonne war vor einigen Stunden aufgegangen. Der Winter hält sich ungewöhnlich lang, normalerweise kamen um diese Zeit bereits die ersten Frühlingsblumen. Die ersten Sorgen – besonders die der werdenden Mütter – erwachen.
Seit der Paarung sind ebenfalls etwa vier Wochen vergangen – etwa die Hälfte der Tragezeit ist damit um, die Babybäuche sind bereits gut sichtbar.
In Banshees Bauch brannten höllische Schmerzen. Schon seit einigen Tagen tat ihr alles weh, auch wenn sie sich zunächst nichts weiter dabei gedacht hatte. Sie hatte bereits zwei Schwangerschaften hinter sich, aber noch nicht hatte sie solche Schmerzen erlebt. Dazu kamen der hohe Schnee, der es ihr kaum möglich machte, sich richtig zu bewegen und die Schwäche, die an ihr hing wie eine festgebissene Schlange. Sie hatte eigentlich zu Amáya gehen wollen – immer wieder stattete sie ihrer Tochter einen Besuch ab – aber jetzt lag sie zusammengekrümmt unter einer Tanne, die groß und stark genug gewesen war, kein Schnee unter ihre Äste zu lassen. Leises Fiepen kam aus ihrer Schnauze und ihre Augen waren zusammengekniffen vor Schmerz. Ganz kurz hatte sie überlegt, ob das das Ende war, dann hatte sie den Gedanken schnell wieder verscheucht. So würde sie nicht sterben. Nein, irgendetwas anderes wütete in ihr und sie hatte das Gefühl, nichts anderes tun zu können, als darauf zu warten, dass es sich wieder beruhigte. Manchmal wurden die Schmerzen ein wenig schwächer und sie dachte schon, dass sie sich wieder aufrichten könnte, doch schon im nächsten Moment wurde sie wieder in die Knie gezwungen. Ihr Atem ging schnell und heftig, manchmal hatte sie das Gefühl, kaum Luft zu bekommen. Vor Verzweiflung hatte sie einen kurzen aber starken Ast ins Maul genommen und biss bei jeder neuen Schmerzenswelle so fest zu, dass sie nicht schreien konnte. Ihre Zähne hatten sich schon tief in den Stock gebohrt und bald würde er auseinanderbrechen. Dabei war er sicher mindestens so dick wie ihre Schnauze. Manchmal flehte sie zu Engaya, doch immer öfter hatte sie das Gefühl, weit weg von ihrer Mutter zu stehen und sie nur irgendwo in der Ferne zu sehen, ungehört und selbst ungesehen. Wie war es dazu gekommen? Und warum stand sie ihr jetzt, in dieser schrecklichen Stunde nicht bei? Warum stand ihr niemand bei? Einsamkeit flutete ihre Seele und bereitete ihr nur noch mehr Schmerzen. Wäre nur Acollon bei ihr. Wäre er nur endlich wieder bei ihr. Die Gedanken endeten abrupt mit einer neuen Schmerzenswelle und alles war vergessen. Nur noch der Schmerz war da.
Kylias Pfoten meinten ihr abzufallen. Sie rannte so schnell, wie sie noch nie in ihrem ganzen Leben gerannt war. Abwechselnd meinte sie hinzufallen, zu ersticken oder gegen einen Baum zu rennen. Alle diese drei Möglichkeiten waren aber ausgeschlossen, denn sie musste so schnell es ging Banshee oder Nyota erreichen. Was sie gesehen hatte, machte ihr höllische Angst und gleichzeitig verstand sie es nicht. Was sie gesehen hatte, war … nichts. Wenn sie das so einer der Leitwölfinnen erzählen würde, würde sie sie auslachen. Es klang auch nicht gerade bedrohlich. Sie hatte nichts gesehen, das war ja schrecklich, möglicherweise würde nichts passieren! Hätte Kylia nicht solche Angst, hätte sie über ihre eigenen Gedanken gelacht. Aber dieses Nichts war nicht einfach nur für sich nichts … es hatte sich dazu entschlossen, auch anderes zu Nichts zu machen. Kylia war einfach sorgenlos im Wald herumgehüpft, hatte auch diesen südlichen Teil des Reviers ein wenig erkunden wollen und hatte dabei plötzlich etwas Seltsames zwischen den Bäumen gesehen. Ein großer Fleck … ja … ein Fleck Nichts. Zunächst hatte sie gedacht, es wäre eine Schlucht und wollte schon sorglos darauf zulaufen, als sie gesehen hatte, wie ein kleiner Strauch ganz langsam verschluckt wurde. Zuerst war er noch hübsch grün, wenn auch etwas schneebedeckt … doch plötzlich war er grau geworden und dann hatte er sich langsam aufgelöst. Kylia war wie erstarrt stehengeblieben. Nach kurzem Nachdenken hatte sie einen Stock ausgebuddelte und ihn versucht, in diese angebliche Schlucht zu werfen und dann die Ohren gespitzt. Aber der Stock hatte weder wirklich ausgesehen, als würde er fallen, als er verschwand, noch hörte sie einen Aufprall. Als schließlich ein kleiner Vogel über den Schnee gesprungen war, ganz in seine Suche nach etwas Fressbarem vertieft und sich ohne zu merken diesem Was-auch-immer genähert hatte, hatte Kylia ängstlich den Atem angehalten. Und tatsächlich … der Vogel war ohne es zu merken halb rückwärts ins … Nichts gesprungen und plötzlich weg. Wäre er gefallen, hätte er ja wohl seine Flügel ausbreiten und davonfliegen können. Aber nichts dergleichen. Da hatte sie die Angst gepackt. Wie von einer Tarantel gestochen war sie losgeprescht, Richtung Rudel. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon lief, aber es war noch dunkel gewesen, als sie das Nichts gesehen hatte. Jetzt endlich, sie meinte wirklich gleich zu sterben, trug ihr die Luft endlich Nyotas Geruch zu und hätte sie noch genug Atem gehabt, hätte sie vor Freude laut geheult. So aber rannte sie nur weiter der Witterung nach und hoffte, dass Nyota nicht genauso schnell auf den Pfoten unterwegs war wie sie. Endlich, endlich, endlich hatte sie die Schwarze erreicht und bremste vollkommen außer Puste knapp vor ihr ab. Wie eine Erstickende schnappte sie erstmal einige Sekunden nach Luft, wollte sich aber nicht unnötig Zeit lassen.
“Nyota … ich … da …“
Weiterhin gierte ihr Körper nach Luft, sodass sie ihm noch ein wenig Zeit gewährte um wie wild zu atmen. Endlich hatte sie sich zumindest ein wenig im Griff und sprach sofort weiter.
“Ich war weiter südlich im Revier … da … da ist etwas Schreckliches. Es ist … leer, aber es macht Leere. Es frisst Bäume und Tiere. Und den Boden. Es hinterlässt … ähm … nichts.“
Das war nicht direkt verständlich aber Kylia fehlten die Worte, um noch mehr zu erklären. Sie war sich nur hunderprozentig sicher, dass es eine Gefahr für sie alle sein würde und dass sie dringend irgendetwas tun mussten. Und wer war da besser als Nyota? Sie hatte riesen Glück, gerade auf die schwarze Leitwölfin zu treffen. Auch wenn Kylia sich kaum vorstellen konnte, dass irgendein Wolf, etwas gegen dieses … Nichts … tun konnte.
Der Schnee war eigentlich nie sein Gebiet gewesen, der Winter nie seine Jahreszeit. Er mochte den Sommer, wenn ihm die Hitze auf den Pelz schien, er liebte den Herbst wenn die Blätter und der Himmel sich in ihren schönsten Farben zeigten, auch der Frühling in seinem neuen Leben glänzte vor Schönheit. Nur der Winter, war ihm eindeutig zu kalt. Und zu verschneit und hier schien er eine ganz schön hartnäckige Winterlandschaft betreten zu haben. Doch er betrübte nicht. Insgesamt war die Situation weniger schlimm, denn schließlich war der Wolf mit dem nordöstlichem eben solche Kälte eigentlich in die Muttermilch gegeben worden. Vielleicht, stellte er sich das Ganze auch einfach nur viel schlimmer da, als es eigentlich war.
Unermüdlich schüttelte sich Yerik erneut den Schnee aus dem dichten, braunen Fell, hob die Pfoten etwas höher um besser durch die hohe Schneedecke zu kommen. Einfach war es nicht und Pausen hatte er auch schon zur Genüge gemacht, dennoch ließ sich der Braune kaum etwas anmerken, schien sogar vergnügt über die Situation. Er konnte eigentlich an allem etwas finden, selbst an der kleinsten Kleinigkeit, wenn er denn wollte und auch jetzt beobachtete er voller Vergnügen die Eiskristalle die vor seiner Schnauze als Schneeflocken zu Boden vielen. Wenn sie seinen Fängen zu nahe kamen machte er sich den Spaß daraus und schnappte keck nach ihnen und ein paar Mal hob er sogar die Pfoten etwas aus dem Schnee um nach ihnen zu haschen. Doch das Gleichgewicht vor auf dem rutschig, kalten Untergrund nicht wirklich gegeben, so das es ihn relativ schnell wieder auf alle Viere riss. Schöne Spuren würde das geben. Doch er hielt nicht in seinem Weg inne. Der Wanderer war auf der Suche nach dem nächsten großen Arbenteuer und er war sich sicher, das er es hier inmitten dieser wunderschönen Schneelandschaft finden konnte. Musste er doch nur suchen. Die Bernsteinfarbenen Augen funkelten fröhlich, während er sich weiter vorkämpfte. ES war schon irgendwie sonderbar. Ein einzelner, strahlender Timberwolf der sich durch eine tiefe Schneedecke kämpfte und dessen Fell schon wieder so dicht von weißen Flocken besiedelt war, das er sich bald selbst als Schneehügel ausgeben konnte. Ja. Ein lustiger Gedanke. Wieso sollte er nicht ein wenig Spaß haben? Hunger hatte er keinen, denn auf seinem Weg war er auf mehr als genug erfrohrene Tiere getroffen. Sie waren zwar ebenso kalt wie tot gewesen, aber fressbar waren sie allemal.
Nun aber hielt der Wolf inne, hob witternd den Kopf. Er war zwar ein Wanderer, dennoch war er mit den Regeln der Rudel vertraut und auch mit Reviergrenzen. Und hier, zwischen Schnee und Eis machte er unweigerlich die Grenze eines fremden Reviers aus. Wenn es durch die dicke Schneedecke hindurch zu erkennen war, wohl ein starkes Rudel, welches schon lange hier lebte. Einen Angreifer hätte dies sicherlich abgeschreckt, einen Anderen verunsichert, doch Yerik hatte keine bösen Gedanken, er wollte nur etwas Gesellschaft und Wärme haben, etwas Spaß um sich die Zeit zu vertreiben bis er, in vielleicht etwas wärmeren Zeiten und vor allem nicht so verschneiten weiter ziehen konnte. So einfach. Also würde er sich wohl diesem Rudel jetzt und hier zu erkennen geben müssen, ohne die Grenzen dabei zu überschreiten, dies würde er erst tun, wenn ihm diese Erlaubnis erteilt wurde oder aber man ihn holen kam. Munter hob der Rüde die Schnauze zum verschneiten Himmel, Flocken trieben ihm in die Augen, so das er unweigerlich blinzelte, dennoch hob er die melodische Stimme zu einem Heulen an.
"Ich grüße euch fremdes Rudel. Ein Wanderer sucht Schutz vor Schnee und Kälte und würde gerne eine Weile bei euch verweilen wenn dies möglich ist. Ich befinde mich an der westlichen Reviergrenze."
Er sprach förmlich und doch frei aus der Seele heraus. Wo hatte er das eigentlich aufgeschnappt? Gute Frage. Darüber würde er sich wohl mal Gedanken machen müssen. erneut schüttelte er den dichten Pelz während er ein wenig zur Seite lief. Sich hinzusetzen wäre bei diesem Schnee hier wohl keine sonderlich tolle Idee, wenn er nicht wirklich als Schneehügel herhalten wollte. Westen? Ja, das war Westen, eindeutig. Wie sollte es der Rüde der mit dem Horizont zog auch anders ergehen? Munter trabte er ein wenig auf und ab, ein Reflex um sich selbst nicht alzu kalt zu fühlen. Bewegung war da ja doch irgendwie die beste Medizin.
Teilnahmslos hatte die Dunkle den Dingen geharrt. Es war ihr egal gewesen, was alles auf sie zu kam. Sie hatte das was war einfach passieren lassen, es in ihr Gehirn hinein und ebenso schnell auch wieder heraus gelassen. Es war von keinem Interesse für sie. Es scherte sie nicht, dass sie fast wie in jungen Jahren einen Aufpasser hatte, der allerdings ein wenig wachsamer war, als ihre unfähigen Paten. Sie verdrehte die Augen wann immer sie dem grauen Rüden über den Weg lief. Er nervte sie alleine schon mit seiner bloßen Anwesenheit.
Warum begriff ihre Mutter nicht, dass alles umsonst war? Sie war nicht mehr die Selbe. Ein Monster ohne Herz. Und es machte ihr noch nicht ein Mal etwas aus. Dieses kleine Bruchstückchen, welches sie wohl übersehen hatte und an Zacks Todestag hervor gekrochen war, hatte sie nun feinsäuberlich versperrt. Sie musste sich daran erinnern, was ihr eigentlicher Plan war. Der Kampf und der Tod eines Rudelmitgliedes hatten definitiv nicht dazu gehört, ändern konnte sie es allerdings nicht. Das sie es ein kleines bisschen bereute, würde sich Amáya jedoch niemals eingestehen. Die regenblauen Augen wanderten über das bibbernde Rudel, nur sie hielt sich von den Wölfen fern. Sie hatte keine Lust auf die ganzen Visagen, denen sie nicht in die Augen blicken konnte und auch nicht wollte und überhaupt ging ihr das alles so ziemlich auf die Nerven. Dieses ganze Gerede „Ich liebe alles und jeden. Ich bin Eins mit der Natur. Schade nur, dass ich so abgehoben bin.“ war in ihren Augen überflüssig und total abgedroschen. „Lasse die Liebe in dein Herz und finde dich wieder.“ Da konnte sie ja nur noch lachen, bis ihr die Tränen kamen und ihr Gesicht vor lauter Lachfalten ganz runzelig wurde. Mit einem Gähnen legte Amáya den kopf auf ihren anderen Lauf. Ihr war langweilig und dieses Nichtstun tat ihrer Laune auch keinen Anstoß. Sie prustet ein wenig und wirbelte einzelne Flöckchen, die vor ihr eben erst zu Boden gesegelt waren auf. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie eine Fähe, die hysterisch und Eins - nicht mit der Natur- aber mit ihrer Hyperventilation auf Nyota zu lief und irgend eine ach so schreckliche Geschichte erzählte. Vom bösen, bösen Nichts.
Die Fähe rollte nur mit den Augen. War sie hier bei den Märchenstunden gelandet oder so etwas? Aus dem Alter, dass sie davor Angst hatte und sich verkroch war sie lange raus.
„Behalt deine Geschichten für dich. Die nächsten Welpen werden erst später erwartet, alle anderen interessieren sich null und nichtig dafür.“
Brummelnd wandte sie den Kopf ab und selbst wenn man auf ihre schnippische Bemerkung reagieren würde, sie würde es gekonnt überhören. Am liebsten würde sie auch dieses Heulen überhören, welches nun erklang, dann flammte in ihr der Wunsch auf etwas wie „Armer Irrer. Hast dich bei den abergläubischen Amokwölfen verirrt, die nun Angst vor dem Nichts haben.“ zu antworten. Stattdessen begnügte sie sich mit sarkastischen Gedanken und bettete den Kopf nun zwischen den Läufen. Sie würde noch um kommen vor Langeweile.
Aus wenigen Tagen war ein Monat geworden. Noch immer waren sie im nördlichen Teil des Reviers. Beteten und fasteten. Natürlich nur die Rüden, denn sie waren es ja gewöhnt. Doch, doch heute würde er, Kandschur, das alles brechen denn für ihn war es Zeit etwas Ordnung in sein Leben zu bringen.
"Liam?"
fragte er leise und wandte den Kopf zu seinem Gefährten. Seine Stimme war kraftvoller als je zuvor. Es lag etwas in der Luft. Nur bemerkbar für sie beide. Etwas neues, aufregendes. Kandschur lächelte ehe er sich aufrappelte und den Schnee aus seinem Fell schüttelte. Gut dass Kisha und Aradis abseits lagen, denn das was nun käme, ginge sie wirklich nichts an. es war etwas intimes, wundervolles. Nicht für jedermans Augen gedacht.
"Kommst du mit? ich möchte Spazieren gehen"
Er stand quer zu Liam und wedelte leicht mit der Rute, auffordernd und abwartend zugleich
Einige Zeit war vergangen und der Winter brach in völliger Härte ein. Kälte, eisiger Wind und das Rudel musste sich Schutz bei jenen suchen, die ebenso unter den neuen Umständen litten. Aber nicht nur diese Veränderung griff um sich, nein, langsam aber sicher konnte man die tragenden Fähen deutlich von den Anderen unterscheiden, sie wurden dicker. Nur Banshee konnte der Grauen nur wenig in Augenschein nehmen, immer seltener konnte man die Weiße erspähen, viel öfter suchte sie die Einsamkeit. Jedes Mal wollte Akru ihr folgen, und doch hielt er sich zurück, ließ sie gehen, ließ sich nichts anmerken.
Seiner Aufgabe wurde der Rüde mehr als gerecht, auch wenn Amáya ihm immer wieder deutlich machte, dass sie genervt war und keinen brauchte, der auf sie Acht gab. Nein, der Hüne klebte an ihren Fersen, ließ sie keinen Augenblick aus den Augen.
Wenn gleich es auch nicht die Beschäftigung war, die er sich erwünschte. Und so auch nun. Seine Sorgen um die weiße Leitwölfin waren unermesslich gewachsen und er wollte nicht länger darauf warten, dass ein Anderer die Initiative ergriff und sie suchte. Zumal er deutlich spüren konnte, dass es ihr schlecht ging.
So erhob sich der Graue und stampfte auf die schwarze Tochter zu.
“Na kleiner Todesengel.“,
brachte er als Begrüßung hervor, konnte den Sarkasmus allerdings nicht völlig für sich behalten. Doch bevor sie antworten konnte, brachte er sein Anliegen hervor, ohne, dass man ihm widersprechen sollte.
“Ich bitte Dich in den paar Minuten wo ich Dich jetzt alleine lassen werde, keinen Unfug zu machen. Ich werde nach Deiner Mutter suchen.“
Den sorgvollen Unterklang in seiner Stimme konnte er jedoch nicht gänzlich verbannen. So schenkte er der Nachtschwarzen ein leichtes Nicken und ging an ihr vorbei. Das ich noch einmal in den Genuss einer Erziehung komme, hätte ich bei meinem Alter nicht mehr gedacht, die reinste Satire.
Je näher er dem Wald kam, desto schneller wurden seine Schritte, bis er endlich ein gutes Tempo erreicht hatte. Banshee zu finden würde nicht lange dauern, ihr Geruch war wie ein Leitpfaden. Er hoffte nur, dass es ihr gut ging und vor allem, dass sie ihn nicht gleich wieder wegschickte. Nach der letzten Auseinadersetzung hatte er keine Gelegenheit gefunden mit ihr noch einmal das Gespräch aufzusuchen. Was aber seine Gedanken erst recht zum rasen brachte, war die Annahme, dass er auch bei ihr einen leichten Bauchansatz erkennen konnte. Auch wenn er ausschloss, dass sie wirklich trächtig war, mochte dieses Gefühl einfach nicht verschwinden.
“Banshee“,
sprach er entsetzt aus, als er die Leitwölfin wankend erblicken konnte. Rasch sprang er an ihre Seite und stützte sie. Es sah wirklich nicht gut aus und zum ersten Mal lag auch eine wirklich Angst in seinen Augen. Angst um Banshee.
“Was ist los? Banshee, sag etwas!“,
flüsterte er leise und vergrub seine Schnauze unter ihrem Kinn.
Cuma ging es wieder besser. Aber nicht gut. Nein, Kenshi hatte sich nicht wieder gezeigt, vielleicht war er wandern gegangen. Aber die Graue wusste es nicht. Eigentlich war es auch nicht mehr wichtig, er war schon so lange weg... die Fähe suefzte leise. Sie erhob sich, eigentlich hatte sie sich schon ein wenig gewöhnt. An den Schmerz. Ihr Bein. Ihr rechter Hinterlauf war nicht in Ordnung gekommen. Noch ein leichter Seufzer. Es ließ sich wohl nichts dran ändern. Sie war ein Krüppel geworden. Ihr Blick schweifte ein wenig umher. Nun, sie wusste, dass sie Cumará Tumaan hieß. Und noch ein paar, wenige Dinge. Über Kenshi wusste sie jedoch noch alles. Irgendwie seltsam. Sie schüttelte kurz den Kopf, sie hatte zwischen zwei anderen Wölfen gelegen, darunter auch Malicia. Sie verdankte ihr ihr Leben. Ohne die Schwarze hätten sie nicht die Höhle gefunden. Sie stupste die Fähe kurz an. Dann lächelte sie breit. Etwas ungelenk erhob sie sich. Ihr rechter Hinterlauf war steif.
oO(Krüppel...)
Etwas betrübt starrte sie auf das Bein. Nein, es war nicht gerecht. Sie war noch jung. Oder? das Alter kam, schneller, als man dachte. Und sie war ein Krüppel geworden, mit drei Jahren. Bekümmert starrte sie vor sich hin. Sie liebte es, zu laufen. Lange Strecken. Allein. Oder auch mit jemandem. Doch das kontne sie so doch vergessen...
Cyriell fühlte sich... seltsam.
Er lebte in einem Rudel. An einem festen Ort. Kein endloses Wandern, keine Suche, die ihn trieb. Er war hier, sein Bruder war hier - äh, hier irgendwo zumindest - und noch viele andere Wölfe waren da. Nunja, das zeichnete ja schließlich ein Rudel aus: eine Gemeinschaft aus vielen Wölfen. Und trotzdem... oder besser gesagt, gerade deshalb, fühlte er sich so seltsam. So unruhig. Er hatte sich noch immer nicht an die ständige Gegenwart anderer gewöhnt, und immer wieder wurde es ihm zu viel, selbst wenn er allein irgendwo für sich saß und die anderen Rudelmitglieder nur sah. Sie zu sehen, sie ständig irgendwo um sich zu wissen, schnürte ihm manchmal einfach die Luft ab. Dann rannte er fort und musste sich irgendwo allein im Wald beruhigen. Oh, es wurde besser, er machte Fortschritte! Es half, Aryan bei sich zu haben oder Ruiza, die ihm, abgesehen von seinem Bruder, ein klein wenig vertrauter als die anderen. Er wusste, er musste das ändern, aber er war viel zu schüchtern, um auf jemanden zu zu gehen.
Der junge Graue stapfte durch den Schnee, und sein Winterfell konnte ihn kaum warm halten. In seinem Gesicht konnte er die bitterliche Kälte spüren, und vor seiner Schnauze bildete sein Atem weiße Wolken. Für einen Moment war Cyriell in die Betrachtung des weißen Qualms versunken - und prompt stolperte er über etwas. Der junge Rüde erschrack und strauchelte, sah sich dann um. Er war halb gegen, halb über eine weiße Welpin gestolpert, die im hohen Schnee kaum zu erkennen war, wenn man auf seinen Weg nicht achtete.
"Oh, entschuldige! Ich war in gedanken, hab dich nicht gesehen...! Ähm, du heißt Akhuna, oder? Ich hab dir doch nicht weh getan?“
In Cyriells Gesicht stand ehrliche Sorge um das Wohlbefinden der Welpin geschrieben. Obwohl.. so sehr Welpe war sie ja gar nicht mehr...
Versunken hatte der Rüde still dagesessen. Hatte den Schnee leise fallen hören und es doch gleichzeitig nicht registriert. Er saß mittlerweile schon tief im Schnee, hatte sich schon lange nicht mehr von der Stelle gerührt und war völlig in seiner Meditation versunken. Schon einen Monat war es nun her, dass er etwas Vernünftiges gegessen hatte, obwohl sein Magen nicht rumorte wusste er, dass er dünn geworden war, aber es war ja nichts anderes zu erwarten gewesen. Das gehörte halt dazu. Er war frohen Mutes, war er doch, wie er meinte, schon ein großes Stück weiter gekommen. Hatte er viel erfahren, was ihm früher nicht so klar erschien. Leise drangen die Worte Kandschurs an seine Ohren, welche sich daraufhin langsam bewegten. Er lauschte den Worten, öffnete dann ganz langsam die Augen und bewunderte für einen kurzen Moment den tiefen Schnee, der sie alle umgab. Er hoffte, dass Aradis und Kisha nicht frieren würden und stand dann ganz langsam auf. Er dufte sich nicht zu schnell bewegen, so lange wie er in der Kälte gesessen hatte, würde es schnell zu einer schmerzhaften Verletzung führen. Als er auf allen vier Pfoten stand schüttelte er sich den Schnee aus dem Fell, ehe er sich genüsslich streckte. Als er seine Muskeln wieder für lockerer befand wand er sich um und schritt langsam auf den fröhlich wedelnden Kandschur zu.
Sanft berührte er ihn an seiner Schnauze ehe er ihm kaum merklich zunickte. Er spürte, dass eine besondere Atmosphäre sie beide umgab und blickte zurück zu Kisha und Aradis, welche f ür diesen Spaziergang alleine zurück bleiben mussten. Er hatte es im Gefühl, dass es kein normaler Spaziergang werden würde und doch war er sich nicht sicher, was es sonst sein sollte. Er würde sich wohl oder übel gedulden müssen und würde dann zur Belohnung eine Überraschung erhalten. Solange er bei Kandschur war, war ja sowieso alles gut. Er schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, er liebte Überraschungen und er wusste, es würde etwas sehr besonderes passieren. Ob Kandschur wohl genaueres wusste? Oder war es nur etwas, was er spürte, wo er aber auch nicht wusste, was genau es war? Fragen über Fragen sammelten sich in dem Kopf von Liam, er schüttelte diesen sogleich und verscheuchte somit die lästigen Fragen.
„Gerne gehe ich mit dir ein Stück!“
Seine Worte waren voller intensiver Liebe, welche er dem Rüden gegenüber empfand und so klang seine Stimme noch weicher, wärmer und melodischer als sonst schon.
Unruhig war der Schwarze hin und her gestapft, die eisige Kälte oder die neusten Ereignisse hatten ihn wenig beeindruckt. Noch immer wartete er auf Daylights Antwort, noch immer lag sein Anliegen im Unklaren. Das nicht genug, seit einigen Tagen spürte er etwas Hektisches in sich, etwas, was ihn einfach nicht ruhig stehen lassen wollte. Mehr oder weniger hielt er sich also in Bewegung. Es war seine Vergangenheit. Hatte er sich nicht getraut abermals seinen Bruder zu fragen, ob er ihm einiges erzählen mochte. Blieb lieber mit seinen Gedanken und Ängsten vorerst allein. Und dann war auch noch das Gefühl von Hitze, von Flammen. Es kribbelte in seiner Magengegend und seine ganzen Taten schienen sich rund um die weiße Schönheit zu drehen, so war kein klarer Gedanke möglich.
Ein kurzer Entschluss- so konnte es auf Dauer einfach nicht weitergehen- wollte er einfach zu seinem Bruder. Langsam tänzelte der schwarze Rüde auf den Rudelplatz zu. Immer noch nervös, doch schon entschieden entschlossener. Eigentlich war Aryan ein Wolf, der wusste was er wollte, und genauso wusste, wie er es bekam. Aber gerade jetzt schien ihm ein gutes und sortiertes Erscheinen unmöglich.
Cyriell schien mit einer jüngeren Fähe zu reden, zumindest stand er bei ihr. Seltsam, immer noch war es unwirklich. Sein grauer Wegbegleiter stand dort und war für Andere sichtbar, ein Zeichen, dass er sich seine Existenz wirklich nicht eingebildet hatte.
Elegant also ging es weiter, doch bevor er die Beiden erreicht hatte- plumps- war er in ein tiefes Schneeloch gefallen. Es ging ruckartig abwärts und die Schneemassen begrüßten den jungen Hünen in ihrer Mitte. Ein kurzes jämmerliches Seufzen suchte sich den Weg aus der Kuhle, schließlich folgte:
“Hilfe, kann mir jemand mal helfen?“
Seine Stimme klang etwas gedämpft, dank des Hohlraums. Die schwarzen Hinterläufe stemmten sich gegen die eisigen Wände, die Vorderläufe wurden an den Rand des Ausgangs gelegt, mit einem Ruck befreite er seinen Oberkörper, das Hinterteil schwebte in der Senke.
“Cyriell, wärest Du so freundlich?“,
meinte er leise und sah seinen Bruder hilflos an. Es war ihm schon etwas unangenehm vor seinem Blut und der jungen Wölfin ein solches Missgeschick zu zugeben, doch entschied die eher schwierigere Situation über seinen Stolz. So auch ein seichtes, nicht ganz ehrliches Lächeln über dieses Missgeschick.
Aradis lag im Schnee und döste vor sich hin. Die weiße Fähe wusste nicht recht, wo sie waren. Obwohl.... es war immer noch im Revier. Sie hob ihren schönen Kopf, eine Schneewehe fegte über ihren Kopf hinweg, und sie duckte sich schnell wieder. Immer wieder kalter Schnee, gepaart mit eisigem Wind und der klirrenden Kälte. Doch trotzdem mochte sie es. Hier, nur mit den drei Wölfen zusammen zu sein. Kisha, Liam, Kandschur, sie. Das bedeutete für sie im Moment das Leben. Niemand anders war hier, was ja auch kein Wunder war. Doch sie fragte sich schon gelegentlicht, wo sie Kandschur hinführte. Wollten sie nicht irgendwo hin? Sie hatte manchmal das Gefühl, als ob sie einfach im Kreis rumlaufen würde, oder ohne Ziel... Ihre grünen Augen waren nur einen Spalt geöffnet. Doch die Schneeböe war verschwunden. Erleichtert seufzte die Weiße auf. Sie blickte zu den beiden Rüden, sie machten sich auf. Wo hin sie wohl gingen? Liams Stimme schwang zu ihnen hinüber, obwohl sie die Worte nicht verstand, hörte sie doch diese Liebe. Nein, sie wollten den Rüden nicht folgen. Die beiden wollten allein sein. Aradis starrte den beiden Wölfen nach, die sich nun langsam aus ihrem Sichtpunkt bewegten. Die grünen Augen blitzten zu Kisha zurück.
»Was glaubst du, machen die? Würd ich gerne wissen. Aber egal. Ähm... wann glaubst du, kommen wir an? Ich meine... wo auch immer? Kommts' dir manchmal auch so vor, als würden wir nicht vorran kommen? Wir sind hier immer noch im Revier, Kandschur wollte uns doch irgendwo hin führen. Aber wohin? Wir fasten noch nicht. Ich verstehe das alles nicht... vielleicht gehen sie ja jetzt dort hin?«, ein Blick jedoch auf die beiden Rüden genügte, dass sie ihre Worte in die Gegenrichtung schwänkte, »Nun, vielleicht doch nicht. Aber ich möchte weiter. Ankommen...wo auch immer. «
Ihre letzten Worte waren fast nicht zu hören, sie waren eher an sie selbst gerichtet, als an Kisha. Sie blickte die Schwarze neugierig an. Selten sprach sie so viel, wie jetzt gerade. Aber sie wollte auch wissen, was Kisha von alledem hielt. Sie mochte die Wölfin, ihre Lebensfreude, die ganze Ausstrahlung. Sie lächelte leicht in die orangenen Augen. Orange und Grün. Ihre Ohren spielten ein wenig, als der Wind wieder anfing, zu pusten. Es war so kalt... automatisch rückte sie ein wenig mehr an Kisha.
Jakash fühlte sich wohl, trotz der Kälte. Der Schnee lag hoch, genauso wie in den Bergen, wo er geboren worden war. Genau deshalb liebte er ihn so - so lange sie dort oben gewesen waren, hatte immer Schnee gelegen, und das nicht zu knapp. Auch wenn ihm der Schnee natürlich auch deshalb so hoch erschienen war, weil er wesentlich kleiner noch gewesen war. Er erinnerte sich daran, wie er am den Tag, da er die Welpenhöhle das erste Mal verlassen hatte, in eine Schneewehe geplumst war und Aradis ihn herausgeholt hatte. Unwillkürlich musste der schwarze Jungrüde lächeln. Es war eine seiner schönsten Erinnerungen, jener Tag. Er hatte das erste Mal die Welt außerhalb der Höhle betreten, hatte die ersten Rudelmitglieder getroffen und seine Tante Nyota kennen gelernt. Zu der Zeit war Rasmús noch bei ihnen gewesen, ebenso Tyel. Und Mutter und Vater hatten sich noch um sie gekümmert - um ihn und seine Schwestern. Jakashs gute Laune sank auf Umgebungstemepratur ab. In letzter Zeit hatte er viel über seine Eltern nachgedacht, und mittlerweile versuchte er angestrengt, das Thema aus seinen Gedanken zu verbannen. Jedesmal schien etwas in seinem Inneren ein bisschen mehr zu gefrieren, hatte er den Eindruck. Er wollte das nicht, es tat weh, aber er wusste sich nicht anders zu helfen, als die Gedanken daran möglichst zu verbannen.
Und dann die Geschichte mit Zack. Jakash hatte sich nicht betroffen gefühlt, obwohl er glaubte, dass er zumindest etwas traurig sein müsste. Es verunsicherte ihn, dass er nicht so empfand, aber das änderte nichts an der Tatsache selbst. Seine Gedanken glitten zu Amáya. Letzte Nacht hatte er von ihr und Zack geträumt - es hatte als sein Alptraum begonnen, in dem Aszrem den fremden Angreifer anfiel, um ihn und Rakshee zu beschützen. Mitten im Kampf hatten die Kontrhenten sich plötzlich in Amáya und Zack verwandelt, und die Schwarze hatte blutige Dinge mit dem Rüden angestellt. Seltsamerweise hatte dieser Traum keinen Schrecken ausgelöst wie sonst. Jakash hatte einfach nur zugesehen, distanziert und unbeteiligt. Unbetroffen. So, wie er sich bei dieser Sache tatsächlich fühlte... Jakash seufzte und schüttelte zu sich selbst den Kopf, während seine Schritte ihn weiter trugen. Er hatte Madoc suchen wollen, achtete nun aber schon eine ganze Weile nicht mehr auf seine Umgebung. Eigentlich konnte er also gleich wieder von vorne anfangen...
Er hob den Kopf, als er den Namen seiner Tante hörte. Sein Blick fand Nyota ganz in der Nähe, und die Fähe namens Kylia kam gerade zu ihr gelaufen. Dann fiel sein Blick auf Amáya, die etwas abseits der beiden lag. Akru war nicht bei ihr, wie es sonst immer der Fall war. Jakash entschied sich augenblicklich, eher unbewusst sogar. Seine Pfoten führten ihn zu der jungen, schwarzen Fähe.
"Ähm.. hallo“,
sagte er leise - er war nicht allzu erpicht darauf, dass Nyota ihn hörte. Warum, wisste er selbst nicht so genau.
"Darf ich mich zu dir setzen?“
Bilder schienen vor ihren Augen zu tanzen und machten sie schier wahnsinnig – wenn sie es denn noch nicht war. Amáya hatte die regenblauen Augen geschlossen und ergab sich nun ihrer Langeweile und dem dauerhaften Nichtstun. Die Stimme ihres Babysitters hatte sie sehr wohl vernommen, aber es scherte sie nicht im Geringsten, was der Graue tat oder eben nicht. Sollte er sich doch mit ihrer Mutter vergnügen, es war ihr einerlei. Es war ihr generell egal, was passierte. Sollte diese Welt unter gehen, schön, dann tat sie es eben. Sollte ein Komet vom Himmel fallen und das Tal zertrümmern, gut, dann war dem halt so. Sie wurde von einem Gefühl der zeitlosen Gleichgültigkeit erfüllt, nebenbei gemerkt dass ihr noch immer langweilig war. Keine Sekunde hatte sie aufgeblickt, als Akru ihr mitteilte, dass er sie einen Augenblick alleine lassen würde. Was für ein Holzkopf. Sie war ihr ganzes Leben lang alleine gewesen, selbst unter Wölfen. Nur hatte dies niemand richtig gesehen oder einzuschützen gewusst. Auf seine Begrüßung hin, obwohl sie Sarkasmus enthielt, musste sie dennoch leicht schmunzeln. Ein Todesengel. Gesandt um verderben zu bringen. In der Tat, allerdings war es keine Gottheit gewesen, sondern ihr Rudel, in dem sie gelernt hatte und ihr eigener Wille. Der Wille auf ein anderes Leben. Trotzdem passte die Bezeichnung, die sie nur zu gerne annahm. Zumindest ein mal wurde etwas Wahres über sie gesprochen. Als Akru weg war, hatte es angefangen. Diese ganzen Bilder, Momentaufnahmen aus einem anderen Leben. Es war nicht mehr das ihre. Sie hatte jetzt ein anders, sie war anders. Und stolz darauf. Aber sie war nichts stolz, eine Mörderin zu sein. Allerdings wurde auch dieses Gefühl von einer Gleichgültigkeit ausgemerzt.
Tief einatmend versuchte sich Amáya zu konzentrieren und alle Bilder, alle Gedanken und Gefühle die damit verbunden waren weit fort zu schieben. Es gehörte nicht mehr zu ihr und die Erinnerungen waren überflüssig. Es raschelte leise und ein Quartett Pfoten näherten sich, durch den Schnee deutlich hörbar. Ihr Interesse wurde aber nicht geweckt. Erst als die Stimme des jungen Rüden Jakash an ihre Ohren drang, hob sie den Kopf, behielt die Augen eine Sekunde geschlossen, ehe sie den Kleinen anblickte.
„Mach doch was du willst. Aber ich denke, dass deine Familie nicht glücklich darüber wäre, wenn sie dich bei mir sieht.“
Gelangweilt ließ sie kurz den Blick auf dem Schwarzen ruhen, dann streckte die Dunkle sich, um sich dann teilnahmslos wieder flach hin zu legen. Sie wollte dem Rüden keine Illusionen rauben, noch ihm Luftschlösser schenken. Nüchtern hatte sie deutlich gemacht, wie es war. Das ganze Rudel wusste es: Sie war schuldig.
In seinen Augen lagen sowohl Unsicherheit als auch Neugier, als er Amáyas Blick erwiderte. Sie wirkte teilnahmslos, als spielte es keine Rolle, ob er blieb oder gleich wieder ging. Sie erwartete nichts von im, erwartete wohl von niemandem mehr etwas. Ob die Schwarze wenisgtens noch auf irgendetwas hoffen konnte? Jaksh schob den Gedanken bei Seite - vielleicht würde er in einem Gespräch mit ihr mehr darüber erfahren, aber das war es nicht, wofür er primär zu ihr gekommen war. Auf ihre Worte hin zuckte er nur die Schultern, gleich darauf wurde ihm jedoch bewusst, dass das schon gar nicht mehr gesehen haben konnten.
"Und wenn schon. Einen Teil meiner Familie interessiert es vermutlich eh nicht, und der andere Teil schimpft mich dann eben hinterher aus“,
stellte er nüchtern fest, dann setzte er sich. Einen Moment lang huschte sein Blick über die Umgebung, dann legte er sich ebenfalls nieder, ohne jedoch den Kopf auf die Pfoten zu betten. Schweigen breitete sich aus, während Jakash über sein weiteres Vorgehen nachdachte. Er wollte eigentlich nicht direkt fragen, was ihn interessierte, aber er befürchtete, dass Akru schon bald wiederkommen würde. Oder dass Nyota ihn hier bei Amáya sah und entschied, ihn doch sofort von der Schwarzen zu vertreiben. Dazu kam, dass er sich schon allein bei dem Gedanken blöd vorkam, mit Amáya zunächst einmal über Belangloses zu reden. Und doch... noch fühlte er sich irgendwie gehemmt, als stünde er auf der Grenze dazu, etwas Verbotenes zu tun. Jakash seufzte leise, dann wandte er den Kopf wieder Amáya zu.
"Ich hätte da eine Frage... ich weiß nicht, vielleicht willst du gar nicht darüber reden... aber... ich würde gerne wissen... warum du das gemacht hast. Das mit Zack, meine ich...“,
präzisierte er, damit sie ihm nicht gleich mit dummen Antworten kam. Jetzt, wo es heraus war, kam er sich immernoch komisch vor. Komisch, aber nicht mehr dumm. Er wusste, selbst wenn sie ihm nichts erzählen würde, würde er dennoch immer froh sein, wenigstens gefragt zu haben. Und nun hoffte er, dass sie ihm antwortete. Mehr noch - dass sie ihm ehrlich war.
Kälte umklammerte das Herz des tiefschwarzen Wolfes und hielt es gefangen. Sie würde es immer gefangen halten. So, wie der Winter Einzug in dieses Land gehalten hatte und in den Bergen ewig war. Auch er fühlte sich ewig. Aber auf eine grausame Art und Weise. Alt. Als würde er schon Tausend Jahre durch diese Welt wandern, während sich immer größere und schwerere Lasten auf seine Schultern legten. Manchmal hatte Face Taihéiyo das Gefühl, er müsse geduckt laufen, weil ihn das Gewicht einfach hinunter drückte. Doch in Wirklichkeit war da ja gar nichts. Nur eine Seele. Eine Seele in Splittern.
Der stille Ozean hatte sich in den vier Wochen sehr vom Rudel abgeschnitten, versuchte Ninniach Favéll zu vergessen. Farewell, müsste es heißen. Es war besser so und er hätte das schon längst mit allen Bekanntschaften so abhandeln sollen, die nicht mehr zu seinem Leben gehörten. Er fühlte sich im Rudel so fehl am Platz, wie nie zuvor. Nicht selten stellte sich Face die Frage, wieso Banshee ihn überhaupt noch duldete. Der Tiefschwarze war nicht der Beta, der er hätte sein sollen. Nichts an ihm kam dem auch nur annähernd nah. Viel mehr entfernte sich alles immer weiter. Nur seine gefrorene Hülle war noch da.
Ein Heulen klang durch die Luft und zum ersten Mal ging eine Regung durch den endlos schwarzen Körper, der bis dahin bewegungslos neben einem Baum gesessen hatte. Der Kopf lehnte an dem eisigen, verschneiten Stamm, dann zuckten die Ohren und die saphirfarbenen Augen bahnten sich ihren Weg aus dem Nichts und sahen grade aus. Ein fremder Wolf musste direkt in seiner Nähe sein. Die westliche Reviergrenze. Befand er sich nicht bloß ein paar Minuten von ihr entfernt? Eigentlich wollte Face sitzen bleiben, eins werden mit dem Baum, verschwinden und verblassen. Wenn er den Tod nicht haben konnte, mochte er wenigstens nicht mehr existent sein. Sich einfach auflösen. Aber eine Stimme rumorte in ihm und hämmerte gegen seinen Schädel. Er war ein mieser Beta, sollte endlich mal etwas tun.
Schwerfällig richtete sich Face Taihéiyo auf und fühlte sich endlos alt. Dabei sah er nicht im Geringsten so aus. Sein Fell war noch immer makellos, kein helles Härchen zierte seinen Pelz, der so dunkel war, dass er jeden Lichtstrahl zu verschlucken schien. Sein Gesicht verriet kein Alter, als wäre alles an ihm zeitlos. Nur durch seine leeren Augen würde man erahnen können, dass er schon viele Jahre unterwegs war. Vielleicht sogar mehr Jahre, als der Wirklichkeit entsprachen. Er fühlte sich alt.
Nach einigen Minuten kam Face der Witterung näher, bald sah er den Wolf. Er mühte sich um eine aufrechte Haltung, obwohl man ihm den inneren Schmerz nicht ansehen konnte. Seine Maskierung, dass Spiel der Ausdruckslosigkeit beherrschte er seit je her perfekt. Immerhin ... war er sich selbst der beste Meister gewesen.
„Sei gegrüßt Fremder. Mein Name ist Face Taihéiyo, Beta des hier lebenden Rudels. Ich empfange dich im Namen der Sternenwinde.“
Seine tiefe, klare Stimme ließ keine Emotionen durch und vielleicht wäre ein mancher, der den Tiefschwarzen schon seit mehreren Jahren hier beobachtete, verwundert gewesen, war er doch dafür bekannt nie viel zu sprechen. Doch diese Begrüßung war bloß eine Formel, nichts, dass zu ihm gehörte. Deshalb konnte er sie sprechen. Abwartend und ruhig sah er den Unbekannten an. Er hatte braunes Fell und machte eigentlich einen recht aufgeweckten Eindruck. Doch Face machte sich nie Urteile.
In tiefstem Winkel seines Herzens hatte er Liam's Antwort gewusst. Jugendliche Freude raste durch seine Adern und er sprang voraus. Freude durchflutete ihn wie Hitze, tobte wild durch seine Adern. Es würde wundervoll werden. Er wusste es. Endlich. Endlich würde er Liam wirklich sagen können wie sehr er ihn liebte. Endlich war es so weit. Seine Pfoten hinterließen kaum sichtbare Spuren im Schnee während er um Liam herumsprang wie ein Welpe und ihm immer wieder am Fell zupfte, ihn lockte und neckte.
"Komm....nun komm doch....“
lockte er ihn weiter von den Fähen weg und lachte. Er fühlte sich so lebendig wie nie zuvor. Seine Augen glänzten euphorisch als hätte er Drogen im Blut. Er wollte es jetzt beginnen und nie mehr damit aufhören.
"Komm....komm doch endlich"
Wieder lockte er Liam hinter sich her, wieder sprang er neckend um ihn herum
"Komm....Komm Liebster......"
Alles war so neu. Gedanken wirbelten in Tyraleens Kopf herum, die sie nie zuvor gedacht hatte und die auch jetzt nicht von ihr selbst zu kommen schienen. Zum Beispiel, dass es doch endlich Frühling werden sollte. Sie liebte den Winter, sie wollte, dass der Schnee blieb. Aber ihr ganzer Körper befahl ihr einstimmig, gefälligst auf den Frühling zu hoffen. Ebenso, wie plötzlich misstrauischer gegenüber anderen war. Besonders bei Rüden. Sie sollten sich von ihr fernhalten und wehe einer wagte, sich ihr doch zu nähern. Dann wieder suchte sie die Gesellschaft von so vielen Wölfen wie möglich, ganz gleich wer das nun war. Sie spielte ein wenig verrückt. Natürlich wusste sie, dass das an den Welpen lag, die gerade dabei waren, sie zu einer Mutter zu machen. Dabei waren sie doch noch ganz klein in ihrem Bauch. Der sich auch schon gut sichtbar zu wölben begonnen hatte. Manchmal war er ihr schon fast zu schwer, dann musste sie sich hinsetzen oder schaffte es nicht, sich weiter durch den Schnee zu schieben. Also hatte sie beschlossen, die meiste Zeit am Rudelplatz zu sein, wo der Schnee weitgehend plattgetreten war und sich immer jemand herumtrieb, der nett zu ihr war. Jetzt gerade war sie zu ihrem kleinen Spaziergang aufgebrochen. Spaziergang hieß, einfach ein wenig wirr auf dem Rudelplatz herumlaufen und dabei zu spüren, wie die Welpen sich nach dem längeren Schlafen ganz leicht bewegten. Sie war überzeugt, dass sie schon vieles mitbekamen, sodass sie manchmal auch mit ihnen sprach. Das sah dann meistens aus, als würde sie Selbstgespräche führen, aber die meisten aus dem Rudel hatten sich wohl schon an ungewöhnliche Verhaltensweisen bei trächtigen Fähen gewöhnt. Nur Tyraleen selbst hatte sich noch nicht daran gewöhnt. Oft lag sie vor dem Schlafen mit geschlossenen Augen da und überlegte es, wie es sein musste, wenn die eigenen Welpen vor den Pfoten herumsprangen. Dann wieder hatte sie Angst vor den Schmerzen der Geburt und der Verantwortung, die plötzlich auf ihren Schultern lasten würde. Jeder einzelne kleine Fellball musste beschützt werden. Manchmal sprang sie auch um Averic herum und konnte ihr Glück kaum fassen, musste ihm immer wieder erzählen, dass sie Eltern werden würden. Dass bald viele kleine Averics und Tyraleens herumspringen würden. Und Namen … natürlich, darüber machte sie sich Gedanken. Bei einem war sie sich schon ganz sicher. Avendal. So würde eine kleine Tochter von ihr heißen. Es klang ein klein wenig wie Averic. Und Chardím geisterte in ihrem Kopf herum, ein kleiner Sohn. Oh, es würde wunderbar werden. Ihr Spaziergang endete mit dem Gedanken, dass sie gerne mit Isis sprechen würde. Die Braune war zu einer Freundin geworden und natürlich gab es nichts schöneres, als mit einer anderen Fähe über Welpen zu reden. Vielleicht aber auch über Rime … im Gegensatz zu Tyraleen hatte Isis weniger Glück was ihren Gefährten betraf. Der Graue war wieder verschwunden, ehe irgendjemand ihn wirklich kennenlernen konnte.
“Isis?“
Schweifwedelnd blieb sie in den Mitte des Rudelplatzes stehen und sah sich nach der Braunen um. Sie hatte keine Ahnung, wo sie gerade steckte. Der ganze Schnee schluckte Gerüche, ebenso wie das Gras.
Die grellen Lichtpunkte, die vom heftigen Zusammenkneifen der Augen kamen, verschwammen ineinander und blendeten Banshee. Die Kiefer fest zusammenbeißend und damit dem armen Stock schwer zusetzend hielt sie ganz still, während sie flehend auf das Ende der Schmerzenswelle wartete. Als sie wie aus weiter Ferne ihren Namen hörte, war sie sich zunächst sicher, dass sie es sich nur eingebildet hatte. Wie ein unnatürliches Piepsen klang die Stimme in ihr nach und vermischte sich mit einem Gewirr von anderen, nicht existenten Geräuschen. Dann aber spürte sie ganz deutlich etwas an ihrem Rücken, war aber nicht fähig, die Augen zu öffnen, um nachzusehen wer oder was es war. Dann erneut eine Stimme, sie sagte noch mehr, aber nur ihren Namen konnte sie heraushören. Noch waren die Schmerzen zu stark um sich zu regen, noch war sie weder in der Lage, Gerüche aufzunehmen um den Ankömmling zu wittern, noch die Augen zu öffnen und ihn zu betrachten. So wartete sie weiter stumm, bis der Schmerz langsam verebbte und ihr eine kleine Pause gönnte. Banshee schlug die Augen auf und sah Akrus sorgenvolles Gesicht vor sich. Langsam ließ sie den Stock los und schubste ihn mit einer kraftlosen Bewegung weg. Er war zersplittert und sah aus, als hätte jemand mit aller Gewalt versucht ihn zu fressen. Noch etwas benommen richtete sich ihr Blick wieder auf Akru, dann fiel ihr Kopf wieder zu Boden.
“Es zerreißt mich. Alles ist Schmerz.“
Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn nicht lieber fortschicken wollte. Was sollte er schon tun? Er konnte auf ihren gewölbten Bauch blicken und wissen, dass seine Welpen darin lagen, aber anders als sonst schien es kein Segen. Nicht nur wegen den höllischen Schmerzen. Vielleicht sollte er wirklich lieber gehen, aber sie hatte nicht genug Kraft um ihm das zu sagen.
Total nachdenkend saß Ahkuna Caiyé im Schnee. Sie dachte darüber nach ob Schnee gefährlich ist. Immerhin hat die kleine Fähe Angst vor dem weißen Monster. So saß sie aufrecht da, beschnupperte den Schnee kurz und schüttelte den Kopf. Nein der Schnee war kalt und ekelhaft. Langsam senkte die Fähe ihren Kopf und positionierte sich, so in den Schnee, dass man sie kaum sehen konnte. Ihr Herz schlug ziemlich schnell, sie schaute aufgeregt hin und her, sodass sich der Schnee um sie herum bewegte. Dann kam plötzlich ein kleiner Windstoß und Ahkuna wurde von einem kleinen Schneeberg erwischt. Wie von einem Floh gebissen zappelte sie wild mit den Beinen.
o.O( Ich wusste es..der Schnee ist böse.!)
Quietschte sie in Gedanken ehe sie ihren Kopf leicht nach oben reckte und mit dem Hinterläufen den Schnee zur Seite drückte. Irgendwann hatte sie sich dann aber doch befreien können.. Wie sie es wusste ! Der Schnee war böse, egal wo man war, sie musste wohl immer wachsam sein. Dann ließ sie sich leicht peinlich berührt in den Boden. Wie lächerlich war das denn grade? So zwängte sie sich leicht in den Schnee hinein um erst recht nicht gesehen zu werden. Keiner sollte jemals über Ahkuna lachen. Es wäre nicht schön. Sie selbst würde schließlich auch nicht lachen, wenn es irgendwem anderem passiert wäre. Dann würde ihr Köpfchen plötzlich schlagartig nach unten gedrückt. Sie dachte zuerst es sei wieder der Schnee, weswegen sie leise und kurz knurrte. Ihr Knurren klang jedoch immer noch nicht wirklich nach einem richtigen Wolf. Es hörte sich genau so an wie vorher, eher ein leises brummen. Plötzlich spürte sie aber die Wärme und irgendetwas flauschiges Berührte sie. Sie wendete sich und alles was sie sah war irgendwie leicht verdreht. Sie machte einige kleine Schritte zur Seite und legte den Kopf schief. Sie blinzelte drei – vier Mal und dann sah sie den Rüden auch schon scharf. Und sie kannte ihn nicht. Sie schluckte kurz und beobachtete den Fremden. Ganz langsam stapfte sie sich durch den Schnee, um nicht noch mal von einem kleinem Schneeschutt überflutet und begraben wurde. Dann befand sie sich an den Beinen und schob sich ganz langsam unter dem Bauch des Rüden. Dort passte sie gerade noch so hin. Es war schön warm. Dann gluckste sie leise fröhlich auf.
“..Nein mit mir ist alles in Ordnung ! Und Ja, ich bin Ahkuna..? Ich vergaß dein Name..? Würdest du ihn mir noch mal sagen..? „
Meinte sie leise und lief wieder vor dem Grauem heraus. Schließlich sollte man den Wölfen in die Augen schauen können, wenn man mit ihnen redet. Deswegen platzierte sie sich genau vor ihn, setzte sich auf ihr Hinterteil und blickte zu ihm hoch. Sie legte ein kleines Lächeln auf die Lefzen. Dies sollte ihn versichern, dass es ihr wirklich gut geht. Natürlich hatte Ahkuna seinen Namen nicht vergessen, sie wusste ihn nur nicht und wollte nicht unhöflich sein. Sie schmeichelt anderen eben gerne. Als die kleine Fähe jedoch ein kleines Rauschen hörte drehte sie sich plötzlich um . Das einzige was sie erkennen konnte war ein wirklich schwarzer Fellball. Sie glaubte ihren Augen nicht. Konnten Wölfe so schwarz sein ? Sie ging kleine Schritte auf den Fremden zu beobachtete ihn. Ha, Wieder ein Beweis dafür, dass der Schnee böse ist. Langsam ging sie einen Schritt weiter nach vorn. Es war zwar unhöflich nicht auf eine Antwort des unbekannten Grauen zu warten, aber irgendwie war der Neuankömmling interessanter. Doch dann passierte es auch schon. Da wo sie stand, bröckelte der Schnee unter ihren Pfoten weg und sie rutschte zu dem anderen Rüden in das Loch hinein. Sie bellte kurz auf und rannte hektisch hin und her. Nun war sie umzingelt von Schnee. Erneut so ein Missgeschick. Ahkuna wurde sich immer klarer wie sehr sie den Winter hasste !
“..Ich will hier raus. Hiilfe ! Der Schnee ist böse zu mir. Der mag mich nicht ….“
So kam es aus der Kleinen heraus. Dann rutschte sie unter den Rüden und blieb einfach nur Hilflos liegen. Sie atmete tief ein und schloss die Augen. Sie hätte zwar gerne geholfen, aber ein kleine Welpin kann schließlich keinen kräftigen Rüden heraus schieben oder ziehen.
Sein sorgenvoller Blick wich ein wenig der Verwunderung, die sich einstellte, als die junge Fähe wortlos und langsam zu ihm kam, und schließlich unter ihn kroch. Cyriell rührte sich nicht, wusste er doch nicht, was er davon halten sollte. War das ein übliches Verhalten innerhalb eines Rudel, oder für Fähen, dass er nicht kannte? Der Graue war verwirrt, aber immerhin sah die Weiße nun lächelnd zu ihm auf und versicherte ihm, dass alles in Ordnung sei. Ein kleiner Teil von ihm war daraufhin beruhigt, der größere Rest blieb jedoch verunsichert.
"Cyriell.. mein Name ist Cyriell...“,
antwortete er scheu, und hob dann den Kopf, als er ein seltsames Geräusch hörte. Es klang nach einem 'Ploff', untermalte vom Knirschen des Schnees. Und wo vorher noch Schnee gewesen war, zeigte sich nun ein Loch, kaum eine Schrittlänge von Cyriells eigener Spur entfernt. Verdutzt stellte der Graue die Ohren auf, als er die Stimme seines Bruders vernahm, und noch verdutzter sah er drein, als der Schwarze den Kopf aus dem Loch heraus streckte. Plötzlich musste Cyriell ganz breit grinsen.
"Natürlich helfe ich dir gegen das heimtückische Schneemonster, Bruder!“,
lachter und wollte vortreten, als Ahkuna sich regte und zum Loch voraus lief. Um prompt ebenfalls hinein zu rutschen. Nun wieder besorgt, jedoch mit gebotener Vorsicht, trat der graue Rüde an den Rand des Loches und sah an Aryan vorbei zu der jungen Fähe.
"Alles okay bei dir?“,
fragte er, dann wandte er sich sogleich an den Schwarzen.
"Kannst du sie mir hochreichen.. irgendwie? Ich hol dich dann nach ihr heraus!“
Cyriell war nicht ganz sicher, wie das bewerkstelligt werden sollte. Er stellte sich vor, dass Aryan Ahkuna vielleicht am Nackenfell etwas anheben hönnte, und er würde die Weiße dann übernehmen... oder irgendwie so... hmm...
Bereit zu vergessen, wieder abzuschalten oder falls es nötig sein sollte die Nervensäge an ihrer Seite zu ignorieren, wollte Amáya sich erneut dem Gefühl der inneren Leere hin geben, welches sie immer wieder überfiel und von Mal zu Mal mehr ausfüllte – einfach alles was da war verschluckte. Nicht, dass sie es vermissen würde. Es war lächerlich. Sie vermisste weder ihr altes Leben, noch ihre armselige Gestalt von damals. Den Preis, den sie dafür gezahlt hatte, war hoch. Sehr hoch. Sie hatte ihre Persönlichkeit zu Gunsten eines anderen Wesens aufgegeben, sich einen neuen Charakter angeeignet und nun zierte ein blutiges Erlebnis ihren Lebenslauf. Todesengel. Ja, das war sie. Ein finsterer Engel, der aus der reinen Finsternis empor gestiegen war um Grauen zu verbreiten. Das war sie und nichts anderes. Nicht mehr und nicht minder. Auf Jakashs Worte hob sie nur locker eine Augenbraue, musterte den Jüngling aus dem Augenwinkel.
„Und das ist dir egal?“
Eindringlich blickten die regenblauen Augen den Schwarzen an, der sich kein Stück weg bewegte und den die Aussicht auf eine Standpauke nichts auszumachen schien. War das nun Dummheit oder Kühnheit? Wohl von beidem etwas. Gerade wollte sie ihn fragen, was er von ihr wollte, wieso er sie nicht wie alle anderen klugerweise mied und sich stattdessen vor ihr auf pflanzte. War er wahnwitzig oder was? Seltsame Jugend, aber hier hatten die Wölfe sowieso fast alle einen nicht beim anderen. Wundern sollte es sie also eigentlich nicht mehr. Eigentlich. Eigentlich sollte sie jetzt alleine sein und nicht ein Wollknäuel als Anhängsel haben. Jakash machte allerdings keine Anstalten so schnell freiwillig von dannen zu ziehen und legte sich nun ebenfalls auf den Boden. Innerlich rollte Amáya genervt mit den Augen. Gab es irgendetwas faszinierend Anziehendes an einer Mörderin? Scheinbar gab es da doch etwas, denn als der Jungwolf weiter sprach, hielt sie aus Reflex die Luft an, ihr Blick wurde starr, die Augen ein wenig geweitet. Eine Sekunde hielt sie diese Starre gefangen, dann gab sie sich wieder gelassen und gleichgültig. Ihr Schweigen dauerte noch an, bis sie es schließlich doch brach.
„Warum willst du das wissen?“
Ihre Stimme war angespannt und klang hervor gepresst zwischen zusammen gebissenen Zähnen. Was wollte dieser Rüde von ihr?!
Er konnte das Lachen seines Bruders vernehmen und musste auch ein wenig lachen, war es doch schon reichlich merkwürdig. Doch bevor Cyriell wirklich zur Tat schreiten konnte war eine kleine weiße Wölfin ebenso in den Massen des Schnees versunken. Heimtückisch war diese weiße Masse wirklich. Kurz nach den Worten des Grauen ließ er sich in die Kuhle hinab gleiten, sodass er direkt vor der jungen Wölfin landen konnte. Ein aufmunterndes Lächeln glitt über seine Lefzen, warum gerade Welpen sein herz immer wieder erweichen konnten, wusste er nicht so genau. Nun gut, und soviel Welpe stecke gar nicht mehr in ihr.
“Keine Sorge, wir helfen Dir heraus. Ich werde Dich gleich am Nackenfell nehmen, und Cyriell wird Dich oben empfangen“,
gab er als kurze Anweisung und packte schon nach der Kleinen. Behutsam und versuchend, so wenig wie möglich ihr dabei weh zu tun.
“Bruhdaherhz, hiehr kompt eihne bhesohndere Frachht“,
nuschelte er in das weiße Fell. Erneut stemmte er die Hinterläufe gegen die eisige Wand und drückte sich nach oben, ruckartig hielten sich die Vorderpfoten an dem Rand der Höhle fest. Die hinteren Pfoten suchten Halt an der recht bröckeligen Schneewand. Seinem Bruder hielt er das kleine weiße Bündel hin, konzentriere sich darauf bloß nicht wieder hinab zu stürzen.
Schnee. Überall nur Schnee. Genauso weiß, wie Nayrans Fell. Schnee, der in Form von Flocken auf ihn herabrieselte. Schnee, der unter seinen Pfoten aufstob. Schnee, der ihm bis zur Flanke reichte. Und die Kälte, die zarte Eiskristalle in das Schwarz seines Fells wob. Die Kälte, die es für ihn einfacher machte den Schmerz zu ertragen. Er vermisste Nayran. Vermisste den warmen Körper, der sich schutzsuchend an seinen schmiegte. Die rubinroten Augen, die ihn anfunkelten. Er vermisste einfach alles an ihm. Suchend glitt sein Blick durch den Schnee, als hoffte er ihn irgendwo zwischen den Schneemassen doch ein rubinrotes Auge aufblitzen zu sehen. Doch da war nichts, dass wusste er. Mit einem leisen Seufzen hob er den Kopf, blickte stumm zum Himmel empor, wo bereits die Sterne verblassten und die schlaflose Nacht zu einem neuen Morgen wurde. Einem neuen Tag, voller Schmerzen, Rechtfertigungen und der Wahrheit. Nayran war fort... und es war seine Schuld. Aber er wusste, dass es besser war, auch wenn es ihm unendlich schwer fiel. Er musste so sein. Es war richtig, auch wenn es schmerzte. Mehr, als je zuvor. Vielleicht, weil er jetzt wusste, was Nayran für ihn empfand und weil wusste, dass er Nayran nie so lieben konnte, wie er es tat. Oder weil er vielleicht gerade das jetzt eben in diesem Moment schon tat und weil er wusste, dass es nicht richtig war. Dass es nicht sein durfte. Nayran... war nicht mehr da, aber dafür war jemand anderes an seiner Seite. Ein viel schlankerer, kleinerer Körper. Nicht weiß, sondern grau, wie die Morgendämmerung, die sich still über den Gipfeln der Berge ausbreitete. Sie war ebenso still. Sharíku. Aus den Augenwinkeln konnte er einen Blick auf ihre Silhouette erhaschen. Sie war dabei gewesen, als... als er Nayran fortgeschickt hatte, sie hatte alles gesehen, in diesem Moment hatte sie in sein Inneres blicken können. In sein gebrochenes Herz. Seine gebrochene Seele. Und er, er hatte es akzeptiert, was er vor Shani und Nayran nie jemand anderem erlaubt hatte. Es war richtig.
~ „Verschwinde. Von. Hier.“, er schrie nicht, sprach die Worte nur laut und deutlich, sah wie Nayran ihn ansah, mit diesem gebrochenen, mitleidigen Blick, der seine Worte nicht glauben wollte und obgleich er ihm entkommen wollte, hielten ihn die Rubinaugen gefangen, ließen ihn nicht los. „Du hast schon richtig verstanden...“, wiederholte er langsam. „Ich hasse dich. Ich will dich nie mehr wieder sehen. Du geht mir auf die Nerven. VERSCHWINDE!“ Er war nie ein schlechter Lügner gewesen, im Gegenteil, doch in diesem Moment bereute er es, wünschte sich, dass Nayran ihm einfach widersprechen würde, doch er tat es nicht. Er blickte ihm nur weiter in die Augen. Saphirblau traf auf Rubinrot. Er schaute ihn mit diesem verletzten Blick an, der Lunar am liebsten alles rückgängig hätte machen lassen. Doch das konnte er nicht, dass durfte er nicht, so sehr er es sich auch wünschte. Für Nayran. Ein gebrochenes Herz war besser als ein gebrochenes Genick. Das würde auch Nayran verstehen. Irgendwann. „Lunar.“, die Stimme des kleineren erweckte ihn aus der Trance, in die er für einen Augenblick gefallen war. Er wusste nichts darauf zu erwidern. Was gab es auch schon, dass Erwidernswert gewesen wäre? Ein 'Es tut mir Leid. Ich habe das nicht so gemeint'? Vielleicht wären das in diesem Moment wirklich die richtigen Worte gewesen, zumindest der Anfang, doch sie kamen dem Schwarzen einfach nicht über die Lefzen. Stumm beobachtete er den Weiße, wie dieser sich abwandte, wie dessen Lefzen ein stilles 'Ich liebe dich.' formten und wie er sich dann vollkommen abwandte. Er wartete bis die Dunkeheit Nayran verschluckt hatte, dann sank er in sich zusammen, als sei alle Kraft aus ihm gewichen. Er wünschte sich die Bewegung der Lefzen des anderen, wären nur Einbildung gewesen, doch er wusste, dass es keine Einbildung gewesen war. Es war die Wahrheit, eine Wahrheit, die er schon lange kannte, aber die er nie hatte akzeptieren wollen und die nun mit ganzer Macht auf ihn einströmte, ihn zu Boden zwang. Er vergrub die Schnauze im Schnee, genoss den Schmerz, den die Kälte mit sich brachte und der doch nichts im Vergleich zu dem war, der sein Inneres in kleine Fetzen riss. „Ich liebe dich auch, Kleiner.“ Brachte der Schwarze mühsam hervor. Er spürte, wie etwas in seinem Inneren zerbrach und wusste, dass es sein Herz war.~
Die Erinnerung trieb ihm erneut die Tränen in die Augenwinkeln, die jedoch sofort auf seinem Gesicht zu kleinen Eiskristallen froren. Er wusste, dass Sharíku noch immer an seiner Seite war. Hörte ihre schnellen Schritte im Schnee, die versuchten mit ihm Schritt zu halten. In einer plötzlichen Bewegung hielt er inne und schaute sie von der Seite an, wandte nur leicht den Kopf und musterte sie prüfend.
„Ich weiß nicht, ob du das verstehst.“, seine Stimme klang rau, er hatte sie seit Nayrans Verschwinden nicht mehr gebraucht, war stumm gewesen, wie die junge Wölfin an seiner Seite.„Aber ich glaube... ich liebe ihn wirklich.“
Nachdenklich wanderte sein Blick zum Himmel empor. Die Tränen waren versiegt und hatten einer großen Leere platz gemacht. Einer schmerzlosen Leere.
„Aber das darf er nicht wissen. Obwohl ich glaube, das weiß er schon. In dieser Hinsicht ist er um einiges klüger als ich... und genau deshalb hat er etwas besseres verdient, als einen emotionalen Krüppel wie mich.“
Er fuhr sich mit der Zunge über die Lefzen und ein freudloses Lächeln schlich sich auf seine Züge, er schaute die Kleine immer noch nicht an. Im Grunde war es als spräche er mit sich selbst, erst seine nächsten Worte verrieten, dass das alles wohl doch an Sharíku gerichtet war.
„Genau wie du. Du solltest dich von mir nicht verletzt fühlen, dass bin ich nicht wert. Es wäre besser... Shani hätte sich einen anderen Paten für dich gesucht. Einen... weniger Problematischen.“
Er lachte rau und ebenso freudlos und wandte seinen Blick nun vollends der kleinen Wölfin an seiner Seite zu, senkte sogar leicht den Kopf um ihr vollends in die Augen sehen zu können. Sie würde ihm nicht antworten können, nicht so wie es ein anderer getan hatte, doch er würde ihre Antwort spüren, er würde sie ihr von den Augen ablesen können. Augen, die ebenso blau waren, wie seine und doch die eines anderen waren. Er stieß die Luft durch die Nase und zerzauste ihr so ein wenig den grauen Pelz. Ein flüchtiges, echtes Lächeln stahl sich auf seine Lefzen. Doch so echt es auch war, so traurig wirkte es. Irgendwo erinnerte die Kleine ihn sogar an Nayran, auch wenn Nayran ohne Punkt und Komma redete... geredet hatte. Er schloss die Augen, ehe er den Blick der Kleinen wieder erwiderte, zeigte ihr sein Inneres, oder das was noch davon übrig war.
Sie durfte es sehen... sie musste es. Sie musste ihm helfen die Scherben seines Seins wieder zusammen zu setzen. Er wusste, dass sie es konnte.
Mit einem Mal wurde dem Grauen bewusst, was passieren würde. Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Die Augen weiteten sich und der Fang wollte um Hilfe rufen, doch schon im nächsten Moment verstummte der Rüde. Stumm musste er sehen wie Banshee litt und seine Welpen wohl sterben würden. Sein Erbe, Nachkommen. Hass und verzweifelte Wut kroch ihm den Hals hinauf. Fand sich nutzlos, wollte aber nicht von der Seite der Weißen weichen. Wollte hier bleiben, ihr Trost spenden. Trauern konnte er im Nachhinein, wenn die Weiße aus der Gefahr war.
Nur ein leises, gedämpftes Schluchzen war zu hören, bevor er sich enger an die Wölfin drückte. Mit seiner Schnauze zog er einen weiteren, dicken Ast heran, zur Vorsicht. Er wusste, er konnte nichts weiter tun als hier zu sitzen und ihr die Stütze zu sein, die sie brauchte. Ihm wurde damit auch klar, dass auch nie einen anderen Posten einnehmen würde, seine Belohnung hatte er bekommen und seine Strafe folgte zugleich. Er nahm es hin, wollte nun nichts anderes mehr, als ihr zu helfen, als da zu sein, wenn sie ihn brauchte. Ob er sich nicht ausgenutzt vorkam? Nein, nicht mehr. Viel genommen, wenig gegeben, wenig gewonnen, viel verloren. Ihm war es nun gleich, er kannte seine Aufgabe. Und er durfte ihr helfen.
“Psst, bleibe ruhig, ich bin bei Dir. Ich werde hier bleiben, die ganze Nacht. Bis der rechtmäßige Hüne wieder den Platz an Deine Seite gefunden hat“,
sagte er heiser. Ein stille Träne ran ihm über das Gesicht. Er musste stark für Banshee sein, musste für sie hier bleiben, musste für sie da sein.
Auf ihr Kommentar hin antwortete er nicht weiter, zuckte nur ein weiteres Mal mit den Schultern, da er diesmal sicher sein konnte, dass sie es sah. Und dann stellte sie 'Die Frage'. Jakash hatte es geahnt und gefürchtet. Natürlich konnte sie ihm nicht einfach antworten, nein, das wäre viel zu einfach gewesen. Er konnte zumindest da verstehen, an ihrer Stelle wäre er wohl auch misstrauisch gewesen. Es gab da nur ein ein Problem: er kannte die Antwort selbst nicht. Jakash seufzte und suchte nach den richtigen Worten. Leider schien keines das auszudrücken, was er gern Amáya zu verstehen gegeben hätte. Ihm war nicht entgangen, dass sie sich bei seiner Frage angespannt und die Frage halb gezischt hatte. Der junge Schwarze musste den Impuls unterdrücken, sich zu entschuldigen und sofort zu verschwinden. Er wusste, wenn er jetzt ginge, würde er nie wieder den Mut aufbringen, sie nocheinmal zu fragen.
"Ich.. weiß es selbst nicht so genau. Ich hatte gehofft, wenn ich die Antwort kennen würde... dann würde ich auch wissen, warum ich.. dich unbedingt fragen muss. Wenn ich sage 'Es interessiert mich'.. dann wäre das nicht gelogen, aber es wäre.. zu platt ausgedrückt. Ich kann es nicht in Worte fassen...“
Kurz schwieg er. Er ahnte, dass seine Antwort vermutlich wenig zufrieden stellend war, aber er wollte ihr weder irgendeine platte Ausrede auftischen, noch ihr eine mitleidsduselige Lüge erzählen.
"Ich habe letzte Nacht davon geträumt. Wie du ihn getötest hast. Ich habe erlebt, aus welchen Gründen man einen völlig fremden Wolf angreifen und töten kann. Aber jemanden, den man kennt... Und deshalb frage ich mich, was dazu geführt hat...“
Jakashs Blick huschte zu Amáya, denn senkte der verlegen den Kopf. Er kam sich immernoch komisch vor.
"Ich meine... nun... ach, ich halte es einfach für zu wichtig, um es in wilden Spekulationen zu ertränken...“
Wieder huschte sein Blick zu ihr, suchte auf ihrem Gesicht nach einer Reaktion.
"Jetzt hälst du mich für einen Trottel, hm?“
Aryan kam auf die gleiche Idee wie er selbst - nunja, eigentlich gab es ja auch keine Alternative, trotzdem fühlte der junge Graue ein klein wenig so etwas wie stolz in sich. Dann galt es jedoch auch schon, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren. Er musste aufpassen, nicht selbst in das Loch zu fallen, in dem es schon gar keinen Platz mehr gab, und ausserdem wollte er Ahkuna ja nicht wehtun. Vorsichtig nahm er die junge Fähe am Nacken, konnte sich ein Grinsen gen seines Bruders jedoch nicht verkneifen. Behutsam trat er zwei Schritte zurück und mühte sich dabei, den Kopf nicht unnötig zu bewegen. Ahkuna war keine so kleine Welpin mehr, ihr Gewicht zerrte doch ganz schön an seinen Nackenmuskeln. Trotzdem beherrschte er sich genug, um die weiße Fähe langsam auf dem Boden zu setzen.
"So, geschafft! Alles in Ordnung soweit?“,
er sah sie noch fragend an, als er sich wieder zum Loch begab, an dessen ruchtigem Rand sich noch immer Aryan festklammerte.
"Auf drei“,
sagte er und fasste seinen Bruder am Nackenfell zwischen den Schulter. Er musste sich gefährlich weit vorlehnen dafür.
"Einghs... tschwei... dgrei!“
Cyriell stemmte sich zurück und mühte sich, seinen Bruder aus dem Loch zu ziehen. Der Schnee gab ihm wenig halt, der Graue spreizte die Zehen und bohrte seine Pfoten so tief in den Schnee, wie ihm möglich war...
Ein ganzer Monat schon war vergangen seit sie gemeinsam mit Engelsauge das Tal betreten hatte, doch seitdem war sie kaum mit ihm zusammengewesen. dabei war er doch ihr einziger Halt hier. Nun saß sie abseits der anderen und war doch nicht ganz anwesend. Nachdenklich starrte sie in den Schnee. Alles war so fremd hier und sie wusste nicht wie sie hier zurechtkommen sollte. Sie fand einfach keinen Anschluss, Cyriell war ihre einzige Bezugsperson und er hatte so viel mehr Anschluss als sie.
Unsicher und zögernd erhob sie sich, trottete über die Lichtung in den Wald. Nachdenken. Ohne Cyriell war alles sinnlos. sie brauchte ihn. nein. anders. sie liebte UND brauchte ihn. aber das hatte sie ihm noch nicht gesagt und sie würde es freiwillig wohl auch nie tun. sie war viel zu schüchtern. und da war ja noch die Sache mit Shun und ihren Welpen die niemals gelebt hatten. Zumindest nicht real. sie hatte sich immer vorgestellt, wie ihre Charaktere wohl geworden wären....wenn sie es geschafft hätten. Noch immer litt sie unter den Schmähungen von Shun, unter der Verbannung und den Bemerkungen über ihren schlechten Mutterinstinkt. wie hätte sie denn die Welpen retten können, die doch schon tot zur Welt gekommen waren? wie denn? Sie blieb stehen, den Kopf in den Nacken, die Ohren an den Kopf gepresst und die Augen geschlossen. Trauer überwältigte sie und zwang sie ihren Gefühlen nachzugeben. Die Rute zog sie bis unter den Bauch ein ehe sie ihr Klagegeheul anstimmte.
"Ich habe verloren... Kiri.... Kazuya..... Rika... Kami. tot und verloren... verloooooren
Ihr war es nicht wichtig gehört zu werden, sie wollte nur eins.....vergessen.....
Wie ein Schatten war sie ihm in den letzten Wochen gefolgt. Der graue Schatten eines rabenschwarzen Rüdens. Seitdem Lunar ihr sein Innerstes offenbart hatte, war Sharíku ständig bei ihm gewesen, hatte immer wieder seine Nähe gesucht. Und offenbar duldete er es. Dass ihr Pate es nicht nur duldete, sondern sie gerne bei sich hatte, daran konnte sie nicht recht glauben. Nun, im Grunde war es nicht so wichtig. Das glaubte sie zumindest. Wollte es glauben.Es war nur wichtig, dass sie bei ihm sein konnte. Warum eigentlich? Warum? Bloße Zuneigung? Nein, das konnte es nicht sein. Sie war sich nicht einmal ganz sicher, dass sie ihn wirklich gern hatte. Wenn doch, dann wäre diese ganze Sache wirklich sehr merkwürdig. Lunar war schließlich nicht besonders nett zu ihr gewesen. Auch nicht zu Nayran. Nayran... Was sich da vor den Augen der Stummen abgespielt hatte war...unfassbar. Sie hatte alles gehört, alles gesehen. Aber ob sie es wirklich verstanden hatte, das wusste sie nicht. Sie hatte gehört, wie Lunar den weißen Rüden weggeschickt hatte. Es fiel ihr schwer, das zu verstehen. Denn offenbar mochte er ihn. Oder...liebte ihn. Noch, etwas, das sie verwirrte. Sie hatte eine ungefähre Ahnung davon, was Liebe war. Am eigenen Leib hatte sie sie noch nicht erfahren können, aber sie wusste Einiges aus zweiter Hand. Sie hatte immer gedacht, Rüden konnten nur Fähen lieben. Und umgekehrt. Anscheinend war das doch nicht so. Sharíku hatte also gesehen, wie ihr Pate absolut gemein zu dem jungen Rüden gewesen war, den er...liebte. Und sie hatte gesehen, wie er zerbrochen war. Ja, dieser Moment war es gewesen. Dieser Anblick hatte Sharíku an Lunar gekettet. Also war vielleicht Mitleid der Grund, weshalb sie ständig bei ihm war? Das fühlte sich schon an, als wäre es etwas näher an der Wahrheit. Aber vollkommen richtig war es auch nicht. Es war etwas viel Tieferes, dass die junge Fähe nicht in Worte zu fassen vermochte. Irgendwann würde sie die Worte finden. Und bis dahin würde sie einfach tun, was ihr Herz und ihre Seele ihr stumm zuflüsterten.
Es war etwas Besonderes, wie Lunar mit ihr sprach, soviel hatte die Graue begriffen. Er sagte ihr die wirklich wahre Wahrheit. Er zeigte ihr, wie er wirklich war. Seine äußere Erscheinung und sein Benehmen waren keine Maske. Nein, sie waren eine Mauer. Eine Mauer, die vor ihren blauen Augen zerbröckelt und zerbrochen war. Ob sie es verstand, dass Lunar Nayran liebte? Nein, nicht wirklich. Aber das Verständnis dafür war ihr nicht so wichtig. Viel mehr wollte sie verstehen, warum er dann gelogen hatte, Nayran und sich selbst das Herz zerfetzt hatte. Er gab ihr eine Antwort auf ihre unausgesprochene Frage, sie lauschte seiner rauen Stimme. Die Worte ergaben für sie zwar einen Sinn, aber auch mit diesem Sinn verstand sie sein Handeln nicht.Woher wollte er denn wissen, dass er nicht das Beste war, das Nayran verdienen konnte? Und Sharíku glaubte fest daran, dass dieser emotionale Krüppel, wie er sich selbst genannt hatte, noch geheilt werden konnte. Dann sprach er von ihr. Die Stumme senkte den Blick. Sie war so leicht zu verletzen. Ein falsches Wort, ein falscher Blick und sie würde genauso zerbrechen, wie es Lunar widerfahren war. Aber jetzt, da sie es bei ihm gesehen hatte, würde er sie nicht so leicht zerbrechen können. Dafür empfand sie zuviel Mitleid.
Seine nächsten Worte ließen Sharíku ruckartig den Kopf heben. Aus ihren Augen blitzte der Widerspruch, der sich langsam in Betroffenheit, Trauer und Mitleid verwandelte, als sie seine Augen, seine Seelenspiegel so nahe vor sich sah.
Vielleicht hatte er Recht und ein anderer Pate als Lunar wäre für die Stumme besser gewesen. Doch sie wollte keinen Anderen. Sie wollte tief und tiefer in Lunars Seele blicken. Sie wollte genau wissen, was er war und warum er so war. Was er einmal gewesen war und jetzt nicht mehr sein konnte. Ein warmer Windhauch streifte sie. Sein Atem. Ganz kurz schloss Sharíku die Augen. Ganz kurz und ganz sachte berührte ihre Nase seine. Dann öffneten sich die dunkelblauen Augen wieder und blickten tief hinein in den Scherbenhaufen.
03.01.2010, 15:57
Verwirrt klimperte Malicia mit den Augen. Rasch erfasste sie, was geschehen war. Sie war sicher beim Rudel und nicht allein. Mit neugewonnenen Kräften drückte sie sich vom Boden ab und torkelte ein wenig herum. Dann sah sie zu Cumará Tumaan, die nicht glücklich aussah. Malicia ging zu ihrer Freundin und sah sie besorgt an. Alles, was sie sich für ihr wünschte, war Glück. Mit einer fahrigen Bewegung schleckte sie der Grauen über das Fell und winselte leise. Sie wagte nicht, zu fragen, was Cuma hatte, hatte Angst, ihre Gefühle zu verletzen. Doch sie wollte ihr so gern helfen - ihrer Freundin.
"Cumará. Was ist los mit dir? Möchtest du darüber reden?“
Die schwarze Tochter der Alpha wartete geduldig. Die Graue musste völlig überfordert sein. Hundertprozentig war sie das - und Malicia wollte ihr nur helfen, nicht ihr Leben zerstören. Nein, das wollte sie auf keinen Fall. Cumará hatte ihr gedankt, ihr erzählt, dass sie sie mochte und das wollte die Schwarze nicht wieder rückgängig machen. Aber sie wollte rückgängig machen, dass Cuma sich verletzte. Wollte, dass es ihrer Freundin gut ging. Es sollte nicht schiefgehen - dazu setzte Malicia zu viel. Ein Lächeln blieb auf ihrem Gesicht.
oO Es ist noch nicht annähernd perfekt, aber es wird es werden. Oo
Shani stapfte mit einem missmutigen Ausdruck durch den Schnee. Eigentlich hatte sie nicht direkt etwas gegen den Winter, auch wenn sie die Wärme des Frühlings und des Sommers eindeutig bevorzugte … aber diesen Winter hatten es Engaya, Fenris oder sonst wer wirklich übertrieben. Sie gleich so einzuschneien und dabei Temperaturen zu schicken, die einem den Atem einfrieren ließen, hätte einfach nicht sein müssen. Noch dazu wusste sie nicht, wo Hiryoga steckte und ihre Kinder hatten sich auch schon länger nicht mehr blicken lassen. Früher war das anders gewesen. Sharíku hatte an ihr geklebt und auch Ahkuna war ihr selten von der Seite gewichen. Plötzlich waren Welpen Jungwölfe und ihre Mama brauchten sie nicht mehr. Nicht mal mehr Sharíku. Die hatte sich zwar nicht groß geändert, was ihr anhängliches Verhalten betraf, jetzt aber hing sie nur noch an Lunar. Irgendwie war Shani wieder ein bisschen alleine. Und das war wohl der Hauptgrund für ihre relativ schlechte Laune. Dass niemand da war, der ihre Aufmerksamkeit wollte, der ihre Liebe brauchte oder der sie sonst irgendwie auf Trab hielt. Nicht mal Hiryoga. Dazu kamen dann der Schnee und die Kälte und schon war der ganze Tag versaut. Sie seufzte leise und hielt inne. Gerade hatte sie sich durch den Schnee zum Rudelplatz gewühlt und kam endlich zu freieren Flächen. Das Dasein als Schneewalze besserte ihre Laune wirklich nicht. Wie immer trieben sich in der Nähe ein paar Wölfe herum, aber sie konnte keines ihrer Kinder entdecken. Genauso wenig wie Hiryoga. Oder sonst irgendwen, zu dem sie sich gerne gesellt hätte. Langsam tappte sie weiter, etwas unschlüssig, wo sei hingehen sollte. Sicher hätte sie ein wenig herumschnüffeln können und wäre dann irgendwann auf einen ihrer Welpen gestoßen, aber die wollten sicher auch Dinge fern ihrer Mutter erleben. Das war genau das Alter dazu. Deutlich unglücklich senkte sie die Schnauze und übersah Jumaana über die sie beinahe gestolpert wäre. Abrupt hielt sie an und blinzelte einmal. Sie musste ja einen ziemlichen Tunnelblick gehabt haben, um die Weiße zu übersehen. Ein schiefes Lächeln brachte sie zu Stande.
“Hallo Jumaana. Auch alleine?“
Etwas unschlüssig setzte sie sich neben die Fähe und pustete sachte in den Schnee vor sich. Eigentlich hatten sie sich selten mit Jumaana unterhalten, aber jetzt schien keiner von ihnen beiden etwas Besseres zu tun zu haben. Von Takashi keine Spur und ansonsten hatte Shani keine Ahnung, mit wem sich Jumaana gut verstand. Eigentlich hatte sie sowieso keine Ahnung von der Weißen. Sie war in den Bergen zu ihnen gestoßen, so viel wusste sie. Damals hatte Shani noch keinerlei Blick für das Rudel gehabt. Da waren die Welpen neu geboren. Damals hatten sie sie noch gebraucht …
Nyota hatte sich überaus seltsam gefühlt. Der Schnee lag inzwischen sehr hoch, und sie fühlte sich immer häufiger seltsam. Auch ihr sah man die Trächtigkeit längst an, wenngleich sie den Eindruck hatte nicht ganz so rund zu sein wie die drei anderen werdenden Mütter. Die Schwarze hatte viel Zeit mit Aszrem verbracht, aber mindestens genausoviel Zeit alleine und ihren Gedanken folgend. Das wichtigste Thema war klar - Banshee. Auch ihre Schwester war wieder Trächtig - jedoch war Acollon nicht da gewesen, und ihrem Blick, wachsam wie nur der einer Schwester sein konnte, war in all der Zeit Akru nicht entgangen, der zufällig viel zu oft in der Nähe der Weißen gewesen war. Oder andersrum.
Aber auch Tyraleen erwartete Welpen - von ihrem Bruder. Nyota war sich nicht sicher was sie davon halten sollte, konnte aber zumindest nachvollziehen dass ihre Blutsverwandschaft nichts an ihrer Liebe änderte - war es auch eine ganz andere Art und Weise, so liebte doch auch sie Banshee vor allem anderen. Und dann war da noch Kaede. Auch die blinde Fähe war keine junge Mutter, und Nyota wünschte ihr so sehr dass sie ihre Jungen hätte sehen können, aber diesen Wunsch konnte niemand erfüllen.
Und nun, nach sovielen Jahren, würde sie selbst endlich Mutter werden. Es war ein unbekanntes Gefühl, beglückend und zugleich bitter, weil soviele Sorgen damit einhergingen.
Gerade hatte die Schwarze den Rückweg zum Rudelplatz angetreten, als hinter ihr der Schnee zerriss und plötzlich eine völlig erschöpfte Kylia stand und gleichermaßen um Luft und Worte rang.
Nyota spitzte die Ohren, während die Graue hastig erzählte was sie ad gefunden hatte, und überhörte sowohl das Heulen eines Fremden wie auch Amáyas Worte - die Schwarze konnte sich nicht erklären wovon Kylia sprach, aber es klang nicht unbedingt nach einem Thema dass man ruhen lassen sollte.
"Zeig es mir"
entschied sie schnell, und hatte sich schon in die Richtung gewand aus der Kylia gekommen war. Zwar war sie in ihrer Verfassung nicht mehr zu sportlichen Höchstleistungen im Stande, aber ihre Pfoten weigerten sich langsam zu laufen...
Genervt zog Jumaana ihre Schnauze aus dem Schnee, denn sie war schon fast am Erfrieren. Sie hatte sonst noch nie so einen Hass gegen den Winter verspürt, doch jetzt war er ganz deutlich da. Es schneite und schneite und wollte nicht aufhören. Ein leiser Seufzer entfuhr der Weißen. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Alles um sie herum war weiß, ab und zu ein paar Farbflecken, was auch immer es war. Jumaana schüttelte den Kopf, doch der Schnee hatte sich beharrlich in ihrem Fell festgesetzt. So sehr sie sich auch schüttelte, immer doch war ihr Fell verklebt und nass. Irgendwann gab sie es auf und seufzte einmal laut. Es war einfach abartig, wie sehr es schneite. Deutlich konnte die Weiße den kalten Wind auf ihrer Haut spüren und merkte, wie wenig das sonst so dichte und schützende Fell ihr gegen den immer tieferen Winter half. Jumaana hatte noch nie gefroren - nie! Zumindest bis jetzt. Takashi hatte recht gehabt, in dem er gesagt hatte, dass der Winter nervig und lang war. Leise fluchte die Fähe und sah auf. Müde senkte sie wieder den Kopf und legte sich wieder ins kalte Nass. Als sie den Kopf wieder hob, hörte sie eine Stimme über sich, die ihr seltsam bekannt vorkam, die sie aber noch nie gehört hatte. Jumaana setzte sich auf und blickte genau in die grünen Augen einer Fähe. Verwirrt durchforstete sie ihr Gehirn. Namen merken war nie ihre Stärke gewesen und genau dieser wollte ihr gerade nicht einfallen. Tausende von Namen wirbelten durch ihren Kopf, Unbekannt und Bekannte. Namen ihrer Freunde, Familie und auch welche aus dem Rudel. Es waren einfach zu viele für die kleine Weiße, als das sie sich alle hätte merken können. Doch irgendwas im Gesicht der fremden Fähe erinnerte sie an jemanden. An jemanden, den Jumaana ins Herz geschlossen hatte.
"Shani?"
Fragte sie reflexartig und schaute die ebenfalls Weiße fragend an. Wahrscheinlich war die Idee eh falsch. ... Shani ... Shani ... Shani ... Wie eine Glühbirne ging Jumaana ein Licht auf. Shani Caiyé, die weiße Jungwölfin und Mutter der vielen Kleinen, unteranderem auch der süßen Kursaí. Bei der Erinnerung lächelte sie. Die Welpin hatte von ihrer Mutter geschwärmt und war immer so lieb gewesen. Doch ansonsten war der Weißen die Fähe völlig unbekannt. Sie zwang sich trotz der eisigen Kälte ein Lächeln auf Gesicht und sah Shani Caiyé an. Dann entsann sie sich und widerrief die Worte der anderen Fähe in ihrem Kopf.
"Ja, wie es aussieht schon. Doch jetzt nicht mehr!"
Dann musste Jumaana doch grinsen. So kannte sie sich selbst gar nicht. Erst völlig zerfressen von Sehnsucht nach Takashi und jetzt glücklich darüber, dass Shani bei ihr war. Wer war doch ihr Gefährte ...? Jumaana fragte nicht nach, wagte es gar nicht. War da nicht - ein Brauner - Hiryoga gewesen. Doch die Weiße war sich nicht wirklich sicher. Irgendwie fühlte sie sich benebelt - vielleicht wegen dem Schnee, vielleicht aber auch, weil sie eben noch geschlafen hatte. Auch dies war der Weißen ein Rätsel.
Der Blick aus den nachtblauen Augen war unverändert nachdenklich, während sie über die Landschaft wanderten, ohne einen bestimmten Punkt zu fixieren. Es war vielmehr ein Abtasten. Schneewehen zogen nun über das Land und hatten alles unter sich begraben. Midnight ließ es allerdings unberührt, war er an die Kälte gewohnt und sie war ihm neben seiner Einsamkeit eine treue Begleiterin gewesen. Einsam. Noch immer erfüllte ihn dieses Wort, dieses Gefühl. In seinem Innern erklang eine schwere, melancholische, traurige Melodie, ein Klang seiner Seele, die sich irgendwo verloren hatte.
Langsam richtete sich der Schwarze auf, ließ den Schnee, welcher sich an seinem Pelz fest gesetzt hatte, hinab fallen. Seine kleine Patin hatte er gerade aus den Augen verloren. Wobei... klein war sie ja nun nicht mehr. Er konnte praktisch dabei zu sehen, wie aus der Welpin mit der zeit eine schöne Jungwölfin und eines Tages eine bezaubernde Erwachsene werden würde. Sie würde ihren Weg finden, dessen war er sich sicher. Ein milder Ausdruck lag auf seinem Gesicht, während Midnight Sayrán durch den Schnee lief, in einem gleichmäßigen, ruhigen Schritt. Die Ohren waren nach vorne gerichtet, während sein Inneres der Melodie in ihm lauschte. Sie hatte einen angenehmen Klang, die wirklich all seine Empfindungen auszudrücken vermochte und ihm ein kleines bisschen Ruhe verlieh. Seine mitternachtsblauen Augen blieben schließlich an etwas weißem Fell hängen, der Rüde blieb stehen. Es war die Mutter seiner Patin, Shani. Einen Augenblick überlegte er, ob er sich zu ihr gesellen sollte. Eine seltsame Stimmung herrschte in ihm vor, die ihn dazu veranlasste, so zu denken. Aber nicht nur dies, auch die unumstößliche Tatsache, dass er Shanis Anwesenheit akzeptierte, sie sogar allen anderen vor zog. Dennoch haderte er mit sich selber, war sich unsicher und noch unsicherer, als sich eine weiße Fähe – er glaubte, dass sie Jumaana hieß – zu Shani gesellte. Sonderbarerweise ließ er sich davon nicht beirren, sondern ging noch etwas näher.
„Shani.“
Er schenkte Rakshees Mutter seinen sanften Blick und der ihm noch unbekannten Weißen ein höfliches Nicken, sagte aber sonst nichts weiter.
Munter wie eh und je blickte die Schwarze durch die Gegend. Schnee, Schnee, Schnee.. Und ganz viel davon! Und überall! Aradis, die direkt neben ihr lag, schien zu schlafen. Und das bei so einem herrlichen Wetter! Hechelnd ließ Kisha den Blick noch einige male umher schweifen, als wolle sie sich jeden Winkel dieses Reviers einprägen. Immerhin konnte jede Minute hier ihre letzte sein. Noch ganz zart lagen einige Gerüche in der Luft, her getragen vom sachten Wind. Kisha hob den Kopf und schnüffelte. Zu ordnen konnte sie keinen dieser Gerüche. Blinzelnd sah die Schwarze zu Liam und Kandschur, als diese sich etwas von ihnen fort bewegten. Wo wollten die den hin?! Wollten die etwa ohne die zwei weg? Fragend neigte sich Kishas Kopf zur Seite. Im ersten Moment wollte sie aufspringen, zu ihnen rennen und sie ausfragen. Aber Aradis‘ Stimme hielt sie zurück. Noch immer lächelnd aber mit einem breiten Grinsen auf den Lefzen wandte sich die Fähe der Weißen zu.
“Ich weiß nicht?“
Kurz pustete die Schwarze ein wenig Atemluft hinaus, beobachtete wie sich die weißen Wölkchen langsam in sich selbst auflösten. Woa! Dann blickten die braunen Augen wieder zu Aradis, die inzwischen weiter gesprochen hatte. Der Kopf der Schwarzen neigte sich noch ein wenig mehr nach links.
“Ich weiß nich‘ wohin die gehen! Und wann wir weiter gehen auch nicht. Aber.. vielleicht machen die das extra? Und vielleicht gehen wir ja bald weiter? Ich denke schon. Sonst wären wir doch gar nicht mehr hier! Das wird schon wieder, bestimmt!“
Gewohnt optimistisch begann ihre Rute über den Schnee zu fegen, als Aradis ein wenig näher zu ihr rückte. Leicht kuschelte sie sich in das weiche Fell der Fähe. Hach war das alles herrlich!
Aradis schaute Kisha an. Wie gelassen die Schwarze war. Vielleicht hatte sie noch nicht das erlebt, was sie selbst erlebt hatte? Diesen Schmerz im Herz, der nicht fortging... und doch, es war besser geworden. Sie hatten sich immer weiter vom Rudel entfernt und der weißen Wölfin war es immer besser gegangen. Sie seufzte glücklich. Als Kisha sich ebenfalls an sie kuschelte, lächelte sie. Zufrieden. Glücklich? Ja, wahrscheinlich. Atradis grüne Augen waren jedoch geöffnet und huschten über die Landschaft. Dan hob sie den Kopf, ihre Ohren waren gepitzt und die Augen nun aufmerksam. Sie lauschte angestrengt. Hm. War da etwa etwas? Sie schaute Kisha fragend an. Hatte sie vielleicht auch etwas gehört? Liam und Kandschur waren verschwunden. Etwas unsicher legte Aradis irhe Ohren an. Irgendetwas stimmte hier nicht. Dann sprang sie auf. Jetzt hatte sie wirklich etwas gehört. Dort, am Wald. Sie lagen mitten auf einer schönen Lichtung, ein gutes Ziel für andere raubtiere.
"Kisha... ich glaub, da ist etwas..."
ihre Stimme war nicht gelassen, sondern von Panik zerfressen. Nocheinmal raschelte es am rand der Lichtung. Schnee fiel von den Bäumen. Aradis war in dem Schnee fast nichtzu sehen, doch Kisha stach aus der Landschaft heraus, wie ein blühender Laubbaum im Winter. Außerdem hatte er sicher schon ihre Gerüche aufgenommen.Der Bär...
Er ließ es einfach geschehen, ließ die Berührung zu und schloss selbst für einen Moment die Augen, ehe er sie wieder in sich eintauchen ließ. Ihre Abwehr auf seine letzte Bemerkung rührte ihn zutiefst. Sie wollte keinen anderen, nur ihn...? Womit hatte er das verdient? Bestimmt nicht durch seine überaus nette Art ihr gegenüber. Er spürte wie ein hohles Lachen in ihm aufwallte, doch er schluckte es herunter, ehe es seine Lefzen erreichte. Aufmerksam musterte er die kleine Graue. Sie war nicht besonders kräftig, sie war überhaupt nichts Besonderes und trotzdem, trotzdem ließ er sie in den Abgrund seiner Seele blicken. Nun, das Schicksal hatte Beweggründe, die er nie verstanden hatte. Und es spielte ihm immer wieder die gleichen Situationen zu. Damals hatte er Shani fort geschickt, um sie zu schützen, indem er ihr sagte, er hasse sie und jetzt hatte er Nayran fort geschickt, um ihn zu schützen, indem er ihm sagte, er hatte ihn...? Welch Ironie des Schicksals.
„Ich bin ein Narr.“
Gab er ehrlich zu und fixierte die Kleine mit einem wehleidigen Blick, ehe er sich wieder erhob und damit begann unruhig auf und ab zu gehen.
„Du verstehst mich nicht, ich weiß.“
Er stieß ein erneutes schweres Seufzen aus. Er hatte den schwarzen Kopf ihr zugewandt, während er seine Pfoten sich ihren Weg durch den Schnee bahnten, wenige Schritte später inne hielten und den gleichen Weg erneut begannen. Er drehte sich im Kreis und das schon sein ganzes Leben lang, ohne es ändern zu können. Langsam fühlte er sich wie in einer Zeitschleife in der alles immer und immer wieder erleben musste, ohne aus seinen Erfahrungen klüger zu werden.
„Aber das ist egal.“, fuhr er unberührt fort. „Vielleicht macht dich das irgendwann klüger als mich. Weißt du, ich begehe Fehler mehrmals, ohne wirklich daraus zu lernen.“
Er schaute zum Himmel empor, während er unablässig weiter seine Kreise in den Schnee zog, eine einzelne Schneeflocke rieselte vom Himmel herab und schmolz auf seiner Nasenspitze. Er schaute Sharíku an.
„Merk dir das. Es ist ungesund immer wieder den gleichen Fehler zu begehen.“
Diesmal konnte er ein hohles Lachen nicht unterdrücken.
„Du siehst ja, was aus mir geworden ist.“
Nachdenklich hielt er mitten in der Bewegung inne, fixierte die kleine Wölfin, ohne sie richtig anzuschauen. Noch immer erfüllte ihn diese Leere, die ihn vor dem Schmerz schützte.
„Liebe ist schon seltsam...“, fuhr er langsam fort. Es kam ihm komisch vor mit ihr über Liebe zu sprechen. Liebe. Lächerlich. Aber irgendwie gab die Kleine ihm das Gefühl, dass sie verstand, auch wenn sie nicht verstand. Ein Paradoxium. Sein ganzes Leben bestand aus Paradoxien. Er liebte Nayran, auch wenn er ihn nicht liebte. Er hasste die anderen Wölfe, auch wenn er sie nicht hasste.
„... ich werde das nie verstehen. Schade eigentlich.“, er senkte den Kopf und betrachtete interessiert den Schnee zu seinen Pfoten.“Naryan hätte mir sicherlich noch einiges beibringen können... tut mir Leid, dass ich dir nicht viel beibringen kann, wahrscheinlich werde ich dir so wie so nicht besonders nützlich sein.“
Ein wehleidiges Lächeln schlich sich auf seine Züge. Es tat ihm ehrlich Leid für die Kleine.
„Ich bin nicht gut im Trösten und so etwas.“, er hob eine seiner riesigen Pfoten und machte eine wegwerfende Bewegung. Es fiel ihm gar nicht einmal so schwer offen über seine Schwächen zu reden. Er wusste das er viele hatte und sie sich einzugestehen machte das alles irgendwie leichter. Es war an der Zeit den Trümmerhaufen, der sich sein Leben nannte ein wenig zu ordnen. Scherbe für Scherbe. Und Sharíku würde ihm dabei helfen.
So aufgedreht hatte Kandschur sich ihm noch nie gezeigt, nicht, dass es ihn störte, nein erfreute sich sehr für ihn, aber es kam ihm trotzdem ein wenig komisch vor. Und immer wieder rief er nach ihm, zupfte an ihm und forderte ihn auf noch weiter mit ihm zu kommen. Fast wie in Trance wandelte er hinter Kandschur her, erfüllt von einer Vorfreude, wie er sie nicht kannte, und doch irgendwie so…. Er wusste nicht, wie er sein Gefühl beschreiben sollte. Sanfte Schauer liefen über sein Fell, immer wieder dann, wenn Kandschur ihn berührte, bevor er wieder weiter nach vorne lief. Aradis und Kisha waren vergessen, der Schnee hüllte auch alle Gerüche ein, sodass sie nur schwer noch eine Witterung nach den zwei Fähen hätten aufnehmen können. Wenn die Zeit gekommen war, würden sie die beiden wieder finden. Schließlich gehörten sie momentan zu ihrer kleinen Gruppe und Gruppenmitglieder fand man immer wieder!
Alle seine Sinne waren auf den Rüden vor sich gerichtet und als ob er aus seiner Trance erwacht war, sprang er auf Kandschur zu, der sich gerade von ihm gedreht hatte um ein Stück vorzulaufen. Spielerisch sprang er leicht seitlich auf den Rüden, biss ihm sanft in das Nackenfell, nicht, um ihn zu verletzen sondern nur um sich zu halten. Lachend ließ er sich wieder von ihm fallen. Ganz plötzlich verstummte sein lachen, so nah war er Kandschur schon lange nicht mehr gewesen, er war, direkt an seiner Seite, zu Boden gerutscht, fühlte seinen Kopf an der Schulter Kandschurs, sein ganzer Körper presste sich an den für Kandschur, zwei Schritte lang rieben die Körper aneinander und das Fell vereinte sich zu einem. Dann blieb Liam stehen, blickte rasch um sich und befand, dass dies eine schöne Stelle zum bleiben war.
„Kandschur… Ich denke, hier sind wir richtig!“
Obwohl er nicht wusste, was Kandschur eigentlich mit ihm vorhatte, spürte er instinktiv, dass sie hier verweilen konnten. Es hatte so viel Liebe und Zärtlichkeit in seiner Stimme gelegen, wie er es kaum fassen konnte. Er spürte, wie die Liebe zu Kandschur immer stärker wurde, ein beben durchlief wieder seinen Körper, Schauer kräuselten sein Fell und verliebt, mit schräg gelegtem Kopf, schaute er Kandschur abwartend an. Vermisste schon jetzt, wo Kandschur nicht weit von ihm war, seinen warmen Körper und seine Bewegungen, die Liam jedes mal den betörenden Duft von ihm herüber schickten.
Urion war es gewohnt durch diesen tiefen Schnee zu laufen und trotzdem mussten seine Muskeln ordentlich arbeiten. Er war halt auch nicht mehr der Jüngste. Ein leises Seufzen durchfuhr die Kehle des Graufangs, der einsam durch den Wald lief. So richtig wusste er nicht wohin mit sich. Sollte Urion nicht bei seiner Fähe sein? Dorthin trieb es ihn einfach nicht. Der Grund? Gab es diesen überhaupt? Der Graue schämte sich seiner selbst. Es war seine Schuld, es wird seine Schuld sein, wenn diese Welpen den Fluch in sich tragen. Dieses Fenriswesen. Diesmal stieg ein deutliches Grollen aus der Kehle des Nordwolfes. Es galt im selbst. Vorbei war die Euphorie, gewichen einer unbestimmten Angst. Der Schnee hörte nicht mehr auf zu fallen, blieb an den Wimpern hängen und verschleierte die Sicht. Urions Augen suchten umher bis sie zwischen den Bäumen an etwas hingen blieben. Dort standen Amáya und Jakash. Nicht weit entfernt Nyota mit einer anderen Fähe, die Urion nicht weiter kannte. Ein heftiger Stich durchfuhr sein Herz. Schmerzlich, gar stechend wurde ihm der Todesschmerz übers Zacks scheiden bewusst. Urions grüne Augen waren schreckgeweitet auf Amáya gerichtet. Vor seinem Inneren Auge schwamm der seelenlose Körper im Wasser des Flusses. Sollte Akru nicht auf sie achten? Urion wurde wütend. Warum durfte dieses Miststück eigentlich weiter im Rudel bleiben? Urion beschleunigte seine Schritte, viel in den Trab, wurde immer schneller bis er seine Endgeschwindigkeit erreicht hatte. Mit weit aufgerissenem Fang jagte er auf Amáya zu. Kurz vor Jakash bremste er ab, wurde zurückgezogen, als wenn die Leine zu kurz wäre. Schnee wurde aufgewirbelt. lautlos vom Wind wie ein nebliger Vorhang davon getragen. Überhaupt wurden alle Laute in diesem Wald gedämpft.
Knurrend ließ Urion die Kiefer kräftig aufeinander krachen, das Fell war weit in die Höhe gesträubt. Schließlich verharrte er in seiner Position, seine Augen durchbohrten Amáya, durch das grün schimmerte das Rot des Fluches, selbst das Gesicht schien schon wieder in seine Fratze zu entgleiten. Urion wand sich ab, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Er lief zu Nyota und Kylia, versuchte sich auf dem Weg dorthin wieder zu fangen. Nyota schien gerade irgendwo hin zu wollen, Kylia sah panisch aus. War etwas geschehen?
"Ist etwas passiert? Kann ich euch helfen?"
Nicht, dass Nyota zu schwach um das allein hinzu bekommen, aber in anbetracht der Tatsache, dass sie Leben in sich trug, sollte sie vielleicht etwas ruhiger treten. Urions Stimme bebte noch von der Wut.
Vorsichtig legte Kaede sich in den tiefen Schnee am Rande des Rudelplatzes. Sie seufzte auf, ihr runder Bauch machte ihr doch sehr zu schaffen. Sie fühlte sich so ausgelaugt wie schon lange nicht mehr und das lag sicherlich nicht nur an den Welpen in ihrem Bauch sondern auch daran, dass sie eben nicht jünger wurde. Sie schüttelte leicht den Kopf, ehe sie ihre Augen schloss und ihre Schnauze auf ihren Vorderpfoten bettete. Die Ohren drehte sie nach hinten und legte sie dicht an ihren Kopf. Der kalte Wind zog so sehr hinein, dass sie alles nur noch säuselnd hörte und das störte sie gewaltig.
Sie ließ ihre Gedanken ziehen, zu der Paarung mit Urion, die nun schon vier Wochen zurücklag. Viel war in der Zeit passiert, es hatte nicht aufgehört zu schneien, der Schnee war nur noch mehr und wilder geworden. Banshee hatte ihnen den Verlust von einem Rudelmitglied, Zack, verkündet und hatte Kaede damit traurig gestimmt. Es war ein Unfall gewesen, Banshees Tochter Amáya war es gewesen, obwohl sie ihn natürlich nicht töten wollte. Sie war traurig darüber, hatte sie doch nie viel mit dem Rüden zu tun gehabt, aber er war ihr immer so freundlich und zuvorkommend vorgekommen. Außerdem war es bestimmt ein harter Schlag für Banshee gewesen, dass ihre eigene Tochter ihren Paten umgebracht hatte. Wenn auch ungewollt, tot war tot.
Sie wollte nicht länger darüber nachdenken und blieb mit ihren Gedanken bei Banshee hängen. Auch sie bekam erneut Welpen, für sie war es schon ein gewohnter Ablauf, für sie, Kaede war es etwas total Neues und sie fragte sich, ob die Schmerzen wohl noch viel stärker werden würden. Denn Schmerzen plagten sie schon immer mal wieder und es wurde eher öfter als seltener. Banshee war genauso alt wie sie, anzunehmen war, dass es auch ihr nicht sonderlich gut ging, doch hatte sie ihre Alphafähe schon länger nicht mehr gesehen und so hoffte sie nur, dass es ihr gut ging. Sie grummelte leise, als sie einen starken Tritt in ihrem Bauch verspürte. Sie freute sich so sehr auf ihre Welpen, aber manchmal wünschte sie sich, sie wären nicht jetzt schon so lebhaft. Sie verzog ihre Lefzen vor Schmerzen und kämpfte dagegen an, was es aber nur noch verschlimmerte. Also versuchte sie sich zu entspannen und überlegte, wie ihre Welpen wohl werden würden. Und wie sie sie nennen würden.
Aufregung überkam die Fähe und sie lächelte, trotz der Schmerzen, leicht. Vorsichtig hob sie ihren Kopf an und wand ihn ihrem Bauch zu. Sanft legte sie ihre Schnauze so gut es ging an ihn und blieb dann lange Zeit still so liegen.
Sie war gespannt, wie sie das alles schaffen würde, erstens die Geburt und zweitens und das erschien ihr noch schwieriger, die Aufzucht der Kleinen. Natürlich bekam jeder der Welpen einen Paten und sie würde auch sehr auf deren Hilfe angewiesen sein, aber sie wollte ihre Kleinen ja auch um sich herum haben. Allerdings hatte sie Angst, dass sie das nicht schaffen würde, es würde anstrengend werden und sie stützte sich komplett auf den Gedanken, dass Urion auch für sie da sein würde.
„Na ihr Kleinen, dort im Warmen…!“
Sanft murmelte sie die Worte zu ihren ungeborenen Welpen, fest davon überzeugt, dass diese sie hören würden und verstehen konnten. Eigentlich hatte sie zu Urion gehen wollen, aber seine Witterung war nicht sonderlich stark gewesen und sie fühlte sich zu schwach um alleine zu ihm zu laufen, deshalb hatte sie sich hier her gelegt. Er würde sie schon finden, wenn er mit dem fertig war was er gerade tat. Das wusste sie und sie freute sich schon darauf ihn wieder zu sehen. Er war sicher auch aufgeregt, aber auf eine andere Art und Weise als sie, schließlich hatte er keinen dicken, runden Bauch bekommen, indem die Welpen darauf wartete, dass sie rauskommen konnten, immer größer wurden und eben auch immer lebhafter.
Isis lag nachdenklich im Schnee. Es sollte also nichts werden mit ihr und Rime. Seufzend schnippten ihre Ohren umher, während der Schnee schon die Hälfte ihres Körpers bedeckte. Trauer durchflutete ihre Glieder, spannte jeden Muskel in ihr. Wozu hatte sie denn nur so lange auf ihn gewartet? Warum? Warum konnte er nicht da bleiben, wo er hin gegangen ist. Isis stand auf. Sie musste sich irgendwo hin bewegen, jedoch strahlte ihr ganzer Körper Trauer aus. Vom Winde verweht die Fröhlichkeit, welche die junge Wölfin auszeichnete. Dazu noch die bedrückende Stimmung... es war ein Trauerspiel. Isis schritt umher. Es dauerte bis sie merkte, dass sie im Kreis lief und blieb stehen. Suchend sprangen ihre Augen über den Rudelplatz, als eine vertraute Stimme an ihre Ohren drang. Nicht weit entfernt stand Tyraleen, schwanger von ihrem Bruder! Ja, es war nicht zu übersehen. Über Isis Lefzen huschte ein verstecktes Lächeln. Endlich Ablenkung mit einer wunderbaren Wölfin.
Tyraleen konnte man kaum vom Schnee unterscheiden, nur ihre Augen blitzten leicht hervor. Isis setzte sich gemächlich in Bewegung bis sie bei ihrer Freundin angekommen war. Wortlos fuhr sie mit ihrer Zunge Tyra über die Schnauze und zupfte ihr neckend am Fell, aber trotzdem musste die Tochter Banshees die Trauer spüren. Vor Tyraleen konnte doch niemand etwas verstecken.
"Wie gehts dir, Tyra? Spürst du schon die Welpen?"
Isis bemühte sich zu lächeln, doch es gelang nicht, sodass sie sich resigniert prustend in den Schnee sacken ließ und Flocken herumwirbelte. Sie tanzten um Tyraleens Schnauze.
Shákru saß planlos im Wald und lauschte den gedämpften Geräuschen der Tiere, die herumwanderten. Viele verendeten in der Kälte, weil sie nichts zu fressen hatten. Das Wetter war deprimierend, das ganze Rudel war es. Shákru Minor setzte sich nachdenklich in Bewegung, achtete nicht wohin seine Pfoten ihn wohl tragen mögen. Den sonderlichen Rüden an der Reviergrenze, Ike, hatte er nicht mehr gesehen, Sheena war auch wie vom Erdboden verschluckt. Zu gern würde er sie trösten, aber vielleicht war auch Ilias schon bei ihr. Wer wusste das schon. Shákru witterte einen halb verwesten Kadaver von einem Kaninchen. Ein Fuchs muss wohl beim Fressen gestört worden sein... keine Überraschung bei diesem großen Rudel. Die kleine Sternenleier schnappte nach einer Schneeflocke, dann riss er einen kleinen Knochen aus dem Kaninchen und ließ den Rest liegen. Ausgiebig kaute er schwarze Rüde gelangweilt auf dem Knochen herum. Ersaufen würde er hier. Ersaufen in der Ignoranz der Wölfe. Zwischen den Bäumen standen zwei Wölfe. Es waren Amáya und Jakash. Einer aus dem Wurf vom letzten Jahr, wenn sich Shákru nicht täuschte. Der Rüde kam auf die beiden zu.
"Hm, ihr scheint euch ja nicht so zu langweilen."
Eine merkwürdige Begrüßung, die mit einem unzufriedenen Knurren unterstrichen wurde. Minor wandt sich wieder zum Gehen, aber vielleicht sagte einer von den Beiden, dass er bleiben könne.
Lange musste Tyraleen nicht warten. Schon kam ihre sandfarbene Freundin auf sie zu, aber Isis Miene ließ Tyraleens Lächeln verblassen. Natürlich. Abwechselnd verfluchte die Weiße den unbekannten Rime und dachte dann voller Wärme an ihn, wenn sie die tiefe Zuneigung zu dem Grauen in den Augen ihrer Freundin sah. Zurück blieb aber das Gefühl, dass Isis Ungerechtigkeit angetan wurde. Sicher mochte Rime sie, keine Sekunde würde sie an seinen Gefühlen zu Isis zweifeln, aber dass er offensichtlich die Freiheit noch mehr liebte, war nicht fair. Einfach nicht fair, gegenüber der Sandfarbenen. Wenn er nicht bei ihr hatte bleiben wollen, dann hätte er nie zurückkommen dürfen. Unfair.
Zärtlich erwiderte sie die Fellzupfgeste und schnuffelte dann über Isis schnauze zu ihrer Schulter. Das missglückte Lächeln ließ die Sandfarbene nur noch unglücklicher aussehen. Tyraleen konnte nicht wirklich sagen, was in ihrer Freundin vorging, ob sie sich vordergründlich nach dem Grauen sehnte, oder ob sie eher wütend auf ihn war, weil er sie so im Stich ließ … bei beiden Möglichkeiten brauchte sie aber eine Freundin, die zumindest ansatzweise versuchen könnte, diese Lücke zu füllen. Langsam ließ sie sich neben Isis fallen und haschte nur elanlos nach den aufwirbelnden Schneeflocken. Mit schräggelegten Ohren betrachtete sie ihre Freundin eine Zeit lang, dann pfotete sie vorsichtig nach ihr.
“Ach Isis … ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass er nur irgendein blöder Rüde ist.“
Aber das wäre wohl ungefähr so, wenn ihr jemand erzählen wollte, dass Averic ein unbedeutender Depp ist, den sie wieder vergessen sollte. Wobei es natürlich noch den feinen Unterschied gab, dass Averic sie nicht hier zurückließ. Er würde es nie tun. Sie zögerte, die Fragen ihrer Freundin zu beantworten … kaum würde sie über ihre Welpen reden, würden sich ihre Gedanken nur noch so schwer zu traurigen Themen zwängen lassen. Sie wollte das gar nicht, aber ihr Körper übernahm mit jedem Tag näher an der Geburt immer mehr die Führung. Endorphine spuckte er unablässig in ihren Kopf und wollte am liebsten das Traurigsein verbieten. Aber so eine schlechte Freundin würde Tyraleen nicht sein. Nicht, so lange sie das noch ansatzweise kontrollieren konnte.
“Mir geht es gut. Die Welpen zappeln und treten und leben. Es fühlt sich an, als wären sie schon ganz da. Nur noch in mir drin … viele kleine Wunder.“
Ganz automatisch begann ihre Rute wieder auf den festgetretenen Schnee zu klopfen und das Lächeln wollte sich unter der besorgten Miene hervorwühlen. Wieder spürte sie ein ganz leichtes Treten gegen ihre linke Seite. Vielleicht hatte sich gerade die kleine Avendal im Schlaf gedreht. Im gut behüteten Schlaf von einer Mutter, die sie schon jetzt aus ganzem Herzen liebte.
Tyra war so lieb! Isis versuchte wieder zu lächeln und vergrub ihre Schnauze in dem schönen weißen Fell ihrer Freundin. Sie freute sich ehrlich für Tyraleen und Averic.
Die Weiße hatte sich neben die Schwinge des Osiris gelegt, nach ihr gepfotet und Trost ausgesprochen.
"Ich verstehe das alles nicht. Weißt du... er ist doch wieder zurück gekommen und nun wieder verschwunden. Ich war kurz davor mein Glück zu finden und nun zerbricht es in mir. Tyra, ich habe Angst meine Freude nicht mehr wiederzufinden, aber wie soll ich dann Glück verbreiten? Wie, wie soll ich anderen Wölfen die gute Laune zeigen... wie ich es bei Akru getan habe."
Isis seufzte leise und legte ihren Kopf wieder auf ihre Pfoten. Tyraleen war glücklich, überglücklich! Eine werdende Mutter, eine Tochter des Lebens. In Isis sponn sich der Gedanke Tyraleen als Leitwölfin zu haben. Wie wunderbar der Gedanke doch anmutete!
Die Wüstenwölfin rollte sich im Schnee hin und her bis ihr Fell fast ebenso weiß anmutete wie Tyraleens. Sie musste lachen und sie konnte lachen, wenn Rime aus ihren Gedanken vertrieben war. Wieder etwas glücklicher legte Isis eine Pfote über den Nacken ihrer weißen Freundin.
"Ach weißt du, ich werde mein Glück schon finden und wenn ich dich so glücklich und zufrieden sehe, dann macht mich das auch glücklich!"
Isis musste nicht mal lügen! Es war die absolute Wahrheit. Wieder krochen der jungen Fähe Hummeln in den Hintern und sie sprang wie von der Tarantel gestochen auf, kläffte fröhlich und sprang mit allen vieren in die Höhe. Schließlich beruhigte sie sich wieder und trabte auf Tyraleen zu, schleckte über ihr Fell.
"Glaubst du mir das? Der Griesgrämige Akru, er kann sogar richtig herzhaft Lachen. Da fällt mir ein, ich habe Banshee schon lange nicht mehr gesehen. Hoffentlich geht es ihr gut und wo ist eigentlich der Herr des Hauses, Averic? Ich würde ihn endlich mal gerne kennen lernen. Viel gutes hörte ich leider nicht über ihn, aber zu gerne würde ich mir ein eigenes Urteil bilden."
Isis Redeschwall endete nur kurz um Luft zu holen, dann schob sie noch eine Frage hinter her:
"Hast du schon Namen? Ich würde für eine Fähe irgendwas Zauberhaftes nehmen, was sanftes... so wie du. Was mit A... irgendwie sowas... Arwen... oder Aveniel. Komische Namen in meinen Ohren, aber ihr scheint hier im Norden auf sowas zu stehen."
Ein leises Glucksen verließ Isis Kehle.
Er wollte nicht gehen, er würde nicht gehen. Banshee war zu kraftlos, um mitzubekommen, was in Akru vorging und um sein leises Schluchzen zu hören. Denken war in dieser Situation zu einer anstrengenden Arbeit geworden, der sie kaum noch nachkommen konnte. Wann war es denn nur endlich vorbei? Akru ließ sich neben ihr nieder und schmiegte sich an sie. Die Weiße war sich nicht sicher, ob sie das wollte, ihr Körper aber begann sofort seine Wärme aufzusaugen wie ein ausgetrockneter Schwamm. Wie von ganz alleine kuschelte er sich an den schützenden Körper des Rüden und nahm ihr auch die letzte Entscheidungsgewalt, Akru doch noch wegzuschicken. Wieder wurde sie sich der Situation im Wald am Tag des Todes von Zack bewusst. Wie sie ihn behandelt hatte, sein Blick danach, die Beziehung, die ihr vollkommen entglitten war. Als er sprach, flutete Wärme ihre Gedanken, versprach er doch, sie nicht alleine zu lassen. Hatte sie sich eben nicht noch gewünscht, er würde gehen? Was er über den „rechtmäßigen Hünen“ sagte, verstand sie nicht, aber sie merkte an diesen Worten, wie wenig sie Akru kannte. Oft sagte er seltsame Dinge und sie verstand nicht, was er ihr damit sagen wollte. Doch wie immer war sie zu schwach, um lange darüber nachzudenken. Der Schmerz nahm schon wieder zu. Wäre er nur endlich vorbei.
“Es tut mir leid, Akru.“
Sie atmete schwer und keuchend, als würde sie keine Luft bekommen. Undeutlich sah sie den Stock, den Akru ihr zugeschoben hatte und wollte ihn zunächst mit der Nase wegschubsen, holte ihn dann aber doch etwas näher. Sein Bild verschwamm vor ihren Augen.
“Ich hätte nicht …“
Ihr Atem wurde schneller, gehetzter, als müsste sie plötzlich schnell laufen. Wieder schloss sich ihr Fang um den Stock, dann explodierten die Lichter vor ihren Augen. Kein Laut kam aus ihrer Kehle, als sich ihre Zähne tief in die weiche Rinde bohrten und tausend Flammen ihren Baum verbrannten. Alles war Schmerz.
Jumaana schien ein wenig verwirrt. Vielleicht hatte sie gerade geschlafen, vielleicht hatte sie auch einfach vor sich hingeträumt und war von Shani jetzt ziemlich unsanft aus den Träumen gerissen worden. Schon tat es der Weißen leid, Jumaana gestört zu haben, aber das war jetzt auch nicht mehr zu ändern. Außerdem war Shani weiterhin deprimiert und fühlte sich einsam … die gerade gefundene Gesprächspartnerin aufzugeben wäre jetzt ja sicher nicht ihrer Laune förderlich. Also legte sie leicht den Kopf schräg und betrachtete weiter ihr gegenüber. Auf ihren fragend gesagten Namen lächelte sie und fragte:
“Ja?“
In der Erwartung, Jumaana wollte ihr irgendetwas sagen. Dass die Weiße gerade versuchte, sich an ihren Namen zu erinnern, konnte die junge Mutter nicht ahnen, besonders weil sie ein fast perfektes Namensgedächtnis hatte. Sie könnte die gesamten Namen aller Rudelmitglieder, die noch da oder schon längst wieder verschwunden waren aufsagen … sogar Rime hatte sie sich gemerkt, obwohl sie den Rüden nie kennengelernt hatte. Nunja, ein gutes Namensgedächtnis brachte ihr immerhin den Vorteil ein, aufs Geradewohl mal ein Gespräch beginnen zu können, auch wenn sie von der angesprochenen Fähe kaum mehr als den Namen kannte.
“Ja, jetzt nicht mehr. Wo ist denn Takashi? Scheinbar haben momentan viele Fähen das Schicksal, trostlos auf ihre Gefährten zu warten, die sich in der Weltgeschichte herumtreiben.“
Es hatte nicht so bitter klingen sollen, aber wenn man ihrem Tonfall genau lauschte, konnte man deutlich heraushören, wie sehr sie sich nach Hiryoga sehnte. Neben dem Braunen, war auch Takashi irgendwie weg, Rime sowieso, Acollon schon lange und Kensharion ließ sich auch schon lange nicht mehr blicken. Eigentlich sollten sie zusammen mit Isis, Banshee und Cumará eine Selbsthilfegruppe gründen, aber dazu kannte sie die alle viel zu schlecht. Jeder war allein. Unglücklich starrte sie in den Schnee, sodass Jumaana ihren Gesichtsausdruck nicht sehen konnte, als plötzlich ein schwarzer Schatten vor ihnen stand.
“Midnight!“
Ihre Rute begann zögernd auf den Schnee zu klopfen … ein bekanntes, gemochtes Gesicht konnte ihre Miene immerhin ein wenig aufhellen. Sonderbar, dass sich der Schwarze zu ihnen gesellte. Um genau zu sein, hatte er das noch nie gemacht. Sogar ein Lächeln hatte er damit auf ihre Lefzen gezaubert, jetzt musterte sie ihn aufmerksam.
“Genauso allein, wie wir beiden?“
Eigentlich eine überflüssige Frage, denn Midnight tat selten etwas anderes, als alleine sein. Aber sie hatte das Bedürfnis, den Schwarzen in das Gespräch zwischen Jumaana und ihr zu integrieren und soweit man ihre kurze Unterhaltung als Gespräch definieren konnte, hatten sie gerade über das Alleinesein gesprochen. Auch wenn man sie mittlerweile nicht mehr wirklich als alleine bezeichnen konnte.
Tyraleen betrachtete ihre sandfarbene Freundin aufmerksam, war sie doch trotz ihrer Trauer irgendwo lebenslustig. Das faszinierte die Weiße am meisten an Isis. Was auch immer passierte, die kleine Wölfin fand immer irgendwo ein Lichtblick, etwas, über das man sich freuen konnte, einen neuen Weg. Sie war sich nicht sicher, ob sie ebenso reagieren könnte. Bis jetzt war sie nie in eine solche Situation gekommen, aber manchmal war sie schrecklich mutlos und hätte sich am liebsten einfach hingelegt um nie wieder aufzustehen. Das war allerdings auch bevor sie Averic, Isis oder sonst einen anderen lieben Wolf aus diesem Rudel wirklich gekannt hatte. Vielleicht war es ja das, was Isis immer wieder lächeln ließ … sie hatte Freunde. Und wenn Isis Freunde auch nur ansatzweise so sehr schätzte wie Tyraleen es tat, dann musste sie ja lächeln.
“Du bist so voller Freude Isis, ich glaube nicht, dass irgendjemand sie dir nehmen kann. Nicht mal jemand wie Rime, der dich gleich zwei Mal verlässt. Ich weiß nicht, ob du das kannst, aber vielleicht wäre es einfach das Beste, zu versuchen ihn hinter dir zu lassen. Vergessen sicher nicht, aber als ein abgeschlossenes Thema abzulegen. Meinst du, das schaffst du?“
Etwas besorgt hatte sich Tyraleens Stirn gekraust, jetzt sah sie ihre Freundin mit einem undefinierbaren Blick an. Die Ohren waren leicht nach hinten gedreht, als könnte Isis auf diesen Vorschlag böse reagieren. Dabei hatte die Weiße ihre Freundin eigentlich noch nie böse erlebt. Auch jetzt schien sie wieder auf dem besseren Weg und rollte sich im Schnee um kurz darauf wie ein Schneewolf auszusehen. Ihr sandfarbenes Fell ging fast unter. Und sie lachte wieder … immerhin.
“Ja … ich würde mich so freuen, wenn du dein Glück finden kannst.“
Sie hatte mehr zu sich selbst gesprochen und versuchte jetzt, sich jemanden vorzustellen, der zu Isis passte. Irgendwie wollte ihr niemand anderes als Rime einfallen. So viel sie von ihm gehört hatte, sollte er groß und ruhig sein. Gelassen und eher schweigsam. Irgendwie einfach passend. Blöder Rime. Tyraleen schüttelte sich als würde sie so endlich alle Gedanken an Rime loswerden. Dabei half ihr auch Isis, die jetzt plötzlich aufsprang und fröhlich herumhopste, als wären alle traurigen Gedanken der Welt nebensächlich. Waren sie ja auch. Tyraleen schaffte es lang nicht so schnell auf die Pfoten und bis sie sich ganz mobilisiert hatte – dieser Welpenbauch schien immer im Weg – stand ihre Freundin schon wieder lächelnd vor ihr.
“Akru? Ich weiß nicht … er ist ein seltsamer Zeitgenosse, aber wenn du ihn magst, ist er sicher nicht so böse, wie er manchmal scheint. Vielleicht sehe ich ihn ja wirklich irgendwann mal lachen.“
Tyraleen dachte zurück an ihr seltsames Gefühl, als sie den grauen Rüden das erste Mal gesehen hatte. Sein Blick zu ihrer Mutter hatte sie verunsichert, sein gesamtes Verhalten irgendwie verschreckt. Sie hatte ihn nicht gemocht, aber jetzt, wo sie Isis immer besser kennenlernte, schien ihr auch Akru weniger unsympathisch. Das Thema Banshee ließ sie bewusst aus, war sie sich doch auch bei ihrer Mutter nicht ganz sicher, was sie sagen sollte. Momentan hatte sie auch nicht die nötige Gedankenzeit, um darüber nachzudenken … die Welpen nahm viel zu viel Platz in ihrem Kopf ein.
“Oh, ich würde dir Averic gerne mal vorstellen, aber wir müssen einen guten Tag erwischen. Er ist kein bisschen schlechter als irgendein anderer Wolf, nur sagt er ehrlich, wenn er andere nicht mag. Deshalb haben vielleicht viele ein Problem mit ihm. Aber dich wird er sicher mögen.“
Sie schwenkte überzeugt die Rute und lächelte bei dem Gedanken an ihren Gefährten. Er wusste, dass sie die kleine Wölfin mochte und würde sicher nett zu Isis sein. Freunde mussten sie ja nicht gleich werden, aber darum ging es ja gar nicht. Nur ein wenig zeigen, dass Averics Ruf um Weiten schlechter war, als er verdient hatte. Als Isis Welpennamen ansprach, hüpfte Tyraleens Herz schon wieder voller Freude und sie begann eifrig zu nicken. Der Vorschlag der Sandfarbene klang schon ganz ähnlich wie ihr eigener Gedanken, fröhlich quietschend sprang sie leicht an Isis Schulter.
“Oh, es wirbeln so viele in meinem Kopf herum! Aber ganz ähnlich wie Aveniel … Avendal. Wie findest du ihn. Schau, hier …“ Sie deutete in einer mühsamen Verrenkung mit der Schnauze auf ihre linke Bauchseite. “… da liegt die kleine Avendal. Ich bin mir ganz sicher. Und wie findest du Chardím? Oder Chanuka?
Isis’ Kommentar über ihre seltsamen Namen im Norden beantworte sie nur mit einem neckenden Schnappen nach ihrem Ohr. Eigentlich fand sie den Namen Isis noch relativ normal. Nicht unbedingt gewöhnlich, aber schlicht und dadurch schön.
“Was habt ihr denn für Namen im Süden, die so anders klingen?“
Kylia registrierte aus dem Augenwinkel die schwarze Tochter der anderen Leitwölfin. Sie gab irgendeinen spöttischen Kommentar, aber die Braune war viel zu erschöpft und verängstigt, um sich jetzt mit Amáya zu streiten. So überhörte sie sie genauso wie Nyota es tat und bemerkte nicht mal mehr Jakash, der ebenfalls aufgetaucht war. Nyota reagierte erstmal gar nicht auf ihre Worte sondern schien zu überlegen. Nun, was hatte Kylia erwartet? Was auch immer da war, wenn man es nicht selbst gesehen hatte, würde man es nicht glauben. In genau diesem Moment forderte die Leitwölfin, es zu sehen. Angstvoll weiteten sich die Augen der Braunen. Noch einmal zum … Nichts. Aber was sonst? Nyota würde sicher nichts tun können, wenn sie nicht verstand, worin überhaupt die Gefahr bestand. Trotzdem krauste sich Kylias Stirn voller Sorgen.
“Nyota, ich weiß nicht … ich habe Angst. Ich glaube, es wächst.“
Noch immer atmete sie schwer, aber Nyota schien keine Pause einlegen zu wollen. Richtig, sie hatten keine Zeit zu verlieren, trotzdem hatten sich ihre Ohren eng an ihren Kopf angelegt. Eigentlich hatte sie keine andere Wahl. Bevor sie sich endgültig überwunden hatte, tauchte ein großer Rüde aus dem Wald aus, den Kylia erst nach kurzer Zeit als Kaedes Gefährten Urion identifizierte. Er sah irgendwie böse aus. Seine Frage kam aber ganz ruhig, Kylias Augen huschten zu Nyota, sie selbst schwieg. Sie hatte nicht das Recht vor der Leitwölfin zu sprechen, zudem wollte sie sich nicht gleich noch einmal lächerlich machen. Also deutete sie nur in die Richtung des Nichts, sodass Urion ihnen folgen konnte ... Zeit für längere Erklärungen hatten sie nicht. Nach einem kurzen Zögern nickte sie dann und sprang der Schwarzen voraus. Diesmal etwas langsamer, zum einen, weil Nyota trächtig war und sowieso schon vor einigen Wochen gesagt hatte, dass sie nicht mehr so schnell laufen konnte und zum anderen, weil sie selbst nicht noch einmal einen solch schnellen Lauf hinlegen konnte. Sonst würden ihr ihre Pfoten wirklich abfallen. Bereits jetzt wieder schwer atmend lief sie also ein wenig langsamer als zuvor und warf der schwarzen Leitwölfin einen undefinierbaren, aber deutlich unglücklichen Blick zu.
“Es ist irreal. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es tut weh, wenn ich direkt hineinsehe, als wäre ich blind. Ich weiß nicht, was geschieht, wenn man ihm zu nahe kommt, aber ich glaube nicht, dass es einem gut tut.“
Sie dachte an den Vogel, der leichtsinnig hineingehüpft und dann einfach … verschwunden war. Starb man, wenn man dort hineintrat? Aber was war das für ein Tod? Man war einfach weg, als hätte es einen nie gegeben. Und die Seele? Hieß es nicht, Engaya würde die Seele der Toten empfangen? Was war, wenn dieses Nichts auch die Seele schluckte? So wie alles andere? Ein Schauer rann der Braunen über den Rücken während sie unermüdlich weiterrannte.
Und während er an der Grenze wartete, schneite er wieder ein. Kurz seufzte der braune Wolf, ehe er sich ein weiteres Mal schüttelte, erneut den Schnee nur zur Hälfte aus seinem Fell bekam und wie ein begossener Pudel da stand und erneut eingeschneit wurde. Also das konnte es doch wirklich nicht sein. So sollte er enden? Eingeschneit in einem Haufen voller fester Nässe, wirklich zum heulen. Wieso war er nur aus seiner warmen Reise in diese Richtung hier gelaufen, hier war es so schrecklich kalt. Yerik war eigentlich kein Wolf der jammerte. Und auch dieses Mal spielte er sich selbst eigentlich mehr etwas vor, als das er es wirklich ernst meinte. Er brauchte diese leichte Gefühl von Spaß und Theater, auch wenn er dieses Mal nur sich selbst etwas vorspielte. Seine Augen verengten sich etwas als er Bewegungen hörte, unablässig trabte er eigentlich immer noch durch seinen gleichmäßigen Graben an der Grenze des Revieres, inzwischen war es einfach, weil der Schnee von den vielen Bewegungen seiner Pfoten ziemlich platt getreten war. Er musste also zumindest für den Moment nicht durch Flankenhohen Schnee tappen, sondern konnte sich sogar nun einfach hinsetzen, ohne das nur sein Brustkopf und sein Kopf hervor geschaut hätten, sein gesamter Körper war sichtbar, zumindest in dieser Mulde. Vor und hinter ihm türmte sich natürlich weiterhin der Schnee und auch die Flocken die vom Himmel fielen, schienen den Kampf im stillen wider aufzunehmen, diesen Grenzgraben schnell wieder mit frischen Schnee aufzufüllen.
Yerik jedoch blickte neugierig dem Rudelwolf entgegen, der ihn anscheinend Willkommen heißen, oder Abweisen würde. Der schwarze Wolf der ihn nun entgegen trat. War geradezu hünenhaft Groß, und trat mit einer reservierten, distanzierten Art auf ihn zu. Begrüßte ihn aber, nannte sogar zuerst seinen Namen, was den Braunen dazu bewegte, freundlich den Kopf in einer Art vorsichtige Verbeugung zu senken. Und wenn der Beta schon seinen Namen nannte, dann hatte er eigentlich schon wieder weniger Sorgen abgewiesen zu werden, Sorgen hatte er ehrlich gesagt, eigentlich nie gehabt.
"Ich grüße, Face Taihéiyo",
Meinte er schließlich mit fröhlicher Stimme.
"Mein Name ist Yerik, ich bin ein Wanderer der mit der Sonne zieht und den Horizont im Herzen trägt. Doch die Kälte macht mir zu schaffen, ganz soviel Schnee, bin ich dann doch irgendwie nicht gewohnt."
Er richtete sich nun auf. Der Schwarze überragte ihn sichtlich, doch ihm war das gleich. Er hatte schließlich nicht die Absicht sich mit diesem Rudel, geschweige denn auch nur mit ihrem Beta anzulegen. Er wollte einfach nur ein wenig Gesellschaft in dieser kalten Zeit, wer konnte ihm das verdenken? Sicherlich nicht einmal dieser reservierte Wolf, der allerdings leider gar nicht mal so gesprächig schien, dafür aber wunderlich schöne Augen hatte. Yerik war leicht zu beeindrucken, jedoch gar nicht mal so leicht zu faszinieren. Und die blauen Augen dieses Rüden schwebten einen Moment lang zwischen beidem. Schade, dass es ein Rüde war. Ein unweigerlicher Gedanke. Er lächelte Face vorsichtig zu, freundlich, nicht anders gemeint.
"Meinst du ich dürfte eine Weile bei euch verweilen? Ich habe nicht vor euch etwas böses zu tun. Das verspreche ich dir Schwarzer. "
Erneut schüttelte er sich, erneut war es eigentlich sinnlos. Aber es verlor eben erst seinen Sinn, wenn man das auch glaubte und noch hatte Yerik die Hoffnung auf einen schneefreien Pelz noch nicht aufgegeben.
Isis lauschte aufmerksam Tyraleens Worten, dann zog sie ihr verspielt, aber sanft am Ohr.
"Oh Tyra, warum sollte Averic mich nicht mögen? Ich habe ihm nichts schlechtes getan oder meinst du, weil er... ich habs ja nur gehört... der Sohn des Todes sein soll?"
Isis zog nachdenklich die Stirn kraus. Kurz sank ihre Rute, doch so gleich wedelte sie wieder herum.
"Selbst wenn es stimmt. Wer sagt denn, dass der Tod griesgrämig gelaunt sein soll? Ach nein, der Tod hat auch seinen Spaß und seine witzige Seite... vielleicht hat Averic diese noch nicht entdeckt. Bei uns in Ägypten, da ist Seth der Todesgott... jaah, man fürchtet ihn, aber letztendlich ist er ein umgänglicher Zeitgenosse mit dem Hang zum Humor. Warum sollte das hier anders sein? Fenriswolf, ein so großes Tier ohne einen einzigen Funken Humor? Nee, das kann ich mir gar nicht vorstellen."
Isis stolperte fast zur Seite, als Tyraleen sich quietschend leicht gegen ihre Schulter warf. Die Wüstenwölfin brach fast in lautes Gelächter aus, als Tyraleen ihr umständlich die Welpen in dem Bauch zeigte. Isis trat zu ihnen und schnüffelte an dem Bauch.
"Hey ihr kleinen Gotteskinder, wenn ihr wüsstet was für tolle Eltern ihr haben werdet und keine Sorgen. Du Konstellation wird euch fürs erste Absurd erscheinen, aber egal... ihr seit da... ihr seit am Leben..."
Isis wendete sich wieder an Tyraleen. Ihre Namen klangen wirklich wunderbar und sonderbar zu gleich.
"Sie sind wunderschön die Namen. Nun ja, bei uns im Süden bedeuten die Namen auch etwas. Isis bedeutet sowas wie Thron. Aber der Name ist noch gut aussprechbar. Ein Rudelmitglied aus meinem alten Rudel nannte sich Djed-ra-iu-ef-anch. Toller Name, was? Bedeutet sowas wie Re sagt, das er Leben möge. Re ist unsere Engaya... also, Re ist ein er."
Isis setzte sich wieder auf den Boden. Leicht klopfte ihre Rute in den Schnee.
"Rime ist halb vergessen, ich hab ja so genug zu tun... Na ja, Akru ist wirklich ein lieber Rüde, aber man muss halt wissen wie man ihn nehmen muss und man muss ihn verstehen lernen. Also, das klappt sehr gut zwischen uns, denn er ist mein Bruder im Geiste. Nur leider sehe ich ihn in letzter Zeit sehr wenig... wahrscheinlich wuselt er hier irgendwo rum."
Inzwischen versuchte Amáya nur noch desinteressiert zu wirken, wobei es sie in Wahrheit schon beschäftigte, weshalb sich ein junger Rüde für eine Mörderin interessierte. Was fand er so faszinierend an ihr? Ihr von blutigen Schlieren durchzogenes Fell? Ihre besudelten Lefzen? Die Pfoten, die im Lebenssaft gestanden und Haut zerfetzt hatten? Sie verstand es nicht. Sie verstand es einfach nicht. Auf seine Worte schüttelte sie nur sachte den Kopf. Das hatte gerade nur noch mehr Fragen aufgeworfen und keine Alte beantwortet. Tief atmete die Dunkle die kalte Luft ein, die einem schneidend ins Gesicht schlug. Dennoch rührte sie sich nicht von der Stelle und machte keinerlei Anstalten sich zu erheben. Bis zum Schluss lauschte sie den Worten Jakashs, versuchte seine Denkweise zu verstehen und heraus zu finden, warum er sich nicht von ihr fern hielt.
„Weißt du...“
, wollte sie gerade ansetzten, als sie auf dem Schnee das Donnern von Pfoten spürte. Sofort sprang sie in Alarmbereitschaft auf, die Ohre aufgestellt, die Rute nach hinten weg gestreckt. Wie aus dem Nichts sprang ein grauer Wolf auf sie und den Jüngling zu. Schnell stellte sie sich reflexartig zwischen die Beiden. Ein Grollen erklang aus ihrer Kehle, drohend und tief. Das gesamte Nackenfell hatte sich wie elektrisch aufgestellt und die Drohgebärde, die man ihr entgegen brachte, erwiderte sie mit einem lauten Knurren, gefletschten Zähnen und einem Schnappen in die Luft. Sie machte unmissverständlich deutlich, dass sie sich nicht zurück nehmen würde, sollte sich der Rüde, den sie inzwischen als Urion erkannt hatte, sich nicht schleunigst entfernen. Sollte er dem nicht freiwillig nach kommen, würde sie nach helfen. Wer bereits einen Mord begangen hatte, schreckte vor keinem Kampf zurück. Sie hatte hier nur friedlich gelegen und niemanden gebeten ihr Gesellschaft zu leisten. Das sich Jakash zu ihr begeben hatte, war von ihrer Seite nicht beabsichtigt gewesen, trotzdem fühlte sie sich gestört. Der Todesengel fauchte nur leise, als sich der Graue wieder entfernte. Missmutig ließ sich Amáya zurück in den Schnee plumpsen, warf einen kurzen Seitenblick in die grünen Augen und brach dann in schallendes Gelächter aus.
„Welch Vorstellung.“
Wieder erklang ein grollendes, wölfisches Lachen, bei dem man sich auch fragen konnte, wovor man mehr Angst hatte: ihrer eiskalten Art oder diesem Lachen. Noch immer belustigt über dieses in ihren Augen total bescheuerte Verhalten schnappte sie hechelnd nach Luft, als ein weiterer Gast auf der Bildfläche erschien.
„Danke, ich amüsiere mich königlich. Eine Mörderin und Todesengel scheint der Blickpunkt einer ganzen Schar zu werden. Ich frage mich was wäre, würde mein Pelz plötzlich so grün wie das Gras im Frühling werden.“
Blitzend bleckte der Todesengel die Zähne, jedoch nicht auf furchtbare sondern auf belustigte Art.
Shákru drehte sich wieder um und blickte mit gelangweilten Augen in die blauen von der schwarzen Fähe. Ein leiser Schauer kroch über seinen Rücken, als er sie so lachen hörte, doch in Wirklichkeit tat ihm die Fähe nur leid.
"Da bist du mir wenigstens voraus, wenn du dich königlich Amüsierst."
Minor legte sich zu den Zweien, aber sein Kopf blieb wachsam erhoben. Kurz zeigte er ein gleiches Lächeln wie Amáya. Ein Lächeln, dass seine Zähne entblößte.
"Du glaubst also derzeit drehe sich alles nur um dich... Todesengel? Was für ein Name!"
Shákru fuhr sich mit der Zunge über die Lefzen. Amáya ließ ihn kalt, machte ihm keine Angst und auch sonst interessierte er sich wenig für das, was sie getan hatte. Zu wenig konnte er dem Rudel abgewinnen bzw kannte er auch Zack zu wenig.
Beide werden schon ihre Gründe gehabt haben. Der eine, dass er sich nicht wehrte und dieses schwarze Monster, dass es angegriffen hatte.
"Wenn dein Fell so grün wie das Gras im Frühling wird? Na ja, was würde ich machen... wahrscheinlich drauf pinkeln. Tun nicht so, als würden sich alle für dich interessieren. Mal davon abgesehen, dass du dich scheinbar hier nicht wohl fühlst, warum bist du wiedergekommen und warum schon längst nicht verschwunden? Pissnelke... passt wohl eher zum Frühlingsfell, als Todesengel oder was meinst du?"
Nun legte Shákru Minor seinen Kopf auf die Pfoten. Oh man! Was war nur aus ihm geworden? Vier Wochen waren vergangen seitdem Sheena überstürzt zum Ort des Geschehens gerannt war. Vier Wochen, die Shákru Minor allein in diesem Wald verbrachte, nachdachte und immer depressiver wurde, weil sich niemand für ihn interessierte. Und nun tat er alles, damit es auch so blieb, mal davon abgesehen, dass er solche Wichtigtuerischen Wölfe wie Amáya eh nicht mochte. Aber tat sie wirklich nur so oder trug sie gar zwei Seelen in sich? Banshee musste schon einen Grund gehabt haben, sie bei sich zu behalten. Die kleine Sternenleier drehte ihren Kopf zu Jakash. Traurig blickten seine grünen Augen den kleinen Wolf an. Er war sehr traurig, traurig über sich selbst. Traurig darüber, dass er begann seine Ängste und Unzufriedenheit in sich zu vergraben.
Rakshee sprang munter durch den Schnee, der inzwischen so hoch lag, dass sie an manchen Stellen geradezu darin tauchen konnte. Tatsächlich versankt sie immer wieder darin, aber sie konnte sich auch jedes Mal aufs Neue freikämpfen, und schüttelte sich dann die Schneemassen aus dem Fell. Rakshee war ein wenig unruhig in letzter Zeit. Mama begann wieder damit unglücklich auszusehen, und der Grund war offensichtlich - Papa war fort. Rakshee hatte keine Ahnung wohin er gegangen war, und sie vermisste ihn - genauso wie Tüel und Rasmús, die sie doch von Anfang an begleitet hatten...
Immerhin Jakash blieb ihr immer treu, das war das wichtigste. Aszrem war plötzlich der Gefährte ihrer Tante gewesen - das ging für Rakshee so plötzlich, dass sie es kaum begriffen hatte - und erwartete jetzt Welpen mit der Schwarzen. Die Welt war seltsam. In ihrem Jahr waren sie die einzigen Welpen gewesen, und jetzt erwarteten gleich vier Fähen Welpen! Und darunter auch Tyraleen. Rakshee konnte sich nicht vorstellen wie das war, Welpen zu haben, aber sie hatte sich vorgenommen der Weißen zu helfen so gut sie das konnte, wenn die Welpen erst da wären. Überhaupt war sie ob dieser Angelegenheit zeitweise wohl aufgeregter als die Eltern selbst.
Die Braune war einfach so durch den Wald gelaufen, nur immer dem Schnee hinterher, der tanzend und wehend um ihre Nase flog und sich in ihrem Fell verfing, als sie in einem kleinen Abstand Sheena sah. Rakshee hielt inne. Sheena, die sie damals trösten wollte, und die sie einfach ignoriert hatte, als wäre sie zu klein um nützlich zu sein. Sheena, die wie sie die Ausbildung zur Priesterin unter Banshee durchlief, und die erst vor kurzem ihren Paten verloren hatte. Rakshee wusste nicht Recht was sie von ihr halten sollte, nahm sich aber vor sie nicht voreilig zur Feindin zu erklären. Das hatte Sheena sicher nicht verdient. Mit hüpfenden Schritten näherte sie sich nun also der Weißen, munter wedelnd und mit schlackernden Ohren.
"Hey, Sheena!"
begrüßte sie die Fähe freundlich, und blieb dicht bei ihr stehen, ihr ein freundliches Lächeln schenkend.
"Wie geht es dir?"
fragte sie, und wurde während dieser Worte unwillkürlich leiser, weil ihr, während sie es aussprach, der eigentliche Inhalt dieser Frage aufging. 'Geht es dir wieder besser?' wäre die korrekte Formulierung gewesen...
Mit einem etwas getrübten Lächeln nun sah sie Sheena an, und wedelnde unruhig den Schnee zur Seite.
Soweit Jakash das beurteilen konnte, ohne die schwarze Fähe andauernd anzustarren, schien sie nachzudenken. Freilich konnte er nur rätseln, ob sie über seine Worte nachgrübelte oder schon eine Antwort im Kopf formulierte, oder ob sie ihn tatsächlich für einen Trottel hielt und ihn nun gleich anfahren werde. Nun, verärgert wirkte sie zumindest nicht auf ihn, aber vielleicht täuschte er sich ja auch. Endlich setzte sie zu einer Antwort an, aber weitestgehend blieb es bei dem Vorhaben allein. Plötzlich schoss ein graue Rüde heran, und gleichsam mit Amáya sprang Jakash auf. Ganz unwillkürlich, durch ständiges Training mit Nyota geübt, ging seine Haltung in eine Kampfposition über und sträubte sich sein Fell. Ein Teil von ihm war jedoch dennoch zu erschrocken um weitergehend zu reagieren. Hier, mitten im Revier und fast innerhalb des Rudels, hatte er nicht mit einem Angriff gerechnet. Erst recht nicht von einem Rudelmitglied. Innerhalb eines Herzschlages begriff der junge Rüde die ganze Tragweite von Nyotas Mahnungen, wenn sie sagte, dass er immer und überall auf alles gefasst sein müsse.
Die Überraschung hatte ihn kaum für eine Sekunde gelähmt gehabt, da tat Amáya schon, was er eigentlich im nächsten Augenblick hatte tun wollen - sie stellte sich zwischen ihn und Urion. Wiederum war Jakash überrascht; sollten Fähen nicht von Rüden beschützt werden? Er zumindest hatte sich das selbst zur Aufgabe gemacht, und nun trachtete Amáya etwa danach, ihn zu beschützen? Nun, Fähen konnten sehr wehrhaft sein - er musste es wissen, er hatte eine kämpferische Tante.
Urion stoppte, in seinen Augen schimmerte es rot, er schnappte, und Amáya schnappte zurück. Luftbisse, Drohgebärden, und dann verzog der Graue sich auch schon wieder. Zurück blieb ein kampfbereiter, wennauch verwirrter Jakash, und Amáya, die sich wieder hinlegte und in Gelächter ausbrach. Ihr Lachen brachte ihn schwach zum Lächeln - für mehr reichte es nicht, sein Fell hätte sich stattdessen am Liebsten gesträubt bei diesem Klang, wäre es nicht ohnehin schon aufgestellt gewesen. Langsam ließ Jakash sich ebenfalls nieder, nun war er selbst nachdenklich. Amáya war älter als er, vielleicht hatte sie sich deshalb vor ihn gestellt. Und was hatte Urions Gehabe eben zu bedeuten? Er war zornig auf die Schwarze gewesen, unddass konnte eigentlich nur mit Zacks Tod zusammenhängen. Jakash biss sich kurz auf die Lefzen. Einmal mehr fragte er sich, warum er angesichts dieser Tragödie nicht so empfand wie die anderen aus dem Rudel. Er hoffte, dass Amáya es sich jetzt nicht anders mit ihrer Antwort überlegt hatte, falls sie denn auf seine Frage hatte antworten wollen. Jakash war jetzt schon sauer auf Urion. Warum hatte der Graue so hereinplatzen müssen?! Das war doch völlig unnötig, völlig übertrieben gewesen!
Wieder trat jemand zu ihnen. Jakash sah auf und erblickte Shákru, über den er nicht mehr wusste, als dass er sich nicht unbedingt viele Freunde gemacht hatte, wie er bisher so gehört hatte. Unwillkürlich war Jakash bereit, sich ebenfalls zu diesen NIcht-Freunden zu zählen, aber er wollte nicht ungerecht sein, obgleich Shákrus Anwesenheit ihn hier und jetzt tatsächlich störte. Jeder andere Augenblick wäre ihm lieber gewesen, um mit dem Rüden ins Gespräch zu kommen, als jetzt. Wenn Amáya sich nun gehemmt fühlte und ihm in Gegenwart eines weiteren Wolfes nicht antworten wollen würde? Jakash war schweren Herzens bereit, diese Möglichkeit zu ertragen - bis er den Wortwechsel zwischen Shákru und Amáya mitanhörte. Ehe er sich selbst versah, war er wieder auf den Beinen, war sein Nackenfell wieder gesträubt. Kein Ausdruck von Drohung diesmal, doch von purer Ablehnung.
"Was soll das, Shákru?! Wie kommst du dazu, sie so zu beleidigen, wo sie doch kein böses Wort gegen dich gerichtet hat? Ich dachte immer, ihr Erwachsenen seid nicht so.. so welpisch!"
Er erinnerte sich daran, dass er bei Streitigkeiten seine Geschwister immer wieder mal mit Schimpfwörter bedacht hatte, und sie im Gegenzug ihn genauso. Von den Reaktionen seiner Eltern hatte er immer angenommen, dass Erwachsene nicht so waren - schließlich hatten sie, als er größer wurde, auch gesagt, er 'solle nicht so welpisch' sein, er sei doch nun schon groß...
"Wir haebn hier ganz friedlich gelegen und uns unterhalten. Dann Kam Urion angestürmt, als wolle er uns fressen, und jetzt kommst du, und speist Gift und Galle!"
Aus seinem Blick sprachen Wut und Enttäuschung, seine Flanken zitterten. Er spürte genau den welpischen Zorn in sich aufsteigen und musste sich anstrengen, ihm nicht völlig zu verfallen und seine Stimme wenigstens halbwegs erwachsen klingen zu lassen. Jetzt war er nicht nur sauer auf Urion, jetzt war er auch sauer auf Shákru. Und dennoch kostete es ihn einiges an Überwindung, die nächsten Worte nicht nur zu denken, sondern auch auszusprechen.
"Ich muss dich bitten zu gehen. Du störst."
Da war es heraus, und fast sofort tat es ihm irgendwie leid. Jakash wurde sich deutlich bewusst, dass er im Grunde noch Welpe war, und diese Worte an einen Erwachsenen gerichtet hatte. Das Herz plumpste ihm in den Magen, aber er blieb standhaft und hoffte, dass Shákru einfach nur ging. Vielleicht... vielleicht konnte er sich ja später bei ihm entschuldigen...
Tief in seiner Seele verankert und fast unerreichbar war das Wissen über das was nun folgen würde. Er hatte es noch nie erlebt, noch nie selbst ausgeführt aber er wusste was zu tun war. Still, wie aus Eis stand er Liam gegenüber. Kein Haar bewegte sich, alles schien wie eingefroren. Leblos und doch voller Leben. Er hätte nie erwartet dass er dies einmal selbst durchführen würde, so weit weg von seiner Familie. aber jetzt galt es erstmal sich Unterstützung zu holen. Er musste seine Ahnen herabheulen. Gar nicht so leicht, denn viele Namen waren verloren gegangen oder vergessen. Was wenn er einen Fehler machte?
Das Fell stellte sich auf, erschaudernd spreitzte der Schwarze leicht die Beine um im Schnee einen festen Stand zu haben. Den Kopf stolz erhoben blickte er in den Himmel, ehe er die Augen schloss. Das Maul leicht geöffnet legte er den Kopf in den Nacken. Eine fließende Bewegung zuckte durch seinen Körper, er spürte wie das Heulen durch seinen Körper floss, die unhörbare Musik der Natur, die sein Lied mit sich riss, es lauter werden ließ, bis es jede Zelle seines Körpers mit Freude ausfüllte. Oh ja. das war es. Das war sein Lied für Liam. Wahrlich das schönste Gefühl seit langem. Oh welch wunderbare Welt. Tausend Emotionen vibrierten in seiner Stimme, Glücksgefühle sprühten aus seinem Lied. Nur für Liam. Kandschur schäumte über vor Anspannung. er wollte schließlich nichts falsch machen. Für dieses Lied gab es keine zweite Chance. Die Musik schwoll an und wieder ab, waberte in bunten Farben durch den Wind, umhüllte die beiden Rüden mit Liebe und Glück. Er konnte es kaum fassen dass er sich das wirklich getraut hatte. Doch nach seiner Meditation war es ihm von Buddha erlaubt worden. Und nun...nun war es endlich so weit. Seine Worte waren unwichtig, sie erzählten nur von den Verheißungen seiner Liebe zu Liam und den Versprechen die er seinem Rüden machte. Von Ewiger Treue, Grenzenloser Liebe und unzerstörbaren Gefühlen handelte sein Heulen. Doch auch jedes Heulen fand mal ein Ende und so stand er da vor Liam, jappste nach Luft.
"Willst du meinen Weg für immer mit mir teilen?
Es war eine Frage die man sich oft nur einmal im Leben stellte, nämlich dann wenn man seiner zweiten Hälfte gegenüberstand.
Nyota konnte auf Kylias Worte nur nicken - sie hatte von soetwas noch nie gehört, und wenn es tatsächlich so aussah, wie Kylia es beschrieben hatte, dann war es wohl etwas vor dem man ruhig Angst haben durfte...
"Ich habe keine Ahnung was es sein könnte..."
gab sie der Braunen nur zur Antwort, als auch schon Urion zu ihnen aufschloß. Er schien nicht unbedingt bester Luane zu sein, was Nyota spontan auf den hohen Schnee schob, durch den sie sich eilig vorwärtskämpfte.
"Ich weiß noch gar nicht ob du uns helfen kannst - Kylia hat etwas Seltsames entdeckt, und ich werde es mir erst einmal ansehen..."
erwiederte sie, und beschleunigte ihre Schritte soweit es ihr möglich war. Kylias Spuren im Schnee waren deutlich zu sehen, sodass es selbst einem Blinden möglich gewesen wär, ihnen zu folgen, so tief hatte ihr schneller Lauf sich in das Weiß gezechnet.
"Wenn es sich ausbreitet, müssen wir die anderen Rudelmitglieder davor warnen...aber was passiert mit dem Tal, wenn es immer größer wird? Und was ist es überhaupt?"
sinnierte sie hastigen Schrittes, und lies wachsam den Blick über den Strauch und Baum gleiten, an dem das Dreigespann vorbeikam. Und es waren viele... Die Gegend würde in einiger entfernung sumpfiger werden, und ab und zu konnte man das Rauschen des Flusses hören, der See und Sumpfgebiet verband, und der sich wie ein sanftes Band durch den Wald zog, und der Beutetieren und Wölfen gleichermaßen als Wasserquelle diente.
Die Drei überquerten ein schmales Bachrinnsal, und liefen noch ein Stück weiter, bevor zwischen den Büschen das zu erahnen war, was Kylia berichtet hatte - nichts. Gar nichts. Dort, wo vorher Büsche, Moos, Schnee und Baum gewesen waren...war nichts. Nyota schlich sich etwas näher heran, duckte sich mit wie selbstverständlich gebleckten Zähnen, und fixierte dieses...Antietwas, dass ihre Augen schmerzen lies. Die Schwarze knurrte leise, doch es kam keine Reaktion..noch etwas näherschleichend schob sie einen Tannenzapfen in Richtung des Nichts, bis ganz dich an die äussere Kante...und langsam, so langsam dass die Zeit wie zäher Honig zu zerfliessen schien, verschwand der Tannenzapfen. Millimeter für Millimeter wurde er eins mit dem Untergrund der genauso mit dem Nichts verschmolz.
"Verdammt..."
murmelte sie nur, und wand sich wieder zu ihren Begleitern um.
"Ruft das Rudel am See zusammen. Wir müssen sie warnen! Ich suche Banshee, vielleicht weiß sie was damit zu tun ist. Ich weiß es nicht"
schloß sie, und bedeutete den beiden mit einer Kopfbewegung sich auf den weg zu machen, während sie selbst in anderem Winkel von der Stelle fortlief, und die Nase in den Wind haltend, versuchte Banshees Witterung zu finden...
Urion kam der voraus eilenden Nyota ganz gut hinter her, obwohl er auch ganz schön am hecheln war. Der Graue bewunderte Nyota für ihre Stärke. Nicht nur für ihre körperliche, sondern auch seelische Stärke. Nach einiger Zeit erreichten sie die Stelle, wo Kylia das Nichts gesehen hatte. Kurz erstarrte Urion, dann sträubte er sein Fell und begann ebenfalls zu knurren. Dieses Ding war eine Bedrohung! Eine Bedrohung für das Rudel und vor allem für Kaede und ihre Kinder! Der Graufang beobachtete aufmerksam Nyota, die vorsichtig den Tannenzapfen an das Schwarze nichts schob. Tatsächlich verschwand dieser Zapfen mit einem Mal. Urions Blick wanderte zu Kylia. Er fuhr ihr beruhigend mit der Zunge über die Stirn. Die Fähe brauchte mehr Halt, als Nyota, die immer noch, trotz allem, einen wunderbaren klaren Kopf behielt.
Ihr Befehl war klar und eindeutig. Der Nordwolf legte sofort seinen Kopf in den Nacken und ließ ein klares, tiefes Heulen ertönen. Wenn Kylia ihn unterstützen würde, könnte der Ruf bis in den letzten Winkel des Reviers reichen:
"Anweisung von Nyota: Das ganze Rudel versammelt sich auf der Stelle am See! Auf der Stelle!"
Urion verstummte wieder. Immer noch ruhte sein Blick auf der jungen Fähe neben ihn, bereit zu helfen, wenn es was zu helfen gab. Nyota wollte Banshee suchen, während Urion Kylia zum See begleiten würde. Aufmunternd stupste er sie an der Schulter an.
"Komm Kylia. Komm weg hier..."
Urion bedeutete ihr, dass er weiter laufen würde, aber trotzdem blieb er an ihrer Seite um sie notfalls zu stützen. Noch einmal kurz schenkte er dem Nichts einen Blick, was sich scheinbar noch schneller fortbewegte. Es wurde Zeit, dass sie verschwanden!
Ahkuna blickte nach oben mit einem typischem Dackelblick. Sie hasste Schnee und deswegen wollte sie auch so schnell wie möglich aus diesem Loch heraus. Langsam stemmte sie sich wieder auf ihre vier Beine, etwas zittrig aber sie konnte stehen, trotz der beisenden Kälte. Dann senkte sie ihren Kopf kurz, beobachtete den Schnee und schüttelte den Kopf. Cyriell. Irgendwie ein schöner Name. Sie lächelte dem großem Rüden schräg über ihr entgegen. Sie hatte den Namen noch gehört, kurz bevor sie in das Schneeloch gerutscht war. Dann drehte sie langsam ihrem Kopf hilflos zu dem anderen Rüden. Schneemonster. Das war der richtige Begriff. Ungeduldig trippelte die kleine auf der Stelle hin und her und wartete darauf befreit zu werden. Sie wusste zwar nicht wie, aber irgendeiner von den Beiden würde es doch schaffen !
Hoffentlich..Und dann passierte es auch schon, sie wurde ruckartig und für sie viel zu schnell im Nackenfell gepackt. Es tat zwar nicht weh, aber erschreckend so aus dem Hinterhalt, ist das schon gemein. Gegen den Schnee, würde sie aber alles über sich ergehen lassen. Ihr kleines Herz raste,als sie von dem einem Rüden zu dem anderem gegeben wurde. Sie hörte nur noch ein kleines Nuscheln und dann wurde sie schon zu Boden gesetzt.
“..Danke..Danke… Danke ..Danke.. Danke…! „
Kam es aus der Kleinen hervor und sie konnte sich gar nicht stoppen. Schon irgendwie peinlich, dass man sich von 2 Rüden helfen lassen muss, aber Ahkuna zeigte sich dankbar. Langsam tänzelte sie um Cyriell herum, streifte seine Seiten hier und da leicht, bis sie bemerkte, dass der schwarze Rüde auch noch in dem Loch saß. Die kleine musste helfen, aber wie nur ? Sie ging mit großen und unvorsichtigen Schritten um den Rüden herum nach vorne um etwas zu sehen. Doch das einzige was sie sehen konnte, war das der Graue Ayran packte und versuchte zu ziehen. Deswegen konnte sie auch nicht groß helfen. Irgendwie würde sie gerne in den Schweif Cyriells beisen und etwas ziehen, aber sie ließ es sein. Es wäre wohl schmerzhaft. Deswegen ging sie nun erst einmal aus dem Weg, sodass der Rüde noch aus dem Loch kommen kann. Ahkuna platzierte sich ein ganzes Stück weiter weg von den Beiden, um genug Platz zu bieten und nicht alles zu versperren.
Das Lachen auf dem Gesicht der Dunklen gefror – gefährlich spiegelglatt. Die Augen des Nachtregens, der mehr dem sauren Regen glich und nur Verwüstung mit sich brachte, funkelten den Schwarzen an.
„Aha? Da scheint ja jemand an mangelnder Aufmerksamkeit zu leiden. Armes Ding. Hast du keine Freunde und versuchst deshalb deinen Stolz zu wahren, in dem du dich so lächerlich machst. Wie erbärmlich du doch bist. Ein jämmerliches, armes, kleines Ding, welches selbst von Mammy niemals Aufmerksamkeit erhielt.“
Gemütlich streckte Amáya ihren sehnigen Körper aus, erhob sich langsam. Sie hatte keine Lust in der Gesellschaft eines solchen Trottels ihre freie Zeit zu verbringen. Jakash war eine deutlich bessere Gesellschaft. Vielleicht konnte sie noch heraus finden, was er an ihr so interessant fand. Was er tatsächlich interessant fand. Auf die neuen Worte dieses Mistviehs zog sie nur drohend die Lefzen zurück. Dieser Pimpf ging ihr gehörig auf die Nerven.
„Schön, dass du mir mit deiner Augenfarbe schon mal voraus bist. Und scheinbar seid ihr beiden die Einzigen, die mich interessant finden. Wobei du obendrein noch neidisch bist. “
Missbilligend schüttelte Amáya ihren Kopf. Wozu zum Teufel scherte sie sich um ein solch hirnloses Wesen, welches keine Ahnung von nichts hatte?
„Verschwinde einfach dahin, wo du her gekommen bist, bevor ich mich vergesse... oder dieser Kleine hier.“
Mit einem schelmischen Glitzern in den Augen betrachtete sie Jakash, der sich nicht minder über diesen Tölpe aufregte.
„Wie gesagt, such dir jemand anderen, der dich nicht als Spielzeug benutzen wird. Ich bekomm nämlich langsam Hunger, weißt du. Und hirnlose Beute wie gewisse Wölfe sind leichte Beute.“
Das war natürlich alles erlogen, aber das wusste Shákru ja nicht und brauchte er auch nicht zu wissen. Es reichte, wenn er sich einfach vom Acker machte und sich nie wieder um sie scherte. Was war sie denn? Eine Freizeitbeschäftigung? So weit käm’s noch. Schnell wanderten ihre blauen Augen umher, dann berührte sie ganz vorsichtig das dunkle Fell des Jungrüden und wandte sich um.
„Verschwende deine Energie nicht an so einen Idioten, das ist er nicht wert. Komm schon. Solche Wesen werden einfach edel überhört.“
Das Heulen überhörte sie ungerührt. Es war ihr doch egal, wohin das Rudel beordert wurde. Sie war sowieso noch nie ein richtiger Teil davon gewesen, weswegen sie schlicht die entgegengesetzte Richtung ansteuerte.
Nun waren also schon vier Wochen vergangen. Vier Wochen, in denen Sheena ihre Stimme nicht erklingen lassen hatte. Geschickt war sie den anderen Wölfen ausgewichen, war in die tiefsten Ecken des Rudels gedrungen um ja niemandem zu begegnen und hatte dabei viel nachgedacht. Die Trauer um Zack war ein wenig von ihr gewichen, es schmerzte sie noch immer, aber es ging ihr bedeutend besser, als direkt nach seinem Tod. In den vielen stillen Momenten hatte sie sich oft mit Engaya auseinander gesetzt und in stiller Zwiesprache mit ihr verweilt. Sie hatte das Gefühl, als ob sie viel dazugelernt hätte. Banshee hatte Recht behalten, es war keine Bestrafung gewesen. Sie fühlte, dass Fenris immer weiter von ihr wich und sie war sehr froh darüber. Solange kein Wolf in der Nähe war, hatte sie auch nicht das Bedürfnis gehabt mit irgendwem zu reden, nicht mit sich selbst, mit niemandem.
Unbewusst hatte sie sich nun wieder dem Rudel genähert, kraftvoll schritt sie durch den tiefen Schnee und wich geschickt den Schneewehen aus in denen sie versunken wäre. Natürlich passierte ihr dies trotzdem immer mal, aber sie lächelte darüber belustigt und wunderte sich nur ein wenig, warum der Winter sich diesmal so hartnäckig hielt. Normalerweise war um diese Zeit der Schnee am tauen und verwandelte den Boden in einen rutschigen und schlammigen Untergrund, aber davon war noch lange nichts zu sehen. Auch die Vögel schwiegen noch, waren noch nicht zurückgekehrt. Sie freute sich darauf die Vögel wieder singen zu hören. Ganz in Gedanken bemerkte sie erst spät, dass sich ihr ein Wolf näherte und dann war es auch schon zu spät um der Fähe, wie sie feststellte, auszuweichen. Es wäre unhöflich gewesen und so blickte sie auf und erblickte Rakshee die fröhlich auf sie zu tappte. Auf Sheenas Gesicht breitete sich ein fröhliches Lächeln aus, sie freute sich sehr die kleine Fähe zu sehen, die zusammen mit ihr zur Priesterin ausgebildet wurde. Sie wunderte sich etwas und fragte sich, ob ihre Freundlichkeit nur aufgesetzt war, denn die letzten Male, die sie die Fähe gesehen hatte, hatte sie diese nicht gerade mit den freundlichsten Blicken bedacht. Aber umso mehr freute sie sich nun eigentlich, dass Rakshee auf sie zusteuerte und sie freundlich begrüßte. Auch fragte sie, wie es ihr denn ginge, Sheena hörte heraus, dass es eher eine ‚Geht es dir besser’ Frage war, aber das machte ihr nichts aus.
Gerade wollte sie antworten und öffnete schon die Schnauze um ihre Stimme erklingen zu lassen, da läuteten in ihrem Kopf die Alarmglocken. Da war doch was gewesen. Die Schweigepflicht. Zum ersten Mal war sie ihr lästig und kurze Zeit überlegte sie, ob sie nicht einfach antworten sollte, es würde doch niemand erfahren müssen… Aber sofort schalt sie sich selber in Gedanken, über so etwas sollte sie gar nicht nachdenken! Schließlich hatte sie gesehen, wie effektiv es war nicht zu reden und nun war es zwar eine neue Herausforderung für sie, aber die würde sie doch wohl auch meistern. Außerdem ging sie davon aus, dass Banshee dem Rudel mitgeteilt hatte, dass sie einer Schweigepflicht für fünf Monde lang unterlag.
Dementsprechend machte sie sich auch keine Sorgen und lachte Rakshee freudig an. Ihre Rute pendelte stark von links nach rechts und sie machte einen vorsichtigen kleinen Schritt auf die nur ein Jahr jüngere Fähe zu und berührte sie vorsichtig an der linken Schulter. Zufrieden mit sich trat sie dann wieder ein Stück zurück und ließ ihre Augen einladend aufglänzen. Weiter schenkte sie Rakshee ein begrüßendes Lächeln und ließ ihren Kopf ein wenig kreisen.
Ja, es ging ihr schon besser, als zuvor, das sah man ihr auch deutlich an. Ihre Augen glänzten ein wieder ein wenig, ihre Haltung war aufrecht und nicht zusammen gekauert und ihre Mimik drückte Freude und Lebensmut aus. Kurze Zeit später legte sich ein fragender Ausdruck über ihr Gesicht. Mit leicht schräg gelegtem Kopf betrachtete sie Rakshee. Ging es ihr denn auch gut? Es sah alles danach aus, aber sie hoffte, dass sie ihr auch antworten würde, ihre Gestik erschien ihr als sehr deutlich. Dann spitzte sie die Ohren, als sie ihren Ziehvater Urion rufen hörte. Er leitete einen Befehl von Banshee weiter, sie sollten sofort alle zum Rudelplatz kommen. Sie schaute irritiert zu Rakshee, die ja eigentlich genauso wenig wie sie wissen würde und deutete dann mit ihrem Kopf in Richtung Rudelplatz. Dann würden sie sich wohl auf den Weg machen müssen. Ein wenig mulmig war ihr schon auf alle Wölfe zu treffen, vor allem, da sie wusste, dass Banshee ihnen mitgeteilt hatte, dass Zack von ihnen gegangen war. Sie hoffte, dass sie nicht zu viele mitleidige Blicke ernten würde und dass wirklich alle wussten, dass sie nicht reden durfte. Lächelnd stupste sie Rakshee erneut an und trabte an ihr vorbei in Richtung des Rudelplatzes.
Verwundert blickte er Kandschur an, welcher sich vor ihm aufbaute und reglos verharrte. Neugierig wollte er ihn gerade auffordern sein Geheimnis zu enthüllen, da tat Kandschur dies von ganz alleine. Vorher hatte sein Gesicht noch etwas unsicher und ängstlich gewirkt, nun schien es vollkommen entspannt und voller Freude und Mut. Aus seiner Schnauze erklang ein wunderbarer Gesang, der mal lauter mal leiser wurde und von Liams Ohren magisch angezogen wurde. Er lauschte verzückt den wunderschönen Lauten die durch den Schnee gedämpft wurden und doch weit getragen wurden. Völlig versunken und mit gespitzten Ohren stand er Kandschur erfreut gegenüber und ließ die Melodie auf sich wirken. Überwältigt von dem Gesang der noch in seinen Ohren nachklang, auch als Kandschur schon geendet hatte, bekam er die Worte, die er sprach erst etwas später mit.
Verwundert machte er einen kleinen Schritt nach hinten. War das wirklich sein Ernst gewesen, er hatte ihm dieses Lied gesungen und ihn gefragt, ob er für immer an seiner Seite sein wollen würde.
Eine ungebremste Freude durchströmte seinen Körper, ergriffen und zutiefst bewegt schielte er vorsichtig zu Kandschur hoch, ob er nicht nur scherzte. Dabei war ihm bewusst, dass Kandschur dies nie tun würde. Erleichtert, als er die Ernsthaftigkeit in den Augen seines Geliebten war, trat er wieder einen Schritt näher. Er wusste gar nicht recht, wie es funktionierte zu sprechen. Mit leicht geöffnetem Maul stand er ihm gegenüber und klappte sein Maul mal mehr auf, mal weiter zu. Seine Augen glänzten. Das Glücksgefühl breitete sich immer weiter in seinem Körper aus und ließ ihn erbeben. Mit wackeligen Pfoten trat er einen weiteren Schritt auf Kandschur zu, schloss sein Maul und schenkte ihm all seine Liebe die er in sich trug durch seine Augen. Noch immer war er sich nicht sicher, ob seine Stimme funktionieren würde, aber immerhin erinnerte er sich wieder daran, wie es theoretisch klappen müsste. Erneut öffnete er seine Schnauze, wollte sprechen und räusperte sich dann ganz leicht. Vorsichtig um diesen wunderbaren Augenblick nicht zu ruinieren. Dann breitete sich auch auf seinen Lefzen ein leuchtendes Lächeln aus.
„Ja“
Hauchte er, viel zu hingerissen, um viel mehr Worte zu verschenken.
„Ja Kandschur. Ja!“
Ganz langsam, wie in Zeitlupe trat er auf den Rüden zu, schob seine Schnauze an die seines Rüden, strich ganz sanft an ihr entlang und fuhr dann weiter den Kopf hinauf. An seinem Ohr stoppte er, pustete ganz sanft hinein und beknabberte es liebevoll.
„Ich liebe dich“
Murmelnd entwichen ihm diese Worte. Noch nie hatte er etwas ernster als in diesem Augenblick gemeint! Vorsichtig, wie um den Zauberbann nicht zu brechen, trat er wieder zurück. Nun würde er ein Lied für ihn singen. Seine Antwort auf die Frage, seine Antwort auf die wunderbaren Melodien um die Kandschur ihn bereichter hatte. Er legte seinen Kopf in den Nacken und begann zu singen. Erst kam seine Stimme etwas unsicher aus dem Maul, zitternd begann er die ihm altbekannte Melodie zu singen, die sein Vater seiner Mutter gesungen hatte. Die die Priester zu Ehren ihrer Schüler gesungen hatten. Diese beiden Lieder flossen nun in seinen Gesang mit ein. Seine Stimme wurde klarer, lauter und umhüllte sie beide, wie in einem Schleier. Kräftig, melodisch und wunderschön anzuhören sang er für Kandschur, für seine Liebe, für ihrer beide Liebe.
Okay, Shákru hatte sich nun nicht wirklich beliebt gemacht mit seinen Sprüchen, mit seinen Worten. Minor erhob sich mit angelegten Ohren, fuhr sich wieder mit der Zunge über die Lefzen und blinzelte Amáya an. Ihr Worte überhörte er geschickt, aber sie verletzten... nun ja, er versuchte es nicht zu zeigen. Die kleine Sternenleier blickte zu Jakash, der wirklich schon erwachsen wirkte. Ein freundliches Lächeln umspielte seine Lefzen. Ein Lächeln, was wirklich ernst gemeint war. Er berührte den Jungwolf kurz mit seiner Schnauze.
"Wahrlich Jakash, du bist erwachsener als wir beide. Ich werde jetzt gehen und es tut mir leid euch gestört zu haben."
Schon wieder so ein plötzlicher Sinneswandel. Aber nun war Shákru so wie er wirklich war. Kurz bevor er wieder in den Wald trat, blickte er noch mal zu Amáya und lächelte auch ihr zu:
"Es tut mir auch leid, dass ich dich beleidigt habe, Amáya."
Das Heulen von Urion klang in seinen Ohren. Oh ha, wenn dies ein Befehl von Nyota war, würde Shákru ihn befolgen. Eine weitere Erklärung gab er an die schwarze Fähe nicht weiter. Es würde sie eh nur langweilen. Shákru Minor rannte sofort los und jagte durch den Wald. Schnee wirbelte um ihn herum und endlich vergaß er mal seine ganzen Sorgen. Auf dem Weg zum See, erblickte Shákru Sheena mit einem weiteren Jungwolf. Rakshee, glaubte sich Minor zu erinnern. Er wuffte den beiden freundlich zu, trabte mit wedelnder Rute zu ihnen, blieb jedoch auf dem halben Weg stehen. Er wollte sich nicht wieder aufdrängen.
"Wollen wir zusammen zum See laufen? Sheena, Rakshee?"
03.01.2010, 20:15
Der graue Bruder packte den Schwarzen am Nackenfell und positionierte sich. Auch die schwarzen Hinterläufe stemmten sich noch einmal mit größerer Anstrengung an die Eiswand- mit einem Ruck und der Schwarze war aus der eisigen Kälte befreit. Kurz blieb er sitzen, dann schüttelte er sich kräftig und warf seinem Bruder einen dankbaren Blick zu.
“Ich danke Dir, Bruderherz!“,
gab er schließlich etwas gehetzt. Dann sah er die weiße Welpin an. Sie schien mit einem Schrecken davon gekommen zu sein; was eine hörbare Erleichterung in ihm auslöste. Ein wenig neigte er den Kopf, um ihr besser in die Augen sehen zu können; ein leichtes Lächeln zierte dabei seine Lefzen:
“Ich hoffe, bei Dir ist Alles okay.“
Schon hörte er den Ruf eines Wolfes, eindringlich und warnend. Schnell hastete er zu seinem Bruder um. Seine Augen verengten sich kurz, es schien sich etwas in dem Rüden zu regen. Nicht, dass es ihn sehr beunruhigte, doch war eine Anweisung ausgesprochen wurden.
“Cyriell, nimm´ die Welpin und gehe mit ihr zum See. Es scheint etwas Ernsthaftes passiert zu sein. Bringt euch in Sicherheit, ich werde nach Daylight suchen. Keine Sorge-“,
fügte er noch hinzu,
“Ich komme mit ihr nach.“
Schon war der Schwarze aufgesprungen und lief zum Rudelplatz. Der suchende Blick nach Daylight. Was nun genau passiert war, wusste er nicht, aber er wollte nichts riskieren. Das Pfotentrommeln wurde durch den dichten Schnee gedämpft.
“Daylight“,
rief er helfend aus.
Ahkuna bedankte sich überschwänglich, und Cyriell musste Grinsen. Seine Rute begann hin und her zu pendeln, und irgendwie triumphierend sah er seinen Bruder an, der ebenfalls lächelte und ihm dankte. Nicht überheblich, aber glücklich. Beiden war nichts weiter passiert und er hatte ihnen helfen können - ein gutes Gefühl!
"Schon gut, war doch selbstverständlich!",
entgegnete er an beide gewandt. Einem plötzlichen Impuls folgend schleckte er erst kurz der Welpin über den Kopf, dann seinem Bruder die Wange. Ja, er fühlte sich gut, und vergessen war die Peinlichkeit, dass er über die kleine weiße Fähe gestolpert war. Eine Stimme drang an sein Ohr und trübte den freudigen Moment. Cyriell wandte den Kopf in die entsprechende Richtung, seine Ohren lauschten. War das nicht gerade Ruiza gewesen? Und warum klang sie so traurig, so wehklagend? Worte hatte er nicht recht verstehen können. Dann erklang einzweiter, lauterer Ruf. Urion, der einen Befehl Nyotas überbrachte. Aber warum befahl die schwrze Alpha sie nicht selbst zum Rudelplatz? Aryans Reaktion gab dennoch unzweifelhaft zu verstehen, dass es diesem Aufruf Folge zu leisten galt. Der Graue nickte seinem Bruder zu und wandte sich dann an Ahkuna.
"Komm, wir laufen zum Rudelplatz!"
Dann lief er voraus, damit die Welpin in seiner tiefen Spur laufen konnte und sich nicht durch den hohen Schnee kämpfen musste. Cyriell machte jedoch einen kleinen Umweg, und schon nach kurzer Zeit konnte er Ruiza ausmachen.
"Ruiza?",
fragte er vorsichtig, unsicher, ob sie nicht lieber allein gelassen werden wollte. Die Fähe wirkte gequält, und es tat dem jungen Rüden weh, sie so zu sehen.
"Ähm.. wir gehen zum See - Nyota hat gerufen. Kommst du.. mit uns?"
Jetzt war es Amáya, die auffuhr und sich an Shákru ausließ. Jakash hatte versucht, zumindest etwas Höflichkeit zu bewahren, die schwarze Fähe tat das nicht. Der junge Rüde wandte den Kopf zu ihr um und zog eine halb schmerzliche, halb enttäuschte Miene. Jetzt übertrieb sie es, aber er wollte nicht auch sie zurecht weisen. Immerhin erhoffte er sich Antworten von ihr, was half es da, sie gegen ihn aufzubringen? Rein gar nichts. Nur hatte Jakash jetzt das Gefühl, Shákru Unrecht getan zu haben. man hätte argumentieren können, dass Amáya sich ruhig wehren durfte, immerhin hatte der Rüde ja mit den Beleidigungen angefangen - so hatte Jakash früher selbst sein Recht behauptet. Aber auch dafür hatte seine Mutter einen Ausdruck gehabt: welpisch. Jakash seufzte und schenkte Shákru ein entschuldigendes Lächeln, als dieser sich erhob verkündete, dass er seiner Bitte nachkommen werde. Der junge Schwarze war erleichtert, dass die Situation nicht eskalierte. Jakash glaubte ja nicht, dass er selbst den Älteren angefallen hätte, wie Amáya angedeutet hatte, eher hatte er befürchtet, dass die Fähe die Beherrschung verlieren könnte. Aber auch sie wandte sich nun zum Gehen, und Erleichterung durchströmte ihn, als sie ihn aufforderte, mit ihr zu kommen. Er hatte schon befürchtet, dass sie nun keine Lust mehr auf gesellschaft haben würde, egal, um wen es sich dabei handeln mochte.
Ha, und nun lobte auch noch Shákru ihn für sein erwachsenes Handeln! Wenn das mal nichts war! Jakashs Lächeln wurde dankbar und für einen Moment fast strahlend, als der Rüde sich sogar bei Amáya entschuldigte, bevor er ging. Er hatte das Gefühl, gerade sehr erfolgreich gewesen zu sein. Dann erklang der Ruf. Jakash wollte ihm folgen - aber Amáya ignorierte ihn einfach und ging weiter. Überhört haben konnte sie ihn nicht. Der junge Rüde stand unschlüssig auf der Stelle, hin und her gerissen zwischen zwischen der Hoffnung und der Neugier, die er mit Amáya gerade verband, und dem Pflichtgefühl, dem Befehl seiner Tante nachzukommen. Wenn er ging, würde er vor Amáya sicherlich das Gesicht verlieren, und dann sprach sie vermutlich nie wieder mit ihm... Ach, bei Fenris! Es würde shonnicht so schlimm sein, wenn er nicht sofort beim Rudelplatz erschien! Jakash setzte Amáya nach und passte sich dann ihrer Geschwindigkeit an, nachdem er zu ihr aufgeholt hatte.
"Ich wünschte, du hättest ihn tatsächlich 'edel überhört'",
kommentierte er und sah sie an. Dann zuckte er mit den Schultern. Jetzt war es im Grunde auch egal, die Situation hatte sich geklärt. Schweigend lief er jetzt neben ihr her, unruhig ob seiner Missachtung des Befehls und darauf wartend, dass Amáya etwas sagte...
Rakshee sah Sheena mit gespitzten Ohren entgegen, und erwartete schon ihre Antwort - aber die kam nicht. Die Weiße schloß einfach wieder ihre Schnauze, und kam dann wedelnd auf sie zu. Die Braune hatte keine Ahnung was dass jetzt sollte, aber Sheenas freundlicher Gestik entnahm sie dass die Weiße es nicht tat um sie zu ärgern. Oder doch?
Warum sonst sollte sie denn nicht mit ihr reden? Aber trotzdem war nichts unfreundliches an Sheena zu finden. Rakshee beschloß sich dass etwas länger anzusehen, legte bloß die Stirn in Falten, und erwiederte Sheenas fragenden Blick.
"Ähm..."
sie hatte keine Ahnung worauf die Weiße hinaus wollte, und nickte nur, als Sheena in Folge des Rufes die Richtung zum Rudelplatz einschlug. Gerade wollte sie die Weiße fragen wieso sie nicht mit ihr sprach, als ein Rüde auf sie zukam. Rakshee kannte das Gesicht, das war doch der Rüde, der Aszrem so böse hatte gucken lassen... Sich an ihren Wunsch erinnernd sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen schenkte sie also auch Shákru ein Lächeln, wedelte leicht, und nickte ihm zu.
"Da müssen wir eh hin, oder? Meinetwegen kannst du uns gerne begleiten...Sheena?"
wand sie sich wieder an die Weiße, und sah, eine Antwort erwartend, zu ihr hoch. Und so sehr sie sich mühte, so sehr nagte es doch jetzt schon an ihr, dass Sheena ihr einfach nicht geantwortet hatte...das hatte sie schoneinmal nicht getan, aber diesmal war sie nicht einfach weggelaufen sondern zu ihr gekommen...war das jetzt eine Steigerung? Rakshee wusste es einfach nicht. Seltsame Sheena.
Jumaana legte den Kopf schief und lachte leise. Ja, Shani hatte völlig recht. Dann sah sie zu dem Schwarzen auf. Midnight ... Er war ein großer, geheimnisvoller Rüde, der, auch wenn er eine einsame und kalte Ausstrahlung hatte, der Weißen sympathisch erschien. Er erinnerte sie an Takashi, genau wie die junge Mutter vorhin auch. Eine beißende Sehnsucht breitete sich in Jumaana aus. Sie wollte, dass er zurückkam von da, wo er gerade war. Jumaana hatte das Bedürfnis, zu fragen wie Midnight sich fühlte, oder eher, wer er überhaupt war. Alles war der Fähe noch so unbekannt im Rudel, egal wie lange sie schon integriert war. Doch es kam ihr unwirklich vor, einen Rüden, der eine solche Atmosphäre verbreitete nach etwas völlig Routiniertem und Alltäglichem zu fragen. Also ließ sie es blieben. Jumaana viel auf, dass sie oft etwas unterdrückte, was sie eigentlich hatte machen wollen. Früher hatte sie immer drauflos geplappert und erzählt, was sie wusste. Doch jetzt hielt sie sich zurück und wartete, ob jemand anderes etwas sagte. Doch das war nicht der Fall. Also begann Jumaana verzweifelt, eine Unterhaltung aufzubauen.
"Sag mal, Midnight, wie lange bist du jetzt eigentlich schon im Rudel?"
Die Fähe sah zu dem großen Schwarzen auf. Dann besann sie sich wieder. Schon wieder etwas Dummes und Unwichtiges, wie shani vorhin schon gefragt hatte. Still blieben die drei stehen. Jumaana quälte sich damit, wie sie ein 'richtiges' Gespräch zustande bekommen könnte. Warum war nichts Bedeutendes im Rudel? Leise winselte die Fähe und zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht. Einfach Reden, was anderes wollte sie gar nicht.
"Shani, weißt du, warum immer mehr Rudelmitglieder verschwinden? Ist das nicht etwas ..."
Jumaana unterbrach sich wieder. Das war noch unwichtiger als das davor. Naja, nicht unwichtiger, aber es interessierte sie einfach nicht. Jumaana wünschte sich, aus dieser Unterhaltung fliehen zu können. In diesem Rudel gab es niemanden, mit dem sie reden konnte. Niemanden. Es war einfach schrecklich.
Tiefer und tiefer in den Wald trugen sie ihre Pfoten, hinterließen tiefe Spuren im Schnee und brachten sie fort vom Rudel, fort von Aryan. Die Kälte verwandelte ihren Atem in weiße Wölkchen und Daylight gefiel es ihnen zuzuschauen, wie sie davon schwebten und sich schließlich in den weiten des Himmels verloren. Es war wie Zauberei. Die ganze Welt war verzaubert, die Tannen erstarrt von Eis glitzerten und funkelten im Morgenlicht und alles war umhüllt von einer dichten Schneedecke. Weiß, wie Daylights Fell. Doch so schön es auch war, je weiter sie sich von Aryan entfernte, desto lebloser und grauer erschien der kleinen Wölfin die Welt, unbedeutender. Jeder Atemzug wurde schwer und schwerer, jeder Herzschlag mühevoller, sie sehnte sich nach ihm. Sehnte sich so sehr nach ihm, dass es weh tat. Ein lautloses Seufzen schlich sich über ihre Lefzen und zugleich erfüllte ein Lächeln ihre Züge. Es war richtig zu spüren, wie es ohne ihn war, es war richtig zu wissen, dass ihr Leben ohne ihn unendlich grau und trostlos war. Denn nur wenn sie wusste, wie es ohne ihn war, konnte sie entscheiden ihr Leben mit ihm zu teilen. Es war richtig, sie liebte ihn. Er war der Regenbogen, der ihrer Welt die Farben zurückgab, die sie ohne ihn verlor, er war der Muskel, der ihr Herz zum schlagen brachte, er war... einfach alles. Die honigfarbenen Augen leuchteten auf und wanderten über das Weiß, alles war weiß, so weiß und rein, wie ihre Liebe zueinander und dann plötzlich hielt sie inne. Dort war jemand. Ihre Ohren zuckten zurück, die Rute wippte, sie hielt die Nase in den Wind, witterte. Ein Schauder durchlief ihren Körper, vorsichtig näherte sie sich der Gestalt, in dem Wissen, um wen es sich handelte. Nur einige Schritte von ihm entfernt blieb sie stehen. Die hellen Augen musterten ihn, fragend.
„Averic.“
Sie sprach seinen Namen leise und ein leichter Windhauch riss ihr das Wort von den Lefzen und trug es fort zu ihm hinüber, ihrem Bruder. Aufmerksam lag ihr Blick auf ihm. Die Weiße war sich nicht sicher, ob er ihre Anwesenheit duldete, sie akzeptierte. Er hasste sie. Doch das war noch kein Grund für sie auch ihn zu hassen. Er war ihr Bruder und das würde er immer sein, egal, was geschah, egal, wie sehr sein Hass sie verletzte, er war ihr Bruder und dafür liebte sie ihn, wie sie nur einen Bruder lieben konnte. Sie verstand nicht, was er so abstoßend an ihr fand, sie verstand nicht, warum er Tyraleen akzeptierte und sie selbst nicht. Tyraleen... ihre Schwester, sie würde im Frühjahr Welpen bekommen, eigene Kinder. Wer wohl der Vater war? Ob groß war? Ob er stark war? Ob sie sich so liebten, wie sie selbst und Aryan sich liebten? Daylight wünschte es ihr und zugleich fühlte sie sich unendlich fern von ihrer Schwester, die so ganz anders war, als sie selbst, wahrscheinlich war das der Grund warum Averic Tyraleen ihr vorzog. In seinen Augen war Daylight der nervige Welpe von früher, nicht mehr. Dabei wünschte sie selbst sich doch nicht mehr als von ihm akzeptiert zu werden... nachdenklich wiegte sie den Kopf, während sie ihn betrachtend musterte und trat schließlich noch einen Schritt näher, sog seinen Geruch ein, der ihrem so ähnlich war und doch ganz anders.
„Störe ich dich?“
Sie blickte ihn an, spielte mit den Ohren und wippte kurz mit der Rute, zum Zeichen, dass sie sich freute ihn zu sehen. Das tat sie wirklich. In ihrer idiotischen Hoffnung das Kriegsbeil zwischen ihnen zu begraben. Es durfte keinen Hass geben, nicht zwischen Geschwistern. Sie mussten zusammenhalten, wie es Geschwister taten. Ein flüchtiges Lächeln legte sich auf die dunklen Lefzen der jungen Fähe. Vielleicht, ja, vielleicht würden sie heute endlich Freunde werden, heute ein Jahr später. Daylight wünschte es sich.
Als Isis das Gespräch auf den Sohn des Todes lenkte, zuckten Tyraleens Ohren kurz, als wollten sie sich an ihren Kopf anlegen. Das Lächeln wurde etwas schwächer. Averic war nicht der Sohn des Todes. Er war der Sohn des Lebens und des Todes. So wie sie … Dass Isis noch von etwas anderem sprechen könnte, verdrängte sie, außerdem gab es ja schon einen „echten“ Sohn des Todes. Acollon. Sie würde ihre Welpen darauf schwören, dass er noch lebte. Averic war einfach nur ein wenig anders, deshalb aber noch lange nicht sonderlich gefährlich, böse oder sonst wie fenrisverbunden. Sie hatte den Eindruck, dass das Rudel ein übertriebenes Spektakel um ihren Bruder machte. Langsam schüttelte sie den Kopf.
“Er ist nicht der Sohn des Todes. Und Averic ist nun mal nicht einfach immer nett, solang alle anderen auch nett sind. Nettsein ist doch sowieso nur die Oberfläche.“
Sie hoffte, nicht zu verstimmt zu wirken. Isis hatte schließlich kein Wort böse gemeint. Aber über Averic zu reden, wenn er nicht dabei war, gefiel ihr nicht, zudem hatte sie einfach den Eindruck, dass ihn niemand verstand. Nicht unbedingt deshalb – wie er dachte – weil ihn niemand verstehen wollte, sondern weil er es nicht zuließ. Was nun auch nicht unbedingt schlimm war, nur konnte sich niemand aus dem Rudel ein Urteil von ihm bilden, sodass sie eigentlich alle nur einander nachplapperten. Sie beschloss, das Thema bis zu der Vorstellung zu meiden, hoffentlich würde ihr Bruder einfach bald auftauchen und Isis würde verstehen. Sie machte eine wegwerfende Pfotenbewegung.
“Lass uns nicht über Fenris reden. Es scheint mir kein gutes Thema zu sein.“
Schließlich trug sie Welpen in sich. Und ihnen sollte Fenris fern bleiben. Außerdem waren die Göttervorstellungen im Süden wohl irgendwie anders … Viel lieber sollte es weiter um die Welpen gehen und Tyraleen betrachtete – jetzt wieder lächelnd – wie ihre Freundin an ihrem Bauch schnüffelte. Es freute sie zu sehen, dass sie nicht total verrückt war, wenn sie mit ihren Welpen sprach. Auch wenn sie wohl noch keine Ohren zum Hören hatten, würden sie die Liebe spüren. Und dass Isis Tyraleens Welpen liebte, davon war die Weiße überzeugt. Sie ließ ihre Rute leicht pendeln und näherte sich mit der Schnauze dem Ohr der Sandfarbenen.
“Ich hätte niemals zugelassen, dass durch … unsere „seltsame Konstellation“ … irgendetwas mit meinen Welpen nicht stimmen könnte. Aber ich war bei ihr. Engaya hat mir versprochen, dass sie alle gesund sein werden.“
Sie hatte leise gesprochen, sich nicht sicher, ob nicht ungebetene Zuhörer etwas Falsches denken könnten. Und dass nicht jeder ihr glauben würde, war ihr auch klar. Aber sie sollten erst die Welpen sehen, wenn sie gesund und voller Tatendrang aus der Höhle springen würden. Sie würden allen zeigen, dass auch Geschwister sich lieben dürfen. Als Isis von ihrem alten Rudelmitglied erzählte, musste Tyraleen wieder lachen. Djed-ra-iu-ef-anch … das war wirklich ein seltsamer Name. Eigentlich gar kein Name. Sie wollte gar nicht erst versuchen, ihn auszusprechen, es wäre bestimmt schief gegangen.
“Ich glaube, ich mag unsere Namen mehr. Erst jetzt, da ich Namen geben werde, mache ich mir darüber richtig Gedanken. Wie viele wunderschöne es doch gibt! Und wie ich doch für jedes meiner Kinder einen ganz besonderen finden will.“
Zu Akru schwieg sie lieber. Sie hatte eine dumpfe Vermutung, wo er sich herumtreiben könnte und verdrängte den Gedanken beflissen. Banshee war auffällig häufig verschwunden. Der Gedanke löste unterschiedlichste Gefühle in ihr aus, Angst, Sorge, Wut, Hilflosigkeit. Wäre doch nur Acollon hier. Ja, sie würde ihrem Vater so gerne seine Enkel zeigen. Ob er stolz war? Stolz auf die kleine Avendal, auf den kleinen Chardím. Sie betete stumm zu Engaya, er möge diese Welpen eines Tages kennenlernen.
Verdammt. Zur Hölle nochmal. Warum zum Teufel musste die Alpha sie aus ihrer Trauer reißen? Was zum Henker konnte so wichtig sein? Aufgeschreckt zuckte sie zusammen. Das Nackenfell aufgestellt wie unter Strom wandte Ruiza ihren Kopf über die Schulter in die Richtung des Rufes. Ein Kurzes Grollen war zu vernehmen. Doch es verblasste denn Engelsauge trat auf sie zu. Sofort wurde sie entspannt, ruhig glättete sich ihr Pelz und sie neigte den schlanken Kopf gen Boden.
"Cyriell.....was ist geschehen?...."
Aber sie merkte auch so, dass es etwas sehr wichtiges war denn sonst würden nur bestimmte Wölfe dem Ruf folgen und nicht, wie jetzt, alle. Sie war genervt aber das konnte sie sehr gut verbergen.
"warte auf mich. ich komme mit"
Schnell war sie an der Seite des Grauen Rüden. Es machte sie ruhig, ihn an seiner Seite zu wissen, doch bevor sie weiterging, wandte sie sich an die Weiße Welpin in Cyriells Spur.
"Hallo, Kleines..."
Sie kannte ihren Namen nicht, doch die Welpin weckte erneut den rasenden Schmerz in Ruiza's Seele. Nun wusste sie es. Sie war nicht bereit die Nähe eines Welpen zu teilen. Zuerst müsste sie sich vom Schmerz und der Schuld des Verlustes ihrer eigenen Welpen befreien. Doch wie....und vorallem wann? das waren andere Fragen
Ganz anders, als es in der letzten Zeit normal geworden war, befand sich Averic mitten im Wald, abseits von Tyraleen. Das hatte wenig mit ihr zu tun, lag auch nicht wirklich daran, dass er einfach allein sein wollte ... es war mehr so ein komisches Gefühl. Ein unangenehmes Kribbeln in ihm. Er hatte daran gedacht, seine Mutter zu suchen, die sich nicht bei den anderen Wölfen auf dem Rudelplatz befand. Sie war in letzter Zeit immer öfters verschwunden und Akru mit ihr. Das machte den Pechschwarzen langsam wirklich nervös und ließ ihn mehr an Acollon denken, als ihm lieb war. Dieser verfluchte Bastard, wo steckte er nur? Averic musste sich eingestehen, dass er seinen Vater hier haben wollte. Hier, bei den Sternenwinden. Mehr als zuvor. Und garantiert nicht für sich ... sondern für Banshee. Früher, als Jungwolf, da hatte er immer gehofft, dass Acollon einfach nie wieder kehren würde. Er hatte ihn gehasst und sein Hass war größer als die ganze Welt. Gehasst, weil er nie da gewesen war, nie, nicht für ihn, nicht für seine Geschwister. Aber noch viel mehr gehasst, weil er seiner Mutter weh tat, weil er sie im Stich ließ. Und dann hatte er ihn vor lauter Hass sogar getötet. Das war der Wendepunkt gewesen. Als Tyraleen und Banshee ebenfalls mit ihm und Acollon zu Boden gingen, hatte es sein Unterbewusstsein verstanden. Derweil war es ganz klar. Sein Vater durfte nicht sterben, weil seine Mutter ihn brauchte. Egal, wo er war. Aber er sollte verdammt noch mal her kommen!
Griesgrämig starrte Averic in den Wald hinein, war stehen geblieben und hatte aufgehört der Fährte seiner Mutter nach zu laufen. Seine dunkelblauen Augen fixierten fest irgend einen grauen Fleck zwischen den Bäumen, als würde Acollon dort jeden Moment auftauchen, um eine Standpauke über sich ergehen lassen zu müssen, wie er sie jedes Mal wieder von sich gab, wenn sie einander begegnet waren. Doch das lag nun auch alles schon wieder so ewig lang zurück. Er war weg. Seit fast einem ganzen Jahr.
.oO( Acollon! Acollon! Acollon! )
Averic verzog die Lefzen zu einem stummen Grollen, ohne den Blick aus dem Hain zu wenden. Der folgende Gedanke – obwohl es wirklich bloß ein Gedanke war – verlangte ihm mehr Überwindungskraft ab, als sonst irgendwas.
.oO( VATER! )
Der Pechschwarze schnaubte. Das war wirklich lächerlich. Gedanken blieben stumm, und selbst wenn er aus allen Leibeskräften gebrüllt hätte, dieser Mistkerl würde ihn eh nicht hören, wo auch immer er grade war. Tot konnte er nicht sein. Das hätte er gewusst. Als plötzlich ein Laut hinter ihm ertönte, wirbelte Averic blitzschnell herum, spähte stechend zu demjenigen, der sich an ihn herangepirscht hatte und ließ die angespannte Haltung wieder fallen. Daylight. Bei Fenris, er musste wirklich tief in Gedanken versunken gewesen sein, wenn er diesen Riesenwelpen nicht mal hatte kommen hören. Desinteressiert musterte er die Weiße, die, ob gleicher Fellfarbe, seiner geliebten Schwester überhaupt nicht ähnlich sah. Alles an ihr war anders. Seine Ohren zuckten leicht bei ihren Worten. Stören? Ja, eigentlich hatte sie das bisher immer getan! Aber gut, es war wohl besser jetzt nicht gleich wieder einen Streit herauf zu beschwören, auch wenn er sich immer noch etwas gereizt fühlte.
„Daylight.“,
begann er wie sie, nur in einem anderen Ton. Er war bei weitem nicht so freundlich, eher gleichgültig. Kurz musterte der Schwarze ihre hin und her wippende Rute. Was wollte sie von ihm? Freunde werden?
„Bisher noch nicht. Was gibt es?“
Eigentlich hatte er wenig Lust, sich von Daylight voll quatschen zu lassen. Viel lieber wollte er jetzt zu Tyraleen zurück. Zu ihr und ihren ungeborenen Welpen. Allein der Gedanke an sie und seine Kinder ließ ihn gleich viel ruhiger werden. Seine Schwester hätte sicher gerne sehen, dass er Daylight nicht gleich wieder barsch zurück wies.
Kylia hatte schon nach den ersten Schritten keine Puste mehr, um gleichzeitig zu reden und zu laufen. So ließ sie Nyota ein wenig sinnieren, während sie sich bemühte, irgendwo in ihrem Körper neue Kraftreserven auszutreiben. Noch nie in ihren ganzen Leben hatte sie den Eindruck gehabt, dass sie allein dadurch, schnell zu laufen, Leben retten könnte. Vielleicht brach sie deshalb nicht zusammen und wurde auch nicht merklich langsamer … weil etwas was sie tat plötzlich einen ernsthaften Sinn hatte. Wenn sie mal wieder Geschichten erzählt hatte, waren sie sowieso alle sinnlos weil unwahr und ansonsten hatte sie sich eher darauf konzentriert, glücklich zu sein und ihr Glück auszunutzen. Dass es sie nun im Stich gelassen hatte, kam ihr nicht so vor, es hatte sich nur ein wenig verändert. War es nicht auch gut, endlich mal Sinnvolles zu tun? Auch wenn sie ihr Glück selbstverständlich verfluchen würde, wenn es tatsächlich eine solch enorme Gefahr für sie alle heraufbeschworen hatte. Wobei sie jetzt wohl etwas egozentrisch war … als würde das Nichts nur wegen ihr oder ihrem blöden Glück aufgetaucht sein. Dafür musste es ganz andere Gründe geben. Über solche Dinge und Ähnlichem machte sich die Braune ausführlich Gedanken um nicht immer zu daran zu denken, wie atemlos und kaputt sie war. Als sie endlich die Stelle erreichten, an der sie vor ein paar Stunden zum ersten Mal ins Nichts geblickt hatte, fiel ihr sofort auf, dass etwas anders war. Der große Baumriese, der umgestürzt hier gelegen hatte, war weg … wobei … nein … da ragte noch ein Baumstumpf hervor, stetig kürzer werdend. Wieder packte sie die kalte Angst.
“Nyota …“ flüsterte sie leise, als könnte sie irgendetwas aufschrecken. “… komm ihm nicht zu nahe. Ich habe einen Vogel gesehen, der unachtsam hineinhüpfte. Er … war weg.“
Es war nicht die Tatsache, dass der Vogel weg war, die ihr so Angst machte. Der Busch war auch weg. Und der Tannenzapfen ebenso, den Nyota nun probehalber warf. Es war die Tatsache, dass der Vogel sich von ihnen praktisch nicht unterschied … er lebte und fühlte und dachte ebenso wie sie. Was das Nichts mit ihm machte, war grausam unklar … und es würde das gleiche mit ihnen machen. Das flößte ihr so viel Furcht ein. Nyota entschied schnell und sicher am besten. Sie sollten das Rudel zusammenrufen – wohl Urion, wer würde schon auf sie hören? – sie würde Banshee suchen. Ja, die zweite Leitwölfin sollte davon natürlich genauso wissen … vielleicht hatte sie eine Ahnung, was hier geschah? Zögernd wandte sich Kylia zu Urion, als Nyota davonwirbelte. Der Graue musste wohl die Angst in ihren Augen gesehen haben, zumindest fuhr er ihr ein wenig überraschend mit der Zunge über die Stirn. Kylia war es nicht gewohnt, so herzlich behandelt zu werden und freute sich doch … damit hatte Urion mit Sicherheit auch erreicht, was er wollte – Kylia ein wenig zu beruhigen oder zumindest abzulenken. Als er zu heulen begann, zögerte sie erneut, stimmte dann aber so kräftig wie möglich ein. Am Ende fühlte sie sich schrecklich leer. Das Nichts hatte nichts an seinem Schrecken verloren und ihr Herz klopfte noch immer wie verrückt von dem schnellen Laufen. Sie hätte sich gerne ausgeruht, aber jetzt war daran nicht zu denken. Sie mussten zum Rudelplatz … vielleicht würden sie auch dem Rudel berichten müssen, je nach dem wie lange Nyota brauchen würde, Banshee zu finden. Langsam nickte sie und trat neben Urion. Ihre Schritte waren ein bisschen langsamer als zuvor, fast zu langsam, aber sie schaffte es nicht, noch ein drittes Mal wie eine Besessene diesen langen Weg zu rennen. Sie war das Wanderleben gewöhnt und eigentlich recht ausdauernd, aber nie hatte sie so schnell so weit rennen müssen. Und besonders nicht mit diesen Gedanken im Kopf.
“Ich habe Angst, Urion. Was, wenn es sich einfach immer weiter ausbreitet? Wo sollen wir dann denn hin?“
Sie hatte davon gehört, dass das Rudel eine lange Zeit hoch oben in den Bergen gelebt hatte, weil eine fremde Schar ihnen das Revier geraubt hatte. Aber wer sagte, dass die Berge dieses Nichts aufhalten würden? Anders gefragt … warum sollten sie?
Kylia konnte laufen und war etwas ruhiger. Na immerhin! Aber ihr Tempo würde nicht ausreichen, um vor dem Nichts zu fliehen.
Urion knurrte leise und blickte sich suchend um, während sie durch den Schnee liefen. Was ist, wenn nicht alle kamen... aus welchem Grund auch immer. Nicht ohne Zufall schwiffen seine Gedanken zu Amáya. Zornig kräuselte sich wieder seine Schnauze, aber die Wut war schnell verflogen. Kylia musste schneller werden, aber wie. Vielleicht war sie ja ausdauernd.
"Kylia! Wir müssen uns mehr beeilen. Meinst du, du schaffst die Strecke zum See im Wolfstrab. Ich laufe dir auch die Strecke vor, du musst nur in meine Abdrücke laufen, aber wir müssen wirklich schneller werden! Du bist doch ein schneller Läufer!"
Urion wuffte es geduldig und aufmunternd, dann sprang er durch den Schnee und zwar so, dass Kylia ihm eigentlich gut folgen konnte. Wohin, wenn das Nichts immer größer würde? Das war wirklich eine sehr gute Frage, die auch Urion nicht beantworten konnte. Er wusste ja nicht mal was es war und welche Ziele es verfolgte... einfach sonderbar. Der Graufang überlegte, ob er nicht nochmal das Rudel rufen sollte. Immerhin war die Sache von äußerster Wichtigkeit, aber wie das den Anderen klar machen ohne, dass sie gleich in Panik verfallen? Urion holte noch mal tief Luft:
"Versammelt euch so schnell wie möglich am See... das Rudel, das Tal, wird wahrscheinlich bedroht."
Dies sollte sie zum See treiben. Urion selbst schlug einen kleinen Umweg ein, denn Kaedes Witterung war ihm in die Nase gestiegen.
"Kylia, wir werden noch zu Kaede gehen. Außerdem werden einige auch am Rudelplatz sein."
Der Graufang musste nicht lange suchen, da sah er seine Gefährtin schon. Freundlich wuffend kam er auf sie zu, schleckte ihr zärtlich über die Schnauze, aber dann wurde er auch schon drängender.
"Kaede, du musst die Wölfe vom Rudelplatz unbedingt zum See bringen. Kylia hat was schreckliches gesehen und Nyota such bereits Banshee."
Urions Augen ruhten wieder auf Kylia. Sie lächelten die Fähe aufmunternd an. Vielleicht konnte die Anwesenheit der Beta sie etwas beruhigen.
Der Graufang zupfte Kaede am Ohr und fuhr noch mal liebevoll mit seiner Zunge über ihre Wange.
"Wie gehts dir, Liebste?" ,
fragte der Rüde so leide, dass es nur Kaede hören konnte.
Enttäuscht ließ Sheena ihren Kopf sinken, während sie weiter vorwärts trabte. Rakshee hatte nicht wirklich verstanden, was Sheena von ihr wollte und das entmutigte sie. Wie sollte sie denn dann mit den anderen Wölfen kommunizieren? Missmutig lief sie weiter, als sie Shákrus Witterung aufnahm. Und da war er auch schon, hielt einigen Abstand zu ihnen beiden ein, fragte sie aber dennoch, ob er nicht mit ihnen laufen durfte. Sheena wand sich wieder fragend an Rakshee, die aber schon zu sprechen begonnen hatte und ihr nun wieder eine Frage offen in den Raum stellte. Verzweifelt zermaterte sie sich das Hirn, wie sie es diesmal besser anstellen könnte, damit nun beide Wölfe sie verstehen konnten.
Sie beschloss Shákru einfach freundlich zu begrüßen, sodass er sich nicht ausgeschlossen fühlen würde und hoffte, dass er verstehen würde, dass er mit ihnen kommen konnte. Also überbrückte sie die wenigen Schritte die sie noch trennten in einem flotten Trab und berührte ihn dann sanft an der Schulter. Anstupsend bedeutete sie ihm, mit ihnen zum See zu laufen und wendete sich freudig strahlend wieder Rakshee zu. Zu gerne wollte sie nun aber von beiden wissen, wie es ihnen denn eigentlich ging. Solange sie noch nicht auf das ganze Rudel gestoßen waren, wäre wenigstens noch Zeit dafür. Wenn sie erst da sein würden, würde alles laut und chaotisch werden und es würde ihr keine Gelegenheit mehr geboten werden nachzufragen. Sie schüttelte sich, sodass ihre Ohren leicht schlackerten und blickte Rakshee dann wieder fragend an. Ein freudiges Lächeln legte sich auf ihre Lefzen und sie deutete mit dem Kopf leicht auf sich selbst. Es musste urkomisch aussehen, aber langsam wusste sie sich nicht mehr zu helfen. Dann ließ sie ihren Gesichtsausdruck neutral werden und blickte fragend erst zu Rakshee und dann zu Shákru. Danach rief sie Engaya an und bat sie, ihr beizustehen und die beiden diesmal antworten zu lassen. Und zwar auf ihre Frage und nicht auf irgendetwas anderes. Wie sollte sie ihnen nur deutlich machen, was sie wissen wollte?
oO Ich will doch nur wissen, wie es euch geht… Oo
Verzweifelt blickte sie auf ihre Pfoten hinab und hob jedoch gleich wieder den Kopf um keine Bewegung der beiden zu verpassen. Wahrscheinlich würde sie wieder nur fragende Blicke ernten. Entschlossen sich ihre gute Laune nicht nehmen zu lassen machte sie einen kleinen Luftsprung und wendete ihren Kopf wieder in Richtung des Sees und machte kleine trippelnde Schritte in seine Richtung, ehe sie stoppte und wieder zurücklief. Sie war gespannt, was denn so wichtiges geschehen war, dass sie sich alle so schnell versammeln mussten und wollte, dass Rakshee und Shákru ihr folgten und ihre Frage beantworteten.
Isis legte ebenfalls kurz die Ohren an, als Tyraleen sich so heftig für Averic einsetzte. Isis stupste sie lächelnd an.
"Das ist ja nicht meine Meinung, Tyra. Ich möchte mir ja ein eigenes Bild machen."
Isis schmunzelte ihre Freundin an, sanft zuckten ihre Ohren. Es war wunderbar Tyraleen so glücklich zu sehen. Nichts schien ihr Gemüt zu trüben und Isis nahm es ihr nicht mal übel, dass sie Averic so verteidigt hatte. Immerhin war er ihr Gefährte und Bruder. Auf dem ersten Blick sonderbar, aber wenn es funktionierte. Sie würden bestimmt eine wunderbare Doppelspitze an einem Rudel abgeben... immerhin liebten sie sich auf besondere Art und Weise. Isis lächelte. Tyraleen flüsterte etwas in ihr Ohr. Sie klang sehr bestimmt.
"Eure seltsame Konstellation, Tyra, ist in dem Zeitpunkt nicht mehr seltsam, in dem ihr euch Liebe geschworen habt. Engaya hat ein Auge auf euch und außerdem bist du ihre Tochter... Tyraleen, den Welpen wird nichts geschehen."
Isis schleckte ihrer Freundin zuversichtlich über die Schnauze und lächelte:
"Wenn du mal nicht kannst, werde ich auf die Kleinen achten. Falls du möchtest. Ja, eure Namen sind zwar sonderbar, aber für euch leicht auszusprechen... bei mir ist das halt mit den anderen Namen so, aber Avendal klingt super."
Die Wüstenwölfin wurde unterbrochen, als Urions Umrisse auftauchten. Kaedes Witterung war relativ stark gewesen und außerdem war auch Isis nicht der Ruf des Rüden entgangen. Ob etwas geschehen war? Isis pfotete nach ihrer Freundin um sie auf das Szenario aufmerksam zu machen.
"Ich glaube da ist etwas im Gange. Riech mal... ich wittere Angst... das muss Kylia sein... soviel Angst."
Ohne sich umzublicken ging Amáya weiter in die andere Richtung, als in die sie bestellt worden waren. Wer war sie, dass sie sofort herbei geeilt kam, nur weil ein depperter Rüde rief? Den Klang der Stimme hatte sie eindeutig Urion zuordnen können und dieser Wolf hatte ihr so rein gar nichts zu sagen. Da spielte es keine Rolle, ob er tatsächlich Nyotas Anweisungen weiter gab oder nicht. Es interessierte sie herzlich wenig. Sie war kein Teil dieses Rudels, es war nicht ihre Bestimmung. Ungeachtet der Worte Shákrus – der tun und lassen konnte, was er wollte und wenn er sie für eine blöde Tussi hielt – behielt sie ihren Schritt bei. Sie würde nicht ein mal den Teufel um Vergebung bitten, wo sie ihre Worte doch ernst gemeint hatte. Beleidigend oder nicht. Wer nicht damit klar kam, der hatte einfach Pech gehabt. Stur verfiel Amáya in einen leichten Wolfstrab und wurde erst wieder langsamer, als sie einige Meter außer Sichtweite war und Jakash zu ihr aufschloss. Dennoch blieb sie nicht stehen. Auf seine Worte schmunzelte die Dunkle ein wenig, mit einem bitteren, verbissenen Hauch vermischt.
„Ganz ehrlich: bei so was dummen reißt mein Geduldsfaden schneller als gewöhnlich.“
Sie war ihm von der Seite einen Blick zu und wurde merklich langsamer.
„Aber ich bereue es nicht.“
Nun wieder mit dem Jungrüden alleine, ließ sie sich auf die Hinterläufe sinken und betrachtete den Grünäugigen mit nachdenklichem, ernsten Blick. Er wartete noch immer auf ihre Antwort, die ihr einerseits recht schwer fiel. Wie sollte sie es einem Rüden, der noch so jung war, beibringen? Sie konnte ihm wohl kaum etwas nahe legen oder dergleichen. Ein Vorbild konnte und wollte sie nicht sein.
„Es ist schwer zu erklären und ich denke noch schwerer zu verstehen. Du bist noch jung und solltest dir lieber um andere Dinge Gedanken machen, als darum, warum jemand zum Mörder wird. Aber egal was alle Anderen dir vielleicht erzählen: Es war nicht mein Vorsatz. Ich habe niemals jemanden töten wollen. Urion und alle anderen mögen dies anders sehen. In ihren Augen bin ich schuldig und gehöre zu etwas anderem verurteilt. Sie sind unzufrieden mit Banshees Entscheidung und müssen doch damit leben.“
Langsam schüttelte sie den Kopf, das Lächeln wurde noch verbitterter.
„Dabei versteht sie nicht. Ich bin längst nicht mehr ihre Tochter. Ihre Tochter hätte keinen Wolf getötet, erstrecht keinen geliebten Wolf. Ich bin – und da hat Akru recht – ein Todesengel, der gefallen nichts als Finsternis bringt.“
Erneut schüttelte sie den Kopf, ließ die Frage jedoch außen vor, warum sie einem Jungwolf all dies anvertraute. Sie fühlte sich plötzlich leer und müde, ohne einen Antrieb. Es war ihr gleichgültig, was jetzt noch mit ihr passierte. Sollte das Rudel sie im Schlaf überfallen und in Stücke reißen, so würde sie sich wehren und dennoch zu Grunde gehen. Wenn dem so wäre, würde sie es hin nehmen. Dann, als würde sie aus einer Art Trance erwachen, blickte sie den Schwarzen streng an.
„Du solltest nicht bei mir, sondern beim Rudel, deiner Familie sein.“
Jakash passte sich Amáyas Tempo an und schwieg zunächst. Er wollte das Thema 'Shákru' endgültig fallen lassen und sparte sich daher jedwede Erwiderung. Irgendwo konnte er sie ja auch verstehen - ihm hatte Shákrus Auftreten Amáya gegenüber nicht gefallen, wie sehr würde er sich wohl angegriffen fühlen, wenn es um ihn selbst gegangen wäre? Unwahrscheinlich, dass er anders reagiert hätte als die schwarze Fähe. Sie setzte sich schließlich, und Jakash tat es ihr gleich. Er saß ihr nicht direkt gegenüber, sondern etwas schräg versetzt. Er mochte es lieber so, es war nicht aufdringlich und man konnte den Blick auch mal schweifen lassen, ohne dem Gesprächspartner dabei das Gefühl zu geben, man interessiere sich nicht mehr für ihn. Der junge Rüde sagte noch immer nichts, sondern gab Amáya die Zeit, die sie brauchte, auch wenn er innerlich vor Ungeduld vibrierte. Er war von sich selbst überrascht - normalerweise gelang es ihm nicht, so lange ruhig zu warten. Dann begann sie endlich, ein wenig zu erzählen. Es war nicht direkt das, was er gehofft hatte zu erfahren, aber begriff gleichwohl, dass ebenso wichtig war. Es half ihm zum Beispiel Urions Ansturm nachzuvollziehen, trotz seiner eigenen emotionalen... Distanziertheit. Die ihm, gelinde gesagt, immernoch ein Rätsel war.
Jakash wartete, bis er endgültig sicher war, dass sie geendet hatte, bevor er selbst zu reden begann. Dabei antwortete er als erstes auf ihre letzte Frage... oder besser gesagt, Feststellung.
"Ja, vielleicht. So würden alle anderen es vermutlich sehen. Aber ich bin jetzt nunmal hier."
Er zuckte erneut mit den Schultern, doch dann kam ihm plötzlich der Gedanke, dass sie ihn gerade vielleicht aufgefordert hatte, zu verschwinden?
"Wenn du unbedingt möchtest.. kann ich natürlich auch gehen....",
fügte er zögernd hinzu. Er wollte nicht, dass sie ihn wegschickte, und das war ihm auch anzusehen. Jakash hatte seine Mimik nur selten unter Kontrolle.
Nach einer kleinen Weile setzte er erneut zum Sprechen an.
"Ich glaube dir. Dass du das nicht wolltest. Aber dann frage ich mich... warum denn dann? Äh, du musst es mir natürlich nicht erzählen, wenn du nicht willst oder nicht kannst..."
Jakash lächelte unsicher, und irgendwie verlegen wandte er den Blick ab. Es gab keinen Grund für sie, ihm das zu erzählen. Er wünschte es sich aber trotzdem.
"Erinnerst du dich an den Tag, als Nyota uns von Engaya und Fenris erzählt hat, und von Oma Bani und Acollon? Also, ich denke... vielleicht bist du ja nicht mehr Banshees Tochter, aber dafür Acollons?"
Jakash wagte sich vorsichtig auf dieses Themengebiet vor, jedoch nicht etwa, weil er einen Wutausbruch Amáyas befürchtete - soweit dachte er nämlich gar nicht - sondern, weil ihm dieses Terrain noch nicht allzu vertraut war.
"Meine Schwester Rakshee soll mal Engayas Priesterin werden, Banshee unterrichtet sie schon. Vielleicht... naja, Acollon ist nicht hier, aber... vielleicht ist die Bezeichnung 'Todesengel' ja nur ein anderes Wort für.. 'Priester'?"
Der Gedanke war tiefgreifend, und doch aus einfacher, welpischer Logik geboren. Jakash war fast stolz auf diese Schlussfolgerung, und so lächelte er Amáya leicht an...
Sheena benahm sich merkwürdig. Sie schien zu tanzen und einen auf Clown machen. Shákru lächelte sie sanft an. Diese Fähe war göttlich, ließ sein Herz höher schlagen. Unmöglich... Sheena bedeutete ihn, dass er mitkommen konnte und stupste ihn sanft mit der Schnauze an und Minor schleckte ihr überschwänglich über ihre, dann folgte er der weißen Fähe zu Rakshee. Mit wedelnder Rute begrüßte er die Braune.
"Lass uns zum See gehen."
Sheena tänzelte wieder freudenstrahlend durch die Gegend, hantierte mit ihren Gestiken umher, sodass Shákru wieder grinsend an ihrem Fell zupfte. Schließlich fiel der Sternenleier etwas ein. Vielleicht durfte Sheena gar nicht reden und vielleicht wollte sie wissen, wie es ihnen ging. Immerhin hatten sie sich schon lange nicht mehr gesehen.
"Hm, du hampelst soviel rum, Sheena? Was ist los mit dir? Möchtest du wissen wie es uns geht, oder was?"
o.O(Darf sie jetzt nicht mehr reden?)
Shákru Minor schlug den Weg zum See ein, der am Rudelplatz grenzte, jedoch blickte er vorher hilfe suchend zu Rakshee... wusste sie mehr, als der Schwarze? Gerne würde der Schwarze die weiße Fähe fragen, wie es ihr ging, aber das würde zu umständlich werden, dass mit Gestiken zu beschreiben. Shákru beschloss den Anfang zu machen.
"Ich bin die letzten vier Monate allein durch den Wald gelaufen und bin eigentlich realtiv depressiv geworden. Eigentlich bin ich nicht so, aber ich hatte in dem Rudel auch noch nicht wirklich Glück... okay, ich bin ja auch nicht wirklich einfach mit meinen Ansichten. Na ja, in meiner Unzufriedenheit hatte ich fast Amáya wieder zu einer Mörderin gemacht, weil ich sie ja unbedingt beschimpfen musste... beschimpfen, eher beleidigen. Ich Vollhorst. Benehme mich wie ein dummer Elch."
Shákru Minor seufzte leise und ließ seinen Blick auf Rakshee ruhen. Sie war eine hübsche Fähe. Unglaublich wie die einst kleinen Wölfe heranwuchsen. Ein Lächeln umspielte seine Lefzen, dann wanderte sein Blick wieder zu Sheena.
Er war verliebt... in die weiße Fähe...
Aus dem Augenwinkel betrachtete die Dunkle den Jungrüden, der doch ein erstaunlich intelligentes Verhalten an den Tag legte. Seine Gegenwart war... anders, nicht so anstrengend, wie sie vielleicht erwartet oder eher befürchtet hatte. Die Art, wie er sich zu ihr gesellte und sich nieder ließ war klug gewählt und Amáya ertappte sich bei dem Gedanken, dass aus ihm gewiss ein hervorragender Rüde werden würde, einer mit Sinn und Verstand. Zumindest hoffte sie es, denn er war in ihren Augen viel versprechend. Auf seine Erwiderung hätte sie anfangen können zu schmunzeln, wenn sie sich nicht so müde und ausgelaugt gefühlt hätte.
„Du musst nicht gehen. Von mir aus kannst du dich aufhalten wo und bei wem du willst.“
Ihr rechtes Ohr knickte einen Augenblick lauschend nach hinten ab, denn stellte es sich wieder aufmerksam nach vorne.
„Nur sollte dir klar sein, dass sonst niemand glücklich drüber sein wird. Erstrecht nicht da wir hier alleine sind. Versteh mich nicht falsch. Mir steht nicht der Sinn danach dir etwas zu leide zu tun. Du bist ein kluger Kopf und das wäre das Letzte, was ich wollte.“
Sie unterdrückte den sekundären Wunsch ihn an der Schnauze zu berühren, sondern ließ eine Weile den Blick schweifen. Sie wollte ihm Zeit geben, sich den möglichen Konsequenzen bewusst zu werden. Sie war schuldig. Ohne Zweifel. Das Rudel traute ihr nicht. Natürlich. Sie gehörte nicht dazu, sondern verbannt. Selbstverständlich. Als sie seine Befürchtung bemerkte, dass er nicht gehen wollte, konnte sie ein leichtes Kräuseln ihrer Lefzen doch nicht unterdrücken. Ihre Meinung hatte sie ihm bereits offenbart, was er daraus machte, lag in seiner Pfote. Ihr stand wirklich nicht der Sinn danach, einen Jungwolf zu verspeisen und sie hatte keinen Grund dafür, ihm Schaden zu zufügen. Als er zu einer Antwort ansetzte, ließ sie vorerst alles unbeantwortet, alles im Raum zwischen ihnen stehen, bis er verstummte. Selbst dann ließ sie noch eine Weile verstreichen, dachte über passende Worte nach. Der Jungwolf wollte verstehen, verlangte nach Antworten, die sie ihm nicht wirklich geben konnte.
„Ich bin Banshees und Acollons Tochter. Oder viel mehr: Ich war es. Banshee hat kein solches Monster wie mich zur Welt gebracht, niemals. Selbst mit dem Todessohn als Vater. Die Lehre nach der dieses Rudel lebt ist, dass Tod und Leben im Einklang sind. Nicht aber, dass ein Lebewesen nach dem Leben eines anderen trachtet und es zerstört, es ausmerzt. “
Ruhig blickten die regenblauen Augen in die Grünlichen hinüber, versuchten ein wenig mehr zu ergründen, was in dem Jungwolf vor ging.
„Ist ja eine nette Idee, dass du versuchst es auf diese Art und Weise zu sehen. Aber diese Art ist nur Träumern vor behalten. Das Leben besteht nicht aus Illusionen und Hoffnungen. Du musst selber dafür mit aller Kraft kämpfen. Dieses Rudel hat es vergessen und verlässt sich zu sehr auf unsichtbare Götter. Niemand kann einem die Bürde abnehmen, aber du kannst dein Leben selber steuern, es so lenken, wie du es haben willst.“
Wieder hielt sie einen Augenblick inne, versuchte ihre Gedanken zu sortieren und zu ordnen. achvollziehbar warum sie das getan hatte, würde es wohl für niemanden sein. Allerdings verlangte Amáya auch nicht danach.
„Ich kann dir nicht mit Worten erklären, warum das passiert ist. Du müsstest mit meinen Augen sehen, mit meinem Herzen fühlen und das kannst du nicht. Vielleicht ist es besser so, vielleicht bedauerst du es, denn es wird niemals deine Fragen vollends beantworten. Das Einzige, was ich dir mit Gewissheit sagen kann: Es ist kein schönes Gefühl zu morden. Nur besessene Wölfe, Wölfe, die krank sind, die allen Stolz und jedes Wesen verloren haben, sind in der Lage ohne Emotionen zu morden und Leben zu nehmen, wie es ihnen gefällt. Ich will für dich hoffen, dass selbst wenn du töten solltest – dies ist nicht immer unvermeidlich, erstrecht nicht wenn du beschützen willst – dass du es nicht genießt, sondern es nur tust, weil du musst.“
Er spürte, wie sich ihr Körper an den seinen schmiegte, spürte, wie seine Wärme auf sie überging. Sie wollte ihn nicht wegschicken, gewährte ihm sein Bleiben. Er konnte nichts tun, außer bei ihr zu bleiben und über sie zu wachen. Die Welpen würden sterben, seine Welpen waren nicht gesegnet. Engaya hatte Banshee verlassen und ihn strafte sie mit der Schuld. Akru musste es zwar nicht am eigenen Leibe erfahren, doch das Gefühl, was er ab nun in seinem Herzen tragen würde, versprach nichts Gutes. Die Augen wurden trüb und starrten in die Leere, immer noch stützte er sie, bemerkte, wie eine neue Welle des Schmerzes sich den Weg bahnte. Banshee sprach entschuldigende Worte, während sie erneut verkrampfte und nach dem Stock griff. Beruhigend legte er seinen Kopf auf ihren Rücken, strich leicht einige Male über ihr Fell, bevor er sprach:
“Nicht jetzt, nicht hier.“
Er wollte nicht, dass Banshee redete, sondern ihre ganzen Kräfte auf ihre Genesung legte. Nicht nur um die körperlichen Peinigungen zu verkraften, sondern viel mehr die seelischen. Ein kurzes Heulen unterbrach das makabere Treiben, nur ein Ohr lauschte dem halbherzig. Selbst wenn etwas passiert war, jetzt konnte es keine Priorität erlangen. Der graue Kopf hob sich wieder vom Rücken der Weißen. Wieder einmal strich er ihr seicht über das Fell. Wie in einem Ritual. Innerlich murmelte er immer und immer wieder die gleichen Worte. Unhörbar, unausgesprochen. Es glich einer Zeremonie.
.oO(Lass' es zu, dass die Zeit sich um Dich kümmert, denn es gibt einen neuen Morgen, einen neuen Tag. Der Schmerz hat Dich belogen, nichts ist für immer da. Nichts ist für immer da, nichts. Gott des Lebens, Gott des Todes, im Zwiespalt er Zeit. Schenkt ihr Kraft, schenkt ihr Leben. Ich erflehe eure Gnade. Schenkt ihr Kraft, schenkt ihr Leben…)Oo.
Er wusste, dass seine Kraft nicht reichen würde, er wusste, dass er sie nicht retten konnte, ihr nicht zu helfen vermochte. Selbst wenn er ihr sein Leben geschenkt hätte. Und doch, er flehte um Gnade, flehte, dass man ihn hören würde. Akru wusste, dass die weiße Leitwölfin dieses Leid ertragen musste, es war ihr Schicksal. Der Weg, den sie gehen musste. Unbestritten, sie war für wenige Momente schwach gewesen, er hatte es ausgenutzt und sie würde büßen müssen.
Doch der Wunsch für ihre Erlösung war stärker als der Verstand, stärker als der eigene Erhaltungstrieb. Und schließlich kannte er die Gotteskraft, hatte sie erlebt, erfahren. Nicht immer gerecht, wie man annehmen müsste- warum sollten Götter gerecht handeln? Sie geben und nehmen Leben. Und Hoffnung? Er musste hoffen und bat lediglich für Banshee um Hilfe.
Amáya glaubte nicht an seine 'Todesengel=Priester'-Theorie, lehnte sie ab. Jakash war ein wenig enttäuscht, es hatte so gut geklungen in seinen Ohren, ungeachtet aller Folgen, die sich ergeben hätten, wäre sie richtig gewesen. Aber er war ja nicht gekommen um Sprüche zu klopfen oder der Schwarzen seine - spontane - Meinung aufzudrängen. Wenn sie diese Möglichkeit verneinte, würde er ihr glauben, weil er das Gefühl hatte, dass sie ehrlich zu ihm war. Auf ihre Andeutung, sie könne die Gelegenheit ausnutzen und ihm etwas antun, reagierte er mit einem überrascht-ungläubigen Blick. Hätte er diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehen sollen - also jetzt noch? Am Anfang, als er sich zu ihr gesellt hatte, da hatte er soetwas noch in Erwägung gezogen, aber mittlerweile hatte er sich eigentlich in Sicherheit geglaubt. Seine größte Befürchtung war eher gewesen, dass sie ihn wegschickte, und nicht, dass sie ihn angreifen würde.
Er schwieg dazu und hatte das Gefühl, gerade eine weitere, wichtige Lektion gelernt zu haben. Vielleicht sollte er später einmal Nyota dazu befragen.
Dann horchte er auf, denn Amáya schien sich nun daran zu machen, seine eigentliche Frage zu beantworten. Jakash hörte aufmerksam zu, obwohl sich schnell abzeichnete, dass er nicht die Art Antwort erhalten würde, die er sich erhofft hatte. Und dennoch war er irgendwie froh darüber. Sie sprach aus, was ein Teil seines Unterbewusstseins schon geahnt hatte und das jetzt zu einer Art erkenntnis dadurch verdichtet wurde, dass Amáya es in Worte fasste. 'Ich habe nicht vor, jemanden umzubringen, wenn ich es vermeiden kann', wollte er sagen, bis ihm einfiel, dass auch die Schwarze nicht vorgehabt hatte, Zack zu töten. Dennoch hatte sie es getan, und bestimmt wäre das auch irgendwie vermeidbar gewesen.
"Ich werde es nicht genießen, versprochen",
antwortete er stattdessen, und er gab dieses versprechen nicht nur ihr, sondern vor allem auch sich selbst. Er wollte kein emotionsloses Monster werden, wie Amáya es ihm gerade beschrieben hatte. Der Gedanke brachte ihn auf sein eigentliches Problem zurück, und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er die ganze Zeit auf dem Holzweg gewesen war. Und er war es Amáya schuldig, dass er ihr davon erzählte. Vielleicht fand er ja dann die Antwort, nach der er suchte.
"Ich danke dir, dass du mir das alles erzählt hast. Aber ich glaube, ich habe die ganze Zeit nach der Antwort auf die falsche Frage gejagt. Weißt du, ich bin... etwas beunruhigt. Ich sehe, wie alle anderen von Zacks Tod sp betroffen sind, so entsetzt und erschüttert. Und ich denke, ich sollte auch so fühlen, aber es ist nicht so. Ich meine, ich habe Zack gekannt - nicht besonders gut, aber er war Teil des Rudels - und eigentlich sollte mich sein Tod doch... berühren."
Sein Blick war ruhelos umher geglitten, und nun heftete er sich auf Amáya. Der junge Rüde wirkt plötzlich verzweifelt.
"Aber da ist.. fast nichts. Und das kann doch nicht richtig sein! Und deshalb habe ich Angst, dass mit mir etwas nicht.. in Ordnung ist."
Jakash versuchte, sich wieder zu beruhigen. es auszusprechen, hatte ihn aufgewühlt, und jetzt, da es heraus war, fühlte er sich kaum besser. Trotzdem war seine Stimme ruhiger, als er weitersprach.
"Ich hatte das Gefühl, das ich mit dir sprechen müsste. Dass dann alles.. in Ordnung käme. Ich weiss nicht, ob ich wollte, dass du mir einen Schrecken einjagst. Dass du mir etwas Schlimmes erzählst und ich dich dann so hassen würde wie Urion, und dann traurig über Zacks Tod wäre. Ich weiss es wirklich nicht, ich habe mir nichts bestimmtes davon versprochen, nur gehofft, dass es irgendwie helfen würde. Und es lag gewiss nicht in meiner Absicht, dich auszunutzen. Ich wusste nur nicht, ob ich darüber überhaupt mit jemandem reden kann... und dann war da dieses Bedürfnis, mit dir zu sprechen. Nur... hab ich dann die falsche Frage gestellt..."
Unglücklich sah er die Schwarze an.
"Es tut mir leid... kannst du mir sagen, was mit ihr ist? Ob es in Ordnung ist?"
Er hoffte es inständig.
Das Denken hatte sich wieder verflüchtigt. Seine Antwort hörte sie kaum, aber auch ohne sie zu kennen, sprach sie nicht weiter. Dazu war sie nicht mehr fähig. Die Schmerzenswelle war noch viel stärker als zuvor. Das Keuchen wurde zu einem Winseln und schließlich zu leisen Schreien, die sich nicht mehr unterdrücken ließen. Selbst ohne die Lider geschlossen zu haben, war ihr Schwarz vor Augen, ihr Körper fühlte sich an, als würde sie bei lebendigem Leib verbrannt werden und ihr ganzer Kopf schien nur noch aus Schmerz zu bestehen. Hätte man sie in diesem Augenblick gefragt, wie ihre Kinder heißen – sie hätte die Antwort nicht gewusst. Genauso wenig wie sie wusste, was in ihr vorging, auch wenn Akru es schon auf den ersten Blick erkannt hätte. Wäre sie so vor einer Fähe gestanden, wäre es ihr wohl auch sofort klar gewesen. Doch in diesem Zustand war nichts mehr klar, nichts mehr eindeutig. Nicht mal mehr, dass sie nicht sterben würde. In diesem Moment hätte sie alles geglaubt. Auch Akru an ihrer Seite war nicht mehr zu spüren. Er hätte sie angreifen können, sie hätte es nicht mehr gespürt. Irgendwann hatte der Schmerz ihr Thränen in die Augen getrieben, die jetzt stetig über ihre Wange flossen. Auch sie spürte die Weiße nicht mehr. Und irgendwann war plötzlich Leere. Der Schmerz war nicht verschwunden, aber viel schwächer, nur fühlte sie sich plötzlich leer, hohl, wie tote Rinde eines ausgehöhlten Baumes. Sie brauchte mehrere Sekunden um zu verstehen, was geschehen war. Erst als das Blut ihre Vorderpfoten erreichte, wurde es ihr richtig bewusst. Zwischen ihren Hinterläufen lagen vier winzige Körper. Blutüberströmt und eher kleinen Fischen gleichend lagen sie tot im Schnee. Eine ganze Zeit lang starrte Banshee ihre vier Welpen an, ohne begreifen zu können. Ein wehmütiger Laut kam aus ihrer Kehle, dann sackte ihr Kopf zurück in den Schnee, zu schwach um ihn zu halten. Es schien immer mehr Blut zu werden. Überall in ihrem Fell verklebte es das Weiß und kein Fleck reiner Schnee schien unter dieser Tanne zu liegen. Langsam schloss sie die Augen, als könnte sie nicht ertragen, die Welt zu sehen. Noch immer rannen ihr die Thränen über das schmerzverzerrte Gesicht. Trauer strahlte jede Faser ihres Körpers aus. Sie hatte eine Fehlgeburt. Sie, die Tochter des Lebens. Sie, die Leben schenken sollte auf jede erdenkliche Art. Engayas Segen war ihr versagt worden. Sie wusste nicht, worüber sie mehr trauerte.
“Acollon … verzeih.“
Sie wisperte nur ganz leise, vielleicht hatte es Akru nicht gehört, auch wenn sie in diesem Moment sowieso keinen einzigen Gedanken an ihn verschwendete. Sie schien vergessen zu haben, dass er neben ihr lag. Wieder winselte sie voller Wehmut. Ihr Hinterlauf zuckte, als wolle er die toten Körper der Kleinen wegschieben, blieb aber liegen.
“Nyota …“
Wieder flüsterte sie nur und hoffte doch, dass der Wind ihren Hilferuf zu ihrer Schwester tragen würde. Trost brauchte sie jetzt mehr als alles andere. Ob Akru ihr diesen geben könnte, wusste sie nicht, dachte aber auch nicht darüber nach. Noch immer schien sie ihn vergessen zu haben. Mit plötzlicher Schnelligkeit und einem undeutbaren Ausdruck in den Augen richtete sie sich halb auf, zog in einer zärtlichen Geste die vier toten Welpen zu sich und begann ihnen das Blut von den Körpern zu waschen. Immer wieder musste sie sich wieder hinlegen, so kraftlos war sie, hörte aber nicht auf damit immer wieder und wieder mit der Zunge über ihre Kinder zu fahren.
Madoc hatte Sania in letzter Zeit immer häufiger verlassen, es schien, als hätte er nun endlich den Tod seines Bruders verarbeitet. Er trauerte immer noch, wenn er an ihn dachte, doch diese Momente schienen wie die letzten Regentropfen eines Unwetters zu sein, die schließlich in der Erde versickerten. Der Jungwolf, der er nun war, war nun wieder so, wie man ihn kannte, frech, sarkastisch und unheimlich aufmerksam. Seine Ohren schnippten, während er durch das Rudel schlenderte und seine rubinroten Augen huschten kaum merklich von einem Rudelmitglied zum nächsten. Er beobachtete alles, was um ihn herum geschah, es war so viel und doch schien ihm nichts zu entgehen. Er liebte es, zu beobachten, er liebte es auch, allein zu sein, doch im Moment war ihm langweilig und er suchte Gesellschaft. Nicht, dass der Sternentänzer ohne andere Wölfe nicht leben konnte, er konnte sehr wohl alleine zurecht kommen, oder immerhin glaubte er es. Mit stolzer Haltung und doch ohne Arroganz lief er weiter, blickte sich nach Wölfen um, die er besser kannte. Es war so ein großes Rudel, wie sollte er jemals all die Mitglieder kennenlernen? Ach was, er konnte es bestimmt, wenn überhaupt jemand, dann wohl er! Die Gedanken von Madoc waren noch immer so naiv wie früher und doch hatte er sich verändert. Er wusste diese Naivität zu kontrollieren, handelte niemals so unvernünftig wie er dachte. Er war älter geworden, erfahrener und auch klüger. Plötzlich hielt er inne. Er witterte und erkannte einen Geruch, der bekannter war als viele andere und sofort wusste er es, es war Ahkuna. Die Fähe, mit der er einmal gesprochen hatte, als Sania ihn aufmuntern wollte. Der Albino legte seinen Kopf schräg, ob sie sich überhaupt richtig an ihn erinnerte? Es gab wohl nur einen Weg, dieses herauszufinden. Nebenbei bemerkte der Sternentänzer, dass noch zwei weitere Wölfe dabei waren, Cyriell und Ruiza waren ihre Namen, das hatte sich Madoc gemerkt, doch er hatte noch kein einziges Mal mit ihnen gesprochen, es wurde ja wohl höchste Zeit …!
Bedächtig, stolz, aber doch höflich lief der junge Rüde auf die kleine Gruppe zu, die sich auch scheinbar gerade erst zusammen getan hatte. Er hatte beobachtet, wie Cyriell und Ahkuna zu Ruiza gelaufen waren. Der Jungwolf schloss schließlich zu ihnen auf und sagte höflich.
“Hallo, ihr drei, stört es euch, wenn ich mich zu euch geselle?“
Seine Stimme war höflich, aber auch nicht wirklich freundlich. Er blickte zwischen den dreien hin und her, versuchte zu erraten, wer antworten würde, denn er kannte sie zu schlecht, um dies richtig einschätzen zu können.
Die gleichgültige Art ihres Bruders überraschte die junge Fähe kaum. Im Grunde hatte sie sogar mit einer ähnlichen Reaktion gerechnet – nur tief, ganz tief in ihrem Herzen hatte sie insgeheim die Hoffnung gehabt, dass ihre Anwesenheit ihn wenigstens ein ganz, ganz, ganz kleines bisschen freuen würde, aber wirklich daran geglaubt hatte sie nicht. Nun, immerhin hatte er sie nicht fort geschickt, sondern akzeptierte sie. Das war immer hin etwas, über das sie sich freuen konnte, ein winzig kleiner Hoffnungsschimmer, dem die Enttäuschung sofort platz machte. Nur durfte sie jetzt nichts falsches sagen, nichts was ihn verärgern konnte. Sie wollte keinen Streit mit ihm, nicht mit Averic, er war ihr Bruder und das sollte er auch für sie sein. Ein großer Bruder. Nervös trippelte die kleine Wölfin einige Schritte näher und blickte mit einem unsicheren Lächeln zu ihm empor. Die Spur eines Funkeln in den honigfarbenen Augen. Wieso war es so schwierig? So schwierig um Freundschaft zu bitten, ohne es lächerlich klingen zu lassen? Bei ihrem letzten Versuch war sie kläglich gescheitert, aber sie war nun keine Welpin mehr, sie würde den gleichen Fehler nicht noch einmal begehen. Also begann sie stattdessen ganz anders... ein einfaches 'Können wir Freunde sein' würde nicht genügen, vielleicht irgendwann, aber nicht jetzt.
„Also... weißt du wer der Vater von Tyras Welpen ist?“
Sie schenkte ihrem Bruder ein verschmitztes Lächeln. Nein, es war kein Vorwand, dazu wäre Daylight gar nicht in der Lage, nicht bei Averic. Es interessierte sie ehrlich, auch wenn diese Frage eigentlich nicht ihr Anliegen gewesen war. Vielleicht wusste Averic tatsächlich etwas und sie könnte das Rätsel um die geheimnisvollen Welpen lösen.
„... sie verrät nämlich nichts!“
Es klang eher herausfordernd, als wirklich enttäuscht. Oh ja, sie liebte Rätsel und Geheimnisse, aber noch mehr liebte sie es ihnen auf den Grund zu gehen. Ob Averic es wusste? Nun, wenn ja... würde er es ihr sagen? Vielleicht, vielleicht nicht. Fragen kostete schließlich nichts. Vergnügt schwenkte sie erneut die buschige Rute. Die Angst etwas Falsches zu sagen war wie verflogen... nicht das sie vergessen hatte, wen sie dort vor sich hatte. Aber sie war seine Schwester und immerhin war es nicht verboten zu fragen, oder? Daylight neigte fragend den Kopf zur Seite und musterte ihre großen Bruder neugierig, gespannt auf seine Antwort. Freunde konnten sie dann ja immer noch werden...
Amiyo lag etwas abseits des Rudel im Schnee. Seine Schnauze hatte er tief zwischen seine Vorderpfoten gelegt und siene Rute lag schützend wie ein Kranz um seinen Körper. Er überragte die meisten. Ja, Amiyo war einer der Größten hier im Rudel. Seine goldgelben Augen waren geschlossen, er döste ein wenig vor sich hin. Und doch, mit einem Ohr hörte er auf jedes Geräusch. Mal sprachen welche mit einander, dann war wieder Ruhe. Es erhoben sich Rudelmitglieder und unternahmen einen Spaziergang oder gingen einfach irgendwo hin. Eigentlich interessierte es ihn nicht sehr. Der junge Rüde hatte so viel im Kopf! Warum konnte er nicht einfach alles vergessen? Der Braungraue zog die Augen zusammen und seufzte leise. So viele Bilder, Wortfetzen und Ausschnitte aus seinem leben... nein, er träumte nicht. Er phantasierte auch nicht. Bei Menschen würde man es photografisches Gedächtnis nennen. Nein, nicht ganz... er konnte alles behalten. Alles. Doch normalerweise konnte er seinen Erinnerungen auch einen Riegel vorschieben- sonst wäre er nicht mehr am Leben gewesen, seine Gedanken hätten ihn aufgefressen, langsam, quälend, von innen nach außen... diese ganze Masse an Dingen stürmte nun jedoch auf ihn ein und drohte, seinen Kopf zu versprengen. Ein gequälter Laut entfuhr seinen Lefzen, sofort presste er sie wieder fest zusammen, dann schlug er die shcönen, großen Augen auf. Der weiße Schnee blendete ihn und er zuckte kurz etwas zusammen. Die Augen zusammengekniffen schaute er sich um. Sie blitzten zu Tyraleen, deren Bauch nun um einiges fülliger wirkte als vor einigen Wochen noch, neben ihr Isis, eine kleinere, anders aussehende Wölfin, hie und da noch ein paar andere Grüppchen Wölfe. Resigniert seufzte er. Kylia war mal wieder wie vom Erdboden verschluckt. Mühsam rappelte der Große sich auf. Er war diese Kälte nicht gewöhnt. Zum Glück war sein Fell dicht genug, um die klirrende Kälte auszuhalten. Er schüttelte sich ein wenig, damit der Schnee wegflog. Amiyo massige Gestalt bewegte sich nun von dort weg, wo nun ein ovaler Abdruck zurückblieb. Der Junghüne streckte sich kurz und gähnte. Etwas Bewegunng würde ihm gut tun, da war der Rüde sich sicher. Der Graue ging nun langsam am Rand des Rudels vorbei, auch an Tyraleen und Isis, er hörte ein paar Worte. Irgendetwas über Namen... und dann plötzlich noch einer. Kylia. Kylia!! Und Angst... Wie zur Salzsäule erstarrt blieb Amiyo stehen, und dann nahm er auch schon ihren wunderbaren Duft war. Er drehte sich um und seine goldgelben Augen suchten den Wald ab. Wo war sie? Er starrte Tyraleen und Isis entsetzt an, seine Lefzen formten stumm 'Kylia!', dann rannte der Rüde auch schon los. Seine großen Schritte waren fast lautlos, nur der Schnee wirbelte auf. Amiyo hatte seine Schnauze witternd in die Luft gestreckt, er musste Kylia finden. Sie war in Gefahr! Sein Geruchssinn führte ihn schließlich zu der Grauen, sie war nicht weit vom Rudelplatz entfernt gewesen. Etwas atemlos kam er etwa zehn Meter vor Kylia zum Stehen, dann ging er langsam auf seine Liebste zu. Er stupste sie liebevoll an die Schnauze, und sah sie mit voller Liebe und auch mit Schmerzen an. War ihr etwa etwas passiert? Nun erst bemerkte er auch den Rüden neben Kylia. Er musterte ihn sehr kurz, aber nicht unfreundlich und nickte ihm knapp zu. Dann sah er wieder zu Kylia, sie sah verschreckt und verängstigt aus.
"Kylia, was ist passiert?"
Ein seltsames Gefühl übermannte die Dunkle, die einen Augenblick vollkommen reglos verharrte. Still versuchte Amáya für sich zu deuten, was es damit auf sich hatte – ohne großen Erfolg. Es waren unterschiedliche Dinge, die sich mit einander mischten, zu einem Ganzen wurden und so sehr miteinander verschmolzen, dass es ihr unmöglich war, die Bestandteile voneinander zu trennen und einzeln zu beleuchten. Unwirsch runzelte die Fähe kurz die Stirn, wandte dann den Kopf und ihre Aufmerksamkeit wieder zu Jakash. Auf sein entschlossenes Versprechen nickte sie nur andächtig. Es war wichtig, dass er begriff, dass man bis zu einem gewissen Grad spielen konnte – bei solch einem Einsatz. Er war noch zu jung. Das ganze Leben war ein Spiel und sicher war das eigene Leben immer der Einsatz. Nicht aber, wenn man noch so viel vor hatte, wie der Jungrüde. Wurde sie etwa alt und melancholisch? Was für ein Witz. Sie war selber noch recht jung, sie hätte wie ihre Geschwister erst jetzt richtig die Vorzüge des Erwachsenseins kennen gelernt. Wäre es nicht alles anders gekommen. Um sich abzulenken und die Bilder vergangener Zeiten zu verscheuchen wendete sie sich gedanklich lieber den sorgen des Schwarzen zu. So, er fühlte also nichts dabei.
„Lass das erst ein Mal außen vor. Was fühlst du, wenn du an deine Geschwister, an deine Familie denkst? Oder etwas genauer: Gibt es jemanden, den du um jeden Preis beschützen willst?“
Wachsam blickten die blauen Augen in die Grünen. Die Antwort auf diese Frage war vielleicht wichtiger, als alles, was sie bisher besprochen hatten und sie wollte sich keine Regung seiner Mimikspiele entgehen lassen, zu wichtig war dies, was nun kommen würde. Dann, sollte das eintreffen, was sie – nun nicht befürchtete, aber vorstellen konnte – musste sie augenblicklich handeln. Aber wie? Wie sollte sie es ihm verständlich machen, erklären und das, was mit ihm dann passieren konnte, abwenden? Darum würde sie sich erst dann Gedanken machen. Nicht jetzt, wo ihre Vermutung nicht bestätigt war.
.oO(Entscheide dich, Kleiner. Welchen Weg wirst du gehen?)
Innerlich unsicher ob er den richtigen Weg eingeschlagen und den ersten Schritt gemacht hatte, blieb der Schwarze ruhig stehen. Er fühlte sich unverändert, eigentlich. Andererseits begann er die Gesellschaft von Shani immer mehr zu – akzeptieren? Nein, dies war kein treffendes Wort. Mögen? Irgendwie auch nicht, aber es fühlte sich gut und gerne an, als würde eine bestimmte Last von seinen Schultern fallen, wenn er sich in ihrer Nähe aufhielt.
„Die Einsamkeit gehört doch zu mir. Wo ist Rakshee?“
, fragte er kurz angebunden, ohne auf ihre Frage groß zu achten. Er war immer alleine, stets einsam. Es war zu einer Gewohnheit geworden und daher nichts besonderes mehr für ihn. Seine Gedanken wanderten zu seiner Patin, die immer größer wurde. Und noch immer fragte er sich, aus welchem Grund Shani ausgerechnet ihn als Paten hatte haben wollen. Einer Antwort war Midnight bisher jedoch kein Stück näher gekommen. Wie seinem wahren Selbst. Die mitternachtsblauen Augen wanderten zu Jumaana und nachdenklich runzelte er die Stirn. Ja, wie lange verweilte er denn nun eigentlich beim Rudel? Wie lange war es her, dass er in den Bergen auf dem Plateau gestanden hatte und Shit ihn vor dem letzten Schritt bewahr hatte? Es war alles so unwirklich, wirkte schlicht verschwommen, als wäre es alles nicht sein Leben. Sein Leben war an jenem verschleierten Tag stehen geblieben, als er aufgewacht war und vor Schmerzen innerlich und äußerlich nicht mehr aus noch ein gewusst hatte.
„Ich habe nie darüber nach gedacht. “
Das er nie darüber nach gedacht hatte, musste nicht unweigerlich heißen, dass er es nicht konnte, selbst wenn ihm alles so unwirklich erschien.
„Aber ich bin bald mein zweites Jahr bei diesem Rudel.“
Oh ja, an den Frühling, als er hier her kam, erinnerte er sich nur zu gut. Schließlich war dies der Tag gewesen, an dem er in Ketten gelegt worden war und nun mit einem anderen Leben an dieses Rudel, an dieses Tal gebunden war.
03.01.2010, 20:17
Cuma sah Malicia betreten an. Es waren einige Wochen vergangen, seit sie in der Höhle geredet hatten. Sie mochte Malicia sehr gerne, doch sie wollte nicht jemandem anderen ihre Bürden auferlegen. Sie wusste, dass einzig ein Priester oder eine Priesterin ihre Wunde heilen konnte. Doch sie hatte wenig Hoffnung. Die Fähe wusste nicht, ob Tyraleen, Sheena und Rakshee ihre Ausblidung schon beendet hatten und wo Banshee war, wusste sie auch nicht. Außerdem war es... nun, nein, es war keine Nichtigkeit. Sie wollte wieder richtig laufen können... wenn sie normal ging, hatte es etwas hölzernes an sich, so fand sie zumindest selbst. Nocheinmal starrte sie verdankenverloren auf ihr Bein. Es lag da. Manchmal dachte sie, sie würde etwas pulsierendes spüren, doch dann war der Augenblick auch schon wieder vorbei. Sie schluckte schwer, ihre himmelblauen Augen wurden dunkler. Ihre Wimpern malten leichte Schatten auf ihre Wangen, man sah jede einzelne Wimper, getrennt von den anderen. Insgesamt ein wunderschönes Gesamtbild, dass sich hübsch um ihre mandelförmigen Augen legte. Ja, Cumas Augen waren ein wenig schräg. Wirklich mandelförmig, ihre Augen hatten diese Beschriebung verdient. Nun schlug sie die Augen wieder auf, die Schatten sah man nun nicht mehr, sie blickte Malicia zwra traurig, aber dennoch entschlossen an.
"Mein Bein ist... nun ja, leblos. Es war, als ich im Schnee lag. Als ich aufstand, war anfangs alles normal, da plötzlich fühlte ich einen... Widerstand. Es war total schwer, auf zu stehen. Dann erst merkte ich, dass mein rechtes Bein nicht wollte. Verstehst du? Mit all meiner Willenskraft versucht ich, es zu bewegen. Ich konnte auftreten aber sonst... spürte ich überhaupt nichts. Es kann ein wenig mein Gewicht tragen, doch das meiste übernehmen eben meine anderen drei Beine. Meine gesunden Beine. Der rechte Hinterlauf ist... verkrüppelt! Ich bin verkrüppelt, Malicia!!
stieß sie schließlich nach einer kurzen Pause hervor. All ihre Verzweiflung lag in diesen Worten, ihre Ängste, ihre Panik, die sie all die Wochen zurück gehalten hatte, war mit diesen Worten aus ihr hinausgebrochen. Sie starrte Malicia mit weit aufgerissenen Augen an. Doch Cumará wiente nicht. Nicht eine Träne stand in ihren Augen. Eines musste man ihr lassen, sie war tapfer. Sie wollte kein Zeichen der Schwäche zeigen, bei Malicia jedoch war es etwas anderes, Cuma vertraute ihr. Kein Lächeln erschien auf dem Gesicht der Grauen, es war ernst und abwartend. Was hatte die Tochter der Alpha dazu zu sagen? Sicher, Malicia hatte all das, was sie gerade erzählt hatte, sicher schon bemerkt. Die Schwarze war aufmerksam und hörte gut zu, sie war wirklich eine tolle Freundin, also war es ihr sicherlich auch nicht entgangen, dass ihre Freundin nicht richtig laufen konnte. Cuam starrte betreten auf den eisigen Boden, dann wieder in die blauen Augen der schwarzen Wölfin neben ihr. Cuma legte ihrne Kopf leicht auf Malicias Rücken. Sie genoss die Zeit, die sie zusammen mit der Schwarzen verbrachte. Sie redeten, dann wieder beobachteten sie einfach nur die Landschaft, aber es war immer angenehm und niemals nervend.
"Ich bin so froh, dass es dich gibt..."
sagte sie leise und mit geschlossenen Augen. Und es stimmte, sie liebte Malicia wie eine Schwester, mit der sie über alles reden konnte.
Sie konnte die Leere in Lunars Augen sehen. Leere, durchdrungen von Schmerz, soviel Schmerz. Tiefer, immer tiefer blickte sie. Immer mehr spürte sie seinen Schmerz und gleichzeitig erwachte wieder die ewige Angst in ihr. Sie hatte Angst, das es zu viel für sie werden würde. Dass sie zu sehr mit Lunar mitleiden könnte und an seinem Leid zerbrechen würde. Und gleichzeitig waren da Schuldgefühle, wie konnte sie nur so etwas denken? Schließlich brachte ihr Pate Sharíku Vertrauen entgegen! Sie war erleichtert, als er aufstand. Sharíku war sich nicht sicher, wie viel von ihrem verräterischen Zweifeln er in ihren Augen gesehen hatte. Sie sah ihn seine Kreise ziehen und blickte schnell zu Boden, als die Augen des Schwarzen wieder auf ihr veweilten. Ob Lunars Warnung sie wirklich einmal davon abhalten würde, mehrere Male den gleichen Fehler zu begehen? Sharíku glaubte nicht daran. Zu sehr wurde sie in diesem Moment von Selbstzweifeln geplagt. Unruhig wirbelte ihr Rute den Schnee auf. Die Graue wagte immer nur kurze Blicke zu Lunar hinauf. Sie wollte nicht, dass er ihre Angst sah. Es fühlte sich an wie Verrat. Also sah sie überall hin, auf den Schnee, auf die schwarzen Pfoten. Aber bloß nicht in Lunars Augen, die den Verrat entdecken würden! Etwas in ihr protestierte, befahl ihr, genauso ehrlich und offen zu sein wie Lunar, ihm ihre Angst zu zeigen, so wie er ihr seinen Schmerz zeigte. Dieses Etwas sagte, dass ihr Pate ihr sehr wohl nützlich sein konnte, ihr mit seinem Vertrauen eine Waffe gegen die die Selbstzweifel sein konnte. Wenn sie es nur zulassen würde! Doch dieser Teil in ihr war leise. Zu leise. Ohne große Mühe wurde er von der höhnenden Angst übertönt.
Der Ruf und Befehl des Rüden kam Sharíku gerade recht. Kurz zögerte sie. War es nicht wichtiger, hier zu sein? Bei Lunar? Ihm zu helfen...? Nein. Die Furcht war zu groß. Sie konnte es nicht. Nicht hier. Nicht jetzt.
Doch der kleine, versteckte Teil Vertrauen in Sharíku gab die Hoffnung nicht auf. Es würde einige Zeit dauern, bis das Vertrauen die Angst besiegen würde. Es würde ein langer, schwieriger und gefährlicher Weg werden. Doch irgendwann würde es so weit sein. Irgendwann.
Es fiel Sharíku leicht, sich in Richtung See umzudrehen. Zu leicht. Dies war ihr bewusst. Eine neue Welle von Schuldgefühlen überrollte sie. Einen kurzen Blick warf sie über die Schulter zu Lunar hin. Verzeih mir... flehten ihre Augen, bevor sie den Blick wieder zum Boden wandte.
Hechelnd sah sich Kisha um, während ihre Rute noch immer wie wild über den Boden fegte, den Schnee unter ihr aufwirbelte. Sie machte sich keine Sorgen darum, ob sie nun nicht weiter gingen oder hier noch ein paar Tage blieben. Auch damit hätte die Schwarze leben können. Sie folgte dem Blick der Weißen neben sich, beobachtete die Landschaft, den Schnee und alles was um sie herum war. Ihr war wärmer, als man vermuten konnte. Und mit Aradis kuscheln war doch auch toll. So konnte man sich gegenseitig warm halten! War doch perfekt! Erst als die Weiße etwas sagte, was nicht zu dem passte was Kisha selbst gesagt hatte, was aber egal war, drehte die Fähe den Kopf zu der Wölfin, die noch immer eng an sie gekuschelt dalag. Naja, nicht wirklich. Sie war ja schon aufgestanden. Blinzelnd hob Kisha den Blick, schaute die Weiße verwirrt an. Da war etwas? Kisha neigte den Kopf schief und robbte ein Stück vor.
“Was den? Was den?!“
Mit den großen, braunen Augen blickte die Schwarze in die Richtung, aus der nun auch sie einen Geruch wahrnahm. Was war das? Kisha schloß die Augen, streckte die Nase vor und schnüffelte in der Luft herum.
“WOA!“
Nun stand auch die Schwarze auf, blinzelte in die besagte Richtung.
“Glaubst du.. der will sich mit uns anfreunden?“
Fragend drehte Kisha den Kopf zur Seite, ein breites Grinsen auf den dunklen Lefzen. Und ihre Rute pendelte weiter hin und her.
Unsicher sah er die Schwarze an. Sie schien zu überlegen, ohne dass er ihrer Mimik entnehmen konnte, woran sie dachte oder was sie gerade fühlte. Sie war in Gedanken und der junge Rüde fragte sich, ob sie über seine Worte nachsann. So schien es, aber offensichtlich waren ihr seine Schilderungen noch nicht genug, denn sie rückte gleich mit einer Gegenfrage heraus. War denn noch nicht alles dazu gesagt? hatte er einen wichtigen Aspekt übersehen? es musste wohl so sein, denn Amáya meinte ihrê Frage ernst und musterte ihn aufmerksam. Es fiel jakash jedoch nicht schwer, darauf zu antworten. Eifrig und mit einem Lächeln auf den Lefzen nickte er.
"Ja, gibt es! Ich will meine...-"
Er stockte, in seinem Gesicht zeichnete sich wieder Unsicherheit ab. Jakash sah zur Seite und auf den Boden, seine Augen huschten unruhig darüber, ohne etwas zu sehen. Der junge Rüde dachte nach. Er hatte eigentlich 'Familie' sagen wollen, aber... dieser Begriff schien ihm nicht mehr zutreffend zu sein. Vater war fort, hatte sie verlassen. Jakash war deshalb wütend auf ihn, wütend und enttäuscht. Bei seiner Mutter war er sich seiner Gefühle dagegen nicht sicher. er hatte den Eindruck, dass sie sich nicht mehr um ihn und seine Schwestern kümmerte, aber vielleicht deutete er das auch nur falsch. Erwar ja selbst in letzter Zeit nicht mehr zu ihr gegangen, war meistens mit seinem Training beschäftigt gewesen oder hatte sich bei Rakshee aufgehalten und zugehsehen, wie sie zur Priesterin ausgebildet wurde. Es war demnach nicht fair, schlecht über seine Mutter zu denken. Jakash nahm sich vor, sie in Kürze einmal aufzusuchen.
"Ich will meine Schwestern beschützen, und Mutter",
antwortete er schließlich und sah wieder zu Amáya auf. Ihm war anzusehen, dass er es ernst meinte...
Urion schien besorgt und ganz so, als wolle er am liebsten losstürzen. Kylia hätte ihm gerne in einem etwas schnippischerem Ton gesagt, dass sie schon einmal diese Strecke in einem wahnwitzigen Tempo gerannt war und dass wenn er das auch getan hätte, er nun nicht mehr loswetzen könnte, aber sie hielt den Mund. Zum einen, weil sie die Angst vor dem Nichts weiterhin in die Zange nahm, zum anderen, weil sie Urion mochte, keinen Streit mit ihm wollte und er sein Drängen mit Sicherheit nicht böse meinte. Er hatte ja Recht. Aber er war trotzdem nicht schon so viel gelaufen wie sie. Also erwiderte sie auf seinen mehr oder weniger durchführbaren Vorschlag lieber gar nichts und folgte nur den Anweisungen. Sehr viel brachte es nicht, schließlich waren sie hier schon gelaufen und hatten den Schnee zur Seite geschaufelt. Sie lief auch ein wenig schneller aber irgendwann kann man eben nicht mehr … und Kylia wollte es nicht so weit treiben, dass sie irgendwann einfach umkippte. Das wäre noch schlimmer. Sie beschränkte sich jetzt darauf, einfach hinter Urion herzulaufen, das Reden stellte sie lieber ein. Der Grau rief noch einmal nach dem Rudel, dann wandte er sich wieder an sie. Kaede … ach ja, seine Gefährtin und Beta. Seine blinde Gefährtin. Ihr wurde bewusst, dass besonders für Kaede dieses Nichts eine Gefahr war. Sie hatte es nicht hören, nicht riechen oder fühlen können. Nur sehen konnte man es. Die Vorstellung, Kaede würde einfach so laufen und ohne es zu merken, ins Nichts stolpern, war schrecklich. Hoffentlich würde Urion auf sie aufpassen. Sie erreichten die Graue sehr bald und Urion wollte, dass Kaede die Wölfe vom Rudelplatz zum See brachte. Das verstand die Braune nicht. Was sollten sie denn beim See? Und war der Rudelplatz nicht beim See? Egal, der Geruch Amiyos lenkte sie ab und tatsächlich kam er kurz darauf vom Rudelplatz auf sie zu. Kylia war wahnsinnig froh ihn zu sehen und trat ihm sofort einige Schritte entgegen. Kaum hatte er sie erreicht, drückte sie sich an ihn und verbarg ihr Gesicht in seinem Fell. Sein Geruch beruhigte sie etwas, trotzdem schwieg sie erstmal eine ganze Weile, nicht nur um zu Atem zu kommen.
“Da ist etwas Schreckliches …“
Sie flüsterte eher und noch dazu nuschelte sie in Amiyos Pelz, vielleicht hatte er sie aber trotzdem verstanden. Sie hatte Sehnsucht nach Ruhe und Stille … die Rennerei, Urions Eile, die Angst, die vielen Worte … das überforderte sie fast. Aber es sah nicht danach aus, als würde sie sich ausruhen können, schließlich müssten sie jetzt dem Rudel berichten und nach Lösungen suchen, die es nicht gab. Sie hatte schreckliche Kopfschmerzen.
Shani war sich nicht ganz sicher, ob sie es Jumaana übel nehmen sollte, dass sie sie so vollkommen ignorierte. Nicht, dass sie jetzt über wichtige Themen, die die Welt bewegten geredet hätte … aber irgendwie antworten hätte man ja darauf können. Die Weiße war niemand, der andere gerne darauf hinwies, wenn ihr etwas nicht gefiel. Das war sicher eine Schwäche, aber auch jetzt sagte sie kein Wort zu Jumaana. Es war ja nicht wichtig. Und Streit wollte sie auch nicht. Trotzdem war sie ein wenig verletzt. Vielleicht, weil das Irgnoriertwerden nur noch die Einsamkeit verstärkte. Keiner kümmerte sich mehr um sie. Keiner war da, der ihr zuhörte und der sie brauchte. Es war ein furchtbares Gefühl. Manchmal war das auch früher so gewesen, aber dann war immer Lunar zu Stelle gewesen. Ihr großer Bruder hatte sie nie im Stich gelassen. Jetzt fehlte aber auch von ihm jede Spur … wahrscheinlich war er bei Sharíku. Wie immer. Shani ließ sich ihre trostlosen Gedanken und ihre verletzte Seite nicht anmerken und blinzelte nun wieder zu Midnight. Er antwortete ihr immerhin … selbst auf ihre blöde Frage und das sogar ziemlich souverän. Ja … die Einsamkeit gehörte zu ihm. Die Frage, wo Rakshee war, traf sie unvorbereitet und beinahe wäre ihr ihr Lächeln vom Gesicht geglitten. Gute Frage. Sie hatte keine Ahnung, wo Rakshee war. Genauso wenig, wo Jakash, Kursaí, Sharíku oder Ahkuna waren. Und Hiryoga auch nicht. Sie zuckte langsam die Schultern.
“Ich weiß es nicht.“
Klang das zu traurig? Hoffentlich eher schlicht. Sie wusste es nicht, weil Rakshee nun mal schon groß war, auf eigenen Pfoten stand. Eine Mutter soll nicht immer hinter ihren Welpen herrennen – Loslassen heißt die Devise, den Kindern ermöglichen, ihre eigene Zukunft zu suchen. Sie auch aus der Heimat gehen lassen, sie damit vielleicht nie mehr wieder sehen aber mit genau diesem Umstand und dem Wissen, das sie glücklich sind, selbst zu frieden zu sein. Jaja.
“Sie ist ja jetzt schon so groß, man muss seine Welpen irgendwann gehenlassen.“
Ganz und gar unnötig. Als müsse sie das jemandem erklären.
.oO(Lass dir doch nicht immer in den Kopf schauen, Shani. Könntest ja gleich anfangen zu heulen.)
Sie riss sich am Riemen und lauschte der kurzen Unterhaltung zwischen Jumaana und Midnight. Sie hatte keine Ahnung, wie lang der Schwarze schon bei ihnen war. Ihr kam es vor, als wäre er schon immer dagewesen. Als Jumaana sich an sie wandte, versuchte sie weiterhin das Gesicht zu wahren und legte dann pseudonachdenklich den Kopf schief.
“Ich habe keine Ahnung … ich glaube, es müssen immer welche gehen, schließlich kommen auch immer neue.“
Schlaue Antwort. Das Gleichgewicht des Lebens. Aber Hiryoga war nicht gegangen, da war sie sich ganz sicher. Nur gerade eben ein wenig unterwegs. Wie es mit Takashi aussah, konnte sie natürlich nicht sagen, gut möglich, dass er sich davon gemacht hatte. Warum auch immer. Das verstand man selten, am wenigsten wohl bei Acollon. Wobei auch der ja nie wirklich weg war. Shani fuhr sich mit der Pfote über das hübsche Gesicht. Sie fühlte sich verquer, nicht wie sie selbst. Ihr Blick glitt langsam an Midnight vorbei in die Ferne. Vor ihren Augen verwandelte sich die ruhige Schneelandschaft ganz allmählich, Schatten zogen auf, Augen begannen zu blitzen, ein Gebiss voll furchterregender Zähne schimmerte matt in der Dunkelheit. Einige Sekunden starrte Shani ohne zu begreifen, nur ganz langsam sickerte die Erinnerung an endlos ferne Tage, bevor sie Zuflucht bei Hiryoga und ihrer Familie gefunden hatte durch. Die Schatten. Sie hatte sie so oft gesehen, sie hatten sie verfolgt, zu Tode geängstigt, ihr gezeigt, dass die Einsamkeit sie langsam verschlingen würde und mit dieser dunklen Einsamkeit würden sie kommen und sie verschlingen. Es waren Kinderalbträume gewesen, Angst vor Schatten und undeutlichen Wolfskörpern gehörten zu Welpen … und doch fühlte sie jetzt so deutlich die Angst in ihre Glieder kriechen. Sie wollte ihren Blick von den stechenden gelben Augen losreißen und doch wollte es nicht funktionieren. Endlich hatte sie es geschafft, aber nur um auf der anderen Seite an Midnight vorbei einen weiteren tiefschwarzen Wolf hinter einem Baum hervortretend zu erkennen. Der Albtraum hatte wieder begonnen. Weiterhin bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, schloss sie die Augen und legte den Kopf auf die Pfoten, als wolle sie schlafen. Vielleicht bemerkten die anderen beiden ja nichts. Nur ganz leicht zitterten ihre Läufe. Ein Heulen erklang, ein weiteres folgte, aber Shani hörte kaum hin.
Tyraleen beeilte sich zu nicken, als Isis sie lächelnd anstupste und bestätigte, was die Weiße ja auch dachte. Ihre Freundin hatte bisher keine Chance gehabt, sich ein eigenes Bild zu machen, wofür sie nichts konnte. Jetzt war es wirklich an der Zeit und Averic würde sicher bald auftauchen. Dann würde er sie sehen und zu ihr kommen und damit hätten sie die ideale Situation um alle dummen Gerüchte aus Isis’ Kopf zu vertreiben und der Schwarze würde endlich ihre beste Freundin kennenlernen. Auch die Reaktion der Sandfarbenen auf ihre geflüsterten Worte, entlockte der Weißen ein Lächeln. Sie war so froh, von Isis unterstützt zu werden … denn dass nicht alle von der Richtigkeit ihrer Gefühle zu ihrem Bruder überzeugt waren, war offensichtlich. Umso dankbarer war sie Isis.
“Ich bin wirklich froh, dich zu haben. Danke, dass du mich unterstützt … manchmal habe ich das Gefühl, dass die ganze Welt gegen uns ist.“
So schlimm war es sicher nicht. Schon allein, weil Banshee ihnen im Endeffekt doch noch ihren Segen gegeben hatte. Vielleicht war es auch ein kleiner Rest von Averics Art “Ich alleine gegen die ganze Welt“ oder eben “Wir alleine gegen die ganze Welt“, wo ja eher die ganze Welt unfreiwillig mithineingezogen wurde. Wie auch immer … jetzt würden die Welpen so oder so kommen und sie würden allen zeigen, wie gesund sie waren.
“Du wirst natürlich Patin werden! Einen ganz besonderen kleinen Welpen sollst du bekommen und er wird sicher stolz sein, eine so wundervolle Patin wie dich zu haben.“
Sie strahlte bei dem Gedanken daran, auch noch andere Paten auswählen zu können. Wem konnte sie ihre Welpen anvertrauen? Viele Freunde hatten weder sie noch Averic. Vielleicht ja Daylight, das Verhältnis zu ihrer Schwester besserte sich immer mehr … auch wenn Averic sie leider gar nicht leiden konnte, aber vielleicht würde sich auch das noch ändern. Sie musste unbedingt mit ihrem Gefährten darüber reden … das war schließlich ein wichtiges Thema. Keiner ihrer Welpen sollte einen bösen oder unachtsamen Paten bekommen. Etwas unsanft wurde sie in ihren Gedanken unterbrochen, als mehrere Rufe von Gefahr kündigten und sich tatsächlich Angst in der Luft riechen ließ. Sofort krauste sich ihre Stirn sorgenvoll. Hoffentlich war es keine Gefahr für ihre ungeborenen Welpen.
“Was wohl passiert ist? Ich rieche kein Feuer, kein Blut, keine Fremden.“
Wieder streckte sie ihre Nase in den leichten Wind, aber es war wirklich nichts zu wittern, was Gefahr heißen könnte. Alles war ruhig und abgesehen von Urion und Kylia schien auch niemand aufgeschreckt. Tyraleens verwirrter und besorgter Blick blieb an Isis hängen.
Aradis starrte Kisha ungläubig an. Wusste sie etwa nicht, dass Bären gefährlich waren, ja im Ernstfall sogar tödlich?! Sie schaute Kisha ins fröhliche Gesicht und sah, dass die Schwarze es wirklich ernst meinte. Nun wich das Erstaunen in Aradis Gesicht Ärgerlichkeit. Die grünen Augen fixierten die orangenen der schwarzen Wölfin neben sich. Sie zischte sehr leise der jungen Wölfin neben sich etwas zu.
"Nein, der will sich sicher NICHT mit uns anfreunden, und wenn du nochmal so laut sprichst, wird er uns entdecken und zu Hackfleisch verarbeiten also sei bitte so ruhig wie möglich und geb keinen Laut von dir, wir müssen hier weg, sonst nimmt er noch unsere Fährte auf... wenn ich drei sage, rennen wir, okay? Wenn wir schnell genug sind, wird er uns nicht einholen können, sonst...nun, das hab ich dir ja schon gesagt. Vertrau mir, wir müssen zusammenbleiben, okay?.... lso...eins...zwei...drei!!"
Auch die letzten Worte waren kaum lauter als die davor gesagten. Sie durften keine Aufmerksamkeit erregen. Aradis spurtet los und hoffte, Kisha würde ihr folgen. Wie konnte man nur glauben, das ein Bär mit einem befreundet sein wollte?! Die Weiße mochte Kisha, aber manchmal überraschte sie sie wirklich mit ihrer... Naivheit. Nein, die Schwarze war sicher nicht dumm, aber oft sehr unvorsichtig und unbedacht. Aradis Zunge hing aus ihrem Maul, der Schnee um sie wirbelte auf. Sie wusste nicht, ob der Bär sie verfolgte, aber alles hing davon ab, dass Kisha ihr folgte. Sie betete zu Engaya, dass der Bär sie nicht verfolgen würde, und dass sie schnell genug sein würden. Schneller, schneller, treib die junge Fähe sich immer wieder an. Sie sah sich kurz um, wo war Kisha?!
Amiyo stellte allamiert die Ohren auf, als Kylia sich an ihn kuschelte, er fühlte ihre Beklommenheit und ihre Angst. Doch anscheinend beruhigte er sie ein wenig, denn schließlich sagte sie etwas mit ihrer wunderschönen Stimme. Amiyo fuhr ihr sanft mit der Schnauze über den Rücken. Etwas Schreckliches? Amiyo hörte auf mit seinen Zärtlichkeiten und ging einen Schritt zurück, um Kylia in die Augen zu sehen. Zärtlichkeit und Besorgtheit fand man in seinen orangenen Augen wieder. Sein großer, schwerer Kopf war ein wenig geneigt. Dann setzte der junge Rüde sich auf seine Hinterpfoten und starrte ein wenig in die Ferne. Was konnte das sein? Er sah Kylia besorgt an, was hatte sie gesehen?
"Mein Schmetterling, ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert, ich würde dich mit meinem Leben verteidigen...!"
sagte er und schaute der Grauen nun wieder mitten in die schönen blauen Augen. Er liebte dieses Geschöpf vor sich abgöttisch, nie würde er sie einer Gefahr ausliefern, egal, welche es war, eine Schreckliche, namenslose oder ein Wolf. Er würde mit beidem kurzen Prozess machen, wenn sie seinem Schmetterling etwas anhaben wollten. Er sah Kylia zärtlich in die Augen und gab ihr einen Kuss auf die Schnauze, er trat wieder einen Schritt auf sie zu und fuhr beruhigend über ihre Ohren. Sein Blick verriet jedoch, wie sehr es ihn brannte, zu wissen, was 'Das Schreckliche' war. Doch Amiyo wollte die Wölfin lieber nicht fragen, anscheinend war es wirklich etwas Schreckliches...
Blut, so viel Blut. Es breitete sich aus, der Schnee sog es auf und gab es nicht mehr her. Banshee hatte ihre Welpen verloren, seine Kinder. Sie waren tot zur Welt gekommen, hatten keinen Segen erhalten, keinen göttlichen. Sein Flehen blieb unerhört, ihre Schmerzen konnten nun körperlich abklingen, aber die seelischen Wunden wuchsen. So wie auch bei ihm. Fassungslos starrte er auf die leblosen Körper. Langsam nur schritt er auf sie zu. Beugte sich nieder und stupste sie an- als bräuchten sie nur etwas Zuwendung und Wärme. Doch sie rührten sich nicht, blieben regungslos. Immer wieder stupste er sie an, im Inneren bat er darum, dass das Alles nur ein schlechter Traum war.
Was war passiert? Er hatte vor langer Zeit seine Tochter gehen lassen und zog selbst durch die Welt. Nachdem seine damalige Gefährtin starb und er fast mit ihr, schien ihm das Leben in schwarzweiß. Es zog ihn nie irgendwo richtig hin, er folgte seinem Gespür. Viele Nächte waren vergangen, viele Sommer dahin geschritten. Bis er dann schließlich auf Isis und Rime traf, die sich diesem Rudel genährt hatten. Akru hatte ihr das Leben gerettet und gab sich damit einverstanden sie zu begleiten. Und dann? Dann sah er sie. Im Kampfgetümmel, wunderschön und unvergleichlich. Sie konnte seine Sehnsüchte erfüllen, schien ihm einen Sinn schenken können. Und er wusste, dass er sie lieben würde. Eine schweigsame Liebe, die ihn mehr Schmerz und Abwendung erfahren ließ, als dass er ihr wirklich nahe war. Sie schenkte ihm eine Nacht. Und doch gehörte sie ihm nie ganz allein. Die Mutter seiner Welpen, seiner toten Welpen.
Mittlerweile war das graue Fell blutgetränkt. Überall klebte er, der metallische Geruch benebelte seine Sinne, jedoch waren der Rausch und die Blutgier in weite Ferne gerückt. Bevor sein Blick sich aufrichtete, versuchte er es ein letztes Mal.
“Oh nein“,
gab er schwach. Zu mehr Worten war er nicht fähig. Schließlich streckte er die Schnauze gen Himmel und heulte kräftig. Trauererfüllt und leicht gebrochen. Er rief nach der schwarzen Schwester. Nyota. Sie musste nun bei Banshee sein, musste ihr den Trost schenken, den er ihr jetzt nicht mehr geben konnte.
“Nyota; sie kommt gleich“,
sprach er. Monoton. Er würde noch bei ihr bleiben, bis die gerufene Fähe erscheinen würde. Langsam schleckte er der Weißen über die Stirn. Dabei rann eine leise Träne über sein Gesicht. Wollte er ihr Worte des Trostes schenken, er fand keine. Fand nicht einmal seine Fassung. Es war egal. Unwichtig. Nur Banshee. Wie in einen Tunnel blickend, konnte er nur noch den Wunsch des Wohl der Weißen ausrecht erhalten. Sie waren alle tot.
Isis wedelte wild mit der Rute, als Tyraleen so lieb auf sie einging. Es war wirklich eine wahre Freude sie so zu sehen, mit ihrem dicken Bauch. Es freute die kleine Fähe, dass sie Patin werden würde. Sie machte mit den Vorderläufen einen kleinen Luftsprung und schleckte Tyra freudig über die Schnauze, dann widmte sie sich der kleinen Gruppe am Rand. Nachdenklich blieb Tyraleens Blick an Isis hängen. Die Wüstenwölfin witterte ebenfalls. Nichts trübte die Luft... oder halt! Es flimmerte sonderbar, unbestimmt in der Luft. Was war das? Isis kniff angestrengt die Augen zu, reckte den Hals und schob ihre Nase weiter gen Himmel. Nun war es eindeutig zu wittern. Die Luft vibrierte. Keiner der anderen Wölfe schien etwas zu bemerkten außer das kleine Grüppchen am Rande des Rudelplatzes. Isis neigte den Kopf und zog die Stirn kraus. Neben der Angst war etwas.
"Naja, ich merke wie die Luft vibriert... ein leichtes Flimmern. Vielleicht sollten wir zum See gehen oder möchtest du eher Averic suchen?"
Isis drehte sich im Kreis. Leicht stellte sich ihr Nackenfell auf. Sie wurde unruhig, bekam etwas Angst und war das bedacht, sich nicht von der Ungewissheit packen zu lassen.
Nyota lief und lief, aber sie fand keine frische Fährte - Banshee könnte überall sein, das Revier war so groß - aber sie musste davon schnellstmöglich erfahren. Zufrieden hörte die Schwarze Urions und Kylias Ruf, und beeilte sich voran zu kommen - aber Schnee und Schwangerschaft erschwerten ihr den Weg, und immer wieder musste sie sich geradezu durch den Schnee graben, wenn sie an einer weniger dicht bewaldeten Steklle vorbeikam.
Sie war schon eine gaanze Weile gelaufen, als sie schliesslich Akrus Ruf aus weiter Ferne hörte. Noch bevor er verklungen war war sie wieder im vollen Lauf, stob so schnell es nur ging durch den Schnee, und musste doch bald wieder etwas von ihrem Tempo lassen. Es ging einfach nicht. Nyota hatte ja keine Ahnung gehabt wie schwach und zimperlich der Körper wurde, wenn er Leben in sich trug...
Aber allzu langsam konnte sie auch nicht werden - die Tatsache dass Akru sie rief und nicht Banshee - Moment mal, wie konnte sie so sicher sein dass er..nein, sie würde bei ihm sein. Und wenn er an Banshees statt rief...
Die Schwarze dachte den Gedanken nicht zuende, kappte ihn augenblicklich und trieb den geschwächten Körper nun umso eiliger voran, weiter und weiter, durch Schnee und Sträucher, immer wieder die Nase hebend und ihre Richtung korrigierend - bis der Blutgeruch zu ihr drang, der sich scharf in ihrer Nase festsetzte und sich über die ganze Gegend auszubreiten schien. War Nyota vorher gelaufen, dann rannte sie nun, jegliche Rücksicht auf sich oder ihre Welpen ausser Acht lassend, und stürzte völlig übereilt in die Situation unter der Tanne hinein. Schlitternd kam sie zum Stehen, um nicht in Akru oder Banshee hineinzulaufen, und erkannte erst im nächsten Moment die viel zu frühen - und viel zu reglosen - Welpen neben der Weißen. Die Schnauze öffnend und sogleich wieder schließend trat sie nun näher, Schritt um Schritt zu Banshee, und drückte den Kopf gegen ihre Wange, umrundete ihre Schwester einmal und legte sich dann zu ihr, die toten Welpen zwischen ihnen, und mit Rute und Hinterlauf und mit Schnauze und Vorderläufen den Kontakt zu Banshee haltend. Akru warf sie nur einen kurzen Blick zu, nur ein Moment, aber genug, um ihm für seinen Ruf zu danken. Dann hatte sie sich wieder ihrer Schwester zugewand, schob sich näher, und stützte Banshees Kopf mit dem ihren, damit sie es leichter hatte ihre toten Kinder zu säubern. Das Schweigen lag wie ein samtener Vorhang über der schneeblutigen Szenerie, und erst langsam rann Träne um Träne durch Nyotas Fell, die sich nun umso enger an Banshee drückte, und der Weißen sanft mit der Zunge durchs Fell fuhr, die Stille bewahrend und die Bitterkeit jener Momente in sich aufnehmend, um sie von Banshees Schultern zu heben.
Die Schwarze war schnell da, ohne Umschweife kümmerte sie sich um ihre Schwester. Sie hatte die Situation sofort erkannt und richtig eingeschätzt. Und Akru wurde nun überflüssig- er musste gehen, das wusste er. Und insgeheim war er Nyota für ihre Hilfe unheimlich dankbar. Und sie? Sie dankte ihm. Immer noch fassungslos zog er sich zurück. Das Bild des vielen Blutes; welches auch noch an ihm klebte; brannte sich tief in sein Gedächtnis. Selbst wenn er die Augen schloss, konnte er es noch sehen. Banshee war nun in guten Pfoten, dort, wo sie hingehörte. War das die Strafe für seine Liebe? Wohl möglich.
Sein Weg führte durch den Wald geradewegs auf den Rudelplatz zu. Der rote Lebenssaft in seinem Fell gerann weiterhin und seine Sinne benebelten mehr und mehr. Kein klarer Gedanke war mehr zu fassen. Seine Welpen waren tot und Banshee am Boden zerstört. Und dann-
er tobte. Wie ein wildes Tier. Wie von Tollwut gepackt und jeden Verstandes beraubt. Sein Schreien war laut, wie vor Qualen erdrückt. Seine Pfoten hoben immer wieder vom Boden ab und ließen ihn gegen die Bäume schlagen. Diese Selbstzerstörung war die Antwort auf das Durchlebte und seine Verzweiflung, die ihn schon seit Anbeginn seiner Ankunft in diesem Revier plagte. Tiefe Schnitte im Gesicht machten seinen Anblick nicht unbedingt besser. Mehr Blut benetzte ihn. Mehr Trauer erfasste ihn, mehr und mehr verließen ihn alle guten Geister.
Bis er schließlich auf dem Rudelplatz ankam. Verschwommen nahm er Gestalten war. Doch Isis konnte er sehen. Sie stand bei der Tochter von Banshee, Tyraleen. Auch sie trug Welpen in sich. Schwach ließ er den Kopf hängen. So viel Blut, so viele tote Welpen. Er konnte nicht mehr, er wollte es nicht. Langsam senkte sich sein Körper ab. Zerfurcht von den Schnitten in seinem Gesicht und der Trauer über den Tod seiner Kinder. Gebrochen.
Ausdruckslos blickte Face dem Fremdling entgegen. Er schien ein munterer, höflicher Zeitgenosse zu sein, nüchtern betrachtet. Dem Tiefschwarzen war es egal, von ihm aus hätte er auch missmutig und unhöflich sein können. Für den Flammentänzer zählte nichts mehr.
Es regte sich auch keine Miene in seinem Gesicht, als der Braune davon sprach mit der Sonne zu ziehen und den Horizont im Herzen zu tragen. Was auch immer das heißen mochte. Jede Sonne ging irgendwann unter. Und ganz recht, dann kam die Kälte. Seine Sonne war wohl noch nie richtig auf gegangen, ganz gleich, wie heiß die Sommer in der Steppe auch gewesen waren. Face nickte Yerik zu.
„Yerik. Ich denke nicht, dass etwas dagegen spricht. Ich werde dich zu unserer Leitwölfin bringen, dann kannst du dich ihr auch noch vorstellen.“
Der Tiefschwarze fühlte sich, als würde sein Körper, seine Stimme ... nichts davon gehörte mehr richtig zu ihm. Alles war fremd. Er war nicht mehr er selbst. Er würde es nie mehr sein. Nie gewesen. Stumm betrachtete Face Taihéiyo das Lächeln des Fremden und nickte schließlich. Dieser fröhliche Wolf würde sicher mal eine angenehme Bereicherung für das Rudel sein. An sich selbst dachte er nicht mehr. Das war vorbei. Er würde einfach nur noch vor sich hinvegetieren und seinen Pflichten nachkommen, die er sonst immer vernachlässigt hatte. Es gab nichts anderes mehr, was er hätte tun können. Sein Herz war leer, genau so wie seine Seele. Das Nichts war in ihn zurück gekehrt und ergriff die Oberhand, ohne das er dafür sterben musste ohne tot zu sein.
Der tiefrabenschwarze Rüde wandte sich um und trabte mit lautlosen Schritten voran, sicher, dass Yerik ihm folgen würde. Und da hörte er auch schon den Ruf. Gefahr? Face wandte kurz den Kopf über die Schulter und machte eine auffordernde Bewegung mit der Schnauze. Sie mussten schneller laufen. Dabei war es keiner der beiden Alphas gewesen, der das Rudel zusammen rief. Es war Urion gewesen, im Auftrag Nyotas. Ob man dem trauen konnte? Er beschloss, sich die Frage einfach nicht weiter zu stellen und lief zielstrebig den Weg zurück, den er gekommen war. Der Schwarze folgte seinen eigenen Pfotenabdrücken und kam so schneller voran. Vielleicht hätte Face Taihéiyo gespürt, dass etwas in der Luft lag, wenn das Nichts nicht eh schon so Teil von ihm gewesen wäre. Das Kribbeln in der Luft, die Leere, die ihm durch Mark und Bein kroch, sie war normal. Was die anderen Wölfe beunruhigte, war sein Leben.
Es schien wirklich dringend zu sein, Urions Heulen erklang ein zweites Mal. Dazwischen mischte sich allerdings auch Akrus Stimme. Irgendwas stimmte wirklich nicht.
Die Bäume lichteten sich langsam, der Rudelplatz und die Wölfe kamen in Sicht. Aber weder Banshee, noch Nyota waren zu sehen. Am Rand der Wolfsschar hielt Face inne und blickte sich wieder zu seinem Begleiter um.
Zu seinen Pfoten war der Schnee zerwühlt und niedergestampft. Sie schien zu wachsen, denn Aszrems Schritten wurden immer scheller, je mehr Zeit verstrich, und so trieben ihn seine Bewegungen immer weiter an den Rand der Fläche, die Abbild seiner Unruhe war.
Vor einer halben Ewigkeit, so schien es ihm, war ein Ruf erklungen, der das Rudel zum See beordert hatte. Ein Befehls Nyotas, aber nicht von ihrer eigenen Stimme überbracht. Das war der Knackpunkt - was hatte sie davon abgehalten, selbst zu heulen? War sie dazu nicht fähig gewesen, war sie verletzt? Aber Urion und Kylia hatten nichts dergleichen erwähnt, und das hätten sie ansonsten jawohl. Die Ungewissheit raubte dem sonst so beherrschten Rüden schier den Verstand, und nur mit Mühe konnte er sich dazu ermahnen, am Rudelplatz zu verweilen. Natürlich hätte er sie gesucht, aber wo beginnen? Urions Stimme in den südlichen Wald zu folgen machte wenig Sinn, das Gebiet war riesig und eine Fährte kaum zu finden, wenn man keinen Anhaltspunkt zum Suchen hatte. Nyota konnte überall sein. Sie war wehrhaft, kämpferisch, aber sie war auch trächtig, und irgendetwas war im Gange. Aszrems Miene, die sonst nur behutsam Gefühle preisgab, war von Sorge gezeichnet, und seine Augen suchten unablässig den Waldrand ab. Suchten nach ihrer Gestalt und nach anderen Wölfen, die vielleicht wusste, wo die schwarze Alpha sich befand. Da waren Isis und Tyraleen, aber die waren die ganze Zeit hier gewesen und konnte ihm somit nicht helfen. Warum traf noch keiner von den anderen ein, warum brauchten sie so lange, um dem Befehl folge zu leisten?!
Ein Ruck ging durch den Schwarzbraunen, als ein neuer Ruf erklang. Er war noch nicht verstummt, da war Aszrem schon in langen Sätzen unterwegs. Kurz gemahnte ihn sein Pflichtbewusstsein des Befehls, aber er wischte es beiseite. Dieses eine Mal würde er sich um keine Anweisung der Welt scheren, denn es ging um Nyota. Sie war seine Gefährtin, verdammt!
Und so wie Akru geklungen hatte, bestand kein Zweifel, dass die Schwarze dem Ruf folgen würde.
In seinen Lungen brannte es, als er endlich ihren Geruch ausmachen konnte. Aszrem musste sich zwingen, langsamer zu werden. Als der Blutgeruch in seine Nase drang, wollte er sogleich wieder lospreschen, dann aber sah er sie. Nyota und Banshee. Akrus Witterung war noch da, der Rüde selbst aber nicht anwesend. Was war hier passiert? Für eine schreckliche Sekunde lang, die ihm die längste in seinem Leben schien, interpretierte er die Situation auf eine entsetzliche Weise falsch. Aber Nyota rührte sich, atmete... und auch Banshee lebte. Und dennoch... dennoch roch es nach Tod. Zögerlich trat der Schwarzbraune ein paar Schritte näher, und dann konnte er sehen, dass zwischen den Fähen noch etwas lag. Mehr bedurfte es nicht, kein zweiter Blick war nötig. Er hatte schon verstanden.
Einen Moment stand er nur still da und wagte nicht, sich zu rühren. Erleichterung und schmerzhafte Trauer durchströmten ihn gleichzeitig, aber nur letzteres spiegelte sich in abgeschwächter Form auf seinem Gesicht. Dann wandte er sich ganz langsam und so leise er konnte ab. Er wäre jetzt gerne für Nyota geblieben, aber er ahnte, dass er in diesem Moment nicht helfen konnte - vermutlich würde sie seine Hilfe auch nicht wollen. Noch nicht jetzt. Der Rückweg schien viel kürzer zu sein, obgleich er nur langsam lief. Er überließ sich ganz seinen Pfoten, während seine Gedanken noch bei der schrecklichen Szene weilten, die er erblickt hatte. Vergeblich mühte er sich darum sich nicht vorzustellen, dass es umgekehrt geschehen wäre... dass Nyota dort lag und von Banshee Beistand bekam. Dass es seine toten Welpen waren.
Noch nie hatte ein alleiniges Gedankenbild solche Schmerzen in dem Schwarzbraunen ausgelöst. Aszrem blickte auf, als er gewahr wurde, dass er nicht länger allein war. Nur wenige Schritte entfernt sah er Akru. Den Körper geschunden, das Gesicht zerschnitten. Aszrem hatte gar nicht mitbekommen, dass seine Pfoten ihn auf die blutige Fährte des Grauen geschickt hatten.
"Akru.."
Fast ein Flüstern, und mit mehr Traurigkeit ausgesprochen, als jemals zuvor in seiner Stimme gelegen hatten.
"Es tut mir so leid..."
Was konnte er anderes sagen? Er wusste nicht alles, was Akru schmerzen bereitete, aber was einen bestimmten Aspekt betraf, konnte er sich das so verflucht gut vorstellen, als stünde er tatsächlich an der Stelle des Grauen...
Ihrer aufmerksamen Augen entging kein Zucken seines Gesichtes, dass er überlegte, dass er zögerte. Alles nahm die Schwarze nur zu deutlich wahr und versuchte es zu deuten und in einen Zusammenhang zu bringen. Das Jakash zuerst eifrig antworten wollte, dann aber inne hielt, ließ sie ein wenig die Stirn runzeln. Nun, vielleicht steigerte sie sich in etwas rein, schließlich konnte er ja auch schlicht seine Antwort besser formulieren oder überlegte noch ein Mal genauer, wen er denn nun letzten Endes aufzählen wollte. Das der Jüngling einen Moment die Augen abwandte, beirrte sie nicht in geringsten und Amáya ließ ihren ernsten Blick weiter auf ihm ruhen. Selbst in Anbetracht der Tatsache, dass der Schwarze wohl keine Ahnung hatte, worauf sie hinaus wollte, diese Antwort war eine sehr wichtige, die viel entscheiden konnte. Die Minuten und Sekunden schienen sich schier endlos lange hin zu ziehen und in diesem Augenblick herrschte zwischen den beiden Wölfen eine Stille gemischt mit einem eigenartige Gefühl, welches in der Luft lag. In der Ferne heulten noch ein paar Wölfe, doch bis auf ein leichtes Zucken eines ihrer Ohren kam keinerlei Reaktion. Es interessierte sie herzlich wenig, was die Heuler mit ihrem Lärm bezweckten, ob es ein Aufruf war oder ein bescheuertes Liebesgedicht oder was auch immer. Sie gehörte nicht mehr zu diesem Rudel, hatte es nie getan und so lange sie diese Ansicht, diese Fassade hatte, musste und brauchte sie sich auch um nichts scheren.
Daher galt ihr Augenmerk Jakash und nur ihm ganz alleine. Die Stille schien zwischen ihnen zu knistern und Funken zu sprühen, würde für manche zart besaitete Seelchen unerträglich werden, doch die Dunkle nahm es nur gelassen hin. Die Spannung wurde wie ein Nebelschleier von der Morgensonne zerrissen, als die grünen Augen wieder ihren Blick in die blauen Augen fanden und der Satz vervollständigt wurde. Zu ihrer Zufriedenheit. Sollte sie nun erleichtert sein? Es war ihr ebenso wie das Heulen irgendwo gleichgültig.
„Solange du jemanden hast, den du beschützen willst, solange du jemanden hast, der dein herz mit Gefühlen füllen kann, solange wirst du nicht gefühllos werden. Möglicherweise ist es schlichte Gleichgültigkeit.“
Er fiel. Gedämpft und stumpf schien die Welt. So sinn- und farblos. Gefangen in der Trauer. Es zerriss ihn. Wären sie nicht tot gewesen, wäre es schwer geworden. Viele hätten den Grauen verurteilt und die Weiße hätte wohl verständnislose Blicke geerntet, aber sie hätten gelebt. Sie wären am Leben. Aus weiter Ferne holten sanfte und wärmende Worte den Grauen aus seiner Trance. Es war eine vertraute Stimme. Eine verständnisvolle. Das blutverschmierte Gesicht hob sich und blickte nach oben, direkt in das schwarzbraune Antlitz. Aszrem. Ein verzerrtes Lächeln, gequält, verzweifelt, legte sich auf die Lefzen. Sein entsetzlich entstelltes Gesicht wirkte damit nur noch grausamer. Akru wusste, dass der Rüde wirkliches Mitgefühl zeigte, wurde er doch selbst Vater. Und obgleich der Graue zurzeit keine Dankbarkeit zeigen konnte, so wurde deutlich, dass er die helfende Pfote gerne annahm.
“Sie sind alle tot. Alle… Blut“,
abgehackt klang seine Stimme, gebrochen. Und nun mehr konnte er die Tränen nicht zurückhalten. Wurde ihm mit diesem Aussprechen bewusst, dass es eine tatsachenvollendete Gegebenheit und somit unwiderruflich war. Sie konnten nicht mehr gerettet werden. Der Leib begann zu zittern. Ein Mitleid erregendes und erbärmliches Bild bot Akru. Der sonst so kühle und abgebrühte Rüde war am Boden zerstört und zeigte es offen. Er konnte auch nicht anders.
“Und Banshee… sie ist so traurig. Man muss ihr helfen… sie braucht Hilfe… Hilfe“,
ohne Zusammenhang wurden die Worte gesprochen, währenddessen ein flehender Blick in seinen Augen lag. Wieder begann der Körper heftig zu beben. Es wurde kalt. Ihm war so schrecklich kalt. Schlotternd sah er erneut auf, in die Augen des Schwarzbraunen. Suchte er nach Halt, suchte nach Licht, nach Erlösung.
Sheenas Gesten weiter mit unentschlossener Miene beobachtend lief Rakshee weiter, jetzt auch noch Shákru im Gefolge. Sheena lachte und sah im nächsten Moment schon wieder weniger munter aus, und die Braune konnte und konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Sheena war viel älter als sie, aber so stumm und wechselhaft wie sie jetzt war, wirkte sie deutlich jünger. War das in Spiel? Zum ersten Mal bemerkte Rakshee dass nicht mehr viel fehlte, bis sie Sheena sogar in der Größe eingeholt hatte. War Sheena so klein oder war sie nur so groß? Shákru lenkte ssie von ihren berlegungen ab, in dem er ebenfalls versuchte Sheenas Veitstanz zu deuten, und dabei zu deutlichen plausibleren Ergebnissen kam als sie selbst. Unsicher beantwortete sie seinen Blick, und sah dann wieder zu Sheena herüber.
"Ich finde das komisch dass du gar nicht mit uns redest, Sheena"
platzte sie heraus, obwohl sie eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen. Dennoch trotzig sah sie zu der Weißen auf, und nahm die willkommene Gelegenheit wahr den Blick von ihr abzuwenden, als Shákru zu erzählen begann. Rakshees Mimik wechselte von sorgenvoll über verständnislos bis hin zu fragend während der Rüde sprach, und während der Rudelplatz in Sicht kam wand sie sich an ihn.
"Wieso machst du das? Aszrem hat auch böse geguckt nachdem du mal mit ihm geredet hast. Wenn du doch weißt dass es doof ist, warum tust du es dann?"
wollte sie wissen, und sah ihn mit der Unschuld der Unwissenheit an, bevor sie sich wieder zu Sheena umwandt.
"Mh. Papa ist weg, und Jakash ist sehr viel mit Tante Nyota unterwegs. Und du redest nicht mit uns. Ich finde das alles komisch; aber bestimmt kommt Papa wieder und Jakash spielt wieder mit mir und du redest wieder mit mir"
beschrieb sie nur knapp ihre Situation, und blieb plötzlich stehen.
"Oh"
sagte sie nur noch, hüpfte dann los und sprang mit wedelnder Rute auf Shani, Midnight und Jumaana zu, die dicht an der Baumgrenze saßen. Mit tanzender Rute hüpfte sie zwischen den dreien herum, und warf die Pfoten dann über Mama, um sich neben ihr niederzulassen, und nocheinmal zu Sheena und Shákru zurückzulächeln.
"Warum haben sie uns hergerufen?"
fragte sie in die Runde, und lies die peitschende Rute über Shanis Fell streichen.
Akrus Augen spiegelten, wie Aszrem sich fühlte - nur noch schlimmer. Er sah darin einmal mehr sich selbst, wie er an der Stelle des Grauen stehen könnte. Mochten die Götter ihm einen solchen Augenblick bloß ersparen, betete er stumm. Soetwas konnte einen Wolf zerbrechen. Aszrem ahnte nicht, dass es bei Akru bereits soweit gekommen war, dafür kannte er nicht alle Aspekte dieser Beziehung, die er mit Banshee geteilt hatte.
"Ich weiß",
antwortete er leise und gab damit zu vertehen, dass er es gesehen hatte. Dass er es wirklich wusste, und wirklich mit dem Grauen fühlte. Mehr konnte er ihm nicht geben. Dies mochte eine Ausnahmesituation sein, eine, in der der Schwarzbraune ungewöhnlich viele und starke Emotionen zeigte, aber er war dennoch nicht die Art von Wolf, der es leicht viel Trost zu spenden.
"Nyota ist bei ihr. Sie sind Schwestern... besser kann sie kaum aufgehoben sein."
Das sah er tatsächlich so. Er hatte gesehen, wie Nyota und Banshee miteinander umgingen, wie vertraut und herzlich. Wenn jemand Banshee Kraft und Trost spenden konnte, dann Nyota.
Akrus sichtbare Dankbarkeit quittierte Aszrem mit einem kurzen, schwachen Lächeln. Mehr gestattete ihm der Augenblick nicht.
"Aber ich denke, du könntest auch etwas Beistand gebrauchen. Komm... dies ist noch nicht der richtige Ort für dich..."
Er tat ein paar Schritte weg vom Rudelplatz. Gewis, sie würden in der Nähe bleiben, denn Nyotas Befehl hatte trotz allem noch Gültigkeit. Aber Akru musste sich noch nicht sofort wieder mitten unter Wölfen bewegen. Nicht in seinem Zustand - körperlich wie seelisch...
Abwartend blickte Averic die weiße Schwester an, die sich ganz langsam ein paar Schritte näher wagte. Seine Ohren drehten sich leicht, während er kurz ihr unsicheres Lächeln fixierte. Was sollte das jetzt werden? Wenn gleich die Frage „Wollen wir Freunde werden?“ kam, würde er einen Schreikrampf bekommen. So viel war sicher. Sie konnte doch wohl nicht immer noch so naiv sein? Selbst das dümmste Tier – Kisha mal ausgenommen – musste sich doch irgendwie weiterentwickeln!
Was Daylight dann aber fragte, entlockte ihm einen doch sehr verblüfften Gesichtsausdruck. Wer der Vater Tyraleens Welpen sein würde? ... Bei Fenris und Engaya, war sie wirklich so verbohrt? Nun ... Tyraleen und er waren Geschwister. Es war ganz natürlich, dass die meisten einfach nicht hinsehen wollten. Aber wer wollte denn wirklich glauben, dass seine Schwester einfach von irgend einem Rüden Welpen bekam?! Averics dunkelblaue Augen verengten sich leicht. Aha. Tyra verriet also nichts. Na, dann machte er dieses Spielchen doch einfach mal mit, bis seine kleine Schwester ihren Verstand einschaltete.
„Oh, ich weiß es sogar ganz genau. Rate doch mal.“,
antwortete Averic und auf seine Züge schlichen sich tatsächlich ein Grinsen. Allerdings hatte es immer noch etwas halb Spöttisches an sich. Es waren seine Welpen. Und das sie grade ihn fragte, war fast schon bitter. Ruhig trat der Pechschwarze ein paar Schritte auf Daylight zu und an ihr vorbei. Innerlich fühlte er sich weiterhin etwas angespannt, wusste er doch immer noch nicht, was mit seiner Mutter war. Das behagte ihm alles nicht. Und sowieso lag so ein komischer Schleier in der Luft ... Er hob leicht den Blick und sah zwischen den Tannen hinauf in den grauen Himmel. Die Himmelsfarbe nannte man Blau. Nachts war es dunkler, als am Tage. Ob er wirklich immer blau war? Auch jetzt, wo er fast schwer wirkte? Kaum merklich witterte der Hüne in der Luft herum. Irgend etwas stimmte einfach nicht. Als Urions Heulen die Stille des Waldes zerriss, senkte sich Averics Kopf sofort wieder und mit hochschnellenden Ohren sah er in Richtung Rudelplatz. Sein Gespür ließ ihn nicht im Stich. Und dann meldete sich auch noch Akru zu Wort, rief nach Nyota. Der Pechschwarze verspürte den dringenden Drang, ebenfalls seiner Stimme zu folgen. Das unwohle Gefühl kribbelte durch jedes seiner Glieder. Aber wenn wirklich Gefahr drohte, war es jetzt noch viel wichtiger zu Tyraleen zurück zu laufen. Schon meldete sich Urion ein zweites Mal. Fast ein wenig gehetzt warf er einen Blick zu Daylight herum, der er den Rücken zugekehrt hatte, aber nur wenige Schritte entfernt stand.
„Komm, wir gehen zurück. Dort wird auch Tyraleen sein.“
Nur drei Sekunden blieb er noch stehen, um zu warten, dann trabte er los. Nicht zu schnell, aber doch energisch. Der Rudelplatz war nicht übermäßig weit entfernt, dann aber ertönte ein Brüllen. Einen Atemzug später stand ihm eine schwarze Gestalt im Weg. Blutrote Augen glühten ihm nahezu wahnsinnig entgegen, Averic musste ruckartig anhalten, sein Herz setzte für diesen Augenblick nahezu aus. Die blutige Farbe stach ihm fast schmerzhaft auf die Netzhaut, wo doch alles um ihn herum bloß grau war. Ein eiskaltes Gefühl durchlief ihn, fing im Nacken an und ging bis in die Zehen. Erst jetzt senkte sich sein Blick von den Augen zum Maul der Gestalt. Auch dort tropfte Blut. Fenris hielt ein verklebtes, winziges Bündel im Maul. Sein Herz fing an zu rasen. Nein!
Der Kiefer herunter geklappt, die Augen vor Entsetzen geweitet musste er auf Daylight ein ziemlich groteskes Bild abgeben, schließlich würde sie nichts von dem sehen, was er sah. Ein Ruck ging durch Averics Körper und er sprang nach vorne, mitten in die Erscheinung hinein, die sich darauf hin in schwarzen Rauch auflöste. Wie von Raserei gepackt preschte er die letzten Meter auf den Rudelplatz. Daylight war vergessen. Nein, nein, nein, ihr durfte nichts passiert sein! Nicht ihr und auch nicht ... seinen Welpen!
Er wusste ja noch nicht, dass er das Ganze völlig falsch interpretierte. Schwer atmend kam der Pechschwarze am Waldrand an und sah sich hektisch um. Als er Tyraleen aber ganz unverletzt bei Isis entdeckte, fiel ihm zuerst ein tonnenschwerer Brocken vom Herzen. Doch die Erleichterung, dass nichts mit ihr passiert war, hielt nicht lang an. Denn Akru war nicht unweit von ihr zu entdecken. Und das Blut in seinem Fell, stach ihm mit der gleichen Intensität entgegen, wie die Augen des Todes. Seine Verstand raste durcheinander zwischen der Option, sich gleich auf ihn zu stürzen, oder sich die Sache genauer an zu sehen. So setzte er sich ganz langsam wieder in Bewegung. Ein leichtes Beben ging durch seinen Körper, denn jetzt registrierte er. Ihm drehte sich der Magen um.
Averic schritt an Tyraleen und Isis vorbei, nicht ohne dabei den Körper seiner Gefährtin zu streifen. Sie würde wohl nicht verstehen, dass er aus der Erleichterung über ihr Wohlaufsein tat, an dem er eben noch gezweifelt hatte. Keine Wolfslänge weiter blieb er stehen und starrte Akru an. Aszrem war unwichtig. Der Ausdruck in seinen Augen war undefinierbar, während er über all das Blut und die Schrammen glitt.
„Was ist ... mit meiner Mutter?“
Averic bemühte sich einigermaßen gefasst zu klingen, doch es gelang ihm nicht. Aber sein Tonfall war auch nicht wütend. Sondern noch fast entsetzt. Was hatte diese graue Mistkröte damit zutun? Hatte, hatte? Was war passiert?! Was hatte er gemacht?! Und damit viel weniger, was er jetzt gemacht hatte, sondern was davor gewesen war. Er wollte ihn anschreien, alles aus ihm heraus pressen! Trotzdem verließ kein weiterer Mucks seine Kehle und er schluckte es runter. Banshee war wichtiger.
Banshees Zunge glitt unablässig über die toten Körper. Akru trat langsam in ihr Bewusstsein, wurde aber vollkommen ignoriert. Er war an ihren Welpen und beinahe hätte Banshee ihn angeknurrt. Doch dafür hätte sie Willenskraft gebraucht und die gab es nicht mehr in ihr. So konnte nur noch lecken, unablässig und immer weiter, alles Blut der Welt hinunterschlucken. Ihr Fell war damit mittlerweile so voll gesogen, dass es sie noch länger zeichnen würde – brandmarken wie ein Schandmal. In diesem Moment war es ihr egal. Sie würden sowieso alle wissen, was geschehen war, früher oder später … die Tochter Engayas, das Leben war nicht mehr länger fähig, Leben zu spenden. Verflucht. Akru fiel ihr abermals wie ein störendes Element in einer friedlichen Szene ins Auge. Wieder hätte sie ihn am liebsten knurrend verjagt, machte dazu aber keine Anstalten. Nur säubern, immer weiter und weiter. Er rief irgendetwas, aber sie hörte nicht hin. Dann kam er zu ihr, sagte etwas, aber auch jetzt hörte sie nicht. Hatte er überhaupt etwas gesagt? War er noch da? Sie waren noch da, ihre vier toten Welpen. Sie sahen nicht aus wie Welpen. Sie waren wie Fische, kleine, tote Fische, mit unförmigen Flossen und ohne Schuppen. Plötzlich überkam sie der Drang, die Körper wegzustoßen, sich abzuwenden, aber auch jetzt war sie nicht fähig, mit dem Waschen ihrer Welpen innezuhalten. Als wäre das eine letzte Verbindung zum Sinnvollen, zur Realität. Wenn sie damit aufhören würde, wäre es vorbei, dann wäre sie verrückt, tot, Fenris. Erneut änderte sich etwas. Plötzlich war etwas da, das ihren Kopf stützte, alles erleichterte, sie spürte etwas wie aus weiter Ferne … Wärme. Sie erkannte Nyota, sie hatte sich zu ihr gelegt. Nyota? Ihre Schwester. Ihre geliebte Schwester, die immer bei ihr war, die ihr helfen wollte.
“Nyota …“
Wie eine seit Jahren vermisste, ungläubig, als wäre die Schwarze schon seit Jahren nicht mehr in ihrem Revier gewesen. Sie hatte aufgehört, ihre Welpen zu säubern, starrte jetzt nur. Ganz langsam kam die Wirklichkeit zurück. Was tat sie hier? Wo war Akru? Warum lag sie in ihrem eigenen Blut und regte sich nicht.
“Nyota …“
Schluchzte sie erneut, diesmal sie selbst, deutlich zeigend, wie froh sie war, ihre Schwester zu sehen. Zärtlich, wie als wolle sie den vier Toten nicht weh tun, zog sie sie zu einander und rollte sich dann schützend um sie, den Rücken eng an ihre Schwester gekuschelt, sich nach nichts mehr sehnend, als behütet zu werden. Von der großen Schwester.
“Sie sind alle tot. Warum nur? Engaya hat mich verlassen. Sie ist so fern, so endlos fern. Ich habe sie vergessen. Wie kann sie mir je verzeihen? Fehler über Fehler, alles was ich tue ist falsch. Was passiert mit mir?“
Ihre Stimme war so voller Verzweiflung, dass es ihr teilweise die Kehle zuschnürte. Noch nie war sie so überzeugt davon, nichts richtiges mehr tun zu können. Seit je her hatte Engaya sie geführt, wenn sei gezögert hatte und ihr Mut gegeben, wenn sie umkehren wollte. Aber jetzt war niemand mehr da, sie war allein, so schrecklich alleine. Acollon war weit fort und die Hoffnung, ihn wieder zu sehen schwand mit jedem Tag.
03.01.2010, 23:37
Froh darüber, dass Shákru verstanden hatte was sie von ihnen wollte wand sie sich ihm zu und lauschte seinen Worten. Es stimmte sie traurig ihn nicht so gutgelaunt zu treffen, wie sie sich selber, verwunderlicher Weise, fühlte. Erleichtert blickte sie zu Rakshee, die genau das aussprach, was auch sie sich fragte, warum er es denn dann tat. Sie hätte nicht gewusst, wie sie ihn das hätte fragen sollen. Wahrscheinlich gar nicht. Es gab einfach einige gewisse Dinge, die man nicht durch Gestik wieder wettmachen konnte und umso begeisterter war sie, dass sie eigentlich sprechen konnte. Tröstend wand sie sich dann wieder an Rakshee, ihr Vater fehlte ihr wahrscheinlich sehr, sie konnte die kleine Fähe gut nachvollziehen, aber immerhin war ihre Mutter noch hier und ihre Geschwister, zu denen sie jederzeit gehen konnte. Gerade wollte sie ihre Schnauze tröstend in das Fell der nur ein wenig kleineren Fähe stecken, als diese sie verdutzt und etwas verärgert fragte, warum sie denn nicht mit ihnen sprechen würden und Sheena lief es eiskalt über den Rücken.
Also wusste doch nicht jeder, dass sie einer Schweigepflicht unterlag. Verzweifelt blickte sie einen Moment weg, suchte Worte, eher Gestiken um sich auszudrücken, da wuselte Rakshee schon an ihr vorbei auf ihre Mutter und zwei andere Wölfe zu. Seufzend drehte sie sich Shákru zu und ließ ihren Kopf unschlüssig hin und her pendeln. Es war ihr unangenehm weiter in Rakshees Nähe zu sein, solange diese nicht wusste, warum sie nicht sprach. Was sollte sie denn sonst denken. Hatte Banshee es denn überhaupt irgendwem erzählt? Nachher würden sich alle Wölfe darüber wundern, sich vielleicht über sie lustig machen, ihr böse sein. Das wollte sie doch nicht!
Niedergeschlagen lief sie weiter, vorwärts auf den See zu und zu der kleinen Gruppe bei der auch Rakshee war. Obwohl es ihr unangenehm war, erschien es ihr unhöflich, würde sie jetzt nicht dorthin gehen und so zwang sie sich Schritt für Schritt vorwärts. Hoffend, dass Shákru ihr folgen würde.
Sie ahnte nichts von seinen Gefühlen zu ihr, momentan war er für sie wie ein großer Bruder, aber eigentlich verschwendete sie gerade jetzt nicht viele Gedanken an ihre Beziehung zu ihm.
Sie wollte viel lieber klären, warum sie nicht sprechen durfte, aber das war anscheinend unmöglich für sie. Seufzend blickte sie hinter sich, nickte Shákru zu.
oO Komm mit mir… Oo
Stumm und mit wieder weniger glänzenden Augen schritt sie weiter, bis sie bei der Gruppe angekommen war. Gerade noch bekam sie Rakshees Frage mit und war froh, wieder bei ihr zu sein. Anscheinend dachte sie oftmals das Gleiche wie sie und im Gegensatz zu ihr konnte sie es auch aussprechen. Sheena war gespannt auf die Antwort, hatte sie doch noch ganz genau die Dringlichkeit der Situation in ihren Ohren. Freundlich nickte sie den drei anderen Wölfen zu. Midnight, Jumaana und Shani, Rakshees Mutter.
Averics spöttischer Tonfall irritierte die kleine Wölfin eher weniger, was sie jedoch verwirrte waren seine Worte. Rate doch mal. Es klang wie eine Herausforderung in ihren Ohren und schon begann die Kleine ihre Gedanken zu ordnen, wie versessen darauf das Rätsel um Tyraleens Welpen zu lösen. Mit wem war ihre Schwester in letzter Zeit immer zusammen? Die Antwort war einfach: Averic. Gab es sonst irgendjemandem, dem sie nahe war? Nein.
War es ihrer Schwester zuzutrauen von einem fremden Rüden Welpen zu erwarten? Nein.
Das wiederum musste bedeuten, dass... ihr großer Bruder der Vater der Welpen ihrer Schwester war. Schon allein Averics Verhalten sprach dafür.
Doch gerade als Daylight ihre Gedankengänge äußern wollte geriet ihr großer Bruder in Aufregung, auch sie hatte Urions Ruf vernommen und gleich danach Akrus, der nach Nyota rief. Sie vernahm die Dringlichkeit hinter den Worten des Grauen und auch ihre Ohren klappten ruckartig nach vorn, ihr Blick wanderte fragend zu Averic - die Welpentheorie war vorerst vergessen, auch wenn die nächsten Worte ihres Bruders sie bestätigte.
Als ihr Blick ihn traf spürte sie die Aufregung durch ihren Körper pulsieren, seine Aufregung. Es war die Gabe der Sternenwinde, dass sie die Gefühle der anderen wahrnehmen konnte.
„Averic... was...?“
Weiter kam sie nicht, denn schon machte ihr Bruder sich, wie angekündigt auf den Weg. Auch die Weiße überlegte nicht lange, sondern folgte ihm. Wenn Averic so in Aufregung war konnte das eigentlich nur eines bedeuten: Irgendetwas war geschehen.
Noch tief in ihren Gedanken über das eben geschehene versunken, wäre die kleine Weiße fast mit dem Schwarzen zusammen gestoßen, als dieser plötzlich und ohne Vorahnung inne hielt.
„Averic...?“
Suchend folgten ihre Augen seinem Blick, sahen jedoch nur Schnee, schneeweiß und rein. Doch Averics Verhalten verstörte sie; sie war sich sicher, dass er ihr nichts vorspielte, denn die Sorge, das Entsetzen, alle seine Gefühle strömten nun auch auf sie ein. Er musste irgendetwas gesehen haben. Irgendetwas, das sie nicht sehen konnte. Irgendetwas, was ihn in eine tiefe Sorge versetzte, doch ihr blieb keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon war der Bann gebrochen und ihr Bruder jagte in weiten Sprüngen davon, hetzte geradezu in Richtung Rudelplatz und auch Daylight zögerte nur einen Herzschlag lang, dann setzte sie ihm nach. Vertraute auf seine Sinne. Irgendetwas musste geschehen sein. Irgendetwas, das auch sie betraf. Warum sollte sonst Urion sie alle zu sich rufen, und warum rief Akru nach Nyota? War... war etwas mit Banshee? Und was hatte Averic gesehen, dass ihn in Unruhe versetzt hatte? Tausend Fragen wirbelten durch ihren Kopf, eine unlösbarer als die andere, während sie Mühe hatte mit ihrem Bruder mitzuhalten, der nun zu Tyraleen hinüberlief, kurz an ihrer Flanke entlang strich und schon wieder weiter hetzte; in die Richtung, aus der auch Akrus Ruf erschollen war. Sie bemerkte seinen kurze Erleichterung, die jedoch sofort wieder verflog, er musste um Tyraleen Sicherheit gefürchtet haben, doch jetzt schien er den gleichen Gedanken zu haben wie sie: Banshee.
Daylight spürte, wie sie unbewusst immer schneller wurde, sie warf Tyraleen einen kurzen Blick zu, ehe sie wieder ihrem Bruder nachjagte. Er war ihr voraus und erst als sie bei Akru angekommen waren holte sie zu ihm auf und kam schließlich schlitternd und außer Atem an seiner Seite zum Stehen. Ihr Körper bebte vor Angst, die durch die eindringliche Stimme ihres Bruders nur noch verstärkt wurde, ihr Blick wanderte von Averic fragend zu Akru - den Schwarzen an seiner Seite registrierte sie kaum - und ruhte schließlich wieder auf Averic. Auch sie hatte das Blut gesehen. Blut, das nicht Akrus schien, denn er war unverletzt.
„Was ist mit Mama?“
Ihre Stimme klang leise, zitterte vor Furcht, die gleiche Furcht, die auch den Schwarzen durchlief, nur spürte sie in ihm auch den Zorn und war es bei ihm keine richtige Furcht, eher Sorge, Sorge um Banshee. Ihr Herz klopfte schnell und hart gegen ihren Brustkorb, nicht nur vom schnellen Lauf, auch die Angst jagte das Blut schneller als gewöhnlich durch ihre Adern. Nein, nein, nein, Banshee durfte einfach nichts geschehen sein. Banshee war immer stark, immer da, sie wachte über sie. Ohne Banshee, ohne ihre Mutter, würde für Daylight die Welt zusammenbrechen.
Yerik war nie ein Wolf gewesen, der schnell locker ließ. Und so konnte ihn diese eisige Reserviertheit, die diesen schwarzen Rüden umgang, ebenso wenig fern halten, wie seine wenigen Worte. Die Frohnatur von einem Wolf lehnte den Kopf mal auf die eine, dann wieder auf die Andere Seite. Wippte zufrieden mit den Ohren und trabte dann, nachdem er die Worte des Wolfes vernommen hatte, friedlich hinter ihm her, dabei bedacht wenigstens etwas in seiner Spur zu laufen, um sich nicht selbst durch den dichten Schnee kämpfen zu müssen.
"Ist das Wetter bei euch immer so grässlich? Oder habe ich einfach nur eine schlechte Zeit erwischt?"
Versuchte er die Konversation wieder aufzunehmen und dem schwarzen Wolf zumindest einige wenige, weitere Worte zu entlocken. Schaden konnte es ja nicht. Doch bevor er darauf warten konnte, hallten Wolfsstimmen durch den Himmel. Zuerst ein Rüde, der sie zusammen rief. Dann ein weiterer Rüde, der anscheinend einen Wolf aus dem Rudel rief. Verwirrt und gleichsam neugierig, lief Yerik ein wenig schneller, versuchte Face Taihéiyo ins Gesicht zu sehen um vielleicht etwas aus seiner Mimik zu erkennen, was er davon zu halten hatte. Doch es war nicht mehr nötig. Vor ihnen lichtete sich bereits der Wald und machte einer Lichtung platz. Groß und Weit lag die Ebene vor ihm und der See, der sich dahinter erstreckte, raubte ihm für einen Moment den Atem. Bewundert trat Yerik neben den Schwarzen, reckte den Kopf ein wenig vor und ließ einen wohligen Laut ertönen. Die Wölfe auf dieser Ebene waren zahlreich, so viele fremde Gesichter, Geschichten, Körper. Und besonders, jeder von ihren so verschoeden im Charakter. Und er malte sich bereits jetzt aus, wie viele wunderbare Bekanntschaften man hier schließen konnte. Wirklich gut, dass er hier Rast gemacht hatte. Dann jedoch, kehrte sein Blick zu Face zurück und bei dessem, noch immer kalten und unveränderten Gesichtsausdruck, lehnte er mit gespielt verwirrtem Ausdruck den Kopf zur Seite.
"Ein großes Rudel habt ihr da. Aber, diese Laute zuvor, die waren wohl nicht gerade aus purer Freunde heraus, oder?"
Der Braune war hier zwar fremd und er war ein Wanderer, doch er hatte Lebenserfahrung. Dumm war er nicht. Er wusste wenn etwas unnatürliches gescha. Er erkannte diese hektische Betriebsamkeit in den Wölfen. Er erkannte den Unterton in den Stimmen, auch wenn er die Wölfe nicht kannte. Sein Leben hatte dem Rüden viel beigebracht. Er wandte den Blick von Face ab, trat einen weiteren Schritt aus dem Wald hinaus und auf den Rudelplatz. Ehe er sich, mit einem vorsichtigem, aber fragenden Lächeln nocht einmal dem Schwarzen zuwandte.
"Und ich schätze einfach mal, dass eure Leitwölfe mich gerade wohl nicht empfangen können."
Es war eine Aussage, vielleicht ein wenig als Frage formuliert, aber dennoch keine. Er wandte den Blick über die Wölfe des Rudels, die er erblicken konnte, vermutete aber, dass diese nicht alle waren. Die Grenze war zu beständig gewesen. Und auch wenn dieser düstere Schatten der Situation irgendwie auch in ihm schwelte, war der Gedanke an diese neuen Bekanntschaften, noch immer ein wärmendes Licht in seinem Inneren.
Erschöpft nahm er die Worte des Schwarzbraunen an, wollte ihm folgen. Weg von hier, weg von den Anderen, von Fragen, von Blicken. Der Körper des Grauen schien sich nicht regen zu wollen, verharrte noch eine Weile in seiner Position. So ließ er sich Zeit; ein Fehler wie sich rausstellte, denn schon war der schwarze Sohn und Daylight aufgetaucht. Sofort wurde erkannt, dass all das Blut nicht nur seines war. Es war das Blut seiner toten Kinder und das von Banshee. Doch bevor er eine Antwort gab, erhob er sich. Langsam, umständlich. Alles wurde schwer und schwarz. Nur ein letztes Mal wollte er vom Glück kosten, nur ein letztes Mal. All das war allerdings in weiter Ferne gerückt. Ein monotones und dumpfes Gefühl hatte sich um sein Herz gelegt. Nur ein Stich versetzte es ihm, als er die anderen Kinder sah, die anderen Kinder Banshees. Wut und unbegründeter Hass mischte sich in seiner Brust- eine gefährliche Mischung, wäre er nicht mehr mit dem Passierten beschäftigt gewesen. Das blutverschmierte und zerfurchte Gesicht hob sich und seine Augen suchten den direkten Blickkontakt zu dem Schwarzen mit den tiefblauen Augen. Averic.
Lange verharrte er in dieser Stellung. Nur der matte Blick, der leichte traurige Schleier, sonst nichts. Er hatte ihr geschworen, er durfte es nicht sagen. Nur für diesen Moment ließ er Alles fallen, schien sich weiter aufzurichten. Er musste ehrlich sein, ohne zu lügen und ohne die Wahrheit auszusprechen. Und ja, er übernahm die Verantwortung, als seien es seine eigenen Kinder, denen er nun eine schlimme Botschaft überbringen musste.
“Banshee geht es nicht gut. Nyota ist bei ihr, sie ist in Sicherheit. Aber bleibt vorerst hier, geht zum See. Sie wird nachkommen.“,
es waren die nötigsten Informationen, die er eines reinen Gewissens preisgeben konnte, und bevor man ihn weiter ausfragen würde; gar anschreien konnte; gab er:
“Sie braucht Ruhe, belasst es bitte dabei.“
Dann wandte er sich um und schritt davon. Immer noch hoffend, dass Aszrem ihn einfach begleiten würde. Er verstand, er wusste, er fragte nicht. Er würde nichts verlangen, aber zuhören, wenn Akru erzählen wollte. Jetzt nicht, nicht hier. Bloß fort von hier. Zeit gewinnen, Narben heilen lassen. Immer noch tropfte das Blut ungehindert zu Boden, wo es sofort vom Schnee eingezogen wurde. Trüb nahm es der Graue wahr, der Blutrausch rückte noch weiter in die Ferne. Viel mehr drückte es weiter auf sein eigentlich sonst so stabiles Gemüt. Banshee musste zur Ruhe kommen. Ihr musste es gut gehen. Sie war in Sicherheit, bei Nyota.
Shákru folgte Sheena, die immernoch schweigend ihren Weg ging. Rakshee hatte sie verlassen, war zu ihrer Mutter gelaufen, zum Rudelplatz, zu den anderen. Lieber wollte der Schwarze kurz mit Sheena allein sein, aber erstmal folgte er ihr zu den Anderen, im Kopf spuckte die Frage von Rakshee herum. Ja, warum war er so? Vielleicht, weil die anderen so abweisend zu ihm waren. Seufzend starrte Shákru Minor in den Schnee, auf seine Pfoten. Sie erreichten die Gruppe: Midnight, Juma, Shani und Rakshee. Die Kleine stellte eine Frage, die anscheind auch Sheena auf der Seele brannte. Warum sollten sich alle hier versammeln? Shákru entging ihr Lächeln nicht, sodass er sich auch etwas lockerte. Auf wolfsart lächelnd nickte er den Anderen zu, stellte sich neben Sheena, sodass er sie spüren konnte.
"Es muss schon was dringliches sein und etwas, dass wir noch nicht kennen... immerhin können wir nichts wittern, oder?"
Minor setzte sich und legte seine Rute um die Pfoten. Nein, mit Sheena an seiner Seite fiel es ihm nicht mehr schwer, sich zu entspannen, wenn andere dabei waren. Immerhin war sie erwünscht und er vielleicht dadurch auch. Sheena kannten sie alle. Der Rüde blickte zu der weißen Fähe neben ihn... zu der Tochter von Zack und flüsterte in ihr Ohr:
"Wenn du wieder mit uns redest, dann zeig mir bitte die Götter, Sheena."
Die schwarzen Pfoten trugen ihn erst über den Rudelplatz hinüber, doch von Daylight gab es keine Spur. Wo konnte sie nur stecken? Wenn sie jetzt in Gefahr wäre- und weiß Engaya dies zu verhindern- würde er nicht agieren können. Er würde es nicht einmal wissen. Und wie wäre es, wenn die Weiße genauso trächtig wäre, wie einige andere Fähen? Der Schwarze mochte sich das nicht bis zum Ende hin ausmalen, auf der anderen Seite glaubte er nicht, dass man seiner Gefährtin so schnell wehtun konnte. Sie war geschickt und auch nicht dumm. Aryan hatte endlich Fährte aufnehmen können, wenn auch mit ein paar Schwierigkeiten. Hier sind schon so einige Wölfe rumspaziert und hatten ihren Duft hinterlassen. So mancher war ganz interessant, einige Anderen waren nicht ganz so appetitlich. Richtung Wald zog sich diese unsichtbare Linie lang und der Hüne erhöhte sein Tempo. Hatte sie den Ruf auch vernommen? Und was war ihre Antwort, auf die er schon so lange warten musste.
Doch bevor der Schwarze überhaupt noch weiter in das Unterholz vordringen konnte, stürmten schon zwei Gestalten an ihm vorbei, die eine schwarz, die andere weiß- Daylight. Trifft sich gut, dachte er innerlich und hechtete hinterher. Ein freudiges Lächeln zierte seine Lefzen und er hatte für die ersten Sekunden nur Augen für sie. So kam er neben ihr zum Stehen. Nur ihr besorgter, fast entsetzter Gesichtsausdruck ließ ihn auch auf das blicken, was es in ihr ausgelöst hatte. Blut, an einem grauen Rüden. Aryan hatte ihn schon öfters mal gesehen, sich aber nicht weiter mit seiner Person auseinander gesetzt. Dieser Moment verlangte es aber. Es konnte nicht nur sein Blut sein, es roch auch nach- Banshee!
Der besorgte Ausdruck wandelte sich schlagartig in einen wütenden, herausfordernden. Was sollte passiert sein? Gab es wirklich einen Wolf der so dumm sein konnte, einfach einen Leitwolf anzugreifen? Die Mutter seiner Gefährtin? Die Mutter von vielen Kindern? Aryan selbst wusste nicht mehr so ganz, wie es mit einer Familie war, dafür aber konnte er sich gut an ein bestimmtes Gefühl erinnern. Beschützen. So wie er es für Cyriell tat. Cyriell sein Bruder. Ihm durfte auch nichts geschehen. Und Daylight auch nicht.
“Er wird doch wohl nicht-“,
flüsterte er dem Fortgehenden hinterher. Es ging ihn eigentlich nichts an, aber so ganz emotionslos ging es nicht an ihm vorbei. Empfand er doch für jeden Wolf, der ihn einigermaßen passabel aufgenommen hatte. Und Banshee hatte es ohne Fragen und mit viel Wärme getan. Die Augen verengten sich noch kurz, bis er schließlich wieder in das weiße schöne Gesicht sah. Er hob die schwarze Schnauze an das weiße Ohr und flüsterte, nur für sie hörbar:
“Keine Angst.“,
Schleckte ihr kurz über die Stirn.
Aszrem wartete geduldig darauf, das der Graue sich in Bewegung setzten würde. Trauer lähmte seinen Körper, es war ihm anzusehen, und daher würde der Schwarzbraune ihn nicht zur Eile antreiben, obgleich er Akru gerne schnell aus dem Blickfang der anderen Rudelmitglieder heraus haben wollte. Leider gelang das nicht, obgleich es nicht der Anblick des Grauen sein konnte, der Averic und Daylight angerannt kommen ließ. Bis eben waren sie nicht auf dem Rudelplatz gewesen, hatten Akru nicht sehen können - und doch kamen sie, und sie waren zielstrebig. So zielstrebig und mit Wut im Blick, dass Aszrem automatisch alle Muskeln anspannte. Es war nur zu leicht nachzuvollziehen, was sie denken mussten, denn offensichtlich waren sie nicht um Akrus Wohl besorgt. Sie fragten nach Banshee - sie wusste es, und sie wussten es wiederum nicht. Sie ahnten etwas. Woher nahmen sie bloß diese Intuition? Beide waren Kinder Banshees, mochte es gar göttliche Eingebung sein? Aszrem war in dem Glauben erzogen, dass Götter mehr oder minder in die Leben ihrer Anhänger eingriffen. War das hier der Fall?
Ruhig, aber immernoch auf eine Auseinandersetzung gefasst, trat der Schwarzbraune zurück an die Seite Akrus. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Graue seine Gestalt straffte und nach Worten suchte. Sein Blick jedoch war auf Averic gerichtet, der in diesem Moment die größte Bedrohung darstellte, sollte er überstürzt handeln. Akrus Worte waren wohl überlegt gewählt, und Aszrem fragte sich unwillkürlich, warum er ihnen nicht von der Fehlgeburt erzählte. Nun, Banshee brauchte Ruhe, das war das eine. Vielleicht brachte der Graue es auch einfach nicht über sich, das Leid auszusprechen, das war dann das andere. In jedem Fall waren es ehrliche Worte. Als Akru sich abwandte und ging, trat Aszrem noch einen Schritt näher an Averic und Daylight heran.
"Akru sagt die Wahrheit - ich habe es gesehen. Banshee hat er nichts angetan, sonst wäre er jetzt nicht mehr am Leben."
Er sprach leise, aber eindringlich. Er hatte sich zudem dafür entschieden, Akrus Beispiel zu folgen und nichts genaueres zu erzählen. Von de Richtigkeit seiner Worte war er fest überzeugt - auch wenn er nur einen kurzen Blick auf die Totgeborenen hatte werfen können, so war doch keinerlei Verletzung Banshees zu sehen gewesen. Nur eine Fehlgeburt war möglich, andernfalls hätte Akru die kleinen Wesen aus dem Bauch der Weißen reißen müssen. Und dann wäre er von Nyota längst zerfetzt worden.
"Ich bitte euch, lasst ihn in Frieden. Er leidet genug. Und ich möchte euch auch bitten, vorerst nicht zu eurer Mutter zu gehen. Nyota kümmert sich um sie, aber ich glaube nicht, dass sie im Kreis ihrer herbeistürzenden Kinder die Ruhe finden kann, die sie gerade braucht. Bitte."
Langsam wandte er sich ab und folgte Akru nach. Er war fast wieder so ruhig gewesen, wie es sonst seine Art war, doch hatte der Schatten der Trauer noch immer auf seinem Gesicht gelegen. Vorsichtshalber lauschte er auf jedwede Geräusche hinter sich. Er würde Akru verteidigen, wenn das nötig werden würde, hoffte aber, dass Averic seine Bitten nicht halsstarrig in den Wind schlagen würde. Es hatte schon genug Leid gegeben, Aszrem wollte nicht derjenige sein müssen, der es vermehrte..
Der Grauen schleppte sich weiter, bekam das, was Aszrem sagte nicht mit und doch konnte er genau spüren, dass der Schwarzbraune ihm auf seine Art half. Wäre nicht immer noch diese bebende Kälte in ihm und diese Trauer, die ihn einfach nicht losließ, hätte er wohl warme und dankbare Worte gefunden. Es gab nicht viele Wölfe aus diesem Rudel, die dem Grauen vertrauen mochten. Der größte Teil hatte ihn als bizarr und merkwürdig abgestempelt. Es war ihnen eigentlich nicht zu verdenken; Akru war gekommen und hatte ein seltsames Verhältnis zu der weißen Leitwölfin aufgebaut. Und trotzdem schien es immer Ausnahmen zu geben. Isis, die in dem Hünen jemanden fand, mit dem sie reden konnte. Und Aszrem, der ohne Zweifel für ihn eintritt. Obgleich jeglicher Differenzen mit dem Schwarzbraunen; sein Verhalten jetzt schenkte ihm den benötigten Halt.
So schritten die lahmenden Pfoten voran. Seite an Seite. Erst schweigend, schließlich außer Hörweite der Anderen. Wo genau er hin sollte, wusste der Graue nicht, nur eines wollte er jetzt: keine Fragen. Wohl brachte die Zeit ein wenig Überwindung mit. Irgendwann musste er sich dem stellen. Keiner wusste so recht um das wirklich Verhältnis zu Banshee. Keiner wusste genau, was passiert war. Außer einem. Und Akru glaubte, dass er damit den Schwur nicht gebrochen hatte.
“Ich liebe sie“,
brach es auch ihm heraus. In diesem Moment wusste er nicht, ob es wirklich seine Worte waren, oder ob die Verzweiflung aus ihm sprach.
“Ich wollte nicht, dass ihr etwas passiert. Ich wollte sie glücklich sehen, obwohl ich um ihr Schicksal wusste. Ich habe sie in ihr Verderben geschickt, auf den Weg zum Tod.“
Mit einem Male wollte er wirklich erzählen. Schweigen musste er schon zu lange. Niemand durfte es wissen, aber alle durften verurteilen. Sich die Schuld selbst zu geben, tat gut. Es war die Wahrheit und er sprach sie aus. Akru hatte es wirklich nicht leicht gehabt, aber das störte ihn eigentlich nicht. Viel mehr war es die Wut, über die Verl3eugung seiner Person, seiner Liebe, seines Seins. Würde Aszrem verstehen? Er wusste um die toten Kinder, er wusste um Banshees Zustand. Und einen möglichen Zusammenhang hatte er wohl geschlossen.
“Vielleicht habe ich nicht immer Alles richtig gemacht. Aber warum bereue ich meine Liebe nicht? Sie brachte ihr bis jetzt nur Schmerzen und Schwierigkeiten.“,
nun mehr klang es wie eine klägliche und schon längst abgeschlossene Tatsache. Schwach sah er auf. Das Gesicht verzehrt. Er musste zum Wasser, sich das Blut abwaschen, obwohl in ihm etwas sagte, dass es das Einzige war, was ihm von seinen Welpen blieb. Auf der anderen Seite wäre es makaber, wenn er es nicht tat.
“Aszrem, danke“,
formulierten seine Lefzen schwach. Ein tapfer erkämpftes Lächeln. Hatte er in ihm einen Freund finden können?
Es fiel Aszrem nicht schwer, zu dem Grauen aufzuholen, und anschließend passte er sich dessen Geschwindigkeit an. Sie drangen etwas tiefer in den Wald ein und ließen die Bäume Sichtschutz werden. Schweigen umgab sie, abgesehen vom ständigen Knirschen des Schnees, der unter ihren Pfoten zusammengepresst wurde. Irgendwann begann Akru zu reden. Aszrem warf dem Grauen einen Seitenblick zu, drehte leicht den Kopf, antwortete jedoch nicht. Dazu war es noch nicht an der Zeit. Aber er würde zuhören, und nichts anderes als die Bezeugung seiner Aufmerksamkeit hatte die leichte Kopfbewegung zu bedeuten. Einmal jedoch musste der Schwarzbraune sich zusammen nehmen, um nicht doch dazwischen zu reden. Was meinte Akru damit, er hätte 'um ihr Schicksal gewusst'? dass er Banshee ins Verderben geschickt hätte, erschien Aszrem eigentlich eher als überzogene Selbstbeschuldigung, wie es bei schweren Schicksalschlägen meistens der Fall war. Dennoch blieben die Worte hängen, wollte zusammen mit dem Gerede vom Schicksal einen neuen Sinn ergeben. Aszrem dachte an Engaya und Fenris und den Einfluss, den sie auf das Rudel hatten, auf die Lebens- und Sichtweisen. Und er begann das ganze, große Dilemma zu ahnen, von dem Akru eigentlich sprach. Es schwindelte ihm bei dieser Vorstellung. Waren die Beziehungen dieser Wölfe zu ihren Göttern tatsächlich so... ernst? So machtvoll? Anders waren Akrus Worte zumindest nicht zu erklären. Aszrem musste ein schaudern unterdrücken und betrachtete den Grauen für einen Moment aufmerksamer, sah ihn aus einer neuen Perspektive. Wer war er eigentlich, dass er so darüber Bescheid wusste? Aszrem schwieg noch immer, und als sie den See erreichten, ließ er sich an dessen Ufer nieder. Wieder wandte er den Kopf Akru zu. Was immer der Graue auch sonst sein mochte - im Moment war er in erster Linie ein gebrochener Vater. Mehr war jetzt nicht wichtig.
"Alle Lebewesen müssen irgendwann sterben, Akru. Auch Banshee - vielleicht gerade sie. Es wäre vielleicht anders gekommen, aber nicht unbedingt besser. Wenn ich all das zusammen nehmen, was ich von Nyota über Acollon weiß, und was ich gesehen habe, in ihren Blicken, wenn sie dich angesehen hat, dann denke ich, wäre die Alternative ein schleichender Zerfalle gewesen, ein unglückliches Dahinvegetieren. Ich habe nicht wenige gekannt, die einen Moment des Glücks bevorzugt hätten, selbst wenn danach ein instensiver Schmerz folgt."
Er hielt einen Moment inne, sah über den See. Das Wasser war so still, dass es wie die Ruhe vor dem Sturm wirkte. Am Ufer war es zugefroren, aber die Eisschicht war nicht sehr dick.
"Im Übrigen brauchst du dich nicht zu bedanken. Als ich dort ankam... für einen Moment lang dachte ich, es wäre Nyota. Ich hätte sie verloren. Sie und unsere Welpen... Ich weiß also genau, wie du dich fühlst..."
Wieder musste er kurz eine Pause machen, denn die Erinnerungen traten ihm unverändert an Klarheit und Intensität wieder in den Sinn, und er brauchte einen Moment, um sich zu fassen.
"Dort, wo ich herkomme, glaubt man, dass die Seelen totgeborener Welpen nicht verloren gehen. Sie wandern umher und werden woanders neu geboren. Aber die Verbindung zu ihren ursprünglichen Eltern besteht weiterhin, und so werden ihre Wege sich irgendwann wieder kreuzen. Und wenn es soweit ist, wird in diesen Wölfen eine Seelenverbindung erwachsen, und die, die sich zuvor nie gekannt haben, werden füreinander sein wie Geschwister, wie die verlässlichsten Freunde und wie Eltern und Kinder. Eines Tages, Akru, wirst du deine Kinder treffen. Sie sind nicht verloren."
Aszrem sagte das mit tiefster Gewissheit, und ein leises Lächeln erschien auf seinen Lefzen. Und er wünschte Akru, dass der Graue möglichst viele seiner toten Kinder irgendwann wiederfinden würde.
In Tyraleens Herz kroch langsam die Angst. Nicht nur ihr natürlicher Fluchtinstinkt, sondern um vielfaches verstärkt durch ihren immer stärker werdenden Mutterinstinkt. Aggressivität mischte sich dazu, der eindeutig vorhandene Wille, über Leichen zu gehen um ihre Welpen zu verteidigen, regte sich immer mehr und machte ihr noch mehr Angst. Die Gefahr war plötzlich so deutlich in der Luft zu spüren, gleichzeitig stach ihr ohne Vorwarnung ein Schmerz in den Bauch. Schrecklich klar meinte sie das verzerrte Gesicht ihrer Mutter vor sich zu sehen.
“Mama!“
Irgendetwas Schreckliches geschah und das Schlimmste war, dass Tyraleen nichts wusste, wie es mit ihrer Mutter zusammenhing. Das Lächeln war ihr längst aus dem Gesicht geglitten, Angstbilder begannen vor ihren Augen zu tanzen. Akru, der Banshee etwas antat, Blut überall, er wollte sie töten, wollte er sie töten? Sie meinte das Blut riechen zu können, wie es das Fell der beiden Wölfe verklebte. Für einige Sekunden erstarrte sie. Es lag wirklich Blut in der Luft. Und Akrus Geruch, ganz deutlich. Tyraleens Lefzen glitten langsam nach oben, ein tonloses Knurren kam aus ihrer Schnauze. Irgendwo zwischen Angst und Zorn irrte ihr Blick zu Isis, die noch nicht so zu verstehen schien wie sie. Wie auch, die hatte wohl kaum Banshee gesehen und natürlich war Akru ihr Freund. Ihre Frage hatte sie schon nicht mehr gehört, war irgendwo in Angst und Aggressivität versunken. Jetzt suchte sie nach dem grauen Gesicht Akrus, ihre Muskeln zitterten. Da, da stand er, provozierend nahe an ihnen. Er redete mit Aszrem … blutverschmiert. Banshees Blut. Was hatte er getan? Averic war plötzlich da, wie aus dem Nichts stand er wenige Schritte vor ihr und starrte ebenso entsetzt wie sie auf den Grauen. Langsam trat sie auf Akru zu, das Gebiss entblößt, die Augen voller Wut …
“Was hast du mit meiner Mutter gemacht? Wenn du ihr wehgetan hast, dann schwöre ich, dass ich …“
… doch sie wurde unterbrochen. Sowohl von Akru als auch von Aszrem. Sie beide schienen schrecklich erschöpft und traurig, aber offensichtlich hatte der Graue Banshee nichts angetan. Zumindest sagte Aszrem das und ihm hätte Tyraleen vertraut. Trotzdem erklärten sie nichts sondern machten sich einfach davon. Warum erklärten sie nichts? Hier standen zwei … drei – Daylight hatte sie bis jetzt nicht bemerkt – der Welpen Banshees, die wohl alle das Recht hatten, zu erfahren, warum Akru blutbesudelt hier herumstand. Leise knurrte sie, dann glitt ihr Blick auf Averic, Daylight und den mittlerweile dazugekommenen Aryan. Alle sahen sie entsetzt aus. Vielleicht wunderte sie sich kurz, warum ihr Bruder und ihre Schwester so friedlich nebeneinander standen, aber dafür reichten ihre Gedanken jetzt nicht aus. Ihrer Mutter ging es schlecht und sie hatte verdammt noch mal das Recht darauf, zu erfahren warum. Ein letzter Blick ging zu Isis – fast hilflos – dann war sie hinter Akru Aszrem hergewetzt.
“Akru!“
Ihre Stimme überschlug sich beinahe und klang fast hysterisch. Ebenso wie unfreundlich. Egal was Aszrem verlangte – er hätte ja sein Maul aufmachen können, dann hätte sie Akru sicher in Ruhe gelassen. So aber ging das eben nicht, das war seine eigene Schuld. Sie erreicht die beiden Rüden schnell und blieb mit blitzenden Augen und einer Selbstverständlichkeit, die aus dem Nichts zu kommen schien, aufgerichtet vor ihnen stehen.
“Sag – mir – was – mit – meiner – Mutter – ist. Ich habe ein verdammtes Recht dazu! Akru, du klebst an meiner Mutter wie ein Parasit, bist nun vollgeschmiert mit ihrem Blut und machst dich davon, ohne mir oder einem meiner Geschwister auch nur ein Wort zu sagen. Dass Averic dich nicht schon angefallen hat, ist wohl nur Aszrems Verdienst, der sich aber auch nicht gerade damit rühmen kann, dich zu schützen!“
Es war nicht der Hass, der sie zu solch ungerechten Worten trieb, sondern alleine die Angst und all die sich überschlagende Aufregung. Sicher hätte sie ganz anders reagieren sollen und würde Banshee das sehen, hätte sie eine menge zu tadeln, aber in diesem verdammten Moment konnte Banshee es nicht sehen und den Grund dafür wollte Tyraleen endlich erfahren! Ganz besonders aus diesem dreckigen Maul von Akru.
Immer noch sein Ziel verfolgend trappte Rouku weiter. Der Geruch der fremden Wölfe wurde stärker, endlich kam seine Hoffnung, dass er auf ein Rudel treffen würde. Viel zu lange war er alleine, doch dies würde sich hoffentlich bald ändern. Er dachte an seine Schwester Chaiwa, ob diese auch ein Rudel gefunden hatte? Ob sie sich jemals wieder sehen würden? Diese Fragen schwirrten im Kopf des Rüden schon seit sie sich getrennt hatten. Seine Pfoten trieben ihn immer weiter bis er schließlich eine kleine Gruppe von Wölfen erblickte. Etwas verdutzt richteten sich Roukus Augen auf die Fremden. Besonders fielen ihm die beiden Fähen auf, eine davon erstrahlte in einem Weiß das er noch nie gesehen hatte, noch dazu schien sie Junge zu erwarten. Neben ihr stand eine Fähe dessen Fell eher einer Wüste gleicht. Dann bemerkte er wie die weiße Fähe zwei der Rüden folgte. Vorsichtig und mit gemischten Gefühlen tappte er auf die noch übrig gebliebene Gruppe zu.
„Verzeiht “
Erhob Rouku seine Stimme und machte einige Schritte nach vorne, begegnete ihnen mit großem Respekt. Ob sie einem Rudel angehörten? Daran mochte er nicht zweifeln, denn eine Fähe die Welpen erwartete, würde sicher zu einem Rudel gehören. Sein Blick folgte noch einmal dem Weg den die Weiße gewählt hatte, dann blickte er wieder zu der kleinen Gruppe. Der Braune senkte etwas den Kopf, was ihn noch kleiner machte als er eigentlich schon war für sein alter.
„Ich würde gerne wissen, ob hier ein Rudel weilt. “
Ob er damit nicht schon zu viel gesagt hatte? Ob Rouku die richtigen Worte gewählt hatte? Er war allein, und er hat es sich angewöhnt vorsichtig zu sein. Mit seinen kastanienbraunen Augen behielt er jedem im Blick auf eine Antwort hoffend.
Cuma hatte auf eine Antwort Malicias gewartetet, doch es war nichts gekommen. Nun, vielleicht war das auch besser. Eien weitere wunderbare Eigenschaft Malicias: Sie konnte zuhören und musste nicht dauernd irrgendeinen Kommentar abgeben. Cuma seufzte erleichtert und froh. Pltzlich hörte die Graue eine Stimme. Sie hob den Kopf und sah einen Wolf. Er war nicht besonders groß, hatte jedoch eine hübsche Fellfarbe. Cuma rappelte sich nun auf und sah Malicia freundlich an.
"Ich werde den Neuling begrüßen, ich glaube, Tyraleen hat zu tun...und Banshee kann ich nirgendswo sehen. Außerdem bin ich ja schon eine weile hier bei euch."
sagte sie, nicht ohne Stolz. Dann trabte sie etwas ungelenk auf den Wolf zu. Sie senkte kurz den Kopf zum Gruß, dann schaute die Graue mit ihren mandelförmigen Augen den Rüden an. Seine hatten eine schöne Farbe, kastanienbraun. Cumará lächelte den Fremden freundlich an, das Lächeln war nicht nur auf ihren Lefzen, auch in ihren Augen konnte man es sehen, es war ein ehrliches Lächeln. Etwas, zu dem manche Wölfe ihr ganzes Leben nicht imstande waren. Cuam sah den Fremden genau an, aber nicht stechend, einfach... neugierig.
"Willkommen, Fremder. Ja, hier weilt ein Rudel. Das Rudel der Sternenwinde. Ich heiße Cumará Tumaan. Die Alpha ist gerade nicht da, nun, eigentlich gibt es zwei Alphas. Aber ersteinmal komm doch zu uns, es ist so kalt... dort drüben ist meine Freundin Malicia. Und wie ist dein Name?"
fragte sie immer noch lächelnd und nickte dann zu Malicia um ihm zu zeigen, dass er folgen sollte. Man sah, dass ihr Bein nicht richtig mitging. Aber etwas anderes als es zu akzeptieren, blieb der Fähe nicht übrig. Sie konnte ja nicht immer Glück haben. Das wäre außerdem gegen die Natur gewesen, irgendwann musste man ja mal Pech haben. Cuma sah dem Braunen nocheinmal in die Augen. Ihre himmelblauen Mandelförmigen Augen strahlten. Endlich eine Beschäftigung. Und dann auch noch ein Neuer!
Blut. Überall Blut. Es war als würde sich der Schnee um ihn mit Blut vollsaugen. Iori schloss die Augen. Er hatte sich längst damit abgefunden dass er diese Bilder nie vergessen konnte denn es war das Blut der Unschuldigen die er getötet hatte. Aber wie hieß es doch. Es galt das Recht des Stärkeren und das war jedesmal er gewesen. Der Stärkere. Der Mörder. Mörder, Mörder der sogar Welpen zwischen seinen Kiefern zermalmt hatte. Solange bis es seine eigenen erwischt hatte. Seine Kinder, getötet durch die Zähne eines Söldner-Kameraden. Dieser hatte sich danach auf einen Kampf mit Iori eingelassen, auf einen Kampf den nur einer lebend überstehen würde. Und dieser jemand war Iori gewesen auch wenn er sich gewünscht hätte, Barkh hätte gewonnen. Denn dann müsste er nicht tagtäglich mit seinen Erinnerungen kämpfen. Dennoch ließ sich der Rüde nicht beirren und trottete weiter. Immer dem Wald entgegen. Das Tal. Dorthin wollte er. Das war doch ein schöner Ort zum Sterben. Doch was wenn dort ein Rudel lebte? Würden sie sich trauen einen Killer in ihre Reihen zu lassen? Und das so kurz vorm Frühling? Vor der Geburt möglicher Welpen? Waren sie naiv genug ihn aufzunehmen? Oder waren sie schlau genug ihn abzuweisen. Egal was kommen würde, er wollte nur einen Ort für sich selbst, vielleicht ließen sie ihn ja ins Revier, dann würde er sich zurückziehen und alle wären glücklich. Iori kannte seinen Körper, wusste von seinem zernarbten Aussehen und wie es auf andere wirken musste. Aber das hielt ihn jetzt nicht auf. Sollten sie doch mit ihm machen was sie wollten. Er blieb stehen, direkt an der Grenze um eine Anfrage zu heulen, ob er eintreten dürfe.
„Wölfe dieses Tales. Ein Alter Wolf möchte eintreten. Ist es ihm gestattet?“
Kurz und knapp. Lange Reden waren nicht sein Ding. Kurz und bündig, warum große Töne spucken wenns auch so kurz ging. Es war doch auch so alles gesagt. Warum also sollte er sich mit Worten aufhalten? Es war sowieso nie seine Stärke gewesen.
Isis zuckte zusammen. Plötzlich passierten soviele Dinge auf einmal. Akru stand vor ihnen, Aszrem daneben und sie spuckten nicht aus, was passiert war. Dann schoss Averic an ihnen vorbei, gefolgt von Ayran und alles spielte sich so schnell ab, dass Isis nicht imstande war, irgendwas zu sagen. Es blieb ihr nur fassungslos, ohne Worte die Szenarien zu beobachten. Tyraleen ging es nicht gut. Kein Wunder, Akru trug Banshees Blut an seinem Fell. Auch Averic und Daylight forderten nach Antworten bis Aszrem sie abwimmelte. Einfach so. Ein leises Seufzen entfuhr Isis, als Akru und der Braune einfach weiter liefen, aber Tyraleen stürzte sich auf sie, beschoss den Bruder im Geiste mit Worten, dringlich, mit bebender Stimme.
"Tyraleen! Warte doch!"
Isis rannte ihr nach, blieb zwischen Akru und Tyraleen stehen. Sah abwechselnd von einem Wolf zum anderen. Ihre Blicke blieben bei Akru hängen. Ihre Ohren klappten nach hinten. Eine Grimasse aus Trauer und Enttäuschung spiegelte sich in ihren Augen wieder. Zögerlich schleckte Isis dem Grauen das Blut von den Lefzen, fuhr tröstend mit ihrer Schnauze über seiner. Ein trauriges Lächeln nistete sich auf ihren Lefzen ein.
"Warum nur, Akru... Warum? Hörst du denn nicht die wehmütigen Schreie, der Kinder von Banshee? Bleib hier stehen, stelle dich ihren Fragen, ihren Beschuldigungen! Du hast es dir eingebrockt, weil du dich nicht beherrschen konntest, Akru!"
Es war erschreckend Isis mit so ernster Stimme sprechen zu hören. Aber aus der zierlichen Wölfin sprachen die Ahnen ihres Rudels. Akru musste sich stellen. Mit bebenden Körper fuhr sie nochmal mit der Zunge über seine Schnauze. Hin und her gerissen war sie, zwischen Geschwisterliebe und Verachtung. Ihre nächsten Worte waren nicht mehr so fest:
"Bei Osiris, dem Herren im Himmel! Er möge dir verzeihen, wenn du den Kindern Banshees berichtest, was du getan hast. Möge dann dein Herz wieder leichter als ein Feder sein, damit du auf ewig, begleitet von Thot, in die Gefilde der Götter eintreten darfst! Oh Akru!"
Isis drehte sich nun vollständig zu Tyraleen um. Auch ihr fuhr sie mit der Zunge über die Stirn. Jetzt, hier in dieser Situation, spürte Isis mit einem Schlag diese enge Bande, die sich zwischen sie gelegt hatte. Die Weiße hatte einen festen Platz in Isis Herzen. Man müsste es ausreißen um Tyraleen aus ihr zu entfernen.
"Tyra, liebste Freundin, ich werde nun den Rest deiner Geschwister zu euch schicken, bitte, seit gut zu Akru. Sei du es wenigstens, für mich."
Isis lächelte leicht, dann drückte sie ihren Kopf gegen die Schulter von Tyraleen um die Drei schließlich wieder allein zu lassen. Bei Averic und Daylight angekommen, blieb sie vor den beiden stehen. Besonders ruhte ihr Blick auf Averic. Er war ein wundervoller Gefährte für Tyraleen. Das wusste sie.
Im vorbei gehen sprach sie leise zu den Geschwistern:
"Geht zu Akru und Tyraleen, aber bitte lasst nicht Fenris in euer Herz. Er ist nicht böse, er ging leider nur seinen Weg."
Die Pfoten der Wüstenwölfin trugen sie wieder zurück zum Rudelplatz. Dort standen Cuma, eine schwarze Fähe und... ein anderer Rüde. Ein Fremder. Er sah freundlich aus. Isis gesellte sich zu der Gruppe. Immerhin brauchte sie nun Ablenkung und der fremde Rüde war einfach perfekt. Während Isis sich ihnen näherte, ruhten ihre Blicke auf seinem Fell. Er sah nicht schlecht aus und als sie vor ihm stand, war alles andere vergessen. Selbst die Enttäuschung von Rime.
"Sei gegrüßt, ich nehme an mit Cuma hast du schon Bekanntschaft gemacht. Mein Name ist Isis und wer bist du?"
Ihre Rute pendelte nun schon wieder umher, jedoch nur leicht. Kurz ließ die Schwinge des Osiris ihren Blick schweifen. Es hatten sich schon eine ganze Menge Wölfe aus dem Platz versammelt, aber die Ereignisse schienen sich auch zu überschlagen.
"Leider bist du genau zu uns gestoßen, wo wir grade eine Menge um die Ohren haben. Banshee und Nyota, unsere Alpha, befinden sich noch auf dem Revier, hier irgendwo und na ja, wir warten alle auf sie. Unsere Beta, Kaede, ist dorthinten und der andere steckt auch irgendwo im Wald. Aber sicherlich werden sie nichts gegen dich haben, es sei denn du hast vor Unruhe zu stiften."
Die Warnung war nicht glaubwürdig, denn ein freundliches Lächeln zierte Isis Augen und ihre Lefzen.
Wundervoll hallte Liam's Lied auf der Lichtung wider. Kandschur war sich fast sicher dass das Lied seines Gefährten schöner und kraftvoller als sein eigenes war aber es machte ihm nichts aus. Es zeigte doch nur dass Liam bereit war sein eigenes Leben an Kandschur's zu binden und auf ewig bei ihm zu bleiben. Kandschur fühlte sich schwerelos. als würde eine riesige, golden leuchtende Hand ihn sanft emporheben, den Wolken entgegen. Zaghaft trat er an Liam heran, drückte seine Nase kurz in das Fell des anderen ehe er wieder den Kopf zu einem heulen emporreckte und sein eigenes Lied mit dem Liam's vereinte. Das gemeinsame Lied war gewaltig, die Melodie dröhnte und schwang sich wie ein Vogel zum Himmel empor. Es füllte jede Zelle im Körper des Schwarzen mit klingender Musik und purer Freude aus, vibrierte durch seine Seele und brach schließlich mit aller Liebe aus seinem Maul hervor um sich wieder mit dem Lied zu vereinen. Kandschur hatte das Gefühl, seine Beine würden wegrutschen aber er stand felsenfest im Schnee, das Brustfell beider Rüden berührte sich und jagte ihm Schauer über den Körper.
oO(oh Buddha lass es nicht aufhören)Oo
Es war so berauschend. Fast wie eine Droge jagte ein Gefühl nach dem anderen durch seine Adern. Es erfüllte ihn mit Stolz dass Liam seinen Weg mit ihm teilte. Buddha wollte es so. Es war okay
Wie immer schaffte es Amiyo auch jetzt Kylia mit seinem Dasein und seiner Wärme zu beruhigen. Egal, wie groß und stark er war, gegen das Nichts würde er kaum angehen können, trotzdem fühlte sie sich bei ihm geboren und geschützt. Er würde nie zulassen, dass ihr etwas passiert. Seine Zärtlichkeiten ließen sie beinahe ihre Angst vergessen. Doch im nächsten Augenblick trat er einen Schritt von ihr weg und sah nachdenklich an ihr vorbei. Zittern und hilflos stand Kylia und konnte erst wieder richtig atmen, als er zu ihr zurückkam. Seine Worte streichelten ihre Seele, sie mochte es, wenn er sie Schmetterling nannte. Leicht wie der Wind, immerzu Glück bringend und sorglos. Davon war sie heute nur leider weit entfernt. Angst lähmte ihre Flügel, ebenso wie sie ihr Lachen erstickt hatte. Die so deutlich spürbare, endlose Liebe Amiyos wollte sie erfreuen, aber ganz schaffte sie es nicht. Der Graue hatte nicht gesehen, was sie gesehen hatte; er wusste nicht mal, was überhaupt geschah. Sie sah in seinen Augen, dass er sich nicht traute zu fragen, aber natürlich wissen wollte, was diese schreckliche Angst in ihr auslöste. Nur, wie sollte sie beschreiben, was sie gesehen hatte? Sie hatte es schon bei Nyota nicht geschafft. Hilflos hingen ihre Augen einige Sekunden an dem fragenden Blick ihres Gefährten, dann drückte sie sich wieder eng an ihn und versuchte, die richtigen Worte zu finden.
“Im Süden ist ein Bereich … da ist einfach nichts. Kein Loch, kein Baum, keine Erde, kein Abgrund … einfach nichts. Es schluckt alles, was ihm zu nahe kommt … und es wächst, breitete sich aus, schluckt immer mehr!“
Wieder schloss sie die Augen und erinnerte sich an das Gefühl der Blindheit, wenn man zu lange in die Leere sah.
Seufzend drehte Kaede ihren Kopf zu Urion, als dieser zu ihr trat. Auch sie hatte den Ruf Nyotas vernommen und fühlte sich doch nicht recht in der Lage auf ihn zu regieren, obwohl sie natürlich wusste, dass sie es letzen Endes doch tun musste. Und auch wollte. Sanft knuffte sie Urion mit der Schnauze an die Schulter. Er motivierte sie und vorsichtig erhob sie sich, spürte wie sehr die Welpen an ihrer Kraft zehrten und gleichzeitig wie wohl sie sich mit ihrem dicken Bauch fühlte, trotz dieser Schwäche. Sie blickte zu Kylia die von irgendetwas erzählte, was sie gesehen hatte. Schrecken breitete sich in ihren toten Augen aus und ein Schauer durchlief ihren Körper. Sicher waren sie deshalb zusammen gerufen worden. Warum musste das gerade jetzt passieren, wenn die Welpen geboren werden würden. Bald. Was auch immer es war, es musste sehr furcht einflößend sein, denn sie konnte spüren, wie sehr Kylia, vor dem nichts, wie sie es nannte, Angst hatte. Kaede konnte sich wenig darunter vorstellen. Und gleichzeitig so viel. Nichts, das war genau das, was sie sah, tagein, tagaus war sie von nichts umgeben. Da fiel ihr ein, dass dies nicht ganz stimmte, sie spürte die Dinge, ihre Gegenwart, wahrscheinlich spürte man in diesem nichts auch nichts mehr. Es erschien ihr als sehr verwirrend. Vorsichtig trat sie einen Schritt zu der Fähe und legte beruhigend ihre Schnauze auf den Rücken von ihr.
„Kylia, auch wenn es furcht erregend ist, bitte versuche dich ein wenig zu beruhigen, wir versammeln und schließlich und wollen erstmal keine Panikwellen verbreiten. Das wird natürlich nicht zu vermeiden sein, wenn wir beziehungsweise du erzählen, was du gesehen hast, aber wenn wir so sicher wie möglich auftreten, werden die anderen Wölfe sich nicht sofort so bedroht fühlen und wir können ruhiger schauen, wie wir dagegen angehen können, wenn es denn einen Weg, eine Lösung dafür haben oder finden können! Vielen Dank, dass du sofort damit zu Nyota gegangen bist. Nun sollten auch wir uns auf den Weg machen und zu dem Rest des Rudels stoßen!“
Sie verstummte und schnoberte noch einmal sanft durch ihr Fell, ehe sie zu Urion zurück trat und ihre Kräfte mobilisierte. Sie war froh ihn neben sich zu haben, sie spürte wie er ihr Kraft gab und sie stärkte sich zu bewegen, auch diese Last noch mit sich zu tragen. Sie stupste ihn abermals an und fing dann langsam an in Richtung des Sees zu laufen, wobei sie darauf achtete, dass er neben ihr blieb, sodass sie sich mit ihm unterhalten konnte.
„Geliebter. Schön dich wieder zu sehen. Wie du siehst habe ich mich in eine kleine Kugel verwandelt und ich muss dir sagen, obwohl ich sehr schwach bin, habe ich mich schon lange nicht mehr so toll gefühlt, wie jetzt, mit dir an meiner Seite und unseren Welpen in meinem Bauch. Ich kann sie schon sehr gut spüren, weißt du. Ich rede auch mit ihnen, wenn wir eine stille Minute haben kannst auch du mit ihnen sprechen. Ich bin mir sehr sicher, dass sie uns hören können. Genauso wie ich mir sicher bin, dass es eine Fähe und zwei Rüden werden. Ich will es nicht beschwören, doch ich bin mir schon recht sicher. Ich glaube, ich habe es einfach im Gefühl… Hast du besondere Wünsche bei den Namen? Mir schwirren so viele im Kopf herum… Wobei sie die Namen ja eigentlich erst bei der Zeremonie bekommen. Ach, es gibt noch so viel zu klären und so viel zu bereden. Du glaubst es gar nicht wie aufgeregt ich bin! Bist du auch so aufgeregt?“
Schon lange hatte sie nicht mehr so viel gesprochen, dabei war sie doch eigentlich immer eine Gespräche liebende Fähe gewesen. Doch in letzter Zeit hatte sie sich viel zurückgezogen, ihre Kräfte gespart und gut eingeteilt. Anscheinend war es eine kluge und weise Entscheidung gewesen. Es schien viel auf sie zuzukommen. Auf das ganze Rudel. Nun war Zusammenhalt und Vertrauen gefragt. Vertrauen in die Alphawölfe, vertrauen auf das ganze Rudel.
Eine Menge war passiert in der letzten Zeit, generell seit dem Ilias zu diesem Rudel gehörte. Doch erst der Streit mit Sheena und Nienna, der letztendlich nichts neues war, aber noch viel schlimmer Zacks Tod hatte den Rüden schwer getroffen. Zack, sein Mentor, eine art Vater, auch wenn er gar nicht allzu viel mit ihm zu tun hatte, bedeute ihn einfach sehr viel, denn er hatte in ihm einen Lehrer gesehen, der Ilias auf seinen richtigen Weg bringen konnte, seinen Kontakt zu Sheena verbessern und ihm seine Gelassenheit beibringen. All das, konnte er jetzt vergessen, da sein Freund gestorben war. Noch dazu war Sheena irgendwie sehr verschwiegen und Nienna hatte er auch ewig nicht mehr gesehen geschweige denn gesprochen. Ilias fühlte sich einsam, und so lief er auch einsam durch die dickste Schneedecke, die er je erlebt hatte. Zum ersten mal fror er richtig und wünschte sich mehr denn je Nähe zu einer Fähe. Glück hatte er da ja noch nie wirklich gehabt.
o0 Ich bin wohl einfach zu kompliziert 0o
So schritt er weiter, machte immer mehr Abdrücke in den Schnee und lief weiter, in Richtung weißen Nebel. Sehen konnte man ab einigen Metern nichts mehr außer einem gräulich-weißen Nebel. Ilias hatte die Orientierung verloren, wusste nicht mehr wo Norden oder Süden war und sein Geruchsinn war auch durch die eisige Kälte nicht mehr zu gebrauchen.
Endlich hörte er Urion rufen, sie sollen sich alle am See treffen, was wohl ein direkter Befehl von Nyo war. Ilias freute sich, seinen Weg wieder gefunden zu haben und auch wieder mit Wölfen zu kommunizieren, denn das hatte er lange nicht mehr getan. Er vereinsamte auf eine gewisse Art und Weise, denn er wollte erst einmal wirklich klar kommen, sein Chaos im Kopf aufräumen, merken, wen er wirklich liebte. Sehr bald würde er am See ankommen, Nienna wieder sehen, aber auch Sheena. Mit den anderen hatte er leider kaum was zu tun.
o0 Was wurde wohl aus Izual? Er sollte warten, hat es aber nicht getan... Nett war er ja, wenn auch etwas dunkles in ihm war. . . 0o
"Egal!"
murmelte Ilias leise zu sich selbst. Bilder waren in seinem Kopf, Wünsche die sich zu Tagträumen verwandelten... Ilias lief einen mit Blumen bewachsenen Hügel hinunter, entgegen dem Sonnenuntergang. Er war auch nicht allein. Die Fähe neben ihm war Nienna. Sie trollten umher, alberten rum und hatten spaß, genossen den Sonnenuntergang und genossen ihre Nähe. Ilias schüttelte sich aus, um wieder in die Realität zurück zu kommen. Wieder war er allein, in der Kälte...
Niennas Stimme hallte noch leise aus seinem Tagtraum raus, bevor er wieder der kompletten Stille ausgeliefert war.
o0 Bedeutest das, dass ich jetzt endlich weiß, wen ich liebe? 0o
Ilias schritt weiter durch den Schnee, immer dem Ruf entgegen, immer in Richtung See.
Es war kein Bild für die Augen, dass sich einem Beobachter bieten würde, sähe er die Schwestern im Blute - es war ein Bild für das Herz, denn die Augen waren nicht fähig das Leid und die Trauer dieser Momente gebührend zu behandeln. Mal um mal strich sie ihrer Schwester durchs Fell, schob dann die Schnauze wieder an Banshees Hals und drückte sie gegen das weißrote Fell. Die Augen geschlossen und von Tränen gerahmt hörte sie Banshee im ersten Moment wie von fern, als müsse ihre Stimme sich erst einen Weg durch die Laken aus Schnee und Traurigkeit bahnen, um die Ohren der Schwarzen zu erreichen. Aber es gelang, und den Kopf hebend und über Banshees Schulter legend hörte sie ihrer Schwester zu, mit jedem Wort genauso leidend und Banshees Verzweiflung in sich aufsaugend wie ihr Fell das Blut. Wieso nur, wieso nur?
'Kann denn Liebe Sünde sein?'
Die Nase wieder in Banshees Fell steckend schlug sie die Augen auf, richtete sich ein klein wenig auf um der Weißen besseren Halt zu bieten und begann ihr das Blut von der Schnauze zu waschen.
"Oh kleine Schwester"
begann sie leise, und drängte mit dem Kopf sanft gegen Banshees, nicht zu stark um sie nicht zu sehr zu beanspruchen, aber so kräftig dass sie sie gut spüren würden. Zu gerne wollte sie ihr sagen dass alles gut würde, das Engaya zurückkehren würde, dass das alles nie geschehen war - aber so war es nicht. Nyota hatte nie einen besonderen Draht zu den Göttern gehabt, aber dass der Tod von Welpen, die nie Leben durften, nicht gerade einer Verwarnung gleichkam war auch für sie nicht zu übersehen.
"Dort wo ein Feuer gebrannt hat wachsen im nächsten Frühjahr die Bäume neu"
flüsterte sie, und lies die Zunge weiter durch Banshees Fell gleiten.
"Ich bleibe immer bei dir"
schloß sie, die nachfolgenden Worte nicht aussprechend, um Banshees Herz nicht weiter zu betrüben. Stattdessen schob sie sich nocheinmal näher, und legte ihr den Kopf auf die Seite.
Ahkuna spitze leicht ihre kleinen Ohren und ihr Herz raste immer noch vor Freude. Es war die Freude endlich wieder aus dem Schneeloch heraus gekommen zu sein. Es war zwar keine wirklich lange Zeit aber für die kleine Welpin umso länger. Dann hörte sie plötzlich einen Ruf von irgendwem nur konnte Ahkuna nicht richtig deuten von wem er kam. Deswegen drehte sie ihren Kopf ganz leicht nach links und lächelte. Ihre Rute wedelte freundlich hin und her als wäre ihr etwas ziemlich schönes für ihr Leben wichtiges passiert. Im Prinzip war es wichtig aus einem Schneeloch heraus zu kommen, aber nichts wirklich etwas Tolles wovon sie erneut in 2 Wintern erzählen könnte. Was sie Kleine nicht bemerkte war natürlich das Ayran dicht vor ihr war. Der Grund weswegen sie sich erschreckte war auch genau dieser. Sie drehte ihren Kopf wieder nach vorne und erhob sich plötzlich um einige Schritte rückwärts gehen zu können. Wieso waren alle Rüden immer so erschreckend..? Sie schüttelte langsam ihr Fell leicht auf und nickte dann auf die Frage ob es ihr auch wirklich gut gehe. Dann drehte sie sich zu dem großen Grauen. Cyriell. Sie lächelte ihm siegessicher entgegen und nickte ein wenig. Vielleicht war es selbstverständlich, aber für Ahkuna eine Heldentat ! Plötzlich bekam sie über den Kopf geleckt und eine Freudenwelle durchzuckte die Kleine. Irgendwie hätte er können auch ihr Vater sein, aber das war er nicht. Sie lächelte immernoch leicht und kam gar nicht mehr aus dem Dauergrinsen heraus. Nun erwähnte er etwas von wegen zum Rudelplatz laufen. Die Weiße zuckte sichtbar zusammen. Durch den Schnee. Sie schüttelte sich leicht und versuchte sich groß zu machen. Dann tapste sie ihm langsam hinterher durch seine Pfotenabdrücke ganz dicht hinter ihm, um nicht vom Weg ab zu kommen.
“…Danke, dass du auf mich aufpasst..! v
Kam es kleinlaut aus ihr hervor, ehe sie sich ihm dicht an die Versen heftete und ihm folgte. Dann blickte sie auf den Boden und beobachtete seine Abdrücke. So groß. Sie blieb stehen und legte ganz langsam ihre Pfote in eine seiner Abdrücke hinein. Es war ein großer Unterschied.
o.O(Ich will auch mal so groß sein..! Groß und stark..Dann kann ich jedem helfen..)
Dachte sie sich kurz und grinste bei dem Gedanken groß und stark zu sein. Sie wäre wohl unter Menschen dann ein Mannsweib, aber unter Wölfen? Eine starke Fähe. Dann war schon ein kleiner Abstand zwischen den Beiden und sie rannte ihm eifrig hinterher, sogar zu schnell und sie schubste ihn ganz leicht an den Hinterläufen. Sie blieb ganz kurz stehen. Sie sah eine Fähe, Ruiza so hatte Cyriell sie vorhin genannt. Ganz brav sinkte die Kleinere auf ihr Hinterteil und stützte sich auf ihren Vorderpfoten ab. Dann blickte sie in die Augen der Fähe und sie konnte erkennen, dass ihre Seele brannte. Bei Shariku war es auch immer so gewesen. Sie konnte nie etwas sagen oder sich beklagen, aber in den Augen konnte man immer sehen wie traurig sie wirklich war, oder wie toll grade etwas war.
“..Ahkuna…AHkuna Caiyé !”
Raunte sie der Fähe entgegen und stellte sich sogleich wieder auf. Sie wollte nicht klein gekannt werden. Erneut versuchte sie sich größer zu machen.
"Ist alles... naja, okay?"
Kaum hatte er die Frage gestellt, kam er sich schon dämlich vor. Es war eben nicht alles in Ordnung, andernfalls hätte die Weiße jawohl kaum so verzwifelt geklungen, auch wenn sie sich jetzt Mühe gab, sich nichts anmerken zu lassen. Sie lächelte sogar wieder! Und schon war der Graue am Überlegen, ob er sich ihr Traurigkeit nicht nur eingebildet hatte, ob er es falsch gedeutet hatte. Diese Ungewissheit verunsichert ihn zusätzlich - wäre er ein Mensch, würde er nun puterrot im Gesicht werden.
"Ich weiß auch - hab auch nur den Ruf gehört, und für mich klang es ziemlich ernst...",
erklärte er wahrheitsgemäß und lächelte leicht, als Ruiza verkündete, sich Ahkuna und ihm anzuschließen. Die Jungfähe stellte sich auch sogleich artig vor, als die Weiße sie grüßte, und er schenkte auch der Kleinen ein weiteres Lächeln, als sie sich bei ihm bedankte.
"Kein Problem, mach ich doch gerne",
antwortete er ihr und stellte mit einer gewissen Verblüffung fest, dass das tatsächlich stimmte. Zwischen den anderen, erwachsenen Wölfen des Rudels fühlte er sich teilweise unwohl, die Welpin weckte dieses Gefühl jedoch nicht in ihm. Vielleicht lag es daran, dass er selbst noch so jung war und sich manchmal noch wie ein Welpe fühlte - wie damals, als Aryan noch bei ihm gewesen war. Alles war so... unkompliziert gewesen. Cyriell wandte sich halb um und machte Anstalten, den Weg zum Rudelplatz fortsetzen zu wollen, als sich ihnen ein weiter Welpe - äh, Jungwolf, näherte. Er war weiß wie Ahkuna, aber seine Augen leuchteten geradezu rot. Für einen kurzen Moment durchzuckte ihn die Frage, ob der junge Rüde vielleicht an den Augen verletzt sei - das rot wirkte blutig im Kontrast zu dem weißen Fell, wie Blut im Schnee.
"Ähm, keineswegs - wir gehen zum Rudelplatz, komm ruhig mit..."
So sehr Cyriell auch grübelte, ihm fiel der Name des Rotäugigen einfach nicht ein. Dabei war er sicher, ihn schon gehört zu haben, und es lag ihm quasi auf der Zunge. Aber je stärker er nachdachte, desto mehr schien ihm der Name zu entgleiten. Der Graue traute sich nicht, nachzufragen, wollte er sich doch nicht auch noch lächerlich machen. Wenn er Glück hatte, würden Ahkuna oder Ruiza ihn beim Namen nennen, bevor er in ein fettnäpfchen treten konnte...
Averic starrte Akru an, als wolle allein sein Blick ihn wie Messer durchdringen und alles blank legen, was es zu erfahren galt. Und doch hatte er das Gefühl, schon zu viel zu wissen. Als der Graue sich aufrichtete, es gar wagte sich groß zu machen, mischte sich doch Wut in sein um die Mutter besorgtes Gemüt. Kribbelnde Wut, Zorn, der ihm die Nackenhaare aufstellte und seinen Schnauzenrücken kraus werden ließ. Von seiner Antwort nahm er kaum Notiz, es war nicht das, was der Pechschwarze hören wollte. Das, was dieser Mistkerl da sagte, wusste er selbst bereits! Ein dumpfes Grollen verließ seine Kehle, auch Azrem machte es nicht besser. Akru habe seiner Mutter nichts angetan, sagte er ... nichts angetan! Und leiden täte er ach so schrecklich. Und Banshee!? Seine Mutter!?
Averic wollte grade losstürzen, als sie beide die Frechheit besaßen sich einfach ab zu wenden, da stürmte schon Tyraleen an ihm vorbei – gefolgt von Isis – deren Anteilnahme er bis jetzt gar nicht registriert hatte. Eben so wenig, dass Daylight und ein Schwarzer bei ihm standen. Doch an sie verschwendete er auch jetzt noch keine Gedanken, sondern preschte los. Denn nun ging es nicht nur darum, alles aus Akru heraus zu quetschen, dessen Verfassung ihm dermaßen egal war, sondern auch um den Schutz seiner Gefährtin. Er vertraute diesem Mistkerl kein Stück, traute ihm wirklich alles zu. Der Pechschwarze hatte nicht vergessen, wie der Graue manchmal auch Tyraleen angesehen hatte.
Er ignorierte Isis, dessen Worte ihm gegenüber fast schon an einen schlechten Witz grenzten. Fenris nicht ins Herz lassen – weswegen war er hier, verdammt!? Aber ihre vorherigen Worte, zumindest ein Teil von ihnen, hatte sich in seinem Kopf mit festgesetzt. Den sinnfreien Rest blendete er genau so aus. Weil du dich nicht beherrschen konntest.
Ebenso wütend, sogar mit aggressiv aufgerichteter Rute, blieb Averic neben seiner Schwester stehen. Das Bild von Fenris mit dem blutigen Bündel im Maul brannte immer noch auf seiner Netzhaut.
„Lügner!“
Natürlich hatte er ihr etwas angetan! Was spielte es dabei für eine Rolle, ob körperlich oder seelisch?! Es tropfte in seinen Ohren und fast meinte er, seine Mutter leise weinen zu hören. Oh, er wollte diesen Wolf in Stücke reißen!
„Was hast du getan?! Ich will es aus deiner dreckigen Schnauze hören!“
Averic bleckte die Zähne. Seine Stimme hatte den entsetzten Tonfall längst verloren, klang nur noch zornig, fordernd. Es war keine direkte Frage mehr, nur die barsche Aufforderung zu einem Geständnis. Zur Wahrheit. Seine Krallen drückten sich fest in den Schnee, damit er nicht ausrastete und den Grauen doch anfiel. Akru war Schuld daran, dass es seiner Mutter schlecht ging. Das war unverzeihlich, allein dafür sollte er ihn in Stücke reißen! Aber auch da gab es den Zwiespalt, dass es Banshee dadurch kaum besser gehen würde. Widerlicher Mistkerl!
Und einen Moment lang, erinnerte er ihn fast an Acollon. Doch da war nur der Hass, der dem gleich kam.
Ein wirbelnder Strom aus Gefühlen jagte durch ihren Körper. Da war Averics Zorn, Tyraleens Hass, Akrus Schmerz und auch ihr eigener. Und dann war Aryan da, ihr Aryan, seine Zunge auf ihrem Gesicht, doch sie nahm ihn kaum wahr, beachtete ihn kaum, war einfach froh, dass er da war – an ihrer Seite. Kurz schmiegte sie ihren Kopf an seinen, warf ihm einen dankbaren Blick zu, ehe sie Tyraleen und Averic nachjagte, die dem Grauen gefolgt waren, und kam schließlich schlitternd an der Seite ihrer Schwester zum stehen.
„Tyraleen... Averic...“
Sie sprach die Namen ruhig, schloss für einen Moment die Augen und ließ den Blick dann von Tyraleen zu Averic wandern, dann kurz zu Akru und Azsrem, ehe sie schließlich wieder ihre Schwester ansah. Honigfarben traf auf Bernstein.
„Er hat ihr nichts getan, bestimmt nicht... das muss ein Irrtum sein...“
Ihr Blick glitt zurück zu Akru, musterte ihn aufmerksam, fast flehend.
{Bitte, Akru, du darfst es nicht gewesen sein... bitte... mach uns nicht alles kaputt... bitte.}
Er musste einfach die Wahrheit gesagt haben. Es musste einfach alles gut werden. Doch während sie ihn noch anblickte, machte sie einen unmerklichen Schritt zur Seite, sodass ihre Flanke zaghaft die ihrer Schwester berührte. Sie hatten nie viel miteinander zu tun gehabt, hatten kaum Zeit miteinander verbracht, doch jetzt, in diesem Moment fühlte sie sich mehr zu Tyraleen hingezogen als je zuvor. Egal was auch passiert war, Tyraleen war ihre Schwester, genau wie Averic ihr Bruder war und das würde auch so bleiben, immer. Daylights Augen fixierten den Grauen noch immer, wanderten erst jetzt wieder zu ihrer Schwester zurück, die nächsten Worte glitten wispernd und nur für die Weiße vernehmbar über die schwarzen Lefzen.
„... Tyra...“, die Schnauze der kleinen Wölfin zuckte kurz. „... und sollte er doch eine Schuld tragen, dann denk an eure Welpen... bitte... dann ist er es auf keinen Fall wert.“
Kurz, fast fragend, mit einem weiteren unsicheren Blick lehnte sie sich an die Gleichaltrige, schaute dann Averic an, wieder etwas Flehendes in den Augen. Sie wollte nicht, dass ihm etwas zustieß, diese Welpen brauchten einen Vater, eine Mutter, eine Großmutter...
Daylight Gedanken begannen sich zu drehen, glitten hinfort zu Banshee, nur ganz kurz, ehe sie wieder im hier und jetzt war. Eines war klar, sie würde Averic nicht zurückhalten, selbst wenn sie es gekonnt hätte... sollte Akru tatsächlich Schuld an dem Leid ihrer Mutter sein, dann war es nur richtig, wenn auch er dafür litt, nur durfte dabei kein Unschuldiger zu Schaden kommen. Nicht Averic, nicht Tyraleen und auch nicht deren ungeborene Welpen. Ihre eigene Gedanken verschreckten sie, doch in diesem Moment, in der ihr Herz vor Gefühlen platzen wollte, in dem der Strudel aus Wut, Hass und Sorge sie beinahe verzehrte, war die Liebe, die für ihre Mutter und ihre Geschwister um ein vielfaches größer, als ihr Wunsch für Frieden und Harmonie. Betrübt senkte Daylight den Blick, stand noch immer so dicht an Tyraleens Seite, dass sie die Wärme ihrer Schwester körperlich spürbar war, genauso, wie die Anspannung, die so offensichtlich in der Luft lag, dass man sie wittern konnte. Dabei sollte doch jetzt eigentlich alles gut sein, jetzt, wo sie glücklich sein sollte, mit Aryan, jetzt wo sie ihr Tal endlich zurück hatten... jetzt.
03.01.2010, 23:39
Sie schmissen sich auf ihn, wie die Schmeißfliegen auf die Scheiße. Sie überschritten die unsichtbare Linie zur Unantastbarkeit eines jeden Wolfes. Sie verletzten seine Person, seine Gefühle, seine Würde. Aber es war nicht das, was ihn störte. Nein, denn er war es mittlerweile gewöhnt. Und dass das kleine weiße Prinzesschen auf ihr Recht; ihren Egoismus; beharrte, war dem Graue genauso egal. Doch als Isis; seine kleine Isis; ihm die Schuld an dem ganzen Passierten gab- ohne zu wissen, was wirklich geschehen war- legte sich ein irrer Schatten unter seine Augen. Warum waren diese Arroganz und diese Selbstverliebtheit der Anderen so viel wichtiger als er selbst? Warum konnten sie nicht sehen, dass es auch ihm schlecht ging und er wohl genauso zu leiden hatte? Glaubten sie tatsächlich, dass er Banshee verletzt könnte? Waren sie wirklich so blind und dumm? Ja, das waren sie wohl. Anders konnte sich der Hüne es nicht erklären- und wollte es auch nicht.
Ihm war es gleichgültig, wenn sie ihn für bizarr und merkwürdig hielten, aber für einen Mörder?! Nun gut, er hatte schon gemordet. Seinen eigenen Bruder in den Tod gestürzt und dies mit dem vollwertigem Wissen, was er tat. Aber das töten, was er liebte? Seine eigenen Kinder töten?
“Ach Tyraleen, bleibe lieber bei den Dingen, die Du gut kannst: in Deiner eigenen kleinen traurigen Welt verweilen, wo nur Du und Dein geliebter Averic Platz haben. Oder warum sonst weißt Du nicht, was mit Deiner Mutter los ist? Hm? Ja, genau, weil es Dich bis zu diesem Zeitpunkt nicht interessiert hat. Weil es ja sein könnte, dass Deine Mutter tot ist, und Du nun ganz alleine dastehen müsstest, ohne die so immer hilfreiche Unterstützung Banshees. Oder hast Du bemerkt, wie schlecht es ihr ging, wie einsam sie war? Hast Du bemerkt, wie sie sich mehr und mehr zurückzog? Hat es jemand anderes bemerkt? Hat jemand ihre Schwäche, ihre Trauer gesehen? Hat es Dich überhaupt interessiert? Wenn ja, warum hast Du ihr nicht geholfen? Tatsache ist, Du warst nicht für sie da, obwohl sie sich nichts mehr gewünscht hätte. Weil sie Dich liebt, weil sie alle ihre Kinder liebt.“,
seine Stimme wurde heiser. Und obwohl es harte Worte waren, schienen seine Gesichtszüge weicher zu werden. Er wollte ihr nicht die Schuld an dem ganzen Dilemma geben, aber ihr die Augen öffnen. Immerhin war es so, dass nur er der Weißen helfen wollte und überhaupt sah, wie es ihr ging. Vielleicht vermochte die kleine Tyraleen Vieles einfach nicht sehen zu können, weil sie mit ihrem harten Schicksal so gut wie alleine war. Aber das war Banshee auch.
“Ich liebe sie. Ja, ich liebe Banshee, Deine Mutter. Ich sah sie und wollte bei ihr bleiben, obwohl ich die Hintergrundgeschichte kenne. Ich wusste, dass sie einen anderen Rüden liebt und sich mehr als Alles andere wünscht, dass er wieder bei ihr wäre. Und… nun ja. Sie schenkte mir eine Nacht. Ich vermochte nicht zu widerstehen, hatte ich mir nichts mehr gewünscht, als ihr nahe zu sein. Gegen jedes Missverständnis, gegen jede Abscheu, gegen jeglichen Hass. Mir war es nicht egal, aber ich wusste, dass nur dies, der richtige Weg war. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn der Grund, warum Banshee am Boden zerstört ist, und warum ich in diesem Leben keinen Sinn mehr finden werde, ist…“,
er brach ab. Seine Stimme versagte. Er glaubte nicht auf das Verständnis Tyraleens. Er wusste, wie seltsam diese Geschichte klang. Umso mehr fühlte er, wie das Versprechen gegenüber der Weißen zu Bruch ging.
Ein kurzer Blick zu Aszrem auf; er hatte es auch gesehen. Konnte er die Worte aussprechen, die dem Grauen so schwer fielen? Schließlich traf auch Averic ins Geschehen. Provozierend und je arrogant wie immer. Und der Graue verlor allmählich aber sicher die Geduld. Es war ihm gleich, ob der schwarze Rüde irgendwelche Defizite mit seinem Verhalten kompensieren musste, aber eines war klar: es war fehl am Platz und nervte. So wurde ihm nur ein kurzer Blick zugeworfen.
“Averic, halt einfach mal die Schnauze! Du mit Deiner provokanten Art kannst mir gestohlen bleiben, denn wer was von mir will, kann es auch vernünftig vorbringen, klar? Das gilt auch für Dich, mein Lieber“,
schnarrte er dem Schwarzen entgegen. Und es war ernst gemeint. Schließlich trudelte auch Daylight ein, sie allerdings schien nicht zu glauben, dass er der Weißen wirklich hätte etwas antun können. Akru verspürte Dankbarkeit. Ein schwaches, hoffnungsloses Lächeln trat auf seine Lefzen. Aber noch immer war der Schmerz in seinen Zügen abzulesen. Noch immer war es unbegreiflich für ihn. Noch immer schien die Realität in weite Ferne gerückt zu sein. Jetzt nicht, nicht hier. Der Graue hoffte einfach nur, dass Aszrem jetzt das sagen würde, was für ihn nach wie vor unaussprechbar war.
Amáyas Worte spülte eine Welle der Erleichterung durch seinen Körper. Die Sorge verschwand zwar nicht gänzlich, wurde aber weitestgehend abgemildert. Er bauchte also keine Angst zu haben dass... was-auch-immer aus ihm werden könnte, nur weil ihm Zacks Tod nicht so nahe ging. Dennoch blieb es ein merkwürdiges Gefühl, um diesen Unterschied zu den anderen zu wissen, aber wenn er Amaýas Worten glauben schenkte - und das wollte er, oh ja - war das nicht schlimm. Zumindest, solange ihn andere Dinge brührten, solange er etwas mpfnd für die Wölfe, die ihm nahe standen. Vielleicht musste es immer zumindest einen geben, der irgendwie anders über de Dinge dachte, und es hatte in diesem Falle ihn getroffen. Kein Grund, sich sorgen zu machen. Das Lächeln kehrte auf die Züge des jungen Rüden zurück, und nun lag keinerlei Unsicherheit mehr darin.
"Danke, Amáya. Ich verstehe zwar nicht, wieso ich derart gleichgültig bleiben kann, aber es ist wohl einfach so, hm?"
Von irgendwo aus Richtung des Rudelplatzes oder noch eiter weg, drang ein neuer Ruf zu ihnen. Es war Akru, der nach Nyota rief. Der Laut erinnerte Jakash daran, dass er eigentlich längst beim Rudelplatz sein sollte, aber wie es schien, wurde seine Tante woanders gebraucht - er hatte also noch Zeit. Was konnte überhaupt so dringend sein, dass gleich das ganze Rudel herbeizitiert wurde? Vermutlich nur irgendeine Ansage, die alle hören sollte, und die konnte er sich später von irgendjemandem erzählen lassen. Das Rudel war so groß, es würde Nyota besimmt nicht auffallen, wenn er nicht da war.
Jakashs Gedanken kehrten zu Amáya zurück. In seinem Kopf manifestierte sich eine neue Frage, die er sich nicht getraut hätte zu stellen, wenn Amáya nicht bereit gewesen wäre, auf seine vorherigen Fragen einzugehen.
"Amáya? Hast du eigentlich jetzt noch jemanden, den du beschützen möchtest?"
Immerhin war sie ja kein gefühlloses Monster - vielleicht im Moment nur mehr Dingen gleichgültig gegebenüber als er selbst es gerade war...
Die Weiße kuschelte sich kurz an ihn, zeigte Zärtlichkeit, und war schon wieder verschwunden. Es war ihr wichtig, und die Sorgen waren ihr ins Gesicht geschrieben. Und Aryan verstand und akzeptierte, dass es gerade Prioritäten gab. Sie war nicht leicht unterzukriegen, und mit ihrer Wärme wusste sie auch ohne eine Auseinandersetzung zum Ziel zu kommen. Ein leichtes Gefühl von Stolz legte sich um sein Herz. Sie war seine Gefährtin. Lediglich der Schwarze machte ihm einen unheimlichen Eindruck, er war fröstelnd. Aber in ihm sah der Junghüne keine Gefahr, es war der Bruder. Vergessen war der Grund, warum er Daylight aufgesucht hatte. Wollte er sie eigentlich in Sicherheit, am See, wissen. Allerdings schien es im Angesicht der neu aufgetretenen Tatsache völlig untergegangen zu sein.
.oO(Argh, nicht wünschenswert eine solche Situation. Vielleicht ist es gar nicht so strebenswert Eltern zu haben. Scheint Probleme damit zu geben. Sorge, nennt man es. Und Sorgen sind Anzeichen für Angst, die man um eine geliebte Person hegt. Sorgen entstehen durch Liebe. Hm, kompliziert. Am besten ich frage Cyriell. Wollte ich eh machen.)Oo.
Er drehte mit diesen letzten Gedanken auf dem Absatz um und marschierte los. In welche Richtung er ging, war ihm nicht ganz klar. Aber die Ruhe brachte auch neue Erkenntnisse. Je mehr er sich in diese vielen Einzelheiten einer Familie einfand, desto klarer wurde ihm das Bild.
.oO(Tyraleen, sie hat einen dicken Bauch. Aber fett ist sie nicht, und zu viel Hunger hat sie auch nicht. Welpen; sie ist trächtig. Sie wird Mutter. Ein schöner Gedanke. Viele kleine wuselige Welpen. Neues Leben. Herrlich. Obwohl es nicht meine eigenen sind, freue ich mich riesig auf sie. Vielleicht darf man auch als Außenstehender mit ihnen spielen? Oh- lieber nicht sofort. Ich kann mich erinnern, dass Mütter gemeingefährlich werden können. Es hat mir einmal fast die Rute gekostet.)Oo.
Die schwarzen Pfoten trugen ihn weiter. Etwas Welpisches legte sich in seine ganze Art. Wusste er so vieles doch noch nicht. Sein Erinnerungsvermögen war immer noch nicht glänzend. Dieses ständige Wechseln von einem erwachsenen Rüden in einen unwissenden neugierigen Welpen war seltsam. Aber ein wichtiger Prozess in Richtung Ausgang. Ausgang aus diesem Labyrinth. Und obwohl er mit seiner stattlichen Größe gefährlich wirken konnte, genauso vermochte er schlaksig und tollpatschig erscheinen. Ein wirres und ekelhaftes Spiel der Natur. Und doch war Aryan liebevoll und fürsorglich geworden.
.oO(Immerhin bin ich jetzt in einer Gemeinschaft. Mit meinem Bruder und mit Daylight. Und ich weiß es zu schätzen. Die kleine weiße Welpin Ahkuna ist auch bezaubernd. Hoffentlich habe ich noch die Gelegenheit mehr Wölfe kennen zu lernen. Und diese Regeln und Richtlinien für dieses Zusammenleben sind weitaus passabler als ich gedacht habe. Von außen sah es weitaus dramatischer aus. Folgsamkeit war eigentlich nie meine Stärke- pardon, nicht ganz wahr, Cyriells Stimme bin ich immer gefolgt- aber es ist ganz okay.)Oo.
Er konnte verstehen, dass sie seiner Bitte nicht folgten. Zwar schien sich niemand aufzumachen und nach Banshee zu suchen, aber Akru ließen sie auch nicht in Ruhe. Natürlich, sie machten sich Sorgen um ihre Mutter, die selbstverständlich oberste Priorität hatte und nicht etwa der Graue. Tyraleen, Averic ud Daylight folgten ihnen an den See und stellten Fragen. Es mochte nervig in dieser Situation sein, aber das war nicht das Problem. Das Problem war die Art und Weise, wie sie mit Akru umgingen. Wieviel Hass dem Grauen entgegengeschleudert wurde, wieviel Wut und wie voreilig er verurteilt wurde. Parasit. Lügner. Mit einer dreckigen Schnauze. Aszrem spürte, wie ihm vor Abscheu vor diesen Wölfen die Galle hochkam.
Nur Daylight mahnte zur Ruhe und zweifelte zumindest an Akrus Schuld. Aber auch ihre Motive waren... fragwürdig. Der Schwarzbrane hatte sich längst wieder erhoben, die Muskeln wieder gespannt. Es würde nur weniger Worte bedürfen, um dieses Pulverfass der Emotionen zur Explosion zu bringen, und Aszrem war darauf gefasst. Akru blieb zunächst ganz ruhig, vermutlich vor Erschöpfung. Versuchte zu erklären, die Situation und wie es dazu gekommen war in Worte zu fassen, obgleich er noch immer nicht ausgesprochen hatte, was geschehen war. Er wollte oder konnte nicht, vielleicht auch beides, obwohl er schon zu einer Antwort ansetzte, als Averic dazugeschossen kam. Aszrem fühlte sich wieder in die Rolle des Beobachters versetzt, doch diesmal viel es ihm schwer, möglichst objektiv zu beobachten. Diese Situation war widerlich - außer ihm selbst stand hier niemand auf Akrus Seite, die Kinder Banshees waren wie Krähen, die ihrem verhassten Opfer die Augen auszuhacken gedachten. Dass sie nicht wussten, was passiert war, entschuldigte dieses Verhalten in keinster Weise, im Gegenteil machte es das sogar noch schlimmer.
Aszrem trat demonstrativ einen halben Schritt vor Akru. Er sah zwischen den drei Wölfen hin und her. Sie bestanden auf die Wahrheit, sie sollten sie nun bekommen. Dann würden sie für sich selbst entscheiden müssen, ob sich ihre Rücksichtslosigkeit ausgezahlt hatte oder nicht. Vielleicht konnte er ihre Wut damit auch von Akru auf sich selbst ablenken. Der Graue wäre wahrscheinlich kaum in der Verfassung, sich lange zu wehren.
"Banshee hatte eine Fehlgeburt. Ihre und Akrus Welpen sind tot."
Er ließ die Worte wirken, dann wandte er sich an Tyraleen. Ob trächtig oder nicht, er würde nun seinerseits keine Rücksicht walten lassen. Aszrem konnte grausam gnadenlos sein, wenn eine bestimmte Grenze überschritten war.
"Vielleicht rühmt es mich nicht, Akru vor euch Rachsüchtigen und Voreiligen zu schützen, aber welch herzloses Wesen müsste ich sein - ich, der ich selbst Vater werde - um einem gebrochenen Vater meinen Beistand zu versagen?!"
Sein Kopf fuhr zu Averic herum. Hätte er gewusst, dass der Schwarze der Vater von Tyraleens Welpen war, hätte er seine nächsten Worte anders gewählt - nämlich noch direkter.
"Und du, Averic, stell dir nur einmal vor, du würdest Vater werden - und dann werden deine Welpen, dein eigen Fleisch und Blut, aus Liebe enstanden, sie werden tot geboren. Und dann stell dir weiter vor, du würdest von anderen Wölfen mit Vorwürfen belagert werden, die dir die Schuld an alledem geben wollen und keine Ahnung davon haben, wie du dich gerade fühlst!"
Seine Stimme war schneidend, obwohl er nicht lauter wurde, während er sprach. Aszrems Blick wanderte kurz zu Daylight, aber für sie hatte er keine Zurechtweisung übrig. Also sah er zwischen Tyraleen und Averic hin und her, gefasst auf einen Sturm, den seine Worte entfesselt haben mochten. Er war sich durchaus bewusst, dass er sie beide tief getroffen haben mochte. Das war schließlich seine Absicht gewesen...
Sowohl Averic, als auch Isis und Daylight folgten Tyraleen zu Akru und Aszrem, aber was sie sagten, ging an der Weißen weitgehend vorbei. Isis schien ebenso aufgebracht wie sie und warf Akru vieles an den Kopf, was Tyraleen nicht von der Sandfarbenen erwartet hätte – schließlich war sie doch lange als einzige Freundin des Grauen erschienen. Averic war wie Averic eben war. Er schien – anders als Tyraleen, was aber sowieso niemanden zu interessieren schien – Aszrem nicht zu glauben, dass Akru tatsächlich nichts getan hatte. Und schließlich Daylight, liebe kleine Daylight, die eigentlich nur Friede wollte, aber damit Tyraleen nur noch mehr erzürnte. Es ging hier doch gar nicht mehr darum, ob Akru Banshee etwas angetan hatte. Die Weiße hatte viel zu viel Vertrauen in Aszrem, als ihn als Lügner hinzustellen. Es ging darum, dass beide Rüden, einfach keine Lust hatten, ihnen zu sagen, was vorging und sich die Dreistigkeit erlaubten, blutverschmiert und so voller Trauer davonzuschreiten und sie alle als lästige Fliegen abzutun. Darum ging es. Und vielleicht um noch ein wenig mehr … um Akru, der ihre Mutter ins Verderben stürzte. Der Parasit in ihrem Fell, die Zecke, die alles Blut aussaugte, die dunkle Wolke vor Banshees Sonne.
Akru schließlich reagierte äußerlich erstaunlich ruhig, aber seine Worte waren wie Giftpfeile. Was erdreistete er sich, ihr an den Kopf zu schmeißen? Wie konnte er es wagen? Wie konnte dieser dreckige kleine Rüde, der sich in ihr Rudel eingebettelt hatte, so etwas zu ihr sagen? Ein kehliges Knurren kam aus ihrer Schnauze, der Zorn verzerrte ihr hübsches Gesicht auf fast groteske Weise. Plötzlich schien wahrer Hass in ihren Augen aufzulodern.
“Du dreckige Zecke. Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen? Wie kannst du es wagen, dir einzubilden irgendetwas über mich zu wissen, von „meiner kleinen traurigen Welt“ zu reden, ohne auch nur einmal ein richtiges Wort mit mir gewechselt zu haben? Rede von Dingen, die du verstehst und halt deine verschmierte Schnauze aus meinen Angelegenheiten! Was ich kann und was nicht, weißt du am allerwenigsten und mich so herabzusetzen ist das dreckigste, was ich je gehört habe! Ich mag jung sein und ich mag viele Fehler begangen haben, aber was ich tue ist tausend Mal besser, als alles, was du je getan hast! Was zwischen meiner Mutter und mir ist, geht dich nichts an – überhaupt nichts! – und was ich von ihr weiß und was nicht, kannst du ebenso wenig wissen. Brüstest du dich im Ernst damit, für sie da gewesen zu sein? Du bist der Dorn in ihrem Auge, der Parasit in ihrem Fell, ihr ganz persönlicher Untergang! Acollon ist ihr Gefährte, du wirst es niemals sein und dass du versuchst, seinen Platz einzunehmen ist nicht nur eine Beleidigung für ihn, sondern ebenso für mich und all meine Geschwister. Du bist nicht für Banshee da, du tust ihr nur immer mehr weh. Deine Liebe ist wie Gift, du bist der egoistischste Wolf, den ich je sehen musste. Deine Liebe über alles, deine großartige Zuwendung ist das Gold dieser Welt, oder was? Banshee will dich nicht, Banshee braucht dich nicht und Banshee ist viel zu gut für dich. Acollon sollte dich in Stücke reißen, dafür, dass du meiner Familie so etwas antust. Du bist der Untergang unserer …“
Ihre herausgeschrieenen, hysterischen Worte wurden schlagartig von Aszrem unterbrochen. Zuvor war sie voller Zorn und Hass, hatte viel Ungerechtes und genug Zusammenhangsloses gesagt, jetzt wurde ihr endlich das, warum sie überhaupt hinter den beiden Rüden hergerannt war, mitgeteilt. Banshee hatte eine Fehlgeburt gehabt. Keine Geschwister mit Akru als Vater zu haben, war erleichternd, dennoch konnte Tyraleen keine Freude darüber empfinden. Eine Fehlgeburt. Von der Tochter des Lebens. Sie konnte ansatzweise nachvollziehen, warum Aszrem Akru so in Schutz nahm – er würde Vater werden und konnte den Schmerz des Grauen wohl nachempfinden. Aber darum ging es doch gar nicht mehr. Viel eher darum, dass Akru niemals auch nur an Welpen mit Banshee hätte denken dürfen. Und dafür verdiente er keinen Schutz. Sie würdigte den Grauen keines Blickes mehr, wandte sich nur Aszrem zu, jetzt fast verbittert.
“Danke, eigentlich hatte ich nur diese Antwort gewollt. Ich bin nicht rachsüchtig, ebenso wenig voreilig, ich hatte nur nach einer Antwort verlangt. Ich bekam mehr und habe so auch mehr gegeben. Aber du, denke erst noch mal darüber nach, wen du hier schützt. Denke darüber nach, wenn du Banshee ansiehst und dich erinnerst, was sie einst war und was er aus ihr gemacht hat. Und dann denke an meine Geschwister und mich, die tatenlos zusehen müssen und denen der Mund verboten werden soll, nur weil sie kleine dumme Welpen sind. Ich lasse nicht zu, dass er meine Familie kaputt macht, ich lasse nicht zu, dass er Banshee tötet!.“
Damit drehte sie sich um und lief schnell aber nicht eilig oder flüchtend davon. Sie wollte keine Antwort Akrus auf ihre tausend Vorwürfe hören. Sie wusste, dass es nicht fair gewesen war, ihm das alles so an den Kopf zu schmeißen, aber all diese Gedanken hatten sich in ihr angestaut, waren gekommen, wenn sie ihn mal wieder hatte verschwinden sehen und jeder hatte genau gewusst, dass er wieder zu Banshee ging. Gedanken, die gekommen waren, wenn sie Banshees rund gewordenen Bauch angesehen und genau gewusst hatte, dass nicht Acollon der Vater gewesen sein konnte. Sie konnte sich nicht darüber freuen, dass Akrus Welpen tot waren, doch ebenso wenig konnte sie wahre Trauer oder Mitgefühl verspüren. Es hätte ihre Seele zerrissen, hätte sie diese Welpen miterziehen müssen. Über Aszrem machte sie sich kaum Gedanken – für sie schien er eher ein zufällig Mithineingezogener, der eigentlich von nichts richtig eine Ahnung hatte und nur nach seiner Überzeugung handelte. Sie schätzte den Schwarzen und tat es noch immer, auch wenn er nichts kapierte.
In ihr breitete sich Leere aus. Die Vorwürfe Akrus, sich nicht um ihre Mutter zu kümmern, hatte sie weder überhört, noch vergessen. Er hatte natürlich Recht, aber war es die Aufgabe einer Tochter, eine Stütze der Mutter zu sein? Wie könnte man von ihr verlangen, selbst wenn sie eine ganz normale Tochter wäre, ihrer Mutter Kraft zu geben? Andersrum hatte es zu sein, auch wenn Tyraleen das nie verlangt hatte. Zudem war ihre Beziehung undefinierbar schwierig und die Weiße wusste noch immer nicht, wie sie zu ihrer Mutter stand. Dass sie sie nun so verteidigte und in Schutz nahm, konnte sie sich selbst nicht ganz erklären. Vielleicht lag es an dem verletzten Stolz in ihr. Der Stolz ihrer Familie, der von Akru in den Dreck gezogen wurde. Die Art und Weise, wie Akru Acollon verarschte. Das machte sie rasend.
Wie tot ließ sie sich in den Schnee fallen. Ihr Kopf schmerzte von ihrem Schreien, ihre Gedanken rasten. Hatte sie jetzt einen ernsthaften Feind? War Akru, der ihre Mutter wirklich zu lieben schien, jetzt ein Wolf, der sie hasste? Sie war unglücklich, sehr genau wissend, dass es anderen noch schlechter ging. Ihren ganzen Gedanken und Vorwürfen gegenüber Akru Luft zu machen, hatte nicht wirklich gut getan und sie wusste nicht, was sie denken sollte. Gleichzeitig war sie noch immer schrecklich wütend über die Worte des Grauen, wie er sie lächerlich gemacht hatte. Sie war wie eine kleine dumme Welpin hingestellt worden und dafür hasste sie Akru.
Rouku blickte der Fähe tief in dessen himmelblaue Augen, ja die Farbe ergänzte sich gut mit ihrem grauen Fell. Ein Lächeln umspielte die Lefzen des Rüden, ja ihre freundliche Erscheinung erinnerte ihn an seine Schwester. Cumará Tumaan erzählte ihm das hier tatsächlich ein Rudel weilt. Hoffnung breitete sich in seinem Herzen aus und seine Augen hatten ein seltsames glitzern. Sein Blick glitt zu der schwarzen Fähe, dessen Name Malicia war.
„Mein Name ist Rouku… “
Sagte der Braune etwas leise aber doch verständlich, als er der grauen Fähe folgte. Eine weitere Fähe kam hinzu, die sich als Isis vorstellte. Was für ein seltsamer Name und doch hatte es einen wohlwollenden Klang in den Ohren. Der letzte Satz von Isis ließ den Rüden aufhorchen. Anscheinend hatte er nicht die passende Zeit gewählt um aufzutauchen.
„Ich bin nicht der Typ der Unruhe stiftet. “
Gab er der Fähe mit einem ebenso freundlichen Lächeln zurück. Nein, das war er wirklich nicht, er kam mehr nach seinem Vater.
Viele Worte rauschten an dem Pechschwarzen vorbei. Zu viele. Worte, die sich auf ihn schmissen, die ihn wütend machten. Jeder Ton, der aus Akrus Maul floss, jagte zornige Ströme seinen Körper hinab. Er sollte seine verdammte Klappe halten, er hatte überhaupt keine Ahnung! Dummer, dummer Wolf! Lügner! Er erlaubte sich Urteile, die sich niemand, wirklich niemand erlauben durfte und das Schlimme daran, er nahm sie nicht ernst! Als wären sie noch immer kleine Kinder, die einfach mal los schrieen, wenn sie nicht bekamen, was sie wollten, aber hier ging es um völlig andere Dimensionen, hier ging es um Dinge, die diese Mistkröte von Wolf einfach nicht zu verstehen schien! Sie waren Banshees und Acollons Kinder, Kinder von Leben und Tod, was zusammen gehörte. Er brachte alles aus dem Gleichgewicht!
Akrus völlig überflüssiger Kommentar zu ihm, machte Averic nur noch rasender und am Liebsten hätte er ihm einfach die Kehle durch gebissen. Oh, es wäre sicher nur von Vorteil, genau das zu tun! Er war provokant? ER!? Wer nahm ihn und auch Tyraleen hier bitte nicht ernst?! Seine Zähne fletschten sich, ein bedrohlicher, schwarzer Glanz trat in die Augen von Acollons Sohn. Aszrem hatte angefangen zu sprechen. Und doch überraschte ihn das, was er aussagte, das Geständnis, dass er für den feigen Akru übernahm, nicht mehr. Es hatte nur diese eine Antwort geben können. Fenris hatte seine Halbgeschwister bereits mitgenommen.
Dann wandte sich Aszrem direkt an ihn. Und beging einen weiteren Fehler. Averics Fell sträubte sich wie elektrisiert, doch ganz plötzlich wurde das Gefühl in seinem Herzen schwer. Als hätte sich eine eiserne Kette um es herum gelegt, ein bleischwerer Pflock hinein geschlagen. Es waren die Worte des Braunschwarzen, die ihn getroffen hatten. Hart. Aber ihn traf nicht das, was Aszrem eigentlich hatte aussagen wollen. Averic hatte sich die Situation schon vorgestellt, er war mit ihr bereits eben auf ganz grausame Weise konfrontiert worden. Es war etwas anderes. Er hatte trotzdem nicht den kleinsten Funken Mitleid für Akru übrig. Er konnte nicht. Der Graue war bloß der Wolf, der seine Familie entzweit hatte. Der Wolf, der alles kaputt gemacht hatte, der Wolf, der seine Mutter kaputt gemacht hatte! Seine Trauer musste eine Strafe sein, doch das sie Banshee noch so viel härter traf, war das Schlimmste an allem. Das war es. Das traf ihn so hart. Wegen Acollon, wegen Akru, alles wegen ihnen! Wegen ihnen musste seine Mutter leiden! Er empfand für Banshee, nicht für Akru. In ihre Lage versetzte er sich, nicht in seine. Es war rabenschwarz, aber Akrus Gefühle interessierten ihn einfach nicht. Denn er stürzte sie ins Verderben. Das hatte er sich eingebrockt. Das war seine Schuld. Es schnürte ihm die Kehle zu.
Tyraleens Stimme beherrschte derweil die Luft und er konnte sich nicht entsinnen, sie jemals so wütend gesehen und gehört zu haben. Er spürte ihren Hass, der auch sein eigener war. Averic hörte nicht genau, was sie sagte, er konzentrierte sich nicht mehr auf die Stimmen, das schwere Gefühl zerriss ihn. Der Pechschwarze wusste auch ohne zu hören, was die Weiße sagte. Denn er dachte das Selbe. Seit Akru da war, war seine Mutter schwach geworden. Jetzt war sie gebrochen. Es war nichts mehr zu reparieren, nichts mehr wieder gut zu machen. Nichts. Und er hatte es erst jetzt, viel zu spät verstanden. Acollon war trotzdem nicht zurück gekommen.
Der schwarze Sohn war still geworden, nicht, weil er wegen Aszrems Worte nun Reue verspürte. Oh nein. Im Normalfall mochte alles, was der Braunschwarze gesagt hatte, vielleicht rechtens sein, aber worum es jetzt ging, davon hatte er keine Ahnung. Akru mochte es schlecht gehen, ja. Akru mochte Banshee wirklich lieben, ja. Aber das alles war nichtig gegenüber dem, was er seiner Mutter damit angetan hatte. Und er, ihr Sohn, der sie liebte, hatte es nicht gemerkt. Das traf ihn härter, als jedes ausgesprochene Wort.
Averic stand noch genau so dort, als sich seine Schwester abwandte und davon eilte. Daylight beachtete er längst nicht mehr.
„Du hast unsere Mutter ins Verderben gestürzt, das hast du getan. Und wenn du, wie du behauptest, ihre Hintergrundgeschichte kennst, dann verdienst du kein Mitleid. Du hast nichts verstanden.“,
zischte er leise. Den Blick kalt auf Akru gerichtet. Das Blut in seinem Fell war immer noch stechend rot. Er konnte diesen Anblick nicht mehr ertragen. Seine Augen huschten noch kurz zu Aszrem, dem armen Wolf, der noch viel weniger verstand.
„Ich werde Vater.“
Mehr gab es einfach nicht mehr zu sagen. Jedes weitere Wort wäre überflüssig. Der pechschwarze Hüne drehte sich um, kehrte den zwei Rüden den Rücken zu und stapfte Tyraleens Spuren im Schnee nach. Plötzlich fühlte er sich von Gedanken leer gefegt und gleichzeitig überschüttet. Es war so viel, dass es ihn überforderte. Am Waldrand blieb er stehen und wusste nicht mehr weiter. Er wollte zu seiner Mutter, die er im Stich gelassen hatte. Aber er konnte ihr nicht helfen. Er wollte auch zu Tyraleen, aber Averic wusste genau so wenig, ob er ihr jetzt helfen konnte. Eigentlich konnte er gar nichts tun. Es gab nur einen, der etwas hätte tun können, und der war nicht da. Er war nie da. Nie tat er das, was wirklich wichtig war. Oh, wie sehr er Acollon dafür doch hasste. Und wie sehr er sich jetzt doch wünschte, dass er da wäre! Dann wäre das alles nie passiert! Es war so paradox. Er wollte schreien, brüllen, nach ihm, seinem Vater. Er würde nicht kommen.
Langsam, erschöpft von viel zu heftigen Gefühlswallungen, setzte sich der Pechschwarze wieder in Bewegung. Immer weiter, Tyraleens Spuren hinterher. Sie war seine Gefährtin, seine Geliebte, seine Schwester, sie würde die Mutter seiner Kinder sein. Er wollte niemals so werden wie Acollon. Er wollte niemals, dass Tyraleen etwas Vergleichbares geschehen konnte, wie jetzt seiner Mutter. Deshalb durfte er sie nie nie allein lassen. Sonst war er wie Acollon. Was tat er nur? Warum kam er nicht endlich wieder her?
Neben der Weißen ließ er sich in den Schnee sinken, legte seinen Kopf auf ihren Rücken und sagte nichts. Nur eines.
„Ich hasse ihn.“
Unbedeutend, ob er nun Akru oder Acollon meinte. Es galt für beide. Nur das Acollon trotzdem wichtig war.
Isis lächelte den Rüden freundlich an. Nein, wie ein Unruhestifter sah er wahrlich nicht aus. Dumpfe Stimmen drangen aus dem Wald, wo die Geschwister Akru auseinander nahmen. Die Wüstenwölfin konnte sich nicht richtig konzentrieren.
"Nein, ich glaube auch nicht, dass du ein Unruhestifter bist",
meinte Isis abgelenkt und mit dumpfen Ton.
Tyraleen und Averic gingen und dort stand Akru, ganz allein, verlassen, verletzt und am Ende. Sein Verfall, sein Tod... es war alles mit einem Schlag so nah und Isis jaulte leise auf. Nein, nicht noch ein Bruder, den sie verlieren sollte. Einen Bruder, den sie mehr liebte, als ihre wahren. Der Schnee schwächte die Geräusche ab, eine unheimliche Stille legte sich über das Rudel, während die Schneeflocken jedes weitere Leben in den Schlaf zwangen. Was hatte sie nur getan? Sie hatte Akru dort allein gelassen. Allein im Leben, allein in dem Nebel aus Liebe und Schnee, allein mit den Geschwistern, allein mit allem. Wie konnte sie nur.... wie konnte sie nur so gegen ihn halten? Isis begann ein Gefühl zu spüren, dass sie noch nie kannte, ein Gefühl, dass sie erschaudern ließ und ein Teil von sich auch im ewigen Schnee erkalten ließ... Hass. Kein Hass gegen die Geschwister, kein Hass gegen Akru. Purer kalter Hass gegen sich. Gegen ihre verdammte Art... gegen das Gefühl ihren geliebten Bruder allein gelassen zu haben. Wie nur, wie nur?! Isis rannen Tränen aus den Augen, große, heiße Tränen. Sie legte den Kopf in den Nacken und ließ ein wahrhaft dumpfes Heulen ertönen. Ein Heulen, was sie selbst erzittern ließ und schließlich rannte sie los. Preschte durch den Schnee davon zu der gebrochenen Figur, zu dem Wesen was mehr Tod war, als alles andere. Der Wächter der Zeit zerbrach seinen eigenen Zeiger. Und die Zeit schien zu ruhen. Die Flocken blieben in der Luft hängen, kein Wesen traute sich noch zu atmen. Nur Akru lebte, nur Isis existierte.
Kurz vor dem Grauen blieb sie stehen. Ihre Augen ruhten in den Seinen. Die Luft vibrierte, stockte und zerbrach in tausende Teile wie das Eis des Sees. Sie beide waren nun alleine, keiner konnte sie hören, keiner konnte sie sehen. Ihr Akru; ihr großer, verrückter Akru. Vergessen war all die Freundschaft zu Tyraleen, Vorurteilfreiheit gegenüber Averic. Nichts war stärker, als eine Verbundenheit, die im Angesicht des Todes entstand. Vor Isis bauten sich die Szenen in dem fremden Rudel auf. Wie sie dort lag, eingeklemmt, gerettet von Rime und dem Anubisköpfigen. Von Akru, ihrem Bruder, dem wahren Gott des Todes. Isis setzte sich nun langsam wieder in Bewegung. Leise knirschte der Schnee unter ihren Pfoten, immernoch rannen die Tränen über ihre Lefzen. Wortlos drückte sie schließlich ihre Schnauze in sein Fell. Sein Duft, der so nach Heimat duftete, ließ sie erzittern, leise abermals noch trauriger aufjaulen. Es war nicht mehr abwendbar. Was geschehen ist, ist geschehen. Isis hob den Kopf, schleckte ihm über die Schnauze, drückte ihren Kopf gegen seine Schulter, schleckte ihm schließlich das gesamte Blut vom Fell, ob er wollte oder nicht. Für seine große Reise musste er rein sein. Sein Herz musste leichter, als eine Feder sein. Keiner lauschte Isis Worten, denn Akru hatte die Zeit angehalten. Zumindest sagte, das ihr Herz. So richtete sie folgende Worte an ihren geliebten Bruder:
"Akru, ich habe dir unrecht getan. Es tut mir leid... Du sollst wissen, dass ich immer an deiner Seite sein werde, dass du nicht allein bist, auch wenn ich niemals annähernd verstehen werde, was dich bewegt. Ich habe mitbekommen was geschehen ist, ich bin... ich kann dir gar nicht sagen wie sehr es mein Herz zerbricht, dich so zu sehen. So dem Schicksal ergeben... Akru, wenn sie alle gegen dich sind, so bin ich auf deiner Seite. Unsere Verbundeheit entstand vor Fenris... sie wird sich jedoch nicht in seiner Anwesenheit auflösen, Akru. Dein Verfall, wird auch der meinige sein."
Isis lächelte traurig, stupste mit ihrer Schnauze gegen seine Brust, dann gegen ihre und flüsterte:
"Ich kann Hassen, Akru. Ich spüre es, wie es mich zerfrisst."
Plötzlich brachen die Tränen krampfartig aus ihr heraus, sie bebte am ganzen Körper, es schlotterte in ihr und ihre Stimme versagte fast. Schluckend, zitternd mit angespannten Muskeln brachte sie hervor:
"Ich hasse mich dafür, dass ich dich in deinem schwersten Moment allein gelassen habe und das ich dich nun wahrscheinlich auch verlieren werde. Akru..."
Isis drückte sich gegen den grauen Wolf. Sie hatte ein Versprechen gegeben. Ein Versprechen, dass sie gegen die Freundschaft mit Tyraleen stellte. Es stellte sich gegen Banshee, gegen das ganze Rudel. Isis wurde die Zielscheibe vor Akru. Bevor sie sein Blut schmecken, müssten sie das ihre schmecken. Nach dem Schwur der Götter und eine Schwinge des Osiris brach niemals ihr versprechen. Als wenn sie das Versprechen bekräftigen wollte, stellte sie sich quer vor den Grauen und blinzelte ihm wieder in die schönen, aber gebrochenen Augen. Dieser Blick legte ihr Ketten um das Herz, ließ es schwerer Sacken. Seth hatte hineingebissen, Hass gesät und nun geerntet.
"Akru, mein Bruder, ich liebe dich mehr, als meine wahren Geschwister. Mein liebster, großer Akru. Akru, Akru, Akru. Was machst du nur, hm?"
Isis Stimme war ganz sanft geworden. Der warme Wind der Wüste schwang in ihm mit, die Mystik umfing ihren Körper. Scheinbar schmolz gar der Schnee unter ihren Pfoten und in der Ferne konnte man die Pyramiden erblicken. Isis schloss die Augen.
"Ich habe mal geträumt, dass wir beide über die sandigen Dünen meiner Heimat schreiten. Es war dunkel und der Mond unheimlich groß. Leise, schweigend funkelten die Sterne am Himmel und wir beide suchten unsere Wahrheiten. Kein Wort wurde gewechselt und doch wussten wir, was wir suchten."
Die Wüstenwölfin schleckte dem Rüden über die Schnauze, drückte sie noch mal an seinen Körper und erinnerte sich zurück, als sie durch den Wald rannten. Erinnerte sich an Akrus dumpfes Lachen.
"Weißt du noch, Bruder, als wir durch den Wald rannten. Geliebter Bruder, du konntest so wunderschön Lachen. Es klang unbeholfen, aber schön. Deshalb werde ich jetzt hier vor dir einen Schwur ablegen, einen Schwur vor meinen Göttern, einen Schwur vor Isis, vor Osiris, vor Anubis, Seth und Thot. Oh Götter im Himmel!"
Isis biss sich selbst in linke Vorderläufe. Das Blut floss auf ihre Pfote hinab, tränkte den Schnee und küsste schließlich Akrus Vorderläufe um darunter zu versickern.
"Bei meinem Blute schwöre ich, dass ich immer an Akrus Seite stehen werde. Wollen ihre Zähne sein Fleisch spüren, so müssen sie erst an das meine. Und sollte Fenris ihn zu sich holen, so werde ich meinem Bruder folgen, bis er in seinen Armen liegt. Dann möge Isis, Osiris ein gutes Wort über ihn sprechen, sein Herz bereinigen und ihn statt der meinen Seele in das Totenreich aufnehmen auf das er in Ewigkeit in die Gefilde der Götter einziehen darf. Oh Isis, oh Osiris, bei euer Schönheit und Weisheit, so schenkt mir die Gewissheit, dass dies der richtige Weg sein möge. Hiermit werde ich bei jeglichen Angriffen auf Akru die Zielscheibe des Rudels sein. Ein Schwur, der sich gegen meine Freundschaft mit Tyraleen stellt, auf das sie meinen Weg verstehen möge. Ein Schwur, der sich gegen das Rudel stellt, auf das sie ihr Herz für meines erweichen können."
Isis verstummte und erst jetzt registrierte sie Aszrem und Daylight. Wie benommen blinzelte sie. Ihr Blick wanderte wieder zu Akru... zu ihrem Bruder, dem Wächter der Zeit...
Nienna Singollo lag eigentlich schon die ganze Zeit in der Nähe des Rudelsees. Um Genau zu sein direkt am Ufer, sodass sie ihre Schnauze, wenn sie wollte, sogar in das Wasser strecken konnte. Sie dachte ein wenig nach..über Ilias und alles was passiert war. Sheena, die Fähe und die Beziehung die Nienna selbst zerstört hatte. Vielleicht war Nienna eben doch nicht so lieb..aber irgendwie wusste sie das. Es war nur ein ganz mieser Ausrutscher. Sie ließ ihr rechtes Ohr leicht mit dem Wind spielen und schnippte immer wieder kurz spielerisch damit. Liebe kann so zärtlich, so schön, so aufbrausend sein, doch wenn alles aufgebaut ist und man gerade denkt das alles perfekt ist, geschieht der erste Riss und weitere folgen bis die Liebe dann letztlich zerfällt, aus der wundervollen Welt ist nun ein Ort des Grauen geworden.... Was soll man dann dagegen tun? Ja so musste wohl Welt aussehen.
Langsam fielen Niennas aufmerksame Augen zu und sie senkte ihren Kopf. Dann sah sie alles vor sich..eine große Wiese gefüllt mit vielen bunten Blumen und man konnte das leise Summen der Bienen hören. Es wehte ein leichtes Briese und sie tollte über die Wiese. Es war ein Paradies ! Wieso ? Ilias war neben ihr und streifte immer wieder ihr Fell. Ein leichter Impuls durchzuckte Nienna und sie öffnete etwas verlegen die Augen. Wie konnte sie nur erklären, dass es Liebe war..? Dass es diese Liebe war, die Nienna brauchte bei ihm ? Erneut lies sie ihre Augen zufallen. Sie wollte diesen Traum noch einmal erleben. Es war so real und sie wollte danach tasten können. Aber es kam nichts..es war weg..sie öffnete wieder langsam die Augen und erhob sich mit einem Ruck auf die Pfoten als sie den Ruf Nyotas hörte. Sollte sie es Ilias sagen..? Sie bekam ihn nicht mehr aus ihrem Kopf. Er war fest darin. Oder mehr in ihrem Herzen. Dann senkte sie ihren Kopf nach unten in den Schnee, atmete kurz aus und das Wasser vor ihr bewegte sich kräuselnd. Dann drehte sich die Fähe etwas um und suchte ihren Rüden. Ja Ilias war für Nienna ihr Rüde, auch wenn er das sicherlich nicht so sah. Er wäre sicherlich verwirrt und überrumpelt, deswegen sollte er es auch nicht wissen.
o.O(Love will find a way!)
Dachte sie sich und wendete ihren Körper erneut. Ein leichter Seufzte entgang ihrer Kehle und ein Gähner danach.
Die Erleichterung, die sich auf den jungen Zügen des Rüden ausbreitete, wurden von Amáya nur halbherzig wahr genommen. Jetzt, da sie wusste, dass er keinerlei Gefahr darstellte – weder für sich, noch für irgendjemanden, wobei Gefahr vielleicht das falsche Wort war. Ihre Sorge, die sich aus welchen Gründen auch immer kurzzeitig in ihr gebildet hatten, waren verschwunden. Jakash hatte Wölfe, die er beschützen wollte und seine Gleichgültigkeit war schlicht eine – wie sie vermutete – jugendliche Art. In jedem Fall war es kein Grund in Sorge zu sein. Locker schnippte sie mit dem rechten Ohr, nahm seinen Dank locker hin. Sie hatte nicht viel getan, außer ihn nur darauf hin zu weisen. Auf seine folgenden Worte hielt sie kurz inne, dann lachte sie nur leise in sich hinein. Sie wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass sie ihn aus lachte. Trotzdem fand sie seine wieder verträumte Idee einfach nur... ja, irgendwo niedlich. Auf seine Art und Weise war er sehr erwachsen, aber auch genauso noch ein Welpe.
„Nein. Es gibt niemanden mehr. Ich bin ganz alleine. Aber ich brauche auch niemanden. Es interessiert doch sowieso keinen, warum sollte ich mir da Gedanken um andere machen?“
Auch wenn seine Worte ein leichtes, unangenehmes Gefühl hervor gerufen hatten, so zwang sich die Fähe dazu, ruhig und bestimmt zu antworten. Es gab keinen Grund, weshalb ihre Stimme zittern oder einen bedrückten Beiklang haben sollte. Sie meinte es schließlich genau so, wie sie es aussprach. Es war ihr tatsächlich egal, was war, was jetzt kam. Und es gab nichts und niemanden, was sie schützen wollte. Wozu auch?
„Ich war immer nur allen egal. Sie haben mich zu Boden getreten. Was spricht da dagegen, wenn nun mir alles egal ist? Ich habe schließlich das selbe Recht auf Gleichgültigkeit, oder meinst du nicht?“
, mit funkelnden Augen musterte sie den Jungen. Irgendwie machte er ihr Spaß.
Wütend knurrte die graue Wölfin und schüttelte den Schnee aus ihrem Fell. Es gab nichts, was die Prinzessin mehr hasste als Schnee. Missmutig tapste sie durch das Teufelszeug und knurrte erneut. Schon seit Wochen war sie jetzt unterwegs, unwissend, wohin der Weg sie führen würde und hoffend, dass das kalte Wetter ihr den Tod bringen würde. Ihre Gefühle waren betäubt, und sie war völlig unfähig, zu begreifen was mit ihr geschehen war. Sie sah nichts mehr, hörte nichts mehr und ihre Schritte waren steif. Kurz - Gani Amíra war zwischen Leben und Tod und sie hatte sich bereits auf Letzteres entschieden. Sie tappte unwissend durch den Schnee, nahm nicht die Geräusche des Waldes auf und war abwesend. Sie witterte nicht, dass sie in unmittelbarer Nähe eines fremden Rudels war - wie auch? Sie war wie benebelt, als hätte sie seit Wochen nicht mehr geschlafen. Immer wieder wollten ihr die Augen zufallen, doch sie hielt sie gezwungen offen. Die Graue torkelte leicht, übermannt von der Müdigkeit. Ihre Gliedmaßen wurden immer schwerer und steifer. Mit letzten Kräften sank sie auf den Boden, spürte nicht einmal, wie die Kälte unter ihr Fell und unter ihre Haut kroch. Kurze Zeit später erwachte Gani auch schon wieder. Sie hatte unruhig geschlafen und war nicht zur Ruhe gekommen. Schwerfällig rappelte sie sich auf und sah sich um. Langsam wusste sie wieder, wo sie sich befand. Nein, sie wusste es nicht, aber sie sah, dass sie immer noch allein in einem unendlich großen Wald war. Doch jetzt nahm sie wieder Bewegungen und Düfte wahr. Die Prinzessin reckte die Schnauze um die Luft, als würde sie abheben wollen und nahm undeutlich den Geruch der 'anderen' wahr. Mit einer Pfote wischte sie sich über die Augen, die noch vom Schnee kalt und verklebt waren. Sie zuckte zusammen, als sie ein leises Knacken im Unterholz hörte. Doch als sie aufsah, konnte sie nichts entdecken. Gani seufzte - wie gerne würde sie jetzt ein Kaninchen oder Ähnliches reißen. Doch dazu musste sie erst einmal eines finden. Die Fähe tapste weiter durch den Tiefschnee und schnupperte erneut in der Luft. Doch - jetzt lag eindeutig der Geruch anderer Wölfe in der Luft.
.( Pahh! Was geht mich das an, wenn hier ein Rudel weilt. Gar nichts, rein gar nichts. Ich will mit den 'anderen' nichts zu tun haben, so niveaulos und dumm wie sie sind. Zu dumm für mich. Ich bin eben besser! ).
Sie schüttelte demonstrativ den Kopf und ging weiter durch den Schnee. Doch sie hoffte, dass der Geruch bald nachlassen würde, was er aber nicht tat. Im Gegenteil, verstärkt roch sie die anderen Wölfe, als würde sie ihnen immer näher kommen. Verärgert schüttelte Gani den Kopf und blieb stehen. Sie wollte laut Verdammt! schreien, doch der Schrei blieb ihr in der Kehle stecken. Denn die Prinzessin hatte etwas entdeckt. Etwas, das ihr gar nicht gefiel. Mit leisen Schritten, als würde sie schweben, trabte sie über den Schnee. Ein Knacken ließ sie zusammenzucken. Ja, ganz eindeutig, hier war etwas, dass hier nicht hätte sein dürfen. Die graue Fähe senkte den Kopf, doch sie konnte keine Fährte erkennen. Angespannt lauschte sie, konnte aber nichts Absonderliches hören. Doch dann sprang sie erschrocken zu Seite, hoffte, dass der 'andere' sie nicht entdeckt hatte. Wie versteinert stand Gani Amíra hinter einem Baum, regungslos und betäubt. Das Verlangen, wegzulaufen, übermannte sie beinahe, doch im letzten Moment riss sie sich zusammen und blieb stehen. Der schwarze Rüde kam unmittelbar auf sie zu. Er schien gedankenverloren und sah nicht so aus, als würde er etwas von seiner Umwelt wahrnehmen. Kurz spielte Gani noch mit dem Gedanken, zu flüchten, doch dann entschied sie sich dafür, den Wolf aus der Welt zu schaffen. Sie kam lautlos hinter dem Baum hervor, nahm erst keine Notiz von dem Fremden – sah aber dann, dass er sie nicht bemerkte und knurrte kampflustig. Der Graue sah aus, als würde er aus einem tiefen Schlaf erwachen, doch die Prinzessin war schon auf ihn zugesprungen.
.( Du Bastard, du weltfremdes Wesen! ).
Die graue Fähe schlug ihre Zähne in den Nacken des Schwarzen, noch nicht in der Absicht, ihn zu verletzen, sondern eher, um ihn zu warnen, zeigen, dass sie kämpfen konnte. Nach diesem Scheinangriff trat sie wenige Schritte zurück, musterte den kräftigen Rüden und knurrte erneut. Wenn sie ihn umgebracht hatte, gab es wenigstens weniger der 'anderen', also wäre das eine bedeutungswürdige Veränderung in ihrem Leben. Die graue Prinzessin trat einen weiteren Schritt nach hinten, sträubte das Fell und wollte den Rüden verfluchen, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Irgendwo, in der Seele der Fähe, gab es einen Hoffnungsschimmer, der ihr sagte, sie solle nicht aufgeben und ihre Meinungen anpassen, die anderen Wölfe verstehen und mit ihnen leben. Doch sie schob diesen Gedanken grob beiseite und wendete sich dem Schwarzen zu. Sie war sich ganz sicher, jetzt hatte sein letztes Stündchen geschlagen. Sie brauchte nur noch einmal zubeißen und dieser kräftige Rüde würde schwächlich um Gnade winseln. Doch sie würde nur erneut ihre Zähne in sein Fleisch schlagen und ihm damit den letzten Atemzug verwähren. Dann sollte er sehen, dass er gut war und in den ‚Himmel’ kam. Aber nein, die 'anderen' hatte keine Wahl, sie würden in die Hölle kommen, denn sie Welt brauchte sie ja nicht. Fenris würde ihnen das Leben in der Hölle verwähren und Engaya das im Himmel. Dann hätten sie gar nichts mehr. Wären einfach nur tot und das war es, was die Fähe verlangte. Sie trat auf den Fremden zu und knurrte warnend. Dann schlug sie, herzlos und gefährlich, die Zähne in seinen Hals.
Das Lächeln verblasste bei ihren Worten. Wie war das wohl, ganz allein zu sein? Wenn sich keiner für einen interessierte - nicht einmal die eigenen Geschwister? Jakash versuchte sich in diese Lage zu versetzen und schreckte schnell davor zurück, tief in diese Vorstellungen einzudringen. Es fühlte sich schrecklich an: Rakshee, Kursaí, Sharíku und Ahkuna, die ihn nicht beachteten, ihn nicht teilhaben ließen an ihrem Leben, ihren Freuden, ihren Sorgen, und die sein Schicksal nicht interessierte. Mutter, die sich nicht um ihn kümmerte - wobei er das Gefühl hatte, das dem fast so war. Einmal mehr nahm Jakash sich vor, sie aufzusuchen und sich mit ihr zu befassen, sie nicht länger allein zu lassen, wenn sie das nicht wollte. Vater hatte sie alle schon verlassen. Der Gedanke war bitter.
Der junge Schwarze erinnerte sich an den Tag, da Nyota ihm von den Göttern erzählt und mit seiner Ausbildung begonnen hatte. Amáya war auch dort gewesen, still und unauffällig. Und Jakash hatte sich nicht für sie interessiert. Die Erzählungen seiner Tante waren viel spannender gewesen. Konnte man einem Welpen daraus einen Vorwurf machen? Er war noch viel jünger gewesen als jetzt, hatte kaum eine Ahnung von den komplizierten Beziehungen zwischen Wölfen gehabt. Die Welt war noch gut gewesen, und ausschließlich gut. Alles Böse war von anderen, fremden Wölfen ausgegangen, und konnte in der Vorstellung eines Welpen gar nicht in der eigenen Familie, im eigenen Rudel existieren. Und doch, und doch... Jakash hatte das Gefühl, mitschuldig zu sein.
"Mich interessiert es...",
entgegnete er leise. Es klang betrübt.
"Und es tut mir leid, dass es dafür erst soweit kommen musste."
Nachdenklich betrachteteer die Schwarze und sah dann zu Boden. Mit einer Pfote scharrte er ein wenig im Schnee, während er grübelte. Er wollte Amáya gerne irgendwie helfen. Er hatte es ernst gemeint, als er sagte, dass sie ihn interessierte - ebenso wie die Entschuldigung, obwohl es dafür eh längst zu spät war. Totzdem hatte er es aussprechen wollen.
"Ja, ich denke, das hast du. Es ist nur natürlich, wenn sie dir nun auch egal sind, oder?"
Ja, es schien logisch. Gleiches mit Gleichem vergelten war nur fair, obwohl das keine universelle Regelung sein konnte, sonst wäre Amáya wohl längst tot. Aber war das nicht genau das, wass einige Wölfe des Rudels wollte? Wölfe wie Urion? Nun war ihm ein weiterer Gedanke gekommen, eine Art Idee. Er rechnete eigentlich damit, dass Amáya ablehnen würde, aber fragen konnte er ja mal.
"Du könntest... du könntest mich beschützen. Tante Nyota bringt mir das Kämpfen bei, ich kann also auf mich selbst aufpassen, aber... das gilt nur für meinen Körper, verstehst du? Ich kann nicht auf meine Seele aufpassen. Und ich glaube nicht, dass ich über alles mit meinen Schwestern reden kann. Solche Sachen wie diese Frage, die in mir brannte, die können sie nicht verstehen, denke ich. Aber du kannst es. Du weisst bescheid..."
Er sah sie an und versuchte abzuschätzen, was sie von diesem Vorschlag hielt. Er rechnete irgendwie damit, dass sie ihn nun doch auslachen würde.
"Würdest du... auf mich aufpassen? Auf meine Seele, falls ich noch häufiger.. anders ticke als die anderen? Quasi... wie eine große Schwester... äh" - Jaksh runzelte die Stirn - "naja, eigentlich bist du ja meine Tante... aber nur ein Jahr älter...ähm..."
Jakash verstummte, seine Worte kamen ihm gerade selbst etwas sehr wirr vor. Aber naja, so viel, wie er mit Tante Nyota zu tun hatte, hatte er irgendwie den Eindruck gewonnen, Tanten sollten um einiges Älter sein als er und seine Schwestern, und nicht nur ein Jahr...
Cuma lächelte ihn erneut an. Ein glockenhelles Lachen verließ ihre Kehle, nein, wie ein Unruhestifter sah er wahrlich nicht aus. Das hatte nun auch Isis gemeint, die ganz plötzlich zu ihnen gestoßen war. Doch nach ein paar Wörtern war sie auch schon wieder weg. Cumará schaute ihr traurig hinterher. Isis und Tyraleen verstanden sich sehr gut, so, wie Malicia und Cuma. Doch Cuma hätte so gerne mal wieder mit ihr gesprochen. Ein paar Sätze. Über Rime. Über Kensharion. Über sich. Über das Leben. Über Alles. Cuma starrte ihr betrübt hinterher, dann wandte sie sich wieder Rouku zu. Ihr Blick schweifte davor noch einen weiteren Moment über die Menge, dabei nahm sie kurz Kaede ins Auge. Ihr Bauch wölbte sich nun auch deutlich. Cuma freute sich sehr für Urion und Kaede. Wunderbar, es würde viel neues Leben geben in diesem Frühling...! Vielleicht würde sie ja Patin werden? Wie gerne würde sie es werden. Sie liebte Welpen. Kaede unterhielt sich mit Urion. Sie hatte schon lange mal mit Kaede sprechen wollen. Sie erinnerte sich noch an ein kurzes Gespräch... irgendwann würde die Zeit dafür kommen. Dann sah sie jedoch wieder zu Rouku. Sie mochte seine Augen. Die Graue sah ihm direkt ins Gesicht.
"Mach dir keine Sorgen, es wird schon wieder alles in Ordnung kommen... aber anscheinend gibt es gerade ein paar... familiäre Probleme. Wird sich schon wieder legen. Kennst du dich aus in dieser Gegend? Sonst kann ich es dir gerne zeigen."
Ihre mandelförmigen Augen ruhten kurz auf seinen Pfoten, vielleicht wollte er sich auch ersteinmal ein wenig ausruhen? Der Wolf war nicht besonders groß, etwa gleich groß wie sie selbst. Aber das machte nichts. Sie lächelte ihn mit ihrem strahlenden Lächeln an und fügte ihrem Satz noch etwas hinzu.
"Aber ich kann verstehen, wenn du nicht willst, sicher bist du müde. Wenn du irgendwelche Fragen hast, kannst du immer zu mir kommen."
Cuma ging nun ein paar Schritte und wartete, dass der Rüde ihr folgte. Das Leben war schön. Man lernte neue Wölfe kennen, alle verschiedenen, alle hatten einen anderen Charakter, alle ein anderes Aussehen. Jeder hatte seine eigene Geschichte und Vergangenheit. Cuma seufzte in sich hinein. Sie dachte manchmal noch über Kensharion nach. Manchmal. Sie musste wohl zugeben, dass sie es nicht einmal jeden Tag tat. Aber man kann sich ja nicht darüber wundern, schließlich war Kensharion einfach plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Die graue Wölfin wandte sich wieder Rouku zu. Seine ruhige Art sprach sie an, er war das Gegenteil von ihr, ruhig und bedacht. Und außerdem freundlich. Angenehm. Sie lächelte nocheinmal freundlich, diesmal ein kleines Glitzern in den Augen.
Urion registrierte nur aus dem Augenwinkel, dass Amiyo dazu gekommen war. Erstaunlich, er schien Kylia sehr zu mögen und konnte die Fähe beruhigen. So konnte sich der graue Wolf nun seiner Gefährtin widmen. Sie sah erschöpft aus. Ja, die Welpen in ihrem Bauch machten ihr eindeutig zu schaffen. Kaede schaffte es Kylia irgendwie zu beruhigen, gar zu Raison zu rufen, dass sie doch nicht so in Panik verfallen sollte. Urion fuhr ein kalter Schauer über den Rücken. Nichts, nichts! Kaede "sah" es jeden Tag, was war wenn sie direkt hineinlief ohne es zu merken! Nur ein unbedachter Schritt und der Graue würde sie auf ewig verlieren. Sie und die Kinder! Ein unsicheres Grollen verließ den Rüden und blinzelte kurz. Würde er denn nie zur Ruhe kommen? Nie? Urion schalt sich. Das Rudel musste sich unbedingt versammeln! Engaya weiß wieviel Zeit ihnen noch blieb bis das Unbekannte sie einholen konnte. Kaede setzte sich in Bewegung. Es war richtig, sie mussten zum Rudel. Urion drehte seinen Kopf herum, knurrte die beiden Turteltauben auffordernd an. Es war nicht böse gemeint, sondern rührte von seiner Beunruhigung her. Ja, selbst er wusste nicht, was dort ihr Revier zerstörte und wenn es auch Nyota nicht wusste! Kaede lief so, dass Urion schnell zu ihr aufschließen konnte. Er blieb ganz nah bei ihr, wollte sie auch nicht aus den Augen lassen. Das Nichts war eine unglaubliche Gefahr für die Fähe. Aber vielleicht konnte grade sie verstehen, was darin vorging, jedoch wollte Urion sie nicht jetzt fragen, nicht hier, wo sie zu viert durch den Schnee liefen, zum Rudel.
Die Welpen... ja, ich bin auch gespannt auf die Kleinen. Und einen Namen hab ich auch schon... Krolock. Was hältst du davon, Kaede? Naja, das muss eine Eigenart von euch Fähen sein, dass ihr mit den Jungen sprecht."
Urion lächelte seine Fähe auf Wolfsart an und schleckte ihr sanft über die Schnauze. Sie sollte die Gewissheit haben, dass er für sie da war.
"Ich mache mir um viele Dinge Sorgen. Was ist wenn der Fluch die Welpen... sich auf sie überträgt? Was ist, wenn jetzt das ganze Rudel nicht zusammen findet und wo bleiben Nyota und Banshee. Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt? Und um eines möchte ich dich bitten... bleib ab jetzt an meiner Seite. Ich habe große Angst, dass du in dieses Nichts hinein rennst. verstehe mich nicht falsch, aber was ist wenn du es nicht mal spüren kannst?"
Urion seufzte besorgt, als sich der See endlich vor ihnen auftat.
Rouku blickte Isis hinterher als sie sich nach wenigen Worten ihnen abwandte. Auch sein Blick folgte zu einer Fähe dessen Augen den Rüden überraschten, anscheinend war sie Blind. Mitleid überkam ihn, unauffällig schüttelte Rouku den Kopf, mit Mitleid sollte man nicht so leichtfertig umgehen, es könnte verletzen. Nachdem er den Worten von Cuma gelauscht hatte überlegte der Braune ob es nicht doch besser wäre die Gegend zu durchforschen, viel hatte er nicht mitbekommen, er war nur dem Geruch dieser Wölfe, die nun vor im standen, gefolgt in der Hoffnung ein Rudel zu finden, in dem er bleiben konnte.
„ Es macht mir nichts aus, wenn du mir die Gegend zeigst. “
Gab er von sich, immer noch in dem gleichen leisen und dennoch angenehmen Ton in dem er vorher schon gesprochen hatte. Rouku war nicht der besonders große Redner, mehr Zuhören war seine Stärke, denn mehr als ein bis zwei Sätze kamen nicht über die Lefzen des Braunen. Denn seine Erscheinung sagte viel mehr über ihn aus, von seinem Vater hatte er oft zu hören bekommen, das er seiner Mutter gleicht, deren braunes Fell in der Sonne erstrahlt und Wärme und Zuversicht in manchen Wölfen hervorruft. Müde war er wirklich nicht, er spürte wie seine Lebenskraft wieder in ihm erweckte. Rouku holte tief Luft um die erfrischende Luft einzuatmen, der Wind strich ihm durchs Fell, kurz schließt er die Augen um dann wieder in Cumas Gesicht zu blicken.
„ Ich verspüre keine Müdigkeit. “
Seine Augen ruhten auf ihr als er mit bedachten Schritten der Fähe folgte. Er war gespannt was sie ihm so zeigen konnte, denn die Gegend war ihm nicht vertraut. Jetzt fühlte er sich wieder einsam, ohne seine Schwester an seiner Seite und wieder kam diese schmerzhafte Sehnsucht in ihm Hoch, die seine Ohren nach hinten klappen ließen und seine Augen voller Trauer füllte.
Es war verrückt. Alles war verrückt. Diese ganze Welt, das Leben, der Tod, dieses Rudel und natürlich an erster Stelle sie selber. Verrückt und abgedroschen. Als wäre alles nur ein flüchtiger Traum, aus dem man erwachen konnte. Es konnte nur so sein, ansonsten würde sie hier nicht so friedlich herum liegen und bei Jakash ihre Zeit verbringen, die sie eigentlich für andere Dinge hatte verwenden wollen. Sie musste gänzlich den Verstand verloren haben, ansonsten hätte sie sich entweder längst über den Jungrüden her gemacht oder ihm einer geschickten Gehirnwäsche unterzogen. Da sie aber weder noch tat und so rein gar nichts unternahm, konnte sie augenscheinlich nur gedankenlos verrückt sein. Warum zum Teufel, lag sie gemütlich hier und hielt ein Schwätzchen? Wieso unternahm sie nichts, außer nichts zu tun? Sie hätte die Chance, sie könnte schlicht Banshee aufsuchen und mit ihr reden. Sie zum weg gehen bewegen. Aber irgendetwas ließ sie die Weiße meiden. Zudem hatte sie keine große Lust, ihrer Mutter wieder gegenüber zu stehen. Es schmerzte sie doch irgendwo, in diese ehrlichen Augen zu blicken, in denen sie ihre eigenen Lügen erkennen konnte. Aber es war zu spät zum umkehren. Sie konnte und sie wollte nicht zurück. Es war kein ort mehr, an den sie gehörte, falls es denn jemals so gewesen war. Sie war kein Kind der Sterne mehr, keine Tochter von Leben und Tod. Sie brachte nur Unheil, Unglück, Wut und Trauer. Und kein Mitleid. Nichts. Auf seine Worte hin runzelte Amáya die Stirn, zog sie kraus und betrachtete den Jüngeren. Was redete er denn da? Schnell wischte sie mit einer Pfote über den Boden, als wolle sie das Gewicht seiner Worte los werden.
„Red keinen Blödsinn. Es trifft dich keine Schuld, es sind andere Wölfe die Schuldigen. Und ich werde ihnen wohl nicht vergeben können. Aus dieser Tatsache...“
.oO(... ist ein neues Wesen, ein Todesengel entstanden. Wie passend.)
Nachdenklich ließ sie den Blick aus den regenblauen Augen wieder schweifen, die ein wenig an Härte verloren hatten. Jakash redete Blödsinn, natürlich. Er war noch jung und hatte keine ahnung worum es ging. Für ihn stellte sich das alles wohl leicht und logisch dar, doch das war es nicht.
„Vergiss aber nicht, dass die ‚Auge um Auge’ Philosophie nicht funktioniert. Sie macht nur blind...“
, brummte die Dunkle zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor, da sie den Kopf auf den schneebedeckten Boden nieder gelegt hatte. Als würde ihr der Schädel vor lauter Gedanken schwirren. Es war anstrengend. Auf das Nächste was kam, war sie absolut nicht vorbereitet gewesen. Der schmale Kopf mit dem ausdrucksstarken Gesicht ruckte in die Höhe, die Ohren gespitzt und die Ernsthaftigkeit war zurück gekehrt.
„Ich? Ein Patron deiner Seele? Hast du vergessen wer und was ich bin?“
Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Er schien wirklich von allen guten Geistern verlassen.
Seine Mitschuld wies sie von sich, und das Prinzip der Auge-um-Auge-gerechtigkeit lehnte sie ab. Amáya war in der Tat sonderbar, fand Jakash. Was immer er sich an logischen Schlussfolgerungen für ihr Handeln zurecht legte, sie machte seine Theorien zunichte. Sicherlich, seine Ideen waren unausgereift, aber die Schwarze ab ihm ja auch keine Möglichkeit, an seinen Thesen zu feilen. Sie lehnte alles ab, Gutes und Böses gleichermaßen - so oder so ähnlich erschien ihm das zumindest. Unwillkürlich zuckte er ein wenig zusammen, als ihr Kopf nach oben zuckte. Er fürchtete keinen Angrff von ihr, eher eine Schimpftirade oder einen Lachanfall, der das eigentlich so interessante Gespräch beenden würde.
"Nein! Nein, das habe ich nicht vergessen... aber, genau das ist es ja! Du bist... neutral, sozusagen. Du bist nicht mehr so an das Rudel gebunden wie alle anderen, und du entsagst sowohl Engaya als auch Fenris. Wer könnte besser dafür geeignet sein, auf eine Seele aufzupassen, als du? Jeder andere würde wissentlich oder unwissentlich versuchen, mich nach seinen Wünschen zu erziehen, oder? Aber du könntest auch mich achten und mir bescheid geben, wenn dir etwas auffällt - und dann kann ich mich entscheiden, wenn ich erstmal darauf aufmerksam geworden bin... was auch immer das dann sein mag..."
Er hatte sich von Rakshee erzählen lassen, wie ihre Priesterausbildung so war, und sie natürlich auch mit seinem Kampftraining verglichen. Selbstverständlich sprangen waren die Unterschiede weitaus offensichtlicher als die Gemeinsamkeiten, und genau auf diese Weise waren ihm auch die Unterschiede zu der Lebensweise aufgefallen, die seine Eltern ihm vermittelt hatten. Ihm war in einer stillen Stunde des Nachsinnes aufgegangen, wieviel Erziehung in allem steckte, das die Erwachsenen zu Welpen oder Jungwölfen sagten und wie sie sie behandelten. Manchmal hatte er sogar ein wenig den Eindruck gewonnen, dass die Erwachsenen sich sogar gegenseitig zu erziehen versuchten. Und Jakash hatte sich gefragt, wie sehr er erzogen werden wollten, statt für sich zu entscheiden. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lefzen, doch sein Blick war aufmerksam und ernst. Er hoffte wirklich, sie würde seinen Vorschlag annehmen. Wenn nicht, musste er das eben akzeptieren - aber einen Versuch war es wert...
Dumpf vernahm er die Worte Aszrems. Zweierlei wurde in ihm ausgelöst, Dankbarkeit und ein merkwürdiges Empfinden von Ärgernis. Nicht auf die Worte des Schwarzbraunen, viel mehr, dass er selbst vielleicht einer helfenden Pfote schaden könnte. Denn das; so glaubte Akru zu erkennen; würde er wagen. So ließ er den Grauen auch hinter seinem Rücken Schutz genießen- die Befürchtung das der schwarze Hitzkopf nun einen Unschuldigen angreifen würde hielt allerdings nur kurz. Sollte er es wagen, so hätte er die Bekanntschaft mit der Verzweiflung eines Vaters machen können.
Doch Tyraleens Worte schnitten jegliche andere Annahme ab und er musste unweigerlich mit dem verletzten Stolz einer Jungwölfin vorlieb nehmen. Auch wenn er die eigentliche Botschaft nicht ganz verstand; nur jeglicher Zorn und Verzweiflung prasselten auf ihn nieder und gaben damit die Eröffnung einer weiteren Beschimpfungswelle.
War ihm Recht, sollte man ihm die Schuld geben, war auch viel einfacher, als vielleicht eine eigene Verschuldung zu suchen. Und was hatte er erwartet? Verständnis? Nun ja, er hätte zumindest erwartet, dass die Weiße ein wenig klüger und wärmer wäre. Von Averic erwartete er gar nichts, die kommende Enttäuschung wäre sonst niederstreckend gewesen.
Nur etwas, was man Zweifel nennen könnte, legte sich auf das trauernde Herz. So wollte er eigentlich niemandem schaden, nur seine Ruhe und das Leben neben Banshee. War er einfach zu gierig gewesen? Doch ganz so im Unrecht konnte er nicht sein, denn es gab schließlich einen Hünen der noch vernünftig zu urteilen schien. Aszrem. Und als die Geschwister verschwunden waren- im Vollgalopp weg von den Feinden- sah er zu dem Schwarzbraunen auf. Ein einfaches „Danke“ hätte an dieser Stelle seine Taten wohl beleidigt und jegliche Loyalität zu Nichte geschlagen. So hob er die graue Pranke und legte sie kurz und warm an die Flanke des Anderen.
“Wahrlich, mein Freund. Es kann vielleicht Gerechtigkeit geben“,
flüsterte er. Hoffnung war nicht direkt daraus zu hören, aber einen Anflug von Glauben.
Gelegenheit zu einer Antwort gab es aber nicht. Isis preschte auf den Grauen zu. Erst glaubte der Zeitwächter Zorn in ihren Augen sehen zu können, aber es waren nur dicke kullernde Tränen, die über ihr Gesicht strömten. Vielmehr allerdings trafen ihn ihre Worte. Warum war sie so traurig? Sie hatte ihm nur wenig Unrecht angetan und er würde sie für ihre Meinung nicht hassen. Und doch: es schien sie traurig zu stimmen. So hörte er ihre Worte an, spürte wie sie ihn vom Blut befreite, sah ihren Schwur. Der kurze Biss in die Pfote; Akru wurde unruhig, denn so hart kannte er Isis nicht; schließlich ihr Versprechen.
Ein seichtes Lächeln legte sich auf seine Lefzen. War es immer noch nicht ganz so ehrlich, aber sollte ihr einen gewissen Halt geben. Er strich ihr über die Stirn.
“Isis, beruhige Dich. Ich bin Dir nicht böse, ich weiß, dass Du mir wohl gesonnen bist, so wie auch ich Dich liebe. Es ist Alles sehr kompliziert und ich möchte nicht, dass Du in die Schussbahn gerätst. Es würde mich nur trauriger machen, wenn man Dir zu Unrecht wehtun oder Dich verurteilen könnte. Lasse es nicht soweit kommen, hasse nicht. Die Wärme zeichnet Dich aus, Deine Liebe.“
Er hielt inne, suchte nach Worten. Nach den Richtigen. So legte sich die Pranke auf die sanfte Pfote, das graue Fell sog abermals Blut auf.
“Versprich mir lieber, dass Du nicht mehr hassen wirst, denn Hass gibt es zuviel. Versprich mir, dass Du glücklich wirst. Das wünsche ich mir viel mehr, als dass Du Dich meinetwegen in das Unglück stürzt.“
Vielleicht hätte er in anderen Momenten schönere Worte gefunden, doch immer noch legte sich das schwere Gefühl in seinem Magen fest. Wieder suchte der Graue die Augen Aszrems. So, als suchte er bei ihm die richtigen Worte. Er verstand sich nicht gut in Reden halten. Und vor allem nicht, wenn ihm ein Leben vor die Pfoten gelegt wurde. Dabei wünschte er sich doch nur, dass die Wüstenwölfin glücklich war. Vielleicht würde auch sie irgendwann Welpen bekommen und er könne sie aufwachsen sehen. Er wollte auch die Welpen des Schwarzbraunen aufwachsen sehen. Und Tyraleens Welpen und Averics- stopp. Averic sollte Vater werden? Etwa…? So abwegig klang es nicht. Schließlich hangen die Beiden ziemlich oft aufeinander. Oh je, da hatte er sich ja die schönsten Gegner ausgesucht; die nun eine kleine Armee von Akruhassern auf die Welt setzen würden.
Angesichts seines wieder aufkommenden Sarkasmus´ schien es ihm etwas besser zu gehen. Oder war es nur der Gedanke daran, dass seine kleine Isis auch einmal Welpen haben würde? Und er vielleicht diesen schönen Augenblick miterleben durfte.
“Ach Isis, ich werde Dir nie böse sein. Aber einen Wünsch hätte ich: Lächle! Es macht mich glücklich. Und: Gehe zu Tyraleen. Tröste sie. Ich bitte Dich. Sie braucht Dich auch, Du bist ihre Freundin.“
Nachdem Kandschur ihn berührte und dann mit in das Lied eingestiegen war, jagten Liam immer wieder wohlige Schauer über den Rücken. Diese winzige Berührung schien sein Fell zu elektrisieren und er hatte das Gefühl, als ob es in alle Richtungen abstehen würde, was aber nicht der Fall war. Dies sah er jedoch erst, als er sich mit einem kurzen, schielendem, Blick vergewisserte. Erschöpft wurde er leiser, die Kraft und Intensität dieser zwei Lieder, dieses Augenblickes voller Liebe, hatte ihn ermüden lassen, zwar fühlte er sich innen kräftig und stark wie nie, aber gleichzeitig auch so ausgelaugt wie schon lange nicht mehr.
Er spürte, dass es langsam Zeit war zu dem Rudel zurück zu kehren, er hatte eine innere Unruhe gespürt, der er unbedingt auf den Grund gehen wollte, außerdem waren sie lange genug weg gewesen. Buddha hatte ihre Pfoten gelenkt und sie bis hier hin geführt, nun würden sie vorerst wieder ihre eigenen Wege gehen können. Kisha und Aradis würden sich sicher auch freuen, sie waren schließlich ebenfalls so lange fort gewesen, es gab sicher viele Neuigkeiten zu hören. Er blickte Kandschur verliebt an und stupste ihn sachte an. Diese Berührung, dieser Duft. Alles an Kandschur kam ihm unwirklich vor, er traute sich kaum zu blinzeln, so als ob er Angst hatte, dass Kandschur sich in Luft auflösen könnte. Und gleichzeitig war ihm klar, dass dem nicht so war, dass Kandschur seinen Weg teilen würde. Buddha hatte es erlaubt, Buddha hatte sie vereint und war Zeuge einer seltenen aber sehr intensiven Liebe. Friedlich grinsend tappte er mit der Pfote nach Kandschur. Während dieser Bewegung spürte er, wie der goldene Schleier, der sich unsichtbar über sie gelegt hatte, davon zog und es war, als ob ihn etwas verlassen hätte.
Ein kleiner Stich fuhr durch sein Herz und er seufzte tief auf. Buddha hatte sich wieder zurückgezogen, ihre Mission war beendet. Natürlich hatte er sie nicht verlassen, so etwas tat er nicht, solange Kandschur und er, Liam, nach den Lehren Buddhas lebten würde er auch immer bei ihnen sein, und doch war die Intensität bei einer solchen Wandlung immer noch stärker und deshalb hatte er gespürt, wie es sich verändert hatte. Doch es stimmte ihn nur ein wenig traurig, Kandschur war bei ihm und würde mit ihm zurückkehren.
„Komm Kandschur.“
Ruhig erklang seine volle, tiefe und melodische Stimme. Kurz pausierte er, grummelte liebevoll ehe er wieder seine Stimme erhob.
“Wir sollten zurück zu Kisha und Aradis gehen und wenn die beiden wollen wieder das Rudel aufsuchen. Wir waren lange genug fort, wir haben das erreicht, was Buddha uns geben wollte, uns zeigen wollte, und demnach sollten wir diesen Ort nun verlassen. Nicht aber vergessen, welch Glück uns hier an genau diesem Ort widerfahren ist!“
Lächelnd trat er auf der Stelle herum und wand sich in die Richtung, in welcher sie Kisha und Aradis zurückgelassen hatte. Mit einem wieder besorgten Gefühl machte er Kandschur durch Gesten klar, dass etwas nicht stimmte und fing dann an mit schnellen Sprüngen zu den beiden Fähen zurückzulaufen.
Verweilend in Gedanken war er unvorsichtig geworden; aber was gab es schon zu befürchten? Zumindest keinen Angriff aus dem Hinterhalt. Aber gerade das war der Grund, warum er schlagartig aus seinem verweilenden Trott gerissen worden war. Es war ein kurzer Druck im Nacken gewesen, ohne wirklich verletzend zu sein. Doch schon war der Schwarze gewillt dem Angreifer Eine zu verpulen. Denn wer die Feigheit besaß aus dem Rückhalt jemanden ohne Vorwarnung anzugreifen, der verdiente auf jeden fall eine Abreibung. Aber bevor er diesen Dreckskerl einer ordentlichen Prügelei unterziehen konnte, wurden schon scharfe Zähne in den Hals gerammt und dann knipsten die Lichter aus. Nur ein Wunsch brannte auf: Beschützen. Familie beschützen. Grob knurrte er auf, sowie zuvor auch der Angreifer. Schnappte nach dem Fang des Anderen und grub seine Zähne in die Lefzen und das darunter liegende Zahnfleisch. Dabei wirkte er nur so, als galt es eine lästige Fliege abzuschütteln. Was ihn allerdings etwas traf, als er nun in das Gesicht des Feiglings gucken konnte, dass es eine Angreiferin war. Kein Dreckskerl, eine Drecksfähe.
Mahnend verdrehte er die Augen. Warum in aller Welt musste es eine Wölfin sein? Sie war offenbar stark im Glauben, dass sie gegen einen Rüden wirklich bestehen könnte. Aryan wusste, mochte sie auch noch so stark sein, gewinnen konnte sie nicht. Zudem schien sie nicht ganz da zu sein. Etwas abgehoben. Vielleicht verwirrt? Was es auch sein mochte, es versetzte den Schwarzen einen kleinen Stich des Mitleides, allerdings lockerte er seinen Biss nicht. Hielt sie weiterhin an der empfindlichsten Stelle des Wolfkörpers fest. Ungelogen, sie war riesig für eine Wölfin. Aber das allein würde ihr nicht viel nützen. Ein leises Grollen, noch einmal ein mahnender Blick, dann fragte er:
“Was um Alles in dieser Welt ist in Dich gefahren? Auf den Kopf gefallen, giftige Pilze gefressen? Verwehrte Liebe? Was es auch sein mag, es gibt Dir nicht das Recht den Frust an mir abzulassen, klar?“
Beim Sprechen löste er seinen Biss. Und konnte der Fähe nun in das eigentlich gar nicht so hässliche Gesicht sehen. Nun ließ er das Nackenfell leicht aufrecht stehen, sollte sie abermals einen Angriffsversuch starten, dann würde er sie zerfleischen- nur um sicher zu gehen, dass sie seinem Bruder oder seiner Gefährtin nichts tun konnte.
“Oh man, erst Akru und nun noch so eine Todeslustige. Würde mich nicht wundern, wenn sie miteinander verwandt wären“,
wie Recht er mit diesen Worten hatte, konnte er ja nicht ahnen. Vielmehr hatte er es als einen sarkastischen Beigeschmack hinzufügen wollen, um seiner Stimmung nicht gänzlich einen Abbruch tun zu müssen. Was wohl wiederum das Überleben der Grauen sicherte, zumindest für diesen Tag. Denn noch immer durfte man einen Jungwolf ohne gefestigten Verstand nicht unterschätzen, so konnte er nicht immer direkt abschätzen, ob seine Schläge wehtaten. Und meist konnte er nicht mehr nachfragen… Der schwarze Fang allerdings blieb noch ein Stück geöffnet, für einen nächsten Angriff. Sollte sie es versuchen, wenn sie Spaß daran hatte. Was für ein Hobby, überlegte er innerlich. Hätte sie eigentlich nicht nötig, war nicht unbedingt das Beste. Außerdem tat es ihrer Schönheit einen Abbruch, eine lange Narbe zeugte davon. Nun gut, auch Aryan hatte eine Narbe und die saß im Gesicht, allerdings schien es in einem Rüdengesicht weniger hässlich als schmeichelhaft zu sein.
Wer auch immer sie war, eines stand fest: ein leichtes Leben hatte sie wohl nicht hinter sich gebracht. Aber wie dem auch sei, jeder hatte so seine Last zu tragen und ihr Verhalten war mit keiner Lebenslage zu begnadigen. Basta.
Cuma schaute lächelnd zurück. Er war nicht müde? Das war gut, dann konnte sie ihm ein wenig die Gegend zeigen. Cuma schaute kurz zu Malicia, die immer noch zusammengerollt im Schnee lag und zeigte ihr mit Blicken, dass sie kurz weggehen würde. Das funktionierte sehr gut, sie verstanden sich mit Blicken und fast unsichtbaren Gesten. Die Graue zwinkerte ihrer besten Freundin vielsagen zu. Nicht, dass sie sich Hoffnungen machen würde. Sie war schließlich ein Krüppel. Aber davon ließ sie sich in diesem Moment nicht ihre gute Stimmung versauen, steifes Bein hin oder her. Dann wandte die Fähe sich dem Rüden wieder ganz und gar zu.
"Gut, dann komm mit."
sie gingen zusammen auf den Wald zu.
"Aalso... der See, den du ja schon gesehen hast, trägt den Namen 'Sternensee'. Für die Wälder haben wir hier eher keine Namen. Südwald, Nordwald. Einfach zum Unterscheiden. Doch der Nord- und der Südwald unterscheiden sich wirklich ziemlich stark. Während der Nordwald eher licht ist, ein Mischwald mit vielen Lichtungen, ist der Südwald düster und feucht. Sumpfgebiete, Moore... nur, damit du dir es ungefähr vorstellen kannst. Der Südwald ist nicht beliebt, wir bleiben lieber im Nordwald. Er ist... sicherer. Denn auch wenn der Südwald ins Territorium des Rudels der Sternenwinde gehört, kann man sich nie ganz sicher sein, was einen dort erwartete. Meide ihn einfach. Ja, wir nennen uns das Rudel der Sternenwinde und das hier," , sie machte eine rasche Geste, "ist das Tal der Sternenwinde. Es gibt dieses Tal schon sehr, sehr lange. Banshee und Nyota sind die Alphawölfe. Mhm... eher Wölfinnen. Sie sind gute Alphas. Banshee ist ruhiger und bedächtiger als Nyota, Nyota ist... impulsiver und ... nun, ich würde jetzt nicht sagen, dass Banshee nicht temperamentvoll ist, aber Nyota lässt viel mehr nach außen dringen. Banshee wirkt ein wenig mehr in sich gekehrt. Aber das ist nur meine Beurteilung, du wirst dir bei Zeit deine eigene Meinung bilden. Möchtest du sonst noch etwas wissen? Oh, tut mir leid... ich hab dich jetzt bestimmt total vollgelabert...!"
meinte Cuma entschuldigend und lachte. Die ganze Zeit waren sie nebeneinander her gegangen. Es fing wieder an, zu schneien; große Schneeflocken fielen auf ihren hübschen Kopf. Cuma schnappte spielerisch nach ihnen und ließ noch ein Lachen ertönen. Ihre himmelblauen Augen schauten direkt in die kastanienbraunen des Braunschwarzen. Rouku war ihr sympathisch, er hörte gut zu und war wirklich freundlich, sie wäre sehr froh, wenn sich daraus eine Freundschaft entwickeln würde. Nicht mehr. Denn Cuma dachte immer noch mit einem Stich im Herzen an Kensharion zurück. An ihre Zeit mit dem Schwarzen. Cuma blieb stehen. Ihr graues Fell schimmerte ein wenig, die mandenförmigen Augen blickten hoch zu Himmel. Wie schön wäre es, zu fliegen...
04.01.2010, 20:39
Gelangweilt hob der Schwarze den Kopf, als Urions Ruf erklang, das kurz darauffolgende Heulen seitens Akru ignorierte er gänzlich. Die Tatsache, dass dieser Möchtegern-Betawolf die Dreistigkeit besaß ihm indirekt irgendetwas zu befehlen entrang ihm ein sarkastisches Hüsteln.Sein Blick wanderte rasch zu Sharíku hinab, ehe er sich wieder in der Ferne verlor. Er hatte ihren entschuldigenden Blick gesehen.
„Natürlich.“, Lunar lachte leise, freudlos. „... aber es ist nicht nötig dich dafür zu entschuldigen, dass du mir nicht helfen kannst. Lauf nur!“
In seiner Stimme klang Enttäuschung, tiefe, beißende Enttäuschung. Hatte er wirklich geglaubt sie könne ihm helfen? Hatte er wirklich geglaubt sie könne einmal das für ihn sein, was Shani oder auch Nayran für ihn gewesen waren...? Er war tatsächlich ein Narr und naiv noch dazu. Und obgleich dieser Tatsache hätte er seine Worte am liebsten sofort wieder rückgängig gemacht. Sie war nicht Nayran, der darauf wohl eine spöttische Bemerkung zurückgegeben hätte. Sie war auch nicht Shani, die vielleicht verstanden hätte, dass er nicht das meinte, was er sagte. In einer schnellen Bewegung wandte er sich wieder um, lief einige Schritte voraus in Richtung See, hielt dann inne und blickte wieder mit verschleiertem Blick in die Ferne.
„Vielleicht solltest du wirklich zu ihnen gehen...“, begann er nachdenklich, „...kann eigentlich nie Schaden sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Vorausgesetzt man ist in der Lage Befehlen Folge zu leisten.“, er lachte kurz und leise auf. „Sollte dir eigentlich keine Probleme bereiten und ab und zu kann es auch ganz nützlich sein. Beispielsweise ist man niemals allein.“
Er stieß ein tiefes Seufzen aus, hatte sich längst zwischen Gedanken und Erinnerungen verloren, während er wieder begann auf und ab zu gehen. Den Blick in den Himmel gerichtet, ohne ihn wirklich zu sehen. Ihm war es nie wirklich gegönnt gewesen in einer Gemeinschaft zu leben. Er hatte niemals wirklich eine Familie gehabt. Sein Leben bestand aus Lügen, Verachtung, Mord und Verrat.
„Vermutlich war ich das einfach viel zu lange. Allein. Ich habe nie gelernt, wie es ist in einer Gemeinschaft zu leben. Ich hatte nur Shani...“, er hielt inne und blies eine weiße Atemwolke in die kalte Winterluft. „... und Nayran.“
Ein trauriges Lächeln zierte die dunklen Lefzen. Ja, Nayran. Wenn er zurück dachte, dann war es wirklich eine schöne Zeit gewesen – mit Nayran. Nur hatte er sich das zuvor nie eingestehen können. Ein trauriges Lachen stieg in ihm auf, doch er schluckte es herunter, ehe es seine Lefzen erreichte. Warum wusste man die Dinge erst zu schätzen, wenn sie vorüber waren?
„Ja warum...?“, er wandte den Kopf zu der kleinen grauen Wölfin. „... warum weiß man die Dinge erst zu schätzen, wenn sie vorüber sind?“, wiederholte er den Gedanken laut.
Eine kurze Weile stand er ganz still, dann blinzelte er und schaute schließlich aus klaren blauen Augen zu Sharíku hinüber.
„Wolltest du nicht zu den anderen gehen?“, fragte er zusammenhanglos und hob eine Augenbraue. „Dir macht es doch nichts aus, wenn ich dich begleite?“
Es war ein erster Schritt und irgendwie war es doch die kleine graue Wölfin, die ihm zu diesem ersten Schritt verholfen hatte. Irgendwie.
Nyota war da, wärmte und stützte, sie würde nicht gehen, sie durfte da sein, musste da sein. Banshee liebte Nyota. Echte Liebe, wahre Liebe, ihre Schwester war da und so war es gut. Aber was war noch richtig? Nie hätte die Weiße gedacht, jemals an einem Weg zu zweifeln, hatte sie doch immer Engaya bei sich, die ihr half, wenn sie zögerte. Doch jetzt war niemand mehr bei ihr, der helfen konnte und so wollte sie auch keinen Schritt mehr machen. Stehenbleiben. Was hieß das? Sie wusste es, trotzdem fand es seinen Weg nicht zu ihren Gedanken. Nur Nyota, wie sie bei ihr war und ihren Schmerz aufnahm, von ihren Schultern lud, sodass sie gemeinsam viel weniger zu tragen hatten. Nur ihre Worte waren nicht gut, stießen sie doch mit der Schnauze auf den wunden Punkt in Banshees Welt. Fehler über Fehler.
“Ich liebe ihn nicht. Ich habe ihn nie geliebt und werde ihn nie lieben. Acollon, immer nur Acollon.“
Wie könnte sie jemand anderen als Acollon lieben? Unmöglich. Trotzdem war sie zu Akru gelaufen, hatte ihm so viel gestattet, wusste, dass er sie liebte. Fehler über Fehler. Nyota begann ihr das Blut von der Nase zu waschen, aber überall war nur noch Rot, sie würde nie wieder weiß sein, nie wieder. Kleine Schwester … ja, sie war die kleine Schwester. Hatte sie nicht immer größer als Nyota sein wollen? Hatte sie nicht immer genauso stark, genauso wild sein wollen? Jetzt nicht mehr, jetzt nie wieder. Sie war die kleine Schwester und sie wurde von ihrer großen Schwester getröstet, wie als sie Welpen waren und die ganze Welt gegen sich hatten. Da war Nyota zu ihr gekommen und hatte ihr gesagt, dass alles gut werden würde, dass sie nicht traurig sein sollte. Es schien so endlos weit fort. War sie jemals ein Welpe gewesen? War sie jemals so ein kleiner, schuppenloser Fisch, jedoch nicht verflucht, sodass sie hatte leben dürfen, wachsen, Großwerden und dieses Rudel leiten? Wären doch nur ihre Kinder so gewesen und sie selbst nie geboren, niemals hier, sodass kein Acollon, kein Akru, kein einziger ungeborener Welpe unter ihren Fehlern zu leiden hatte. Wäre sie nur tot.
“Im nächsten Frühjahr? Nyota … mein Winter wird ewig. Es gibt keinen Frühling mehr für mich.“
Sie hatte nur ganz leise geflüstert und fragte sich fast selbst, was sie damit meinte. Nie zuvor hatte sie sich dem Tod so nahegefühlt, nie war sie sich so sicher, das Ende erreicht zu haben. Nicht jetzt, in diesem blutbefleckten Schnee, aber vielleicht schon morgen. Sie hatte zu viele Fehler begangen. Acollon war zu fern.
“Nyota, versprich mir, auch bei mir zu sein, wenn es zu Ende geht. Versprich mir, mich auch dann noch zu lieben.“
Die Angst, alleine zu sterben breitete sich plötzlich in ihr aus. Was, wenn es immer so weiter ging? Wenn sie immer mehr Fehler begehen würde und schließlich verstoßen aus der Gemeinschaft ihr Ende finden würde? Sie hatte es verdient. Und keine Engaya würde darüber wachen, dass dies nicht geschehen konnte. Und Acollon war fort. Wäre er nur hier.
Wie betäubt lag Tyraleen im Schnee, die Augen geschlossen, die Ohren taub. Vielleicht war sie noch nahe genug bei Akru, Aszrem und den anderen, um zu hören, was sie sagten, aber sie wollte nichts hören. So lauschte sie stumm der Stille in ihr und fragte sich, ob sie gerade einen der vielen großen Fehler in ihrem Leben begangen hatte. Es waren viele, für ihre vergleichsweise kurze Zeit auf dieser Erde. Sie hatte aus allen gelernt, nur jetzt fühlte sie sich schrecklich hilflos. Ihr war es kaum möglich, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen. Banshees Fehlgeburten; Akru, der sie beleidigte; Akru, der ihre Familie in den Dreck zog; Akru, der Acollon verhöhnte; Akru, der scheinbar wirklich liebte … und Banshee, die wissen musste, was sie tat. Wie konnte sie Acollon betrügen? Wie konnte sie nur? Sie wusste nicht mehr, was sie gegenüber ihrer Mutter fühlen sollte. Sie konnte ihr nicht jegliche Entscheidungsgewalt absprechen, sie war sicher kein Opfer Akrus. Und andersherum? Tyraleen wusste nicht mehr, was sie denken sollte, ihr Kopf schmerzte schrecklich. Sie war für diese Situation zu jung … und zudem trug sie weiterhin Leben in ihrem Bauch, ihre Welpen durfte sie nicht vergessen. Sich nicht aufregen, ruhig sein. Langsam schlug sie die Augen auf und wäre doch am liebsten eingeschlafen um an einem ganz anderen Tag aufzuwachen und aus dieser Situation zu entfliehen. Sie bemerkte Averic erst, als er neben ihr zum Stehen kam. Ihre Blicke trafen sich kurz, dann legte sich ihr Bruder zu ihr, die Schnauze sanft auf ihrem Rücken. Auf seine Worte nickte sie ganz leicht, kaum merkbar. Dass er noch jemand anderen als Akru meinen könnte, kam ihr nicht in den Sinn. Eine ganze Zeit lang lagen sie beide so stumm da, bis sie schließlich den Kopf hob und ihren Gefährten leicht an der Lefze berührte.
“Ich fühle mich so klein. Viel zu klein für diese Situation. Ich weiß nicht mehr, wen ich hassen und wen ich lieben soll, verstehe nichts mehr und will auch nicht mehr darüber nachdenken. Mein Kopf tut so weh.“
Langsam richtete sie sich auf, ihr Körper fühlte sich erschöpft an, wie nach einem langen Lauf. Das plötzlich aufgekommene Gefühl, zumindest kurz noch einmal alleine zu sein, zumindest sich selbst wieder ganz gefunden zu haben, zog sie fort. Sie wollte Averic nicht alleine im Schnee liegen lassen, wusste aber nicht, wie sie ihm sagen sollte, dass sie alleine sein wollte. Vorsichtig nahm sie sein Ohr zwischen die Zähne, zog ganz sanft daran.
“Kann ich kurz alleine sein? Ich fühle mich nicht mehr wie ich selbst. Vielleicht sollten wir danach zum Rudelplatz – Urion und Kylia hatten doch gerufen. Ich komme nach, ja?“
Fast unschlüssig blieb sie noch kurz stehen, sie wollte Averic weiterhin nicht einfach stehenlassen. Schließlich trat sie ein paar Schritte weg von ihm und drehte sich noch einmal um. Jetzt lächelte sie ganz leicht.
“Ich liebe dich.“
Damit wandte sie sich dem verschneiten Wald zu und verschwand zwischen den Bäumen. Wieder alleine ging sie ganz langsam, fast andächtig. Der Schnee schluckte alle Geräusche, sie fühlte sich fast wie auf einem anderen Planten. Alles war plötzlich ganz weit fort. Nur noch sie. Und der Schnee.
Schon nach nicht all zu langer Zeit kam er an dem See an. Zwar nicht da, wo sich das Rudel treffen wollte, aber immerhin wusste er jetzt zu hundert Prozent wohin er musste. Unter der Schneedecke die sich auf dem See befand, erkannte man ihn kaum wieder, doch Ilias erinnerte sich an diesen Ort. Hier bin ich zusammengebrochen, hier habe ich zugleich Nienna und Sheena verletzt.
"Dieser Ort ist tot"
sagte Ilias, grinste verschmitzt und dachte daran, wenn er in diese Gegend sollte, einen langen Bogen drumherum zu machen. Zu viel war hier geschehen, an dass er sich nicht unbedingt erinnern wollte. Wieso er das Wort Tot für diesen Landfleck benutzt hatte, wusste er auch nicht. Vielleicht lag es einfach an Zacks Tod, immernoch unvorstellbar und so unrealistisch, und doch geschehen, ohne das Ilias es groß realisierte. Nun lief Ilias weiter, war dem Rudel schon recht Nahe, als sich Ilias plötzlich... wieder in einem Tagtraum befand. Der Fluss, indem Zack fortgeschwemmt wurde. Ilias stand direkt da vor. Zack stand neben ihm, und flüsterte ihm ins Ohr, dass Ilias nur glücklich werden könne, wenn er endlich sein Chaos im Kopf aufgeräumt bekommen würde. Eine schwere Aufgabe, für einen so unsicheren Wolf wie er es war, dennoch keine unmögliche. Nachdem Zack in den Fluss sprang und nicht mehr auftauchte, bemerkte Ilias erst, dass es ein Tagtraum war. Der Fluss war weg, sowie Zack auch.
o0 Zack, du warst einer von den wirklich guten... 0o
Dann brach Ilias wieder auf, musste auch nicht mehr viele Meter gehen, bis er die ersten Simmen am Rudelplatz vernahm...
Der Rüde folgte der Fähe stumm. Die hohen Bäume des Nordwaldes beeindruckten Rouku, sie waren lebhafter, größer und nicht so kränklich wie die Wälder seiner Heimat. Er lauschte ihrer Stimme und machte sich selbst einen eindruck davon. Das Rudel der Sternenwinde? Was für ein seltsamer Name, hatte aber doch einen schönen Klang in seinen Ohren. Banshee und Nyota waren also die Alphas dieses Rudels. Rouku hoffte, das er sie einmal zu Gesicht bekommen würde. Bei ihrem letzten Satz musste der Braune lächeln.
„ Nein keineswegs. “
Die Schneeflocken die jetzt vom Himmel herabfielen ließ einen Schauer durch Roukus Haut jagen. Kalte Wettertage mochte er zwar nicht, aber als er Cumas spielerisches Verhalten bemerkte, schnappte auch er nach ein paar Flocken, die ihm auf der Zunge zergehen. Mit einem erneuten spielerischen Sprung nach einer Schneeflocke streifte er Cuma ganz leicht und sein Blick viel auf ihr Bein. Mit seiner Schnauze berührte er ihr Bein kurz und blickte ihr dann wieder in die Augen.
„ Wie ist das passiert? “
Er stellte die Frage, leise und in einem beruhigenden Ton. Seine Stimme so hatte er das Gefühl sei wie ein sanfter Windhauch der den Blütenstaub durch die Luft trug. Aber auch Cumas Stimme lauschte Rouku gerne. Mit nach vorne gerichteten Ohren, ließ er sich auf seine Hinterläufe nieder. Vielleicht hatte er sie auch mit dieser Frage verletzt, immerhin war er neu, und eine solche Frage stellte man nicht aus Leichtsinn.
Nun schwieg die Schwarze für einen längeren Zeitraum, ließ die Stille wirken und dachte nach. Er war verrückt. Sie war verrückt. Alle waren es. Was tat sie denn da eigentlich? Hatte sie nicht eigentlich völlig andere Dinge zu tun als dies? Was war mit ihrer Aufgabe, ihrem Plan, ihrer Mission? Hatte sie alles über den Haufen geschmissen? Nein. Nein, hatte sie nicht. Sie zögerte es nur ein klein wenig hinaus, um dann den Triumph voll auskosten zu können. Dies war doch nicht verkehrt oder? Ein bisschen Spaß sollte das ganze schließlich machen. Ein wenig legte Amáya den Kopf schief, während sie Jakash betrachtete. Er wollte einen Beschützer für seine Seele. Und wozu? Und warum ausgerechnet sie? Sie verstand seine Denkweise nur bis zu einem gewissen Grad. Sie gehörte nicht mehr in das Rudel und auch damit, dass die Dunkle dadurch praktisch unparteiisch war. Allerdings war sie nicht die Gleiche, wie damals, als sie sich um Daylight gekümmert hatte. Es schien ein Fragment aus dem Leben einer anderen Person zu sein, nicht aber aus dem ihren. Sie hatte ein neues Leben, eine neue Identität angenommen, von dem Augenblick an, an dem ihm ihr Herz gehörte, so kalt, leer und schwarz es doch war. Voller Verzweiflung und unterdrücktem Zorn. Sie hatte eine neue Chance bekommen, in der Sekunde, in der sie sich gesehen hatte. Ihr wahres Selbst. Stark und Furchtlos. Erfüllt mit Wut und dem Wunsch nach Vergeltung. Letztendlich zog sie schlicht eine Augenbraue nach oben.
„Einen Babysitter für deine Seele also. Ich glaube nicht an so etwas, aber wenn es dir Spaß macht...“
Sie musste wirklich bekloppt sein.
„Erziehen werde ich dich gewiss nicht und deine Mami spielen bestimmt auch nicht. Sei dir im Klaren, was es für dich bedeuten könnte. Mich betrifft das Ganze schließlich nicht, ich gehöre hier längst nicht mehr hin und hab kein Problem einfach wieder zu verschwinden.“
Cuma schaute betreten auf den Boden. Warum traf sie seine Frage so heftig? Hätte sie es sich nicht denken können, dass er fragen würde? Nein, sie hatte einfach nicht mehr daran gedacht, seitdem sie gegangen waren. Seine Art war sehr beruhigend und ließ sie die schlechten Dinge eine weile lang einfach vergessen. Cuma schaute kurz zu Rouku, bevor sie in Sekundenschnelle weiterüberlegte. Sollte sie ihm die Wahrheit sagen? War es klug oder dumm? Dumm auf keinen Fall, denn der Braune würde sich nicht über sie lustig machen. Das wusste sie. Die himmelblauen Augenstreiften nun nicht weiter ziellos über den Wald, nun sahen sie wieder fest in die braunen Augen ihres Gegenübers.
"Ich lag zu lange im Schnee. War ohnmächtig, denk ich mal.", sagte sie unverblümt, "als ich wieder aufwachte, war wohl ein wenig Zeit vergangen, auf jeden Fall ging es mir nicht gut. Ich weiß nicht, was geschehen war... ich meine... ich hatte mein Langzeitgedächtnis wohl verloren oder sowas. Ich hatte mich vor meiner Ohnmacht mit Malicia ... unterhalten. Ich war also wieder aufgewacht, war anscheinend nicht lange ohnmächtig gewesen, denn Malicia befand sich noch in meiner Nähe. Sie brachte mich in eine Höhle. Doch zuerst sagte ich ihr nicht, was mich ... ebenso unter Schock setzte wie mein Gedächtnisverlust. Mein rechter Hinterlauf reagierte nicht richtig, eigentlich gar nicht auf die Anweisungen, die ich ihm gab. Es trug nur sehr, sehr wenig meines Gewichtes. Es tat außerdem höllisch weh.", ihre Miene wurde härter, verschlossener, "Malicia umsorgte mich, bis ich wieder einigermaßen in Ordnung kam. Aber mein Hinterlauf blieb weiter verkrüppelt. Mein Gedächtnis jedoch bekam ich wieder zurück. Ein schwacher Trost, aber immerhin etwas."
schloss die Graue mit steinerner Miene. Ihre himmelblauen Augen hatten ein stahlblau angenommen, sie sprühten nicht mehr voll Lebensfreude und Glücklichkeit, sie waren stumpf. Doch angesichts Roukus Gesicht wurde ihre Miene wieder weicher. Dann sagte sie jedoch.
"Lass uns zurück gehen, mir ist sehr kalt, und es wird auch schon dunkler."
Die Fähe verschwendete jetzt keinen Gedanken mehr daran, dass sie vielleicht bald tot sein könnte. Vielleicht hatte sie sich über- und den Rüden unterschätzt. Vielleicht hatte sie sich zu sehr auf ihre Kampfkünste, auf ihren Erfahrungen verlassen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Als der Schwarze der Prinzessin wiederum seine Zähne ins Fleisch schlug, jaulte sie gequält auf. Doch sie dachte nicht im Geringsten daran, nachzulassen. Ein bisschen Schmerzen würde sie allemal aushalten und was tat es, wenn sie eine Kampfverletzung mehr als vorher hatte. Der Wille, die 'anderen' so lange zu bekämpfen, bis alle fort waren - egal wie viele es geben mochte - und der Blutdurst machten die Fähe beinahe verrückt. Es beeindruckte sie kein bisschen, was der Rüde tat und zu tun wagte. Sie kam erst zur Besinnung, als ihr Gegner sich ernsthaft anfing zu wehren und sie kurzer Zeit kampfunfähig machte. Doch Gani hörte nicht auf die Worte, die aus seinem Maul kamen, sie riss den Kopf zur Seite und musterte den Schwarzen mit einem einzigen Blick. Er war ein wenig - nur ein kleines Stückchen größer als sie und hatte ähnlich schimmernde, hellblaue Augen. Doch das änderte nichts daran, dass er ein 'anderer' war. Und die mussten nun mal getötet werden. Doch plötzlich sagte Gani’s Gegner etwas, was sie völlig aus der Fassung brachte. Sie war kurz davor, zurückzutaumeln und damit dem Rüden zu zeigen, dass er gewonnen hatte, doch sie riss sich zusammen. Fassungslos starrte die blutrote Prinzessin ihn an, in ihrem Kopf hallten seine Worte wieder. Sie wollte fragen Akru, Akru ist hier?, doch aus ihrem Mund kam kein Laut mehr. Der Fremde - der 'andere' - kannte ihren Vater. Wahrscheinlich kannte er ihn nicht, sondern war auch noch mit ihm in einem Rudel. Gani Amíra fühlte sich plötzlich kraftlos, mutlos und nicht mehr in der Lage zu kämpfen, geschweige denn den großen Schwarzen zu besiegen. Sie hatte nicht mehr die geringste Chance gegen ihn - nicht in ihrer Lage. Sie kam ins Straucheln, drohte zur Seite zu kippen, doch die Graue fing sich ab. Bloß keine Schwäche vor dem Fremden zeigen. Doch seine Worte waren so abnormal, so seltsam ... Sie konnte nicht begreifen, dass ihr Vater - dieser Dreckskerl - noch lebte. Sie wollte es nicht begreifen. Die Fähe ging einen Schritt auf den Fremden zu und knurrte gefährlich, wobei sie innerlich alles andere als mutig war. Sie wollte jetzt und hier wissen, ob ihr Vater hier war und was der 'andere' von ihm wusste. Auf der Stelle.
“Was hast du gesagt? Na los, sag schon. Hast du Akru gesagt? Akru?“
Je öfter sie den Namen ihres Vaters aussprach, desto lauter wurde sie. Am Ende kam aus ihrem Maul nur noch ein Schreien. Doch ihre Stimme war nicht drohend, wie sie sich erhofft hatte, sondern hoffnungsvoll und bittend. Ja, sogar fast flehend. Sie flehte den Rüden vor sich an, wollte ihn nicht ausquetschen. Die Prinzessin hatte das nicht so erwartet. Schließlich hasste sie ihren Vater und jetzt – jetzt wünschte sie sich, bei ihm zu sein. Die Graue beschwor den Schwarzen fast, bettelte um das, was er wusste. Der letzte Gedanke des Kampfes war aus ihrem Kopf entschwunden, sie hatte nicht einmal die geringste Ahnung mehr, wieso sie ihre Zähne in das Fleisch eines anderen Wolfes schlagen sollte. Das alles ergab überhaupt keinen Sinn mehr. Warum töten, wenn man auch anders konnte? Wie durch einen Schleier nahm die Prinzessin die Welt um sich herum wahr. Alles verschwommen und unklar gezeichnet. Was, wenn dieser Rüde wirklich ihren kannte und sie zu ihm führen konnte. Den Vater, den sie einst in den Abgrund geschupst hatte, nur um von Fenris gelobt zu werden. Den Vater, den sie verachtet und gehasst hatte wollte sie jetzt unbedingt sehen. Wissen, dass er lebte und es ihm gut ging. Einfach nur das und nicht mehr. Aber dann besann sich die graue Fähe und knurrte. Starrte den Schwarzen an und verlangte, dass er redete.
Etwas verwirrt starrte Amiyo in den Himmel. Nein, eher seine Augen, denn sein großer schöner Kopf lag ganz leicht auf Kylias Nacken. Sie duftete wunderbar. Doch ihre Worte verunsicherten ihn. Er fuhr mit seiner Schnauze beruhigend über ihren Kopf, dann machte er einen leichten Ausfallschritt, um weiter vor, zu ihrem Kopf zu kommen. Er wollte ihr in die Augen sehen. Sonnengelb traf auf strahlend blau. Ihr Gesicht strahlte unausgesprochene Sorge aus, und Amiyo konnte die Wölfin verstehen, sie hatte etwas gesehen, was es zuvor noch nie gegeben hatte. Natürlich hatte sie Angst. Und nun war es seine Aufgabe, sie wegzutreiben, weg von seinem Schmetterling. Sie sollte nicht länger so kummervoll aussehen, es brach dem Rüden beinahe das Herz, sie so ängstlich zu sehen. Er öffnete den Fang und begann zu sprechen, leise, aber eindringlich und mit einer Liebe, die stärker war, als alles andere im Moment.
"Schatz, mach Dir keine Sorgen. Es wird nichts passieren. Zumindest uns nicht. Und ist das nicht das Wichtigste? Ich werde Dich immer beschützen, egal wann, wie oder wo. Ich werde immer für dich da sein, auch wenn du dich nicht einmal mehr nach mir umdrehen wirst. Das verspreche ich dir. Ich liebe Dich. Und deswegen möchte ich Dich nun fragen, willst du mich für den Rest deines Lebens an deiner Seite haben?"
Seine Stimme war wie Honig gewesen, aber nicht zu süß, sie war ruhig und dunkel gewesen. Vermutlich war Kylia die Einzige gewesen, die ihn so viel hatte reden hören. Er schloss den Fang ohne ein Geräusch der aufeinanderklappenden Zähne hören zu lassen, seine Miene sprach von mehr als nur Liebe. Zärtlichkeit, Respekt, Stolz, Leidenschaft. Alles vereint in einem Augenpaar. Die goldenen Augen strahlten die graue Fähe an. Er liebte sie mehr, als alles auf dieser Welt oder wo anders in diesem Universum. Sie war sein Universum. Und er ein Mond, der um sie herumkreiste. Er meinte alles völlig ernst, was er gesagt hatte. Der Rüde hatte viel gesprochen. Doch wie hatte er es ihr anders erklären sollen?
Seine Ohren schnippten ein wenig hin und her, während er Kylia beobachtete. Er war nicht angespannt, sondern locker. Im Moment zählte das Nichts dort draußen nicht, er wollte seinen Schmetterling wieder fröhlich sehen, nicht betrübt und ängstlich. Er hatte Worte gesagt, die er schon seit mehreren Wochen in sich getragen hatte und jetzt endlich ausgesprochen hatte. Das braune Fell des jungen Rüdens schimmerte leicht, er schien von innen zu leuchten. Kylia musste nur drei Worte sagen, und er würde der glücklichste Wolf in diesem Universum sein. Beruhigend fuhr er mit seiner Schnauze über ihren hübschen Kopf. Die Augen hatte er halb geschlossen. Ihr graues Fell glänzte ein wenig in der kalten Wintersonne. Ein perfekter Tag. Wie für sie gemacht.
Schlagartig änderte sich die Stimmung, die zuvor aggressiv und provokationsgeladen war. Irgendetwas in seinen Worten musste die Graue beeindruckt- nein, viel mehr verängstigt haben. Er glaubte nicht, dass es seine Zurechtstutzung war, viel mehr das, was er über den anderen Wolf- Akru- gesagt hatte. Es bestätigte sich. Und das lautstark. Verdutzt blinzelte er die eben noch kampfesstarke Wölfin an. Nun mehr zweifelte er an ihrem klaren Verstand; oder klammerte sie sich an eine zufällige Aussage, um ihn vielleicht in ein Vertrauensverhältnis zu ziehen um ihn schließlich abzumurksen? Das wäre wohl eine nicht allzu unkluge Idee gewesen, jedoch verwarf er sie im Glauben an die Wirklichkeit. So hintertrieben konnte kein Wolf sein- und er? Er sollte seinen krankhaften Verfolgungswahn ablegen. Nur langsam löste er sich aus dieser überrascht wirkende Starre, war er jedoch schon mit seinen Gedanken ganz woanders.
Ihr Flehen schien echt zu sein, und so wollte er ihr aushelfen, allerdings nicht ohne ihr eine Retourkutsche zu verpassen, angesichts ihrer Art und Weise, wie sie ihn begrüßt hatte.
“Putz Dir die Ohren“,
schnarrte er, zog höhnisch eine Braue hoch. Eigentlich war er nicht so hohnvoll und provokant. Es ergab sich im Affekt.
Allerdings hielt dieser Gesichtsausdruck nicht lange, viel mehr glitt ein fast mitfühlender Ausdruck in seine Züge. Vielleicht war sie wirklich auf den Kopf gefallen. Wie er damals. Ihr Gedächtnis schien jedoch nicht gelitten zu haben. Vielmehr ihre Freundlichkeit oder ‚Normalität’.
“Nun gut, ja. Ich sagte Akru. Er weilt in diesem Revier. Warum?“,
hauchte er das letzte Wort. Aryan bevorzugte lieber eine mildere Form für ‚Rudelmitglied’. Denn er war sich nicht sicher, ob der Graue hier noch lange geduldet werden würde oder jemals wirklich dazu gehört hatte. War er doch bizarr und merkwürdig, zog sich meist zurück und hing an den Fersen der Leitwölfin. Warum ausgerechnet der Name des Grauen sie so ins Schwitzen brachte, konnte er sich nicht wirklich erklären. Entweder sie waren sich schon einmal begegnet oder sie standen sich in einem familiären Verhältnis nahe. Seltsam, auch der schwarze hatte hier seinen Bruder wieder gefunden- oder er ihn. Vielleicht zog es die meisten Gesellen durch ein magisches Band hierher. Anders mochte man es sich nicht erklären. Der Junghüne schritt auf die Fremde zu und wartete fordernd auf eine Antwort.
Ihre Zunge zog immer wieder durch das Fell ihrer Schwester, dass unter all dem Blut längst einen schwachen Rosaton annahm, ohne jedoch so richtig sauber werden zu wollen, so lange sie auch versuchte das Rot hinauszuwaschen. Es war einfach immernoch da. Es war einfach immernoch ein Riss in Banshees Selbst. Ohne eine Miene zu verziehen hörte sie zu, nickte nur langsam - sie brauchte keine Rechtfertigung von Banshee, und Banshee brauchte auch niemanden der sie belehrte - ihre Lektion hatte ihr soeben ihre Kinder geraubt...
Die Schnauze wieder tief im weißroten Fell vergrabend strich sie mit der Ohrspitze durch Banshees Gesicht, so als wolle sie die Tränen umleiten die das helle Fell geteilt hatten. Abermals nickend hob sie den Kopf wieder, und legte eine Pfote auf Banshees Schulter, um sich ein wenig weiter über sie beugen zu können, und schon im nächsten Moment liessen die Tränen ihr die Stimme versagen. Ihre Worte klangen mehr als brüchig unter all dem Salz das sich im dunklen Fell verfing wie ein Fischschwarm im Netz.
"Wenn du kein Frühjahr mehr erlebst -,"
sie brach schluckend ab, weil ihre Kehle von den rinnenden Tränen und dem Stechen in ihrem Herzen verschnürt wurde. Wie könnte sie ihren ersten Wurf großziehen, ohne dass Banshee, ihre Schwester, daran teilhaben konnte? Unmöglich...
"- dann lass mich dein Frühling sein"
es war nurmehr ein Flüstern geworden, und mit der Endgültigkeit von Banshees Worten war alles aus ihr Gewichen was ihr je Kraft gegeben hatte. Wohin sollte sie, wenn sie nicht mehr zu Banshee zurückkehren konnte? Wer würde mit ihr die Sternenwinde beobachten, wenn nicht Banshee? Und wer sollte die klaffende Wunde schliessen, die sich mit Banshees letztem Gang auftun würde, so als wäre sie immer schon da gewesen? Wer nur?
Da war Aszrem, und sie würden Welpen haben, ihre Familie war groß geworden - aber nicht Hunderte von Verwandten würden den Platz von Banshee je einnehmen können. Niemals. Längst troffen ihre Tränen auch auf Banshees Fell herunter, und sie drückte wieder den Kopf gegen den ihrer Schwester, die Augen geschlossen und das Herz voll tiefer Traurigkeit.
"Und darüber hinaus"
ergänzte sie flüsternd Banshees Bitte, und drückte sich stumm an sie, schluckend und leise in das weiße Fell weinend, sodass sich aus Blut und Tränen lange Schlieren darauf bildeten. Es war egal. Alles war egal. Das Rudel, der Wald, das Nichts. Allein das Nichts, dass Banshee in ihr zurücklassen würde, war von Bedeutung. Und dass alles, was vorher kam, es ihrer kleinen Schwester nicht mehr schwer machte. Nicht noch schwerer. Aus tränenschweren Augen sah sie schliesslich wieder auf, suchte Banshees Blick, und versuchte sich an einem zaghaften Lächeln, dass all den Schmerz mit Liebe aufwog, und beides sichtbar in sich trug.
"Und darüber hinaus"
wiederholte sie, mit noch immer brüchiger, aber deutlich kräftigerer Stimme, ihr Versprechen. Ewig stand in ihren Augen.
Ein Zittern ging durch Ganis Körper. Liese - fast unhörbar - flüsterte sie Akru und fassungslos starrte sie den Schwarzen an. Wie ein Zauberwort ging ihr dieser Name über die Lippen, obgleich er normal und langweilig war. A - K - R - U Alles in ihr schrie danach, den Fremden nach ihm zu fragen, doch sie behielt es für sich. Sie musste sich entspannen. Entspannen und ganz ruhig bleiben, sonst flippte sie wirklich noch aus. Wegen Akru. Das konnte sie nicht riskieren. Wirklich nicht. Eine kleine Träne rollte über ihr Gesicht, doch ruhig und entspannt sah die Prinzessin zu dem Schwarzen auf. Er war fremd und würde es auch bleiben. Schnee fiel auf die Fähe herab, schmolz an ihrer heißen Haut und verdampfte gen Himmel. Sie fühlte etwas, was sich wunderbar anfühlte. Liebe, das Gefühl, endlich eine Familie zu haben. Die Graue sah den Schwarzen an und dachte nicht daran, dass sie ihn eben noch hatte umbringen wollen. Jetzt war sie es, die beinahe vor Glück zusammenbrach. Sie wollte sich bedanken und ihren Vater finden, doch der Laut erstarb ihr auf den Lippen. Sie knurrte. Nur nicht die Haltung verlieren und so tun, als ob sie Frieden schließen wollte. Aber dann entschied sie sich dagegen und setzte erneut zum Reden an. Die Schneeflocken fielen und fielen und es vermochte nicht mehr aufzuhören, und wütend schüttelte sich Gani das Weiß aus dem grauweißen Fell. Ein Lächeln flutschte auf ihr Gesicht.
"Akru, Akru. Akru ist wirklich hier?" Eigentlich wollte sie nicht zu viel sagen, aber jetzt flutschten ihr die Worte einfach so über die Zunge. "Weißt du, Fremder, ich suche Akru schon seit Ewigkeiten. Ich wusste nicht, dass er das Rudel auch verlassen hatte, als ich es verließ, um allein zu sein. Ich dachte, er würde sich eine neue Gefährtin suchen, mit der er glücklich werden wollte. Aber da habe ich mich wohl geirrt. Oh, Fremder, mein Vater ist wirklich hier!? Kannst du mich zu ihm bringen!"
Sie redete und redete und hoffte, dass der Schwarze ihr folgen konnte und dass er nett war, und dass tun würde, was sie sich so sehr wünschte. Die Prinzessin schloss kurz die Augen und träumte von ihrem Vater. Stumm flehte sie ihn an, mit einem Blick aus ihren kristallklaren Augen in seine. Bitte, bitte! Sie sagte es nicht, aber sie wünschte es so sehr. Nur noch einmal wollte sie in das ernste Antlitz ihres Vaters sehen und fragen Warum warst du nicht bei mir? Das ist alles, was sich Gani Amíra an diesem Zeitpunkt noch wünschte. Aber wenigstens das sollte sie auch bekommen. Auch eine Mörderin muss einmal Glück im Leben haben.
Erstaunt starrte er die Graue an. Partout konnte er diesen Wandel nicht nachvollziehen. Und als ihr eine leise Träne über die Lefzen rollte, empfand der Rüde einen kleinen Stich; dort wo seine Narbe war, die von dem damaligen Sturz herrührte. Er war nicht direkt im Bilde, aber irgendwas an dieser Fähe erinnerte ihn an sich selbst. Und als er ihre Worte vernahm, wusste er auch warum. Auch sie hatte nach einem geliebten und vermissten Familienmitglied gesucht. So wie auch er. Eine verständnisvolle Miene glitt auf das eben noch starre Gesicht. Sein Wissen über die Gefühle, die in ihr vorgingen, verschaffte sogar ein regerechtes Sympathiegefühl. Vielleicht rührte es aber auch von seinem immer sanfteren Gemüt, das er durch seine geliebte Fähe erlangt hatte.
Akru hatte also eine Tochter. Eine ihm sehr ähnliche Tochter. Eine groß gewachsene Fähe mit einem ausgeprägten Starrsinn. Ein weiterer Schritt ging er auf die Graue zu, bevor er schließlich zu einer Antwort ansetzte:
“Ich führe Dich zu ihm. Das ist nicht das Problem, sicherlich kann er Unterstützung von seiner Tochter gerade jetzt gut gebrauchen. Allerdings solltest Du Dich erst bei einem der Leittiere oder dessen Helfern melden. Es wird nicht gern gesehen, wenn man unangemeldet durch diese Ländereien streift“, er hielt kurz inne, eine seichtes, kaum merkliches Lächeln legte sich auf seine Lefzen. “Im übrigen ist mein Name Aryan. Und mit wem habe ich das kampfeslustige Vergnügen?“
Ein verschmitzter Ausdruck legte sich auf seine Lefzen. Angriff hin oder her. So übel war sie gar nicht. Vielleicht ein wenig voreilig, aber doch ganz in Ordnung. Was allerdings nicht bedeuten würde, dass er ihr den Rücken zudrehen würde, schließlich hatte sie ihn ohne zu zögern angegriffen und glaubte sich damit nicht im Unrecht. Er hatte für seine Familie zu sorgen. Für Daylight und seinen Bruder.
Madoc wusste gar nicht, wieso er sich hierher gesellt hatte, er war eigentlich keiner der ständig andere Wölfe um sich herum brauchte. Ganz im Gegenteil, er war eigentlich gern allein, doch er hatte sich in letzter Zeit so sehr an Sania gewöhnt, dass er sich ohne sie irgendwie schon einsam vorkam. Er würde es nie einsehen, doch es war die Tatsache und das gefiel dem Sternentänzer noch weniger. Vor allem verabscheute er es, andauernd höflich zu sein, schließlich war er derjenige, der zu der Gruppe gestoßen war und da konnte er nicht unfreundlich sein. Nicht, dass er ständig böse Absichten hegte, es war einfach seine Gewohnheit freche Sprüche zu lassen und einfach oft arrogant zu sein. In diesem Fall jedoch musste er sich ganz schön zurück halten. Er schaffte er natürlich, doch nur unter eigenem Zwang und Unwillen.
Schließlich wandte er sich an die drei Wölfe, denn Cyriell sprach zu ihm. Natürlich würden sie niemals sagen, dass er störte, aber ob er wirklich so willkommen war, wie es schien wusste schließlich niemand. Der Sternentänzer wollte den anderen ja nichts unterstellen, doch war er leider keiner der optimistischen Sorte, was bedeutete, dass die negativen Gedanken häufig Vorrang hatten. Dennoch ließ er sich kein Bisschen anmerken, wie es eben seine Art war. Ein freundliches und doch irgendwie kühles Lächeln stahl sich auf seine Lefzen, als er Cyriell ansah.
“Danke“
Sagte er dann höflich und lief mit den drei Wölfen mit. Ruiza und Ahkuna schenkte er auch noch ein Lächeln. Er betrachtete den weißen Schnee, der ebenso weiß war wie sein Fell, wunderschön, fand er. Er fing an, den Winter richtig zu lieben, eiskalt, genau wie er, diese Jahreszeit passte einfach perfekt zu ihm, die Kälte störte ihn dabei gar nicht.
“Findet ihr nicht auch, dass der Winter wundervoll ist?“
Meinte er schließlich zu den anderen Wölfen, in dessen Gesellschaft er sich befand. Heute war mal wieder ein Tag, an dem er ungewohnt freundlich war, die anderen hatte wohl Glück gehabt, ihn so zu erleben. Der Winter schien seine Laune zu heben, Madoc spürte es ganz deutlich.
Als Gani zu Aryan sprach, lag eine gewisse Sanftheit und Zärtlichkeit in ihren Worten und als sie dessen Antwort hörte, verstärkte sich dieses Gefühl nur noch. Ein Grinsen legte sich auf ihre Lefzen, gespannt hörte sie seine Worten zu, versuchte, zu begreifen. Akru hatte Probleme, steckte in Schwierigkeiten. Seufzend trat Gani ein paar Schritte zurück. Das war ja jetzt klar. Kaum ließ sie ihn einmal alleine, machte sich ihr Vater Ärger mit anderen Wölfen. Auch wenn die Prinzessin nicht wusste, dass sie es zu diesem Zeitpunkt völlig falsch interpretierte. Schnee fiel wieder auf ihre Schnauze und wieder schüttelte sie ihn ab wie eine lästige Fliege. Aryan Eigentlich ein schöner Name. Melodisch und ein bisschen traurig. Ärgerlich biss sich Gani Amíra auf die Lippe - sie war eigentlich nicht so der gefühlvolle Typ. Doch schon an dieser Stelle hatte sie eine bemerkenswerte Veränderung gemacht, die keiner je erwartet hätte, nach dem, was sie alles in ihrer Jugendzeit getan hatte. Aber würde sie Aryan brav zu den Leittieren folgen und sich unterordnen? Bis vor wenigen Stunden hätte sie daran im Traum nicht gedacht. Doch jetzt? Jetzt wo Akru in der Nähe war - wurde sie zusehends nervöser.
"Aryan. Hallo. Nein, kein Vergnügen, aber man nennt mich Gani - Gani Amíra."
Freundlich und offen kamen diese Worte über ihre Lippen, obgleich sie etwas hässliches wie ihren Namen beinhalteten. Sie lächelte leicht und wirkte damit beinahe schön. Eine verwegene, blutige Schönheit wie sie eben war. Doch die Prinzessin war bereit, dem Schwarzen zu folgen, sich mit dem Rudel bekannt zu machen, auch wenn es ihr wehtat. Sie sprach mit ihrer klangvollen, melodischen Stimme, sanft wie ein Glockenklang, die sie immer so sehr gehasst hatte - eben weil sie so wunderschön war. Eigentlich war alles an ihr wunderschön - ihr Name, ihr Aussehen und ihre Art zu sein. Da passte das Töten gar nicht so ins Bild, aber es gehörte nun mal zu ihr. Sie war schließlich eine blutige Prinzessin - anders eben. Und abnormal.
"Meinst du, die Alphatiere würden mich so noch aufnehmen? Ich meine, ich bin anders als ..."
Ja, als was anders? Sie konnte schlecht sagen 'anders als "ihr"', auch nicht, wenn es stimmte. Die Graue sah Aryan an. Anders eben. Doch nichts kam über ihre stummen Lippen. Eigentlich hatte sie schon die ganze Zeit sagen wollen - dass sie bezweifelte, dass irgendein Rudel sie blutverschmiert und in der Tatsache, einen ihrer Rüden verletzt zu haben, noch aufnehmen würde. Sie zweifelte einfach an sich, egal, ob es nun zu Recht oder zu Unrecht war.
Isis lauschte den Worten ihres Bruders und leckte sich dabei das Blut von ihrer Läufe. Daylight und Aszrem hatten noch immer nicht reagiert. Wie auch, zu bizarr war die Situation gewesen. Isis schleckte Akru über die Schnauze.
"Ja Akru, ich werde wieder lachen... das Verspreche ich dir, aber mein Schwur ist nun in meine Seele gebrannt. Werde ich ihn brechen wird Seth mich in sein Höllenreich nehmen und das wollen wir doch beide nicht, oder?"
Ja, Isis konnte schon wieder schmunzeln und ein leichtes Schimmern ging in ihren Augen auf. Sie zupfte an dem Fell des Hünen. Er wusste nun, dass er nicht allein auf der Welt war, das Isis an seiner Seite stand, wo er doch sonst niemanden hatte.
Da fiel der kleinen Wölfin ein, dass sie Akru noch nie gefragt hatte, ob er eigentlich schon Kinder hatte. Hatte er? Nun, diese Situation war für diese Frage nicht passend. Isis wollte unbedingt wieder zurück zum Rudelplatz, denn immerhin schien etwas wichtiges passiert zu sein.
"Vielleicht sollten wir wieder zurück zum Rudel. Ich glaube etwas ist passiert. Urion und Kylia sehen sehr aufgelöst aus oder möchtest du noch mit Tyraleen sprechen?"
Isis beäugte Akru und schritt schon mal Richtung des Platzes, drehte sich um und blickte zu den drei Wölfen zurück.
Ein Lächeln trat auf die Lefzen der Grauen- Gani Amíra. Ein durchaus passender Name. Er enthielt etwas Verwegenes, etwas Raues. Wohl die besten Eigenschaften, mit der man sie beschreiben könnte. Obwohl ihre Worte süß und zärtlich gesprochen waren. Fast wie die Melodie eines Steines. Hart, aber herzlich. Aryan musste innerlich lachen. Doch als er die nächsten Laute vernahm, legte er den Kopf schief. Schräg, dachte er. Wieso sollte sie ‚anders’ sein? Und vor allem: von wem sollte sie sich in dieser Form unterscheiden? Gut, sie hatte eine ungewöhnliche Art Wölfe kennen zu lernen und auch sonst war sie recht bizarr- sowie der Vater- aber dennoch vermochte man Fehler zu verzeihen. Und wenn es der Schwarze konnte, würden es die Anderen auch können; und außerdem musste er es ja nicht jedem auf die Schnauze binden. Der schwarze Regen glaubte allerdings nicht wirklich, dass sie diese Bedeutung von ‚anders’ meinte und fragen wollte er auch nicht. Es schien einfach so, als sei es besser, wenn es ihr eigenes Ding bleiben würde. Wenn sie das Bedürfnis zum quatschen hatte, dann sicherlich nicht mit einem Rüden, den sie gerade eben noch umbringen wollte.
“Ich bin mir sicher: Dein Erscheinungsbild wird keinerlei Aufmerksamkeit erregen, abgesehen vom Blut in Deinem Fell ist doch Alles normal. Aber… sag das nächste Mal einfach ‚Hallo’, erspart die Mühen körperlicher Anstrengungen und kommt doch weitaus besser rüber.“,
ein schräges Grinsen zierte nun seine Lefzen. Ein ungewöhnliches Bild; noch vor ein paar Wochen war er nicht einmal im Stande gewesen zu lachen und jetzt witzelte er schon mit einer Wölfin, die ihn gerade zuvor noch angegriffen hatte. Nun ja, die Dinge änderten sich manchmal schneller, als man wirklich glaubte und vielleicht merkte. Ging es Gani genauso?
“Na dann komm´! Stellen wir Dich mal der Bande vor“,
ein kurzes Zwinkern und er drehte sich halb um- nicht ganz, schließlich wusste man nie. Eine knappe Kopfbewegung in Richtung Rudelplatz.
Urion brummte leise vor sich hin, dann stellte sich sein Fell plötzlich auf und aus dem Brummen wurde ein lautes Grollen. Es nervte den Rüden, dass es nicht vorwärts ging und noch mehr nervte es ihn, dass trotz der Warnung sich jeder vom Platz schlich wie es nur irgendwie ging. Außerdem musste doch jetzt dieses Getrutel zwischen Amiyo und Kylia wirklich nicht sein und Kaede, tja. Sie wurde Mutter und sie hatte andere Sorgen, als irgendein Nichts. Urions Knurren wurde lauter, viel lauter und schließlich trabte er auf Rouku und Cumara zu, die sich auch davon machen wollten, aber schon wieder auf dem Rückweg waren.
"Ich sage euch eins. Ihr bleibt jetzt hier auf dem Platz und bewegt euch nicht in den Wald, verstanden?! Kommt mit zum See..."
, grollte der Graue mürrisch und lief mit energischen Schritten weiter zum See, aber blickte sich immer wieder zu Kaede um, aber Kylia bewegte sich immer noch nicht vom Fleck. Knurrend rannte er zu ihr und zog etwas unvorsichtig an ihrem Fell.
"jetzt beweg dich endlich. Turteln kannst du nachher immernoch, aber jetzt müssen wir die anderen warnen!"
Urion raste wieder zu Kaede, blieb stehen und sog tief Luft ein, dann sammelte er seine Stimme und brüllte über den gesamten Rudelplatz, sodass es jeder hören konnte:
"Wenn hier es jetzt noch jemand wagt seinen Arsch vom Rudelplatz zu bewegen, dann gibt es wirklich ärger, aber nicht mit mir, sondern mit der Bedrohung im Wald und mit mir!"
Urion beschleunigte sein Tempo. Jeder der Anstalten machte zu gehen wurde unwirsch von ihm angeknurrt. Es war nicht böse gemeint, sondern pure Verzweiflung. Irgendwann mussten sie von der Bedrohung verkünden, auch wenn sie sich erst langsam fortbewegte, so wussten sie nicht viel darüber. Urion ließ hechelnd den Blick schweifen. Es fehlten noch zu viele. Wo waren Averiv und Tyraleen, Jakash, Akru, Isis, Aszrem und Daylight? Und Amáya, aber die konnte ruhig von dem Nichts aufgefressen werden, oder? Nein, selbst ihr wünschte er sowas nicht. Urion legte den Kopf in den Nacken:
"Verdammt nochmal! Jetzt bewegt eure vier Buchstaben zum Rudelplatz oder ihr werdet sterben! Jakash, Daylight, Aszrem, Isis, Akru, Averic, Tyraleen, Ayran und Amáya!!! Ich will euch nichts befehlen, aber es geht um euer Leben!"
Unsicher streckte Kaede Urion ihre Schnauze hin. Er sorgte sich sehr um sie, doch sie glaubte nicht, dass dies von Nöten war. Tagtäglich war sie von einem gewissen nichts umgeben und doch spürte sie ja, was um sie herum war. Und hatte Kylia nicht gesagt, dass man dieses nichts auch nicht spüren konnte? Kaedes andere Sinne waren so stark geworden, dass sie nicht daran zweifelte, dass sie dieses andere nichts nicht bemerken würde. Sie wollte Urion beruhigen, doch der war wütend losgelaufen und sammelte die Wölfe wieder ein, die sich von dem Platz am See wieder entfernen wollten. Alles ging so schleppend langsam von statten und Kaede verstand seine Sorge. Trotzdem fand sie es nicht richtig, dass er mit so bösen Worten um sich war. Vor allem, da er nicht mal einen solchen Rang erreicht hatte, als das er den anderen Wölfen etwas befehlen durfte. Natürlich, es war ein Auftrag ihres Alphas gewesen und doch konnten dies die Wölfe wohl anzweifeln. Ihr Kopf bewegte sich in die Richtung, in die ihr Gefährte verschwunden war. Langsam ließ sie ihn wieder zurück zu Amiyo und Kylia pendeln. Auch die beiden wurden von Urion angefahren. Nun reichte es aber wirklich. Nicht ernsthaft sauer knurrte sie einmal so auf, dass Urion es sicher hören konnte. So weit war er noch nicht weg. Langsam und etwas schwerfällig setzte sie sich dann in Bewegung, ihm hinterher, an den Rand des Sees. Sie erreichte ihn, trabte neben ihm her und stupste ihn beruhigend an.
„Mein Schatz, beruhige dich. Wie ich eben schon zu Kylia gesagt habe, wir sollten das Rudel nicht verrückt machen und das ist nicht der beste Weg es nicht zu tun. Und auch um mich, mach dir keine Sorgen, ich sehe zwar nichts, dafür fühle ich alles viel intensiver als sonst ein Wolf. Ich werde es schon rechtzeitig spüren wenn ich auf das nichts treffen sollte. Wenn ich auch nur in die Nähe davon komme! Ich verspreche dir, mir und unseren Welpen wird nichts passieren!“
War es ein Ding der Unmöglichkeit das Wort ‚nichts’ nicht mehr zu benutzen? Ihr schien es plötzlich so allgegenwärtig, dauernd hörte sie irgendeinen Wolf nichts sagen. Nicht immer im Bezug auf das so gefürchtete was auch immer, sondern im alltäglichen Gebrauch. Es schien ihr, als ob es die ganze Situation noch verschärfte. Beruhigend brummelnd schnoberte sie in Urions Fell herum, bis sie am Seerand angekommen waren. Vorsichtig blieb sie stehen, wollte nicht ausrutschen und hinfallen oder in irgendwelchen Schneewehen verschluckt werden. Sie ermahnte Urion zur Ruhe und erhob dann ihrerseits ihre Schnauze. Im Gegensatz zu ihm, mussten die Wölfe auf sie hören, eigentlich wurde ihnen keine andere Wahl gelassen. Waren die Alphas nicht da, waren sie, die Betas, diejenigen auf die gehört werden musste. Kaede schüttelte sich, sie wollte keinem der Wölfe seine Freiheit rauben, aber es ging nicht anders. Es war der einzige Weg, dass alle davon erfuhren und aufgeklärt werden konnten. Eher, gewarnt werden, aufklären konnten sie ja selber nicht wirklich, da sie nicht wussten, was dieses ‚Nichts’ war. Mit dem Kopf im Nacken heulte sie ihre Nachricht so laut, durchdringend und nachdrücklich durch die Luft, dass eigentlich fast jeder im Revier es hören musste.
„Liebe Sternenwind Wölfe. Ich denke, ihr habt Urions Nachricht schon vernommen und nun rufe ich euch abermals zusammen! Kommt sofort, und zwar schnell sofort, zum Rand des Sees, zu unserem Rudelplatz. Ich möchte niemanden vermissen! Es ist sehr dringend!“
Viel unnützes Zeug, doch Kaede wollte einfach freundlich bleiben. Sie hasste diese kurzen und knappen Anweisungen, die so schroff klangen. Doch würden die Wölfe nicht auf sie hören, würde auch sie sauer werden. Auf eine andere Art und Weise als Urion es tat, würde sie die Wölfe zwingen hierher zu kommen. Und dann konnten sie froh sein, wenn sie vorher auf sie gehört hatten. Fast schon musste Kaede schmunzeln, aus der ehemals schüchternen kleinen neuen Fähe war eine starke, ältere und vielleicht auch weisere Betafähe geworden.
Zaghaft legte sich ein Lächeln auf die Lefzen des Grauen. Verschwommen und nicht direkt deutbar, aber unverkennbar ein Zeichen der Zuneigung. Kurz legte er den Kopf auf die Stirn der hellen Fähe und ruhte für einige Momente. Sie würde ihren Schwur nicht brechen und er würde auch nicht zulassen, dass sie jemals das Fegefeuer ihr zu Hause nennen musste. Aber Akru wusste, irgendwann würde er sie verlassen, ohne dass sie etwas dagegen tun könnte und ohne, dass sie ihren Schwur wirklich brach. Denn auch der Hüne schwor im Geheimen. In der alten Sprache und mit der Gewissheit der Zeit. Wie ein Gebet, welches ungehört blieb und sich dennoch wie ein Schutz auf Isis niederlegte. Er segnete sie im Namen des Lebens und des Todes, gab ihr die Zuversicht sich entscheiden zu dürfen, wenn der Tag käme. Schließlich erhob sich der graue Leib aus dem eisigen Schnee. Der rechte Vorderlauf war eingeschlafen und drohte dem gewicht nicht lange stand zu halten. Der Zeitwächter verharrte. Elend war ihm zumute und doch musste er diesen Weg gehen. Kein schöner Weg, aber er hatte ihn bereits besiegelt, obwohl er den Ausgang kannte. Im Wissen, dass er zerstören und töten würde.
Die klaren Augen sahen noch einmal zu Aszrem. Dieser Rüde hatte ihn verteidigt, ihm die Zuflucht geboten, die ihm jeder verwehrt hatte. Tiefe Dankbarkeit legte sich auf sein Herz und erleichterte den Gedanken an seine toten Kinder. Hoffentlich war es nicht nur das Gefühl der Loyalität gewesen, die den Schwarzbraunen zum Handeln bewogt hatten.
Auch ihm sprach er einen Segen auf, einen, der nicht nur ihn schützen sollte, sondern auch seine ungeborenen Kinder. Ein letzter Blich auf die stumme Daylight, dann humpelte er davon. Seine Richtung gab die Antwort auf Isis´ Frage, denn er ging nicht an den See zurück, dort wo sich schon einige Wölfe versammelt hatten, sondern suchte den Weg zu der weißen Tyraleen. Noch immer schimmerte das Blut in seinem Fell, zwar verwischt, weil die kleine Seelenschwester ihn gesäubert hatte, aber immer noch deutlich zu erkennen. Das intensive Rot hatte sich in ein rostbraun verwandelt und verklebte nun einige Stellen seines Fells. Geschunden von den Rissen in seinem Gesicht und gebrochen durch den Verlust seiner totgeborenen Kinder. Warum er wieder aufgestanden ist und sich nicht selbst zum ewigen Schlaf hingelegt hatte, wusste er nicht. Einen sonderlich großen Lebensantrieb hatte er nicht mehr. Verloren mit dem Schmerz, der lodernt in seiner Brust verweilte. Es gab kein Zurück mehr und die Schritte nach vorne waren so unendlich schwer. Vielleicht hätte er fliehen sollen. Mit den Gedanken an eine verlorene Liebe, aber mit Kindern, die nie starben.
Tyraleen war allein, Averic war nicht in ihrer Nähe zu erkennen. Sie glich ihrer Mutter so sehr, dass sich abermals eine Kette um sein Herz schnürte und kräftig zusammenzog. Tyraleens Bauch war rund, sowie der ihrer Mutter noch vor wenigen Momenten gewesen war. Banshee würde bald sterben. Das sah der Graue nun, er wusste es und konnte es deutlich erkennen. Er hatte Beides verloren. Und gleich seines schweren Schlages, war ihm das Wohlergehen der weißen Leitwölfin immer noch wichtiger. Wie ein schönes Lied umfiel ihn der Geruch der Jungwölfin. Sie war so rein und klar, trotz ihrer verbotenen Liebe. Der Wald wurde dichter, bis er endlich zu ihr aufgeholt hatte. In einem Respekt erweisenden Abstand blieb er im Schritt der jungen Weißen.
Nur wenige Schneeflocken vermochten noch durch das kahle Laubdach zu fallen, obwohl die Schneise verschneit und ebenso eisig war. Eine drückende Stille legte sich auf die grauen Ohren. Mit einem Mal schien Alles in weite Ferne gerückt zu sein. Nur das Pochen seines Herzens klang in seinen Ohren. Es dauerte einige lange Momente, bevor Akru gewillt war zu sprechen.
“Tyraleen, es tut mir leid. Ich wollte Dich nicht verletzen, ich wollte gar niemanden verletzen. Dein Zorn, Deine Wut; ich kann sie verstehen.“,
die Worte waren in einem Flüsterton gesprochen. Wieder klang es vielmehr wie ein leiser Windstoß, als Worte eines alten, kräftigen Rüden. Im Stillen sprach er die Dinge aus, die er vor ihr nicht wagte noch einmal zu sagen. Er gab ihr die Möglichkeit ihn einfach wegzuschicken, er gab ihr die Möglichkeit ihren Zorn Luft zu machen, er gab ihr die Möglichkeit von allem zu reden. Sie konnte sich Zeit lassen, denn Akru vermochte die Zeit ein wenig langsamer voranschreiten zu lassen. Und die alten Runen legten sich wie ein schützender Schleier um die Beiden. Nicht sichtbar, nicht greifbar und doch zu spüren. Banshee würde sterben und das schon sehr bald. Tyraleen musste stark sein, denn auf ihren Schultern ruhte die Verantwortung über das Rudel. Auf ihren Schultern lastete der Verlust der Mutter. Und keiner konnte ihr diese Bürde abnehmen. Auch die Liebe zu ihrem Bruder würde nicht auf Verständnis treffen, vielmehr auf Verwunderung und Zweifel. Sie hatte helfende Pfoten, die ihr die Kraft gaben, die ihr Zuversicht schenkten. Und Tyraleen selbst? Sie würde stark sein, mit Wärme und Güte und mit Trauer. Der Verlust um ihren Vater und ihrer Mutter würde sie hart treffen und sie verändern.
Und Akru? Er würde ihr zur Seite stehen, im Glauben an die Richtigkeit ihrer Worte und mit dem Segen Banshees. Er wollte ihr helfen, da sein, wenn niemand mehr zu sehen war. Er wollte wenigstens ihr helfen, wenn er schon ihrer Mutter nicht helfen konnte.
Noch immer brannte dieser Schmerz in ihm, und er glaubte für wenige Momente, dass ihm die Galle hochkam. Er fühlte, dass seine Schritte immer verkrampfter wurden. Kein leichter Weg. Für niemanden.
Die Bilder, alles zog mal wieder spurlos an ihm vorbei. Ein Wirbel aus Farben, Formen, Gerüchen, Lauten. Es ergab keinen Sinn. Als würde er durch die Zeit rasen, sich dabei im kleinsten Kreise drehend und verwirrend schnell auseinander brechend. Plötzlich waren da viele Wölfe, manche gingen wieder, Fragen und Antworten wurden ausgetauscht, Gespräche geführt und unterbrochen, zwischendurch erklang immer mal wieder ein Heulen. Während sich die Welt um ihn herum zu drehen schien, versuchten sich die blauen Augen an dem strahlend weißen Fell fest zu halten. Ein Blickpunkt, den er fixieren konnte. Ein Rettungsanker auf dieser stürmischen See, die ihn herum wirbeln und vergessen ließ, wo oben und unten war. Sie war wie das Licht in einen Hafen, in dem er sicher war. Sicher vor sich selber.
Aber plötzlich war sie verschwunden, war im Strudel unter gegangen, aus seinen Augen verloren. Mit ein paar Schritten entfernte sich der Schwarze von dem Pulk, der sich langsam aber stetig bildete. Die Ohren waren aufgerichtet und nichts von der innerlichen Verwirrung war ihm anzusehen. Er verstand sich manchmal einfach selber nicht. Leise seufzte der Nachtsohn, lief langsam weiter, brachte Abstand zwischen sich und die vielen Leiber, die ihn schier zu erdrücken schienen. Er hatte den Überblick verloren, gefangen in dem Sog aus Farben und Geräuschen. Für einen Augenblick schloss der Rüde die klaren, blauen Augen, atmete tief durch und steuerte die beiden Wölfe an, die dicht nebeneinander standen. Noch ein Mal erklang ein eindringliches Heulen und Midnight erkannte die selbe Stimmfarbe von vorhin. In der Nähe der Beiden blieb er ruhig und Abwartend stehen.
„Was ist das für ein Aufstand? Was ist passiert, dass ihr das Rudel aufscheucht und eine Grundlage zur Panik gebt, neben der die Furcht und der Respekt vor dem Tod persönlich nichtig erscheint?“
Gespannt wartete Midnight auf eine Antwort und blickte abwechselnd von der Beta zu ihrem Gefährten Urion, der sich wie ein vulgärer Jungspund benommen und herum gebrüllt hatte. In seinen Augen keine Art und Weise mit den Wölfen um zu gehen, wie drängend und wichtig es auch sein mochte. Stirnrunzelnd blickte der Totenwandler den Grauen an, der mit seinem Gefühlschaos mehr dafür sorgen würde, die Wölfe zu verscheuchen, als zusammen zu halten. Selbst in Notsituationen musste man einen kühlen Kopf bewahren und ruhig sowie bestimmt auftreten, wenn man nicht wollte, dass einige Wölfe vor lauter Furcht in Panik ausbrachen und alles in einer Meuterei endete. Damit wäre niemandem geholfen. Kaede verstand von dieser unterschwieligen Gefahr mehr, besaß mehr Einfühlungsvermögen und versuchte wieder Ruhe in ihren Gefährten zu bringen und rief noch ein Mal freundlicher nach den Übriggebliebenen, die noch nicht am Rudelplatz erschienen waren. Stumm wartete Midnight, bis ihr Ruf verhallt war und wandte sich dann an die blinde Fähe.
„Was ist passiert?“
Daylight ließ niedergeschlagen den Kopf hängen und versank für einen Moment in ihren Gedanken. Was wäre, wenn Banshee eines Tages nicht mehr da sein würde? Was wäre, wenn...? Die kleine Wölfin schüttelte entschieden den Kopf, um den Gedanken loszuwerden... sie sollte darüber nicht nachdenken, das hatte sie nie getan und jetzt war der denkbar schlechteste Zeitpunkt dafür. Banshee würde wieder gesund und stark werden und dann würde alles so sein wie früher. Die honigfarbenen Augen wanderten zu Aszrem, sie nickte ihm mit einem zaghaften Lächeln auf den Lefzen zu und murmelte ein leises:
„Danke.“
In diesem Moment erklang erneut Urions Stimme, die sie erneut zu sie rief, diesmal nannte er sogar die Namen der Fehlenden. Kurz darauf folgte Kaedes Stimme, die erneut auf die Dringlichkeit des ihres Kommens hinwies. Doch Daylight hatte schon einen anderen Gedanken gefasst. Amáya. Sie musste ihre Schwester aufsuchen, ihr von Banshee berichten und... ja und sich bei ihr entschuldigen. Die kleine Weiße hatte ihr Versprechen gegenüber der Schwarzen nicht eingehalten, sie hatte ihr versprochen immer für sie da zu sein, doch stattdessen, ja stattdessen hatte sie seit sie das Tal zurückerobert hatten kein einziges Wort mehr mit ihr gesprochen. Daylight fühlte sich schuldig... nein mehr als das. Ihr Blick wanderte wieder zu Aszrem.
„Ich werde gehen und Amáya suchen, sie muss davon erfahren und danach komme ich mit ihr zusammen zum Rudelplatz.“
Erkärte sie und schenkte ihm ein letztes, zögerliches Lächeln, ehe sie mit gesenkten Schultern und hängender Rute davonging. Aryan. Ihn hatte sie auch vernachlässigt... am liebsten würde sie gleich zu ihm laufen, ihm sagen, dass sie ihn liebte, ihm sagen dass sie für immer mit ihm zusammen bleiben wollte. Für immer. Doch, nein, zuerst musste sie mit Amáya sprechen. Witternd hielt die Kleine die Nase in den Wind und beschleunigte ihre Schritte, als sie den Geruch der Schwester aufgenommen hatte. Mit einem gewisperten
„Amáya...“
machte sich die Weiße auf den Weg. Was würde ihre Schwester wohl sagen? Würde ihre Schwester ihr verzeihen...? Oder würde sie sie hassen? Dabei bedeutete ihr Amáya doch mindestens so viel, wie Aryan. Daylight spürte, wie ihre Pfoten immer schwerer wurden, je näher sie der Schwester kam. Sie hatte Angst, furchtbare Angst davor die Schwarze zu verlieren. So furchtbare Angst.
Bald schon erblickte die Weiße, die die sie gesucht hatte, zusammen mit Jakash, eines von Shanis Welpen. Ein flüchtiges Lächeln huschte über Daylights Lefzen, als sie auf die Schwarze zutrat.
„Amáya...?“
Sie blickte die Schwarze mit leicht schief gelegtem Kopf an, ließ ihren Blick kurz zu Jakash gleiten.
„Hallo Jakash.“
Begrüßte sie den Jungwolf und schenkte ihm ein warmes Lächeln, ehe sie den Blick wieder an Amáya wandte. Auf eine Reaktion wartete und sich sogleich davor fürchtete. Was würde ihre Schwester nun sagen...? So verschieden sie auch waren, für Daylight war Amáya die Wichtigste ihre Geschwister. Denn es war Amáya gewesen, die ihr dort oben in den Bergen zwischen all dem Schnee und Eis Mut gemacht hatte, es war Amáya gewesen, mit der sie auf die Wolken geschaut hatte. Amáya.
Sein Lächeln wuchs in die Breite, als Amáya schließlich zustimmte. Ein bisschen irritierte es ihn selbst, wie sehr er sich darüber freute, und er musste sich zusammenreißen, um nicht wild mit der Rute zu wendeln und aufzuspringen. Dass sie ein wenig pendelte und den Schnee beiseite wischte, konnte er jedoch nicht verhindern.
"Ich weiß, und ich würde dich auch nicht daran hindern - selbst, wenn ich es könnte. Aber es freut mich, dass du auf mich achtegeben willst, solange du hier bist. Danke, Amáya",
erwiderte er. Irgendwie fühlte er sich jetzt leichter als zuvor. Das Gespräch hatte ihm seine Sorgen genommen, mehr noch, Amáyas Zusage wischte auch zukünftige Ängste bereits hinfort. Einen 'Patron' hatte sie es genannt. Sie würde der Schutzpatron seiner Seele sein - das klang wesentlich besser als 'Babysitter', wie sie es abfällig auch bezeichnet hatte, aber er nahm ihr diese Wortwahl nicht übel. Was wohl Nyota dazu sagen würde? Auf diese Frage würde er so schnell keine Antwort kriegen, denn er hatte nicht vor, seiner Tante davon zu erzählen. Ihr nicht und auch sonst niemandem. Jedenfalls nicht sofort. Ein weiteres Mal erklang ein Heulen, wieder von Urion. es klang diesmal wütend, und Jakash schürzte die Lefzen.
"Droht der uns jetzt etwa?!"
Die Worte "oder ihr werdet sterben" klangen für ihn ganz danach, wusste er doch nicht, worauf Urion sich bezog. In Jakash weckten sie jedenfalls Trotz, obwohl der befehl, zum Rudelplatz zu kommen, ursprünglich ja von seiner Tante stammte. Kurz darauf erklang Kaedes Stimme. Sie wiederholte den Befhel, wenn auch mit wesentlich freundlicher Formulierung. Jakash besänftigte das jedoch nicht, und das tat er durch ein Augenrollen kund. Schritte knirschten im Schnee, und der junge Rüde wandte sich halb um, um zu sehen, wer da kam. Es war Daylight, auch eine seiner Tanten, ganz wie Amáya. Er nickte ihr grüßend zu und sah dann etwas unschlüssig zu Amáya. Musste er nun doch gehen...?
Noch immer sinnte die Dunkle darüber nach, was sie zu dieser absolut bescheuerten Entscheidung getrieben hatte. Wieso hatte sie ihm nicht einfach einen Vogel gezeigt und war verschwunden? Weshalb hatte sie ihn nicht schon längst fort gejagt? Sie war gefährlich, wohl im Augenblick gefährlicher als alle anderen des Rudels. Unberechenbar und man hatte sie unter Arrest gestellt, wenn man so wollte. Einen Wachhund, alt und schwach, eine dumme Tat. Genau wie Zack, der sich ihr in den Weg gestellt hatte. Mit Wohlwollen dachte sie an das Schicksal ihres Paten, der in die ewigen Jagdgründe oder sonst wohin gegangen war. Alter Narr. Und hier? Hier hatte sie einen jungen Narren vor sich. Die unterdrückte Freunde entging ihr nicht und innerlich konnte sie nur mit den Augen rollen. Was für ein Schwachsinn. Was konnte sie denn schon tun?
Erneut erklang das hässliche Geheule des Idioten Urion, der ihr so langsam aber sicher ziemlich auf die Nerven ging. Konnte dieser Kläffer sich nicht endlich mal geschlossen halten? Am liebsten wäre sie sich sofort auf den Rüden gestürzt und hätte ihn auf ihre Art und Weise zum Schweigen gebracht, die Anwesenheit Jakash verdrängte allerdings auf eine gewisse Art und Weise den Blutdurst in ihr, so dass die Schwarze nur gereizt aufsprang und die Lefzen etwas zurück zog, so dass die scharfen Reißzähne zur Geltung kamen.
„Was bildet sich dieser dreckige Köter eigentlich ein? Er hat hier niemanden zu befehligen.“
,zischte sie und die regenblauen Augen verengten sich zu Schlitzen. Jetzt erstrecht nicht. Warum zum Henker sollte sie auf ein dahergelaufenes Vieh hören ohne Rang und Namen? Wer war sie denn? Sie war kein dämliches Schoßhündchen, was gleich aufsprang und freudig Schwanz wedelnd an kam, sobald Papi rief. Lächerlich.
„Wo lebt der denn? In einer rosaroten-Wattewolken-Plüschi-Idylle?“
Abfällig schnaubte Amáya, einer Mischung aus Lachen und prusten. Sie für ihren Teil würde sich nicht die Mühe machen und extra für diese Hanswurst angetrabt kommen. Stattdessen erregte ein Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Ihre feinen Ohren zuckten nach hinten, als Schritte auf dem Schnee zu hören waren und eine Sekunde später flog ihr Kopf herum, die Nackenhaare aufgestellt. Es war allerdings nicht Urion, der Möchtegern, sondern ihre Schwester Daylight. Die Stirn in Falten gelegt betrachtete sie ihre Schwester. Wie sollte sie auf die Helle reagieren? Sie hatte sie ebenfalls so sehr im Stich gelassen, sich immer nur um sich selber gekümmert und Amáya sich selbst überlassen. Sie war genauso schuldig wie alle anderen. Ein leises Grollen bildete sich in ihrem Brustkorb, allerdings war es zu leise und unscheinbar – sie konnte es nicht ein Mal selber hören, es sei denn sie lauschte in sich hinein.
„Was willst du, Daylight? Bist du deinen Gefährten über geworden und hast dich durch reinen Zufall an deine Schwester erinnert, heh?“
Hart war der Blick aus den blauen Augen, mit denen sie das Sonnenkind musterte, bis sie sich abwandte. Sie hatte ihr nichts mehr zu sagen. Diese Familie gehörte einem anderen Leben an und die Schwarze hatte niemals dazu gehört. Dafür wandte Amáya ihre Aufmerksamkeit wieder Jakash zu, ein gehässiges Grinsen auf den Lefzen. Dann hob sie ihrerseits den Kopf und ließ eine Antwort an Urion und Kaede erklingen.
„Halt dein Maul, du Scheißköter und verscheuch nicht die Tiere mit deiner hässlichen Stimme. Du gehst mir auf die Nerven und hast mir nichts zu befehlen. Wort zum Gruße Kaede, dein Gefährte hat keine Manieren.“
Sobald ihre klare, kalte Stimme verklungen war, lachte Amáya wieder kurz auf. Welch ein Spaß.
Daylight zuckte zurück, als die Stimme ihrer Schwester erklang. Sie war so anders. Nicht mehr sanft, nicht mehr ruhig, nicht mehr so wie einst. Sie legte die Ohren an den Körper und schaute die Dunkle aus ihren honigfarbenen Augen flehend an. Schon spürte sie, wie Tränen in ihren Augen aufstiegen.
„Ich... Amáya... ich...“
Es gab keine Worte, die entschuldigten, was sie getan hatte. Es gab keine Worte, die sagen konnten, was zu sagen war. Doch jedes von Amáyas Worten trieb eiskalte Splitter in ihr Herz. Die Weiße schluckte schwer. Funkelnde Tränen liefen über die hellen Wangen und tropften still zu Boden.
„Das was ich getan habe ist nicht zu verzeihen. Trotzdem möchte ich, dass du weißt, dass es mir Leid tut. Und dass...“
Die Kleine schloss die Augen und machte einen entschlossenen Schritt auf ihre Schwester zu.
„Und dass ich dich liebe und brauche, egal, was geschieht. Du wirst immer meine Schwester sein, meine ganz besondere Schwester. Die Wichtigste von allen.“
Sie nickte leicht, wie zur Bestätigung ihrer Worte, ehe sie den Blick traurig über Amáyas Gesicht wandern ließ. Was war nur aus ihr geworden...? War das alles ihre, Daylights, Schuld? Noch immer rannen stille Tränen über ihr Gesicht, doch die Weiße gab keinen Laut von sich, wartete stumm. Eingefroren in der Bewegung. So gerne wäre sie auf ihre Schwester zugegangen, hätte die Schnauze in ihrem Fell vergraben, doch das traute sie sich nicht. Denn sie war nicht sicher, wie sie Amáya einschätzen sollte. Das Verhalten ihrer Schwester verunsicherte sie zutiefst. Sie war nun an der Stelle in ihrem Leben angelangt, an der sie nicht mehr weiter wusste. Es war das erste Mal, dass sie nicht wusste, was sie tun oder sagen könnte. Betreten senkte sie den Blick, sie hätte wissen müssen, dass es so kommen würde, aber woher hätte sie es wissen können...?
„Ich dachte, dass solltest du wissen.“
Sie schaute von unten zu der Schwarzen empor, warf ihr einen einzigen bittenden Blick zu. Es hätte nie soweit kommen dürfen, nie so weit, dass ihre Schwester, diese Schwester, die ihr mehr bedeutete, als alles anderes, sie hasste. Niemals.
Anubis saß da. Saß einfach nur da und dachte über die vergangene Zeit nach. Liebevoll blickte er zu dem schwarzbraunen Fellknäul hinunter. Sieben Monate war es bereits her, seit er den kleinen Jukka, oder eher Jukka ihn, in seinen Heimatwäldern aufgegabelt hatte. Ganz am Anfang hatte er den Kleinen nervig gefunden - ständig war er an seinen Pfoten geklebt. Doch mit der Zeit machte es ihn stolz, dass er ihn mochte. So beschloss er, ihm alles beizubringen, was er bisher über das Leben gelernt hatte. Er war gewachsen und nun war er schon beihnahe ein ganzes Jahr alt. Anubis wollte nicht, dass Jukka, ebenso wie er früher, ohne Beziehung zu einem Wolfsrudel erwachsen werden musste. Deshalb machte er sich mit ihm auf die Suche, nach einem solchen.
Vor etwas mehr als zwei Tagen hatten sie die Reviergrenzen des Tals der Sternenwinde erreicht. Freilich wussten die beiden noch nicht, dass es so hieß, doch sie hatten die Anwesenheit des Rudels bemerkt. Immer weiter waren sie in die Richtung, in der der Geruch nach den fremden Wölfen immer stärker wurde, gelaufen. Das Territorium musste ziemlich groß sein. Sie waren schon so lange gelaufen und auf keinen getroffen. Doch bald, sagte sich Anubis, würden sie auf jemanden treffen.
Der schneeweiße Rüde war etwas unsicher, weil er nicht genau wusste, wie er sich in der Gegenwart der anderen Wölfe zu verhalten hatte. Niemand hatte ihm das je beigebracht. Außerdem war es nicht sicher, ob das Rudel sie aufnehmen würde - zwei vollkommen Fremde. Nervös kratze er sich mit dem Hinterlauf am Ohr, wie um seine Zweifel abzuschütteln. Und irgendwie wirkte es auch. Es würde schon gut gehen. Sie waren bis hierher gekommen und sie würden weiterkommen. Einen festen Platz finden. Er würde für Jukka einen festen Platz finden und erfüllt von Stolz über ihn wachen. Alles wird gut werden. Plötzlich sprang Anubis auf und stand auf seinen Pfoten. Spielerisch wedelte er mit seiner Rute und blickte erneut grinsend zu seinem kleinen Freund hinüber.
"Hey Kleiner! Was ist? Bist du etwa schon müde? Komm! Wir sind schon so nah an unseren Ziel... Wieso warten? Lass uns die letzten Meter laufen! Den letzten beissen die Menschen!"
Mit diesen Worten machte er jauchzend einen großen Satz und raste in die Richtung, in der sie die anderen Wölfe vermuteten. Das Rennen tat gut. Es verjagte auch den letzen Tropfen Zweifel. Er und Jukka waren gut wie sie waren. Sie waren einzigartig, wie jeder andere auch. Wenn sie die anderen nicht mögen würden, dann wäre das sicherlich schade. Doch darüber wollte er erst nachdenken, wenn es soweit war-
Amáya störte Urions zweiter Ruf noch mehr als ihn, die Schwarze fuhr richtig auf und bleckte die Zähne. Jakash legte die Ohren etwas zur Seite, er mochte es nicht, wenn Amáya derart beleidigend über jemanden sprach. Er war ja auch nicht begeitert von diesem Befehl und bockte innerlich auf, aber ihm missfiel ihre Wortwahl dazu dennoch. Doch er schwieg, er hatte ihr seine Meinung dazu bereits mitgeteilt, als Urion sie das erste Mal in ihrem Gespräch gestört hatte, ebenso wie Shákru. Sie würde dieses Gefluche so schnell wohl nicht ablegen, und er hatte nicht vor, ihr auf die Nerven zu fallen. Schließlich musste er jedoch auflachen, als er sich die von ihr erwähnte 'rosaroten-Wattewolken-Plüschi-Idylle' vorstellte. Die Szenerie war derart gräßlich komisch, dass er nicht anders konnte, als zu lachen. Doch die Worte, die Amáya an ihre Schwester richtete, ernüchterten ihn ganz schnell wieder. Unwillkürlich legte er sogar die Ohren an und duckte sich ein kleines bisschen. Sein Blick huschte zu Daylight. Der Weißen war anzusehen, dass die Worte gesessen hatten. Jakash wusste nicht, was zwischen den beiden Fähen vorgefallen war - oder besser gesagt eben NICHT gewesen war - aber Daylight entschuldigte sich dafür. Doch Jakash ahnte, dass es für Entschuldigungen längst zu spät. Die Situation, wie auch immer sie entstanden war, war bereits eskaliert. Zack war schon tot, und blieb es. Der junge Rüde spürte nun deutlich, dass er jetzt besser gehen sollte, dass er jetzt hier fehl am Platze war. Ganz langsam erhob er sich, blieb jedoch stehen. Weder wandte er sich ab, noch trat er etwas zurück. Spannung lag in der Luft, und sie lähmte ihn. Was, wenn Amáya ihre Schwester anfiel? Dann musste er eingreifen, musste irgendetwas tun. Er konnte die beiden nicht alleine lassen, und gleichzeitig hoffte er, dass nichts Schlimmes passieren würde. Dass Amáya sich wütend abwandte und ging, oder Daylight sich traurig zurück zog. Für das Antwortheulen der Schwarzen an Urion und Kaede hatte er kein Lächeln übrig. Zu sehr bedrückte ihn, was hier gerade passierte...
Ein flüchtiges Grinsen huschte über Ganis Gesicht. Sie konnte immer noch nicht wirklich begreifen, was gerade hier passiert war - auch wenn es doch so verständlich und einfach schien. Sie hatte sich einem Wolfsrudel genähert und einen schwarzen Rüden angegriffen, weil sie sich bedroht gefühlt hatte. Dann hatte sich der Spieß gedreht. Und jetzt zog sie Aryan auch noch damit auf. Am liebsten würde die Prinzessin jetzt auflachen, doch sie hielt sich zurück und versuchte mühsam, sich zu entspannen, was ihr jetzt auch endlich gelang. Sie grinste Aryan frech an und dachte dabei noch so angestrengt nach. Was, wenn Akru sie nicht mehr sehen wollte? Wenn er sich verändert hatte? Alles Fragen, die sich Gani nicht beantworten konnte. Dennoch schlug sie den Weg ein, den Aryan ihr bedeutet hatte, wahrscheinlich der Weg zu den 'anderen'. Der Schnee fiel und fiel, Gani wagte gar nicht zum Himmel zu schauen, in der Angst, noch mehr geblendet zu werden, als der Schnee auf dem Boden es so schon tat. Die Graue wendete den Blick ab, in Aryans Augen zu schauen war durchaus besser als das viele Weiß anzustarren.
"Ich weiß schon, was ich tue" Als sie diese Worte sprach, lachte sie leise auf. "Na ja, zumindest die meiste Zeit. Und dann tue ich es auch mit Vergnügen. 'Hallo' kommt mir da so förmlich vor."
Ihr glockenhelles Lachen wurde lauter. Sie hatte schon recht, mit dem was sie sagte, wenn auch nur teilweise und auch nicht immer. Gani Amíra seufzte leise, hoffte, dass der Rüde das überhörte. Mit einer Pfote patschte sie spielerisch auf den Schnee, das erinnerte sie an die schöne Zeit, die sie mit Akru und ihrer Mutter gehabt hatte. Was hatte Aryan noch gesagt? Oh man, erst Akru und nun noch so eine Todeslustige. Wieder lachte Gani auf. Manchmal war sie einfach so. 'Anders'. Das erinnerte sie auch an etwas. An einen Spruch, den Akru ihr als kleine Welpin gesagt hatte.
.( Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu. ).
Schon früher hatte sie das nicht verstanden, doch jetzt sah sie den Sinn in diesen Worten. Sie war nicht immer nur Gani, die Kämpferin, sondern auch eine Prinzessin, in gewisser Weise. Es fiel ihr nicht schwer, nett zu Aryan zu sein, da er auch nett zu ihr war. Es fiel ihr nicht schwer, freundlich und beherrscht zu sein, wenn Aryan es auch war. Und sie sah ihn nicht mehr als Fremden an - vielmehr als 'Freund'.
04.01.2010, 21:50
Jukka hatte sich hingefläzt, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt. Es war seine typische Denker und Grüblerpose, und auch nun dachte und grübelte er. Oder besser gesagt, er beobachtete. Dieses Mal fesselte ein kahler Busch seine Aufmerksamkeit. Schnee lag auf den dürren, fast schwarzen Ästchen, die sich wie tote Finger in den Raum rankten und sich in das hier und jetzt zu krallen schienen. Jukka seufzte. Dies war sein erster Winter, und am Anfang hatte er dieses weiße Zeug, genannt Schnee, auch noch interessant gefunden. Doch inzwischen dauerte ihm die Kälte und die Nässe zu lange. Seine Pfoten spürte er teilweise kaum, da sie vollkommen taub waren, nicht weil er und Anubis so lange gerannt waren, sondern weil sie froren, und auch die Beschaffung von Nahrung gestaltete sich immer schwieriger. Doch dies war für Jukka nicht das schlimmste, seine eigenen Schwierigkeiten nahm er gerne schweigend hin. Viel schlimmer war es, dass auch die anderen Tiere so unter dem Winter litten, vor allem diejenigen, die nicht jagten. Sie machten sich Sorgen, ob sie den Frühling noch erleben würden, und die Tiere, die im Winter schliefen, würden auch bald erwachen und vor den selben Sorgen stehen.
Und deshalb machte auch Jukka sich Sorgen und war stiller und grüblerischer als sonst, auch wenn er sich Mühe gab, Anubis dies nicht merken zu lassen.
Bei dem Gedanken an Anubis stahl sich ein Lächeln in Jukkas Mundwinkel. Anubis war so versessen darauf, ihn in die gesellschafft von anderen Wölfen zu bringen und ein Rudel für sie beide zu finden. Jukka selbst brauchte nicht unbedingt ein Rudel. Er war zufrieden, nur mit Anubis zusammen durch die Finsterwälder zu streifen. Aber was Anubis freute, freute auch ihn, schon alleine deshalb, weil Anubis Jukkas Ein und Alles war. Schlieslich hatte er ihn erzogen und ihm das Leben in der Wildniss nähergebracht, ein Leben ohne wankelmütige Menschen und Dosenfutter. Und Jukka liebte dieses Leben, selbst wenn es bedeutete, dass man hin und wieder ein kleineres Lebewesen für seine eigenen Zwecke umbringen musste. Es war einfach viel freier als das, was ihm geblüht hätte, wäre er bei den Menschen geblieben. Es war ein Teil seiner Natur.
Als Anubis ihn rief, erschrak Jukka, denn er war tief in gedanken gewesen. Er sprang auf und schüttelte sich, viele kleine Schneebröckchen flogen durch die Luft. "Warte, Anubis! " quitschte er als er hinter seinem großen weißen Freund herwetzte
Banshees Kopf lag endlos schwer im erfrorenen Schnee. Wie Blei fühlte sich ihr Körper an, tief in den blutroten Schnee gedrückt, verschluckt von Kälte und verlorenem Leben. Die Wärme ihrer Schwester lockte sie immer weiter aus ihrer erdrückenden Trauer, aber zu spüren, wie endlos traurig auch Nyota war, führte ihr immer wieder vor, dass sie an einen Punkt gekommen war, der sie endgültig über den Abgrund der Welt geführt hatte. Stern, der ins Dunkle fällt. Nie mehr leuchten. Nyota musste es genauso wissen wie sie. Zu viele Fehler, zu lange alleine gegen den unsichtbaren Gegner gekämpft. Wie lange hatte sie nicht mehr die Thränen ihrer Schwester in ihrem Fell gespürt? Hatte sie es jemals? Wann hatte Nyota das letzte Mal geweint? Hatte sie nicht immer gekämpft, gegen alles und jeden, mit ihrer Kraft und ihrer Wut alle Mauern eingerissen? Jetzt war da keine Kraft, keine Stärke mehr … jetzt war auch Nyota dem Tod einen Schritt näher gekommen. Wenn auch nur über ihre Schwester. Zu hören, wie die Thränen die Stimme der Schwarzen erstickten, war ungewohnt und doch sah sie plötzlich noch viel mehr ihre Schwester als einen Teil ihrer Selbst. So wie früher. Nyota und Banshee gegen den Rest der Welt. Früher … unfassbar weit fort. So weit fort wie der Frühling. Schnee und Eis war ihre Welt, schon so lange, viel zu lange. Zu lange in den Bergen gewesen, zu lange dem Winter ausgesetzt. Zu wenig Leben. Hatte Nyota noch genug Leben in sich? Wie könnte sie ihrer beider Frühling sein? Doch … ja … natürlich. Sie hatte den rund gewordenen Bauch ihrer Schwester schon längst gesehen, aber erst jetzt begriff sie. Nyota hatte Leben in sich. Für wenige Bruchstücke einer Sekunde wollte Neid aufkommen, dann verblasste er wie ein schlimmer Traum und ein Hauch von Glück strich um ihre Seele. Nyota würde Welpen bekommen. Endlich. Wie lange hatte sich die Schwarze danach gesehnt? Natürlich hätte sie es nie zugegeben aber einen Gefährten, Welpen … selbst Nyota hatte angefangen davon zu träumen. Irgendwann. Vielleicht in der Einsamkeit, als sie so schrecklich weit fort von Banshee gewesen war. Jetzt würde sich ihr Wunsch endlich erfüllen. Und Banshee wollte sie sehen. Ihre Nichten und Neffen. Sie wollte eine kleine Nyota sehen, wie sie wild und flammenumwogt durch das Rudel tobte, so wie Nyota es einst getan hatte. Früher … unfassbar weit fort.
“Mein Frühling … ich freue mich darauf, deine Welpen kennenzulernen. Ich will ihnen die beste Tante sein, die sie haben könnten. Ich freue mich so darauf, sie mit dir zu sehen. Ich …“
Sie suchte stumm nach Worten, konnte ihre Freude aber kaum ausdrücken, war sie doch noch immer so schwer überlagert von ihrer eigenen Trauer, dass sie sie kaum empfinden konnte. Aber da war sie … und wenn endlich dieser Tag vorbei war und sie sich irgendwie wieder gefasst hatte – dann würde sie sie spüren und mit Nyota vor Freude über die Wiese tollen. Vor Freude über die Wiese tollen … so wie früher. Früher … unfassbar weit fort.
“… ich wünschte, ich würde sie aufwachsen sehen.“
Ein Wunsch, der sich nicht mehr erfüllen konnte. Zu weit gegangen, zu weit. Nyotas Thränen flossen immer weiter, rannen nun auch schon Banshees Hals hinab und schnürten ihr mehr noch als ihre eigenen die Kehle zu. Sie hatte ihre Schwester nicht so traurig machen wollen. Ihre endlose Verzweiflung war ihre eigene, Engaya hatte nur sie verlassen, bei Nyota war sie geblieben, erfüllte Banshee wenigstens noch diesen Wunsch. Wenn nur die Thränen endlich versiegen würden. Langsam hob sie den Kopf, fast zeitgleich mit Nyota. Eine Ewigkeit sahen sich die beiden Schwestern stumm an. Und darüber hinaus … ein weiteres Versprechen, was ein wenig Last von ihren Schultern nahm. Sie vertraute Nyota mehr als je zuvor. Und wenn Acollon irgendwo weit fort war, wenn Akru sie verlassen hatte, ihre Kinder verächtlich auf sie hinabblickten und ihr Rudel sich schweigend von ihrer gebrochenen Leitwölfin abgewandt hatten … dann würde Nyota bei ihr bleiben und ihr mehr Wärme schenken, als alle Wölfe der Welt. Sie musste den Tod nicht fürchten. Eben sowenig die letzten Schritte, die sie noch tun musste, bis es so weit war. Nyota war am Anfang und Nyota würde am Ende sein. Ewig.
Banshee erwiderte ganz leicht das zaghafte Lächeln, noch schwächlicher, noch zögernder, aber es war da und es besiegelte den Zusammenhalt, die Kraft die er schenken würde. Gehen, noch ein letztes Mal. Nyota und Banshee gegen den Rest der Welt. Es brauchte keine Worte, sie hätten es nur kaputt gemacht. Wozu sollte die Weiße ihrer Schwester noch einmal sagen, wie froh sie war, sie zu haben? Nyota wusste es. Und ihr Lächeln sagte es. Vertrauen in den anderen, über jeden Zweifel hinaus.
“Mein Feuer, mein Licht.“
Ihr Blick hatte sich in den Wald verirrt. Das Blut war getrocknet, an einigen Stellen zerzauste es ihr Fell wie eine große Wunde.
Lange schritt Tyraleen alleine durch den Wald. Die Bäume erinnerten sie an die Steine der Berge, blattlos und grau vom Winter glichen sie dem leblosen Grau der Berge auf wunderschöne Weise. Es war so hell im Wald ohne all das Grün, das die Sonne verbarg. Und still. Kein Laub vermochte im Wind zu rascheln, kein Vogel zwitscherte in der Kälte. War sie noch im Tal der Sternenwinde? Oder wandelte sie schon längst auf ganz anderen Pfaden, war sie abgedriftet in eine Welt fern der Realität? Einige Momente war sie sich sicher, in einem Traum zu sein, nur sie und die Stille, die alle schweren Gedanken verschluckte. Hatte sie eben noch heiße Wut empfunden? War sie eben noch rasend vor Zorn gewesen? Oder war das eine andere Tyraleen in einer anderen Welt? Beinahe hätte sie auf ihren Bauch geschaut, ob er auch noch rund war, oder ob sie wirklich jemand anderes geworden war … aber sie spürte ihre Welpen noch immer. Plötzlich viel noch viel näher. Ihre Gedanken strichen um die toten Kinder ihrer Mutter; sie empfand wahre Trauer. Warum hatten sie sterben müssen? Hatte Banshee Engaya vergessen? Oder war es gegen die Gesetze ihrer Welt, dem Tod nicht seinen Tribut zu zollen. Ja … Banshees Kinder waren immer von Acollon, auch vom Tod gesegnet, aber so … so forderte er seinen Lohn. Warum hatte ihre Mutter das nicht erkannt? Oder war es ihr egal gewesen? Nur kurz harrten ihre Gedanken noch bei Banshee, schon ließen sie wieder ab vom Grübeln und flogen leicht zwischen den erstarrten Bäumen voraus.
Irgendwann störte etwas für wenige Herzschläge ihren Weltentraum, bevor es sich in ihn einfügte. Sie musste sich nicht umdrehen, nicht wittern oder lauschen … Akru folgte ihr mit etwas Abstand. Auch jetzt empfand sie keinen Zorn, viel eher schien er in diese Welt zu passen. Ob er genauso empfand wie sie? Wie lange liefen sie schon durch den Schnee? Irgendwann begann er zu sprechen und fast im gleichen Augenblick blieb Tyraleen stehen. Nicht abrupt, als hätte sie sich erschrocken. Langsam drehte sie sich zu Akru um, betrachtete ihn wie einen Fremden, den sie dennoch erwartete hatte.
“Auch mir tut es leid. Ich hätte nicht so reagieren dürfen.“
Sie zögerte kurz, nicht sicher, ob sie noch einmal einfach reden sollte, ohne vorher jedes Wort zu überdenken. Diesmal würde nicht der Zorn ihre Zunge lenken, trotzdem durfte sie nicht vergessen, wen sie vor sich hatte. Akru … der Parasit?
“Es wurden zu viele Fehler begangen und ich hätte sie dir nicht alle vorwerfen dürfen. Die wenigsten sind wohl deine Schuld. Ich weiß nicht, wann was schief gelaufen ist, aber zu irgendeinem Zeitpunkt ist die heile Welt Banshees aus den Fugen geraten. Dass du gerade da warst, kann man dir nicht vorwerfen. Aber ich verstehe nicht … wie konnte sie nur? Ich liebe Acollon. Er ist mein Vater, mein Vorbild, ein Wolf, den ich abgöttisch liebe, ohne ihn zu kennen. Vielleicht habe ich das Gefühl, dass du seinen Platz einnehmen willst. Du musst verstehen, wie wütend mich das macht. Denn außer diesen wenigen Dingen … verstehe ich nichts mehr. Wie es so weit kommen konnte.“
Die ganze Zeit hatte sie den Blick nicht von Akru genommen. Manchmal hätte sie gerne zu Boden gesehen, aber die Kälte und die Stille dieser anderen Welt gaben ihr Kraft. Aufrecht stand sie so im Schnee, erinnerte an ihre Mutter, wie Banshee einst vor langer Zeit auch dagestanden hatte … vor Acollon, vor dem Rudel, vor der Welt.
Versucht geduldig, jedoch ausgesprochen neugierig. Sein Blick, genauso wie die Muscheln seiner Ohren zuckten verzückt von einer Richtung in die Andere, folgten mal der einen Gruppe von Wölfen, mal einer Anderen, während er dem schwarzen Wolf schier endlos Zeit lief um auf seine Fragen zu antworten. Gewissermaßen war das schon etwas besonderes, denn auf solche Antworten, wartete er ungern lange. Aber der Schwarze hatte einen so distanzierten Gesichtsausdruck, dass er ihm nur ungern weiter auf die Nerven gehen wollte. Er konnte sich einfach nichts davon versprechen, also ließ er es ganz einfach bleiben. Jaja, Winter das war es wirklich. Hässlicher, kalter Winter, mit Schnee der einfach viel zu hoch war, dass Yerik noch einigermaßen gefallen daran finden konnte. Schnee war schön, wenn man jemanden hatte, mit dem man in ihm herum tollen konnte, oder sich zusammen verstecken konnte, etwa vor neugierigen Blicken. Aber so, wo er doch eh sogesehen allein war, war er vollkommen nutzlos und fast schon nervig. Zumindest beim Laufen. Erneut hatte er eine kleine Schneise in die Schneedecke gezogen, als seine Ohren in die Richtung von Face zischten und er die kargen Worte des Großes aufnahm. Ja, Winter, natürlich. Er wusste es ja selber, auch es war fast schon einfacher sich etwas darüber aufzuregen, anstatt zu schweigen, ganz einfach. Und auch wenn seine dumm waren, so waren sie doch gewissermaßen wert, ausgesprochen zu werden. Wortkarger Wolf dieser Face. Vielleicht lag es ja auch nur am Wetter. Wer konnte das schon sagen?
Bei seinen letzten Worten nickte er dem Rüden noch einmal freundlich zu. ein Zeichen, dass er sie zur Kenntnis genommen hatte und trat eine Schritte auf den Platz hinaus, nur um im nächsten Moment stehen zu bleiben und in den Himmel zu lauschen. Nanu, wieder ein Ruf? Wieder wurde das Rudel zusammen gerufen. Unschlüssig blieb er stehen. Sollte er sich den Wölfen anschließen und einfach mal mitgehen als würde er dazu gehören, oder doch lieber nicht? Kurz warf er noch einen Blick zu Face, suchte aber irgendwie doch nicht nach seinem Blick. Das war dann wohl irgendwie seine Entscheidung. Doch er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken. Im nächsten Augenblick, kaum ein Blinzeln entfernt, erklang ein weiterer Ruf durch den Himmel und zauberte dem Braunen unweigerlich ein kleines Lächeln auf die Lefzen. Nanu. Das war aber eine reizende Persönlichkeit. Und die Worte, so feindsehlig sie auch waren, waren es doch Worte die ähnlich unkompliziert klangen, wie sein Wesen. Eine Fähe die aussprach was sie dachte. Das war doch mal etwas interessantes. Denn die Stimme war ganz klar als die einer Fähe zu identifizieren. Ohne weiter nachzudenken wandte er sich wieder zum Wald herum und lief zwischen den Bäumen hindurch. Er wollte dieser freundlichen Stimme auf den Grund gehen und das Geschöpf kennen lernen, das so frei sprechen konnte und dabei anscheinend noch Spaß hatte. Auch wenn er nicht wirklich etwas für Feindsehligkeiten übrig hatte, so interessierten ihn doch oftmals jene, die sie ausübten. Schräg, aber wahr. Die Fährte auf die er stieß, war frisch und so zweifelte er nicht wirklich daran, auf dem falschen Weg zu sein. Stattdessen zog er lieber noch das Tempo wieder an und lief nun, so schnell es der Schnee zuließ, der Stimme hinterher, die ihm noch immer in den Ohren klang. Was er dem Wesen sagen würde, wusste er nicht einmal genau, aber es würde ihm schon etwas einfallen. Erst, als Stimmen an seine feinen Ohren drangen, wurde er in seinen Bewegungen langsamer und trat dann langsam auf die Gruppe von Wölfen zu.
"Entschuldigt die Störung. Ich bin neu hier und habe mich gefragt wem diese reizenden, ehrlichen Worte gehörten, die soeben über den Platz erklungen waren. Ich hoffe ich störe nicht."
Meinte er ruhig, mit einem unweigerlich schief gelegenten Kopf. Erst jetzt ließ er den Blick über die Wölfe gleiten. Ein junger, schwarze Rüde mit aufmerksamen grünen Augen, eine weiße Fähe, wahrscheinlich gerade aus dem Jungwolfalter heraus, sichtlich geknickt und in sich verletzt, mit Tränen auf den Wangen. Im selben Augenblick wo er dies sah, lehnte Yerik die Ohren etwas zurück. Er war relativ sensibel was Stimmungen anging und plötzlich kam er sich mit seiner Begrüßung vollkommen falsch am Platz vor. Wie um sich selbst davon zu überzeugen, dass er doch nicht so ganz falsch war, blickte er den dritten Wolf an, der hier war. Eine schwarze Fähe, aber nicht irgendeine Schwarze, sondern eine sonderbar fremdartig hübsche schwarze Fähe. Ähnlich wie Face hatte auch sie tiefe, blaue Augen, wenn auch in einem ganz anderen, wenn auch ebenso, wenn nicht gar noch mehr, fesselnden Farbton. Entsprechend dem Umstand, in dem die Weiße stand, musste wohl sie diesen Ruf erklungen lassen haben und so beobachtete Yerik sie sogar einige Momente länger als die anderen beiden.
"Entschuldigt bitte. Ich wollte nicht unhöflich sein. Mein Name ist Yerik. Kann ich irgendwie... helfen?"
Er war nie der Wolf gewesen, der lang drum herum geredet hätte. Also sprach er es einfach aus. Und hoffte wenigstens einigermaßen richtig zu liegen. Seine Augen glitten erneut zu der schwarzen Fähe, ehe er sich zwingen musste sie abzuwenden. Nicht gleich übertreiben. Auch wenn sie genau der Typ Wolf war, der Yerik faszinierte und immer wieder aufs Neue anzog. Und das sie so sonderbar hübsch war, tat sicherlich auch noch seinen Part dazu. Er brachte sich dazu, den Blick aus den leuchtenden Bernsteinaugen von einem Wolf zum anderen wandern zu lassen und verharrte.
Die Zeit rann weiter, vorbei an den Schwestern, die einig in sich im Moment verharrten, und wie Regen vor dem Fenster floss Sekunde um Sekunde vorbei, ohne sie zu berühren. Dafür war da so viel zwischen ihnen, soviel Einzigkeit in sich, soviel Liebe und soviel Vertrauen - soviel von allem, was zählte, und soviel von einnander. Brauch auch in diesen Minuten ihre Welt in Scherben, denn nichts anderes hatte die Erkenntnis um Banshees Sterben hinterlassen, so leuchtete doch dieser Moment zwischen all den anderen Momenten auf, denn er brachte all das zum Ausdruck was sie mit Banshee auf Ewig verbinden würde. Die Zeit war erstarrrt zwischen ihnen, und nur langsam brach der Bann, der den Strom festgehalten hatte und ihn nun weiterfließen lies.
All das war wieder da, und die letzten Tränen rannen von den dunklen Wangen Nyotas, versiegten in Trauer die keine Tränen brauchte um deutlich zu werden.
"Ich wünschte mir das auch"
sprach sie, noch immer leise, nur einen Schrittbreit über das Flüstern hinaus,
"Aber wenn uns diese Zeit nicht gegeben ist, müssen wir uns nehmen was wir kriegen können. Und nichts davon zurückgeben"
abermals lächelte sie, so traurig und so glücklich zugleich, glücklich über die Einheit, die sie beide bildeten, und so traurig, dass nun jemand die Tage abzählte, die ihnen gegeben waren. Wie gerne würde sie sich einfach an Banshee festhalten wenn Fenris zu ihr kam, dem schwarzen Tod seine mangelhafte Pädagogik vorhalten und ihn vertreiben, auf dass er sich nie wieder so nahe an Banshee wagen würde. Aber sie konnte es nicht, denn im Spiel der Götter war sie, egal wie groß, doch immer noch zu klein um soetwas zu erwirken.
Nyota versuchte nocheinmal ein Lächeln auf ihre Leftzen zu treiben, denn die Endgültigkeit ihrer Gefühle wischte es ihr immer wieder aus dem Gesicht. Die Schwarze scheiterte, aber es hatte keine Bedeutung. Der Bund war besiegelt, ein weiteres Mal gingen sie wieder dicht beieinander. Ihren Kopf sanft auf Banshees Schulter bettend lies sie ein einziges Mal die Rute leise auf den Boden datschen, ein kleines Lebenszeichen, während sie Banshees Wärme teilte und langsam den Kopf wieder hob, um ihrer kleinen Schwester über die Schnauze zu lecken.
"Mein Herz"
erwiederte sie leise, und drückte den Kopf in Banshees Halsfell, nocheinmal aufbebend unter den Tränen die nicht mehr flossen, und gleichermaßen in schützender und in Schutz suchender Haltung verharrend. Da draussen war die Welt, das Rudel. Hier waren sie, und die Welt drehte sich nur um sie beide. Und immer weiter. Nur zögernd rührte sie sich schliesslich wieder, schob den Kopf etwas höher und hielt ihn somit direkt neben Banshees, die Stille wieder in Eis und Blut willkommen heißend.
Ewigkeit rann durch ihre Adern.
Kaum hatte Shani Rakshee entdeckt, wie sie munter auf sie zugesprungen kam, wollte sie weglaufen. Die ganze Zeit hatte sie sich eines ihrer Kinder gewünscht aber gerade jetzt … wollte sie lieber niemanden um sich haben und am wenigsten die aufgeweckte, nach alles fragende Rakshee. Prompt ließ sich ihre Tochter auch schon auf ihrem Rücken nieder und fragte, warum sie gerufen wurden. Wer hatte gerufen? Und wen? Ein Ruf? Ja, stimmt … es hatte irgendwer geheult … aber Shani hatte keine Ahnung. Außerdem wollte sie nur noch weg. Erst Recht als auch noch Sheena ankam, im Schlepptau Shakru … das wurde zuviel. Die Schatten waren zwar verschwunden, aber Shani vermutete sie jetzt hinter jedem Baum, jedem Strauch. Sicher war es da nicht gerade schlau, alleine sein zu wollen … aber verdammt, sie wusste doch, dass diese dummen Wölfe nicht existierten. Sie konnte alleine sein, sie würden ihr nichts tun. Und niemand anderes würde bemerken, dass sie Visionen von irgendwelchen schwarzen Wölfen hatte, die sie auffressen wollten. Dämlich. Midnight machte es ihr bravourös vor, lief einfach davon. Shani nahm es ihm nicht übel, sie war es gewohnt, auch wenn sie Rakshee gerne zu ihm geschickt hätte. Langsam richtete sie sich auf, ihr Gesicht unter Kontrolle, auch wenn das Lächeln ein wenig gezwungen aussah.
“Ich weiß es nicht Rakshee. Geh am besten mit Sheena, Shakru und Jumaana zu Kaede, Midnight hinterher. Dort werdet ihr es erfahren. Ich … hole noch schnell Lunar.“
Schlechte Lüge. Sie hatte keine Ahnung wo ihr Bruder und höchstwahrscheinlich Sharíku waren. Aber das interessierte ja auch niemanden. Nur weg von hier. Ein letzter Stupser mit der Schnauze gegen das Ohr ihrer Tochter, dann war die Weiße schon im Wald verschwunden. Sofort breitete sich Erleichterung aus, das Lächeln fiel wie welkes Laub von ihren Lefzen und ihre Ohren schmiegten sich ängstlich und traurig an ihren Kopf. Ihr Blick huschte nervös von einem Baum zum anderen, aber vorerst schienen die Schattengestalten verschwunden zu sein. Hoffentlich würde das auch so bleiben … wäre nur Hiryoga hier. Er hatte sie immer vertrieben, auch wenn er nie von ihnen gewusst hatte. Sie vermisste ihn so schrecklich. Unsanft wurde sie von zwei fremden Gerüchen und dann von zwei rasenden Fellflecken unterbrochen. Da liefen zwei Fremde zwischen den Bäumen und schienen weder sie noch das ganz in der Nähe lagernde Rudel zu bemerken. Oder hatten sie es schon und rasten deshalb so, weil sie zu ihnen wollten?
“He!"
Sie hatte gerufen, bevor sie richtig darüber nachgedacht hatte. Eigentlich war sie wirklich nicht in der Stimmung, sich mit zwei Wildfremden zu unterhalten. Allerdings lenkte sie das vielleicht etwas ab. Und die beiden kannten sie ja sowieso nicht.
“Bleibt doch mal stehen und rennt hier nicht so wild in unserem Revier herum!“
Kylia versuchte sich durch die Anwesenheit Amiyos zu beruhigen und langsam klappte das auch. Vielleicht auch, weil sie meinte, Kaede würde ihr ebenso zuhören und bereits eine Lösung finden. Die Beta war zwar blind, aber langsam lernte man, auch ohne etwas in den Augen erkennen zu können, zu bemerken, was die Graue gerade tat. Jetzt stand sie auch auf und kam langsam auf Kylia zu, versuchte sie ebenso zu beruhigen. Kylia war ihr dankbar dafür, tatsächlich schafften es Amiyo und Kaede gemeinsam, ihr ein wenig Vertrauen in eine Lösung zu geben. Kaede, Nyota, Banshee … sie würden zusammen sicher einen Ausweg wissen. Und natürlich hatte Kaede Recht, sie durfte sich nicht zu sehr aufregen. Das würde jetzt nur Panik verbreiten. Und sie dankte ihr, was der Braunen schmeichelte … zumindest ein wenig.
“Danke, Kaede.“
Meinte sie leise und wandte sich wieder ihrem Gefährten zu. Auch seine Worte streichelten ihre Seele, wobei sie bei der letzten Frage stutzte. Ausgerechnet jetzt stellte er ihr eine solche Frage? Sie musste nicht darüber nachdenken und eigentlich war es auch nichts besonderes, sie zu beantworten … und doch klang sie wie ein festes Versprechen, welches sie ihm nicht eben gerade mal geben wollte. Zögernd sah sie ihn an und hoffte, dass er verstand, dass sie nicht wegen der Antwort zögerte, sondern wegen dem Moment. Ein sachtes Nicken folgte.
“Ja, natürlich, aber … darf ich dir dieses Versprechen noch einmal in einer ruhigeren, weniger sorgenvollen Stunde geben? Wenn wir alle Zeit der Welt haben?“
Sie lächelte schwach und gab ihm einen Kuss auf die Nase, wollte sich schon wieder Kaede zuwenden, als sie plötzlich einen wütenden Urion vor sich hatte. Erschrocken wich sie mit angelegten Ohren zwei Schritte zurück, entkam aber trotzdem nicht seinem rohen Fellziehen und seinen ungerechten Worten. Schon war er wieder zu Kaede gerannt, aber Kylia starrte ihm fast entsetzt nach. Sie fühlte sich verletzt von seiner Attacke und zudem ungerecht behandelt. Sie wollte doch helfen und hatte Amiyo doch gesagt, dass jetzt nicht der richtige Augenblick war. Und trotzdem wurde sie jetzt so angefahren und zudem hatte ihr Urion durchaus wehgetan. Gut … es war jetzt nicht gerade eine Wunde, aber ein nettes Fellzupfen war das nicht gewesen. Sie winselte leise und ließ dann den Kopf hängen. Urion war definitiv viele Ränge über ihr, so gesehen hatte er das Recht dazu. Gemein fand sie es trotzdem und wagte aus irgendeinem Grund nicht mal Amiyo anzusehen. Es war ihr fast peinlich. Sie hatte die Augen zu Boden gerichtete, hörte aber jetzt, wie Kaede ihren Gefährten anfuhr. Offensichtlich fand auch sie seine Reaktion zu übertrieben, aber Kylia wagte es trotzdem nicht, etwas zu sagen. Stumm lief sie hinter der Beta her zum Seerand und ließ sich in einigem Abstand neben Kaede und Urion nieder.
Kopfschüttelnd seufzte die graue Fähe auf, als sie Amáyas Worte hörte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass überhaupt eine Reaktion von ihr kommen würde. Trotzdem war sie nicht überrascht. Sie hatte genau gehört, was mit ihr passiert war, auch wenn es sich niemand erklären konnte. Sie war traurig, dass so etwas mit Banshees Tochter passiert war. Wie musste Banshee sich dann nur fühlen? Und, wo war sie eigentlich, Kaede hatte sie schon lange nicht mehr gesehen und hatte sich nur stumm darüber gewundert, dass keiner ihrer beiden Alphas anwesend waren. Sicher war etwas passiert, schon länger hatte sie ein ungutes Gefühl gehabt, doch sie wollte sich nun nicht länger in die Sorgen vertiefen. Banshee war nicht nur ihre Alphafähe sondern auch eine gute Freundin, sie sprach viel zu selten mit ihr. Nun konnte sie sich einen wehmütigen Blick nicht verkneifen. Suchend, als ob sie sehen könnte, glitt ihr Blick über den Rudelplatz. Sie konzentrierte sich auf die Witterung der Fähe, doch anscheinend waren sie nicht in der Nähe. Nun stieg erst recht Sorge in ihr auf, aber davon durfte sie sich nun nicht ablenken lassen. Sie hatte ihr eine Aufgabe und wollte Banshee und Nyota nicht enttäuschen. Und doch sah es eher so aus, als ob genau das passieren würde. Niedergeschlagen blickte sie Midnight entgegen, der als Erster auf sie beiden zukam. Sie wuffte ihm mehr oder weniger fröhlich eine Begrüßung entgegen und hörte ihm aufmerksam zu. Ehe sie antworten konnte kam Kylia angeschlichen. Kaede konnte es förmlich sehen, wie unangenehm es ihr gewesen war, dass Urion sie so angefahren hatte und wie schlecht sie sich nun fühlte. Sie saß mit einigem Abstand zu ihnen beiden und Kaede brummelte einige nicht sehr freundlichen Worte zu Urion. Sie konnte seinen Ärger nachvollziehen und trotzdem fand sie nicht, dass er richtig gehandelt hatte. Nun konnte er sehen, was er angerichtet hatte. Amáya belustigte sich und Kylia war zwar nicht mehr so panisch, dafür aber sehr betrübt. Nun lag es an ihr, die ganze Situation wenigstens noch halbwegs zu retten.
Doch dafür musste sich erstmal das ganze Rudel versammeln. Und das war einfacher gesagt, als getan.
Es durfte einfach nicht sein, dass man einen Befehl der Betafähe missachtete. Sie nutzte ihre Rolle nicht aus, gewiss nicht, sie schritt nur dann ein, wenn es wirklich sein musste. Vielleicht war sie immer zu locker gewesen und deshalb beachtete sie nun niemand.
Auch eben hatte sie freundlich gesprochen und es missfiel ihr, dass trotzdem nur so wenige Wölfe eingetrudelt waren. Also musste sie sich erneut melden, wie unangenehm! Bekam sie denn gar nichts auf die Reihe?
„Wölfe! Jetzt sofort am Rand des Sees! SOFORT!“
Laut bellte Kaede nach den anderen, nicht aggressiv, aber auch nicht mehr so freundlich wie zuvor. Es ging ihr gehörig gegen den Strich, dass niemand sie beachtete. Und nicht, weil sie gerne im Mittelpunkt stand. Sie verstand auch nicht, warum Face nicht da war und ihr half, aber mit ihm hatte sie, trotz des gemeinsamen Betaseins, nie viel zu tun gehabt. Eigentlich schade. Nachdem sie gerufen hatte und die Sorge an Banshee verdrängt hatte, versuchte sie sich an einem strahlenden Lächeln. Es funktionierte nicht sonderlich gut, aber immerhin sah es so aus, als ob nichts allzu schlimmes passiert war. Und genau das wollte sie ja auch vermitteln. Langsam blickte sie zu Kylia, sie wusste, dass gute Worte ihr nicht mehr so helfen konnten, eine Entschuldigung von Urion wäre wahrscheinlich wirkungsvoller, aber sie wollte ihn nun nicht darum bitten. Hatte ein wenig Angst davor, dass er sich noch nicht beruhigt hatte.
„Kylia, komm doch bitte näher. Du musst schließlich auch berichten, du bist schließlich eine Augenzeugin. Und sei nicht so beschämt und betrübt, Urion meinte es nicht so böse, wie es wahrscheinlich rüber kam.“
Mehr wollte sie dazu nicht sagen, nicht, dass Urion wütend wurde, weil sie ihn wie eine Witzfigur stehen ließ. Was sie ja gar nicht wollte, sie wollte sich nur für ihn entschuldigen. Den Rüden den sie liebte ein wenig beschützen, obwohl er eigentlich nur sie beschützen wollte. Verzwickte Situation. Sie lächelte ihn an und stupste ihn abermals beruhigend und liebevoll an, ehe sie sich endlich Midnight zuwand.
„Entschuldige mich, dass ich dich so lange warten ließ. Eigentlich hatte ich gehofft, dass noch ein paar mehr Wölfe zu uns kommen würden, aber da dies anscheinend noch etwas dauert, werde ich dir schon mal kurz schildern worum es geht. Trotzdem möchte ich dich bitten auch danach noch bei uns zu verweilen, damit du den Rest auch noch erfährst.
Kylia“
Sie nickte knapp zu der Fähe abseits von ihnen.
„Kylia ist durch unser Revier gestrichen, als sie etwas merkwürdiges beobachtet hat. Es war, wie soll ich es sagen, nichts. Wenn du die Augen schließt siehst du nichts. Erst denkst du vielleicht, natürlich, Schwärze, aber letztendlich ist es nichts. Aber natürlich nimmst du alles um dich herum noch genauso wahr, als wenn du die Augen offen hättest. Du fühlst die Dinge. Nun ja, das was sie gesehen hat, oder eben auch nicht, war anders. Ein nichts, wo du nicht mal etwas spürst. Es ist einfach da und…“
Sie stockte. Ihr fehlten die Worte, wie sollte man ein ‚nichts’ auch knapp erläutern. Überlegend schnippte sie mit den Ohren hin und her und wiegte ihren Kopf leicht.
„Es verschluckt die Dinge, die ihm zu nahe kommen, sie verschwinden einfach und du spürst sie dort auch nicht mehr. Es ist schwer, zu schwer es zu erklären. Warten wir auf die anderen, dann versuche ich es mit Kylias Hilfe erneut zu schildern“
Sie lächelte aufmunternd in ihre kleine Runde. Ihr Blick wollte sagen ‚Keine Panik, es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört’. Aber eigentlich konnte sie das gar nicht sagen. Sie wussten ja einfach nichts darüber. Gar nichts über das nichts. Verzwickt.
Nienna wendete ihren Kopf erneut nach unten, sodass ihre Nasenspitze wieder das Wasser des Sees berührte. Erschrocken schüttelte sie den Kopf hob ihn wieder an, blickte in den Himmel und schon stand sie mit einem elegantem Satz da. Ja Nienna war da und bereit weiter zu Leben. Oft hatte sie schon auf ihrer Reiße gehört, dass das Leben weiter geht aber niemals konnte sie vergessen warum alles war und wieso und was überhaupt war. Sie schluckte sich, räusperte sich und drehte sich auf der Stelle um ihren eigenen Körper herum, sodass sie nun in die entgegengesetzte Richtung schaute. Kurz senkte sie den Kopf, sodass sie den Boden ganz leicht berührte. Als ein frischer Windstoß heran kam konnte sie nur anfangen ihre Lefzen zu einem Lächeln nach oben zu ziehen. Es war nicht schwer zu Lächeln wenn sie die Fährte von Ilias vernahm. Nein das war es wirklich nicht. Lächelnd nahm sie ihren Kopf wieder nach oben, scharrte mit ihrer rechten Pfote leicht einige Blätter zur Seite und beobachtete das Muster, das sie hinterlassen hatte. Dann nahm sie für einen kurzen Moment einen großen Ast zwischen ihr Maul, doch dieser zerbrach nur Morsch. Erschrocken lies sie ihn wieder fallen. Nein so würden Knochen niemals brechen. Wider erschrocken über sich selbst fing sie nun ganz langsam an zu traben, Ilias‘ Fährte hinterher.
o.O(..Ich muss es ihm sagen..)
Dachte sie schließlich. Ja nun hatte Nienna vor ihm wirklich bald zu sagen welche Gefühle sie wirklich hatte. Vorerst sollte Die Schwarze aber heraus finden wer sie wirklich selbst ist, ehe es zu spät ist. Ein Gespräch mit Kaede..? Sie schmunzelte kurz und ihr Trab wurde immer schneller. Der Geruch wurde immer deutlicher und dann sah sie den Rüden. Einige Meter von ihm entfernt blieb sie stehen, hob ihren Kopf aufmerksam in die Luft und blickte zu ihm, wie er sich ganz langsam bewegte. Nun rutschte ihr Herz fast weg. Sie atmete tief ein und senkte ihren Kopf. Dort amtete sie nun auch wieder aus ehe sie ihren Kopf erneut hob und ihre Ohren aufmerksam nach vorne drehte.
„Ilias..!“
Rief Nienna total begeistert fast wie ein kleiner Kindskopf., wobei sie auch wirklich nur Blödsinn im Kopf hatte. Eigentlich wollte Nienna nun auf ihn zu gehen doch dann hörte sie erneut Rufe des Rudels. Sie zuckte sichtbar zusammen, als sie kurz darauf dann noch Kaede hörte. Vor allem bei Kaede fühlt sich die Schwarze verpflichtet zu hören.
„Ilias ! Fang mich doch..!“
Rief sie erneut und ihr Lächeln wurde immer deutlicher. Dann trabte sie wirklich auf ihn zu, streifte kurz mit ihrer Nasenspitze durch sein Fell und dann fing sie an. Sie fing an zu rennen und wenn Nienna erst einmal dabei ist, würde sie so schnell nicht wieder aufhören. Das war sicher.
Ihr Lachen drohte ihr in ihrer Brust zu ersticken, die kalte Fassade zu bröckeln. Sie wollte das alles nicht hören! Die Krallen gruben sich hart in den Boden, als wollte sie Halt suchen. Sie durfte nicht die Beherrschung verlieren, sie durfte nicht... Es brodelte in ihrem Körper, das Feuer brannte und verteilte das Gift in ihr. Das Gift ihres eigenen Hasses. Die Lefzen zuckten, die Lieder waren fest zusammen gekniffen, als hätte sie Schmerzen. Es schmerzte sie auch tatsächlich etwas, was sie niemals zugeben würde. Sie wollte Daylight nicht so sehen. Sie wollte nicht hören, nicht wissen, dass ihre Schwester litt. Und das nur wegen ihr. Aber es war zu spät um umzukehren, zu spät um zurück zu gehen. Sie hatte keine Chance. Sie drehte sich nicht um, als sie ruhig die Worte an Daylight richtete.
„Es ist zu spät. Ich habe Zack getötet und ich könnte noch weiter morden, wenn ich wollte. Deine Schwester gibt es nicht mehr, Daylight. Es ist besser, wenn du sie vergisst.“
.oO(Schwester!)
Die Aufschrei des kleinen Teils, des Seelenstücks, welcher bereute, ignorierte sie. Ihr Augen waren nun wieder offen und lagen auf Jakash. Was sollte sie nun mit dem Jungrüden machen? Als sie seine gespaltene Auffassung spürte und die verspannten Muskeln sah, huschte ein kurzes Schmunzeln über ihr Gesicht.
„Keine Bange. Mir ist nicht danach alles und jeden zu zerfleischen.“
, raunte sie ihm leise zu und schenkte ihm einen Blick, der dies bestätigte. Eine Sekunde später ruckte der fein geschnittene Kopf Amáyas wieder in die Höhe. Ein Fremder war im Anmarsch. Die Nackenhaare stellten sich warnend auf und die regenblauen Augen waren zu Schlitzen zusammen gekniffen. Als kurz darauf auch schon ein fremder Rüde auftauchte und sie alle schier selig anzustrahlen schein, hätte sie ihm am liebsten sofort auf die Pfoten gekotzt. Noch jemand aus dieser Plüschi-ich-kuschel-und-liebe-alles Idylle? Genervt rollte Amáya die Augen und zog wieder die Lefzen ein wenig zurück.
„Und wie du störst. Verpiss dich dahin, wo du herkommst. Damit wäre uns schon geholfen, danke.“
Kurz nachdem er die ersten Stimmen vernahm, klarte sich dann auch endlich sein ohnehin schon trüber Blick. Melancholisch blicken die dunkelblauen, leicht grünstichigen Augen des Rüden in Richtung der anderen. Nur Sillouhetten konnte er erkennen, bis...
Ja, bis er Nienna entdecken konnte. Da sie in seine Richtung lief, nahm Ilias an, sie war ohnehin auf dem Weg zu ihm. Dann blieb sie stehen, während sich Ilias ihr langsam näherte. Sie rief ihn, und darüber war Ilias erstaunt gewesen, wirkte sie doch sonst immer sehr schüchtern, zeigte sie ihm nun eindeutig, wie erfreut sie war, ihn zu sehen. Auch Ilias freute sich sehr über das "Wilkommen", vorallem nachdem er solange alleine war. Das Nienna die erste war, die ihn sah und sich auch noch freute ihn zu sehen, konnte kein Zufall sein. Auch er lächelte sie an, ein wenig schüchtern und auch ein wenig verschmitzt. Er bemerkte schnell, dass sein Puls deutlich schneller war als zuvor, sodass er sich endlich wieder lebendig fühlte. Als dann Kaede rief, wusste scheinbar nicht nur Ilias, wie wichtig es war, schnell zu dem Rest zu kommen. Der letzte wollte er auch nicht sein. In dem Moment lief Nienna auf ihn zu und fuhr ihm durch das Fell.
o0 Wow, was für ein wunderbares Gefühl 0o
Doch schnell lief die Fähe davon, hatte sie ihn doch zuvor aufgefordert sie zu fangen. Schnell sprintete Ilias ihr hinterher, wollte sie einholen, ihr ein genauso süßes Hallo sagen, wie sie es ihm gegeben hatte.
"Wow, du bist schnell"
rief Ilias ihr hinterher, holte aber langsam auf, was unter anderem daran lag, dass er wohl größer war.
o0 Wie schön sie doch ist... Wie schön meine süße Nienna ist. Es ist eine Schande, was ich ihr angetan habe, und ich werde mich mehr als nur Entschuldigen, denn das hat sie mit Sicherheit verdient0o
Fast hatte er Nienna erreicht, als sie an dem Rudelplatz angekommen waren.
Gani lachte und die Situation entspannte sich. Viel mehr als das, es entstand eine seltsame Verbindung zwischen den zwei gar nicht mal so unterschiedlichen Wölfen. Der Schwarze gewann Gefallen an ihr und musste sogar in ihr Lachen mit einstimmen. Nicht gerade geübt, aber schon erkennbar. Die Beiden trabten Richtung Rudelplatz und Aryan schwieg unterdessen. Den Blick ab und an zu der Grauen werfend; um sich zu vergewissern, dass sie nicht noch einmal jemanden so herzlich zu begrüßen versuchte. Ein wandelndes Bild entstand und fast vergaß er, dass sie ihn wirklich umbringen wollte. Erst als sie fast die Anderen am See erreicht hatten, erhob er noch einmal die Stimme:
“Ein ‚Hallo’ mag förmlich klingen, erbringt aber unter Umständen Freunde. Vor allem jetzt scheint es besser zu sein, dass man sich etwas zusammenreißt. Einige Fähen sind trächtig; und damit ist nicht gut Hase essen. Zudem liegt irgendetwas Komisches in der Luft. Keine Ahnung was anliegt und warum alle zum See gerufen wurden.“
Ein leichtes Lächeln zierte seine Lefzen, ein aufmunterndes. Vielleicht mochte sie die Gesellschaft nicht so gern und blieb lieber für sich. Er konnte es eigentlich gut verstehen, er war nicht anders.
“Dort, die blinde Wölfin, Kaede. Sie ist Betawölfin, eine sehr kluge und freundliche. Wende Dich an sie. Ich komme später nach, muss noch etwas erledigen“,
ein leichtes Seufzen und er wandte sich um. Ein ungutes Gefühl überkam ihn, nicht wegen Gani; sie würde sich durchbeißen- im wahrsten Sinne des Wortes; viel mehr war es wegen der seltsamen Situation und den immer wieder auffordernden Rufen. Zwar konnte er Cyriell in Sicherheit wissen, aber immer noch war Daylight nicht zu sehen.
“Mach keinen Unsinn“,
er zwinkerte ihr noch kurz zu und trabte in Richtung Wald und zu seinem eigentlichen Ziel. Er hatte völlig vergessen, warum er eigentlich nicht gleich zum Rudelplatz gewandert war. Daylight, sie war sicherlich noch immer etwas aufgeregt über das Erscheinen Akrus und dem vielen Blut an seinem Fell. Sie muss unbedingt Gani kennen lernen: die ist genauso, dachte er innerlich und lachte leise. Erst als er durch die Bäume hindurch das weiße Fell seiner Gefährtin schimmern sah, wog er sich in Erleichterung. Sie war nicht allein. An ihrer Seite waren Jakash und die überaus seltsame Amáya, und einen Wolf, den er nicht kannte.
“Ihr sitzt nicht auf den Ohren, dann habt ihr die Warnung wohl vernommen, also-“,
rief er ihnen entgegen, doch als er den Blick und die Haltung der Weißen richtig erkennen konnte, schlich sich ein hitziges Gefühl in seine Brust. Er blieb in einer Wolfslänge stehen und musterte die Anderen. Nur langsam nährte er sich und stellte sich schließlich neben Daylight, nickte kurz zur Begrüßung in die Runde.
Die Zeit hatte sich schier ins Unendliche gedehnt, während die Luft vor Spannung fast geknistert hatte. Solange, bis Tyraleen und Averic schließlich gingen. Beide hatten sie noch Worte für ihn auf den Lefzen, aber nur die des schwarzen Rüden berührten ihn. 'Ich werde Vater', hatte er gesagt. Und doch war da kein Verständnis für Akrus Situation gewesen, kein Funke Mitgefühl, den Aszrem an Averic hatte entdecken können. Daher war es kein Mitgefühl oder dergleichen, das das Eingeständnis der Vaterschaft in Aszrem hervorrief, sondern nur noch mehr Missfallen und Ärger für das Verhalten des Schwarzen. Er verstand es einfach nicht. Aber genau das war das Problem, wenn man es denn als solches Bezeichnen wollte: Aszrems Götter waren andere, auch wenn er die hiesigen akzeptierte und an sie und ihren Einfluss auf diese Wölfe glaubte.
Auch Isis folgte anderen Göttern. Die braune Fähe kehrte zu ihnen zurück, kurz nachdem Averic und Tyraleen gegangen waren. Sie schwor dem Grauen etwas, das Aszrem ebenfalls nicht so richtig verstand, dazu war ihm ihre Götterlehre zu fremd. Aber es schien eine Art Segen zu sein, und er brachte Akru Trost. Aszrem schwieg und beobachtete. Wieder. Er hatte das Gefühl, dass sine Rolle in diesem Drama vorerst vorbei war, und er nun wieder in die Rolle des nüchternen Beobachters zurückkehrte. Er empfand das nicht als schlimm, im Gegenteil konnte er nun selbst wieder zur Ruhe kommen, innerlich. Isis ging, Daylight ging, und Akru entschloss sich ebenso dazu. Aszrem lächelte und nickte dem Grauen zu, sah ihm dann nach, als er zwischen den Bäumen verschwand. Der Schwarzbraune blieb allein zurück. Aszrem wandte sich zum See um und blieb ein paar Momente einfach nur stehen und betrachtete das Wasser. Über ihm war die Luft erfüllt von Rufen, manche wütend, manche beschwichtigend aber drängend. Es war auch für ihn Zeit, zum Rudelplatz zurück zu kehren. Lieber wäre er ja zu Nyota gegangen, und sei es nur, um still abseits zu sitzen und darauf aufzupassen, dass ihr nichts passierte. Er entschied sich dennoch dagegen. Die Zeit würde kommen, da er wieder bei ihr sein konnte. Jetzt nicht. Bald.
Aszrem erhob sich und wollte zum Rudelplatz laufen, als er sich daran erinnerte, noch einen anderen, fremden Ruf gehört zu haben. Kurz zögerte er. Es hatte keine Antwort gegeben. Vielleicht war der Fremde noch da, und dann sollte sich jemand endlich um ihn kümmern. Wenn er sich beeilte... Der schwarzbraune Rüde lief los. Er wusste nur noch ungefähr, woher der Ruf gekommen war. So musste er noch eine Weile suchen, nachdem er endlich die Reviergrenze erreicht hatte. Doch dann fand er den Fremden: ein Rüde, groß und kräftig, aber nicht mehr der jüngste. Aszrem war der lange, schnelle Lauf noch anzusehen, als er auf den Fremden zutrat.
"Verzeih, dass dir erst jetzt Antwort zuteil wird. Das Rudel ist in Aufruhr, und ich fürchte, dein Ruf ist untergegangen. Aber vielleicht kann ich dir weiterhelfen? Mein Name ist Aszrem...",
grüßte er den Fremden. Ihm fielen die unterschiedlichen Farben der Augen auf - soetwas hatte er schon gesehen, aber nicht in dieser Farbkombination...
Aufmerksam lauschte der Graue den Worten der Jungwölfin. Diesmal waren sie nicht voller Zorn und Wut. Es war wie eine sachliche Gegebenheit mit eigener Verbindung, so auch hatte sie sich nicht umgedreht oder war erstaunt über sein Erscheinen. Sicherlich hatte Tyraleen ihn nicht erwartet, aber gewusst, dass er kommen würde. Sie war stehen geblieben, ihren Blick wandte sich nicht von ihm.
Die Stille wurde weicher. Die Kälte umhüllte und schnitt sie von einer ganz anderen Welt ab. Wo waren sie? Nachdem er seinen Segen über sie gesprochen hatte und sie ein Stück mit in seine Zeit nahm, bekam er das Gefühl, dass nicht er die Situation kontrollierte, sondern sie es war, die den Takt der Zeit angab. Unheimlich fand er es ist nicht, hatte er sich schon gedacht, dass es nicht so leicht war- so leicht wie bei Anderen? Aber zunehmend wurde ihm klar, was die Weiße so rasend gemacht hatte. Klar, auch schon vorher hatte er diese Gedanken gehabt, aber nicht mit einer Intensität dieser Gefühle. Er wusste, was passieren würde und er war diesen Weg gegangen, es gab keinen Weg zurück.
“Deine Mutter liebt Acollon, nicht mich. Sie hat mich nie geliebt und wird es bis zu ihrem Ende hin nicht tun, ich war nur die Stütze, die sie in schwachen Momenten gebraucht hatte. Und ich war es, der sie ausnutzte, nicht in böser Absicht sondern in Zuneigung. Gebe nicht Deiner Mutter die Schuld, sie ist nur sehr einsam obwohl immer jemand bei ihr ist. Sie vermisst Deinen Vater mehr, als man ihr ansieht, als man zu vermuten mag. Sowie Du Averic liebst“,
auch er hatte seinen Blick nicht abgewandt, hielt die strahlenden blauen Augen auf sie gerichtet. Seine letzten Worte beinhalteten keine Frage, er wusste es nun. Der schwarze Rüde hatte es deutlich gesagt. Und auch Tyraleens Blick sprach für sich. Kurz schloss er die Augen.
Ich gehe diesen Weg schon zu lang, wollte meinen Weg nach Hause finden, mein altes Ich ist tot. Es ist weit fort, gegangen, reumütig klangen diese Gedanken in ihm. Er wollte sie nicht hassen sehen.
“Verzeih, ich wollte Dir damit nur das Verständnis für Deine Mutter entlocken, aber es ist besser die Wahrheit zu sagen. Und Deine Enttäuschung und Wut ist das beste Mittel. Aber ich bitte Dich, verschone Deine Mutter und lasse all Deine Verzweiflung an mir aus. Banshee braucht Dich jetzt mehr als sonst“,
endlich öffnete er seine Augen und eine deutliche Bitte lag in ihnen. Er verschwieg, was er wusste. Es würde nichts ändern, wenn er ihr sagte, was er sah. Akru wollte nur, dass sie es im Nachhinein nicht bereute. Das geschundene Gesicht schimmerte im spiegelnden Glanz des Schnees. Trotz seiner Jahre, sah er kein Deut älter aus als mancher Jungwolf. Nur die Narben zeugten von einem langen Leben und von unzähligen Auseinandersetzungen. Wenn er könnte, würde er Banshee einige Jahre seines Lebens schenken.
Iori seufzte, die Zeit die er hier mit warten verbrachte kam ihm endlos vor, aber vtll berieten sie sich nur ob sie ihn reinlassen sollten oder nicht. er könnte es ihnen nicht verübeln wenn sie ihn abweisen würden. Er seufzte gedehnt, nachdem er geendet hatte und ließ sich in den Schnee sinken. Aber lange konnte er auch nicht liegenbleiben denn eine Unruhe hatte ihn gepackt. Etwas an diesem Ort erinnerte ihn an vergangene Zeiten, als wäre auch hier der Tod nicht fern. Warum konnte ihn der Tod nicht endlich in Ruhe lassen? Warum durfte er seine Letzten Jahre nicht ohne Leid und Kummer verbringen? Holte ihn die Vergangenheit etwa wieder ein? Er hob den Blick, spähte durch die Bäume in den Wald, als ein schwarzer Rüde auftauchte.
"Ich grüße dich Aszrem"
Erwiderte er als der schwarze geendet hatte und trat einen Schritt zurück. In Aufruhr? War es das gewesen was ihn selbst so aufgeschreckt hatte? Er bließ Atem durch die Nase aus und spitzte die Ohren.
"Ich hoffe ich störe nicht, denn sollte es so sein, werde ich umdrehen und weiterziehen....."
Er wollte dem Rudel keineswegs zur Last fallen oder sie bedrängen. Auch wollte er nicht unbedingt in eine Katastrophe mit reingezogen werden.
"Was ist denn geschehen? Falls es okay ist zu fragen"
Höflich senkte er den Blick, darauf bedacht, dem anderen nicht zu nahe zu treten oder ihn zu verärgern auch wenn der schwarze kaum eine Chance hätte wenn es zu einem Kampf kommen würde.
Ein Heulen von der Mörderin erklang in den Ohren. Es machte Isis sehr traurig wie man so werden konnte. Amáya sollte lieber glücklich darüber sein, dass sie nicht verstoßen wurde, aber vielleicht machte es sie ja grade unglücklich hier zu sein… Im Augenwinkel erblickte Isis den Neuen mit Cuma, die scheinbar von einem Spaziergang zurück gekehrt waren. Die Schwinge des Osiris trabte Akru entschied sich noch mal mit Tyraleen zu reden und es erfüllte Isis mit unendlichen Stolz und großer Freude, auch wenn sie hoffte, dass Averic nicht mal in der Nähe war. Immerhin tat sie einen Schwur, den sie einzulösen hatte, wenn es soweit war und ja, sie würde es spüren, wenn Akru angegriffen wurde und sie würde ebenfalls bluten, wenn ihr Bruder es tat.
Isis blickte auf ihre Pfoten, als ein weiteres Mal ein Ruf erscholl. Urion rief, mehr oder weniger freundlich, noch mals das Rudel zusammen. Selbst Drohungen schien dieser emotionale Rüde nicht zu scheuen. Ob Aszrem und Daylight mitkommen würden, jedoch beantwortete sich diese Frage ebenfalls von selbst, als die weiße Fähe an ihr vorbei schritt in den Wald hinein. Und Aszrem? Isis ließ ihre Augen auf dem Gefährten von Nyota ruhen. Er war derjenige, der Akru von Anfang an verstand und somit auch den unkontrollierten Hass von Banshees Kindern auf sich zog. Wieder ein leises Seufzen, dann drehte sich die Wüstenwölfin wieder um und kehrte auf den Rudelplatz zurück. Dort war auch nichts mehr so wie vorher. Eigentlich befanden sich kaum noch Wölfe auf dem Platz. Isis blieb im Schnee stehen, ließ den Blick schweifen. Wieder ein Seufzen. Irgendwie schien zurzeit alles schwerer als sonst.
“Hallo Rouku, hallo Cuma, bleibt ihr jetzt hier? Wisst ihr, irgendwie ist das Rudel komisch in der letzten Zeit. Ich finde, dass alles drunter und drüber geht.“
Ein leises Winseln verließ die kleine Fähe, während sie sich in den Schnee setzte. Er war immer noch zu kalt, aber sie hatte sich daran gewöhnt. Musste man auch. Wieder ließ Isis den Blick schweifen. Ah, da waren noch Kylia und Amiyo. Urion und die Fähe sollten mal so langsam mit der Sprache heraus rücken, aber wie, wenn das Rudel eh machte was es wollte? Es war nicht einfach… überhaupt nicht. Isis Blick blieb schließlich bei Rouku hängen. Von der Größe hätte er wirklich ein Wüstenwolf sein können. Ein ehrliches Lächeln nistete sich in den schönen Augen ein.
“Hat dir Cuma schon ein bisschen vom Revier zeigen können? Ich denke es ist ganz gut, wenn wir dich mal einer Beta vorstellen. Ich hab sie mit ihrem Gefährten am See gesehen. Nicht, dass du dann als Eindringling zählst. Erschrick dich aber nicht, Kaede ist blind, aber Mitleid braucht sie keinen, denn sie kommt zurecht wie du und ich.“
Wieder ein schönes Lächeln an Rouku, dann ein fragender Blick zu Cuma, ob sie mitkommen möchte. Blöde Fragen, sicherlich würde sie bestimmt gerne mitkommen, denn immerhin verstanden sie die beiden Fähen und einen Grund irgendeine Abneigung gegeneinander zu hegen gab es auch nicht…
Urion saß hechelnd am See, während Kaede auf ihn einredete, während Midnight eine Erklärung verlangte und während er, während er, während…ja, was eigentlich?
Urion hätte rasend werden können. Sie hatten ja nicht die Bedrohung gesehen, nicht den Tannenzapfen, der einfach mal verschwand. Ha, sie hatten nicht mal den Funken einer Ahnung und wüssten sie es, dann würden sie ihn wenigstens verstehen. Urion schnaubte und drehte sich von Kaede und Midnight ab, ließ sich in den Schnee fallen und legte die Schnauze in das Wasser. Es war stockend kalt, aber dem grauen Nordwolf machte es nichts aus. Oh, wie sich sein Leben mit Zacks tot in diesem Rudel geändert hatte. Urion schloss langsam die Augen, blubberte etwas im Wasser herum, als ein leises Kichern in seinem Kopf erklang. Der Graue ließ den Fluch gewähren, Kontrolle war das, was er mittlerweile gelernt hatte, aber nur über seine Besessenheit. Dass ihm diese auch demnächst verloren gehen würde, ahnte er hier und jetzt überhaupt nicht. Urion spürte, dass er nicht mehr der Jüngste war, er spürte nur noch das Alter. Vielleicht war es auch bald mit ihm vorbei und Fenris würden ihn zu sich nehmen. Welch Gedanke.
“Huhu Urion, wie geht’s dir so? Hach, ärger dich nicht über die Idioten da draußen. Du, du mein Liebster, hast doch eine Geheimwaffe, oder nicht? Du hast mich…ich bin dein Joker, wenn dir einer blöd kommt, häh?“
“Ach du, wie stellst du dir das vor, hm? Soll ich jetzt jeden, der mit blöd kommt, zerfleischen?“
“ Ja, du weißt genau, dass mir diese Lösung am besten gefallen würde. Aber nein, dies geht natürlich nicht.“
Für Kaede und Midnight, Kyilia und die Anderen musste es so aussehen, als würde Urion Selbstgespräche führen, aber waren es nicht auch solche? Redete er nicht mit sich, mit seinem Inneren?
Der Graue hörte es eher in sich laut Knacken, bevor die Antwort von Amáya an seine Ohren drang. Die Antwort von diesem Mistvieh, von dieser Mörderin. Wie? Wie konnte es sie wagen ihn zu beleidigen? Ihn, den Mächtigen. Es ging zu schnell, da wurde das Fell schon dunkler, da floss das Blut an seinen Pfoten entlang, da färbten sich seine Augen rot, die Grimasse entglitt vollständig. Ein Zucken in den Läufen, dann stand der Verfluchte vor Kaede, vor Midnight. Geifernd rann ihm das Blut aus den Lefzen. Urion legte den Kopf in den Nacken, während sein Herz wie wahnsinnig gegen seine Brust hämmerte, immer stärker, immer schneller, als wolle es aus diesem Körper flüchten. Ein schallendes Lachen, welches Amáya galt verließ die dunklen Lefzen. Es nahm schon bald einen wahnsinnigen Ton an bis es in ein aberwitziges Kichern floss.
“Hihihi, Amáya-Schätzchen, du beliebtest doch eben zu Scherzen, nicht wahr mein kleines unschuldiges Schaf? Scherzkeks! Pah, du würdest keinen guten Clown abgeben, bah! Schlecht wärst du, schlecht, wäh! Über dich kann man nicht lachen, pah! Nicht lachen. Aber ich, ja, ich kann dir was erzählen, jaaah, kann ich! Ich! Ich, ja ich, sage dir, wenn du mich endlich zum Schweigen bringen möchtest, dann komm doch her zu mir, jahh, putt, putt, putt! Amáya, liebe Amáya, ich will dein Blut sehen, wah! Schmecken will ich es, ja! Und, weil du meintest, dass ich nicht gut erzogen sei, dann lass mich das Gegenteil beweisen. Ich kündige dir an, dass du sterben wirst. Bin ich nicht unglaublich freundlich zu dir?“
Er senkte wieder den Kopf. Seine Zunge fuhr immer wieder über seine Lefzen, den Kopf leicht geneigt, die Augen weit aufgerissen auf Midnight und Kaede gerichtet. Sie hatte ihn noch nie so verflucht erlebt und er wahrscheinlich noch nie. Urion Stimme war anders… es war nicht mehr Urion, der bei ihnen stand. Es war nur sein Körper aus dem Blut rann.
“Ihr entschuldigt mich…“
Urion machte sich auf den Weg zum Wald. Missachtet die Rufe von Kaede, missachtete das Chaos, welches um ihm herum ausbrach.
Was auch immer jetzt geschah, es war vollkommen gleichgültig. Gleichgültig für Daylight. Gleichgültig für ihre Welt. Denn ohne Amáya existierte diese Welt einfach nicht mehr länger, zumindest nicht so, wie sie existieren sollte.
„Du-du... hast Z-Zack...“
Weiter kam sie nicht, aber sie hätte auch nicht weiter gesprochen, wäre der fremde Wolf nicht zu ihnen gestoßen. Denn es auszusprechen würde es endgültig machen. Es würde bedeuten, dass Daylight es glaubte, Daylight selbst würde den Worten Wirklichkeit geben und das wollte sie nicht. Amáya war keine Mörderin, ihre Schwester war keine Mörderin. Und wer immer dieser Wolf war, ihre Schwester war es nicht. Amáya war ganz anders, Amáya war anders. Amáya hätte ihr verziehen.
{Oh, Amáya, wo bist du nur... Amáya... meine Schwester...}
Ein hoffnungsloses Seufzen entfuhr den dunklen Lefzen, ehe sie ihr Blick mühsam auf dem Fremden fokussierte. Sie sollte ihm zumindest 'Hallo' sagen. Das war das mindeste. Schließlich war es nicht seine Schuld, dass ihre Schwester sie hasste. Ein flüchtiges, bitteres Lächeln huschte über das weiße Gesicht, ein zaghafter Rutenschlenker, ein warmer Blick. Zu mehr war sie nicht im Stande, nicht jetzt, nur noch ein paar Worte, bedeutungslose Worte.
„Hallo Yerik. Mein Name ist Daylight, das ist Amáya....“, ihr Blick huschte zu Amáya hinüber, dann zu Jakash. „... und dies ist Jakash...“
Mehr nicht. Yerik konnte ihr nicht helfen, niemand konnte das. Die Welt begann sich zu drehen, schnell, schneller, noch schneller. Daylight spürte, wie ihre Läufe nachgaben und sie dann doch trugen. Da war Aryan, ihr Aryan. Und auch er konnte ihr nicht helfen, aber immerhin bot er ihr Halt. Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich einen kurzen Moment an ihn, einen Herzschlag lang, ohne ihn anzuschauen. Irgendwas musste sie tun, irgendwo musste sie Amáya finden, irgendwo tief in ihrem Herzen gab es die echte Amáya noch. Irgendwo in ihrem Herzen gab es ihre Amáya noch. Irgendwo. Sie ließ den Blick wieder zu der schwarzen Fähe wandern, die einst ihre Schwester gewesen war.
„Aryan...“, es war nicht mehr als ein Flüstern, gerade laut genug, dass er es hören konnte. „... was auch immer jetzt geschieht. Tu ihr nichts, bitte.“
Sie wusste nicht was jetzt geschah, aber ihr fiel einfach nichts besseres ein. Es musste einen Weg geben Amáya zurück zu bekommen. Irgendwie. Mit raschen, flinken Schritten überwand die Weiße die Distanz zwischen ihr und der Schwarzen, es war ihr als durchquerte sie Welten, ehe sie das Gesicht im schwarzen Pelz ihrer Schwester vergrub.
„Amáya.“
Keine Tränen mehr.
„Ich gebe dich nicht auf. Irgendwo dort drin.“, die Weiße hob den Kopf, begegnete den mitternachtsblauen Augen und berührte sachte mit der Schnauze Amáyas Brust. „... gibt es die echte Amáya noch. Bitte gib ihr und mir noch eine Chance.“
Ruhig lag ihr Blick in den Augen ihrer Schwester, sie rührte sich nicht. Zitterte nicht. Stand ganz still. Würde Amáya sie nun in Stücke reißen, weil sie sie berührt hatte? Würde sie sie vielleicht sogar töten...? Es war gleichgültig. Diesen eine Moment, diesen Augenblick war es gleichgültig. Amáya würde das nicht tun. Die echte, wirkliche Amáya würde das nie und nimmer zulassen. In diesem Moment vertraute Daylight darauf, dass es so war. Und wenn nicht...? Ein 'wenn nicht' gab es nicht.
Rouku hatte Cuma aufmerksam zugehört, still und leise und viel zu tief in den Gedanken versunken bekam er gar nicht mit, das sie wieder zurück gingen. Vielleicht hätte er doch nicht fragen sollen? Der kurze traurige Blick der Fähe hatte ihn verwirrt. Es wurde bereits kalt und Rouku frierte etwas, obwohl sein Fell ihn sonst immer warm hielt. Schließlich kam er wieder aus seinen Gedanken und bemerkte das sie wieder auf dem Platz standen wo der Braune dazu gestoßen war. Isis, trappte auf sie zu und erhob ihre Stimme. Ihr Satz verunsicherte den sonst so ruhigen Rüden noch mehr, ließ sich aber nichts anmerken als die Wüstenfähe den Blick schweifen ließ, als sie ihm in die Augen blickte hielt sein Blick den ihren Stand. Bei der Frage und beim Angebot wusste Rouku nickt was er sagen sollte, deshalb nickte er kurz auf die Frage und meinte schließlich zu dem Angebot.
„Führ mich bitte zu der Fähe Kaede. “
Seine Förmlichkeit in der Stimme war nicht zu überhören, das musste selbst Rouku eingestehen, doch was sollte er schon machen? Er war ein Fremder und immer noch nicht sicher ob er aufgenommen werden würde. Auch er warf Cuma einen fragenden Blick zu, ob er sie wirklich nicht verletzt hatte mit seiner übereilten Frage? Er schenkte den beiden Fähen ein freundliches Lächeln, das sonst immer nur seine Schwester zu Gesicht bekommen hatte, wenn sie einmal traurig war.
Heute schien man sie gegen ihren Willen in den Blickpunkt von... von was auch immer zu stellen. Es war ihr eigentlich scheiß egal, es nervte auf die Dauer nur kolossal. Konnte sich denn niemand vorstellen, wie sie sich gerade fühlte? Gerade einen netten Mord begangen, dem Rudel als Killer vorgestellt mit einem Babysitter an ihrer Seite, der sie inzwischen bereits vergessen hatte, sie willigte darauf ein, dass sie auf Jakash Acht gab – aus welchen Gründen auch immer – und jetzt reihte sich ein Wolf nach dem anderen bei ihr auf. Nicht genug damit, dass Urion ihr aus der Ferne schon ihre Grenzen ausreizte, nein, jetzt schien sie die neuste Attraktion dieses verkorksten Rudels zu sein und der Gedanke sich demnächst fürs Showstehen bezahlen zu lassen keimte in ihr auf. Leider konnte sich noch keine fähige Geschäftsidee entwickeln, da kreuzte auch schon der nächste Honk in ihren Reihen auf. Hörbar atmete Amáya tief durch, stieß zischend die Luft zwischen den noch immer leicht gebleckten Zähnen aus und funkelte grimmig zu Aryan, der sich zu ihrem gemütlichen Kaffeekränzchen hinzu gesellte. Als er den Ruf erwähnte, rollte die Dunkle noch ein Mal mit den Augen, dieses mal allerdings deutlicher als davor.
„Kaum hier und schon geht mir der nächste Idiot auf die Nerven.“
Die Stirn in Falten gelegt betrachtete sie den Rüden mit dem schwarzen Fell abschätzig.
„Aber ach: Da ich – wie du vielleicht sehen kannst, es sei denn du bist nicht nur blöde sondern auch blind – mich nicht vom Fleck rühre, könnte man ja meinen, ich sei an was auch immer, diesem ganzen Aufstand da, nicht interessiert.“
Theatralisch wedelte die schlanke Fähe mit der rechten Pfote, die blitzenden Augen immer noch auf den Rüden gerichtet, dem sie ebenfalls gerne an die Gurgel gegangen war. Eigentlich hatte sie nicht wirklich etwas gegen ihn, es war nur sein Pech, dass er ihr die Schwester genommen hatte. Ihr rationelles Denken schaltete sich wie so gerne aus und der Rest, getränkt von Hass und Aggressivität befand den Rüden für schuldig.
Allerdings war es plötzlich anders. Mit wenigen Schritten hatte Daylight die Distanz zwischen den beiden Fähen überbrückt und stand nun bei ihr, die Schnauze wie früher in ihrem Fell vergraben. Ein Grollen wollte in ihrer Kehle heran reifen, sie verscheuchen von diesem Wesen, welches sie geworden war. Aber es ging nicht. Sie brachte keinen Ton über die Lefzen. Mit leicht geweiteten Augen starrte sie auf die Weiße hinab, die nun ebenfalls ihren Blick suchte. Krampfhaft versuchte Amáya sich los zu reißen, kam aber von den warmen Augen ihrer Schwester nicht los. Das war es doch gewesen, was sie gewollt hatte, oder? Die Schnauze an ihrer Brust versetzte ihrem kalten, schwarzen Herzen einen heftigen Stich. Leicht bleckte sie die Zähne, aber es kam kein Knurren, keine weitere Drohgebärde. Schlicht eine Warnung.
„Geh zurück.“
.oO(Komm mir nicht zu nahe, Schwester. Ich bin ein Monster und ich weiß nicht, wozu ich fähig bin. Ich will dir nicht weh tun.)
„Geh... geh!“
Drängend schob sie die Weiße von sich, nicht wissend, was sie von dem ganzen halten sollte und wich selber noch ein Stück zurück. Ihr Innerstes war so gut wie tot, ausgetrocknet und so leblos wie eine einsame Wüste. Als ein Heulen, ihr nur zu bekanntes Heulen, durch die Luft erklang, stöhnte sie gereizt auf. Nicht der schon wieder! Seine Botschaft war allerdings so durchschlagskräftig, wie keine anderen Worte zuvor. Die Reaktion der Schwarzen demnach auch. Anstatt vielleicht vor Ehrfurcht oder was auch immer zu erstarren, hatte die Dunkle jegliche Beherrschung verloren und war in ein so heftiges Lachen verfallen, dass sie sich auf dem Boden wälzte, mit den Pfoten in der Luft herum ruderte und keuchend zwischendurch nach Luft schnappte. Als Mensch hätte sie Lachtränen in Form von Sturzbächen gehabt, die kein Damm dieser Welt mehr hätte stoppen und aufhalten konnte.
„Der macht mir Spaß!“
, keuchte sie zwischendurch und schnappte wieder nach Luft. Sie vermochte es nicht mit Worten zu beschreiben, aber diese Antwort war so lachhaft gewesen, dass sie sich kaum mehr beruhigen konnte. Immer wenn sie gerade die Beherrschung zurück zu gewinnen schien, platze der nächste Lachanfall aus ihr heraus und schüttelte sie, als hätte sie unkontrollierte Zuckungen.
„Ich kann nicht mehr!“
, stöhnte sie, während noch immer kein Ende der Lachsalven in Sicht war. Irgendwann drehte sich Amáya auf den Bauch, prustete und keuchte angestrengt, die Lefzen zu einem sehr breiten wölfischen Grinsen verzogen.
„Das war gut...“
, schnaufte sie und schüttelte leicht den Kopf. Es war ihr gleich, dass dieses Bild nun sehr seltsam aussehen musste. Sie konnte einfach nicht mehr vor lachen. Ihr Bauch schmerzte, alles hatte sich zusammen gezogen. Aber so heftig gelacht hatte sie noch nie in ihrem Leben. Ein berauschendes Gefühl. Dieses Hochgefühl verschwand auch nicht, als sie sich wieder auf die Läufe schwang und kurz angebunden zurück rief.
„Dann komm. Komm, wenn du dich traust du Möchtegern. Komm doch und hol mich!“
Urion beachtete die Rufe nicht, während sich seine Pranken weiter in den Schnee gruben und blutige Spuren hinterließen. Eigentlich war der Graue kein Kämpfer, der Fluch machte ihn erst dazu. Andere Wölfe waren dies eventuell schon von Anfang an. Nur stürmisch und ruppig wie die raue See war Urion, aber nun kochte die Wut in ihm. Das schallende Gelächter drang an seine Ohren. Das Gelächter dieser räudigen Fähe Amáya. Der Verfluchte blieb ruckartig stehen, ein dumpfes Grollen verließ seine Kehle, während die Augen unruhig den Wald absuchten. Sie musste irgendwo hier sein, irgendwo. Geifernd tropfte Blut aus dem Maul des Grauen, dann setzte er sich witternd wieder in Bewegung. Es mochte sein, dass diese Fähe alles unglaublich lustig fand, aber das machte den Fluch noch wütender, denn niemand durfte ihn beleidigen. Schließlich hallte ihr Ruf durch den Wald. Er war immer noch amüsierend, gar witzig diesmal. Urions Lefzen verzogen sich ruckartig zu einem leichten Lächeln. Vielleicht war sie doch eine wunderbare Witzfigur. Urion ließ sich nicht mehr beeindrucken von diesem Weib. Kurz blieb der dunkle Rüde stehen und legte abermals den Kopf in den Nacken und stieß ein lautes Heulen in den Wald:
"Ich bin unterwegs mein kranker Schatz."
Im lockeren Wolfstrab setzte sich Urion wieder in Bewegung, immer der Witterung von Amáya nach. Diese wurde allmählich stärker, schließlich mischten sich noch weitere Düfte mit ein, wie Aryan, Jakash, Daylight und Yerik. Von ihm aus konnten sie den Kampf mit ansehen, wenn sie nichts besseres zu tun hatten. Urion begann vor sich hin zu summen, senkte ab und an den Kopf um auf der Fährte zu bleiben. Seine Muskeln waren bis zum Zerreißen gespannt, arbeiteten und bereiteten sich doch auf den Kampf vor, während das Gesumme lauter wurde bis er hinter Amáya zum Stehen kam. Die Luft flimmerte um ihn herum, freudige Erwartung ihren Lebenssaft zu schmecken ließ ihn blutgeil werden. Sehr blutgeil. Die Anderen musste ihn sehen, hielten ihn vielleicht für einen Eindringling, weil sie zwischen den Duft der Verwesung und des Blutes vieler toter Wölfe nicht Urions Duft wittern konnten.
"Zwei, drei, vier, dein verfluchter Prinz ist hier. Tadaaaa!"
Groteskt wie der Tod selbst stand Urion vor der kleinen Gruppe. Mit aufgerissenen roten Augen, dem blutigen Maul und dem aufgerichteten Fell stand er alles andere als angriffsbereit da, stattdessen sah es aus, als würde er Amáya gleich schwanzwedelnd von oben bis unten abschlabbern. Bis er mit weit aufgerissenem Maul auf die Schwarze zu lief, völlig überraschend und die Kiefer vor ihr aufeinander krachen ließ. Ob er etwas erwischt hatte, konnte Urion nicht genau sagen. jedoch blieb er in Bissnähe stehen, weiterhin angriffsbereit und doch lächelnd. Dieser Kampf machte ihm bestimmt mehr Spaß, als Zack.
"Du bist ja doch wirklich lustig..."
04.01.2010, 22:27
Rakshee hatte freudig in die Runde gesehen, der sich auch Sheena und Shákru gleich anschlossen - aber kaum war sie gekommen, ging Midnight einfach weg. Verdutzt sah sie ihm nach, hörte Mamas Worte nur am Rande, und dann zog sich der Wolfsleib unter ihr plötzlich weg und...Mama ging weg. Rakshee stand nur halb aufrecht im Schnee, und um sie herum schien alles in Zeitlupe zu geschehen. Die ganze Zeit über schon waren die verschiedensten Rufe durch den Wald gehallt, mal freundlich und mal sorgenvoll, und dann kamen Urion und Kaede zum See, mit zwei anderen Wölfen, die Rakshee mühelos als Amiyo und Kylia ausmachte. Und die Welt zerbarst. Urion rief, schrie und heulte, rannte wie angestochen umher, dicht gefolgt von Kaede, die ihn zu beschwichtigen suchte und seinen Worten einen sanften, eigenen Nachdruck verlieh. Midnight ging, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und dann ging Mama. Rakshees Blick flog quälend langsam vom einen zum anderen Wolfsrücken, ohne zu begreifen sah sie zwei ihr wichtige Wölfe einfach so weggehen.
Rakshee hatte gesehen dass ein Fremder am See gelandet war, er stand bei Malicia und Cumara - bestimmt hatte ihn schon irgendwer willkommen geheißen. Aber was passierte hier? Nienna lief vom Rudelplatz weg, Mama war weggegangen, Shákru hatte sich in aller Seelenruhe hingelegt, Sheena sprach nicht und Jakash war nicht da. Um genau zu sein war niemand aus ihrer direkten Verwandschaft hier - wo blieben die denn alle? Und was sollte...Rakshee hörte mit Beunruhigung die bissigen Wortwechsel zwischen Urion und máya - und dann rannte der Rüde einfach weg! Eben noch hatte er jeden bedroht der nicht zum See kam, und jetzt lief er weg! Die waren doch alle völlig bescheuert...
'Und du bist allein'
klang es leise in ihr. Sie wollte instinktiv den Kopf schütteln, verwies sich selbst auf Sheena, auf Shákru, um das Rudel ringsum. Aber es war als breite sich nur ein kühles Lächeln in ihr aus, denn sie wusste ganz genau, dass es nicht diese Art von Alleinsein war die ihr wehtat. Wie auf Kommando waren Shani und Midnight gegangen als sie gekommen war. Als sie damals Sheena gefragt hatte, wieso sie so traurig guckte, und ob das an ihr läge, hatte die Fähe sie einfach ignoriert.
'Keine Antwort ist auch eine Antwort'
erklang wieder ihre eigene, zynische Stimme in ihr, und ohne dass ihre Gedanken etwas greifbares formen konnten, ohne dass sie realisierte was sie zu fühlen begann, perlte einsam eine Träne aus den goldenen Augen, während ihr Herz sich anfüllte mit der Angst und der Trauer, offensichtlich so unwichtig, so unangenehm zu sein. Der Trubel ringsum hatte sie nicht berührt, obwohl er sie so entsetzt hatte - jetzt warf sie noch einen kurzen, auffordenden Blick zu Sheena und dem Schwarzen, und trabte los, Mama gehorchend und Kaedes Bitte nachkommend, die von der Beta gerade etwas ungehaltener wiederholt wurde. Natürlich - wie konnten sie es alle wagen nicht längst am Rudelplatz zu sein? Seit dem ersten Ruf im Namen ihrer Tante war schon einige Zeit verstrichen... Unglücklich näherte sich die Braune der kleinen Versammlung, setzte sich möglichst weit weg von Midnight dazu, und hielt den Blick gesenkt, bemüht ihr Gefühl nicht soweit in sich zu lassen, dass es sich formieren konnte. Aber es war längst zu spät.
Jakash war nicht da. Sharíku war nicht da. Ahkuna war nicht da. Kursaí war nicht da. Shani war gegangen. Und Hiryoga...ihr Vater...er war so lange schon einfach weg geblieben, Mama hatte ihr nie eine Antwort gegeben, wenn sie gefragt hatte wann er wiederkäme... Und sie, sie war so allein in sich, während ihr einer Pate sich abwand sobald sie kam und der zweite nicht da war, offensichtlich ebenso mit den Befehlen der Rudelobersten hadernd wie all die anderen. Zum ersten Mal fragte sie sich ernsthaft, warum sie zwei Paten hatte. War es nicht, wie sie immer vorausgesetzt hatte, damit sie besser auf sie aufpassen konnten? Damit immer jemand für sie da sein konnte? Sondern damit nicht einer von Beiden sie immer ertragen musste, damit sie sich abwechseln konnten? War Shani deshalb wieder oft so traurig, war Papa deswegen gegangen? Ihretwegen, weil sie so lästig war? Weitere Tränen bildeten sich in ihren Augen, immer weiter wegrutschend von der Versammlung am See zog sie die Läufe enger an sich, legte die Rute dicht zu sich, und hielt den Blick so gesenkt wie ihr irgend möglich war. So würde niemand ihr Tränen sehen, so würde sie niemandem näher kommen als er es wollte. Als er es ertragen konnte. Ein unmerkliches Beben begleitete ihr kaum hörbares Schluchzen, das sogar vom Geräusch der auf Schnee treffenden Tränen übertroffen wurde.
'...warum?'
Es war nur so ein kleines Wort, aber alles in ihr schrie.
Die sachte Berührung von Daylight ließ das aufkeimende Gefühl ersticken, doch mit ihren nächsten Worten schien es schon wieder entflammt zu sein. Die gehässigen Bemerkungen der Schwarzen ignorierte er, konnte sich allerdings ein Grinsen nicht verkeifen. Sie war so erfrischend ehrlich und durchaus nicht auf die Schnauze gefallen. Doch als die Weiße einen Schritt auf ihre Schwester zuging grollte er auf und wollte sich gleich dazwischen werfen, ließ davon ab. Es war nicht sein Ding, wenn auch die Reaktion von Amáya durchaus ruhiger und gelassener war, als er ihr zugetraut hatte. Und was dann geschah, konnte er nicht direkt deuten. Ein irres Lachen breitete sich in der angespannten Stille aus. Die Regenblauen Augen weiteten sich und er konnte sich nicht von der jauchzenden Schwarzen losreißen. Ja, sie hatte einen Schaden, einen großen Schaden. Der große Hüne stellte sich von seiner Gefährtin hin und zog sie am Nackenfell ein Stück zurück. Er konnte ja nicht davon ausgehen, dass Amáya in ihrem übergeschnappten Wahn vor ihrer Schwester Halt machte.
Schließlich zitterte die Luft als Urion in einer grotesken Gestalt auftauchte und anscheinend Alles auf eine Auseinandersetzung auslegte. Nicht genug, dass der Schwarze eine Gefahr witterte, nein, das Pochen in seiner Schläfe wurde immer heftiger. Dort wo die Narbe saß entfachte ein Schmerz, der ihm drohte blind zu machen. Dieses Gefühl hatte er schon einmal gehabt, als er Cyriell wieder traf und sich eine weiße Fähe einmischte, am liebsten hätte er sie getötet. Und nun, in dieser äußerst gespannten Situation fühlte er es wieder. Der Wunsch Daylight zu beschützen übermannte ihn und er sah nicht mehr objektiv auf das Geschehen. Inzwischen hatte sich das Nackenfell aufgerichtet und die Augen waren zu Schlitzen verengt.
“Übertreib es nicht“,
bellte er rüde in Richtung Urion. Was auch immer dieser seltsame Rüde war, er war im Gesetz der Naturgegebenheiten gleich wie jeder Andere. Noch mehr sah er nun die Gefahr, in der sich Daylight begab. Er wandte sich zu ihr um, die Augen in Zorn gelegt und die Lefzen gekräuselt.
“Du gehst zum See, sage Keade bescheid. Und kein Widerwort, geh!“,
es war das erste Mal, dass Aryan gegen seine Gefährtin ein hartes Wort erhob. Und sein Gesichtsausdruck ließ keine andere Möglichkeit, als ihm Folge zu leisten. Wenn gleich er sie nur aus der Schussbahn dieser wahnwitzigen Wölfe haben wollte. Zur Not würde er sie am Nackenfell hier wegschleifen.
Neugierig wanderte sein Blick von einem Beteiligten zum Anderen. Die Situation war so angespannt das sie auf ihn gleichsam anziehend wie abschreckend war und er hatte das dumpfe Gefühl, dass es nicht dabei bleiben würde. Yerik hatte schon immer ein gutes Gefühl für Stimmungen gehabt, sie blieben ihm im Sinn und so konnte er meistens relativ gut wissen wie sie zu lockern waren, diesmal jedoch, wollte es ihm nicht gelingen. Wahrscheinlich lag es daran, dass ihm diese Wölfe hier einfach viel zu fremd waren und auf gleichem Wege viel zu interessant. Der Braune ließ sich nur zu gerne von seiner Neugierde fesseln und diese Wölfe hier, befriedigten seine Neugier zutiefst. Die Worte der Schwarzen klangen in seinen Ohren, mit ein bisschen Phantasie wie die netteste Einladung zu bleiben, nur eben auf ihre Art. Und obgleich er instinktiv wusste, dass sie es ernst meinte, deutete er sie doch lieber so, wie sie ihm seine Neugierde vorgab. Eine Einladung und auch wenn er kein schaulustiger Wolf war, diese Schwarze faszinierte ihn mit ihrer offenkundigen Abweisung. Ja wie war das, es faszinierten einen immer die Dinge am meisten, die man nicht haben konnte. Die Weiße schien immer noch schwach, jedoch nicht so abweisend wie die Schwarze. Und sie gab Yerik wichtige Informationen. Ihre Namen. Daylight, Amáya, Jakash. Er würde sie sich merken, sein Namensgedächtnis war immer schon bemerkenswert gewesen.
Seine Ohren zuckten in die Richtung des Rudels, als ein weiterer schwarzer Wolf sich näherte, erst einige wenige Worte sprach, dann verstummte und näher kam, sich neben die Weiße stellte, seine Gefährtin, offenbar. Aryan. So nannte sie ihn, als Daylight plötzlich auf Amáya zuhielt und ihre Schnauze in deren Fell versenkte. Er speicherte auch diesen Namen nebenbei ab, wobei er fast schon gespannt die Szene verfolgte, die sich vor seinen Augen abspielte. Dann jedoch zuckte er fast zusammen.
Das Heulen, welches losbrach klang in seinen Ohren jedoch ekelerregend. Wie ein primitiver Instinkt lehnte er bei der Stimme die Ohren an den Kopf, dicht ins Fell verborgen. Er wusste weder Tonklang noch Wortwahl zuzuordnen, doch das erste Mal seit er hier war, gefiel ihm etwas an diesem Ort - abgesehen von dem blöden Schnee - nicht. Aus den Augenwinkeln hatte er immer noch die beiden Schwester im Blick, doch diesmal in seiner angespannten Haltung, als jedoch die Schwarze regelrecht in einen Lachkrampf verfiel, lehnte er den Kopf verwirrt und belustigt zugleich zur Seite, während sich seine Ohren wie von selbst aufrichteten. Wie jetzt? Sie bekam solch ekelige Worte an den Kopf geworfen und amüsierte sich so prächtig über sie? Eine wirklich sonderbare Fähe diese Amáya, etwas anderes kannte man wirklich nicht sagen. Wie, um sich in ihr Lachen mit hinein ziehen zu lassen, trat einige Schritte vor, näher an die Schwarze heran, wie von selbst, als zöge ihn ihr Lachen magisch an. Dann hielt er inne. Im selben Moment indem sie sich auf den Bauch rollte und im nächsten Moment flink wieder auf allen Vieren stand und eine belustige Antwort in den Himmel schickte. Erneut lehnte den Kopf zur Seite. Was war das nur für ein Rudel hier? Sie schienen sich gegenseitig zu belustigen und zu beleidigen, zu bekämpfen und doch zusammen zu gehören. Und es dauerte nicht lange, bis ein Schatten auftauchte, groß und mit blutroten Augen. Und es war dieser Augenblick, indem Yerik begriff, dass dies hier kein Scherz mehr war. Das es wirklich gefährlich war und diese Schwarze ein ganz düsteres Spiel spielte, mit ihrem Leben als Preis. Und während sich seine Glieder nur mit Anspannung füllten, fand der schwarze Aryan zumindest schon die Stimme wieder. Doch auch er schien nicht gelassen, wie es der Braune insgeheim gehofft hatte. Das dies alles nur ein dummes Späßchen war. Nein, so war es eben nicht. Und auch als die Fänge des Neuankömmlings genau vor der Schnauze Amáyas zusammen krachten, hielt er auf seinem Platz inne. Es war zwar eine gefährliche Situation, doch war er nie ein Feigling gewesen. Er senkte den Kopf etwas und verengte die Augen misstrauisch, wobei sie ihren Glanz nicht verlieren wollten. Und auch nicht, als Aryan seine Gefährtin fortschickte und er es sich einfach hätte machen können zu verschwinden. Doch er verschwand nicht. Nein, ein Feigling war er nie gewesen.
“Denkt ihr nicht, ihr übertreibt etwas? Regt euch mal wieder ab.”
Warf er in einem tollkühnen Moment versucht beschwichtigend ein, auch wenn er kaum glaubte das seine Worte auch nur Anklang finden würden.
Es hatte sich viel getan. Das Rudel war aufgeregt, nervös. Irgendwie geschahen viele Dinge zum gleichen Augenblick. Der Wald war voller Stimmen. aber der Rudelplatz auch. Jedoch wurde die Stimmung erst durch diesen aufgebrachten grauen Rüden angeheizt, was wirklich nicht sein musste und dann rannte dieser auch noch in den Wald. Depp! Shákru seufzte leise und schüttelte den Schnee aus seinem Fell. Sheena sprach nicht und sowieso war alles wundersam komisch. Man erfuhr ja nicht mal, warum das hier passierte? Die kleine Sternenleier ließ den Blick umherschweifen, als er die kleine Rakshee weit abseits sah. Sie sah traurig aus, so ganz allein in dem Schnee eingerollt. Shákru blickte zu Sheena. Wenn sie wollte, konnte sie gerne folgen, aber so setzte sich der schwarze Rüde erstmal allein in Bewegung. Schnell war die Distanz zwischen den beiden Wölfen zurück gelegt. Shákru setzte sich neben Rakshee, ein sanftes Lächeln nistete sich in seinen grünen Augen ein.
"Hallo Rakshee, darf ich bleiben oder soll ich lieber wieder gehen?"
Minor wollte sich nicht wieder ungefragt aufdrängen, nachdem das mit Amaya wieder so schief ging. Ihre dummen Rufe für Urion hallten immer noch in seinem Ohr und ließen diese umher schnippen. Nein, die Worte waren nicht schön.
Cuma war vor Rouku hergetrottet, versunken in ihren Gedanken. Ihre Ohren waren nach vorne gerichtet. Dann blieb sie stehen. Isis war zu ihnen gestoßen. Etwas verwirrt starrte die Graue die Wüstenwölfin einige Moment an. Dann regestrierte sie auch Isis Stimme. Cuma sammelte sich schnell und drängte ihre Gedanken in den Hintergrund. Im Augenblick zählte das Hier und Jetzt. Dann sagte auch Rouku wieder etwas. Mäßig intressiert folgte sie seinem Blick. Er sah Isis an. Cuma schaute wieder weg. Ihr konnte es doch egal sein, wohin er blickte. Hatte sie nicht eben noch daran gedacht, dass sie Kenshi nicht einfach so vergessen würde? Dennoch... was gäbe sie nicht für eine kleine Ablenkung. Und Rouku schien intelligent und höflich zu sein. Cuma wuffte kurz, um wieder ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen.
"Ich führe dich zu ihr hin, Rouku, Kaede ist eine sehr nette, intelligente Fähe. Ja Isis, ich hab ihm schon das Revier gezeigt."
sie hatte es nicht verhindern können, dass sie ein wenig bissig geklungen hatte. Sie machte einen schwachen Versuch, ein Lächeln vorzutäuschen. So weit war es also jetzt mit ihr gekommen. Sie musste ein einfaches Lächeln vortäuschen!! Doch sie wandte ihren Blick nicht ab. Nur von Isis. Was zum Teufel machte sie da gerade? Sie giftete die freundliche Isis einfach so an, ohne einen richtigen Grund. Nur um... sie vollendete den Satz lieber nicht. Rouku hatte schöne Augen. Und sein Fell hatte eine schöne Farbe. Innerlich seufzte Cumará. Sie wusste nicht, was sie machen sollte. Nun, jetzt hatte sie wenigstens ein Ziel. Rouku. Sie warf dem Rüden ein verstohlenes Lächeln zu.
Isis zuckte kurz zusammen, als sie die bissige Antwort von Cumara vernahm, aber sie würde die Fähe nicht vor Rouku darauf ansprechen, sondern unter vier Augen. Wenn sich die gesamte Situation beruhigt hatte.
Immer mehr Wölfe verließen den Rudelplatz, auch Urion, der eben noch verlangt hatte, dass alles dort bleiben sollte. Vielleicht war auch Cumara verwirrt von diesen Situationen. Aber aufgrund der Tatsache, dass Kaede nunmehr damit beschäftigt sein wird, ihren Gefährten wieder einzufangen, würde es keine gute Idee sein, Rouku zu der Beta zu schleifen, also hieß es warten.
"Vielleicht sollten wir mit der Vorstellung doch erstmal warten. Urion ist grad vom Platz geschossen, als wäre Seth... pardon... Fenris persönlich hinter ihm her."
Isis blick glitt zwischen Cuma und Rouku hin und her. Die Antwort der grauen Fähe würde sicherlich wieder besser ausfallen. Es lag nur an den Geschehnissen, die eben stattfanden. Isis striff kurz Roukus Fell, aber nicht wirklich mit Absicht, trotzdem war das Gefühl nicht unangenehm. Schon gar nicht, nachdem sie so von Rime weg gerissen wurde.
"Erzähl uns doch ein bisschen von dir, Rouku. So können wir uns die Zeit vertreibe, oder Cuma?"
Isis wedelte sanft mit der Rute und lächelte Cuma an.
Amiyo fuhr mit seiner Schnauze sanft über Kylias Kopf. Ja, er verstand, und seine Berührung war die Antwort, er würde sich gedulden. Dennoch war diese Situation nicht gerade leicht zu bewältigen. Und dann platzte auch noch Urion dieser Hornochse herein. Und wurde auch noch handgreiflich! Amiyo war ein ruhiger, freundlicher Rüde. Immer. Aber wenn jemand Kylia angriff, hörte der Spaß auf. Grollend drehte der Braune sich zu dem Grauen um, er war um einiges größer als Urion. Niemand. Griff. Seinen. Schmetterling. An. Niemand. Doch dann war der Graue auch schon weg. Glaubte er etwa, dass sie beide noch zu jung waren, um die volle Gefahr dieser Situation zu begreifen? Immer noch ein wenig grollend sah er wieder zu Kylia, die sich jedoch auch schon in Bewegung gesetzt hatte. Amiyo machte drei, vier Schritte, dann war er auch schon neben ihr. Seine Miene war unergründlich, doch unter seiner Maske sah es anders aus. Verletzt? Wütend? Wahrscheinlich beides. Er machte noch einen kleinen Schritt, so, dass er vor Kylia stand, sachte stupste er ihr vor die Brust, damit die stehen blieb. Seine goldgelben Augen blickten in die blauen der grauen Fähe. Warum hielt sie ihren Kopf gesenkt? Urion hatte kein Recht, sie so zu demütigen. Innerlich grollte er immer noch. So ein Trottel...
"Bitte, glaub nicht, dass ich das nur gesagt habe, weil wir uns in dieser Situation befinden, ich hätte es auch... wann anders gesagt. Aber wir hatten dort unsere Ruhe, deswegen... ach, tut mir leid. Kaum spreche ich, mach ich alles falsch. Vielleicht sollte ich doch nicht so viel reden, wie in letzter Zeit."
er schwieg. Seine honigfarbenen Augen waren ein wenig traurig. Vielleicht sollte er wirklich nicht so viel sprechen? Jetzt hatte er einmal ausgesprochen, was er gedachte hatte und schon war alles zu Nichte gemacht worden. Er blickte etwas betreten. Dann stupste er Kylia nocheinmal vorsichtig an, wieder traf gold auf himmel.
"Ich liebe dich. Trotzdem. Und das kann ich so oft sagen, wie ich will."
meinte er, nun leise lachend. Ein schönes, dunkles Lachen. Wieder hatte er so untypisch viel gesprochen. Seltsam. Ob es an dieser Situation lag? Oder an Kylia? Ein leichter Schimmer Schalk trat auf Amiyos Gesicht, er küsste Kylia sanft auf die Schnauze, dann trat er neben sie, er machte eine leichte Bewegung in Richtung Kaede und Urion. Sie sollten weiter gehen.
Es hatte so kommen müssen. Amáya hatte ihr zwar körperlich nicht weh getan, jedoch tat es mindestens eben so sehr weh, dass sie sie nun fort schickte. Daylight konnte jetzt nicht einfach davonlaufe, denn vor dem, was sie bedrohte, konnte man nicht davonlaufen. Die Schuldgefühle und die Angst ließen sich nicht abschütteln, nicht vom Wind davontragen. Sie würden die Weiße immer und immer wieder einholen.
Und selbst als Aryan sie unsanft ein Stück zurück zerrte und ihr ebenfalls befahl zu gehen, wusste sie das sie auch ihm nicht gehorchen würde. Sie war kein Feigling. Sie würde nicht davonlaufen. Amáya hatte sie beschützt. Amáya hatte über ihre Träume gewacht. Und es war nun an der Zeit das selbe für ihre Schwester zu tun. Nicht um eine Schuld zu begleichen. Sondern weil Amáya ihre Schwester war, ihre liebste, wichtigste Schwester, ein Teil ihres Lebens, auch wenn es ein dunkler Teil geworden war. Schwester war Schwester. Und das würde immer so sein. Auch wenn Urions Antwort ihr einen Schauder über den Rücken jagte. Daylights Nackenpelz sträubte sich. Ihr Blick wanderte von Amáya zu Aryan. In ihren Augen entsprang ein entschlossenes Funkeln.
„Ich werde nicht gehen.“
Der feste Tonfall in der sonst so sanften, ruhigen Stimme war nicht zu überhören.
„Ich bleibe.“
Daylights Blick begegnete herausfordernd Aryans regenblauen Augen. Nein, sie würde nicht gehen, auch wenn es nur gewesen wäre, um Kaede Bescheid zu geben. Doch die Weiße wusste, das dies nicht der einzige Grund sein konnte, Aryan wollte sie fort von hier haben. Vielleicht nur, weil er sich um sie sorgte, Daylight vertraute darauf, das dies der Grund war. Und trotzdem, er musste verstehen, das dies hier wichtiger war. Wenn Amáya nun etwas zustieße, dann würde die Weiße sich das niemals verzeihen können.
„Amáya.“
Ihr Blick fing die mitternachtsblauen Augen des Regenkindes ein, das ihre Schwester einst gewesen war. Ich passe nun auf dich auf, sagte sie stumm, auch wenn sie wusste, dass sie selbst zusammen keine Chance gegen Urion haben würden. Doch das war es nicht, was zählte. Daylight würde bei ihrer Schwester sein, sie würde mit ihr Kämpfen, das war es was wirklich wichtig war. Auch wenn sie sich dadurch in Gefahr bringen würde. Sie musste die alte Amáya wiederfinden, irgendwie und auch wenn dies vielleicht nur ein Anfang war, so war zumindest ein Schritt in die annähernd richtige Richtung.
Daylights Körper war schwach, doch dafür war ihr Herz um so stärker. Sie würde nicht aufgeben, sie würde Kämpfen, für Amáya, für ihre Schwester.
Es tat so schrecklich weh, Lunars Enttäuschung zu hören. Ihr ganzer, zierlicher Körper verkrampfte sich und Sharíkus Gesicht begann zu brennen vor Scham. Sie schloss die Augen und steckte die Schnauze in den Schnee, er würde kühlen, das Brennen lindern.
.oO(„Schwächling! Feigling! Er braucht deine Hilfe, also gib sie ihm gefälligst!“)
Sharíku schauderte. Irgendwie hatte sie das Gefühl, als wäre es der Schnee, der zu ihr sprach. Er linderte das brennende Schamgefühl nicht, er veränderte es nur. Zu etwas sehr Kaltem, das fast noch schlimmer wehtat. Entsetzt zog sie die Schnauze wieder aus dem Schnee, der immer noch verächtlich zu flüstern schien und konzentrierte sich auf Lunar und seine Stimme. Befehlen folgen, ja, das war kein Problem für sie. Sie konnte sich ja nicht einmal wehren. Gegen niemanden. Aber es stimmte nicht, dass man so nie alleine war. Die junge Fähe sah tieftraurig zu Lunar hoch. Sie war immer alleine, irgendwie. Sie liebte ihre Familie, aber schon länger fühlte sie sich jedes Mal vollkommen fehl am Platz, wenn sie dort war. Bei all den redenden, lachenden Wölfen. Fühlte ihr Pate sich manchmal auch so? So unverstanden? War er deshalb so...verbittert? Würde Sharíku genauso werden? Nicht mehr schwach und verschüchtert, sondern stark und gemein? Nein, stark war er ja nur nach außen hin, das hatte sie begriffen, als sie den wahren Lunar gesehen hatte. Oder besser gesagt die vielen Scherben die einmal ein Ganzes gewesen waren. Lunars Seele. Sie hatte immer noch nicht ganz verstanden, wie das hatte passieren können. Es musste mit Shani zu tun haben. Sharíku hatte nie die ganze Geschichte gehört.
Es war doch wirklich verrückt! Einerseits wollte sie verstehen, alles begreifen, Antworten auf ihre zahlreichen Fragen erhalten. Andererseits fürchtete sie sich davor. So wie vor Allem. Der Anblick der vielen Splitter Lunars hatte ihr Furcht eingejagt und trotzdem brannte der Wunsch in Sharíku, zu wissen, wie das geschehen war. Sie wollte rennen, von Lunar weg zum Rudelplatz, aber trotzdem konnte sie sich nicht von der Stelle rühren.
.oO(Warte noch!)
Wisperte es in der jungen Fähe. Warten? Worauf denn? Sharíku zuckte zusammen, als sie die wütende Stimme Urions hörte. Es war wirklich höchste Zeit, aufzubrechen! Als ihr bewusst wurde, dass zwar nach dem ganzen Rudel gerufen, aber weder Sharíku noch Lunar genannt wurden, blickte sie wieder einmal enttäuscht und traurig zu Boden. Natürlich, es war nicht nötig, nach ihnen zu rufen. Offenbar vermisste niemand die Stumme und ihren Paten. Ein kleiner Anflug von Trotz regte sich in der Grauen. Wenn es nicht für nötig gehalten wurde, ihren Namen zu nennen, warum sollte Sharíku sich dann die Mühe machen, dem Befehl zu folgen? Vielleicht, weil Lunar es auf einmal vorhatte. Sharíku blinzelte ihn ungläubig an, sie hatte erwartet, dass er... Nein, eigentlich hatte sie gar nichts von ihm erwartet, nichts als Enttäuschung, dass sie ihm die Hilfe verwehrte. Ein warmes Gefühl stieg in ihr auf, als sie begriff, was das bedeutete. Er wollte sich dem Rudel etwas annähern! Die Einsamkeit bekämpfen! In Sekundenschnelle verwandelte sich die Verwunderung in Freude, ihre Lefzen verzogen sich zu einem strahlenden Lächeln. Ein seltener Anblick. Nicht einmal die höhnende Stimme ihrer Furcht (oder war es doch der Schnee?) konnte dieses Lächeln vertreiben.
.oO(Ja, das wird er tun. Lunar ist stark. Aber was wirst du tun, kleine, dumme, stumme Sharíku?)
Die junge Fähe schüttelte den Kopf, ließ die Ohren schlackern um die verletzende Stimme loszuwerden.
Mit wenigen Sprüngen war sie bei dem Schwarzen, sprang vor ihm hoch in die Luft. Ja, man konnte sehen, dass ein Teil von ihr noch ein kleiner, verspielter Welpe war. Vor Lunar rannte sie durch den hohen Schnee, es war anstrengend, doch die Anstrengung wärmte ihre Glieder. Es dauerte nicht lange, bis sie am Rudelplatz angekommen waren. Sharíku sah sich suchend um, erblickte bekannte Wölfe. Und wieder hörte sie das Wispern.
.oO(Und nun, Kleine? Wo willst du hin?)
Das Lächeln verblasste. Es machte dem Gesichtsausdruck Platz, den man bei Sharíku am häufigsten sah. Unsicherheit, weit aufgerissene Augen, erfüllt von Trauer und Furcht. Ja, wohin sollte sie denn nun? Langsam drehte sie sich zu Lunar um, blickte in seine Augen. Suchte nach einem Halt. Irgendetwas, an dem sie sich festhalten konnte. Irgendwie...
Ein ewiger Kampf mit der Furcht und eine in viele Scherben zerbrochene Seele. Was für eine wunderbare Kom bination.
“Warum habt ihr Welpen gezeugt? Wenn sie dich als Stütze in schwachen Momenten gebraucht hat, dann habe ich dir dafür dankbar zu sein. Aber … wie hätte sie Welpen von jemand anderem als Acollon in die Welt setzen können?“
Als Akru die Augen schloss, glitt ihr Blick zum ersten Mal von ihm in den verschneiten Winterwald. Noch immer wirkten die Bäume wie aus kaltem Stein, noch immer lief die Zeit ganz anders. Sie standen Ewigkeiten und gleichzeitig nur einige Herzschläge lang hier. Seine Bitte ließ ihre Augen wieder zu ihm wandern. Zum ersten Mal zeigte sich eine deutliche Emotion auf ihrem Gesicht. Leicht krauste sich ihre Stirn. Sie wusste nicht, wie sie darüber denken sollte, dass Akru alle Last, die Banshee zu tragen hätte, auf seine Schultern lagern wollte. Ihr fiel kein anderes Motiv ein, als wahre Liebe. Doch gegen diese Vorstellung wollte sie sich noch immer wehren. Für sie gehörten Acollon und Banshee untrennbar zusammen. Sich davon zu lösen, war für sie als Tochter für diesen Augenblick zu viel verlangt.
“Banshee hat mich nie gebraucht.“
Leise klang etwas Verletztes in ihren Worten. Ihre Mutter hatte sie weder gebraucht, noch andersherum. Sie hatte weder Zeit gehabt, sie zu lieben noch geliebt zu werden. Jetzt plötzlich mit all diesen Dingen anzufangen, schien ihr eine absurde Bitte. Sie konnte nur mit ganz kleinen Schritten auf sie zu gehen … ohne zu wissen, ob die Zeit dafür noch bleiben würde.
Gani nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Dann schenkte sie Aryan ein bezauberndes Lächeln und sah auf den Schnee zu ihren Pfoten. Die kristallklaren Eisblumen glitzerten in der Sonne, und aufeinmal fand die Graue sie wunderschön - so schimmernd und frei. Sie hatten keine Verpflichtungen, dafür aber kein Leben und keine Chance, zu atmen. Sie waren einfach nur tot, still und vergessen, keiner sah ihre Schönheit, den Glanz und ihre Ausstrahlung. Die Prinzessin war ganz verzaubert von diesem Anblick, dass sie die Welt um sich herum ganz vergaß, so auch den großen Rüden, der neben ihr stand. Sie nahm sich die Freiheit, einen Schritt vorzutreten, drehte sich aber sogleich wieder um, und sah Aryan - ihren Freund - an. Sie lächelte ihr ganz eigenes Lächeln, eine Mischung aus Herzlichkeit und Hass.
"Ganz wie du willst, mein Lieber. Ich werde mich anstrengen und 'Hallo' sagen."
Ein glockenhelles Lachen drang hinüber zu dem Rüden und sie zwinkerte ihn ebenfalls an, wie er es getan hatte.
Etwas bedauernd sah sie ihm nach, aber schnell fasste sich Gani Amíra und ging gemächlichen Schrittes auf die kleine Versammlung zu und starrte die andere graue Fähe an. Fürwahr, sie war wirklich blind. Ein Schwung Mitleid ergoss sich über Gani und drohte sie mitzureißen, doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben und ging weiter auf Kaede zu. Vor der Beta senkte sie den Kopf - als Zeichen ihrer Unterwerfung - und lächelte sie sanft an. Sie öffnete die Schnauze und sprach mit ihrer märchenhaften, sanften und freundlichen Stimme respektvoll zu der Fähe.
"Kaede?", fragte sie vorsichtig, auch wenn sie sich hunderprozentig sicher war, dass sie die Beta war, die Aryan gemeint hatte. "Ich bin Gani Amíra, Akrus Tochter und komme in Frieden." Sie versuchte, von dem blutigem Fell abzulenken, bis ihr einfiel, dass ihr Gegenüber sie nicht sehen konnte. "Ich möchte euch nichts Böses und Aryan erzählte mir, dass mein Vater bei euch lebt. So bitte ich euch - nehmt mich in euer Rudel auf."
Bittend sah sie die Betafähe an und fühlte sich aufeinmal wie in einer riesigen Familie - als hätte sie ihr Glück schon gefunden. Hier, bei dem Rudel, bei dem ihr Vater lebte. Gani trat ein paar Schritte zurück, leise und geschickt setzte sie sich nieder und musterte die 'andere', die jetzt ein Teil ihres Lebens werden konnten. Leise seufzte sie. Hass machte sich in ihr breit, doch sie verdrängte ihn, weil er plötzlich nicht mehr passte.
Es hatte nicht lange gedauert, da hatte Amáya sich wieder gefangen. Als wäre ihr Lachanfall nur eine Farce gewesen, eine Maske, die sie anlegen und abnehmen konnte, wie es ihr beliebte. Im Endeffekt war es auch so. Sie konnte aggressiv sein, stürmisch, wütend oder vollkommen ruhig, so wie sie bis vorhin bei Jakash gewesen war. Sie war locker, fast schon sanft gewesen. Eine ruhige Seele. Das sich dies rasendschnell ändern konnte, bekam man nun zu Gesicht. Völlig ruhig, wenn gleich aufmerksam blieb die Dunkle stehen, wartete. Ja, sie wartete auf den Wolf, der sie über alle Maßen amüsierte. Dieser Wolf, der so dämlich war, wie sie es noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Er würde nicht ihr Untergang sein.
„Ja, komm, damit ich meine Krallen an dir wetzten kann.“
, zischte sie leise hervor. Die blauen Augen hatten sich verengt und funkelten nun ihre helle Schwester. Seit wann war sie so naiv und uneinsichtig?! Ein Grollen baute sich in ihrer Brust auf. Sie meinte es nicht böse, nur wollte sie keine Zuschauer haben. Das hatte sie nicht nötig. Und erstrecht nicht ihre Schwester, die ihr einst so viel bedeutet hatte, ebenso wie Tyraleen.
„Hör’ auf ihn.“
Amáya schloss die Augen, als hätte sie unerträgliche Schmerzen, blickte dann hart und streng in die goldfarbenen des Sonnenkindes.
„Verschwinde einfach, ich will dich hier nicht mehr sehen. Ich brauche dich nicht mehr. Hau ab!!“
.oO(Bitte!)
Die flehende Stimme in ihr wurde mit einem Knurren zur Seite gefegt, sie hatte andere Sorgen. Hier waren zu viele Schaulustige. Angespannt stellte sich der Nackenpelz der Schwarzen auf und die Lefzen entblößten ihren Fang, die kalten Augen fixierten nun Jakash und Yerik.
„das gilt auch für euch beide. Das geht euch alles einen Scheiß an, kapiert! Macht das ihr weg kommt, ich will hier niemanden mehr sehen!“
Leider war der graue Trampel schneller, als sie erwartet hatte und kam auch schon aus dem Wald marschiert.
„Da ist ja der kleine Möchtegern.“
, begrüßte sie ihn mit einem schiefen, sarkastischen Lächeln, die Augen funkelnd und ein wenig zusammen gekniffen. Nun war keine Zeit mehr, sich um die anderen zu kümmern, die nun schleunigst die Pfoten schwingen und verschwinden sollten.
Nur kurz war sie unaufmerksam, als sie nach hinten schielte, um zu sehen, dass sich die anderen in Bewegung setzten, war allerdings sofort wieder wacher, als sich der Kiefer neben ihrer Schnauze krachend schloss.
„Urgs. Du sabberst und hast Mundgeruch... Von dir will keine Prinzessin geküsst werden.“
Angeekelt wich die Schwarze zurück und wischte sich mit der Pfote über den Schnauzenrücken und würgte demonstrativ. Mit angespannten Muskeln musterte sie den Rüden, der bereits blutete, obwohl sie ihm nicht mal ein Haar gekrümmt hatte. Leichtes Spiel. Viel zu leicht.
Schnell hatte sie die Seite des Grauen gefunden und war mit einem kräftigen Satz bei ihm, stieß ihn im Sprung zur Seite, ohne ihn zu verletzten. Noch ein Mal suchten ihre Augen aus dem Augenwinkel die anderen, dann erst legte sie los. Mit einem Grollen stieß sie sich erneut ab und versuchte sich vorerst nur ein mal an den Grauwolf heran zu tasten und auszuprobieren, in wie weit er sich bewegen konnte und wie er reagieren würde. Da seine Einladung legitim war, zögerte Amáya keine Sekunde, um sich in seinem Fleisch zu verbeißen, sollte sie es zu fassen bekommen.
Leicht runzelte der Nachtschwarze die Stirn. So war das also. Der Blick aus den sonst so ruhigen Augen wurde ein wenig kühler als sonst, als er die Auseinandersetzung zwischen Amáya und Urion mit bekam, die offen über den Rudelplatz hallte. Zuerst überlegte er, ob er nicht besser dort hin gehen sollte, wo die Aggressivität fast schon zum Greifen war und er womöglich eine blutige Fehde vermeiden konnte. Sein Augenmerk richtete sich aber plötzlich wie von selber auf Rakshee, die sich sichtlich geknickte zum See begab. Ein Kloß bildete sich in seiner Kehle, wie er es schon lange nicht mehr gespürt hatte. Es tat ihm auf eine unerklärliche Art und Weise weh und hinderte ihn daran, sich vielleicht um diese Angelegenheit zu kümmern.
„Ich danke dir... Kaede.“
In seinen Worten lag Ruhe, wenn auch Besorgnis. Nicht nur diese Tatsache, was gesehen wurde, sondern auch der Streit. Am meisten jedoch die Gefühle seiner Patin, die er schier in sich selber spüren konnte. Es zerbrach etwas in ihm. Andererseits hatte er nie behauptet, ein guter Pate sein zu können. Shani hatte sich geirrt. Midnight wollte sich nichts vor machen, hatte er es doch praktisch von Anfang an gewusst. Als der Nachtsohn Kaede angesprochen hatte, hatte ein wenig von Abschied in seiner Stimme mit geklungen. Mit Sicherheit konnte die blinde Fähe erraten, dass er sich nun entfernte und auch seine leisen Schritte im Schnee waren Zeuge der Bewegung, die in den Schwarzen gekommen war, der sich nun vorsichtig seiner Patin näherte. In ihrer Nähe wurde er langsamer, bis er als dem lockeren Wolfstrab in einen leichten Schritt verfiel und schließlich gänzlich stehen blieb.
„Rakshee.“
Rau, ein bisschen belegt erklang seine ruhige Stimme, Kummer war in ihr zu lesen. Erstmalig aus seiner Stimme deutlich heraus zu hören. Midnight bereute, bereute aufrichtig und ehrlich. Gerne hätte er ihr geholfen, hätte sie unterstützt, aber er wusste einfach nicht wie. Weitere Worte brachte der Totenwandler nicht über die Lefzen. Keine Entschuldigung dieser Welt konnte wieder gut machen, dass er seine Patin so oft im Stich gelassen hatte. Er war kein guter Pate. Kein guter Wolf.
Urion bemerkte, dass es Amáya unangenehm war, dass die anderen immernoch an Ort und Stelle weilten. Der Graue wollte die schwarze Fähe nicht unterschätzen, nein, sie war nicht minder krank als er und eine wunderbare Schauspielerin. Amáya testete ihn aus, schnappte nach ihn und stieß ihn grollend zur Seite. Urion blieb mit gesträubten Fell stehen. Tatsache sabberte er, Geifer. Die Blutgeilheit stieg, die Mordlust. Es gefiel ihm, dass Amáya darauf einstieg. Vielleicht würden sie so lange kämpfen bis beide tot waren, denn es schien, dass sie ebenbürtig waren.
"Ich hasse Prinzessinnen, Hase. Ich küsse nur den Tod und ich glaub du weißt, dass der noch schlimmer stinkt als ich."
Ein leises Kichern. Wie wahnsinnig. Die roten Augen rollten in den Augenhöhlen umher, da griff sie schon wieder an und diesmal hatten sie sein Fell zu fassen bekommen. Es breitete sich kein bewusster Schmerz aus, aber nun floss sein Blut auf den Schnee, brannte sich auf ewig in die Erde. Es quoll da heraus, wo sich Amáyas Zähne vergruben. Es floss über ihre Schnauze, über ihre Zähne, in ihren Rachen hinein. Die schwarze Fähe genoss es unter Garantie und Urion wurde noch wahnsinniger davon. Er schnappte nach ihrem Bauch. Vielleicht würde er auch etwas von ihrem Lebenssaft schmecken können. Das schien kein normaler Kampf zu sein. Es war zwar einer in dem es unter Umständen um Leben und Tod ging, aber für den Rüden war es belustigend, gar ein super witziges Spiel und er musste aufpassen nicht laut loszulachen. Nein, stattdessen rutschte nur ein Kichern aus der Kehle, was in einem wütenden Knurren umschlug. Urion versuchte seine Krallen in ihre Schultern zu graben um sich an ihr festzuhalten. Mittlerweile mussten die beiden Wölfe dermaßen verknotet sein, dass vorne und hinten nicht mehr zu erkennen war.
"Geb mir deinen Saft, ich geb dir meinen."
Urion schnappte nochmal grinsend nach Amáyas Bauch.
Der Schwarze hatte es gar nicht anders erwartet. Daylight wollte hier bleiben und die Machtkämpfe zweier nicht ernstzunehmenden Gestalten ansehen. Ein leises Stöhnen. Schließlich wandte er sich kurz zu dem Grauen, den er nicht kannte. Wer er auch immer sein mochte, er verstand es durchaus die Situation klar zu sehen. Ein kurzes Lächeln ließ er diesem zukommen, dann drehte er sich wieder seiner Gefährtin zu. Sie hielt zu der schwarzen Fähe, obwohl diese sie mehrfach abwies. Und mittlerweile wurde dem Regenwolf auch klar, dass er keinerlei Lust hatte, sich in diesen Kampf einzumischen. Zwecklos. Keine Ambitionen dazu. Noch viel mehr sah er nicht, dass es Sinn machte zwei herzlosen Gestalten Gefühle einzubläuen. Egal wie die Weiße darüber dachte. Es hätte nichts bewirkt.
“Nun gut, war mir schon irgendwie klar. Nur verstehe, ich habe keine Lust Dich zu verlieren wegen einer Wölfin, die behauptet sie sei nicht Deine Schwester und somit keine Rücksicht auf Deine Person nimmt. Sie bringt der Kampfeslust mehr Vergnügen entgegen als Dir. Und das zu sehen ist nicht schön“,
murmelte er leise und schloss kurz, fast entnervt die Augen. Die Auseinandersetzung der beiden Wölfe war einfach nervig. Ein Kopfschütteln verlieh seinen Gedanken Ausdruck. Warum der graue Urion sich so provozieren ließ, wusste er nicht. Wenn er Vater werden würde, würde sich der Schwarze ein solches Verhalten nicht erlauben. Daylight hätte ihn wohl in einem solchen Fall nicht mehr an den Nachwuchs rangelassen. Wieder nur ein Seufzen. Wäre er doch bloß früher losgegangen und hätte die Weiße an den See gelockt. Ihre unerbittlichen und vergeblichen Mühen zu sehen, schmerzte ihn sehr. Hatte sie es nicht verdient. Doch als er die Augen wieder öffnete lag ein leises Lächeln darin. Er würde Daylight einfach aus der Ferne beschützen müssen. Wie nebenbei nährte er sich dem fremden Grauen und setzte sich neben ihn. Beiläufig fragte er schließlich:
“Auf wen setzt Du?“
Es war nicht ernst gemeint, allerdings schien ihm es nun auch nicht angebracht zu sein, die Moralapostel zu spielen. Und wenn er ganz ehrlich war, schien es ihm lieber, wenn die Beiden sich einfach die Köpfe einschlugen und damit dass Alles ein Ende fand. Ein grimmiges Grinsen eröffnete sein Missvergnügen.
„Wir sollten sie in Ruhe lassen.“,
meinte er an Yerik und Jakash gewandt.
Yerik nahm jede Bewegung war, jede Handlung der beiden Wölfe brannten sich in seine Sinne. Es war als kämpfte er selber, wobei er Gewalt nicht minder genauso Verabscheute wie allzu schlechtes Wetter. Der Vergleich war in seinem Kopf bestürzend klaffend, jedoch hatte er zuviel damit zutun den Überblick über diese verrückte Situation zu behalten, als das er noch irgendwelche wunderbaren Metaphern herbeizaubern konnte. Er war in jenem Moment einfach nur da, sah die Schwarze an, die einen Moment mit sich selbst zu kämpfen schien, ihre Schwester wegschickte und schließlich sogar ihn und den Jungwolf. Natürlich war der Braune nicht gegangen. Noch immer verharrte er an der selben Stelle, an der er zuvor gestoppt hatte, fast schon Bewegungslos, bis auf seinen sich hebenden und senkenden Brustkorb. Sie hatte ihm erstens nichts zu sagen und zweitens konnte… wollte er doch nicht wirklich zulassen das sich vor seinen Augen zwei Wölfe zerfetzten?
Die Zeit verging in seinem Kopf und um ihn herum so rasend, dass es fast schmerzte. Er sah wie sie sich angifteten, wie sie ihre Fänge bleckten und sich angriffen. Als wäre es das alltäglichste auf der Welt. Gewissermaßen war es ja auch alltäglich. Gewalt war Teil dieser Welt geworden, mehr denn je. Er war kein Dummkopf der die Augen davor verschloss, doch in diesem Moment, aus dieser Situation heraus, schien ihm ein Kampf so gnadenlos sinnlos. Er konnte es sich nicht vorstellen, wie es möglich war durch einen Streit so zu reagieren. Wie konnte sich ein Wolf von dieser schwarzen Fähe so sehr provozieren lassen, dass es in einen Kampf mündete? Jeden ihrer Sätze, hatte er leicht mit Humor verarbeiten können, sogar Geschmack hatte er an dem freien Mundwerk der Fähe gefunden, aber er konnte sich nicht erklären, wie man so reagieren konnte. Wie man schwach genug sein konnte, sich so provozieren zu lassen. Leben oder Tod in einem Streit aufs Spiel zu setzen. Wie dumm es doch war. Er wandte den Kopf herum, als er neben sich eine Bewegung wahrnahm. Der Schwarze mit den regenblauen Augen. Zuvor hatte er seine Gefährtin noch wegschicken wollen, nun schien er diesen Plan aufgegeben zu haben und betrachtete die Situation mit einem trockenem Humor, der eigentlich auch Yerik lag. Der Rüde verzerrte für einen Moment sogar die Mundwinkel zu einem Lächeln.
“ Die Dummheit hat doch schon längst gewonnen.”
Beide waren dumm in seinen Augen. Der sonderbare Rüde, der sich so provozieren ließ und die schwarze Schönheit, die einfach nicht zurück steckte und klein bei gab. Als wäre sie lebensmüde. Yerik setzte sich nicht, wie Aryan es getan hatte. Noch immer stand er aufrecht, den Blick auf die kämpfenden gerichtet. Sollte es ihm zu weit gehen, würde er eingreifen, auch wenn sie es wahrscheinlich nicht tun sollten. Doch er zumindest wollte der Dummheit nicht einfach so klein bei geben. Es reichte schon wenn zwei es taten. Ruhelos war er. Den Blick scharf, die Krallen in die Erde gestemmt. Er kannte diese beiden Wölfe nicht, wie Aryan sie vielleicht kannte, doch das war eigentlich relativ. Es war ein Kampf und kämpfe waren dumm. Er würde sie sich nicht zerfleischen lassen, wenn er die Chance dazu bekam dazwischen zu gehen.
Und darauf wartete er.
So sehr sie sich in sich selbst verfangen hatte, so sehr erschrak Rakshee, als plötzlich Shákru neben ihr stand. Ruckartig hob sie den Kopf, wischte im nächsten Moment hektisch die Tränen von ihrer Schnauze und nickte nur stumm, bis ihr klar wurde dass ihr Nicken keine Antwort auf seine Frage war. Die finsteren Gedanken mit den Tränen herunterschluckend sah sie wieder zu ihm auf.
"Bleib nur"
es klang ein wenig heiser, ein wenig gekrächzt, weil ihr Hals noch immer nicht wieder völlig frei war von dem Kloß der sich darin gebildet hatte. Und dann stand plötzlich Midnight vor ihr. Die goldenen Augen hebend, die so sehr denen von Banshee ähnelten, und in denen noch die letzten Tränen glänzten, sah sie ihn nur an. Ein Lächeln drängte ihren Leftzen entgegen, aber es erreichte sie nicht. Federleicht und Tonnenschwer erhob sie sich, ihre Rute strich sanft durch den Schnee, und sie trat einen Schritt auf den Rüden zu.
"Du bist da"
ihre Stimme hatte ihren vollen Klang zurückgewonnen, und war doch recht leise gewesen. Aber es lag sehr viel mehr darin als nur diese Feststellung.
Einen Moment lang verharrte sie noch so, nur zu ihm aufsehend, den Klang ihrer Worte in sich verklingen lassend - dann ging sie noch einen Schritt weiter, und drückte die Stirn an seine dunkle Brust, die Rute noch einmal sanft durch die Luft streichend. Sie verharrte eine Weile so, bevor sie wieder zurücktrat, und mit einem Lächeln zu Midnight aufsah und nach ihm pfotete. Mit ebendiesem neuen, hoffnungsvollem Lächeln sah sie zu Shákru herüber, und sah sich kurz um - und entdeckte Lunar und ihre Schwester. Ohne weitere Worte lächelte sie Midnight nocheinmal zu, hüpfte sanft gegen ihn und versuchte mit der Schnauze sein Ohr zu erreichen. Ihre Gedanken waren längst nicht ausgelöscht, und Mama war fort - aber Midnight war hier, und ein freudiges Glimmen in ihr gab ihr genug Licht um Trost und andere Gedanken daraus zu gewinnen.
"Sharíku!"
rief sie ihrer Schwester zu, und lachte ihr entgegen, wand sich mit einer einladenden Geste um und drehte sich um sich selbst, bevor sie Midnight wieder ansah, und den Blick zu Tante Kaede schweifen lies.
"Was ist denn nun eigentlich los? Und warum ist Urion so..."
ihr viel kein passendes Wort ein, das nicht zu fies klang - immerhin war Kaede in Hörweite und Rakshee hielt sie für eine sehr kluge Fähe - sie würde sich niemals einen blöden Rüden aussuchen.
"...soo halt. Warum lässt er sich darauf ein? Das ist...welpisch!"
meinte sie, verzog eine Schnute und lächelte dann wieder, sich nach Sharíku umsehend und mit sanft pendelnder Rute vor den zwei Schwarzen stehend.
Fast hätte sie einige Schritte rückwärts gemacht, als ihr Gefährte plötzlich von dem Fluch überfallen wurde. Sie zwang sich stark zu bleiben, stehen zu bleiben. Sie konnte doch nicht Angst vor ihrem Geliebten haben!? Verwirrt schüttelte sie kurz den Kopf, wollte versuchen ihn zu beruhigen, doch da war er schon weg. Angst mischte sich unter ihre Sorge um das nichts. Angst um Urion, Angst auch um Amáya. Warum war der Fluch so heftig hervorgebrochen? Sie wollte ihm hinterher laufen, die beiden Streitenden trennen, wollte ihn beschützen, sie beschützen. Aber sie wusste, sie musste hier bleiben, es gab noch anderes Leben zu beschützen. Sie wollte ihre Welpen nicht gefährden. Langsam keimten Zweifel in ihr auf, war Urion ein guter Vater? Was wenn er in seiner Raserei einen ihrer Welpen angreifen würde? Würde er so etwas wohl tun? Wenn er sich nicht unter Kontrolle halten konnte, musste sie ihm dann verbieten bei ihren Welpen zu sein? Wellen der Angst, der Unsicherheit überschwemmten Kaede und sie war froh, als die Stimme einer Fähe sie aus den Gedanken riss.
Vorsichtig witternd sog sie den Geruch der ihr Gegenüberstehenden ein und musste feststellen, dass sie Blutbehaftet war. Warum auch immer, sie würde fragen müssen, schließlich konnte sie niemanden in das Rudel lassen, der möglicherweise gefährlich war. Vor allem der Welpen wegen nicht. Dann seufzte sie auf, als sie hörte, dass sie Akrus Tochter war, wie konnte sie eine Familie trennen, nur weil sie dem einen Teil nicht getraut hatte?
Was war nur los, so viel auf einmal und mit allem stand sie mehr oder weniger alleine da. Sie lächelte Midnight flüchtig zu und nickte kurz, als er ihr antwortete und sich dann entfernte. Er ging zu Rakshee, die kurz vorher auch eingetroffen war, eine betrübte Stimmung ging von ihr aus. Bei ihr war auch Shákru. Na immerhin, langsam wurden es mehr.
Sie drehte sich wieder zu der ihr unbekannten Fähe und musterte sie, als ob sie sie genau vor sich stehen sah.
„Ich grüße dich Gani Amíra, Tochter Akrus.
Kurz stockte sie, eine Tochter von Akru? Wusste Banshee wohl davon? Nun ja, es war nicht auch noch ihr Problem, sie konnte nicht darauf achten, dass es allen Wölfen wohl erging, schließlich konnten sie auch für sich selbst sorgen.
„An sich möchte ich es dir nicht verweigern, ich glaube deinen Worten, doch sag, warum bist du so blutverschmiert…?“
Sie lächelte die Fähe freundlich an. Sicher gab es eine ganz simple Erklärung dafür und sie konnte ihr entspannt sagen, dass sie gerne hier im Rudel verweilen dürfe. Sie schnippte mit den Ohren, nahm entfernt die Worte ihres Gefährten war, der anscheinend mit Amáya kämpfte. Warum trennte die beiden denn niemand? Sie spürte, wie sie von einer Ruhelosigkeit überfallen wurde, bis ihr ein harter Tritt in ihrem Bauch zu verstehen gab, dass die Welpen es nicht mochten, wenn sie sich sorgte. Seufzend versuchte sie sich zu entspannen, wollte sie doch, dass es ihren Welpen gut ging. Leicht gekrümmt stand sie da, der Bauch war so unglaublich rund und schmerzte nun, nach dem Tritt, ein wenig.
Dem Ruf folgend kamen nun auch Face, Lunar, Jumaana, Kensharion, Cuma, Ilias, Nienna, Phíria, Isis, Cyriell, Malicia, Ruiza, Izual, Sheena, Averic, Ahkuna, Madoc, zum Rudelplatz und versammelten sich leise murmelnd um sie. Wuffend brachte sie Ruhe in das etwas aufgeregte Rudel. Sie erklärte, was es mit dem nichts auf sich hatte, dass das Rudel sich nicht aufregen müsste, aber die Augen offen halten sollte, damit niemand von dem nichts verschluckt wurde. Sie trichterte ihnen ein, dass sie, sollten sie Veränderungen wahrnehmen, sofort Bescheid geben sollten, nicht aber in Panik ausbrechen sollten.
Der Graue lauschte wieder aufmerksam, nahm ihre Worte ernst. Aber auf ihre Fragen fand er zuerst auch keine gute Antwort, die es so begründen würde, dass es nicht nach einem ungefähren Fehler aussehen mochte. Denn das war es ja für ihn nicht gewesen. Nur selten hatte er sich nach der Richtigkeit der Dinge gefragt, nicht aus Faulheit oder Unbequemlichkeiten, schier aus der reinen Annahme ohne eine Antwort auskommen zu können. Und auch aus der einfachen Begründung, dass er sie liebte. Allerdings verblasste diese Sicht in den Augen und Worten der weißen Jungwölfin.
Für ihn hatte es nie eine andere Erklärung gegeben; er war sich immer dessen sicher gewesen, dass er mit Banshee ein Leben in Frieden und Harmonie haben dürfte. Und nun? Nun fühlte er die Schuld, die auf seinen Schultern lastete. Die er wirklich zu tragen verdammt war.
Natürlich war er nur der Ausschlaggebende Punkt gewesen, aber er hatte die Leitwölfin ins Verderben geworfen, aus Liebe? Nun mehr war es Tyraleen, die den Grauen nach der Wahrheit fragte und ihm diese auch unter Unwissen und seinen Qualen hervorlockte. Ja, sogar ein Schuldgefühl wuchs in seiner Brust und schwoll zu einem festen Knoten an. Nicht nur, dass er den Verlust seiner Kinder hinnehmen musste, jetzt fragte er sich, ob sie überhaupt hätten leben dürfen. Und er selbst; er als Vater; war versucht es mit ‚Nein’ zu beantworten. Doch im selben Moment dieses Gedankens krümmte er sich vor Schmerzen. So wollte und konnte er nicht denken. Auch wenn es wohl im Angesicht der Tatsachen besser gewesen wäre, nicht nur für ihn.
“Ich weiß darauf keine Antwort, die Dich zufrieden stellen könnte. Vielleicht Liebe, vielleicht Schicksal, vielleicht ein Fehler. Und ich muss ehrlich sagen, nicht die Tatsache, dass wir Welpen zeugten, viel mehr, dass sie sterben mussten beunruhigt mich mehr. Auch wenn sie nicht Rechtens gewesen wären, sie hätten eine Chance verdient. Und leider sind sie es, die meine Schuld ausbaden müssen.“
Sein Blick glitt auf den kugelrunden Bauch Tyraleens. Auch sie trug Welpen, die aus einer Liebe rührten, die es eigentlich nicht geben dürfte. Doch Akru störte dieses Wissen nicht, viel zu oft war er den falschen Weg gegangen und hatte Fehler gemacht, die es wert waren. Und Leben zu schenken, war durchaus kein Fehler. Nur unter gewissen Umständen könnte es zu einer brenzligen Auseinandersetzung kommen. Man konnte Hass ernten, aus Unverständnis, aus Liebe zur Mutter, aus Treue zum Vater. Wieder seufzte der Graue. Trotz seines Alters wirkte er immer jung, doch diesmal schien er seinem wahren Alter gerecht zu werden, zumindest sein Äußeres wandelte sich und zeigte einen alten Wolf, der nichts lieber sehnte als eine Heimat zu finden. So lange war er gewandert und suchte und irrte. Er glaubte in Banshee endlich ein Stück Zuhause gefunden zu haben, er erfuhr nur eine weitere Bürde, die er gerne tragen würde, wenn er es könnte. Isis hatte ihm einst versprochen, dass sie in ihre Heimat wandern würden. Es hatte ihm leichten Trost verschafft zu glauben, dass er einmal sagen konnte, er wäre dort, wo er gerne sein wollte.
“Glaubst Du das wirklich?“,
fragte er Tyraleen. Wieso glaubte sie, dass Banshee sie nicht bräuchte? Gerade das wäre es wohl, was die Leitwölfin am meisten sehnte. Und umgekehrt? Die Weiße liebte ihren Vater, obwohl sie ihn nicht kannte und sie sprach von ihm, als sei er hier. Was war geschehen? Die kalte Stille löste sich immer noch nicht und das Ufer zur anderen Welt verschwamm ein wenig.
“Es gibt nicht viele Möglichkeiten einem wichtigen Wolf, seine wahren Gefühle zu offenbaren. Nutze die verbliebene Zeit um ihr zu sagen, dass Du sie liebst. Schenke ihr Kraft. Und Du wirst das hören, was Du wolltest, was Du wünschst. Sei nicht so töricht wie ich und warte bis zum letzten Moment um dann die schmerzliche Erfahrung zu machen, dass es zu spät ist. Die Zeit ist unerbittlich und gnadenlos, doch bist Du gewillt in ihrem Rhythmus zu tanzen, so wird sie Dir treu und ein guter Freund sein.“
Er wünschte, er könnte der weißen Jungwölfin sagen, was er wusste.
Die Welt drehte sich nicht, aber still stand sie auch nicht. Vor seinen Augen wogte es - der Schnee, die Bäume, die Wölfe, alles verzerrte sich, als rühre jemand mit einer Pfote in glattem Wasser, um ein Spiegelbild zu zerstören. Das Bild blieb nach wie vor, doch es wellte sich und zitterte. Und es war schließlich auch kein Spiegelbild, dass sich hier verdrehte. Jakash wurde schlecht bei diesem Anblick. Wohin er den Blick auch wandte, überall dieses Wogen. Der junge Rüde hatte das Gefühl, ebenfalls verzerrt zu werden bei dem Versuch, das Bild gedanklich wieder gerade zu ziehen.
Auch die Stimmen verschwammen. Er hörte noch die einzelnen Klänge, aber die Worte verwischten sich zu einem bloßen Summen. Jakash fühlte keine Panik in sich aufsteigen, dazu hatte er gar keine Gelegenheit. Etwas drückte auf ihn nieder, dann wieder hatte er das Gefühl, sich vom Boden lösen zu können, wenn er jetzt auch nur eine Pfote hab. Und doch saß er nur erstarrt und schien mit müdem Blick zwischen den Wölfen hin und her zu blicken. Er wollte etwas sagen, wollte fragen, was hier los war, doch es blieben lediglich Gedanken. Irgendwie begriff er noch, dass sich ein Kampf anbahnte. Es lag in der Luft, knisterte. Und dann verschwanden die Farben. Die Umgebung verschwand fast völlig, war nichtig. Die Wölfe stachen klar heraus, aber sie waren nicht mehr als die zu erkennen, die sie waren. Zwei Wölfe kämpften. Beide waren pechschwarz, kaum Konturen zu erkennen, und mit leuchtend roten Augen ohne Pupille. Die Bewegungen schienen ihm wie in Zeitlupe. In der Nähe eine weiße Wölfin. Von irgendwoher kam das Wissen, dass die Weiße gestrahlt hätte, würden die ganzen Schatten nicht ihren Glanz überlagern. Und da war noch ein Wolf, grau und unscheinbar fast wie der Hintergrund und nah bei ihm. Jakashs Blick glitt langsam zurück zu den Kämpfenden. Das Schwarz leuchtete schier, und dem jungen Rüden schwindelte.
Ein Summen neben ihm, eine Stimme. Jakash wandte den Kopf um, und es schien ihm eine Ewigkeit zu dauern. Da war ein Wolf bei ihm, leuchtend schwarz und mit roten, glühenden Augen. So nah wie er war, wirkte seine Präsenz derart drückend, dass es Jakash die Luft raubte. Der Jungrüde erhob sich, schwankte, fand sein Gleichgewicht nur knapp. Er musste hier weg, irgendwas lief gerade vollkommen falsch. Merkten die anderen denn nichts davon? Sahen sie es nicht? Jakash schloss die Augen und drehte sich um. Sich nicht umzusehen half ein wenig. Doch er musste die Augen öffnen um zu sehen, wohin er ging. Der Schwarze setzte sich in Bewegung, lief erst langsam los und wurde dann schneller. Für sein empfinden kam er dennoch nur langsam voran, obgleich er tatsächlich schnell rannte. Rannte und rannte, wich so manchem Baum nur knapp aus und stieß hier und da mit der Schulter an die Stämme. Irgendwann hörte das Wogen endlich auf, kehrten Farben und Geräusche in ihrer richtigen Form zurück. Jakash hielt inne und keuchte, rang jedoch nicht nur wegen des Laufens um Luft. Nur langsam endete auch das verdrehte Gefühl in seinem Magen. Was, bei Engaya und Fenris, war da passiert? An die beiden Götter zu denken, ließ ihn schaudern. So hatte er noch nie gefühlt...
Akrus Schmerz zeichnete sich erschreckend deutlich in der Luft ab. Tyraleen durfte nicht vergessen, dass noch immer nur wenige Momente nach der Todgeburt der Welpen des Grauen vergangen waren und dass er darunter litt so wie sie darunter leiden würde. Es schien ihr plötzlich falsch, ihn mit solchen Fragen zu quälen, dennoch wollte sie noch diese eine Antwort - mit jeder Sekunde wissend, dass er sie nicht geben konnte. Sie würde nicht nachhaken, nicht noch tiefer in der großen Wunde Akrus bohren, auch wenn sie dann akzeptieren musste, diese Frage nie beantwortet zu bekommen. Selbst die Götter schienen es nicht zu können, hatten sie doch diese Todgeburt gebraucht, um die Welpen zu verhindern. War das ein ketzerischer Gedanke? Oder einfach die Wahrheit? Als Akru schließlich antwortete, bestätigte sich ihre Vermutung. Er wusste es nicht. Wahrscheinlich wusste es Banshee ebenso wenig. Was könnte es dann anderes sein, als ein Fehler? Schon im Hinblick darauf, dass die Welpen jetzt tot waren. Da wäre es besser gewesen, sie nie gezeugt zu haben.
“Es war wohl ein Fehler. Der Tod der Welpen dagegen war Schicksal. Die Pläne der Götter zu durchkreuzen fordert seinen Preis.“
Sie wusste nicht, wie nahe Akru ihren Göttern stand. Seine Art, seine Ausstrahlung, alles an ihm wurde umhüllt von etwas nicht irdischem. Sie war sich fast sicher, dass er viel über Engaya und Fenris wusste, aber wo er stand war ihr vollkommen unklar. Vielleicht würde er über sie lachen, weil sie nicht daran glaubte, dass die Welpen aus Zufall tot geboren wurden, vielleicht würde es ihn auch noch schwerer treffen. Wie klar war sein Blick für die untrennbare Beziehung zwischen Banshee und Acollon? Als Akrus Blick ihren runden Bauch traf, zuckten ihre Ohren ganz leicht zurück. Sie konnte nicht erraten, was er dachte, aber sie wollte ihre Welpen in dieses Gespräch nicht einbringen. Sie sollten fern von Tod und Leid geboren werden … über ihnen schwebte Engayas Segen, was auch immer über sie gedacht wurden, sie waren rechtens und gut. Sie war froh, als Akru wieder sprach, auch wenn seine Worte ihr einen Schauer über den Rücken jagten. In ihnen lag ein Wissen, welches er kaum haben konnte und sie sagten ihr, dass Banshees Zeit unerbittlich ablief. Wie könnte ihre Mutter sterben? Würde sie nicht ewig leben? Tyraleen hatte das immer geglaubt, ohne wirklich zu wissen, ob das überhaupt möglich war. Aber zumindest … länger als andere Wölfe. Wie alt war Banshee? Tyraleen hatte keine Ahnung, aber jetzt, wo sie darüber nachdachte, mussten es viele Jahre sein. Sie hatte schon so erwachsene Welpen wie Averic und das Rudel gab es schon so lange. Angst glomm in ihren Augen auf.
“Es wird genug Zeit sein. Noch eine lange Zeit.“
Kurz huschte sogar ein Flehen durch ihre Augen, als müsse Akru diese Worte nur bestätigen und die Welt wäre wieder in Ordnung.
“Aber … ich brauche diese Zeit auch. Du weißt nicht, wie es ist als Tochter einer so großen Leitwölfin wie Banshee geboren zu sein, mit einem Vater, der nur so selten bei ihr und seinen Welpen ist. Du weißt nicht, wie es ist, in einer so großen Familie zu leben, ohne wirklich Familie zu haben.“
Obwohl ihre Worte fast ein wenig nach Vorwurf klangen, war ihre Stimme neutral und auch sie selbst wirkte nicht, als wolle sie Akru erneut angreifen. Viel eher schien sie ein wenig abgerückt von dieser Situation, hinein in die Welpenzeit, als sie als kleiner Welpe auf dem Rudelplatz saß, niemanden kannte und von niemandem beachtete wurde.
Die Schwere hatte sich ganz langsam zurückgezogen. Das Blut schien Banshee nicht länger tief in den Schnee zu drücken, sondern war getrocknet und leichter geworden. Die wenigen Stellen reinen Weiß’ glommen wie hoffnungsvolle Schimmer in einer dunklen Nacht und jeder Atemzug machte ihr die ruhige Kälte des Tages bewusster. Fern von der brennend heißen Trauer und dem glühenden Schmerz. Nyotas Thränen versiegten, ebenso wie Banshees und eine lange Zeit war es ganz still. Obwohl zuvor ebenso wenig laute Geräusche die Szene zerschnitten hatten, war es ihr vorkommen, als hätten tausend Stimmen gebrüllt, die jetzt endlich verstummt waren. Nur noch der leise Atem von ihrer Schwester und ihr in der Stille. Für das, was zwischen ihnen lag, war kein Lärm angebracht, kein rasend brennender Sturm. Ein Versprechen, ein Packt, ein Eid. Gegeben in der tiefsten Verzweiflung mit dem rebellischen Wunsch in sich, noch nicht aufzugeben, immer weiter und weiter zu gehen, bis der Weg endgültig sein Ende gefunden hatte. Gemeinsam. Etwas, was Hoffnung gab. Etwas, was mehr Stärke gab, als Banshee je bekommen hatte.
Ein erstes, echtes Lächeln – noch immer voller Wehmut doch mit dem Schimmer der Hoffnung in den Augen – begann auf ihren Lefzen zu tanzen. Sich nehmen, was man kriegen kann und dem Himmel nichts mehr zurückgeben. Die Zeit, die jetzt noch kommen würde, würde für immer ihnen gehören, ein unermesslich wertvoller Besitz, den wohl niemand mehr schätzen könnte, als die beiden Schwestern.
“Wir sind alles hier und jetzt. Und wir werden nichts bereuen.“
Ein weiteres Versprechen, ein erster Plan ihres Bundes. Gemeinsam noch einmal leben … was auch immer es bringen würde. Keinen Fehler, keinen Schritt mehr bereuen, sondern immer weiter gehen. Es klang fremd und ungewohnt, war es doch fern von Banshees Lebensweise zuvor. Doch sie war noch einmal bereit, sich auf etwas Neues einzulassen, noch ein letztes Mal den Spuren ihrer Schwester folgen und sich alles holen, was es zu holen gab. Stolz flutete ihre Seele, noch immer an der Seite Nyotas zu sein. Die Gedanken gaben ihr plötzlich wahnsinnige Kraft, ihr Leben noch einmal zu genießen und doch in tiefer Demut - ohne Engaya – zu leben schien nicht mehr unmöglich. Nyota war an ihrer Seite, die Nyota, die in jedem Sturm mit ihr gekämpft, die ihr so viel von sich gegeben und doch niemals etwas verlangt hatte.
Banshee erhob sich langsam. Es ging erstaunlich leicht, tatsächlich schmerzte ihr Bauch kaum noch. Auch ihre Läufe knickten nicht ein und selbst das Gefühl der ewigen Mattheit wurde vertrieben von der Stärke Nyotas, die durch ihre Adern pulsierte. Alles hier und jetzt … Wie als müsse sie ihrer Schwester aufhelfen, fuhr sie mit der Schnauze an ihrem Hals den Kopf hinauf und verharrte mit der Nase einige Sekunden an ihrer Stirn. Dann lag ihr Blick erstmals wieder auf den vier toten Welpen.
“Ganz in der Nähe fließt einer der vielen kleinen Bäche. Er ist nicht tief, aber sie sind auch noch so klein. Hilfst du mir, sie dorthin zu bringen?“
Die Stärke hatte es noch nicht ganz zu ihrer Stimme geschafft. Sie war brüchig und zitterte ein wenig, als würde sie gleich ganz verstummen. Doch ihre Augen sagten etwas anderes. Langsam beugte sie sich zu den frei von Blut gewaschenen Körpern ihrer Kinder. Sie waren noch so klein, dass Banshee zwei von ihnen mühelos sanft zwischen die Zähne nehmen konnte. Kaum größer als Mäuse sah es sicher grausam aus, aber nicht den winzigsten Kratzer hinterließen die scharfen Zähne der Weißen in der weichen Haut. Alles hier und jetzt …
Roukus Ohren zuckten bei der bissigen Antwort von Cuma. Auch viel ihm das vorgetäuschte Lächeln auf, soweit konnte er dies gut unterscheiden. Etwas verwirrt blickte er zwischen den Beiden hin und her. Setze sich auf seine Hinterpfoten und hielt kurz inne. Den Worten Isis lauschend versank er immer mehr im Schweigen. Die Wüstenfähe berührte ihn an der Schulter, es war angenehm und er fühlte ihr Fell das in immer an eine Wüste erinnerte. Ein sanftes Lächeln huschte ihm über die Lefzen, daran erinnernd das seine Mutter Wüstenwölfe als Vorfahren hatte. Seine Urgroßmutter war eine Wüstenfähe gewesen, kannte sie aber nur von Erzählungen her. Denn er wollte von seiner Mutter immer eine Erklärung warum er der Kleinste der Familie war.
„Hmm…“
Begann er um einmal seine Stimme zum sprechen zu bewegen. Viel reden war nicht seine Persönlichkeit, deshalb brauchte er ein wenig um die richtigen Worte zu finden. Noch dazu war er von zwei Fähen umgeben, was ihm auch irgendwie ein wenig schmeichelte.
„Nun, meine Mutter verstarb als ich noch Klein war, mein Vater zog meine Schwester und mich groß verstarb aber schließlich auch.“
Er senkte kurz den Blick, so gesehen wollte er nicht darüber sprechen, lieber wollte er etwas über Cuma und Isis erfahren und mehr über das Rudel, doch er sprach einfach weiter.
„Meine Schwester und ich trennten uns darauf hin und gingen unsere eigenen Wege. Ich blieb schließlich alleine, aber immer noch mit der Hoffnung meine Schwester wiederzusehen. Nun, jetzt bin ich hier, auf der Suche nach einem Rudel, einem Zuhause. Denn ich bin des langen alleinseins satt. “
So nun hatte er genug geredet und wartete auf die Antwort, oder eher Fragen der beiden Fähen.
Aszrem registrierte die Gesten der Zurückhaltung mit einer gewissen Zufriedenheit. Hier hatte er scheinbar jemanden vor sich, der noch Wert auf Höflichkeit legte und die Sitten achtete, die sich auf das Aufeinandertreffen zwischen Rudeln und Wanderern bezogen. Blieb abzuwarten, ob der fremde Rüde auch generell so auftrat. Seinen Namen nannte schonmal nicht. Gab es dafür einen bestimmten Grund, oder hatten seine Worte den Fremden derart abgelenkt, dass er vergessen hatte, sich vorzustellen?
"Schicksalsschläge",
antwortete er auf die Frage des Rüden. Vie mehr würde er dazu nicht sagen - der Großteil des Rudels wusste über die Tragödie Banshees und Akrus nichts, einem Fremden würde er davon erst recht nichts erzählen. Wenn er blieb, mochte er es vielleicht einmal erfahren, aber das würde die Zeit dann zeigen. Aber da war noch etwas anderes, und dieses Etwas trieb das Rudel auf Befehl Nyotas zum Rudelplatz. Darüber konnte Aszrem nichts berichten, denn er wusste schließlich selbst nicht, worum es dabei ging.
"Dieses Rudel hat noch niemanden abgewiesen, Wanderer, jeder erhält hier seine Chance. Wenn du bleiben möchtest, und sei es nur für eine Weile, kann ich dich zu den Betas bringen",
fügte er schließlich hinzu. Die Bezeichnung 'Wanderer' war Aszrems Art, dem Fremden mittels eines dezenten Hinweises darauf hinzuweisen, dass er sich noch nicht vorgestellt hatte. Hatte er seinen Namen in seinem Ruf erwähnt? Aszrem vermochte es nicht mehr zu sagen, aber das spielte auch nur eine untergeordnete Rolle. Schließlich stellte man einander vor, wenn man das erste Mal aufeinander traf. Aszrem wandte sich halb zum Gehen, jedoch ohne loszulaufen. Es galt noch, die Antwort des Rüden abzuwarten - dies war nur eine einladende Geste, die seine Worte unterstreichen sollten...
Amiyo war Kylia natürlich sofort gefolgt, aber die Braune war sich nicht ganz sicher, ob sie darüber glücklich sein sollte. Am liebsten wäre sie wohl im Erdboden versunken oder plötzlich einfach ganz allein irgendwo im Wald. Sodass niemand sah, wie verletzt sie von Urions Angriff war und keiner mitleidig auf die kleine Kylia blicken konnte, die eben mal einen auf den Deckel bekommen hatte. Amiyo war natürlich nicht so, aber auch vor ihm war ihr ihre Traurigkeit peinlich. Oder einfach der gesamte Vorfall. Sie war noch nie damit zu Recht gekommen, vor jemand anderem niedergemacht zu werden. Auch wenn das bis jetzt fast noch nie vorgekommen war. Ihr Gefährte stupste sie an und stellte sich vor sie, aber den Kopf wollte sie trotzdem nicht heben. Als er sprach, zuckten ihre Ohren vor und zurück. Er ging mit keinem Wort auf die Situation eben gerade ein und dafür war sie ihm wirklich dankbar. Egal, was er über Urion oder sein Verhalten gesagt hätte, es hätte alles nur noch schlimmer gemacht. So aber schickte er ihre Gedanken wieder in eine andere Richtung und nahm ihr damit ihre Beschämtheit. Sie hob ganz leicht das Kinn und blinzelte in die goldfarbenen Augen Amiyos.
“Ich mag es, wenn du redest. Du hast eine so schöne Stimme.“
Sogar ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lefzen, dann traf sie auch schon der Blick von Kaede. Sanft berührte sie ihren Gefährten an der Nase und tappte dann zwei schüchterne Schritte an dem Rüden vorbei zu der Betafähe. Sie entschuldigte sich für ihren Gefährten und natürlich war Kylia ihr dankbar dafür … auch wenn es die Situation nicht schöner machte. Es gab ihr dennoch ein wenig Stärke zurück und nahm ihr die Ohnmacht der Untergebenen. Sogar ihre Rute zuckte leicht. Kurz darauf hatte sie sie auch schon wieder zwischen den Hinterläufen, ebenso wie ihre Ohren sich eng an ihren Kopf anlegten. Urion schien durchzudrehen. Er war wohl wirklich wütend und irgendwie … ja … er schien vollkommen überzuschnappen. Kylia war fast erleichtert, als er davonrannte und damit nicht mehr für sie bedrohlich war. Sollte er doch jemand anderen demütigen, sie war zum Glück hier bei Kaede. Jetzt nickte sie auch der Betafähe zu, im gleichen Moment fiel ihr ein, dass das die Graue gar nicht sehen konnte und sie beeilte sich, etwas zu sagen.
“Danke, Kaede. Ich werde versuchen, dir so gut wie möglich zu helfen.“
Als die Beta dann das Rudel zusammenrief und endlich alle – fast alle – da waren, half Kylia ihr so gut wie möglich, das Nichts zu erklären, besonders weil Kaede es ja gar nicht gesehen hatte. Sie war froh, helfen zu können und etwas Nützliches zu tun, auch wenn es sie noch mehr erleichterte, als endlich alles gesagt worden war.
Er neigte leicht den Kopf, fixierte den schwarzbraunen langsam, seine Augen hatten viel an Kraft eingebüßt, das Alter legte sich langsam über seine Knochen, doch noch hatte ihn die Zerbrechlichkeit nicht eingeholt.
"Verzeiht, ich habe vergessen mich vorzustellen. Mein Name ist Iori.
Er trat leicht zur Seite, bereit Aszrem zu folgen denn diese 'Schicksalsschläge' von denen sein Gegenüber gesprochen hatte, machten das Rudel weniger fern, sondern verdeutlichten dass auch die hier lebenden Wölfe normale Wesen waren. Wesen die dem Leben wie dem Tod ausgeliefert waren und die das Schicksal nicht verändern konnten.
"Wenn es erlaubt ist, würde ich gerne zu den Betas Gehen. eine weile bleiben... eine weile...ruhen
Er beobachtete Aszrem und eine tiefe Traurigkeit legte sich über die verschiedenfarbigen Augen. Er hatte Wölfe wie ihn gesehen, massenweise. Sie strahlten Glück aus, Glück....vielleicht wurde sein Gegenüber bald Vater? So wie er selbst einst... Schmerz bewegte sich wie eine Walze aus Glut durch seinen Körper auch wenn seine Mimik unbewegt war.
04.01.2010, 22:28
Die Graue hatte nur kurz zu Isis Worten genickt. Mehr konnte sie im Moment einfach nicht. Innerloich herrschte ein Kampf. Verlangen gegen Traurigkeit. Das Verlangen siegte schließlich, nach einigen sehr qualvollen Sekunden. Cuma hörte dem Braunschwarzen interessiert zu. Sie kannte dieses... Alleinsein. Sie dachte kurz an Kenshi. Er hatte sie allein gelassen. Sie war auf nichts vorbereitet gewesen. Und dann war er weggewesen. Innerlich stach das Messer mehrere Male sehr schmerzhaft zu. Und hinterließ weitere Wunden im eh schon blutenen Herzen. Cuma heulte innerlich auf, äußerlich jedoch behielt sie ihre Maske bei. Ihre Fassade war perfekt, niemand würde sie jetzt durchschauen können, außer vielleicht Malicia. Kurz sah sie sich um. Sah jedoch ihre beste Freundin nicht. So wandte sie sich wieder zu Rouku um. Ein Lächeln, diesmal nicht gestellt oder angestrengt, breitete sich auf dem hübschen Gesicht aus. Cuma lächelte auch kurz Isis zu, dann erhob sie wieder das Wort. Ihre Ohren spielten ein wenig umher, doch bevor sie antworten konnte, hörte sie Kaedes Stimme. Die drei Wölfe machten sich auf den Weg zur Beta. Dort stand auch eine weitere Fähe neben Kaede. Wie die wohl hieß? Jetzt war das eigentlich egal. Sie lauschte den Worten der beiden Fähen und schaute suchend in der Menge umher, wo war Malicia? Neben ihr stand Isis, auf den anderen Seite Rouku. Ihr Blick blieb an seinem Profil hängen. Gerade Nase, dunkle Augen, lange Wimpern. Sie schaute ihn kurz an. Nachdenklich.
"Was sagt ihr dazu?"
meinte sie nach einer Weile, als Kaede aufgehört hatte, zu reden. Das hörte sich nun wirklich unrealistisch an. Aber wenn die beiden es gesehen hatten... Moment, nur die Graue hatte es gesehen. Cuma überlegte, doch Kaede hatte ihnen alles eingebläut, so dass Cuma doch keine Bedenken mehr hatte. Sie würde es auf jeden Fall nicht auf die Prüfung stellen.
Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, dass sie hier so nahe beieinanderstanden und ihre Nasen im Pelz des jeweils anderen vergruben. Aber Auch die Ewigkeit hörte irgendwann auf, da war Kandschur sich sicher. Er seufzte leise, drehte die Ohren zur Seite und löste sich von Liam.
"Liebster...so schön und toll es auch war...wir müssen zurück. Das Rudel braucht uns, wir haben Verantwortung"
Sie mussten zurück, die Verantwortung dem Rudel gegenüber wog fast so schwer wie seine Liebe zu Liam aber er durfte seine Verantwortung nicht vernachlässigen und Liam durfte das auch nicht. der schwarze Tibeter lächelte, straffte seinen Körper und schmiegte sich noch mal an Liam ehe er an diesem vorbeitrottete. Aradis und Kisha waren noch irgendwo hier und sie durften die Fähen nicht im Ungewissen lassen
Ruiza seufzte, lehnte sich leicht an Cyriell. sie wusste nicht so ganz genau warum die Beta, Kaede hieß sie oder so, sie hier her gerufen hatte. Es musste allerdings schon etwas seltsames oder gefährliches sein. Umsonst waren sie sicherlich nicht hier. Es verunsicherte Ruiza ein wenig weswegen sie auch Cyriells Schutz und Nähe suchte. Cyriell hatte bestimmt keine Angst. oder? Sie wagte einen Blick zu dem Grauen doch sie konnte seine Mimik nicht deuten. Rüden hatten doch keine Angst, immerhin hatte er auch keine Angst vor ihr gehabt. Er hatte sich ihr entgegengeworfen und ihrem Gekeife standgehalten. Er durfte einfach keine Angst haben. Sie glaubte einfach nicht daran dass ihr Engelsauge angst hatte. Er war mutig und stark. Und das bewunderte sie maßlos an ihm.
"Cyriell...."
Wisperte sie und kauerte sich auf dem Boden zusammen, den Kopf in den Schnee gedrückt, die Augen zugekniffen. Alles kam ihr so fremd vor und sie wusste nicht was sie davon halten sollte. Sie wollte fort, an einen Platz wo sie nachdenken konnte. sie wollte mit Cyriell fort, aber sie wusste dass er wegen seinem Bruder bleiben würde und sie konnte es ihm nicht verdenken. also würde sie auch bleiben.
Aszrem nickte dem Rüden zu, als dieser sich nun endlich vorstellte. Die Entschuldigung für dieses Versäumnis nahm er gleichzeitig mit dieser Geste an und verlor kein weiteres Wort darüber. Der Name Iori klang seltsam in seinen Ohren, exotisch, so wie viele Namen der Wölfe dieses Rudels. Kam der Fremde wie er selbst ebenfalls von weit her? Der Schwarzbraune musterte Iori ein weiteres Mal, als dieser erneut sprach. Ruhen wollte er. Aszrem konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er eigentlich 'in Frieden ruhen' hatte sagen wollen.
"Ich denke nicht, dass dir dein Anliegen verwehrt werden wird",
erwiderte er und wandte sich zum Gehen. Kurz wartte er, bis Iori sich ihm angeshlossen hatte, dann schritt er in Richtung des Rudelplatzes. Aus Rücksicht auf den älteren Rüden schlug er kein allzu schnelles Tempo an, abgesehen davon, dass er selbst eben erst einen langen Lauf hinter sich gebracht hatte. Aber der Graue hatte davon gesprochen sich auszuruhen, gut möglich also, dass er eine lange und erschöpfende Reise hinter sich gebracht hatte.
"Das Rudel versammelt sich, irgendetwas Wichtiges ist passiert oder steht bevor. Abgesehen von den Schicksalsschlägen, über die bislang nur einige bescheid wissen, soweit ich weiß",
sagte er irgendwann, um Iori auf die Versammlung des Rudels vorzubereiten. Sie würden noch eine Weile brauchen um zum Rudelplatz zu gelangen, und sollte der Graue Abneigungen gegen so große Ansammlungen von Wölfen haben, so war es nur fair, ihn zu warnen. Nur ab und an sah er zu dem Rüden, wenn auch seine Ohren beständig auf dessen Bewegungen lauschten. Aszrem war nicht wirklich misstrauisch, jedoch wachsam. Dazu kam seine Angewohnheit zu beobachten - und dazu brauchte es nicht ausschließlich den Sehsinn...
Der Graue schüttelte den Kopf nur leicht, er wollte damit nicht das Todesurteil der Leitwölfin besiegeln, aber lügen konnte er auch nicht. Zu sehr würde es nach einer geschmacklosen Ausrede wirken, hätte er es nun nicht zugegeben. Nach wie vor hielt er sich eher bedeckt und doch preiste er Tyraleen mehr, als er zuvor angenommen hatte. Er sah ihre Angst in den Augen funkeln und konnte es nur allzu gut verstehen. Aber kein Weg führte daran vorbei und auch kein Pfad zeigte den Rückweg. Akru spürte mehr und mehr, dass er nur ein Spielball für irgendwelche tiefe und intrigierte Machtkämpfe der Götter wurde. Ob nun der eigenen Gefühle Herr oder nicht. Das zählte wohl für diese Momente nicht, er war nicht von Bedeutung und doch der ausschlaggebende Täter. Bei ihren letzten Worten hatte er ein Bild von einem kleinen weißen verlassenen Welpen vor Augen. Welcher sich zurückzog und lieber die Einsamkeit bevorzugte. Ein schmerzliches Lächeln huschte über seine Lefzen.
“Ich weiß es wirklich nicht, nein. Aber denke nicht zu sehr an das Vergangene, siehe nach vorn. Du wirst Mutter, Du hast bald Deine eigene Familie. Mit einem Rüden an Deiner Seite. Banshee hatte das Vergnügen nicht, so lasse sie teilhaben an Deinem Glück. Zeige ihr die Stärke, die sie jetzt nicht mehr aufbringen kann. So werde ich mich zurückziehen können, im Wissen nicht mehr Unheil über sie zubringen und sie trotzdem in starken Pfoten zu wissen. Tyraleen, bald wirst Du eine wichtige Aufgabe übernehmen. Siehe nicht zurück und bereue, was Du nicht hattest. Schätze, was Du haben wirst.“,
er machte eine kurze Pause und streckte sich in Höhe. Nun wieder etwas jünger wirkend. Er vertraute auf das Talent der weißen Jungwölfin und das ließ er in seinen Blicken deutlich merken.
“Ich bin Zeitwächter“,
sagte er ohne Zusammenhang und geradeso als könnte er ihre Gedanken lesen.
“Weder Tod noch Leben. Im Zwiespalt gefangen ohne in eine Richtung gehen zu können. Du hast es sicherlich gespürt, oder? Ich sehe, was passieren wird und ich erahne das Vergangene meines Gegenübers. Es ist keinerlei ein Segen, viel mehr ein Fluch. Ich wünschte manchmal, ich könnte meine Schuld rückgängig machen. Aber das ist falsch, ich kann es nicht, keiner kann es. Aber Du, Du bist etwas Besonderes, eine starke Persönlichkeit. Nutze Deine Stärke um anderen zu helfen und um die Welt wärmer zu machen.“
Die blauen tiefen Augen ersuchten nach Anhaltspunkten in ihren Goldenen. Das erste Mal wagte einen kleinen Einblick in das Vergangene, ohne in ihre persönlichen Krisen abzurutschen. Er seufzte, leicht hatte sie es nicht gehabt, aber umso glücklicher wird sie sein.
“Ich werde mich zurückziehen.“
Leicht kniff die Fähe die Augen zusammen, die Ohren gespannt – wie der Rest ihres Körpers – nach vorne gerichtet, die Lefzen drohend zurück gezogen. Nachdem sie nach Urion geschnappt hatte, war sie vorerst wieder zurück gesprungen, umkreiste den Rüden langsam aber stetig. Er wollte spielen, gut, damit kam sie wunderbar klar.
„Ich denke nichts stinkt erbärmlicher als du. Wobei: Du bist erbärmlich.“
, grollte sie und das Grollen wandelte sich in ein dumpfes Lachen. Als das spielerische Austesten und Abtasten nach und nach dem richtigen Kampf, bei dem es um mehr als nur um Kräftemessen ging, ließ Amáya Spott und Zynismus hinter sich und konzentrierte sich ausschließlich auf die Bewegungen des Grauen. Immer wieder sprang die Schwarze vor, schnappte nach allem was sie von Urion erhaschen konnte und grub schließlich ihre Zähne in seinen Nacken, während er sie an der Seite in der Nähe ihres Bauches erwischte.
„Perverze Zau!“
, knurrte sie als Antwort auf sein obszönes Angebot und mit seinem Fleisch im Maul, an welchem sie immer mehr zerrte und den Druck ihrer Kiefer verstärkte. In dieser Haltung konnte sie ihm wenigstens nicht in diese dämlichen Augen blicken, die wild herum kugelten und ihm noch mehr das Aussehen eines Deppen gaben. Allerdings lenkten sie die Pfoten des Nordwolfes ab, die versuchten ihren Körper zu umklammern und rammte dem Rüden schnell die Schulter in den Zwischenraum zwischen Hals und Schulter und drängte ihn so von sich weg. Das er dabei ihre Seite aufreißen konnte war ihr gleichgültig. Hier war die Ausnahme, die jede Regel bestätigte: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Egal was Urion tat, er würde es nicht umsonst tun.
Urion spürte einen ruckartigen Schmerz, als Amáya sich von ihm riss. Seine ganze Schulter war letztendlich offen und das Blut floss nun unaufhaltsam in den Schnee. Der Graue grinste die schwarze Fähe an. Sie kämpfte unkontrolliert, biss, zog und zerrte an dem Fell des Rüden was nun völlig zerfetzt war. Überall klafften die Wunden, doch trotzdem brach er nicht wie Zack in sich zusammen. Urion war kampferprobter und nebenbei auch noch völlig wahnsinnig. Urion riss sein Maul weit auf, dann ließ er knurrend die Kiefer aufeinander krachen.
“Mag ja sein das ich erbämlich bin, aber trotzdem stehe ich immer noch weit über deinem dreckigen Niveau.“
Urion begann wieder zu kichern, dabei schnellte er nach vorne und schnappte zischend nach Amáyas Läufen. Hier bestimmte er, wann der Kampf zuende sein würde und das…. Urion hielt in seiner Bewegung inne. Sein ganzer Körper begann zu schlottern, zu zittern, als würde unter seinen Pfoten ein Erdbeben stattfinden. Dann zerschoss ein wahnsinniger Schmerz die sieben Sinne des Grauen und er begann vor Amáya Blut zu erbrechen. Mit einem Mal wurde der Schnee blutrot und füllte sich wie ein See. Der Rüde wusste, dass er nicht zusammenbrechen durfte, das würde seinen tot bedeuten. Urion richtete sich wieder auf.
“Okay Amáya, bis hierhin und nicht weiter. Ich habe keine Ahnung was dich reitet, du wirst nie verstehen, was in mir lebt. Lass und den Kampf hiermit beenden. Als faire Gegener.“
Immer mehr verlor sich die Schwarze, gab sich ganz ihrem Hass und ihrer Wut hin, ließ diese beiden Gefühle durch ihren Körper pulsieren, bis sie nichts anderes mehr spürte. Adrenalin jagte durch ihre Venen, ihr Kopf war leer, leer aber klar. Sie wusste genau was sie tat. Sie wusste, dass sie Urion Schaden zu fügte. Sie erkannte, dass er Schmerzen hatte, während sie selber wie in einer unsichtbaren Hülle geschützt da stand und nichts fühlte. Der Grauwolf hatte sie kaum getroffen, aber er hatte sie erwischt. An ihrer Seite wurde ihr Pelz von ihrem eigenen Blut verklebt. Es war nicht tief, blutete aber trotzdem. Der Biss würde schnell heilen. Sah man sich hingegen die Wunden an, die der Grauwolf davon getragen hatte und wie er jetzt anfing Blut zu spucken, konnte Amáya nur über ihren Kratzer lachen.
„Witzfigur!“
, höhnte sie und fixierte den Nordwolf. Keine seiner Bewegungen entging ihr. Ein paar Schritte hatte sie zwischen sich und ihn gebracht. Keine große Distanz, die nicht zu überbrücken war. Er schnappte nach ihren Läufen und sie wich tänzelnd zurück, die Vorderläufe angehoben, sprang dann seitwärts weg und der Graue taumelte ins Leere. Sofort ließ sie sich wieder auf alle viere, machte einen Schritt zur Seite, wirbelte herum und griff erneut an. Es war ihr gleichgültig, was mit Urion war. Auf seine Worte presste sie nur ein gezischtes Lachen heraus. Auf diese Finte würde sie nicht herein fallen!
„Willst du mich verarschen! Spielst erst den bösen Wolf und machst dann schon schlapp!“
Kräftig stieß sich de Dunkle vom Boden ab, zielte und schnappte nach Urions Hals. Sie spürte es unter ihren Fängen knacken, wenn die Sehnen verrutschten und von ihren Zähnen zerquetscht wurden. Blut quoll ihr an den Lefzen entlang herab. Sie hatte gewonnen und sie würde jetzt nicht klein bei geben. Mit einem Ruck riss sie den Kopf zurück, umkreiste den Rüden von neuem und biss nach seinen Hinterläufen. Wie wahnsinnig setzte sie den Tanz um Urion fort, schnappte hier und biss dort zu, zog die Kreise immer enger um den Wolf, der den Todesengel schier hilflos ausgeliefert war. Nun schräg vor ihm stehend huschte kurz ein bösartiges Grinsen über ihre blutverschmierten Lefzen.
„Ruhe sanft, kleiner Clown. Grüß den Schwächling Zack von mir...“
Mit einem Hechtsprung auf den Rüden gruben sich ihre Fänge nun in den Hals, nahe der lebenswichtigen Halsschlagader tief ins Fleisch. Mit einem triumphierenden Grollen biss Amáya immer fester, immer rasender. Die Schlinge zog sich zu.
Der braune Rüde verharrte in Anspannung. Er nahm kaum mehr Notiz von Aryan und Daylight. Nicht einmal bemerkte er das Jakash verschwand. Seine Konzentration und jede Faser seiner Beherrschung war auf den Kampf vor ihm gerichtet. Er musste sich schwerlich zurück halten um nicht einfach loszustürmen und sich hinzu zu werfen. Er war kein Kämpfer, doch so sinnlose Gewalt verabscheute er. Er wollte niemanden sterben sehen an dem Tag an dem er hier ankam. Eigentlich wollte er niemals mehr jemanden sterben sehen. War dies nicht schlussendlich ein Grund gewesen, warum er Wanderer geworden war? Es war der leichteste Weg eine gewisse Grunddistanz aufzubauen und schlimmen Dingen aus dem Weg zu gehen und andersherum nur die Guten mitzunehmen. Eigentlich ein egoistischer Grund. Doch wer wollte es ihm vorwerfen, wenn keiner darum wusste? Und niemals wissen sollte. Wenn es etwas gab worüber der Rüde sich verschwieg, dann war dies die Zeit vor seiner Wanderschaft. Bevor er zum Vagabunden geworden war. Was davor war, war jedoch auch unwichtig für jeden anderen Wolf, schließlich war es Jahre her und von seinen neuen Leben verdeckt, so als wäre es nie geschehen. Nur in solchen Situationen fand sich der Gedanke von Blut und Tod wieder in seinem Kopf ein und sendete schmerzhafte Signale an sein Herz. Dränge seine Pfoten zum Handeln. Nur das gewisse Bisschen Kampferfahrung ließ ihn noch verharren, wusste er doch, dass er tot war wenn er im falschen Moment eingriff.
Minuten verzogen sich zu Stunden, Sekunden zu Minuten. Schauer um Schauer rann ihm über den Rücken. Er hasste es untätig zu sein, hasste es noch mehr hilflos zu sein. Und das war er in diesem Moment, hilflos gegenüber diesem sinnlosen Kampf. Die Ohren lehnten inzwischen zurück, der Schnauzenrücken war gekräuselt. Und dann. Urion wollte aufhören. Und Amáya ließ nicht von ihm ab. Er beobachtete stumm wie die Fähe ihm mehr und mehr zusetzte, ihre eigenen Wunden in ihrem Wahn nicht einmal zu bemerken schien. Und Urion wehrte sich nicht. Die Stimme der Schwarzen jedoch drang schneidend in sein gehör. Der Sprung verlief in Zeitlupe und vielleicht war es das, was ihm Zeit gab zu handeln. Im nu war der Rüde auf den Pfoten und ebenso im Sprung wie die Schwarze.
Sein Körper prallte hart gegen ihre Seite. Sodass der Druck die Fähe unweigerlich zur Seite riss. Zusammen landeten sie auf den Boden und wie aus einem Reflex heraus, stemmte der Rüde die Vorderpfoten links und recht ihres Nackens auf, der Brustkorb, mit der beschleunigten Atmung drückte die Schwarze zu Boden. Schutz und Fessel zugleich. Der Blick aus den Bernsteinaugen lag auf Urion, er beobachtete den Wolf genau, versuchte sich auszumalen, ob er die Chance nutzen würde und Amáya vernichten würde, wo sie doch so uneinsichtig war. In jenem Fall, so war er sich sicher, würde er sie trotz allem verteidigen. Er wollte keinen Toten. Er bat Urion stumm es zu lassen. Betete dass er nicht angriff. Das er seine Distanz einbehielt… Yerik wandte den Kopf zu der Fähe herum, die er immer noch fest auf dem Boden hielt. Ein leises Grollen drang aus seiner Kehle.
“ Ich hab doch gesagt übertreibt nicht!”
Murrte er ihr zu. Er bot seine gesamte Kraft auf, auch wenn er sich nicht sicher war, inwiefern dies nötig war. Die Fähe war trotz ihrer Willenskraft erschöpft. Unweigerlich lehnte er den Kopf etwas vor, wie einem Welpen fuhr er der Fähe einmal beruhigend mit der Zunge über den Kopf.
“ Beruhig dich wieder. Ich werde dich nicht eher wieder aufstehen lassen. Und glaub mir, ich habe Geduld!”
Er verengte die Augen etwas und hob den Kopf wieder an. Die Schwarze blickte er nicht an. Das würde Folgen haben, dem war er sich gewiss.
Sie hatte es geschafft! Sie hatte gewonnen und würde diesem vorlauten Wölfchen die Eingeweide heraus reißen. Niemals, niemals mehr würde irgendjemand es wagen sie heraus zu fordern. Ein triumphierendes Grollen kam aus der todbringenden Kehle, während sich die Fangzähne des Todesegels immer weiter um den Hals des Grauen legten und ihm nach und nach die Luft ab schnürten. Siegestrunken glommen die regenblauen Augen auf. Keiner würde es mehr wagen, sich ihr in den Weg zu stellen, erstrecht nicht dieses Winselwölfchen. Die Augen ein wenig aufgerissen biss Amáya noch fester zu, bereit die nächste Seele hinüber ins Jenseits zu geleiten. Sie würde diese Aufgabe übernehmen. Todesengel. Sie geleitete die Sterbenden hinüber in Fenris Pfoten, wandelte auf dem schmalen Grad zwischen den Göttern, an die dieses verruchte Pack glaubte. Ein Pfad zwischen Engaya und Fenris, zwischen Leben und Tod. Ihr Gebiet. Wieso nicht?
.oO(Gute Nacht.)
Noch fester drückten die Kiefer zu, als plötzlich ein unerwarteter Schlag in ihre Seite sie von Urion weg riss und die Dunkle auf dem Boden landete. Wütend knurrend wandte sich Amáya herum, fand sich aber sogleich in einer Umklammerung des Störenfrieds wieder.
„Hau ab! Misch dich nicht ein!“
Ihre Stimme war laut und drohend, versank im Grollen, während ihr Verstand immer mehr aussetzte. Sie wollte nicht mehr. Wollte nicht töten, nie mehr morden und doch labte sich das Monster in ihr an dem fließenden Blut. Sie konnte nicht mehr aufhören.
„Runter von mir!“
Die Wärme des Rüden war unerträglich für die Fähe, mit dem eisigen Herzen. Es war viel zu warm, zu eng, wie als sie bei ihrer Mutter beschützt und behütet gelegen hatte. Wut flammte in ihren Augen auf, die Schwarze warf den Kopf herum und schnappte nach Yeriks Läufen.
„Hau ab! Los! Mach die Fliege! Geh! Geh weg! Runter von mir! Nein!! Ich will nicht! Hör auf!“
Immer lauter und höher wurde die Stimmlage, in die sich Wut, Hysterie und unterdrückte Sehnsucht mischten. Ungerührt strampelte Amáya mit den Läufen, versuchte ihren schlanken Körper unter ihm hervor zu winden, schnappte vor sich in die Luft vor Anstrengung, während die Wärme und Nähe sie schier zu erdrücken schienen. Es schnürte ihr die kehle zu, ließ sie noch angestrengter nach Luft schnappen. Hechelnd versuchte sie den Rüden weg zu drücken, stemmte sich gegen ihn, bäumte sich auf.
„Lass mich!!”
Jetzt schrie sie ihn an, ihre Stimme musste wohl über dem gesamten Kampfplatz zu hören sein, doch noch immer rührte er sich keinen Millimeter vom Platz weg. Übelkeit stieg in ihr auf, ebenso wie die zurückgehaltenen Tränen, die sie unsanft nieder kämpfte und nur umso erbitterter kämpfte. Mit aller Kraft drückte sie ihre Schulter gegen den braunen Brustkorb, schob und drückte, strampelte wieder und flüchtete sich wieder in Hass und Wut, um der bodenlosen Traurigkeit zu entgehen.
Plötzlich war da etwas warmes an ihrem Hinterkopf, etwas tröstliches, sanftes. Er liebkoste sie. SIE! Sie, die als Killerin verschriene Wölfin! Ein paar Herzschläge erschlafften ihre Muskeln, schienen den Kampf aufzugeben, den sie unbeirrt bisher durch gezogen hatte. Dann jedoch kehrte Leben in die Fähe zurück und sie donnerte los.
„Spinnst du! Lass das!“
Ihre Stimme zitterte jetzt vor Wut und sie hasste sich dafür, ein Zeichen von Schwäche. Sie war nicht schwach! Und erstrecht kein kleiner Welpe mehr!
„Halt dein Maul und runter von mir!“
Mit aufgerissenen Augen stemmte sich Amáya hoch, verloren in ihrem Wahnsinn. Nicht dem Wahnsinn, dass es dem Monster nach Blut dürstete oder sie den Kampf wieder aufnehmen wollte. Sie hatte den Kampf gegen ihren innerlichen Wahnsinn, hervorgerufen durch all die Enttäuschungen, verloren.
Urion blieb stehen, als ihre Zähne sich in seinen Hals gruben, er blieb auch noch stehen, als das Blut aus seinem Körper in ihr Maul quoll und trotzdem verschwamm langsam das Bild vor seinen Augen. Ein gehässiges Kichern ertönte in seinen Kopf, aber dann verstarb dieses ebenfalls.
Nein, Amáya schöpfte ihre Kraft nur aus ihrer Wut, würde sie wieder normal werden, so könnte Urion sie mit einem Nackenbiss töten, aber dieser Wunsch war versiegt, getilgt, vergangen. Der Platz in diesem Wald würde nie mehr so rein werden, wie er es vor dem Kampf war. Das Blut begann sich fest in die Schnee zu fressen, trocknete an der geduldigen Rinde der Bäume und würde Urion immer verfolgen. Ein plötzlicher Ruck riss Amáya von ihm los. Yerik hatte sie weggestoßen, dabei aber nicht beachtet, dass die schwarze Fähe dem Grauen somit ein ungehörig großes Stück Fleisch aus dem Hals riss. Er müsste schon tot sein, soviel Blut floss aus seinem Körper, hörte einfach nicht auf, immerwährend ein stetiger Rinnsaal. Urions Blick war stur auf Yerik gerichtet. Er hätte auch ohne seine stumme bitte nicht mehr angegriffen, oh nein. Stattdessen zog sich der Nordwolf in den Wald zurück. Wollte auch nicht mehr zurückkehren bis die Fronten in ihm geklärt sein würden. Vielleicht zur Geburt seiner Kinder. Urion humpelte nicht. Das einzige Zeichen seiner Schwäche war das Blut. Sein Fell schien auch nicht mehr grau, sonder rot. Uroon richtete kein Wort mehr an die Anwesenden und hinterließ blutige Abdrücke in der Reinheit auf dem Boden auf seinem Weg in den größten Kampf in seinem Leben.