Turién
12.03.2011, 15:23

Vor der Versammlung, die Tyraleen und Aszrem einberufen haben. In der toten Ebene.

Sie hatten einen warmen Winter und nun kam ein kalter Sommer. Ein Ungleichgewicht war nicht zu leugnen, aber für das naive denken des Jungwolfs war es einfach: Sommer und Winter hatten schlicht getauscht. War doch legitim, konnte jeder machen, wie er es wollte. Was für Konsequenzen diese Störung des behutsamen Gleichgewichts hatte, konnte er nur erahnen - teils aber auch am eigenen Körper spüren. Sein Winterfell war fort, und nun fror er erbärmlich unter dem Mantel aus Kälte.

" - "Weil ich Fenris' Erbe bin." - "

Die Worte ließen ihn aufhorchen, während sein Blick langsam hoch glitt, um in die tiefblauen Augen seines Vater zu blicken. Die Stimme des Schwarzen hatte sich verändert, der Silberrüde wusste irgendwie, dass es besser war, jetzt erst zu schweigen, während er sprach. Während er still zuhörte schienen seine Gedanken zu explodieren. Alles was Averic erzählte widerstrebte seinem Denken. Ja natürlich, hatte er schon oft von den Geschichten gehört, und dass man die Götter spüren konnte. Blabla. Doch sehen? Averic war der erste, der ihm gegenüber so etwas erwähnte. Seine Körperhaltung fiel etwas in sich zusammen, bei Tascurios Namen. Er versuchte sich zu erinnern. Was war bei ihm passiert, als ... es passierte? Doch so sehr er sich auch versuchte zu erinnern (was ihm ebenso widerstrebte), umso sicherer war er, dass da niemand sonst gewesen war. Er hatte keine Gestalt gesehen, die hätte ein Gott sein können...

Das Nichts. Was für ein Bildnis das gewesen war... das konnte er sich nicht erklären. Für ihn bis hier hin ein seltsames Naturvorkommen. Übernatürlich war es für ihn nie gewesen, weil es von Anfang an dazu gehört hatte - vermissen tat er das Nichts natürlich nicht. Doch als sie das neue Revier betreten hatten, war es wirklich wie Magie gewesen. Etwas, was nicht sein konnte, unfassbar. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lefzen, als er sich erinnerte, wie er gedacht hatte, das wäre das Ende und ihn dann plötzlich dieses Glücksgefühl durchströmt hatte und sich um ihn herum alles aufgebaut hatte... und dann der Himmelsfelsen vor ihm emporgeragt hatte, der Felsen, den er sich immer in seinen Gedanken vorgestellt hatte, dort wo er den Sternen so nah sein konnte, wie nirgendwo sonst.

Doch dieser Gedanke verschwand beinahe so schnell, wie er gekommen war und sein Blick verdüsterte sich, während er die Zeichnung unter den Augen seines dunklen Vater musterte. Er hatte wegen Fenris auch schonmal etwas böses getan? So wie Tyraleen? Unsicher wandte er den Blick schließlich ab und starrte die weißen Wölkchen an, die aus seinem Maul quollen, wenn er ausatmete. Sowas hatte er schließlich auch noch nie gesehen... doch wirklich dafür begeistern konnte er sich nicht, malte er sich doch aus, WAS sein Vater getan hatte - war es so schrecklich, wie Tyraleens Tat? Sein Atem ging schneller, während tausend schreckliche Szenarien durch seinen Kopf schossen, bevor er es nicht mehr aushielt.

"Was hast du getan...?"

Ebenso ein Flüstern.

Averic
25.03.2011, 20:17

Das Gesicht in Bitternis verzogen blickte der große, pechschwarze Wolf in die Ferne. Er spürte den Blick seines Sohnes auf sich liegen, er spürte die Frage in seinem Kopf. Es war so still um sie beide herum, dass er fast meinte Turiéns Gedanken hören zu können. Obwohl der Wind um sie herum schnitt, war es so unheimlich ruhig, so lautlos, als befände sich dieser Abschnitt des Tals in einer ganz anderen Welt. Ja, sie war eine andere Welt. Dieser Ort entstammte aus seinem Inneren, aus der Welt des Todes. Staub und Asche. Grau in Grau. Obwohl Averic keine Farben sehen konnte, war er sich sicher, dass auch die tote Ebene keinerlei Farben trug. Schließlich sprach Turién die Frage aus, die er bereits erwartet hatte. Es gelang Averic nicht seinen Sohn anzusehen.

Ich weiß nicht, wie das Bild, dass du von mir hast aussiehst. Aber ich hoffe, was ich dir nun erzähle wird es nicht gänzlich zerstören.“

Die Stimme leise, dunkel. Ruhig, aber doch noch kein Flüstern. Der Ascheplatz zu seinen Pfoten verwandelte sich vor seinem inneren Auge in ein eine weiße, eisige Wüste, durch die der Wind pfiff – anders als hier war er laut, fast dröhnend. Auch dort hatte es kein Leben gegeben. Aber trotzdem waren die Berge im Gegensatz zu dieser Ebene, eigentlich sogar dem ganzen Tal, der Sonne am Nächsten gewesen. Doch an diesem Tag, hatte es keine Sonne gegeben. Und der reine Schnee, der dem Fell seiner ehemaligen Gefährtin so geglichen hatte, war nicht mehr weiß gewesen, sondern rot.

Als ich nur wenig älter war als du, lebten wir für einige Zeit nicht in diesem Tal. Ein anderes Rudel hatte uns im Sommer aus dem Revier vertrieben und wir sind hoch in die Berge geflüchtet.“

Sein Blick glitt zur Seite, wo sich in der Ferne das riesige Gebirge erhob, dessen Spitze die ganze Zeit über weiß war. Dort. Irgendwo. Sein Herz schlug schwer und es tat fast weh. Und irgendwie wusste Averic, dass der Schmerz nicht von der Geschichte herrührte, die er seinem Sohn nun erzählen würde. Musste. Es hatte andere Gründe. Die Berge ...

Ich hatte damals noch einen Bruder, der mir wichtiger war, als jeder andere auf der Welt, doch dieses fremde Rudel tötete ihn.
Ab diesem Zeitpunkt entwickelte ich einen regelrechten Hass auf die Welt und weil ich ihn irgendwo rauslassen musste, wurde mein Vater zum Ventil. Er ist nie für uns da gewesen, ich habe ihn erst kennen gelernt, als ich schon fast ausgewachsen war. Und wenn er mal da war, dann nur für ein paar Wochen. Ich kann die Tage, die er beim Rudel war, zählen. Ich schob ihm die Schuld zu, ich dachte, wenn er da gewesen wäre, wäre vielleicht alles anders gekommen. Und mein Bruder würde noch leben.“


Der pechschwarze Todessohn hielt inne und wandte den Blick von den Bergen ab. Cylins Gesicht vor seinen Augen war so verschwommen und unglaublich fern. So verblasst. Sein geliebter Bruder war schon unendlich lange tot.

Weißt du, ich habe Fenris schon mein ganzes Leben lang in meiner Nähe gewusst. Er schürte meinen Hass, er befand ihn für richtig. Ich denke, ich weiß heute, dass er es war, der den Entschluss meinen Vater zu töten in mir reifen ließ. Ich wollte ihn töten, wenn er das nächste Mal auftauchte, damit er mit seiner grausamen Treulosigkeit niemandem und vor allem nicht meiner Mutter mehr weh tun könnte.“ Damit war es raus. Das gnadenlose Urteil, dass er über seinen Vater gefällt hatte. Und er übersprang den ersten, missglückten Part. Vor allem aber, weil er jetzt nicht über Tyraleen sprechen wollte.
Irgendwann tauchte er tatsächlich bei uns in den Bergen auf. Direkt bei mir. Vielleicht hatte er es bereits gewusst. Wir verwickelten uns in einen gnadenlosen, blutigen Kampf. Ich war nicht der Einzige, dem der Sinn nach Töten stand, auch er hätte den Kampf nicht mit zwei Überlebenden ausgehen lassen. Ich war dumm. Ich war so geblendet, dass ich zu keinem Zeitpunkt über die Konsequenzen nachgedacht hatte.
Ich weiß nicht, wie lange wir miteinander gekämpft haben, plötzlich war es vorbei. Meine Zähne steckten in seiner Kehle und seine Zähne in meiner. Wir starben.“


Er wagte es nicht seinen Sohn anzusehen. Er konnte ihn nicht ansehen. Averic hatte in seinem Leben nie so etwas wie Angst verspürt, doch nun fürchtete er sich vor dem Blick seines Sohnes und vor dem Urteil, dass er vielleicht in seinen Augen sehen würde. Der Schwarze biss sich kurz auf die Lefzen.

... Doch mit Acollon starb auch meine Mutter und deine Mutter starb mit mir. Das Leben und der Tod sind untrennbar miteinander verbunden. Es gibt kein Leben ohne Tod.“, jene Worte verließen sein Maul fast mechanisch, sie hätten ihm einen Dolch in die Brust gerammt, wenn er sie bis in seinen Geist hätte vordringen lassen. Untrennbar. Untrennbar. Averic lachte kurz hohl auf. Doch sein Lachen war so ohne Freude, so düster, dass man es eigentlich nicht als Lachen bezeichnen dürfte.
Mein Vater und ich haben beinah die ganze Welt vernichtet. Ich weiß nicht genau, was dann passiert ist, ich war schließlich tot. Aber ohne Leben, Tod und dessen Nachfolger kann es eigentlich nichts geben. Engaya wollte unsere Welt aber nicht untergehen lassen. Deshalb schenkte sie uns das Leben zurück, bevor alles im Chaos versinken konnte. Obwohl wir uns getötet hatten, konnten wir unsere Augen wieder aufschlagen und alle Wunden waren verschwunden.“

Nachdem Averic geendet hatte, verfiel er in Schweigen. Schließlich zwang er sich regelrecht dazu Turién anzusehen. Es war wichtig, dass er eines wusste:

Ich schäme mich für nichts mehr als für das, was ich an diesem Tag getan habe. Und ich werde mir es nie ganz vergeben können.“

Turién
06.06.2011, 11:15

Gespannt wie eine Sprungfeder lauschte der Jungwolf den Worten seines Vaters so aufmerksam, dass er sogar das Schneetreiber kaum mehr bemerkte. Doch diese Spannung war nicht unbedingt von freudiger Art - weil er nicht wusste, was ihn erwartete, wenn Averic sein "Geheimnis" enthüllte, machte er sich auch auf etwas schreckliches bereit und bei diesem Gedanken schauerte es ihm.

Der Silberne hing regelrecht an den Lefzen des Schwarzen, um auch ja keinen Laut, keine Silbe oder Tonänderung zu verpassen. Und so regungslos blieb er, während er der Geschichte, die er zum ersten Mal in seinem Leben hörte, lauschte.

Er hatte dunkel gewusst, dass das Rudel einmal vertrieben worden war, aber genaueres wusste er nicht. Es war lange vor seiner Zeit gewesen und näher nachgefragt hatte er nie - und doch war es interessant zu wissen, wie sein Vater gelebt hatte. Was ihn bewegt hatte und was ihm passiert war.
Eine Welle von Wärme und Verständnis strömte durch seinen Körper, als Averic von einem Bruder erzählte, den er verloren hatte; Er konnte es so sehr nachfühlen, so sehr. Er wusste genau wie Averic sich gefühlt haben musste. Nur war der Verlust wahrscheinlich für ihn schlimmer gewesen, als für Turién; So hart diese Wahrheit auch war. Averic schien seinem Bruder näher gestanden zu haben, als Turién seinem - das spürte er, weil Averic so... über ihn sprach.

Doch als der dunkle anfing von Fenris zu sprechen verschloss sich der Jungwolf wieder; Fenris ließ den Gedanken reifen? Nein. Das war er selbst gewesen, es ging nicht anders. Und als dem noch die Krone aufgesetzt wurde, und Averic sagte, dass er gestorben sei, hob er ungläubig seinen Kopf. Was...? Das konnte nicht sein! Das war unmöglich. Unwillig schüttelte er sachte den Kopf, als Averic fortfuhr und in seinem Kopf drehte sich alles, als er geendet hatte. Sein Vater hatte also fast die Welt vernichtet, weil er seinen Großvater und sich selbst getötet hatte und damit seine Mutter und Großmutter. Turién hätte gerne gelacht, aber er blieb wie versteinert.
Es war wie Tascurio und Tyraleen es gesagt hatten - Angst machte sich in seinem Körper breit. Hatten sie nicht geträumt, dass Tascurio Averic töten würde? Wäre das der selbe Kreislauf gewesen? Es war so viel. So viel Informationen. So vel auf einmal. Er wollte nicht, dass das die Wahrheit war. Es war so wider seinem Denken, dass er nicht einsehen wollte, dass es überhaupt die Wahrheit sein konnte. Und zum Schluss machte sich ein schlimmer Gedanken in seinem Kopf fest: Lüge. Averic log ihn eiskalt an, und schon drohte ihn eine Wellte von Wut zu überfluten, doch mit Bick auf Averic verschwand dieses Gefühl sofort wieder. Mit Blick in seine Augen wusste er mit einem Mal, dass es die Wahrheit war.

"Du... lügst nicht."

War das einzige, was er dazu sagen konnte.