Atalya
05.01.2010, 22:24

Es war einige Zeit vergangen, der Sommer im Tal, heiß, trocken und sonnig noch in vollen Zügen genossen, so wie es in den Bergen nicht möglich gewesen war. Das ganze Rudel hatte sich gemeinsam aufgemacht und hatte das Revier markiert, lange Tage der Wanderung, die jedoch weder von Eile noch von dem Gedanken auf ein böses Ende geprägt wurde. Damit unterschied sie sich ganz und gar von der, die sie in ihr Tal hinabgeführt hatte und war ausgelassen und fröhlich. Die Wölfe lernten das Tal kennen, alte Wege wurden wieder vertraut und bald konnten jene Mitglieder, die bereits vor dem Jahr in den Bergen bei ihnen gewesen waren, jeden Baum und jeden Stein wieder in und auswendig so wie jeder Wolf sein Revier kannte. Das Tal war wieder verwebt mit ihren Gerüchen, die des alten Rudels ausgemerzt mit einer fröhlichen Verbissenheit. Die Verletzungen waren geheilt, bei manchen waren Narben geblieben aber das war schließlich das Einzige, was von dem Kampf übriggeblieben war.
Es war Herbst geworden, die ersten Blätter färbten sich feuerrot und leuchteten grell zwischen dem noch immer grünen Gras und ihren noch nicht verfärbten Brüdern hervor. Es war ein milder Herbst, kein kalter Wind fegte durch das Tal und die Sonne lachte vom Himmel, verdrängte jede Wolke, die Regen oder Sturm bringen könnte. Den Wölfen ging es gut, viel Beute ließ sich finden und endlich wurde auch das schwächste Mitglied wieder kräftiger. Nach Art der Wölfe traten die schlimmen Erinnerungen an die Zeit in den Bergen in den Hintergrund, jetzt, da sie es wieder gut hatten.
Ein schöner Herbstmittag, die Sonne schien warm und nicht zu heiß, allerlei Gefiederte tummelten sich auf dem Sternensee, noch nicht willig zu ihrer langen Wanderung in den Süden aufzubrechen und der Wald lag ruhig und nur ab und an im Wind eine Krone schwingend da. Nyota und Banshee hatten beschlossen, endlich mit der Einweisung der Welpen zu beginnen, sie sollten die Welt kennenlernen und ebenso von ihren Göttern erfahren. Zu diesem Zweck hatten sie Gruppen gebildet, die sich nun herumtreiben durften, wo immer sie wollten.

Gruppe 1: Rakshee, Banshee, Sheena, Tyraleen, Midnight, Aszrem, Averic, Akru, Amiyo
Gruppe 2: Jakash Caiyé, Nyota, Zack, Amáya, Face Taihéiyo, Ninniach Favéll
Gruppe 3: Kursaí Akihiko, Takashi, Jumaana, Isis, Linné, Cumará Tumaan, Kensharion
Gruppe 4: Ahkuna Caiyé, Tyel Tinuviel, Kaede, Urion, Kandschur Yiga, Ilias, Nienna Singollo, Sania
Gruppe 5: Sharìku, Lunar, Hiryoga, Shani Caiyé, Liam, Aradis, Kisha, Daylight


Banshee saß zufrieden in der Nähe des Sees an seinem Nordufer und sah in die Runde, der Wölfe, die in ihrer Gruppe waren. Sie waren acht Wölfe, gerade genug, um eine kleine, angenehme Gesellschaft abzugeben. Unter ihnen weilte Rakshee, die Tochter Shanis, der sie viel beibringen wollte. Ebenso Sheena und Tyraleen, beide sollten ebenso lernen, was die weiße Leitwölfin zu sagen hatte. Es waren wichtige Dinge, besonders für diese drei jungen Fähen, auf die möglicherweise das Schicksal einer Priesterin wartete. Bei ihnen war auch Midnight, der der neue Pate von Rakshee war, nachdem Hima sie verlassen hatte, ebenso Aszrem, der viel Kontakt zu der kleinen Fähe hatte. Averic hatte sie ebenfalls zu sich genommen … warum, wusste sie nicht genau, aber ihr Blick lag immer wieder auf ihm und ihrer Tochter, Tyraleen. Irgendetwas machte ihr Sorgen. Zuletzt noch Akru … es war nicht anders gegangen, sie hatte ihn an ihrer Seite haben wollen. Er war wie ein Magnet und auch wenn sie noch nicht all zu viele Worte mit ihm gewechselt hatte, fand ihr Blick immer und immer wieder zu seinem. Nur jetzt versuchte sie sich davon nicht ablenken zu lassen sondern lächelte freudig in die Runde.

“Na, ihr Lieben? Bereit ein bisschen zu lernen oder ganz viel Wissen an junge, durstige Ohren abzugeben?“

Sie zwinkerte Rakshee zu und schenkte Sheena und Tyraleen ein besonders warmes Lächeln. Es lag viel vor ihnen. Dabei hoffte sie auf Unterstützung, besonders von Midnight und Aszrem. Es galt einen Welpen auf einen Weg zu bringen, dabei musste man stets aufpassen, dass sie nicht abrutschten und möglicherweise sich plötzlich auf einem falschen wiederfanden. Ihr Blick ruhte kurz etwas besorgt aber ebenso von warmer Liebe umhüllt auf Averic, der auf jenem falschen Pfad wandeln konnte … sie musste sich eingestehen, dass sie relativ wenig von ihm wusste. Vielleicht würde das, was er hier hören würde, ihm gut tun.


Es war Herbst geworden und das Vergangene, der Kampf, lag in der Ferne. Wenn auch die Erinnerung noch frisch lebte und das Blut nicht ganz verschwunden war.
Der Graue hatte sich einer Gruppe um Banshee herum angeschlossen, obwohl er Isis seine Anwesendheit versprochen hatte. Doch er glaubte, sie könne in ihrem jungen Alter ein wenig gelehrige Worte vertragen, als die Seine. Die laue Luft ließ das graue Fell schwach hin und her wehen. Die Sonne versuchte ihre letzten erwärmenden Strahlen der Gedeihung der Bäume zu schenken, vergebens. Der Herbst würde kommen. Akru suchte die Nähe der weißen Alphawölfin. Tauschte ab und an Blicke mit ihr, Worte allerdings tauschten sie nicht viele. So glaubte er, dass sie es der Gruppe verschweigen, vielleicht sich selbst es nicht eingestehen wollen. Er beließ es bei einem unvoreingenommenen Schweigen und einigen Blickkontakten. Ganz vergeben ersuchte er es jedoch nicht.

Der Hüne starrte auf den See, tief in Gedanken versunken. Die Tochter des Lebens. Der Wächter der Zeit. Und ohne Zweifel, die Weiße hatte Welpen eines anderen Rüden. Erkannt war die Jungwölfin, die Banshee so sehr glich und auch einen schwarzen Rüden glaubte er ihr im Erbe stehend. Verunsichern ließ er sich angesichts der Tatsache nicht und dennoch erschien es ihm wie Verrat an einem Teil seines Lebens.

Die Worte der Alphafähe holten ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Blick wendete sich von dem spiegelnden Wasser ab und richtete sich auf die Weiße. Ihre Worte erschienen ihm nicht wichtig und wenn er ehrlich war, hatte er sie nicht richtig gehört. Nur ihr Anblick konnte ja schon allein wichtig genug sein, um sich aus den Gedanken reißen lassen zu müssen. Akru setzte sich auf seine Hinterläufe und schien gespannt zu lauschen, stellte die Ohren senkrecht auf.


Wie hatte sie sich nur auf einen Rüden einlassen können? Wie hatte sie nur glauben können, dass Ilias es Ernst meinen würde…?
Wie jung und blauäugig sie doch war, einfach so glauben zu können, dass Ilias sie wirklich liebte und sie, sie hatte sich auch noch so schnell und einfach von ihm um den Finger wickeln lassen, als ob sie keinen eigenen Willen hatte.

‚So einfach hast du es ihm nicht gemacht Sheena’

Ihre innere, liebe Stimme ignorierte sie vollkommen. Als ob sie in ihrer jetzigen Situation Ilias beziehungsweise ihrer Vernunft recht geben konnte.
Als sie raus gefunden hatte, dass Ilias schon etwas länger mit Nienna, dieser blöden schwarzen Fähe, befreundet war, war sie vollkommen ausgerastet. Dabei war es nichts besonderes zwischen den beiden Wölfen, noch nicht, doch das nahm sie einfach nicht wahr. Sie redete sich ein, dass er sie hintergangen hatte. Konnte nicht verstehen, wie so etwas passieren konnte. Es war ihr lange nicht mehr vorgefallen, dass sie einfach so abgeschaltet hatte, doch dies war ein solcher Zeitpunkt gewesen und es war schwer gewesen wieder zu sich zu finden. Noch jetzt bebte Sheena an dem Gedanken an diesen miesen Verräter. Dabei gab sie Nienna keinerlei Schuld, es war doch schließlich typisch für einen Rüden so etwas zu tun oder? Hatte sie dies nicht schon öfter mitbekommen, ging es Banshee nicht auch so, dass Acollon ihr immer wieder Kummer bereitete. Nie hatte ihr dies jemand gesagt, aber sie hatte ja wohl Augen im Kopf. Solche Rüden wie Zack einer war, waren wohl einfach schwer zu finden. Tief seufzend erinnerte sie sich an die letzten Worte und Handlungen von ihr, Ilias gegenüber, bevor sie zu ihrer Gruppe gerannt war, sich dort irgendwo versteckt hatte, und mit ihr davon gegangen war, weiter in das Tal hinein, um einen Welpen zu unterrichten. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass dies bei ihr auch so gewesen war, vielleicht war es das ja auch gar nicht. Aber vorerst konnte sie sich sowieso nicht auf den Welpen konzentrieren.

oODa war Ilias, er stand etwas abseits von dem Rest des Rudels und hatte, zum Glück, nicht Nienna neben sich. Wutentbrannt lief sie auf ihn zu, schnappte nach ihm, schleuderte ihm alle möglichen Schimpfwörter, Beleidigungen und verletzende Dinge an den Kopf. Ihr Körper bebte. Schließlich drehte sich eine völlig erschöpfte und tieftraurige Fähe um und schlich davon, zurück zu ihrer Gruppe…Oo

Ja, so war es gewesen, zwar war sie weiter angestachelt worden, doch sie hatte einfach nicht mehr gekonnt, die Trauer hatte sie überwältigt, ihre anscheinend bessere Seite hatte einmal einen Kampf früh genug, vor der totalen Erschöpfung, gewonnen. Und so hatte sie Ilias stehen lassen, dargestellt als Lügner und Schuft.

„Nie wieder vertraue ich so einem blöden Rüden“

Flüsternd rollte sie sich zusammen, versuchte sich so klein wie möglich zu machen, dabei sollte sie doch dem Welpen helfen. Sie hoffte, dass sie niemand bemerken würde, schließlich hatte sie sich extra an den Rand der kleinen Gesellschaft gelegt. Und mal wieder fühlte sie sich so verloren und alleine. Sie sehnte sich nach Zack, dem einzigen dem sie wohl trauen konnte, okay, vielleicht Urion noch, aber der konnte auch ganz schön gruselig werden, so gerne sie ihn auch mochte. Bebend schlug sie noch ihre Rute um ihre Hinterläufe und schloss die Augen aus denen sanfte Tränen rannen. Jetzt nur nicht entdeckt werden, jetzt nur nicht gefragt werden, was passiert ist.


Es hatte sich in mehr als einer Hinsicht gelohnt, sich dem Rudel anzuschließen und das Tal zu erobern, fand er. Er hatte schon viele verschiedene Gegenden gesehen und ihnen allen ihre ganz eigene Art der Schönheit abgewinnen können, aber dieses Tal vereinte auf vergleichbar engem Raum die unterschiedlichsten paradiesischen Landschaftsabschnitte. Er hatte die Zeit gut genutzt und lange Wanderungen untenommen, zunächst mit dem ganzen Rudel und dann ausgedehnte Streifzüge allein für sich. Er hatte den See umrundet und war durch die abwechslungsreichen Wälder gestrichen, hatte sich auch an den Rand der Sümpfe und des Toten Waldes gewagt. Zumindest in die letzten beiden Gebiete war er jedoch nicht tief eingedrungen, dennoch hatte er sich vorgenommen, später dorthin zurück zu kehren. Für den Augenblick reichten ihm jedoch jene Abschnitte des Tals, die ohne Gefahr für Leib und Leben passierbar waren, und es gab wahrlich viel zu entdecken und zu bewundern.
Trotzdem hatte sich sein Interesse nicht nur auf das Land beschränkt, sondern hatte auch den Wölfen gegolten, in deren Dienst er sein Leben gestellt hatte. Blut war ja immerhin von ihm schon gefordert worden... Den Welpen hatte Aszrem besonders viel Zeit gewidmet, auch wenn er sich meist nicht so sehr mit ihnen direkt beschäftigte. Der Schwarzbraune war ein Beobachter aus Leidenschaft, und genau da hatte er eben auch getan - beobachtet. Auch die anderen Rudelmitglieder, denn unter ihnen fanden sich wahrhaft sonderbare Exemplare, wie ihm schien. Da waren die Alphas - die eine sanft und voller Wärme, die andere so leidenschaftlich wie flackerndes Feuer. Da war die junge Fähe Isis, die wie er von weit her zu kommen schien, ebenso wie dieser Kandschur Yiga, der sehr still war und kaum die Gesellschaft anderer suchte. Da war der Rüde namens Face, dessen Blicke und Gebaren von Eis waren, und die schüchterne Fähe Ninniach, die ihn bei seiner Ankunft begrüßt hatte. Die Brüder Urion und Takashi, die mehr zu verbinden schien als das gleiche Blut, Kaede, auf deren 'Sicht' der Welt Aszrem neugierig war und nicht zuletzt Akru, dessen Blick zu weißen Alpha ihm nicht entgangen waren und der etwas an sich hatte, dass Aszrem weder erklären noch durch Beobachtungen ausmachen konnte. Inzwischen kannte er die Namen aller Rudelmitglieder, und doch hatte er nur mit wenige schon Worte gewechselt.

Jetzt lag er nahe des Sees und beobachtete die Gruppe um Banshee. Er hatte seinen Platz so gewählt, dass er nicht zu weit weg lag und doch problemlos alle Anwesenden im Blick hatte. Die Augen hatte er halb geschlossen, trotzdem war sein Blick wachsam und forschend. Aszrem hörte nie auf zu beobachten. Er wusste gar nicht, wie man das machte. Die schwarze Pupille bewegte sich minimalistisch, während er den Blick zwischen der Alpha, Rakshee und Akru pendeln ließ. Er mochte die Welpin, sie hatte etwas außergewöhnlich unbeschwertes an sich.
Die Alpha sprach, und Aszrem hob dich Blick zu ihr. Dann erhob er sich und trottete näher heran, um seine Bereitschaftzu verdeutlichen, an diesen Ereignissen teil zu nehmen. Er setzte sich, sah zu Rakshee und lächelte leicht. Dann wanderte sein Blick zu der Alpha, fast schon auffordernd. Vielleicht konnte auch er ja noch etwas lernen. Zum Beispiel über sie...


Rakshee hatte ein Tal. Dieses hier. das wawr alles ihrs, jeder Grashalm und jedes Blatt. Und wie viele es davon gab! In allen Größen, Formen und Farben waren sie anzutreffen, und wenn es Wind gab dann regnete es rotgoldene Blätter. Und überall waren andere tiere, die zwar oft wegliefen noch bevor Rakshee sie sich richtig ansehen konnte, aber sie waren überall. Hinter jedem Busch raschelte es, unter jedem Strauch versteckten sich Mäuse. Rakshee war begeistert von diesem Ort, der so voller Leben und Schönheit war, dass sie wie betäubt darin zu wandeln vermochte.

Nun hatte man sie in kleine Gruppen aufgeteilt, um das ganze Revier zu durchforsten und sie allerlei zu lehren. Zwar wäre sie lieber mit Jakash zusammengeblieben, aber Oma Bani hatte es so entschieden, darum war es richtig. Und sie hatte einen Paten bekommen, der groß und ganz schwarz war, so wie Jakash. Nur seine Augen hatten eine andere Farbe, sie waren ganz blau, blau wie der Himmel es manchmal wurde wenn die Nacht kam. Sie waren faszinierend, aber viele hier hatten schöne, seltsame Augenfarben. Averic hatte auch solche blauen Augen...

Rakshee war neben Midnight hergelaufen, hatte ihn ausgefragt und nicht locker gelassen, und nun saß sie in dem kleinen Haufen von Wölfen am See, vor dem Oma Bani sich niedergelassen hatte. Nicht weit von ihr saß ein grauer Rüde, Rakshee hatte gerade einmal seinen Namen mitbekommen, aber er guckte oft Oma Banshee an. Das tat sie selbst auch, und darum machte ihn diese Eigenschaft schoneinmal sympatisch.

Ausser Oma Bani waren da noch zwei weiße Fähen, beide kannte sie nicht richtig, und Aszrem war auch da. Er hatte Jakash gerettet, und sie selbst auch, und er war für Rakshee ein Held. Ihr Lächeln wurde umso breiter als sie seinen Blick bemerkte, und sie sprang gerade wieder in Richtung Midnight, als sie eher zufällig zu Sheena herüber sah, als diese sich einrollte, und zielsicher führten ihre kleinen Pfoten sie zu der Weißen herüber. Etwas unsicher legte sie die kleine Pfote auf Sheenas Nase und sah sie aus großen gelben Augen an.

"Du? Warum bist du unglücklich? Meine Mama sah auch immer so aus wie du jetzt bevor Oma Banshee uns zum Rudel gebracht hat, aber hier ist doch alles schön, was macht dich dann unglücklich?"

fragte sie, und ihre alte, fast vergessene Idee kam wieder in ihr auf. Zögernd nahm sie die Pfote von der großen, dunklen Nase herunter.

"Ist das meinetwegen?"

es musste lächerlich klingen, aber es war ihr voller Ernst, und sorgenvoll sah sie die Fähe an. Dann rief Oma, und Rakshee wirbelte zu ihr herum.

"Komm mit, Oma erzählt bestimmt was ganz spannendes!"

versuchte sie Sheena aufzumuntern, und sprang auch schon voraus zum See, um sich direkt vor Banshee hinzusetzen, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste um zu ihr hochgucken zu können. Das war zwar anstrengend, aber Rakshee lächelte, denn bestimmt würde Oma die weiße Fähe auch aufmuntern können. Bei Mama hatte es damals schließlich auch geklappt!


Tyraleen saß etwas abseits von der süßen kleinen Familienversammlung und rang mit ihren Gedanken. Averic war ganz in ihrer Nähe, sicher nur zwei Pfotentapser entfernt und doch wieder unerreichbar fern. Banshees aufmerksamer Blick lag auf ihnen beiden, nicht nur jetzt, auch vorher hatte ihn die Weiße des Öfteren gespürt und das ungute Gefühl von in der Luft hängendem Wissen gespürt. Sie wollte keine Belehrungen von ihrer Mutter, weder über die Art und Weise, wie sie sich verändert hatte, noch über ihre Beziehung zu Averic. Und sowieso hatte sich für sie viel seit der Nacht des Kampfs verändert. Sie hatte sich in diesen Momenten des geballten Hasses plötzlich so mit ihrer Mutter verbunden gefühlt, dass ihre ganze jugendliche Natur dagegen rebellieren wollte. Und trotzdem verstand und billigte sie plötzlich so viel mehr von den Handlungen Banshees. Es war schon fast ein wenig unheimlich. Und dazu kamen all die Probleme, die sie vom Berg mit hinabgetragen hatte, Averic, Averic und Averic und das schlimme Heimweh. Kurz um, sie fühlte sich furchtbar. Andererseits war diese ganze Gruppenaufteilung allein dazu da, dass sie alle etwas lernten und ihre Mutter hatte schon öfter durchblicken lassen, dass sie etwas mit Rakshee, Sheena und ihr vor hatte. Und Tyraleen war neugierig. Jetzt rief Banshee sie alle zu sich und Rakshee wuselte herum. Tyraleen mochte die Kleine. Insgesamt hatte sie nicht all zu viel für ihre Neffen und Nichten übrig, aber Rakshee war toll. Begeistert saß sie jetzt vor ihrer Oma und forderte etwas Interessantes zu hören. Und Tyraleen zog es ebenfalls dort hin. Vorsichtig trat sie zu ihrem Bruder und stupste ihn an. Der Blick in seine Augen war eine Spur zu lang und einen Tick zu tief.

“Kommst du?“

Ohne eine Antwort abzuwarten tappte sie weiter, zu ihrer Mutter und blieb auf dem Weg neben Sheena stehen, die etwas unglücklich im Gras herumlag. Tyraleen sah die Weiße immer als die Tochter von Banshee an, dabei war sie das gar nicht, irgendeine Fähe und irgendein Rüde, die sie hier zurückgelassen hatten waren ihre Eltern. Nur war sie im gleichen Jahr geboren wie Averic. Wahrscheinlich hatte sie es nicht sehr leicht gehabt. Zögerlich stupste sie die Weiße mit der Pfote an, lächelte ein bisschen schief und folgte dann Rakshee. In ihr herrschte weiterhin ein Zwiespalt. Sie war ein Jungwolf, ein bisschen rebellisch aufgelegt und zudem von Averics Hass und Unfreundlichkeit gegenüber den anderen Mitgliedern des Rudels angesteckt. Andererseits war sie eine junge, interessierte Fähe, die eigentlich freundlich und aufgeschlossen war und einen neuen Pfad für sich entdeckt hatte, der sie so nahe an den ihrer Mutter führte. Sie setzte sich neben ihre Nichte und lächelte zu ihr runter, jetzt ganz ohne Zögern und wirklich ehrlich. Sie mochte Rakshee, irgendwie schien sie auf einer Linie mit ihr und ihrer Mutter zu stehen. Drei Generationen, die eng mit einander verwoben waren.


Amiyo saß interessiert neben der Gruppe. Er schaute sich jedes Gesicht an, in jedem Gesicht saß eine Geschichte. Das Gesicht der Alpha war ruhig und friedlich, er mochte dieses Gesicht. Mittlererweile hatte er ein wenig mitbekommen über dieses Rudel, ungefähr wusste er, wer wessen Sohn war und wer wen besonders mochte. War Averic Banshees Sohn? Amiyo überlegte. Doch, er war es. Und er sah so anders aus, als seine Mutter, die offensichtlich Harmonie bevorzugte. Der Kampf war in Vergessenheit geraten, und Amiyo genoss dieses Vergessen, denn so konnte er seine Gedanken in andere, wundervolle Sachen hineinleiten. Die gelben und orangenen Blätter, und zwischendrin auch ein paar Rote lagen auf dem Boden. Er fand es schön, bei einer Einweisung dabei seien zu können, er war gerade noch rechtzeitig gekommen, er hätte das Rudel wahrscheinlich nicht mehr angetroffen, wäre er nur wenige Tage später angekommen. Er pustete in das Laub, und de Blätter stiegen ein wenig auf und fielen wieder herab.

oO.(Fliegen zu können, wie die Blätter, wenn der Wind durch sie hindurch fegt, etwas wunderbareres wird es nicht geben... abgesehen von den Sonnenstrahlen...)

dachte er. Oh ja, er würde gerne fliegen können. Sehsüchtig schaute er in den Himmel, an dem ein Bussard flog. Er zog seine Kreise im hellblauen Himmel, und nichts konnte ihn abhalten, weiter zu kreisen, immer weiter... es fing schon wieder an. Amiyo liebte es, nachzudenken. Über alles mögliche wichtige und unwichtige nachzudenken. Letzteres bevorzugte er. Seine goldgelben Augen streiften wieder die Wölfe. Dann sah er sich Rakshee an. Sie hatte auch gelbe Augen. Sie blickten neugierig. Er selbst war nicht besonders alt... doch er war in einer Gruppe gelandet, in der es mehrere Jungwölfe gab. Tyraleen war einer, ebenso Sheena, die eingerollt etwas abseits der anderen Wölfe lag. Was sie wohl hatte? Doch er wollte nicht fragen, er mochte reden nicht wirklich. Das eine Mal, als er dann doch geredet hatte, und zwar so viel, wie er es etwa ein Jahr nicht mehr getan hatte, war es mit gerunzelter Stirn angenommen worden. Oder eher ... abgelehnt worden. Seitdem redete er nicht mehr als nötig. Er hörte lieber zu. Er liebte die verschiedenen Stimmen, die verschiedenen Charakter... und die Gesichter, aus denen diese Worte kamen. Amiyo seufzte leise, wieder blieb er an Rakshee hängen. Er lächelte belustigt, als sie aufsprang und auf Banshees Worte reagierte. Sie hüpfte auf ihre Oma zu und setzte sich vor sie. Jetzt saß sie fast vor ihm. Er pustete nocheinmal auf die Erde, ein gelbes Blatt mit orangefarbenen Sprenkeln wurde von einer sanften, warmen Brise auf Rakshee zugetragen und landete direkt vor ihren Füßen.

"Ich würde auch gerne Geschichten hören, Banshee."

sagte er mit seiner tiefen Stimme. Eigentlich war er zu jung, um so eine tiefe Stimme zu haben. Aber das war eine besondere Eigenschaft seinerseits. Er zwinkerte Rakshee zu und lächelte sie an.


Es hatte keine Toten gegeben. Nur eine. Jene, die in seinen Fängen gestorben war. Und es war nicht fremd gewesen, es hatte sich beinahe normal angefühlt, das ganze Blut, welches in seinen Rachen gequollen war, das Knacken und der Tod, der den Körper in seinem Maul langsam erschwert hatte. Es hatte nichts Erschreckendes an sich gehabt. Mörder.
Doch eines unterschied ihn ganz gewiss von einem skrupellosen Killer. Er war nicht stolz deswegen. Oh nein, er hatte sich nach diesem Kampf nicht gut gefühlt. Averic hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Das Gefühl vollendeter Rache war ausgeblieben. Allein die Tatsache, dass er wieder getötet hatte, hatte ihn fast befangen zu Tyraleen sehen lassen. Er hatte nicht eine einzige Schramme aus dem Kampf getragen.
Und während alle voller Freude das Tal wieder in Beschlag genommen hatten, war der Pechschwarze ihnen gefolgt, natürlich immer in der Nähe seiner Schwester. Er hatte sich nicht mal umschauen müssen, das Tal der Sternenwinde war wie ein altes Kinderzimmer, das man vor langer Zeit verlassen hatte und dessen Tür man wieder öffnete, bloß um alles so vor zu finden, wie man es zurück gelassen hatte. Jeder Baum, jeder Strauch. Jene Lichtung, auf der er damals zum ersten Mal Acollon begegnet war, zusammen mit Cylin. Dieser Weg, Averic erinnerte sich noch ganz genau, den er kurz danach mit Banshee entlang gegangen war, bloß um Face Taihéiyo aus dem Nichts auftauchen zu sehen. Ja ... stimmt. Dieser Schwarze war auch immer noch beim Rudel. Und irgendwo in diesem Tal ruhte der Platz, an dem damals das Massaker mit unzähligen Hirschen statt gefunden hatte. Es war alles schon so lange her.

Der Herbst hatte Einzug gehalten, kein Baum trug grüne Blätter mehr, alles leuchtete in goldenen, bis roten Farben. Averic selbst sah das nicht. Alles war grau, wie immer. Und doch fühlte sich das Leben im Tal nicht mehr an, wie damals. Damals war Cylin noch da gewesen. Und Tyraleen ... bloß eine Welpin. Er betrachtete das Tal nicht mehr aus den Augen des Jungwolfes, der es damals verlassen hatte. Jetzt war der Pechschwarze erwachsen. Cylin war tot. Und Tyraleen ... Er fühlte sich beobachtet. Von jedem Baum, von jedem Wolf, vor allem von seiner Mutter. In den Bergen hatte die Einsamkeit eine Art von Freiheit dargeboten, zwischen dem ganzen Schnee vermutete man kein Augenpaar, das einen verfolgte. Hier war es anders.
Auch jetzt fühlte sich Averic mehr als nur beobachtet. Dieses Mal lag es allerdings daran, dass er sich gleich in einer ganzen Gruppe aus Wölfen befand. Banshee und seine Tante waren auf die Idee gekommen, das ganze, viel zu große Rudel auf zu teilen und nun strichen sie in kleinen Scharen durch das ganze Revier. Eine Welpin hatten sie bei sich, seine Schwester war wie immer in der Nähe und außerdem war da noch ein völlig fremder Rüde. Das Einzige, was er über ihn wusste, war, dass sein Name Akru lautete. Ab und an, wenn Averic zu ihm hin sah, bemerkte er, dass er seine Mutter anstarrte. Das gefiel ihm nicht. Das gefiel ihm überhaupt nicht. Aber noch viel weniger gefiel es ihm, wenn dieser Graue zu Tyraleen schaute. Es machte ihn beinahe schon wütend.
Halbherzig, aber doch um etwas Aufmerksamkeit bemüht, sah Averic schließlich seiner Mutter entgegen und konnte innerlich nicht wirklich von sich behaupten, dass er wissbegierig war. Und welches Wissen konnte er schon weiter geben? Ein paar zynische, bittere Gedanken würden ihm wohl einfallen, aber das war nichts für Welpenohren. Als Averic dann spürte, wie seine Schwester ihn anstupste, zuckte der große Rüde leicht zusammen und ließ seinen dunkelblauen Blick in ihre Augen gleiten. Ein paar Sekunden, dann war der Blickkontakt wieder vorbei. Sie hatte wunderschöne Augen, obwohl er nicht wusste, welche Farbe sie hatten.
Langsam, nicht viel motivierter, lief der Pechschwarze hinter der Weißen her, schenkte Sheena einen kurzen Blick. Sie war Hidois und Hanakos Tochter, ihre Namen kannte er noch. Diese waren zusammen mit Sohn Hikaji schon vor langer Zeit gegangen, kurz nach dem ihr zweiter Sohn auf so tragische Weise gestorben war. Er hatte keine Ahnung, warum Sheena hier geblieben war. Es hatte ihn aber auch nie interessiert. Der kurze Weg des Schwarzen endete schräg hinter Tyraleen und seiner Nichte, wo er sich auf die Hinterläufe sinken ließ. Rakshee war ihr Name, ähnlich wie Banshee. Es war schon sehr erstaunlich gewesen, als er mit bekommen hatte, das grade sein ängstlicher Bruder Hiryoga nun Vater war. Doch viel Zeit, sich damit zu beschäftigen, hatte er sich nicht genommen. Jetzt konnte er bloß sehen, dass ihr Fell weder weiß noch schwarz war. Damit musste sie wohl seinem Bruder ähneln. Mit einem letzten, eindringlichen Blick zurück zu Akru, – die anderen beachtete er eigentlich überhaupt nicht – sah Averic schließlich seiner Mutter ins Gesicht, etwas, dass ihm inzwischen recht schwer fiel. Dennoch versuchte er ein kleines Lächeln, ihr zu liebe.


Banshee beobachtete ihre anderen Gruppenmitglieder entspannt und erfreute sich an den unterschiedlichen Reaktionen. Akru hatte aufgesehen und seinen Blick jetzt wieder fest auf sie gelegt, schweigend ließ sie es zu und genoss es. Aszrem war ein wenig näher gekommen und schien auf eine Erzählung zu warten, ebenso wie Rakshee, die übermütig angesprungen kam und gleich Tyraleen und Averic mitbrachten, die zwar ein wenig uninteressierte aussahen, aber zumindest bei ihrer Tochter erkannte sie die Neugierde. Und Averic lächelte ganz leicht, was die Leitwölfin ehrlich freute. Auch Amiyo äußerte seinen Wunsch nach einer Geschichte und Banshee lächelte zu ihm und in sich hinein. Bevor sie etwas erzählte, waren erst andere dran. Aber zuvor wollte sie die Aufmerksamkeit von allen. Und Sheenas hatte sie noch nicht, zumindest lag die Weiße trotz einigen Aufforderungen abseits und schien nicht ganz glücklich.

“Sheena, komm doch auch zu uns. Ich würde dir gerne etwas zeigen.“

Sie zog die Stirn etwas zusammen und seufze innerlich. Es war ihr klar, dass sie für das Verhalten Sheenas teilweise verantwortlich war. Sie hatte damals den Eltern versprochen, auf sie zu achten und bis heute hatte sie noch nie wirklich Zeit für sie gehabt. Jetzt würde die Weiße die uneingeschränkte Aufmerksamkeit zwar zumindest mit Rakshee und Tyraleen teilen müssen, aber endlich zu der Bestimmung geführt werden, die Banshee für sie im Auge hatte. Jetzt legte sie ruhig ihre Rute um ihre Vorderpfoten und musterte jeden Wolf eingehend.

“Bevor ich euch etwas erzähle, will ich euch etwas zeigen. Jeder von euch sieht den See hinter mir, den Wald um uns herum und den wolkenlosen Himmel über uns. Wir hören das Zwitschern der Geflügelten und riechen den Herbstduft von welkendem Laub und reifen Beeren. Aber ich möchte, dass wir noch ein wenig weiter gehen. Es gibt in diesem Tal und um uns herum noch weit mehr, als unsere fünf Sinne wahrnehmen können. Ich möchte euch bitten, die Augen zu schließen. Und dann einfach lauschen, warten, die Gedanken loslassen und sich davon lösen, dass wir hier gemeinsam im Gras sitzen.“

Noch einmal wurde jedem ein auffordernder Blick geschenkt, dann schloss sie als gutes Vorbild vorangehend die Augen und versuchte sich zu konzentrieren und gleichzeitig die Welt loszulassen. Anders als sonst, wenn sie in sich ging und den Kontakt zu Engaya suchte, wollte sie diesmal auch den anderen Wölfen etwas zeigen. Und ganz besonders wollte sie Rakshee, Sheena und Tyraleen ein Zeichen schenken. Um sie herum erschuf ihr Geist ein Blumenmeer und sanfte Farben, der Geruch von frischem Frühlingswind lag in der Luft und sie spürte Engaya so deutlich an ihrer Seite, dass sie beinahe den Kopf gedreht hätte, um sie zu berühren. Stumm bat sie um ein Leuchten für ihre drei Schülerinnen, um etwas, dass Sheena, Tyraleen und Rakshee klar machte, dass sie eine ganz besondere Verbindung zu ihrer Göttin hatten. Sie musste nicht bitten.


Der Graue bemerkte den Blick eines schwarzen noch recht jungen Wolfes. Die Zuordnung zum Rudel war nicht direkt offensichtlich. Und trotzdem glaubt Akru zu erkennen, dass es auch ein Kind der Weißen war. Averic, so hatte er gehört. Ein ungewöhnlicher Name. Und dennoch passend. Seine tiefen blauen Augen strahlten Desinteresse aus, sie fanden sich ab und an in denen der jungen Weißen wieder. Tyraleen. Wenn er nicht falsch lag, waren sie Geschwister. Ein inniges Verhältnis, empfand der Graue. Aber es ging ihn nichts an, und wenn er ehrlich war, sollte sein Interesse nicht den anderen Wölfen mehr gelten, als es nötig war. Nun mehr erkannte er den Ursprung der väterlichen Seite. Und das war eher ein Grund sich sorgen zu müssen. Je klarer der Einblick, desto unübersichtlicher und vielleicht auch gefährlicher wurde es für ihn. Es war nicht gerade unauffällig, wie Banshee und er sich ansahen und was da wohlmöglich hinter stecken konnte. Es war nicht einfach ungestört mit offenen Karten zu spielen, sie war nie allein.

Worte der Weißen ließen ihn von dem Schwarzen ablenken und er sah sie wieder gebannt an. Sie sollten die Welt loslassen und alles um sich herum vergessen. Sie sollten Engaya in sich lassen, so wusste der Graue. Doch er behielt die Augen auf. Er stand nicht mehr der Lebensgöttin nahe, als auch dem Tode. Es war keine Abneigung, die ihn davon fern hielt. Er hatte nur kein gutes Gefühl bei der Sache. So war er ihnen doch beide verbunden. Zeitweilig war er zwar gewillt sich dem Wunsche von Banshee hinzugeben. Aber ein ungemein starkes Gefühl, wollte ihm den Boden nicht unter den Pfoten wegreißen.

Nur leicht verschloss er die Lider. So gerade eben konnte er die Umrisse der anderen Wölfe erkennen. Verschwommen. Er löste sich nicht von der Welt, blieb im Hier und Jetzt. Nicht zuletzt, weil er nicht glaubte, dass Engaya ihm ein Vergehen verzeihen könnte, dass er sich im Laufe seiner Zeit erlaubte. Oder weil er beiden Göttern verschrieben war.

“Engaya ist nicht der einzige Gott, so vergesst Fenris nicht“,

wisperte er so leise, dass es kaum einer gehört haben konnte. Es waren eher Gedanken, als die laute Aussprache.

.oO(Er ist trotz allem hier. Auch wenn ihr es nicht gerne hört. Er wird nicht weit sein.)


Tyraleen war froh, dass ihr Bruder ihr gefolgt war und sich auf das einließ, was Banshee mit ihnen vor hatte. Was auch immer es war, die Weiße war überzeugt, dass es interessant sein würde. Seit der Nacht des Kampfes hatte sich ihre jugendliche Abneigung gegen ihre Mutter etwas abgebaut, wenn sie auch weiterhin vorhanden war. Sie mochte die ewig weise und ruhige Art der Leitwölfin nicht und wenn sie nun wieder mit der Liebe anfangen würde, würde Tyraleen die Krise bekommen, aber ansonsten musste sie sich eingestehen, dass Banshee durchaus ein Vorbild sein konnte. Und sie wusste viel über Engaya. Tyraleens Flanke berührte die Averics bei jedem Einatmen und obwohl ihre Mutter das theoretisch sehen konnte, würde sie jetzt nicht von ihm wegrücken. Sie waren Geschwister, sie durften sich durchaus mal berühren. Aber Banshee schien sowieso etwas anderes im Sinn zu haben, als sie beide zu beobachten … sie begann mit einer praktischen Lehreinheit. Tyraleen war sich nicht sicher, ob sie darüber gedanklich spotten oder sich einfach mal darauf einlassen sollte. Nachdem ihre Mutter die Augen geschlossen hatte, zögerte die Weiße noch kurz, dann überwiegte ihr Interesse und sie tat es Banshee gleich. Zunächst war alles relativ langweilig. Es war schwarz wie immer, wenn man die Augen schloss und um sie herum blieb das von ihrer Mutter angepriesenen Gezwitscher und der Herbstgeruch. Sie versucht das auszublenden, hatte jedoch merklich Mühe … so ganz wollte es nicht klappen. Doch dann erschien in der Dunkelheit ein kleines Licht, dass immer größer wurde und sich langsam als eine weiße Gestalt herausstellte. Es war eine wunderschöne große Wölfin, die sowohl ihrer Mutter als auch ihr selbst seltsam ähnlich sah. Die Wölfin blieb nicht lange, drehte sich schon wieder um und verschwand, ließ jedoch eine weite Schneelandschaft zurück, die sich um Tyraleen auszubreiten begann. Es war angenehm warm und die Sonne schien, ihre Pfoten versanken tief im Schnee und um sie herum erhoben sich hohe Gipfel. Es sah ihrer Welt in den Bergen nicht unähnlich. Doch aus dem Schnee hervor quollen Blumen, überall begann es zwischen dem Weiß zu blühen und zwischen zwei kleinen Bäumen sah sie ein Reh mit seinem Kitz. Tyraleen hatte sich noch nicht sattgesehen, als sie ganz in der Nähe erneut die weiße Gestalt der Göttin erkannte, die neben einem Pfad saß. Wohin er führte konnte, Tyraleen nicht sehen, nur wand er sich lange und stetig nach oben. Er wirkte einladend und machte auf sie den Eindruck, als würde er nur darauf warten, von ihr betreten zu werden. Langsam erhob sie sich und ging darauf zu, im Schnee tiefe Pfotenabdrücke hinterlassend und mit den Läufen Blumen streifend.

Averic hörte seiner Mutter zu und fand die Idee, dass sie nun alle mal die Augen schlossen und ein wenig in die Schwärze horchen sollten, nicht sehr berauschend. Er war nicht der Typ für sowas. Doch sie schien es sehr ernst zu meinen, immerhin hatte sie schon ein paar Atemzüge später die Augen geschlossen, es war ruhig und als der Schwarze kurz zur Seite sah, erkannte er, dass auch Tyraleen ihre Augen geschlossen hatte. Er spürte ihr Fell an seiner Flanke. Irgendwie erschien es ihm albern, dass sie jetzt gleich alle mit geschlossenem Blick hier herum sitzen und träumen würden. Aber irgendwo auch nicht. Immerhin wusste er ... was es noch in diesem Tal gab. Ein kurzes Zögern, vielleicht grade weil er es wusste, dann schlug schließlich auch Averic die Augen nieder und wurde von typischer Schwärze empfangen. Seine Ohren drehten sich leicht zur Seite und legten sich etwas enger an den Hinterkopf, ohne dabei an Haltung zu verlieren. Er schob alle Geräusche von sich und achtete von da an nur noch auf seinen Herzschlag ... ließ alles, was ihm im Kopf herum schwirrte los. Es wurde still. Da war nur noch dieses leise Pulsieren. Bumbum ...
Das Gefühl seinen Körper zu spüren, verließ ihn und trotzdem glaubte er langsam nicht mehr daran, dass irgendwas geschah. Es erschien ihm mehr so, als täte sich langsam ein Abgrund auf, der ihn verschlucken wollte. Erschreckt davon, wollte er fast die Augen wieder aufschlagen, als direkt vor seinem Gesicht ein hässliches, schwarzes Gesicht auftauchte, aus dem zwei rote, leuchtende Punkte glühten. Averic erkannte Fenris sofort, fühlte sich plötzlich auch wieder plastischer. Als befände er sich nun in dieser Dunkelheit, als hätte sie einen Grund und Boden. Er nahm wahr, dass er selbst die Zähne fletschte, auf das Auftauchen seines Großvaters hin. Er hatte diese Gestalt schon ein paar Mal gesehen und nie etwas Positives mit ihr verbunden. Hah, wie auch? Wo immer er auftauchte, lauerte der Tod. Fenris war der Tod. Ein unangenehmes Gefühl durchzuckte ihn. Cylin ... Doch schockierender Weise erschien ihm die Erinnerung an seinen geliebten Bruder grade so unglaublich fern. Fenris drehte sich um, lief weiter in die Schwärze hinein, als gäbe es dort einen unsichtbaren Pfad. Averic blieb stehen und fühlte dabei doch einen gewissen Drang in sich, ihm zu folgen. Das leise Zischeln in seinem Kopf, dass er noch gut kannte. Die Besessenheit ... war es nicht das Gift, von dem er befreit werden wollte? Nein, es war kein Hass.
Ohne Herr seiner eigenen Bewegungen zu sein, machte Averic ein paar Schritte nach vorne und sofort änderte sich das Bild endloser Schwärze. Eine schwere Stimmung begann sich auf seine Seele zu legen, es war kalt und eintönig, genau wie die Landschaft, die sich um ihn herum formte. Wie immer war alles grau, und ein bedrohlich dunkler Himmel legte sich über die Erde, welche mehr Staub und Asche glich. Nirgendwo Leben, nur ab und an ein toter, schwarzer Baumstamm in der Ferne. Die tiefdunkelblauen Augen des pechschwarzen Wolfes wanderten über die Umgebung und nur ein unbarmherziger Winterwind zerrte an seinem Fell. Es war nicht schön, aber es war das, was zu ihm passte. Von einem gewissen Schwermut erfasst, stapfte Averic weiter durch den Aschestaub, meinte wieder Fenris’ Erscheinung am Horizont zu erkennen. Doch halt, nein. Das war nicht sein Großvater. Es war eine schwarze Kreatur, irgendwo noch wölfisch und irgendwo längst nicht mehr. Er blieb wieder stehen, beobachtete sie. Und während sich sein Blick an die Augen des Wesens heftete, wusste er, was es war. Wer er war. Sein Vater kam nicht auf ihn zu, er lief einfach weiter, mitten durch das kalte Nichts. Averic wusste genau, dass er es war und doch flammte nicht wieder dieser ungebändigte Hass in ihm auf. Er fühlte nichts. Nur ... vielleicht war es Mitleid. Acollon verblasste langsam wieder, würde wohl noch lange weitergehen und so setzte sich auch sein Sohn wieder in Bewegung. Er wusste nicht wohin, wusste nicht, was er verspüren sollte und folgte doch einem unsichtbaren Pfad. Bittere Kälte umklammerte sein Herz.


Rakshee saß kaum, da umrundete ein goldenes Blatt die Kleine und landete direkt vor ihren Pfoten. Rakshee betrachtete fasziniert das orangegelbe Muster des Blattes, durch dass sich die feinen Adern zogen und sah dann hinter sich, wo das Blatt herkam. Sie erkannte Amiyo hinter sich, ein Wolf der kurz vor dem Abstieg dazugekommen war, und der immer gute Laune hatte - vielleicht sollte sie Sheena in seine Nähe locken, damit sie auch etwas von seiner guten Laune abbekam?
Lächelnd sah sie wie er ihr zuzwinkerte, und wand sich dann an Tyraleen, die sich neben sie gesetzt hatte. Auch um zu ihr hochzugucken musste sie den Kopf sehr weit zurücklegen, aber da sie dort oben im weißen Gesicht der Fähe ein Lächeln erwartete machte ihr das gar nichts aus. Ebenfalls lächelnd sah sie noch einmal zu Sheena zurück, und dann zu Averic, der hinter Tyraleen herkam. Er sah auch nicht besonders glücklich aus, aber...es war etwas dass Rakshee nicht kannte, was auch immer sein Blick tatsächlich aussagen moche verstand sie nicht. Aber er wirkte nicht glücklich, wirklich unglücklich aber auch nicht...was also war es?

Sie hatte keine Zeit mehr darüber nachzudenken, sah noch einmal in Richtung Midnight und dann zu Oma auf, die nach ihrer Aufmerksamkeit verlangte. Mit großen Augen und noch größeren Ohren sah sie zu ihr hoch und hörte zu wie Banshee Sheena zu sich rief. Sofort sah sie sich zu der Weißen um, um zu kontrollieren ob sie schon glücklicher aussah. Natürlich war man glücklich wenn Oma mit einem redete. Was auch sonst?

Mit neugierigen Augen sah sie wieder auf, als Banshee fortfuhr, und lauschte ihren Worten geradezu andächtig. Ihre Worte klangen etwas seltsam formuliert in Rakshees Ohren, aber sie wusste genau was gemeint war. Und das konnte sie gut!
Mit derselben Begeisterung mit der sie Banshee angsehen hatte kniff sie nun die Augen zusammen, entspannte sich sogleich und machte einen federleichten Satz in ihre Traumwelt. Für gewöhnlich war sie voller bunter Fraben, hier mischten sich die Gezeiten, hatte Rakshee doch noch nicht gelernt dass sie sich ausschlossen - frisch erblühende Bäume standen in einem sanften Wind der sie mit rotgoldenen Blättern umspülte, Jakash war da und Sharíku und Kursaí und Ahkuna und Mama und Papa und Oma und und und...eigentlich waren alle da, manche Gestalten waren näher, andere weiter weg, aber auch wenn man sie nicht sehen konnte waren sie da. Sie waren immer da. Gerade wollte Rakshee den Blättern im Wind nachjagen, hatte den ersten Satz gemacht, als sie merkte dass es deutlich länger dauerte bis sie wieder festen Boden unter den Pfoten hatte. Erstaunt sprang sie nocheinmal ab, glitt durch die Luft, und registrierte erst jetzt die Schwingen an ihrem Rücken. Es sah seltsam aus, fand sie, dass da einfach Flügel an ihrem Rücken waren, aber das fliegen fühlte sich toll an, und eifrig begann sie jetzt mit den Flügeln zu schlagen, wirbelte die Blätter und das Gras unter ihr auf, und hörte wie Jakash ihr fasziniert nachrrief. Sie verstand ihn nicht mehr, dafür war sie schon zu hoch, aber es ging immer noch weiter, und die Wolken kamen immer näher. Und dahinter blitzte strahlend, wärmend und lockend die Sonne auf! Ein Gefühl allzu intensiven Glücks spülte durch Rakshees Venen, und flatternd und flügelschlagend kam sie der Sonne immer näher, durchbrach die erste Wolkenschicht und blieb plötzlich darauf stehen, als die Sonne sie plötzlich aus einer ganz anderen Richtung beschien - das, was sie als Sonne empfunden hatte, kam jetzt näher, bekam erste Konturen und wurde eine Wölfin, von so weißem Fell dass es zu leuchten schien, weißer noch als die Wolken, weißer noch als Schnee und alles was Rakshee je zuvor gesehen hatte. Vor Erstaunen hatte die Kleine ganz vergessen dass ihr Mäulchen offen stand, und als sie die Weiße jetzt aus ebenso strahlenden Augen an sah - Rakshee konnte ob des Leuchtens nicht ihre Farbe ausfindig machen - schloß sie es zögernd wieder.
Es vergingen Minuten, Stunden, in denen beide sich bloß ansahen, stumm und regungslos, und das sanfte Lächeln der Weißen brannte sich in Rakshees Gehirn ein wie das Bild eines besonders schönen Sommertages. Noch immer war da das wogende Wohlgefühl, und sie bemerkte dass sie längst saß. Auf der Wolke. Aber all das begann zu verschwimmen, langsam, unmerklich aber unaufhaltsam. Ihre Schwingen wurden zu Federn, die vom Wind hinfortgetragen wurden, die Wolke zu Gras, und die weiße Gestalt hatte nunmehr geschlossene Augen - und war Oma Banshee geworden. Blinzelnd sah sie Oma nur an, noch völlig paralysiert von ihrem Erlebnis. Irgendwo hinter Oma tanzte eine braune Feder im Wind...


Aszrem blieb auch weiterhin stumm ud betrachtete die einzelnen Wölfe und ihre Aktionen. Rakshee wirbelte vergnügt umher, animierte eine abseits liegende Jungwölfin, sich zu der Gruppe zu Gesellen. Die Weißen schien guten Zuspruch gerade bitter nötig zu haben, allerdings war Aszrem nicht der Typ Wolf, der sich in Gefühlsangelegenheiten einmischte. Genauso, wie er sparsam damit umging, seine Gefühle zu zeigen, ohne dabei jedoch gleich kalt und reserviert zu wirken.
Sein Blick wanderte zu Tyraleen und Averic, denen die Alpha besondere, stumme Aufmerksamkeit schenkte. Was da zwischen den Dreien vorging, wusste der Schwarzbraune nicht, aber er wollte es erfahren, wenn möglich.
Aszrem wandte sich wieder Banshee zu, die nun wieder das Wort erhob. Auf ihn wirkten ihre Ausführungen sehr gewählt, aber er hatte schon mitbekommen, dass so ihre Eigenart war. Er hörte zu unterdrückte den Impuls, angesichts ihrer Aufforderung die Augen zu schließen, eine Augenbrau zu heben. Die Weiße meinte es ernst, sie selbst schloss sogleich die Augen. Aszrem blickte in die Runde und bemerkte, dass die anderen dieser Aufforderung mehr oder minder zögernd nachkamen. Seine Ohren zuckten kurz, als er Akru etwas Murmeln hörte, konnte aber nur den Namen 'Fenris' verstehen. Aszrem wusste inzwischen, dass diese Wölfe den Göttern Fenris und Engaya huldigten und dass zumindest Banshee eine besondere Rolle in diesem Kult einnahm, vielleicht eine Art Hohepriesterin.

.oO(Ist es das, was dich so besonders erscheinen lässt, Grauer? Huldigst du Fenris?),

dachte er und beobachtete Akru, bis auch dieser die Augen schloss. Nun gut, dann würde auch er dieses seltsame Spielchen mitspielen... Aszrem schloss die Augen und ließ die Gedanken treiben, aber es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass sich die Geräusche veränderten. Aus dem Vogelgezwitscher wurde pfeiffender Wind, der eiskalt durch sein Fell schnitt. Harter Schnee knackte und brach unter seinen Pfoten, während er immer höher und höher lief, auf den Gipfel des Berges zu. Das Atmen fiel schwer und bildete weiße Nebelwolken vor seinem Maul. Die kalte Luft stach in seiner Nase, seinem Rachen, seinem Hals. Aber er musste weiter, hinauf auf den Gipfel - er musste sehen, was danach kam. Aszrem kämpfte sich vorwärts, erklomm den letzten Grat aus Fels und Schnee, stand auf der Spitze des Berges und sah... Berge. Nicht das Ende der Welt, den Geburtsort der Sterne. Berge, eine weitere Front aus Stein und Eis, die seinen Blick in die Ferne weitestgehend versperrte.

'Willst du immernoch weiter?',

die Stimme erklang direkt ins einem Kopf und schien doch gleichzeitig von den Bergen widerzuhallen. Aszrem erkannte sie als seine eigene, obwohl er nicht gesprochen hatte.

'Ja, ich will noch weiter...',

antwortete er, ohne das die Worte ausgesprochen wurden.

'Weiter?'

'Ja, weiter, weiter...'

'Wie weit...?'

'Soweit mich meine Pfoten tragen...'


Die Berge lösten sich auf, Schwärze kehrte zurück. Aus Eiseskälte wurde Wärme, aus dem pfeiffenden Wind eine sanfte Brise und das Zwitschern der Vögel. Aszrem öffnete langsam die Augen und fand sich nach wie vor bei der Gruppe wieder. Er konnte diesen Ort unmöglich verlassen haben, und doch hatte sich alles so real angefühlt. Und warum hatte er kurz den Eindruck gehabt, seinen Atem ebend als blasses, weißes Wölkchen gesehen zu haben...?


Interessiert hatte Amiyo der Alpha zugehört. Endlich passierte etwas! Er hörte Banshee entspannt zu, und als sie die Worte gesprochen hatte, klappte ihm vor Verwunderung der Mund auf. Meinte sie es ernst? Natürlich meinte sie es ernst, schon hatten die Wölfe um ihn herum die Lieder zugeklappt. Er tat ihnen schnell nach. Langsam ließ seine Seele von der materiellen Welt los, doch sie würde zurückkehren in den, nun reglosen Körper. Amiyo schaute wenige Augenblicke auf seine Gestalt, dann verschwamm alles...

oO.(Was passiert hier...

fragte sich der junge Rüde, doch es war pure Neugierde und es schwang keine Angst mit in seinen unausgesprochenen Gedanken. Dann nahm alles wieder seine Gestalt an, aber nicht plötzlich, sondern langsam, als ob erst jeder Strich gezeichnet werden musste, bevor er das Gesamtbild ganz sehen konnte. Nocheinmal schloss er die Augen, und als er sie wieder öffnete, war alles gestochen scharf. Er blickte sich um, seine goldgelben Augen erblickten einen großen Wald. was würde er als nächstes zusehen bekommen? Und dann sah er sie. Er schaute sie an, als ob sie ihm irgendwie vertraut wäre, sie war nah und doch so fern... ein kleines Lächeln spielte um die Lippen der schneeweißen Wölfin, es umhab sie ein leichter Schimmer. Wie gebannt sah der junge Rüde sie an. Sie war weißer als der hellste Schnee und schöner als alles, was er je gesehen hatte. Schöner als die Sonne und der Himmel... verzaubert stand er da, und wenige Meter- oder waren es viele?- vor ihm stand Engaya. Ja, er war sich sicher, dass sie es war. Er hatte sich gefragt, ob er sie jemals zu Gesicht bekommen würde. Er fürchtete sich vor Fenris. Er war so froh, dass er das Leben und nicht den Tod sah. Nocheinmal lächelte die Weiße ihm zu, dann drehte sie sich um und verschwand zwischen den Bäumen, den dunklen Bäumen. War er allein in diesem Wald? Wo waren die anderen? Er schaute dem weißen Schimmer nach, es leuchtete durch die Bäume immer noch bis zu ihm hindurch. Aber hatte sie nicht einen dunklen Schatten gesehen, als sie sich umgedreht hatte? Immer noch stand der junge Rüde da, und verstand immer noch nicht ganz recht, was da gerade geschehen war. Aber das Glück in seinem Herzen pulsierte, und er fühlte sich so lebendig, als ob er gerade geboren wäre. Sie war weg. Entspannt schloss Amiyo die Augen- und er wusste, er würde sie lange nicht sehen. Als er die Augen öffnete, sah er in Banshees Gesicht. Und erst jetzt fiel ihm auf, wie viel Ähnlichkeit die Fähe mit dem Leben hatte. Sie schien eine große Rolle zu haben. Er schaute sie an. Er wusste nicht, was er denken sollte- er war so jung, und schon hatte er eine Göttin gesehen. Er schüttelte sich. Das Bild der Göttin würde für immer in seinem Herzen sein. Jede Einzelheit behielt er. Er schloss die Augen und dachte über das eben geschehen nach. Sein Atem ging ruhig und seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig.

oO.(Amiyo, Sonnentänzer, dir ist gerade eine sehr große Ehre zukommen gelassen. Ich hoffe, das weißt du...)


Stumm saß der Schwarze da, wie ein Wächter, der immer Mal wieder ein Auge auf jeden seiner Gruppe hatte. Ein wenig hatten sich die Krallen in den weichen Boden gegraben. Boden. Etwas, was schon eine lange Zeit zurück lag. Die mitternachtsblauen Augen betrachteten die schwarzen Pfoten, mit den ebenso dunklen Krallen. Wie viele Kilometer hatten ihn diese Läufe bereits getragen. Lange, lange. Sie würde es bis zum Ende seines Lebens tun. Die Pfoten, die sich beschützend vor die anderen gestellt hatten, die Läufe, die sich gegen den Sturm gestemmt hatten. Der Rüde hatte nicht aggressiv gekämpft, wie viele andere aus dem Rudel. Er hatte auf seine stumme Art ‚zugeschlagen’, ging er Hass und Gewalt normalerweise aus dem Weg. Er konnte entscheiden, ob er einem physischen oder psychischem Schaden zufügte und obwohl es auf der einen Seite falsch wirkte, hatte er seine Seele fast schon dazu genötigt, sich selber vergewaltigt. Midnight war kein Wolf der Untaten, im Gegenteil. Schob man die Moral beiseite, waren sie irgendwo auch nicht besser, als dieses Besatzerrudel, welches sie in die Flucht geschlagen hatten. Sie hatten gemordet, verletzt und Wölfen die Heimat geraubt, obwohl sie sich nur das wieder geholt hatten, was dem Rudel der Sternenwinde zustand. Er konnte verstehen, er konnte beide verstehen, kannte er doch nur zu gut das Gefühl heimatlos zu sein. Innerlich stand er noch immer auf weiten Feldern, war der Wanderer geblieben, der sich an keinen Ort binden konnte. Hier, in diesem Rudel hatte sich einiges geändert, das wollte er nicht bestreiten. Doch wahrlich zu Hause konnte er sich nicht fühlen. Weder hier unten im Tal, noch recht in den Bergen, wobei ihm diese Umgebung deutlich vertrauter gewesen war. Seine Zeit in der Eiswüste, alleine in der Verdammnis, das Exil, in welches er gegangen war.
Langsam drehte sich das rechte Ohr des Nachtsohnes zur Seite, als sein Blick die kleine Welpin verfolgte, die ausgelassen das junge Leben genießen konnte. Unbeschwert und ohne einen Kratzer, ohne einen Riss in der Seele, einer Wunde auf dem Herzen.
Neugierig war die Kleine, hatte ihn Dinge gefragt, die ihn sonst niemand gefragt hatte, für die dich sonst niemand interessiert hatte. Es war in Ordnung. Geduldig hatte er ihr erklärt, was er wusste, hatte von den Dingen erzählt, an die er sich erinnerte, selbst wenn es manches Mal lückenhaft war. Das einzige Thema worüber er nichts erzählt hatte, war seine eigene Person. Sie war noch zu jung, sie würde nicht verstehen und er wollte eine solch unbekümmerte Seele nicht mit seinem Leben, welches völlig andere Bahnen einschlug, quälen. Als Banshee sie dazu aufforderte die Augen zu schließen, schlich sich ein Schimmer von Verwirrung in die blauen Augen des Nachtschwarzen, als dann aber nach und nach sich alle Augenpaare schlossen, senkten sich auch seine Lider. Dunkelheit umhüllte ihn, während seine Ohren nun noch klarer die Stimme der Alpha wahrnehmen konnten. Überhaupt war es viel lauter also sonst. Sich auf seine anderen Sinne zu verlassen und nicht von den Augen, die einem in manchen Situationen gar einen Streich spielen konnten, vereinnahmen zu lassen, war keine schlechte Übung für Rakshee und die Jungwölfe. Aber auch für die Erwachsenen.
Die leise Stimme der Weißen drang noch immer in sein Bewusstsein ein und forderte sie dazu auf, alle Gedanken los zu lassen. Aufhören zu denken und sich auf nichts konzentrieren. Es dauerte einen Augenblick, war Midnight zu sehr an seine Gedanken gekettet, um sich los machen zu können. Doch als er seine Atmung verlangsamte, seinen Kopf frei machte und seinen Geist los ließ, war es, als würde er in einer unendlichen Stille stehen. Wohin seine Augen auch blickten, da war nichts. Niemand, nur er alleine. Langsam trat er einen Schritt weiter vor. War dies seine Gedankenwelt oder war es der Ort, an dem seine Seele zu Hause war? Sah es so in ihm aus? Es war dunkel und kalt. Nicht so kalt wie in den Bergen und doch konnte er die Atemwolken hauchdünn und zart einen Augenblick in der Luft schweben sehen. Ansonsten war hier nichts, absolut nichts. War es das, was Banshee gewollt hatte? Das sie in sich gingen und sich ihre eigene Seele anschauten? Wie sie aussah hätte er ihr aber auch so sagen können, wenn er gewollt hätte. Tonlos seufzte er und obwohl der laut nur ganz schwach seine kehle verlassen hatte, war es, als echote sie sich mehrere Male in der Ferne. Und nun? Wohin sollte er gehen? Die Frage in seinem Inneren brannte unangenehm, während sich die blauen Augen teilnahmslos umblickten.

.oO(Wohin soll ich mich wenden? Wohin führt mein Weg?)

Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, verlor er den Boden unter seinen Pfoten. Ein gähnender, schwarzer Schlund, ein Abgrund und er hing kopfüber darüber, stürzte jede Sekunde in die Tiefe. Einzig ein heller, strahlendweißer Faden, dünn und zerbrechlich wie eine Spinnwebe hielt den Körper des Dunklen. Genauso unscheinbar wie der Faden war, genauso stark und belastbar war er auch, sorgte dieser einzelne Faden dafür, dass er nicht von der Finsternis verschluckt wurde.

.oO(Der Tod, nach dem ich mich sehnte und das Leben, das mich hält. Aber es verwirrt mich...)

Obwohl er dem Tod so nah war, fürchtete er sich nicht, fühlte er sich ruhig wie immer. Locker hingen die Vorderläufe hinab, verschwanden teilweise mit der Pfotenspitze bereits im Schlund. Langsam schloss Midnight die Augen. Er wusste längst, was ihm dieses Bild zeigte. Ebenso wie das Abbild seiner leeren Seele, die im Nichts hing.
Als er die Augen wieder öffnete stand er an der gleichen Stelle in diesem leeren Raum. Nur das sich vor seinen Pfoten Scherben befanden. Scherben, in denen er sich selber spiegeln konnte, Scherben, die aber auch sein altes Selbst spiegelten. Aber er verstand nicht. Er war nicht mehr wie früher, er hatte es vergessen. Er hatte alles vergessen und es gab keinen Weg zurück für ihn. Niemals. Sachte zuckte ein Ohr Midnights, als er den ort verlassen hatte. Der Ausflug an den tiefsten Punkt seiner Seele hatte ihn keinen Schritt weiter gebracht, hatte er nur dies gesehen, was er bereits wusste. Der Tod war da, so nah und doch so fern. Das Leben, welches ihn noch immer hielt und sei es nur mit einem spinnenfadenähnlichen Bund. Tief atmete der Rüde ein und öffnete die Augen. Er wollte diese trostlose ewige Leere nicht mehr sehen.


Schon vor Wochen hatte die Schwarze den Tag ihrer Wiederkehr vorbereitet. Sie wollte ihr Geburtsrudel aufsuchen, das sie einst verlassen hatte. Sie wollte ihre Eltern wiedersehen – glücklich - so, wie sie sie zurückgelassen hatte. Seit Tagen hatte Malicia das Rudel gesucht, aber vergebens. Ihre letzte Hoffnung war der Sternensee, zu dem sie jetzt auf dem Weg war.

oO.(Ob sie sich wohl über meine Rückkehr freuen?)

Fragte sich Malicia und dachte ein bisschen über ihre Zeit im Rudel nach. Ihren Vater Acollon hatte sie nicht viel kennengelernt; und doch hoffte sie inständig, in bald wieder vor Gesicht zu bekommen. Vor Fenris, dem Tod, hatte sich Malicia nie gefürchtet, sie wusste ja, dass sie selbst eine Ausgeburt des Todes war, ihr schwarzes Fell überzeugte sie immer wieder davon. Traurig blickte sie auf den See, dem sie sich immer mehr näherte; doch plötzlich erstarrte sie. Auf der anderen Seite des Sees sah sie ein paar Wölfe; nicht viele, aber sie reichten, um ein kleines Rudel zu gründen. Angespannt schritt die Fähe weiter, bis sie eine der Anderen erkannte: Banshee! Obwohl sie noch weit entfernt war, war sie hundertprozentig davon überzeugt, ihre Mutter zu sehen. Verkrampft blieb sie stehen und lauschte, doch keines der Worte, die dort hinten gesprochen wurden, drang bis zu ihr vor. Langsam wurde sie ungeduldig; sonst war es nie so.

oO.(Tic Tac - Tic Tac … Beruhige dich, Malicia!)

Flüsterte sie sich ein und seufzte unhörbar leise. Nur noch einmal wollte sie alleine sein, nicht so angespannt und trotzdem fröhlich und frei. Aber es half nicht mehr; nicht so wie früher. Malicia ging immer weiter auf die Gruppe zu; wo war bloß das große Rudel Banshees geblieben? Es waren höchstens 10 Wölfe; waren die anderen alle tot? Langsam wurde die Jungfähe und ruhig; ihre Schritte immer mehr tapsig. Sie kam sich kleiner vor; kleiner, unwissender und hilfloser. Nur noch ein wenig, und sie war bei der Gruppe. Noch einmal sammelte Malicia all ihren Mut und ihr Selbstbewusstsein, dann sprach sie, so laut sie konnte:

“Hier bin ich wieder!“

Doch es kam nicht mehr als ein Flüstern über ihre Lefzen; gefolgt von einem gehauchten Seufzer. Sie war sowieso schon eingeschüchtert, doch jetzt verlor sie völlig den Mut. Keiner der Wölfe hatte sich umgedreht; so leise war sie nun auch wieder nicht gewesen.

"Banshee? Ich …“

Sprach sie etwas lauter und hoffte nun, dass sie erhört wurde. Der Blick der Fähe ruhte im Nichts; sie meinte einen Schatten gehört zu haben. Einen Ast knacken hören. Ängstlich sah sie sich um; doch alle Gruppenmitglieder rührten sich nicht.


Widerwillig war Sheena nun endlich den Worten Banshees gefolgt, nachdem sie eine Welpin einfach ignoriert hatte, die sie erstmalig aufgefordert hatte. Mehr gezwungener Maßen stand sie auf und schüttelte sich kurz, konnte sie doch nicht ganz verstehen, warum Banshee es auf einmal so wichtig war, dass sie dabei war, vorher hatte sie sich doch auch nie um sie gekümmert…! Brummelnd kam sie zu den anderen und verstummte erst, als sie sah, dass schon alle mit geschlossenen Augen dasaßen. Verwirrt musterte sie diese und erinnerte sich dann vage an die Worte, die sie am Rande noch von Banshee mitbekommen hatte. Was sollte das denn jetzt werden?
Skeptisch legte sie ihren Kopf schief, war sich nicht sicher, ob sie einfach trotzig so sitzen bleiben sollte oder ob sie ihre Augen auch einfach schließen sollte.
Diese Entscheidung wurde ihr schnell abgenommen, als sie verwundert merkte, wie ihre Augen sich fast von alleine schlossen. Vorsichtig klappte sie ihren Ohren herunter, wenn die Augen schon zu waren, konnte sie auch gucken ob sie etwas finden würde, was abseits ihrer normalen Sinne lag. Vielleicht konnte sie dabei auch Ilias vergessen, diese blöde, aufgeblasenen Rüden, der sie …. Stop, einfach an nichts denken, dass konnte doch nicht so schwer sein, oder?

Ein großes wogendes Meer tat sich vor ihren Augen auf, was war jetzt nur geschehen?
Wo war sie gelandet, so sehr sie auch ihre Augen aufriss, um sich herum, nein eher direkt vor ihr befand sich ein wogendes Meer, es glitzerte in den Unterschiedlichsten Farben, stand sie denn etwa auf einer Klippe? Sie drehte und wendete ihren Kopf und musste feststellen, dass sie selber inmitten dieses Meeres war. Verwirrt tappte sie auf den Boden, warum ging sie denn nicht unter? Der Boden unter ihr gab leicht federnd nach, es war gar kein Wasser, es waren Blumen die einfach überall waren. Sie war in einem großen Blumenmeer gelandet und ehe sie noch einmal verwundert hatte blinzeln können kam von weiter oben, ganz weit weg, hinten, ein weißes, fast schon blendendes Licht auf sie zu. Es schien sich einen Weg durch die Blumen zu bahnen, es sah aus als ob die Blumen an dieser Stelle zur Seite wichen. Würden die Blumen das bei ihr wohl auch machen?
Sie kniff die Augen zusammen, wollte sie doch gerne wissen, woher dieses gleißende Licht kam. Irgendeine Quelle musste es schließlich haben. Von hinten ertönte kurz ein grummeldes Donnern, erschrocken wendete sie ihren Kopf, das passte jetzt aber gar nicht in die Atmosphäre… Ein dunkler Schatten huschte, irgendwo fernab des Blumenmeeres entlang, bis eine Stimme ertönte.


Fenris, geh von dannen, dies ist meine Schülerin…!“

Verwirrt blickte sie wieder nach vorne, konnte sie nun, immer noch in der Ferne, eine weiße Fähe ausmachen die Banshee sehr stark ähnelte. Wenn die Stimme nicht anders gewesen wäre, hätte sie auf den ersten Blick gesagt, dass dies Banshee war, die auf sie zuschritt. Aber die Stimme klang noch tausendmal melodischer und klarer als irgendeine Stimme die sie jemals zuvor gehört hatte. Das weiße Fell schien zu strahlen, so wie ihr eigenes wahrscheinlich nie, niemals strahlen würde, wenn es dann überhaupt irgendwann mal so dicht und nicht voller Löcher sein würde wie das der Fähe die auf sie zu kam. Verschreckt kniff sie die Augen zusammen, nur um sie gleich wieder aufzureißen, als erneut die Stimme ertönte.

Sheena, habe keine Angst vor mir!“

Woher konnte diese Fähe nur ihren Namen wissen? Inzwischen war die Fähe stehen geblieben und drehte ihren Kopf leicht, so als ob Sheena zu ihr kommen sollte. Zweifelnd legte diese ihre Stirn in Falten, konnte dies doch eigentlich nur Engaya sein. Wer sonst konnte Fenris befehlen zu gehen? Bei dem Gedanken an den Todesgott schüttelte sie sich, trotzdem noch unsicher ob sie es wagen sollte ein paar Schritte zu tun. So als ob Fenris von ihrem inneren Kampf angetrieben wurde erschien er wieder, das Blumenmeer vor ihr wich einer dunklen, unglaublich zähen Masse auf die Sheena sich nie trauen würde zu treten. Was war nur passiert?

Glaub an dich kleine Sheena! Du wirst das richtige tun!“

Unbewusst trat sie einen Schritt zurück, schreckte panisch zurück als sie das Ekelerregende schwarze Nass berührte. Entschlossen setzte sie nun zum Sprung an, wusste, dass sie eine solche Strecke eigentlich nicht überwinden konnte. Das Blumenmeer war schon weit zurückgewichen, das Gesicht von Engaya schien bekümmert, während Fenris frohlockte. Mit der Angst im Nacken stieß sie sich kraftvoll vom Boden ab und als sie schon befürchtete zu stürzen, fing sie wie wild an mit den Pfoten zu strampeln und, sie traute ihren Augen kaum, sie lief über das schwarze Zeug hinweg, Fenris heulte wütend auf und Engayas starkes Leuchten kehrte zurück, das Blumenmeer weitete sich wieder aus.

oO Ich komme, ich weiß wohin ich gehöre! Oo

Mit weiten, federnden Sprüngen überquerte sie das kleiner werdende Nass und landete dann, federleicht das Blumenmeer. Das schwarz war nun völlig verschwunden. Weiter rannte sie auf die weiße Fähe zu. Es musste Engaya sein! Ein befreites Lachen entwich ihr.

Erschrocken riss sie wieder ihre Augen auf, war das wirklich sie selber gewesen, die da eben gelacht hatte? Sie blickte wieder in die Runde, zu Banshee. Ein paar Wölfe hatten noch die Augen zu, einige hatten sie aber, wie sie selbst schon wieder geöffnet.
War es sie gewesen die da gelacht hatte? Wo war sie eben gewesen? Fragen über Fragen häuften sich vor ihr auf, konnte sie doch mit keiner von ihnen etwas gescheites anfangen, wusste sie nur, sie musste Engaya irgendwie danken, irgendetwas hatte dieses Erlebnis zu bedeuten, vielleicht hatte Banshee diesmal ja mehr Zeit für sie und würde es ihr erklären.


Banshee betrachtete ruhig wie Engaya eine ganze Zeit lang einfach nur neben ihr saß, den Blick mal auf sie gerichtet, mal auf undeutlichere Schemen, die andere Wölfe sein könnten. Sie meinte Tyraleen, Rakshee und Sheena zu erkennen. Irgendwann erhob sich die Göttin und ging über die blühende Wiese auf den Wald zu, verschwand zwischen den Bäumen und ließ die Leitwölfin entspannt zurück. Doch ehe sie verstehen konnte, verwandelte sich die friedliche Landschaft in eine tote, graue Steppe, eiskalt war der Wind und der Geruch des Todes hing in der Luft. Erschrocken über den plötzlichen Wechsel und die offensichtliche Präsenz Fenris’ huschte ihr Blick suchend umher, erkannte jedoch nichts. Warum war sie plötzlich bei Fenris? Noch nie hatte sie Engayas Welt verlassen, noch nie, und sie war schon oft in sich gegangen. Die Antwort kam in Form ihres Sohnes, sie erkannte ihn sofort. Er schien sie nicht zu sehen, sondern starrte mit dem Rücken zu ihr auf eine andere Gestalt in der Ferne. Sie erkannte Acollon. Sofort spürte sie ihre Gefühle auf sie niederprasseln, Sehnsucht, Hoffnung und das Gefühl, ihm helfen zu müssen. Sie wollte losrennen, doch ihre Pfoten fanden keinen Halt auf dem toten Gestein, sie hatte das Gefühl zu fallen, obwohl alles eben war, dann kehrte Schwärze ein.
Verwirrt schlug sie die Augen auf und ließ ihren Blick über die anderen Rudelmitglieder streifen, versuchte sich zu beruhigen. Sie wusste nicht, was Acollon tat, hoffte nur, dass er sie vielleicht bemerkt hatte. Und er war am Leben … das hatte sie auch gewusst, dennoch zweifelte sie immer wieder an sich selbst. Er lebte und er würde wiederkehren. Sie atmete tief ein und stellte dann fest, dass einige bereits ihre Augen wieder geöffnet hatten. Rakshee sah sie aus großen Welpenaugen an, sie schien etwas erlebt zu haben; auch Amiyos Blick lag auf ihr, glücklich und Aszrem und Midnight hatten einen seltsamen, nicht zu deutenden Schimmer in den Augen. Und da öffneten sich die Augen Averics, hatte auch er sie gesehen?, und Tyraleens und Sheenas, beide mussten ein wichtiges Erlebnis gehabt haben. Die Leitwölfin ließ sich noch ein wenig Zeit, dann lächelte sie ein etwas geheimnisvolles Lächeln und schnippte mit dem linken Ohr.

“Sind alle wieder bei uns? Ich hoffe, ihr habt alle etwas erleben können und habt euch auf dieses eher unübliche Experiment eingelassen. Wie wäre es, wenn wir uns nun darüber austauschen. Erzählt, was ihr gesehen habt und wenn ihr Fragen habt, beantworte ich diese sehr gerne, wenn es mir denn möglich ist.“

Sie überlegte gerade, ob sie noch etwas hinzufügen sollte, als hinter ihr eine leise Stimme ertönte. Ihr Kopf fuhr herum und ihr Blick wurde vollkommen verblüfft. Eine schwarze Fähe saß vor ihr, größer und kräftiger und mit einem ausdrucksstärkeren Blick … aber eindeutig ihre Tochter! Erstaunen verwandelte sich in Freude, ein leises Winseln kam aus ihrer Schnauze. Sie überbrückte die kleine Distanz zwischen sich und Malicia mit zwei Schritten, berührte ihre Tochter an der Stirn und vergrub dann ihre Schnauze in dem schwarzen Nackenfell.

“Malicia … du bist zurückgekehrt?“

Eher eine Feststellung, als eine Frage, aber eindeutig Worte, die zeigten, dass sie nicht erwartet hatte, ihre Tochter jemals wieder zu sehen. Jetzt spürte sie immer neue Wellen der Freude, eine verlorene Tochter wieder geschenkt zu bekommen, Malicia wieder sehen zu dürfen, nachdem sie vor so langer Zeit davon gezogen war. Liebevoll, wie als wäre die Schwarze noch ein Welpe fuhr sie ihr mit der Zunge über die Ohren und sog den so bekannten Geruch ein. Das leise Knacken und der undeutliche Geruch eines Fremden fiel ihr nicht auf.


Wie lange Tyraleen den Pfad entlangschritt, konnte sie nicht sagen, die Sonne am Himmel wanderte nicht und ihr Zeitgefühl rann dahin. Immer wieder meinte sie weit vor sich Engaya zu erkennen, dann verschwand der Schimmer wieder. Sie wurde nicht müde und auch ihr Wille, das Ziel dieses Weges zu erreichen, schwand nicht, trotzdem fragte sie sich manchmal, ob sie hier nicht ewig gehen würde und nie etwas anderes kommen würde. Sie hatte gerade ein Blumenmeer umkreist und einen kleinen Schneehügel erklommen, als sie Engaya auf sich zukommen sah. Langsam und ruhig schritt die Wölfin den Pfad entlang und erst kurz vor Tyraleen erkannte diese, dass es nicht die Göttin war, die dort zu ihr kam, sondern ihre Mutter. Banshee trat an ihre Seite und gemeinsam gingen sie weiter. Als sie einmal den Kopf drehte, erkannte sie plötzlich noch zwei weitere Gestalten neben ihrer Mutter; Rakshee und Sheena liefen dort mit ihnen und lächelten ihr zu.
Der Traum war so plötzlich zu Ende, dass Tyraleen gar nicht verstand, woher plötzlich der warme Wind in ihrem Fell kam und warum sie Blätter rauschen hörte. Dann merkte sie, dass sie ihre Augen geöffnet hatte und wieder im Kreis des Rudels saß. Neben ihr Rakshee, nicht viel weiter weg Sheena und am See Banshee. Die drei Wölfe sahen ihr plötzlich so anders und doch so vertraut aus. Ihre Mutter erhob das Wort und in Tyraleens Kopf begannen die Fragen zu tanzen. Was dieser Traum zu bedeuten hatte, ob es wirklich Engaya gewesen war und … sie wollte ihrer Mutter davon erzählen, dass sie sie gesehen hatte. Dass sie bei ihr gewesen war. Doch unverhofft tauchte eine schwarze Wölfin auf und Banshee begrüßte sie wie eine verlorene Freundin. Tyraleen hatte keine Ahnung, wer das war, wollte aber nicht warten, bis die Leitwölfin ihre ganze Aufmerksamkeit wieder ihnen zugewandt hatte. Also drehte sie den Kopf zu Rakshee und Sheena und lächelte die beiden etwas verwirrt an.

“Ich habe euch gesehen. Wir sind gemeinsam mit Banshee einen Weg entlang gegangen. Es war ein ganz besonderer Weg, er …“

Sie wusste nicht, wie sie erklären sollte, dass sie den Pfad Engayas entlang gegangen waren. Es hatte sich einfach so angefühlt als würde dieser Weg zu Engaya führen, oder von ihr begangen sein oder einfach ein Teil von ihr sein. Sie war sich sicher, dass dieser Traum viel zu bedeuten hatte, gleichzeitig war sie noch voller Verwunderung über dieses erste Mal eine andere Welt als ihre ganz normale zu betreten.


Langsam öffneten sich seine Augen wieder ganz. Zwar hatte er nicht versucht in sich zu gehen, aber er hatte die Reaktionen der anderen gesehen. Aufmerksam hatte er jedes Zucken, jeden Gesichtsausdruck vernommen. Und als der Graue die Miene Banshees erschrocken aufblicken sah, war der Rüde etwas besorgt. Was hatte sie gesehen, dass es ihr so etwas antat? Forschend musterte er sie. Und bevor er sich ein Urteil bilden konnte, tauchte eine andere schwarze Fähe auf, die die Weiße zum winseln und zur Freude bewegte.
Es gab um die schöne Leitwöflin viel Trubel. Na herrlich, knurrte der Graue innerlich. Doch er blieb stumm, vorerst.

Kurz zuckten die Ohren zur Seite, er vernahm die Worte Tyraleens. Sie war tatsächlich in die Welt der Lebensgöttin eingetaucht. Sie wurde zusehends ihrer Mutter immer ähnlicher. Etwas schnaubend wandte er sich ab. Akru erhob sich, streckte sich ein wenig und schritt langsam aus der Gruppe. Geradewegs zum See hin. Die Huldigung eines Gottes, ließ er in Gedanken verlauten. Ein Gott nicht ohne den anderen. Ein Kreislauf und unterschiedliche Kulturen.
Seine Pfoten hoben sich schwer vom Boden und er fühlte sich schläfrig. Eigentlich war er ein Wanderer, ohne Rast und Pause. Dich seit er hier verweilte, schien es wie eine Rast, wie eine Pause, wenngleich seine Gedanken sich noch nie so von seinem Geist gelöst hatten. Oder andersrum?

Ein grauer Wolf starrte ihn an, er hatte blaue und irgendwie leere Augen. Ernst sah er aus. Ernst und seltsam nachdenklich. Sein Spiegelbild war etwas verzerrt und trotzdem konnte er sich gut darin erkennen. Das war Akru, der graue Rüde. Der Wolf auf Abwegen, mehr denn je. Ein Wolf ohne Ziel und ohne Rast. Es war die Zeit, die ihn geschaffen hatte und es war auch sie, die ihn wieder nehmen würde.

Was war es, dass den Grauen in Bewegung setzte? Was war es, das ihn vorwärts trieb? Den Glauben an die Götter bestand ja nun nicht in der Belobigung, eher in der Verzweiflung ihrer Existenz. Schön und gut, dachte Akru. Mit einer Tatze berührte er das Wasser und ließ sein Gesicht verschwimmen. So ist es besser, gab er bissig. Seine Augen verengten sich und langsam glitt sein Blick in den Himmel. Ein schönes Land gelegt in die Pfoten der Göttin. Der Name Banshees Gefährtin stand ihm nun vor Augen, Acollon, so wusste er. Es war der Sohn des Todes. Er glaubte ihn einst in seinen Träumen gesehen zu haben. So, als sei er, Akru, nicht wichtig der Entlegenheit seiner Schöpfung.


Aufgeregt trippelte Sheena näher an Banshee heran, welche sich gerade einer anderen schwarzen Fähe zuwendete. Entschlossen stupste sie Banshee einfach in die Seite, hatte sie doch das Gefühl die Worte würden sonst nur noch unkoordinierter und im puren Chaos aus ihr heraus brechen, aus Angst, dass sie irgendetwas Wichtiges vergessen würde. Vergessen war momentan der Ärger mit Ilias, die Angst davor im Mittelpunkt zu stehen und oder sich irgendwie zu blamieren. Einzig und allein ihre Vision zählte und Banshee hatte zum erzählen aufgefordert, Tyraleen hatte sich schon kurz geäußert, aber da sie nun erstmal verstummt war, wollte sie von ihrem Traum erzählen, verwirrte sie es doch, dass Tyraleen sie, Rakshee und auch Banshee auf einem besonderen Weg gesehen hatte. Hatte sie doch auch selber einen Weg gesehen… und war ihn entlang gegangen, jedoch ohne Begleitung, warum bloß? Hatte sie erst, anders im Gegensatz zu Tyraleen, alleine kämpfen müssen um ihren Platz zu finden. Fast erschien es ihr so, denn schließlich hatte sie Fenris und Engaya gesehen, war sie zu dem festen Entschluss gekommen, dass die beiden Wölfe die sie gesehen hatte, die beiden sein mussten.
Aufgeregt trippelte sie weiter auf der Stelle herum, ungeachtet ob Banshee ihr auch wirklich zuhörte und so öffnete sie ihre Schnauze und kaum war dies geschehen, kamen die Wörter auf ihr heraus, als ob sie nie Probleme mit dem reden hätte und als ob sie viel zu viel Wasser geschluckt hätte, welches nun alles irgendwie einen Weg heraus finden musste.

„ Banshee, du wirst es nicht glauben, auch ihr anderen werdet es nicht glauben. Ich selber kann es ja nicht richtig glauben und verstehen tue ich erst recht nicht alles von dem was ich gesehen und erlebt habe. War mir doch so, als ob ich wirklich dort gewesen wäre, in einer anderen Welt.“

Tief Luft holend, japste Sheena ein wenig auf, schleckte sich über ihre Schnauze um einen erneuten Wasserschwall von Worten ausspucken zu können.

„ Erst wusste ich gar nicht wo ich war, ich dachte ich würde in einem großen Meer ertrinken, bis ich dann gemerkt habe, dass dieses Meer nicht aus Wasser bestand sondern aus Blumen. Eine riesengroße Wiese nur voll mit bunten Blumen.
Dann plötzlich sah ich ein nicht irdisches Leuchten, ein Weg kam von weit her und auf ihm Schritt eine weiße Fähe. Zuerst dachte ich es wäre Banshee, doch als sie sprach merkte ich, das konnte nicht Banshee sein. Nichts gegen dich, aber diese Fähe war so perfekt, alles an ihr war einfach umwerfend. Die Reinheit, die Stimme, die …. Auf jeden Fall kam sie auf mich zu, plötzlich war da aber etwas dunkles, ein schwarzer Wolf, so wie Acollon erschien hinter mir auf der Bildfläche. Er verschwand vorerst, als die weiße Fähe zu ihm sprach. Sie konnte mich problemlos bei meinem Namen nennen und wollte, dass ich zu ihr komme. Erst habe ich mich nicht getraut. Während ich noch mit mir zweifelte war ich zu dem Entschluss gekommen, dass diese beiden Engaya und Fenris sein müssen. Warum weiß ich allerdings nicht. In der Zeit meines Zweifelns breitete sich dann plötzlich etwas schwarzes, glibberiges um mich herum aus und der schwarze Rüde, Fenris, war plötzlich wieder da. Ich vermute, dass er mich auch seine Seite ziehen wollte, ich verstehe es nicht ganz. Es war, als müsste ich in mir drin mit zwei verschiedenen Seiten kämpfen, ein gar nicht lustiges und sehr ängstigendes Gefühl sage ich euch. Dann hatte ich meinen Entschluss gefasst, ein letztes verzweifeltes Aufbäumen, mehr war es nicht. War ich mir doch plötzlich sicher, dass ich zu Engaya musste. Doch das schwarze war schon so weit ausgebreitet, ich konnte es gar nicht mehr überspringen und doch versuchte ich es. Sofort schrumpfte das schwarze und das beste war, ich konnte plötzlich in der Luft laufen, konnte dann Problemlos durch die Blumen laufen. Sie wichen vor mir zurück, gingen zur Seite und ich konnte mich immer mehr Engaya nähern, sie freute sich und ich, ich freute mich auch!

Banshee, was bedeutet das alles? Warum habe ich Fenris gesehen, warum Engaya? Das ist doch etwas besonderes oder habt ihr anderen das auch alles gesehen?“


Völlig außer Atem endete sie, machte einige Schritte rückwärts, wurde sie sich doch plötzlich bewusst, dass sie inmitten der Wölfe stand und gerade eine sehr, sehr lange Rede gehalten hatte. Könnte sie rot anlaufen, wäre sie dies jetzt mit größter Sicherheit geworden. Unsicher, ob es wirklich so viel bedeutete, wie sie anfangs noch gedacht hatte, senkte sie ihren Kopf und klappte die Ohren gleich automatisch mit ab. Sie wollte sich ganz klein machen, wie eine Maus und sich einfach verkriechen. Würde sie sich jetzt vor allen blamieren?

Atalya
05.01.2010, 22:25

Rakshee sah zu Oma auf, hörte die Worte an ihren Ohren vorbeirauschen und wollte schon losreden, als Oma einfach wegging! Sie wollte schon empört gucken, aber zum einen war die Freude Banshees auch von ihrer Position aus unübersehbar, zum Anderen hatte sich Tyraleen ihr gerade zugewand. Aufmerksam sah sie zu ihr auf, hörte ihr zu und wollte schon etwas erwiedern, als Sheena nun an ihnen beiden vorbei zu Banshee trat und ihr einfach ihre Geschichte zuerst erzählte. Eine kleine Gewtterwolke schien sich über Rakshees Kopf zusammen zu ziehen, und überaus grimmig guckend lief sie einfach weg von den drei Weißen und der Schwarzen, an Amiyo vorbei und bis zu Aszrem, hinter dem sie sich, mit demonstrativ abgewandtem Rücken, hinsetzte. Irgendwo erklang ein leiser Gruß, aber das war ihr jetzt egal, die Braune hatte ganz andere Sorgen. Oma hatte gefragt und dann war sie einfach weggelaufen, und dann wollte sie Tyraleen was erzählen und dann drängelte sich Sheena einfach zu Oma vor! Das war nach diesem Erlebnis zuviel für sie, und unglücklich lies sie sich nun hinter dem Schwarzen hinfallen, warf die Pfoten über die Augen und biss sich mit voller Absicht auf die kleinen Leftzen.

Doofe Sheena. Doofer Herbst. Doofer...See. Doofes Alles. Und doofer Schmerz in den Leftzen. Stumm gegen ihre Trauer ankämpfend zog sie den Rest ihres Körpers ener an sich, vergrub die Hinterpfoten unter ihrem Körper und schloss mit verzogener Miene die Augen. Das Federchen, was vor ihrer Nase landete, bemerkte sie gar nicht mehr.


Er brauchte nicht lange, um wieder richtig zu sich zu kommen. Es war zu sehr in seiner Seele verankert, den Bildern, Gerüchen und Geräuschen seiner Umgebung Aufmerksamkeit zu schenken, um jetzt benommen zu sein von dem.. Erlebten? Aszrem wusste nicht so recht, wie er das, was geschehen war, nachdem er die Augen geschlossen hatte, einordnen sollte. Es war zu real für einen Traum gewesen, aber es war auch nicht wirklich geschehen. Es war eher das, was man gemeinhin als Vision bezeichnen könnte, ohne, dass ihm etwas zukünftiges offenbart worden wäre. Oder...?
Ohne den Kopf zu drehen, wanderte sein Blick zwischen den nach und nach wieder zu sich kommenden Wölfen umher. 'Zu sich kommen' schien ihm in der Tat der passenste Ausdruck zu sein - die meisten wirkten, als wären sie weit fort gewesen. Wie er. Seine Augen blieben auf Akru hängen, als dieser sich wortlos erhob und die Gruppe verließ. Aszrems Blicke und Gedanken folgten ihm. Hatte der Graue etwas gesehen, dass ihm nicht behagt hatte? HATTE er überhaupt etwas vergleichbares.. erfahren? Aszre hätte es zu gerne erfahren, von jedem hier - obwohl ih die Idee missfiel, selbst Rede und Antwort stehen zu müssen. Ganz anders da die beiden Jungfähen. Tyraleen tauschte sich sogleich mit Sheena und Rakshee aus, und Sheena selbst sprudelte sogleich mit einer ausführlichen Geschichte auf Banshee ein. Die Alpha würde sich schier zerreissen müssen, um ihr genug Aufmerksamkeit zukommen zu lassen - denn gerade hatte sie sich einer anderen, schwarzen Fähe zugewandt und sie freudestrahlend begrüßt. Aszrem kannte die Schwarze nicht, aber so richtig neu konnte sie hier. Eher ein Wiedersehen. Aszrem senkte den Blick. Rakshee zog an den anderen vorbei und postierte sich hinter ihm, mit dem Rücken zum Rest. Ihre Mimik lag irgendwo zwischen Grimm und Traurigkeit. Der Schwarzbraune kannte sich nicht unbedingt mit Welpen aus, aber er erinnerte sich gut an seine Welpenzeit, und in welchen Bahnen er damals gedacht hatte. Er wusste daher nicht nur, was Rakshee so übel aufstieß, sonder auch, dass es mehr bedurfte als eine einfache Aufforderung an sie, ihm ihr Erlebnis zu schildern. Aszrem wandte sich zu ihr umd un legte sich dann nieder, umschloss Rakshee dabei fast in einem Halbkreis, der sie so von den anderen abschirmte. Einen Moment schwieg er und überlegte noch, wie er seine Worte am Geschicktesten wählen sollte. Er sah auf zum Himmel.

"Hier unten im Tal scheint der Himmel viel ferner. In den Bergen wirkt er so nah - ist die das mal aufgefallen, Rakshee? Immerhin bist du in den Bergen geboren, und nun lebst du hier unten mit deiner Familie. Eben habe ich von den Bergen geträumt - höher noch als diese hier, und bin bis auf den höchsten Gipfel gestiegen. Ich wollte sehen, ob ich von dort aus etwas bestimmtes sehen kann. Aber ich fand dort nur noch mehr Berge. Aber der Himmel, Rakshee... der Himmel war so nah, als müsste ich nur die Pfote ausstrecken, um ihn zu berühren..."


Amiyo hatte seinen Kopf auf die Pfoten gelegt und dachte nach. Über alles. Was war gerade geschehen? Nein, er hörte den anderen nicht wirklich zu, er schwebte wie in einer Blase, einer unberührbaren Blase, die ihn isolierte. Er seufzte. Er wollte nicht, dass dieses Gefühl des Alleinseins verflog. Er mochte die Ruhe. Diese Art der Meditation hatte er vom Alpha-Rüden gelernt, und er war ihm sehr dankbar dafür, dass er ihm sie gezeigt hatte. Alles hinter sich zu lassen, wenn auch nur für einige Augenblicke. Die Augenlieder zugeklappt lag er da, es sah aus, als schliefe er. Er steige immer höher in seiner Blase, immer höher. Seine Seele verließ seinen Körper und schwang sich auf in den Himmel. Er schwebte direkt über den anderen Wölfen, sah die Rücken in den unterschiedlichen Farben. Sah sich selbst, wie er da lag. In seinem Hinterkopf jedoch hörte er weiter, wie sie sprachen. Zuerst Sheena, dann Aszrem. Er verstand die Worte jedoch nicht ganz. Er konzentrierte sich wieder auf das Schweben, und er flog nach oben, alles wurde klein, die kleine Lichtung verschwand zwischen den Bäumen. Amiyo wandte sich der Sonne zu, helle Freude erfüllte ihn, er rannte, seine Pfoten berührten das Nichts um ihn herum. Und dann kam sie? Langsam setzte Amiyo seine Pfoten auf die Wolken. Der See war nur noch ein glitzernder Punkt in einem gelb-roten Flecken. War es überhaupt der Sternensee? Amiyo wusste es nicht.

Seid gegrüßt

Amiyo sprach nicht. Er sah sie, verzaubter sah er in ihr wunderschönes Antlitz. Er sprach zum Wolf vor sich. Glück wallte im jungen Rüden auf, als er eine Stimme vernahm. Er hörte sie nur selten, oft wartete er vor verschlossenen Türen, doch heute, heute hatte der Wolf ihn in Empfang genommen. Und der Graue genoss jede Silbe, prägte sich jeden Laut ein, den der vor ihm stehende aussprach...

Sei du auch gegrüßt, Amiyo Sonnentänzer. Wie ich sehe hast du ein neues Rudel gefunden, das ich aufgenommen hat, und du fühlst dich wohl, ich freue mich, dass du mich besuchen kommst ... doch nun geh wieder, kleine Flamme.

Amiyo nickte nur sanft. Er seufzte und lauschte, doch Karmé sprach nicht weiter, sondern lächelte ihn nur mit einem sehr sanften Lächeln auf den Lefzen an, dann nickte sie ihm kurz zu, und verschwand. Es war so schön... hier, im Nichts, das trotzdem echt war, so echt. Er blinzelte. Er machte einen kleinen Schritt zurück. Es war ihm gleichgültig, wie lange er hier verweilen durfte, hauptsache, er durfte diesen Moment für ein paar herrliche Momente ausschöpfen. Er neigte seinen Kopf tief, dann drehte er sich um und stürzte sich von der Wolke. Er wurde immer schneller, der Wald kam in Sicht und der See, dann wurde er langsamer, behutsam strich eine Pfote über den Boden, dann wurde er wieder eins mit seinem Körper. Er dankte in seinen Gedanken. Diese Wölfe hier hatten zwei Götter. Ja, sie waren ihm auch bekannt. Ja, auch er kannte sie. Es waren ebenfalls seine Götter, Fenris und Engaya und er stellte sie auch nicht in Frage, aber er kannte noch einen dritten Gott. Nein, eine Göttin. Karmé. Sie war die Göttin der Weisheit und der Stille, sie flößte einem Geduld ein. Amiyo war ein ruhiger Wolf, und die Wölfe aus seinem ursprünglichen Rudel waren es auch gewesen, gelassen, freundlich und doch oft verschlossen, aber auf keine böse Art. Sie kannten Karmé auch. Amiyo liebte sie abgöttisch. Sie war so schön... das beigefarbene und cremefarbendurchzogene Fell strahlte und glänzte, ihre Augen waren schön geformt und hatten ein dunkles Braun und einfach alles an ihr schien wohlgeformt und perfekt zu sein. Sie war eine Göttin. Warum hatte er die Nähe zu ihr gesucht, nachdem er erst wenige Augenblicke vorher einer anderen Göttin begegnet war? Engaya. Karmé. Unterschiedliche Namen. Amiyo war sich sehr sicher, dass keiner von den Wölfen hier sie kannte. Er hob seinen Kopf ein wenig, seine Augen waren jedoch immer noch geschlossen. Ein sehr, sehr leichtes Lächeln hatte sich auf seine Lefzen gestohlen. Wann er Karmé wohl wieder sehen würde? Er wusste es nicht, manchmal geschah es in kurz auf einander folgenden Tagen, dann wieder dauerte es ein halbes Jahr. Er war nicht alt, und hatte sie erst etwa drei mal gesehen. Es war besonders. Der junge Rüde wusste nicht, ob er von Karmé erzählen sollte. Vermutlich würden sie ihm nicht glauben, oder denken, er würde an Fenris und Engaya zweifeln, was ja nicht stimmte. Er glaubte an sie. Er musste in sich hineinlächeln, als er nicht das erste Mal bemerkte, dass er selbst argumentierte und diskutierte... mit sich selbst. Er wog eben alles immer ab und dachte viel und philosophierte und meditierte gerne. Ob jemand die Kunst des Aussichherausgehens beherrschte? So, wie er? Was täte er nur, wenn er es nicht könnte? Schluss! sagte er sich. Genug über Götter und die Welt nachgedacht. Amiyo schlug die Augen auf. Gerade rechtzeitig, um mitzubekommen, dass Banshee etwas zu einer tiefschwarzen, anscheinend ziemlich jungen Fähe sagte. Er betrachtete sie ernsthaft. Malicia? Es gab hier viele schöne Namen, und ihren hatte er, wie schon sehr viele andere nicht gehört. Er legte seinen Kopf ein wenig schief und betrachtete die Fähe aufmerksam. Woher kam sie plötzlich? Es würde sich sicher bald herausstellen. Amiyo würde sie nicht fragen, oder gar auf sie zugehen. Das war nicht seine Art. Warten war auch eine Möglichkeit. Jedoch ließ es sich der Rüde nicht nehmen, der Schwarzen zuzunicken und ein angedeutedes Lächeln auf seine Lefzen schleichen zu lassen.


Er lief. Er lief immer, immer weiter. Der eiskalte Wind zerrte dabei harsch an Averics Fell, schnitt an seinem Körper entlang. Und doch schrie mit einem Male alles in ihm, dass er sich umdrehen solle, weg von seinem Vater, der dort in der Ferne längst verschwand. Der Pechschwarze drehte den Kopf herum, hörte wieder diesen Schrei und erblickte dann mit hiebenden Stichen in seinem Herzen, dass weit, weit hinter ihm eine Wölfin stand, die seine Mutter sein musste. Schrecklicher Weise wusste er damit auch wieder, wo er diese Schreie einst schon hörte. Banshee rannte und fiel, löste in Averic ein Aufbäumen aus, auf das er schließlich selbst schreien und nicht mehr sehen wollte. Jemand musste die Zeit zurück gedreht, und den Schnee, den weißen Himmel durch graue Asche und schwarzes Firmament ersetzt haben. In seinem Geiste spritzte noch Blut. Ein äußerst grausamer Déjà-vu Effekt.
Der pechschwarze Sohn Acollons atmete schwer ein und aus, die Augen immer noch geweitet und der eisige Sturm gab nicht nach. Aber er war wieder allein, seine Mutter verschwunden, sein Vater ebenso. Überall gab es nur Asche und Staub, kein Leben, kein Licht. Keine Farben, nie für ihn. Oder? Der Tod war präsent, er schwebte in der Luft, im Boden, in jedem schwarzen Strauch. So setzte er sich wieder in Bewegung, wandte die blauen Augen zur Seite und starrte das Ungetüm neben sich, welches selbst ihn überragte, mit unklarem Blick an. In Fenris’ Augen war noch Blut. Averic kannte das. Er sah es ... so rot.

Langsam öffneten sich die Seelentore des großen Wolfes. Es war wieder hell, der Wind nicht mehr kalt und so schon fast zu warm für ihn. Er musste einmal Blinzeln, regte sich aber sonst nicht viel. Immer noch saß er aufrecht, stolz, den Kopf grade erhoben. Nur seine tiefblauen Augen schienen zuerst ein wenig abwesend. Es war, als müsste er die Wesen um sich herum erst wieder erkennen, seine Mutter, die anderen und ... Tyraleen. Sie saß noch neben ihm. Averic wurde jedoch sehr schnell abgelenkt, als ganz plötzlich eine schwarze Wölfin auftauchte und von Banshee stürmisch begrüßt wurde. Er musste zwei Mal hinschauen um sie zu identifizieren, dann konnte ihn sein Blick nicht mehr trüben. Malicia! Seine Miene wandte sich in stummes, verhaltenes Erstaunen darüber, dass seine Schwester wie ein Geist auf einmal dort stand, als seie sie gar nicht fort gewesen. Dabei musste es fast ein Jahr her sein, seit er sie das letzte Mal – das war noch vor der Lawine – in den Bergen gesehen hatte. Sie war also nicht gestorben.
Wie eine kurze Rückblende in die Vergangenheit, dachte er daran, wie oft ihr Blick als Welpe den Seinen gesucht hatte. Einmal hatte sie sich einfach neben ihn und Cylin gelegt. Doch sonst, so musste er zugeben, hatte er wenig mit ihr zutun gehabt. Wenn er allerdings versuchte, sich an Parveen zu erinnern, konnte er sich nicht mal an einen einzigen Augenblick erinnern, in dem er je mit ihr gesprochen hatte. Ihr Aussehen im Geiste zu zeichnen fiel ihm schwer. Kisha und Hiryoga waren zwar immer noch da, aber auch mit ihnen hatte er nie übermäßig viel zutun gehabt. Kisha war immer eine durchgeknallte Nervensäge gewesen, daran erinnerte er sich gut. Mh, sie war es noch Heute. Nur ihn ließ sie jetzt wenigstens damit in Ruhe.
Averics Blick glitt einen kurzen Moment lang Rakshee hinterher. Gott, diese Welpin war die Tochter seines Bruders Hiryoga. Es machte ihm wieder einmal bewusst, wie lange das alles schon her war und wie verdammt lange Cylin eigentlich schon tot war ... Nur hier im Tal war diese Zeit stehen geblieben. Das brachte ihn nicht zurück.
Der Schwarze richtete keine Worte an seine wiedergefundene Schwester, nickte ihr nur im stummen Gruß zu und drehte leicht die Ohren zurück, als Sheena anfing wie ein Wasserfall zu reden. Und da sie einfach nicht aufhörte, beschloss er schnell, gar nicht weiter zu zuhören. Sie sollten jetzt wohl alle von ihren Erlebnissen erzählten ... das wollte er sicher nicht. Seine dunkelblauen Augen suchten den Blick Tyraleens. Sie schien das genaue Gegenteil von ihm erlebt zu haben. Sollte er sich beunruhigt fühlen, von dem, was er gesehen hatte? Von Fenris?

Du wirst Engaya auch gesehen haben ... oder?“


Die Wellen des Wassers legten sich, die Ringe wurden größer und blieben letztlich im See verschollen. Lange sah er in den freien Himmel. Vielleicht sollte er doch in sich kehren und nach Antworten oder Worten suchen, die ihm auf den Weg, den er ging, begleiten würden. Auch wenn es Worte der Sünde oder der Verhassung sein würden, es könnte das Bild klarer und deutlicher zeigen. Die blauen Augen starten nun wieder auf das Spiegelbild hinab. Nun unberührt und ohne Bewegung. Ganz klar. Jedes seiner Fellhaare zeichnete sich in der glänzenden Oberfläche ab.

Akru trat in das nasse Element. Bis zur Flanke hoch stieg das Wasser, als er sich weiter in die Mitte des Sees hinein begab. Sein Atem war flach und sein Herzschlag ruhig. Er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören. Schließlich streckte er den Kopf unter Wasser. Alles wurde ruhig. Still. Die Umwelt war nicht mehr zu sehen, oder zu hören. Einfache Stille. Die Gedanken hielten inne und es gab ein paar Sekunden lang nur Schwärze. Als er die Augen öffnete, fand er sich in einen weißen Raum wieder. Nein, eigentlich war es kein Raum. Es war die Weite. Kein Ende, kein Anfang. Der Rüde horchte. Da. Eine leise, zarte Stimme. Sie rief ihn. Fast feierlich. Doch die Stimme hatte keinen Körper, oder doch? Er konnte lediglich ein Paar schöner Augen erkennen. Der Körper schmiegte sich in das Weiß der Unendlichkeit.
Engaya?, wisperte er leise. Eine rhetorische Frage. Er konnte es spüren, ohne wissen zu müssen. Sie lächelte. Ein weiches, schmiegsames Lächeln. Er kannte es von Banshee. Lebensgöttin, eine Ehre, er verbeugte sich und wollte aufsehen. Ein Umschwung ließ ihm aber nicht die Zeit dazu. Das gleißende Licht wurde von Schwärze gefüllt. Ein heiseres Lachen, rau und kalt. Aufglühende Augen. Du wirst sie in Sünde stürzen. Beschmutze sie. Dein Weg ist gut gewählt.

Erschrocken öffnete er die Augen und fand sich unter Wasser wieder. Der Sauerstoff war längst verbraucht. Aufkeuchend schwang er den grauen Kopf nach oben und füllte die Lungen mit reiner Luft. Als hätte ich es nicht ahnen können, knurrte der Rüde innerlich. Und als wolle er die Gedanken loswerden, schüttelte er sich. In Dienste des Todes? Nein, das konnte keine vernünftige Antwort sein. Der Hüne hatte sich auf das Schlimmste vorbereitet. Doch die Worte hatten nicht ihn betroffen. Sondern die weiße Leitwölfin. Ich kannte mein Vergehen schon vorher, mahnte sich der Graue. Und doch waren sie ausgesprochen gefährlicher. Wahrhafter.

Langsam schritt er wieder aus dem See ans Ufer. Das Wasser tropfte ihm von der Schnauze herab. Der Blick geradewegs auf die weiße gerichtet. Ein Vergehen, meine Schöne, dachte er.
Akru setzte sich auf seine Hinterläufe und sah, der Gruppe wieder zugewandt, zu.


Tyraleen strahlte weiterhin zu Sheena und Rakshee, die beiden reagierten jedoch ganz anders, als erhofft. Rakshee machte einen seltsamen Gesichtsausdruck und rannte einfach davon, ohne sie auch nur einmal anzusehen und Sheena schien sich auch nicht weiter um sie zu kümmern, sondern rannte einfach zu Banshee und schwallte sie zu. Was sie sagte, war zwar interessant und es gab sogar einige Ähnlichkeiten zwischen ihrem Traum und dem Sheenas, doch Tyraleen war jetzt beleidigt. Ein störrischer Gesichtsausdruck erschien auf ihrem Gesicht und sie drehte sich halb von der Gruppe weg. Da versuchte sie einmal offen und freundlich zu sein und auf jemanden zu zu gehen und wurde so ignoriert. Sie fühlte sich verarscht. Sie spürte Averics Blick auf sich und ihre wurde erneut klar, dass er der einzige war, der für sie da war. Alle anderen Rudelmitgliedern hielten sich ja für ach so freundlich und ach so führsorglich und ihn für einen egoistischen Außenseite aber in Wirklichkeit war es genau andersrum. All diese geheuchelte Freundlichkeit war eine Maske für ihren Egoismus und Averic allein trug diese Maske nicht, hatte dafür hinter seiner kalten Schale einen warmen Kern, an dem sie sich weit mehr wärmen konnte, als an allen Rudelmitgliedern zusammen. Sie lächelte ihm zu, auch wenn es ein trauriges Lächeln war. Seine Frage verwunderte sie im ersten Augenblick … auch? Hatte er etwa Engaya gesehen? Oder bezog er das auch auf Sheena? Wahrscheinlich eher das, sie konnte sich nicht vorstellen, dass Averic eine Verbindung zu Engaya hatte … wobei … hatte sie nicht gerade das Gegenteil gedacht? Hatte er nicht viel mehr von der Wärme Engayas als zum Beispiel Sheena? Sie war verwirrt. Langsam nickte sie.

“Sie hat mich auf einen Weg geführt. Es war ein guter Weg. Wir waren in der Bergen, überall lag Schnee und trotzdem blühten tausend Blumen.“

Sie hatte das Bild der blühenden Schneewüste noch deutlich vor Augen. Es war wunderschön gewesen und hatte gleichzeitig die Sehnsucht nach den Bergen geweckt. Auch wenn dort nie Blumen geblüht hatten, aber das brauchte Tyraleen nicht. Nur die Weite, die Unendlichkeit.

“Du … hast sie auch gesehen?“

Ihr Blick war ein großes Fragezeichen und verriet ihm sicher, dass sie sich schwer vorstellen konnte, wie dieser fenrisverbundene Wolf, der seinem Vater und damit sicher auch seinem Großvater so sehr glich, vor Engaya saß. Sie hätte ihn gerne berührt, ihren Kopf an seine Brust gedrückt und die Nase in seinem Fell versteckt, traute sich aber nicht vor den Augen des Rudels und ihrer Mutter Averic so nahe zu kommen.


Rakshee spürte wie sich Aszrem neben ihr rührte, sich ihr zuwand und sich um sie herum legte. Ein Schutzschild gegen gemeine blöde schwarze Fähen und Sheenas, die ihr die ihr zustehende Aufmerksamkeit von Oma und Tyraleen wegnahmen. Pah.

Als der Schwarze das Wort erhob nahm sie wieder ie Pfoten von den traurigen Augen, und sah zu ihm auf, hörte ihm zu. Es gab keinen Grund sich vor ihm zu verstecken - er war schliesslich ein Held.

"Aber da oben war der Himmel immer weiß oder grau. Hier unten sieht er ganz anders aus. Und von da oben sieht er auch ganz anders aus! Ich bin grade geflogen, Aszrem, mit Flügeln, so wie ein Vogel! Das ist toll, ich möchte das auch richtig können! Denn ich muss das doch Jakash zeigen, der glaubt mir dass sonst nie! Und ich hab Oma gesehen..oder so ähnlich. Sie saß auf der Wolke und sah erst aus wie die Sonne. Aber die Sonne war ganz woanders und es war eine leuchtende Wölfin da oben. Ganz leuchtend, so sehr dass ich gar nicht sehen onnte welche Farbe ihre Augen hatten! Gibt es sowas? Wölfe die so leuchten können?"

In ihren ersten Worten hatte man die ebige Enttäuschung noch hören können, jetzt aber war sie der widerkehrenden Begeisterung über ihren Taum gewichen, und Rakshee war lauter geworden und hatte sich aufgesetzt, um mit dem Körper gestikulieren zu können, so sehr versuchte sie dem Rüden ihre Erlebnisse zu verdeutlichen. Überhaupt hatte die frische Erinnerung in ihr den Ärger über Sheena und die Fremde einfach fortgeweht, und noch immer klang das warme Gefühl von Engayas Blick in ihrer Brust nach.

"Komm, ich will Oma fragen warum sie leuchtend af Wolken sitzt!"

meinte sie, sprang auf und krabbelte über Aszrem herüber. Sie war zwar schon kräftig gewachsen, aber es war immer noch etwas schwierig über Erwachsene zu klettern - die waren einfach zu groß... Halb hängend und halb kletternd schob sie sich schliesslich von dem Schwarzen herunter, und lief wieder an Averic und Tyraleen vorbei, hielt an und sprang zwischen die Beiden und sah zu Tyra hoch.

"Duu? Kannst du auch leuchten?"

fragte sie todernst, und sah sie gespannt an.


Shákru Minor blieb auf der weiten Ebene hechelnd stehen. Vor ihm tat sich ein großer, weiter Wald auf, die Grenzen des Reviers waren schon deutlich zu wittern. Neben dem schwarzen Rüden grasten ungefähr circa 14 Ellen entfernt einige Hornträger, aber der einsame Tänzer war nicht hungrig. Er konnte sich nicht mit solch nebensächlichen Dingen beschäftigen wo er seinem Ziel schon so nah war. Minor setzte sich auf seine Hinterläufe, mit dem Rücken zum Tal der Sternenwinde und blickte in die Vergangenheit. Weit hatten seine Pfoten ihn getragen. Viele Nächte und Tage war er gelaufen, hatte seitdem Ereignis auf der Klippe das Licht nicht mehr gesehen, jedoch war das Wissen in dem Schwarzen immer noch präsent. Ob man ihn suchte? Das war Shákru Minor egal. Freiwillig würde er bestimmt nicht mehr zurück kehren. Nie wieder eine Pfote auf dieses Land setzen. Einsam fegte der Wind über die Steppe, verlassen trug er einige Gräser mit sich und wirbelte Staub auf. Die kleine Sternenleier hatte sich verändert. Jeder Versuch sich das Leben zu nehmen, führte ihn wieder zu sich zurück, sodass Shákru Minor sich mit seinem Sein abgefunden hatte. Er war halt besonders und das konnte der Schwarze nun auch nicht ändern. Minor erhob sich langsam und trottete gemächlich auf die Grenze zu. Eine Ankündigung von seiner Seite blieb aus. Als Shákru das Tal betrat, ergoss sich ein gleißendes Licht über ihn. Es kämpfte sich mühelos durch die Wipfel der Bäume. Shákru wusste nun, dass er richtig war.
Leise, vorsichtig und voller ehre durchschritt der Fremde das Revier Fenris und Engayas, obwohl Minor mittlerweile an ganz andere Dinge glaubte, aber das sollte nichts heißen. Minor musste nicht mehr glauben, denn er wusste.
Schon bald wurden die verschiedenen Witterungen der Wölfe stärker, der Schall von Welpenstimmen drang an seine Ohren. Ein sanftes Lächeln legte sich in seine grüne Augen, als er schließlich aus den dichten Wald trat und einen schönen See erreichte. Schemenhaft erkannte er einen grauen Wolf und zwischen den Bäumen schimmerte Banshees weißes Fell. Es schimmerte so hell, wie der Schein des Lichtes, welches Shákru Minor erleuchtet hatte. Minor beschloss sich neben den grauen Rüden zu gesellen. Ja, er war sich sicher, dass ihn niemand angreifen würde. Vielleicht würde Banshee ihn bemerken. Wie dem auch sei. Lautlos platzierte sich Shákru Minor neben Akru und blickte in die Runde.


Averic fing den beleidigten Blick seiner Schwester auf und konnte ihn eigentlich ganz gut nach vollziehen. Insgesamt hielt er ja nicht sonderlich viel von den Meisten des Rudels. Hier fand er seine Meinung nur wieder bestätigt. Und in einen Welpen konnte er sich sowieso nicht gut reindenken. Vielleicht, weil schon eine ganze Weile seit seiner Welpenzeit vergangen war, vielleicht auch, weil er nie der typische Welpe gewesen war. Ihm war noch lebhaft in Erinnerung, welchen Groll er eigentlich gegen seine jüngeren Geschwister empfunden hatte. Vor allem wenn er an Daylight und Amáya dachte, drehte ihm sich fast der Magen um. Nervige Kinder waren das gewesen. Nur Tyraleen war immer etwas anders gewesen, wohl weil sie ihrer Mutter so ähnlich war. Obwohl er nicht bestreiten konnte, dass sie ihm bei ihrem ersten Gespräch auch ein wenig auf die Nerven gegangen war. Das war jetzt anders. Sie war keine Welpin mehr. Und sie war auch nicht nur noch einfach seine Schwester.
Averic fixierte ihr trauriges Lächeln und lauschte ihrer Antwort. Natürlich hatte sie das genaue Gegenteil von ihm erlebt. Und das in ihrer Vision, oder wie auch immer man das nennen sollte, Schnee vorkam, war irgendwie typisch. Der Pechschwarze lächelte leicht, auch wenn dieses Lächeln nach ihrer Frage einen bitteren Ausdruck annahm. Er und Engaya gesehen?

Nein ... sie habe ich nicht gesehen. Mein Weg bestand aus Asche und Staub. Nirgendwo war Leben ...“

Averic hielt inne, hatte leise, nur für Tyraleen hörbar gesprochen. Das einzige Leben, dem er begegnet war, konnte man nicht mehr so bezeichnen. Fenris, Acollon ... seine fallende Mutter. Es war eine kalte Vorstellung.
Viel weiter hätte er auch nicht erzählen können, da sie plötzlich eine Welpin zwischen sich sitzen hatten. Eine Augenbraue hochziehend, sah Averic Rakshee an und fragte sich, was diese dumme Frage bitte sollte. Leuchten? Das konnte sie doch nicht ernst meinen, oder verwechselte sie Tyraleen nun mit der Sonne, dem Mond, den Sternen, oder gar einem Glühwürmchen?


Nach wenigen Momenten der Stille, bemerkte der Graue einen Wolf, der sich neben ihn platziert hatte. Ohne ein Wort. Es schien auch nicht so, als würde er aus diesem Revier stammen. An ihm hafteten andere Gerüche. Erstaunt über das plötzliche Erscheinen des fremden Schwarzen hob er eine Augenbraue an und musterte den Rüden kurz.
Sein Blick war starr und unleserlich. Irgendwie seltsam nachdenklich. War der Schwarze einfach nur partout mit einer großen Selbstsicherheit geprägt oder war es einfach nur seine Art, die ihn hatte so wortkarg zu der kleinen Gruppe gebracht? Wie dem auch war, der kurze Blick zu Banshee schien ihm irgendwie zu seltsam, als das er hätte seinen Fang halten können.

“Akru“,

hauchte er knapp. Sein Blick wanderte von dem Fremden ab und huschte zu der Weißen. Wie gern würde er ihr noch näher sein, wie gerne wollte er ihr von seinem gerade Erlebten erzählen. Und noch mehr wollte er Sünden begehen.

“Und wie ist der Name des schwarzen Wolfes, der sich ohne ein weiteres Wort zu uns gesellt hat?“

Es waren keine unfreundlichen Worte, doch man spürte deutlich, dass er mit seinen Gedanken noch lange nicht wieder eins war. Immer noch in der kleinen Illusion und dessen Nachfolgen brauchte er erst einmal Abstand zu jeglichen Erinnerungen und Vergangenen. Zwar hatte er den Tod Cyrions selbst verursacht und doch schien ihm es nicht direkt als erlösend.

Verträumt sah er dem hellen Weiß nach, welches Banshee um sich trug. Ein Weiß, dass so rein war und ihm ein seltsames Gefühl von Desinteresse für seine Umwelt verlieh, dass er sich wieder zwingen musste, seine Augen abzuwenden um nicht erneut zu verlieren, was ihm doch als Priorität verstand.


Die junge Wölfin hob den Kopf; dann schüttelte sie ihn sanft. Trotz ihrer schlechten Laune fühlte sie eine Art Glück - wie sie es noch nie gefühlt hatte. Ihr war, als ob jemand ihr etwas längst Vergessenes wiedergegeben hatte, und so war es ja auch. Ihr wurde das Gefühl wiedergegeben, dazuzugehören. Endlich wieder eine Familie zu haben. Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Schwarzen. Es galt ihrer Mutter.

"Banshee ..."

Erneut flüsterte die Fähe diesen Namen. Seit Jahren hatte sie sich verboten, nur an ihre Mutter zu denken, doch jetzt ... Aber ihr schlechtes Gewissen plagte sie, die Fähe glaubte nicht, dass sie lange bleiben könnte.

"Ich weiß nicht ..."

Sie unterbrach sich selbst und dabei auch ihre Gedanken. Malicia legte den Kopf schief. In jedem Fall wollte sie bleiben! So lange war sie einsam gewesen; jetzt endlich wollte sie wieder andere Wölfe um sich haben. Doch die Fähe war zu erschöpft, um sich zu rechtfertigen. Ihre Augenlider wollten nach unten klappen; doch sie bemühte sich redlich, das zu ignorieren. Unruhig trat sie auf der Stelle herum.

"Warum seit ihr nur so wenig?"

Fragte sie mit müder Stimme und sah Banshee fragend an. Dann hustete sie einmal und schüttelte ihr langes, tiefschwarzes Fell. Sie setzte sich und stand sofort wieder auf; sie wollte ihre Mutter nicht behindern.

"Mach du nur!"

Malicia lächelte Banshee an und drehte sich langsam um, den Blick starr auf den Sternensee gerichtet. Die meiste Zeit wollte sie versuchen unterzutauchen - ihre plötzliche Rückkehr sollte Banshee nicht durcheinanderbringen.


Ihre Tochter hatte sich verändert. Das spürte Banshee nicht nur sofort, auch sah sie es an ihren Bewegungen und selbst die Stimme klang anders. Aber natürlich – Malicia war erwachsen geworden und hatte zudem eine lange Zeit fern von einem Rudel verbracht. Das Lächeln der Schwarzen war anders, aber es geschenkt zu bekommen, fühlte sich immer noch gleich an wie damals, als sie zum ersten Mal von ihrer Tochter angelächelt worden war. Malicia sah müde aus, sie musste lange gelaufen sein und brauchte jetzt sicher Ruhe. Doch gerne hätte sie ihr all die neuen Gesichter vorgestellt, schließlich hatte sie nicht nur neue Geschwister, die sie nicht kannte sondern ebenso war sie Tante geworden. Wieder fuhr sie ihr mit der Zunge über die Stirn.

“Das ist nur eine kleine Gruppe, wir sind fünfmal so viele! Oh, Malicia, du hast viel verpasst. Du hast neue Geschwister, siehst du dort die weiße Fähe bei Averic? Das ist deine jüngere Schwester Tyraleen. Und Hiryoga, dein Bruder, hat Welpen bekommen, du bist Tante geworden! Rakshee, die Kleine dort vorne ist deine Nichte. Wenn wir alle wieder zusammen sind, muss ich sie dir alle vorstellen.“

Sheena tauchte neben ihnen auf und begann wie ein Wasserfall zu reden. Obwohl Banshees Gedanken noch immer bei der Rückkehr ihrer Tochter waren, wollte sie die Weiße nicht ignorieren und versuchte alles zu verstehen, was ihre Ziehtochter da erzählte. Es zauberte ihr ein weiteres Lächeln auf die Lefzen, war es doch genau das, was sie erhofft hatte. Sie wollte mit Sheena darüber reden, am besten mit Tyraleen und Rakshee zusammen. Malicia regte sich und stand auf, wollte sie das tun lassen, was sie vorhatte. Banshee war hin und her gerissen, einerseits wollte sie mit ihrer Tochter über all das Erlebte reden, andererseits war es jetzt wichtig, mit ihren jungen Schülerinnen über ihre Träume zu reden. Sie berührte ihre Tochter an der Stirn und deutete dann mit der Schnauze auf Averic.

“Möchtest du dir von deinem Bruder erzählen lassen, was alles passiert ist? Ich muss nun mit Sheena, Tyraleen und Rakshee reden. Später werden wir uns unterhalten, ja?“

Sie schenkte ihr noch ein Lächeln, dann stupste sie Sheena an, eine Aufforderung ihr zu folgen und trat auf Tyraleen, Averic und Rakshee zu, die zusammen etwas von der Gruppe abgewandt dasaßen. Was die drei geredet hatten, hatte sie nicht verstehen können, aber sie hatte da eine Vermutung. Sanft wurde Rakshee angestupst und Tyraleen angelächelt, bis ihr Blick auf ihrem schwarzen Sohn liegenblieb.

“Averic, deine Schwester ist zurückgekehrt. Willst du mir den Gefallen tun, ihr ein wenig zu erzählen? Ich weiß noch, wie ihr manchmal zu dritt gespielt habt …“

Kurz huschte Trauer durch ihren Blick, natürlich meinte sie Cylin mit dem dritten. Wie Averic darauf reagieren würde, konnte sie nicht einschätzen … vielleicht aber freute er sich, ein Versuch war es wert. Und jetzt musste sie sowieso mit den drei Anwärterinnen reden, Averic war eher fehl am Platz, auch wenn Banshee ihn damit nicht wegschicken wollte. Jetzt wandte sie sich aber den dreien zu.

“Rakshee, Tyraleen, erzählt Sheena und mir, was ihr gesehen habt. Sheena hat bereits geschildert, was ihr widerfahren ist und vielleicht entdeckt ihr darin Ähnlichkeiten mit euren eigenen Erlebnissen. Dann können wir uns den vielen Fragen widmen, die ihr sicher habt.“


Averics Blick auf Tyraleen ließ sie wieder merken, dass er auch der einzige war, der verstand, was in ihr vorging. Und der verstand, warum sie sich ebenso wie er oft vom Rudel fernhielt und erst wenige wahre Freundschaften geknüpft hatte. Sie wüsste nicht, an wen sie sich halten sollte, hätte sie nicht ihn. Ob es ihm genauso ging, konnte sie nicht sagen, wahrscheinlich würde er es auch alleine aushalten. Er musste es gewohnt sein, war Cylin, der ihm so viel bedeutet hatte, doch schon im letzten Sommer gestorben. Tyraleen hatte kein Bild mehr von ihrem toten Bruder im Kopf und hatte wahrscheinlich nie mit ihm geredet. Doch wenn er Averic so viel bedeutet hatte, musste er ein toller Wolf gewesen sein. Sie wäre gerne älter, um all das erlebt haben zu können, was Averic erlebt hatte. Seine Worte lenkten sie von ihren Gedanken ab. Natürlich … das auch war auf Sheena bezogen. Aber dennoch fand sie weiterhin, dass auch Engaya zu ihm passte … irgendwo, hinter all den Zeichen des Todes und seinem alles verschlingenden Hass.

“Ich glaube nicht, dass es das war, was dich erwarten wird.“

Sie sah ihm fest in die Augen, plötzlich fast entschlossen. Solange sie da war, würde Averic diesen Weg nicht gehen. Zumindest nicht mit seinem ganzen Selbst. Doch der Moment war ebenso schnell vorbei, wie er gekommen war. Plötzlich saß Rakshee zwischen ihnen und sah sie mit großen Augen an. Ihre Frage verwirrte Tyraleen. Ob sie leuchten konnte? Und wieder dieses auch … heute wusste sie nie, auf wen sich das denn nun bezog. Ob bei ihr Engaya geleuchtet hatte? Banshee? Sie lächelte leicht.

“Vielleicht kann ich es ja bald.“

Zumindest in Träumen, sie wollte wie Engaya und Banshee leuchten, voll von Leben. Und sie war sich sicher, dass Banshee nichts anderes vor hatte, zumindest kam sie jetzt gerade mit Sheena im Schlepptau auf sie zu. Und jetzt endlich durfte sie erzählen. Sie war zwar noch immer ein wenig böse, doch Neugierde und Wissensdrang ließen sie das vergessen.

“Wie Sheena habe ich auch einen Weg gesehen. Es war Engayas Weg! Also, zuerst war überall Schnee, doch dann blühten Blumen auf und überall war Leben. Bis dazwischen irgendwann Engaya aufgetaucht ist, die mir einen Weg gezeigt hat. Ich bin ihn gegangen, aber es ist nicht wirklich etwas passiert, auch wenn mir das gereicht hat. Bis plötzlich Sheena, Rakshee und du an meiner Seite aufgetaucht sind wir sind den Weg gemeinsam gegangen und es war gut.“

Ihre Erzählung klang ein wenig atemlos und etwas welpisch, aber ihr fielen keine anderen Worte ein.

“Was bedeutet das?“


Sein Name war also Akru. Shákru löste kurz seinen Blick von Banshee und der Gruppe um sich den Rüden neben ihm näher anzu sehen.

"Shákru Minor mein Name."

Die kleine Sternenleier spürte, dass Akru sich am liebsten mit der Alpha einlassen würde auch wenn es eine Totsünde schien. Fenris wird ihn dafür bestrafen, wenn es nicht schon vorher der Leitwolf tat. Shákrus Fell wurde leicht von dem Wind zerzaust. Der Schwarze fühlte sich wohl neben den wortkargen Rüden, der einen leeren Blick hatte, der doch allem Bände sprach. An sich war Akru auch noch nicht lange in dem Rudel, sein alter Duft wurde Minor von der leichten Brise zu getragen. Es war ein Duft, der nach Verfaulung und Trauer roch, aber auch nach einer neu entdeckten Freundschaft, die nicht von diesem Rudel ausging. Nein, es schien eine andere Fähe zu sein, die nur eine Freundin war, eine Schwester im Geiste vielleicht? Es blieb genug Zeit den interessanten Rüden zu durchleuchten. Leise seufzend legte Shákru Minor sich auf den Boden, jedoch blieben die Ohren aufgerichtet, der Blick wach.

"Siehst du ihre Flügel? Die Flügel, welche Engaya ihr vermacht hat? Sie ist schön. Banshee ist von strahlender Schönheit und du solltest deinem Begehren nach gehen, ehe es zu spät ist."

Shákru blickte lächelnd zu Akru auf. Der Rüde hatte eine wunderbare Ausstrahlung.

"Mach es, bevor deine Schwester im Geiste dich zu etwas anderem überredet, bevor der Alpha seine Pfoten wieder in das Revier setzt, bevor Fenris dich zu sich holt."

Nun legte die Sternenleier seinen Kopf auf die Pfoten. Mal sehen wie lange, er von den andern unbemerkt bleiben wird.


Die blauen Augen sahen erstaunt auf, die Reaktion blieb jedoch nur klein. Ein kurzes Einschätzen mit wem er es zu tun hatte und dann glitt sein Augenmerk wieder auf Banshee. Ihre Flügel? Ja, sie strahlten hell, gehalten vom Leben und erhellt von Hoffnung. Und dennoch konnte er mehr sehen. Sie waren nicht so stark, wie sie zu scheinen vermuteten. Nun mehr wollte er eigentlich niem anden über die Verbindung zu ihr oder seiner Aufgabe in diesem Spiel aufklären oder ein Wort darüber verlieren. Doch Shákru hatte einen offen liegenden Nerv getroffen; wahrscheinlich nicht einmal mit böser Absicht; so dass er gar nicht anders wusste zu reagieren, als seinen Fang zu öffnen und die Worte zu sagen, die der Wahrheit nicht so nahe lagen, wie es schien.

“Flügel, welche die Welt tragen müssen. Behaftet mit mehr Elend und Trauer, als man vermuten würde. Sie ist diejenige, die das Leid des Todes auf sich zieht.“

Für einen kurzen Moment überlegte er und sein Blick wurde verschwommen. Ein Ausdruck der Übelkeit lag in seiner ganzen Mimik. Würde der Schwarze doch nur halb so gut verstehen, wie Akru es selbst tat. Wenn er sehen könnte, wie alles zerbrach und das Gleichgewicht noch mehr zerstörte.

“Du meinst den Todessohn, der ihr die Welpen schenkte? Wenn es nur das eine Problem wäre. Wenn es nur um diese eine Sünde gehen würde. Aber leider liegt es viel tiefer und das Vergehen ist größer als nur ein Bruch von Gleichgewicht und Moral. Geschaffen von Engaya und Fenris weiß ich um meiner Verbindung zwischen ihnen. Wächter der Zeit und ergeben beider Seiten.“

Natürlich könnte ich meiner Begierde nachgeben, knurrte er innerlich. Sicher kann ich mich meiner Lüste hingeben. Ein leichtes Seufzen suchte sich den Weg ins Freie. So wie er dort stand, konnte man ihn nur schlecht einschätzen. Hatte er doch gerade eben noch im See gestanden und Engaya vor seinem geistigen Auge gesehen. Der Graue hatte sogar die Anwesendheit des Todes und dessen Worte immer noch in den Knochen stecken. Solle er doch das Vergehen begehen, hatte Fenris verlauten lassen. Solle er doch Banshee in Sünde stürzen um sie mehr und mehr schänden.
Das Wasser tropfte ihm immer noch von seiner Schnauze und zeigte ein anderes Erscheinungsbild des Rüden. Und hatte er vielleicht gerade von Isis gesprochen? Der kleinen und recht jungen Fähe? Sollte sie seine Schwester im Gesite sein? Völlig unmögluch, dachte Akru. Bemerkte dabei gar nicht, dass die Idee nicht so absurde und abwägig klang, als gedacht.


Rakshee sah zu Tyra auf, und ihre Augen leuchteten bei ihrer Antwort. Sie war alles andere als eindeutig, aber sie gefiel der Kleinen, und als Oma Bani mit der -immernoch doofen!- schwarzen Fähe und Sheena zu ihnen herübertrat wedelte sie längst wieder freudig und hörte zu, als Banshee Averic beauftragte die Schwarze zu beschäftigen. Ha, armer Averic, nun musste er sich um die doofe Fähe kümmern, die augenscheinlich seine Schwester war. Banshee forderte sie zum Erzählen auf, und diesmal überlies sie Tyraleen bereitwillig den Vortritt, lauschte ihrer Erzählung interessiert und lies Banshee nur kurze Zeit, bevor sie selbst losplapperte.

"Oma, ich konnte fliegen! Ich bin bis zu den Wolken geflogen, weil ich dachte dass dahinter die Sonne sei, aber die war da gar nicht. Die war nämlich ganz woanders, und da saß eine Wölfin die geleuchtet hat. Die war ganz weiß und sah ein bisschen aus wie du, aber ich konnte nicht sehen welche Farbe ihre Augen hatten - die haben zu sehr geleuchtet...sie hat nur gelächelt und ich saß auf der Wolke und dann wurde sie durchsichtig und hatte die Augen zu und dann war sie du. Wer war das? Warst das gleich du? Und warum bin ich bei Tyraleen gelaufen, kann mich aber gar nicht daran erinnern?"

sprach und fragte sie in einem Zug, und schien drauf und dran zu vergessen Atem zu holen. Leicht hechelnd sah sie nun von Banshee zu Tyraleen und Sheena und wand schliesslich den Kopf zu Aszrem, um zu sehen ob er ihr gefolgt war. Sogleich fanden ihre Augen aber zu denen Banshees zurück, damit sie nur nicht ihre Antwort verpasste. Die Stirn Kraus ziehend trats ie noch nähher an Banshee heran.

"Kann ich auch so leuchten? Das sah hübsch aus!"

ergänzte sie, und sogleich fiel ihr etwas anderes Wichtiges ein.

"Und ich brauche meine Flügel nochmal! Ich muss das doch Jakash zeigen!"


Banshee hörte ihrer Tochter und ihrer Enkelin aufmerksam zu und im Laufe der Erzählungen schlich sich ein Lächeln auf ihre Lefzen. Sie war glücklich, dass Engaya wirklich allen drei Schülerinnen Zeichen geschickt hatte … und nicht nur ihnen, auch ihr, Banshee, denn jetzt war sie sich sicher, dass es diese drei jungen Fähen waren, die ihren Weg betreten sollten. Drei Generationen und alle im Tal der Sternenwinde geboren. Es war ein schönes Zeichen. Sie wartete, bis auch Rakshee ausgeredet hatte und sah dann alle drei einmal aufmerksam an. Sheena und Tyraleen mussten schon viel über Engaya und Fenris wissen, sie hatten sie auch benannt, Rakshee dagegen hatte wohl nur ab und zu mal etwas aufschnappen können. Sie sollte also ganz von vorne beginnen.

“Es gibt neben all diesen Lebewesen auf unserer Welt auch noch etwas höheres, Wesen, die uns beschützen. Wir nennen sie Götter. Engaya und Fenris. Engaya ist die Göttin des Lebens, ihr habt sie als weiße Wölfin mit Flügeln gesehen. Sie schützt uns und verleiht mir als Priesterin Fähigkeiten, zu denen normale Lebewesen nicht im Stande wären. Fenris ist der Gott des Todes. Er wird oft als böse dargestellt, er ist jedoch ebenso wichtig und gut wie Engaya, kann doch das Leben nur durch den Tod existieren und der Tod nur durch das Leben. Es ist ein Kreislauf und beide Götter sollte man ehren und schätzen, in beiden liegt unsere Existenz.“

Sie beendete ihren längeren Vortrag und überdachte noch einmal ihre Worte. Schon länger hatte sie nicht mehr so von den Göttern geredet und noch klang es nicht ganz flüssig. Sie hatte ihre Aufgabe, das Leben und den Kreislauf allen Wölfen näher zu bringen, ein wenig vernachlässigt.

“Ihr habt alle etwas erlebt, das euch zeigen sollte, zu was ihr einst bestimmt worden seid. Noch bevor ihr geboren wurdet.“

Sie ließ sich nur kurz Zeit, damit Rakshee nicht gleich wieder Fragen dazu stellte.

“Ihr alle habt Engaya gesehen, auf unterschiedliche Art und Weise, aber doch immer die gleiche, gütige Göttin. Teilweise war dort ein Weg, den ihr gemeinsam mit ihr und vielleicht auch mit uns vieren beschritten habt. Es ist der Weg, den wir gehen wollen um später so zu leuchten, wie Engaya oder ich. Es ist das Licht des Lebens, das aus uns strahlen wird. Und dieses Licht könnt ihr finden, wenn ihr zur Priesterin ausgebildet werden wollt. Es ist eure eigene Entscheidung und ich möchte sie euch nicht abnehmen.“

Sie wusste, dass sie viel erwartete. Sheena hatte sich bereits entschieden, sie war Engaya gefolgt und nun der Ausbildung zuzustimmen war nur noch ein kleiner Schritt. Auch Tyraleen war den Weg gegangen und sie beide waren alt genug, um eine solche Entscheidung zu treffen. Nur Rakshee verlangte sie viel ab. Ihre Enkeltochter wusste noch wenig von der Welt und noch weniger von den Göttern und wenn sie zustimmte, ging sie auch eine große Verpflichtung ein … andererseits war es nicht richtig, über ihren Kopf hinweg zu entscheiden und die Kleine war schon sehr reif für ihr Alter.
Langsam senkte sich Banshees Schnauze auf die Höhe von Rakshee und die Welpin wurde sanft an der Stirn berührt.

“Die Flügel sind geistige Schwingen. In unserer realen Welt kannst du damit nicht wirklich fliegen, aber sie können dich doch zu Engaya bringen und in ferne Welten tragen.“

Sie zwinkerte leicht und sah dann wieder zu allen drein. Sie erwartete nicht, dass auch nur eine von ihnen ablehnen würde. Selbst in einem so jungen Alter musste ihnen klar sein, was für eine Ehre ihnen zu teil wurde. Sie waren die ersten und einzigen Schülerinnen Banshees und nur wenn sie ebenfalls wieder eine Wölfin finden oder gebären würden, die eine solche Verbindung zu Engaya in sich trug, würde die Magie der Priesterinnen weitergeben werden können. Gleichzeitig hieß es aber, sich Engaya zu verpflichten, oft genug vollkommen selbstlos zu handeln und sein Leben für das anderer zu geben. In Banshees Fall war das hinfällig, denn sie konnte nicht einfach sterben, wahrscheinlich würde das auch bei Tyraleen der Fall sein, aber sowohl Sheena als auch Rakshee könnten große Opfer für dieses Amt aufbringen müssen.


Kylia hatte Glück. Das war an sich nichts neues, sie freute sie trotzdem riesig darüber. Tatsächlich wurde sie bisher aus drei Revieren vertrieben, kaum hatte sie die Reviergrenze überschritten. Doch in diesem Revier war das anders. Keiner schien sie bemerkt zu haben oder sich um sie zu kümmern. Also war sie einfach dahin gelaufen und hatte die Landschaft genossen. Ein wunderschöner Wald und allerlei Getier darin, ein See ganz in der Nähe – das sagte ihr ihre Nase – und der Duft von Frieden, der ganz deutlich in der Luft gehangen war. Sie hatte den See auch bald erreicht, sich jedoch nicht sofort aus dem Wald getraut, saßen da doch eine ganze Gruppe von Wölfen. Eine weiße Fähe, umringt von drei jüngeren, die sie aufmerksam ansahen … ein Welpe war dabei, wahrscheinlich war gerade Lernstunde. Dann einige schwarze Wölfe, die jeder für sich da saßen und nachdenklich schienen. Zwei Graue, abseits, die sich unterhielten und ein einzelner, grauer Wolf, der einfach nur da lag. Er war ihr am nächsten und nach einem kurzen Zögern, entschloss sie sich einfach, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Sie würde schon Glück haben. Mit zwei fröhlichen Sprüngen war sie aus dem Wald gekommen und stand schräg vor dem Rüden, die blauen Augen freundlich glitzernd auf ihn gerichtet. Er hatte goldgelbe Augen, die sie an die Sonne erinnerten und sein Gesicht war fast mehr cremefarben als grau. Er sah freundlich aus.

“Hallo, Fremder.“

Ihre Rute wippte freundlich und sie machte insgesamt nicht im Mindesten einen bedrohlichen Eindruck. Sie hoffte, dass keiner böse sein würde, weil sie sich so einfach in das Revier geschlichen hatte. Aber von den letzten drei Revieren hatte sie noch schlechte Erinnerungen und nur dank ihres Glücks war ihr kein Haar gekrümmt worden. Aber die ganze Szene, die sich ihr hier bot, machte keinen gefährlichen Eindruck, alles schien so friedlich, ein Rudelidyll. Kylia hätte sich am liebsten zu den drei jungen Fähen gesetzt und der Älteren gelauscht. Aber auch der Graue vor ihr schien nett, seine Augen hatten etwas von Grund auf Freundliches und sie war sie sicher, dass er sie nicht gleich wieder davonjagen würde.
Das hier musste einfach das richtige Rudel sein. Das Rudel, das sie so lange gesucht hatte und in dem sie ihr Glück finden würde. Gut, das war ein wenig falsch ausgedrückt. Glück fand sie überall – oder auch: das Glück fand sie, nicht andersrum, aber vielleicht auch Ruhe und Frieden, einen Platz zum Ausruhen. Denn irgendwie hatte sie den zuvor noch nie gefunden.


Priesterinnen! In Tyraleens Kopf hallte das Wort nach. Sie alle drei sollten Priesterinnen werden … nicht, dass Tyraleen das nicht irgendwo gewusst hatte … aber so direkt danach gefragt zu werden, war doch noch mal etwas ganz anderes. Sie sollte den gleichen Weg wie Banshee gehen, das Leben in sich aufnehmen und zusammen mit Rakshee und Sheena in die Fußstapfen ihrer Mutter treten. Einerseits war es eine doofe Vorstellung, genau wie ihre Mutter zu werden … das hatte sie nie gewollt und sich immer dagegen gewehrt. Andererseits hatte sie sich im Laufe der Zeit immer näher zu Engaya gefühlt und so wurde auch Banshee ihr begreiflicher. Es war gut, so wie es war. Doch Banshee wirkte sehr ernst. Es schien nicht einfach nur das Schönste der Welt zu sein, Priesterin zu werden. Trotzdem, war Tyraleens Entscheidung schon längst gefällt. Und sie war froh, dass ihre Mutter sie selbst entscheiden ließ und nicht einfach irgendetwas bestimmte. Was sie über Engaya und Fenris erzählte, wusste Tyraleen weitgehend, wahrscheinlich richteten die Worte sich hauptsächlich an Rakshee. Aber das Licht war das Licht des Lebens und die Flügel Engayas die Flügel der Göttlichkeit. Wie sie Rakshee schon gesagt hatte … sie wollte leuchten und sie wollte fliegen!

“Ich will. Ich will Priesterin werden und mit Engayas Hilfe Gutes tun.“

Das war erstmal gesagt, jetzt konnte sie auch etwas kleinlauter werden und nach den Nachteilen fragen.

“Aber … warum fragst du uns das so? Es klingt nicht so, als wäre es nur toll, Priesterin zu sein?“

Sie kannte ihre Mutter mittlerweile doch gut genug, um die Gesichtsausdrücke Banshees deuten zu können. Sicher war das alles schwerer, als es jetzt aussah … aber Engaya hatte sich ihnen gezeigt, sie damit sozusagen eingeladen … was könnte da noch schief gehen? Tyraleen war optimistisch.


Shákru lächelte in sich hinein. Nachdenklich richtete er sich wieder auf, setzte sich auf die Hinterbeine und spreizte leicht die Vorderläufe. Ihre Flügel waren mit Blut getränkt.

"Irgendwann wird Fenris sich seiner Ketten entledigen, er wird diese Welt in Verdammnis stürzen. Banshees Flügel sind mit Blut getränkt. Jeder Schlag ihrer Schwingen lässt einen Knochen in ihrem Körper zerbersten. Er wird sie lieben, Fenris wird sie immer lieben, aber er wird sie töten, denn er tötet jedes Leben. Jede Geburt aus Engayas Leib ist ein Mord von ihr, denn Fenris wird kommen... wird jeden Töten."

Shákru warf einen langen Blick zu Akru. Er sah den Wolf vor seinem inneren Auge, wie dieser durch einen dunklen Wald rannte. Banshee war am Horizont schwach zu erkennen, jedoch rückte sie in weite Ferne. Akru musste den Tod überlisten um an sie heran zu kommen.

"Schlaflos durch die Dunkelheit, ruhelos in die Ewigkeit. Sind die Träume niemals leer, kommt die Angst vor der Wiederkehr."

Minor blickte wieder zu Banshee. Unter ihren Pfoten bildete sich mittlerweile eine Blutlache, verlorene Seelen waberten wie Nebel umher. Sie war eine Möderin, wie Fenris und Akru? Akru war gefangen zwischen Tod und Leben, ein Gefangener ihrer Machenschaften. Seine Sünde würde das Gleichgewicht durcheinander bringen. Mit einem lauten Knacken in Banshees Herz würde die Welt auseinander brechen. Shákru sah es voraus. Untergehen würden sie alle, denn Fenris wird erwachen, wird sich losreißen. Oh Fenris, Herr über den Tod.

"Wir können es nicht abwenden. Banshee muss mit dem Leiden, dem Tod, dem Blut allein klar kommen. Wir, wir sind ihre Untertanen. Wir werden uns zerfleischen oder ertränken. Sie zeigen kein Interesse an uns. Engaya und Fenris, sie spielen ihr Spiel, wir sind die Figuren in ihrem Spiel."

Die Sternenleier neigte den Kopf zur Seite, dann seufzte er. Seine Ohren schnippten gespannt umher. Unglaublich welche Laute in einem Wald ihre Stimmen erhoben. Shákru Minor packte im Angesicht dieser Zukunft nicht die Panik. Er konnte es nur voraus sehen, aber nicht ändern. Wer weiß, welches Gefüge dann durcheinander kommen würde. Der Rüde konnte nur beobachten, konnte nur lauschen, nur Leben und seine Freiheit auskosten, aber war er denn wirklich frei? War er das?


Der graue Rüde lag da, immer noch schaute er zu Malicia und Banshee hinüber. Alle erzählten, was sie gesehen hatte. Aber er hielt sich zurück. Schließlich hatte er selbst nicht viel mehr gesehen. Er runzelte leicht die Stirn und lauschte Banshee's Worten. Sie waren nicht gerade laut, er hörte nicht jedes Wort, doch er konnte anhand derer, die er verstand, den Zusammenhang verstehen. Geistige Schwingen. Er lächelte in sich hinein. Er seufzte. Das kam ihm irgendwie bekannt vor. Ja, seine Mutter war ebenfalls eine Priesterin gewesen, sie war ausgebildet worden und konnte sich mit Engaya in Verbindung setzen. Doch der Rüde hatte nicht gewusst, dass es soetwas auch hier gab. Er selbst wurde in die Ausbildung geführt, jedoch war er nicht weit gekommen, da es ihn weit weg gezogen hatte, in ein fernes Land, zu fremden Wölfen, in eine andere Zukunft. Amo war sich jedoch sicher, dass diese Ausbildung anders verlaufen würde, als seine. Jedes Rudel hatte seine Eigenschaften. Er blickte in den Himmel. Dann zuckte er unwillkürlich innerlich etwas zusammen- er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er seine Umgebung nur noch schwach vernahm- als ein Wolf auf ihn zutrat. Er blickte auf und schaute etwas verblüfft in das Gesicht einer Wölfin. Er lächelte kurz, und sah ihr direkt in die Augen. Blau. Blau... wie verzückt starrte er sie an. Diese Augen sahen sehr schön aus. Er riss sich von ihnen los und hoffte, dass sie seinen Blick nicht gesehen hatte. Sein grau-cremefarbenes Gesicht strahlte nun wieder Verblüffung aus: warum war die Fähe zu ihm gekommen, und nicht zu Banshee? Vermutlich wusste sie nicht, dass nur wenige Meter vor ihr sich die Alpha befand, sonst hätte sie sie sicher schon längst begrüßt. Er richtete sich auf, irgendwie kam er sich komisch vor, wie er da vor der Grauen lag. Locker saß er nun vor der Fähe und schaute sie mit seinen goldgelben Augen an. Nicht zu lang, er selbst mochte aus auch nicht, wenn man ihn zulange anstarrte. Seine Gedanken waren schon wieder sehr weit fort. Er wusste, dass er der Wölfin neben sich antworten musste. Aber er sprach eben nicht gern, dabei klang seine Stimme so schön melodiös. Nun öffnete er doch den Fang und brachte ein paar Worte heraus.

"Ich grüße Dich, Fremde. Wie ist... dein Name?"

fragte er mit einer weichen, freundlich klingenden Stimme. Es lag nicht daran, dass er schüchtern war. Nein, schüchtern war er nicht, aber er schwieg lieber und ließ die anderen reden. Bisher hatte das sehr gut geklappt. Vielleicht jedoch lag seine Schweigsamkeit auch an der Tatsache, dass er nichts weniger mochte, als Wölfe, die sich selber gern beim Reden zuhörten. Nichts erinnerte mehr an den Wolf, den er im Kampf verkörpert hatte. Und mittlererweile grauste es ihn selbst. Vor sich selbst. Doch im Moment dachte Amiyo nicht an den Kampf. Er dachte wieder an sie. Karmé. Und er vermisste sie so sehr; jetzt schon, obwohl er sie doch erst vor wenigen Minuten erst gesehen hatte! Erf seufzte und richtete sich inschlossen auf. Die Wölfin hatte sicher mehr zu erzählen, als er. Oder zumindest wollte sie mehr erzählen. Aber das war auch nicht schwer, jeder Wolf redete mehr als er. Er musste leise in sich hineinlachen. Vielleicht hatte die Fähe ihn für stumm gehalten, weil er so lange nicht geantwortet hatte? Er sah sie mit einem warmen Lächeln an und wartete auf ihre Antwort. Sie würde ihn nach seinem Namen fragen. was auch natürlich war.

oO(Nur du bringst es mühsam über die Lippen, jemandem nach seinem Namen zu fragen, du Depp!)

lachte er in sich selbst hinein. Eine Schwäche oder eine Stärke? War war es, die Schweigsamkeit? Oft gut, manchmal schlecht. Doch der große Rüde mochte diese Eigenschaft.


Rakshee sah nach wie vor angestrengt zu Oma Bani hinauf - irgendwann wurde es ganz schön schwierig, die ganze Zeit den Kopf so weit in den Nacken zu legen! Stirnrunzelnd hörte sie ihren Erzählungen über die Götter zu, sog das Wissen in sich hinein wie Atemluft und lächelte dabei unentwegt. Es klang schön was Banshee erzählte, und stimmig, auch wenn Rakshee mit dem Begriff Tod noch nicht allzu viel anfangen konnte...obwohl ihr dabei immer wieder die Szene mit Jakash, Aszrem und dem Fremden in den Kopf kam, ohne dass sie es wirklich zuordnen konnte.

Als Oma erzählte sie könne auch leuchten, sprang sie freudig auf, wild mit der Rute wedelnd und hüpfte einmal um Oma herum, bevor sie sich - strahlend lächelnd - wieder an ihren Platz setzte. Das war toll, sie wollte auch leuchten können!

"Ich will das auch, Oma!"

pflichtete sie Tyraleen begeistert und noch immer wedelnd bei, und sah dann Banshees großes Gesicht an, dass sich zu ihr herunterbeugte.

"Kann ich es Jakash trotzdem zeigen?"

fragte sie etwas enttäuscht, und verzog eine Schnute. Aber schon Tyraleen nächste Worte liessen sie wieder lächeln, weil sie sie auf andere Gedanken brachten.

"Was können wir denn dann machen wenn wir fertig sind Oma?"

hakte sie freudig nach und sprang wieder auf, einfach weil es sich im Stehen besser wedeln lies.


Weiß war das Licht. Weiß und unbefleckt. Hell leuchtend und mit viel Wärme. Geborgenheit breitete sich aus. Es war das Leben. Die Schönheit des Lebens. Ja, man konnte Vieles in Banshee sehen. Die Seite des Glanzvollen oder das Leiden der weißen Fähe. Es war nicht unwichtig, und trotzdem schien Akru es nicht allein in ihr sehen zu wollen. Sie war nicht nur Tochter Engayas, nicht nur Leidensträger. Nein, die weiße Wölfin war auch Banshee. Mutter und Schwester, Tochter und Enkel.

~Schönste, könntest Du mir Zeit schenken. Zeit, in der ich Dir eine Welt außerhalb Deiner Verpflichtungen zeigen kann. Gebe mir die Chance. Lass mich Dir zeigen, was ich gesehen habe. Lass uns vergessen, fort gehen. Weit weg. Nur Du und ich. Wo Du Dich selbst finden kannst und nicht nur die Wölfin bist, die alle sehen wollen. Oh Banshee, könntest Du nur ja sagen. Könntest Du doch nur vergessen und mit mir ziehen. Ich möchte Dein Weg sein und auch Dein Ziel. Ich weiß, Schönste, Du kannst nicht gehen, kannst Dich nicht lösen. Ich weiß und akzeptiere es. Aber verstehen tue ich Dein Herz nicht. Du verlierst nichts, außer Deine Fesseln. Banshee…~

Der Graue seufzte und wendete seinen Blick von der Weißen ab. Es hatte keinen Zweck. Er musste geduldig warten. Sie würde den Zeitpunkt bestimmen, das wusste Akru. Und obwohl er der Wächter der Zeit war konnte er nichts daran ändern. Ein leises Grollen entfuhr seiner Kehle.

“Shákru, wir können uns dessen hingeben, können zu sehen, abwarten und verlieren. Und Du hast Recht, wir haben keinen Einfluss, aber wir haben eine Wahl. Marionetten eines anderen wollte ich nie sein und dabei bin ich es. Daran ändern kann ich nichts, aber ich kann mich abwenden und meinen Weg gehen. Banshee muss unsere Qualen ertragen, aber macht sie das zu der Wölfin, die vor uns steht? Wohl kaum.“

Seine Stimme war zu einem Flüstern geworden. Die blauen Augen verengten sich und der Graue wendete sich ab.

~Die Zeit bestimmt den Lauf der Dinge.~,

murrte er innerlich.


Kylia merkte erst zu spät, dass der Graue ganz in Gedanken versunken war und fast erschrak, als er sie dann bemerkte. Das war nicht sehr taktvoll, fremde Wölfe zu erschrecken, zudem wenn sie in dem Rudel lebten, in das Kylia sich gerne eingelebt hätte. Aber jetzt sah sie auch seinen Blick, sie bemerkte sofort, dass er ihr weder böse war noch vor hatte, sie zu vertreiben. Das freundliche Glitzern war wieder da. Sie war froh, dass er sich aufrichtete und nicht liegenblieb, sonst hätte sie sich unangebracht überlegen gefühlt … besonders deshalb, weil der Rüde sie so aufgerichtet um einiges überragte. Er war riesig! Das passte irgendwie gar nicht zu seinem so freundlichen Aussehen. Als er jedoch sprach, war sie ganz verzaubert, von seiner schönen Stimme. Er schien kein großer Redner … schade eigentlich, sicher wären auch andere Wölfe froh, wenn sie ihn öfter würden reden hören.

“Ich bin Kylia. Darf ich auch deinen erfahren, Fremder?“

Sie erwiderte sein Lächeln und wagte dann, ihn ein wenig genauer zu mustern, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Er war wirklich sehr groß und sah ebenso stark aus. Hätte er gewollt, hätte er sie sicher in Stücke reißen können, aber an so etwas Gemeines würde sie bei seinem Anblick nie denken. Denn trotz dieser Größe und seines grauen Fells hatte er eine so freundliche Aura und die cremefarbenen Stellen und goldgelben Augen taten nur noch das Übrige dazu bei. Ein recht seltsamer Rüde, aber keinesfalls negativ seltsam. Sie überlegte kurz, ob sie vielleicht noch etwas sagen sollte, zum Beispiel, warum sie hier einfach so aufgetaucht war. Er schien sie reden lassen zu wollen.

“Ich hoffe, ich war nicht zu unhöflich. Aber viele Rudel haben mich bereits vertrieben, scheinen keinen guten Herbst erlebt zu haben und so bin ich, überrascht, dass hier keiner über mich hergefallen ist, wohl ein wenig weit gegangen?“

Ihre Entschuldigung war aufrichtig, was auch deutlich in ihren hübschen, eisblauen Augen stand. Sicher war der Graue ein geachteter Wolf, der in dem Rudel eine hohe Position einnahm … wenn er sie nicht dafür rügte, so unhöflich gewesen zu sein, würden ihr vielleicht auch die Leitwölfe verzeihen. Oder hatte sie hier sogar den Leitwolf vor sich? Sie war sich nicht sicher, in ihren alten Rudeln waren die Leitwölfe immer schwer beschäftigt und hatten meist allerlei Wölfe um sich … der Graue aber hatte hier ganz alleine gelegen. Sie hatte keine Ahnung, aber war sich sicher, das alles noch erfahren zu können. Ihr Glück würde das sicher in die Pfoten nehmen.


Averic sah seine Schwester stumm an, konnte sich leider nicht von ihrem plötzlich sehr entschlossenem Blick überzeugen lassen. Er wusste nicht, was ihn erwarten würde. Aber wie hätte er nach dieser “Vision” an etwas Positives denken können? Die Kälte des Ortes steckte ihm praktisch noch in den Gliedern, wenn er nur daran dachte. Angst machte ihm das jedoch nicht. Dieses Gefühl war unexistent in seinem Leben. Wovor hätte er auch Angst haben sollen? Vor dem Tod? Im Bezug auf ihn selbst glich das fast einem Scherz.

Ich weiß es nicht.“

Der tiefblaue Blick des Schwarzen wanderte zu seiner Mutter hinüber, welche nun mit Malicia im Schlepptau zu ihnen herüber kam. Es verwunderte ihn nicht mal, als sie die Frage stellte, ob er sich ein bisschen um sie kümmern könnte. Doch ihre Erwähnung „Ich weiß noch, wie ihr manchmal zu dritt gespielt habt“, ließ seinen Blick ein wenig dunkler werden. Cylin … Es schmerzte. Es schmerzte sehr. Auch noch nach einem ganzen Jahr. Das fröhliche und zugleich verschlafene Gesicht seines Bruders würde ihm immer fehlen.
Schließlich nickte Averic Banshee aber zu und wandte sich zu seiner schwarzen Schwester um. Das Gespräch, welches seine Mutter nun mit den anderen Dreien führen würde, ging ihn nichts an. Es hatte mit einem Weg zutun, der nicht seiner war. Ihre Worte bestätigten das nur. Wenn sie alle Engaya gesehen hatten, das Licht, welches Leben bedeutete, welches sie führen würde … was war dann mit ihm, der Fenris, den Schatten, den Tod gesehen hatte? Er wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Und er wollte auch da nicht weiter zuhören.
Averic richtete sich auf, der Blick, welchen er Malicia zukommen ließ, war wieder von der gewohnten, typischen Kälte beherrscht, mit der er eigentlich jeden ansah. Es gab nur noch zwei Ausnahmen.

Von mir auch noch mal ein Willkommen zurück, Malicia. Setzen wir uns doch näher ans Ufer, hier stören wir grade nur.“

Auch wenn seine Stimme nicht minderer kühl klang, als sein Blick, so waren seine ausgesprochenen Worte sogar noch verhältnismäßig freundlich. Der große, pechschwarze Wolf setzte sich in Bewegung, hielt bewussten Abstand von den Wölfen, die sich hier sonst noch bei der Gruppe tummelten und ließ sich recht nah am Wasser wieder auf die Hinterläufe sinken. Eigentlich verspürte er wenig Lust, den Reporter zu spielen, zumal die vergangenen Monate nicht unbedingt angenehm für ihn gewesen waren. Und außerdem … gab es da noch so Einiges, das niemanden etwas anging. Niemanden, abgesehen von ihm selbst und Tyraleen.

Also … ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht, was ich dir groß erzählen soll. Wie du siehst, haben wir das Tal zurück erobert. Das Rudel ist gewachsen, unser Bruder Hiryoga ist Vater … außer ihm sind aus unserem Wurf nur noch Kisha und ich da.“

Er stoppte, schloss kurz den Fang und biss sich unmerklich auf die Lefzen. Der Pechschwarze hatte keine Ahnung, ob sie über Cylins Tod Bescheid wusste, er erinnerte sich nicht mehr genau daran, wann er Malicia das letzte Mal gesehen hatte. Es war noch in den Bergen gewesen, wenn er sich recht entsann. Aber das war auch völlig egal. Sie konnte sich sicher selbst denken, was mit Cylin war, wenn er nicht mehr bei seinem Bruder zu sehen und auch sonst nicht da war.

Vielleicht magst du mir lieber was erzählen? Wir dachten alle, du wärst auch gestorben.“

Wenn man ihm so zuhörte, mochte das alles ziemlich gleichgültig klingen. Doch wenn man ihn besser kannte, wusste man, dass er in diesem Fall gar nicht erst gefragt hätte.


Der grau-cremefarbene Rüde lächelte die Graue an.

"Du trägst einen schönen Namen, Kylia... mein Name ist Amiyo."

er hatte sich den ersten Satz nicht verkneifen können. Er wusste nicht, ob er unangebracht war oder nicht, aber er fand den Namen der Fähe hübsch. Und auch ihre Augen waren schön. Er blinzelte kurz. Er war sehr viel größer als die Fähe vor ihm. Als sie sich entschuldigte schüttelte er nur den Kopf. Sie musste sich nicht bei ihm entschuldigen, nur weil er mal wieder an eine Göttin gedacht hatte, und geträumt hatte- wie schon so oft in seinem Leben. Vielleicht zu oft... auf jeden Fall war es seine eigene Schuld gewesen, dass er sie nicht bemerkt hatte, schließlich hatte sie sich ja nicht versteckt oder herangepirscht. Sein Lächeln verbreitete sich noch ein wenig mehr. Die Fähe war ihm sympathisch. Außerdem redete sie nicht zu viel. Sie hatte in wenigen Sätzen alles zusammengefasst. Wie angenehm. Natürlich würde er dies nie aussprechen. Wie könnte er? Er wollte nicht anstrengend oder genervt wirken, denn das war er ja nicht. Er wollte nur ein wenig Ruhe. Ruhe... oh ja, er liebte diese vier Buchstaben. Sie standen in seinem Herzen. Und in seiner Seele. Er wusste nicht, ob er weiter reden sollte. Er hatte eigentlich keine Lust dazu. Die Fähe könnte ihm doch noch etwas von ihr erzählen. Seine Augen sahen sie bittend an. Er wollte nicht zu aufdringlich wirken, indem er fragte, deswegen hoffte er, dass sie ihn verstehen würde. Gab es so etwas nicht? Verstehen durch Gedanken? Amiyo lachte stumm in sich hinein. Wie sollte Gedankenübertragung denn gehen, wenn er die Wölfin vor sich noch nichteinmal fünf Minuten kannte? Er seufzte leise, was sollte er nur tun? Einerseits wollte er, dass die Fähe bei ihm blieb, anderer Seits...

oO(Es gibt kein anderer Seits, du Blödmann!)

rief es ins seinem Kopf. Und Amo musste zugeben- es stimmte. Die Fähe sollte einfach reden. Ein wenig über sich, über das Wetter... sie beobachtete ihn. Aber nicht aufdringlich. Und er selbst hatte sie doch auch gemustert. Es machte ihm nichts aus. Wieder fiel ihm der Größenunterschied auf. Was, wenn die Wölfin Angst vor ihm hatte? Aber warum sollte sie vor ihm denn Angst haben? Er hatte nett gegrüßt, und keine Anzeichen von Aggresivität oder Kampfeslust gezeigt. Seine Stimme war sicher auch eine Hilfe gewesen, so dunkel und ruhig wie sie war... seine goldgelben Augen sahen in die eisblauen der Fähe, das Glitzern verstärkte das Gold noch mehr. Amiyo hatte schöne Augen. Sie lächelten. Dieses falsche Lächeln, dass sich nur um die Lefzen wand, war unsympathisch. Wenn die Fähe ihn nun zurück mit den Augen anlächeln würde, wäre er... ja, was denn? Glücklich, froh, erleichtert, dass sie kein falsches Spiel spielte? Ja, wahrscheinlich. Amiyo konnte man so leicht glücklich machen. Man musste nur wissen, wie. Aber sie war ehrlich gewesen, als sie sich entschuldigt hatte, hatte er es in ihren Augen gesehen. Sie hatte Respekt vor ihm. Vielleicht dachte sie, wegen seiner Größe, er wäre eine Respektsperson? Er musste unwilkürlich lächeln. Nein, er war fast so neu, wie sie selbst.


Kylia freute sich, als der Graue ihr ein Kompliment machte und sich ihr vorstellte. Tatsächlich mochte sie ihren Namen auch sehr gerne … er hatte einen Klang, der zu ihrem fröhlichen Geist passte und zudem hatte ihn ihre Mutter ausgesucht, die sie sehr geliebt hatte. Aber das war eine andere Geschichte, über die sie nicht weiter nachdenken wollte. Viel eher lauschte sie dem Klang seines Namens nach, der wie frisches Quellwasser über die Zunge floss.

“Amiyo …“

Fast vorsichtig sprach sie den Namen aus, nur um ihn noch einmal zu hören.

“… Amiyo. Das Kompliment will ich zurückgeben. Amiyo ist ein wunderschöner Name.“

Als er den Kopf schüttelte und ihr damit zeigte, dass sie sich nicht zu entschuldigen brauchte, war sie ein wenig erleichtert. Es machte ihm wirklich überhaupt nichts aus, das hatte sie nicht erwartet. Er war ganz anders, als all diese Wölfe, die sie aus ihren Revieren vertrieben hatten. Stumm dankte sie ihrer Glücksfee. Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln, welches sich vielfach in ihren Augen widerspiegelte und von tiefster Ehrlichkeit zeugte. Sein Blick wandelte sich ein wenig, wurde fast fragend. Dass er nicht viel sprach, hatte sie bereits in diesen wenigen Minuten der Bekanntschaft gemerkt … aber jetzt schien er sie gerne reden zu lassen. Nur was sollte sie erzählen?

“Ich komme von weit her und viele Rudel haben mich auf meiner Reise vertrieben. Meine Familie hat mich damals verjagt, weil ich immer alles falsch gemacht habe. Nie ist mir etwas gelungen, weder eine Jagd, noch vernünftig auf meine jüngeren Geschwister zu achten. Da vertrieben mich eines Tages die Leitwölfe und so blieb mir nichts anderes übrig, als ein Rudel zu suchen, dass mich aufnehmen würde.“

Wo endete die Wahrheit, wo begann die Lüge? Für Kylia war alles wahr, was sie erzählte, nur … mh, vielleicht hatte sie jetzt etwas zu viel erzählt? Vielleicht würde Amiyo doch nicht mehr so begeistert davon sein, wenn sie hierblieb, jetzt, da er wusste, dass bei ihr alles schief lief?

“Aber ich habe mich immer bemüht …“

Sie lächelte jetzt ein wenig unsicher, sie hatte nicht nur viel gesagt, sondern sicher auch das Falsche.


Der grau-braune Rüde hatte der Grauen interessiert zugehört, und kein einziges Mal den Blick von ihr abgewendet. Er lächelte leicht, als sie seinen Namen als ebenfalls schön bezeichnete. Er nickte dankend, dann legte er ein wenig den Kopf schief und hörte der Wölfin zu. Kylia. Die Rudel hatten sie vertrieben? Warum? Sie war weder gefährlich noch besonders dumm, wie es schien... doch als sie fortfuhr, horchte Amiyo auf. Sie hatte alles falsch gemacht? Sie war vertrieben worden von den leitwölfen und auch von allen anderen Rudeln? Amiyo seufzte leise und schaute Kylia mit seinen goldgelben Augen mitleidig an. Hatte diese Wölfin Pech oder... stellte sie sich nur blöd an? Ihre Geschichte war schnell erzählt. Doch anscheinend war es ihr unangenehm, was sie gerade preisgegeben hatte, denn wenige Augenblicke später fügte sie- zu ihrer Verteidigung? Als Rechtfertigung? Aus Trotz?- einen weiteren Satz hinzu, der Amiyo zum Lächeln brachte. Oder eher: zum Weiterlächeln. Wie bescheuert er aussehen musste, dauernd mit diesem bescheuerten Grinsen auf dem Gesicht. Am Ende für Kylia ihn noch für debil halten! Er reduzierte daher sein Lächeln auf ein angedeutetes Lächeln. Sie hatte sich immer bemüht. Ja, das hatte sie wohl, sonst wäre sie kaum hier angekommen. Amiyo räusperte sich kurz.

"Ich glaube Dir, Kylia. Und du hast eine neue Chance verdient, allerdings solltest du diese nicht verspielen. Diese Rudel ist ein tolles Rudel."

sagte er knapp. Er fasste sich immer knapp. Doch alles entsprach der Wahrheit- dieses Rudel war das Beste, was ihm jemals passiert war-, er glaubte Kylia- warum sollte sie ihn anlügen?, und ja, sie hatte eine neue Chance verdient. Doch er meinte auch seine leichte Warnung ernst. Sie würde es bestimmt bereuen, doch jeder durfte mal Fehler machen. Es ging hier einfach um das Akzeptieren des Anderen. Wenn man nie verzeihte, konnte der andere doch auch nichts daraus lernen. Doch wenn man es übertrieb und immer und immer wieder eine neue Chance forderte... ja, dann war es etwas anderes. Aber Kylia sah nicht so aus, als ob sie viele Chancen bekommen hätte. Wie dumm. Der junge Rüde schaute der Fähe in die eisblauen Augen.

"Die Alpha heißt Banshee. Die Weiße dort. Eine zweite gibt es auch, Nyota. Außerdem sind viele Wölfe Banshees Kinder."

setzte er hinzu, als er erst Malicia und dann Tyraleen mit seinem Blick streifte. Er schaute die Graue neben sich fragend an, und machte eine leichte Kopfbewegung, die ihr zeigen sollte, dass sie sich setzen konnte. Er schleckte sich kurz über eine Pfote, dann sah er wieder auf. Hatte Kylia noch Fragen? Sicher. Innerlich seufzte er. Warum redete er eigentlich nicht gerne?

oO(Warum stellst Du dir die Frage eigentlich immer wieder? Als ob das etwas an der Tatsache ändern würde. Tut es aber nicht. Gibs' endlich auf! Du redest nicht gern, und damit Schluss, Ende. Konzentrier' dich lieber mal auf die Wölfin neben dir. Sie hat schöne Augen....!)

Amo bremste die Stimme in seinem Kopf, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen. Kylia hatte wirklich schöne Augen. Aber das würde er nicht sagen. Vielleicht würde sie dieses Kompliment komisch finden, schließlich kannten die beiden sich ja erst seit einigen Minuten. Diese Minuten waren aber angenehm gewesen. Kylia hatte eine ruhige Stimme und war nicht zu aufdringlich. Irgendwie mochte er die Wölfin.


Kylias Blick war fast bangend auf Amiyo gerichtete, der jetzt leise seufzte. Wahrscheinlich hatte er sich etwas besseres erwartete, als eine Wölfin, bei der immer alles schief lief. Aber sein Blick war voller Mitleid … sie konnte absolut nicht deuten, was in seinem Kopf vorging. Aber immerhin lächelte er noch … ob das nun aber positiv war oder nicht, wusste sie nicht mehr. Amiyo verwirrte sie ein wenig. Als er schließlich antwortete, war sie sich nicht sicher, ob nicht eine leise Drohung darin mitschwang, der jedoch durch die Sanftheit die Bedrohlichkeit genommen wurde. Sie würde sie ganz sicher nicht verspielen. Zumindest würde sie sich anstrengen und abgesehen davon hatte sie sowieso Glück, also brauchte sie sich wohl nicht zu viele Sorgen machen. Er bezeichnete das Rudel als toll und nachdem Kylia erneut einen Blick in die Runde geworfen hatte, glaubte sie ihm sofort. Es sah wirklich toll aus.

“Danke, Amiyo. Ich hoffe, ich werde dich nicht enttäuschen … und dieses tolle Rudel richtig kennenlernen.“

Sie lächelte und wagte es, wieder eine etwas längere Zeit in die sonnengelben Augen des Rüden zu schauen. Sie mochte die Farbe, sie war so freundlich. Als er von der Alpha sprach, drehte sie ihren Kopf zu der Weißen, die noch immer von drei jungen Fähen umringt war. Also war Amiyo kein Leitwolf. Banshee und Nyota waren es, auch ihre Namen klangen schön. Wahrscheinlich sollte sie jetzt zu Banshee gehen … aber das hieße, Amiyo hier sitzen zu lassen und der Gedanke gefiel ihr nicht. Sie könnten aber auch Nyota suchen, Banshee schien sehr beschäftigt mit den drei jungen Wölfinnen vor sich.

“Sollte ich jetzt gleich zu Banshee gehen und sie bitten, mich aufzunehmen? Sie scheint so beschäftigt, ich möchte sie nicht stören. Ist Nyota denn in der Nähe?“

Aber er hatte ihr auch bedeutet, sich zu setzen und wenn sie ehrlich war, war das die viel schönere Alternative. Also setzte sie sich zunächst und wartete einfach eine Antwort ab. Vielleicht war er ja auch der Meinung, dass man noch warten konnte, bis beide Alphas da waren und eine von beiden nichts zu tun hatte. Das wäre sicher angenehmer. Sie strahlte Amiyo neben sich an und überlegte, ob auch sie ihn nach seiner Vergangenheit fragen könnte.


Der Graue hatte den Blick der Fähe gesehen, doch als er seine Worte ausgesprochen hatte, war er verschwunden- er war froh gewesen, darüber, er wollte nicht, dass sie Wölfin sich Sorgen machte. Er runzelte kurz die Stirn, als sie wieder sprach. Nein, er glaubte auch nicht, dass sie ihn enttäuschen würde. Ein strahlendes Lächeln erschien auf seinen Lefzen, dann antwortete er auf ihre weitere Frage.

"Banshee ist gerade beschäftigt und Nyota ist bei einer anderen Gruppe. Wir...", jetzt war es wieder soweit: Er musste erklären..., "...wurden in Gruppen eingeteilt, um die Welpen einzuführen. Nyota ist in einer anderen Gruppe."

sagte er und schaute ihr in die eisblauen Augen. Kylia. Hm. Kam ihm das bekannt vor? Ja, er hatte jemanden gekannt, der diesen Namen trug, es war die Gamma des Rudels gewesen. Er legte den kopf schief und schaute sie schief an. Ihre Augen waren sehr hübsch, aber auch ihre Schnauze und ihr Fell waren schön. Er blinzelte kurz und lachte. Sein Lachen war eben so tief, wie seine Stimme. Er war froh, dass Kylia keine aufdringliche Stimme hatte. Ebenso wenig war sie selbst aufdringlich. Er mochte es, wenn Wölfe ihn nicht zu sehr drängten, zu reden. Da er nun jedoch die Fragezeichen in ihren Augen sah, seufzte er. Amiyo starrte in den Himmel. Was sollte er erzählen? Seine Vergangenheit war nicht besonders spannend. Er beschloss, ersteinmal nichts zu sagen. Wenn er sie besser kannte schon, aber es war einfach so, das der cremefarbene Rüde ein wenig verschlossen war.

oO(Ihr Lächeln ist wie die Sonne, strahlend und wunderschön...)

Er lächelte sie etwas verlegen an, seine Augen blitzen und seine weißen Zähne strahlten. Des Grauen Rüden Ohren bewegten sich die ganze Zeit. Er wusste immer noch nicht, was er ihr erzählen sollte. Er runzelte die Stirn und dachte nach.

"Ich komme von weit her, es ist heiß und trocken dort..."

sagte er ein einem verzweifelten Versuch, irgendetwas zu sagen. Er verstummte und grinste die Fähe entschuldigend an. Hoffentlich verstand sie, verstand sie, dass er einfach irgendwie... nicht gern redete und nicht viel von sich preisgeben wollte. Noch nicht preisgeben wollte. Der Rüde wollte Kylia ersteinmal kennenlernen, schauen, ob er sie immer noch sympathisch fand, oder ob sie doch nicht so angenehm war, wie im Moment. Allerdings zweifelte bereits jetzt schon daran, dass die Fähe unangenehm war. Ihr Blick war aufrichtig und ehrlich. Er lächelte sie an.


Müde sah Malicia ihren Bruder an. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum Banshee es für besser erklärt hatte, dass sich das Rudel aufteilen sollte. Seufzend setzte sich Malicia zu ihrem Bruder auf den Boden und sah ihn schweigend an. Sie kannte ihn doch noch so gut, dass sie wusste, dass er sie nicht gefragt hätte wie es ihr ergangen war, wenn ihre Mutter es ihm nicht aufgetragen hätte.

"Wie denn schon?! Und wie ihr seht, bin ich nicht gestorben!"

Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann blickte Acollons Tochter über den Sternensee; er schien ihr unendlich zu sein. Ihre sanften stahlbauen Augen wanderten zu der kleinen Gruppe. Der graubraune Rüde von 'vorhin' stand mit einer grauen Fähe zusammen, anscheinend gab es noch mehr Neue.

"Gibt es viele neue Rudelmitglieder? Wanderer von weit weg? Und was ist mit Cy ..."

Weiter kam sie nicht, denn sie sah die Regungen in Averics Gesicht. Traurig wandte sie den Kopf, sie ahnte schon, was passiert war. Ein leichtes Zucken ging durch ihre Lefzen, sie senkte den Kopf und steckte die schwarze Schnauze in die bunten Blätter auf dem Boden. Als sie wieder den Kopf hob und Averic erwartungsvoll ansah, viele ihr tausende von Fragen ein, doch sie ließ ihren Fang geschlossen. Sicher gab es so viele Neue, und damit sich ihr Bruder nicht damit abplagte, ließ sie es lieber. Sie hatte ihn nie besonders gesprächig erlebt, nie!

"Stellst du mir die Neuen vor?"

Fragte Malicia vorsichtig und lächelte Averic sanft an. Ihre Müdigkeit war verschwunden und machte Tatendrang Platz.


Kylia hörte Amiyo aufmerksam zu. Sie wurden in Gruppen aufgeteilt, um den Welpen etwas beizubringen. Also hatte sie Recht gehabt, als es ihr schien, als würden die drei jungen Fähen um Banshee herum gerade Wichtiges lernen. Da sie nur einen Welpen entdecken konnte, gab es wohl so viele Gruppen wie Welpen. Und da es sicher nicht nur zwei Welpen gab, musste das Rudel sehr groß sein. Kylia freute sich, alle anderen kennenzulernen … auch wenn sie schon bei dieser Gruppe wohl viel zu tun hatte, wenn sie mit allen sprechen wollte. Aber ihr reichte es erstmal, nur mit Amiyo zu reden und ein wenig über das Rudel zu erfahren.

“Achso … dann bleibe ich einfach bei dir, bis die Alphas Zeit für mich haben. Außer, du möchtest gerne alleine sein, ich will dir nicht auf die Nerven gehen.“

Sie erwiderte sein strahlendes Lächeln und hatte nicht das Gefühl, als würde sie den Rüden stören. Viel eher hatte sie den Eindruck, als würde er ihre Gesellschaft genießen … vielleicht hatte sie auch einfach einen falschen Eindruck, aber sicher würde er nicht so strahlen, wenn er sie gerne loshätte. Und außerdem fühlte sie sich in seiner Gesellschaft sehr wohl, wäre das von seiner Seite aus nicht so, würde sie das bestimmt spüren. Sein Lächeln kam ihr jetzt fast verlegen vor … vielleicht hatte er in ihren Augen gesehen, dass sie sich Gedanken über ihn machte? Vielleicht würde er dann von alleine etwas erzählen … vielleicht. Aber vielleicht sah er sie auch nur einfach an und lächelte dabei. Sie beschloss, sich dem einfach anzuschließen, mit den Augen zu lächeln und seinen Anblick zu genießen. Doch tatsächlich begann er dann langsam zu erzählen. Nicht viel und zu wenig, um zu verstehen … ein Land, in dem es heißt und trocken war? Das kannte Kylia nur aus sehr heißen Hochsommern, in denen die Sonne jedes Leben verbrannte … aber offensichtlich war es in dem Land, aus dem Amiyo kam, immer so. Gerne hätte sie nach gefragt, aber der Graue schien nicht viel erzählen zu wollen und so ließ sie es.

“Es muss ein sehr fernes Land sein. Gerne würde ich einmal dort hin und irgendwo anders, wo es nicht so ist wie hier. Ich mag unser Land der Hügel und Wälder und doch hätte ich gerne Flügel, die mich in eine unbekannte Welt bringen könnten.“

Wieder lächelte sie und ihr Blick glitt in den fernen Horizont, hinter dem irgendwo das Land liegen musste, aus dem Amiyo kam. Wäre hier nicht so ein schönes Rudel und würden sie sich nicht erst seit ein paar Augenblicken kennen, hätte sie ihn gefragt, ob er ihr sein Land zeigen würde. So aber träumte sie nur stumm davon und spürte ihr Herz ein wenig schneller klopfen.


Shákru wedelte leicht mit der Rute und lächelte Akru sanft mit seinen Augen an.

"Du bist der Wächter der Zeit, gerade du musst wissen, dass wir es nicht abwenden können, was die Zeit bringt."

Minor hatte endlich die Aura um den Rüden neben ihn deuten können. Der Wächter der Zeit sitzt mit der Sternenleier nebeneinander am Sternensee. Wenn dies keine Schicksalsbestimmung ist.

"Lass uns nicht länger Trübsal blasen, sondern uns zu der Gruppe gesellen. Ich würde gerne Banshee näher kennen lernen, obwohl ich schon eine Menge weiß."

Shákru Minor erhob sich und schüttelte seinen Körper. Er hatte hier lange genug rumgelegen. Langsam trottete er Richtung der Leitwölfin. Nun auch in Sichtweite der anderen in der Gruppe. Gähnend setzte er sich wieder um auf Akru zu warten. Schließlich musste er endlich die beiden zusammen führen damit die Zukunft die Wendung bekommen würde, die sie bekommen musste. Die Sternenleier richtete seinen Blick gen Himmel und sah die dunklen Wolken, die über eine Stelle im Wald aufzogen.

"Akru, sieh nur. Fenris ist hier. Er ist hier im Wald!"

Shákru bellte aufgeregt, war wieder aufgesprungen und seine Rute wedelte voller Vorfreude.


Amiyo lauschte der Fähe. Als sie sagte, sie würde gerne einmal in dieses Land gehen, lächelte er. Ja, das hatten schon viele gesagt. Er liebte das Land auch sehr. Es war wunderbar, und doch... doch hatte es ihn weit fort gezogen... einer plötzlichen Eingebung folgend sprach er die Fähe an.

"Soll ich dir die Umgebung zeigen?"

fragte er und blitzte sie mit seinen goldfarbenen Augen an. Es wäre sicher schön, ein wenig mit der hübschen Fähe allein zu sein. Er sah sich nocheinmal um. Aber Banshee war immer noch mit den Dreien beschäftigt, also würde es wohl nichts ausmachen, wenn sie verschwinden würden, für eine gewisse Zeit, zumindest. Ein charmantes Lächeln umspielte seine Lefzen. Er konnte sehr charmant sein, wenn er wollte. Er neigte kurz seinen Kopf und schaute sie von unten her an. In seinen Augen blitzte es noch einmal schlemisch auf. Dann stand er auf, nun sah man deutlich den Größenunterschied zwischen den beiden, aber es machte dem Rüden nichts aus, und er hoffte, der Grauen würde es auch nichts ausmachen. Aber er konnte nichts für seine Größe und in manchen Fällen war seine Größe auch wirklich praktisch. Man hatte eher Furcht vor einem Riesen als vor einem Zwerg. Er erhob seinen Kopf, seine Rute wedelte leicht, als er die Fähe ansah. Dann ging er in den Wald. Hoffentlich würde sie ihm folgen.
Hier war es schön. Keine Stimmen, nur der Wind und die Bäume. Er seufzte glücklich auf. Dann dachte er wieder an die Fähe. Sie hätte auch gerne Flügel. Wie er selbst auch... er wandte seinen großen Kopf um, seine Ohren spielten und schnippten, eine leichte Brise zerzauste dem Sonnentänzer das Gesicht. Der Rüde wartete auf die Fähe. Er begann leise zu summen, ein dunkler Bariton kam au seinem Brustkorb. Es hörte sich wunderschön an. Er summte sehr leise, die Vögel summten mit ihm mit. Sie saßen überall in den Bäumen. Oder summte er mit den Vögeln mit? Er wusste es nicht. Amiyo schloss die Augen. Er stellte sich vor, er wäre ein Vogel. Er war frei von allen Gedanken. Er wusste nicht, ob er jetzt noch Kylias Dasein erwünschte, eigentlich war er nun doch wunschlos glücklich. Kurz horchte er in sein Herz. Nein, es würde ihm nichts ausmachen. Die Fähe war in jeder Sicht angenehm und würde ihn nicht stören. Sie könnte ihm noch ein wenig mehr erzählen. Und er würde zuhörne, nur zuhören, das Zwitschern der Vögel im Hintergrund und eine leichte Brise im Fell, dass er zerzauste. Wenn sie denn käme.


Amiyos plötzlicher Vorschlag, brachte Kylia kurz aus dem Konzept. Eben waren sie noch ruhig beieinander gesessen und hatten geredet, plötzlich wollte er ihr die Umgebung zeigen und war aufgesprungen. Viel zu schnell zum reagieren war er auch schon losgesprungen und verschwand aus ihrem Blickfeld im Wald. Etwas verwirrt schüttelte sie den Kopf, lächelte aber und fuhr sich mit der Pfote über das hübsche Gesicht. Er wollte ihr die Umgebung zeigen … warum nicht? Das wenige, was sie bereits gesehen hatte, sah wunderschön aus und von ihm alles gezeigt zu bekommen, war sicher noch schöner.

“Sehr sehr gerne.“

flüsterte sie mehr zu sich selbst, schließlich war Amiyo schon im Wald verschwunden. Dann erhob auch sie sich und folgte dem unsichtbaren Pfad, den der Graue angelegt hatte. Er lief nicht schnell und so erreichte sie ihn schon nach wenigen Schritten. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu lauschen, nach kurzem Zögern und ohne ein Wort gesagt zu haben, tat sie es ihm nach und versuchte zu hören, was er hörte. Leise wisperte der Wind in dem vom Herbst schon rot gefärbten Laub, Vögelchen hüpften von Ast zu Ast und ihr Zwitschern klang wunderschön voller Lebensfreude. Und dann hörte sie ihn summen, nur ganz leise, aber ebenso schön wie der Gesang der Vögel. Lächelnd lauschte sie eine Zeit lang, dann wisperte sie in den Wind:

“Es ist wunderschön.“

Sie schlug die Augen wieder auf und ließ ihren Blick durch den Wald gleiten. Es war ein heller Mischwald, überall schimmerte die Herbstsonne durch das Blätterdach und zwischen den Bäumen blühten kleine Herbstblumen, die noch immer einen süßlichen Duft verströmten. Es war wirklich wunderschön. Sie blinzelte zu dem Rüden neben ihr und ihr wurde klar, dass auch er die Umgebung noch schöner machte. Ihre Glücksfee hatte sie nicht im Stich gelassen, hatte ihr sogar mehr gegeben, als je zuvor. Oh, war sie glücklich.

Atalya
31.03.2010, 12:44

Etwas überfordert war sie erst einmal zurück getreten. Sie sollte eine Priesterin werden, sie war dazu auserwählt worden? War Banshee sich da ganz sicher, natürlich, sie hatte auch Engaya gesehen, anscheinend ebenso, wie die anderen zwei und Banshee selbst, aber war das nicht nur ein Zufall? Weil sie, sie, die immer so komische Stimmungsschwankungen hatte, sie, die manchmal wie von einem anderem Wolf gesteuert wurde, genau sie sollte eine Priesterin Engayas sein und Gutes vollbringen?
Wie sollte sie Gutes vollbringen wenn ihre „andere Seite“ so böse und gemein war? Hatte sie deshalb vielleicht auch Fenris gesehen? Der Gedanke machte ihr Angst. Natürlich wusste sie und hatte sie auch ganz genau verstanden, dass Engaya nicht ohne Fenris sein konnte, ebenso anders herum. Ein Leben ohne Tod gab es nun mal nicht und einen Tod ohne Leben auch nicht. Aber trotzdem war sie nicht so angetan davon, dass sie anscheinend auch eine Fenris Seite in sich trug, die trug wahrscheinlich auch jeder, mehr oder weniger ausgeprägt, aber die anderen zwei hatten nichts von einem schwarzen Wolf erzählt, der Fenris gewesen sein konnte.
Ängstlich legte sie die Ohren an und machte sich so klein wie möglich. Mit großen Augen blickte sie dann zu Banshee, nur, um ihre Stimme so tonlos wie möglich erklingen zu lassen.

„Aber… Banshee…. Ich zweifele ja nicht an dir aber… Fenris war auch da…. Meinst du… Es war nicht nur ein Zufall?“

Sie kam sich blöd bei ihrer Frage vor, hoffte die anderen beiden würden zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt sein, um ihre Frage nicht mitzubekommen. Vielleicht würden sie sie, wegen ihrer Unsicherheit, auslachen. Die Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum, machten sie verrückt und immer verschüchterter zog sie noch ein paar Schritte zurück. Was, wenn Banshee sich nun doch geirrt hatte? Was würden dann Rahsee und Tyraleen denken? Was würden die anderen denken?
Dann würde sie laufen, ganz weit weg, sie hatte solche Angst vor einer Blamage, vor einem Versagen.

„Hat Mama, Hanako, an Engaya geglaubt?

Und… Papa?“


Traurig blickte sie nun gänzlich auf den Boden. Wusste gar nicht wohin sie ihre Augen richten sollte, traute sie sich nicht, irgendjemanden aus der Runde auch nur anzuschielen. Das Unwohlsein wollte einfach nicht mehr von ihr weichen, verzweifelt blickte sie also auf ihre Pfoten. Wie riesengroß diese wirkten…


Die blauen Augen sahen dem schwarzen Artgenossen nach. Fast verträumt erhob auch er sich und trabte langsam in Richtung Gruppe. Mag sein, dass er wusste, was passieren würde. Aber um sehr mehr glaubte er an die Tatsache, dass es auch anders sein könnte. Zumindest würde es sich lohnen für etwas anderes zu kämpfen. Um das Schicksal selbst in die Pfote zu nehmen. Selbstsicher und fast hoffnungsvoller als zuvor trat er an Shákru vorbei und direkt auf Banshee zu. Egal was auch sein mochte, was sie nun für einen Glauben hatte oder was für Aufgaben sie erfüllen musste. Sie war immer noch das Leben. Wärme und Glück. Hoffnung und Licht.
Ihr seidiges Fell wog ihm Wind. Seicht hin und her. Und ihre freundliche Miene erhellte und erreichte sie alle. Sogar Akru spürte eine deutliche Zufriedenheit in sich aufsteigen. Aber ob das nun wirklich an ihrem Karma lag? War sie es nicht selbst, die ihn ganz konfus und seltsam melancholisch machte?

“Fenris ist dort, wo Engaya wacht“,

wisperte er leise in Richtung Shákrus, und setzte sich schließlich neben die Weiße, berührte sie kaum merklich. Dabei lag sein Augenmerk auf der kleinen Welpin, die den Namen Rakshee trug. Eine aufgeweckte und äußerst lebhafte junge Wölfin. Sie war schon jetzt voller Energie und Neugier. Und obwohl sie die Jüngste dieser Runde war, schien sie mehr Geist zu besitzen, als manch anderer. Der Graue gab innerlich zu, dass die Wahl der Priesterinnen äußerst gut getroffen war.

“Sheena, nicht wahr? Es war sicherlich kein Zufall, dass Du Fenris gesehen hast. Er ist ein Teil des Kreislaufes und findet immer Platz neben dem Leben. Und wie abschreckend er auch wirken mag, er ist ebenso wichtig wie Engaya. So kann man sagen, Dein Gesehenes ist sehr realistisch. Gar gut?“,

schloss er langsam und hatte Banshee damit die Möglichkeit genommen sofort zu antworten. Dabei lag sein Blick in den Augen der jungen Sheena.


Banshee wartete geduldig, bis ihre drei zukünftigen Schülerinnen alle Worte aufgenommen und verstanden hatten. Es war viel, was sie erzählt hatte, viel zu verstehen und viel zum drüber nachdenken. Sie hoffte, Rakshee nicht überfordert zu haben, war es doch vielleicht mehr, als ein gerade mal ein halbes Jahr alter Welpe aufnehmen kann. Aber es kamen nicht all zu schnell zu viele verwirrende Fragen, sondern zunächst blieb es still. Tyraleen strahlte, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich, was Banshee sah, als wäre es wirklich sichtbar. Dass ihre Tochter zusagte, hatte sie gewusst, freute sich nur über die Begeisterung, trotz der Gedanken, die dabei in ihrem Kopf herumschwirren mussten. Tyraleen war für die weiße Leitwölfin weit leichter zu durchschauen, als die Jungwölfin wohl annahm. Nicht nur, dass sie ihre Tochter war, auch die untrennbare Verbindung über Engaya verriet Banshee mehr über die Weiße, als ihr wohl lieb war. So war ihr auch die kleinlaute Frage danach fast schon bekannt, natürlich musste auch Tyraleen gespürt haben, dass eine Ausbildung kein Zuckerschlecken war. Sie schnippte mit dem linken Ohr und nickte dann bedächtig, doch nicht bevor sie ihrer Tochter ein strahlendes Lächeln geschenkt hatte.

“Natürlich wird es nicht einfach. Ihr müsst euch dessen bewusst sein, dass Tage kommen werden, an dem ihr die Ausbildung verfluchen und mich hassen werdet. Ich werde Aufgaben von euch abverlangen, die euch an und über eure Grenzen führen werden und wenn ihr einmal Priesterin seid, werdet ihr aufopferungsvoll leben müssen. Ihr könnt nicht mehr nur noch das tun, was euch gefällt, sondern müsst in allererster Linie danach gehen, was anderen gut tut. Ihr werdet Macht haben und doch dürft ihr sie niemals für euch selbst gebrauchen, sondern immer nur, um anderen zu helfen.“

Wohl auch deshalb gab es nur so wenige Priesterinnen. Macht verführte einen jeden so leicht, dass selbst Banshee manchmal schwankte. Oder es zumindest getan hatte, mittlerweile war sie erfahrener … doch auch Sheena, Tyraleen und Rakshee würde es so gehen wie ihr. Ernst sah sie von einer Wölfin zur anderen und nahm sich dann den Fragen Rakshees an. Auch sie war begeistert, hüpfte vor Freude sogar um sie herum. Hoffentlich hatte sie auch ebenso die warnenden Worte gehört und verstanden und ließ nicht außer Acht, dass dieser Weg weit schwerer war, als der der meisten anderen Wölfe. Aber Banshee würde ihr helfen … ihr am meisten, war sie doch die Jüngste und Unerfahrenste.

“Du wirst Jakash viel zeigen können, wenn deine Ausbildung abgeschlossen ist. Du wirst heilen können, Liebe und Trost auf ganz andere Art und Weise spenden als jetzt und in Verbindung mit Engaya treten, durch die du nicht nur ungemeines Wissen erlangen, sondern auch Wünsche und Bitten äußern kannst … und eine Göttin kann dir jeden Wunsch erfüllen.“

Das klang nun so, als könnte sich Rakshee dann wünschen, ein rosa Fell zu haben und dazu nach Erdbeeren zu duften – in der Art war das Ganze natürlich nicht gemeint. Vielleicht würde die Kleine es ja verstehen, vielleicht auch nicht, auf solche Details kam es ja jetzt nicht an. Viel eher kam es auf Sheenas deutlich spürbares Zweifeln an, das Zögern und die offensichtliche Angst vor ihrer Verbindung zu Fenris. Banshee lächelte sie zunächst nur an und ließ sich ein wenig Zeit mit der Antwort. Ein wenig zu viel, zumindest tauchte unerwartet Akru auf, im Schlepptau einen Fremden. Normalerweise hätte Banshee jeden Störenfried zurechtgewiesen und wieder weggescheucht … doch kaum saß der Graue an ihrer Seite, wollte sie ihn nicht wieder von dort fortwünschen. Zudem sprach er weise, wusste um Engaya und Fenris – natürlich, niemals würde sie sonst so eine deutliche Kraft aus ihm spüren. Und er berührte sie, nur ganz kurz und doch so deutlich spürbar, als hätte er sie gestoßen – doch von unendlicher Sanftheit. Langsam nickte sie.

“Akru hat Recht. Nichts im Leben ist Zufall … alles ist Schicksal. Was auch immer geschieht, über alles herrscht die ausgeglichene Macht Fenris’ und Engayas. Dass du Fenris gesehen hast, zeigt zum einen den Kreislauf, zum anderen hast du dich von ihm abgewandt und bist zu Engaya gegangen – du hast dich für ihren Weg entschieden und das ist das einzig Bedeutende. Rakshee und Tyraleen wollen diesen Weg mit mir gehen, willst auch du uns folgen?“

Sie fragte ganz beabsichtigt noch mal, um der Weißen eine ebenso klare Antwort zu entlocken wie ihren beiden Mitlehrlingen. Die leise Frage der Weißen ließ ein trauriges Lächeln auf Banshees Lefzen tanzen. Hanako und Hidoi … sie hatten ihr Sheena gelassen. Leicht beugte sie sich vor, brachte ihre Schnauze ganz nahe an das Ohr der Fähe, sodass nur sie die gewisperten Worte hören konnte.

“Hanako liebte Engaya und Engaya liebte sie. Und auch Hidoi glaubte an die Götter … sie ließen dich bei mir, weil sie wussten, dass eines Tages eine Priesterin aus dir werden würde und du der Welt so viel mehr geben wirst, als es dir bei ihnen je möglich gewesen wäre.“

Langsam richtete sie sich wieder auf und sah Sheena in die hübschen Augen. Hanako und Hidoi hatten sie nur aus diesem einen Grund in Banshees Obhut gegeben und nun würde sich erfüllen, was sich die beiden gewünscht hatten und was Banshee ihnen versprochen hatte. Sheena war eine Auserwählte, dagegen würde die Kraft Fenris’ niemals ankommen.


Tyraleens Blick huschte über die drei Fähen, in deren Kreis sie saß. Rakshee voller Begeisterung und Übermut, verzaubert von dem Gedanken, Flügel zu haben – göttergleich. Sheena ängstlich, besorgt, offensichtlich nicht nur an Banshee zweifelnd, sondern ebenso an sich selbst. Und zuletzt Banshee, die sich ihrer Sache scheinbar vollkommen sicher war und jede Frage mit ruhiger Stimme beantwortete. Es würde nicht einfach werden. Schwere Aufgaben … die Leitwölfin erklärte nicht wirklich viel, was passieren würde, aber wahrscheinlich sollten sie auch nicht zu viel wissen. Und sie würden sie hassen. Warum? Tyraleen war von je her zwischen Ablehnung – sie würde niemals Hass sagen – und verzweifelter Liebe zu ihrer Mutter gestanden, konnte sich aber nicht vorstellen, dass jetzt, da sie sich in so großen Schritten ihr und Engaya näherte, neue Ablehnung aufflammen könnte.

“Ich würde dich nie hassen …“

Sie flüsterte nur ganz leise und mehr zu sich selbst als zu Banshee, meinte es aber ernst. Sie wollte niemanden hassen. Nicht einmal mit Averics Hass im Herzen. Ein Fremder tauchte plötzlich neben Banshee auf und Tyraleen brauchte einige Sekunden um zu merken, dass das der seltsame Wolf Akru war. Im Kampf war er zu ihnen gestoßen und seit dem war er wie ein Schatten immer in der Nähe Banshees. Sie war sich nicht sicher, was sie von ihm halten sollte, aber ein seltsamer Zauber schien ihn zu umgeben … eine magische Anziehungskraft, der Tyraleen jedoch ein wenig verängstigt widerstand. Aus irgendeinem Grund kam ihr Akru gefährlich vor. Jetzt aber schien er ganz nett zu sein, erklärte sogar etwas von Fenris … er schien mit den Göttern gut vertraut. Ein schneller Blick huschte zu Banshee, doch die schien den Grauen nicht wieder verscheuchen zu wollen … obwohl sie doch jetzt mit ihren drei Schülerinnen reden wollte. Tyraleen verstand nicht ganz, aber schwieg vorerst. Sheena wurde etwas ins Ohr geflüstert, was die Weiße nicht verstand … es musste um die Eltern der Fähe gehen. Tyraleen kannte sie nicht, hatte manchmal sogar gedacht, es wäre die Tochter Banshees, was aber offensichtlich nicht der Fall war. Eigentlich tat ihr Sheena leid … offensichtlich hatte sie früh ihre Eltern verloren. Wie auch immer das geschehen war, Tyraleen nahm sich vor, öfter nett zu der Weißen zu sein … besonders jetzt, da sie ja beide Priesterinnen werden würden … oder wahrscheinlich, wenn Sheena denn wollte. Banshee hatte sich wieder aufgerichtet und Tyraleen sah den richtigen Zeitpunkt gekommen für eine weitere Frage.

“Wann werden wir mit der Ausbildung beginnen? Und … wie lange wird sie dauern?“

Ob es jetzt gleich losgehen würde? Sie konnte sich nichts darunter vorstellen – ausgebildet werden. Ob Banshee nur viel erzählen würde? Oder würden sie auch etwas selber machen müssen … und wenn dann, was? Die Neugierde brodelte in ihr hoch und sie wünschte sich, dass sie sofort losgehen würden. Dann müsste allerdings Akru hier bleiben … wieder sah sie ihn an und spürte dabei eine leise Kälte. Der Wolf war ihr nicht geheuer.


Langsam lächelte der Graue. Ein verheißungsvolles Lächeln. Nicht direkt zu zuordnen. Leise und still. Vielleicht war es die Antwort auf Banshees Worte. Vielleicht zeigte es aber auch nur die Zuversicht, die das Schicksal in den Pfoten der jungen Priesterinnen zeigte. Kein freundliches und aufforderndes Lächeln, nur klar und ehrlich. Zielgerichtet und glaubwürdig.
Die Wärme der weißen Wölfin neben ihm spürte er deutlich. Auch ihren Herzschlag konnte er vernehmen. Nicht hören, nur spüren. Wollte er sich doch gar nicht einmischen. Lediglich der jungen Sheena die Deutlichkeit ihrer Vision zu zeigen. Fenris, ja ein Gott mit Tücken und einer unheimlichen Ausstrahlung. Einmal war er ihm begegnet. Kurz bevor er sein Leben hätte lassen müssen. Ein Verrat schenkte ihm zwar das Leben, aber auch eine schwere Last. Ob er sich im Nachhinein für den Tod hätte entscheiden wollen, wusste er selbst nicht. Oder wollte es erst gar nicht hinterfragen. Ändern konnte er es eh nicht. Nun war es besiegelt und er fürchtete sich nicht mehr vor dem, was passieren könnte. Er sah es eh kommen. Ob sein Segen dafür noch von Bedeutung war, glaubte er nicht. Dennoch tat er es.
Engaya, die Göttin des Lebens. Ihr war er nur in seinen Tagträumen begegnet. Ein unfassbarer Schleier. Sie hatte ihm Hoffnung geschenkt. Nicht auf Gerechtigkeit oder Besserung, Erlösung. Nur Hoffnung. Hoffnung für die Welt, für jegliche Existenz. Und obwohl sie ihm noch eben erschienen war, war sie ferner als der Tod. Fenris war unter ihnen, immer an der Seite. Wenngleich es nicht so sichtbar schien.

Schließlich spürte er den Blick der jungen Weißen, die ihrer Mutter sehr ähnelte. Zu deuten vermochte er diesen Blick nicht direkt. Wohl ein Zeichen für seine seltsame Erscheinung und seinem Wissen verdankend, dass er über die Götter besaß. Die geflüsterten Worte Tyraleens verstand er zwar nicht, doch konnte die Ehrlichkeit darin vernehmen. Und die Wärme, die nun mehr zu ihrer Mutter glitt. Sie würde eines Tages den Platz Banshees einnehmen. Und sie würde es mit viel Würde und Gewissenhaftigkeit tun. Lange sahen die blauen, tiefen Augen zu Tyraleen. Dem jungen Leben. Die Tochter des Lebens. Erbin Engayas und Banshees. Kurz verengte er die Augen, sein Lächeln blieb bestehen, bevor er sich wieder abwandte und in die Runde der jungen Priesterinnen sah.


Na toll, wirklich grandios, da hatte sie sich nun auch noch vor einem, ihr völlig fremden, Wolf blamiert. Was machte der hier denn eigentlich? Sollten sie nicht nur diese kleine Runde behalten? Einfach unverschämt, kaum merkte sie, wie sie selbst sich zurückzog und ihre gemeine Seite sich nach vorne drängelte. Zwar nahm sie auch noch Banshees Worte wahr, auch die der anderen Wölfe, doch schien ihre zweite Seite nicht sonderlich angetan von diesen zu sein. Obwohl sie sich bemühte, dass nichts verletzendes aus ihrem Maul käme, doch eigentlich wusste sie schon, dass sie nur wieder ungerechtes Zeug von sich geben würde. Sie war wütend, auch sich selber, auf den fremden Wolf, der alles kaputt gemacht hatte, der ihr, für sie direkt, gezeigt hatte wie sie sich blamiert hatte.
Dabei war es vielleicht gar nicht so gemeint gewesen?

„Was mischst du dich da eigentlich ein hääää? Du solltest gar nicht hier sein, wer auch immer du bist. Du musst mir nicht auf die Nase binden, was ich nicht richtig verstehe, was mich sorgt. Das geht dich gar nichts an, verschwinde dahin wo du hergekommen bist und lass mich einfach in Ruhe. Du …. Doofer Rüde!“

Zitternd vor Wut war Sheena an den Rüden herangetreten. Banshee war in den Hintergrund gerückt, sie hatte keine Angst vor ihrer Strafe, vor ihrer Ermahnung. Nicht jetzt, wo sie so wütend war und in sich selber verloren war. Sie nahm auch nicht mehr die anderen beiden Fähen wahr, welche jetzt bestimmt irgendetwas komisches von ihr denken würden, alles war ihr nun egal, nichts interessierte sie mehr, sie war so wütend, wütend, wütend! Und dann folgte die Leere. Wie immer, Schritt auf Tritt, Wut, dann Leere. Sie sackte in sich zusammen, Trauer verhüllten ihre Augen und…

oO Nein, nicht weinen. Heul jetzt nicht wie so eine dämliche kleine Fähe die nicht bekommt was sie will! Oo

Tapfer biss sie ihre Zähne zusammen, schob sich wieder rückwärts, froh darüber, dass ihr bebender Körper, nun vor Angst und Trauer, ihr überhaupt noch gehorchte. Ohne Banshee anzuschauen fing sie wieder, nun, mit unsicherer, leiser Stimme, an zu sprechen.

„Dann… hat Mami Engaya etwa mehr geliebt als mich? Und Papa… auch?“

Eine Welt brach für sie zusammen, hatte sie doch bis jetzt nicht wirklich gewusst, warum ihre Eltern ohne sie gegangen waren, aber mit ihrem Bruder. Hatte sie sich doch erhofft, dass es irgendetwas Schlimmes war und es einfach keine Zeit gab um nach ihr zu suchen. Sie, die damals so fertig war wegen dem Tod ihres Bruders. Doch nun wendete sich das Blatt. Es war also „nur“ wegen so einer doofen Göttin gewesen und nun sollte sie dieser Göttin auch noch dienen? Ihre doofen Gebote lernen und … Vielleicht hatte sie deshalb Fenris gesehen? Sollte sie nicht lieber Tod und Verderben bringen, tat sie das nicht sowieso schon?

„Banshee… Was ist wenn… Ich mich doch irgendwann für Fenris entscheide?“

Dann schüttelte sie energisch ihren Kopf, das durfte doch alles nicht wahr sein. Nein, nein, nein!
Schließlich war sie, wie Banshee noch mal bemerkt hatte, Engaya gefolgt. Vielleicht würde sie ihre Wutanfälle mithilfe der Ausbildung überwinden können. Vielleicht würde sie zu einem „normalen“ Wolf werden ohne anderen immer wehzutun oder ihnen irgendwelche Sachen an den Kopf zu werfen? Verzweifelt und unsicher blickte sie nun doch, vorsichtig, ganz vorsichtig, Banshee an.

„Ja, ja ich möchte es versuchen, auch wenn es hart wird, ich bestimmt des Öfteren ausrasten werde. Aber vielleicht schaffe ich es dann, alles zu verarbeiten. Vielleicht kann ich dann verstehen warum Mama und Papa mich zurückgelassen haben, hier, ganz alleine mit meinem toten Bruder und meinen anderen mitgenommen haben. Vielleicht wird sich dadurch alles ändern und ich bin ihnen nicht mehr so böse und kann meine Trauer endlich überwinden mit der ich so lange schon alleine kämpfen… muss…“

Ja, in dem letzten Satz schwang ein kleines bisschen etwas Vorwurfsvolles mit. Hatte nicht nur Zack, sondern auch Banshee sie alleine gelassen. Sollte sie ruhig ein schlechtes Gewissen bekommen!


Die unseichten Worte der Sheena hatten zweierlei Wirkungen auf den grauen Rüden. Nur eine davon trat zum Vorschein. Mit einem fast hohlen Lachen und einer finsteren Miene. Zusehens ungeduldiger und vielleicht hetzender werdend musste Akru sich zügeln. Nicht zu vergessen wem er die Treue hielt. Sein heiseres Lachen verebbte und er konnte die letzten Worte der jungen Weißen verstehen. Mittlerweile war er aufgestanden. Nun einen Gesichtsausdruck, der ganz und gar nichts Gutes besagte. Und nur ihrer Naivität hatte die junge Wölfin zu verdanken, dass der Graue sich nicht groß dazu äußerte. Ihre Respektlosigkeit war selbst für einen so unantastbaren Hünen wie ihn, fast Maß vollendend.
Nun ja, und wäre da nicht sein zweites Gefühl gewesen. Eines, welches Mitleid für sie empfand. Ein Gefühl, dass ihn fast beeindruckte. Glaubte sie ja selbst nicht an sich und versuchte etwas damit zu kompensieren.
Eins leichtes, hohnvolles Lächeln allerdings konnte er sich nicht verkneifen.

“Der Weg wird schwer sein, Sheena. Stoße nicht jeden, der es gut mit Dir meint, so vor den Kopf. Es könnte Dich Freundschaften kosten“,

mit diesen Worten hatte er sich umgedreht, nicht ohne Tyraleen einen letzten, verheißungsvollen Blick und schließlich zu Banshee gesehen zu haben. Er zwinkerte kaum merklich.

“Ich werde warten, Banshee.“

Er trabe Richtung See. Er war nicht gegangen, weil Sheenas Worte ihn dazu aufgefordert hatten, vielmehr sprach die pure Unsicherheit aus ihren Zügen. Er wollte den Pfad der Priesterinnen nicht stören, und er glaubte, dass es nun auch so besser wäre. Es hatte sich schließlich bewiesen, dass nicht alle so erwachsen und orientiert reagieren konnten. Und was Banshee oder Tyraleen anging, hatte er noch genug Zeit sich mit ihnen zu befassen.


Ein paar Schritte war er Rakshee gefolgt, bevor sich wieder gesetzt hatte und das Geschehen aufmerksam verfolgte. Die kleine Welpin brauchte seinen Beistand nicht mehr, nur eine kleine Ablenkung, einen Schubser aus ihrem Ärger heraus hatte sie benötigt. Er verstand jedoch erst nachträglich, als die drei jungen Fähen von ihren Wachträumen berichteten, welch günstigen Punkt er da getroffen hatte, als er der Welpin von der Nähe des Himmels erzählt hatte. Flügel zu haben, zu fliegen - es schien, dass sich Rakshee nichts sehnlicher wünschte. Aszrem lächelte still und ließ den Blick dann unauffällig schweifen.
Die schwarze Fähe mit Namen Malicia zog auf Banshees Geheiß hin mit Averic davon. Sie war also Banshees Tochter, die nach langer Zeit zurückgekehrt war. Sie war so ganz anders als ihre Mutter, sowohl vom Aussehen her als auch von ihrer Austrahlung. Aszrem fragte sich immer mehr, wie wohl der Vater von Banshees Nachkommen war. Schwarz musste er wohl sein, und wenn er die Erzählungen der Hohepriesterin richtig verstand, dann war er das Bindeglied zu einem Gott, dessen Seele landläufig wohl ebenfalls als schwarz bezeicnet werden würde. Natürlich waren Götter nicht so einfach gestrickt, die Fantasie der Sterblichen mit ihren Schemata und Typisierungen dagegen sehr wohl. Umso interessanter war die Frage, wie dieser Hohepriester wirklich war. Vielleicht konnte er mit der Zeit durch behutsame Gespräche mit de einen ode anderen ein paar Antworten finden. Aszrem lauschte stumm den Erzählungen, Fragen und Antworten. Während Tyraleen und Rakshee sich ihrer Sache sicher waren, wurde Sheena noch von Zweifeln geplagt. Er konnte ihre Bedenken nachvollziehen, wenn auch nicht zur Gänze verstehen - er hatte schliesslich nie vor der Wahl gestanden, sein Leben einem Gott hinzugeben. Ihr plötzlicher Gefühlsausbruch, als Akru mit einem fremden Rüden im Schlepptau zur Gruppe zurückkehrte, kam für ihn dennoch unerwartet. Er wusste, dass in solchen Situationen Unsicherheit derart heftig uschlagen konnte, aber von der Jungfähe hatte er eigentlich etwas anderes erwartet. Aszrem sah sich wiedereinmal bestätigt, dass für das Verhalten eines Wolfes zu viele Faktoren in Gegenwart und Vergangenheit eine Rolle spielten, als dass man sichere Vorhersagen treffen könnte. Das war jedoch nicht schlimm - Aszrem war immer bereit, zu lernen.
Apropos... Da gab es ein paar Dinge, die ihn mächtig interessierten, und die wollte er nun in Angriff nehmen. Die kleine Runde angehender Priesterinnen wollte er nicht stören, aber Akru entfernte sich erneut, wieder allein, ein guter Zeitpunkt. Der Shwarzbraune ehob sich und schritt an den anderen Wölfen vorbei, schenkte dabei dem neuen Rüden ein grüßendes Nicken und folgte dann dem Grauen. Mit einem kurzen Trab schloss er zu ihm auf.

"Hast du etwas dagegen, wenn ich mich zu dir geselle?"


Man erzählte einst, die Wölfe des Kaukasus seien die größten und stärksten unter Ihresgleichen. Hartgesottene Krieger und verlorene Götter sollten einst diese Wölfe erschaffen haben. Die brennende Sonne gab ihnen den typischen tonfarbenen Pelz und ihre langen und starken Läufe verdankten sie den Göttern der knorrigen Sträuchern. Jeder einzelne Wolf der kaukasischen Berge war ein lebenswilliger Wolf der über Mut, Weitsicht und Geschlicklichkeit verfügte. Sie waren geborene Jäger und die Wächter der Berge selbst. Sie waren so Vieles...Gott, Gottheit, Traum, Untergang, Wille und Legende...doch was sie nie waren: ein Volk das die Realität kannte. Ohne ihre Träumer wären sie wohl nie so bekannt geworden wie Heute. Und Keghanoush wurde nur wegen dem Fehlen dieser Eigenschaft weitgehend verachtet! Sie war absolut keine Träumerin, sie lebte in der Realität und im Hier und Jetzt. Scheiss auf die ganzen Legenden, es war endlich Zeit zu leben. Sie hob ihren Kopf und verengte die Augen zu sanften aber ernsten Schlitzen, dann lächelte sie in ihrer so überheblich wirkenden Art und gab ein wohliges Knurren von sich. Sie war angekommen! Endlich würde sie ein richtiges Wolfsleben führen...kämpfen, jagen, lernen und überleben.

"Aus unseren Reihen schicken wir eine Wölfin, die euch Mut und Liebe lehren wird ", knurrte sie.

"Aus unseren Reihen schicken wir eine Wölfin, die euch die Wärme unserer Sonne bringt und die Schönheit des Mondes ".

"Ach verdammt... ich sehe schon den Untergang. Diese Wölfe hier, gekommen aus Ländern die ich nicht kenne, in ihren Herzen... Pein, Schmerz, Verrat und Verachtung, Legenden und Liebe. Wie kann ich da nur mithalten !", rief sie halb spottend, halb besorgt aus.

Dann trat sie die letzten Schritte an und blieb dann abermals stehen.

"Ich kann euch Jetzt schon nicht leiden !"

Diese Worte...nein, keine Sorge. Diese Worte meint sie nicht zu den Wölfen, zu diesem Rudel dem sie sich anschließen will. Sie sagt es immer und immer wieder zu den Göttern. Und sie sagt dies immer und immer wieder in der selben Tonlage: gelangweilt aber nicht überzeugt. Keghanoush war eine sonderbare Wölfin, so wie jeder Wolf irgendwie sonderbar war. Sie hatte ein wenig Angst vor diesem Rudel, denn sie wusste, dass es verdammt nochmal nicht einfach sein würde zu überzeugen bei so vielen Mitgliedern. Doch sie kämpft und sie ist eine gute Kämpferin. Ihre Ohren legten sich an den Kopf ehe sie wieder aufschnippten und lauschten.

"Ich werde euch nicht enttäuschen ihr Hunde ".

Sie lachte. Und Stunden blieb sie dort oben stehen, sah auf das Revier herab und schmiedete ganz besondere Pläne.

"Herbstfrieden ", spottete sie und schüttelte belustigt den Kopf. Es war miserabel kalt.


Die dunklen Augen fixierten den braunschwarzen Rüden neben sich. Er hatte um die Gesellschaft Akrus gebeten. Aszrem, so war sein Name. Ein ungewöhnlicher, doch passender. Der Graue überlegte nur kurz, ihm war die Anwesendheit dieses ruhigen Rüden nicht unangenehm. Er würde nicht verhetzend sein oder nerven. Mit einem knappen Nicken gab er seine Einwilligung. Schritt dennoch weiter voran. Seine großen Pfoten bohrten sich leicht in den feuchten Boden des Seeufers. Er hinterließ Spuren. Deutliche und große Pfotenabdrücke.

“Du bist nicht in diesem Rudel aufgewachsen, oder?“,

unterbrach er die weilende Stille. Sah allerdings nicht auf. Das blaue Augenmerk hatte eine Bewegung vernommen. Oberhalb des Seespiegels. Kurz zuckten seine Ohren. Ein fremder Artgenosse. Weitergehend blieb es bei dieser kurzen Reaktion. Würde der Fremde Gesellschaft eines Rudels suchen oder einfach nur auf Wanderschaft sein, konnte er sich äußern. Erstaunlich, wieder hatte ein Wolf den Weg in dieses Tal gefunden. Vielleicht spürten sie alle die starke Anwesendheit der Götter. Mit einem Zufall würde es sich der Zeitwächter nicht erklären wollen. Und es wäre auch eher unwahrscheinlich gewesen.

“Hast Du Fragen zu den Göttern?“,

seine Stimme klang ein wenig schnarrend. Es hätte nur diesen Grund geben können, warum der schwarze Rüde ausgerechnet zu Akru kam.

Der Atem ging leicht. Der Fang geschlossen. Da lief er. Der Wächter der Zeit. Nahe am Ziel, und doch fern von jeder Sünde, jeglicher Lust.


Bezogen auf seine Fragestellung hätte das Nicken des Grauen eigentlich eine Ablehnung sein müssen, aber da jegliche Anzeichen von Widerwillen oder Ärger fehlte, verstand Aszrem diese Geste als das, was sie war: eine Einladung.
Der Schwarzbraune passte sich Akrus Tempo an und ließ auch ihn die Richtung wählen, die sie einschlugen. Akrus stummes Nicken wertete er als Zeichen dafür, dass der Graue ihm das Wort überließ, aber noch bevor Aszrem zum Sprechen ansetzen konnte, eröffnete dann doch der Graue das Gespräch.

"Stimmt, ich bin selbst nicht nennenswert länger hier als du. Ich stieß auf dieses Rudel, als sie sich daran machten ins Tal zurückzukehren",

antwortete er wahrheitsgemäß. Er nahm die feinen Zeichen wahr, die Akrus Entdeckung des fremden Artgenossen zwangsläufig begleiteten und folgte dessen Blick. Da war ein fremder Wolf, das Geschlecht von hier aus nicht zu bestimmen. Der Artgenosse hatte seine Ankunft noch nicht kundgetan - entweder, weil er noch unsicher war, oder aufgrund feindlicher Absichten. Es galt also, den Fremden im Auge zu behalten. Aszrem lächelte, als Akru ih erneut eine Frage stellte. Da war es wieder, trat deutlicher als je zuvor zu Tage - dieses seltsame Etwas, das der Graue an sich hatte.

"So könnte man das sagen, allerdings interessieren mich gerade eher die Nebenaspekte als das Schaffen und Wirken Engayas und Fenris'. Ich bin weit herumgekommen und habe dabei festgestellt, dass fast jedes Rudel an andere Götter glaubt, beziehungsweise dass meist nur jende Rudel den gleichen Göttern huldigen, die miteinander in verwandschaftlicher Beziehung stehen, ansonsten eher nicht. Selbst wenn sich die verschiedenen Götter ähneln, so haben sie doch meist andere Namen. Ich frage mich daher, wie weit bekannt Engaya und Fenris in diesen Landen sind. Du stammst nicht aus diesem Rudel und scheinst dennoch so viel über sie zu wissen, als wärst du hier aufgewachsen..."

Er ließ die Worte so in der Luft hängen. Manche Wölfe konnte man einfach nach ihrer Geschichte fragen, andere nicht - Akru schien ihm zu den Letzteren zu gehören. Es war eine unbewusste Einschätzung, beeinflusst durch alle seine Beobachtungen und Vergleiche mit anderen Wölfen. Akru war mit Sicherheit intelligent genug, um zu verstehen, dass Aszrem zwar neugierig war, aber genug Taktgefühl hatte um dem Grauen die Entscheidung zu überlassen, was er ihm erzählen wollte und was nicht. Das Gespräch konnte auch einfach nur bei den Göttern bleiben, der Schwarzbraune hatte immerhin dargelegt, das ihn besonders die Randgeschichten im Moment interessierten. Akru sollte sich nicht bedrängt fühlen. Wenn er nichts über sich erzählen wollte, dann hatte Aszrem nie gefragt...


Shákru hatte sich eine ganze Zeit das Szenario mit angesehen und als Banshee keine Anstalten machte sich weiter um den Rüden zu kümmern, blieb er wieder der ruhige Betrachter und Beobachter. Schließlich machte sich Akru wieder auf den Weg in die Einsamkeit, gefolgt von Aszrem. Die Sternenleier betrachtete die Beiden nachdenklich, dann folgte er ihnen in einem Abstand um sie nicht zu stören. Des weiteren war eine Fähe aufgetaucht, aber er kümmerte sich nicht weiter um sie. Es war schon sonderbar wie die Blätter sich von den Bäumen lösten, wie das Licht zwischen den Ästen tanzte und alles herum so still schien, aber bei Minor war es nie ruhig. Im Weltall war es nie ruhig. Kleine Zwerge kreischten, der Urknall rauschte in einer Tour.

"Götter sind nur ein Wunsch von uns Dinge zu erklären, die wir nicht erklären können. Sie gleichen sich so, weil wir, egal wo wir sind, immer die gleichen Antworten auf Erklärungen suchen. Eigentlich gibt es sie nicht, die Götter."

Shakru wusste, dass er sich sehr weit aus dem Fenster lehnte, aber es war nun mal so wie es war. Es gab nur eine Wahrheit und die trug er in seinem Herzen. Immernoch blieb der Rüde ein ganzes Stück hinter Akru und Aszrem, aber seine grünen Augen leuchteten, als würden sie von innen angestrahlt und seine dunkle Stimme dröhnte und war doch noch angenehm.


Der Rüde hatte die Schritte hinter sich vernommen. Die Fähe war extra nicht laut gewesen, und hatte sich dann auch noch leise neben ihn gesetzt. Ein sanftes Lächeln umspielte die Lefzen Amiyos'. Immer noch summte er. Er wusste nicht, warum, doch ihm war es bei Kylia irgendwie nicht unangenehm, dass sie ihm zuhörte. Als sie anfing, mit leiser Stimme zu reden, hörte er ihr zu. Ihre Stimme passte perfekt in diese Umgebung, sie machte alles noch schöner. Kylia hatte die perfekten Worte gefunden. Amiyo öffnete seine goldgelben Augen und wandte sich zu ihr um. Warum verspürte er nur diesen Drang nach... nach Zärtlichkeit...? Sein Geischt war ernst, seine große Augen blickten in die Eiskristalle der Wölfin.

"Deine Name klingt wie der einer Göttin, Du bist so schön... deine Augen sind wie Eiskristalle, wie Spiegel, ich... finde Dich so wunderschön..."

sagte er, mit leicht krächziger Stimme. In seinen Augen lag die Wärme der Südsonne. Sein Kopf war leicht schief gelegt, er sah die Wölfin liebevoll an. Unsicher machte er einen Schritt vor und stupste sie an. Er nahm ihren Duft auf. Nie mehr wollte er darauf verzichten, nie mehr, seine Augen hatte er verschlossen, ein leichtes Lächeln auf den Lefzen... doch dann überkamen ihn plötzlich heftige Schuldgefühle. Was, wenn die Wölfin ihn nicht so mochte, wie er sie mochte? Wenn sie ihn nicht wollte? Er schlug die Augen auf und macht ein paar Schritte zurück. Er schlug die Augen nieder und stammelte.

"Vergieb mir, Kylia..."

Seine dunkle Stimme war leise, doch immer noch wunderschön. Seine Stimme klang in jeder Lautstärke wunderschön, sie passte so gut zum Rüden. Verzweifelt blickte er Kylia an. Was hatte er getan? Er wandte sich um und ging weiter in den Wald davon. Sein Kopf hing nach unten, in seinen Augen war nicht mehr die Sonne zu sehen, sie war erloschen...


Auch der schwarzbraune Rüde hatte den fremden Wolf entdeckt. Maß ihm genauso viel Reaktion und Interesse, wie er selbst, bei. Nun mehr konnte der Graue glauben, einen aufrecht interessierten Rüden neben sich zu haben. Und merkwürdiger Weise störte Akru nicht einmal die leicht dahin gestellte Frage nach seiner Vergangenheit. Und, wenn man genau hinsah, lag ein ehrliches leises Lächeln auf seinen Lefzen. Die Geschichte des Grauen war verworren und undurchschaubar. Unverstanden auch für ihn. Vielleicht war es der Verrat gewesen, den ihn hatte zu einem Wolf gemacht, der weder eine richtige Vergangenheit besaß, noch in Zukunft einen eigenen Pfad finden würde. Doch bevor Akru überhaupt antworten konnte, hatte Shákru die Gesellschaft der beiden Hünen aufgesucht, das Wort ergriffen und teilte Aszrem seine Sicht der Dinge mit. Nach wenigen Momenten des Schweigens erhob auch er selbst das Wort.

“Nein“,

meinte er schlicht. Ließ es kurz wirken. Er hatte eigentlich etwas anderes von dem schwarzen Wolf erwartet.

“Dort wo ich herkomme, weit von diesen Ländereien fern, preist man auch den Göttern Engaya und Fenris. Dort wo ich herkomme, wächst man mit diesen Göttern als Begleiter auf. Erschaffen von ihnen, geprägt von ihnen.“,

er machte eine kurze Pause und sah über die Schulter zurück auf den Schwarzen. Seine grünen Augen leuchteten. War es, weil Akru mit einem Fluch der Götter belegt war?

“Götter sind Hoffnung und Verderben. Nicht jeder Wolf sieht sie deutlich vor sich und manch anderer kennt sie nicht einmal. Warum man sich ihrer Existenz sicher sein kann, hast Du in Banshee gesehen, Aszrem.“

Wieder schwieg er kurz. Merkte selbst, dass er der eigentlichen Frage aus dem Weg ging. Verschiedene Götter in verschiedenen Landschaften.

“Oder sieh mich an“,

gab er kaum merklich und flüsternd zu verstehen. Akru war nicht der Wolf, der großen Worte oder der gelungenen Erklärungen. Er blieb stehen und starrte eine kleine Pflanze an, die mit der Zeit kämpfte, um sich in den Winterschlaf legen zu können.

“Sie sind bis zu den großen Ozeanen hin bekannt.“


Aszrem wandte sich zu dem Fremden um, der sie verfolgte. Seine Miene brachte nur deshalb sein Missfallen nicht zum Ausdruck, weil er mittlerweile ziemlich gut darin war, seine Gefühle nicht sofort zu offenbaren. Nur seine Augen verengten sich ein winziges Stück, sichtbar nur für jene, die aufmerksam beobachten konnten. Seiner Stimme war dagegen schon etwas deutlicher anzuhören, wie ungehalten Aszrem über diese Einmischung des Fremden war. Es war nicht in seinem Sinne gewesen, seine Gedanken mit noch jemandem als Akru zu teilen, manche Dinge sprach er lieber unter vier Augen an. Nicht wenige Wölfen fühlten sich gehemmter, je mehr Zuhörer es gab, und waren dagegen offener, wenn nur ein Paar Ohren lauschte.

"Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher. Nur weil du sie nicht siehst, bedeutet dass nicht, dass es sie nicht gibt. Den Wind kannst du schliesslich auch nicht sehen, aber du fühlst ihn auf der Haut und siehst sein Wirken, wenn er Bäume wiegt oder Blätter und Schnee aufwirbelt",

erwiderte er und lauschte dann Akrus Worten. Engaya und Fenris waren also weit bekannt, auch wenn sich die Art der Anbetung und die Selbstverständlichkeit sich zu unterscheiden schien, aber das war Aszrem nichts Neues. Erstaunlich war für ihn allein, wie weit verbreitet dieser Glaube war.

"Ich zweifle nicht an ihrer Existenz, Akru - weder an Engayas und Fenris'. noch an die all der anderen Götter, die ich auf meinen Reisen kennen gelernt habe, einschliesslich meiner eigenen, wenn ich das mal so formulieren darf. Eine derartige... Verkörperung einer Gottheit in sterblicher Gestalt habe ich jedoch noch nie zuvor erlebt..."

Einen Moment schwieg er und hing seinen Gedanken nach. Es ärgerte ihn jedoch immer mehr, dass sich der Fremde so ungebeten dazugesellt hatte. Aber nicht nur das verstieß gegen die Anstandsregeln, nach denen Aszrem aufgewachsen war, sondern auch nocht etwas anderes... Aszrem wandte sich wieder dem Fremden zu.

"Im Übrigen möchte ich dir den Rat geben, dich schnellstmöglich den Alphas vorzustellen. Es macht keinen guten Eindruck, wenn du dich zu lange beim Rudel aufhälst ohne von zumindest einem von ihnen begrüßt worden zu sein - besonders, da dieses Rudel Welpen hat."

Wieder stellte er sich nicht vor. Nach den Verhaltensregeln, die er gelehrt bekommen und auf seinen Wanderungen erfahren hatte, stellte sich ein fremder Neuankömmling stets zuerst vor, um seine guten Absichten zu demonstrieren. Ausserdem hatte er Aszrems und Akrus Namen spätestens jetzt aufgeschnappt und war somit in der Pflicht, ihnen seinen Namen mitzuteilen. Aszrems Stimme war ruhig, aber ernst geblieben, während er innerlich noch immer verärgert war. Und das würde auch nicht abnehmen, bevor der Fremde nicht seinen Versäumnissen nachgekommen war. Banshee würde wahrscheinlich nachsichtig mit diese Rüden sein. Aszrem glaubte nicht, dass der Fremde irgendwelche Götter hatte, ansonsten hätte er ihm geraten ihnen dafür zu danken, dass er nicht an Nyota geraten war. Deren Charakter war so ganz anders als Banshees, und wenn er dem glaubte, was er so gehört hatte, dann galt das in erster Linie für ihren Geduldsfaden...


Averics dunkelblauer Blick lag noch ein wenig bei der Gruppe um seine Schwester und Banshee, als Malicia dann antwortete, wandte sich der Pechschwarze aber wieder ihr zu. Auf irgend eine Art und Weise kam sie ihm Fremd vor, aber das lag ganz sicher daran, dass er sie Ewigkeiten nicht gesehen hatte und sich sowieso jeder stets veränderte. Fast jeder zumindest. Viel erzählen schien die Schwarze selbst allerdings auch nicht. Averic konnte darüber nur innerlich mit den Schultern zucken. Dann eben nicht. Das sie lebte, konnte er jetzt in der Tat sehen. So selbstverständlich, wie es für sie zu sein schien, war das allerdings für den Rest nicht.
Als Malicia auf die vielen, neuen Rudelmitglieder zu sprechen kam und dann abrupt bei der Nennung Cylins Namens stoppte, drehten sich die Ohren des großen Schwarzen wieder leicht zur Seite. Sein kalter Blick fixierte die Augen seiner Schwester, die für ihn grau, wie alles Andere waren. Na, sie schien begriffen zu haben, was mit dem Bruder war.

Cylin ist tot. Er wurde im letzten Jahr von dem fremden Rudel ermordet.”,

antwortete er knapp und hart. Doch wenn sie genau hinhörte, würde sie den verbitterten Unterton seiner Stimme entnehmen können. Diese Tatsache würde bis in alle Ewigkeiten an ihm nagen. Er hatte seinen kleinen Träumer nicht beschützen können und elendig versagt. Und obwohl er die Leitwölfin des fremden Rudels getötet hatte, war in ihm nie dieser Rachewunsch verklungen. Ganz so, als hätte er den wahren Mörder noch immer nicht zwischen die Zähne bekommen. Wie auch immer. Ein tonloses Seufzen breitete sich in seinem Brustkorb aus und seine Augen flogen noch einmal über die Runde, auch bis hin zu den anderen Wölfen.

Ich kann dir nicht viel zu ihnen sagen. Der graue Rüde da vorne heißt Akru, der Schwarze ist Azrem und die Namen der anderen kenne ich nicht.“

Er taxierte kurz den graubraunen Rüden und die graue Wölfin, die bei ihm stand. Um genau zu sein, hatte er die Fähe sogar noch nie gesehen. Vorhin war sie auch noch nicht da gewesen. Averic fing Akrus Bewegung auf, wie er sich zu seiner Mutter gesellte und einfach neben ihr Platz nahm. Ganz automatisch verengten sich seine Augen. Er mochte diesen Rüden nicht, da war etwas an ihm, dass Averic ganz und gar nicht passte. Wie er immer bei seiner Mutter rumlungerte, als gehöre er zu ihr, wie er sie ansah und vor allem, wie er Tyraleen manchmal ansah. Er musste irgendwas mit höheren Mächten zu tun haben, aber auch das passte ihm nicht.
Die Augen des Pechschwarzen verfolgten ihn auch noch, als er sich wieder von der Gruppe entfernte. Dann erst wandte er sich wieder seiner Schwester Malicia zu. Er konnte diesen Akru nicht leiden.


Shákru Minor setzte sich. Ein leises Glucksen verließ seinen Fang, während er gebannt den schwarzen Rüden vor sich anblickte.

"Zum Ersten, Aszrem, hat mich Banshee schon wahr genommen, aber kein Wort an mich gewandt. Weder im Guten noch im Bösem Sinne. Also werde ich mich weiterhin so bewegen wie ich es möchte."

Minor blickte lächelnd in dem Himmel. Weiterhin summte es in seinen Ohren, die Atome schossen ungehemmt umher und setzten sich zu neuer Materie zusammen. Unmöglich ließen sie Spielraum für irgendwelche Götter an die Shákru Minor anfangs auch glaubte. Die kleine Sternenleier wusste, dass dieses Rudel von zwei Weibchen geführt wurde und er wusste auch von Nyotas Angriffslust, aber das musste er Aszrem ja nicht unter die Schnauze schmieren.Noch nicht... Minor betrachtete lange Akru.

"Wenn es denn Götter gibt, warum haben sie uns dann nicht ihrer Gleich erschaffen. Warum sind wir dann nicht wie sie, sondern Schwächer, ihnen ergeben. Das ist doch egoistisch und berechnend. Ja sogar, gemein. Sie spielen mit uns, spielen und spielen und spielen. Aber wir spielen manchmal nicht mit ihnen, nicht wahr Akru. Wir machen unser eigenes Ding, wir begehen Sünden, die so nicht geplant waren. Warum sollten die Götter sich Wesen erschaffen, die nicht nach ihrer Nase tanzen. Meinst du, sie gehen so ein kalkuliertes Risiko ein?"

Shákru Minor lächelte sanft und geduldig. Es dauerte bis man begriff, dass es keine höhere Macht gab, sondern sie nur aus Atomen bestanden, die wiederum ihre Materie ausmachten. Welch einfaches und doch komplexes Werk der Physik, die Minor natürlich nicht beim Namen nennen konnte.

"Eure Götter reichen bis zum Ozean, aber darüber hinaus haben sie es wohl nicht geschafft. Wie das? Denke sie sind vollkommen und doch hat Akru auch andere Götter kennen gelernt, zumindest beim Namen. Isis, Thot, Osiris... Auch ich glaubte mal an Engaya und Fenris."

o.O( I want to belive...)

...aber nicht an Götter glaubte Shákru. Nicht an diese. Während er seine Meinung kund tat, war er ruhig, ausgeglichen und freundlich. In seiner dunklen Stimme schwang nichts hinterlistiges mit, sondern Verständnis für die, die es nicht glauben wollten. Der Pfad der Milchstraße auf seinem Rücken schimmerte wie der Ring an seiner Vorderpfote. Minor machte sie nicht darauf aufmerksam, aber wenn man seine Augen anstrengte, vielen die Sterne auf seinem Rücke auf.

o.O(Yes, I want to belive...)


Rakshees Rute kam langsam wieder zum Stillstand, während die Braune ihre Oma ansah. Auch ihr Lächeln wirkte nun etwas verschwommen, was jedoch nichts damit zu tun hatte dass ihre Begeisterung wich, sondern bloß damit zusammenhing dass sie vor lauter Neugier ganz vergas ihre Rute tanzen zu lassen. Immerhin beanspruchten Banshees Erzählungen ihre gesamte Aufmerksamkeit, und sie musste ja auch überlegen was das alles schlussendlich mit sich brachte. Zum Beispiel dass ihr Fell die Farben von Blumen annehmen könnte. Ha! Akru setzte sich zu Banshee, an die auch Sheena sich gewand hatte, und sprach zu ihr. Rakshee fiel auf dass er sie ansah, und sie lächelte zu ihm hoch. Der Rüde war seltsam, weil er plötzlich einfach da gewesen war und seitdem irgendwie dazugehörte, aber das machte ja nichts. Hah, vielleicht konnte man dass auch von Engaya lernen! Plötzlich ganz woanders sein, wo man vorher nicht war. Immerhin schien er ja auch etwas von ihr zu wissen.

Rakshee hörte Sheena absichtlich nicht zu, zumindest versuchte sie es, und sah nur geradeaus zu Banshee - aber die Worte kamen trotzdem zu ihr durch, und auch Sheenas ängstliches Auftreten, dass sie aus den Augenwinkeln allzu deutlich erkennen konnte, lies sie schliesslich doch den Kopf zu der Weißen wenden.
Sheena trat zurück und Rakshee lief ihr einfach hinterher, stellte die Vorderpfoten gegen Sheenas Brust und guckte sie an.

"Was ist Zufall? Und warum siehst du immer so unglücklich aus? Ich finde das doof, du sollst lachen, ich glaube ich weiß gar nicht wie du in glücklich aussiehst"

protestierte sie mit halb tröstendem und halb anklagendem Ton, und versuchte in einer stupsenden Bewegung die Nase gegen die von Sheena zu drücken, bevor sie sich wieder vor sie stellte und zu Oma aufsah.

Tyraleen fragte auch etwas, und Rakshee wuselte wieder zu ihr zurück und setzte sich zwischen ihre Vorderpfoten, wie eine kleine, aufmerksame Wächterin.

"Können wir gleich anfangen Oma? Und...was ist hassen?"

hakte sie nach. Wenn sie das mit den anderen zusammen machen sollte, musste sie ja immerhin wissen was es war. Aber jetzt wollte sie endlich anfangen.

Rakshee sah wieder zu Sheena herüber, legte den Kopf schief und lächelte der Weißen aufmunternd zu.
Es war ja sogar einfacher gewesen Mama zum Lächeln zu bringen als Sheena...


Banshee verstand nicht, was Tyraleen ganz leise zu sich flüsterte, trotzdem spürte sie viel Wärme in diesen Worten. Was auch immer in ihrer Tochter vorging, sie beide kamen sich wieder näher. Es hatte Banshee schon immer Kummer bereitet, dass ihre Nachfolgerin, sie so sehr abgelehnt hatte, war jedoch nie dagegen angegangen. Wie auch, jedes Wort hätte es wohl noch schlimmer gemacht. Aber seit sie wieder im Tal waren, schien Tyraleens Ablehnung langsam schwächer zu werden und Banshee hoffte von Herzen, dass sie irgendwann ganz vergehen würde. Denn weder sie noch Tyraleen selbst konnten etwas dafür, dass sie sich so sehr ähnelten. Auf die Frage ihrer Tochter hatte sie zunächst keine Antwort. Eine wirklich gute Frage … wie lange sie brauchen würden, wusste sie nicht. Sie tat das zum ersten Mal und auch wenn alles vertraut schien, hatte sie auf solche Fragen keine Antwort.

“Ich weiß es nicht, Tyraleen. Wenn ihr soweit seid, werdet ihr und ich es merken.“

Die zweite Frage ließ sie vorerst unbeantwortet. Erst wenn Sheena zugesagt hatte, würde sie ihren Schülerinnen sagen, wann sie sich treffen würden, um die erste Lektion zu beginnen. Dann jedenfalls ohne die Anwesenheit so viele, störender Wölfe. Und Rakshee sollte nicht so überdreht sein … es war ein wenig anstrengend, wie sie so hin und her wuselte, jetzt bei Sheena war, dann zu Tyraleen huschte und schon wieder Fragen stellte. Nicht dass Fragen schlecht waren … sie waren ein wichtiger Teil des Ausbildung, aber momentan war es ein wenig anstrengend.

“Hass ist das Gegenteil von Liebe. Wenn du jemanden hasst, magst du ihn überhaupt nicht. Kein bisschen.“

Der erste Teil der Frage blieb wie bei Tyraleen unbeantwortet, der zweite Teil schien im Bezug auf ihre vorherige Erklärung für Rakshee sicher unverständlich. Aber sie würde sehen, was die weiße Leitwölfin meinte und das war sowieso die beste Art und Weise zu lernen. Auch wenn Hass sicher keine schöne Lektion war. Doch wie immer ließ man ihr nicht lange Zeit, über derlei Dinge nachzudenken. Schon hatte sich Sheena verbal auf Akru gestürzt und warf ihm einige nicht sehr nette Worte an den Kopf. Es war fast ein wenig Ironie des Schicksals, auch wenn diese Banshee weitgehend fremd war. Aber ging es hier um Priesterinnen, die Erdenbilder Engayas, der Liebe, der Güte, der Gerechtigkeit … und eine zukünftige Gesandte ließ erstmal ihren Zorn an einem mehr oder weniger unschuldigen Rüden aus. Aber anstatt zu lachen, seufze Banshee nur leise und ließ zunächst Akru von dannen ziehen. Seine Worte zogen ihr wieder einen Schauer über den Rücken und sie war sich sicher, dass er wusste, dass sie ihn nicht lange warten lassen würde. Sie ließ auch seinen Kommentar so in der Luft schweben und fügte nichts hinzu, tadelte Sheena nicht. Sie wusste selbst, dass es falsch war und Banshee war überzeugt, dass sich so etwas nicht noch einmal wiederholen würde.

“Nein. Sie liebten dich so sehr, dass sie dir mehr schenken wollten, als das harte Leben an ihrer Seite, das auch nur noch wenige Monate gedauert hätte und dann das noch härtere Leben als herumstreunender Jungwolf auf der Suche nach einem Partner. Sie wusste, dass du hier dein Glück finden würdest, nicht aber bei ihnen.“

Es war die Wahrheit. Auf Hanako, Hidoi und ihren kleinen Sohn mussten schwere Zeiten gewartet haben. In einem Rudel lebte es sich tausend Mal leichter … und in dem Alter, das Sheena nun erreicht hatte, hätte sie ihre Eltern schon lange verlassen gehabt und wäre alleine herumgestreift. So wie es jetzt war, war es gut. Vielleicht würde auch Sheena das irgendwann verstehen – Banshee verstand jedoch auch ihrer Trauer und Sehnsucht, sie hatte früh keine Eltern mehr gehabt.

“Wenn du zu einer Priesterin ausgebildet wirst, wird dir der Weg zu Fenris irgendwann versperrt sein. Mit jedem Schritt auf Engayas Weg gehst du weiter weg von dem Fenris’.“

Schon deshalb war es gut, wenn Sheena sich dafür entschloss. Denn auch wenn Acollon sicher gelacht hätte … .oO(Acollon, Acollon, Acollon) … sie wollte so viele Wölfe wie möglich Engayas Pfad entlang führen. Fenris säte zu viel Kummer.

“Ja, ich hoffe, dass sich viel ändern wird. Und ich bin froh, dass auch du dich anschließen wirst.“

Sie wusste genau, wie Sheena den letzten Satz gemeint hatte. Und wie oft hatte sie sich schon selbst vorgeworfen, Sheena alleine gelassen zu haben? Besonders damals, als die Weiße sie so sehr gebraucht hätte. So oft hatte sie sich es bereits vorgeworfen und kam doch nie ganz darüber weg. Nur jetzt endlich würde sie versuchen können, es wieder gut zu machen. So weit ihr das noch möglich war. Sie wandte sich an ihre drei Schülerinnen und sah sie nacheinander an.

“Wir treffen uns wenn die Sonne untergeht an dem großen Felsen am Rande des Sternensees. Ganz in der Nähe von diesem Platz hier. Rakshee, wenn du es nicht findest, lass dich von Sheena oder Tyraleen führen.“

Damit drehte sie sich um und ließ die drei alleine. Jetzt war es an der Zeit sie alleine zu lassen und sich darüber Gedanken machen zu lassen. Sie zögerte, wohin ihre Pfoten sie nun führen sollten und doch suchten sie sich von ganz alleine ihren Weg. Am Seeufer saßen Akru, Aszrem und der Fremde beieinander und unterhielten sich. Da Banshee nicht lauschen wollte, schritt sie bestimmt und nicht unnötig langsam auf die drei zu. Angekommen nickte sie Aszrem lächelnd zu und ließ ihren Blick kurz auf dem Fremden verweilen.

“Willkommen.“

Viel mehr hatte sie ihm jetzt jedoch nicht zu sagen. Seinen Namen würde sie sicher von Akru erfahren können, ebenso seine Absichten und den Ihren hatte er sich bereits gehört. Hätte er Fragen oder direkt ein Anliegen vorzutragen, hatte er dazu ebenfalls bereits seine Chance gehabt. Jetzt wollte sie sich nicht mit ihm aufhalten.

“Akru, ich würde dich gerne sprechen, möchtest du mich in den Wald begleiten?“


Kylias Blick war eine Zeit lang an einem kleinen Vogel gehangen, der zwitschernd auf einem Ast saß. Er schien noch jung, ganz so, als wäre er erst diesen Frühling geboren worden. Selbst von hier unten konnte sie erkennen, wie seine schwarzen Knopfaugen munter glitzerten und er offensichtlich ebenso glücklich war wie die beiden Wölfe unter ihr. Ob Amiyo ihn auch gesehen hatte? Sie drehte ihren Kopf wieder zu dem Rüden und merkte so, dass er sie ansah. Sie vermochte seinen Blick nicht zu deuten, doch obwohl er ernst war, fühlte sie sich nicht unwohl. Als er sprach, war sie zunächst nicht ganz fähig, die Worte zu verstehen. Wie eine Göttin, so schön, so wunderschön … hatte er ihr das gerade wirklich gesagt, oder hatte sich ihr etwas verklärtes Herz das gerade eingebildet? Doch sie konnte den Klang der Worte noch in der Luft hören und nun verstand sie auch seinen Blick, ohne ihn erklären zu können.

“D … Danke. Ich …“

Plötzlich fand sie keine richtigen Worte mehr. Sie freute sich riesig, so etwas zu hören, waren es doch die schönsten Komplimente, die man ihr nach so einer kurzen Zeit des Kennenlernens machen konnte. Sein Blick hatte etwas Liebevolles, das ihre Seele streichelte und als er sie anstupste, hatte sie das Bedürfnis, sich an ihn zu kuscheln. Doch ebenso schnell wie all das gerade gekommen war, verging es auch wieder und Amiyo wirkte plötzlich unsicher. Ertrat zurück, wollte, dass sie ihm vergab und hatte sich schon umgedreht. Er lief nicht zu schnell, doch abermals brauchte Kylia einige Sekunden, um das Geschehene zu verarbeiten.

“Amiyo …“

Der Ruf war nicht sehr laut, wahrscheinlich hatte er ihn gar nicht gehört. Langsam folgte sie ihm. Sie beeilte sich nicht, ihn einzuholen … warum auch, schon alleine, dass sie ihm folgte, musste ihm zeigen, dass sie ihm nicht böse war. Viel eher genoss sie es auch, ihre Pfoten in seine Abdrücke zu setzen und sich ein wenig von ihm führen zu lassen. Sie sah noch mehr von dem wunderschönen Wald, konnte noch mehr einzigartige Gerüche von Blumen aufnehmen und immer wieder Amiyos Fell in der Sonne glitzern sehen. Schließlich hatte sie ihn fast eingeholt – sie mussten schon weit vom See entfernt sein – und blieb stehen.

“Amiyo, ich bin dir nicht böse. Bitte geh nicht weg.“


Weitgehend ließ er die Worte Aszrems in der Luft stehen. Starrte er doch weiterhin gebannt auf die kleine Pflanze, die versuchte ihren Winterschlaf vorzubereiten. Erst als er Shákrus Worte hörte, stieß er das Gewächs unsacht an. Die Blätter fielen alle, immer noch grün, zu Boden. Die tiefen Augen richteten sich auf den Schwarzen. Warum der Rüde die Existenz der Götter anzweifelte, konnte sich Akru nicht erklären, gerade von ihm hatte er erwartet, ihrer Macht beizupflichten. Der Graue erhob sich und starrte lange in Richtung des Sees. Dachte über seine nächsten Worte nach. Es war nicht schwer, der Götter Anwesendheit zu geloben, doch umso schwerer fand er den Weg, der ihn dort hinführte.

Jedoch brauchte er auch keine gewählten Worte mehr zu finden, denn bevor noch die schöne Weiße die kleine Rüdengruppe erreicht hatte, spürte er ihre Anwesendheit. Ein kurzer eindringlicher Blick huschte zu Aszrem, der ihm bedeutete, dass es sicherlich nicht ihr letztes Gespräch war. Schließlich sah er Shákru auch an, nicht ganz den verwunderten Ausdruck verbergen zu können.

Als Banshee sprach stand die Antwort schon vorher fest. Mit einem seichten Lächeln empfing er sie und so sprach er auch seine nächsten Worte:

“Nichts lieber als das.“

Seine Augen suchten den Weg zu ihren. Bersteinfarben waren sie. Tief und voller Wärme. Die Spiegel zu einer Welt, die mehr Liebe zu geben hatte, als man schenken konnte. Der Rüde stellte sich an ihre Seite, gab damit Banshee die Gelegenheit die Richtung vorzugeben. Immer noch mit seinem seichten Lächeln.


Aszrem soürte, wie ihm die Selbstkontrolle zu entgleiten drohte. Er war eigentlich nicht der Typ Wolf, der sich leicht provozieren ließ und bei jedem nichtigen Grund auf andere losging, aber dieser fremde Rüde hatte da einen wunden Punkt berührt. Er trat die Werte, die Aszrem wichtig waren, mit den Pfoten in den Schmutz, und das mit einer Frechheit und Arroganz, die Aszrems Geduldsfaden zerfasern ließ, als würde man ihn mit einer Säge bearbeiten. Dieser Fremde mochte einen freundlichen Ton anschlagen, aber er besaß keinen Funken Respekt und Anstand und hatte dann auch noch die Dreistigkeit, anderen die Schuld daran zu geben - sogar den Alphas!

"Dass sie dich eines Blickes gewürdigt hat, entbindet dich noch lange nicht deiner Pflichten, die du gegenüber einem fremden Rudel hast, mitten in ihrem eigenen Revier! Im Gegensatz zu dir ist sie als Alpha nämlich noch längst nicht dazu verpflichtet, den ersten Schritt zu machen und vorstellig zu werden. Wer bei einem Rudel herumschleicht ohne seinen Namen und seine Absichten preiszugeben, kann ganz schnell als feindlich gesonnen angesehen werden, bestenfalls noch als sozial unfähig!"

Aszrems Stimme hatte nun einen deutlich schärferen Tonfall angenommen, er schrie jedoch noch lange nicht. Allerdings fehlte nicht mehr viel, und er hätte seinen Worten mit Körpersprache Nachdruck verliehen. Sein Nackenfell hatte sich unwillkürlich schon ein wenig aufgerichtet, und Aszrem bemühte sich um Ruhe, als er die weiße Alpha nahen sah. Seine winzige Hoffnung, der Fremde würde jetzt von der Alpha belehrt werden, erfüllte sich jedoch nicht, auch wenn die Begrüßung knapp und fast schon frostig ausfiel - da konnte Banshee Wärme in ihr Lächeln stecken, wie sie wollte. Aszrem unterdrückte ein Seufzen und nickte nur Akru zu, bevor dieser sich an der Seite Banshees entfernte. Vielleicht konnten sie ihr Gespräch später fortsetzen. Vielleicht sogar ungestört. Aszrem wandte sich noch einmal dem anderen Rüden zu.

"Du weisst hoffentlich, was für ein Glück du hast, FREMDER - die meisten anderen Alphas hätten dich vertrieben",

kommentierte er das Geschehen und schritt davon, ließ den Fremden einfach stehen...


Erst als Banshee die kleine Rüdengruppe erreicht hatte und ihre Worte gesprochen hatte, merkte sie die etwas gedrückte Stimmung. Antipathie von Aszrem ausgehend hing in der Luft und auch wenn die Weiße nicht ahnen konnte, an wen und weshalb sie ging, war sie froh, sich gleich wieder mit Akru entfernen zu können. Der schien in diesem kleinen Gefühlsspiel durchaus involviert zu sein, jedoch war da nichts Negatives mehr, zumindest als er sich an sie wandte. Sie war zwar Leitwölfin, aber es war sicher nicht ihre Aufgabe, jede Streiterei zu ergründen, also überließ sie Aszrem und dem Fremden ihrem Schicksal und setzte sich langsam in Bewegung. Akrus sofortige Bereitschaft, mit ihr zu kommen – ohne nach einem Anliegen oder Ähnlichem zu fragen – hatte sie gefreut, auch wenn sie nichts anderes erwartet hatte. Sie entfernten sich langsam von der Gruppe und verließen die Uferlichtung. Der Wald war an dieser Stelle hell und freundlich und die noch immer warme Herbstsonne glitzerte zwischen dem bereits lichten Blätterdach hervor. Wenn die Weiße ehrlich war, so gab es kein Anliegen. Sie hatte bei dem Grauen sein wollen, wollte seine Nähe spüren und mit ihm über irgendetwas reden, ob belanglos oder nicht. Immer wieder glitt ihr Blick zu seinen Augen, in denen sie manchmal meinte die Acollons wieder zu erkennen. Der Klang der Götter hing in der Luft, ihre Präsenz und Engayas Wärme, ebenso wie der Gleichklang Fenris’. Für viele Momente genoss sie die pure Anwesenheit Akrus und das Zusammenspiel ihrer beider Geister.

“Wer ist dieser Fremde?“

Es interessierte sie tatsächlich, ebenso wie es ihr vollkommen belanglos vorkam. Sie wollte Akrus Worten lauschen und dabei schweigen, wollte erfahren, ob er bereits ein Freund des Grauen geworden war und wie Aszrem dabei mitspielte; ebenso wie das alles gleichgültig war.


Jetzt ging alles ein wenig drunter und drüber. Sheena war plötzlich nicht mehr nett und freundlich, sondern richtete Worte an den fremden Akru, die sich Tyraleen niemals zu sagen getraut hätte. Banshee schien es nicht für nötig zu halten, sie dafür zu tadeln, was die Weiße nicht verstand. Hätte sie das gemacht, wäre ihre Mutter sicher böse auf sie gewesen, aber Sheena schien das zu dürfen. Akru verkrümelte sich darauf hin wieder und sie bekam eine unbefriedigende Antwort. Jetzt wurde sie wieder ein wenig grummelig. Einzig Rakshee schien sich ja noch immer pudelwohl zu fühlen und wuselte zu ihr, setzte sich zwischen ihre Pfoten und schien das für den idealen Platz zu halten … okay, Tyraleens Grummeligkeit kam gegen diesen welpischen Charme nicht ganz an, aber als Banshee dann verkündete, dass sie sich erst am Abend treffen würden und dann einfach davonrauschte, war sie doch etwas beleidigt. Jetzt blieb sie hier mit Sheena stehen, die ihr gerade etwas durch den Wind vorkam und zudem hatte sie Rakshee zwischen den Pfoten. Ihr Blick sucht nach Averic, aber der saß bei der schwarzen Malicia. Da wollte sie jetzt auch nicht hin.

“Rakshee, wenn du magst, können wir nachher gemeinsam losgehen. Ich verschwinde jetzt.“

Und schon war sie aufgestanden und zwischen den Bäumen verschwunden. Sich mit Sheena zu unterhalten war ihr jetzt etwas unangenehm und Rakshee war zwar süß und stellte auch sehr putzige Fragen, aber sie war jetzt nicht das richtige für Tyraleens angeknackste Laune. Wahrscheinlich wäre nur Averic richtig gewesen, aber der war nun mal anderweitig beschäftigt und das ließ sich nicht ändern. Wie gerne wäre sie jetzt oben in den Bergen im Schnee, sich einfach in der Eiswüste verlaufen und irgendwo Halt machen, den Blick frei über die Welt wandern zu lassen, von keinem Baum und keinem Strauch aufgehalten. Und Averic wäre bei ihr, wie seine Kälte ebenso in die der Berge passte und sein schwarzes Fell im Licht des Schnees noch schwärzer wirkte. Kurz kam ihr der aberwitzige Gedanke, einfach zu den Bergen zu laufen und hinaufzuwandern. Doch ebenso schnell wie er gekommen war, verwarf sie ihn auch wieder. Es würde Tage dauern und alleine würde sie dort oben nicht überleben. Und wenn sie ehrlich war … alleine, ganz alleine, wollte sie da wahrscheinlich dann doch nicht sein. Vernunft, rief sie sich ins Gedächtnis. Was sie nun tun sollte, wusste sie aber auch nicht. Jetzt war sie im Wald und entfernte sich von ihrer Gruppe, damit würde sie wohl nur auf eine andere Gruppe treffen können. Und wenn man an den Teufel denkt … dann taucht er auf. Sie hatte sich unbemerkt kaum vom Sternensee entfernt und konnte jetzt zwischen den Bäumen eine andere Gruppe erkennen. Es waren weitgehend Wölfe, mit denen sie wenig zutun hatte, viele neue, niemand aus ihrer Familie. Trotzdem wollte sie jetzt nicht einfach weggehen und beschloss, sich einfach zu ihnen zu gesellen.


Schweigend war er an Banshees Seite geblieben. Die erwärmende Sonne glitzerte leicht in seinem Fell. Die Lichtung, auf der die Beiden dahin schritten, war mit Licht durchflutet. Der Wind ließ die Blätter rascheln. Auch ihr Fell wog im Wind hin und her. Es war einem Tanz gleichend. Elegant und spielend. Der Graue sah auf, konnte seinen Blick nicht von der Weißen lassen, nicht nur ihrer Schönheit wegen. Sein sanftes Lächeln blieb immer noch beharrend auf seinen Lefzen. War es doch der Moment, auf den er gewartet hatte. Und nun brauchte er nicht einmal Worte, die ihn wissen lassen konnten. Es war einfach ihre Anwesendheit, ihr Beisein. Und die geheime Zweisamkeit.

“Shákru ist sein Name. Er gesellte sich zu uns und er scheint mehr zu sehen, als manch anderer. Ein seltsamer Zeitgenosse“,

bei diesen Worten runzelte er selbst die Stirn, konnte fast seinen Sarkasmus nicht verbergen. Ja, wer war dieser schwarze Rüde eigentlich? Hatte er Banshees wahre Gestalt sehen können und doch beharrte er darauf, dass es keine Götter geben mochte. Einen greifbaren Zusammenhang fand Akru nicht.
Und es war ihm doch auf eine angenehme Art und Weise völlig gleichgültig. Es war nicht wichtig, nicht jetzt. Nicht wenn er mit Banshee allein sein konnte.

“Banshee“,

sagte er leise. Wollte hören, wie es klang. Wie es aus seiner Schnauze klang. Gerne wollte er ihr seine Zuneigung aussprechen, sein Gefühl, das er empfand.
Und trotzdem fand er nicht die Worte, die es richtig ausdrücken konnten. Worte, die nicht zu sehr nach seinem Verlangen klangen, die nicht zu sehr von Sünde sprachen.

.oO(Komm´ mit mir, Banshee. Weit fort von hier. Dorthin, wo Du ganz Du selbst sein kannst. Willst Du mit mir fortziehen? Willst Du den Weg mit mir gehen?)

Der Abstand zwischen den Wölfen verringerte sich. Langsam aber sicher berührte der Rüde die weiße Leitwölfin. Konnte ihr direkt in die Augen sehen, suchte nach Antworten auf seine unausgesprochenen Fragen.


Banshee spürte Akrus Blick durchaus, wagte jedoch nicht, ihn dauerhaft zu erwidern. Nicht aus Frucht oder Unterwerfung, es war viel mehr das Wissen, dass sie von diesem Blick gefangen genommen werden würde und wenn sie ihm einmal länger nicht widerstand, würde sie nie mehr ihren Blick von ihm nehmen können, jedes Rebellieren gegen die aufkeimenden Gefühle hinter sich lassen und sich etwas hingeben, dem sie sich nicht hingeben durfte. So war sie gleichzeitig froh und enttäuscht, als Akru die Stille mit seiner Antwort zerschnitt und ihr den Namen des Fremden sagte. Was er damit meinte, dass dieser Shákru mehr sah, als manch anderer, wusste sie nicht, aber es war ihr nicht wichtig genug, um nachzufragen. Seltsam schien er allemal, aber auch das bedurfte keiner Erwiderung. So nickte sie nur, schien tief gedankenverloren und ließ die Stille an sich vorbeiziehen. Als er ihren Namen aussprach, wurden ihre Schritte allmählich langsamer, bis sie ganz zum Stillstand kamen und ihre Augen wieder seinen Blick suchten. Seine Stimme hatte so ehr nach Acollon geklungen, die Art und Weise, wie er ihren Namen betonte, die Besonderheit, die er in diesen Klang legte und die Schönheit die dieser ganz normale Name dadurch plötzlich bekam. Spielte Fenris ein Spiel mit ihr? Hatte er ihr Acollon in einer anderen Gestalt geschickt und wollte sie nun mit ihrer Sehnsucht quälen. Doch es war nicht nur die Ähnlichkeit zu Acollon, die sie an Akru anzog – ja, sie musste es sich eingestehen, er bezauberte sie – es war auch der etwas weichere Blick, das leisere Lächeln und die spürbare Präsenz Engayas.

“Akru …“

Ihre Stimme hatte etwas Verzweifeltes, das jedoch kaum unter der Sehnsucht, die in diesem Wort lag, hervorkam. Sie hatte ihn gebeten, mit ihr zu kommen und wünschte sich jetzt doch, irgendetwas anderes. Niemals, dass er fort war, nein, aber auch nicht bei ihr und doch bei ihr, ganz nahe, sodass sie seine Augen sehen, seinen Geruch einatmen und seine Wärme spüren konnte. Was wünschte sie sich schon noch? Sein Blick war so intensiv und tief, dass sie sich unter ihm zu winden begann und gleichzeitig nach seiner Fortführung lechzte. Doch die unausgesprochenen Worte darin warfen sie auch wieder zurück, erinnerten sie an das, was sie war.
.oO(Ich kann nicht, nicht von hier fort, nicht mit dir, niemals. Ich … ich kann das nicht, Akru.)
Es war paradox … jetzt, da sie schon so lange Jahre lebte und viele davon dieses Rudel leitete und – sie war sich dessen durchaus bewusst – bald am Ende ihres Lebens stehen würde, erlebte sie wieder ebenso wirre Gefühlswallungen wie damals, als sie noch eine junge Wölfin war. Das war nicht mehr ihre Welt, sie war durch all diese Zeiten schon gegangen … und trotzdem war da nun dieser Blick von Akru und dieses tiefe Verlangen.
Ihr Blick irrte in den Himmel.
.oO(Acollon … Acollon!)


Amiyo kam sich so unendlich dumm vor. Jetzt ging er auch noch weg von der hübschen grauen Fähe. Er seufzte tief in sich hinein. Er war noch so jung... Sie war bestimmt viel älter als er selbst, und doch... er hatte eine Reife, die normale Jungwölfe, wie er eben noch einer war, noch nicht hatten. Als er den leisen Ruf Kylias' hörte, vermochte er es nicht, sich umzugehen, jedoch ging er langsamer, seine Ohren schnippten und versuchten jeden Schritt zu hören. Und dann kam sie auch. Gleich hatte sie ihn eingeholt, kurz schloss er die Augen, bevor sie auf gleicher Höhe waren. Es freute ihn, dass sie ihm nachgekommen war. Als sie sprach wandte er seinen großen Kopf ihr zu und schaute ihr vebrlüfft in die eisblauen Augen. Das Glitzern und Blitzen, das noch vor einigen Sekunden weggewesen war, kam wieder zurück. Sie war ihm nicht böse! Seien goldgelben Augen strahlten und entfalteten seine ganze Schönheit, er schien von innen heraus zu leuchten, inmitten des cremefarbenen Fells, dass seine Züge umschmeichelte und dann noch die dunkle Schnauze- man konnte nicht leugnen, dass er hübsch war.

"Kylia."

Der Jungwolf sprach nur dieses eine Wort aus, mit seiner ausgeglichenen tiefen und melodiösen Stimme, doch das genügte- zumindest in seinen Maßstäben- um ihr zu zeigen, wie dankbar er ihr war. Wieder näherte er sich vorsichtig und stupste sie an die Schnauze. Ein weiterer Windstoß zerzauste sein graues, glänzendes Fell, seine Ohren shcnippten fröhlich hin und her, und ein charmantes Lächeln umspielte die Lefzen des Grauen. Er schaute sie ein wenig von unten an, sein Blick war schelmisch, dann streckte er eine Pfote aus und berührte damit sanft ihr Nackenfell.

"Wer glaubst du, ist stärker? Und wer schneller?"

fragte er lachend, er pfotete auf den Laubberg vor sich, die zinnoberroten, orangenen und sonnengelben Blätter wirbelten auf und verdeckten Kylia kurz die Sicht. Ein leises Lachen hörte man noch - dann war der Große verschwunden. Dann hörte man eine schelmische Stimme.

"Wo bin ich? Hehehehehe..."

rief er, zwar ziemlich leise, aber da seine Stimme so dunkel war, konnte man sie gut hören. Ein strahlendes Lächeln war auf Amiyo's Gesicht getreten, er schaute zum Himmel empor und schickte der Sonne einen Kuss zu, das feurige Temperament war wieder in seiner Feuerseele aufgelodert.

Atalya
31.03.2010, 12:48

Er spürte ihr Verlangen, er spürte die Gemeinsamkeit. Und doch war da etwas, dass sie von ihm stieß. Und er verstand es. Es waren begründete Annahmen, Ängste. Und der Graue hätte es ihr ersparen können, hätte sich abwenden können. Wenn er, Akru, nicht wäre, würde Banshee nicht leiden müssen. Jedoch vermochte der Rüde der Anziehung nicht zu widerstehen. Wollte seine Gelüste nicht unterdrücken, konnte es nicht. Ein Krieger verwundet, niedergestreckt der eigenen Gefühle wegen. Auch er blieb stehen, stellte sich vor die weiße Wölfin. Er überragte sie ein ganzes Stück. Und schaute ihr lange in die Augen, war sich seiner Wirkung dessen durchaus bewusst. Ja, und er zielte gerade darauf ab. Eigentlich müsste er sich hassen. Bis sie in den Himmel sah.

Plötzlich wich der Rüde etwas zurück. Was hatte er gerade in ihren Augen gesehen? Nicht er war es. Nein. Langsam verstand er. Es war der Todessohn, der sie fern hielt und sie nicht gehen ließ. Er hatte es schon zuvor geahnt, aber nicht so klar gesehen. Und doch war es ihm keineswegs unangenehm. Sicherlich konnte sie den Rüden nicht vergessen, der ihr die Welpen geschenkt hatte. Ein leises Seufzen entfuhr ihm und er trat wieder an sie heran. Nun noch entschlossener, energischer. Sie würde sich nicht fallen lassen können. Und so würde der Hüne ihr die Brücken schlagen. Sein Fang suchte ihren. Langsam, vorsichtig und doch bestimmt strich er bis zu ihrer Stirn hoch. Sein seichtes Lächeln wurde zu einem Genüsslichen.

“So lass´ mich wenigstens ein kleines Stück auf Deinen Weg mitgehen. Ich zeige Dir wer ich bin und ich kann sehen, welch schönes Wesen hinter Dir stecken mag“,

hauchte er leise. Ein deutlicher Nachdruck lag in seinen Worten. Wollte er ihr die Zweifel nehmen, wusste nur nicht wie er es tun sollte. Ihre Zweifel, ihre Angst, ihre Mauer. Dies alles war nicht leicht niederzureißen.

.oO(Oh Banshee. Ich verstehe Deine Gefühle und doch, verzeih mir, werde ich mich nicht zurückhalten. Verlange nichts, was ich nicht halten kann. Auch wenn ich Dich damit verletzen mag; und es klingt sehr egoistisch; kann ich Dir eine andere Welt zeigen. Lass´ mich Dir eine Welt zeigen, die Engaya und Fenris geschaffen haben. Im Zwiespalt und doch in Einigkeit. Folge mir! Banshee, folge mir!)


Kylias langes Fell wurde vom Wind ein wenig zerzaust, wiegte sich in die eine und dann in die andere Richtung, während sie wartete. Amiyo war ebenfalls stehengeblieben und wandte jetzt den Kopf zu ihr. Zunächst war sein Gesichtsausdruck verblüfft – als ob sie ihm böse sein könnte! – dann erschien wieder das fröhliche Glitzern in seinen Augen. Erneut sprach er ihren Namen aus und jetzt mochte sie den Klang seiner Betonung noch mehr. Er erschien ihr viel schöner als sonst. Sie meinte auch Dankbarkeit daraus zu hören … als müsse er sich wirklich dafür entschuldigen, ihr Wärme zu spenden. Sie war lange genug alleine gewesen und war oft genug abgewiesen worden … jetzt einen Rüden zu treffen, den sie spontan so mochte und der sie ebenfalls zu mögen schien, war weit mehr, als sie sich je gewünscht hätte. Er berührte sie an der Schnauze und bevor er seine wieder zurückziehen konnte, erwiderte sie den sanften Druck. Als dann der schelmische Gesichtsausdruck erschien, ahnte sie schon, dass er irgendetwas vorhatte. Im nächsten Moment wirbelte er Blätter auf, sodass für sie die Welt kurz nur noch aus rot schimmernden Blättern bestand und schon fehlte jede Spur von ihm. Sie sah sich um, trippelte dann leicht nach rechts und legte den Kopf schief. Auf ihrem Gesicht war ein verschmitztes Lächeln erschienen.

“Du bist sicher stärker …“

Langsam ging sie noch ein paar Schritte, schwenkte dabei die Rute und ein Glitzern in ihren Augen verriet, dass sie Amiyos Versteck hinter einem umgestürzten Baumriesen bereits entdeckt hatte.

“… und schneller ganz bestimmt auch …“

Sie näherte sich dem Stamm und tat dann so, als würde sie wieder umkehren.

“… aber …“

Mit einem schnellen und elegant aussehenden Sprung katapultierte sie sich auf den Baumstamm, wirbelte dabei wieder viele feuerrote Blätter auf und schon sah sie von oben auf den grauen Rüden herab.

“… im Verstecken bin ich besser.“

Sie musste lachen, pfotete nach Amiyo und strahlte mit ihrem ganzen Körper Freude aus.


Kein schwarzer Hüne tauchte zwischen den Bäumen auf, keine Göttin und kein Gott schenkten ihr ein Zeichen. Banshees Blick in den Himmel wurde flehender, wie eine Verdurstende, die an einer ausgetrockneten Quelle lag und nach einem letzten Tropfen Wasser fleht. Doch außer der göttlichen Anziehungskraft Akrus war keine überirdische Macht bei ihr und kein Wink wollte sie erlösen. Wo war Acollon? Warum ließ er sie in diesen Sog aus Sehnsucht und Auflehnung fallen und warum schenkte ihr Engaya keine Stärke? Sie fühlte sich alleine, endlos alleine und einzig Akru wollte ihr diese Einsamkeit nehmen, wollte ihr alles nehmen, nach dem sie dürstete. Sie hätte ihn nie fragen sollen, ob er mit ihr kommen wollte. Sie hätte sich von ihm fernhalten sollen. Aber jetzt war es zu spät. Etwas in ihr zerbrach, das nie mehr würde auferstehen können. An diesem wunderschönen Herbsttag, in dem vor Leben und Schönheit sprühendem Wald setzte Banshee die ersten Schritte auf den Pfad des Verderbens. Von nun an würde sie auf ihr Ende zusteuern, ohne es selbst zu merken. Vorerst aber senkte sich ihr Blick wieder zu Akru, der zunächst zurückgewichen war – hatte er in ihrem Blick Acollon lesen können? – jetzt aber wieder näher kam. Die Linie, die er mit seiner Schnauze über die ihre, an den Augen vorbei und die Stirn hinauf zog, brannte und loderte wie tausend Feuer und doch sehnte sie sich danach, dass ihr gesamter Körper von ihm in Flammen gesetzt werden würde. Als er wieder sprach, wollte sie so oft ja sagen wie ihr Fang dazu fähig war und doch versuchte sie sich dagegen zu wehren. Er verlangte nicht viel und doch alles, was sie nicht geben konnte. Acollon … Acollon … Acollon.

„Akru, ich kann nicht, du musst …“


Doch bevor sie ihre schwachen Worte ganz hervorgebracht hatte – in ihnen steckte so wenig Überzeugung und Wille, dass sie fast das Gegenteil zu sagen schienen – geschah etwas, auf das sie absolut nicht vorbereitet war.
Ein kurzes, ruckartiges Beben erschütterte die Erde. Nur ein paar Meilen weiter, bei der Gruppe oder bei Amiyo und Kylia war keine Regung zu spüren.
Banshee wurde so von der plötzlichen Erschütterung überrascht, dass sie das Gleichgewicht nicht halten konnte und gegen den Baum, neben dem sie stehengeblieben war, stürzte. Sie begrub den von dem Kampf um ihr Tal verletzten und noch nicht ganz verheilten Lauf unter sich und keuchte kurz vor Schmerz auf. Schrecken und Überraschung stand in ihrem Blick, Unverständnis, was gerade geschehen war und verwirrt suchend nach dem Zeichen dahinter.


Oma Bani erklärte ihr den Hass, und es klang unlogisch in Rakshees Ohren. Warum sollte man denn jemanden so wenig mögen? Na gut, jemanden doof zu finden kannte sie, Sheena fand sie ein bisschen doof seit sie ihr Omas ganze Aufmerksamkeit weggenommen hatte, und das tat sie ja schonwieder, aber jemanden gar nicht mögen? Wie ging das? Rakshee sah Oma nach, als sie ihren Treffpunkt ankündigte und dann ging.
Die Kleine wand sich an Tyraleen als diese ihr anbot nachher mit ihr loszugehen, und nickte dann eifrig - woraufhin auch Tyraleen verschwand. Das war komisch, alle liefen heute weg. Nun saß sie mit Sheena alleine da, aber das wollte sie doch gar nicht. Kurzentschlossen sah sie sich um, und entdeckte Aszrem, wie er gerade von einem anderen Schwarzen wegging, denn sie noch nie gesehen hatte. Sofort war sie auf den Läufen und setzte ihm nach, stolperte ein Mal und stand, kaum dass ihre Schnauze den Boden berührt hatte, schonwieder auf den Pfoten. Wo war..ah, da wa er!

"Aszrem, warte!"

rief sie ihm nach, und lief dann wieder mit schnellen Schritten hinter ihm her, um dicht neben ihm herzuspringen.

"Warum guckst du soo?"

fragte sie mit neugierigem Ton, und studierte überaus eifrig Aszrems Gesichtszüge, wobei sie immer wieder beinahe stolperte, und sich schliesslich einfach vor ihn setzte. So würde er ihr wenigstens nicht mehr davonlaufen.


Das Boben brachte auch den Grauen ins Straucheln, allerdings blieb er auf den Pfoten. Zornig ließ er seinen Blick umher schweifen, gerade so, als könne er den Übeltäter finden. Mit einem leichten Grollen drehte er sich zu der Weißen um. Sie war gestürzt und schien Schmerzen ihn ihrem geschwächten Lauf zu verspüren. Sofort sprang er an ihre Seite und legte sich neben sie. Nun mehr kannte er sein Übel, seine Sünde und hatte Banshee geradewegs auf ihren Pfad des Todes geschickt, auf den Weg, der sie ihrem Ende entgegen bringen würde. So kannte Akru die Zukunft. Und er hatte die Wahl gehabt. An dem Punkt, wo der Weg sich gabelte, war er die Richtung eingeschlagen, die Banshee dem Untergang erklärte. Hatte er es nicht anders gekonnt. Nun mehr schwoll sein Zorn an. Getrieben von dem Selbsthass und spürend der Verzweiflung der Wölfin neben sich. So hatte er entschieden und das Schicksal zum Schlechten geweiht.
Ein Knurren drang aus seiner Kehle, unwirklich und sehr dumpf klang es. Ein Zeichen Engayas? So würde er den Hass der Göttin verstehen. Musste sie den Todessohn an der Seite ihrer Tochter ertragen und nun auch noch die Aufsässigkeit des Grauen. Fenris vermochte auch Gründe zu haben, jedoch nicht so ersichtliche, wie es die Lebensgöttin zu haben schien.

“Ich weiß, Banshee. Doch es ist entschieden. Du hast zu lange gezögert, gezweifelt.“,

hauchte er in ihr Ohr. So waren seine Worte wahr, gesprochen mit einer ungewohnten Verzweiflung.

“Ich bleibe bei Dir, Banshee. Ich kann mich nicht von Dir abwenden und ich weiß, es wäre falsch. Du fühlst genauso, nur Dich plagen die Zweifel, das schlechte Gewissen-“,

seine Stimme brach. Hätte er ihr doch schöne Dinge erzählen wollen. Hätte er ihr doch zeigen wollen, dass es eine Welt gibt in der alles nichtig war und sie unbeschwert und ohne Sorgen leben konnte. Vielleicht war für sie die ewige Ruhe nur im Tode zu finden?

.oO(Oh Banshee, wehre Dich nicht mehr!)


Shákru schien ihm nicht zu folgen und ihm weiter auf die Pelle zu rücken, was Aszre sehr begrüßte. Sein erster Eindruck des Fremden stand fest und fiel nicht gut für diesen aus. Der Schwarzbraune wusste, dass erste Eindrücke täuschen konnten und er sich kein endgültiges Urteil über den Rüden bilden konnte und durfte, aber für's Erste war er mit ihm fertig. Und gut hatte Shákru wahrlich nicht abgeschnitten.
Aszrem wusste noch nicht, wohin er seine Schritte lenken sollte. Zunächst folgte er dem Verlauf des Seeufers, während er überlegt, ob er sich einfach wieder zur Gruppe gesellen sollte. Die anderen zu beobachten würde ihn ablenken und ihn auf die Dauer wieder aufmuntern. In ihm gärte noch immer der Ärger über den Fremden.
Die Entscheidung wurde ihm jedoch abgenommen. Aszrem wandte den Kopf zu der jungen Stimme, die ihn rief. Rakshee kam zu ihm gelaufen und versuchte dann halb laufend, halb hüpfend mit ihm schritt zu halten. Bei ihrem Anblick verschwand der Grimm aus seinem Gesicht, für ein Lächeln reichte es aber noch nicht sofort. Es erschien erst, als die Welpin sich vor ihn setzte und ihre Frage stellte. Aszrem setzte sich ebenfalls und beugte sich etwas zu Rakshee herunter.

"Wie habe ich denn geguckt?",

fragte er gegen und war gespannt darauf, wie gut die Beobachtungsgabe der kleinen Welpin schon war...


Shákru hatte es nicht gewundert, dass sich mit einem Schlag alle von ihm entfernten. Gemächlich machte der Rüde sich daran, Aszrem zu folgen. Der Rüde war ebenso interessant wie es Akru war, aber Akru hatte seine Gefühle besser unter Kontrolle und konnte schneller die Meinung eines anderen akzeptieren. Es dauerte nicht sonderlich lang bis Shákru Minor den schwarzen Rüden ausfindig gemacht hatte. Vor ihm saß noch eine kleine Welpin, Rakshee war ihr Name. Das Bild war sonderbar und friedlich. Der große Aszrem saß mit gespannten Blick vor der kleinen Wölfin, die sich trotzig vor seine Pfoten platziert hatte. Die kleine Sternenleier setzte sich mit etwas Abstand auf die Hinterläufe. Er mochte die beiden nicht stören, er war selbst noch jung und hatte eine derartige Situation in seinem Leben noch nie erlebt. Das Eingesperrtsein kannte der Rüde in und auswendig. Wie es war, wenn andere sein Leben planten, ihm ihre Meinung aufdrängten.
Aszrem war auch so einer, aber er wusste nichts über Shákrus Vergangenheit, hatte sich auch nicht die Mühe gemacht, ihn nach dem Grund seiner Denkensweise zu fragen. Aber so war das nun mal. Arrogant und aufbrausend waren einige der schnellen Läufer. Arrogant in dem Sinne, dass sie nicht hinterfragten. Shákru Minor hätte sicherlich gefragt, warum Aszrem solch eine tiefe Verbundenheit zu den Göttern spürte, aber man ließ ihm ja keine Zeit. Seufzend legte sich der Rüde auf den Boden und den Kopf auf die Vorderpfoten. Gespannt wartete er wie die Situation weiter gehen würde.


Schweigend saß der Nachtsohn an seinem Platz, den er in keiner Sekunde verlassen hatte. Die blauen Augen hatte er nach wie vor geschlossen, die Ohren wohl aufgerichtet, dennoch war der Rüde wieder in seiner Welt verschwunden. Nur kurz hatte er aufgeblickt, als Banshee mit Tyraleen, Sheena und mit Rakshee sprach, hatte einen wachsamen Blick auf seine kleine Patin. Midnight stutzte. Es war noch immer seltsam und auch ein wenig befremdlich für den dunklen Rüden, dass er zum Pate ernannt worden war. Was konnte er schon für Werte vermitteln? Er erinnerte sich schließlich an nichts, außer an die Einsamkeit und den Schmerz. Und dennoch hatte man ihn zum Paten ernannt. Eine weitere Frage auf seiner Liste, die es zu beantworten gab. Irgendwann ein mal vielleicht. Das Bild, welches er noch immer vor Augen hatte, bedurfte jedoch keiner Klärung. Er hing im luftleeren Raum, weder Hier noch Dort, mitten im Nirgendwo, halb in den Armen des Todes, gefesselt an das Leben. Unmerklich schüttelte der Rüde den Kopf. Es ergab alles für ihn keinerlei Sinn, noch einen Zusammenhang. Der Ruhe in sich lauschend, die nur vom regelmäßigen schlagen seines Herzens unterbrochen wurde, saß er schweigend da, kehrte in sein typisches verhalten, das eines Schattens zurück. Er wollte sich nicht aufdrängen, wusste sich nicht einzubringen. Obwohl er nun eine tragende Rolle in einem so jungen Leben spielte, wusste er kaum etwas damit anzufangen. Rakshee war wohl eine wunderbare Welpin, ihm jedoch genau wie alles andere so fremd. Er fühlte sich schuldig, dass er keine vernünftige Beziehungen aufbauen konnte. Weder zu ihr noch zu sonst jemandem. Wie sollte er Werte weiter geben, wenn er sie selber nicht kannte? Wie wollte er Glück und Zufriedenheit beschreiben, wo er doch nicht wusste, wie sich dies anfühlte? Langsam ließ sich der Schwarze auf den Boden sinken, die langen Läufe überkreuzt und den Kopf darauf gebettet. Wie lange harrte er nun so bereits aus? Wartend, auf was auch immer, den Funken Hoffnung längst verloren. Wie lange wanderte er bereits durch das Dunkel, ohne einen Schimmer, der ihm den Weg wies? Ein Wanderer in dieser Welt, ohne Weg, ohne Ziel und ohne eine Vergangenheit. Das Einzige, was sich gewandelt hatte, er aber noch nicht wirklich klar erkennen konnte war, dass sein Leben nun nicht mehr halb so sinnlos war, wie sonst. Er hatte eine Aufgabe, er war Pate, was ihn unwillkürlich an Pflichten, an das Rudel, an das Leben band. Hatte er das gewollt? Was spielte dies jetzt noch für eine Rolle, zumal er sich nicht sicher war, aus welchem Grund er der Bitte nachgekommen war.
Nur langsam, als würde Midnight gerade aufwachen, öffneten sich die mitternachtsblauen Augen blickten hinüber zu seiner Patin, die sich bei ihrem zweiten Paten Aszrem aufhielt. Weshalb sie gleich zwei Paten bekommen hatte, war ihm nur zu gut bewusst. Sollte er einen Fehler begehen, konnte der andere Schwarze diesen gewiss wieder gut machen. Warum man ihm diese Aufgabe dann überhaupt gegeben hatte, verstand er dann wiederum nicht. Sein Augenmerk lag eine Weile auf den beiden, ebenso auf dem dunklen Rüden mit den grünen Augen, den er als Shákru Minor in Erinnerung hatte, der genau wie der Totenwandler selber die beiden beobachtete.


Shákru Minor hatte den schwarzen Rüden schnell bemerkt, als dieser wie die Nacht durch den Wald schlich. Interessiert hob der Rüde seinen Kopf, ruhig weilten die grünen Seelenspiegel auf dem Neuankömmling. Auch er beobachtete Aszrem und Rakshee. Ob er sie näher kannte. Langsam erhob sich die kleine Sternenleier und schritt zu Midnight herüber. Man konnte ja auch gemeinsam die Beobachtung fortsetzen. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lefzen, als er den anderen erreichte.

"Darf ich mich zu dir gesellen? Ich bemerkte, dass wir beide die gleiche Sache beobachten und so dachte ich, wir können dies gemeinsam machen."

Shákru Minor setzte sich und knabberte an seinem Fell. Lauter interessante Wölfe schienen hier zu leben. Ob es vielleicht an dem Tal lag, welches solch eine magische Aura in sich trug. Shákrus Blick wanderte wieder zu Rakshee. Ein wohliges Schnurren verließ seine Kehle. Er gönnte der Kleinen alles Glück auf Erden und eine unbeschwerte Kindheit, das ganze Gegenteil von der seinen. Auch Midnight machte nicht grade einen sonderlich glücklichen Eindruck. Anscheinend haderte er mit seinem eigenen Leben. Eine Frage der Existenz vielleicht? Shákru Minor war gespannt.


Amiyo lachte erstaunt auf, als plötzlich die Graue über ihm stand. Zugegeben: Er hatte sich nicht besonders gut versteckt, aber eigentlich ging es auch nur darum, herum zu laufen und zusammen zu lachen. Amiyo liebte Kylias Lachen. Als sie dann über ihm stand und lachte, schaute er sie ein wenig verzaubert an. Ihre ganze Haltung war locker und sie strahlte Freude aus. Er legte den Kopf ein wenig schief und sah sie an. Ihre eisblauen Augen sahen nicht kalt aus, sie waren freundlich und fröhlich und sprühten eine Lebensfreude aus, die der Junge noch nicht sehr oft gesehen hatte- vorallem bei solch eisblauen Augen. Er überlegte nicht lang- Unvermittelt sprang er auf den Baumstamm- für Kylia wäre es sicher schwierig geworden, doch für Amiyo war es keine weitere Anstrengung-

"Jetzt muss ich dir leider das unwiderstehliche Lachen rauben-"

- sagte er mit einem schelmischen Blitzen in den Augen- und küsste sie stürmisch auf die Schnauze. Seine Ohren schnippten fröhlich umher, er hoffte, Kylia würde es genauso Spaß machen, wie ihm selbst. Er genoss jede Sekunde in der er sie berühren konnte und durfte, er liebte ihren Geruch und ihre Ausstrahlung. Ob es so etwas wie... Schicksal gab? Wenn nicht, hatte er Pech gehabt. Er legte sich vor ihr hin und schaute sie mit einemliebevollen Blick an. Seine goldgelben Augen spiegelten die Sonne wieder, seine Haltung war entspannt, doch am liebsten würde er sie weiter küssen, mit ihr kuscheln, einfach bei ihr sein. Doch er wollte nicht zu ungestüm wirken. So legte er seinen großen Kopf nur auf seine ebenfalls großen Pfoten und lächelte sie, war es verführerisch?, an. Ein charmantes Lächeln umspielte seine Lefzen, er wartete auf irhe Reaktion und hoffte, dass sie sich zu ihm legen würde. Er robbte ein wenig näher an sie heran, was sehr lustig aussah, da er ja so groß war. Er stieß ihr an das Bein und drehte sich mit dem Oberkörper auf den Rücken. Spielen machte doch einfach Spaß- vorallem mit so einer entzückenden Spielgefährtin! Seine Ohren spielten und seine Augen strahlten die Graue an. Er stieß sie sanft und liebevoll mit seinen Pfoten an, dann rollte er sich wieder zurück, stand auf und schüttelte sich ein wenig.

"Weißt du, dass du hübsch bist...?"

fragte er in charmanten Ton und sah ihr tief in die Augen.

"Also ich weiß es zumindest. Du bist das hübscheste Wesen dieser Welt."

er setzte sich neben sie und wartete. Wenn sie ihn umarmen würde, ihn vielleicht küssen würde- es wäre das beste Erlebnis, was er je in seinem Leben erlebt hätte.


Aller Widerstand, alle Stärke brachen in Banshee so plötzlich zusammen, dass es nicht nur das Beben gewesen sein konnte, dass sie von den Pfoten gerissen hatte. Jeder Schimmer war verglommen, jedes Leuchten in ihren Augen verblasst. Wie eine verwelkte Pflanze lag sie am Boden, die Augen geschlossen, als wäre sie bereits tot. Sie spürte, wie Akru sich neben sie legte und sog seine Wärme auf wie ein vertrockneter Schwamm ein paar Tropfen Wasser. Wer ihr dieses Zeichen geschickt hatte, wusste sie nicht, doch war es bedeutungslos. Sie hatte aufgeben. Wie ein kleiner Welpe, voller Schwäche und sehnsüchtig nach Zuneigung bettelnd schmiegte sie sich an den Rüden neben ihr, ließ das Gefühl zu, in einen sicheren Hafen eingekehrt zu sein, ohne selbst Stärke und Aufmerksamkeit zeigen zu müssen. Sie war so weit davon entfernt, eine Leitwölfin zu sein wie ein kleiner Welpe. Sie hörte sein Knurren und schlug erst jetzt langsam die Augen auf. Er hatte nicht sie gemeint, vielleicht das Beben, vielleicht irgendjemand anderen … er wusste es und das reichte. Sie musste nicht mehr jede Handlung verstehen und überwachen, sodass niemandem ein Übel geschehen konnte. Sie war die Schwächste im Rudel, auf die jeder achtete, sie war das kranke Tier in der Herde, dem man des Nachts Wärme spendete und nicht allein der Dunkelheit überließ wie es so oft ihr Schicksal gewesen war.

“Bleib immer bei mir. Mach die Nacht zum Morgen, lass mich befreit sein und geborgen, lösch die Erinnerung in mir aus, gib meiner Seele ein zu Hause. Nie mehr alleine.“

Sie hatte nur ganz leise geflüstert und schloss wieder die Augen. Sie fühlte sich so schwach, als würde sie keinen Muskel mehr bewegen können. Ihre Pfote schmerzte und doch machte sie keine Anstalten, das Gewicht ihres Körpers von ihr zu nehmen. Jetzt erst spürte sie, nach was sie sich so lange gesehnt hatte. Schwach sein zu dürfen. Einzig Acollon hatte ihr dieses Gefühl gegeben, stark für sie beide zu sein. In seiner Nähe hatte sie sich fallen lassen können, ein Welpe oder ein Omega sein, niemandem hatte sie etwas beweisen müssen, niemandem zeigen, dass sie stark und mächtig war. Und jetzt war Akru da, der so plötzlich dieses Gefühl heraufbeschwört hatte, dass sie wie gefangen in seinem Sog endlich all ihre Mauern hatte überwinden können. Die Gedanken an Acollon waren verschwunden, untergegangen in der endlosen Sehnsucht, einen Rastplatz zu finden, bei einem Rüden, der ihr all das geben konnte. Ob es wirklich Liebe war, das sie so sehr zu ihm zog, wusste sie nicht, doch es war ebenso unwichtig. Nur bei ihm sein, seine Wärme und Stärke spüren, zu wissen, dass er nichts verlangte und nicht beschützt oder bewacht werden musste. Mit ihm gehen … wie bitter süß verführend war dieser Gedanke.


Sie ließ sich fallen, einfach fallen. Konnte ihre Mauern niederreißen, die Ketten zersprengen und sie fiel. Nun mehr spürte er ihre Sehnsucht, die nun ihr Ende gefunden hatte, hier bei ihm. Und er war dankbar. Konnte sich nun ihrer Zweisamkeit wirklich sicher sein. Auch wenn sie ihn nie lieben konnte; und nein, das würde sie nicht; so war sie bei ihm. Er konnte Banshee endlich der Rüde sein, der er zu sein wünschte.
Ihre geflüsterten Worte sog er auf. Rief sie sich immer und immer und immer wieder im Gedächtnis auf. Genoss sie. Wollte diese nie vergessen, und er konnte es wohl auch nicht.

“Ich bleibe bei Dir, Banshee. Ich bleibe hier. Gehe nicht fort.“,

er drückte mit diesen Worten seinen Kopf an ihren. Spürte ihre Wärme. So lagen sie da. Seite an Seite und hatten den Pfad des Untergangs gewählt. Den Weg, der, wie Akru wusste, Banshee nicht das versprach, was sie sich doch insgeheim gewünscht hatte. Nicht er, Akru, sollte an ihrer Seite liegen. Nein. Und genau so konnte er ihr nicht versprechen, ewig bei ihr zu bleiben. Nicht das er es nicht wollte, doch Banshee würde sich irgendwann abwenden. Und der Tag würde kommen, so wusste der Graue.
Im Augenblick jedoch zählten nur sie Beide. So, wie sie hier lagen und die schöne Weiße sich fallen lassen konnte. Schwach sein durfte und es sollte. Wo sie einfach sie selbst sein konnte. Und der Hüne würde sie beschützen, würde jeden Blick abfangen, jede Frage untersagen. Er würde es niemanden erlauben, Banshee in Anklage, in Schuld zu stellen.

“Hier sind wir in Freiheit. Du und ich, schöne Weiße. Nun ruh´ Dich aus, ich bin ja da. Ich beschütze Dich!“,

mit einem seichten und seltsamen Lächeln betrachtete er die Weiße. War sie doch noch lange nicht so alt, wie es schien. War sie im Herzen immer noch Welpe, immer noch ein junger Wolf, der mit dem Wind laufen wollte. Der laut den Mond anheulte und übermütig tobte. Er sah sie, vor seinem geistigen Auge, wie sie mit ihrer Schwester im Wald umher jagte, unbeschwert. Doch nun konnte sie es nicht mehr. War erschlagen von der Last des Lebens. Konnte nicht mehr aufstehen, war nicht die starke Wölfin, die alle sehen wollte.

.oO(Lauf´ Wölfin mit dem jungen Herz, lauf´ mit dem Wind.)


Nachdenklich ruhte der Blick des Totenwandlers auf seiner kleinen Patin, die noch so jung und voller Leben war. Hier und nur hier gehört die kleine Fähe hin, zu Eltern, Freunden – einfach zu einer Familie. Wo jedoch war sein Platz? Nicht hier und nicht dort, nicht im Heute und auch nicht im Morgen. Er wusste es einfach nicht. Als sich der eine dunkle Rüde ihm näherte, richtete Midnight nur schlicht die Ohren auf, den Kopf erhoben, folgte auch schnell sein restlicher Körper. Im behagte es nicht, wenn er auf dem Boden lag und jeder andere um ihn herum saß oder stand. Wo er dies sich angewöhnt hatte, ob es generell eine Angewohnheit oder in diesem Augenblick schlicht nur ein Gefühl war, vermochte er nicht zu bestimmen. Es kam auch nicht wirklich darauf an.
Leeren Blickes betrachtete der Nachtsohn einen Augenblick das Lächeln, welches man ihm wohl entgegen brachte, er jedoch nicht erwidern konnte. Es wollte nicht, er konnte nicht. Seine Mimik war nun nicht abweisend oder kalt, allerdings wie immer distanziert und reserviert. Auf die Frage, ob sich Shákru zu ihm gesellen konnte, runzelte er nur die Stirn. Hatte es der Rüde nicht gerade getan? Auf seine folgenden Worte wanderten seine Augenbrauchen nach oben. War sein wachsamer Blick in diese Kategorie einzuordnen gewesen?

Ich beobachte nicht und ich verfolge nicht. Ich habe schlicht ein wachsames Auge auf meine Patin. Ist das nicht normal?

Ruhig hingen die mitternachtsblauen Augen auf dem Schwarzen, der mittlerweile angefangen hatte sich das Fell zu säubern. Im Stillen beschloss Midnight für sich, dass jeder eigen war und dieser Rüde wohl ganz besonders. Allerdings hütete er sich davor, etwas in der Richtung anzudeuten. Ein fragender Ausdruck konnte er sich allerdings nicht verkneifen, als der Rüde plötzlich ein katzenartiges Geräusch von sich gab und dem minimalen Impuls nachzufragen widerstand er ohne weitere Probleme. Es war unwichtig, nicht seine Sache, nicht sein Leben und hatte ihn obendrein nicht zu interessieren. Das Leben anderer ging ihn schlicht nichts an, einzig bei Rakshee machte er Abstriche, denn bis zu einem gewissen Grad trug er Verantwortung für die Kleine.


Wütend schaute Sheena allen hinterher, einer nach dem anderen verschwand und ließ sie alleine zurück. Warum frage nicht mal jemand, ob sie einfach mitkommen wollte? Sie wusste einfach nicht, wie sie auf andere Wölfe wirkte, dass es einfach eher abschreckend war, wie sie sich verhielt und sie selber sah immer nur die Folgen dieses Verhaltens, nicht aber wieso genau diese eintraten. Außerdem konnte sie ja nicht wirklich aktiv etwas gegen diese zweite Laune in ihr unternehmen. Es hatte wehgetan, dass Banshee sie nicht angemacht hatte, wegen ihrem Verhalten. Es war so, als ob sie es nicht wert wäre, als ob Banshee sich einfach nicht dazu aufraffen konnte sie zu Recht zu weisen. Als ob Banshee sie schon aufgegeben hätte…

„Warum hat sie dich denn dann mit hier hin geholt? Sheena, denk doch ein wenig nach!“

Leise murmelte Sheena vor sich hin, zu tiefst betrübt über das Verhalten der ganzen Wölfe, die eben noch hier, bei ihr gewesen waren. Banshee hätte schließlich auch jeden anderen zu Recht gewiesen! Dieses stumme Vorwurfsvolle war noch viel schlimmer, als wenn Banshee irgendetwas gesagt hätte. Warum hat sie denn nur nichts gesagt? Missmutig verzog Sheena ihre Schnauze, bemerkte nicht, wie in ihr die zweite Seite aufblühte, sich an Sheenas Wut nährte und ihren Hass durch den Körper der mageren Fähe schleuderte. Toben, schreien, heulen, weinen, plötzlich durchfuhr sie alles, Sheena bemerkte, wie ihr die Kontrolle aus den Pfoten rann. So musste Urion sich fühlen, wenn der Fluch über ihn hereinbrach, komisch, dass sie trotz allem noch so klar denken konnte. Dabei hatte sie doch eigentlich das Gefühl, dass sich das alles um sie herum in verschiedenen grellen Farben umherwankte und sich miteinander vermischte.

„Sie mögen dich nicht, sie mögen dich alle nicht Sheena! Sie mögen dich nicht, hast du gehört, was Banshee gesagt hat, als sie erklärte was ‚Hass’ ist? Sie hassen dich Sheena, sieh sie dir alle an, sie hassen dich und du kannst es nicht ändern. Wirst es nie, niemals ändern können. Was tust du nun du kleine, dumme Fähe, hm? Du kannst nicht zu Mama und Papa laufen, denn die sind nicht da… Kleine, schwache Sheena? Was willst du nun tun? Hier, wo sie dich alle hassen, wo sie dich alle alleine lassen?....

Komm mit mir mit, noch ist es nicht zu spät, noch kannst du zu mir kommen, ich bin dir nicht böse, denn noch hast du die Chance auf die richtige Seite zu wechseln. Jetzt siehst du nämlich klarer, wirst nicht geblendet von diesen doofen hell leuchtenden Wölfen. Sie haben dich manipuliert. Sheena! Denk genau nach…

Sie hassen dich … !“


Flüsternd, zischend bahnten sich die Worte aus den zusammengebissenen Zähnen, dem zugepressten Maul der Fähe. Ein stetiges Zittern setzte ein, fast schon wurde sie von Krämpfen geschüttelt. Sah es denn niemand? Konnte ihr denn niemand helfen?
Sie hatte keine Kraft mehr, zu lange kämpfte sie schon alleine. Was hatte Banshee gesagt? Erst abends würden sie sich treffen? Was, wenn es dann zu spät war? Wenn sie es bis dahin nicht schaffen würde durchzuhalten, gegen das Böse in ihr zu kämpfen? Unsicher blickte sie um sich, wild huschte ihr Blick umher, war hier denn niemand den sie kannte, war hier denn niemand zu dem sie gehen konnte? Der ihr helfen konnte? Sie entdeckte einen schwarzen Wolf zusammen mit einem anderen. Midnight Sayrán oder vertat sie sich. Mit wem auch immer er da stand, sie hoffte sie würde die beiden nicht stören, sie schienen zu Rakshee und einem weiteren Wolf zu schauen. Hoffentlich würde sie nicht stören! Wankend, mit stark zusammengebissenen Zähnen fing sie an zu gehen, zu schwanken, direkt auf die beiden zu. Schwarz, alles um sie herum versank in schwarzer Farbe, alles um sie herum verschwand, die ganze Landschaft löste sich auf, wurde zu einem schwarzen großen Loch. Sie wollte dort nicht hineinfallen. Sie kämpfte, zitterte, der magere Körper bäumte sich auf. Hilflos sah sie sich fallen.

„Nein, nein, NEIN!“

Winselnd kamen diese Worte aus ihrem Maul, weiter ging sie vorwärts, oder seitwärts? Oder kippte sie schon? Weiter, weiter, immer nur weiter, die beiden konnten nicht mehr weit von ihr entfernt sein. Weiter, immer weiter!

„Sie hassen dich Sheena, ALLE!“

„Hilfe…?“


Taumelnd war sie fast bei den anderen angekommen, konnte immer noch nichts sehen, das schwarze wurde immer dunkler, unbewusst rannen ihr Tränen aus den Augen, aus den Augen die ihr im Moment total nutzlos waren. Augen, die gemacht waren um nun all ihre Tränen loszulassen, Augen, die nun ihre eigenen Worte sprachen, die Worte, die Sheena nie hatte sprechen können. Bis jetzt…

"Musik erklingt, da stehn sie wieder,
deine Freunde - spielen Lieder.
Du tanzt dazu beherzt
und niemand sieht deinen Schmerz.
Ein Lächeln liegt auf dem Gesicht,
was kalt und leblos dich beschützt.

Voll Anmut klingt die Melodie.
Du tanzt dazu, das sehen sie.
Deine Freunde wollens leiden
und immer schneller geht der Reigen,
doch sehn die Musikanten nicht,
wie sehr du unter dieser Maske schwitzt.

Dein ganzes, armes Leben warst du auf einem Maskenball.
Dein Lächeln war gefroren, es glänzte wie Kristall.
Niemand durchschaute dich, doch schauen sie auf dich herab.
Wenn du nicht lebend sterben willst, dann nimm die Maske einfach ab."


Oh ha, der Fremde war sehr sonderlich, bissig und vorsichtig, aber was sollte Shákru erwarten. War er doch der Eindringling, aber wenn die Alpha nichts besseres zu tun hatte, als sich irgendwo im Wald mit Akru zu vergnügen... Minor seufzte resigniert. Seine grünen Augen richteten sich auf Midnight.

"Verzeih, ich wollte dir nicht zu nahe treten, aber... egal. Dann beobachtete ich halt nur die kleine Rakshee. Deine Patentochter? Sehr hübsch...


Minor kam nicht dazu weiter zu reden, denn plötzlich brüllte die kleine weiße Fähe herum. Ihr Name war Sheena und sie schien ein Problem zu haben, aber mit wem? Es gab keinen Wolf in unmittelbarer Nähe. Nachdenklich schnippten die schwarzen Ohren der Sternenleier umher. Wahrscheinlich saßen zwei Seelen in ihrem Körper. Shákru Minor wurde unruhig. Irgendwie schien sie sich zu quälen. Sheena stolperte auf die beiden Rüden zu. Leichtfüßig sprang Shákru ihr entgegen, löste sich von Midnight um bei Sheena zu sein. Die kleine Fähe brach weinend zusammen, wimmerte leise, bat um Hilfe. Shákru riskierte, dass sein fremder Geruch sie noch mehr verunsichern konnte.
Wo war nur diese Alpha?

"Kleine Sheena...hab keine Angst. Du kennst mich nicht, aber ich bin ein Freund der zu dir spricht. Sei ganz still, komm zur Ruhe."

In Shákru war der Beschützerinstinkt geweckt. Sheena war wirklich süß und leicht begann sein Herz schneller zu schlagen, aber dies war ein unpassender Zeitpunkt jetzt sich darüber Gedanken zu machen. Die kleine Sternenleier legte sich neben die Fähe und wollte sie mit seinem Körper wärmen, jedoch wollte er warten, ob sie es auch zuließ. In Shákru wurde es ganz warm. Stimmen flüsterten in seinem Kopf. Horchend schloss er die Augen und ohne es zu wollen, erzählte Sheena ihm, was sie bedrückte, welches Problem sie hatte. Er lauschte den Streiterein ihrer Seelen und es verunsicherte ihn dennoch nicht. Wo er doch selbst sonderbar, wunderbar, war.

"Kleine Sheena, lass die Stimmen in dir streiten. Lass sie ihre Diskussion ausführen. Möge der Gewinnen, der recht behält."

Shákru Minor sprach mit leiser sanfter Stimme zu ihr. So wie er es in seiner kurzen Ausbildung als Priester gelernt hatte.

o.O(Manchmal kommst du mich besuchen
Und erinnerst mich daran
Wenn die Angst kam zu verlieren
hab ich oft an dich gedacht.)


Shákru hatte gelernt, dass aus seiner Vergangenheit zu filtern, was ihm im heutigen Leben half.

"Sag mir alles was du denkst
Sag mir alles was du siehst
Wo gingst du hin
Hast du dich dafür gehasst
Wenn Gedanken weiter waren
Und dein Wort blieb stehen

Wolltest alles schon beenden
Weil die Hoffnung einfach ging
Was ist dann geschehen
Warst du viel zu oft alleine
Weil jeder der mit dir sprach
Aus Mitleid ging

Ich habe dich niemals vergessen
Nur vertrieben und verdrängt
Wo gingst du hin
Hatte viel zu oft nur Angst
Zu dir zu stehen und zu sprechen
Was ist dann geschehen

Jede Erinnerung jede Flucht
jeder noch so weite Weg
führte nur zu dir zurück
warst du viel zu oft alleine
Weil jeder der mit dir sprach
aus Mitleid ging

Manchmal kommst du mich besuchen
Und erinnerst mich daran
Wenn die Angst kam zu verlieren
hab ich oft an dich gedacht
denn wo sind all die klugen Stimmen
Die dein Leben einfach planten
Wo sind sie hin
Und wo sind all die Besserwisser
Die nur lachten und dich straften
Jetzt sind sie still, endlich still

Mit der Klinge in der Hand
Warst du kurz davor zu gehen
Was ist dann geschehen
Hast gewartet auf den Mut
Der als Hoffnung wiederkam
wie weit wolltest du gehen

Hättest dir niemals verziehen
Nur aus Schwäche aufzugeben
Was ist dann geschehen
Nur weil andere dich nicht sehen
So wie du wirklich bist
Wie weit wolltest du gehen.

Wenn du heute vor mir stehst
Und ich in deine Augen seh
Macht alles Sinn
Denn ohne deinen Schmerz
Hätte ich nie die Kraft gefunden
So zu sein wie ich heute bin."


Dieser Text hatte ihm geholfen, vielleicht half er auch Sheena. Shákru Minor nahm kaum noch etwas von außen war, er hörte nur seine eigene singende Stimme und Sheenas Atem. Wann hatte er das letzte Mal gesungen...


Während Kylia noch oben auf dem Baumstamm lachte und sich an Amiyos erstauntem Gesichtsausdruck erfreute, sprang der schon zu ihr nach oben und küsste sie ungestüm auf die Schnauze. Wenige Herzschläge lang war die Graue nun erstaunt und kurz wollte ein schüchterner Schleier über ihre Augen ziehen, dann ließ sie jedoch die Gedanken sein und erwiderte den Kuss durch ein sanftes Schnauzenschnappen. Natürlich kannten sie sich erst sehr kurze Zeit und natürlich war sie hier in einem fremden Rudel bei dem nicht feststand, dass sie bleiben durfte, aber warum musste sie sich jetzt davon das Glück rauben lassen? Wer verbot ihr, Amiyo gerne anzusehen und zu berühren? Und wer, nicht glücklich in einem fremden Revier sein zu dürfen? Niemand, also warum sollte sie sich dann innerlich aufhalten lassen?

“Wie könntest du es mir rauben, wenn du es bist, der es herzaubert, indem du da bist?“

Sie betrachtete ihn amüsiert, wie er sich auf den Stamm legte, dann ein wenig vorrobbte und sich schließlich auf den Rücken drehte. Seine Augen glitzerten dabei vergnügt und seine ganze Ausstrahlung zeigte ihr, wie wohl er sich fühlte. Sie ließ sich ebenfall zu Boden sinken und versuchte dann mit ihrer Nase seine zu erhaschen.

“Dann müsstest du ja weggehen und das wäre zu gemein.“

Sie zwinkerte ihm zu und legte einige Herzschläge lang ihren Kopf auf seine Schulter. Dann war der Moment wieder vorbei und er stand auf den Pfoten, sie folgte ihm sofort und sah an dem Glitzern in seinen Augen, dass er gleich wieder etwas Schönes sagen würde. Sie mochte den Ton, in dem er ihr Komplimente machte und auch jetzt freute sie sich wieder darüber, auch wenn er ihr das eben gerade schon gesagt hatte. Er setzte sich neben sie und schon konnte Kylia nicht widerstehen, sein Ohr sanft ins Maul zu nehmen und ganz leicht daran zu ziehen.

“Es gibt viel schönere Wesen als ich … schau nur die Schmetterlinge oder die schillernden Vögel. Aber solang ich für dich das schönste Wesen der Welt bin, bin ich glücklich.“

Sie strahlte ihn an und schmiegte dann ihren Kopf an seinen Hals. Er war selbst im Sitzen so groß, dass sie sich ein wenig strecken musste.


"Welch Logik...!"

Meinte er glucksend. Er hatte nicht vor, weg zu gehen.
Er schloss die Augen und atmete leise und ganz ruhig. Dann musste er wieder ein wenig glucksen. Schönere Wesen als Kylia? Er schaute sie erstaunt an. Man konnte sie doch nicht mit Schmetterlingen vergleichen. Er würde alles für die Graue machen. Er stupste sie zärtlich an. Als sie sich dann eng an ihn schmiegte, seufzte er glücklich. Die Welt konnte so schön sein. Er war wirklich sehr groß, doch jetzt mochte er seine Größe, es gab ihm das Gefühl, dass er sie gut beschützen konnte. Er legte seinen großen Kopf auf den Kylias, jedoch nicht mit siene, ganzen Geiwcht, sonst wäre Kylia wahrscheinlich zusammengebrochen. Er küsste sie auf die Stirn und schmiegte sich ganz eng an sie. Sein Herz pochte langsam und ganz schnell zugleich, er war aufgeregt und ruhig auf einmal, er wusste nicht wirklich, was mit ihm gerade geschah. Die beiden Wölfe kannten sich erst so kurz und doch- so erschien es zumindest dem großen Rüden- war es so, als ob sie sich schon lange gekannt hätten. Als sie sein Ohr zärtlich in ihr Maul nahm und ein wenig daran knabberte lächelte Amiyo. Das kitzelte! Er lächelte breit. Ihm war diese wunderschöne Wölfin gegeben worden, auf einmal und alles war so schnell passiert. Er wusste, das es zu früh gewesen wäre, Kylia zu sagen, dass er sie liebte, aber irgendwann, irgendwann... wäre die Zeit dafür reif. Er vergrub sein schönes Gesicht in Kylias Nackenfell und fing wieder leise an zu summen. Diese Wölfin war wirklich besonders. Sie würden irgendwann wieder anfangen zu reden, doch im Moment war einfach alles so schön,er summte leise ein Lied. Seine Stimme war sehr leise, und doch, man konnte jedes Wort genau verstehen.

I hurt myself today to see if I still feel.
I focus on the pain, the only thing that´s real.
The needle tears a hole, the old familiar sting.
Try to kill it all away, but I remember everything.

What have I become my sweetest friend?
Everyone I know goes away in the end.
And you could have it all. My empire of dirt.
I will let you down. I will make you hurt.

I wear this crown of thorns upon my liar´s chair.
Full of broken thoughts I cannot repair.
Beneath the stains of time the feelings disappear.
You are someone else. I am still right here.

What have I become my sweetest friend?
Everyone I know goes away in the end.
And you could have it all. My empire of dirt.
I will let you down. I will make you hurt.

If I could start again, a million miles away,
I would keep myself. I would find a way.


seine tiefe Stimme trug das Lied, seine Worte waren leise aber mit einer wunderschönen Melodie erfasst. Seine Mutter hatte ihm das Lied vorgesungen und jetzt sang er es. Er sang lieber, als dass er redete. Der Rüde musste schlucken, das Lied war einfahc so traurig, aber auch wunderschön. Er schloss die Augen und shcmiegte sich enger an Kylia. Das Zwitschern war verstummt, um dem Lied zuzuhören. Als der große Rüde aufgehört hatte, war es kurz still. Doch die Stille war nicht unangenehm, sie war nicht drückend, sondern ganz sanft. Dann fingen die Vögel wieder an, zu zwitschern. Aimé hatte es ihnen gegeben, um zu zeigen, dass es auch Leid auf dieser Erde gab. Das Lied gab es schon seit Jahrtausenden, es waralt und doch war es nicht ganz verloren gegangen. Er seufzte und schaute zur Sonne. Sie war gelb-orange und leuchtete sehr stark. Vielleicht hatte Aimé ihm zugehört? Er schloss die Augen und drückte sich an Kylia. Wenn sie ihn fragen würde,woher er das Lied kannte, würde er ihr die Wahrheit sagen. Er wollte nicht von Anfang an Geheimnisse vor ihr haben. Er vertraute ihr einfach. Und bedingungslos.


Banshee wusste nicht, was Akru jetzt dachte und ob er all das, was jetzt gerade geschah – viel mehr als einfach nur Nebeneinanderliegen – auch wollte. Aber das war nicht wichtig, wie ein Welpe vertraute sie darauf, dass er sie liebte und all das wollte, was sie tat. Unerschütterlich war in diesen Momenten ihr Vertrauen und ihr Glaube an den Grauen und hätte er gesagt, dass sie sich in einen Abgrund stürzen sollte, sie hätte es wohl getan. Doch gerade weil sie wusste, dass er nichts mehr wollte, als dass sie geborgen war, ließ sie all diese Gefühle zu. Wie sehr sie dabei von Engaya und ihren Idealen abdriftete merkte sie nicht und war ihr in diesem Moment ebenso egal. Schließlich war er bei ihr. Und er versprach, zu bleiben. Seine Worte sponnen Netze von Wärme und Zuflucht, bauten schützende Mauern und hauchten Zuversicht. Irgendwann schlug sie die Augen wieder auf und sah den Rüden neben sich an. Ein stummer, ruhiger Blick der nichts suchte und keine Fragen stellte, sondern einfach nur da war, damit sie ihn sehen konnte. Das sanfte Blau seiner Augen, die leichten Abzeichen im Gesicht, das weiße Fell, das seine Schnauze umrahmte. Ihr Kopf lag schwach auf einer Baumwurzel, kein Muskel schien angespannt, es fühlte sich fast an, als läge sie außerhalb ihres Körpers.

“Freiheit …“

sagte sie leise. Es klang fast wie eine Frage. Was bedeutete für sie Freiheit? Sie hatte sich immer frei gefühlt, bis zu diesem Moment, an dem Akru gekommen war. Und erst jetzt, wo sie sich ihm hingab, spürte sie die Freiheit wiederkehren. Was war Freiheit?

“… ist Illusion.“

Sie klang nicht, als würde sie ihre Meinung wiedergeben, sondern nur irgendeinen Satz eines anderen wiederholen. Ihr Blick war abwesender geworden. Einige Sekunden lang lag sie so da, dann verbarg sie ihre Schnauze wieder in Akrus Fell. Wenn zufällig jemand vorbei gekommen wäre, jemand, der Banshee kannte … er hätte gesagt, dass nicht sie es war, die dort bei Akru lag. Alles schien verändert an der Weißen … aber wer war die wirkliche Banshee? War sie wirklich so schwach wie sie jetzt meinte?


Rakshee hatte ihre kleine Stirn kraus gezogen, zu einem Faltenwurf der sie um hundert Jahre hätte altern lassen können - hätten nicht die Augen suchend unter diesen falten aufgeblitzt, in denen man ihren Denkvorgang beinahe beobachten konnte.
Schliesslich entspannte sich ihr Gesichtsausdruck wieder, sie sah thriumphierend zu Aszrem auf.

"Wie Tante Nyota! Die sah so ähnlich aus als sie mal mit Urion geredet hat!"

erklärte sie, eindeutig stolz auf ihre Erkenntnisse mit zugehöriger Erklärung. Sie sah an Aszrem vorbei, als sie bemerkte dass zwei Augenpaare sie beobachteten. Midnight lächelte sie zu, und das Lächeln hielt auch an als sie Shakrú ansah. Wer auch immer das war, er war bei Aszrem gewesen und jetzt bei Midnight, also wusste er schonmal wer toll war. Sheena näherte sich den beiden, und bevor das Lächeln von ihre Leftzen tropfen konnte wand sie sich von ihr ab. Sie sah wieder zu Aszrem hoch.

"Mh, aber Tante Nyota sah noch anders aus. Noch...mehr so!"

schloss sie, da ihr kein passendes Wort dafür in den Sinn kommen wollte.

"Duu, wer ist das bei Midnight? Ist der nett?"

hakte sie im selben Atemzug nach, und legte lächelnd den Kopf schief.


Für einen Moment war Aszrem einfach nur sprachlos. Was sollte das heißen 'Wie Tante Nyota, als sie mit Urion geredet hat'? Es musste etwas sein, das geschehen war, bevor er zum Rudel gestoßen war, denn er konnte sich keiner Unterhaltung der schwarzen Alpha mit einem Rüden entsinnen, bei der... ja, bei der eigentlich was geschehen war, dass Rakshee es mit ihm gerade assoziierte? Aszrem Blick richtete sich nach innen, zu seinen Erinnerungen und zum Jetzt. Die letzten Minuten reichte völlig. Was hatte die Welpin an ihm gesehen, dass sie es mit Nyota in Verbindung-....
Aszrem legte den Kopf in den Nacken und lachte los. Schallend und aus vollem Herzen. Er sah es bildlich vor sich und konnte sich nicht daran hindern, Vergleiche zu ziehen und vor dem geistigen Auge ein Gesicht in das andere wechseln zu lassen. Der Schwarzbraune musste sich fast zwingen, sich zu beruhigen. Die Erkenntnis war zu plötzlich und viel zu bildlich gekommen, als dass er seine Gefühle dazu hätte unter Kontrolle halten können. Solche spontanen Gefühlsausbrüche waren ein seltener Anblick, egal, um welche Regung es dabei ging.

"Und deine Tante hat 'noch mehr so' geguckt? Armer Urion...!"

Und wenn er die Schwarze nur halbwegs richtig einschätze, hatte sie sicherlich nicht einfach nur 'geguckt'... Aszrem wandte den Kopf um, als Rakshee an ihm vorbei sah und ihn nach jemanden fragte. Er sah noch, wie ein bestimmter Rüde sich von dem nachtschwarzen Midnight entfernte und sich Sheene näherte. Aszrems war sofort alamiert, sein Lächeln verblasste und dafür drückte seine ganze Haltung Wachsamkeit aus. Dass der mal nicht auf dumme Gedanken kam...

"Ich kenne seinen Namen nicht - er hat sich mir nicht vorgestellt. Er ist vorhin hier mit Akru aufgetaucht",

antwortete er und sah Rakshee nun wieder ernst an, versuchte sich ihr gegenüber aber in einem Lächeln. Dennoch wanderte sein Blick immer wieder zu Shákru herüber, um sein Tun zu beobachten. Dieser Rüde war ihm noch immer suspekt und stellte eine potentielle Gefahr dar. Aszrem hoffte, dass Banshee ihre Nachsichtigkeit nicht würde bereuen müssen...


Der Blick der Weißen ließ dem Rüden einen Schauer über den Rücken laufen. Was ging in ihr vor? Wer war sie? Glaubte er sie doch ewig zu kennen, zu wissen, wer sie wirklich war. Doch nun schien er sich dem nicht mehr sicher. Hatte er die Wölfin mehr zerstört, als er erahnt hatte? Frage um Frage. Seine Augen verengten sich leicht, nicht aus Zorn, sondern aus Vorsicht und Sorge. Sie suchten in dem goldenen Meer nach Antworten, nach fassbaren Dingen, nach Gedanken und Gefühlen. Er fand nichts. Nichts, was hätte ihn beruhigen können. Er legte seinen Kopf auf ihren Rücken. Atmete tief ein. Schloss für wenige Momente die Augen.

.oO(Oh Banshee, vielleicht war es falsch Deine Mauern zu stürzen, vielleicht war es ein Fehler Dein Herz erobern zu wollen. Verzeih´ mir und meiner Liebe, sie haben Dich verändert. Und dennoch ich kann es nicht mehr ändern und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch nicht. Nun lasse Alles zu. Bleibe liegen. Ich bin bei Dir, schöne weiße Banshee.)

Sein blaues Augenmerk öffnete sich, mit einem seltsamen Gesichtsausdruck, der schwer zu deuten sein sollte. Eine Mischung aus Zuversicht und Selbstzorn. Sein Körperdruck wurde stärker und er öffnete seinen Fang ein kleines Stück. Seine nächsten Worte klangen monoton. Sehr karg und fremd.

“Vergiss´ nicht wer Du bist.“

Akru hätte sich gern erhoben, wäre gern vor Verzweiflung umher gejagt, hätte knurren wollen. Doch er blieb regungslos neben Banshee liegen. Wollte ihr den Halt nicht gleich wieder fortreißen. Und so lagen sie Seite an Seite. Viele Momente vergingen in denen Gedanken kamen und wieder abebbten.


Ruhig blickte Midnight zu Shákru, als dieser wieder zu ihm sprach. Überflüssig. Dies war alles vollkommen überflüssig, nicht von Nöten und unreal. Ein wenig runzelte der Totenwandler die Stirn. Der Rüde sprach über seine Patin, als wäre sie seine leibliche Tochter. Vollkommen unmöglich. Er wusste nicht, wie sich Liebe anfühlte, zumal er sich unbewusst davor fürchtete, Liebe und Sanftmut in sein Herz zu lassen. Dieses schwarze Loch in ihm schien jede Art von Gefühlen aufzusaugen, bis nichts mehr zurück blieb. Und es war diese Unsicherheit in ihm, die ihn daran hinderte solche Bindungen einzugehen. Er wusste nicht, wer er war und wie sollte er für jemand anderen Liebe und Vertrauen aufbringen, wenn er dies noch nicht ein Mal für sich selber konnte? Eigene Welpen zu haben war daher so paradox... Weiter kam Midnight in seinem Gedankengang nicht und erwidern konnte er auch nichts, denn gequälten Schrittes hatte sich Sheena zu den beiden Rüden geschleppt. Alarmiert schimmerten die Augen des Nachtsohnes, der die Kleine aufmerksam musterte. Allerdings war Shákru sofort los gesprungen, als er sie erblickte. Den Blick feste auf das Szenario gerichtet, ließ er sich keine Bewegung des Rüden entgehen und selbst den Worten, die er vortrug, schenkte er mehr Gehör. Ein Kampf innerhalb einer Person? Kam ihm ja rein gar nicht bekannt vor, bloß mit dem Unterschied dass er ausschließlich innerlich gelitten hatte und der Grund für diesen Zwiespalt der Kleine gewesen war. Etwas pulsierte in seinem Innern, etwas, was den dunklen Rüden schmerzte, ihm einen unangenehmen Stich versetzte. Das Gefühl des Verlassenseins war ihm nur zu gut vertraut. Obwohl er nun so lange bei dem Rudel war, lebte er stets wie ein Schatten, ein Unbekannter. Angespannt zuckte die Rutenspitze Midnights, der nicht registriert hatte, dass sich sein Körper in einer solchen Spannung befand, die Augen wachsam auf die beiden gerichtet. Was würde das werden? Der Grünäugige begann einen Singsang, der ihn nur dazu veranlasste, die Stirn noch tiefer zu runzeln. Wie sollte er mit einer solchen Situation umgehen? Der Konflikt innerhalb einer Seele musste diese für sich alleine erstreiten, da vermochte niemand der Außenstehenden einzugreifen.

Wir können nicht viel tun...

, murmelte er schließlich leise, den pulsierenden Schmerz noch immer in seiner Brust, der auf seltsame Weise durch den Sprechgesang am Leben gehalten wurde. Kurz richtete sich sein Augenmerk auf Aszrem und seine Patin Rakshee, die ebenfalls herüber sahen. Er zweifelte daran, dass dies für Welpenaugen gemacht war. Ein Kampf, der innerhalb einer Person tobte, konnte manchmal die entstelltesten Wölfe zum Vorschein bringen.

.oO(Oder auch nur einsame Leere...)

Fließenden Schrittes eilte der Nachtsohn zu seiner Patin hinüber, warf einen Blick zu Aszrem, der einen ebenso wachsamen Blick hatte, wie er selber. Ob es töricht gewesen war, sich von den beiden zu entfernen wusste er nicht, allerdings waren sie nicht so weit entfernt, als dass sie beide nicht einschreiten konnten. Vor Rakshee kam er zum Stehen, verdeckte mit seiner Gestalt die beiden Anderen im Hintergrund.

Wir sollten uns vielleicht einen anderen Platz überlegen...

Das sie Sheena und Shákru dabei nicht aus dem Blick lassen würden, war logisch, allerdings wollte Midnight verhindern, dass Rakshee zuviel davon mit bekam. Es war gewiss nicht gut für eine junge, formbare Seele, zu viel von solchen Dingen zu erfahren.