25.05.2011, 18:26
Wielange war es schon her. Den Blick in die Ferne gerichtet, stand sie an der Grenze des Tales.
"Erinnerungen über Erinnerungen."
Schemenhaft blitzten Bilder in ihrem Geist auf, Bilder ihres Paten. Sein Blut an ihren Fängen. Doch so schnell wie diese Bilder kamen, verschwanden sie auch wieder. Dunkle Wolken bedeckten den Himmel, warfen gierige Schatten auf den unschuldigen, reinen Schnee. Die Wölfin fragte sich, sichtbar nachdenklich, weshalb zu dieser Jahreszeit eine derart dichte Schneeschicht das Land bedeckte. Doch es ging ihr noch mehr durch den unruhigen Kopf.
Seit Amáya sich dazu entschlossen hatte, ihr ehemaliges Rudel dem Nichts zu überlassen, wurde sie von Schuldgefühlen geradezu aufgefressen. Es war nicht ihre Art. Nein, ganz und gar nicht. Und doch konnte sie ihre Aufmerksamkeit nicht von ihrer Familie abwenden. So gewissenlos sie auch war, schlug ihr Herz trotz allem noch in ihrer eisigen Brust. Und es blutete. Nicht, dass es für sie etwas Neues wäre, dass sie es sich oder irgendjemand anderem eingestehen würde. Aber sie machte sich Sorgen. Nicht nur um ihre damals furchtlose Mutter. Sondern auch um Tascurio, den Kleinen der ihr als Patenkind von ihrer Schwester zugetraut wurde. Im Grunde hatte sie doch sich und alle anderen enttäuscht. War geflüchtet, vor ihnen und sich selbst.
"Doch dies hat ein Ende. Jetzt und hier.",
gestand sie sich ein, während der Wind sanft durch die Prärie fegte. Das Wissen, das man sie keinesfalls mit offenen Armen empfangen würde, hatte sich mit der Zeit nur bestärkt. Aber sie hatte es geschafft sich einen Ruck zu geben, und endlich zurückzukehren. Ob es für immer war? Das konnte sie nicht sagen. Sie vermochte ja nicht einmal zu erahnen ob man sie überhaupt annehmen würde, nach allem was bereits durch ihre Existenz geschehen war.
Als sie langsam immer weiter durch die leise knirschende, weiße Wattedecke der Landschaft schritt, wuchs die Angst in ihr. Das sah ihr wirklich überhaupt nicht ähnlich. Die sonst so gefasste, emotionslose Fähe hatte sichtbare Mühe die Schritte entgegen ihrer Heimat weiter anzutreten. So zwang sie sich, wie gegen einen unsichtbaren Sturm immer weiter voran. Was würde man sagen? Sie hatte Talent darin, Gesprochenes zu ignorieren. Dennoch ging sie dem Ganzen mit einer gewissen Verletzlichkeit entgegen. Ihr Geist kreiselte immer wilder, je weiter sie in das Gebiet eindrang. Ihre äußere Ruhe jedoch blieb davon unantastbar. Genauso wie die erbarmungslosen Schneeflocken umhüllte sie sich mit einer Aura aus Kälte.
Die immer stärker aufkommenden Fragen drängte sie tapfer zurück, den Blick weiterhin in die Ferne gerichtet. Wem würde sie wohl zuerst begegnen?
[Ich hoffe mal das geht so o: Ich hab mal versucht grob einen Anfang hinzukriegen x_X]
26.05.2011, 15:41
Tyraleen hatte sich am nördlichsten Ende des Rudelplatzes niedergelassen. Die Erlebnisse des vergangenen Tages beherrschten noch immer ihre Gedanken, manchmal konnte sich ihr Kopf nicht entscheiden, ob er lieber über Averic oder über Neytíri nachdenken sollte. Dabei war sie eigentlich nur noch müde. Nicht nur die übliche Schwäche der letzten Tage, sondern schlichte Müdigkeit, die mit Schlaf kuriert werden könnte. Ihr Blick glitt prüfend über den Rudelplatz, aber alles war ruhig. Das Rudel hatte sich schlafen gelegt, lediglich einige dunkle Gestalten konnte sie wie Wächter am Waldrand erkennen. Sie war froh über die starken Rüden, die darauf achteten, dass kein Varg den Wölfen zu nahe kommen konnte. Der Varg … Tyraleen hätte sich erneut in Gedanken gestürzt, über den Varg und dem Bericht Aszrems über Ronron, den Fuchs und dessen Erkenntnisse, doch ein Geruch strich von Norden auf den Platz. Sofort hob die Leitwölfin den Kopf, witterte aufmerksamer und spitze die Ohren. Noch war kein Laut zu hören, doch der Wind trug ihr einen alt bekannten Geruch zu – Amáya. Konnte es wirklich sein, dass ihre Schwester zurückgekehrt war? Vor so endlos langer Zeit, als das Nichts noch im Tal gewütet hatte, war sie verschwunden. Hatte ihre Familie und auch ihren Patensohn – der Gedanke an Tascurio versetzte ihr einen Stich – wortlos zurückgelassen. Gemischte Gefühle kamen in der Weißen auf. Ihre Schwester und sie hatte schon immer eine seltsame Beziehung verbunden. Als Welpen hatten sie sich beinahe angefreundet, als Jungwölfe ineinander Gleichgesinnte – zumindest teilweise – gefunden, doch dann war Amáya verschwunden und danach war alles anders. Ihre Schwester war eine boshaft zerrüttete Wölfin geworden, hatte ihren Paten getötet und war - zwar nicht verstoßen - aus der Rudelgemeinschaft ausgestoßen worden. Damals hatte die Weiße versucht, etwas von der alten Amáya in der Schwarzen zu finden und war der Meinung gewesen, dass Amáya noch immer tief innen die Alte war. Wie als Beweis dafür, hatten Averic und Tyraleen ihrer Schwester Tascurio anvertraut und tatsächlich hatte sich die Schwarze um den Welpen gekümmert. Vielleicht nicht liebevoll, aber doch erstaunlich sanft. Als sie dann verschwand, war Tyraleen mehr enttäuscht, als sie selbst erwartet hatte. Und nun … nun war Tascurio tot und Tyraleen war ebenso zur Mörderin geworden wie Amáya. Ein Schauer rann der Weißen über den Rücken, dann erhob sie sich und lief nach einem letzten Blick über den Rudelplatz nach Norden. Der Geruch war mittlerweile stärker geworden, unverkennbar näherte sich Amáya ihrem alten Rudel und Tyraleen wollte die erste sein, die die zumindest einst geächtete Wölfin empfing.
Das schwarze Fell und die stechend blauen Augen hatten sich nicht verändert. Fast ein Jahr war es nun her, dass Tyraleen ihre Schwester das letzte Mal gesehen hatte und doch schien noch immer die gleiche Fähe vor ihr zu stehen. Doch wäre Amáya noch immer die Alte, wäre sie dann zurückgekommen? Langsam näherte sich Tyraleen der schwarzen Wölfin, ihr Geruch hatte sie längst angekündigt und auch ihr weißes Fell musste Amáya nun ins Auge fallen. Ganz leicht pendelte die Rute der Leitwölfin hin und her, kündigte von einer Wiedersehensfreude, die sich im Gesicht der Weißen nicht zeigte. Sie wusste nicht, wie sie ihre Schwester empfangen sollte, konnte sich nicht mehr erinnern, wie sie mit der veränderten Amáya umgegangen war. Nur eine Wolfslänge von der Schwarzen entfernt blieb sie stehen und sah ihr entgegen, ihre Unsicherheit kaum verbergend.
“Amáya. Du bist wiedergekommen?“
Die Frage war mehr rhetorischer Natur – immerhin war die Schwarze ganz eindeutig anwesend. Doch fragte sie auch gleichzeitig nach weitaus mehr, als der Wortlaut verriet. Tyraleen fragte warum – warum sie nun wiederkam, warum sie damals gegangen war.
26.05.2011, 17:51
Es war ein Schock, und gleichzeitig pure Erleichterung als sie einen Geruch wahrnahm, der ihr nur allzu vertraut war. Tyraleen. Das Wissen, dass sie noch am Leben war, lockerte ihre verkrampfte Haltung um einiges auf. Solange sie noch im Rudel war konnte gar nichts schief gehen. Das sie sich wunderte, wo Banshee blieb, rückte weit in den Hintergrund ihrer Gedanken, als sie die weiße Fähe nun auch erblicken konnte. Unverkennbar. Vermutlich würde Amáya sie auch in einem kompletten Rudel Wölfe die ihr glichen erkennen, denn dieser Gang; dieser Blick. All das war seltsam vertraut. Und so schlug ihr Herz immer schneller. Ihre Schwester blieb nicht weit entfernt ihr gegenüber stehen. Unsicher. Trotzdem erkannte Amáya eine gewisse Willkommensfreude. Eine weitere Reaktion die die schwarze Fähe keineswegs nachvollziehen konnte, hatte sie doch damit gerechnet, sie würde wieder verscheucht werden. Die Überraschung das dem nicht so war blieb Tyraleen vermutlich gut verborgen; genauso wie der Rest ihrer tief aufgewühlten Emotionen.
"Hätte ich denn fortbleiben sollen?"
Kein Vorwurf, nur eisige Kälte erklang in diesen offensiven Worten. Sie war zwar mit dem Empfang überrumpelt worden, dennoch vermutete sie mit Sicherheit dass man sie nicht wieder aufnehmen würde. Was brächte es also, wenn sie ihre Sorgen und Ängste offen darlegen würde. Nichts als Scham und Schande. Wenn sie sich an die Zeit zurückerinnerte, in der sie beschlossen hatte das Rudel sich selbst zu überlassen, erfasste ein eiskalter Schauer sie. Hart. Sie hatte sich durch die Wälder kämpfen müssen, alleine. Eine schiere Unmöglichkeit. Und doch hatte sie es geschafft. Das Resultat jedoch war für jeden, selbst für Tyraleen ziemlich sichtbar. Die Schwarze hatte massiv an Gewicht verloren. Natürlich hatte sie sich durchgebissen- Wie immer. Aber ihre Kraft war ebenso begrenzt wie ihr Ausdauervermögen ohne Beute.
Natürlich würde sie das niemandem erzählen. Beschämend, diese Rolle als einsamer Wolf. Aber was sollte sie sonst tun? Ihnen eine Lüge auftischen? Nein, in diesem Werdegang der Einsamkeit hatte sie sich zu Ehrlichkeit verpflichtet. Die Frage die sich demnach also stellte. Wieso fiel es ihr so schwer, sich einzugestehen, dass sie ohne ihr Rudel nicht konnte? Einfach und schlichtweg weil sie die Nähe und die Gemeinschaft brauchte. Doch war das wirklich alles? Zögernd setzte sie eine Pfote vor die andere, dachte hektisch nach. Was würde es ausmachen, wenn ihre eigene Schwester erfahren würde, dass sie doch nicht so kalt und emotionslos ist wie man erwarten würde?
Den Blick gesenkt gestand sie sich also ein, dass sie ihre Leute vermisst hatte. Es fiel ihr schwer. Aber sie würde nicht drumherum kommen, jetzt mit Tyraleen dieses Gespräch zu führen. Also musste sie etwas sagen.
"Was ich damals tat, mag für dich nicht verständlich erscheinen. Doch glaube mir, dass ich es bereute. Letztendlich siehst du mich nun hier, in meiner Heimat, weil ich nirgendwo sonst hinkönnte."
Erschrocken über ihre eigene Offenheit und die Eingeständnisse die sie damit gemacht hat riss sie die Augen auf. Ungewollt hart hatten die Worte ihr Maul verlassen. Sie wollte niemandem einen Vorwurf machen und dennoch spürte sie, dass sie sich damit ein Stück weit selbst ansprach. Derartige Vertrauensbeweise waren nie und nimmer ihre Art gewesen. Aber was hatte sie erwartet. Mit einem leichten Lächeln im Geiste sagte sie sich schließlich, dass es Tyraleen war, die da vor ihr stand. Die Einzige die sie sofort erkannt hatte.
28.05.2011, 13:40
Keine erkennbare Reaktion zeigte sich in Amáyas Gesicht, auch ihre Körpersprache schwieg. Alles an ihr war von der altbekannten Kälte und Leere durchzogen, die Tyraleen mittlerweile so vertraut und doch noch immer fremd war. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Schwarze deutlich abgenommen hatte. Ihr Fell verbarg die hervorstechenden Schulterknochen und doch erkannte man an den eingefallenen Flanken und den langen, dürren Läufen, dass Amáya keine gute Zeit hinter sich haben konnte. Als die Stimme der Schwarzen die Still scharf durchschnitt, zuckten Tyraleens Ohren leicht, dann kippte ihr Kopf zur Seite – prüfend, als ob sie herausfinden wolle, ob sich Amáya mehr über ein „Ja“ oder über ein „Nein“ freuen würde.
“Nein. Kein Familienmitglied soll seine Familie meiden.“
Sie hätte noch etwas hinzugefügt, doch es schien ihr, als wäre auch die Schwarze selbst noch nicht fertig. Zunächst füllte Stille die kalte Nachtluft und langsam hielt auch Tyraleens Rute inne. Ganz still stand sie nun vor ihrer Schwester und registrierte schweigend den gesenkten Blick. Ungewohnt zurückhaltend und wenig scharfzüngig war die Schwarze zumindest nicht so abweisend wie früher. Aber vielleicht lag das auch nur an dieser seltsamen Situation. Das folgende Geständnis Amáyas verblüffte Tyraleen, ihre Schwester bereute das Fortgehen und kannte keine andere Heimat, als dieses Tal. So ehrliche Worte kamen unerwartet und auch die Schwarze selbst schien erschrocken über ihre Offenheit. Doch kurz darauf zog sich ein leichtes Lächeln über ihre Lefzen und auch wenn Tyraleen nicht verstand, erwiderte sie es.
“Das hätte Mama sicher gefreut.“ Sie hielt kurz inne, beschloss dann aber offen fortzufahren. “Wie du siehst, haben wir das Nichts überlebt. Vielleicht hast du aber bemerkt, dass sich das Revier ein wenig verändert hat. Und … dein Patensohn ist tot.“
Bei ihrem letzten Satz war es nun an ihr, den Blick zu senken und einige Herzschläge lang den dunklen Waldboden zu betrachten. Zuerst wollte sie weitere Worte zurückhalten, doch eigentlich war es bereits zu spät und auch Amáya hatte ein Recht, es zu erfahren.
“Ich habe ihn getötet.“
29.05.2011, 12:56
Sie war sich darüber im Klaren, wie prüfend der Blick der Weißen über ihren Körper glitt. Es war ihr mit Sicherheit nicht entgangen, wie schwach sie war. Der Gedanke daran ließ sie bedeutungsvoll die Augen schließen. Soviel Offenheit hatte sie noch nie an den Tag gelegt.
Als Tyraleen dann die Antwort aussprach, die Amáya wirklich überhaupt nicht erwartet hatte, zuckte sie zusammen. Man würde sie wieder aufnehmen? Verwirrung stieg in ihr auf. Ein Kreisel aus bisherigen Erinnerungen und Erlebnissen, die sie in diesem Tal schon erlebt hatte, riss sie aus der Bahn. Doch dann erinnerte sie sich auch an die Dinge, die sie nicht hätte tun sollen. Bilder von ihrem Paten blitzten wieder auf, Bilder von seinem Tod. Vorwurfsvolle Blicke von allen Seiten. Sogleich wurde ihr Hass wieder geschürt. Ablehnend hob sie den Kopf, schaute die Weiße kühl an. Ein Lächeln spielte auf ihrem Gesicht. Augenblicklich erwärmte sich ihr Herz. Und doch, behielt sie ihre abwehrende Stellung bei.
"Hals dir nicht das Los des Moralapostels auf, indem du die ungeliebte Schwester zurückbringst. Niemand hat mich vermisst. Sie würden mich doch alle nur verabscheuen, das schwarze Schaf der Familie. Und ich bin nicht daran interessiert vor dir meine Position zu beweisen. Ein weiteres Blutvergießen könnte tödlich enden."
Ein verzweifelter Versuch vor sich selbst wegzulaufen. Sie war feige, hatte Angst vor der ehemaligen Familie. Die Härte dieser Worte sollte sich nicht direkt gegen Tyraleen richten – Sondern ihr ein einfaches Bild vom Ernst der Lage geben. Die Betonung, die sie auf tödlich hatte, untermalte sie mit einem vielsagendem Blick. Ob es Amáya selbst sein würde, oder jemand anderes. Ihr Stolz ließ nicht zu dass sie sich so vor ihrer Schwester darstellen würde.
Ein weiteres Mal erklangen warme Worte, doch diesesmal in einer definitiv anderen Verfassung. Etwas stimmte nicht. Als das Wort "Mutter" fiel, brannte es in ihr für eine Sekunde lang schmerzlich auf. Wie würde sie zu dem Ganzen stehen? Doch die Pause, die ihre Schwester danach anscheinend unbedeutend machte, ließ sie aufhorchen. Und zurecht. Denn das, mit dem sie fortfuhr, schockierte die Schwarze. Ihr Patensohn. Tascurio. Er war noch ein Welpe gewesen. Wütend entsprang ein tiefes, kehliges Knurren ihrer Kehle. Wer würde es wagen? Für einen Moment erklang der Name ihres dunklen, bösen Bruders in ihrem Geist. Hätte er... Ihr Blick wurde noch verwirrter. Was? Hatte sie gerade richtig gehört? Ihre Schwester, ein so liebevolles Wesen, hatte ihren eigenen Welpen getötet? Langsam hob sie den Blick. Scheinbar war es ihrer Schwester unangenehm, und sie schaute betrübt gen Boden.
"Warum?"
Ganz nah, so nah wie nur möglich trabte sie nach vorne. Schließlich berührten ihre Schnauzen sich fast, und sie hoffte inständig dass es ihrem Gegenüber nicht unagenehm war.
"Was hat dich so verzweifeln lassen, dass du dein eigen Fleisch und Blut töten musstest?"
Anders als davor ließ sie ihre Stimme leise erklingen, verständnisvoll. Sie kannte dieses Gefühl. Etwas getan zu haben, was einen selber verfolgt. Man kann kaum noch denken ohne dass sich das schreckliche Gefühl aufdrängt, ein Mörder zu sein. Für sie war es schon schlimm gewesen. Aber in Tyraleens Lage musste es schrecklicher gewesen sein, hundertmal schrecklicher. Deshalb versuchte Amáya nun Mitgefühl zu zeigen. Sie wusste nicht wie, und sie wusste nicht warum. Aber sie wollte einfach nur für ihre Schwester da sein.
31.05.2011, 17:12
Es schien Amáya zu erstaunen, dass Tyraleen nicht vorhatte, ihre Schwester zu verscheuchen. Ein Tatsache, die die Weiße wiederrum selbst erstaunte. Die Schuld, die sich Amáya aufgeladen hatte war alt und noch von Banshee selbst verziehen. Wer wäre Tyraleen, würde sie die Entscheidung ihrer Mutter in Frage stellen? Vielleicht war es damals nicht nett gewesen, dass die Schwarze ihr Rudel im Nichts im Stich gelassen hatte, aber sie hatte keine Position inne gehabt, die ihr ein Verlassen des Rudels verbieten hätte können. Jeder Wolf durfte ein Rudel verlassen, wann immer er es wollte. Nur die Tatsache dass Amáya die Patin Tascurios war, wäre der ein Grund, böse auf sie zu sein. Doch nicht einmal das konnte Tyraleen ihrer Schwester übel nehmen, dafür hatte sie immer zu gut gewusst, dass Amáya keine gute Welpenbespaßerin war.
“Ich bringe dich nicht zurück, das hast du doch schon selbst gemacht. Ich empfange dich nur und könnte ich dich vertreiben, wenn Banshee dich damals bleiben ließ? Die meisten wissen wohl gar nicht mehr, was damals geschehen ist. Außerdem haben wir jetzt ganz andere Probleme.“
Zu Amáyas letztem Satz wollte sie zunächst nichts sagen, fügte dann aber doch noch mit einem leisen Lächeln hinzu:
“Blutvergießen endet leider fast immer tödlich. Aber warum solltest du noch einmal Blut vergießen wollen?“
Hatte es damals einen Grund für Zacks Tods gegeben? Tyraleen konnte sich nicht mehr erinnern, dennoch glaubte sie nicht, dass etwas Ähnliches erneut passieren könnte. Vielleicht verdankte sie auch dies Banshee, denn vermutlich war es gerade ihre Reaktion gewesen, die Amáya nicht noch tiefer hatte fallen lassen. Was wäre geschehen, hätte Banshee auch noch gelebt, als Tyraleen ihren Sohn tötete? Wie hätte ihre Mutter darauf reagiert? Hätte sie auch in dieser Situation den richtigen Weg gefunden? Das Knurren ihrer Schwester riss die Leitwölfin aus ihren Gedanken. Doch gleich darauf verstummte es wieder und Amáya musste hinnehmen, dass ihre Schwester ihr auf die Pfade des Todes gefolgt war. Kein böser Fenriswolf hatte Tascurios Leben genommen, sondern die liebevolle, freundliche Tyraleen. Die Frage nach dem Warum kam nicht unerwartet, doch als Amáya sich ihr näherte und sich ihre Nasen plötzlich beinahe berührten, hob sich Tyraleens erstaunter Blick zu den Augen ihrer Schwester. Ihre Stimme klang plötzlich sanfter, einfühlsamer, Verständnis schwang darin mit. Natürlich. Sie waren sich wieder so viel näher gekommen, als die Weiße je erwartet hätte.
“Fenris schickte mir eine Vision. Tascurio würde Averic töten, wenn ich nicht Tascurio vorher töten würde. Ich war so geschockt, mein Kopf hat nicht mehr funktioniert, ich hatte solche Angst um Averic. Ihn zu verlieren wäre das Schlimmste gewesen, ich konnte nicht mehr ohne ihn sein.“
Dass sie es jetzt war verschwieg sie nicht absichtlich, es schien nur so nichtig im Gegensatz zu ihrer Tat.
01.06.2011, 16:59
Gedankenverloren blickte sie gen Himmel. War es die Abendstimmung, die sie aufwachen ließ, oder die von Wolken verdeckten Sterne des Abendlichts? Mit einem Mal war sie sich darüber bewusst, dass sie einen Neuanfang wagen konnte. Wie hätte sie je denken können, Tyraleen würde auf ihre abweisenden Bemerkungen eingehen. Es überraschte sie immer wieder, wie sie auf das kalte Verhalten der Schwarzen mit Liebe reagieren konnte. Mit einem Mal wurde es ganz friedlich in Amáya. Natürlich, sie konnte jetzt nicht still verweilen, ohne das Gespräch mit Tyraleen weiterzuführen. Doch als sie mit ihren dunklen, tiefblauen Augen das Firnament betrachtete, wusste sie, dass es die Götter waren, die ihr eine weitere Chance gegeben hatten. Ein Teil der Schwarzen war besorgt, da sie in diesem Moment mehr an ihre Schwester denken sollte. Entspannter als je zuvor in letzter Zeit setzte sie sich in das kühle Gras. Die Nähe zu der Weißen behielt sie bei. Amáya hoffte, dass ihre Schwester von diesem emotionalen Moment und ihrer Erkenntnis nicht allzuviel mitbekommen würde. Also wand sie ihre gequälte und doch befreite Miene soweit zu den Sternen, dass es kaum noch sichtbar war. Eine Träne war dabei, sich verhängnisvoll den Weg über ihre lange Schnauze zu bahnen.
"Ich sollte dir wohl dankbar dafür sein.", brach es aus ihr heraus, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Ihre Sorgen wurden belanglos. Ihre Ängste erfüllt mit dem Licht der nun sanft leuchtenden Himmelskörper. "Jetzt, in eben diesem Moment, weiß ich, dass die Götter mich hierhergeschickt haben. Es war vorherbestimmt, dass wir Schwestern sein würden. Und ich danke ihnen dafür, dass sie mir eine zweite Chance gegeben haben."
Es war ihr, als würden all ihre Sünden vergeben. Immernoch konnte sie den Blick nicht vom Nachtgestirn wenden. Auchnicht, als die Weiße schuldbewusst ihre Frage beantwortete. Sie musste sie nicht sehen, um zu wissen, dass es ihr schwer auf dem Herz lag. Es war also Fenris gewesen. Natürlich. Engaya und Fenris, niemand leitete das Geschehen innerhalb des Sternentales mehr als sie. Sie sandten Banshee und Acollon, so wie es heute Tyraleen und Averic sind. Ein bedeutungsvoller Kreislauf. Ihr inneres Licht loderte hell auf.
"Du hast getan was du tun musstest. Es war, wie alles hier, Schicksal. Die Entscheidung lag nicht bei dir. Dich trifft keinerlei Schuld."
Sie wusste nicht, ob sie der Weißen helfen konnte, wieder auf Engayas Weg zu kommen. Aber sie musste es versuchen. Langsam wand sie den Blick ab. Tyraleen schien leicht in Gedanken versunken zu sein. Besser, wie wenn sie in Tränen ausbrechen würde. Doch es lag der Schwarzen noch etwas auf der Zunge. Ihr war, als spräche nach so ewig langer Zeit ein einziges Mal ihr Innerstes, ihre Seele. Ein Gefühl der Freiheit erhellte sie, erhellte die dunkle Höhle die blutbefleckt in ihr ruhte.
"Es ist mir lange nicht klar gewesen." Zögernd suchte sie den Mut fortzufahren. "Aber jetzt weiß ich es. Was mir geschehen ist, was dir geschehen ist. Es hat alles einen Sinn. Ein ewiger Kreislauf."
Reue machte sich in ihr bemerkbar. Sie hatte vieles getan. Viel zu viel schlimmes. Doch angesichts Tyraleen war es unbedeutend. Vor der Schwarzen ruhte eine Generationsträgerin, eine wichtige Wölfin für dieses Tal. Amáya selbst war entbehrlich.
"Du hast Glück. Die Götter wählten dich aus, ein Leben mit einem Gefährten zu führen, dieses Rudel zu leiten. Welpen zu bekommen. Vielen wird es auf ewig verwehrt bleiben. Ich wünsche mir, dass du dieses Glück nutzen kannst."
Nicht der Neid sprach aus ihr. Nein, vielmehr die Sehnsucht nach einer Bestimmung. Noch eine Träne rollte sich entlang Amáyas Fell und tropfte lautlos auf einen Grashalm. Eine Familie, ein Gefährte. Sie hatte es sich selbst auf ewig verwehrt.
06.06.2011, 13:56
Etwas in Amáya schien ruhiger zu werden, die Schwarze setzte sich und ihr Blick in den dunklen Nachthimmel wirkte beinahe entspannt. Tyraleen betrachtete diese Wandlung mit stiller Zufriedenheit, offensichtlich war ihre Schwester soeben angekommen. Im Tal der Sternenwinde, im Rudel ihrer Familie. Weinte sie? Die Weiße war sich nicht sicher, ob eine Träne soeben aufgeblitzt war, vielleicht hatte ihr die Dunkelheit auch nur einen Streich gespielt. Amáya schien beinahe wie ausgewechselt, ihre Worte waren ungewohnt friedlich und sie dankte nicht nur den Göttern, sondern ebenso – zumindest indirekt – ihrer Schwester. Ein sanftes Lächeln breitete sich auf Tyraleens Lefzen aus und sie begann zögernd zu nicken.
“Willkommen zurück, Schwester.“
Die ungewohnte Nähe zu der Schwarzen war nicht mehr unangenehm, sondern erinnerte an früher, als sie noch so oft nebeneinander gelegen waren. Vorsichtig reckte die Weiße ihre Schnauze zu Amáyas Fang, nahm ihren alten und doch leicht veränderten Geruch auf und fuhr begrüßend und vertraut mit der Nase an den Lefzen ihrer Schwester entlang. Nichts überstürzend zog sie ihren Kopf wieder zurück und ließ nun ihren Blick in die Dunkelheit sinken. Dass Amáya anders über den Tod Tascurios denken würde, als die meisten im Rudel hatte die Weiße erwartet, doch dass sie von jeder Schuld freigesprochen würde, hatte sie nicht gewollt. Das stimmte auch nicht, sie trug Schuld.
“Das stimmt leider nicht, Maya. Ich hätte Fenris nicht gehorchen müssen. Ich hätte mich gegen ihn stellen müssen. Mich trifft Schuld, auch wenn Fenris weit aus schuldiger ist – leider stehen Götter außerhalb von Schuld und Unschuld.“
Unbewusst hatte sie Amáya mit ihrem alten, nur sehr selten gebrauchten Spitznamen angeredet. Erst im Nachhinein lauschte Tyraleen dem Klang des Namens verwundert nach. Er hatte etwas Vertrautes wie die ganze Situation, in der sie sich momentan befanden. Sie hob leicht den Blick.
“Was war der Sinn von Zacks Tod?“
Es klang kein Vorwurf in ihrer Stimme, sie stellte nur die Frage, deren Antwort sie noch kennen musste, bevor sie ihre Schwester zu ihrem Rudel brachte. Doch Amáya schien noch andere Gedanken zu hegen, ihre Beschreibung vom angeblichen Glück Tyraleens ließ das Lächeln der Weißen verblassen.
“Ich habe keinen Gefährten mehr. Viele meine Welpen meiden mich. Ich konnte das Glück nicht nutzen.“