15.07.2011, 12:41
Tyraleen machte ihren üblichen Rundgang, witterte in der kühlen Herbstluft, lauschte auf Geräusche und prüfte, ob alles seine Ordnung hatte. Das Rudel war ruhig, die meisten Wölfe hielten sich in der Nähe auf und jedem warf die Weiße ein Lächeln zu, entspannt und froh über die Ruhe. Nicht einmal die Welpen machten Lärm, aber vielleicht waren sie auch mit ihren Eltern oder den Paten unterwegs. Seit die Kleinen aus der Höhle gelassen wurden, musste alles entdeckt und erkundet werden und jeder von ihnen hatte alle Pfoten voll zu tun. Welpen beschützen war schwieriger, als ein ganzes Rudel zusammenzuhalten. Aber möglicherweise schlummerten sie nun auch friedlich vor sich hin und vergönnten den anderen Wölfen deshalb nun diese schläfrig, gemütliche Ruhe.
Die Weiße näherte sich jetzt der Welpenhöhle und sah Sheena, Jakash und ihre Welpen dort friedlich schlafen. Zumindest drei von ihnen. Isaí wirkte wach und weder seine drei Geschwister noch seine Eltern schienen sich nun mit dem Kleinen beschäftigen zu wollen. Lächelnd und erfreut über diese unverhoffte Aufgabe näherte sich Tyraleen der kleinen Gruppe.
17.07.2011, 19:53
Isaí hatte Tyraleen nun ebenfalls entdeckt und als er freudestrahlend auf sie zugehoppelt kam, musste auch die Weiße grinsen. Sie hatte ganz vergessen, wie ein begeisterter Welpe aussah. Ob sie auch einmal so unproportioniert ausgesehen und sich so ungeschickt angestellt hatte? Sie konnte sich ja nicht einmal mehr bei ihren eigenen Welpen daran erinnern, so groß waren die sieben bereits. Ohne melancholisch zu werden, ließ sie sich von Isaí begrüßen, senkte leicht den Kopf, sodass sie ihn anstupsen und kurz mit der Nase an der Stirn berühren konnte. Beinahe hätte Tyraleen gelacht, als Isaí versuchte nach ihrer Nase zu haschen und daraufhin das Gleichgewicht verlor. Zum Glück schaffte er noch eine Bruchlandung auf die Vorderpfoten, sonst hätte die Weiße sich möglicherweise wirklich nicht zurückhalten können und auch wenn sie die meisten Gedankengänge eines Welpen vergessen hatte – ausgelacht werden fühlte sich nie schön an. Deshalb blieb nur das Schmunzeln, das kurz ein wenig irritiert aussah, als Isaí verwundert nachfragte, ob sie auch eine Caiyé wäre. Der Zusammenhang erschloss sich ihr jedoch gleich darauf – offensichtlich hatte dem Kleinen noch niemand erklärt, dass sein Name lediglich einer Familientradition Shanis entsprang. Der schockierte Gesichtsausdruck Isaís verwirrte Tyraleen ein wenig. Hatte sie etwas Schockierendes gesagt? Etwas Schlimmes? Etwas Beängstigendes? Abgesehen von dem Opa Hiryoga, der ja eigentlich gar nicht da war, schien ihr nichts weiter Tragisches in ihren Worten gelegen zu haben, doch der Kleine schien schockiert und traurig zu gleich. Ohje ohje. Als Isaí dann mit seinem Problem herausrückte, hätte die Weiße beinahe erneut gelacht – als Erwachsene vergaß man so schnell, was einen als Welpe noch bedrückt hatte. So senkte sie den Fang und fuhr dem kleinen Fellknäule einmal mit der Zunge über die hängenden Ohren und schüttelte leicht den Kopf. ((Nicht erschrecken, ist nur die Legende x3)) Isaís Teilnahme an der Geschichte, seine verschiedenen Gesichtsausdrücke und auch die vielen Fragen, die immer wieder durch seinen Blick zogen, berührten Tyraleen. Sie hatte beinahe vergessen, wie schön es war Welpen Legenden zu erzählen. Auch wenn sie kompliziert waren und man danach viele Fragen beantworten musste. Noch schöner war es natürlich, wenn man die Erzählung mit einem Besuch des Ortes verknüpfen konnte, der mit dieser Legende zusammenhing. Zwei Mal blieb Isaí stehen, offensichtlich war ihm nicht entgangen, dass sich der Wald verändert hatte. Langsam sprudelten auch die Fragen hervor und bei der ersten hätte Tyraleen am liebsten sofort heftigst den Kopf geschüttelt. Niemals würde sie zulassen, dass Isaí heute die ewigen Hallen betreten würde. Aber sie ließ den Kleinen ausreden und senkte erst ganz am Schluss den Kopf zu seinen kleinen Ohren. Die meiste Zeit lag Tyraleens Blick beinahe verträumt auf Isaí, wollte die Reaktionen des Kleinen auf diesen besonderen Ort nicht verpassen und driftete mit den Gedanken doch immer wieder ab. Immer wenn sie ihre Eltern besuchte, legten sich Melancholie und Sehnsucht wie eine dichte Decke aus Moos über ihr Herz und manchmal schnürten sie ihr auch den Hals zu. Heute mischte sich etwas Neues hinzu, Isaí als Banshees und Acollons Urenkel und Vertreter einer neuen Generation der Wölfe der Sternenwinde brachte einen Sonnenstrahl mit. Doch trotzdem spürte sie den warmen Blick ihrer Mutter auf sich und wünschte sich so sehr, auch ihren Atem auf ihrer Haut zu spüren und ihre Stimme hören zu können. Sie sehnte sich nach der stummen Selbstverständlichkeit Acollons, mit der er ihr stets als liebevoller Vater begegnet war und seiner rauen Tonlage, die nicht immer zu den sanften Worten hatte passen wollen. Wieder strich sie mit der Nase die dünnen Stämme der jungen Bäume entlang und fragte sich, ob sie eines Tages ebenfalls hier sterben würde. Und ob ihr kleiner Baum dann neben denen ihrer Eltern wachsen würde. Erst Isaís Stimme holte sie aus ihren Gedanken zurück in den Moment und innerlich tadelte sich die Weiße dafür, so abwesend zu sein, obwohl sie dem Kleinen gerade diesen besonderen Ort zeigte. Aber seine Frage goss noch ein wenig mehr Öl ins Feuer, war sie doch einerseits so unschuldig lieb und forderte doch gleichzeitig die traurigste aller Antworten. Sie antwortete nicht sofort, ließ sich zuerst zu Boden gleiten, sodass sie mit ihrem Rücken an die Bäume gelehnt dalag und knabberte Isaí, der näher gerückt war, sanft an seinem roten Pelz. Seine weiteren Worte rührten sie und am liebsten hätte sie ihm dafür gedankt und seine Aussage so stehen gelassen, aber Sterben gehörte so untrennbar zum Leben, dass sie ihm das Ende nicht vorenthalten durfte. Tyraleen war sich nicht sicher, wie viel Isaí von ihren Gedanken und Gefühlen spürte. Der Welpe hatte bereits bewiesen, dass er durchaus mehr wahrnahm, als ihm seine fünf Sinne mitteilten, andererseits war er doch noch viel zu jung, um auch nur ansatzweise zu verstehen, was in der Weißen vorging. Sein leicht schräg gelegter Kopf und der helle Blick, der beinahe fragend aussah, ließen darauf schließen, dass er durchaus gemerkt hatte, dass etwas in ihr vorging. Seine Frage war zwar nur ein Murmeln und beinahe wäre es unbemerkt verklungen, aber Tyraleen hatte es gehört und fragte sich nun, ob sie darauf antworten sollte. Isaí wirkte nicht so, als würde er eine Antwort fordern, aber vielleicht verstand er durch eine Erklärung noch ein wenig mehr. Die Bemühungen Isaís sie zu trösten, rührten Tyraleen so sehr, dass sie tatsächlich beinahe vergaß traurig zu sein. Der Kleine wusste so wenig von der Welt, kannte keine Sehnsucht, keine Trauer, hatte noch nie einen geliebten Wolf verloren und wusste überhaupt erst seit wenigen Momenten vom Tod, dennoch fand er nun Worte, die zeigten, dass er sich in sie und auch in seine verstorbenen Urgroßeltern hineinfühlen konnte und sich in diesem Moment nichts mehr wünschte, als seine Großtante ein wenig glücklicher zu machen. Auch seine tröstende Berührung, das aufmunternde Lächeln, die hin und her schwingende Rute und die dennoch kaum zu übersehende Besorgnis, berührten Tyraleen ganz tief in ihrem doch immer wieder angegriffenem Herzen. Dieser kleine Rüde war ein Geschenk Banshees und in diesem Moment empfand die Weiße tiefe Dankbarkeit gegenüber ihrer Mutter und ebenso gegenüber Sheena, dass sie ihren Sohn ihr anvertraut und keine Sekunde aufgrund vergangener Taten gezögert hatte.
Er sprang auf, wedelte mit der Rute und sah sie mit großen Augen an, ehe sie nah genug war, um ihr entgegenzulaufen. Er hüpfte durch den dünnen, weißen Boden, ehe er Tyraleen erreichte und freudig an ihr hochsprang, versuchend, mit seiner winzigen Zunge über ihre Lefzen zu lecken.
„Die sind alle ganz langweilig! Die schlafen schon den ganzen Tag! Wollen wir was spannendes machen, Tyraleen? Oder spielen? Oder magst du mir eine Geschichte erzählen?“
Seine Augen leuchteten erfreut bei dem Gedanken, endlich der Langeweile zu entkommen, dass es ihm im ersten Moment wirklich egal war, was sie unternehmen würden, solange es etwas war. Er hatte sich nicht bemüht, leise zu sein, immerhin sollten die anderen ruhig hören, dass er sie ganz doll langweilig fand, diese Langschläfer.
18.07.2011, 11:47
“Die haben wohl einfach nicht so viel Energie wie du, Isaí. Du bist ja auch der Erstgeborene, so wie ich. Wir haben immer mehr Energie, als andere.“
Wenn sie sich an ihre eigene Welpenzeit erinnerte, ließ sich ihre Aussage zwar schwer bestätigen, aber das hatte hauptsächlich an ihrem damaligen Charakter gelegen. Wie seltsam, dass Banshee dennoch niemals die Überzeugung verloren hatte, eine Leitwölfin geboren zu haben. Ob der kleine Isaí ebenfalls auf eine solche Position hoffen konnte? Mutig und fordernd genug schien er schonmal zu sein.
“Mh, alles auf Einmal geht jedenfalls nicht. Da musst du dich schon entscheiden. Wir könnten gemeinsam die Umgebung erkunden. Oder ich erzähle dir etwas über die Götter, da gibt es spannende Legenden.“
Erwartungsvoll betrachtete Tyraleen den kleinen Welpen, der nun sicher vor einer schwierigen Entscheidung stand.
18.07.2011, 14:25
„Du bist auch ein Caiyé?“, fragte er neugierig.
Er war stolz darauf, ein Caiyé zu sein und die Vorstellung, die er von einem hatte, hatte Tyraleen soeben bestätigt. Dass sie auch einer war, überraschte ihn, denn noch nie hatte er jemanden sie Caiyé rufen hören. Doch es freute ihn, etwas mit ihr gemeinsam zu haben. Und außerdem wusste er so wieder etwas, was seine Geschwister nicht wussten. Die kleine Rute wischte wieder über den Boden, als Tyraleen ihn jedoch vor die Wahl stellte, sank sein Blick leicht zu Boden. Wieso konnte denn nicht alles auf einmal gehen? Enttäuscht schnippten seine Ohren, doch entscheiden konnte er sich nicht wirklich. Beides war verlockend. Er freute sich immer, wenn ihm jemand etwas über die Götter erzählte, doch spannende, neue Orte waren genauso aufregend.
„…Kannst du mir nicht etwas erzählen, während wir einen neuen Ort erkunden?“, fragte er etwas hilflos und blickte flehend zu der weißen Mama hoch. „Oder… Wir erkunden erst was Tolles und dann erzählst du mir was?“
Das schien ihm schon möglicher und voller Vorfreude sah er zu Tyraleen hinauf.
21.07.2011, 12:03
“Nein, aber wäre ich deine Schwester oder die Schwester deines Vaters, wäre ich wohl eine Caiyé geworden. Weißt du, manche Familien haben gewisse Traditionen, so wie deine Familie den Erstgeborenen Caiyé nennt. Diese Tradition kommt von der Familie deiner Oma Shani – die ist aber nicht aus diesem Tal und wir alle kennen sie gar nicht. Ich bin die Schwester von deinem Opa Hiryoga, dessen Familie aus diesem Tal stammt. Deshalb heißen nur Shani, Jakash und du Caiyé. Wenn du mehr darüber wissen möchtest, solltest du aber deine Oma fragen, die weiß darüber sicher gut Bescheid.“
Ohje, Tyraleen hatte schon wieder das Gefühl, mehr Fragen aufgeworfen, als beantwortet zu haben. Die Sache mit dem Opa Hiryoga war ihr eher unabsichtlich herausgerutscht und nun konnte sie nur hoffen, dass Isaí nicht nachfragen würde. Oder hatte Shani oder Jakash ihnen bereits erklärt wer Hiryoga war und warum er nicht hier war? Sie entschloss sich, darauf zu hoffen und wandte sich dann wieder dem nun etwas enttäuscht wirkenden Isaí zu. Offensichtlich brachte ihn ihre Anmerkung, nicht alles auf einmal tun zu können, in einen schwierigen Konflikt. So wünschte er sich nun immer noch zwei Dinge auf einmal, was Tyraleen aber auf eine Idee brachte. Sie könnte Isaí den Trauerweidenhain zeigen und welche Geschichte wäre da passender, als die von Banshee und Acollon? Glücklich über ihre Idee und die damit kombinierte Möglichkeit, ihre Eltern mal wieder zu besuchen, schwang ihre Rute hin und her und sie lächelte den kleinen Roten fröhlich an.
“Du hast Recht, das wäre wirklich möglich. Ich zeige dir eine ganz besondere Stelle, die im nördlichen Wald liegt. Sie ist heilig und deine ganze Familie beschützt sie, uns ist sie sehr wichtig. An keiner anderen Stelle können wir den Göttern so nahe sein. Ihre Geschichte erzähle ich dir, wenn wir auf dem Weg sind, ja? Jetzt muss ich noch schnell deiner Mutter Bescheid geben, nicht dass sie sich Sorgen macht, wenn du plötzlich verschwunden bist.“
Noch einmal stupste sie den Welpen an, dann trat sie die wenigen Schritte zu Sheena und berichtete der Weißen kurz, was sie vorhatte. Mit geschlossenen Augen nickte die Mutter des Kleinen und war offensichtlich froh, dass sich jemand seiner annahm und die Familie in Ruhe weiter dösen konnte. So wandte sich Tyraleen zu Isaí, schwenkte auffordernd die Rute und deutete mit der Schnauze nach Norden.
“Deine Mutter hat nichts dagegen, also wenn du magst, zeige ich dir den schönsten Ort des ganzen Reviers.“
Zumindest war er für sie der schönste Ort – sogar der Welt. Vermutlich würde er für Isaí nicht die gleiche Bedeutung bekommen, aber sicher würde auch er das Besondere in dem uralten Hain spüren.
22.07.2011, 14:20
„Oma Shani ist gar kein Sternenwind? Sind wir dann auch nur halbe Sternenwinde?“ Bedrückt ließ er die kleinen Ohren hängen. Also war er gar nicht wie die anderen all die anderen?
Es waren so viele fremde Begriffe in der Erklärung gewesen, dass Isaí den ihm fremden Namen gar nicht bemerkte. Mehr beschäftigte ihn nun die Vorstellung, nur ein halber Sternenwind zu sein. Er ließ den Blick fallen und beschloss, wie Tyraleen gesagt hatte, seine Oma Shani nochmal nach dem Wort ‚Tradition‘ zu fragen. Er nickte stumm, hob dann wieder den Kopf und erwiderte etwas verwirrt das Lächeln der weißen Mama. Kurz darauf verstand er und aus dem Lächeln wurde ein breites, glückliches Grinsen. Au ja! Er sprang auf, lachte glücklich und tänzelte kurz um die Vorderläufe Tyraleens. Kurz nur hielt er inne, musterte Tyraleen kritisch und schluckte. Es gab keine Stelle, an denen sie den Göttern näher waren?
„Werden wir da auch… Fenricollon begegnen?“, fragte er schüchtern. „Wieso beschützt meine Familie sie? Vor Fenricollon? Beschützt du mich auch vor Fenricollon?“
Nein, nein. Er hatte keine Angst vor Fenricollon. Das brauchte er gar nicht. Immerhin hatte er nicht geschwindelt und Tyraleen würde auch nicht zulassen, dass ihm was passierte. Das hatte sie ihm versprochen, als er zum ersten Mal ins Licht gegangen war. Und er vertraute ihr. Er nickte begeistert, folgte dann Tyraleen zur Höhle. Mit einem „Tschüss, Mama, tschüss, Papa!“ verabschiedete er sich von seinen Eltern und lief dann voller Vorfreude neben der weißen Mama her. Er war gespannt, welche Geschichte er zu hören bekommen und welch Ort er gezeigt bekommen würde. Er musste wirklich warnsinnig toll sein, so wie Tyraleen davon schwärmte. Er nickte erneut.
„Tyraleen?“, fragte er schließlich leise und blickte zu ihr auf. „Denkst du, ich werde auch mal groß und stark genug sein, um wen vor Fenricollon zu beschützen?“
25.07.2011, 12:14
“Du bist natürlich ein ganzer Sternenwind, schließlich bist du in diesem Tal geboren. Dass deine Oma Shani nicht hier geboren wurde ist dabei nicht weiter schlimm, mein Papa Acollon wurde das nämlich auch nicht. Er war auch kein Sternenwind. Das muss so sein, denn die meisten Wölfe, die in einem Tal geboren werden, sind miteinander verwandt und wenn man verwandt ist – also aus einer Familie stammt – darf man nicht zusammen Welpen bekommen.“
Geflissentlich verschwieg sie, dass Averic und Tyraleen eben genau dies getan hatten und deshalb ihre Welpen strenggenommen so richtig ganze Sternenwinde nach Isaís Definition waren. Aber diesen Umstand sollten die Kleinen jetzt noch nicht erfahren und zudem war das eine große Ausnahme. Die sich nach momentanem Stand sowieso nicht wiederholen würde. Bevor Melancholie aufkommen konnte, begann Isaí glücklich zu strahlen und machte damit auch Tyraleen glücklich. Es war so schön, diesen besonderen Ort zeigen zu dürfen. Dass Isaís Gesichtszüge sich schon wieder veränderten merkte sie so erst, als er schüchtern nach Fenricollon fragte. Erneut musste Tyraleen schmunzeln.
“Nein, Fenricollon nicht, wenn dann Acollon und der wird da sehr lieb sein. Du weißt ja schon, dass er mein Vater ist und als Vater liebt er seine Tochter sehr. Deshalb ist er lieb. Und diese besondere Stelle müssen wir nur dann beschützen, wenn fremde Wölfe oder andere Tierarten sie bedrohen. Du wirst sehen, dass dort etwas ist, das man noch beschützen muss, weil es fast so klein wie du ist. Fenricollen würde dem aber nie etwas antun, genauso wenig wie dir. Deshalb brauchst du dich nicht vor ihm zu fürchten. Sollte aber doch irgendetwas passieren, beschütze ich dich natürlich.“
So viele Fragen auf einmal verlangten nach so vielen Antworten – hatten ihre Welpen auch immer so viele Fragen gestellt? Für sie war es damals aber auch ein wenig leichter gewesen, immerhin hatten sie Banshee kennengelernt und sowieso waren die meisten Fragen über die Götter stets an Tyraleens Mutter gegangen. Jetzt hatte die Weiße ihre Mutter in jeder Hinsicht zu ersetzen und musste merken, wie schwierig das eigentlich war. Wie zum Beispiel brachte man Welpen bei, dass Fenris zwar böse war und wie sich am Beispiel Tascurio zeigte auch furchtbare Dinge tun – oder eher tun lassen – konnte, man ihn aber dennoch nicht zu fürchten brauchte? Zumindest musste man niemanden vor ihm beschützen, denn auch der Gott des Todes konnte nicht willkürlich Wölfe aus dem Leben reißen.
“Natürlich, Isaí, du wirst bestimmt ein ganz besonders großer und starker Rüde. Du bist schließlich Erstgeborener. Aber jemanden vor Fenricollon beschützen wird hoffentlich nie nötig sein. Der Gott des Todes ist zwar böse und gefährlich, aber die Göttin des Lebens schützt uns vor ihm.“
Meistens zumindest. Wenn ihre Anhänger nicht begannen, Fenris zu gehorchen. Auch von diesen Gedanken riss sich Tyraleen eilig los und besann sich auf die Geschichte, die sie Isaí eigentlich erzählen wollte. Der Weg bis zum Trauerweidenhain war nicht weit und wenn sie erst einmal da waren, würde der Kleine viel sehen und verstehen müssen.
“Wir sind jetzt auf dem Weg zu dem Ort, an dem Banshee und Acollon gestorben sind – meine Eltern und deine Urgroßeltern. Sie waren ganz besondere Wölfe und über sie gibt es eine Legende. Möchtest du sie hören?“
30.07.2011, 17:41
Glücklicherweise lenkte Tyraleen ihn ab und er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken. Er nickte als Zeichen, dass er verstanden hatte, während Vorfreude in seinem Körper wie aus einer Quelle hervorsprudelte. Er freute sich darauf, Acollon, den Papa Tyraleens kennenzulernen. Wieso war er eigentlich nicht hier? Sein Papa war doch auch hier. Oder würde er irgendwann gehen? Nein, nein. Sicher nicht. Das würde er nicht tun. Er würde ihn, Malik, Tinca, Taleesha und seine Mama nicht alleine lassen. Aber wieso hatte dass Acollon dann getan? Er überlegte und dann fiel ihm tatsächlich eine akzeptable Antwort ein: Er war dort, um da zu sein, wenn das, was dort war, von ‚fremden Wölfen oder anderen Tierarten bedroht würde‘.
„Wer bedroht es denn? Papa- und Mamabäume? Wieso tun sie das?“, fragte er gespannt und funkelte Tyraleen an. Papa- und Mamabäume waren neben Welpenbäumen das einzige ‚andere‘ was er momentan kannte und aus dem er nicht wirklich schlau wurde. Dass Welpenbäume es auch bedrohten, bezweifelte er, immerhin bedrohte er ja auch nichts. Was das ein Grund dafür, wieso sie nicht mit ihm redeten? Er warf einen schnellen Seitenblick auf einen der Papa- oder Mamabäume in ihrer Nähe (bei denen wusste man ja nie, was man vor sich hatte!), als wolle er gucken, ob sie sie beobachteten, doch er konnte nichts erkennen, was ihn darauf schließen ließ.
Er fühlte sich sicher. Die Papa- und Mamabäume würden ihn nicht bedrohen und wenn, dann würde Acollon, der es ja auch beschützte oder Tyraleen ihn beschützen. Seine Augen weiteten sich jedoch, als es hieß, er hatte Fenricollon nicht zu fürchten. Der kleine Welpenfang klappte auf. Hieß das, dass man schwindeln durfte? Aber Schwindeln war doch böse. Doch die Antwort darauf kam mit der nächsten Erklärung der weißen Mama. Er strahlte förmlich, als sie ihm versicherte, dass er mal groß und stark werden würde und wedelte aufgeregt mit der Rute. Und auch der Rest beruhigte ihn sichtlich. Und er kam so seiner Antwort näher: Schwindeln war weiterhin böse, aber Engabanshee beschützte sie vor Fenricollon. Wow. Engabanshee musste wirklich groß und stark sein! Noch größer und stärker als Tyraleen und sein Papa und Averic und alle anderen. Hoffentlich würde er auch sie mal kennenlernen. Und Tyraleens Mama auch, aber zuerst war ihr Papa dran.
Aufgeregt nickte er, als sie ihn fragte, ob er die Geschichte nun hören wollte. Mit ruhigen Schritten, aufgestellten Ohren und neugierig funkelnden Augen lief er neben ihr her. Ihm brannte die Frage auf der Zunge, was denn bitte ‚gestorben‘ hieß, doch er wollte die Geschichte abwarten. Vielleicht würde es sich damit von alleine erklären.
„Erzähl sie mir, Tyraleen. Bitte!“, sagte er gespannt und lächelte zufrieden. Das würde ein ganz toller Tag werden, obwohl er doch so langweilig angefangen hatte.
01.08.2011, 16:29
Irgendein Gedanke schien Isaí gleichzeitig zu erfreuen und doch schwer zu beschäftigen. Interessiert und leicht grinsend beobachtete Tyraleen das Mienenspiel der Roten und fragte sich, worüber der Kleine so intensiv nachdenken musste. Hoffentlich würde daraus keine schwierige Frage entstehen – die Weiße konnte sich so einige schwierige Fragen vorstellen, die sich aus ihren Erklärungen ergeben konnten. Sei es nun die Tatsache, dass Averic ja auch in diesem Tal geboren wurde und ganz eindeutig mit ihr zu einer Familie gehörte oder überhaupt die Sache mit dem Welpenbekommen. Wie hatte man ihr damals erklärt, woher Welpen kamen? Sie hatte nie danach gefragt. Und ihre eigenen Kinder? Sie konnte sich nicht mehr erinnern … vielleicht hatten das die Paten übernommen. Als Isaí schließlich zu einer Frage ansetzte, war Tyraleen erleichtert, dass er von der gefährlichen Bedrohung offensichtlich abgelenkt worden war – natürlich, Welpen und Gefahr zogen sich aus irgendeinem Grund magisch an.
“Nein, Bäume können niemanden bedrohen. Aber beispielsweise ein Hirsch oder ein Bär könnten gefährlich werden. Wenn du siehst, was es ist, wirst du sofort verstehen, warum. Und Hirsche und Bären kennst du auch, oder?“
Wussten die Welpen schon von diesen Tieren? Einen Hirsch hatten sie in Form von hervorgewürgtem Fleisch sicher schon probiert, aber hatte ihnen jemand erklärt, was das war? Einem Bären waren sie aber sicher noch nicht begegnet und wenn niemand eine Gruselgeschichteerzählt hatte, so wussten sie wohl noch nicht einmal, was ein Bär war. Nun gut, sollte Isaí nachfragen, wäre das definitiv ebenfalls eine leichte Frage. Zunächst aber würde sie ihm die Legende von Banshee und Acollon erzählen dürfen. Ob er alles an ihr verstehen würde? Sicher war daran einiges kompliziert, aber immerhin kannten er und seine Geschwister bereits die beiden anderen Legenden und hatten sich so an den Wortlaut gewöhnt. Und Tyraleen hatte nun genug Zeit, ihm alle Fragen zu beantworten, die durch die Legende auftauchen würden.
“Unzählbar viele Monde war es her, seit Engaya und Fenris gestorben und ihre Namen zu denen der Götter geworden waren. Die Wölfe lebten in ihren Tälern und erzählten die Legenden der Götter und doch war ihr Glaube klein geworden. Die Göttin des Lebens und der Gott des Todes waren nur noch Ideale und Fantasiegestalte, von ihrer Existenz waren nur noch wenige überzeugt. Selbst im Tal der Sternenwinde war es nicht anders. Das dort lebende Rudel war schwach und desinteressiert an seiner Welt, es lebte zankend und nörgelnd in seinem Tal, lag meistens faul herum und stritt sich den Rest der Zeit. Natürlich kannte es die Namen Engaya und Fenris, aber dass es im Tal der Sternenwinde lebten, war ihm egal. Es spottete über die Liebe, die Engaya stets von jedem Wolf gefordert hatte und machte sich über den bösen Fenris lustig. In dieses Rudel wurde eine strahlend weiße Fähe namens Banshee hineingeboren. Aus großen, bernsteinernen Augen blickte sie auf ihre verdorbene Familie und wurde schnell zur Außenseiterin. Auch sie bekam die Legenden der Götter halbherzig erzählt, aber ihr Glaube wuchs und erhob sich bald über den des Rudels. Als junge Wölfin verließ sie dann mit ihrer Schwester Nyota das Tal, beschämt über ihre Familie und in der Hoffnung, ein besseres Rudel für Nyota und sich zu finden. Doch selbst nach langer Wanderschaft trafen die Schwestern immer wieder nur auf halbherzig glaubende, herumlungernde Wölfe, manche kannten nicht einmal mehr die Namen Engaya und Fenris. Entsetzt und unglücklich kehrten die Schwestern schließlich in das Tal der Sternenwinde zurück und stellten voller Verwunderung fest, dass das Rudel verschwunden war. Ob sie fortgewandert, vertrieben oder verstorben waren, sollten Banshee und Nyota nie erfahren, doch sie beschlossen, ihre Chance zu nutzen. Sie gründeten ein Rudel und von da an herrschte wieder Engayas Güte und unendliche Liebe im Tal. Banshee schenkte jedem Wolf, der zu ihnen kam ihren Glauben, erzählte von dem Strahlen der Göttin des Lebens und wurde nicht müde, die Legenden immer und immer wieder zu wiederholen. Mit ihrem Leuchten lockte sie viele Wölfe in das Tal, das Rudel wurde immer zahlreicher und stärker. Es gab auch Wölfe, die das Tal wieder verließen, sie gingen mit der Bitte, die Geschichten der Götter weiterzuerzählen und den Glauben in die Welt zu tragen. Er versprach Hoffnung, Liebe und neuen Mut.
Zu dieser Zeit kam auch ein Rüde namens Acollon in das Tal und schloss sich dem neuen Rudel der Sternenwinde an. Anfangs sollte er ob seiner Boshaftigkeit verstoßen werden, doch schnell erkannte Banshee ihn als den einen, auf den sie gewartet hatte. Der Sohn des Todes hatte sich zu der Tochter des Lebens führen lassen, um gemeinsam den Glauben der Wölfe wiederzuerwecken. Wie schon Engaya und Fenris verliebten sich auch Banshee und Acollon ineinander. Doch ihr Glück sollte nicht lange halten. So wie Banshee alle Wölfe Engayas in ihr Tal lockte und den Glauben von ihrem Rudel aus neu entfachen konnte, so musste Acollon umherwandern, die Präsenz des Todes beweisen und die Wölfe auf seine Art und Weise wachrütteln. Banshee blieb alleine im Tal der Sternenwinde zurück, selbst Nyota war nicht länger an ihrer Seite. Die Traurigkeit begann sich über das Herz der Weißen zu legen. Noch immer lockte sie viele Wölfe in ihr Tal und ihr Name war weit über das Tal der Sternenwinde hinaus bekannt, dennoch verlor sie an Kraft. Nyota kehrte zu ihr zurück und schenkte damit Kraft, doch eines Tages beging die weiße Fähe Banshee einen fatalen Fehler. In ihrer Einsamkeit und ihrer Sehnsucht nach Acollon ließ sie sich auf einen Rüden namens Akru ein und besiegelte damit ihren Untergang. Schon weit fort von Engaya und längst nicht mehr so hell wie einstmals betrat sie den Pfad des Todes und verlor immer mehr an Kraft. Acollon war weit fort, zog durch die Lande und sähte Fenris Samen in die Herzen der Wölfe. Es war richtig, was er tat und doch verlor auch er an Kraft. Schließlich war der Tag des Todes für Banshee gekommen und Acollon kehrte sterbend zu ihr zurück. Seite an Seite verließen ihre Seelen ihre Körper und kehrten in die ewigen Hallen ein.
Ihr Ende mag unrühmlich sein und wie alle Götterkinder vor ihnen starben sie an ihren Fehlern – dennoch gingen sie in die Geschichte ein, als das Götterpaar, das die Wölfe aus dem dumpfen Schlaf der Vergessenheit erweckt hat. Der Glaube an Engaya und Fenris, an den Kreislauf des Lebens, die ewige Liebe der Göttin und den dunklen Hass des Gottes, ward vergessen, doch dank Banshee und Acollon erinnerten sich die Rudel wieder an ihre alten Legenden und an das Glück, das in ihren Völkern geherrscht hatte.“
Mit einem Lächeln auf den Lefzen endete die Weiße und betrachtete den Welpen an ihrer Seite aufmerksam. Vermutlich war er nun etwas überfordert, aber sie würde ihm Zeit geben und abwarten. Derweil konnte man den Trauerweidenhain bereits durch die anderen Bäume hindurch erkennen und Tyraleen atmete den besonderen Duft, der nun in der Luft lag, tief ein.
03.08.2011, 14:24
Isaí kannte die Geschichten, die Legenden und war daran gewöhnt, dass man nicht alles direkt verstand. Doch genau dazu waren sie da; um aus ihnen zu lernen und immer ein Stückchen mehr des Lichts zu verstehen. Seine Ohren zuckten gespannt und im ersten Moment übte er sich darin, die Luft anzuhalten, um Tyraleen ja nicht zu unterbrechen, was er aber schnell wieder aufgab. Der junge Rote fieberte mit, und erinnerte sich an seinen Gebruder, als er Fenricollon als Geschichtenwolf abgetan hatte. Mit Unverständnis schüttelte er den Kopf. Für ihn war es nie eine Frage gewesen, ob Fenricollon und Engabanshee existierten – er hatte es nicht anders gelernt. Umso erstaunter war er über Maliks Worte gewesen. Damals, als sie mit Atalya unterwegs gewesen waren. Seine Bewunderung Banshee gegenüber wuchs, während Tyraleen weitererzählte und die kleinen Welpenaugen öffneten sich noch ein kleines Stück weiter. Er selbst fürchtete sich sehr davor, allein zu sein, doch Banshee und Nyota hatten nicht aufgegeben, den anderen zu erzählen, an was sie glaubten. Seine Augen funkelten, als die Legende an dem Punkt war, an dem er den Anfang der Sternenwinde vermutete. Stolz flackerte in ihm auf, Stolz auf seine Urgroßmutter und stolz auf ihn selbst, dass er mit ihr verwandt war. Wieder durchfuhr ein kleiner Schauder seinen Körper, als Acollon, der Vater Tyraleens erwähnt und Sohn des Todes genannt wurde. Und dennoch glaubte er an ihre Worte zuvor, dass er ihn nicht zu fürchten hatte. Und kurz darauf wich die Furcht Enttäuschung, dass er Banshee allein zurückgelassen hatte. Besorgt über den Weitergang öffnete sich der kleine Fang und ein trauriger Schimmer trat in seine Augen.
Sie endete und Isaí blickte sie einen Moment fragend an. Das Ende verwirrte ihn etwas und er brauchte einen Moment, um sich ihre letzten Worte noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Immer wieder hatte sie ‚sterbend‘ erwähnt, doch er verstand nicht, was sie damit sagen wollte. Der kleine Rüde runzelte die Stirn etwas, ehe er den Kopf neigte und zu ihr hinauf sah.
„Die ewigen Hallen. Gehen wir dahin, Tyraleen?“, fragte er schließlich.
Sie hatte gemeint, dass sie Acollon treffen würden und so, wie er es verstanden hatte, befand er sich dort. Mit einem sachten Rutenpendeln sah er stolz auf seine eigene Kombinationsgabe zu ihr hinauf und blieb schließlich plötzlich stehen. Irgendetwas war anders hier, wenn er auch nicht genau wusste, was es war. Verwirrt blinzelte er kurz, ehe er Tyraleen hinterher lief und schließlich wieder dicht an ihren Läufen war.
„Werden wir auch Banshee treffen? Ist sie auch da? Und… Beeren? Und Hirsche?“
Er war aufgeregt und erkannte vor ihnen, dass sich die Bäume veränderten. Gespannt musterte er sie, ehe er erneut stehen blieb und Tyraleen fragend ansah. Er hatte hin und her überlegt, doch war einfach auch keinen grünen Zweig gekommen.
„Tyraleen? Was heißt ‚sterbend‘? Sind wir auch ‚sterbend‘, so, wie Urgroßmutter Banshee und Acollon?“
04.08.2011, 19:52
“Ich beantworte dir die Fragen gleich, ja? Jetzt lass uns erst einmal diesen Ort betreten.“
Mit einem lockenden Rutenschwenken ging sie weiter, tauchte nun zwischen die Äste der Trauerweiden und schloss kurz die Augen. Grüßend strichen die Zweige über ihren Rücken und beinahe kam es der Weißen vor, als wäre sie zurück in eine Gemeinschaft von Freunden gekommen.
• Hallo Mama, hallo Papa. Und hallo ihr vielen, starken Beschützer. Es ist schön, bei euch zu sein. •
Dass sie mit den Bäumen hier sprach, hatte sich längst zur Gewohnheit entwickelt. Natürlich nur in Gedanken und nicht einmal Averic hatte sie es erzählt – natürlich noch zu den Zeiten, in denen sie ihm alles erzählt hätte. Tief sog sie den bekannten, wärmenden Duft ein und öffnete dann die Augen um Isaí wieder im Blick zu haben. Mit einem Lächeln schob sie einige tiefhängende Trauerweidenzweige zur Seite und machte so die Sicht auf die kleine Lichtung frei. Dort standen sie, ineinander verschlungen und trotz des Winters nicht blattlos. Sie waren schon wieder gewachsen, reichten der Weißen nun bis zu den Ohrspitzen. Noch immer lächelnd und Isaí den Vortritt lassend schritt sie auf die kleinen Bäumchen zu, berührte zuerst die weißen, dann die schwarzen Blätter und fuhr auch Isaí mit der Nase durch den Pelz. Die erhabene Stimmung würde auch dem Welpen nicht entgehen und sollte er Angst bekommen, sollte er wissen, dass sie da war.
“Das ist es und wie du siehst, sind die beiden Bäumchen noch sehr jung und klein. Deshalb müssen wir sie beschützen, dass sie wachsen und groß werden können.“
Sie hätte ihm gerne noch mehr erklärt, doch seine vorherigen Fragen schwebten noch im Raum und wenn er nicht wusste, was sterben war, so konnte er auch nicht verstehen, was hier passiert war.
“Sterben bedeutet, dass die Seele eines Wolfes diese Welt verlässt. Jeder Wolf besteht aus zwei Teilen: Dem Körper und der Seele. Der Körper ist das, mit dem wir Dinge wahrnehmen, durch den die Seele lebt. Die Seele dagegen ist nicht sichtbar, sie ist in uns drin und lässt uns fühlen und denken. Wenn man stirbt, verlässt die Seele den Körper, geht in die ewigen Hallen und lebt dort ohne ihren Körper aber mit Engaya und Fenris weiter. Der Körper kann in unserer Welt nicht ohne die Seele existieren und deshalb tragen wir ihn oft zum Fluss um ihn fortzuschicken. Dabei versuchen wir auch die Seele zu Engaya zu geleiten.“
Tyraleen befand ihre Erklärung für sehr einleuchtend und setze zum zweiten Teil an.
“Deine Urgroßeltern Banshee und Acollon sind genau hier gestorben. Ihre Seele ist gegangen und hat ihren Körper zurückgelassen. Wir alle waren darüber sehr traurig, denn so konnten wir nicht mehr mit ihnen sprechen oder bei ihnen sein. Damit wir nicht zu traurig waren, haben sie uns ein Geschenk gemacht. Nach einer Nacht sprossen an der Stelle, an der ihre Seelen ihre Körper zurückgelassen hatten, zwei kleine Pflänzchen, die heute schon so groß geworden sind. Wenn wir hier Banshee und Acollon treffen wollen, so können wir nicht ihre Körper treffen, aber ihre Seelen sind uns ganz nahe, denn in diese beiden Bäumchen müssen sie einen Teil davon gelegt haben.“
Wieder legte sich ihr Blick auf die jungen Bäume und fragte sich, ob es etwas Verrücktes an sich hatte, seine eigenen Eltern in Pflanzen zu vermuten. Vielleicht war der Teil mit dem Stückchen Seele im Baum auch übertrieben gewesen, aber die Weiße wusste nicht, wie die Isaí erklären sollte, warum diese Bäumchen so wichtig für sie waren. Vermutlich würde er es erst wirklich verstehen, wenn er alt genug war. Bis dahin musste er mit dieser Erklärung vorlieb nehmen.
05.08.2011, 12:04
Vor ihnen bauten sich nun die langen Dinger der Mama- und Papabäume wie eine leichte Mauer auf und Tyraleen ging hindurch, als wären sie gar nicht da. Isaí war kurz stehen geblieben, hatte geguckt und schließlich zu dem Baum gesehen, der ihnen den Weg versperrte. Die Weiße war bereits verschwunden, während er noch immer auf der anderen Seite stand und überlegte, ob der Baum auch wirklich lieb zu ihm sein würde. Mit einem prüfenden, bösen Blick versuchte er den Baum zu warnen, ihm bloß nichts anzutun, weil er es sonst mit der Alphamama Tyraleen zu tun bekommen würde, tänzelte kurz auf der Stelle und folgte schließlich. Gegen seine Annahme fühlte es sich erstaunlich gut an, wie die Dinger über seinen Rücken streiften, wobei es bei Weitem nicht so viele waren wie bei Tyraleen, die ja um einiges Größer war. Es dauerte schließlich einen Moment, bis sich der kleine Rote wieder auf die Weiße konzentrierte, zu neu waren all die Gerüche, all die Dinge, die man sehen konnte und sobald er hastig versucht hatte, alles in seinem Welpenblick einzufangen, lächelte er fröhlich zu Tyraleen auf. Er lief wieder dicht zu ihr und verpasste dieses Mal auch nicht die Möglichkeit, freie Bahn durch ein paar wirklich tiefe Baumdinger zu bekommen. So tief, dass er selbst nicht mal drunter durch gucken konnte. So huschte er schnell zwischen den Läufen der weißen Mama durch, die die Dinger zur Seite hielt und blieb ein paar Meter dahinter wie angewurzelt stehen.
Seine kleinen Augen funkelten neugierig und begeistert, während sein Fang ein kleines Stück aufklappte. Sie ging weiter und nach einem weiteren, winzigen Augenblick des Betrachtens schlich auch Isaí ihr hinterher an die Welpenbäume heran. Sie waren noch viel, viel kleiner als die anderen und doch sicherlich viel viel älter als er selbst. Kisha hatte ihm erzählt, dass Welpenbäume viel länger brauchten, um erwachsen zu werden. Er beobachtete die Weiße, wie sie die Welpenbäume berührte und genoss anschließend die Berührung Tyraleens, die ihm etwas von diesem Kribbeln nahm, welches noch immer in seinem Körper wütete. Er blickte kurz zu ihr auf, nickte als Zeichen, dass er verstand und betrachtete dann wieder etwas ehrfürchtig die beiden Welpenbäume, die bereits so groß waren wie Tyraleen.
Kurz darauf begann sie zu erklären und etwas zögernd nur schaffte er es, den Blick von den beiden Bäumen abzuwenden und zu der Mama aufzusehen. Es schien ihm zwar sehr kompliziert, wie sie das beschrieb, doch zu seiner eigenen Verwunderung verstand er, was sie sagen wollte. ‚Sterben‘ bedeutete also, Fenricollon und Engabanshee zu treffen und bei ihnen zu leben. Sein Blick sank in dem Augenblick, in dem Tyraleen eine Pause einlegte, zurück auf die kleinen großen Bäume, ehe er wieder aufsah und der weiteren Erklärung lauschte.
„Aber wenn sie euch damit so traurig gemacht haben, wieso sind sie dann gestorben?“, fragte er schließlich und sah Tyraleen besorgt an. Er wollte nicht, dass sie traurig war. Dafür hatte er sie viel zu gern.
Es schauderte ihn etwas, wenn er daran dachte, Wölfe ohne Körper zu treffen. Er rutschte ein Stück näher an die Weiße heran, beobachtete die beiden Bäume und atmete tief durch. Es gab ihm ein unglaublich gutes Gefühl.
„Ich werde nicht sterben, Tyraleen! Ich will nicht, dass du traurig bist. Und Mama und Papa sicherlich auch nicht. Wir bleiben immer bei dir.“, gab er lächelnd von sich und sah sie glücklich an.
Wieder ruhte sein Blick auf den beiden Bäumen, ehe er sich erhob und vorsichtig heranging. Er schnupperte kurz, blickte rückversichernd zu Tyraleen und tat es ihr schließlich gleich. Ganz vorsichtig und behutsam reckte er die kleine Nase und berührte die beiden ineinander verschlungenen Stämme (oder den Lauf, wie Isaí glaubte) und sah dann hinauf zu den schwarzen und weißen Blättern, die an den Dingern hingen. Er kannte es nicht, dass etwas an den Dingern hin, ließ sich davon jedoch nicht abhalten und setzte sich schließlich dicht vor die beiden Bäume, während er den Kopf wieder zu der Weißen umwandte. Er war glücklich. Sehr sogar, wenn er auch spürte, dass irgendetwas Tyraleen zu bedrücken schien. Oder kam es ihm nur so vor? So, wie es ihm nur so vor kam, dass sie nicht alleine waren? Er sah sich kurz um, doch erkennen konnte er niemanden – außer den ganzen Bäumen um sie herum natürlich.
„Ist hier noch jemand außer uns?“, fragte er schließlich, denn sie würde es sicher besser wissen. Aber er fürchtete sich noch immer nicht. Dazu war es viel zu schön und viel zu ruhig hier.
28.08.2011, 16:28
“Leider können wir es uns nicht aussuchen wann und ob wir sterben. Das entscheidet unser Körper, denn wenn er nicht mehr leben kann, muss unsere Seele ihn verlassen. Deine Urgroßeltern waren alt und irgendwann ist der Körper zu alt. Dann kann er nicht mehr richtig laufen, springen und funktionieren. Dann stirbt man. Oder aber man wird verletzt, beispielsweise wenn ein Wolf einen anderen Wolf sehr fest beißt. Auch dann funktioniert der Körper nicht mehr richtig und er muss sterben.“ Sie hielt nur ganz kurz inne, wollte Isaí keine Gelegenheit zum Traurigwerden geben. “Aber das muss so sein. Denn stell dir vor, kein Wolf würde sterben wollen und würde deshalb ewig leben. Dann gäbe es irgendwann so viele Wölfe, dass sie von den Rändern der Welt hinab ins Nichts stürzen würden. Erinnerst du dich an die Legende? Das war damals so, bevor Engaya und Fenris kamen und den Wölfen das Leben und den Tod geschenkt haben. Es ist also sehr wichtig, dass Wölfe sterben, auch wenn es traurig ist.“
Dass dieser Ausflug noch so lehrreich für Isaí werden würde, hatte Tyraleen nicht erwartet. Liebevoll betrachtete sie, wie er sich den Bäumchen näherte und sie dann zaghaft berührte. Er schien zwar noch ein wenig verunsichert, jedoch keineswegs ängstlich oder eingeschüchtert. Auch ein prüfender Blick in seine Umgebung schien mehr der Neugierde zu verdanken zu sein. Seine Frage ließ die Weiße dann lächeln, beinahe stolz, dass Isaí die Anwesenheit der Götter zu spüren schien.
“Kein Körper, aber vielleicht die Seelen von Banshee und Acollon. Sie können nicht mit uns sprechen und wir können sie weder sehen noch riechen oder hören, aber wir können sie spüren. Fühlst du, wie friedlich und glücklich sie sind? Du brauchst keine Angst zu haben, sie freuen sich, uns zu sehen.“
Wenn sie schon von Seelen in Bäumen sprach, dann konnten sich auch Seelen freuen. Und selbst wenn keine einzige Seele hier herumgeisterte, dann war zumindest die Vorstellung davon tröstlich und warm.
06.09.2011, 19:55
„Was ist mit dir…?“
Es war nicht mehr als ein Murmeln, welches jedoch in den darauf folgenden Worten der Weißen unterzugehen schien. Mit gespitzten Ohren hörte er zu, lauschte der Erklärung, die er hoffentlich niemals veranschaulicht bekommen würde. Er entnahm ihren Worten etwas, was er nicht wahrhaben wollte – es konnte immer geschehen, dass jemand ‚starb‘ und körperlos wurde. Leicht geschockt blickte er in die goldgelben Seelenspiegel der weißen Mama, während er wortlos lauschte und sich die Angst in ihm breit machte, auch seine Mama, seinen Papa oder jemand anderen aus seiner Familie plötzlich zu verlieren (und zu seiner Familie gehörten gewiss auch Kisha und alle anderen). Traurig wandte er den Blick gen Boden, während Tyraleen eine kurze Pause einlegte, nur, um ihn im nächsten Moment wieder aufmerksam zu heben und von unten her niedergeschlagen hinaufzuschielen. Doch ihre nächsten Worte machten Sinn, machten so sehr Sinn, dass Isaí nichts anderes übrig blieb, als überzeugt zu werden. Engabanshee und Fenricollon hatten das richtige getan, wenn er für letzteren auch nicht unbedingt Sympathie empfand. Doch eine Welt voller Wölfe war nichts, womit er sich anfreunden wollte. Da war es so doch viel, viel besser. Es war ihm ja schon zu eng, wenn Malik mal wieder glauben musste, auf ihm liegen zu müssen, um nicht dreckig zu werden. Er schüttelte den Kopf, starrte einen Moment auf einen Fleck auf der Erde und seufzte, ehe er sich zu einem matten Lächeln überreden ließ und zu Tyraleen hinaufsah.
„Sind hier also überall Seelen von den körperlosen Wölfen? Sind sie alle zusammen hier?“
Die Vorstellung, dass sie alle zusammen körperlos waren, beruhigte ihn, immerhin machte das für ihn keinen großen Unterschied, als das Zusammenleben hier mit Körper. Er fand es nur unfair, dass sie sie sehen konnten und Isaí sie im Gegenzug nicht. Kurz zog er spielerisch eine Miene, spähte in der Gegend umher und als sein Blick die ganzen Bäume um sie herum traf, weiteten sich seine Augen, als hätte er soeben einen Weg gefunden, geliebte Wölfe vom Sterben zu bewahren. Prüfend fixierte er erneut den schwarzen und den weißen Stamm, ehe er wieder in die Gesichter der ganzen Läufelosen sah. Ein Teil der Seelen seiner Urgroßeltern befand sich in den beiden, jungen Bäumen, waren die anderen Bäume dann auch alle aus sterbenden Wölfen entstanden? Die Welpenbäume vor kürzerer Zeit als die Mama- und Papabäume? Zum Ersten mal schien ihm bewusst zu werden, wie viele Wölfe es doch gegeben haben musste, dachte er an all die Bäume, die er bereits gesehen hatte. Doch Tyraleen riss ihn aus seinen Gedanken und er brauchte einen Moment, ehe er sich an seine Frage erinnerte. Er begann zu grinsen, schielte wieder in die scheinbar leere Luft und lächelte zufrieden. Sterben war wichtig. Man musste nicht traurig sein. Deshalb teilte er die Freude, die die Seelen auf ihn übertrugen und der kurze Moment des Missmuts war vergessen.
„Haaaallo Banshee und Acollon! Ich freue mich auch, hier zu sein!“, rief er schließlich im Glauben, sie könnten ihn hören. Ein weiterer Blick galt Tyraleen und glücklich stellte er fest, dass auch sie wieder zufriedener aussah. „Lass uns ganz oft herkommen und Oma und Opa besuchen, ja?“
16.09.2011, 15:38
“Ich vermisse meine Eltern manchmal ganz schrecklich. Wir haben uns sehr geliebt und auch wenn ich weiß, dass es ihnen gut geht, wünsche ich mir oft, dass ich noch einmal mit ihnen reden, sie sehen und sie fühlen könnte.“
Vermutlich würde Isaí dieses Gefühl nicht nachempfinden können, aber auch er würde nicht umhinkommen, irgendwann jemanden zu vermissen. Die Weiße hoffte für den Kleinen, das es noch lange dauern würde und er niemals so vermissen musste, wie sie es tat. Der Welpe schien nun zwar traurig, gleichzeitig jedoch hatte er verstanden, warum es den Tod geben musste und lächelte sogar ein wenig. Tyraleen war stolz auf ihren Großneffen und seine rasche Auffassungsgabe. Auf seine Frage hin hätte sie dann aber beinahe gelacht, zu seltsam war die Vorstellung, dass lauter Seelen von toten Wölfen um sie herum geisterten. Stattdessen schüttelte sie den Kopf.
“Nein, eher nicht. Ich glaube, nur die Seelen der Wölfe, die in unserer Welt vermisst werden, an die Freunde und Verwandte denken, kehren ab und an hierher zurück. Vielleicht, um die Lebenden zu trösten.“
Eine schöne Vorstellung. Banshees und Acollons Seelen dort oben in den ewigen Hallen beschließen, weil Töchterchen wieder einmal traurig aussieht, in den Trauerweidenhain zu gehen und ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten. Eine durchaus welpentaugliche Geschichte, aber mit vielen unklaren Details. Und bis sie selbst einmal sterben würde, würden sie sich nicht klären lassen. Hätte die Weiße von Isaís Überlegungen zu den Bäumen gewusst, hätte sie vermutlich wirklich gelacht und ihm diese Vorstellung schnell wieder ausgetrieben, aber sie sah nur seinen Blick hin und her huschen und schließlich sein Grinsen. Als er dann Banshee und Acollon begrüßte, erwischte sich Tyraleen dabei, wie sie die Ohren spitzte und auf eine Antwort hoffte. Doch es blieb natürlich still.
“Sehr gerne. Sie freuen sich sicher, wenn du sie oft besuchen kommst. Aber jetzt sollten wir zu deinen Eltern zurückgehen, bevor sie sich noch Sorgen machen.“
Gerade wollte sich Tyraleen aufrichten, als eine flimmernde Bewegung sie ablenkte. Vor ihnen, nur einen Welpensprung entfernt, tanzte ein Schmetterling im Sonnenlicht. Seine Flügel waren dunkelrot und nur von einigen wenigen gelben Linien durchzogen. Er war kaum größer, als Tyraleens Nase. Fasziniert betrachtete sie das Insekt, hatte sie doch seit dem Frühling keinen mehr gesehen. Sie hatte gedacht, dass nach dem eiskalten Sommer kein einziger überlebt hatte.
“Schau nur, Isaí.“, flüsterte sie, als könnte ein allzu lautes Geräusch das Tier verscheuchen. “Ein Schmetterling. Banshee sagt auch Hallo zu dir.“
Noch einen Augenblick lang kreiste der Schmetterling um die beiden kleinen Bäumchen, dann verschwand er wieder im Wald.
26.09.2011, 16:27
„Du sollst nicht traurig sein, das würden sie sicherlich nicht wollen. Und wir sind ja jetzt alle hier, um auf dich aufzupassen.“
Unschuldig blickte er drein, ehe er sich erneut zu den beiden Bäumchen umwandte und sie etwas gedankenverloren betrachtete. Außerdem hatte Tyraleen doch selbst gesagt, dass sie hier waren – sie konnte mit ihnen sprechen, wann immer sie wollte, wenn sie auch nicht antworteten. Anfangs war ihm seine Idee, seine Schlussfolgerung so genial vorgekommen, doch die Ernüchterung war auf der Pfote gefolgt – wenn sie nicht antworteten und man sie auch nicht sehen konnte… Gab es nur dieses merkwürdige, warme Gefühl, welches einen von ihrer Anwesenheit unterrichtete? Nachdenklich schnippte er mit den Ohren, ehe er den Blick erneut so gut es ging zu Tyraleen wandte und ihrer Antwort lauschte. Wieder trat ein glückliches Lächeln auf seine Züge.
„Dann sind Oma Banshee und Opa Acollon bestimmt ganz oft hier und du brauchst sie gar nicht vermissen. Sie sind immer noch für dich da.“
Ein anschließendes Nicken, um zu zeigen, dass er damit einverstanden war, nun umzukehren. Isaí fühlte sich unglaublich zufrieden mit dem Besuch im Trauerweidenhain und seiner Bekanntmachung mit den Eltern Tyraleens. Er fühlte sich ruhig, unbeschwert und einfach nur glücklich mit den Begebenheiten, wenngleich es ihm deutlich besser gegangen wäre, wenn der Besuch Tyraleen nicht so traurig gemacht hätte. Doch er hoffte, dass sie sich nun von Banshee und Acollon trösten lassen würde, damit sie wieder glücklich war. Immerhin waren sie doch deshalb hier, oder? Deshalb, und natürlich, um ihren Urgroßneffen kennenzulernen. War ja klar. Ein letztes Mal zuckten seine Ohren aufmerksam, hoffend, eine Antwort von ihnen zu hören, doch es kam nichts und so machte er bereits ein paar Schritte in die Richtung, aus der er glaubte, gekommen zu sein, ehe die Weiße ihn auf etwas aufmerksam machte. Verdutzt verfolgten seine Seelenspiegel den papa-mamaaugenfarbenen Flieger. So etwas hatte er noch nie gesehen. Fasziniert legte er den Kopf etwas schief, beobachtete ihn und begann schließlich zu strahlen. Ein Schmetterling war das also. Sein Herz hatte einen Hüpfer gemacht, als die Weiße ihm versichert hatte, dass auch Banshee ihm Hallo gesagt hatte. Freudig wandte er den Blick zu Tyraleen herum, strahlte ihr entgegen, als der Flieger zwischen den Bäumen verschwunden war, schwieg einen Moment und strahlte schließlich noch breiter.
„Danke, Tyraleen!“
Danke dafür, dass sie ihm das hier gezeigt hatte. Doch er entschloss sich dazu, dies erst einmal für sich zu behalten. Ein Erlebnis, von dem nur Tyraleen und er wussten. Etwas, was nur sie beide gesehen hatten. Und wenn seine Mutter ihn fragen würde, was er erlebt hatte, würde er lediglich von der Geschichte erzählen. Der Rest war nur für Tyraleen und ihn bestimmt.
21.10.2011, 12:41
Sie berührte Isaí an der Stirn, ähnlich wie damals zur Welpenzeremonie und fuhr dem kleinen dann immer wieder mit der Zunge über den Pelz. Ein Lächeln lag jetzt auf ihren Lefzen und die Traurigkeit war fast gänzlich aus ihren Zügen verschwunden. Der Rote sollte merken, dass er mit seinem Tröstversuch Erfolg gehabt hatte und wie sehr sich Tyraleen darüber freute.
“Du hast Recht, Isaí. Ich sollte wirklich viel eher glücklich sein, dass wir beide hier gemeinsam sind. Und dass du so gut trösten kannst. Wie ein großer Wolf, der du sicher bald wirst.“
Lächelnd standen sie nun beide auf und Tyraleen war froh über ihre Entscheidung, Isaí den Trauerweidenhain zu zeigen. Der Kleine schien ebenfalls glücklich und er hatte viel gelernt, über die Legenden, über seine Familie und auch über sich selbst. Und auch Tyraleen hatte den Roten besser kennenlernen können und so erneut festgestellt, dass Sheenas Sohn ein kleiner Leitwolf war. Noch lagen viele Entwicklungen vor ihm, aber wenn er auch nur ein klein wenig so blieb, wie er nun war, würde er das Rudel der Sternenwinde sicher in eine neue Zeit führen können. Tyraleen hoffte von Herzen, dass sie das miterleben würde.
Während Isaí den Schmetterling beobachtete, lag der Blick der Weißen auf dem Welpen, sich an dessen Faszination erfreuend. Er schien das Zeichen zu verstehen und begann nun zu strahlen, sah zu ihr und strahlte noch breiter. In diesem Moment hätte sie ihn am liebsten fest an sich gedrückt und nicht mehr gehen lassen. Aber sie hielt sich zurück, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und erwiderte sein Strahlen.
“Und ich danke dir, Isaí Caiyé.“
Seite an Seite machten sich die beiden Wölfe auf den Rückweg zum Rudelplatz, jeder beseelt von dem gemeinsamen Erlebnis und glücklich, eine neue, wertvolle Erinnerung teilen zu können.