17.07.2011, 14:40
((Es hat mir so in den Fingern gejuckt ^^''))
Ihr Entschluss lag fest. Einmal mehr würde sie ihr gegenübertreten, das Gespräch mit ihr suchen. So lang hatte sie es nun mit sich herum getragen, sich von all diesen Gedanken einnehmen lassen. Es wurde Zeit, sich von ihnen zu befreien, diese Sache, die zwischen ihnen stand, ein für allemal zu klären. So leicht sich dieser Gedanke anhörte, so schwer war er in der Umsetzung. Mit rasendem Herzen hatte Atalya sich zuerst vom Rudel entfernt, war allein umher gewandert, ohne auf einen anderen Wolf zu treffen. Ruhelos hatte sie nie inne gehalten, war manchmal einfach losgerannt. Sie konnte sich ihr eigenes Verhalten kaum erklären, konnte nicht sagen, wieso sie so kopflos durchs Revier irrte. Aber in diesem Moment schien es für sie einfach sinnvoll zu sein. Einfach um frei zu sein, von den Gedanken, die sie quälten.
Irgendwann, der Abend hatte bereits begonnen zu dämmern, hatten ihre Pfoten sie wieder zum Rudel getragen. Den ganzen Tag war sie nun fort gewesen, hatte mit sich selbst gerungen. Und nun suchten ihre Augen nur den weißen Pelz ihrer Mutter, ihre Nase achtete nur auf den vertrauten Geruch Tyraleens. In diesem Moment durfte sie nicht zögern, nicht darüber nachdenken, was inzwischen alles geschehen war. Atalya hielt inne, atmete einige Male tief durch, um ihr Herz zu beruhigen. Einige stille Sekunden hielt die Graue inne, ehhe sie noch einmal tief einatmete, sich dann in Bewegung setzte. Das erste Mal, als sie sie aufgesucht hatte, musste sie ausgesehen haben wie ein Welpe, der sich seiner folgenden Bestrafung bewußt gewesen war. Davon war nun nichts mehr zu sehen. Als die hellen Augen der Fähe ihre Mutter entdeckt hatten, hob sie den Kopf, tat mit sicheren Schritten auf die Weiße zu. Sie hatte sich für ihre Worte entschuldigt, und dieser Moment schien so unsagbar weit fern. Und dennoch gab es so viel zu besprechen. So viel unausgesprochenes.
„Mutter.“
Ungewollt schwang eine gewisse Kälte in der Stimme der grauen Jungwölfin mit. Kurz biß sie die Fänge fest aufeinander, den Blick nicht von der Weißen abrichtend. Sie hatte immer wieder darüber nachgedacht, wie sie anfangen sollte. Wie sie ihre Gefühle am besten in Worte fassen konnte. All diese Gedanken schienen nun vom Wind hinfort geweht. Statt dessen legte sich ihr nur ein mulmiges Gefühl in die Magengegend.
„Ich... ich will dir verzeihen. Mehr als alles andere. Aber jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich an diesen Tag zurück denke, werde ich wieder wütend. Es fühlt sich an, als könne ich dir nie verziehen, sosehr ich es mir auch wünsche.“
Sie spürte das Schlagen ihres Herzens, die eigene Unruhe, die sie einnahm. Und dann legte sich Verzweiflung in ihren Blick, mit dem sie ihre Mutter betrachtete. Sie verstand die Welt nicht mehr.
„Was soll ich tun?“
Nur ein leises Flüstern, als dürfte niemand anders hören, was sie sagte.
17.07.2011, 15:48
Wie schon damals, als Atalya ihre Mutter das erste Mal aufgesucht hatte, lag Tyraleen mit geschlossenen Augen am Rande des Rudelplatzes und schlief doch nicht. Dieses Mal dachte sie an nichts bestimmtes, döste mehr, doch kaum trug der Wind den Geruch ihrer Tochter zu ihr, begannen ihren Gedanken zu rasen. Der Moment am Tag der Welpenzeremonie, als sie zu Atalya und Turién geeilt war um ihnen zu helfen, hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt. Sie hatte sich unglaublich ungerecht behandelt gefühlt, war enttäuscht von den Reaktionen ihrer Kinder und hätte es ihnen so gerne gesagt. Doch genau das, hätte die beiden nur noch weiter von ihr entfernt und so fraß Tyraleen diese Gefühle in sich hinein und trauerte um das verlorene Vertrauen. Sie verstand auch nicht, worum es ihren Kindern ging – hatten sie Angst vor ihr? Dieses Gefühl war nie zu spüren gewesen. Konnten sie nicht verstehen? Vielleicht. Vermissten sie ihren Bruder so sehr? Wohl kaum. Beschuldigten sie sie für alles, was im Anschluss an Tascurios Tod passiert war? Vielleicht … vermutlich. Unfair. Tyraleen riss sich zusammen, hob den Kopf und sah Atalya entgegen. Ihre Gedanken waren falsch und richtig zugleich und doch schämte sie sich für sie. Und sie durfte sie ihrer Tochter nachwievor nicht einfach entgegenwerfen, sie durfte nicht aufgeben, um sie zu kämpfen.
Atalya erreichte sie und begann das Gespräch mit einem von Kälte umwehten „Mutter“. Tyraleen bemühte sich, das Positive daran zu sehen. Sie war noch immer die Mutter Atalyas, sie war nicht zu „Tyraleen“ geworden. Dennoch fand sie kein Lächeln, legte nur ganz leicht den Kopf schräg und wartete ab, was ihre Tochter ihr zu sagen hatte. Die Worte der Grauen legten sich dann wie eine schwere, regennasse Moosdecke über ihr Herz und lähmten sie kurz. War es so schwierig, ihr zu verzeihen? Hatte es nicht sogar Averic geschafft? Der am meisten von allen verzeihen musste und dennoch am liebsten sofort wieder ihre alte Beziehung aufgenommen hätte. Tyraleen verstand nicht und riss sich dennoch zusammen. Atalya wollte ihr verzeihen, sie wünschte sich nichts mehr. Sie wollte nicht so sein, wie sie war. Sie bat um Hilfe. Tyraleen atmete langsam ein und fällte dann einen Entschluss. Sie mussten ehrlich zu einander sein, so wie sie auch die nicht immer ehrliche Ehrlichkeit zwischen Averic und ihr nur Misstrauen und Unverständnis brachte. Ihre Rutenspitze begann auffordernd zu zucken und sie deutete neben sich, Atalya sollte sich nicht an sie kuscheln, doch sie wünschte sich, neben ihrer Tochter über das, was zwischen ihnen stand zu reden.
“Woher kommt die Wut in dir? Auf wen und auf was richtet sie sich?“ Sie fuhr sich über die Lefzen. “Wut entsteht oft aus Unverständnis, auch ich bin oft wütend, weil ich etwas nicht verstehe. Hast du Fragen? Hast du alles verstanden, was passiert ist?“
Sie schwieg kurz, atmete tief ein und versuchte dann, die richtigen Worte zu finden, um auch über sich sprechen zu können. Ihre Tochter war kein Welpe mehr, der nichts von den Gefühlen der Eltern wusste und wissen sollte.
“Auch in mir war viel Wut. Auf die Götter, auf Averic, auf die Rudelmitglieder und auch auf euch, meine Welpen. Manchmal ist sie noch immer da. Weil ich nicht verstehe. Die Götter kann man nicht verstehen, man muss sich damit abfinden, dass ihre Motive für uns Wölfe immer im Dunkeln bleiben werden, auch wenn ich vermute, dass wir immer wieder auf die Probe gestellt werden. Mit Averic habe ich ein langes Gespräch geführt und auch wenn sicher noch immer nicht alles geklärt ist, so habe ich ihn verstanden und wir konnten einander verzeihen. Aber euch, dich, Turién, Neruí, kann ich nicht immer verstehen. Warum verhaltet ihr euch mir gegenüber so? Welche Schuld gebt ihr mir, die euch so werden lässt?“
Es schwangen keine Vorwürfe in Tyraleens Stimme, nur ehrliches Unverständnis und eine tiefe, alles durchtränkende Trauer.
17.07.2011, 16:47
Der helle Blicke ruhte auf Tyraleen, abwartend. Unruhig. Wie würde ihre Mutter auf ihre Worte reagieren? Sie hatte ihr entgegen geblickt, und während ihrer eigenen Worte hatte sie das Gefühl gehabt, in den Augen der Weißen kein Gefühl erkennen zu können. Hatten sie sich nun schon so weit auseinander gelebt? Mit einem kurzen Kopfschütteln verdrängte die Graue diesen Gedanken. Sie musste sich auf das hier und jetzt konzentrieren. Als Tyraleen neben sich deutete, legte Atalya kurz die Ohren an, nickte dann aber sachte und trat neben die helle Fähe. Langsam, und nun doch ein wenig verunsichert ließ sie sich neben ihre Mutter sinken. Wie gerne hatte sie hier gelegen, neben ihr, als sie noch ein sorgloser Welpe gewesen war? Damals... Atalya biß die Fänge aufeinander, wandte den Kopf herum, als ihre Mutter nun zu sprechen begann. Die Graue wartete, bis die letzten Worte, die letzte Frage die Lefzen ihrer Mutter verlassen hatte. Auch während ihrer kurzen Pause hatte sie nur da gelegen, sie still angeblickt. Als sie ihre Welpen erwähnte, auf die sie auch Wut verspürte, senkte sich Atalyas Kopf leicht nach unten. Wieso sollte es ihrer Mutter auch anders gehen, als ihr selbst? War nicht sie sogar die, die am meisten unter dieser Tat leiden musste? Immerhin hatte sie... ihren eigenen Sohn... Atalya seufzte leise, richtete den Blick dann wieder zur Seite, als ihre Mutter geendet hatte. Welche Schuld gaben sie ihr. Einen Moment noch blickte sie die Wölfin neben sich an, ließ den Blick dann umher schweifen, ziellos.
„Ich bin wütend auf so vieles. Auf dich. Vielleicht... weil durch deine Tat so viel kaputt gegangen ist. Vielleicht auch, weil ich es einfach nicht verstehen kann. Ich habe verstanden, wieso Tascurio... wieso er gestorben ist. Wenn nicht er, wäre Papa vielleicht gestorben. Aber ich verstehe nicht, wieso es keinen anderen Ausweg gab. Wieso es unbedingt so enden musste. Im Unglück einer Familie. Und manchmal... bin ich auch einfach sauer auf mich selbst. Weil ich mich selbst nicht verstehe. Weil ich manchmal das Gefühl habe, alles ist gegen mich. Madoc... er wollte verhindern, dass ich in den Wald gehe. Ich war wütend und enttäuscht, auf ihn. Aber auch auf mich. Wenn ich so wütend bin, sehe ich nur das, was ich will. Nicht, wie es dem anderen geht. Manchmal glaube ich, ich bin nicht mehr ich. Und dann... kriege ich Angst, wodurch ich noch wütender werde.“
Wie ihre Mutter zuvor auch machte die graue Jungwöfin nun eine Pause, blickte auf den Schnee vor ihren Pfoten. So wie in diesem Moment. Sie hatte Angst vor dem, was noch auf sie zukommen würde. Auch wenn die Wut in diesem Moment nur eine kleine Flamme war, die in ihrem Inneren loderte. Es war... verwirrend. Sie seufzte, sprach dann mit ruhiger Stimme weiter.
„Ich kann es manchmal nicht kontrollieren. Wenn ich dich dann ansehe, sehe ich dich nur als Wolf, der einen Keil zwischen meine Familie getrieben hat. Und dann kann ich nur mit Vorwürfen an dich denken, die ich dir eigentlich nicht machen will. Es tut mir selbst weh, so zu denken. Ich... liebe dich als meine Mutter, respektiere dich als Alpha. Und sehe dennoch in dir die Wölfin, die meinen Bruder... getötet hat. In einem Moment überwiegt das eine, aber das schlechte Gefühl scheint immer stärker zu sein. Ich bin immer hin und her gerissen, dir zu verzeihen, und das Schlechte in dir zu sehen. Das, was nicht sein sollte. Ich will ihn dir meine Mutter sehen, nicht die Mörderin, die du warst, aus einem Grund, den nur die Götter wissen.“
Wieder machte sie eine Pause, neigte die Ohren leicht zur Seite und wandte den Blick zu Tyraleen herum, sah sie nun direkt an.
„Und vielleicht habe ich auch Angst davor, dass es wieder passiert.“
18.07.2011, 11:27
Atalyas kurzes Zögern nach Tyraleens Aufforderung sich neben sie zu legen, entging der Weißen nicht. Doch es überraschte sie eher, dass ihre Tochter sich schon nach einem Herzschlag in Bewegung setzte und den Platz an ihrer Seite einnahm. Die Nähe des anderen war noch nicht zu einem unertragbaren Zustand geworden – viele kleine Zeichen der Hoffnung. Auch hörte ihre Tochter sich alle Worte ruhig und ohne sie zu unterbrechen an. Sie zeigte keinerlei Regung, als Tyraleen über sich selbst zu sprechen begann und schien es auch nicht als falsch zu empfinden, dass auch in ihrer Mutter manchmal Wut – über ihre Welpen – herrschte. Das erleichterte die Weiße, denn sie hätte sich auch eine ganz andere Reaktion Atalyas ausmalen können. Immerhin war noch immer sie – Tyraleen – diejenige, die Haupt- und die Anfangsschuld trug – auch wenn schon hier die Ungerechtigkeit begann, denn es war nicht sie gewesen, die sich in diese Situation gebracht hatte – und somit musste sie sich fragen, ob ihr Gefühle wie Wut zustanden. Atalya schien der gleichen Meinung zu sein und beruhigte damit gleichzeitig ein wenig das schlechte Gewissen der Weißen. Auch ließ sie sich auf diese Form des Gesprächs ein, beantwortete die Fragen ihrer Mutter und gab damit so viel preis, auf das Tyraleen endlich reagieren konnte.
“Leider kann dir die wohl wichtigste Frage niemand beantworten. Ob es einen anderen Ausweg gegeben hätte, sodass weder Tascurio noch Averic hätten sterben müssen, wissen vielleicht nicht einmal die Götter. Ich hätte es ausprobieren müssen aber in diesem Moment, in dem ich vor der Wahl stand, war meine Liebe zu deinem Vater zu groß, um dieses Risiko einzugehen. Ich war so voller Entsetzen und Panik, dass ich auch keinen klaren Gedanken fassen konnte. Mittlerweile ist mir klar, dass es eine Probe gewesen sein musste, die ich nicht bestanden habe. Dass es möglicherweise wirklich einen Weg gegeben hätte, der beiden Wölfen ihr Leben gelassen hätte. Aber kannst du verstehen, dass ich in dem Moment des Entsetzens zu viel Angst hatte, um Engayas Pfad zu wählen? Nicht umsonst gehört die Angst zu Fenris – sie nimmt einem den Mut, ein Risiko einzugehen, das immer, wenn es nicht eintritt, eine bessere Situation erzeugt, als die sichere Variante. Doch es kann auch eintreten und dann kann man Etwas verlieren, das einen so unschätzbaren Wert hat, dass ein Verlust schlimmer ist, als alles andere.“
Ob Atalya jetzt verstehen konnte? Oder konnte sie diesen einen Punkt der Schuld Tyraleens – ihre Angst und ihr nicht vorhandener Mut – nicht nachvollziehen, hätte sie anders gehandelt? Die Weiße hatte Averic bereits diese Frage gestellt und war von der Antwort nicht glücklicher geworden. Sie würde sie kein zweites Mal stellen. Ihre Kinder sollten niemals vor diese grausame Wahl gestellt werden, auch wenn möglicherweise nur ein solches Erleben wirkliches Verstehen auslösen konnte.
“Du bist noch Jungwolf und wie du ja selbst weißt, ist man als Jungwolf manchmal nicht man selbst. Ich glaube, dass viel Wut und Angst verschwindet, wenn du etwas älter bist. Aber wenn du möchtest, können wir auch gemeinsam versuchen, diese Wut unter Kontrolle zu bekommen. Wir müssen hinterfragen, jede Tat und jedes Wort von dir oder jemand anderem. Wir müssen Ruhe finden und lernen, die Situation aus dem Blickwinkel eines anderen Wolfes zu betrachten. Ich weiß nicht, ob du das möchtest … es ist ein Teil der Ausbildung zur Priesterin, die ich mit Banshee zusammen absolviert habe. Es hat selten Spaß gemacht. Sheena wurde deswegen sogar ein Schweigegelübde auferlegt. Sie musste viele Monde lang schweigen um ihre Wut unter Kontrolle zu bringen. Doch am Ende hat es ihr sehr geholfen. Nun ist sie eine ruhige, freundliche Wölfin und hat sogar selbst Welpen. Das hätte ich damals nicht glauben können.“
Jetzt betrachtete die Weiße ihre Tochter aufmerksam. Einen Teil der Ausbildung zur Priesterin zu absolvieren hieß natürlich, dass Atalya sich in großen Schritten Engaya nähern würde. Wollte die Graue das? Tyraleen würde es freuen, auch wenn sie wusste, dass es stets viel schwerer war, Engaya zu dienen, als Fenris. Die schwachen Wölfe gehorchten Fenris, denn Angst, Wut und Aggression nachzugeben war leicht. Angst, Wut und Aggression zu unterdrücken und in positive Energie umzuwandeln war dagegen so schwer, dass nicht einmal Tyraleen es immer gelang. Das musste Atalya klar sein.
“Das Traurige – und auch das, was ich als ungerecht von vielen Wölfen betrachte – ist, dass nicht ich alleine es war, die den Keil in unsere Familie getrieben hat. Ich darf die Anfangsschuld nicht von mir weisen, aber jeder von euch hätte anders reagieren und damit dieses Unglück sehr klein halten können. Hätte Averic mich nicht verurteilt, hätten wir möglicherweise gemeinsam am Leichnam unseres Sohnes geweint. Hättest du mir deine Wut nicht entgegengeschrieen, hätten wir zusammenhalten können. Hätte Aszrem mich nicht verdammt, hätte das Rudel sich besser fangen können. Ich – und widersprich mir, wenn ich Unrecht habe – empfinde mich nicht, als die einzige Schuldige. Wir alle tragen Schuld, denn wir alle haben Fenris nachgegeben. Hätten wir das nicht getan, wären wir heute noch eine Familie, die zwar gemeinsam um einen verlorenen Sohn trauert, deren einzelne Wölfe sich jedoch aneinander festhalten können.“
Wieder umwehten ihre Worte Traurigkeit, gleichzeitig lag ihr Blick jetzt beinahe ängstlich auf ihrer Tochter. Es fühlte sich noch immer so falsch an, Vorwürfe zu machen, aber Tyraleen kam nicht umhin, sie als richtig anzusehen.
“Du weißt, ich habe versprochen, dass es nicht wieder passiert, auch wenn ich natürlich verstehe, dass ihr mir nun nicht einfach glaubt. Aber … wie könnte ich das Gleiche noch einmal tun, wo ich doch nun weiß, was dann geschieht? Ich habe gelernt, dass Liebe zu groß sein kann, denn an sie ist immer die Angst des Verlustes geknüpft. Ich muss lieben ohne festzuhalten, daran arbeite ich. Es wurde mir eindrucksvoll demonstriert, was passiert, wenn ich das richtige Lieben nicht beherrsche. So einen Fehler kann ich nicht noch einmal begehen.“
Aber so zwingend logisch ihre Argumentation auch klang, sie wusste, dass viele Wölfe ihr nicht glaubten. Weil sie bewiesen hatte, dass sie schwach sein konnte. Wie viel stärker Engayawölfe doch sein mussten und dennoch beschwerten sich die Fenriswölfe stets, verurteilt zu werden. Seltsame, einsame Welt.
18.07.2011, 14:58
Still betrachtete Atalya ihre Mutter, sucht in ihrem Gesicht, in ihren Augen nach dem, was sie in diesem Moment empfand. Als die Weiße dann zu sprechen begann, neigten die Ohren der Grauen sich leicht nach hinten, aber sie wandte den Blick nicht ab. Während Tyraleen sprach, fragte sich Atalya still, wie sie selbst, wie jeder andere von ihnen, in solch einer Situation reagiert hätte. Was hätten sie selbst getan, wenn sie vor die Wahl gestellt worden wären?
„Ich denke, ich verstehe es... auch wenn ich es nicht nachempfinden kann. Vielleicht könnte ich das nur, wenn ich selbst so etwas entscheiden müsste... und ich hoffe, dass ich das niemals muss.“
Ein leises, kaum hörbares Seufzen verließ ihren Fang. So lange niemand von ihnen selbst in solch eine Situation geraten war, würde vielleicht auch niemand das Denken ihrer Mutter verstehen. Zumindest konnte sich die Graue dies nicht wirklich vorstellen. Wie sollte man so etwas auch nachempfinden können? Atalya sprach weiter, und noch immer ruhte ihr eigener Blick auf ihrer Mutter. Die Worte, die die Weiße sprach, ließen ihren Blick unklar werden. Sie sah Tyraleen an, und schien doch eher durch die hindurch zu blicken. Ein Teil der Ausbildung zur Priesterin? Leicht biß die Graue die Fänge aufeinander, und mit diesen Worten fand sie unzählige Fragen in ihrem Kopf wieder. Wollte sie zu einer Priesterin Engayas werden? So wie... Sheena und ihre Mutter? Nun wandte sie den Blick von ihrer Mutter ab, betrachtete noch einmal den Schnee unter sich, wandte den Blick dann zum Horizont. Ohne die Weiße anzublicken öffnete sie leicht den Fang.
„Und was ist, wenn nichts passiert? Vielleicht hat es Sheena geholfen, und was ist, wenn es mir nicht hilft?“ Kurz zögerte die Graue, hielt einen Moment selbst die Luft an, ehe sie den Blick dann doch wieder herum wandte, ein wenig zögerlich zu ihrer Mutter blickte. Schon lange lag ihr eine Frage auf der Zunge, dessen Aussprache sie doch nie gewagt hatte. „Ist es... falsch, sich Fenris näher zu fühlen als Engaya? Ist es immer schlecht, nach Fenris Willen zu handeln? Ich habe mich Engaya nie nah gefühlt, nicht so wie... Banshee.“
Sie sprach den Namen ihrer Großmutter vorsichtig aus, leise, als wäre es falsch, sie in diesem Zusammenhang zu nennen. Und dann sprach ihre Mutter weiter, und in diesem Moment legte sich über Atalyas Gesicht ein trauriger Ausdruck. Sie hatte es nie so gesehen. Sie hatte immer nur den Fehler ihrer Mutter gesehen, nie die Schuld, die sie sich selbst auferlegt hatte. Sie schüttelte leicht den Kopf. Nein, nicht alle Schuld lag bei Tyraleen. So wie sie sagte... fast jeder von ihnen hatte sich Schuld auferlegt.
„Ich denke, du hast Recht. Wir haben alle Fehler begangen, die wir jetzt nicht mehr rückgängig machen können. Ich entschuldige mich noch einmal dafür.“
Jetzt, wo sie ihrer Mutter in die Augen blickte, glaubte sie etwas wie Angst ihn ihnen zu erkennen. Vor was hatte ihre Mutter Angst?
„Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas passiert. Hier, bei uns. Aber ich will dir vertrauen, und hoffen, dass niemand von uns hier so etwas noch einmal durchmachen muss.“
Die Dunkle atmete leise ein, schloß einen Moment die Augen.
„Was glaubst du, wie geht es nun weiter?“
21.07.2011, 13:14
Als Atalya nach Tyraleens ersten Worten zu sprechen begann und sagte, dass sie ihre Mutter verstehen würde, fiel ein erster, großer Stein von dem Herzen der Weißen. Natürlich schränkte auch die Graue – wie schon Tyraleen selbst in ihren Gedanken – das Verstehen ein, denn natürlich konnte nur ein Erleben der Situation ein vollkommenes Verstehen bringen. Aber es musste reichen um Atalyas Wut wenigstens ein bisschen einzudämmen. Liebevoll und doch von Zurückhaltung geprägt beugte sich die Weiße leicht vor und berührte ihre Tochter an der Stirn.
“Weder du, noch deine Geschwister sollen jemals eine solche Situation erleben müssen. Ich wünsche mir, dass ich euch immer davor bewahren kann.“
… denn es gibt keine grausamere Art, eine Entscheidung zu erzwingen. Und auch wenn Tyraleen sich manchmal fragte, ob alles anders – besser – gelaufen wäre, hätte auch ihre Familie einmal eine solche Entscheidung treffen müssen, wünschte sie sich doch, dass keiner von ihnen jemals eine solche Situation erleben musste. Diese Tatsache brachte sie nah zu Engaya und sie war froh und dankbar, so empfinden zu können.
Die Reaktion Atalyas auf ihren Vorschlag, die Wut unter Kontrolle zu bringen, entging Tyraleen keinesfalls. Offensichtlich war das nicht unbedingt die Art von Hilfe, die die Graue sich erhofft hatte. Aber was hatte sie erwartet? Die Wut gehörte zu Fenris, somit war nicht-Wut – Ruhe, Freundlichkeit und Gelassenheit – ein Teil Engayas.
“Diese Methode ist keine Zauberei, die schief gehen kann oder nicht. Wenn du es möchtest und diszipliniert bleibst, dann wird es auch helfen. Natürlich kann es sein, dass es dir nicht hilft – vielleicht, weil du es eigentlich gar nicht willst - aber dann haben wir es immerhin versucht.“
Der zweite Teil von Atalyas Fragen überraschte Tyraleen dann. Hatte sie so geklungen, als wäre Fenris schlecht und als wäre eine Zugehörigkeit zu ihm falsch? Das hatte sie nicht gewollt. Sanft schüttelte sie den Kopf.
“Natürlich nicht. Wenn du dich gut fühlst und glücklich bist, dann ist es richtig. Wenn du dich bei Fenris wohlfühlst, dann gehörst du zu ihm und daran ist nichts falsch. Wenn du jedoch unter deiner Wut leidest, dann solltest du dich vielleicht in diesem Punkt von Fenris lösen. Das heißt nicht, dass du plötzlich zu einem Engayawolf wirst – du bist nur ohne Wut glücklicher und trägst damit auch einen Teil der Göttin in deinem Charakter. Das ist aber ebenso wenig schlimm, wie Fenris anzugehören. Es ist nur etwas anderes. Wir brauchen beide Teile in uns, auch wenn ich als Priesterin Fenris ganz ablehnen muss. Jeder andere Wölf bedarf jedoch beider Götter – die einen mehr von Fenris, die anderen mehr von Engaya - sonst sind sie nicht glücklich. Wut kann manchmal zu Höchstleistungen antreiben, Zorn verleiht Wölfen große Stärke. Selbst Hass ist nötig, damit unsere Welt funktioniert, denn würde es nur Liebe geben, könnten wir nicht töten und unsere Reviere verteidigen, die unser Leben sind.“
Der traurige Gesichtsausdruck Atalyas verwirrte Tyraleen zunächst, dann verstand sie, dass sie ihrer Tochter soeben eine neue Sichtweise verliehen hatte. Offensichtlich hatte sie wirklich nie darüber nachgedacht, dass auch andere außer ihrer Mutter sich falsch verhalten haben könnten. Als sie sich dafür entschuldigte, legte sich ein sanftes Lächeln auf die Lefzen der Weißen und sie nickte. Nichts nahm sie lieber an, als diese Entschuldigung.
“Keiner von uns hat so etwas erwartet. Deshalb haben wir alle auch so stark darauf reagiert. Etwas Ähnliches kann schon alleine deshalb nicht erneut geschehen.“ Sie schluckte kurz. “Ich würde mich freuen, wenn wir uns nicht mehr meiden würden. Wenn wir wieder uns wieder ganz normal unterhalten könnten. Wenn wir versuchen, wieder Mutter und Tochter zu werden.“
23.07.2011, 09:46
Es war ein ungewohnter Moment, unerwartet, als ihre Mutter sie an der Stirn berührte. Einen Moment neigten sich ihre Ohren zurück, und sie blinzelte leicht. Nicht, dass es unangenehm war. Aber sie hatte nicht mit dieser plötzlichen Berührung gerechnet. Sie hatte sogar einen Moment die Luft angehalten, ehe sich ihre Ohren wieder aufstellten und sie Tyraleens Worten lauschte. Sie nickte vorsichtig, wußte dazu aber nichts zu sagen. Sie würde sicher alles daran setzen, es nicht so weit kommen zu lassen. Sie konnte sich kaum etwas schrecklicheres vorstellen.
Ohne den Fang zu öffnen lauschte sie den weiteren Worten ihrer Mutter, atmete ruhig ein uns aus und nickte dann sachte. Einen Versuch war es wert. Aber... vielleicht würde sich auch alles so wieder in richtige Bahnen bewegen? Wollte sie, dass sie diesen Weg einschlug? Sie konnte es zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, sprach also nur mit leiser, unsicherer Stimme.
„Ich werde darüber nachdenken.“
Als ihre Mutter den Kopf schüttelte, neigte Atalya leicht den Kopf, legte ein Ohr zurück und blickte die Weiße von der Seite her an. Sie nickte still während der Worte Tyraleens, merkte sich jedes Wort genau, um sie sich immer wider selbst sagen zu können. Vielleicht würden sie bei ihrer Entscheidung helfen können. Dann sprach sie langsam, vorsichtig. Wählte jedes Wort sorgfältig aus.
„Bis zu Tascurios Tod war alles okay... und dann, als du uns gestanden hast, was du getan hast, habe ich die Kontrolle verloren. Es war nur ein kleiner Moment, einen kurzen Moment fühlte sich alles an, als könne ich es nur falsch machen, egal was ich tun würde. In diese Moment hätte ich Kontrolle über mich selbst gebraucht. Wenn ich das durch... schweigen schaffen würde, wäre denke ich alles leichter.“
Ihr Blick wandte sich kurz ab, zum Horizont und dann wieder zurück zu ihrer Mutter, die nun wieder sprach. Ihr Lächeln und das Nicken ihrer Mutter bestärkte sie, und ganz sachte erwiderte sie das Lächeln der Weißen, wenn auch zögerlich. Nun sprach sie davon, dass sie sich wünschte, dass sie sich wieder annähren würden. Als Mutter und Tochter. Kurz blinzelte Atalya, zögerte. Einige stille Momente vergingen, in denen sie ihre Mutter nur anblickte. Dann ging ein leichtes Zucken durch ihren Körper und sie rutschte näher an die weiße Fähe heran, bis ihre Seite die ihrer Mutter berührte. Langsam neigte sie den Kopf, versteckte ihr Gesicht im warmen, weichen Pelz ihrer Mutter. Für einen Moment konnte sie sich wieder wie die kleine Welpin fühlen, die Schutz bei ihrer Mutter suchte.
„Hiermit haben wir wohl den ersten Schritt in diese Richtung getan.“
25.07.2011, 11:12
Die Unsicherheit in Atalyas Stimme schwang so deutlich durch, dass Tyraleen sich fragte, wovor sich ihre Tochter fürchtete. Wäre es so schlimm für sie, einen Teil Engayas in sich zu tragen? Wäre es so schlimm, ein paar Trainingseinheiten zu wagen – abbrechen konnte man es selbst dann noch immer. Vielleicht war Atalya momentan auch einfach ein wenig überfordert, immerhin hatten sie viel in diesem kurzen Gespräch angesprochen und die Graue würde über all das zunächst nachdenken müssen. So nickte auch Tyraleen und lächelte leicht.
“Du kannst immer zu mir kommen und mir deine Entscheidung mitteilen. Fürchte dich nicht vor einem Versuch, weder wirst du ein Schweigegelübde wie Sheena auferlegt bekommen müssen, noch dich selbst verlieren.“
Tyraleen hätte damit das Thema abgeschlossen, doch ihre Tochter schien sich noch immer Gedanken darüber zu machen. Als sie dann leise von ihrem Empfinden im Moment des Geständnisses sprach, kamen Tyraleen die Worte nur allzu bekannt vor. Situationen, in denen man das Gefühl hatte, stets nur das Falsche tun zu können, kannte auch sie nur zu gut. Immerhin war auch der Moment kurz vor dem Tod Tascurios ein solcher gewesen. Auch diese Situationen waren Fenrismomente und die Kunst lag darin, trotz allem Engaya nicht zu übersehen. Dass Tyraleen dazu nicht immer fähig war, hatte sie eindrucksvoll bewiesen, dennoch zweifelte sie nicht daran, Atalya auch dabei helfen zu können.
“Wie gesagt, du musst nicht zwangsläufig schweigen, wenn dir dies nicht gefällt. Das wäre nur das letzte Mittel, wenn wie bei Sheena sonst nichts anderes hilft. Kontrolle, Ruhe und den Blick für das Richtige kann man auf viele Arten erlernen.“
Das leichte, erste Lächeln Atalyas freute Tyraleen stumm und fast dachte sie, dass sie sich damit als Antwort auf ihren Wunsch zufrieden geben müsste – was ihr durchaus gereicht hätte, immerhin hatte sie schon das Gespräch sehr viel näher gebracht – doch dann rückte ihre Tochter ganz langsam näher zu ihr, bis sich ihre Fellspitzen berührten, neigte ihren Kopf und vergrub ihn sachte im Pelz ihrer Mutter. Einen kurzen Moment lang verspürte die Weiße Erleichterung, Freude und einen Hauch Überraschung, dann flutete Liebe ihr Herz und sie legte ihren Kopf sanft auf die Schultern ihrer Tochter. Auf die leisen Worte der Grauen nickte sie nur leicht, musste nichts weiter hinzufügen, wollte nur den Moment genießen.
Noch eine ganze Weile lagen Mutter und Tochter so beieinander, froh, einander wiedergefunden zu haben.
(( Ich hab das jetzt Mal abgeschlossen & verschoben. Wenn du noch einen Text dazu schreiben willst, hol es einfach zurück =) Wenn du für Atalyas Entscheidung ein neues Play willst, mach es auf x) ))