21.07.2011, 15:07
Es war lange her, seit Daylight aus dem Tal der Sternenwinde verschwunden war. Ohne merklichen Abschied, ohne eine Rechtfertigung. Wie ein feiges Beutetier verschanzte sich die depressive Fähe hinter sich selbst, wissend, dass die Erinnerungen sich immer tiefer ins Fleisch bohren würden. Doch das alles hielt sie nicht davon ab, ins Exil zu gehen. Eine Zeit lang hatte sie Anschluss bei einem Rudel gefunden, das sie liebend annahm. Zusammen verweilten sie ein komplettes Jahr. Sie gewann die Herzen der Anderen für sich, und die Anderen das Ihre. Eine eigentlich sehr schöne Wendung im Leben des Lichterkindes. Eigentlich. Denn sie hatte ständig Alpträume, von ihrem ehemalligen Rudel, ihrer Familie. Jede Nacht wurde sie von ihrem Gewissen geplagt und gejagt wie ein hilfloses Wesen. Jeden grausamen Morgen weckten die Klagen ihres Vaters sie, rissen die Wölfin in einen Strudel aus Verwirrung, Sorge und Reue. Bis sie es nicht mehr aushielt. Eines Morgens, so kühl und hoffnungsvoll wie in einem jeden Märchenbeginn, verabschiedete sich die geliebte Rudelgefährtin von ihrer neugewonnen Familie. Es war hart, und es schmerzte jeden sehr. Doch sie musste zurück. In all der Zeit war ihr Geist an der Verantwortung zerbrochen, der sie sich mit voller Scheu und Feigheit entzogen hatte. Daylight musste sich ihrer Vergangenheit stellen. Ob sie einen Neuanfang wagen könnte? Dies stand noch in den Sternen.
Bereit oder nicht. Hier kommt Daylight.
Entschlossen schritt die Weiße über die Rudelgrenze,
zurück in ihr altes Leben. Es war kein bisschen schwer, entgegen ihrer Erwartungen. Nein. Es war sogar erleichternd und fühlte sich an, als würde man ihr eine erdrückend schwere Last von den Schultern nehmen. Erleichtert atmete sie auf und befreite ihre Lungen von der Luft, die sie aus Panik so hektisch eingeatmet hatte. Merkwürdigerweise knirschte es unter ihren Pfoten und gefror augenblicklich. Moment. Schnee? Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass ihr die Tatsache, dass das komplette Tal vom Winter zugedeckt worden war, so ziemlich total entgangen sein musste. Erschrocken hob sie die Pfote. Was war hier nur los? Sie musste sofort mit jemandem sprechen. Optimistisch gestimmt und auch leicht verwirrt legte sie tief den Kopf in den Nacken, wie sie es gewohnt wahr, und schickte sich mit einem langgezogenen Heulen an, ihre Rückkehr zu verkünden.
"Daylight, das Lichterkind ist zurückgekehrt!"
22.07.2011, 10:06
Tyraleen lag entspannt auf dem Rudelplatz, ließ ab und an ihren Blick über die Wölfe gleiten und döste die restliche Zeit ohne viele Gedanken vor sich hin. Es war ein ruhiger Tag und so wie es aussah, würde er auch so bleiben. Nach der ganzen Aufregung der vergangenen Zeit war die Weiße froh darüber und genoss das faule Herumliegen. So verspürte sie zunächst auch leichten Unmut, als ein Heulen im Norden anschwoll, doch bereits nach wenigen Herzschlägen erkannte sie erst die Stimme und dann den Inhalt der Botschaft. Daylight!? Ihr Kopf war nach oben geschnellt und auch wenn sie natürlich nichts als Wald erkennen konnte, blickte sie über ihre Schulter nach Norden. War das wirklich ihre Schwester? Wie lange hatte sie sie nicht mehr gesehen? Noch bevor das Nichts zu groß geworden war, um das Revier verlassen zu können, war Daylight verschwunden. Kurz nach dem Tod Banshees. Unzählbar lange her kam es Tyraleen her, dabei war es bei genauerer Betrachtung nur etwas mehr, als ein Jahr. Dennoch eine lange Zeit für zwei Geschwister – selbst für Daylight und sie, deren Geschwisterbeziehung nicht immer einfach gewesen war.
Einen kurzen Moment verharrte Tyraleen noch, dann erhob sie sich, warf einen schnellen Blick auf den Rudelplatz, wandte sich um und verfiel in einen schnellen Trab. Irgendwann hob sie ihrerseits den Fang und stieß ein klares, freundliches Heulen aus.
“Komm zu uns, Schwester!“
Wenn sie sich entgegenliefen, würden sie schon bald aufeinander treffen. Nun hatte die Neugierde Tyraleen gepackt. Was war aus Daylight geworden? Wie war es ihr ergangen? Wo war sie gewesen? Eine tanzende Freude erfasst die Weiße, als ihr bewusst wurde, dass sie nach langer Zeit endlich wieder einem ihrer Wurfgeschwister gegenüberstehen würde. Amáya war ebenso fortgewandert wie Daylight und Merawin hatte sie alle lange vor seiner Zeit verlassen. So hatte es aus dem zweiten Wurf Banshees immer nur Tyraleen gegeben – nun wieder eine Schwester, die die gleiche Welpenzeit erlebt hatte wie sie, in der Nähe zu wissen, ließ die Weiße ihren Schritt beschleunigen. Als sie endlich das weiße Fell mit den honiggelben Augen entdeckte, wurde ihr erneut bewusst, wie ähnlich sie beide sich sahen. Das gleiche Fell, die gleiche Augenfarbe, nur viel kleiner war ihre wenige Minuten jüngere Schwester. Sie hatte sich zumindest äußerlich nicht geändert, war noch immer Daylight, das strahlende Lichterkind. Tyraleen verlangsamte ihren Schritt, trat ihrer Schwester mit einem großen Lächeln entgegen, schnupperte zunächst mit wippender Rute an Nase, Gesicht und Hals. Dann wurde das Rutewedeln stärker und ihre Zunge fuhr über den Fang der Weißen, knabberte in ihrer Halskrause und berührte sie an der Stirn.
“Hallo Schwester.“
22.07.2011, 15:21
Eine Welle der Erinnerung überfiel die zierliche Wölfin, als sie die Antwort ihrer geliebten Schwester vernahm. Augenblicklich sprang sie los, spannte jeden ihrer Muskeln an und war voller Freude. Die Zeit mit ihrer Familie lag der verträumten Tänzerin so viel mehr am Herzen, als alles andere. Natürlich riefen die vertrauten Wälder und Gebirge durchaus auch schmerzende, sogar überwiegend unverarbeitete Ereignisse in ihr wach. Und doch hielt sie ihre Mutter, Banshee, in reiner Erinnerung. Ihre so sehr geliebte Anführerin war vor einer scheinbar unendlich langen Zeit eines traurigen, friedlichen Todes verschieden. Und nun wandelte auch Daylight wieder über diese verzauberten Ebenen. Es war ein wunderschöner Kreislauf. Das Rudel der Sternenwinde würde niemals sterben. All dies und noch so viel mehr spielte sich in ihrem Geiste ab, erfüllte sie mit Stolz, Sehnsucht, Frieden und einer riesigen Wiedersehensfreude zugleich. Sie flog nur so dahin über den Schnee, der in der Herbstsonne magisch funkelte. Ihre Pfoten berührten in einem schnellen Takt den eisigen Boden, trugen sie im Herzschlag der puren Fröhlichkeit zurück in ihre Heimat. Die Liebe zu ihrer Familie und die gleichzeitige Wiedersehensfreude ließen ein Lächeln auf ihre Lefzen weichen, entfachten ein sterngleiches Funkeln in ihren Seelenspiegeln. Was wohl alles geschehen war? Vielleicht würde sie all die anderen wiedertreffen, die damals mit dem Rudel gezogen waren. Immer und immer mehr schien die Fröhlichkeit von ihr Besitz zu ergreifen, schenkten ihr die Kraft um sich mit letzten, weiten Schritten ihrer vertrauten Schwester zu nähern. Nichts war schöner gewesen in all der langen Zeit, als das Gefühl, nun endlich wieder dort zu sein, wo sie hingehörte. Es war unbeschreiblich ihrer großen Schwester wieder gegenüberzustehen, sie sanft anzuspringen und mit der Schnauze ihr Fell zu durchwühlen. Die vertrauten Gesten von Tyraleen riefen eine innere Ruhe in ihr hervor, ließen ihren rasenden Herzschlag abklingen und machten sie wieder zur kleinen, geliebten Schwester der beiden.
"Es ist so lange her. Ich bin so glücklich, wieder bei euch zu sein, Schwester. Du hast mir so schrecklich gefehlt."
Leicht schnaufend wich sie nun zurück und blickte ihr tief in die Augen, legte ihren Kopf schief und versuchte sich in Zurückhaltung zu üben. Sie war zwar ohne ein Wort des Abschieds gegangen, doch dies gehörte der Vergangenheit an. Endgültig. Ihr Gewissen war nun reiner denn je. Sie erstrahlte wieder zu altem Licht, nur für das Tal der Sternenwinde. Und in erster Linie war sie mehr als froh Tyraleen wiederzusehen. Selbstverständlich verstanden sie sich nicht immer so rosig wie nun, da Daylight in ihrer Zeit als Welpe und Jungwolf voller naiver Aufdringlichkeit und Sturheit ihre Vorstellungen von Geschwisterschaft durchsetzen wollte. Doch sie hatte sich gewandelt. Ein gewisser Ernst durchtränkte ihren Blick wie die Tiefe des Meeres, doch das Leuchten erstarb nie. Und so suchte sie in den Augen von Tyraleen nach ihrer Schwester, nach der liebevollen Wölfin die sie kannte. Und sie fand sie. Die Große hatte sich zwar in eine richtige Alphawölfin verändert, mit allem drum und dran, und doch steckte noch ein Funken der Welpin in ihr. Natürlich. Wie konnte es auch anders sein?
"Ich bin so glücklich, dich zu sehen."
Ein letztes Mal verlieh sie ihren Worten Ausdruck, kam ihr zärtlich nahe und rieb ihre Schnauze in dem Fell ihrer großen Schwester. Nie hatte sie sich geborgener gefühlt.
25.07.2011, 11:48
Die Gesten der Wiedersehensfreude und zurückhaltender Zärtlichkeit Tyraleens wurden so offen und liebevoll erwidert, dass die Weiße jeden Zweifel über die Beziehung zwischen Daylight und ihr verlor. Als Welpe hatten sie wenig aneinander gefunden, als Jungwölfe hatten sie sich angenähert bis zu dem Punkt, an dem Tyraleen begonnen hatte, so etwas wie eine Freundin in ihrer Wurfschwester zu erkennen - und dann war Daylight gegangen. Wo begann man nun wieder? Auch im Hinblick auf das Geschehene, von dem ihre Schwester jedoch nicht einmal wusste. Die Begrüßung ließ diese Fragen in den Hintergrund rücken, fanden die Schwestern doch ohne Probleme einen Umgang miteinander, mit dem sie sich beide wohlfühlten. Ein schöner Umgang, eine schöne Begrüßung, hoffentlich die Fortsetzung dessen, was sie vor mehr als einem Jahr begonnen hatten.
“Du hast mir auch gefehlt, Daylight. Manchmal habe ich mich gefragt, ob du überhaupt noch am Leben bist. Aber wie ich sehe, geht es dir gut. Besser denn je? Du siehst wunderschön aus – so glücklich.“
Noch ein wenig unzusammenhängend gab Tyraleen ihre ersten Eindrücke von ihrer Wurfschwester ungefiltert preis und ließ sie dann widerstandslos einen Schritt zurücktreten um die Weiße ebenso zu mustern. Naivität und ungehemmter Leichtsinn hatten Daylight gerade als Welpe stets begleitet, davon schien nun nicht mehr viel übrig. Die Weiße wirkte ernster und dennoch nicht weniger fröhlich, sie war ganz eindeutig erwachsen geworden. So wie sie alle. Mit einem Lächeln erwiderte sie die weiteren Worte ihrer Schwester, drückte sich erneut in deren Pelz und schob dann doch den Kopf leicht zurück um Daylight erneut in die honiggelben Augen sehen zu können.
“Wo bist du gewesen? War es schön dort? Nicht so schön wie hier, oder? Oh, es ist so viel geschehen, seit du fortgegangen bist. Auch so viel Schreckliches. Ich habe fast Angst, es dir zu erzählen.“
Nun hatte sich Traurigkeit in den Blick der Weißen geschlichen, denn zwangsläufig würde nun das Gleiche passieren, wie bei den meisten ihrer Familienmitglieder. Wie konnte man auch nicht entsetzt sein, wenn die eigene Schwester ihren Welpen – den eigenen Neffen – tötete? Tyraleen würde keine zukünftige Reaktion Daylights verurteilen und doch wünschte sie sich, dass sie einfach weiter so liebevoll und innig miteinander umgehen würden.
25.07.2011, 15:08
Es war unbeschreiblich, wie geborgen sie sich fühlte. Ein warmer Mantel aus Güte legte sich über ihr Fell, umhüllte sie warm und sanft. Wie hatte sie sich nur Sorgen darüber machen können, dass man sie nicht mehr annehmen würde? Absurd! Daylight war stets in ihren Gedanken gefangen gewesen, eine Abtrünnige zu sein. Wie überraschend war es doch, dass sie viel zu viel Dramatik in das Ganze hineingesteckt hatte. Tyraleen war immer noch ihre Schwester. Und dieses Band, diese Verbindung, dieses Vertrauen würde nicht reißen. Nicht, solange sie es nicht auf die Probe stellte. Und das würde sie nie tun. Nach dieser Erkenntnis drangen Tyraleens Worte nur noch tiefer zu ihr vor, berührten ihr Herz. Mit so viel Freundlichkeit hatte sie nie gerechnet. Wie atemberaubend es demzufolge war, so liebevoll empfangen zu werden. Schöner als sie es sich je hätte ausmalen können.
"Du kennst mich doch! Ich gebe nicht so schnell klein bei. Was wäre ich für eine Schwester, wenn ich mich einfach so töten ließe? Nein! Engaya beschützt mich. Und ich bin froh, zu sehen, dass es bei dir genauso ist. Auch wenn du dich ebenfalls verändert hast. Du wirkst so... Stattlich. Erwachsen?! Jedenfalls sehe ich in dir trotz all der Zeit immer noch die große Schwester, die ich immer kannte."
Sie wollte sich an sie kuscheln, die lauen Abendstunden mit ihr und ihren Geschwistern verbringen, Geschichten der Älteren lauschen... Ein wenig suchte die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten sie heim. Kindlich. Ja, das würde sie passend bezeichnen. Daylight weigerte sich strikt, ihre Welpenzeit in Vergessenheit geraten zu lassen. Und so genoss sie nun die Gegenwart Tyraleens. Es würde nie wieder so werden, wie früher. Aber ein Ende bedeutet auch immer einen neuen Anfang.
"Ich war bei einem Rudel, dass mich so liebevoll aufnahm, du wirst es nicht glauben! Aber ich konnte nicht lange von euch wegbleiben. Ich hatte Schuldgefühle, Angst. Ihr habt mir so gefehlt. Insbesondere du."
Sie legte den Kopf leicht schief, schien nicht zu verstehen, was die Große ihr sagen wollte. Angst? Davor, ihr etwas zu erzählen? Wie irreparabel. Wirklich! Daylight würde nie, niemals, über jemanden richten oder ihn aufgrund vergangener Ereignisse verurteilen. Sie würde immer dafür sorgen, dass ihr Gegenüber sich wohlfühlte. Mit diesem Gedanken stellte sie sich lächelnd der Herausforderung. Sollte kommen was wollte, sie würde mit Liebe reagieren. Darüber hinaus kannte Daylight ihre Schwester. Nie hätte sie bestialische oder grausame Dinge getan, Unrecht, all das, was ein Fenriswolf zum Beispiel tun würde. Stets hielt sie sich an den Pfad der Tugend. Und ihrer Meinung nach würde sich das auch nie ändern. Also begegnete sie der Trauer im Blick ihres Gegenübers mit dem Anschmiegen ihrer Schnauze an das weiße, prächtige Fell. Niemals würde sie Tyraleen wegstoßen. Dafür liebte die kindliche Wölfin ihre Familie zu sehr.
"Du kannst mit mir reden. Über alles. Du weißt doch, ich stehe dir zur Seite. Ich hasse es, über irgendetwas zu urteilen. Engaya macht das auch nicht immer!"
Mit diesen naiven, und doch so hoffenden Worten wollte sie ihrer Schwester vermitteln, dass sie zwar noch die alte, verspielte Daylight war - Doch durchaus ein Urteilsvermögen für das Leben und sich selbst entwickelt hatte.
25.07.2011, 18:37
Tyraleen spürte Daylights Glückseligkeit und kam nicht umhin, sich davon anstecken zu lassen. Wärme flutete auch ihr Herz und beinahe fühlte es sich an, als wären sie nie getrennt gewesen. Ob es daran lag, dass Daylight und sie Wurfschwestern waren? Weder zu Kisha noch zu Parveen hatte sie eine ähnliche Verbindung verspürt, als sie zurückkehrten. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie sich so ähnlich waren, nicht nur äußerlich, sondern ebenso auch innerlich. Stets hatte man ihnen auf den ersten Blick angesehen, dass sie Schwestern waren, ihr Lächeln, ihr Strahlen, ihre Augen hatten sich immer geglichen. Auch ihr Wille und die Nähe zu Engaya hatten sie stets verbunden und auch wenn Daylight sich verändert hatte – diese Eigenschaften hatte sie nicht verloren. Möglicherweise hätte Tyraleen ungezwungen über die Daylights Worte - sich nicht einfach töten zu lassen - gelacht, doch augenblicklich sah sie Tascurio vor sich, der sich einfach hatte töten lassen. Was war er für ein Bruder, was für ein Sohn? Hätte er sich wehren müssen? Würde er heute noch leben, hätte er darum gekämpft? Wehmut tränkte Tyraleens Augen und sie senkte den Blick, sodass Daylight ihn nicht sah. Sie sollte nicht glauben, dass ihre Worte ihre Schwester unglücklich gemacht hatten. Schon im nächsten Moment sah sie wieder auf, nun lächelnd, die dunklen Gedanken verdrängend.
“Ich bin mir nicht sicher, ob ich – wir – Engayas Schutz ebenso genossen haben, wie du. Ich fürchte sogar, dass sie uns sehr fern war und nur ganz langsam zu uns zurückfindet. Ich bemühe mich darum. Aber du hast Recht, auch ich habe mich verändert. Ich bin nun Leitwölfin, so wie Mama es immer prophezeit hat. Und ich musste in letzter Zeit sehr viel lernen.“
Sie wagte nicht zu bestätigen, dass sie noch immer Daylights große Schwester war. Würde sie das auch noch sein, wenn sie ihr gestand, was sie getan hatte? Wie könnte sie, hatte sie doch nicht nur ihr eigenes, sondern ebenso Daylights Ideal verraten und sich jeglicher Vorbildfunktion beraubt? Nein, sie war nicht mehr die große, schillernde Schwester, sie war klein geworden, auch wenn sie Daylight körperlich überragte und auch wenn sie Leitwölfin war. Sie bemühte sich, Freude über den kurzen Bericht über das fremde, freundliche Rudel zu zeigen – tatsächlich freute es sie, dass ihre Schwester eine so schöne, vorübergehende Heimat gefunden hatte. Aber ihr Gedanken waren schon viel zu festgefahren in dem Wissen, Daylight gleich alles gestehen zu müssen. So nickte sie etwas mechanisch, lächelte nicht mehr ganz so überzeugend und fuhr mit der Nase an der Lefze ihrer Schwester entlang.
“Es ist schön zu hören, dass es dir dort draußen gut ging. Aber noch schöner ist es, dass du am liebsten hier bei uns bist.“
Daylight schien ihre Angst und Traurigkeit bemerkt zu haben, jedoch nicht zu glauben, dass dieses schreckliche Geschehnis so schrecklich war, dass sich irgendetwas an ihrer Meinung und Einstellung zu Tyraleen ändern könnte. Diese Haltung rührte die Weiße, doch konnte Daylight das Ausmaß des Ganzen kaum ahnen. Ihre Worte und das sanfte Anschmiegen schürten zwar ein wenig Hoffnung in der Leitwölfin, doch viel zu wenig, um die Schwermut aus ihrer Stimme und ihrer Haltung zu vertreiben.
“Oh Daylight, ich wünschte, ich müsste dir das nicht erzählen. Ich wünschte, ich könnte es dir verheimlichen, sodass sich nichts zwischen uns ändert.“ Jetzt hatte sie geflüstert. Sie konnte den freundlichen Blick ihrer Schwester nicht länger erwidern und senkte den Kopf. “Ich … ich habe vor drei Monaten meinen Sohn Tascurio getötet. Fenris stellte mich vor die Wahl – Averic oder er. Ich entschied mich für Averic. Ich konnte nicht anders. Ich war so … so voller Angst. Und so schwach, oh Daylight, ich war viel zu schwach.“
Sie wagte es nicht mehr den Blick zu heben, hatte Angst vor dem, was nun in den Augen ihrer Schwester stehen würde.
25.07.2011, 20:52
Merkwürdigerweise legte sich, trotz all der Wiedersehensfreude, ein trüber Schleier über ihrer Schwester. Er hielt nur kurz an - Einen Augenblick vielleicht, Daylight war sich nicht sicher, ob sie das nicht eventuell eingebildet hatte. Aber es verwirrte sie. Der Blick glitt suchend über die tiefgründigen Augen ihrer Schwester, suchte nach einem Anzeichen für die Bestätigung dieses fremden Moments. Besorgt, und gleichzeitig verunsichert wollte Daylight ansetzen, etwas zu sagen - Verwarf es jedoch sogleich, da sie sich anscheinend getäuscht hatte. In Tyraleens Seelenspiegeln konnte sie keinerlei negative Gefühlsregung ausmachen. Es schien, als würde sie nun langsam paranoid werden.
"Ich glaube, du machst dir zu viele Sorgen. Engaya wird immer bei dir sein, genauso wie beim Rest des Rudels! Vielleicht fühlt es sich für dich nur so an, weil du selbst weit von ihr entfernt bist. Aber ich bin mir sicher, wenn, dann fühlt es sich nur so an. Sie würde euch nie im Stich lassen. Mama achtet da sicher auch drauf! Ich vermute, sie wacht genauso wie Engaya über uns und schützt dieses Rudel."
Es fiel ihr gewohnt leicht, eine lichten Blick auf die Sache zu werfen. Die Sorgen von Tyraleen waren in ihren Augen unbegründet, da sie selbst fest daran glaubte, dass Engaya niemals jemanden im Stich ließ. Mochte es auch naiv sein, nach all den Jahren sich noch so in einem Glauben wie diesen verfahren zu haben - Es war das Geschenk, welches ihre Mutter ihnen vermacht hatte. Engaya würde auf ewig zusammen mit ihr selbst Bestandteil von Daylights Leben sein. Dies hatte sie nur zu sicher entschlossen.
"Das freut mich. Ich hätte nie gedacht, dass du mich so begrüßen würdest."
Erneut wedelte sie mit der Rute, ein weiterer Versuch der Heiterkeit, beide zu erfüllen. Doch nun wusste Daylight, dass etwas nicht stimmte. Es war unbestreitbar und lag in der Luft wie das bedeutungsvolle Rauschen des Windes. Sie wollte es nicht ansprechen, eher abwarten. Ihre Schwester war schon immer eine ruhige Fähe gewesen, die, wenn es drauf ankam, schon rausrückte. Und falls nicht? Nun, die Zeit um für diesen Fall Theorien aufzustellen hatte Daylight jedenfalls nicht mehr. Denn die folgenden Worte klangen schockierend. Nicht schockierend für sie. Sondern es war schockierend für die Weiße, den Emotionen in ihrer Stimme zu lauschen. Die Worte ihrer sonst so verantwortungsbewussten Schwester erstarb in einem schwachen Flüstern, als würde sie vor sich selbst flüchten. Mit geschlossenen Augen lauschte die Kleine nun dem, was das Herz ihrer großen Schwester anscheinend gebrochen hatte. Zuerst konnte sie es nicht realisieren. Tyraleen? Ein Mord? An ihrem eigenen Fleisch und Blut? Das konnte sie nicht fassen! Ganz still stand die zierliche Wölfin nun, konzentriert und ganz nach innen gerichtet. Ihre Schwester hatte keine Wahl gehabt. Daylight wusste selbst nur zu gut, wie schwerwiegend man eine Tat bereuen konnte, die so unausweichlich schien. Immer noch öffnete sie die Augen nicht und zwang sich vorerst zur Beurteilung der Lage. Mit Sicherheit erklärte dies auch das Verhalten ihres Gegenübers, diese merkwürdigen, traurigen Momente in ihrem Gespräch. Doch Daylight konnte wie immer mit ihrem Herzen denken. Eine Gabe, die sie stets reinen Geistes nutzte. Als sie sich in die Situation einfühlte wurden ihr die Qualen, Schuldgefühle und Ängste ihrer Schwester klar. Es musste grausam gewesen sein. Strafen? Nein, sie würde niemals das Wort gegen Tyraleen erheben. Daylight war sich sicher. Tyraleen war reineren Herzens als viele andere. Und dies erforderte oftmals auch Opfer. Die Tänzerin wollte in ihrer Schwester nicht das Gefühl geben, Strafe erleiden zu müssen. Und so wählte sie sorgfältigst ihre Worte, bevor sie die Augen wieder öffnete und ihre Schwester vollen Herzens still betrachtete.
"Weißt du Tyraleen, nicht jeder kann von sich behaupten, so viel in so kurzer Zeit an sich gewachsen zu sein. Du hattest nie eine Wahl und warst mit ganzem Herzen immer dabei. Du hast dieses Rudel geführt und führst es immer noch. Ich bin mir sicher, Fenris hatte seine Gründe wieso und weshalb er dir diese Qual aufbürdete. Aber du solltest dich nicht strafen. Du nicht und auch kein Anderer. Denn du hattest keine Wahl. Ein Held muss auch Opfer bringen. Und das Ganze ist nur ein Beweis dafür, wie reinen Herzens du bist, dass du denjenigen, den du liebst, so sehr verteidigst. Mit Schwäche hat das in meinen Augen nichts zutun. Schwäche wäre es gewesen, davonzulaufen. Aber du hast Verantwortung übernommen und dich entschieden. So tapfer und nicht anders kenne ich dich auch, Schwester."
Sie wollte ihr wenigstens beweisen, dass Daylight ihr verziehen hatte. Wobei. Verziehen? Was denn verzeihen? Es war grausam gewesen, ja. Und dennoch hatte sie lediglich die Wahl zwischen zwei Taten gehabt, die beide falsch waren. Demzufolge hätte sie sowieso einen der beiden verloren. Selbstverständlich war es grausam und brutal von Fenris gewesen, Tyraleen so zu testen. Aber, und das hatte sie selbst gelernt, ...
"...Wir alle wachsen an unseren Erfahrungen. Und sieh dich doch an! Du bist eine wunderschöne, stattliche und vorbildliche Alphafähe. Was geschehen ist, ist geschehen. Und du bist du. Ich werde dich niemals verurteilen."
26.07.2011, 11:04
Daylights nicht unterzukriegender Optimismus war Tyraleen früher oft ansteckend vorgekommen – man hatte der Weißen nur lange genug zuhören müssen und am Ende glaubte man an eine bessere Welt. Manchmal hatte sich die jüngere Tyraleen gefragt, ob in ihrer Schwester nicht auch irgendwo Melancholie, Traurigkeit und Pessimismus herrschte – dann hatte sie von den Problemen mit Aryan und Nightmare erfahren und lernte auch die andere Seite an ihrer Schwester kennen. Ob sie am Ende vor ihr geflohen war? Es schien Tyraleen noch zu früh, um diese Frage zu stellen, ganz abgesehen davon ging es nun erst einmal um ein sehr viel aktuelleres und sehr viel traurigeres Thema. So schaffte es der Optimismus Daylights heute nicht, auf Tyraleen überzugreifen, auch wenn die fröhlichen Worte ihrer Schwester der Weißen ein Lächeln auf die Lefzen zauberte.
“Du hast Recht, Engaya würde uns nie im Stich lassen … aber wenn wir sie im Stich lassen, bleibt ihr wohl gar nichts anderes übrig.“
Das Lächeln war verblasst. Sie hatte Engaya im Stich gelassen, sie enttäuscht, und all die anderen Wölfe, die sich in diesem Rudel als Engayawölfe bezeichnet hatten, waren ihrem Beispiel gefolgt. Bis auf Sheena und Rakshee. Was wäre geschehen, hätten diese beiden wichtigen Stützen – Priesterinnen wie sie – ebenso hasserfüllt reagiert? Tyraleen wollte es sich nicht ausmalen und war froh, dass Daylight eine Anmerkung machte, über die sie nachdenken konnte. Hätte sie ihre Schwester auf andere Art und Weise begrüßen sollen? Gab es einen Grund, wütend auf sie zu sein? Sicher, Daylight hatte sie verlassen und das auch noch zu den schlimmen Zeiten des Nichts, aber kein Wolf musste für immer in einem Rudel bleiben und erst Recht kein Wolf, der in diesem Tal geboren und es zuvor noch nie verlassen hatte. Nur weil für Tyraleen immer festgestanden hatte, dass sie hierbleiben und das Rudel leiten wollte, mussten es ihre Geschwister ihr nicht gleichtun.
“Hätte es einen Grund gegeben, meine Wurfschwester nicht so zu begrüßen?“
Wieder wehte ein Hauch von einem Lächeln über ihr Gesicht, doch wie schon zuvor verblasste es bald darauf und ließ die Traurigkeit zurück. Nunmehr mit gesenktem Kopf musste die Weiße ausharren und darauf warten, wie Daylight auf ihr Geständnis reagieren würde. Würde sie ihr kaum ernsthaft gegebenes Versprechen halten und weder urteilen noch von ihrer Seite weichen? Das hatten lediglich Sheena und Rakshee aus vollem Herzen und ohne ein Wenn und Aber getan. Wenn jemand ihnen gleichkam, dann wohl Daylight, auch wenn die Weiße nie die Ausbildung zur Priesterin absolviert hatte. Einige Herzschläge lang war es ganz still, auch Daylight regte sich nicht, doch da Tyraleen den Blick gesenkt hielt, konnte sie nicht sehen, ob ihre Schwester nachdachte oder sich wortlos von ihr abwenden wollte. Zweiteres erwartete die Leitwölfin nicht, dafür war ihre Schwester zu fair und hatte zuvor zu deutlich gemacht, dass sie anders war. Dann, endlich, begann die Weiße zu sprechen und mit jedem Wort fiel Ballast von Tyraleens Schultern. Zunächst noch war sie nur froh darüber, dass ihre Schwester sie verteidigte, wollte ihr aber dennoch widersprechen, da sie die Situation nicht auf diese Art und Weise betrachten konnte. Doch je länger Daylight sprach, desto einleuchtender klang auch ihre Sichtweise. Tyraleen hatte eine Entscheidung gefällt – sie hatte nicht einfach nichts getan und abgewartet. Tatsächlich klang das feige, sie hätte die Verantwortung auf irgendjemand anderen – Averic oder Tascurio oder die Götter oder wer auch immer in der Situation, in der Tascurio Averic getötet hätte, dabei gewesen wäre – geschoben. Sie hätte sich aus der Affäre gezogen und ihre Familie ihrem Schicksal überlassen. Dazu war sie nicht bereit gewesen. Erstmals schob sich Verwirrung in Tyraleens Blick, denn so logisch Daylights Ausführungen auch klangen, ihnen gegenüber stand die eigene Meinung der Weißen, dass sie zwar hätte abwarten müssen, doch mit Engayas Kraft und Wille Tascurio davon abbringen müssen, seinen Vater zu töten. Aber wer sagte, dass sie dazu überhaupt fähig gewesen wäre? Dass Engaya überhaupt den Willen gehabt hatte, Averic zu retten?
Langsam hob sie den Kopf, sah ihrer Schwester wieder in die Augen und zeigte ihr ihre Verwirrung, aber auch Dankbarkeit und Erleichterung, ohne den Blick zu senken. Welche Meinung war richtig? Hatte sie möglicherweise ein drei Monate anhaltendes Martyrium hinter sich, welches sie vollkommen zu Unrecht durchlitten hatte? Daylight hatte auch von einem Helden gesprochen – Tyraleen hätte sich nie als einen solchen bezeichnet – aber auch das schien nun passend. Ein wahrer Held wurde oft von vielen verurteilt; dafür, dass er den Mut hatte, etwas zu tun, was andere nicht taten; dafür, dass er Wege ging, die niemand sonst ging; dafür, dass er zu seinen Taten stand und sie nicht vertuschte oder verleugnete. War sie in Wirklichkeit ein Held? Immerhin hatte sie Averics Leben gerettet, auch wenn man nie wissen würde, ob ihr Bruder auch auf andere Art und Weise hätte weiterleben können.
“Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll. So habe ich das nie gesehen. Ich war immer der Meinung, dass ich hätte ruhig bleiben müssen. Dass ich die Kraft hätte haben müssen, Tascurio nicht zu töten und ihn doch mit Engayas Willen davon abzuhalten, Averic zu töten. Aber du hast Recht, woher weiß ich, dass ich das gekonnt hätte? Möglicherweise wären diese Bemühungen im Sande verlaufen und am Ende hätte ich meine Familie ihrem Schicksal überlassen. Aber in all diesen Gedanken sind so viele ‘was wäre wenn‘ … ich glaube nicht, dass es eine wirklich richtige Meinung gibt. Du hast mir eine neue Sichtweise eröffnet, die auch etwas Richtiges an sich haben muss. Danke, Schwester, vielen Dank.“
Sie trat noch einen Schritt näher und schmiegte ihren Kopf wieder an die Halskrause Daylights. Noch war sie zu verwirrt und diese Gedanken zu neu, um zu entscheiden, was sie nun denken und glauben sollte, doch das Gefühl, vielleicht doch nicht alles falsch gemacht zu haben, beseelte sie. Ebenso wie die Dankbarkeit, von ihrer wiedergefundenen Wurfschwester diese Sichtweise geschenkt bekommen zu haben. Sie wollte mit Averic darüber reden, wollte die Meinung eines Wolfes hören, der dabei gewesen und gleichzeitig das komplette Gegenteil verspürt hatte. Würden die Gedankengänge Daylights einen Fehler beinhalten, den sie nun nicht sah? Und wenn nicht … müsste sich das ganze Rudel dann nicht bei ihr entschuldigen? Tyraleen würde es niemals wagen, dies zu fordern. Und doch blieb einmal mehr der bittere Geschmack von Ungerechtigkeit auf ihrer Zunge.
((Mir ist der Name von ihrer Affäre eingefallen ^.~ Nightmare.))
26.07.2011, 20:07
Daylight fühlte sich unwohl, in dieser Position als Richterin. Ja, Richterin. So kam sie sich vor. Nie zuvor hatte sie in einer solchen Situation gesteckt - Jemanden beurteilen, ihm entweder eine Last von den Schultern nehmen oder sie verstärken. Unsicher wand sie sich in ihrem Inneren. Es war eine blöde Situation, ohne Zweifel. Aber jeder weitere Blick auf Tyraleen, wie sie da stand, die Trauer in die betrübten Augen geschrieben, bestätigte sie in ihrem Vorhaben, äußerst behutsam zu sein. Früher war es immer anders herum gewesen. Tyraleen, die große Schwester, als Idol, und Daylight als die begeisterte, kleinere Träumerin die sich ein Beispiel an ihr nahm. Nie hätte sie erwartet, dass es eines Tages an ihr war, zu urteilen. Auch wenn sie niemals urteilen würde. Nach dem was sie durchgemacht hatte, im Rudel der Sternenwinde als auch im Exil, war sie sich sicher, mit einer glücklichen Grundeinstellung alles bewältigen zu können. Doch leider hatte es ihre Schwester nicht so erwischt. Daylight selbst zuckte leicht deprimiert mit den Ohren, als die Tyraleens Stellungnahme zu Engaya vernahm. Was mag nur geschehen sein? Sie hatte nie zuvor solch Worte von ihr gehört, war ihre große Schwester doch stets voller Glauben und Tapferkeit. Betrübt heftete nun auch sie ihr Augenmerk auf den Schnee vor ihr, versuchte ein wenig von dem Leid, welches ihre Schwester erfasst hatte, auf sich übergehen zu lassen. Natürlich. Engaya und Fenris waren Gottheiten, sie hatten ihre eigenen Beweggründe und ihre eigenen Gedankengänge. Natürlich geschahen deswegen auch die ein oder anderen... Trauermomente. Bei diesem Gedanken flammte in dem Geist des Lichterkindes für einen dunklen Augenblick die letzten Erinnerungen an ihre Mutter auf. Selbst wenn Daylight eine feste Engayagläubige war, so akzeptierte sie auch Fenris als Gegenpart. Es war klar, dass beide voneinander abhängig waren, eine Dualität bildeten. Umso mehr schmerzte es für die Kleine, zu sehen, wie Tyraleen unter der Entfernung zu Engaya litt. Immerhin waren sie doch zu früheren Zeiten alle noch kindlich naiv gewesen, hatten an die weiße Göttin geglaubt und sie in ihr Leben gelassen. Während sie ihre Gedanken derartig entfesselte, vernahm sie nur noch schwach die liebevolle Antwort ihrer Schwester, auf die schrecklichen Schuldgefühle die sie seit so langer Zeit plagten. Erneut suchte sie ein kurzer Schauer der Dunkelheit heim. Daylight war all die Zeit über stets fest in der Annahme gewesen, man würde sie selbst für das verurteilen, was damals mit Aryan und Nightmare geschehen war. Dass sie aufgrund dieses ganzen seelischen Durcheinanders auswanderte, konnte sie damals niemandem mitteilen. Wie auch? Immerhin wollte sie die Illusion einer wunderbaren Beziehung zu ihrem Gefährten nie zerstören. Sie akzeptiere ihn zu sehr, viel zu sehr, um ihm dies anzutun. Nightmare war damals einfach nur... Rasch beendete sie diesen Gedanken und schluckte kurz. Es ging um Tyraleen, und nicht um sie selbst! Das alles hatte Zeit. Doch ihre Schwester litt Qualen, gerade in diesem Moment, und sie musste sie ihr nehmen.
"Ich liefere ein tolles Beispiel dafür, wie sehr man vor der Gegenwart flüchten kann. Das ganze Jahr über verfolgten mich Schuldgefühle und Alpträume. Und, wie du mich kennst, ich war was mich selbst angeht nicht wirklich optimistisch. "
Es fiel schwer, nicht in alte Denkmuster zurückzufallen. Doch sie schaffte es. Daylight, die alte, kindliche Daylight, war nun voller Beherrschung ihrer Gedanken und Worte. Früher war dies nur ein schwacher Abklatsch eines zukünftigen Traums gewesen, eine stetig verblassende Hoffnung. Als sich die Blicke der beiden Schwestern nun wieder kreuzten, erkannte Daylight in den auf einmal langsam wieder erstrahlenden Augen dass, was sie wachrufen wollte. Mission erfüllt. Es war zwar nur ihre eigene Meinung gewesen, welche sie mitgeteilt hatte, doch ein Hauch von Verständnis und vor allem Güte verliehen ihren Worten eine hoffentlich effektive Wirkung. Wie Medizin. Bei diesem Gedanken lachte sie geistig kurz auf. Noch wohler fühlte sie sich, als Tyraleen plötzlich vortrat und sich wieder an sie kuschelte. Wie merkwürdig! Früher war es doch immer anders herum gewesen. Es fiel ihr zusehens schwer, zu akzeptieren, dass es nun nicht mehr so war. Klar, sie liebte ihre Schwester und war immer für sie da, aber sie gönnte sich selbst nicht den Stolz, nun ebenfalls eine starke Schulter zu sein. Mit diesem belustigenden Gedanken setzte sie zu ihrer zweiten heilenden Wortattacke an, in der Hoffnung, sie könne ein wenig von dem in Ordnung bringen, was so schrecklich verdreht zu sein schien im Herzen Tyraleens.
"Nicht jeder kann mit Verständnis an eine solche Situation herangehen. Klar, Welpen und manch andere begreifen diese Lage nicht einmal. Aber ich möchte wenigstens, dass du dir selbst verzeihst. Und ich werde bei dir sein, um dich auf diesem Weg zusammen mit den anderen so gut es geht zu begleiten."
Sicherheit. Das wollte sie vermitteln. Eine schützende Hand, die wenigstens in diesem Moment all die Last von Tyraleen nahm. Denn Daylight konnte ihr anmerken, wie sehr sie das Ganze belastete. Wie stand es wohl mit Averic? Der Rüde, zu dem sie einen mehr oder weniger grottigen Draht hatte, war ihrer Schwester stets ein treuer Begleiter. Was hatte er wohl zu dem Ganzen gesagt? Wieder einmal mehr wurde der nun selbst leicht trauernden Fähe bewusst, wie schrecklich all dies gewesen war. Und sie selbst? Hatte Tyraleen im Stich gelassen. Das würde sie sich nicht verzeihen. Aber um fürs Erste dafür zu sorgen, dass die Wunden im Herzen der Großen heilten, legte sie sanft ihren Kopf an ihre Schulter und ließ das Licht in sie hineinströmen, welches sie selbst so erfüllte. Ob es half? Das konnte sie nicht sagen. Aber sie fühlte zusammen mit dem Kribbeln ein merkwürdiges Gefühl. Vereinigung.
27.07.2011, 12:03
Ins weiche Fell ihrer Schwester gekuschelt versuchte Tyraleen ihre Gedanken zu ordnen. Was geschehen war, war geschehen, im Nachhinein gab es kein richtig und falsch mehr, gerade in dieser Situation, in der das Risiko und damit die Unwissenheit so hoch gewesen war. Ob sie tatsächlich eine mutige Tat begangen hatte und das Lob des ganzen Rudels verdiente oder ob sich schwach gewesen war und sich für den leichtesten, den Fenrisweg, entschieden hatte, konnte niemand beurteilen. Niemand wusste, was geschehen wäre, hätte sie den anderen Weg gewählt. So durfte sie keine Dankbarkeit erwarten, aber war es dann richtig, derart gestraft zu werden? Selbst vor dem Hintergrund, dass sie die Tochter Engayas und dass sie die Mutter Tascurios gewesen war, schien das nicht ganz fair. Averic hatte sie so sehr im Stich gelassen, sie so sehr verachtet, gehasst und abgestoßen, dass zumindest von ihm ein Dank angebracht wäre. Immerhin hatte sie sein Leben gerettet. Immerhin hatte sie diese drei schrecklichen Monate nur deshalb durchleiden müssen. Kurz biss sie die Zähne zusammen, als ein alter, wohlbekannter Hauch von Wut auf ihren ehemaligen Gefährten aufkommen wollte. Sie hatte ihn nur allzu oft verspürt, auch wenn sich ihr Zorn meist auf seine gebrochenen Versprechen konzentriert hatte. Heute verlor sich das Gefühl schnell, aber den Geschmack der Ungerechtigkeit konnte sie nicht hinunterschlucken.
Erst als Daylight zu sprechen begann, wurde sich Tyraleen wieder bewusst, wo sie war und dass gerade ganz andere Dinge zählten. Über Averics Verhalten konnte sie noch lange genug nachdenken, jetzt war ihre Schwester hier und sie wollte sie trösten, ihr Kraft geben, die starke Schulter sein, die Tyraleen sonst stets für Daylight gewesen war. Dieser Rollentausch irritierte zunächst auch die Leitwölfin doch schnell fand sie das Schöne darin. Sie beide waren gewachsen und nunmehr konnten sie auch gegenseitig füreinander da sein. Ihre Beziehung hatte eine neue, tiefere, Ebene erreicht.
“Ich glaube nicht, dass ich mir jemals endgültig verzeihen kann. Dafür bin ich zu sehr Mutter. Aber das ist in Ordnung, jeder trägt Schuld durch sein Leben, die er nicht los wird. Solange er sich davon nicht entmutigen lässt, ist das in Ordnung. Ich werde versuchen, mich nicht entmutigen zu lassen. Und ich bin so froh, dass du mir dabei helfen möchtest. Wärest du doch nur schon ein wenig früher hier gewesen.“
Ob einiges auf andere Art und Weise verlaufen wäre, wäre Daylight zum Zeitpunkt des Mordes, des Geständnisses und der langen Tage danach im Tal gewesen? Hätte sie diese für Tyraleen so neue Sichtweise ihrer Familie mitgeteilt und so das Leid für Tyraleen gemildert? Doch auch diese Fragen waren wieder nur „Was wäre wenn …“-Gedanken und dass dieses Grübeln zu keinem Ergebnis kommen konnte, wusste die Weiße mittlerweile nur zu gut. So versuchte sie an nichts mehr zu denken und nur das Gefühl, ihrer Schwester ganz nahe zu sein zu genießen. Die Weiße hatte ihren Kopf auf die Schulter der Größeren gelegt und langsam breitete sich ein warmes Gefühl in ihrem Körper aus. Wieder fühlte sie sich Daylight näher als je zuvor und plötzlich schien auch Engaya ganz nahe. Dankbar schmiegte sie sich noch ein wenig enger an ihre Schwester, wünschte sich, dass der Moment nie vorbei gehen würde, doch irgendwann holten sie ihre Gedanken wieder ein. Der bittere Geschmack der Ungerechtigkeit kehrte ebenso zurück wie der kalte, schneidende Begriff „Mörder“.
“Es war und ist sehr schwierig für mich. Ich bin zu einer Mörderin geworden – gerade ich – und dennoch fühle ich mich oft ungerecht behandelt. Einige meiner Welpen meiden mich und manchmal möchte ich sie am liebsten schütteln und ihnen sagen, dass sie unfair sind. Aber damit würde ich alles nur noch viel schlimmer machen. Und ich habe das Gefühl, nicht das Recht dazu zu haben, mich ungerecht behandelt zu fühlen. Ich bin schließlich eine Mörderin.“
Sie schloss wieder die Augen, jetzt erleichtert, auch diese quälenden Gedanken einmal aussprechen zu dürfen. Es gab nicht viele Wölfe, denen sie diese anvertraut hätte und leider waren gerade Sheena und Rakshee für solche Gespräche nicht bereit. Sheena war viel zu beschäftigt mit Jakash und ihrer Trächtigkeit und Rakshee hatte sich sehr zurückgezogen. Keinem von beiden nahm sie diese Umstände übel und war doch ab und an traurig, niemanden auch auf diese Art und Weise an ihrer Seite zu haben. Nun Daylight zurückgeschenkt bekommen zu haben, war auch deshalb umso schöner, erst Recht nach diesem kurzen Moment der vollkommenen Einigkeit. Bei diesen Gedanken erinnerte sie sich wieder an ihr vorheriges Thema, an Daylights Schuldgefühle und Alpträume und die Angst, nicht mehr willkommen zu sein. Wenn ihre Schwester es geschafft hatte, die Last auf Tyraleens Schultern zu mildern, so musste diese zumindest versuchen, auch Daylights Schuld zu tilgen.
“Welche Schuld glaubst du zu tragen? Es gibt nichts, was du falsch gemacht hast. Dass du gegangen bist, nimmt dir niemand übel. Immerhin hast du zuvor noch nie das Tal verlassen – jeder Jungwolf bricht irgendwann auf um die Welt zu entdecken.“
14.08.2011, 19:35
Zärtlich blickte sie auf Tyraleen, die beinahe in Gedankengängen zu ersticken schien. Dies galt es zu verhindern. Doch ein wenig zögerte Daylight, in der Sorge, es würde vielleicht doch besser für sie sein, wenn sie ihre Gefühle und Sorgen ordnen könnte. Schließlich zeigte sich dieses Vorhaben als unnötig, denn Tyraleen setzte von ganz alleine an, ihre Gedanken mit ihrer Schwester zu teilen. So seltsam, dass sie nun in dieser verdrehten Art der Hoffnung steckten. Wieder gemeinsam. Daylight und Tyraleen schienen sich so ähnlich, dass es keineswegs verwundernd war, sie nun so gemeinsam zu sehen. Beim Klang ihrer Stimme flauschte die Kleine sich noch ein Stückchen näher an ihre große Schwester, besorgt und beschämt. Ja, wäre sie doch nur bei ihr gewesen. Obgleich Tyraleen dies wohl nicht nachvollziehen konnte breitete sich ein unangenehmes Gefühl in der zierlichen Weißen aus. Vielleicht hätte sie ihre Hilfe anbieten können? Es verhindern können? Auch wenn sie sonst versuchte, dem Vergangenen nicht nachzutrauern, so holten diese Schuldgefühle sie nun ebenfalls ein. Die empathische Fähe wollte sich einfach nicht eingestehen, weshalb ausgerechnet eine so liebevolle Anführerin wie Tyraleen so etwas hat durchmachen müssen, und nun, ohne dass sie eine Wahl hatte, als Mörderin dasteht. Diese Schuld hatte sie nicht verdient. Nicht sie.
"Ich kann mich nicht gegen das Vergangene stellen, auch wenn ich es für dich tun würde. In meinen Augen ist es einfach nicht fair von den Göttern dass sie dir diese Aufgabe auferlegt haben. Aber ich kann nichts verändern. Es verletzt mich zwar das mitansehen zu müssen, aber niemand wird dir diese Last nehmen können. Ich hoffe dass Engaya zumindest versucht, dir wieder näher zu kommen."
Mit einem leicht deprimierten Unterton fuhr sie fort, immer noch dicht an Tyraleen gekuschelt.
"Ich hätte wegen genau solchen Fällen dableiben sollen. Genau deswegen."
Ein wenig jedoch beruhigte es Daylight ihre Schwester sicher bei sich zu wissen, zusammen mit dem warmen Gefühl Engayas im Körper. So entschwand zum Glück auch noch die Gefahr, Tyraleen könne sich selbst verletzen. Auch wenn die Kleine ihrer Schwester das nie zutrauen würde – In einer Lage wie der diesen war es nie möglich vorrauszusehen, was als nächstes geschehen würde. Besonders was in der Gefühlswelt der Großen nun vorging entglitt ihrem Handlungsbereich. So konnte sie nicht mehr für ihre Schwester tun als still mit ihr zu verharren, Liebe zu teilen und Frieden aufleuchten zu lassen. Wenigstens für die kurze Zeit in der die beiden nun ihre traute Zweisamkeit genießen konnten. Wie wahr, dass auch Geschwister sich selbst immer wieder finden würden. Und da zwischen ihnen beiden sowieso eine innige Zwillingsverbindung vorherrschte, obwohl sie nur normale Wurfgeschwister waren, genoss Daylight die Nähe noch mehr als irgendeine andere.
"Fenris machte dich zu einer Mörderin. Nicht du selbst. Vergiss diesen feinen Unterschied bitte nicht, Tyraleen. Du weißt genauso gut wie ich das ein Mörder nach eigenem Ermessen handelt. In deinem Fall sehe ich das nur begrenzt so. Glaub mir, ich hätte... auch nicht besser gehandelt."
Sie stockte kurz und musste schlucken, um fortzufahren.
"Ich fühle mich dir gegenüber und dem Rest des Rudels mehr als verpflichtet. Daran ist auch gar nichts Schlimmes. Aber ich habe diese Pflicht vernachlässigt. Das verzeihe ich mir nicht, und auch erst recht nicht wenn dir so etwas geschehen ist. Du bist meine Schwester. Ich bin immer für dich da. Das will ich nicht noch einmal erleben."
Nervös legten sich ihre Lauscher an und zuckten leicht. Es war ihr unangenehm, es zuzugeben, und doch musste sie es tun. Tyraleen war ihr wichtig. Und einer Frohnatur wie Daylight tat es mehr als weh zu sehen, dass sie in einer wichtigen Zeit nicht für ihre Schwester da sein konnte. Dass sie sich daran selbst die Schuld gab war nicht gut, das wusste sie auch. Und doch konnte sie nicht umhin ihre Entscheidungen zu bereuen.
26.08.2011, 11:23
Tyraleen merkte zu spät, dass ihre Worte Schuldgefühle ausgelöst hatten, die die Weiße nicht hatte heraufbeschwören wollen. Daylight machte sich ohnehin schon viel zu viele Vorwürfe, von denen die meisten unangebracht waren. Sicher wäre es sehr viel leichter gewesen, wäre ihre kleinere Schwester im Tal geblieben, doch das hatte vorher niemand erahnen können. Einzig Engaya hätte sie zur rechten Zeit rufen können, aber die Göttin war schwach und vielleicht hatte sie es nicht einmal gewollt. Mal wieder trugen – wenn überhaupt – die Götter die Schuld und bekanntermaßen waren diese schuldlos. Zärtlich fuhr die Weiße mit der Nase durch das Fell ihrer Schwester und schüttelte dann den Kopf, sodass Daylight die Bewegung spüren würde.
“Engaya hat mir dich zurückgeschickt, sie muss schon ganz nahe sein – warum sonst sollte ich ein solch wertvolles Geschenk erhalten? Und wärest du von Anfang an dagewesen, würde mir dieses Geschenk nun verwehrt bleiben. Engaya wird ihre Gründe haben, warum sie dich nun gerufen hat und vorher nicht.“
In Tyraleens Ohren klang ihre Erklärung mehr als nachvollziehbar und überzeugend. Ihr Schicksal zeigte, dass letztendlich doch alles von den Göttern abhing und auch wenn man niemals die eigene Verantwortung von sich weisen und auf die Götter abschieben durfte, hätte Engaya Daylight früher rufen können, denn die Weiße hatte keine andere Möglichkeit gehabt, von den Geschehnissen im Tal zu erfahren. Ob sich ihre Schwester davon wirklich überzeugen lassen würde, musste sich zeigen, aber wie es aussah, würden ihnen beiden noch viel Zeit bleiben, um den jeweils anderen zu stärken. Und zumindest Daylight wurde nicht müde, dieser Aufgabe nachzukommen. Auch jetzt wies die den Bezeichnung „Mörder“ von Tyraleen und wieder konnte man ihre Worte schwer als unwahr deklarieren. Dennoch musste die Leitwölfin diesmal widersprechen.
“Hätte ich mehr geistige Stärke besessen, hätte ich mich nicht zwangsläufig zu einer Mörderin machen lassen müssen. Denn auch wenn meine Schwäche gleichzeitig Mut und Entscheidungswillen darstellt, bleibt sie doch in diesem Moment schwach, denn ich war nicht dazu fähig, dem Auftrag Fenris‘ zu Morden zu widersprechen. Aber natürlich hast du Recht … vermutlich hätten die meisten so wie ich gehandelt, nur dass gerade ich als Priesterin die Aufgabe habe, eben nicht so zu handeln wie alle anderen.“ Zärtlich knabberte sie am Fell ihrer Schwester, nun leicht lächelnd. “Diese grundsätzliche Schuld bleibt und das ist in Ordnung, du musst nicht versuchen, sie mir zu nehmen. Sei lieber trotz dieser Schuld bei mir, so wie du es jetzt tust.“
Vermutlich sollten sie das Thema nun einfach ruhen lassen. Jeder von ihnen würde sich noch viele Gedanken darüber machen und sicher würden sie noch einmal darüber sprechen aber für heute war es genug. Sicher fragten sich die Wölfe am Rudelplatz bereits, wo Tyraleen blieb und wer Daylight noch kannte und ihre Stimme oder ihren Geruch erkannte hatte, würde gespannt darauf warten, sie zu sehen. Wie würde Averic reagieren? Er war mit seiner Schwester nie sonderlich gut zu Recht gekommen. Und war Daylight nicht mit Aryan zusammen eine Art Ziehmutter für Aléya gewesen? Hoffentlich freute sie sich über das Wiedersehen und nahm der Weißen ihre Abwesenheit nicht übel. Denn Schuldgefühle deswegen hatte ihre Schwester mehr als genug. Auch wenn diese sich vor allem um Tyraleen drehten, was vor dem Hintergrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit nicht zwangsläufig für jeden verständlich schien.
“Weißt du noch, wie wir als Welpen waren? Ich mochte dich nicht. Du warst so laut, so fröhlich, so schnell, so überdreht – du hast mich überfordert. In deiner Gegenwart habe ich mich immer wie eine schlechte Kopie von dir gefühlt. So als müsste ich eigentlich wie du sein, wäre dazu aber nicht einmal im Ansatz fähig. Als wir älter wurden, kam ich besser mit mir selbst zu Recht, ich habe dich als dich und mich als mich akzeptiert, aber so richtig wusste ich nie, was ich mit dir anfangen sollte. Nur ganz langsam fand ich Zugang zu dir, verstand deine Art und lernte sie zu schätzen. Doch bevor diese Entwicklung richtig abgeschlossen war, bist du gegangen. Damals hattest du keine Verantwortung für mich. Damals warst du kein Wolf, der für mich da sein musste. Mir scheint, als hätte uns erst deine Abwesenheit wirklich zusammengebracht. Erst jetzt, wo du fort warst, bist du jemand, der für mich da sein kann und will. Du solltest dir also keine Vorwürfe machen, denn wenn du da geblieben wärest, wären wir vielleicht noch immer zwei Schwestern, die sich zwar mögen und bei denen der ältere Part – ich – auf den jüngeren – dich – achtet, aber wir ständen nun nicht so beieinander und fänden Trost in Verständnis und Gemeinsamkeit. Ich bin froh, dass du fort warst und wir uns nun so begegnen können.“
09.09.2011, 10:01
Wieder einmal wiedersprach Tyraleen, schüttelte sogar leicht den Kopf. Daylight nahm es wachsam zur Kenntnis. Sie hatte wohl Recht. Es war unangebracht, weiterhin in Schuldgefühlen zu versinken, vor allem wenn die Weiße durch diese vernünftigen Worte ein wenig ihrer Last beraubt wurde. Engaya spielte wohl doch größere Rollen im Leben der Fähe, als sie gedacht hatte. Aber das war gut. Es war gut, sich von ihr behütet und beschützt zu wissen. Daylight hoffte inständig dass dieser Schutz trotz allem auch noch Tyraleen galt. Doch wieso fragte sie sich das eigentlich? Es war klar, die weiße Göttin würde Daylights Schwesterherz nie im Stich lassen. Wie undenkbar.
"Das stimmt. Ich hoffe du vergisst nie, dass die weiße Göttin und ich dich nicht im Stich lassen werden, egal was geschieht."
Sie musste diese Worte neckisch und entschlossen in den Pelz ihrer großen Schwester nuscheln, während sie kurz und scherzhaft in ihren Nacken kniff. Solange Tyraleen diese Worte nie vergessen würde, würde sie auch nicht die vielen Anderen vergessen, die sicherlich ebenfalls an ihrer Seite ruhten – Wer auch immer dies nach der langen Zeit noch sein würde. Ihre Schwester war sogar so beruhigend, dass Day sich nun irgendwie... Befreit vorkam. Ja, wäre sie nie fortgegangen dann hätte sie ihrer Schwester nie so nah sein können. Ein toller Preis für eine im Grunde doch sehr feige Tat wie diese. Und da die Göttin ihren Teil zu diesem ganzen Geschehen beigetragen hatte, müsste Daylight sich von nun an auch keine Gedanken mehr machen. Sie war ganz unter der Obhut Engayas. Und dass in einer Lage wie dieser nun auch keine Schuldzusprechungen mehr nötig waren, war ja mehr als selbstverständlich. Erleichternd fanden diese Gedanken ihren Weg ins Herz des Lichterkindes. Ja, sie erklärten so viel und nahmen ihr diese schrecklich zähflüssige, triefende schwarze Masse von Schuld. Nahmen ihr diese Sorgen, die Ängste. Und das allein dank Tyraleen und Engaya. Einmal mehr war sie glücklich, genau die weiße Leitwölfin zu ihrer nahen Verwandschaft zählen zu dürfen. Und während die Weiße selbst ihrer Angst und Schuld beraubt wurde, schlich sich auch auf ihre Lefzen ein verheißungsvolles Lächeln, und ihre Seelentore strahlten geradezu vor Glückseligkeit.
"Verlass dich auf mich. Das Ganze mag eine schrecklich unangenehme Sache sein, dennoch. Ich werde nicht wieder von deiner Seite weichen. Und für mich bleibst du dieselbe Tyraleen. Mord hin oder her. Für's Erste werde ich einfach nur bei dir sein."
Die Zierliche hätte niemals gedacht, dass sie solche Worte mit einer derartigen Leichtigkeit flüstern würde. Doch mal wieder hatte ihr das Schicksal seine Ironie bewiesen. Schlussendlich wäre ihre große Schwester ewig ihre große Schwester. Und so schloss auch sie mit einer gewissen Endgültigkeit an die Worte an, die eben gefallen waren. Daylight war im Augenblick einfach nur froh, dass sie hier sein durfte. So nah bei ihrer liebsten Schwester. Nicht allein. Freigesprochen von ihrer Schuld. Die Weiße glitt beinahe dahin auf ihrer Wolke der Leichtigkeit. Es war herrlich. Sie hoffte inständig das Tyraleen auch nur einen Hauch dieses Glückes miterfahren konnte. Leicht in Gedanken versunken wegen diesem enormen Wandel, vernahm sie die Feststellung nur am Rande. Es bedurfte aber auch nicht vieler Worte für Daylight, etwas zu erwidern.
"Wie könnte ich unsere Welpenzeit nur vergessen. Du hast Recht. Ich war in vielen Hinsichten aufgedrehter und lebhafter als der Rest. Doch auch wenn es irrsinnig klingt, ich habe dich stets darum beneidet, dass du so verantwortungsvoll und stark bist. Für mich warst du immer das ewige Vorbild was ich trotz aller Bemühungen nie erreichen konnte. Irgendwie lustig, immerhin ging es dir anscheinend ähnlich. Trotz allem habe ich dich schon damals sehr gemocht. Ich habe alle meine Geschwister gemocht. Auch wenn da nicht immer Gegenseitigkeit mit im Spiel war. Schlussendlich stimmt es. Irgendwie hat Engaya es geschafft, das Unmögliche möglich zu machen. Sie hat dich und mich getrennt und dadurch nur noch enger zusammen gebracht. Dafür danke ich ihr."
Soviel traute Zweisamkeit, da würde Daylight ja glatt verpuffen! Oder davonfliegen, aufgeblasen von zuviel Glück und Heiterkeit. Doch nun schweiften die Gedanken des Lichterkindes in Richtung Rudelplatz ab. Den Rest des Rudels wiederzusehen schien sich als eine einerseits freudige und andererseits unglaublich lasterhafte Angelegenheit zu erweisen. Aber sie hatte Tyraleen an ihrer Seite. In diesem Zustand würde es wohl einiger böser Worte bedürfen, sie wirklich zu verletzen. Und diese Chance wollte sie nutzen. Wachsam deutete sie in Richtung Rudelplatz.
"Jetzt, da wir uns gegenseitig gestärkt haben, wie wärs wenn du mich zu den Anderen begleitest? Ich freue mich zwar unheimlich alle Rudelmitglieder wiederzusehen und vielleicht auch Neue kennenzulernen, allerdings vermute ich auch dass nicht jeder mich willkommen heißen wird."
Daylight atmete tief ein und aus, um sich geistig schon mal darauf vorzubereiten, was man ihr entgegenbringen würde. Vor allem von Averic erwartete sie nichts als Luft, Liebe, und funkelnde Regenbögen.