Parveen
09.10.2011, 10:55

Ein leichter und sanfter Windstoß wühlte die abgestorbenen Blätter auf und wehte einige von ihnen weiter. Sie wurden über den Boden getrieben, als versuchten sie vor dem Wind zu fliehen, aber wurden abrupt gestoppt, als sie auf den schlafenden Wolf trafen, der am Fuß eines Baumes die Augen fest geschlossen hatte. Parveens schwarzer Pelz wurde aufgewühlt und die Haare spielten in der Bewegung, aber sie selbst rührte sich nicht. Sie ersehnte nicht, die Augen zu öffnen, die Welt wieder zu sehen und auf ihr Leben zu blicken, es wieder so deutlich vor sich zu haben. In einem Traum zu leben, das war um so vieles einfacher. Er verdrängte die Ungerechtigkeit und der gesamte Schmerz wurde davon getrieben. Aber, so musste die Wölfin bereits früh verstehen, war dies nicht das wahre Leben und würde für immer nur eines bleiben: ein Traum. Eine Einbildung, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte und die ihr nicht helfen würde. Ihre zerrissene Seele konnte sie für einen Moment vergessen, aber sie würde niemals verschwinden und der Traum konnte genauso wenig daran ändern, wie Untätigkeit. Es war einfach und wunderschön, aber nicht die Wirklichkeit.

Parveen öffnete die Augen und sah die wahre Welt. Die untergehende Sonne stand über dem Tal, tauchte die Umgebung in sanftes Licht und wären da nicht ihre eigenen Gedanken gewesen, sie hätte denken können, dass sie immer noch in ihrem Geist war, in ihrer Traumwelt.
Die Schwarze ließ den Blick gleiten, untersuchte ihre Nähe, aber konnte niemanden ausmachen, der sie beobachtete. In den blauen Seelenspiegeln blitzte eine tiefe Trauer auf. Natürlich war niemand in der Nähe und ließ sie nicht aus den Augen. Wie immer war sie allein… Verwundbar, einsam und verlassen…
Wie selbstverständlich hob sie den Kopf und wandte ihn in Richtung des Rudels. Dies war ihre Familie, oder sollte es zumindest sein. Kein Wolf der Gemeinschaft hatte sie ausgestoßen, ihre Abgeschiedenheit war allein aus ihren Entscheidungen zu begründen und es brach der Fähe das Herz. Ihre Gedanken und die eigene Dummheit waren es gewesen, die sie in diese Situation gebracht hatten. Sie konnte keiner anderen Seele die Schuld geben und das strebte sie auch nicht im Entferntesten an. Nur dieser beruhigende, irrelevanter Gedanke war es aber, der einen kleinen Funken der Hoffnung aufkeimen ließ. Sie war dafür verantwortlich, nur sie allein und niemand anderes. Alles war auf sie selbst zu begründen und verursachte keinen Hass auf andere Geschöpfe.
So war ihr Leben: Einsam, traurig, aber es wurde nicht von Feindseligkeit bestimmt. Nur, wenn sie sich selbst ansah und Revue passieren ließ, was sie alles falsch gemacht hatte.
Sie blies die Luft scharf zwischen den zusammengebissenen Fängen hindurch und kniff die von Schmerz erfüllten Augen zusammen. Kein körperlicher Schmerz, nur seelisches Leiden, aber Parveen wünschte sich das Gegenteil. Wenn der Körper versagte, dann konnte man dagegen ankämpfen, oder es war zumindest alles vorbei. Aber eine verwundete Seele? Was konnte man dagegen tun, was konnte das Brennen versiege lassen?
Parveen hob den schönen Kopf gen Himmel und ließ ein schwaches Heulen hören. Ganz still, sodass es wahrscheinlich niemand hören konnte, in dem aber die Tiefgründigkeit ihrer Selbstzweifel zu vernehmen war.
Sie war so unnütz, so viel weniger als alle anderen, die sie liebte oder jene, für die sie jemals ähnliche Gefühle gespürt hatte. Dieses Rudel, diese Familie… Sie war es nicht wert, hier zu sein, ihr Dasein bei ihnen zu bestreiten. Nicht viel mehr als eine Last, das war Parveen und wenn sie auch nur ein wenig Selbstachtung besaß, dann sollte sie dem Rudel den Rücken wenden und einfach verschwinden. Würde sie jemand vermissen? Wahrscheinlich nicht, denn war sie selbst jetzt noch mehr als ein Geist? Das ironische Grinsen umspielte ihre Lefzen, mit dem sie ihr eigenes Leben so oft betrachtete. Sie war ja so dumm gewesen, so auf sich selbst und ihre Sorgen beschränkt, dass sie alles verdorben hatte. Wie sollte sie sich daraus befreien können?
Die Fähe schüttelte missmutig den Kopf. Wie sollte sie die Stärke aufbringen und alles noch einmal verändern?
Es war wie immer, immer das Gleiche. Sie besaß weder die Stärke, einfach im Dunkel zu verschwinden, noch zurück zu gehen. Es war ihr einfach nicht möglich, diese Wende allein zu bestreiten, genauso wenig, wie länger allein zu sein.