09.05.2012, 11:16
Der kalte Wind fuhr auch durch Tyraleens Pelz und weckte sie bereits, als die Finsternis noch schwer und lichtlos über dem Tal lag. Sie schlug die Augen auf, betrachtete vor sich die längst verwelkenden Grashalme, die im unwirklichen Licht der sterbenden Sterne wie winzige Gerippe toter Graupelze aussahen und spürte schon in den ersten Herzschlägen nach dem Aufwachen, wie sich die Sorgen wieder um ihren Hals schnürten. Der Winter konnte nur noch wenige Pfotenschritte entfernt sein, bald würde er das Tal fest im Griff haben und sie alle zu eiligeren Wanderungen und Verzicht zwingen. Aber in ihrer Mitte gab es jetzt vier Welpen, die kaum alt genug zum Fleischfressen waren und denen Hunger doch fremd war. Vielleicht hatten sie Glück und es würde ein leichter Winter werden, in dem die Hornträger genug Nahrung im Tal fanden und nicht zu großen Teilen fortziehen würden. Aber vielleicht hatten sie auch Pech und jeder der vier Welpen müsste beweisen, ob er stark genug war, um sein Leben zu kämpfen. Dieser Gedanke ließ sie schwindeln, schnell schloss sie die Augen, als würde so diese Furcht verschwinden können. Sie blieb und nur das Lauschen auf die ruhigen Atemzüge der Wölfe um sie herum konnten ihre verkrampften Muskeln wieder entspannen. Die weiße Leitwölfin versuchte ihren Kopf zu leeren, konzentrierte sich auf die beruhigenden Gerüche und Laute des Rudels und fiel erneut in leichten Schlaf. Geweckt wurde sie von etwas Kleinem, das sich in ihren Brustpelz kuschelte, sein Köpfchen auf ihren Lauf legte und leise zufrieden schmatzte. Sie musste die Augen nicht öffnen um Isaí zu identifizieren – nicht einmal ihre Nase hätte sie gebraucht, um den kleinen Roten zu erkennen. Er hatte seine ganz eigene Art mit ihr umzugehen; war nicht so schüchtern wie Taleesha; traute sich, ganz anders als Tinca, ihr so nahe zu kommen und suchte viel mehr ihre Nähe als Malik. Sie spürte das leichte Zittern seines Körpers und wusste, dass der wollene Unterpelz der Welpen bald verschwunden sein würde und anders, als bei allen anderen kleinen Wölfen musste ihr Winterpelz gleich darauf wachsen. Sie schlug die Augen erneut auf, hob leicht den Kopf und warf einen Blick auf Isaí, der den aufziehenden Tag zu beobachten schien. Im fahlen Licht der Dämmerung wirkte er größer, als er bereits war und auch wenn sein Körper schon bald schlaksig und von viel zu langen Läufen getragen sein würde, blickte er noch immer aus Welpenaugen in die Welt. Das tiefverwurzelte Bedürfnis ihn zu schützen überkam sie so heftig und beinahe angstvoll, dass sie kurz wie erstarrt wirkte. Dann hob sie den Lauf, der nicht zu Isaís Kopfkissen umfunktioniert worden war über den nicht mehr ganz so kleinen Körper, richtete sich ein wenig auf und hatte den Welpen so zwischen ihren Vorderläufen platziert. Mit der Schnauze fuhr sie ihm gleichsam begrüßend und liebevoll wärmespendend durch den Pelz und zupfte ihn dann wie gewohnt am Ohr. Die Anwesenheit Isaís in Verbindung mit den Gedanken, die Tyraleen seit dem ersten Aufwachen begleiteten, hätte der Weißen wohl noch mehr Sorgen bereiten müssen, aber aus irgendeinem Grund beruhigte sie die Zufriedenheit, die der Rote ausstrahlte. Ihm war zwar kalt und er sah noch immer so schrecklich klein aus, aber gleichzeitig deutete nichts daraufhin, dass er sich von einem Winter und sollte er noch so hart sein, unterkriegen lassen würde. Und immerhin kannte er bereits Kälte und Schnee, wenn auch nur die letzten Ausläufer davon. Die schlimmste Zeit im Sommer – als es so kalt wie im härtesten Winter gewesen war - hatten die Welpen zum Glück nicht miterleben müssen. Aber sie waren ein bisschen vorbereitet … ein bisschen. Isaí jedenfalls kuschelte sich jetzt zufrieden in ihr Fell und streckte erst nach kurzer Zeit den Kopf hervor um sie plötzlich etwas geknickt von unten herauf anzublinzeln. Offensichtlich dachte er, er hätte sie in ihrem Schlaf gestört. Noch immer wirkte Isaí reichlich nachdenklich und besorgt und die Miene, mit der er seine Umgebung betrachtete, wollte Tyraleen nicht recht gefallen. Der kleine Rote war noch immer ein Welpe und auch für ihn wünschte sie sich nichts mehr, als dass er die nur noch so kurze Zeit der Sorglosigkeit genießen konnte. Er ließ sich immerhin von ihrer Frage zum Winter etwas ablenken, denn kaum hatte sie die Erklärung zum Winterpelz und ihr Nachfrage abgegeben, wurde sein Gesichtsausdruck wieder typisch welpisch überlegend und dann stellte er eine Rückfrage, wie sie eben nur Welpen stellen konnten. Das beruhigte die Weiße ungemein, auch wenn Isaí das sicher nicht damit beabsichtig hatte. Jetzt lächelte sie sogar kurz und musste aber gleichzeitig leicht den Kopf schütteln. Je sorgenvoller und schwermütiger Tyraleen wurde, desto optimistischer und motivierender schien sich ihr kleiner Schützling geben zu wollen. Isaís Gesichtsausdruck hatte sich mittlerweile gewandelt, von der eben noch besorgt betrachteten Nachdenklichkeit war zwar noch immer eine Spur übrig, aber hauptsächlich dominierte das aufmunternde Lächeln, das der Rote ihr nun so entschlossen schenkte, als wäre er dafür zuständig, ihr die Sorgen zu nehmen. Augenblicklich war der Weißen bewusst, dass sie nun auf der Hut sein musste, trotz ihrer belastenden Gedanken. Sicher durfte ein Welpe auch mal einen Erwachsenen trösten und den Vertrauensbeweis, den man damit erbrachte, verstand und ehrte auch der jüngste Wolf, aber sie durften die Rollen nicht tauschen. Isaí blieb der Welpe und sie blieb die Leitwölfin. Ihre Sorgen ihm auf die Schultern zu laden, war vollkommen falsch. Nur wie weit konnte sie gehen? Wie viel durfte sie diesem kleinen Wolf erzählen, sodass er verstand und auf die Zukunft vorbereitet war? Wie viel half es ihm, zu wissen, dass sein Leben bald die Sorglosigkeit verlieren würde? Erstaunlicherweise hatte sich Tyraleen diese Frage nie bei ihren eigenen Welpen gestellt. Sie waren gewiss in keine glückliche Zeit hineingeboren, aber vielleicht war genau das der Punkt. Von Anfang an hatten sie die Gefahr des Nichts‘ gekannt, hatten so früh das Leid ihrer Oma gesehen und ihren Tod miterlebt, hatten auch Nyotas Sterben gesehen, waren mit dem Rudel durch die Verzweiflung gegangen … damals war nie die Frage gewesen, ob sie die Welpen mit ihren Sorgen belasten konnte oder musste – sie wurden es ganz zwangsläufig. Jetzt hatte sie die Wahl, aber das Gefühl, den falschen Weg eingeschlagen zu haben, nagte an ihr. Sie musste das Blatt ein wenig wenden, ihre Schwermut endlich schlucken und daraus wie schon zuvor missglückt versucht, ein Spiel machen. Deshalb zwang sie sich nun wieder zum Lächeln und nickte. Tyraleen begann sich wieder etwas zu beruhigen, als ihr eilig gefasster Entschluss, sich endlich zusammen zu nehmen, tatsächlich den gewünschten Erfolg zu bringen schien. Isaís Gesichtsausdruck verlor wieder an dieser unpassend erwachsenen Ernsthaftigkeit und ihr Kompliment entlockte ihm ein Strahlen. Ein klein bisschen verlegen wirkte er dabei aber auch, was eigentlich so gar nicht zu dem Roten passen wollte, wohl aber einiges über ihn verriet. Niemand, auch kein Welpe, hatte ein vollkommenes Selbstbewusstsein und gerade das machte Isaí so wunderbar. Einerseits gab er sich meist ganz wie der große Bruder: stark, selbstbewusst, intelligent, mutig, verantwortungsbewusst und kritisch. Und andererseits war er dann doch der kleine Welpe: liebesbedürftig, unsicher, neugierig, anschmiegsam und Lob und Anerkennung bedürfend. Und nebenbei machte er sich stets Gedanken über andere, dass es ihnen genauso gut erging wie ihm. Isaí sah zunehmend glücklicher, wenn nicht schon begeistert aus, was Tyraleen einerseits freute – andererseits hoffte sie, ihm dennoch deutlich klar gemacht zu haben, dass ihnen eine schwere Zeit bevorstand. Er sollte sich keine Illusionen machen, gleichzeitig war es nur gut, wenn er sich nicht vor dem Winter fürchtete. Schon wieder diese Zwickmühle, nicht zu viel und nicht zu wenig. Aber Isaí war nicht dumm, er hatte die Intelligenz seiner beiden Elternteile geerbt – selbst wenn er jetzt noch ein bisschen zu utopische Vorstellungen von einer Wanderung im Winter hatte, er würde sie schnell genug ablegen können, ohne zu verzweifeln. Und dass sein Versprechen ihn anspornte war ja nur gut. Lächelnd betrachtete sie den Kleinen, als er selbstbewusst und fast ein bisschen heroisch ihren Plan bestätigte und sich in seiner neuen Rolle sichtlich gefiel. Tyraleen hatte Welpen schon immer gemocht, auch wenn sie nie die hingebungsvolle und aufopfernde Mutter wie beispielsweise Shani gewesen war. Ihr Herz war dennoch jedes Mal aufgegangen, wenn sie sich um ihre Welpen hatte kümmern können und für jeden Moment mit ihnen war sie nach wie vor dankbar. Mit Isaí kam jedoch noch eine ganz neue Dimension hinzu. Er war zwar ein Welpe und immer wieder machte er das auch mehr als deutlich, aber zwischendurch war er so erwachsen, kümmerte sich um sie und war alles, aber bestimmt nicht ihr Welpe. Er war ihr Freund. Sie hatte nicht gewusst, dass man mit einem Welpen befreundet sein konnte, waren doch ihre jeweiligen Positionen so unterschiedlich und der Respekt, den Isaí ihr nach wie vor entgegenbrachte ein viel zu großes Hindernis für echte Freundschaft. Doch mit der Zeit hatte Tyraleen begonnen, Isaí Respekt zu zollen, mehr, als je einem Welpen zuvor. Er war intelligent, mutig, entschlossen und tatkräftig … und er hatte das Herz ganz schlicht am genau richtigen Fleck. Wie sie es gesagt hatte, er war schon jetzt ein kleiner Held. Und deshalb brachte sie ihm fast ebenso viel Respekt entgegen wie er ihr und so war es möglich, dass sie Freunde wurden - gerade in dieser Zeit so wichtige Freunde füreinander.
Er erkannte sie, konnte ihre Witterungen zuordnen, doch weder seinen Vater noch seine Mutter konnte er dicht bei ihm ausmachen. Er sah sich um, doch beide blieben aus seinem Sichtfeld verschwunden. Stattdessen aber wurde er nun auf einen anderen weißen Pelz aufmerksam und als er die Luft erneut prüfte, bestätigte sich seine Hoffnung. Dennoch zögerte er einen Moment - er wollte ja niemanden wecken - ehe er sich doch dazu entschied, aufzustehen und ihre Nähe, ihre Wärme zu suchen. Mit leisen, vorsichtigen Schritten überwand er die Wolfslängen, die zwischen ihnen lagen und kaum war er in Tyraleens direkter Nähe, wurden seine Bewegungen noch vorsichtiger, um sie nicht zu wecken. Ganz langsam schob er sich an sie heran, ließ sich dann neben ihr nieder und drückte sich an ihren warmen Körper. Er schmatzte zufrieden und legte seinen Kopf schließlich sanft auf ihrem Lauf ab, so gut es ihm eben möglich war. Er schloss allerdings nicht direkt wieder die Seelenspiegel, beobachtete lieber noch aus der Sicherheit heraus die schleichenden Schatten, die sich langsam zurückzogen, da sie den Tag witterten.
11.05.2012, 11:40
“Kannst du nicht mehr schlafen?“ Sie sog die kalte Morgenluft ein und warf noch einen Blick auf das Gras, das jetzt im ersten Licht funkelte und nichts mehr von den schrecklichen Bildern der Nacht hatte. “Ich auch nicht …“
12.05.2012, 21:10
„Es war eben ein bisschen kalt, aber das geht schon wieder. Ich wollte dich deshalb nicht wecken…“, flüsterte er schuldbewusst und winkelte die Ohren leicht an.
Doch nun, wo er sie so ansah, wirkte sie nicht, als hätte er sie eben geweckt. Sie wirkte nicht verschlafen oder gestört – wobei das eher zweitrangig war, es tat ihm trotzdem leid – sondern eher besorgt. Und im Nachhinein klangen ihre Worte auch nicht nach einem ‚Ich auch nicht, weil du mich geweckt hast‘. Fragend neigte er den Kopf leicht zur Seite und ein besorgter Schimmer lag in seinen Seelenspiegeln.
„War dir auch kalt und du kannst deshalb nicht mehr schlafen? Jetzt sind wir ja zusammen und können uns gegenseitig warm halten.“
Er versuchte sich an einem welpenhaften Lächeln, welches allerdings schnell verblasste. Er ahnte, dass sie sicherlich nicht fror und dass irgendetwas anderes sie geweckt hatte. Etwas anderes als ein kalter Wind oder ein Welpe, der ihre Nähe gesucht hatte. Aus diesem Grund auch war die Tatsache, dass ihm kalt gewesen war, schnell aus seinen Gedanken verschwunden. Er musste stark sein, er wollte doch nicht, dass sie nicht schlafen konnte, weil sie irgendetwas wachhielt. Vorsichtig schob er die Nase nach vorne und berührte sie an der Lefze.
17.05.2012, 16:25
“Du hast mich nicht geweckt. Ich war schon länger wach und wollte mich nur noch nicht erheben.“
Wieder zupfte sie an seinen Ohren, diesmal an beiden, sodass sie wieder aufrecht standen und nicht schuldbewusst zurückgedreht waren. So ganz stimmten ihre Worte zwar nicht, denn offensichtlich war sie doch wieder eingeschlafen, aber das nur leicht und gerne bereit, sich von Gesellschaft wieder wecken zu lassen. Trotz ihrer Beteuerung machte der Kleinen nun auch kein glücklicheres Gesicht, viel eher wirkte er nun fast besorgt. Er hatte den Kopf schief gelegt und sah sie plötzlich mit einem sehr viel erwachseneren Ausdruck an, als sie ihm eben noch zugetraut hätte. Seine Frage hatte zwar noch einen welpischen Klang, aber offenbar steckte mehr dahinter. Sie wirkte sicherlich nicht, als würde sie frieren. Aber wie wirkte sie dann? Und wie wirkte das auf einen Welpen?
“Nein, wirklich kalt ist mir nicht. Ich habe schon Winterpelz, der hält mich warm. Aber ich habe mir Gedanken gemacht über die Zeit, die jetzt bald auf uns zu kommt. Es wird Winter – weißt du, was Winter ist?“
Hatte jemand den Welpen schon die Jahreszeiten erklärt? Gerad bei diesen Kleinen war das durchaus eine Herausforderung, denn man müsste dazu sagen, dass der Herbst, den sie erlebt hatten, kein ganz normaler Herbst war. Und dass sie zur falschen Jahreszeit geboren waren … ohje.
19.05.2012, 20:45
Die Frage, die sie schließlich stellte, ließ ihn kurz überlegend die Ohren drehen. Was Winter war, wusste er, aber wenn er sich recht entsann, dann lag dieser doch bereits hinter ihnen, oder? Aber dieser Winterpelz hörte sich unheimlich verlockend an, wenn man dann nicht mehr fror.
„Kann ich auch einen Winterpelz haben?“, fragte er schließlich und verzog seine Lefzen zu einem schiefen Grinsen, ehe sein Ausdruck wieder ernster wurde. „Winter war doch das mit dem Schnee und dem Kalten, oder? Kommt er zurück? Geht die Sonne wieder weiter weg?“
Das war doch der Grund, oder? Wenn die Sonne weiter weg war, war es kälter, so zumindest glaubte er sich an die Worte der Schwarzen erinnern zu können. Lebten sie auch in einem Winterland? Seine Stimme hatte bedauernd geklungen, denn die wärmeren, wenn auch nur wenig wärmeren Tage hatten ihm sehr gefallen. Nach der anfänglichen Scheu vor dem weißen Boden zwar, hatte dieser sich als wunderbar zum Spielen herausgestellt, aber wenn er sich zwischen Spaß und Wärme entscheiden musste, dann nahm er doch lieber letzteres.
28.05.2012, 10:50
“Tut mir leid, mein Süßer, aber ich kann dir deinen Winterpelz nicht geben. Der muss dir wachsen. Aber keine Sorge, sicher wird er bald kommen.“
So sicher war sie sich da ganz und gar nicht, weshalb ihr Lächeln auch schon wieder verblasste, aber selbst wenn er der Kälte nicht ganz hinterherkam – es gab genug Wolfsleiber, die die Welpen wärmen konnten. Auf Isaís nächste Frage musste sie nun leider nicken, überlegte sich aber noch, ob sie erwähnen sollte, dass er nicht nur zurück kommen, sondern noch viel stärker werden würde, als die Welpen ihn erlebt hatten. Eigentlich war das nichts, mit dem sich Isaí beschäftigen sollte, aber nun waren sie sowieso schon bei diesem Thema und vielleicht wäre es gut, den kleinen Roten auf die Zukunft vorzubereiten.
“Ja, Schnee und Eis und Kälte werden bald wiederkommen. Und es wird noch ein wenig kälter sein und noch mehr Schnee geben, als vorher. Ihr seid nämlich in gar keinem richtigen Winter geboren, sondern eigentlich im Herbst, der vor dem Winter kommt.“
Sie haderte mit sich selbst, ob sie noch weiter sprechen sollte, aber Isaí schien ihr plötzlich im noch immer fahlen Licht des aufziehenden Morgens gleichzeitig so verletzlich und doch so erwachsen.
“… deshalb müssen du und deine Geschwister bald sehr stark sein. Ihr müsst trotz Kälte mit uns mitlaufen und euch nicht von der Müdigkeit unterkriegen lassen.“ Jetzt senkte sie den Kopf, sodass er mit Isaís auf einer Höhe war. “Isaí, du musst mir etwas versprechen. Du musst mir versprechen, stark zu sein und immer weiter zu laufen, ja? Du musst mir versprechen, nicht aufzugeben. Und weil du der Älteste von deinen Geschwistern bist, musst du auch für sie mit stark sein und ihnen ein Vorbild sein. Versprichst du mir das? Versprichst du mir, einfach immer weiterzulaufen, egal was passiert?“
Sie versuchte den flehenden Ausdruck in ihren Augen ganz zu unterdrücken und ihre Fragen beinahe wie eine Aufforderung zu einem Spiel klingen zu lassen. Aber ihr war bewusst, dass die Sorge noch immer ihren Blick trübte und ihre Fragen nicht leicht und unbedeutend geklungen hatten, als wäre es nicht weiter schlimm, würde Isaí kein Versprechen abgeben.
31.05.2012, 20:07
„Dann warte ich ganz geduldig und dann wächst mir bestimmt bald einer.“, verkündete er entschlossen und lächelte der Alpha aufmunternd zu.
Er konnte unterscheiden zwischen der Antwort auf seine erste, unbedeutendere Frage und die viel wichtigere Frage nach dem Winter. Sie schien Tyraleen weitaus bedeutender und das ließ ihn automatisch aufmerksamer und neugieriger werden, obschon sich auch ein Hauch von Unsicherheit in sein junges Gemüt schlich. Diese jedoch ging nun fürs erste vollkommen in seiner Aufmerksamkeit unter. Er hatte die Ohren wieder gespitzt und seinen Körper wieder auf die Hinterläufe gehoben, sodass er nun auf Augenhöhe mit der liegenden Wölfin war. Wachsam lauschte er ihren Worten. Unsicher winkelte er seine Lauscher etwas an, doch um etwas auf ihre Worte zu entgegnen, war die Pause, die sie machte, zu kurz. Der Winter kam zurück, so viel hatte er verstanden, doch dieses Mal würde es mehr von dem weißen Zeugs geben, dass sie am Anfang so sehr verunsichert hatte. Sie waren also in einem Herbst geboren und instinktiv ordnete er diesen Begriff in die gleiche Kategorie, wie er es auch mit Winter und Sommer getan hatte. Es gab also auch noch Herbstländer, die weniger kalt und mit weniger Schnee waren als Winterländer, aber immer noch komplett anders im Gegensatz zu Sommerländern. Und die Sonne schien sich hier nicht recht entscheiden zu können, ob das hier ein Herbst- oder ein Winterland sein sollte. Daran war ja auch eigentlich gar nichts schlimm. Wenn der Winter kam, dann würde sich wenigstens Hilel wohler fühlen, glaubte er, und gegen den Schnee hatte er auch nicht wirklich was gehabt. Doch Tyraleen schien dieser Gedanke überhaupt nicht gefallen. Die Art und Weise, wie sie all das aussprach, erfüllte den jungen Rüden mit Ehrfurcht, obschon er sich all das nicht einmal ansatzweise vorstellen konnte. Besonders, als sie an seinen Mut und seine Kraft appellierte, spürte er, wie Unsicherheit seinen Körper durchfuhr; Angst vor dem, was kommen würde, denn es klang wirklich nicht einfach. Unentschlossen spielte er mit den Ohren, überlegte, bis die Helle ihm ein Versprechen abverlangen wollte. Augenblicklich schnellten seine Ohren wieder nach vorne und er lauschte mit großen Augen. Er spürte das Drängende in ihrer Stimme und es überforderte ihn in diesem Moment. Noch immer von Ehrfurcht ergriffen schwieg er einen Moment und überlegte. Er wusste von der Wichtigkeit eines Versprechens, von dem Gebot, dass man sie nicht brechen durfte und das war es, was ihn zögern ließ. In einem anderen Moment hätte er ihr es augenblicklich und bedingungslos versprochen, doch die Erwartungen, die sie hegte, klangen nicht so einfach, wie er es sich vorstellte. Es war nicht einfach und würde nicht einfach werden – das spürte er.
„Ich… verspreche es.“, sagte er schließlich doch und versuchte sich an einem entschlossenen und siegessicheren Lächeln.
Er fühlte sich geschmeichelt, dass sie ausgerechnet ihn auserkoren hatte, ein Vorbild für seine Geschwister zu sein. Er bemühte sich schon die ganze Zeit, ihnen ein guter großer Bruder zu sein und er hatte nicht vor, das in der nächsten Zeit zu ändern. Auch, wenn zwischen Malik und ihm weiterhin diese Distanz stand, von der er bezweifelte, dass sie je wieder verschwinden würde, so war seinem kleinen weißen Bruder die Hilfe des Roten doch in jeder Situation sicher. Im Kopf ging er erneut durch, für was er der Hellen soeben sein Wort gegeben hatte. Er würde laufen, er sollte laufen – soweit, bis sie sagte, dass es genug war. Schließlich trat doch Entschlossenheit in seinen Blick und er nickte, als hätte er seine Zustimmung gerade im Moment erst gegeben.
„Und du versprichst mir, dass du dir keine Sorgen macht, ja? Engaya ist doch bei uns und wacht über uns. Da kann uns doch gar nichts passieren.“
Er wusste nicht, ob er sich lediglich kindlich an dieser Hoffnung festhielt oder wirklich daran glaubte. Doch das spielte auch keine Rolle. Er hob nun die Vorderläufe an und ließ sich so leicht zur Seite fallen, sodass er die Wölfin so gesehen ‚umarmte‘.
„Ich laufe soooooo weit, bis du sagst, dass wir am Ziel sind. Aber wo liegt unser Ziel eigentlich?“
05.06.2012, 20:59
“Genau, Geduld ist wichtig. Du musst ja auch geduldig warten, bis du endlich groß und stark bist.“
Sie knuffte ihn in die schlaksige Flanke und ließ sich auch nicht von Isaís langem Nachdenken und Zögern verunsichern. Sicher war ihm bewusst, dass sie eine wichtige Frage gestellt hatte und dass seine Antwort noch wichtiger war, aber Tyraleen würde sich bemühen, ihm den Ernst wieder ein wenig zu nehmen. Das war sogar sehr geschickt, denn sicher würde er sich immer an sein gegebenes Versprechen erinnern, auch wenn sie im Nachhinein versuchen würde den Ernst herunterzuspielen. Seine erste zögernde Zustimmung drückte dann noch all die erschreckenden Erwartungen, denen er sich plötzlich gegenüber sah, aus aber schon nach einer kurzen Pause wirkte er plötzlich entschlossen und ganz so wie die Weiße es erhofft hatte. Sie lächelte noch ein wenig mehr.
“Das beruhigt mich schon sehr. Und wetten, dass du sowieso weiter laufen kannst, als manch ein erwachsenes Rudelmitglied? Du bist zwar noch kleiner, aber im Geiste viel stärker.“
Sie betrachtete den Welpen zwischen ihren Pfoten mit einem ganz eindeutig stolzen Blick und auch wenn er aus der Tiefe ihres Herzens kam, musste sie sich nun zu ihm zwingen. Sein Versprechen hatte ihr das Herz ein wenig leichter gemacht, aber auch wenn Isaís Geist noch so stark war – wenn der Körper versagte, musste der Geist mit ihm fallen. Und das war es, was Tyraleen so sehr fürchtete.
“Über meine Sorgen sollst du dir keine Gedanken machen, kleiner, roter Held. Und durch dein Versprechen sind sie auch praktisch fort.“
Praktisch war ein praktisches Wort. Es konnte alles und nichts heißen und kaschierte, dass Tyraleen natürlich kein Versprechen abgegeben hatte. Denn genauso wie Isaí fand sie, dass man ein gegebenes Versprechen auch halten musste und das war in diesem Fall ausgeschlossen. Tatsächlich wurden ihre Gedanken aber noch ein wenig leichter, als Isaí sie welpisch umarmte und eine sehr berechtigte Frage stellte.
“Mh, das kann ich leider noch gar nicht so genau sagen. Das Ziel liegt da, wo wir Nahrung finden. Vielleicht müssen wir sehr weit wandern, vielleicht aber auch nur ganz kurz und du musst schon aufhören zu laufen, obwohl du noch kein bisschen müde bist.“
Sie konnte nicht widerstehen, dem liegenden Isaí mit der Schnauze knabbernd durchs kurze Fell zu fahren und einmal auf seinen ganz und gar nicht mehr pummelig runden Bauch zu pusten.
07.06.2012, 15:55
Ihre Berührung nahm ihm etwas der Unsicherheit, die ihn heimgesucht hatte und auch, wenn die Ehrfurcht weiterhin von seinem Körper Besitz ergriffen hatte, so gab ihm die Nähe zu Tyraleen doch wieder Zuversicht und den Glauben, dass alles halb so wild war. Ihr Kompliment zauberte ihm dann sogar wieder ein begeistertes, zugleich auch verlegenes Lächeln auf die Lefzen und er freute sich über die Kraft, die ihm die Helle bereits zutraute. Natürlich war es so! Er war noch lange nicht so groß wie die anderen Wölfe, doch Mithalten würde er mit Sicherheit können! Komme, was wolle!
„Ganz bestimmt! Aber die anderen bekommen wir auch dazu. Ganz sicher.“, verkündete er und spielte kurz mit dem Gedanken, sie zu fragen, ob sie sich seiner Stärke wirklich so sicher war. Allerdings reichte ihr stolzer Blick dann doch als Antwort und der junge Rote begnügte sich mit vollster Zufriedenheit und eigenem Stolz damit.
Es schmeichelte ihm sehr, dass die Leitwölfin ihn für so stark hielt und er war entschlossen, sich noch mehr Mühe zu geben und ihr immer beizustehen, wenn sie jemanden brauchte. Er wollte für das Rudel da sein, für seine Eltern und seine Geschwister und sie beschützen können, wenn sie in Gefahr waren. Das war sein Ziel und wenn Tyraleen ihn jetzt schon für stärker als ein paar der anderen hielt, war er ja ohne Zweifel auf dem richtigen Weg. Für ihn machte es in diesem Moment keinen Unterschied, ob geistige oder körperliche Stärke gemeint war. In diesem Augenblick war alles ein und dasselbe. Das stolze Lächeln blieb erhalten, als er schließlich als Held betitelt wurde und Tyraleen ihm versicherte, dass er ihre Sorgen soweit hatte vertreiben können. Damit war auch dieses Thema für ihn gegessen und ihm entging, dass sein Versprechen unerwidert blieb. Es war eben doch leicht, einen Welpen von wichtigen Dingen abzulenken. Eine Antwort war eine Antwort und meist machte es noch keinen großen Unterschied, ob es nun wirklich die genaue Antwort auf die Frage gewesen war oder etwas anderes Interessantes, auf das man sich wunderbar konzentrieren konnte. Er schnupperte nun beruhigt an einem ihrer Lauscher, während sie auf seine Frage nach dem Ziel antwortete und schnippte schließlich mit den eigenen Lauschern.
„Ich kann auch helfen. Ich kann Mäuse fangen. Das hat Nihilus mir beigebracht.“
Dann hatten sie ja gleich noch ein Problem weniger. Die Antwort genügte ihm, denn die Hoffnung auf ein spannendes Abenteuer war damit verbunden. Er kam nicht umhin, Tyraleen ein spielerisches Knurren zu schenken, als sie ihm die Nase gegen den Bauch drückte und kurz an ihrem Ohr zu ziehen, doch wirklich nach Spielen war ihm dann doch nicht zumute. Stattdessen kam ihm nun ein anderer Gedanke und er ließ sich nun etwas weiter nach unten rutschen. Das Lächeln verblasste ein wenig, doch er bemühte sich, es nicht sonderlich auffallen zu lassen. Er hatte diesbezüglich nachwievor ein schlechtes Gewissen und wehrte sich dagegen, doch gegen Gefühle konnte man sich nicht wehren. So sehr man es auch versuchte. Es fühlte sich falsch an, das wusste er, doch ändern konnte er es nicht. Unsicher legten sich seine Ohren schließlich ein Stück nach hinten.
„Tyraleen? Kann ich dich was fragen?“, begann er und richtete den Blick schließlich wieder etwas in die Ferne, ehe er dann aber doch wieder ehrlich zu ihr hochsah. „… Ist es schlimm, wenn man jemanden nicht mag?“
Er sprach nun leiser und so, als würde er sich allein für den Gedanken schämen. Sie waren doch eine Familie. Da musste man sich mögen. Eigentlich.
02.07.2012, 12:43
“Wir können ja zusammen versuchen, jeden zu motivieren, der ein bisschen zurückbleibt. Darin bist du bestimmt gut.“
Sollte sich Isaí tatsächlich für diese Aufgabe begeistern lassen, hätte sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Er würde viel zu konzentriert sein um seine Müdigkeit zu bemerken und er könnte eine wichtige Stütze werden, für alle die, die schneller aufgeben würden als er. Und das alles in seinem Alter … sie würde aufpassen müssen, dass er sich nicht überforderte. Es war wie immer das Gleiche, nicht zu viel und nicht zu wenig verlangen – eine Übung, in der sich Tyraleen noch immer nicht sicher fühlte. Zum Glück war Isaí offen genug, um die meisten seiner Gedanken verbal oder nonverbal preiszugeben und jetzt äußerte er sich nur noch begeisterter. Er wollte Mäuse für sie fangen. Das war im Winter eine kleine Meisterleistung – unter der dicken Schneedecke ließen sich zwar ab und an ein paar dieser Graupelzchen finden, aber meist waren sie verschwunden, bis man durch all das dichte Weiß zu ihnen vorgedrungen war – aber sie würde ihm diese Idee bestimmt nicht ausreden.
“Wirklich, du bist schon ein echter Mäusejäger? Das musst du mir unbedingt mal zeigen. Im Winter brauchen wir jeden Jäger.“
Zufrieden mit dem bis dato erreichten Ausgang des Gesprächs und des Versprechens Isaís betrachtete Tyraleen nun die sich wieder etwas nachdenklich zurückziehende Miene des Kleinen. Nun schienen irgendwelche Gedanken aufgekommen zu sein, die ihm Sorgen machten. Geduldig legte die Weiße nun ihren Kopf auf ihren linken Vorderlauf, behielt Isaí aber im Blick. Schließlich fragte er beinahe vorsichtig, ob er sie etwas fragen dürfe und rückte dann unsicher mit einer Frage, die ihn ehrte heraus. Beinahe wirkte es, als würde er sich dafür schämen, oder eher noch für die Tatsache, dass er wohl irgendwen nicht mochte. Um ihm die Schuldgefühle zu nehmen, schüttelte Tyraleen zunächst den Kopf und berührte den Roten an der Nase.
“Nein, es ist nicht schlimm, wenn du jemanden nicht magst. Ich mag auch nicht jeden … manche Wölfe sagen gemeine Dinge zu mir oder verletzen mich äußerlich oder innerlich und dann mag ich sie auch nicht mehr. Das ist ganz normal. Wichtig ist aber, dass du ihnen immer die Chance gibst, sie wieder zu mögen. Beispielsweise könnten sie sich entschuldigen, ihr Verhalten ändern und versuchen, nett zu dir zu sein. Dann solltest du sie nicht abweisen, sondern versuchen, sie zu mögen. Und du solltest, auch wenn du sie nicht magst, nie gemein zu ihnen sein.“
Das war natürlich alles leichter gesagt, als getan, aber grundsätzlich wäre dies die genau richtige Verhaltensweise. Dass nicht einmal Tyraleen als Priesterin Engayas immer dazu fähig war, würde Isaí früher oder später auch klar werden. Vorerst aber konnte er ja versuchen, sich danach zu richten, das würde aus ihm einen besseren Wolf machen und ihrer Gemeinschaft ein schöneres Leben bringen.
08.07.2012, 22:57
„Mit uns wird keiner zurückbleiben! Ganz bestimmt.“
Es war einfacher gesagt als getan, doch auch davon war er im Moment noch fest überzeugt und würde sich nicht einfach vom Gegenteil überzeugen lassen. Er würde kämpfen, hartnäckig bleiben und so gut er konnte der Aufgabe nachgehen, die er nun von Tyraleen übertragen bekommen hatte. Auch im nächsten Moment nickte er, blickte sich kurz um und schnippte kurz mit einem Ohr. Natürlich konnte er schon Mäuse fangen! Nihilus hatte sich ja extra Zeit für ihn genommen und ihm all die Tricks und Kniffe beigebracht, die er wusste. Oder ein paar davon. Ein bisschen darüber erzählt hatte er zumindest.
„Das tue ich ganz bestimmt. Aber nicht jetzt. Dafür bin ich dann doch noch zu müde.“
Fast, als hätte er es heraufbeschworen, verließ ein Gähnen seinen Fang und er drückte sich etwas dichter in ihren Pelz. Neben der Müdigkeit befand er den Moment nun auch als passend, ihr seine Sorge zu nennen, die ihn schon etwas länger begleitete. Er war unsicher, zögerte noch, ob er es wirklich aussprechen sollte, doch es lag ihm auf dem Herzen und mit wem konnte er da besser drüber reden als mit Tyraleen? Seine Mutter war bestimmt nicht begeistert und Kishas Reaktion glaubte er bereits zu kennen – immerhin war sie dabei gewesen, als Malik leise ausgesprochen hatte, dass Tinca… eben Tinca war. Und auch, wenn Isaí sich für diesen Gedanken schämte, sah er es doch ganz ähnlich. Allerdings ahnte er noch nicht, dass sich das Empfinden der beiden Brüder doch gewaltig ineinander unterschied – bei ihm war es Unsicherheit, bei Malik allerdings war es bereits zu einer Abneigung gekommen, die sich nicht mehr so leicht vertreiben ließ. Gespannt und mit angelegten Ohren lauschte er den Worten der Wölfin und sein schlechtes Gewissen beruhigte sich etwas. Es war also in Ordnung, wenn man jemanden nicht mochte. Ein finsterer Schimmer huschte durch seine klaren Seelenspiegel, als sie von Wölfen berichtete, die sie beleidigten und augenblicklich empfand er eine gewisse Abneigung gegen diese gesichtslosen Gestalten. Er nickte und nahm sich ihre Worte zu Herzen, allerdings war da dann doch noch ein kleiner aber feiner Unterschied, den er bisher nicht genannt hatte.
„Aber… Ich bin doch ein Caiyé.“, folgte schließlich leise seine kleine Bedingung an sich selbst und er wusste nicht, ob Tyraleen verstand. „Heißt das nicht, dass ich ihn mögen muss? Reicht es, wenn ich für ihn da bin? Denn das versuche ich!“ Abermals vergrub er das Gesicht im Pelz der Wölfin. „Ich mag die Wölfe nicht, die dich beleidigen.“
05.09.2012, 19:57
“Dann bin ich beruhigt. Du bist eben ein kleiner Held, Isaí; mein kleiner Held.“
Liebevoll fuhr sie ihm erneut mit der Nase durchs Fell und berührte ihn dann sanft an der Stirn. Sie hatte nicht gewusst, wie wunderbar es sein konnte, nicht etwa Mutter, sondern Tante oder Großtante oder ähnliches von Welpen zu sein. Damals, als Hiryoga Welpen bekommen hatte, war sie fast selbst noch einer gewesen, Rakshee war ihr immer mehr wie eine Schwester, als wie eine Nichte vorgekommen. Jetzt war es anders, jetzt wachte sie über die Welpen ihres Neffen und ihrer Freundin und Priesterinschwester, jetzt waren diese Welpen fast die ihren und doch eben gerade nicht ihre eigenen. Sie hätte nie gedacht, dass das einen so großen Unterschied machen konnte. Sich von ihren zärtlichen Gefühlen fast hinreißen lassend, war sie Isaí dankbar, dass er sie einerseits wieder ablenkte und andererseits nicht sofort zum Mäusefangen aufbrechen wollte, denn das wäre auch Tyraleen ein wenig zu anstrengend gewesen. Vermutlich wäre es dem Kleinen an diesem eiskalten Morgen nämlich nicht gelungen, auch nur einen Mäuseschwanz zu finden und somit hätte sie wohl den Motivator geben müssen, wozu sie sich nicht unbedingt in der Lage fühlte.
“Genau, wenn es nicht so kalt ist und wir nichts zu tun haben, dann zeigst du mir deine Jagdkünste.“
Vorerst kuschelten sie sich aber lieber noch ein wenig enger aneinander – Isaí gelang das aufgrund seiner Körpergröße deutlich besser, als Tyraleen – und die Sache mit dem Mögen und Nicht-Mögen musste ja auch noch geklärt werden. Der kleine Rote lauschte ihr aufmerksam und abgesehen von einem grimmigen Ausdruck, den sie nicht so ganz deuten konnte, schien er mit ihrer Antwort zufrieden zu sein. Aber da war noch irgendetwas, irgendein Problem. Nach einer kurzen Pause und ziemlich leise rückte er dann mit der Sache heraus, die die Weiße jedoch zunächst nicht verstand. Musste man jeden mögen, wenn man ein Caiyé war? Irritiert wollte sie nachfragen, da fuhr Isaí schon fort, erhellte die Umstände aber nicht unbedingt. Wer war denn er? Reichlich verwirrt blinzelte sie zu dem Roten und legte – soweit das mit dem Kopf auf den Pfoten funktionierte – den Kopf schief.
“Ich glaube, ich verstehe nicht, von wem du redest. Wen musst du mögen, nur weil du ein Caiyé bist? Und für wen musst du da sein? Du musst mir ein bisschen mehr erklären, damit ich dir helfen kann.“
Abermals fuhr sie ihm mit der Zunge über den Pelz und murmelte dann leise, wie zu sich selbst: “Ich mag sie auch nicht, dann sind wir schon zwei.“
09.09.2012, 12:13
„Abgemacht.“
Er besiegte das Gähnen und drückte sich schließlich wieder dichter an den Leib der Fähe. Ein leises, wohliges Brummen verließ seinen Fang, der allerdings noch lange nicht dazu in der Lage war, seine Sorgen zu vertreiben. Dennoch machte es die Nähe leichter, sich damit zu beschäftigen und er war fest überzeugt, dass er – sobald er es ausgesprochen hatte – Hilfe bekam, die ihm zeigte, was er ändern konnte oder einfach, dass es in Ordnung war und er kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte. Es erleichterte ihn, damit angefangen zu haben, obwohl er nicht bedachte, dass er das eigentliche Problem noch gar nicht ausgesprochen hatte, immerhin ging es hier nicht um irgendeinen Wolf, sondern um seine Familie, seine Geschwister – seinen Bruder, der ihm eindeutig (und trotz dieser merkwürdigen Distanz) näher stand als viele andere. Er gehörte zu denen, denen er einfach vertraute, weil er da war, weil er er war und doch hinterließ es immer einen Hauch von Unsicherheit, den er bei Taleesha nicht verspürte. Einen Hauch Unsicherheit, der ihn dazu bringen wollte, sich zu fragen, ob es wirklich so gut war, ihm zu vertrauen. Als Tyraleen schließlich nachfragte, zog er erst einmal die Läufe etwas dichter an den kleinen Körper und schwieg einen Moment.
„Malik…“, murmelte er schließlich schuldbewusst in seinen spärlichen Kragen hinein und senkte den Blick.
Er hatte Angst, dass dieser Name die Sache nun um 180° drehte und wendete und die vorherigen Worte der Wölfin ihre Gültigkeit verloren. Und hinzu kam ja noch, dass er ihn nicht beleidigt hatte, sondern dass da einfach irgendetwas in ihm war, das ihn dazu brachte, seinem Bruder mit unbewusstem Misstrauen und Distanz zu begegnen. Er hatte keinen richtigen Grund wie den, den er nun hatte, die Wölfe nicht zu mögen, die Tyraleen beleidigten. Es war schlicht unverständlich, weshalb es so war und das machte es ihm unheimlich schwer, damit umzugehen. Doch dass er es sich nun überhaupt schon einmal eingestanden hatte, war wohl bereits ein großer Schritt, der dorthin führte, dass man das Problem vielleicht angehen konnte.
„Er ist irgendwie so hochnäsig und besserwisserisch…“
13.09.2012, 11:36
All das stand nicht nur in Tyraleens Blick, sondern wurde ihr ebenso, mit einem Versprechen und einer wilden Entschlossenheit, es zu halten, von Isaí geschenkt. Dann rieb er seinen Fang an ihrem, dabei war kaum zu übersehen, wie viel kleiner seiner noch war und er besiegelte all das noch mit einem knappen „abgemacht“. Sie war sich sicher, dass er damit nicht nur das Heldsein, das Mäusefangen oder das Wölfemotivieren meinte, sondern auch ihre Freundschaft, ihren Zusammenhalt und ihre gemeinsame Aufgabe. Sie hatten nun einen Pakt und Tyraleen hoffte, er würde ein Leben lang halten.
“Abgemacht.“,
bestätigte auch sie noch einmal alles zuvor Ausgesprochene und Unausgesprochene und versuchte sich dann wieder ganz zusammenzunehmen, schließlich war Isaí ein Welpe und nun brauchte er ihren Rat. Die Situation schien für ihn verzwickt genug zu sein, fiel es ihm doch eindeutig schwer, den Namen dieses bestimmten Wolfes auszusprechen. Schließlich murmelte er dann aber doch ganz leise und in sein eigenes und Tyraleens Fell hinein … Malik. Ganz leicht zuckten die Ohren der Weißen zurück, hätte sie doch tatsächlich nun nicht mit Isaís Bruder gerechnet. Streitereien unter Geschwistern waren zwar mehr als normal, aber das, was der kleine Rote bei den Gedanken an Malik empfand, ging wohl über welpisches Ärgern hinaus. Leise fügte Isaí noch einen Satz hinzu, erklärend was ihn dazu brachte, seinen Bruder nicht zu mögen. Grundlegende Charaktereigenschaften, die Tyraleen selbst zwar noch nicht in so starker Ausprägung an Malik hatte beobachten können, aber sie kümmerte sich auch weit mehr um Taleesha und Isaí, während Tinca sie wohl noch viel zu sehr fürchtete und Malik … eben einfach nicht diesen Draht zu ihr hatte. Sie konnte deshalb ein Stück weit nachempfinden, was Isaí meinte, auch wenn sie selbst natürlich weit davon entfernt war, den kleinen Weißen nicht zu mögen. Er war einfach ein Welpe, um den sie sich gerne kümmerte, bei dem sie auch durchaus gerne war, der aber doch eben ein Welpe blieb. Die Ohren mittlerweile längst wieder nach vorne gedreht, betrachtete sie ihren kleinen Freund nachdenklich und verzog die Lefzen zu einem unentschlossenen Gesichtsausdruck.
“Mh.“, kommentierte sie zunächst nur, wirkte dabei aber gelassen und hoffentlich auch beruhigend. “Weißt du, es gibt zwei neue Wörter, die ich dir beibringen muss. Sympathie und Antipathie. Sympathie ist, wenn du jemanden gar nicht so gut kennst und er weder außergewöhnlich nett, noch irgendwie unfreundlich zu dir ist und du ihn trotzdem magst. Dann ist dir dieser Wolf sympathisch. Antipathie ist das Gegenteil, wenn ein Wolf neutral freundlich zu dir ist und du ihn trotzdem nicht magst – dann ist er dir unsympathisch. Diese Gefühle können sich dann natürlich durch Verhaltensweisen verstärken. Deine Antipathie kann durch nicht so nettes Verhalten vertieft werden, während nettes Verhalten dich trotzdem nicht sympathischer an diesen Wolf denken lässt – einfach, weil er dir unsympathisch ist.“
Tyraleen ließ Isaí kurz Zeit, diese neuen Begriffe und damit verbundenen Gefühle zu verstehen, dann fuhr sie mit ihrer eigentlich wichtigen Botschaft fort.
“Eines dieser beiden Gefühle kann man jedem Wolf gegenüber hegen und dabei ist es vollkommen egal, ob er dein Bruder, dein Onkel, dein Rudelmitglied oder ein Wildfremder ist. Für diese Gefühle kann niemand etwas und man muss sich für sie auch nicht rechtfertigen. Nur sollte man von ihnen nicht sein Verhalten bestimmen lassen. Wenn du also trotz deiner Antipathie gegenüber Malik immer nett zu ihm bist und ihm hilfst, wenn er einmal Hilfe braucht, dann ist es vollkommen in Ordnung, wenn du ihn nicht so sehr magst. Vielleicht ändert sich das ja auch noch, wenn ihr älter werdet. Vielleicht aber auch nicht. Beides wäre in Ordnung.“
Und um ihm klar zu machen, dass auch sie so etwas wie Antipathie empfand, fügte sie nach kurzem Nachdenken noch hinzu:
“Krolock ist mir auch unsympathisch. Aber das darfst du ihm nicht sagen, ja? So etwas erzählt man anderen nicht, denn das macht sie nur traurig.“
Sie bezweifelte zwar stark, dass Krolock es sonderlich traurig machen würde, wenn er von Tyraleens Antipathie erführe, zudem wusste er vermutlich sowieso von ihr. Aber dieser schwarze Jungwolf war auch eine ziemlich unschöne Ausnahme und bestimmt nicht repräsentativ für alle Wölfe.
07.10.2012, 00:43
Und genauso sicher, wie er sich dieser Verbindung war, in der er einst, wenn er groß und alt genug war, noch eine gänzlich andere Rolle übernehmen sollte statt die des Welpen - nämlich die eines Freundes, eines Ratgebers, so wie es Tyraleen im Augenblick für ihn war – so war er sich auch der Tatsache sicher, dass die Helle die einzige war, mit der er über eben dieses Problem sprechen konnte. Weder Sheena noch Jakash wären erfreut darüber gewesen, zu erfahren, wie schwer es dem Kleinen fiel, seinen Bruder wirklich gern zu haben und besonders sein Vater wäre sicherlich enttäuscht, würde er es je erfahren. Immerhin musste, nein, wollte Isaí doch in seine Pfotenabdrücke treten und ein wahrer Caiyé werden. Und Kisha – er hatte ihre Reaktion noch gut genug vor Augen, als Malik leise seine Unliebe Tinca gegenüber geäußert hatte und er wollte nicht, dass auch noch Kisha von ihm enttäuscht war. Trotzdem wollte er es unbedingt loswerden und die einzige Wölfin, von der er glaubte, dass sie ihn verstand und ihm keinen Groll entgegenbrachte, war und blieb nun mal die Fähe, dessen Schutz er nun gesucht hatte. Auch Shani wäre noch eine Möglichkeit gewesen, doch bei ihr hatte er keine Ahnung, wie sie es aufgenommen hätte. Bei ihr wäre es ihm nicht so leicht gefallen, es auszusprechen, nicht so leicht wie hier im Geborgenen bei Tyraleen. Und doch winkelte er die Ohren bei ihrer ersten Reaktion beunruhigt an, ehe er den Blick hob und erkannte, dass sie gar nicht so dreinblickte, wie er es befürchtet hatte. Sie wirkte nicht enttäuscht und das weckte seine Neugier (ebenso ein wenig Erleichterung), denn er war überzeugt, dass sie einen Rat für ihn hatte. Langsam drehten sich die großen Ohren wieder nach vorne, um ja keines der Worte zu verpassen, die sie schließlich an ihn richtete.
Sympathie und Antisympathie. Die einen mochte man eben, die anderen nicht. Das war normal und das beruhigte ihn sichtlich, obschon es noch immer nichts daran änderte, dass er es ja eigentlich nicht wollte. Doch so, wie Tyraleen es ausdrückte, schien man nur wenig daran ändern zu können. Man selbst nicht, genauso wenig wie der Gegenüber. Also wurde weder ihm noch Malik Schuld zuteil. Er spielte kurz mit den Ohren, lauschte aber weiterhin aufmerksam, als die Helle fortfuhr und ihm von einer Hoffnung berichtete, die es ihm vielleicht erleichtern würde, der Caiyé zu sein, auf den Jakash irgendwann stolz sein konnte. Er nickte, als sie davon sprach, dass man sich nicht davon leiten lassen sollte, sondern stets darauf bedacht sein musste, dem Wolf, um den es ging, trotzdem respektvoll und gerecht gegenüber zu stehen, denn darum bemühte er sich tatsächlich. Und vielleicht – so hatte sie gesagt – würde es anders werden, wenn sie älter wurden. Ha. Wieder etwas, wofür man älter werden musste, aber vielleicht war es in diesem Fall ganz gut. Und er hoffte doch, dass sie damit Recht behielt – das ‚vielleicht‘ in ihren Worten war dabei ganz schnell vergessen und die Erwartung auf das Älterwerden nur noch mehr geschürt.
„Also kann ich nichts dafür?“, fragte er zur Sicherheit doch nochmal.
Auch, wenn es dabei so klang, als wolle er unbedingt behaupten können, keine Schuld zu tragen – bei dieser Frage ging es ihm mehr darum, zu fragen, ob es wirklich nichts gab, womit man es vielleicht beschleunigen konnte – das Älterwerden also, oder einfach die Veränderung, aber im Grunde – so schloss er nach einem kurzen Augenblick – hatte er auch die Geduld, zu warten, wenn Engaya es so wollte. Erleichtert atmete er aus und drückte seine Schnauze schließlich dankbar gegen die der Wölfin, so, wie er es damals bei der Zeremonie bei Kisha getan hatte. Und als sie weitersprach und ihm erklärte, dass auch sie Antipathie empfand, wurde ihm noch leichter ums Herz. Dann konnte es nichts allzu schlimmes sein. Ihr Beispiel lockte ihm sogar ein ungläubiges Lächeln auf die Lefzen, was aber mehr mit Krolock zu tun hatte als mit dem Gedanken, dass Tyraleen jemanden nicht mochte.
„Krolock kann auch traurig sein? Ist seine grimmige, fieswölfische Art seine Art, zu zeigen, dass er traurig ist? … Ist er vielleicht traurig, weil seine Eltern nicht mehr hier sind? Oder war er zu denen auch so fieswölfisch?“
Isaí konnte sich wirklich nicht vorstellen, dass Krolock zu irgendeinem Wolf nett war. Aber gleichzeitig konnte er sich keinen Wolf vorstellen, der so zu seiner Familie war. An sich war der Dunkle doch ein Rätsel für ihn, aber nicht unbedingt eines, was er lösen wollte. Dazu war er ihm dann doch zu fies und eine zu unliebe Gesellschaft. Aber trotzdem brachte er ihm wohl Mitleid entgegen, zu etwas anderem war der junge Wolf doch gar nicht fähig. Immerhin musste es doch immer einen Grund geben, dass ein Wolf so war wie Krolock. Oder wie Atalya. Aber die hatte ja auch einen Bruder, der sie nicht – Oh je. Nicht, dass Malik noch wurde wie Atalya! Und das nur wegen ihm!
06.01.2013, 13:34
Jetzt hatte die Schwermut sie doch wieder eingeholt und ihre Gedanken gestohlen, um sie um etwas ganz anderes zu drehen. Es ging hier doch in keinster Weise um Averic und sie, es war doch ein schöner Moment gewesen. Aber die Weiße verstand, dass die Traurigkeit es vermochte, jede Überlegung am Ende auf den gleichen Pfad zu führen, das zeichnete sie aus. Es war nun an Tyraleen, sich nichts anmerken zu lassen und zu versuchen, wieder an das Schöne zu denken. An einen Freund. Der ihre Hilfe brauchte und dem sie offensichtlich hatte helfen können. Zumindest sah Isaí nicht mehr bekümmert und etwas zerknirscht aus, sondern zunächst aufmerksam lauschend und dann mit spielenden Ohren sichtlich beruhigt und beinahe vergnügt. Er hatte sich wohl tatsächlich Vorwürfe gemacht und war nun erleichtert, dass ihn keine Schuld traf. Wobei Tyraleen über diese Frage noch einmal kurz nachdenken musste, dafür den rechten Vorlauf leicht anwinkelte und in die aufsteigende Sonne blinzelte. Wenn man jemanden nicht mochte, traf einen dann wirklich keinerlei Schuld? Konnte man also tatsächlich nichts daran ändern? Sie suchte nach Beispielen aus ihrem eigenen Leben, eben zum Beispiel Krolock und ein kleiner nagender Zweifel begann sie in die Seite zu zwicken.
“Nunja … ich glaube, dass man das von Fall zu Fall entscheiden muss. Manch ein Wolf ruht sich auf der Antipathie aus und verstärkt sie dadurch ganz bewusst, dabei könnte er möglicherweise durch ein wenig Nettigkeit und Aufmerksamkeit die Antipathie umkehren.“ Sie dachte sowohl an Krolock, als auch an sich selbst. Sie bemühte sich in keinster Weise darum, Krolock gegenüber wirklich freundlich und aufmerksam zu sein, ebensowenig wie Krolock versuchte, auch nur einen Hauch von Nettigkeit in sein Verhalten zu legen. Aber vielleicht waren das eben diese grundlegenden Charaktereigenschaften, die eben jene Antipathie begründeten? Da war auch Tyraleen überfragt. “In Maliks und deinem Fall solltest du dich einfach so verhalten, wie ich es zuvor schon erklärt habe. Sei nett zu ihm und frage vielleicht auch einmal nach, wie es ihm geht. Vielleicht mögt ihr euch mehr, wenn ihr einander besser versteht. Vielleicht aber auch nicht. Wenn ihr es versucht, dann trifft euch gewiss keine Schuld.“
Ihr Blick senkte sich wieder zu Isaí und auf seine Berührung hin schenkte sie ihm noch ein aufmunterndes Lächeln, das sich allerdings zu einem leicht tadelnden – wenn auch ziemlich schiefen – Grinsen entwickelte, als der Welpe auflachen musste und seine Gedanken zu Krolocks Verhalten äußerte.
“Ja, Krolock kann traurig sein und ich glaube sogar, dass er der traurigste Wolf unseres Rudels ist. Denn wenn jemand so fieswölfisch ist, dann ist er das nicht, weil er so glücklich und im Reinen mit seinem Umfeld ist. Krolock ist traurig und wütend, aber warum weiß ich nicht so genau. Vielleicht hast du Recht und er hat anders als seine beiden Geschwister es nie verkraftet, dass seine Eltern so früh gestorben sind. Er war noch ein Welpe, da starben sie beide nur wenige Wochen nacheinander. Aber auch deine Uroma und deine Urgroßtante sind in dieser Zeit gestorben und viele schlimme Dinge sind passiert. Deshalb dürfen wir auch Krolock nicht einfach verurteilen, sondern versuchen ihn zu verstehen.“
Das war sehr viel leichter gesagt, als getan. Tyraleen verstand zwar, dass Krolocks Leben schwer gewesen war und er viel Leid hatte ertragen müssen, aber warum er deshalb so geworden war, blieb ihr verborgen und konnte sie nicht akzeptieren. Liel und Cirádan hatten exakt das Gleiche erlebt und waren dennoch nicht von so einem widerwärtigen Wesen wie ihr Bruder.
25.02.2013, 12:44
Seine Ohren winkelte er wieder unsicher an, als ihr Anfang nicht ganz auf ein für ihn positives Urteil schließen ließ. Doch im Verlauf ihrer Erklärung stellten sie sich wieder auf. Aufmerksam lagen seine Seelenspiegel auf ihrem Antlitz – so gut es eben möglich war – und er nickte langsam, als sie geendet hatte. Das hatte er auf jeden Fall vor. Er war sein Bruder, sie waren eine Familie und selbst, wenn er bezweifelte, dass Malik irgendetwas an seiner hochmütigen Art ändern würde, mit der sich der Rote nicht anfreunden konnte, wusste er, dass es falsch war, ihm aus diesem Grund ebenso zu begegnen. Ein erleichtertes Schnaufen bahnte sich seinen Weg durch seinen Fang und stieg in einer kleinen Wolke hinauf zum dunklen Himmel, der allmählich einen warmen und freundlichen Ton von Orange annahm und die Sonne bereits am Horizont offenbarte. Somit war die Sache 'Malik' wohl erst einmal abgehakt, aber Krolock bot dann doch noch etwas Interessantes, aus dem der junge Rüde einfach nicht schlau werden wollte. Ihre Worte ließen ihn nachdenklich den Kopf auf ihren Lauf senken, während er sich die Situation durch den Kopf gehen ließ. Es konnte nicht schön sein, wenn einen auf einmal so viele Wölfe verließen. Da konnte einen selbst nicht mehr der Gedanke helfen, dass man sie früher oder später doch wiedersah – das leuchtete selbst dem kleinen Optimisten ein. Aber dennoch konnte das doch unmöglich ein Grund dafür sein, dass er deshalb nur noch übelgelaunt am Rande des Rudels lauerte und sich einen Spaß daraus machte, andere zu verletzen.
„Aber er ist so... so krolockisch.“, beschwerte er sich leise an Ermangelung eines passenden Wortes. „Ich meine... Es ist nie ein gutes Gefühl, wenn man sich allein fühlt, aber wir sind doch eine Familie. Man ist nicht allein, wenn man es nicht will. Es ist immer irgendjemand da. Aber er scheint ja allein sein zu wollen. Das macht für mich keinen Sinn.“ Isaí seufzte und spielte kurz mit den Ohren, ehe er den Kopf wieder hob und Tyraleen ansah. „Ich mag ihn nicht verurteilen, aber es ist so verdammt schwer, ihn zu verstehen. Genau wie Atalya. Sie mag es auch nicht, wenn man versucht, ihr zu helfen...“
Die letzten Worte verließen nur leise seinen Fang. Er wusste, dass sie ihn nicht mochte, aber das fand er nicht allzu schlimm. Es musste ihn nicht jeder mögen, immerhin mochte er ja – wie erläutert – auch nicht jeden. Aber er empfand Mitleid für sie und Mitleid bedeutete, dass man jemandem zur Seite stehen musste und versuchen musste, ihm zu helfen. Mittlerweile aber wusste er nicht mehr wirklich, wie er das anstellen sollte. Sollte sie ihn doch nicht mögen, aber dann konnte sie ihn wenigsten glücklich nicht mögen.