12.05.2012, 18:39
Gelassen streckte Atalya die Glieder, gähnte dabei kurz auf und kam schließlich auf den Läufen zum stehen. Sie legten nur eine kleine Pause ein, um sich dann wieder auf den Weg zu machen, und diesen Moment hatte die Graue genutzt, um sich einen Augenblick zu erholen. Nun war sie also wieder wach, ließ den Blick über das Rudel schweifen und erkannte doch nichts, was irgendwie merkwürdig war, alles wie immer. Ihr Pate war noch immer fort, und es würde sich nicht mehr ändern, so sehr es auch schmerzte. Auch diese kleine Wanderung brachte sie nicht auf andere Gedanken, eher im Gegenteil. Es war schwierig, nicht daran zu denken, nicht gelegentlich in den Wald zu blicken, als erwartete sie dort die bunte Gestalt Liams. Nur ein wehmütiges Seufzen drang über ihre Lefzen, als sie sich langsam in Bewegung setzte, sich ohne wirkliches Ziel dem Rudel näherte. Einen Moment schloß sie die Augen, ohne inne zu halten. Nun atmete sie tief durch, versuchte den Kopf frei zu bekommen und öffnete die Seelenspiegel wieder, als ein weißes Pelz direkt vor ihr erschien. Madoc saß dort, sie konnte nicht sagen, ob er jemanden beobachtete, oder was er sonst tat. Automatisch neigten die Ohren der Grauen sich nach hinten, sie ließ den Kopf leicht sinken, ohne den Blick von dem weißen Rüden abzuwenden. Ihre letzte Begegnung existierte noch lebhaft in ihrem Kopf, verursacht einen kleinen Stich in der Magengegend. Zuerst wollte sie sich abwenden, eine andere Richtung einschlagen. Atalya schluckte, seufzte dann tonlos, ehe sie leise die Stimme anhob.
„Madoc...“
Unsicher und doch fest ruhten die hellen Augen auf dem Rüden, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie wußte nicht, was nun noch zwischen ihnen stand, oder ob alles wieder wie zuvor war.
12.05.2012, 23:49
Für eine Weile hatte Madoc seine graue Freundin aus der Ferne beobachtet und es war unschwer zu erkennen, wie resigniert sie noch immer war. Liam war ein wichtiger Wolf in ihrem Leben gewesen, ihn einfach so zu verlieren war ein herber Schlag für die junge Fähe gewesen und nur zu gern wollte der Rüde ihr zur Seite stehen. Doch zögerte er einen Augenblick, abwägend, ob seine Gesellschaft ihr Gemüt heben oder sogar senken mochte. Ginge es nach ihm, so hatte die unausgesprochene Auseinandersetzung zwischen ihnen in ihrer letzten Konfrontation ein Ende gefunden, denn obwohl der Sternentänzer ein leicht reizbarer Geselle war, so war er nicht nachtragend, wenn es um Konflikte mit Vertrauten ging. Ob Atalya es jedoch ähnlich sah, war ihm bisher ein Rätsel, doch schlussendlich wurde ihm bewusst, dass es sie nicht weiterführte, wenn sie sich mieden. Mit einem leisen Seufzen schritt der Hüne auf die Graue zu, war indes leicht Irritiert über seine kurze Unentschlossenheit, war er doch für gewöhnlich schlagfertig und rational. Doch er ignorierte dieses eigenartige Gefühl verfiel in einen lockeren Trab, der sie in wenigen Augenblicken an sein Ziel führte. Kurz musterte er Atalya, welche seine Anwesenheit offensichtlich noch nicht bemerkt hatte, da sie ihre Sinne vor der Umwelt verschlossen hatte. Als sich jedoch die braunen Seelentore öffneten, erkannte sie eine leichte Verunsicherung in ihnen, was sich zusätzlich in ihrer Körpersprache manifestierte. Madoc konnte ein kurzes Lächeln nicht unterdrücken, wo war bloß Atalya die Furchtlose geblieben? Doch bei dem Erklingen ihrer sachten Stimme nahm sein feines Antlitz wieder einen ernsten, wenn auch sorgenvollen Ausdruck an. Zerbrechlich wirkte sie, so wie sie dort stand in ihrer geneigten Pose und beinahe schmerzte es den Hünen zu sehen, was aus der lebensfrohen kleinen Fähe geworden war, die er vor einem Jahr kennenlernte.
"Du denkst an Liam nicht wahr?"
Fragte er mit sachter Stimme, in solch zartem Tone, wie man es von ihm kaum erwarten würde. Er sah den Schmerz in ihrem Blick, in ihrer Haltung, er sah ihn in ihr. Sie glich beinahe einem Ebenbild von Leid und Elend und es war zu jenem Zeitpunkt, an dem der Silberweiße alle Zweifel fallen ließ. Unmöglich konnte sie noch an den unglücklichen Streit zwischen ihnen denken, sie hatte schwerere Sorgen. Er trat einen Schritt näher an sie heran und schleckte ihr über die schmale Schnauze, beinahe so, als wolle er ihr zeigen, dass ihr Miteinander wieder so unbefangen sein konnte wie zuvor. Anschließend trat er einen Schritt zurück und musterte seine graue Freundin abermals. Wie konnte er ihr helfen? Gar nicht. Sie war die Einzige, die sich aus dieser Lage befreien konnte, sie musste sich mit den Tatsachen abfinden. Doch diese Worte wusste Madoc für sich zu behalten, hatte er doch schon häufig genug die Erfahrung gemacht, dass seine praktischen, rationalen Gedanken als taktlos oder gar herzlos empfunden wurden.
"Er hat seinen Weg gefunden, keiner konnte ihn davon abhalten. Er wusste sicherlich, was das Beste für ihn war."
27.05.2012, 14:06
Unsicher wog die graue Fähe die Ohren hin und her, ließ den Blick dabei auf Madoc ruhen, dessen Blick sie in diesem Moment nicht ganz definieren konnte. Sie wich seinem roten Blick für einen Moment aus, hob den Blick erst wieder, als er zu sprechen begann, seine doch sanfte Stimme in diesem Moment wie ein Messer durch die Luft schnitt. Es war ein schwieriger Moment für sie, nicht zu erklären. Und so nickte die Graue nur langsam, wenn es auch nur die halbe Wahrheit war. Auch der Streit mit ihrem Freund ging ihr durch den Kopf, es war so viel, worüber sie sich den Kopf zerbrechen konnte. Atalya schluckte, seufzte dann leise und zuckte kaum merklich zusammen, als Madoy zu ihr trat, sachte mit der Zunge über ihre Schnauze fuhr. Die Rute der Grauen schwang für einen Moment durch die Luft, und als der Weiße sich wieder von ihr entfernte, streckte sie ihm im ersten Moment die Schnauze nach, um ihn zu erreichen. Aber schon im nächsten Moment stand sie wieder da, unbeholfen, unsicher. Ob Madoc ihr Verhalten verstand, wo sie selbst es sich nicht erklären konnte? Erneut hatten sich ihre Augen auf den Boden gewandt, ehe sie sich wieder an den Weißen gerichtete hatte, der nun erneut gesprochen hatte. Liam hatte seinen Weg gefunden und wußte, was das Beste für ihn war? In diesem Moment biß Atalya die Fänge fester aufeinander, versuchte die Wut herunter zu schlucken, die mit der Trauer kam. Die Fähe schloß die bräunlichen Augen, schüttelte dann leicht den Kopf. Sie wußte nicht, was sie auf die Worte ihres Freundes erwidern sollte. Gespräche um Liam ließen sie wieder die Kontrolle über sich verlieren, sie wollte nicht darüber sprechen. Und wenn sie darüber nachdachte, mischte sich noch ein ganz anderes Gefühl darunter. Eines, von dem sie sich immer fern hielt, welches sie unterdrücken konnte. Sie hatte doch vor nichts Angst. Sie war Atalya die Furchtlose. Einen Moment hielt die Graue den Atem an, blickte den Weißen dann wieder direkt an.
„Wirst du auch gehen, wenn du deinen Weg gefunden hast?“
Ihre Worte klangen fast ein wenig welpisch, unsicher, und ihre Stimme war nicht mehr als ein leises Flüstern.