02.06.2012, 22:22
AND NEVER GIVE IT BACK?
Erst, als er für ihn bereits unzählige Wolfslängen hinter sich gelassen hatte, blieb er erneut stehen und sah sich um. Er konnte niemanden sehen – nicht einmal Kisha, die sicherlich irgendwo auf ihn aufpasste, um einzugreifen, falls wirklich etwas auf ihn lauerte. Mit einem Schnicken der Schnauze vertrieb er den Gedanken an Gefahr und seine Patin, hob sie schließlich in den kühlen Wind und versuchte, sie anhand dessen ausfindig zu machen. Inzwischen hatte er einen Beschluss gefasst, was sein Ziel betraf. Während sein kleines Abenteuer am Anfang noch mehr spontan gewesen war, so hatte es nun ein Ende, das es bloß noch ausfindig zu machen galt. Doch nicht einmal die Witterung der dunklen Wölfin lag in der Luft. Der Rote drehte die Ohren zögernd zur Seite. Er wollte nicht noch weiter vom Rudel fort, wollte nicht weiter in den Wald laufen, denn auch, wenn er es nicht wollte, so hatte ihn doch ein ungutes Gefühl dabei ereilt. Stattdessen drehte er nun ab, sodass er orthogonal zu dem Weg lief, den er bislang genommen hatte. Seine Nase trieb ihn gegen den Wind und erst, als er die Hoffnung fast aufgegeben und zum Rudel hatte zurückkehren wollen, stieg ihm der inzwischen bekannte Duft in die Nase. Augenblicklich schnellten seine Ohren nach vorne und der Ausdruck auf seinem Gesicht wurde freudiger, als er verspielt in einen von Sonnenlicht beschienenen Fleck auf dem Boden hüpfte und anschließend rasch seiner Nase folgte, bis er die schwarze Gestalt auch schon erkennen konnte. Seine Rute begann zu pendeln, während er sich noch immer fröhlich hüpfend auf sie zubewegte. Erst ein paar Wolfslängen vor ihr verlangsamte er seinen Schritt, damit er sie nicht wieder erschreckte (er wusste ja, dass sie so schreckhaft war!) und trat mit ganz ruhigen Schritten an sie heran.
„Hilel.“, begrüßte er sie mit einem sanften Ton in der Stimme und lächelte ihr entgegen. „Ich hab‘ dich gefunden. Das nächste Mal musst du mich suchen!“
Ganz einfache Regeln hatte dieses Spiel! Isaí grinste verschmitzt und ließ sich etwa einen Meter von ihr entfernt auf den Hinterläufen nieder. Seine blauen Seelenspiegel, die allerdings allmählich ins Orange übergingen, lagen neugierig auf ihrer Gestalt, während seine Rute noch immer fröhlich pendelte.
04.06.2012, 19:33
Es war nicht sonderlich verwunderlich, dass die Dunkle wieder weiter vom Rudel entfernt war. Auch wenn sie dicht genug sein sollte, dass ihr Bündnis mit den anderen Wölfen deutlich zu erkennen war. An ihren ersten Tagen in diesem Tal, da wäre sie keinesfalls so nahe der Rudelhöhle gewesen. Sie hätte nicht gewagt entdeckt zu werden, obwohl sie es nicht mit dem hinterlistigen Gedanken tat dem Aszrem ihr gerne verschrieben hätte, aber auch nicht mit der Dummheit der er ihr des Zweitens zu sprechen wollte. Was es war, war jenes was sie wohl immer noch hier hielt. Der Genuss einer Gemeinschaft war immer noch besser als ewige Einsamkeit. Zudem gab es doch einige Vorteile, welcher Hilel sich insgeheim bediente. Nicht unbedingt jener Zuversicht einer gemeinsamen Jagd, auch wenn diese einen das Leben vereinfachte, aber war es nicht eher die Sehnsucht nach Gesellschaft und Sicherheit. Zur Zeit konnte sie sich dieser bedienen, wann es ihr verlangte, dies allerdings geschah zu selten und zu einseitig.
Wandernd zog die Fähe stets ihre Schnur, diesmal hatte sie es in den Wald gezogen. Immer noch konnte sie Orte entdecken, die ihr unbekannt waren und ihre jugendliche Neugier weckten. Allein verlor sie ihre Scheu, obgleich ihre Wachsamkeit ihr stiller Begleiter war. Hinter ihr lagen nun das ruhige Gewässer des Sternensee und mit diesem das Rudel. Nah genug um den Geruch überall zu erfassen, weit genug um sich unbeobachtet und frei zu fühlen. Welcher Suche Hilel hinterher jagte war wie so oft unbekannt. Ihre Gedanken trieben genauso träge voran wie ihre Schritte sie leichtfüßig weiter brachten. In junger Unbeschwertheit schlang ihr Leib sich zwischen Gestrüpp und Bäumen durch. Richtung Norden erstreckte sich ihre Schnauze und witterte überall den lieblichen Duft von Leben. Der Wald war zur grünen Jahreszeit üppig und verlockend für alles was eine Heimat oder auch nur eine Unterkunft suchte. Hier gab es nichts was von irgendwelchen Sündenfällen sprach. Jetzt lag er jedoch in Ruhe. Einzig allein das Krächzen von Krähen zerbrach die friedliche Atmosphäre. Ihr haarsträubender Klang ließ zwischen den, von schwachen Sonnenstrahlen beschienen Bäumen feenhaftes Zwielicht heranwachsen. Dazu klang leise im Hintergrund das Plätschern eines der vielen kleinen Bächen, die dieses Land mit Leben nährten. Ein aufmerksam gleitender Blick von ihr, erkannte das Gebirge welches sich an ihrer rechten Flanke erstreckten. Jedoch erblickte sie nur die letzten Spitzen der Berge, sie waren von dicken satten Nebel verschleiert. Dieser ließ ihre wahre Macht nur schwach erahnen. Die Kälte die um das alte Gestein zog sich eisern zusammen, es schien als wolle es nicht preisgeben welches Leben dort oben hauste. Hilel bezweifelte, dass dort überhaupt irgendetwas war, außer nackter Stein und ein Ausblick der atemberaubend wie bedrohlich zu gleich war. Ihrer Vorstellung entzog es, ob sie gerne am Rande des Abgrundes stehen mochte.
Weiter musterte sie dieses Land, zog die frische Luft in sich ein und beobachtete das Spiel von Licht und Schatten wie Leben und Tod. Irgendetwas würde sie hier sicher noch entdecken und wenn es auch nur ein kleiner Hase war, der ihr als wohlschmeckende Speise dienen konnte. Diese Vorstellung regte wohl am Stärksten ihre Gunst auf sich. Doch bevor sie auch nur den Geruch eines dieser hoppelnden Tiere in ihrer Nase finden konnte, gab es dort etwas anderes. Es war beinahe genau so bekannt wie der eines Kaninchen, allerdings mit ganz anderen Emotionen verknüpft. Nicht der Geifer ran in ihrem Maul zusammen, auch wenn sich ihre Lefzen verzogen. Allerdings zu einem seltenen Lächeln, welchem sie sich ungeziemt hingab. Diesmal würde er sie nicht erschrecken, bevor er durch das Gebüsch stieß, welches sie beide noch trennte, hatte sie sich bereits geduldig umgewandt. So erblickte sie einen jungen hüpfenden Wolf, der von einer gewissen Art an Lebenslust nur so triefte. In ihrer Mimik stand die Zuneigung geschrieben, welche sie bereits für ihn empfand. Seine sanfte Stimme trat an ihre leicht wackelnden Ohren.
"Du versteckst dich ohnehin nur in der Rudelhöhle bei Mama!"
Neckisch gab sie ihm eine Antwort und musterte seine Erscheinung gründlich. In seinen Augen der Farbe ähnlich ihrer entstand allmählich ein anderer Ton. Jener sprach von einem baldigen neuen Zeitalter seines Lebens. Er würde älter, reifer, größer und bedrohlicher werden. Nicht nur körperlich, sondern auch von seiner Seele und seines Geistes her. Mit Bedauern erkannte Hilel dies, ließ sich jene Erkenntnis aber nicht anmerken und bedachte ihn weiter mit dem zarten Lächeln. Langsam begab sie sich zu ihm und wollte ihn beinahe anstupsen bevor sie doch noch inne hielt.
"Was machst du hier? Ist das nicht zu weit weg von deiner Familie?"
Wahrscheinlich war sie in guter Stimmung, aber irgendwie hatte sie das Verlangen ihn zu ärgern und welches Mittel sollte am Besten wirken, als seine Fähigkeiten zu untergraben. Sie hielt ihn für alt genug allein rumzustromern und traute ihm das zu, aber sie wusste auch wie die Restlichen mit so etwas umgingen und wie solch Worte auf einen heranwachsenden Welpen wirkten.
04.06.2012, 21:06
WE'RE BURNING UP THE SKY LIKE THE WORLD IS OURS
„Wenn du mich da suchst, verlierst du das Spiel Da ist es doch langweilig!“, klärte er sie in einem Ton auf, der bereits ausdrückte, dass das doch eigentlich selbstverständlich war.
Dennoch lag der Spaß und der sanfte Ton in seiner Stimme, was ihn ja mehr oder weniger auszuzeichnen schien. Das konnte ja spannend werden, wenn Hilel dort vollkommen siegessicher nach ihm suchte und dann leider feststellen müsste, dass Isaí überall aber nicht dort war. Wie Unwahrscheinlich es war, dass Hilel sich wirklich so nah an das Rudel bewegen würde, um ihn dort zu suchen, fiel ihm in diesem Moment gar nicht auf. Er sah keinen Fehler an ihrer ‚Drohung‘, keine Unstimmigkeit und einzig und allein der Sieger des Spiels schien in diesem Moment zu zählen. Siegessicher reckte der junge Wolf nun die Nase in die Luft und stolzierte noch ein paar Schritte auf die dunkle Wölfin zu, noch immer feixend und lächelnd. Dennoch war die Bewegung, die er mit seiner Nase vollführte, von Vorsicht geprägt, als er sie ganz langsam der dunklen Schnauze Hilels entgegen schob, um ihre noch nicht vollführte Geste zu erwidern. Es war okay, wenn sie von ihr ausging, doch von alleine würde er sich mit Berührungen bei ihr lieber zurückhalten. Er wollte sie nicht wieder erschrecken oder ihr gar wehtun. Aber andersherum war es in Ordnung, denn dann konnte er sich sicher sein, dass sie es wollte. Seine Rute pendelte erfreut, doch im nächsten Moment schon schien sein Körper in genau dieser Haltung zu erstarren. Auch Hilel verharrte in ihrer Bewegung und seine hellen Augen fingen ihren neckischen Blick auf. Isaís Ohren drehten sich leicht nach hinten.
„Ich hab keine Angst! Ich kann es auch mit einem Varg aufnehmen, wenn ich will!“, versicherte er ihr mit kindlichem Übermut in der Stimme.
Er hob wieder den Kopf, als wäre er nun zu beleidigt, um ihre sanfte Geste zu erwidern, und drehte den Körper leicht von ihr weg. Auch den Blick wandte er von ihr ab, doch lange hielt dieses gespielt verletzte Getue nicht. Wieder zeichnete sich ein vielsagendes Lächeln auf seinen rötlichen Lefzen ab und er drehte den Kopf so, dass er sie nun über seinen Rücken hin im Blick hatte.
„Außerdem gehörst du doch auch zu meiner Familie.“
Er sprach diese Worte leise und mit kindlicher Leichtigkeit aus. Vielleicht war es nicht das Blut, das sie gemeinsam hatten, doch für den jungen Wolf war jedes Rudelmitglied ein Teil seiner Familie. Da gab es nichts zu differenzieren – nicht für ihn.
07.06.2012, 22:36
Vorsichtig warf sie einen argwöhnischen Blick hinter seinen Rücken. Aus eben dem selben Grund wie er es tat. Sie wollte wissen ob er eine Gefolgschaft hinter sich hatte, wie beim ersten und letzten Mal. Diesmal erkannte sie aber nichts und konnte auch kein Geräusch oder Geruch wahrnehmen. Erleichterung machte sich in ihr breit und ließ sie ungezügelter wirken. Ein vielsagender Blick huschte in seine Augen, als auch er sich einmal umgewandt hatte. Er würde schon verstehen. Der kleine Heranwachsende war sensibel und intelligent, daran gab es keinen Zweifel. Ihr Lächeln in ihren Zügen gewann Sicherheit und Kraft. Innerlich stellte sie dennoch mit Verblüffung und einer unbenannten Belustigung fest wie er ihre Worte gänzlich ernst genommen und auf die Goldwaage gelegt hatte. Über die kleine Falle in ihnen war er nicht gestolpert und so sprach sie diese auch nicht weiter an, sondern gab sich seinem Kontern hin.
"Oh, nur weil ich nicht so gut sehen kann wie du, brauchst du dich nicht auf der sicheren Seite zu wissen!"
Brach es schnippisch hervor und so hob sie hochmütig das Haupt, während sie mit einem schiefen Schmunzeln auf ihn nieder blickte. Nie hatte sie sich darüber Gedanken gemacht, dass er daran zweifeln könnte das sie auf ihrem matten Auge blind war. Für sie und die meisten ausgereiften Wölfe war dies eine Klarheit die nicht zur Debatte stand. Das einseitige Eis musterte sein Getrippel neugierig und ließ ihn seinen Versuch gewähren. Sie war selbst ein Stück zu ihm vorgerückt und hatte vorsichtig ihm diese Andeutung gemacht. Beinahe einem Theaterspiel gleich, jeder wartete was der andere machen würde, um richtig zu reagieren. Stumm schätzte sie seine Achtsamkeit und rechnete es ihm an, wie den Sinn zum Feixen.
"Bist du dir da sicher? Hast du schon einmal einen Varg gesehen? Der kann es allein mit einem Bären aufnehmen...Aber du hast schon Recht, du bist schon groß - jedenfalls ein ganzes Stück gewachsen, seitdem letzten Mal."
Hilel erinnerte die Erzählungen über Vargen, wie Aszrem besorgt zu ihr getreten war und sie mit dem üblichen Misstrauen entgegen gekommen war. Er war standhaft geblieben und hielt an seiner Geschichte fest und an seiner Besorgnis. Sie hatte beinahe die Fassung verloren, aber am Ende war sie hier gelandet. Hier in diesem Rudel. Vorher gab es allerdings noch eines der seltsamsten Erlebnisse. Die beiden Schwarzen hatten einen Fuchs getroffen, so rot wie Isaí und mindestens genauso willig für Gespräche. Noch nie zuvor hatte sie mit einem anderem Tier, als einen Wolf ein Wort gewechselt. Dieser Fuchs jedoch hatte trotz seiner Scheu genug Mut mit ihnen zu reden und benahm sich mit unverhohlener Eitelkeit wie einer ihrer Gattung. Als ob dieses Wesen auch nur annähernd ihnen ebenbürtig war.
Ihre letzte Aussage trug einen Funken ihres Bedauerns, welches sie bereits empfunden hatte bei dem Anblick seiner neugewonnenen Augenfarbe, die noch nicht völlig ausgeprägt war. Ob es mehr bräunlich würde oder so rötlich wie sein Fell? Die Frage schwirrte in Hilel wie ein kleiner Spatz bei Sonnenuntergang. Der schwache Anschein von Klagen wich sofort wieder. Andächtig betrachtete sie den Welpen, der schwere Worte ausgesprochen hatte mit strebsamer Leichtigkeit und kindlicher Unwissenheit. Anfangs fehlte ihr eine passende Antwort und so blieben ihre Lefzen versiegelt. Beinahe gerührt schaute sie auf ihn, wie er sie über seinen Rücken beobachtete. Dabei machte sie einen hüpfenden Satz auf ihn zu. Unbeschwertheit überkam die sonst gezügelte Fähe, aber schnell vermochte sie diese zu überspielen und gewann Gefasstheit. Allerdings erst nachdem sie den kleinen Rüden an seinem Hinterteil bestupst hatte, mit der unausgesprochenen Aufforderung sich augenblicklich wieder zu ihr zu wenden.
"Sag das bloß nicht, nachher bemuttere ich dich noch!"
Die Jungwölfin sprach dies aus, als wäre es eine Schandtat. Die Gefühle für einen Welpen konnten nicht normal sein. Besonders für einen jungen neugierigen Wolf an sich nur ein Hindernis, immerhin waren sie meistens an Regeln, Gebote und Ängste jener Beschützer gekoppelt und dies wollte Hilel sicher nicht. Es waren keine Eigenschaften die ihr zusagten, sie sprachen von Enge und verlorenen Freiheit.
08.06.2012, 00:13
„Wieso denn das? Du kannst bestimmt nicht schlechter sehen als ich, Hilel.“, sagte er überzeugt, doch die Frage klang deutlich mit, ehe sein Ausdruck wieder strahlender wurde. „Aber finden wirst du mich sicherlich trotzdem nicht, dafür kann ich mich viel zu gut verstecken.“
Nur, um das nochmal klarzustellen. Und nun lag es an ihm, siegessicher den Kopf und die kleine Nase in die Luft zu strecken und auch die kleine Rute etwas zu heben. Auf jeden Fall versprach es spannend zu werden, so viel war klar. Keiner der beiden Wölfe wollte sich eine Schwäche eingestehen – oder eher Isaí wollte keinem von ihnen eine Schwäche eingestehen – und so stand es vermuteter Sieg gegen vermuteten Sieg – dass einer verlieren musste, war klar, auch, wenn es nicht zwangsläufig bedeutete, dass man die Niederlage auch als solche sehen musste. Bei einem Spiel gab es nur zwei Gewinner, immerhin hatten sie beide Spaß und das war der Sieg, nichts anderes. Ihre folgenden Worte appellierten erneut an seinen Wissensdurst. Damals hatte er schon Atalya nach den Vargen gefragt, doch eine richtige Antwort hatten Malik und er nie bekommen. Die Dunkle schien da mehr zu wissen und mit dieser Information ging auch gleich vollkommen unter, dass sie an seinen Fähigkeiten zweifelte. Aber vielleicht hatte sie ja auch Recht. Erst würde er es mit Krolock aufnehmen. Der war ja ein viel leichterer Gegner als ein Varg. Und mit dem hatte er noch eine Rechnung offen, obschon er verboten bekommen hatte, diese auch einzulösen. Übrigens war der Zweifel in Hilels Worten auch gleich mit dem letzten Teil ihrer Aussage aufgehoben. Als wolle er ihren Worten Bestätigung schenken, richtete er sich auf und machte sich so groß er konnte. Er schien seinem Ziel immer näher zu kommen, ein großer, starker Wolf zu werden und das nur, weil er geduldig war und nicht mehr ununterbrochen wartete. Damals war es ihm so zäh vorgekommen, bis er mal gewachsen war – im Vergleich ging es nun viel, viel schneller.
„Wirklich? Findest du?“, fragte er begeistert und stolzierte einmal im Kreis herum, um ihr seine (neue) Größe zu zeigen. „Aber – Hilel! Hast du denn schon mal einen Varg gesehen? Und wie er es mit einem Bären aufgenommen hat? Kannst du es auch mit einem Bären aufnehmen?“
Das war doch jetzt viel wichtiger als seine neue große Größe! Neugierig und begeistert sah er zu ihr auf in der Hoffnung, er würde sogleich erneut Zeuge einer spannenden Erzählung werden. Abermals war er erstaunt, wie viel die dunkle Fähe doch wusste und schon erlebt hatte, obwohl sie jünger als beispielsweise seine Mutter oder Tyraleen schien. Er wünschte sich, auch einmal so spannende Abenteuer zu erleben und zweifelsohne hatte es Hilel bereits mehr als verdient, in die Abenteurerheldengruppe aufgenommen zu werden, die bislang nur aus Kisha, Tyraleen, Taleesha und ihm bestand. Er wusste, dass er das nicht einfach so beschließen durfte, doch zweifelte er daran, dass einer der anderen etwas dagegen haben würde. Auch, wenn sie sie anders kannten als er – Isaí konnte ihnen ja von ihren Heldentaten erzählen! Ihm fiel nicht auf, dass er die Wölfin mit seinen mit Leichtigkeit ausgesprochenen Worten irgendwie aus dem Konzept brachte. Mit einem deutlichen Funkeln in den Augen hatte er den Kopf zu ihr herumgewandt und die kleine Nase sachte über seinen Rücken gehoben. Sein Lächeln blieb erhalten und er fühlte sich gut dabei, ihr gesagt zu haben, wie er die ganze Sache sah. Für einen Moment wurde er unachtsam, gab sich dem warmen Gefühl in seinem Inneren hin, bis seine Ohren nach vorne schnellten, als die Dunkle einen Satz auf ihn zu machte. Er überlegte, was sie nun vor hatte, sah es ihr doch eigentlich gar nicht ähnlich und spielte skeptisch mit den kleinen Lauschern, bis er – kaum hatte die Dunkle ihn berührt – in die Luft sprang, herumwirbelte und schließlich den Vorderkörper auf dem Boden bettete, während sein Hinterteil mit pendelnder Rute in die Luft gestreckt blieb. Instinktiv fasste er es als Aufforderung zu Spiel auf und erwiderte den Blick der Fähe nun mit einem herausfordernden Schimmern in den Seelenspiegeln.
„Pfff! Dazu musst du mich erst einmal fangen!“, rief er und machte ein paar Sätze in die entgegengesetzte Richtung und über einen umgestürzten, kleinen Baumstamm, der wohl dem großen Beben vor ein paar Tagen zum Opfer gefallen war.
08.06.2012, 23:54
Verwundert legte die Fähe ihren Kopf in die Schräge und hielt bei seinen Worten ein Moment inne. Es wirkte nicht nur so, dass sie seine Aussage anzweifelte, sondern es war dementsprechend die Tatsache. Eine Weile überlegte sie, ob er in Lügen sprach oder nicht. Der fragende Anteil seiner Stimme war es, der sie dazu bekehrte und sie von seiner Ehrlichkeit überzeugte. Er wusste es wirklich nicht. Ruhig betrachtete sie sein strahlendes Lächeln und gewann sanft ihr eigenes zurück. Dennoch blieb sie weiter ein einfaches Schweigen und rätselte, wie sie ihm erklären könnte, warum sie schlechter sah. Das schiefe Haupt stellte sich wieder richtig und streckte sich zu ihm hin. Nun konnte er ihren Blick ohne weiteres nicht ausweichen, als sie endlich die Stimme erhob. Ein belehrender Unterton kehrte in sie ein und unterzog ihm die erste Schulstunde an jenem noch jungen Tag.
"Mit Sicherheit hast du es schon gesehen, aber anscheint wusstest du nichts damit anzufangen. Ich habe ein blaues und ein graues oder mattes Auge. Viele sprechen auch von einem toten. Meine Sicht ist dadurch einseitig und nicht so umfassend wie deine. In einfachen Worten: Auf der rechten Seite bin ich blind und sehe damit nichts außer unendliche Schwärze. Es fällt mir selber gar nicht mehr so auf. Ich habe mich daran gewöhnt. Wenn du für einige Zeit eines deiner Augen schließt wirst du es merken, eigentlich geht es ganz schnell. Man sieht immer noch genug von der Welt, nur nicht wenn sich jemand, wie du zum Beispiel, von der Seite anschleichst. Eigentlich ist es auch nicht so wild, ich kann gut riechen und gut hören. Meine Sinne haben sich darauf eingestellt, dass sie mein Augenlicht ersetzten müssen, daher verlasse ich mich nun viel mehr auf sie."
Irgendwie trugen ihre Worte keinerlei Last und unterstrichen ihre Aussage, die von ihrer Gewöhnung sprach. Dazu griff die Schwarze den Vorfall im Sumpf auf, bei dem der Welpe ihr einen Schrecken eingejagt hatte und unentdeckt an ihr vorbei geschlichen war. Dort hatten ihre anderen Sinne nicht so gut funktioniert. Kein Wunder bei dem Gestank.
"Jaja, du musst dich auch gut verstecken können. Können das kleine feige Welpen nicht immer?!"
Sie griente sich einen, er wollte als Sieger aus der Situation hervorkommen und sie wollte auf seinem arroganten Ehrgeiz herum reiten. Keinesfalls hatte sie einen üblen Gedanken bei diesem Spielchen und eigentlich war es ihr gleich, denn wenn zählte nur der Spaß. Andererseits konnte sie es sich nicht nehmen lassen, den kleinen Welpen ein bisschen zu piesacken und stachelte somit offenherzig in seinen Angaben herum. Worte zu drehen und zu wenden war kein Problem. Misstrauische Geister konnten diese Fähigkeit meist gut gebrauchen, wenn auch oft unbewusst, um irgendwo einen Fehler oder einen Verrat des anderen aufzudecken. Der natürlich oft genug nicht bestand.
Der Stolz ehrte das Herz dieses jungen Rüdens. Wie Hilel merkte vergaß er keinen Moment der Würde, die ihm zuteil werden sollte. Vielleicht war sie einfach zu rühmend zu ihm gewesen, dennoch bei seinem Anblick konnte sie kaum die Fassung bewahren. Er glich irgendwie wie einem hochmütigen Vogel bei der Balz. Natürlich kannte sie ihm auch die neu gewonnene Größe an, dies jedoch nur unter äußerster Disziplin. Daher trug sie ein breites Schmunzeln auf ihren Lefzen, während ihre Rute aufgeweckt über den Boden fegte. Irgendwie musste sie ja diesen Druck des verklemmten Lachens abgeben.
"Sehr sogar. Du bist sehr viel größer, aber mindestens auch doppelt so arrogant geworden, mein kleiner Gockel. Sag, hast du denn schon eine Verehrerin?", sagte sie voller Inbrunst und nickte wild dabei.
"Aber nein. Ich habe nie einen Varg gesehen, aber Aszrem hatte mir damals von einem berichtet und ein Fuchs. Eine seltsame Geschichte, eine sehr seltsame Sache. Normalerweise reden Füchse nicht mit Wölfen, genauso wenig wie wir es mit ihnen tun, aber der war halt anders...Ich? Nein ich würde nie allein einen Bären angreifen, außer ich bin lebensmüde, aber in einer Gruppe kann man es gut schaffen oder wenn es ein alter kranker und schwacher Bär ist. Kennst du denn Bären? Diese großen braunen zottigen Gesellen, die eigentlich viel zu träge und langsam aussehen."
Gerade hatte die Fähe wieder Abstand eingehalten, den sie bei ihrem Sprung vernachlässigt hatte, wandte sich der Jungwolf um und streckte sich mit erhobenen Hinterteil gen Boden. So kurz der spielerische Anblick rührte, so schnell war er wie von einer Zecke gebissen davon gesprungen und stürmte über einen morschen Baumstamm, das wedelnde Hinterteil hinter ihm her. Hilel konnte ihrem Instinkt nicht entsagen und sprang mit Eifer hinter ihm her. Unter ihren Krallen flogen Fetzen der brüchigen Borken ab, bis sie zum Stehen kam. Im Gegensatz zu ihm, überquerte sie das alte Holz nicht. Sie blieb auf diesem und beugte sich zu ihm herab, nun um ein weiteres höher als er.
"Du glaubst ja wohl nicht, dass ich für so etwas zu alt bin oder?!"
13.06.2012, 20:47
„Ohhh. Hilel, das muss…“, begann er, hielt jedoch inne, weil er es für nicht wirklich hilfreich befand. „Also du kannst dafür besser riechen und hören als ich! “
Ha! Gut abgelenkt! Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, wenn auch etwas hilflos, doch er hoffte tatsächlich, dass sie sich nun besser fühlen würde. Er hatte ja absichtlich seinen Vorteil bei dem Ganzen herausgelassen, vielleicht dachte sie dann gar nicht mehr daran. Und vielleicht wäre es auch hilfreich, wenn er nun einfach den Spaß wieder aufnehmen würde. Innerlich jedoch bemühte er sich, ihre Worte nicht zu vergessen. Es beschäftigte ihn wirklich und er nahm sich fest vor, darauf zu achten, sie nicht mehr zu erschrecken und von der richtigen Seite angeraucht zu kommen! Seine Rute pendelte nun wieder kräftiger und er erwiderte den Blick der Wölfin nun mit einem deutlichen Schimmer aus Herausforderung. Ha! Das hatte sie wohl gerne, was? Aber er war nicht feige!
„Das sagst du. Du versteckst dich doch immer so gut vor dem Rudel. Ich musste dich ganz schön doll suchen, kleiner feiger Welpe.“
Seine Lefzen zogen sich noch ein Stück zurück und gaben ein schelmisches Grinsen preis. Da hatte er sie erwischt und ihre Vorgehensweise geschickt kopiert! Am besten war es doch, wenn sie nun einfach ungeachtet der neuen Informationen weitermachten und so gab sich der kleine Rote auch voll seiner Freude hin, die das Kompliment in ihm hervorrief, obschon ein großer Teil seiner Schau auch ihrer Unterhaltung dienen sollte. Er hob den Kopf noch ein Stück in die Luft, als Hilel ihn ‚arrogant‘ nannte, doch er wusste, dass sie weiterhin in ihrem kleinen Spiel gefangen waren und auch sie wusste, dass er keineswegs wirklich so eitel und hochmütig war, wie er sich im Augenblick gab.
„Bestimmt. Aber die sind mir doch sowieso alle nicht gewachsen.“, entgegnete er und schüttelte kurz den Kopf – noch immer fröhlich grinsend.
Die arrogante Haltung sank schließlich wieder zu einer, die ihm ähnlicher sah, als sie ihm erneut etwas erklärte und ein Wort klang dabei in seinen Ohren besonders heraus. ‚Fuchs‘ – davon hatte bereits gehört, zumindest, dass sein Fell wohl genauso rot sein musste wie sein eigenes. Er war interessiert daran, was das wohl für Geschöpfe waren, die seine Fellfarbe hatten, doch in der knappen Erklärung waren sie ihm nicht sonderlich sympathisch. Waren sie so arrogant, dass sie nicht mit Wölfen sprachen und Wölfe gleichfalls so arrogant, dass sie sich von ihnen fernhielten? Doch noch bevor er die Frage stellen konnte, ging sein Vorderkörper zu Boden und forderte Hilel zum Spiel heraus. Antworten konnte er auch noch später bekommen – diese Situation allerdings war einmalig. Schon war er davongehüpft und hatte hinter einem Baumstamm ‚Schutz‘ gesucht. Seine Ohren hatten ihm verraten, dass sie ihm nachsetzte, was dieses einmalige Gefühl in ihm hervorrief. Voller Spannung sah er zu ihr hinauf, wedelte mit der Rute und verengte den Blick voller Spannung und Spaß.
„Das nicht. Aber viel zu groß!“
Mit diesen Worten schlüofte er unter dem Stamm hindurch und machte sich in die andere Richtung davon, um ein paar Wolfslängen später herumzuwirbeln und sich erneut zu ihr umzuwenden.