07.06.2012, 12:00
Der Morgen hatte gedämmert, es war Tag geworden, wolkenverhangen und grau und nach der Hitze des Sumpfes bitterkalt. Nachdem das Rudel nun fast einen ganzen Sonnen- und Mondlauf ununterbrochen gewandert war und sie sich dem See bereits genähert hatten, wurde beschlossen, eine Rast einzulegen. Die Welpen waren dieses Tempo noch nicht gewöhnt und auch wenn bald Ähnliches auf sie zukommen würde, sollten sie nicht vor der Zeit zu überfordernden Anstrengungen gezwungen werden. Auch die anderen Wölfe wirkten erschöpft und die noch immer nicht innehaltenden, aber zumindest schwächer gewordenen Erdbeben trugen ihren Teil zur Ermüdung des ganzen Rudels bei. Auch Tyraleen war davon nicht ausgeschlossen. Der seltsame Frohsinn in der Nacht, der sie bei der Ankunft Chivans überfallen hatte, war zwar noch immer leicht zu spüren, aber Müdigkeit, Sorge und ein erster Hauch von Verzweiflung überwogen nun. Sie war genauso erleichtert wie alle anderen, als sie sich endlich niederlegen konnte, eng an die anderen Wolfskörper geschmiegt und ihre Wärme und die beruhigenden Geräusche ihrer regelmäßigen Atemzüge in sich aufsaugend. Aber sie fand keinen Schlaf. Eine Unruhe hatte sich über sie gelegt und hielt jeden Gedanken an entspannten Schlummer fort. Es waren aber nicht nur die vielen Sorgen und das zunehmende Gefühl, keine wirkliche Leitwölfin für ihr Rudel sein zu können, sondern auch die wieder ganz deutlich zu spürende Präsenz Chivans. Sie kam nicht umhin den Kopf zu heben und seine braun-graue Gestalt zu suchen. Noch bevor sie ihn entdeckt hatte, schämte sie sich fast ihres Verhaltens und versuchte wieder die Augen zu schließen. Aber anstatt Dunkelheit zu sehen, meinte sie die strahlende Gestalt Engayas zu spüren und auch wenn sie nach einem Bruchteil einer Sekunde wieder fort war, hatte sich nun endgültig jeder Gedanke an Schlaf verflüchtigt. Es schien ihr fast, als würde ihr ihre Göttin etwas sagen wollen, aber Tyraleen verstand sie nicht. Unruhig erhob sie sich wieder, betrachtete das nunmehr ruhig daliegende Rudel, machte auch Aszrem und Averic aus und wandte sie schließlich ab. Fahrig aber nicht schnell trabte sie in den Wald hinein, lief erst ziellos hin und her, beruhigte sich dann aber etwas und schritt schließlich langsam an den kahlen Bäumen vorbei. Vereinzelt zwitscherte ein Vogel und hier und da war ein Rascheln von kleinen Nagern zu hören, ansonsten lag der Wald still in der kalten Morgenluft. Einmal zitterte die Erde ganz leicht, aber so schwach, dass sich kein Lebewesen mehr davon beunruhigen ließ. Nur Tyraleen erinnerte es einmal mehr an ihre Sorgen und an die Angst vor der unbekannten und nicht zu verstehenden Gefahr. Sie fühlte sich furchtbar hilflos und unfähig, fragte sich schon fast, ob es nicht besser wäre, das Rudel jetzt einfach zu verlassen. Dann würden sie eine neue Leitwölfin wählen müssen, aber sie konnte kaum schlechter sein, als Tyraleen es war. Diese Gedanken taten ihr so weh, dass sie innehalten musste, den Kopf in einer schmerzhaften Geste gesenkt, den rechten Vorderlauf zitternd erhoben und wie ohnmächtig nicht fähig, einen Schritt zu tun.
07.06.2012, 19:37
Wie es ihm als Fremden zustand, hatte er sich etwas abseits des Rests niedergelassen, sodass seine Angehörigkeit aber noch immer deutlich zu sehen war. Auch, wenn er die hellen Seelenspiegel geschlossen hatte, waren alle seine übrigen Sinne wach und aufmerksam. Er lauschte dem fernen Geräusch der Vögel, die nach der ersten Aufregung der Erderschütterungen wieder ihre Stimme gefunden zu haben schienen und dem leisen, wachsamen Atem der übrigen Wölfe um ihn herum. Ihm war, als läge Regen in der Luft und der graue, wolkenbehangene und trübe Himmel ließ ihm diese Möglichkeit gar nicht mal so fern erscheinen. Die kurze Rast war erholsam, doch statt wirklich an Schlaf denken zu können, blieb es bei diesem oberflächlichen Dösen, bis er erneut die Augen aufschlug und den Rastplatz, den die Leitwölfe ausgewählt hatten, mit neugierigem Blick betrachtete. Noch immer hielt er es kaum für möglich, dass sein Weg ihn tatsächlich in dieses Tal geführt hatte. Er bettete den Kopf erneut auf seine Läufe und blinzelte müde. Bevor ihm seine Augen aber tatsächlich wieder zufielen, schnippte er mit den Ohren. Eine Gestalt hatte sich erhoben und Chivan brauchte nicht lange, um festzustellen, dass es Tyraleen selbst war, die sich kurz Überblick zu verschaffen schien und sich schließlich von ihrem ursprünglichen Platz entfernte. Erst, als sie aus seinem Blickfeld verschwunden war, hob er den Kopf und sah ihr nach, während sich seine Ohren überlegend drehten. Er verharrte, ließ seinen Blick selbst kurz über die restlichen ruhenden Wölfe schweifen, ehe auch er sich erhob und denselben Weg einschlug, den die helle Fähe vorgegeben hatte. Sie hatte unruhig gewirkt, doch das war nicht allein der Grund gewesen, weshalb der stattliche Rüde den Entschluss gefasst hatte, ihr zu folgen. Sie wussten nicht, was vor sich ging und sich dann allein vom Rudel zu entfernen, war nicht sonderlich ratsam. Es wurde still um ihn herum und es dauerte, bis er ihr Antlitz wieder vor sich erkennen konnte. Erneut ging ein kurzes Zittern durch die Erde, brachte ihn dazu, kurz stehenzubleiben und zu hoffen, dass es bei dieser leichten Erschütterung bleiben würde, bis er seinen Weg wieder aufnahm. Einige Wolfslängen vor ihm erkannte er noch immer Tyraleen, die allerdings inzwischen stehen geblieben war. Mit bedachten Schritten nährte er sich ihr, beunruhigt, denn fast schon zu deutlich war zu sehen, wie sie sich fühlen musste. Chivan zögerte kurz und zweifelte daran, dass er wirklich der Wolf war, der in diesem Augenblick hier sein sollte, doch als er sich kurz umwandte, erkannte er niemanden, der es für nötig gehalten hätte, der Hellen zu folgen.
„Tyraleen.“, sprach er schließlich sanft und trat mit etwas Abstand an ihre Seite.
Er ließ den Blick nach vorne gerichtet und schwieg einen Moment, bis er sie schließlich doch ansah, ohne allerdings den Kopf richtig zu ihr herumzuwenden. Er wollte nicht, dass sie sich durchschaut fühlte. Dennoch sah sie besorgniserregend aus, hilflos und so, dass Chivan sie fast sachte mit der Schnauze berührt hätte, doch er ließ es bleiben. Fürs erste musste seine Anwesenheit reichen. Besorgt drehte er die Ohren zurück und musterte sie einen Augenblick, bis er erneut die Stimme erhob.
„Die Beben lassen nach. Das ist ein gutes Zeichen.“
Wachsam achtete er auf jede Regung in ihren Zügen, als wolle er dadurch herauslesen, ob es wirklich das war, was sie bedrückte. Er kannte sie nicht, wusste nicht mehr über sie als ihren Namen und ihren Rang und doch war ihm, als wäre es richtig, dass er ihr gefolgt war. Schon allein, weil sie nicht so wirkte, wäre Einsamkeit wirklich das, was sie nun benötigte.
08.06.2012, 14:12
Im Schmerz verharrend und kaum fähig zu atmen, bemerkte Tyraleen auch nicht, dass eine Gestalt sich an ihre Fersen geheftet und sie nun fast erreicht hatte. Sie war ganz in ihrer eigenen Welt, in der nur ihre Sorgen und ihre Angst, ebenso wie ihre Verwirrung und das Gefühl, eine wichtige Tatsache zu übersehen existierten. Erst, als die Schritte Chivans unüberhörbar geworden waren und er ihren Namen ausgesprochen hatte, zuckte die Weiße beinahe erschrocken zusammen und fuhr herum. Chivan in diesem Augenblick zu sehen – eben noch hatte sie ihn gesucht – war ihr erneut wie ein Zeichen, dessen Bedeutung sie aber einfach nicht verstand. Wer war dieser Rüde? Warum war er ihr gefolgt? Und warum schien es so richtig, dass ausgerechnet er in diesem Moment an ihrer Seite war? Er musste Ähnliches denken, denn welcher Fremde würde sich sonst trauen, seinem Leittier ohne Aufforderung zu folgen, obwohl es doch eigentlich so schien, als wolle es alleine sein? Sein Blick wirkte besorgt und obwohl er den Kopf beinahe respektvoll abgewandt hatte, spürte sie seinen hellen Augen sanft auf sich liegen. Wie um sie zu beruhigen oder vielleicht auch, um die unangenehme Situation „erwischt“ worden zu sein, aufzulösen, merkte er an, dass die kaum mehr spürbaren Beben als gutes Zeichen gedeutet werden konnten. Die Weiße stimmte ihm in diesem Punkt zwar vorbehaltlos zu, aber wirklich freuen konnte sie sich darüber nicht – ein Nachlassen konnte auch ein erneutes Erstarken zur Folge haben und der Zweifel an sich selbst blieb. Zudem der Winter, der Sumpf, das Unbekannte. Es gab so viel, an dem Tyraleen verzweifelte und gerade jetzt war sie nicht fähig, das zu verbergen. Schwach und ohne jede Spur der Sicherheit einer Leitwölfin sah sie Chivan an, konnte sich nicht einmal darum bemühen, ihre Gefühle zu verbergen. In ihr war alles so mutlos, dass sie beinahe meinte, ihre Läufe würden sie nicht mehr tragen. Ganz leicht zitterten sie, aber zumindest so viel Kraft war ihr geblieben, dass sie nicht wie ohnmächtig zu Boden sank.
“Ja, das stimmt.“,
brachte sie mit zitternder Stimme vor und startete einen weiteren, erfolglosen Versuch, sich in den Griff zu bekommen, indem sie den Kopf heben wollte. Doch er war so endlos schwer und irgendetwas schien auf ihm zu lasten, ihn niederzwingen zu wollen. Sie schloss die Augen und plötzlich war ihr wieder, als wäre Engaya vor ihrem inneren Auge vorbeigehuscht, einen warmen Schein zurücklassend. Ihr Blick hob sich zu dem Rüden.
“Chivan.“ Jetzt glomm doch etwas in ihren Augen auf. “Schickt dich Engaya?“
Es schien ihr die einzig richtige Frage in diesem Moment zu sein.
09.06.2012, 00:40
Chivan schnippte mit den Ohren und hob den Kopf ein kleines Stückchen an. Er schwieg, bedachte sie einen Augenblick verwundert über ihre Frage, ehe er den Kopf abwandte und ein paar Meter weitertrottete, als wolle er ihr ausweichen. Seine Gedanken ratterten, während er nach außen hin die Ruhe zu bewahren versuchte. Abermals hatte er das Gefühl, dass die helle Leitwölfin mehr über ihn wusste, als es eigentlich möglich war, so, wie sie in der Nacht zuvor augenblicklich erkannt hatte, worauf seine vorsichtig ausgesprochenen Worte hatten hindeuten wollen. Sie war eigenartig, doch nachwievor wollte sich der Rüde nicht von dem Vertrauen täuschen lassen, was sie auszustrahlen schien. Dass sie nicht normal war, war ihm schon mit dem ersten Moment klar gewesen, doch was genau sie zu solch einer besonderen Fähe machte, blieb ihm weiterhin verborgen.
„Ich muss dich enttäuschen. Ich bin nicht mehr als ein Wanderer, der versucht, den Göttern nahe zu sein.“
Der Graue wandte sich erneut herum und anders, als seine vorherige Reaktion vielleicht vermuten ließ, klangen seine Worte weiterhin sanft und fast schon entschuldigend. Auch, wenn etwas in seinem Inneren gegen diese Auslegung der Dinge protestierte, so war sein Entschluss, vorerst bei dieser Geschichte zu bleiben, doch fest und unerschütterlich. Er hielt Wort und hielt sich an das unausgesprochene Versprechen, was er gedanklich gegeben hatte. Er war niemand, der groß verkündete, irgendwie mit den Göttern in Verbindung zu stehen. Zwar strahlte Tyraleen etwas aus, was ihn förmlich dazu treiben wollte, ihr die Wahrheit zu sagen, doch seine Vernunft stellte sich über sein Gefühl. Er kannte sie nicht und wusste nicht, was es mit ihr auf sich hatte. Mit ihr und der Aura aus Güte und Großherzigkeit, die sie ausstrahlte, obschon sie von der Mutlosigkeit und Schwäche im Augenblick getrübt war.
„Und doch… Führen sie uns alle auf gewisse Weise.“
Sie wusste mehr. Sie musste einfach – immerhin musste es ein Grund haben, dass das Leben ihnen so viel Vertrauen entgegenbrachte und sie in seinen Schutz nahm.
14.06.2012, 19:33
Tyraleen war zu eingenommen von ihren eigenen Gedanken und zu belastet mit ihrem eigenen Schmerz um Chivans Reaktionen auf sie, ihre Worte und ihre veränderte und wenig angemessene Haltung wirklich aufnehmen und verarbeiten zu können. Natürlich bemerkte sie, dass es für ihn eine unangenehme Situation war – auch wenn er sich vollkommen freiwillig hineinbegeben hatte – und er nicht Recht wusste, wie er nun reagieren sollte, aber die angehobene Pfote und der Wunsch, ihr durch Berührung Trost zu spenden entgingen ihr vollkommen, dabei hätte gerade das Wissen darüber vielleicht schon ein wenig geholfen und den Moment verkürzt. Erst als sie ihre Frage gestellt hatte, fokussierte ihr Bewusstsein erstmals Chivan und ihre Konzentration verlagerte sich. Sie sah das Schnippen seiner Ohren, das Anheben des Kopfes, sein Schweigen, das Abwenden, die ausweichenden Schritte und die Gedanken, die rasend schnell hinter seinen Augen vorbeizogen. Diese Reaktionen verwunderten sie, denn wäre ihre Vermutung so abwegig gewesen, hätte er dann nicht gleich mit einem schlichten Nein antworten können? Die Offensichtlichkeit seiner hadernden Gedanken und seiner Unentschlossenheit, die dieser kurze Gang mit abgewandtem Blick auszudrücken schien, irritierte sie. Wollte er ihr nicht die Wahrheit sagen? Aber warum sollte er ihr etwas verheimlichen? Warum sollte er etwas so offensichtlich Positives wie im Auftrag Engayas zu handeln abstreiten? Oder drückten seine Gesten etwas anderes aus – Unsicherheit, Zurückhaltung oder gar Schüchternheit? Wie hätte Tyraleen reagiert, hätte er sie ganz offen nach ihrer Rolle im Gefüge der Götter gefragt? Wohl kaum hätte ihre Antwort: „Ich bin das Leben, die Tochter Engayas.“ gelautet, dafür war sie sich dieses Umstandes viel zu unsicher. Sie spürte ihre außergewöhnliche Verbindung zur Göttin, aber schließlich war sie ja auch eine Priesterin. Vielleicht hätte Banshee ihr helfen können, aber würde sie noch zu ihr sprechen können, würde sich diese Frage nicht stellen. Möglicherweise würde es also noch eine lange Zeit dauern, bis sie mit einiger Sicherheit ihre Rolle benennen konnte. Was, wenn es Chivan nicht anders ging? Vielleicht spürte er ganz deutlich Engayas Licht in sich und er wusste sogar, dass sie seine Schritte hier her gelenkt hatte, aber woher sollte er wissen, ob das nicht ganz normal war, im Tal der Sternenwinde, und vielleicht hatte auch er sich schon einmal anhören müssen, dass er phantasierte. Und als er noch einen weiteren Satz an seine vorherige deutliche Verneinung anfügte, war sich Tyraleen fast sicher, dass auch ihm bewusst war, kein normaler Wolf zu sein. Er hatte sich das Hintertürchen geöffnet und hatte weder die Absicht „auf eine gewisse Weise“ zu definieren, noch damit auszuschließen, dass die Götter die einen mehr und die anderen weniger führten. Ein leises Lächeln legte sich auf die Lefzen der Weißen und mochte für einen Außenstehenden in diesem Moment möglicherweise als unpassend empfunden werden, doch Tyraleen war sich sicher, dass Chivan es verstand. Sie wandte kurz den Blick ab, aber nun nicht mehr aus Schwäche – sie war zwar immer noch da, aber deutlich in den Hintergrund gerückt – sondern nachdenklich.
“Meine Mutter, Banshee, war die Tochter des Lebens. Und mein Vater Acollon der Sohn des Todes. Er hat uns sehr viel alleine gelassen, wir haben alle immer wieder darunter gelitten, aber am meisten hat das stets meine Mutter getroffen. Sie hat Fehler begangen … und dann sind sie gestorben, gemeinsam, hier im Tal.“
Sie wusste selbst nicht recht, warum sie diesem Rüden nun die ziemlich verkürzte Geschichte ihrer Eltern erzählte, aber sie hatte das Bedürfnis, ihm etwas von sich zu erklären, ohne etwas Zweifelhaftes behaupten zu müssen. Zudem hatte sie leise gesprochen, beinahe wie zu sich selbst, und in den stillen Wald hinein.
20.06.2012, 15:08
FORGIVE AND FORGET
BUT DON'T FORGET WHY YOU'RE HERE
Unruhig spielte er mit den Ohren, als er den Blick der hellen Wölfin auffing und senkte schließlich respektvoll den Blick. Er hatte im Gefühl, dass hinter der Frage mehr stand als reines Interesse, aber das änderte nichts daran. Sein Gewissen teilte ihn, sagte ihm, dass es richtig war, ihr die Wahrheit zu sagen, doch gleichzeitig wollte es ihn davon überzeugen, dass er besser davon schwieg. Was wäre, wenn er sagte, wie stark er das Band spürte? Er musterte Tyraleen nachdenklich bei diesem Gedanken, bei diesem Zögern, ob er nicht vielleicht doch weitersprechen sollte. Was würde sie dann erwarten? Es war ein weiterer Grund für Chivan, es einfach unausgesprochen zu lassen – er war er selbst und keine Verbindung zu irgendwem machte aus ihm etwas Besonderes. Selbst, wenn das Leben ihn hierher geschickt hatte – er wollte nicht, dass sich die Helle falsche Hoffnungen auf sein Erscheinen machte. Nicht, wenn er selbst so sehr daran zweifelte, dass das hier wirklich der Ort war, den er aufsuchen sollte. Er hatte sich schon einmal geirrt, hatte sich irreführen lassen. Und nach wie vor bestand die Möglichkeit, dass er sich alles lediglich einbildete, dass er dem Größenwahn verfiel, ganz ähnlich, wie es seinem Bruder ergangen war. Was, wenn er keinen Deut anders war?
Kaum merklich versuchte er, den Kopf zu schütteln, ihn frei zu bekommen von all den Zweifeln, die ihn in diesem Augenblick heimsuchten. Die Anwesenheit der Hellen ließ ihn an Dingen zweifeln, denen er sich eigentlich sicher gewesen war. Sie war nicht normal, so viel war klar, obschon er es weiterhin nicht definieren konnte. Ein entschuldigender Blick galt ihr, ehe er die Ohren wieder aufmerksam stellte und lauschte, was sie zu erzählen hatte. Sie hatte den Blick abgewandt, was ihm gewiss nicht entging, doch sie schienen beide nicht recht zu wissen, was genau sie tatsächlich erzählen wollten, erzählen konnten. Erstaunen trat in seinen Blick bei ihren Worten und er verstand – zumindest den Punkt, warum das Rudel in diesem Tal willkommen und beschützt war.
„Das tut mir leid.“, sprach er schließlich genauso leise und überbrückte erneut die Distanz zwischen ihnen, die er aufgebaut hatte.
Tröstend hob er die Schnauze, berührte die Fähe am Hals und verharrte einen Moment in dieser Position, dabei vollkommen außer Acht lassend, dass die Wölfin, die ihm gegenüberstand, eigentlich vollkommen fremd war, die Leitwölfin sogar, und er sich somit Dinge heraus nahm, die sich manch ein Rudelwolf nicht wagen würde, obwohl er sie bereits länger kannte. Doch es spielte keine Rolle. In diesem Augenblick fühlte es sich richtig an, so, wie es sich richtig angefühlt hatte, ihr zu folgen. So interessant er diese Sache auch fand, so stand nun doch zuerst im Vordergrund, der Wölfin beizustehen. Seine Neugier hielt er zurück, wollte trotz der Fragen, die sich in ihm auftürmten, nicht fragen. Nicht jetzt. Nicht hier.
„Das Schicksal ist nicht immer einfach, doch wir müssen es akzeptieren, wie es kommt. Ich kannte ihn zwar nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es einem Wolf einfach fällt, seine Familie zurückzulassen.“
Er schwieg einen Moment, schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, so gut es ihm im Augenblick möglich war und senkte schließlich erneut kurz nachdenklich den Kopf, bis er sie wieder ansah.
„Und nun sieh dich an, Tyraleen. Du bist an ihre Stelle getreten und ich bin mir sicher, dass sie beide gleichermaßen stolz auf dich sind und froh, das Rudel in guten Pfoten zu wissen.“
Es war nur eine Vermutung, dass die Wölfin den Rang von ihrer Mutter, von ihren Eltern übernommen hatte, doch Chivan hoffte, damit nicht allzu falsch zu liegen. Doch während er es aussprach, kam ihm ein gänzlich anderer Gedanke. Erneut weiteten sich seine Augen erstaunt, überrascht, als hätte man ihm gesagt, dass es eine Möglichkeit gab, die Toten erneut zum Leben zu erwecken.
„Du bist an ihre Stelle getreten…“, wiederholte er langsam und flüsternd. „Du bist…“
Er sprach nicht weiter. Dazu war er zu perplex von dieser vermeintlichen Erkenntnis. Doch es passte – es passte verdammt nochmal alles zusammen.
05.09.2012, 14:19
Jetzt aufmerksamer geworden, weniger auf sich selbst fixiert, weniger in ihrer Verzweiflung versunken, lag Tyraleens Blick auf ihrem Begleiter, der noch immer mit sich zu hadern schien. Vielleicht war ihre Frage zu direkt gewesen, vielleicht hatte sie ihm damit die Möglichkeit genommen, Umstände anzudeuten und doch im Dunklen zu lassen, sodass er nichts behauptete, dessen er sich nicht sicher war, aber doch zeigte, dass es mehr gab, als er aussprechen konnte. Doch es war ihnen auch mit dieser Schwierigkeit gelungen, sich zu verstehen. Chivan zweifelte vielleicht noch daran, konnte er doch auch nicht wissen, was im Kopf der Weißen vorging, aber ihre Blicke trafen sich immer wieder und während die Stille der Unsicherheit noch nachklang, waren sie sich beide doch sicher, verstanden zu haben. Nun galt es ihre eigene Rolle zu klären, worauf Chivan zunächst reagierte, wie es der Anstand wohl befahl. Sie war ihm für sein ehrliches Mitgefühl dankbar, aber sie hatte mit ihrer kurzen Erzählung nicht andeuten wollen, dass sie noch immer um ihre Eltern trauerte. Das tat sie zwar nach wie vor immer wieder, gerade jetzt jedoch beschäftigten sie viel zu viele andere Sorgen, um sich der Sehnsucht nach Banshee und Acollon hingeben zu können. Das wollte sie auch dem bunten Rüden gegenüber klarstellen, doch der war bereits zu ihr getreten und berührte sie nun am Hals. Berührungen von Fremden waren ihr nicht grundsätzlich unangenehm, doch Chivans Trost hatte etwas Intimes, beinahe Zärtliches, dem sie normalerweise sofort ausgewichen wäre. Jetzt aber verharrte sie ganz ruhig, spürte die Nähe, die er ihr sanft anbot und schloss für einen kurzen Moment die Augen, während ihr Kopf ganz leicht die Stirn Chivans berührte.
“Danke.“,
antwortete sie schlicht, als der Moment vorbei war und stutzte dann bei den weiteren Worten des Rüden. Aus einem unerfindlichen Grund war ihr, als würde er von Averic sprechen, erst nach einem Wimpernschlag wurde ihr klar, dass er auf Acollon Bezug nahm. Die sich wiederholende Geschichte zeigte mehr als deutlich, dass Chivan Recht haben musste, machte Averic doch klar, was Acollon hatte erleiden müssen. Der einzige Unterschied war die Art und Weise, mit der die beiden Rüden das Thema behandelten. Acollon hatte stets geschwiegen, war verschwunden und wieder aufgetaucht, ohne zu erklären, wo er gewesen war und was er getan hatte. Averic dagegen hatte alle seine Pläne offengelegt und würde früher oder später zu ihr kommen, und seinen Abschied ankündigen. Welcher Weg der bessere war, würde sich erst noch zeigen. Sie schluckte und nickte dann.
“Nein, niemand lässt seine Familie gerne zurück. Aber das Schicksal des Sohns des Todes ist besiegelt und wir, die wir zurückbleiben, müssen es erdulden. Das war schon immer unsere Rolle … nur manchmal ist sie so schwer.“
Abwesend lag ihr Blick wieder auf den aschgrauen Bäumen und ein Hauch Mutlosigkeit, die sie zuvor beinahe vergessen zu haben schien, war zurückgekehrt. Es war ihr Glück, dass Chivan noch weitere aufbauende Worte loswerden wollte, von denen sie sich ablenken und ihren Blick wieder zu dem bunten Rüden führen ließ. Allerdings konnte sie nun nicht mehr zustimmen, wurde der Stolz ihrer Eltern doch in diesen Tagen stark strapaziert. Sie wollte ihm nicht widersprechen, war sich aber nicht sicher, ob sie diese lieb gemeinten Worte ignorieren könnte, da weiteten sich die Augen des Bunten erstaunt und er wiederholte flüsternd und doch im ganz anderen Licht darstellend seine Worte. In diesem Moment war sich die Weiße nicht sicher, ob sie zu viel gesagt hatte, ob er nun zu überzeugt von etwas war, was sie nicht einmal angedeutet hatte. Ihre Ohren drehten sich leicht zurück, sie verharrte kurz mit einem beinahe zweifelnden Gesichtsausdruck, dann versuchte sie zu lächeln und fing den Blick des Bunten auf.
“Ich bin eine Priesterin und ich lebe dank und für und mit Engaya. So wie du.“
Sie konnte und wollte ihn nicht an seinen Gedanken hindern, aber er sollte nicht aussprechen, was möglich war. Vielleicht hätte sie in einer anderen Situation eher zu ihren Vermutungen gestanden und nicht gleich in eine andere Richtung gelenkt, doch jetzt fühlte sie sich so wenig wie die Tochter des Lebens, dass es ihr wie Spott erschien, zu behaupten, sie wäre eben jene.
14.09.2012, 16:38
Er selbst war kein Wolf, der schnell auf Nähe ging. Er wahrte Distanz, wahrte unsichtbare Grenzen, doch die tröstende Geste war nicht die erste Handlung dieses Tages, die er sich normalerweise nicht herausgenommen hätte. Er war ihr gefolgt, als sie sich vom Rudel entfernt hatte, doch so falsch sich diese Entscheidung auch anfühlen sollte – er bereute es nicht, genauso wenig, wie er bereute, ihr diese Berührung geschenkt zu haben. Der Bunte selbst war innerlich darüber erstaunt, wie angenehm es sich im Vergleich mit anderen Situationen anfühlte. Seine Nase berührte ihren Pelz und gleich darauf spürte er auch ihren Kopf an seiner Stirn. Seine Lauscher schnippten kurz, ehe auch er für einen winzigen Moment die Seelenspiegel schloss. Ein eigenartiges Gefühl ging durch seine Glieder; ein Gefühl von Freiheit, von Vertrautheit und Nähe, doch kaum hatte er die blauen Seelentore wieder geöffnet, die Schnauze zurückgezogen und den Blick zurück auf die Bernsteinspiegel der Fähe gerichtet, um ihr zu lauschen, sah er das Antlitz, in dem sich Fremde und Bekanntschaft vereinten. Er hatte das Verlangen, aufzusehen, zum Himmel zu blicken, als erhoffte er sich dort eine Antwort, doch sah er lediglich weiterhin zu Tyraleen, ohne zu erahnen, welche Gedanken sie in diesem Augenblick heimsuchten. Er lauschte, drehte eines der Ohren wieder etwas nach hinten, folgte ihrem Blick allerdings nicht, der sich abermals irgendwo in der Ferne zu verlieren schien. Es war noch nie leicht gewesen, sich dem Schicksal hinzugeben und es stumpf zu akzeptieren, doch im Grunde blieb ihnen nichts anderes übrig. Sie hatten keine andere Wahl, als blind auf die zu vertrauen, von denen sie sich Hilfe erhofften.
„Doch so schwer es auch erscheinen mag, wir dürfen uns davon nicht unterkriegen lassen. Keinem Wesen wird eine einfache Rolle zuteil. Und ich kann auch nicht glauben, dass es im Sinne der Götter ist, uns leiden zu sehen. Ich glaube, auch die Götter haben eine Rolle zu erfüllen, die es ihnen nicht immer möglich macht, uns gnädig zu begegnen. Und wahrscheinlich erscheint es ihnen ebenso schwer, uns diese Aufgaben aufzuerlegen, wie es uns manchmal schwer fällt, sie zu erfüllen. Doch wir täten ihnen Unrecht, würden wir beginnen, an ihrer Hilfe und Unterstützung zu zweifeln, denn selbst, wenn es für uns dunkel und leer erscheint, müssen wir bloß die Augen schließen, um zu erkennen, dass wir niemals allein sind.“
Schließlich war sein Blick doch mit einer langsamen Bewegung zum Himmel gewandert und ein entschlossenes, schmales Lächeln hatte sich auf seinen Lefzen gebildet. Er spürte, wie die Fähe den Kopf herumwarf und sich ihre Seelenspiegel von dem fernen Punkt lösten, den sie eben noch fixiert hatten. Auch er senkte die Schnauze wieder, begegnete ihrem Blick und setzte sie schließlich von seiner Überzeugung in Kenntnis – er zweifelte nicht an ihrer Position als Leitwölfin und das, obwohl er sie im Grunde überhaupt nicht kannte. Und war es nicht genau dieser Eindruck, den ein Leitwolf auf einen Fremden machen musste? Der, der aussagte, dass es keinen anderen, keinen besseren Wolf für diese Aufgabe gab, die Engaya ihr zuteil hatte werden lassen. Und doch brachten ihn seine eigenen Worte abermals dazu, die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Er sprach es aus, noch bevor seine Gedanken etwas Greifbares erschaffen hatten, da es ihm selbst so unglaublich schien, auf der anderen Seite aber war es doch so logisch, so erklärend – und doch schien er falsch zu liegen. Zumindest schien Tyraleen ihn davon überzeugen zu wollen. Sie schien sich sicher in ihren Worten und nach allem, was er im Augenblick anzuzweifeln begonnen hatte, wollte er mehr ihr vertrauen als seinem eigenen Gefühl. In Nachhinein kam er sich dumm vor, seine Vermutung ohne Bedenkzeit ausgesprochen zu haben, doch es gab kein Zurück, allerdings schien ihn die Helle deshalb nicht zu verurteilen.
„Eine Priesterin.“, wiederholte er ihre Erklärung leicht fragend.
Es war etwas, was ihm gänzlich unbekannt war. Er war nicht vertraut mit dieser Bezeichnung und doch wollte ihm bereits jetzt klar sein, dass das nicht die Erklärung war – Es war nicht die Erklärung, warum ihre Ausstrahlung, ihre Art – Es war nicht die Erklärung, weshalb sie ihn so berührte.
04.10.2012, 10:49
Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken und ihr wurde bewusst, dass sie ihn wieder zu lange angesehen hatte, ohne dass es einen wirklichen Grund gegeben hätte. Etwas irritiert wusste sie zunächst auch nicht, wovon er sprach, bis ihr klar wurde, dass es zumindest anfangs noch um den Sohn des Todes ging. Doch bei seinen weiteren Worten schien er ihr etwas weit wichtigeres mitteilen zu wollen. Eine Lehre, die auch Banshee stets hatte vermitteln wollen und die Tyraleen natürlich kannte … aber in so vielen Momenten war es so schwer daran zu glauben. Dass da ein einfaches Augenschließen helfen sollte, bezweifelte die Weiße, doch einem Impuls folgend, schlossen sich ihre Lider. Zunächst war dort die erwartete Dunkelheit, doch dann huschte wieder etwas strahlend Helles durch ihren geschlossenen Blick. Die Gestalt Engayas war ebenso schnell verschwunden wie sie aufgetaucht war, ebenso flüchtig und unbestimmt wie schon auf dem Rudelplatz und doch begann Tyraleen zu lächeln. Sie öffnete die Augen wieder und sah Chivan mit diesem Lächeln und einem zufriedenen Wissen im Blick an.
“Lass uns zum Rudel zurückgehen. Wir müssen unsere Reise fortsetzen und jemand muss sie führen.“
Sie wandte sich langsam um und betrachtete flüchtig die Bäume, die den Blick auf das rastende Rudel versperrten, bevor sie den Kopf zu dem Bunten drehte. Erst als er an ihrer Seite war, ein Platz, an den er eindeutig zu gehören schien, setzte sie sich in Bewegung und lief mit ruhigen, zielsicheren Schritten durch den noch immer stillen Wald. Sie war sich nicht ganz sicher, ob seine letzte Wiederholung ihrer Worte eine Frage gewesen war, aber offensichtlich war Chivan die Bezeichnung Priesterin nicht bekannt.
“In diesem Tal gab es schon immer Priesterinnen Engayas, Fähen, die der Göttin näher als andere sind und die den Auftrag haben, die alten Lehren und die Liebe Engayas nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ich, ebenso wie meine beiden Priesterinnenschwestern, habe eine lange Ausbildung bei meiner Mutter durchlaufen, bei der es nicht nur um das umfangreiche Wissen ging, sondern ebenso um Charakter, Gedanken, Gefühle und Verhalten. Ich denke, vor allem diese Ausbildung hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.“
Auch wenn sie von ihrem letzten Satz überzeugt war, spürte sie jetzt wieder dieses seltsame Wissen, das gegen die Behauptung protestieren wollte, nur deshalb eine Fähe Engayas zu sein, weil ihre Mutter sie dazu ausgebildet hatte. Allerdings hatte das im Grunde genommen auch niemand behauptet, immerhin hatte Banshee lediglich Sheena, Rakshee und sie erwählt, auch wenn es durchaus noch andere Fähen im Rudel gegeben hätte. Aber auch diese Erklärung reichte nicht aus für das, was Tyraleen fühlte. Nachdenklich lag ihr Blick wieder auf den blass braunen Stämmen des Waldes.
03.12.2012, 12:46
Und offenbar schien nicht nur er durch seine Worte an etwas erinnert. Seine Seelenspiegel ruhten auf ihrem Antlitz und sein Verstand pendelte weiterhin zwischen Vertrautheit und Fremde. Aufmerksam beobachtete er ihre Regungen, als sie seiner Aussage nachkam und die Augen schloss. Chivan wusste nicht, was sie sah, was sie fühlte und doch reichte ihm das zaghafte Lächeln auf ihren Lefzen, welches kurze Zeit später schon auf ihre Züge trat, um sich sicher zu sein, dass sie diese Ansicht teilte. Es stimmte – es war nicht immer einfach, ihnen zu vertrauen; ihnen, die irgendwo thronten ohne sich ihnen zu offenbaren und einem dennoch immer zur Seite standen. Doch dem Bunten viel es inzwischen verhältnismäßig einfach, sich dem Fluss hinzugeben, den sie für ihn vorhersahen. Er hatte Jahre hinter sich, die er meist nur mit ihrem Beistand auf Wanderwegen verbracht hatte – Tyraleen hingegen wusste die Vorteile eines Rudels zu schätzen, von denen sich Chivan meist nach einer kurzen Zeit bereits wieder abgewandt hatte, um dem Ruf zu folgen, der sein Herz innerlich weiterzuziehen versuchte. Keiner dieser Orte hatte sein Ziel sein sollen und so sehr er sich auch manchmal nach einem festen Platz gesehnt hatte – Er hatte sich stets für die innere Ruhe entschieden statt der äußeren Zufriedenheit. Doch dieses Mal schien die Unruhe auf etwas anderes zu gründen. Doch die Lösung war nicht fern, so undeutlich sie im Augenblick auch noch schien. Statt danach zu suchen, wandte er sich im Moment ohnehin viel lieber wieder seiner Gesprächspartnerin zu, schenkte ihr auf ihre Worte hin ein etwas deutlicheres Lächeln und nickte, ehe er sich an ihrer Seite positionierte und sich dort mit langsamen Schritten zurück zum Rudel begab. Neugierig spitzte er die Ohren auf ihre Erklärung hin und glaubte zu verstehen – vielleicht rührte daher dieses eigenartig starke Gefühl – daher, dass auch sie ein ‚Kind‘ der Götter war und sich mehr mit ihnen verbunden fühlte.
„Ich verstehe.“, begann er, den Blick noch immer auf ihre hellen Seelenspiegel gewandt, ehe er kurz schwieg und er den Kopf senkte. „Ich hätte es mir nie träumen lassen, je wirklich eine Pfote in dieses Tal zu setzen. Es schien stets so fern, so unerreichbar und hatte für mich nicht mal einen Namen. Die Legenden dort draußen sind verblasst. Sie erzählen von den Göttern, von Leben und Tod und zwei Tälern, doch Namen… “ Chivan schnippte kurz mit einem Ohr, lächelte, und erwiderte ihren Blick erneut. „Nach einer ewigen Suche nach etwas, was ich nicht einmal benennen konnte, scheint es nun, als wäre ich angekommen.“
Wenn es denn das war, wohin die Götter ihn hatten führen wollen. Wenn es der Ort war, an dem seine Bestimmung, sein Schicksal ruhte, welches ihn bereits über seine Lebzeit hinaus mit diesem Tal und diesen Wölfen verbunden hatte.