Atalya
30.06.2012, 11:14

Acht Tage waren vergangen seit das Rudel in Angst und Panik nach dem Erdbeben Richtung Rudelplatz geflohen war. Mittlerweile hatten sie ihn erreicht, wurden aber nur teilweise beruhigt. Hier war es weder warm noch stank es, doch die Erde bebte nicht anders als im Sumpfgebiet. Immer wieder schüttelte sie sich leicht, einmal auch stärker. Zwar hatten sich die Wölfe nun beinahe daran gewöhnt, doch noch immer herrschte Angst, auch davor, dass es erneut so stark wie beim ersten Mal werden könnte. Dennoch blieben sie zunächst auf dem Rudelplatz, in der Hoffnung, es möge etwas passieren, was diese Beben erklärte. Es ist tiefe Nacht, mit einem hauchdünnen Mond, der kaum heller leuchtet als die Sternen, die vom wolkenlosen Himmel hinabscheinen. Der Winter hat nun endgültig Einzug gehalten, es konnte kaum mehr als 3°C haben. Das Rudel lag still und friedlich am Rande des Rudelplatzes zwischen den Bäumen verstreut. Alles war ruhig.

Atalya bewegte sich langsam vorwärts, den Blick dabei über den Platz schweifen lassend. Immer wieder bebte die Erde, schreckte das ganze Rudel auf. Die Nacht, die nun über sie hinein gebrochen war, brachte jedoch Ruhe mit sich. Dennoch hatte es die Graue nicht lange an einem Platz ausgehalten. Still hatte sie beim Rudel gelegen, die anderen Wölfe beobachtet, ehe sie sich erhoben hatte, den Pelz schüttelte und nun auf der Suche nach ihrer Schwester war. Schnell war der helle Pelz gefunden, der vertraute Geruch erkannt und mit einigen letzten Schritten war Avendal erreicht. Mit einem leisen Schnaufen blieb die Graue bei ihrer Schwester stehen, senkte den Kopf und schnappte nach dem Ohr der Hellen. „Willst du etwa schon schlafen?“

Caylee spürte eine seltsame Unruhe, die nicht nur von ihrem nachwievor schmerzenden Vorderlauf herrührte. Mittlerweile konnte sie zwar wieder eine laufen, aber sie humpelte deutlich und fühlte sich mehr als elend. Aber das war es nicht, was sie nun vom Schlafen abhielt. Nicht einmal die Erde bebte gerade, aber etwas zog und zerrte an dem Herz der Weißen, als würde es sie warnen wollen. Den Blick zum dünnen Sichelmond hebend, verzog sie schmerzerfüllt die Lefzen, dann tappte sie wie ein Krüppel näher zu den anderen Wölfen. Vielleicht würde dort ja etwas passieren.

Averic starrte stumm auf seine Pfoten und hatte das Gefühl, die Welt um ihn herum wäre stillgestanden. Kein Laut drang mehr an seine Ohren, er fühlte weder Kälte, noch Wind in seinem Pelz. Auch sein Herzschlag schien immer leiser zu werden, langsam verblassend. Erst als der Pechschwarze die dunklen Augen schloss und langsam ausatmete, kam ihm das Geräusch unglaublich laut vor. In der Ferne, in seinem Kopf wiederholte sich noch einmal dumpf der Wortlaut: „Geh, es ist soweit.“ Seine Kehle fühlte sich trocken an. Averic hatte es die ganze Zeit gewusst, sich mal danach gesehnt und es oft wieder verflucht. Ausgerechnet jetzt, wo selbst die Erde immer wieder verrückt spielte. Aber er war hilflos. Und dieses Gefühl war einfach beschissen. Lautlos erhob sich der große Wolf und sah sich um. Wie zynisch die Ruhe war. Der Blick nur nach einer Wölfin suchend, setzte er sich in Bewegung, strich still an dem ruhenden Rudle vorbei, bis er vor einer Fähe mit besonders strahlendem Fell stand. Er wusste nicht ob sie schlief, aber es war auch egal. Ungeachtet der Distanz, die sie sonst immer wieder umgab, senkte er die Schnauze und berührte sie leicht an der Lefze, leise flüsternd: „Tyraleen, bist du wach?“

Isais Ohren schnippten kurz, während der junge Wolf die Augen etwas fester zusammenkniff. Zugestanden – die Wärme im Sumpf fehlte ihm, doch nachdem er dort nicht nur einmal um sein Leben gekämpft hatte und auch Taleesha nicht gerade unbeschadet davon gekommen war, war ihm nicht unbedingt danach, zurückzugehen. Der Wind mochte kälter sein, beißender, doch er war reiner und klarer, was wohl das einzige war, was den Rudelplatz im Augenblick vom Sumpf unterschied – die Erde war auch hier zornig auf sie und allmählich schien man sich trotz der wütenden Beben zu beruhigen. Isaí war nach wie vor unschlüssig. Es machte ihm Angst, doch er wollte stark sein. Und wenn die anderen allmählich wieder ruhiger wurden, konnte es doch kaum so schlimm sein, oder? Der Rote atmete tief durch, ehe er die Seelenspiegel öffnete und den Kopf hob, um in die Dunkelheit zu blinzeln. Das Rudel war beisammen.

Malik hatte nur unruhig geschlafen, obwohl er sich an die Erdstöße fast gewöhnt hatte. Sie kamen immer wieder seit dem Tag im Sumpf und er hatte keine Angst mehr vor ihnen, machte sich inzwischen sogar seinen Spaß aus ihnen. Wer konnte sich am längsten auf allen vier Pfoten halten, gehörte da als Spiel dazu. Nun blinzelte er, obwohl ihn kein erneuter Erdstoß geweckt hatte und gähnte einmal herzhaft.

Tyraleen hatte die Augen geschlossen und wünschte sich nichts mehr als zu schlafen, doch wie schon die letzten Tage hielt eine unermüdliche Unruhe sie eisern wach. Heute war es nicht nur die Anwesenheit Engayas und Chivans, nicht nur die Angst vor den Erdbeben und ihre Verzweiflung unfähig zu sein ... nein, heute hatte sich etwas um ihre Kehle gelegt und drohte, sie zu erwürgen. Zunächst wusste sie nicht, was vorging, aber kaum trug ihr der Wind Averics Geruch zu, war alles klar. Sie wollte sich zusammenrollen oder fortgehen, sodass er sie nicht erreichen würde, aber natürlich war das kindisch. Schon stand er vor ihr, berührte sie an den Lefzen und fragte, ob sie wach sei ... als würde sie schlafen können. Sie schlug die Augen auf. „Du gehst.“ Es war keine Frage.

Amúr öffnete die Augen und hob müde den Kopf. Die Tage waren anstregend gewesen. Immer und immer wieder waren sie durchgeschüttelt worden und immer wieder war Amúr daran verzweifelt, sich auf den Beinen zu halten. Sie war einfach schwach. Nicht nur Geistig, sondern auch körperlich. Aber das musste sie ändern. Aber wie nur? Ihre Augen erhaschten Caylee, die sich wieder dem Rudel näherte. Vielleicht war ja heute der Tag gekommen, an dem sie ihrer Schwester das Wasser reichen musste. Trotz all ihrer Zweifel stand sie auf, schüttelte sich und ging ihrer weißen Schwester entgegen.

Linalee hatte selbstverständlich kein Auge zu bekommen. Sie wollte ja schlafen, aber…! Wenn das mit dem Wollen nur immer so einfach wäre. Unruhig huschte der Blick aus den bernsteinfarbenen Augen hin und her, beobachtete misstrauisch sich biegende Schatten, die der Mond von Gräsern und Bäumen warf. Sie wünschte sich gerade sehnlichst, dass sie zurück in die Höhle dürfte, um dort etwas Ruhe zu finden, als sie neben sich eine Bewegung bemerkte. Sofort hob die kleine Schwarze den Kopf und starrte Malik an, ohne irgendein Wort zu sagen. . .

Chivan hatte sich nachdenklich am Rande des Rudelplatzes auf seinen Hinterläufen niedergelassen. Weiterhin wurde er nicht recht schlau aus der Sache, doch das drängende, unwohle Gefühl in seiner Brust wollte nicht nachlassen, genauso wenig, wie die Beben nachlassen wollten. Die Ohren aufmerksam nach vorne gestellt schweifte der Blick seiner hellen Seelenspiegel über die verschiedenen Gestalten der Wölfe. Die Ruhe trug, denn obschon die Wölfe sich langsam an die Erdstöße zu gewöhnen versuchten, blieb die Angst vor der Ungewissheit über ihnen schweben wie ein dichter Nebelschleier im Herbst.

Malik hatte sich noch gar nicht umgesehen, als er schon den Blick auf sich spürte. Seine Augen verengten sich ein wenig und er wandte den Kopf herum, nur um in die Augen seiner Schwester zu blicken. Tinca. Linalee. Es war ihm egal. Seine sonst so großen, schwarzen Augen verengten sich noch weiter und er rutschte ein Stück zur Seite. „Was?“, war seine zwar geflüsterte, aber schneidende Frage. Was guckte sie ihn auch so an?

Caylee erkannte Amúr sofort und blieb augenblicklich stehen. Bei der Grauen konnte man sich mittlerweile nicht mehr sicher sein, warum sie nun auf einen zukam und in diesem Zustand hatte die Weiße keinerlei Interesse an einer kampflustigen Amúr. Dennoch sah sie ihr mit leicht verengten Augen entgegene. „Na, Schwester.“ Ihre Stimme klang etwas kratzig.

Averic schluckte schwer, als seine Schwester gleich aussprach, was er nun ihr und ihren Kindern beibringen musste. Der Pechschwarze hob den Kopf weiterhin nicht, sondern nickte nur schwach. „Ja. Ich muss.“, entgegnete Averic leise. Dieses klammernde, drückende Gefühl in seiner Brust machte ihn elend. Diese Aufgabe war alles, was er hasste und immer gehasst hatte.

Kursai hatte das Gefühl, als ob der Tag schon fast wieder anfangen würde. Jedoch als sie die Augen öffnete sah sie, als ob noch mitten in der Nacht war. Die letzte Zeit war für sie recht anstrengend gewesen, wie wahrscheinlich für alle im Rudel. Der Sumpf war der reine Stress für sie und sie war froh, dass sie es halbwegs gut überstanden hatte. Nun wach schaute sie sich um, und entdeckte dass auch so manch andere wach waren.

Kisha lag ruhig zwischen den Wölfen, ohne jedoch zu schlafen. Seit dem ersten Erdbeben hatte sie kaum geschlafen, war immer wieder wach geworden, von der Angst geweckt, die sie am Tage kaum denken ließ. Man spürte förmlich die Unruhe des Rudels, und auch sie selbst ließ sich davon einnehmen. Sie wußte nicht, was los war, wieso alles so kam, wie es kam. In jeder freien Minute zerbrach die Schwarze sich den Kopf darüber, bis sie sich schließlich erhob, nicht die Ruhe fand, die sie so dringend brauchte. Sie seufzte leise, ließ den Blick dann schweifen, bis ihr ein grauer Rüde in’s Auge fiel, der nur dort saß. Kurz schnippte die Dunkle mit den Ohren, setzte sich dann leicht in Bewegung, auf den Rüde zu, der vor wenigen Tagen zu ihnen gestoßen war. „Kannst du nicht schlafen?“ Sie lächelte ihm sachte entgegen.

Avendal lauschte ihrem eigenen Atem, ruhig und besonnen ging er regelmäßig, trügerisch tief und doch schlief sie nicht. Es war die Art von Ruhe die sie jetzt brauchte, nachdem sie alle so in Aufruhr gewesen waren und selbst sie Panik ergriffen hatte, die noch immer in ihren Knochen steckte und auf das kleinste Beben der Erde wartete, um wieder aus ihrem Körper hervorzubrechen wie aus einer alten Wunde. Die Gedanken bewusst auf das Flüstern des leicht wehenden Windes gerichtet bemühte sie sich nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Seele zu beruhigen, die ebenso besorgt war, wie ihre Hülle ruhelos. So beschäftigt mit ihren Gedanken und ihren Empfindungen war sie, dass sie nicht einmal bemerkte, dass eine ihrer Schwestern an sie herantrat und nach ihrem Ohr schnappte. Erschrocken fuhr sie zusammen und japste leise, ehe sie Atalya erkannte und ihr einen tadelnden Blick zuwarf. „Atalya, um Windes Willen! Wie soll ich schlafen, wenn du Jagd auf meine Ohren machst?“ Ein Lächeln stahl sich jedoch sogleich auf ihre Lefzen, denn obwohl sie es nicht gerade guthieß so aus der Ruhe gerissen zu werden, konnte sie der Grauen einfach nicht böse sein.

Madoc ruhte mit gewöhnlicher Ruhe auf dem Rudelplatz. Das Erdbeben zuvor hatte ihn gewiss ebenfalls irritiert, gar beunruhigt, doch die Aufregung war bereits wieder verfolgen, man konnte beinahe meinen, er hatte sich daran gewöhnt. Sein blutroter Blick glitt über die große Gemeinschaft und sein Blick blieb an Malik hängen, welcher sich in Linalees Gesellschaft befand. Kurzerhand erhobt sich der Hüne und schritt auf die beiden Welpen zu, während die anderen Wölfe größtenteils in enträchtiger Stille dösten. „Alles in Ordnung bei euch, ihr beiden?“, erkundigte sich der Sternentänzer mit seiner tiefen Tenorstimme, in seinem Blick ruhte die wohlbekannte Neutralität.

Amúr wusste selbst nicht so recht, was sie nun wirklich sagen wollte. Aber sie hoffte, dass die Worte einfach so aus ihr heraussprudeln würden. Wenigstens etwas glück musste sie doch haben. Aber ihre Schwester verunsicherte sie immer. Mit ihrer ganzen Art, die Amúr nie zu verstehen vermochte. „Du kapselts dich vom Rudel ab...“ Sie blieb kurz vor ihrer Schwester stehen. Nicht wissend, ob sie sich anschmiegen oder sie meiden soll.

Tyraleen hatte gedacht, dass sie bittere Vorwürfe in sich spüren würde. Dass Averic sie alleine ließ, in dieser Zeit, dass er ging, wenn seine Familie ihn am dringensten brauchte. Aber nun, da er vor ihr stand, den Kopf tief gesenkt und die Stimme so leise, fühlte sie nur noch Trauer und Angst. Nun würde er also gehen. „Du solltest dich von deinen Kindern verabschieden.“ Sie schluckte schwer. „Das hat Acollon nie gemacht ... aber du bist nicht wie er.“

Linalee schreckte zusammen, als ihr Bruder den plötzlichen Blickkontakt zu ihr aufnahm. Schüchtern beobachtete sie ein Stückchen Boden, das ganz plötzlich furchtbar interessant schien. „N- nichts“, brachte sie kaum hörbar stotternd heraus und hoffte, dass Malik sich einfach wieder umdrehte und die Augen zumachte. Er hatte so friedlich ausgesehen, beim Schlafen. Doch ihr war beinahe klar, dass das nicht passieren würde. „…k-kannst… kannst du auch nicht s-schlafen, Malik…?“ Linalee hatte sich kaum dazu überwunden, ihren Bruder anzusprechen, da bemerkte sie bereits einen weiteren Wolf auf sie zukommen. Einen kurzen Moment kämpfte die Kleine mit sich, dann drückte sie ihr Kinn auf den Boden, als wollte sie sich ganz klein machen – was sie auch wollte. Der große, zottige Rüde, der auf sie beide zukam, stellte vielleicht keine Gefahr dar, jedoch war er dennoch sehr einschüchternd. Worte brachte sie nicht heraus, um ihm zu antworten, stattdessen nickte sie nur, ohne Madoc aus den schreckgeweiteten Augen zu lassen. . .

Caylee s Augen verengten sich noch ein wenig mehr. War Amúr heute also die Einfühlsame? „Ich bin ja auch ein Krüppel.“ Ihr war klar, dass die Graue eigentlich nicht auf den Zustand, der nur knappe drei Tage andauerte anspielte.

Amúr verstand nicht wirklich, warum Caylee sich so abwertete. Natürlich machte ihre Wunde sie eher zu einer Last für das gesamte Rudel, aber waren sie das nicht alle? „Ich habe dich vermisst... Meidest du uns also, wegen deines Körperlichen Zustands?“

Chivan hob den Kopf zum Himmel, während er weiterhin keine Anstalten machte, sich zu erheben und die Gesellschaft eines der Wölfe zu suchen. Er atmete tief durch, während seine hellen Seelenspiegel auf der Sichel des Mondes ruhten und er erneut versuchte, sich der Bedeutung der Götter bewusst zu werden. Doch ehe er einen Ansatz gefunden hatte, schnippten seine Ohren und Schritte kündigten eine Wölfin an. Chivan senkte die Schnauze, musterte die Fähe schließlich mit neugierigem Blick, bis er sie erkannte und das schwache Lächeln auf ihren Lefzen erwiderte. „Nicht einmal daran denken.“, erwiderte er, doch er klang nicht wirklich bedauernd dabei. „Dir scheint es nicht anders zu gehen. Nicht in dieser Zeit?“

Atalya blickte Avendal ruhig an, als diese japste, und deutlich nicht mit ihr gerechnet hatte, erschrocken zusammen zuckte und wohl aus einer Art Dämmerschlaf geweckt wurde. Über Atalyas Lefzen huschte ein kurzes Lächeln, womit sie den Blick ihrer Schwester konterte. Den Kopf leicht zur Seite neigend lauschte sie den Worten der Hellen, grinste dann ein wenig fieser. „Schlafen kannst du später. Sieh Mal, der Mond.“ Die Graue deutete mit der Schnauze nach oben, betrachtete nun selber den dünnen Schweif am Himmel. „Wieso werden alle so wahnsinnig vor Panik, wenn solche Nächte so beruhigend sind?“ Damit senkte sie den blick wieder, musterte die helle Schwester mit einem sachten Ausdruck in den hellen Augen.

Nun war es an der Zeit, dass sich Caylees Ohren zurückdrehten und sie beinahe aussah, als hätte sie Angst. Zum Glück war es hier zwischen den Bäumen eh zu dunkel, um das richtig zu erkennen. „Du hast mich vermisst? Warum solltest du?“ Die zweite Frage ignorierte sie.

Averic hatte nie verstanden, wie sich andere Wölfe vor etwas fürchten konnten. Angst war etwas, das er in seinem Leben nie wirklich verspürt hatte. Aber was ihm nun auf die Seele drückte, gleichzeitig heiß und kalt in seinem Nacken, musste wohl so etwas sein. Der Gedanke, wie seine fast erwachsenen Welpen reagieren würden behagte ihm nicht, aber noch viel mehr beunruhigte ihn die einfache Tatsache, dass er aus ihrem Leben verschwinden musste. Und tatsächlich, nun konnte er sagen, dass ihn nichts ängstigte als die Möglichkeit, damit auch aus den Herzen seiner Kinder und seiner ehemaligen Gefährtin zu verschwinden. Er wusste nicht, ob er sie wiedersehen durfte, aber wenn nicht, dann würden er irgendwann sicher alle Bedeutung für sie verlieren. „Ich wünschte, das könnte ich auch immer noch mit solcher Überzeugung sagen.“ Letztendlich hob er doch den Kopf und sah sich um, die Gestalten seiner Kinder erspähend.

Malik wusste nicht, woher seine Ablehnung kam. Aber Linalees Reaktion reichte aus, um ihm seine Stimmung noch mehr zu vermiesen. Er stieß ein schweres Schnaufen aus und erhob sich auf seine vier Läufe, dann sah er auf sie herunter. „Ich will vielleicht gar nicht schlafen.“, meinte er ablehnend und wäre wohl weggegangen, wenn ihn nicht Madocs ruhige Stimme abgelenkt hätte. Sein Kopf flog herum und sofort huschte ein Lächeln über seine Lefzen. „Hallo Onkel Madoc. Najaaa...“ Sein Blick ging vielsagend zurück zu seiner Schwester.

Kursai war zunächst ein wenig verschlafen, wenn auch wach. Doch es dauert nicht lang, dann war sie richtig munter und stand auf. Nachdem sie sich ein wenig gestreckt hatte, sah sie sich um, wie es bei den anderen aussah. Sie war überrascht, wieviele der andern auch auf den Beinen war und sie überlegte kurz, wo sie hingehen sollte.

Amúr war sichtlich verwirrt von ihrer Schwester. Sie war so unglaublich unberechenbar geworden. Wo war nur die Zeit geblieben, wo sie alle als Welpen zusammen gespielt hatten? Aber man konnte nicht ewig in der Vergangenheit bleiben. Sie standen nun hier. Zwei Schwestern, die miteinander aufgewachsen waren aber so wenig voneinander kannten. „Weil du meine Schwester bist. Weil ich mir sorgen um dich mache und was dir zustoßen könnte. Ich weiß, mein abgang das letzte mal war nicht... nett. Aber... ich liebe dich immer noch. Immerhin sind wir Blutsverwandt. Oder bedeutet das nichts mehr für dich?“

Tyraleen hatte das Bedürfnis, ihren Bruder zu trösten, aber sie fühlte sich so elend, dass sie nicht einmal den Mut aufbrachte, sich ihm zu nähern. Endlos schwerfälig erhob sie sich, hatte das Gefühl, von tausend Gewichten wieder zu Boden gezogen zu werden. Kraftlos stand sie nun neben ihrem ehemaligen Gefährten, seinen Blick in Richtung seiner Kinder betrachtend. „Du sollst es nicht sagen, du sollst es beweisen. Und ich bin mir sicher ... du wirst es.“ So sicher sah sie nicht aus, mit hängenden Schultern, gesenktem Kopf und ohne Mut. Aber wieder lag dieser leichte Schimmer in ihrem Blick, den sie nicht von Averic nahm.

Parveen saß ein wenig abseits und ließ den Blick schweifen. Sie fühlte sich wohl. Viel wohler als in den letzten Wochen oder gar Jahren. Wieder dabei, ein Teil des Rudels, im Geschehen. Allmählich bekam sie Anschluss und fing an, die Mitglieder – ihre Familie – kennen zu lernen. Langsam stand die Schwarze auf, schüttelte sich kurz und ging mit bedächtigen Schritten vorwärts. Ihr war nach einem Gespräch zu Mute. Vielleicht mit einem Wolf, mit dem sie bis jetzt erst wenige Worte gewechselt hatte? Sie zögerte und erkannte dann Kursaí. „Ein schöner Abend, findest du nicht?“

Kisha musterte den hellen Rüden mit aufmerksamen Blick, bis dieser auch sie ansah. Ruhig wartete sie auf eine Reaktion des Rüden, erwiderte sein Lächeln, wenn auch vielleicht nicht ganz ehrlich. „Kein Wunder.“ Bei seinen weiteren Worten neigte die Dunkle leicht den Kopf, seufzte dann leise. Wer konnte schon von sich behaupten, zu dieser Zeit wirklich Ruhe zu finden? „Wohl wahr. Wenn man einmal Ruhe findet, schreckt man gleich wieder auf... man weiß nicht, was als nächstes kommt.“ Kurz hob sie den Fang zum Himmel, blickte selbst zum Mond, wie Chivan selbst zuvor. „Bleibt nur zu hoffen, dass sich alles wieder beruhigt.“

Madoc blickte abwechselnd von Malik zu Linalee, beinahe so, als könnte er die Stimmung zwischen den beiden Geschwistern einschätzen. Letztendlich verkniff er es sich jedoch, einen Kommentar zu dem wortlosen Unmut abzugeben, von dem er so gut wie nichts mitbekommen hatte. Stattdessen schenkte er den beiden Jungtieren ein Lächeln, immerhin war ihm nicht entgangen, dass Linalee äußerst schüchtern war. Dass es Malik nicht sonderlich gut gehen sollte, kam wohl selten vor, die Angst vor dem Erdbeben schien er jedoch überwunden zu haben, wenn man nach seinem Anschein urteilte. „Ihr seid wach zu solch später Stunde, könnt ihr euch etwa nicht zur Ruhe legen?“, fragte er daher auf indirekter Weise nach und stieß zunächst Malik und anschließend auch Linalee mit der Schnauze an.

Avendal ließ sich zu einem herzhaften Gähnen verleiten, wonach sie sich auf die Hinterläufe schob, um wenigstens ein wenig ihrer Müdigkeit, die in ihrer Trance zu ihr gekommen war, abzuschütteln. Was für eine Verschwendung, eigentlich hatte sie genau das damit bezwecken wollen, aber warum sich um verlorenen Schlaf ärgern, wenn es die eigene Schwester war, die einen vom Schlafen abhielt. Mit einem ihrer ruhigen versonnenen Blicke betrachtete sie ihre dunkle Schwester und dann den Mond, den sie pries, bevor sie den Kopf zustimmend neigte. „Du hast Recht, es ist ein ruhiger Abend aber er scheint es als einziger zu sein.“ Mit einem Lächeln sah sie auf die vor ihnen liegenden und stehenden Körper, die allesamt noch weniger Ruhe zu finden schienen, als sie selbst noch vor wenigen Minuten.

Kursai überlegte noch, wohin sie ihre Schritte lenken sollte, da bemerkte sie schon, dass welche auf sie zu kamen. Es dauerte einen Herzschlag lang, bis sie realisierte, wer da kam. Dann sah sie sich um, und entdeckte Parveen, die auf sie zukam. Sie sah ihr entgegen und erwiderte ihre Begrüßung: „Ja, das stimmt. Recht ruhig bis jetzt.“ Es war ja nicht so, als ob die Erde still war, und doch war es wesentlich besser als der Tag im Sumpf.

Caylee war zunehmend irritiert und wusste nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Sie hatte erwartet, dass Amúr sie anmeckern würde oder ihr etwas über die Götter erzählen wollte. Im vollkommen Gegensatz dazu gestand sie ihr nun ihre Geschwisterliebe und forderte diese auch ansatzweise von Caylee. „Du kannst dir deine Sorgen sparen, ich kann schon auf mich selbst aufpassen. Und ich an deiner Stelle würde mir Gedanken darüber machen, ob alleine Verwandtschaft ausreichen sollte, jemanden zu lieben. Was, wenn ich dich nun anfallen würde und dir die Augen auskratzen würde? Würdest du mich dann immernoch lieben?“ Wieder gab sie auf Amúrs Frage keine Antwort. Diesmal noch bewusster.

Isai seufzte leise, während ein leichter Schauder durch seinen Körper ging, als eine frische Brise über sein Fell streifte. Kurz vergrub er die Schnauze unter seinen Pfoten, ehe er erneut einen Blick über die anderen schweifen ließ. Er wollte sich an irgendjemanden kuscheln, damit ihn wenigstens diese Kälte in Ruhe ließ und er Sicherheit spüren konnte. Seine Seelenspiegel erhaschten einen Blick auf Avendal und schon war der kleine Wolf auf seine Hinterläufe gesprungen, ehe sich in seiner Nase auch der Geruch von Atalya ankündigte. Seine Ohren drehten sich abschätzig nach hinten, doch das musste er nun wohl in Kauf nehmen. Mit vorsichtigen, leisen Schritten schlich er sich an die beiden Wölfe heran, bis er sich ohne ein Wort dicht an Avendal drücken konnte und sich neben ihr – auf der Atalyaabgewandten Seite – niederließ. Der Dunklen galt nur ein kurzer Blick über den Rücken der hellen Fähe hinweg, ehe er den Kopf auf Avendals Läufe bettete und schwieg.

Averic wandte den Kopf noch einmal zurück zu seiner ehemaligen Gefährtin und es schnitt ihm tief ins Herz, dass sie ebenso geknickt aussah, wie er sich fühlte. Es war nicht fair. Er wollte sie nicht im Stich lassen, aber er hatte keine Wahl. Auf ihre Worte hin drehte sich eines seiner Ohren leicht zur Seite. Beweisen. Das war fast wie etwas versprechen. Und Versprechen würde er niemals mehr machen. Trotzdem, nachdem sie noch ein paar Worte angehängt hatte, legte sich ein blasses, fast trauriges und leises Lächeln auf seine Lefzen. „Ich werde mein Bestes geben.“ Anschließend hob er die Schnauze und stieß einen dunklen, nicht besonders lauten Heullaut aus, in dem er seine Kinder zu sich rief. Dann musste er warten. Das Herz schlug unangenehm gegen seine Brust.

Linalee wusste nicht genau, was sie falsch gemacht hatte – aber was immer es gewesen war, sie verfluchte sich selbst dafür, dass sie es hatte geschehen lassen. Anstatt allerdings weiter auf Maliks Worte einzugehen, schniefte sie nur leise. Es war der Wind, der ihre Nase (oder vielmehr alles in ihrer Nase) so wässrig werden ließ. Wieso ihr Bruder wohl nicht schlafen wollte…? Merkwürdig, merkwürdig. Doch dumm war sie nicht, sie hatte schon verstanden, dass er es ihr wohl als allerletztes sagen wollte. Anstatt sich also weiter den Kopf über das Verhalten des kleinen Weißen zu zerbrechen, ließ sie dessen Patenonkel nicht aus den Augen. Eigentlich war Onkel Madoc – so glaubte Linalee zumindest – kein böser Wolf. Eigentlich musste sie ihn ja nicht fürchten… und dennoch kniff sie ängstlich die Augen zusammen, als er sie leicht anstieß, und beeilte sich, eine Antwort herauszupressen – selbst wenn sie nur ein keuchendes Flüstern war. „N-nein, Onkel Madoc…!“ – und dabei hatte sie schon alles versucht. . .

Chivan nickte schwach auf die Worte der Dunklen hin, obgleich es wohl mehr als überflüssig war. Besorgt spielte er mit den Ohren, erwiderte ihren Blick und folgte ihm schließlich auch zurück zum Himmel, bis er sich wieder auf die anderen Gestalten auf dem Rudelplatz konzentrierte – die Ohren dabei allerdings wachsam auf Kisha fixiert. „Ja. Was auch immer diese Erdstöße verursacht – mehr als abwarten bleibt nicht. Abwarten und wachsam sein.“ Er hob eine Pfote und setzte sie ganz vorsichtig zurück auf den Boden, als glaubte er, dass er dann erneut darunter zu zittern beginnen würde. Doch es geschah – welch Wunder – nichts dergleichen. „Aber es schwächt ab. Vielleicht dauert es gar nicht mehr lange, bis es sich wieder beruhigt.“ Man hörte, dass er lediglich versuchte, an diese Worte zu glauben. Die Sorge saß tief und er wusste, dass auch stärkere Beben zu erwarten waren. Plötzlich schnellte Chivans Kopf in eine Richtung. Er erkannte den Ruf des Betas, doch er war nicht gemeint. Somit wandte er den Kopf zurück zu Kisha, abwartend, ob sie nun zu ihm schnellen musste oder – genau wie er – nicht gemeint gewesen war.

Amúr hatte erwartet, dass das Gespräch vollkommen in eine andere Richtung gehen würde. Dass sie beiden nun nicht voreinander stehen würden und sich skeptische Blicken teilten. „Ja. Das würde ich. Du tust nichts, ohne Grund. Selbst wenn du glaubst, alleine klar zukommen, wirst du es dennoch nicht schaffen.“ Ohne weitere Worte schloss Amúr die Augen und seufzte. „...“ gerade als sie Luft holte, rief ihr Vater sie alle zusammen. Amúr musterte kurz noch ihre Schwester, die sie anscheinend mit einer Abneigung strafte, dessen Ursprung Amúr nicht feststellen konnte. Dennoch beendete sie hiermit das Gespräch und lief zu ihrem Vater.

Parveen setzte sich neben die Fähe. Es stimmte, es war ruhig und friedlich. Viele Rudelmitglieder waren immer noch auf den Beinen aber nur ruhige und leise Gespräche wehten zu ihnen. „Ja, Stille… Nichts im Vergleich zu diesem…" Ihr fehlten kurz die Worte „Geschehnis, als sich die Erde gegen uns erhob. Ich muss gestehen… dieser Tag wird mir noch lange mit Schrecken in Erinnerung bleiben.“ Pav dachte mit Graus an diese Angst, als sie etwas lautere Stimmen hörte. Aufmerksam spitzte sie die Ohren auf das, was dort geschah.

Atalya betrachtete nun wieder die Schwester, die ein wenig wirkte, als würde sie noch dösen. „Anstatt jetzt in Panik zu verfallen könnte man das genießen...“ Sie ließ kurz den Blick schweifen. „Aber nein...“ Die Graue schnaufte, folgte dann dem Blick der Hellen über die anderen Wölfe. Kurz schüttelte Atalya den Pelz, neigte den Kopf dann noch einmal zu Avendal, die sie sachte mit der Schnauze berührte, als ein kleiner Schatten zu ihrer Schwester sprang, dessen Geruch sie einen Herzschlag später die Ohren anlegen ließ. Ein weiterer Blick galt Avendal, dann musterte sie kurz Isaí, der auch ihr nur einen kurzen Blick zuwarf. Wenigstens belagerte er sie nicht. Aber schon im nächsten Moment nahm die Fähe etwas wahr, was ihr Herz sich kurz zusammen ziehen ließ. Sie schluckte, als sie das kurze Heulen ihres Vaters wahrnahm, blickte dann fragend zu ihrer hellen Schwester, ehe sie unsicher in die Richtung ihres Vaters nickte. Ein weiterer Blick galt dem roten Welpen, ehe sie sich abwandte, mit schnellen Schritten auf ihre Eltern zuhielt und bei ihnen stehen blieb, die Ohren leicht verdrehend. Sie musterte vor allem ihren Vater. „Ist etwas passiert?“ Ihre Stimme war ruhig, auf der Zunge lag ihr jedoch der bittere Nachgeschmack vom letzten Mal, als sie zusammen grufen worden waren.

Caylees Ohren schnippten wieder nach vorne, als Amúr ihr plötzlich ziemlich deutlich ins Gesicht sagte, dass sie es nicht schaffen würde. So sehr die Graue Caylees Unberechenbarkeit fürchten mochte, sie schien sie nun ebenfalls übernommen zu haben. Die Weiße wollte ihrer Schwester antworten, aber dann erklang der Ruf ihres Vaters und bevor sie ein Wort sagen konnte, sprang Amúr schon los. Na großartig. Da hatte die Graue schon bewiesen, was sie eben gesagt hatte. Allerdings drückte sie damit auch nicht wirklich ihre Liebe aus. Lies ihre krüppelnde Schwester hier zurück, vermutlich um ihr es richtig reinzuwürfen. „Vielen Dank!“ rief sie der schwindenden Amúr hinterher und begann dann selbst loszuhumpeln, noch unglücklicher als zuvor.

Malik gefiel es nun so gar nicht, dass Madoc sich auch Lina zuwandte. Das war ja mal wieder typisch für sie. Er schenkte ihr einen giftigen Blick, auch weil sie ihn ignorierte. Madocs Frage war wieder an sie beide gestellt, was ihn leise grummeln ließ. Er wollte zuerst sagen, dass er einfach aufgewacht war, aber ... da gab es etwas Anderes. „Tinca hat mich wachgestarrt!“, klagte er die kleine Schwarze an und nannte sie gezielt bei ihrem alten Namen. Das Heulen von Averic ließ ihn ganz kurz aufhorchen, aber der Ruf galt nicht ihm und nicht Madoc, damit war alles gut.

Kursai setzte sich nun auch wieder. Sie hatte sich gestreckt und so bildeten die beiden Fähen nur eine weitere Gesprächsgrüppchen im Rudel dar. Eigentlich war es erstaunlich, wieviele auf den Beinen war, und schlafen würden nach Averics Ruf wohl niemand mehr. Nun wandte sie sich aber wieder den Gespräch mit Parveen zu: „Es stimmt, es ist nicht vergleichbar.“ Sie hatte ja ihre eigene Idee dazu. War dies vielleicht ein Test? Sie hatte fast ihr Vertrauen in die Göttin verloren, doch sie hatte ihren Glauben zum Glück wiedergefunden. So sagte sie: „Es kann auch sein, dass es auch mehr als nur die Erde war, die sich erhoben hat.“

Tyraleen war sich nicht sicher, ob sie ein schwaches Lächeln auf den Lefzen ihres Bruders richtig erkannt hatte, aber jedes Fünkchen Fröhlichkeit erlosch, kaum stieß der Schwarze seinen Ruf aus. Nun war es also so weit ... nun würden auch ihre Kinder den Schmerz erleiden, der sie so lange begleitet hatte. Atalya kam als erste und fragte, beinahe ein wenig skeptisch, ob etwas passiert sei. Tyraleen schwieg.

Kisha spielte unsicher mit den Ohren, während ihr Blick immer wieder zwischen dem Himmel und dem Rudel hin und her pendelte. Schließlich konzentrierte sie sich jedoch wieder auf Chivan, als dieser zu sprechen begann. Sie nickte sachte, beobachtete dann, wie der Rüde eine Pfote anhob, und dann weiter sprach, als sie zurück auf den Boden gesunken war. „Ich hoffe, dass du recht behälst. Man lernt die Ruhe erst richtig zu schätzen, wenn sie weit entfernt scheint.“ Ihre Stimme war einen Moment leiser geworden. Der Graue war noch nicht lang bei ihnen, wußte vielleicht Nichts von all den anderen Vorfällen, aber die Schwarze wollte ihn auch nicht damit belasten. Als Averics Stimme an ihre Ohren drang, blinzelte sie kurz in die Richtung, aus der diese Stimme kam, richtete den braunen Blick dann aber wieder auf Chivan. „Ob etwas geschehen ist?“

Avendal genoss den wahrlich ruhigen Moment zusammen mit ihrer Schwester, der so friedlich und angenehm vor ihr lag, wie sie es wohl schon länger nicht mehr erlebt hatten und ihre liebevolle geste erwiederte sie wohlwollend. Dann blickte sie auf, als ihr der angenehm kühle Wind einen weiteren Nestflüchtling ankündigte und einen Augenblick später spürte sie ihn schon an ihrer Seite. Mit einem gütigen Blick neigte sie den Kopf, um dem kleinen Welpen mit der Zunge über den Kopf zu fahren und ihn willkommen zu heißen. Ein kurzer erneut tadelnder Blick galt Atalya, die in Rang und Reife wohl über ihm stand und sich demnach auch so hätte verhalten sollen, aber sie wusste um ihre Abneigung gegen Welpen, also sah sie es ihr nach und seufzte schwer, ehe sich wieder ein Lächeln auf ihre Lefzen legte. Der ewige Kampf zwischen Isaí und ihrer Schwester würde wohl erst aufhören, wenn der junge Welpe groß genug war, um ihr ernsthaft die Stirn zu bieten… und selbst was das anging hegte sie gewisse Zweifel. Diese wurden jedoch von ernsteren Zweifeln überdeckt, als die Helle den Ruf ihres Vaters hörte und den Blick Atalyas erwiderte. Auch ihre Ohren schnippten nervös nach Hinten, als sie sich aufrappelte und dem Welpen noch einen eindringlichen Blick zuwarf, ehe sie ihm mit der Nase beruhigend durch das Fell pustete. „Wir sind gleich zurück.“ Dann folgte sie ihrer Schwester, an deren Seite sie sich still gesellte, den Blick ebenfalls fest auf ihren Vater geheftet.

Chardim hatte vor sich hingedöst, wohl als einer der wenigen, der diese Augenblicke der Ruhe wirklich dafür nutzte sich auszuruhen. Bis zu dem Zeitpunkt, da der Ruf seines Vaters an seine Ohren drang. Still hob der Schwarzweiße den Kopf, augenblicklich von einem unguten Gefühl ergriffen. Der Jungwolf richtete sich auf, schüttelte kurz den Pelz und lief ebenfalls wie seine Geschwister zu seinen Eltern. Stillschweigend reihte er sich hinter Avendal ein.

Madoc musste schmunzeln, als er Maliks Missmut mehr als nur deutlich zu spüren bekam. Inzwischen kannte er ihn auch gut genug, als dass er die Ursache vermuten konnte. Dass er einen kleinen Streit mit Linalee hatte schien mehr als offensichtlich, aber auch, dass es ihm missfiel, dass Madoc - SEIN Pate - sich gleichsam um seine Schwester sorgte mochte wohl ein Grund für seine Unzufriedenheit sein. Doch so früh wie möglich würde er lernen müssen, dass diese Welt nur durch Gemeinsamkeit und Einigkeit erhalten bleiben konnte - jedenfalls für Wölfe. Er schüttelte sachte den Kopf. „Du weiß doch, dass sie nun Linalee genannt wird, daran solltest du nächstes Mal denken, Malik.“ Korrigierte ihn der Hüne, warf ihm jedoch nicht vor, es mit Absicht getan zu haben, wohlmöglich hatte er es ja auch vergessen ... (Was Madoch nicht recht glaubte). Der schüchternen kleinen Fähe schenkte er abermals ein kurzes Lächelen, ehe er ihr kurz zunickte. Er wollte sie nicht weiterhin verschrecken, daher ließ er sich an Maliks seine nieder und zwinkerte ihm kurz zu, so als wolle er sagen, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche, er war ganz allein sein Pate.

Parveen achtete nun wieder voll auf Kursaí. Immerhin hatte Averic seine Welpen zu sich gerufen, nicht sie und es wäre unhöflich zu lauschen. Trotzdem fragte sich die Schwarze, was es zu dieser Stunde für einen Grund für eine Zusammenkunft gab… Kurz dachte Pav nach, was die helle Fähe mit ihren Worten gemeint hatte und ein immer präsenter Gedanke schob sich in ihren Kopf, den sie versucht hatte zu verdrängen. „Du sprichst von den Göttern.“ Es war vielmehr eine Feststellung. „Was sollten sie für einen Grund haben, die Erde beben zu lassen." Sie wünschte sich eigentlich, dass Kursaí keine Antwort haben würde. Der Gedanke, dass Fenris die Welt zum Einsturz bringen könnte… Da sträubten sich ihr die Nackenhaare.

Isai konnte nicht mal behaupten, dass ihn die Anwesenheit Atalyas in diesem Augenblick groß störte. Er störte sie mehr als sie ihn und das allein war ihm genug. Er fühlte sich wohl, nun, wo er einen Pelz gefunden hatte, in den er sich kuscheln konnte und schon war auch das kurze Blickduell vergessen, was er sich mit der Dunklen geliefert hatte. Doch kaum war er angekommen, erklang Averics Stimme und rief sie – rief Atalya und Avendal. Fragend hob er den Kopf, blickte beide Wölfe nacheinander an, bis sein Blick an Avendal hängen blieb, die ihm eben noch sanft durchs Fell gefahren war. Atalya verschwand in die Richtung Averics und Tyraleens und Avendal tat es ihm gleich, nachdem sie ihn mit einer kurzen Erklärung abgespeist hatte. Die Ohren des Roten klappten nach hinten und er wollte einfach nicht glauben, dass man ihn mir nichts, dir nichts sitzen gelassen hatte. Er zögerte, da er wusste, dass er nicht gerufen worden war, doch schließlich erhob auch er sich und huschte den beiden anderen Wölfen hinterher – nicht zuletzt weil er besorgt war, dass etwas geschehen war. Er huschte dicht an Avendal vorbei, spähte kurz in die Runde und lief dann so unauffällig wie möglich weiter zu Tyraleen, die nicht wirklich glücklich schien. Er neigte den Kopf leicht zur Seite, platzierte sich dann allerdings zwischen ihren Läufen, was gar nicht mehr so leicht war und spähte fragend zu ihr hoch.

Linalee ´s Blick hatte sich nur für einen klitzekleinen Moment von Madoc losmachen können – um in die Richtung zu starren, aus der Averics Stimme nach seinen Welpen verlangt hatte. Die Kleine wusste, dass dazu auch ihr Patenonkel, Chardím, gehörte. Einen Moment lang war sie richtig enttäuscht, hatte sie doch gehofft, dass er zu ihr kommen würde, so wie Madoc zu Malik gekommen war. Apropos. Mit wachsendem Entsetzen blickte sie ihren Bruder an – hatte er sie gerade Tinca genannt? Ein Stich fuhr ihr durch die Brust, und Tinca, die nicht mehr Tinca hieß, wollte plötzlich, ihr böser Bruder hätte einfach weiter geschlafen. Doch sie hätte damit leben können, wenn Madoc seinen Patensohn nicht in diesem Moment auf ihren neuen Namen hingewiesen hatte. Sofort wurde die Schwarze nervös und warf Malik einen verzweifelten Blick zu. „Du – du musst mich nicht… so nennen, wenn du… wen du nicht willst, Malik“, flüsterte sie eilig, und weil sie so durcheinander war, klang ihre Stimme gleich 2 Oktaven höher. Sie wollte doch nur, dass ihr Bruder sie mochte – da war Onkel Madoc gerade nicht die größte Hilfe, indem er ihn zurrecht wies. . .

Kursai hatte das Gefühl, dass so ruhig die Nacht auch war, es sich nicht um eine normale handelte. Nicht, dass sie ein weiteres starkes Beben erwarten würde, nein, vielmehr schien sich bei den Alphas etwas zu tun, auch wenn sie nicht wusste, was. Vielleicht würde sie es nie erfahren, vielleicht schon. Sie würde abwarten müssen und so war das Gespräch mit Parveen eine angenehme beschäftigung und diese Verstand ihre anspielung auf die Götter und so nickte die Graue Fähe. Bei der Frage nach dem Grund musste sie erst stocken, hatte sie es doch nur auf sich bezogen. Aber es gab doch noch die anderen und Engaya würde ja nicht alle erbeben lassen, nur um eine ihrer Kinder in ihrem Glauben zu testen. Dennoch sagte Kursaí: „Ich glaube es könnte eine Art Vertrauenstest sein. Auch in schwierigen Zeit, gerade in diesen, muss man auf die Götter vertrauen.“

Averic wollte bereits damit beginnen die Worte zurecht zu legen, die er seinen Kindern mitteilen musste, aber ihm fielen einfach keine ein. Wie sollte ein Vater seinen Kindern sagen, dass er sie verlassen musste? Acollon hatte es sich damals gewiss sehr einfach gemacht, wie er immerzu einfach wortlos abhaute. Der Reihe nach kamen Amúr, Atalya, Avendal, Chardím und zum Schluss die humpelnde Caylee zu ihm und Tyraleen. Niemand sagte etwas, bis auf Atalya. Ihre Frage drückte seine Eingeweide noch ein wenig enger zusammen und die sonstige Stille kam ihm plötzlich sehr erdrückend vor. Auch seine Schwester sagte nichts. Einer von Jakashs Welpen hatte sich ebenso dazugeschmuggelt, aber das beachtete der Hüne nun einfach nicht. Während er jeden seiner Welpen noch einmal einzeln betrachtete, flackerte noch einmal kurz dieses traurige Lächeln auf, bevor es entgültig verschwand. „Ich muss euch etwas mitteilen. Ich werde das Tal der Sternenwinde verlassen müssen.“

Chivan seufzte bei den Worten Kishas. Sie konnten alle nicht mehr als hoffen, doch das ungute Gefühl wollte und wollte nicht nachlassen. Er konnte unmöglich der einzige sein, dem es so ging, immerhin schienen sie alle keine Ruhe zu finden. Ruhe, die sie vielleicht bald schon gebrauchen konnten, wenn sie der unsichtbaren Gefahr unausgeruht gegenüberstehen mussten. „Das stimmt. Ist schon merkwürdig, was? Dass man Dinge erst zu schätzen weiß, wenn sie fort sind.“, stimmte er ihr zu und schweifte unweigerlich zu vergangenen Zeiten ab, sodass er Averic dankbar war, dass er ihn zurückholte. Kisha offenbar gehörte nicht zu der gerufenen Gruppe und so war er weiterhin mit einer willkommenen Gesprächspartnerin gesegnet, obschon ihre Frage wirklich berechtigt war. „Ich hoffe nicht. Hätten sie dann nicht das gesamte Rudel zusammengerufen?“ Aufmerksam spähte er in die Richtung der Gruppe, die sich nun um die Alphawölfin und den Beta bildete. „Wir müssen mehr Vertrauen in die Götter haben. Das Leben wacht über dieses Tal. Es wacht über das Rudel.“, fing er das alte Thema wieder auf und fügte noch rasch an: „Zumindest hieß es so.“ Erneut zeichnete sich ein sachtes Lächeln auf seinen Lefzen ab.

Parveen legte den Kopf ein wenig schief. Ein Vertrauenstest der Götter? Sie lassen die Erde beben und bringen dabei so viele unschuldige Seelen in Gefahr? Irgendwie würde es aber passen, oder? Die Götter konnten so viel wunderbares schaffen, aber auch so viel Leid… „Ein Test, ob wir noch an sie glauben… Ja, es wäre gar nicht so unwahrscheinlich. All den verirrten Seelen zeigen, dass es sie gibt und sie zu ihrem Glauben zurück führen.“ Ihr Blick wurde fast ernüchtert und ihre Stimme etwas leiser. „Doch warum so? Das frage ich mich wirklich… Warum durch so eine Tat, durch pure Macht?“

Malik ärgerte sich nun fast, dass er Madoc von Tincas Namenswechsel erzählt hatte. Diese Idee, von Isaí kommend, war ihm von Anfang an suspekt gewesen, aber wenn sich die Schwarze mit dem alten Namen ärgern ließ, würde er nichts weiter sagen. Eine Ermahnung von Seiten seines Onkels hatte er jedoch fast erwartet, auch wenn er ihn nun bockig und ganz eindeutig anderer Meinung ansah. „Jaja.“, murrte er nur. Als Lina nun aber plötzlich zurückruderte und die Worte seines Patenonkels zu entkräften versuchte, war Malik ehrlich verwirrt. Sollte er nun Madoc verteidigen und dafür den Rüffel akzeptieren oder die Chance ergreifen, Lina weiter zu ärgern, damit aber ihr zuzustimmen? Er sah zwischen ihr und Madoc hin und her und entschied sich schließlich für seinen Paten. „Hm. Ist schon gut, ich hab's vergessen.“ Dann knabberte er an seiner Pfote, als wäre da irgendetwas, das ihn störte. Dabei gefiel es ihm nur nicht, dass er gerade etwas gesagt hatte, was Lina gefallen könnte. „Wo ist denn dein Pate? Madoc gehört nämlich mir.“, stellte er klar und schmiegte sich vertrauensvoll an den Weißen. Tinca ... Lina sollte nur nicht glauben, dass sie irgendetwas mit Madoc machen konnte, nur weil er sie gerade unterstützt hatte, wenn auch irgendwie gegen ihren Willen.

Amúr war einfach nur enttäuscht. Davon, dass sie ihre Verzweiflung und ihrer Verwirrung nicht besser verstecken konnte. Aber auch davon, dass sie ihre Schwester so niedermachte. Sicherlich hatte diese noch mit viel schlimmerem zu kämpfen, als mit einer launischen Amúr, die mit der gesamten Situation mehr als unzufrieden war. Aber das musste sie ändern. Keine Caylee konnte das machen. Nur Amúr. Egal wie sehr sie sich davor fürchtete. Aber diese GEdanken musste sie wegschieben. Denn nun war ihr Vater im Vordergrund. Der Vater, der so nervös wirkte und sie stutzig machte. Selbst als Caylee ankam, sah Amúr diese nicht an. Später, ermahnte sie sich. Und dann war es soweit. Ihr Vater öffnete das Maul und seine Worte erschlugen Amúr. „wa-wa-was? Du scherzt doch oder? Papa, sag bitte, dass du nur scherze machst... Bitte!“ Ihr Fell stand ihr zu Berge, während ihre Stimme immer höher rutschte. Das konnte er ihnen nicht antun. Nicht seinen Kindern. Wie konnte er sie nur verlassen?

Atalya musterte still ihre Eltern, auch wenn der Anblick ihrer Mutter sie wenig beruhigte. Avendal folgte ihr, und nach und nach kamen auch ihre anderen Geschwister bei ihnen an. Ein kurzer Blick galt Chardím, dann ruhten die hellen Augen kurz auf Caylee, die absolut nicht begeistert aussah. Bei diesem Anblick neigten sich die Ohren der Grauen kurz zurück, ehe sie sich wieder ihren Eltern zuwandte. Nun erkannte sie auch den roten Welpen, der sich zu ihrer Mutter geschlichen hatte. Atalya schnaufte leise, richtete den Blick dann aber wieder auf ihren Vater, abwartend. Sie erkannte das... nahezu traurige Lächeln auf seinen Lefzen, welches man von dem Schwarzen so nicht kannte. Aber schon einen Moment später verschwand es, und Atalyas Ohren neigten sich erneut an den Hinterkopf. Bei seinen Worten erstarrte die Graue in ihrer Bewegung, ihr Fang öffnete sich leicht und die geweiteten Augen ließen nicht von ihrem Vater ab. Automatisch schlugen die Erinnerungen der anderen Wölfe auf sie ein, die gegangen waren. Liam... Die Graue schluckte, ließ kurz den Kopf hängen, die Augen geschlossen. Einige Herzschläge verharrte sie so, versuchte den Druck in ihrer Brust zu verdrängen. Es gelang nicht. Mit einem leidvollen Seufzen hob sie schließlich den Blick, reckte die Schnauze in die Richtung ihres Vaters, ein kurzes Winseln verließ ihren Fang. „Aber du wirst wiederkommen.“ Sie versuchte so viel Sicherheit wie möglich in ihre Stimme zu legen, auch wenn die Miene ihres Vaters anderes sagte. Nun wurde ihre Stimme zu einem leisen Flüstern. Nun legte sich auch ein Schleier der Trauer über das Antlitz der Grauen, als sie einen weiteren Schritt vor trat. „Du wirst nicht für immer gehen.“

Caylee war hinter ihren Geschwistern stehen geblieben und atmete schwer von diesem kurzen Lauf. Ihre Schulter schmerzte, ihr Kopf schmerzte und irgendetwas schmerzte noch mehr, als alles andere. Sie sah über den Rücken Amúrs - die sowohl ihren Ruf als auch ihre Ankunft nun vollkommen ignorierte - zu ihrem Vater und lauschte seinen Worten ausdruckslos. Dann drang ein beinahe verächtliches Knurren aus ihrer Schnauze, mehr sagte sie nicht. Nun würde er also auch noch gehen, natürlich. Sollten sie sie doch alle alleine lassen.

Kursai bemerkte, wie die andere Fähe nachdachte, und sie verstand es gut. Wenn sie nicht selber darauf gekommen wäre, hätte sie nicht selber den Glauben wiedergefunden, dann wäre ihr dieser Gedanke auch gewiss merkwürdig vorgekommen. So ließ sie der anderen Zeit ihre Gedanken zu ordnen und hörte ihr auch gleichzeitig zu. Es erfreute sie auch, dass die Fähe ihr zustimmte, zumindest sagte, dass sie es nicht für unwahrscheinlich hielt, war sie doch zuvor nicht sicher, ob dies nicht nur ihre Idee gewesen war. Ihre Fragen brachten auch sie wieder zum Nachdenken und so sagte sie dann vorsichtig: „Ich weiß es nicht so genau. Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nicht näher nachgedacht.“ Dann schwieg sie einen Moment, bevor sie noch hinzufügte: „Ich traue mir nicht zu sagen, was ihre Gedanken waren, doch vielleicht konnten sie nur bei einer ernsten Gefahr den Glauben testen.“ Zum Glück war niemanden aus dem Rudel wirklich was geschehen. Dass ließ sie zu einem anderen Gedanken kommen: „Oder schien uns die Gefahr vielleicht nur ernst?“

Madoc war verwundert über Linalees Reaktion, denn schließlich war er der Meinung, dass es ihr missfallen, hatte, von seinem Bruder beim alten Namen genannt zu werden. Wie gewöhnlich ließ er sich diese Emotionen jedoch nicht anmerken, warf der jungen Fähe jedoch einen kurzen, zweifelnden Blick zu, bevor er sich an seinen kleinen Paten wandte, der nun das Wort erhoben hatte. Seine Worte hätten ihm beinahe ein leises Lachen entlockt, was er jedoch gekonnt zurückhielt, denn in Linalees Ohren klangen sie sicherlich unangenehm. Dieses Mal hielt er sich jedoch zurück mit einer Verteidigung zugunsten der Schwarzen, denn offensichtlich gefiel es ihr nicht. Stattdessen wanderte sein blutroter Blick in die Richtung, in der Averic seine Familie versammelt hatte. Sonderlich groß war Macods Interesse nicht, an dem, was dort geschah, doch die Tatsache, dass sich Atalya dort befand, ließ ihn einen Augenblick länger in seiner beobachtenden Haltung verharren als gewollt. Als er sich zurück an die beiden Welpen wandte, spürte er, wie sich Malik an ihn schmiegte und schleckte ihm kurz über die Schnauze. „Ich gehöre dir?“, fragte er derweil belustigt, ging jedoch nicht weiter darauf ein. „Chardím kommt sicherlich gleich, am Besten ihr legt euch jetzt schlafen, morgen wird sicherlich ein aufregender Tag.“, wies er die beiden an und aus seinem Ton sprach eine gewisse Strenge, wenn auch keine, die absolut war.

Tyraleen betrachtete jedes ihrer Kinder aufmerksam und traurig, wie sie nacheinander bei ihrem Vater eintrafen und offensichtlich nicht ganz verstanden, warum er sie rief. Dann sprach Averic und die Reaktionen rollten langsam aber bedrohlich auf sie zu. Amúr, die es nicht glauben wollte, Atalya, die seine Rückkehr wünschte, Caylee, die nicht mehr als ein Knurren von sich gab. Tyraleen wäre gerne zu jedem von ihnen gegangen, aber ihre Läufe waren so schwer und taub, dass sie sich nicht bewegen konnte. Nur dumpf hatte sie ein Bewegung wahrgenommen und blickte nun zwischen ihre Vorderläufe, wo Isaí saß. Er sah zu ihr auf. In einer schmerzerfüllten Geste senkte sie den Kopf zu ihm und schmiegte ihre Schnauze an seine kleine Schulter.

Kisha musste nun bei den Worten des Rüden doch leicht lächeln, als er ihr zustimmte. So spielte das Leben, manchmal war es nicht fair, und manchmal verwirrend, wie in diesem Moment. „Aber dann wissen wir sie wenigstens auch zu schätzen, wenn wir sie wieder haben.“ Und nach kaum etwas sehnte sich die Schwarze in diesem Moment nach einigen Momenten Ruhe. Die Worte des Rüden ließen sie kurz grübeln, ehe sie erneut nickte. „Du hast Recht... und wenn, werden wir es schon erfahren.“ Und nun sprach der Graue von den Göttern, dass sie ihnen mehr vertrauen mussten. Die Schwarze atmete tief durch, stimmte ihm dann jedoch zu. „Du hast Recht, es wird schon alles wieder in Ordnung kommen.“ Ein weiterer Blick galt der Gruppe, die sich um Tyraleen und Averic zusammen sammelte. Dann richteten sich die braunen Augen auf Chivan. „Bist du wegen der Götter in diesem Tal?“

Avendal ließ den Blick von ihrem eindrucksvollen Vater zu ihrer Mutter gleiten, die gerade heute Abend nicht sie selbst zu sein schien. Alte Erinnerungen flackerten in ihr auf, doch wie alles andere kämpfte sie sie wieder dorthin zurück, wo sie hergekommen waren und erst als ihr Blick auf Isaí zu ruhen kam, lockerte sich ihr Gemüt tatsächlich etwas. Da hatte er sich ihnen doch tatsächlich nachgeschlichen, dieser durchtriebene kleine Fuchsfang. Ein Lächeln galt ihm, dann erhob Averic die Stimme. Die Worte die darauf folgten ließen auch durch ihr Herz einen eiskalten Schauer fahren, so dass es sich zusammenzog und ihre Miene verdunkelte sich einen Augenblick, ehe Amúr und Atalya sie von ihrem eigenen Schmerz ablenkten. Ihre Himmelblauen Augen legten sich auf die Mimik ihres Vaters. Nein, er scherzte nicht, dessen war sie sich sicher und so sehr sie Atalya in ihrem Herzen zustimmen mochte, so wollte sie es von ihm selbst hören, doch sie würde ihn nicht drängen ein versprechen abzulegen, welches er nicht zu halten vermochte, so sah sie ihn einfach nur an, ebenso traurig wie auch liebevoll. Er wusste was er tat, oder nicht? Also sollten sie ihm vertrauen.

Parveen betrachtete die Fähe aufmerksam. Ihre Worte waren wohl gewählt und schlau, das musste Pav ihr wirklich zugestehen. Sie schaffte es, ihr die Worte zu rauben, die sie bereits auf den Lefzen hatte. Noch einmal dachte sie an das Beben zurück. An die Angst und die Rufe der Wölfe. Wie der Boden sich unter ihr erhob und sie von den Beinen holen wollte… Trotzdem, hatte diese Wölfin nicht auch in gewissem Sinne recht? „Niemand wurde ernsthaft verletzt...“ Es war, wenn man es nüchtern betrachtete, nichts als die Wahrheit, aber man konnte auch nicht verschweigen, dass es viel schlimmer hätte ausgehen können. „Es war ein Wunder, dass niemandem etwas geschah. Viele haben sich gegenseitig geholfen. Vielleicht war es einfach nur Glück.“ Es wäre ein beruhigender Gedanke, wenn die Götter das alles geplant hätten. Auch damit, dass keinem ein großes Leid geschieht, aber konnten sie es in dem Maße vorher bestimmen? „Ein Test der Götter, ob das Rudel zusammen stehen kann?“ Pav sah die Helle fragend an. „Ohne die Hilfe der anderen, hätte es mehr Verletzte, wenn nicht gar Tote gegeben. Die Götter schicken einen düsteren Moment, damit das Rudel sich selbst wieder ins Licht bringt.“

Isai legte die Ohren dicht an den Hinterkopf und passte sich somit der Runde wunderbar an. Er war verwirrt, verunsichert und besorgt über den Ausdruck, den er sowohl bei Averic als auch bei Tyraleen fand, wobei ihn letztere wohl weitaus mehr beunruhigte. Sein Herz zog sich zusammen und er senkte den Kopf, als der Dunkle zu sprechen begann. Augenblicklich schnellten seine Ohren nach vorne, als er verstand. Averic wollte das Tal verlassen? Normalerweise hätte er nun wohl protestierend den Fang geöffnet, doch noch immer war ihm bewusst, dass er eigentlich gar nicht dabei sein sollte. Somit musterte er schweigend die Reaktionen der anderen Wölfe, winselte schließlich doch ganz leise und drückte sich etwas dichter an Tyraleen. Er erwartete eine Wiederrede aus ihrer Richtung, nur ein Wort, dass den Rüden zum Bleiben bewegen würde, doch es blieb ruhig. Er spürte lediglich ihre Berührung und wandte den Kopf zu ihr herum, um ihr kurz tröstend am Ohr zu knabbern. Er hielt das immer noch für einen merkwürdigen Witz, wollte es nicht glauben, aber die Stimme Averics ließ keinen Zweifel zu. „Er kommt doch wieder…?“, murmelte er schließlich leise zu Tyraleen und bemühte sich, es mehr wie eine Aussage zu formulieren, um sie aufzuheitern. Er lehnte sich etwas von ihr weg, sodass er ihr tröstend gegen die Lefzen stupsen konnte.

Linalee gefiel der Name Tinca überhaupt nicht mehr – sie wusste auch nicht, wie sie je stolz auf diesen hatte sein können. Tinca war ein schwacher Name… Linalee würde stark sein! Und mutig! Aber darum ging es aktuell nicht – wichtiger war ihr jetzt, in der Gunst ihres Bruders wieder aufzusteigen, auch wenn das eine hoffnungslose Schlacht zu sein. Sie blinzelte Malik mit einer Mischung aus Überraschung und unergründlicher Traurigkeit an, als dieser sich an seinen Paten schmiegte, und spielte kurz mit den Ohren. Bestimmt war das Absicht…! Auch dieser Gedanke versetzte ihr einen Stich. Sie zog schon beinahe ein Gesicht, als müsste sie gleich weinen – denn Chardím war eben zu seinem Papa gegangen und hatte gar nicht danach ausgesehen, als würde er noch mal zu ihr kommen – da schenkte ihr Onkel Madoc wieder ein bisschen Hoffnung. Sie sah den Weißen kurz an, eine Spur zurückhaltende Dankbarkeit im Blick. „Ja...“, flüsterte die Kleine und schaute schüchtern zu ihrem Bruder, „Onkel Madoc gehört dir… und mein Pate… Chardím… er kommt bestimmt auch… noch mal.“ Sie versuchte, hoffnungsvoll zu lächeln, aber es gelang ihr nicht wirklich. Stattdessen kringelte sie sich etwas deutlicher ein und warf Maliks Eigentum einen letzten Blick zu. „Ja, Onkel Madoc...“ Also würde sie jetzt versuchen, zu schlafen… auch wenn sie sich plötzlich sicher war, dass das leichter gesagt war, als getan. . .

Chivan schüttelte kurz den Pelz, ehe ein kurzes ehrliches Lachen erklang. „Nun überteib‘ mal nicht. Ich kann nicht mit allem Recht haben.“, entgegnete er scherzhaft und blickte sie an. Tatsächlich hatte sie diese Worte in den letzten Augenblicken viel zu häufig genutzt und dabei war er sich nicht einmal so sicher, ob er tatsächlich Recht hatte. Er wollte daran glauben, doch das wäre unvorsichtig und dumm gewesen. Auch bei der nächsten Frage verblasste das Lächeln auf seinen Lefzen nicht sehr, doch bevor er antwortete, ließ er den Blick ein weiteres Mal zum Himmel gleiten. „Zum Teil, würde ich sagen. Ich wusste nicht, was das hier für ein Tal ist, bis man es mir gesagt hatte. In erster Linie haben mich die Beben neugierig gemacht und ein ziemlich strenger Geruch an eurer Reviergrenze. Vom Sumpf kam er, hieß es, doch ich habe ihn umgangen, nachdem ich die Erlaubnis hatte, das Revier zu betreten. Aber… Wenn man nicht nur mit den Augen sieht, ist es wohl unausweichlich, hierher geführt zu werden, ja.“

Kursai musste zunächst nur einfach nicken bei den ersten Worten, die die andere wieder erklingen ließ. Und doch war da mehr mitgeschwungen und dies kam auch schon bald hinaus. Irgendwie war es schon eine etwas erschreckende Vorstellung, und doch schien es ihr die plausibelste Antwort. Oder war es vielleicht vielmehr so, dass sie nicht schon vorgeplant hätten, dass niemand verletzt werden würde, sondern dass Kursaí den Glauben gefunden hatte, und dadurch die Ruhe gefunden hatte, mit welcher sie gerettet werden konnte? Doch dann kam von der anderen ein anderer, nicht schlechterer und genauso interessanter Gedanke. „Das könnte eigentlich auch gut sein. Gemeinsam sind wir stark.“ Eigentlich war das ja wie ein Leitspruch für sie alle, und nicht nur für ihr Rudel. Und dennoch musste er für diese Gemeinschaft genauso gelten, und das hatten sie ja bewiesen, dass er galt. Dann fiel ihr ein philosphischer Spruch ein, der dazu einfach nur richtig gut passt, und so sagte sie: „Es ist ja auch so, dass es nur richitges Licht dort geben kann, wo es auch Schatten gibt.“ Dies hatte sie selber schon erfahren müssen, hatte sie doch die tiefste Finsternis gebraucht, um ihren Glauben zu finden und nun eine Düsternis um ihn zu überprüfen.

Averic hätte dem Trauerspiel nur zu gerne ein Ende bereitet, indem er Amúr zustimmte und kundtat, dass das Ganze wirklich nur ein Scherz war. Aber natürlich war es das nicht und seine Tochter sollte doch wissen, dass er gewiss nicht zu so einem Humor aufgelegt war. Der Pechschwarze biss sich immer fester auf die Lefzen und Atalyas Überzeugung, dass er sicher wieder kommen würde, brach ihm das Herz. Auch ihr konnte er nicht zustimmen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, ob er seine Familie einmal wiedersehen durfte. Es schnürte ihm die Kehle zu, wie er die Sache sah. Denn er sah sie mit einem Nein. Seine Tochter reckte ihm die Schnauze entgegen und er beugte seinen Kopf, um sie leicht an der Nase zu berühren. Caylees Knurren konnte ihm gar nicht entgehen und auch wenn es ihn schmerzte, so wusste er augenblicklich, dass dies auch seine Reaktion gewesen wäre, wenn Acollon damals vor ihm gestanden hätte, um sich zu verabschieden. „Mir war eine wirklich sehr lange Zeit im Tal der Sternenwinde vergönnt. Ich durfte euch aufwachsen sehen, hier selbst aufwachsen ... aber ich bin der Sohn des Todes und deshalb ist mein Platz im Tal der Raben. Ich habe keine Wahl, einem Gott kann man sich nicht widersetzen.“

Amúr war noch immer erstarrt. Wie konnte er ihnen das nur antun? Wieso verließ er sie? Wieso musste er gehen? Das Knurren hinter ihr schreckte sie auf und sie drehte sich augenblicklich um. „Kaltherziges Biest! Wie kannst du nur sowas unserem Vater antun?!“ Sie wusste nciht, was in sie geraten war, als sie ihre Zähne bleckte und ein leichtes Knurren aus ihrem Maul brach. Sie war verzweifelt. Sie hatte angst. Sie wusste keinen Ausweg. Wie sollte sie das alles verkraften können? Wie sollte sie das hier überleben? und Wieso war Caylee nur so unglaublich hasserfüllt zu einem Rüden, der sie immer geliebt hatte?

Malik schaute wie sein Pate zur Versammlung der Wölfe. Kurz glaubte er, Isaís rotes Fell dort aufblitzen zu sehen, aber ganz sicher sien konnte er sich nicht, sie waren nicht sehr nah und standen dazu eng zusammen. Was es da wohl spannendes zu bereden gab? Sofort keimte in ihm Neid auf seinen Bruder auf, der mal wieder überall mitmischen musste. Da war Lina doch eigentlich noch ganz in Ordnung, sie versuchte jedenfalls nicht offensichtlich, Malik jemanden wegzunehmen. Madoc schenkte er einen zufriedenen Blick, dann nickte er. „Ja, tust du. Du bist mein Muschelmadoc.“ Den letzten Satz flüsterte er verschwörerisch, weil Lina nicht wissen sollte, was sein Patengeschenk gewesen war. Sonst klaute sie ihm das vielleicht noch, wäre es nicht so gut versteckt. Auf ihre Worte hin nickte er großzügig, zeigte ihr jedoch kein Lächeln. Das war .... nein. Nicht für Lina. Auch wenn sie ihm Madoc nicht wegnehmen wollte, wie es schien. Er wollte sie gerade einmal eingehender beobachten, als ihn sein Pate aus den Gedanken riss. Empört wandte er sich ihm wieder zu und schüttelte energisch den Kopf. „Nein! Ich will nicht schlafen Lina will außerdem mit mir spielen!“, erklärte er trotzig, stand auf und sprang kurzerhand auf den Rücken seiner Schwester. Er war größer als sie, kippte sie halb auf die Seite und fand keinen richtigen Halt, rutschte irgendwie mit den Vorderpfoten über ihren Kopf und zwickte sie spielerisch ins Ohr.

Caylee wollte sich abwenden, aber ihr schien die Einsamkeit, in die sie nun wieder humpeln würde nicht attraktiver, als in der Einsamkeit zwischen ihrer fremden Familie zu stehen, die nun auch noch von dem einzigen Wolf verlassen wurde, von dem sie sich irgendein Verständnis erhofft hatte. So blieb sie, wo sie war und lauschte auch noch dem Erklärungsversuch ihres Vaters. Er leuchtete ihr ein, aber er machte nichts besser. Jetzt wollte sie doch gehen, nicht noch mehr hören, aber in diesem Moment fuhr Amúr plötzlich herum. Sie keifte sie an, spie ihr ihre Wut entgegen und schon machte es in Caylees Kopf leise ... puff ... Die Weiße schnellte nach vorne, das Maul mit einem Mal weit aufgerissen und genau auf Amúrs Kehle zielend. Natürlich hatte sie keinen Gedanken mehr an ihren verletzten Lauf verschwendete, konnte sie kaum richtig abdrücken, heulte auch schon vor Schmerz auf und trudelte doch ihrer Schwester entgegen, die sie im Fallen an der Halskrause erwischte und polternd mit zu Boden riss.

Parveen lächelte leicht und hob den Kopf zum Himmel. Betrachtete die Sterne und dachte daran, dass es mehr gab als das Rudel, das Tal, die Wälder und den Himmel. Das dort jemand war, der auf sie achtete und schützte. Der Spruch von Kursaí gefiel ihr gut. Poetische Worte passten an diesem Abend wirklich gut. „Oft sehen wir auch erst dann erst das Licht, wenn wir aus der Dunkelheit kommen.“ Es wäre so leicht, das alles einfach zu glauben. Es wäre so unendlich einfach und so schön. Trotzdem stahl sich in das Herz der Schwarzen ein Widerspruch, der immer bei ihr war, wie der helle Stern auf ihrer Stirn. Eine Stimme, die ihr tadelnd vorwarf, dass es auch anders hätte kommen können und das es von den Göttern nicht geplant war. Sie seufzte „Es wäre für mich allerdings noch leichter an eine höhere Macht zu glauben, wenn sie nicht immer so uneindeutige Zeichen schicken würden.“

Atalya konnte Amúrs Reaktion so gut verstehen, auch wenn sie selbst sich in diesem Moment an ihre eigene Hoffnung klammerte. Es waren so viele Wölfe gegangen... und kaum einer war wieder gekommen. Nur Ausnahmen, wie Madoc... Die Graue schluckte trocken, ließ die Ohren an den Hinterkopf geneigt. Er würde gehen. Er würde seine Familie zurück lassen. Averic berührte ihre Nase, und kurz und freudlos schwang die Rute der grauen durch die kühle Luft. Da sGrollen hinter ihr, gefolgt von einem wütenden Ausruf ihrer Schwester ließ auch Atalya den Blick zurück wenden. Ein leises Grummeln verließ ihren Fang, als ihre graue Schwester sich gegen Caylee wandte. Ihre hellen Augen richteten sich auf Amúr. „Siehst du nicht, dass du gerade nicht besser bist?“ Ein weiteres Schnaufen, ein kurzer, irgendwie verständnisvoller Blick galt Caylee, dann Avendal und schließlich wandte sie sich wieder ihrem Vater zu, der ihnen nun erklärte, wieso er gehen würde. Bei seinen Worten schloß sie die Augen, konnte für einen Moment noch die Tränen verdrängen, die in ihre Augen treten wollten, ehe sie wieder direkt in die blauen Augen sah. Sie biß die Fänge aufeinander, musterte ihre Mutter mit einem hilfesuchenden Blick. Sie wußte nicht, was sie nun tun sollte. Er würde gehen. Ihr Vater. Die Graue öffnete den Fang, ließ den Kopf dann jedoch hängen. Es fiel ihr schwer, den richtigen Gedanken auszusprechen. „Wir werden dich vermissen.“ Und schon im nächsten Moment schreckte sie wieder nach hinten, nun war Caylee die Unruhestifterin, sie schmiss sich auf Amúr, taumelte jedoch im nächsten Moment. Kaum einen Herzschlag später hatte Atalya sich mit einem Satz zu ihnen begeben, blickte nun beide vorwurfsvoll an. Sie wollte nicht, dass der Abschied von ihrem Vater durch diesen Streit überschattet wurde. Auch wenn es vielleicht eine gelungene Ablenkung gewesen wäre. Mit einem leichten Grollen hob sie die Lefzen, ihre Rute erhoben blickte sie beide mahnend an. „WAS ist los mit euch?! Habt ihr nicht verstanden, worum es geht?“

Madoc betrachtete seinen kleinen Paten mit einem zufriedenen Blick, als dieser sich nun offensichtlich beruhigt hatte. Dass er nicht ihm gehörte, würde er noch früh genug erfahren, doch eine Weile duldete es der Hüne noch, dass er seine welpische Fantasie auslebte. Einen anderen Wolf zu besitzen war eine Sache der Unmöglichkeit und Madoc zweifelte nicht daran, dass der Jüngling dies auch durch eigene Erkenntnisse lernen würde, diese Zeit würde er ihm geben. „Natürlich, dein Muschelmadoc.“, stimmte er daher mit einem Nicken zu. // Während Malik wegsah, zwinkerte der Hüne der schüchterne Linalee nun zu und gab ihr somit zu verstehen, dass sie sich die Worte ihres Bruders nicht zu sehr zu Herzen nehmen sollte. Außerdem sollte sie wissen, dass er Malik nicht bedingungslos zur Seite stehen würde, nur weil er sein Pate war. Da die kleine Fähe seine Verteidigung aus einem gewissen Grunde jedoch nicht akzeptieren wollte, machte er es ihr durch diese kurze Geste weis und nickte ihr anerkennend zu, als sie sich nun schlafen legte. Doch bereits kurz danach hörte sie den Ausruf ihres Bruders, der lautstark protestierte und sein blutroter Blick verengte sich leicht. „Malik.“ Ertönte die tiefe Stimme Madocs nun und seine zuvor noch recht verspielte Stimmung war augenblicklich verflogen. Kurz fiel sein Blick wieder auf Linalee, ob sie tatsächlich spielen wollte, bezweifelte er, doch mit einer endgültigen Mahnung wartete er, bis er die Reatkion der Schwarzen gesehen hatte. Doch auch ungeachtet dessen sollten sie sich nun schlafen legen, zum Spielen war morgen noch Zeit. „Wenn du morgen müde bist, dann werde ich aber sicherlich nicht mit dir spielen und die anderen auch nicht ...“, fügte er hinzu und wartete die Reatkion des Kleinen ab. Derweil wandte sich sein Haupt abermals für wenige Augenblicke zu Averic und sein Blick blieb nochmals an Atalya hängen ... jedoch nur kurz, dann wandte er sich zu Malik und Linalee zurück, vielleicht würde er sie aufsuchen, wenn sie sich schlafen gelegt hatten ...

Avendal ließ den Blick von ihrem eindrucksvollen Vater zu ihrer Mutter gleiten, die gerade heute Abend nicht sie selbst zu sein schien. Alte Erinnerungen flackerten in ihr auf, doch wie alles andere kämpfte sie sie wieder dorthin zurück, wo sie hergekommen waren und erst als ihr Blick auf Isaí zu ruhen kam, lockerte sich ihr Gemüt tatsächlich etwas. Da hatte er sich ihnen doch tatsächlich nachgeschlichen, dieser durchtriebene kleine Fuchsfang. Ein Lächeln galt ihm, dann erhob Averic die Stimme. Die Worte die darauf folgten ließen auch durch ihr Herz einen eiskalten Schauer fahren, so dass es sich zusammenzog und ihre Miene verdunkelte sich einen Augenblick, ehe Amúr und Atalya sie von ihrem eigenen Schmerz ablenkten. Ihre Himmelblauen Augen legten sich auf die Mimik ihres Vaters. Nein, er scherzte nicht, dessen war sie sich sicher und so sehr sie Atalya in ihrem Herzen zustimmen mochte, so wollte sie es von ihm selbst hören, doch sie würde ihn nicht drängen ein versprechen abzulegen, welches er nicht zu halten vermochte, so sah sie ihn einfach nur an, ebenso traurig wie auch liebevoll. Er wusste was er tat, oder nicht? Also sollten sie ihm vertrauen. Avendal betrachtete den schwarzen Rüden noch immer aufmerksam und auch wenn es ihr das Herz zu sprengen drohte, so schienen ihr seine Worte viel zu sinnvoll, um sich dagegen sträuben zu können. Gerade hatte sie die Stimme doch erheben wollen, um ihm mitzuteilen, wie sie in dieser Sache empfand, als sie Amúr neben sich spüren konnte, die herumfuhr und die Worte, die sie an Caylee richtete, ließen ihr zuvor zerdrücktes Herz nun wieder heftig schlagen und einen Augenblick glaubte sie Atalya würde sich ebenfalls in das Getümmel stürzen und ihre Muskeln verkrampften sich schon halb im Sprung, als sie die Situation realisierte und an die Seite ihrer Schwester trat, weniger dominant, dennoch schlichtend, indem sie sich bemühte Caylee von Amúr zu trennen. „Lasst ihn nicht so gehen. Was für ein Bild soll er von uns behalten?“ Sicher, Caylee mochte es nicht mehr so sehr interessieren, das konnte sie sich nach ihrem Gespräch letztens zumindest denken, doch zumindest hoffte sie Amúr damit erweichen zu können.

Tyraleen war beinahe dankbar um Isaí, an den sich ihr Geist nun gewissermaßen klammern konnte. Er war ein Welpe, sie musste sich um ihn kümmern, ihm erklären, für ihn da sein. Ihre eigenen, erwachsenen Welpen wollten das nicht mehr und würden sich auch nicht so einfach trösten lassen. Kurz fragte sich die Weiße, ob sie nun wirklich bei Isaí stehen sollte, dann hörte sie seine leise Frage und spürte seine Tröstversuche. Sie schob ihre Schnauze zu seinem Ohr und flüsterte genauso leise: „Ganz bestimmt.“ Dann nahm sie all ihre Kraft zusammen und hob den Blick wieder, in diesem Moment versuchte Averic zu erklären und in ihren Ohren klang es gut. In den Ohren ihrer Töchter wohl nicht ... Amúr wandte sich gegen Caylee und dann eskalierte die Situation mit einem Mal. Als Caylees Schmerzenschrei laut durch die stille Nacht hallte, hatte ihre Mutter noch nicht verstanden, was gerade geschah, sah dann nur noch zwei ihrer Töchter zu Boden gehen und eine Dritte hinzuspringen, die grollend mahnte, sich gefälligst um ihren Vater zu kümmern. Avendal trat an ihre Seite und die erwachsene Ruhe, die beide ausstrahlten war imponierend. Und doch rann nun eine Träne aus Tyraleens Augen, während ihr Herz ganz langsam zerbarst.

Linalee hoffte, dass weder Malik noch Onkel Madoc mitbekamen, wie sie kurz die Augen aufschlug und zwischen ihnen hin und her sah, ehe sie wieder versuchte, zu schlafen. Muschelmadoc, schallte es in ihren Ohren, Muschelmadoc. Warum hatte sie keinen… keinen Muschelchardím? Da war er schon wieder, dieser fiese Stich mitten in das kleine, feige Herz der Schwarzen. Aber anstatt ihrem Bruder oder ihrem Paten die Schuld dafür zu geben, gab sie sie lieber sich selbst. Sie war eben nicht mutig genug, um von ihrem Chardím auch ein Geschenk zu bekommen…. aber…. aber das würde sie wohl noch zu ändern wissen! Mit diesem Vorsatz ließ es sich gleich viel besser vergessen, dass sie von gruseligen Schatten umgeben waren und die Erde jede Moment wieder beben könnte. Kaum, dass sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, spürte sie das Gewicht ihres Bruders halbwegs auf sich strampeln. Überrascht quietschte Linalee auf, bekam sich aber einigermaßen schnell wieder unter Kontrolle und rollte sich auf den Rücken, um Malik abzuschütteln. „Ha – Malik!“, keuchte sie entsetzt, ehe sie sich des prüfenden Blick Madocs bewusst wurde. Oh – oh! Sie musste mitspielen, natürlich! „Ha- …ha…hahahahaha...“, kicherte sie also los und pfotete nach ihrem älteren Bruder, ehe sie einen weiteren, kurzen Blick zu dessen Paten warf. „Oh… Onkel Madoc… nur… nur ganz kurz…. bitte?“. . .

Chardim hörte vorerst schweigend zu. Kaum war ausgesprochen, weswegen sie sich hier versammelt hatten, legten sich die Ohren des Schwarzweißen flach an den Hinterkopf. Ihr Vater würde sie verlassen. Der Schock fiel wie ein schwall eiskaltes Wasser auf ihn herab. Er konnte nichts sagen, denn während alle anderen ihr Unverständnis äußerten, erfüllte ihn allmählich und mit den erklärenden Worten seines Vaters bitteres Verständnis. Sein Papa verließ sie nicht absichtlich und sie konnten ihn nicht aufhalten. Konnte es etwas Schlimmeres geben? Der zweifarbige Blick huschte zu seiner Mutter, die wirklich unglaublich fertig aussah. Doch plötzlich striff ihn ein Haufen Fell und gleich nachdem Amúr ihre Schwester angemeckert hatte, fielen beide neben ihm zu Boden. Chardím machte einen Satz zur Seite, nur um ungläubig zu betrachten, dass die zwei Schwestern sich tatsächlich in so einer Situation prügeln wollten. „Das ist doch wohl nicht euer Ernst.“

Kisha schnippte bei Chivans Worten leicht mit den Ohren und lächelte. „Ich konnte an einen Worten aber auch nichts Falsches finden. Und manchmal ist das die Hoffnung, die einen in diesem Moment aufrecht erhält.“ Nun blickte der Graue zum Himmel, jedoch ruhte Kishas Blick weiterhin auf ihm. Dann setzte er zu einer Antwort auf ihre Frage an, der die Dunkle gespannt lauschte. Während seiner kleinen Erzählung nickte sie aufmerksam. „Es scheint wirklich viele Wölfe fast magisch anzuziehen... selbst wenn man hier lebt ist es ein besonderes Gefühl.“

Kursai verfolgte den Blick der anderen hinauf an den Himmel zu den Sternen. Es dauerte nicht lange und da kam wie zur Antwort auch von der anderen poetische Worte. War es was anderes, was diese Asudrückten? War es das Gleiche? Sie war sich nicht so ganz sicher. Sie glaubte im tiefsten Inneren war es das gleiche auch wenn es auf der Sinnebene erst einmal zwei völlig verschiedene Bilder waren. Jedoch nun kam etwas verwirrendes für Kursaí. Die Zeichen waren der anderen zu wenig eindeutig. So kehrte ihr Blick wieder voll zur anderen zurück, und sie sah sie erst einmal leicht nachdenklich, leicht verwirrt an. Dann fragte sie einfach rund heraus: „Was wäre denn ein eindeutiges Zeichen für dich?“

Malik war zufrieden mit der Situation und das trotz Linas Anwesenheit. Das überraschte ihn selbst ein bisschen, aber er hatte gar keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Der Abend musste gerettet werden, er wollte doch jetzt nicht schlafen! Er war viel zu munter und aufgedreht, um jetzt zur Ruhe zu kommen, wie sollte er das dann einfach anstellen? Doch irgendwie hatte er nicht damit gerecnet, dass Lina ihm dabei helfen würde. Alles war doch anders geworden. Auch, dass es Onkel madoc war, der ihn zur Ordnung rief. Zwar verharrte der Welpe sofort und legte die Ohren an, aber in seinem Blick lag eine Menge Trotz. Vielleicht hätte er sogar ein bisschen eindrucksvoll wirken können, hätte er nicht so wackelig auf Linas Rücken gestanden, die nun erschrocken quietschte und ... mit ihm lachte? Vollkommen verwirrt löste Malik den Blick von Madoc und starrte seine Schwester verdattert von oben an. „Äh ... ja! Ganz kurz nur?“, bat er und stimmte Lina so zu, dann trat er ein wenig zur Seite, so dass wenigstens seine Hinterläufe wieder auf dem Boden standen. In der Zwischenzeit war bei der Gruppe ein Gerangel entstanden. „Guckt mal, Atalya, Amúr und Caylee spielen ja auch. Das dürfen wir deswegen genauso.“, bestimmte er und schnappte nach Linas Nase.

Isai war unschlüssig, ob die Worte der Weißen wirklich so kräftig geklungen hatten, als dass man ihnen Glauben schenken konnte. Er wollte, doch das machte es noch nicht direkt möglich. Nur, weil er fliegen wollte wie ein Federvogel, konnte er es noch lange nicht. Seine Lauscher drückten sich eng an seinen Hinterkopf und sein Blick blieb erhoben, obgleich Tyraleen den Blick wieder zum Geschehen wandte. Er erstickte abermals ein leises Winseln, ehe zurück zu Averic sah, der sich zu erklären versuchte. Die Situation war fremd für ihn, überforderte ihn, denn er sah all die Wölfe, die sonst so stark wirkten aus einem ganz anderen Licht. Atalya wirkte fast schon weich und auch dem Dunklen sah man an, dass es nichts Leichtes war. Die Trauer und Anspannung in der Luft übertrugen sich auf ihn und somit wuchs auch die Überforderung und der Stress, dem der kleine Körper ausgesetzt war. Im nächsten Augenblick geschah zu viel – Amúr ging gegen Caylee, die wiederum nach ihrer Schwester schnappte und dabei mit einem lauten Geräusch von Schmerz zu Boden ging. Mit einem Mischmasch aus unschlüssigem Knurren und Winseln sprang er auf – genau wie Atalya, die sogleich heraneilte und ihre Schwestern zur Vernunft bringen wollte. Er kannte sie so nicht, doch das stand weit, weit im Hintergrund. Mit rasendem Herzen starrte er dorthin, wo sich die Geschwister nun versammelten und barsch miteinander umgingen. Er wusste nicht, wohin mit sich – wollte einerseits dazwischen, obschon er nicht viel anrichten konnte, doch andererseits wollte er nicht mehr, als weg aus dieser Situation. Hilflos wandte er sich zu Tyraleen herum, winselte erneut, verstummte allerdings augenblicklich, als er ihren Ausdruck sah. Mit beschwichtigend pendelnder Rute nährte er sich ihr erneut – schüchterner, zurückhaltender und berührte sie sanft mit der Nase an der Lefze, ehe er seinen Kopf ihn ihrem Brustfell vergrub. Er wollte etwas sagen, doch eigentlich war ihm im Augenblick mehr danach, die Situation in dieser Haltung schlichtweg zu vergessen. Er wollte für sie da sein – doch dazu fehlte ihm einfach die Möglichkeit, alles zu durchblicken. Schließlich drang die Stimme Chardíms an seine Ohren und mit einer langsamen Bewegung richteten sich seine glasigen Seelenspiegel wieder auf die Gruppe. „Chardím hat Recht. Ihr benehmt euch wie ein Haufen Welpen und denkt nur an euch...“, murmelte er gedrückt und leise, während er ein Stück zurückwich, als ahnte er, dass nun er das ‚Opfer‘ sein würde. Aber wer interessierte sich hier noch für Averic?

Averic empfand es wie einen Schlag ins Gesicht, als sich Amúr plötzlich unglaublich aggressiv gegen Caylee wandte und diese dann auch noch zum Angriff überging. Im Normalfall hätte der Pechschwarze die Zwei augenblicklich wieder voneinander getrennt und sie für dieses Verhalten ausgeschimpft, doch nun war er wahrlich zu entsetzt über die Wirkung, die sein Gehen auf die Geschwister hatte. Als hätte er gerade seine eigene Familie entgültig zertrümmert. Aber war es nicht so? Atalya und Avendal sprangen dazwischen und Averic wusste sich ausnahmsweise nicht zu helfen. Es war überflüssig auch noch dazwischen zu gehen und in dem Augenblick, da er aus den Augenwinkeln die Träne auf Tyraleens Wange glitzern sah, verspürte er wieder diesen Hass, den er damals gegen Acollon gehegt hatte. Hass, so schneidend wie Fangzähne im Genick. Brennend, wie Feuer, gegen sich selbst gerichtet. „Wenn ihr wütend seit, dann bitte ich euch eure Wut nicht aneinander auszulassen. Richtet sie gegen mich, ich habe vollstes Verständnis dafür.“, sagte er schließlich ohne Schmerz, ohne überhaupt irgend ein Gefühl. Seine Stimme war leise und tonlos.

Madoc blickte die beiden Welpen eindringlich an und normaler Weise hätte er keine Widerrede geduldet. In jenem Augenblick jedoch, hatte er das seltsame Gefühl, dass Linalee viel daran lag, diesen Wunsch durchsetzen zu können, obgleich sie überhaupt nicht so aussah, als wäre ihr nach Spielen zumute. Welch einen Hintergrund ihr pradoxes Verhalten hatte, konnte der Hüne nicht sagen, doch er entschied sich dazu, ihr diesen Gefallen zu tun, war sie doch bereits so eingeschüchtert und verzweifelt. Dass er Malik seinen Willen durchsetzen ließ, gefiel ihm dahingegen weniger gut, doch er nahm es in Kauf. // Mit einem Ruck wandte er sein Haupt nun wieder zu Averic und seiner Familie, hörte nun auch einen lauten Schrei, welcher die Nacht durchdrang, doch von wem er entstammte mochte er nicht bestimmen. Mit einem Seufzen betrachtete er Malik und Linalee, es war nun eine außerordentlich schlechte Zeit zu Spielen, doch er würde sie im Blick behalten. „Nun gut, kurz und LEISE, wir stören sonst die anderen. Wenn ich gleich sage, dass ihr schlafen geht, dann tut er es aber auch.“ Sein Blick wanderte von der kleine Fähe zu ihrem Bruder und blieb schließlich an diesem hängen. Die rubinroten Seelentore funkelten mit Autorität und obgleich er für gewöhnlich sehr viel Spaß verstand, wenn er mit seinem Paten beisammen war, so schien die Stimmung in der heutigen Nacht bedrückt. Ein letztes Mal musterte er schließlich die schwarze Fähe und wunderte sich noch immer über ihr seltsames Verhalten. Was wollte sie bezwecken, wenn man doch so offensichtlich erkannte, dass sie wenig Spaß an der ganzen Sache hatte?

Parveen konnte nicht sofort antworten. Eigentlich hätte sie mit der Frage rechnen müssen oder hätte zumindest in ihrem Kopf eine Antwort parat haben müssen, aber so war es nicht wirklich. Was hatte sie gehofft zu bekommen? Was würde sie endgültig wieder zu ihrem Glauben bringen und das Licht in ihr Herz lassen? „Ich glaube...“ Sie brach kurz ab und setzte mit festerer Stimme ihren Satz fort „Etwas, das mich an das Schöne erinnert, das geschaffen werden kann.“ Ihr wurde bewusst, dass ihre Worte etwas wie die eines Welpen klangen. „Weißt du, ich glaube an die Götter, die höhere Macht. Mir fehlt nur manchmal der Glauben, dass sie etwas Gutes und das Beste für uns tun…"

Amúr war unglaublich verwirrt. Ihre ganze Welt drohte zu zerbrechen und Caylee schien praktisch darauf zu spucken. Irgendwie, verlor Amúr sich einfach, in dem Schwall der Gefühle. Aber sie hatte nicht erwartet, dass Caylee sie angreifen würde.Wahrscheinlich hatte es die Graue nichtmal wirklich durchdacht. Ihre Ohren waren praktisch taub, nicht mal die Worte ihrer dunklen Schwester schien sie zu vernehmen. Es pulsierte in ihr, als sie sich darauf vorbereitete, sich zur wehr zu setzen. Selbst das Schmerzverzerrende Heulen drang kaum in ihr vor. Wie konnte sich Caylee nur soetwas erlauben! Der Fang der Weißen landete im Hals von Amúr, während diese ihr Gebiss lautklackend neben dem Ohr der Weißen zusammenprallen ließ. Zusammen fielen sie zu Boden und schon waren ihre Schwestern da, die wohl mehr als unzufrieden waren. Aber was wussten die schon? Nein! Amúr musste damit aufhören. Sie würgte, nachdem sie -wieder von Caylee getrennt- auf allen vieren stand. Ein grobes Zittern durchfuhr sie, bevor sie wieder ihre Stimme erhob. „Wie kannst du uns nur verlassen? Wieso stellst du alles andere über deine Familie? Hast du nicht immer gesagt, dass du für immer bei uns bleibst? Hast du es nicht versprochen? Und nun? Wo ist deine Stärke? Wo ist deine Weisheit? Wieso nimmst du uns nicht mit?!?“ sie schrie, während sie ihre Augen geschlossen hielt und ihr Gesicht tränenüberströmt Richtung Boden hielt.

Atalya
30.06.2012, 11:27

Chivan atmete etwas schwerer bei ihren Worten und wandte den Blick ab. Die Hoffnung, die einen in solch einem Moment dazu befähigte, den Kopf aufrecht zu halten. Chivan erinnerte sich an diese Worte, obwohl sie so unendlich weit zurückschienen, als hätte er sie in einer vollkommen fremden Welt ausgesprochen. Kisha hatte Recht. Die Hoffnung war es, die einem die Kraft gab, nach vorne zu blicken und solange sie an den Beistand der Götter glaubten, konnte ihnen niemand die Hoffnung rauben. Er bemühte sich, all die sonstigen Gedanken fernzuhalten, die Gedanken an seinen Bruder, seine Schwester und all die Wölfe, die einst um ihn herum gewesen waren. „Damit liegst du dann wohl richtig.“, sagte er und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Es ist einfach… Ich habe die Präsenz der Götter nie zuvor so nah gespürt. So deutlich, dass es jegliche Zweifel einfach verjagen kann. Zumindest bei denen, die wirklich bereit sind, zu glauben.“

Kursai versuchte so gut wie möglich zuzuhören und damit meinte sie nicht nur die Worte, die die Fähe sprach, sondern noch was dahinter steckte. Sie hatte das Gefühl, dass Parveen ein wenig verloren war, in welchem Sinne auch immer. Dies wusste sie nicht, und wie sollte sie ihr helfen, wenn sie dies nicht wusste? Es schien sich auch nicht um eine sinnlose Debatte zu handeln, waren sie doch beide der Gleichen Meinung, nämlich dass es die Götter gab. Doch wie sollte sie es schaffen die andere in ihrem Glauben zu kräftigen? Konnte man anderen bei diesen Fragen überhaupt helfen? Woher sollte sie das wissen. Nur weil es bei ihr nicht funktioniert hatte, musste es ja bei den anderen nicht auch so sein. Es konnte ja gut sein, dass viele die Hilfe anderer brauchten, um sich in ihrem Glauben richtig zurecht zu finden. „Ich glaube vieles können wir nicht sehen und so ist glaube ich das "Beste" relativ und vielleicht vermag etwas scheinbar schlechtes doch irgendwie gut zu sein.“Dabei dachte sie gar nicht mehr an den Sumpf, sondern vielmehr an ihre geliebten Mitwölfe, die nicht mehr unter den Lebenden verweilten. Sie konnte nur damit leben, weil sie daran glauben konnte, dass es einen Sinn hatte.

Linalee überredete sich jetzt selbst. das war eine eigentlich ganz gute Taktik, hatte sie zumindest festgestellt. Also. Linalee würde jetzt Lust auf Spielen haben. Aber warum? Es war unnütz und man tat sich weh und überhaupt, sie war müde! Leicht verärgert kniff sie die hellen Äuglein zusammen, so wurde das doch nichts. …sie spielte mit ihrem Bruder. Ihrem Bruder Malik, der gerne mit ihr spielen wollte! Und es sah ganz danach aus, als würde Onkel Madoc sie sogar lassen! Leise quietschend zog sie ihre Schnauze außer Reichweite der Fänge des kleinen Weißen, dieses Mal ehrlich begeistert. Ja, wenn man es in diesem Licht sah, dann war es etwas erstrebenswertes, schönes, Positives! „J- ja, Onkel Madoc!“, brachte sie hervor ehe sie selbst einen schüchternen Vorstoß mit ihrer Nase in Richtung Maliks Brust machte – und dabei klang sie gar nicht mehr ganz so leise und zurückhaltend. . .

Malik fand sogar echten Süaß daran, mit seiner Schwester zu spielen. Sie war zwar immer noch komisch und doof, aber im Moment war sie auch irgendwie in Ordnung. Sie hatte noch nie mit ihm gespielt. Spielerisch knurrend schnappte er nach jedem Fitzelchen schwarzer Haare, das seinem Fang zu nahe kam und sprang schließlich wieder von Linas Rücken, um sich ihre Rute vornehmen zu können. Gerade als er diese zwischen den Zähnen hatte, musste Madoc wieder einschreiten. Malik hielt inne, das Stück Haut und Fell im Fang und nickte, wodurch er etwas an Linas Rute zog. „Jap jap, Onkel Madoc!“, war sein Versprechen, dann wich er Linas Vorstoß aus und bestrafte sie mit einem Pfotenhieb auf die Nase, jedoch nicht so kräftig, dass es wirklich weh getan hätte.

Caylee realisierte erst, als sie schmerzhaft zu Boden stürzte, eine Menge Fell im Maul und Wut im Blick, dass sie sich zu einer dummen Aktion hatte hinreißen lassen. Hauptsächlich, weil sie mit ihrer Verletzung nicht einmal ansatzweise kampftauglich war. Zweitranging, weil sich hier ihre gesamte Sippschaft versammelt hatte um ihren Vater zu verabschieden. Augenblicklich ließ sie Amúr los und versuchte krampfhaft sich aufzurappeln, mittlerweile Tränen vor Schmerzen in den Augen. Endlich hatte auf ihr kaputter Lauf es zugelassen, dass sie wieder auf ihren vier Pfoten stand, während Amúr schon ihren Vater anschrie, der vorher erstaunlich passiv darum gebeten hatte, ihre Wut an ihm auszulassen. Aber das hatte Caylee nicht vor. Es war nicht die Schuld ihres Vaters, es war die Schuld dieser ganzen verdammten Familie. Nach einander starrte sie ihre Geschwister an. Hasserfüllt streifte er Chardím, der bis auf ein paar schlaue Einwürfe nie sein Maul aufbekam; Avendal, die mit ihrer endlosen Güte auch nicht das geringste ändern konnte; Atalya, die sich natürlich einbildete, ganz genau zu wissen, um was es ging; und schließlich Amúr, die sich nun also an Averic ausließ. Für sie alle hatte Caylee nur erneut ein verächtliches Knurren übrig. „Ja, fühlt euch nur besser, weil eure Schwester keine Lust mehr auf diesen ganzen Scheiß hier hat. Heult ihm ein bisschen nach und freut euch dann wieder eures Lebens. Ihr seid erbärmlich! Und du ...“, damit wandte sie sich an Amúr. „... hast mehr als alle anderen bewiesen, was die Liebe dieser Familie wert ist!“ Die Situation bevor Averic sie alle gerufen hatte war nun wie eine einzige Fratze des Hohns. Caylee warf noch einen letzten Blick zu ihrem Vater, fand aber keine Worte, die ihre Gedanken hätten ausdrücken können und wirbelte dann herum. In weiten Sätzen wollte sie davon springen, schaffte aber nur kleine Hüpfer, jeder einzelne voller Schmerzen, sodass die Tränen ihr nun über das Gesicht strömten. Ihr schwindelte, sie strauchelte ... und prallte gegen Parveen, die sie in diesem Moment nicht erkannte.

Madoc gönnte den beiden Welpen ihren Spaß und die anfänglichen Unstimmigkeiten zwischen ihnen schienen sich gemildert zu haben. Vielleicht war es tatsächlich eine gute Entscheidung gewesen sie etwas spielen zu lassen. Dadurch würde wohl selbst Malik bald ermüden und sie würden sich ohne Klage zur Ruhe begeben. Er lächelte dem jungen Rüden zu, als er sein Versprechen, ebenso Linalee, welche stets brav und gehorsam zu sein schien. // Eine Weile noch ließ er die beiden Welpen balgen, bis die Spuren der Ermüdung immer deutlicher wurden. Die kleine Schwarze schien ohnehin erschöpft gewesen zu sein, doch nun wurder auch ihr Bruder langsam ruhiger, ein eindeutiges Zeichen für Madoc, diesen Spielchen ein Ende zu setzen. „So, genug für heute", ertönte die tiefe Stimme des hünenhaften Rüden und sein blutroter Blick wanderte zwischen den Geschwistern hin und her. „Morgen könnt ihr weiter spielen, nun ist es wirklich höchste Zeit zu schlafen.“, fügte er mit einem Lächeln hinzu und lud die beiden mit einer Bewegung seines Hauptes ein, sich an seine Seite zu begeben.

Parveen streckte kurz ihre Läufe. Vielmehr eine Handlung, um etwas anderes zu tun und nicht länger ihren Gedanken nach zu hängen. War sie nicht auf so einem guten Weg gewesen? Hatte das Beben als gutes Zeichen der Götter gesehen, um das Rudel zusammen zu führen und ihr Miteinander zu bekräftigen. Wäre da nicht der altbekannte und ebenso verhasste, kleine Unterton gewesen, hätte Pav mit diesem Gedanken ruhig schlafen können. Sie blickte aus den Augenwinkeln auf ihre Gesprächspartnerin. Sie hatte das Gefühl, dass diese über sie nachdachte. Wie wahr, oder? Dachte man nicht automatisch über sie, die komische Wölfin, nach? Es war wirklich so, dass Parveen wieder in die depressiven Gedanken zu fallen drohte, die sie immer wieder belasteten, aber dann ergriff Kursaí erneut das Wort. Sie ließ sich alles durch den Kopf gehen. Es war fast, als tobte in ihr ein stummer Streit. Gute Taten gegen schlechte Taten. Das Licht gegen die Schatten abwägen und gespannt darauf warten, wer gewinnen würde. Schließlich umspielte ein leichtes Lächeln die Lefzen der Schwarzen. „Wirklich ein schöner Gedanke und ich werde versuchen dir zu glauben. Aus dem Beben ist schließlich und schlussendlich auch etwas Gutes entstanden.“Parveen lachte fast amüsiert auf und den dunklen Begleiter versuchte sie zu verdrängen. „Die Götter könnten uns trotzdem einfach sagen, dass sie uns lieben. Uns auf eine blühende Wiese führen und nicht in einen stinkenden Sumpf mit schwankendem…" Sie beendete den Satz abrupt und spitzte die Ohren, als auch schon ein Körper gegen sie prallte. Total aus ihren Gedanken gerissen, sprang sie auf und wandte sich zu der weißen Wölfin um. „Caylee!“

Atalya blickte zwischen ihren beiden Schwestern hin und her, nicht auf die anderen Wölfe achtend. Sie spürte Avendal an ihrer Seite, hörte ihre Worte, genau wie die ihres zweifarbigen Bruders. Jedoch konzentrierte sie sich auf Amúr und Caylee, als wartete sie darauf, dass einer von beiden einen weiteren Schritt tat. Sie lockerte ihre Haltung nicht, behielt die beiden Fähen dabei im Auge. Isaí blendete die Graue dabei vollkommen aus, sie unterdrückte den Drang, sich zu ihren Eltern um zu wenden, zuerst schien diese Situation sich entspannen zu müssen. Atalya atmete schwer durch. Als jedoch die Worte ihres Vaters schneidend durch die kalte Luft halten, sackte die Graue ein wenig in sich zusammen, die Trauer kehrte in ihren hellen Blick zurück. Wieso mussten die beiden JETZT, in diesem Moment, mit diesem Streit beginnen?! Sie verstand es nicht, wollte es womöglich nicht einmal. Und selbst ihr Vater, der sonst so konsequent war, konnte nur da stehen, jedenfalls schien er nicht zu ihnen zu kommen. Kurz schüttelte die Graue den Kopf, spannte dann wieder ihren Körper an, um reagieren zu können, wenn es nötig war. Und schon stand Amúr wieder aufrecht, und Atalya warf ihr einen mahnenden Blick zu, als die Graue schließlich begann, gegen ihren Vater zu wüten. Sie erinnerte sich einen Moment an die Vergangenheit, als sie ihrer Mutter genau so gegenüber gestanden hatte, wütend auf sie gewesen war. Aber jetzt... es war etwas anderes. Im selben Moment konnte sie aus den Augenwinkeln erkennen, dass Caylee sich erhob, jedem von ihnen einen abwertenden Blick zuwarf und sich schließlich mit weiteren Worten an Amúr abwandte. Sie warf ihrer Schwester keinen Blick nach, richtete sich statt dessen mit kühlem Blick an Amúr, die dominante Haltung bewahrend. „Und DU bist also besser, ja?! Du warst selbst weg, hast uns im Stich gelassen! Und jetzt beschuldigst du unseren Vater?!“ Die Graue schnaufte, grollte noch einmal in die Richtung ihrer Schwester, ehe sie sich auch von ihr abwandte. Sollte sie auch verschwinden, so wie Caylee. Es war ihr in diesem Moment so egal. Ihre Anspannung ließ nach, als sie sich wieder zu ihren Eltern herum wandte, die Ohren leicht anlegte. Amúr blendete sie aus, als sie zu ihrer Mutter trat, diese kurz an der Lefze berührte und den hellen Blick dann schließlich wieder traurig auf ihren Vater legte. Sie schluckte, wußte jedoch Nichts zu sagen und hoffte, dass er es in ihrem Blick erkennen konnte. Sie wußte, dass er gehen musste. Und dennoch sträubte sich alles in ihr dagegen.

Linalee hatte es geschafft. Jawohl! Und sie war stolz auf sich. Hier und da kniff sie zwar mal ein Auge deutlicher zusammen, weil Maliks Zähne wirklich furchtbar spitz waren, aber generell gesehen machte es deutlich mehr Spaß, als nur herumzuliegen. Trotzdem, nach einiger Zeit merkte sie doch, wie ausgezehrt sie schon vom Tag war. Lange würde sie die Rauferei mit ihrem Bruder, so Leid es ihr tat, nicht mehr durchhalten können… und tatsächlich wurde auch Malik immer weniger gerissen, was seine Angriffe anging. Irgendwann lag Linalee nur noch ziemlich entkräftet auf dem Boden, schnappte nach Luft und wackelte schlaff mit der Rute. Onkel Madoc hatte recht. Jetzt einfach… nur… ein… schlafen. . .

Kursai hatte das Gefühl, dass ihre Worte nicht unnütz waren. Auch wenn sie kein Sinneswandel bezeugten reichte ihr das schon. Es schien ihr, als ob sie auf jeden Fall ihren Teil für die Fähe beigetragen hatte. Sie musste dann bei den Worten der anderen grinsen und dachte sich: 'Das wäre irgendwie wohl zu einfach.' Sie wollte diese auch sagen, doch dazu kam sie nicht, wurde Parveen doch plötzlich umgestoßen. Kursaí hatte den Tumult bei Averic und seinen Kindern gehört, doch hatte sie diesem nicht so viel Aufmerksamkeit begemessen, war sie doch mit dem Gespräch gut beschäftigt gewesen. Dass nun eine Fähe in Parveen hineingerannt war, kam so für sie genauso überraschend, wie für ihre Gesprächspartnerin. Es dauerte auch einen Moment, bis sie richtig realisierthatte, dass da Caylee zu ihnen gestoßen war und sie warf den restlichen einen Blick zu. Es schien aber so, als ob nicht noch mehr kommen würden und so wandte sie sich Caylee zu, wusste aber zunächst nicht was sie sagen sollte. Sich stellte sich so zunächst erst einmal darauf zuzuhören, beziehungsweise einfach abzuwarten.

Kisha konnte in diesem Moment die Sorge um das Rudel, die die Erdbeben ausgelöst hatte, ein wenig in den Hintergrund drängen, wenn sie auch nicht ganz verschwand. Es lastete auf ihren Schultern, und sie wußte, dass sie mit diesem Gefühl nicht allein war. Bei seinen Worten senkte sie zuerst die Schnauze, ehe sie zu einer ruhigen Antwort ansetzte. „Und trotzdem gibt es noch immer Zweifler, unsichere. Und auch Ketzer. Wobei man es deutlich spürt, wenn man darauf achtet.“Seine abschließenden Worte benickte die Schwarze noch einmal, atmete dann ruhig durch. „Und woher kommst du, dass du so gut über die Götter Bescheid weißt?“

Avendal begegnete dem Blick ihrer weißen Schwester mit all der Inbrunst, die sie gerade aufbringen konnte neben der ganzen Trauer die sie empfand – darüber, dass ihr Vater gehen musste und darüber, dass ihre Familie auseinanderzubrechen drohte – doch es half nichts und mit den letzten Worten wandte sich Caylee um und ließ sie allein. Ein schweres Seufzen ging durch ihre helle Brust und ihre Ohren spielten traurig im Wind, ehe sie sich Atalya und Amúr zuwandte, die beide die Stimme erhoben hatten. „Beruhigt euch, wir sollten diesen Augenblick nicht mit Streit besudeln“ Atalya hatte sich bereits an ihre Mutter gewandt und so sah sie Amúr halb flehentlich und halb durchdringend an. Es war schlimm genug, dass Caylee fehlte, sie wollte nicht auch noch Amúr aus ihrer Runde gehen lassen, die doch gerade jetzt so wichtig war.

Parveen sah die Wölfin mit den Sternaugen aufmerksam an und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie die Tränen sah. Wollte nicht, dass Caylee mitbekam, dass eine schwache Situation von ihr offen dargelegt war. Es hing mit dem Gespräch zusammen, mit Averic, mit ihrem Bruder. Den Tumult hatte sie mitbekommen und auch das aufheulen gehört. Aber, bis jetzt war sie außen vor gewesen. Bis jetzt und nun stand die aufgelöste Caylee vor ihr und der Schmerz spiegelte sich in den blauen Augen.

Tyraleen spürte Isaí unter sich aufspringen, er winselte und knurrte, war im höchsten Maße verwirrt, brauchte Beistand und doch war die Weiße nun vollkommen unfähig, sich irgendwem zuzuwenden. Sie starrte auf ihre Töchter fühlte einen unerträglichen Schmerz in ihrer Brust und konnte sich nicht bewegen. Nun wandte sich Isaí ihr zu, wollte sie trösten, aber nicht einmal er konnte jetzt etwas gegen das Leid, das Tyraleen zerbrach, ausrichten. Sie starrte und starrte, spürte den Welpen in ihrem Brustfell, dann wie er die Stimme leise gegen die Schwestern erhob und doch von niemandem beachtet wurde. In diesem Moment war er nur ein unwichtiger Welpe, der noch nicht verstehen konnte, welche Welten in diesem Moment für immer zerbrachen. Als Averics Worte zu ihr drangen, wurde es nur noch schlimmer, er lud alle Schuld auf sich, wollte den Hass der Schwestern tragen und musste doch innerlich ebenso zerbrechen wie sie. Sie hätte in gerne getröstet, aber es war nichts in ihr, was sie ihm hätte geben können. Und Amúr und Caylee hatten kein Erbarmen, schrieen wieder, fauchten, tobten, Caylee rannte davon und endlich war es Tyraleen möglich den Blick zu senken. Ihre Zunge begann über Isaís Fell zu fahren, monoton und stumpf, ohne zu wissen, was sie eigentlich tat. Als müsse sie ihm nur lange genug auf diese Art Trost zukommen zu lassen um selbst getröstet zu werden. Erst als Atalya sie berührte, hielt sie inne, hob den Blick zu ihrer Tochter und schüttelte ganz langsam den Kopf. „Es ist vorbei.“Was sie damit meinte, war wohl nur ihr alleine klar. Wie konnten sie sich jetzt noch Familie nennen?

Malik hatte mehr Spaß als erwartet und Lina war vielleicht nicht die aktivste Spielpartnerin, aber sie hatte sich doch ziemlich gesteigert. In maliks Gunst stieg sie damit ein klitzekleines Bisschen nach oben, während er sie mit Zähnen und Pfoten bearbeitete. Irgendwann reichte es aber sogar ihm und als Madoc das Spiel für beendet erklärte, fiel sein Protest ziemlich leise und matt aus. Er gähnte, pfotete noch einmal müde nach Linas Nase und fügte sich schließlich in sein Schicksal, als auch sie nicht mehr reagierte. Es dauerte nicht lange und er schlief tief und fest - und hatte von dem Streit und den grundlegenden Veränderungen in seiner Familie nichts mitbekommen.

Amáya döste nach ihrer üblichen Art abseits des lärmenden Familien- und Rudellebens vor sich hin. Allein, doch es war besser so. Trotzdem lag eine gewisse Spannung in der Luft, die sie sich nicht erklären konnte. Doch unter der scheinbar so ruhig schlafenden Haut brodelte es. Dieses Brodeln war auch in den Augen zu sehen, welchen sich ruckartig aufrissen, als wütendes Geschrei plötzlich ihren Schlummer brutal unterbrach. Mit angelegten Ohren war sie in wenigen Augenblicken auf den Läufen und geriet zügig zu der Quelle der Unruhe. Sie brach in die Mitte des Kreises ihrer angeblichen Familie ein und drehte sich einmal um ihen schlanken Körper. Aus missmutigen Augen alle einmal musternd. „Was bei Fenris ist hier los? Ihr kreischt rum wie die Aasgeier und ihr sollt mit mir verwandt sein?“Eindeutig schlechte Stimmung. Eindeutug zum schlechten Zeitpunkt geweckt worden.

Caylee konnte das Gleichgewicht nicht mehr halten und fiel zu Boden, kaum hatte ein Fellberg sie gestoppt. Eine kurze Zeit lang war der Schmerz zu übermächtig, als dass sie sich hätte bewegen können, dann versuchte sie erneut, sich aufzurappeln. Es gelang ihr nicht. So lag sie wieder am Boden, die Tränen strömten ihr aus den Augen, der Schmerz betäubte all ihre Sinne und zwei Wölfinnen starrten sie an. Nur ganz langsam erkannte sie Parveen und Kursaí und ihr Herz sackte noch ein wenig tiefer. Das waren nicht unbedingt die Fähen, denen sie nun gerne ausgeliefert war. Dennoch versuchte sie nun ihnen mit verbissenem Trotz entgegenzustarren und so zu tun, als würde sie nicht tränenüberströmt vor ihnen liegen, so eben aus ihrer zerbrechenden Familie geflohen. „Vielleicht wollt ihr euch noch von Averic verabschieden? Der macht sich jetzt erstmal davon.“Sie hatte kalt und desinteressiert klingen wollen, aber ihre Stimme war wie erstickt.

Chivan wusste nur zu gut, was Kisha meinte. Seine Ohren schnippten kurz und er überlegte, bis er den Blick wieder zu der Dunklen richtete. „Es scheint nicht jeder den Blick für’s Wesentliche zu haben. Die Fähigkeit, zu sehen, selbst, wenn man die Augen geschlossen hat. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob man das noch lernen kann. Einmal diesen Sinn verloren und es ist für immer.“, sprach er nachdenklich. Welpen hatten diesen Sinn alle gemeinsam, doch wer ihn im Laufe der Zeit behielt und wer ihn gegen das Leben als Wolf ohne Glauben tauschte, lag ganz allein bei ihnen und den Wölfen in ihrer Umgebung. Chivan zweifelte nicht, dass jeder Wolf hier diesen Instinkt behielt, doch dort, wo er herkam, war es anders gewesen. Sich selbst zu einem Gott erheben, einem wahrhaftigen Gott aus Fleisch und Blut – unmöglich. Er schnaubte kaum merklich abfällig bei dem Gedanken an seinen Bruder, ehe er sich dran machte, der Dunklen die Frage zu beantworten, die sie hatte. „Och. Es war lediglich ein kleiner Familienverband, nichts im Vergleich zu hier. Meine Mutter kannte ein paar Geschichten und hat sie uns erzählt, als wir noch klein waren. Ich weiß sicherlich nicht einmal annähernd so viel, wie ihr hier erzählen könnt. Aber der Name eures Tals ist bereits weit über etliche Reviergrenzen bekannt. Das kann ich sagen.“

Averic fühlte, wie in ihm etwas zerriss, langsam in kleine Fetzen geschnitten wurde und zu Staub zerfiel. Was hatte er erwartet? Nichts hatte er erwartet. Keine Sekunde lang hatte er gewagt sich auszumalen, wie seine Kinder auf seine Verabschiedung reagieren würden. Aber vermutlich stellten sie alles in den Schatten, was er sich ausgemalt hätte. Als Amúr ihn schließlich anschrie, musste er sich auf die Zunge beißen, um nicht mitzuschreien und ihr Recht zu geben. Ja, JA! Er hatte so viel versprochen, hatte so oft geschworen besser zu sein als sein Vater, hatte ihn verflucht und gehasst. Oh, er war so blind gewesen. So furchtbar blind. Er hatte sich und seine Familie selbst in das Unglück geritten, wegen seiner Arroganz, durch die er sich angemaßt hatte etwas Besseres sein zu wollen, als Acollon. Ihm hätte von Anfang an klar sein müssen, dass ihm als Fenrissohn eine Zukunft als glücklicher Familienvater nicht vorbestimmt war. Nein, er hatte sich immer wieder gewehrt, in der Überzeugung einem Gott trotzen zu können. Er sah sich selbst vor sich, wie er als Jungwolf allen Hass gegen seinen Vater gespien hatte. Damals hatte er nichts verstanden. Hätte er, dann hätte er sich vielleicht schon damals vom Rudel abgewandt, hätte seine und Tyraleens Liebe zueinander nicht akzeptiert, in dem Wissen, dass er ihr letztendlich nur schaden würde. Aber nun war es zu spät. Averic sah Caylee wegrennen und schloss kurz die Augen. „Es tut mir Leid. Weil ich die Familie immer über alles gestellt habe, konnte ich nicht sehen, was ich ihr letztendlich antun muss. Richte ich mich nun gegen Fenris, dann muss ich sterben. Es war ein Fehler.“Was ein Fehler war, ließ er offen. „Es tut mir Leid.“Der Pechschwarze trat einen Schritt auf seine Tochter zu. Zu gebrochen, um selbst zu wüten. Es wäre ihm egal, würde die Graue nun nach ihm schnappen, oder ihn beißen. Averic senkte den Kopf zu ihr und fuhr ihr mit der Zunge über die Stirn. Als er den Kopf wieder hob, stand Amáya plötzlich bei ihnen und ließ ihr übliches Gespött ertönen. Averic hatte dafür im Augenblick nichts übrig. „Verzieh' dich.“, erwiderte er nur kalt, ehe er sich wieder Tyraleen und seinen übrigen zwei Töchtern zuwandte.

Parveen war, als sackte der Boden erneut unter ihren Pfoten weg. Fast dachte sie, die Erde würde erneut beben, aber als sie auf den Boden sank war ihr bewusst: es war viel schlimmer. Parveen starrte vor sich hin und auf ihren Schultern schien ein Gewicht zu lasten, das sie mit aller Gewalt mit dem Bauch auf die harte Erde drückte. Caylees Stimme klang wie aus weiter Ferne an ihre Ohren, aber sie hallte immer wieder. 'von Averic verabschieden… verabschieden… verabschieden…' Parveen schluckte, aber es wurde nicht besser. Es war also so weit. Ihr Bruder würde gehen. Die Schwarze hatte gewusst, dass es eines Tages so kommen würde, aber warum jetzt, warum heute an diesem wunderschönen Abend? Verwirrt und geschockt wandte sie den Kopf zu Caylee, die neben ihr lag, immer noch Tränen in ihren Augen. „Er verlässt uns? Deswegen hat er euch zu sich gerufen, um sich zu verabschieden? Wie kann er nur…" Wie konnte er nur gehen? Er musste gehen, das wusste sie, aber warum so? Sie selbst war seine Schwester und kannte ihn nicht einmal. Hatte es vor gehabt und nun würde er gehen, bevor sie die Chance dazu haben würde.

Kursai blickte so auf die Fähe, die zu ihnen gestoßen war. Nun war es wohl nicht mehr nur ein Gefühl, sondern sie wusste wirklich, dass etwas nicht in Ordnung war, ganz besonders nicht mit Caylee. Da fiel ihr auch plötzlich wieder ein, dass diese ja auch davor schon gehumpelt hatte. Ihr jetziger Zustand war damit aber nicht vergleichbar. Es war nicht nur, dass sie ein wenig gerupft aussah, sondern dass sie auch völlig am Boden zerstört aussah. Es war da wohl die Kleinste Sache, dass sie in Parveen hineingerannt war. Doch es dauerte nicht lange, bis die andere ihre Stimme erhob. Es klang so fremd und so neben sich und doch so panisch, dass ihr die andere Leid tat, doch dann kam der Inhalt bei ihr an: 'Averic ging...' Sie sollten sich verabschieden. Doch sollten sie einfach hin gehen, ohne gerufen worden zu sein? Als nun Fragen von Parveen kamen, stellte sich bei ihr eigentlich nur eine in den Kopf und so stellte sie sie: "Warum?“Sie konnte es sich nicht so richtig vorstellen. Oder vielleicht doch? Dieses Wissen war zumindest wenn überhaupt im Moment nicht für sie zugänglich und so sah sie verwirrt zu der aufgelösten Fähe. Wahrscheinlich war es nicht gerade das, was die andere brauchte, und doch war es wohl für alle wichtig.

Isai realisierte kaum, dass er ein paar Schritte zurück gemacht hatte, obschon der Drang tief in ihm verwurzelt gewesen war, etwas aus der Schussbahn zu gehen. Die verwirrten, angespannten Wölfe machten ihm Angst, wirkten allesamt fremd und der Rote wusste sie kein bisschen einzuschätzen. Sie gingen gegeneinander, keiften sich an wie es die Wölfe getan hatten, von denen er in den Legenden gehört hatte. Die Wölfe, die ihren Glauben verloren hatten und nichts mehr mit den Namen der Götter anzufangen wussten. Das verstärkte die Angst bloß und ließ das Folgende viel zu schnell geschehen. Er merkte nur, dass niemand von ihm Notiz nahm, zweifelte sogar, ob er es wirklich ausgesprochen hatte oder es bloß so realistisch durch seinen Geist gehuscht war, dass er es glaubte. Verwirrt betrachtete er das Geschehen, schnippte mit den Ohren, als Amúr sich erneut gegen Averic stellte und suchte nach Worten, um das Bild vor seinen Augen irgendwie davor zu bewahren, einfach zu zerbröckeln. Hilflosigkeit nahm von ihm Besitz, gegen die nicht einmal die Berührung Tyraleens etwas machen konnte. Es fühlte sich fremd an, sie fühlte sich fremd an, als Isaí mit aller Kraft versuchte, die Stärke zu sehen, die er so an ihr bewunderte. Doch dort war nichts, nichts, woran er sich festhalten konnte. Abermals ein hilfloses Winseln, dann trat Atalya zu ihnen und berührte ihre Mutter. Auch sie sah er besorgt an – ohne auch nur einen Funken des Unmuts und der Antisympathie, die er ihr gegenüber üblicher Weise empfand. Für diese Wölfin fühlte er nur Besorgnis und Mitleid. Bei den Worten Tyraleens machte er sich noch kleiner und jegliches Wort, mit dem er wiedersprechen wollte, blieb ihm einfach im Halse stecken. Er wusste nicht, was es bedeuten sollte – wusste nur, dass er es nicht so haben wollte. Averics Stimme ertönte erneut, doch ihm galt nur ein kurzer Blick, ehe er sich wieder an Atalya und Tyraleen wandte – gedanklich zumindest. Auch Amaya nahm er nur am Rande wahr. Er wollte etwas sagen, wollte irgendetwas tun, doch er musste akzeptieren, dass er machtlos war. Und zum ersten Mal in seinem noch jungen Leben musste er feststellen, wie grausam das Gefühl war, nicht für die da sein zu können, die man liebte.

Amúr konnte nicht mehr. Irgendwie wollte sie alles hinschmeißen und fortrennen. Einfach weg. Damit keiner von ihnen ihr jemals wieder wehtun konnte. Sie durfte das nicht mehr zulassen. Durfte ihre Gefühle nie wieder aus dem Zaun lassen. Immerhin sah sie nun, was sie da angerichtet hatte. Aber nichts konnte sie mehr rückgängig machen. Sie presste sich einfach nur noch mit dem Kopf in Averics Halsfell und versuchte sich zu beruhigen. Avendal hatte recht. Sie durfte das nicht. Sie hatte nicht das recht dazu. Aber Caylee... sie war so dumm. Wenn ihr nur etwas nicht gefiel, brach sie in einem Schwall von beleidigenden Worten aus. „nimm mich mit. Ich will nicht, dass du alleine bist. Bitte.“es war nicht mehr als ein Flüstern, während sie sich immer fester gegen ihren Vater presste. Amurr wurde das Gehirn voller Gefühle durchwaschen und benebelt, während Atalya so "mutig" versucht hatte, sich in das Geschehen zu werfen. Aber ob das wirklich geholfen hätte? Später musste Amúr sich ihre beiden Schwestern schnappen, wohlwissend, das Caylee nicht mehr dazugehörte. Oder es nicht mehr wollte. Weil die weiße immer glaubte, dass sie etwas anderes war. Perfekt war. Selbst Amaya, die so bissige Kommentare von sich gab, war irgendwo auch liebenswert. Niemand war perfekt. Nicht mal einer von den Sternenwölfen.


Atalya ignorierte zuerst, was sich hinter sich geschah. Sie lauschte zwar Avendals sowie Amúrs Bewegungen, jedoch ruhte ihre Blick nur auf ihren Eltern. Auch der Welpe, der sich bei Tyraleen versteckte wurde ignoriert, sodass in diesem Moment nur ihre Eltern für sie existierten. Ihre Mutter schien kaum zu reagieren, sie schüttelte nur den Kopf, sprach davon, dass es vorbei war. Ihre Worte waren wie ein Stich in das Herz der jungen Fähe, die der Weißen nun einen zerrissenen Blick zuwarf. In diesem Moment trat ihr Vater an ihr vorbei, begab sich zu Amúr und blieb bei ihr stehen. Er entschuldigte sich, was Atalya erneut die Augen schließen ließ. So kannte sie den Schwarzen nicht, es verunsicherte sie zusehends. Die Graue schluckte, als nun auch noch Amáya zu ihnen trat, sich einmischte du damit den Groll, den Atalya zu unterdrücken versuchte, auf sich lenkte. Ein kurzes Grummeln galt der Schwarzen, die sich unwissend einmischte, und auch ihr Vater schien keinesfalls glücklich über das Auftauchen seiner Schwester zu sein. Sie gehörte in diesem Moment nicht hierher, und Averic machte ihr das mehr als deutlich. Mit einem leisen Seufzen trat sie nun zu ihrer Mutter, setzte sich neben sie und fuhr mit der Zunge sachte über ihre Schnauze, versteckte sie Nase dann in ihrem weichen Halsfell. Amúr versuchte Averic dazu bekommen, dass sie mit ihm gehen konnte, jedoch war Atalya eigentlich klar, dass das nicht möglich war. Genauso wie sie wußte, dass der Versuch, ihre Mutter zu trösten, wohl nicht so funktionieren würde, wie sie es sich erhoffte. Aber sie wollte es wenigstens versuchen. Weiter an die Weiße gewandt blinzelte sie also nur zu ihrem Vater und ihren beiden Schwestern, schluckte die Tränen herunter, die sich in ihren Augen sammelten. Sie wollte stark sein. Schon allein für ihre Mutter.

Avendal sah ihrem Vater entgegen nachdem sie zuletzt die Stimme erhoben hatte. Er sollte weder Hass noch Trauer auf sich lenken, denn in ihren Augen traf ihn keine Schuld und es war ungerecht ihre Gefühle an ihm auszulassen, so wie Amúr es tat, denn sah sie nicht, dass er auch ohne ihre schneidenden Worte litt? Und auch ihre Mutter – zu welcher ihr Blick und auch ihr Körper glitt, um ihr ebenfalls für diesen Augenblick halt zu bieten – ging diese Szene offenbar sehr nah. Mit einer liebevollen Geste fuhr sie mit der Zunge über ihre Lefzen und schüttelte den Kopf. „Nichts ist vorbei“ Ihre Ohren zuckten nervös, bevor ihre Tante in ihre Runde brach, wie Caylee sie verlassen hatte und forderte den Grund des Aufruhrs zu erfahren, doch gleich ihrem Vater hatte sie gerade in diesem Augenblick nicht viele Worte für sie übrig, auch wenn sie sich stets bemühte allen behilflich zu sein. Dieser Moment gehörte ihnen.

Caylee hatte in diesem Moment keinerlei Gedanken für die Gefühle ihrer Tante und ihrer Cousine übrig - vermutlich wäre das in einer anderen Situation allerdings auch nicht anders gewesen. Jetzt aber war sie so außer sich, so vollkommen unkontrolliert, dass sie kaum erkannte, wie schwer Parveen von ihren Worten getroffen wurde. Sie hörte nur die leisen Worte, da dort aber keine wirkliche Frage drin zu stecken schien, antwortete sie nicht. Sie wollte sowieso keine Fragen beantworten, nicht mit den beiden Fähen reden. Schon begann sie von ihnen wegzurobben, als Kursaí das Wort erhob. Da sie sowieso eine ganze Zeit lang brauchen würde, bis sie sich auf diese Fortbewegungsart von ihren Verwandten entfernt hatte, konnte sie auch genauso gut antworten. Allemal besser, als nachdenken. „Sohn Fenris', blabla, Tal der Raben, blaaa, muss gehen. Darum.“

Tyraleen war zunehmend mit der Situation überfordert. Sie konnte kaum alle Reaktionen der Wölfe um sie herum realisieren, war so tief verzweifelt und so mutlos, dass sie kaum atmen konnte. Viele Aufgaben hätte sie nun übernehmen müssen - Isaí beruhigen, ihre Kinder trösten, Averic aufbauen und vielleicht sogar Caylee nachlaufen. Zu nichts war sie fähig. Als Averic nun vortrat, nichts mehr von einem Fenrissohn hatte und beinahe wie ein Engayawolf Amúr über die Stirn fuhr, regte sich erstmals etwas in der Weißen. Dieses Bild berührte sie, irgendwo dort, wo vor wenigen Augenblicken etwas zerbrochen war. Averic, der nicht wütend war, Averic, der nicht hasste, Averic, der sich entschuldigte und seine Familie liebte. Nie hatte sie das deutlicher gesehen. So etwas wie Hoffnung flammte plötzlich auf. Atalya an ihrer Seite, die Schnauze in ihrem Fell vergraben, nun auch Avendal, neben ihr, das Licht der Hoffnung weiter entfachen. Plötzlich saßen sie hier zu viert, traurig und verzweifelt, aber gemeinsam. Etwas erstarkte in ihr. Nicht einmal Amaya konnte daran etwas ändern. Tyraleen ignorierte sie, wandte sich an ihre Kinder. „Lasst uns nun endlich richtig Abschied nehmen. Sagt eurem Vater auf Wiedersehen, dann wird es uns nicht für immer verlassen.“Sie berührte nacheinander jedes ihrer Kinder mit der Nase auf der Stirn und schaffte es dann sogar, Averic leicht zuzulächeln. Zuletzt sah sie zu Amáya. „Averic wird uns verlassen.“Ihr Blick wanderte zu der Stelle, an der Caylee verschwunden war und inbrünstig wünschte sie sich, sie möge dort wieder auftauchen.

Parveen blies leise die Luft aus und starrte nur noch einen Moment auf ihre Pfoten. Die Welt war wieder einmal unfair und sie versuchte sich die Worte von Kursaí wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass auch aus schlechten Ereignissen etwas Gutes geschehen konnte. Sie versuchte sich darauf zu versteifen, aber es war einfach zu… falsch. Gedrückt hob sie den Kopf, als sich ihre Nichte langsam von ihr entfernte. Ein Sinnbild für die jetzige Situation. Eigentlich hatte Parveen gehofft, dass sie zumindest ein wenig zu der weißen Fähe durchgedrungen war, als sie gemeinsam vor dem Beben geredet hatten, aber vermutlich hätte zum jetzigen Zeitpunkt niemand etwas sagen oder tun können, um sie zu beruhigen. Ihre Worte bestätigten das nur noch und beantworteten damit die Frage des 'warum'. Parveen warf einen traurigen Blick zu der Gruppe von Wölfen, aus denen Caylee geflohen war. Ihr war fast, als hätte Fenris ein weiteres mal gewonnen. „Lass das nicht dein Abschied sein, Caylee… damit bringst du euch beiden nur noch mehr Schmerz und noch ist es nicht zu spät.“Sie erwartete nicht, dass die Wölfin ihr zuhörte, aber sie musste es versuchen. Immerhin war es wirklich eine Pflicht, die Averic wahrnahm, oder nicht?

Amáyas Augen streiften die verschiedenen Gesichter ihrer Familie, die entweder Trauer, Wut oder Resignation zeigten. So langsam ergriff auch sie das lähmende Gefühl, welches zwischen den versammelten Wölfen herrschte. Ihr Gesichtsausdruck wurde eine Spur neutraler, auch wenn noch ein leichtes Runzeln ihrer Stirn verblieb. Averics Antwort reizte sie und sie schenkte ihm einen kurzen, stechenden Blick. Ihr Bruder? Dass sie nicht lachte! "Nein, das tue ich ausnahmsweise mal nicht.“, entgegnete sie kühl und reckte ihren femininen Kopf leicht in die Höhe. Was hatten nur alle? Sie war es ja gewohnt, dass man ihre Gesellschaft mied, sie verachtete und so weiter und so fort, trotzdem nervte es sie, dass scheinbar jeder sie ignorierte. Nun, dann sollten sie nur. Sie ignorierte sie dann eben einfach auch. Natürlich wusste sie, dass sie nicht in diesen Familienkreis gehörte. Sie war schon immer ein Fremdkörper gewesen, dennoch hatte sie das Recht, wenigstens zu erfahren was los war, wenn sie schon aus ihren unruhigen Träumen entrissen worden war. Nur die Worte ihrer Schwester Tyraleen erschafften endlich Klarheit. Abschied, schon wieder. Und es ging natürlich niemand anderes, als der dunkle Familienvater. Das Blau ihrer Augen schien um mehrere Grad zu sinken und hielt gefährlich auf den Gefrierpunkt zu. Jegliches Anzeichen von schlechter Laune war von ihrer Miene getilgt worden. „Ach so.“, kam es erschreckend leicht von ihren Leftzen. „Dann habe ich wohl kein weiteres Recht, etwas zu sagen oder zu fragen? Sei es drum. Adieu, 'Bruder'. Adieu, Adieu...“Der Schatten eines Lächelns hing an ihren Leftzen, doch dieses schmeckte bitter. Er ging also, Averic. Es war nur ein leichter Stich im Herzen, denn sie wusste, dass sie das Verhältnis zu ihm nie wieder bessern werden könnte. Nie. Sie schwieg düster und ihr Blick verweilte ein letztes Mal auf Averic.

Kursai merkte wie sich Caylee nur noch weiter in sich zurückzog und sich auch räumlich schnellstmöglich versuchte zu verkriechen. Wobei dieses Schnell nicht wirklich schnell war. Sie schalt sich selber, dass sie nur ihre Neugierde befriedigt hatte, und nichts aufbauendes gesagt hatte. Wobei sie auch nicht wusste, ob das überhaupt etwas bringen würde. Und die Antwort, welche die Fähe gab, klang nun wirklich sehr wenig interessiert, während sie nun sich verkroch. Eigentlich konnte sie das der Fähe nicht verübeln, verschwand doch ihr Vater nun. Kursaí überlegte noch, ob sie noch etwas vernünftiges Aufbauendes sagen sollte, doch ihr fiel nicht viel ein. Dann ergriff Parveen das Wort und es waren wohl gute Worte und so blieb ihr nichts mehr zu sagen. Oder sollte sie sich auch noch von Averic verabschieden? Sollte sich nicht das ganze Rudel verabschieden?

Averic wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte, oder ob ihn der Schmerz noch mehr zerriss, als Amúr wieder umschwang und sich auf einmal weinend an ihn presste und flehte ihn begleiten zu dürfen. Er hatte keine Ahnung vom Tal der Raben, aber wenn er davon ausging, dass es das Gegenstück zum Tal der Sternenwinde war, dann musste es ein kalter, unwirtlicher Ort sein. Der Pechschwarze drückte seine Schnauze in das Fell seiner Tochter. „Nein, das kann ich von niemandem verlangen. Du gehörst hier her. Das Tal der Raben ist kein Ort für dich.“Er richtete sich wieder auf und sah zu seinen übriggebliebenen Kindern und Tyraleen zurück. Eben noch hatte es so ausgesehen, als hätte sich die ganze Familie entzweit, nun standen wenigstens sie noch eng aneinander gerückt. Ihm blieb nur zu hoffen, dass sie auch ohne ihn wieder zusammenwachsen konnten. Auf die Worte seiner ehemaligen Gefährtin hin konnte er nichts sagen, denn er wollte keine Versprechen mehr geben, die er nicht halten konnte. Er bemühte sich nur um ein leichtes, unverbindliches Nicken. Für Amáya, die das gerade Mitgeteilte sehr locker aufnahm, hatte er keinen Blick übrig. „Ade, Schwester.“, entgegnete er nur sarkastisch ohne sie anzusehen.

Caylee war nach ihren Worten nur noch verbissener daran interessiert, sich so schnell wie möglich davon zu machen. Das dämliche Robben wollte sie bald aufgeben und versuchte erneut, sich richtig aufzurichten. Das ging nun schon ein wenig besser und beinahe hatte sie es geschafft, da erhob Parveen wieder das Wort und ließ die Weiße innehalten. >Lass das nicht dein Abschied sein ...< Langsam drehte sie den Kopf wieder zu ihrer Tante, mittlerweile flossen keinen Schmerzestränen mehr und die vergossenen waren getrocknet. „Warum sollte ich mich verabschieden? Er lässt mich im Stich wie alle anderen und was den Rest betrifft ... sie stellen sich auf die Seite, einer elenden Lügnerin. Eben noch hat Amúr mir gesagt, dass sie mich liebt. Und dann? Dann beleidigt sie mich vor meiner ganzen Familie, die sich daraufhin auf ihre Seite stellt. Was will ich noch von ihnen?“Es lag so viel schmerzliche Bitterkeit in ihren Worte, dass ihre Zunge ganz trocken wurde und sie mehrmals schlucken musste. Es tat weh.

Amúrkonnte es nicht glauben. „Aber es ist auch kein Ort für einen Familienvater.“sie wollte das alles nicht. Wollte sich selbst dafür opfern, dass ihr Vater bleiben durfte. Wollte unbedingt, dass er hier war. Hier, wenn sie größer wurde. Wenn sie ihren Platz gefunden hatte. Und nun? „Bitte lass mich dich wenigstens auf halbenweg begleiten. Ein Weg ohne richtiges Ziel ist einsam...“und selbst wenn er das nicht zulassen würde. Sie würde ihm folgen. Nur um sicher zu sein, dass alles wieder gut wird. Und vorallem, um sich ein wenig auszeit zu gönnen, von all dem, das hier ständig passiert.

Atalya atmete tief durch, spürte förmlich, wie die Wut, die über ihnen lag, nachließ. Sie selbst konnte sich jedoch nicht entspannen, schloß die Augen und konzentrierte sich einen Moment nur auf ihre Mutter. Diese richtete nun Worte an sie, nachdem Avendal auch zu ihr gekommen war, die Atalya wieder ins Herz schnitten. Abschied. Wieder verließ sie ein Wolf, den sie liebte, den sie in ihrer Nähe wissen wollte. Kurz neigte sich ihr Blick zu Boden, ehe sie sich erhob, noch einmal mit einem kurzen Blick zu ihrer Mutter und Avendal blickte, dann trat sie zu ihrem Vater und Amúr, stellte sich neben den Schwarzen und vergrub, wie zuvor bei ihrer Mutter, die Schnauze in seinem dunklen Fell. Die Augen schließend strich sie ihm durch den Pelz, ehe ein kurzer Blick ihrer Schwester galt. Sie konnte sich gut vorstellen, dass sie mit ihren Worten alles nur schlimmer machte, wo es schon schwer genug für ihren Vater sein musste... Die Graue schluckte, schnaufte dann leise. „Ich werde auf dich warten.“Sie nuschelte leise in das Fell ihres Vaters, konnte die Träne, die nun über ihre Wange perlte, doch nicht zurück halten.

Parveen machte einen Schritt auf die Weiße zu, aber blieb dann wieder stehen. Sie konnte den Schmerz, das Leid, in ihren Worten hören. Die ganze Enttäuschung schwang in jeder einzelnen Silbe. Fast rechnete Parveen mit einer bissigen Antwort oder einem stillen Verschwinden, aber nichts von dem trat ein. Sie wollte so gern die Trauer von dieser Wölfin nehmen, aber es war eine Situation auf Messers Schneide. „Er liebt dich… Er liebt dich Caylee, wie jedes seiner Kinder. Er wollte dich nie enttäuschen, aber es ist seine Pflicht und er kann sich nicht dagegen wehren.“Parveen machte noch ein paar Schritte auf die Helle zu, bis sie neben ihr stand und ganz leise zu ihr sprach. „Amúr ist genauso ein Teil deiner Familie. Sie war verletzt und voller Trauer – wie du. Aber egal wie du jetzt zu ihr stehst…" Die Schwarze senkte den Kopf, als wollte sie der Wölfin auf die Beine helfen "Geh zurück und verabschiede dich von deinem Vater. Es wird vielleicht deine letzte Chance sein.“

Kursai blieb sitzen und beobachtete still. Sie konnte den Schmerz gut, jedoch hatte sie bei ihrer Rückkunft einfach erfahren, dass er Tod war. Und irgendwie, so gut sie es auch nachvollziehen konnte, verstand sie die Verbitterung nicht wirklich. Es klang ja wirklich so, als ob Averic seine Kinder nicht absichtlich im Stich lassen würde, sondern vielmehr gehen musste. Sie würde auch gerne was sagen, doch sie hatte das Gefühl, dass alles was sie aussprechen würde die Situation gewiss nicht verbessern würde. Stattdessen schien Parveen noch die besten Chancen etwas zu erreichen und so wartete sie ab und überlegte Fieberhaft, ob sie noch etwas erreichen könnte.

Caylee wandte den Kopf an, als Parveen näher trat und nun mit noch eindringlicher Stimme auf sie einsprach. Schon wieder dieses Wort ... Liebe. Wenn Averic sie so sehr liebte wie Amúr, dann konnte sich ihr Vater seine Liebe sonst wo hin stecken. Aber Caylee war nicht unfair, es war nicht Averic gewesen, der sie verletzt hatte. Aber sie hörte die Geräusche ihrer Familie und gerade die Tatsache, dass sie sehr wenig hörte, schien ihr wie ein Beweis, dass es ihnen ohne sie sowieso viel besser erging. Die Weiße bleckte ihre Zähne. „Geh du doch hin und betrachte ihre innige Verbundenheit. Dann wirst du auch sehen, dass ich nicht erwünscht bin und dass mein Vater auf meinen Abschied verzichten kann.“Sie senkte den Kopf noch ein bisschen mehr und presste nun voller Bitterkeit die Lefzen zusammen. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass ihr ein weiterer Satz herausrutschte. „Sie könnten mich ja auch zurückholen ...“

Parveen versteifte sich kurz, als Caylee die Zähne bleckte. Im Grunde hatte sie zwar gehofft, dass die Weiße anders auf sie eingehen würde, aber eigentlich war ihre Reaktion logisch. Die Schwarze presste die Augen ein wenig zusammen, aber wandte den Blick nicht von der jungen Wölfin. Auch wich sie keinen Zentimeter zurück. „Du wirst mich durch deine Taten nicht vertreiben können, Caylee. Wir sind eine Familie, ich will dir helfen.“Die letzten Worte sagte sie mit mehr Nachdruck. Sie waren nicht gelogen. So gern würde sie ihrer Nichte helfen, aber im Moment sah es nicht danach aus, als würde ihr Gegenüber das auch wollen, zumindest nach außen. „Du glaubst wirklich, dass sich dein Vater so von dir verabschieden wollte?“Sie schnaubte leise um den Unsinn zu unterstreichen und fügte noch einen Nachsatz an. „Wahrscheinlich würden sie dich sogar holen, aber wäre es nicht ein Beweis deiner Stärke, wenn du den ersten Schritt machst?“Noch einmal beugte sie sich weiter zu Caylee " Ich helfe dir.“

Kursai hätte nicht überrascht sein sollen, war doch Caylee wie geprügelt und gedemütigt herumgeschlichen. Da war es wohl eigentlich nicht richtig verwunderlich, dass sie nun abwehrend auf Parveens gut gemeinten Ratschläge reagierte. Und doch schien der Weg, den die Schwarze zeigte, der einzig richtige zu sein. Auch wenn die Worte wahrscheinlich nicht ganz zu der Jungfähe durchdrangen, so konnte man doch nur hoffen. Jedoch wer sagte ihr, dass es nicht nur von außen so wirkte? Da fielen ihr endlich auch Gedanken ein, die nicht sinnlos klangen. Um sie in Worte zu fassen, wandte sie sich der Jungfähe voll zu, jedoch nicht mehr. Kursaí wollte sie nicht bedrängen. „Wenn du es schon nicht für sie tust, dann solltest du es vielleicht für dich selber tun. Auch wenn es vielleicht nicht bedeutend erscheint, könnte es doch später sehr schwierig werden. Du willst doch gewiss hier bleiben, oder? Dann musst du mit den anderen doch zurechtkommen.“

Avendal lauschte den Worten ihrer Mutter und so sehr sie auch gewillt war ihnen Glauben zu schenken, so wenig konnte sie es in diesem Augenblick, da sie dem Blick ihres Vaters begegnete. Obwohl ihr der Wind angenehm und tröstend durch das Fell strich, spürte sie, wie es ihr das Herz erneut zusammenzog und schließlich brannten auch ihr Tränen in den Augen. Sie sah Atalya, wie sie zu ihrem Vater ging, sich zu ihm und Amúr gesellte in stiller Trauer und auch sie zog es zu ihm hin. Mit langsamen Schritten folgte sie Atalya, umrundete sie und den schwarzen Rüden, so dass sie an seiner anderen Seite stand und er nun umringt von seinen Kindern in ihrer Trauer badete. Mit einem leisen Wimmern vergrub auch der helle Wasserfang ihr Gesicht im dichten Fell Averics und tränkte es mit stummen Tränen des Abschieds.

Caylee wollte soetwas wie ein unwirsches Knurren von sich geben, aber ihre Kehle war viel zu voll von Bitterkeit um auch nur einen Laut hervorbringen zu können. Dass Parveen sie nun also nicht mehr in Ruhe lassen würde wollte sie eigentlich ebenfalls mit einem Knurren kommentieren, aber das kam noch aus anderen Gründen nicht aus ihrem Maul. Denn ... es war schön, dass sich überhaupt jemand um sie kümmerte. Ihr Kopf drehte sich leicht in die Richtung ihrer Tante, dann wieder zurück und schließlich doch wieder hin - sie wandte sich wie ein Fisch im Netz. „Was mein Vater will, zählt jetzt doch sowieso nicht mehr.“, gelang es ihr noch mit erstickter Stimme hervorzustoßen, dann hatte sich ihr Körper endlich überwunden und sie drückte die noch immer leicht tränennasse Schnauze an die Lefzen ihrer Tante. Kurz verharrt sie so, dann schüttelte sie ihr zerrissener Widerwille und sie zog sich wieder zurück, nur um gleich darauf die Nase in Richtung Parveens zu recken, als würde sie sich die Berührung zurückwünschen. „Mir doch scheißegal, ob die denken, dass ich stark bin.“Das war schon eher ein Nuscheln und klang beinahe überzeugend. Als sich plötzlich Kursaí zu Wort meldete, schrack Caylee wie aus einem Traum auf und warf der Wölfin einen abweisenden Blick zu. „Kümmer dich um deinen eigenen Dreck.“

Tyraleen ließ ihre beiden Kinder von ihrer Seite zu der ihres Vaters ziehen. Ihr kurzes Aufbäumen, gegen den Schmerz und für die Hoffnung, hatte sich gut angefühlt, aber jetzt, da ihre Schultern nicht mehr von ihren Töchtern flankiert waren und Isaí wie ein Häufchen Elend zwischen ihren Pfoten saß, kroch die Mutlosigkeit wieder heran. Aber sie wollte darin nun nicht versinken, erst Recht nicht alleine und auch sie schuldete ihrem Bruder einen Abschied. Liebevoll fuhr sie Isaí mit der Zunge über den Kopf und stupste ihn dann leicht an, er durfte sich natürlich auch verabschieden, auch wenn ihm an Averic wohl nicht viel lag. Dann trat sie mit zitternden Läufen wieder zu ihrer Familie, betrachtete ihre drei Töchter, die weinen ihre Gesichter in dem dichten Fell ihres Vaters veborgen hatten und spürte wieder dieses alles erstickende Trauer. Es war ein wunderschönes Bild, aber es tat so weh. Sie wollte nicht näher an Averic herantreten, wollte ihn nicht berühren, fürchtete, was dann geschehen könnte und sah so nur über den Rücken Atalyas in seinen dunklen Blick und fühlte sich endlos alleine.

Amáya fühlte sich bereits jetzt schlecht. Anstatt, dass sie sich anständig verabschiedete und wenigstens einmal in ihrem Leben zugab, dass ihr ihre Familie, die ja doch nicht ihre Familie war, doch wichtig war, spöttelte sie nur herum. Wie immer. Wahrscheinlich würde sich nie wieder die Chance ergeben, die Abneigung zu glätten, die ihr älterer Bruder ihr entgegenbrachte. Nun, sie konnte es ihm nicht verheelen, schließlich hatte sie es verdient. Im stillen hätte sie am liebsten auch geweint. Geweint um diese Familie, die so glücklich gewesen war, so glücklich, wie sie es nie sein konnte. Um die Familie, der dieses Glück nun genommen wurde. Stumm setzte sie sich neben ihre Schwester, mit steinernen Zügen. Was die weiße Tyraleen wohl nun fühlen musste? Sie hätte ihr gerne Beistand geleistet, doch im Moment wäre es falsch gewesen, überhaupt irgendetwas zu sagen. Sie hatte sowieso schon viel zu viel gesprochen.

Parveen war froh, dass sich auch Kursaí an die wütende und traurige Fähe wandte. Auch wenn sie selbst ihren ganzen Mut und neu gewonnene Zuversicht nach außen tragen wollte, so war die freundliche Fähe eine große Unterstützung für Parveen. Ja, wenn das vorherige Gespräch mit Kursaí nicht gewesen wäre, hätte sie wahrscheinlich gar nicht gewusst, mit welchen Argumenten sie hätte begründen wollen um die Wölfin mit den Sternaugen zu einer Umkehr zu bewegen. Wieder rechnete Parveen mit einer mürrischen Geste, mit schneidenden Worten, aber dann öffneten sich ihre Augen überrascht, als sie die feuchte Schnauze von Caylee spürte. Ein kurzer Moment und schnell wieder vorbei, aber es reichte um das Herz der Schwarzen für die Wölfin noch weiter zu öffnen. Als die sich dann wieder abwandte und leise sprach, ließ Pav sie gewähren. „Vielleicht wird es bald nicht mehr zählen, was er will, aber noch ist er hier. Vielleicht ist dies deine letzte Chance Worte mit ihm zu wechseln und später kannst du zurück blicken und sagen, dass du es gewagt hast. Du kannst dir selbst beweisen, dass du stark bist.“Sie reckte die Schnauze nach vorne und berührte sie liebkosend am Kopf. Schmiegte sich behutsam an ihre Nichte. „Und wenn es wirklich so kommen sollte, dass du nicht willkommen bist…" Kurz hörte sie auf, zog den Kopf zurück und sah sie nun direkt an "… dann werde ich trotzdem an deiner Seite bleiben, wenn dir das hilft.“Mit Sorge sah Parveen allerdings die Reaktion auf die Worte von Kursaí… Sie waren nicht viel anders als die von ihr selbst gewählt und trotzdem wurden sie ganz anders von der Wölfin aufgefasst. Ein Schein des Stolzes schlich sich in ihr Herz. Auch wenn einige ein schlechtes Bild von der weißen Wölfin zu haben schienen… für Parveen wurde sie zu einer Freundin.

Averic schüttelte noch einmal kurz, aber bestimmt den Kopf und sah Amúr an. „Aber für den Sohn des Todes. Amúr, ich möchte, dass du hier bleibst. Es reicht, wenn ein Familienmitglied geht. Deine Geschwister brauchen dich und vor allem für deine Mutter musst du jetzt da sein.“Seine Stimme wurde leiser, gedämpfter. „Lass sie nicht auch noch allein.“Als anschließend Atalya und Avendal ebenfalls an seine Seite traten und ihre Gesichter in seinem Fell vergruben, meinte er zu spüren, wie ihm das Herz in die Pfoten sank und dort am Boden zerbrach. Es war so furchtbar ihr Schluchzen zu hören und zu fühlen, wie ihre Tränen sein Fell benetzten. Die Ohren untypisch zurückgedreht, wandte er den Kopf zur einen Seite und fuhr Atalya mit der Zunge über die Lefzen. „Danke.“Er drückte sie mit der Schnauze kurz noch ein wenig enger an sich und wandte sich dann zur anderen Seite, um Avendal ebenso durchs Fell zu fahren und sie an sich zu drücken. Schlussendlich konnte er nur noch zu Tyraleen sehen und das Pochen in seiner Brust tat so furchtbar weh. Trotz allem, was zwischen ihnen gewesen war, war seine Liebe zu ihr nicht schwächer geworden, stattdessen war sie vom Schmerz begleitet worden. Seit ihrer Geburt war kein Tag vergangen, an dem er sie nicht gesehen hatte und er ertrug allein den Gedanken kaum, dass er ihr hübsches Gesicht nicht mehr sehen würde. Nicht mal aus der Ferne. Auch wenn seine Schwester stehen blieb und ihm nur mit diesem Blick ansah, der ihm Fangzähne in die Kehle rammte - dieses Mal war ihm egal, was sie nicht wollte. Dieses Mal war ihm das eigene Bedürfnis wichtiger. Er trat vorsichtig einen Schritt nach vorne, immerhin drückten sich seine Töchter noch an ihn, und reckte die Schnauze nach ihr, um seinen Kopf an ihren zu schmiegen. „Auf Wiedersehen.“, flüsterte er.

Kursai sah, wie ein Band zwischen den beiden anderen Fähen zu entstehen begann. War das der Beginn einer Freundschaft, den sie da sah? So abstrakt es auch wirkte, schien es so, als ob sich die beiden gut verstehen würden. Währenddessen war die Reaktion auf sie nicht so positiv von der hellen Fähe. Caylee schien nicht geneigt, auf ihre Worte zu hören und Kursaí ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. Eher das Gegenteil war der Fall. Wenn die andere Fähe nur aufbrausender und wieder ungestümer wurde, wurde sie selber ruhiger und beinahe abwartend. So erwiderte sie den Blick der anderen nicht gestresst, sondern beinahe entspannt. „Vielleicht tue ich das sogar.“Eigentlich stimmte dies sogar, auch wenn es nicht ihr erster Beweggrund gewesen war. Gleichzeitig ahnte sie, dass Caylee dies als Provokation auffassen könnte, und so schob sie noch erklärend hinterher: "Offene Gräben machen das Leben im Rudel nur schwerer, und zwar nicht nur für die, welche die Gräben gebuddelt haben.“

Amúr wollte nicht, dass er geht. Er durfte nicht gehen. Er war wichtig. Nicht nur für seine Familie. Sondern auch für das gesamte Rudel. „Du brauchst doch auch jemanden!“ sie sah ihm ins Gesicht, selbst wenn er sie nicht mehr ansah. Dieses Gesicht, dass sie vielleicht nie wieder sehen würde. Ihren Vater! Ihr geliebter Vater, der vielleicht nie mehr zurückkam. Der sie entgültig zurücklassen würde.

Caylee spürte nun trotz ihrer Wut, ihrer Bitterkeit, ihrer innerlichen und äußerlichen Verletzung ebenso wie ihres inneren und äußeren Schmerzes, wieder diese Gefühl der Zugehörigkeit und der Gemeinschaft wie schon kurz vor dem Erdbeben, als sie einem gemeinsamen, damals noch imaginären Feind entgegengestarrt hatten. In diesem Gefühl bröckelte auch ihr Widerstand gegen die Worte Parveens, waren sie doch irgendwie überzeugend. Sie hatten eine so zwingende Logik in sich, dass es Caylee zunehmend schwerfiel, eine gute Antwort darauf zu finden. Und dann spürte sie erneut die Schnauze ihrer Tante, liebevoll liebkoste sie sie und es fühlte sich nicht einmal schlecht an. Und wieder sprach sie, versprach an ihrer Seite zu bleiben und auch wenn sich die Weiße nicht sicher war, ob das helfen würde, war es eine Stützte. Ganz langsam versuchte sie, sich aufzurappeln, strauchelte zuerst, schaffte es dann aber auf ihren drei einhalb Pfoten zu stehen und den Blick zu ihrer Familie zu wenden. „Sie werden mich sicher nicht einmal bemerken ...“, stieß sie wieder voller Bitterkeit hervor. Dann mischte sich wieder Kursaí ein und war drauf an und dran Caylee wieder wirklich zu verärgern. Was kümmerte sie das Leben von ihrer Cousine, ob schwer oder nicht? „Ach, halt den Rand, Kursaí.“Zaghaft setzte sie den ersten Schritt in Richtung Averic.

Parveen spürte die Veränderung, bevor sie eintrat. Eine schwere Last fiel von ihr, als sich Caylee langsam, wenn auch schwankend erhob. Erst überlegte sie, ob sie die Wölfin stürzen sollte, aber dann stand sie ziemlich sicher, auch wenn sie das verletzte Bein schonte und in die Luft hob. Als sie eine Pfote vor die andere setzte, sich langsam Richtung Averic bewegte, stand auch die Schwarze auf. Im vorbei gehen schenkte sie Kursaí einen freundlichen Blick und ein flüchtiges Lächeln. Von der Einstellung dieser Wölfin konnten sich viele eine Scheibe abschneiden. Dann schloss sie zu der Weißen auf, auch wenn es ihr um die andere Fähe leid tat. Sie wollte Kursaí nicht einfach so stehen lassen… Ohne sie wäre der Abend heute ganz anders verlaufen, aber trotzdem wusste Parveen, dass sie es verstehen würde und Caylee sie im Moment mehr brauchte. So gingen sie ganz langsam, die weiße und die schwarze Wölfin und hoffentlich mit Kursaí, die ihnen folgte. „Sie werden dich bemerken. Einige werden auf dich gewartet haben, das glaube ich wirklich" Parveen hoffte mit jeder Faser, dass sie die Wahrheit sprach. Es war wahrscheinlich auch ein großer Vertrauensbeweis gegenüber ihrer Tante, dass Caylee ihr nun vertraute… Ein Vertrauen, dass nicht ohne Erfolg und Bestätigung bleiben durfte, sonst würde auch Pav anfangen, an ihrer Familie zu zweifeln.

Kursai nahm der jungen Fähe die Worte nicht wirklich übel. Wahrscheinlich waren ihre Worte der Situation nicht wirklich angemessen gewesen, auch wenn sie der Wahrheit entsprachen. Stattdessen war Parveen gerade alles, was Caylee benötigte und so machten die beiden sich auf Richtung Averic und der anderen. Kursaí erwiderte den Blick der andern Fähe, als diese an ihr vorbei ging und erwiderte das Lächeln. Ja, so schien es wohl am besten zu sein und nach einer Weile stand auch Kursaí auf. Auch wenn sie ein paar Schritte tat, hielt sie sich doch deutlich im Hintergrund auf.

Atalya hielt die Augen weiterhin geschlossen, fühlte sich einen Moment in ihre Zeit als Welpin versetzt. Sie fiepte leise, öffnete dann doch die Augen und blickte Amúr an, als diese wieder zu betteln begann, dass ihr Vater sie mit sich nahm. Die Graue schüttelte nur leicht den Kopf, lauschte Averics Worten, bis dieser sich schließlich ihr selbst zuwandte, sich bedankte und ihre Berührung erwiderte. Erneut schloß die Fähe die Augen, rieb die Nase durch das Fell ihres Vaters. Einen Moment verharrte sie so, ehe der Schwarze den Kopf abwandte, sich nun ihrer hellen Schwester zuwandte. Ihr eigener Blick legte sich auf ihre Mutter, die nun zögernd und verletzt bei ihnen stand, jedoch nicht näher trat. Schließlich streckte ihr Vater die Schnauze nach ihr aus, und Atalya verharrte, wollte ihnen diesen Moment gönnen. Ihr Blick legte sich auf Avendal, traurig, verletzt, verzweifelt. Es gab in dieser Situation kein Entkommen.

Caylee war froh, dass Parveen sich ihr sofort anschloss und an ihrer Seite langsam zurück zu der kleinen Versammlung schritt. Ihren Worten konnte sie zwar wenig Glauben schenken, aber für Zweifel war es nun eh zu spät. Kursaí gehorchte zum Glück und gab nicht weiteren Schwachsinn von sich, sodass Caylee sie ganz vergessen konnte. Nun hatten sie ihre Familie erreicht, da standen sie alle, eng beieinander. Ihre drei Schwestern hatten ihre Schnauzen im Fell des Vaters vergraben, der seinen Kopf an den ihrer Mutter zu schmiegen, neben der Amáya stumm saß. Es war tatsächlich ein ziemlich schönes Bild, aber Caylee schnitt es ins Herz. Da war kein Platz für sie. Wie angewurzelt blieb sie stehen.

Parveen hielt sich dicht bei Caylee. Die Gruppe war nicht weit entfernt und nun hatte sie Gelegenheit, sich das Bild genau zu betrachten. Die Trauer hing so stark in der Luft, dass sie jeden zu umfangen schien, der sich näherte und es nagte auch an Parveen. Wie sie alle dort saßen, dicht beieinander, ganz in der Situation gefangen… Auch Caylee schien es so zu empfinden und als sie abrupt abstoppte, trat auch Pav keinen Schritt weiter. Sie war ihr so nahe, dass sich ihr Fell an einigen Stellen berührte, aber den Gesichtsausdruck der Wölfin sah sie nicht. Sie konnte sich allerdings auch ohne Gewissheit gut vorstellen, was sie empfand. Vielleicht sogar Angst, dass niemand sie bemerken würde? Parveen wäre dieser Gedanke jedenfalls als erstes gekommen und in ihr breitete sich die Sorge aus, dass es wirklich so kommen würde. Die Schwarze hob ein wenig den Kopf. Versuchte, mit Averic oder Tyraleen Blickkontakt aufzunehmen und ihnen damit zu sagen, dass ihre Tochter zurück gekehrt war. Wenn Caylees Schwestern sie vielleicht nicht bemerken würden, dann doch sicherlich ihre Eltern. Wäre nicht alles so angespannt gewesen, hätte sich Parveen bemerkbar gemacht, aber sie wollten den innigen Augenblick nicht zerstören.

Avendal sog den Geruch ihres Vaters tief ein, versuchte so viel wie möglich davon aufzunehmen, und würde ihn so lange in ihrem Herzen bewahren, bis er wieder bei ihnen war, oder aber bis sie selbst zu Engaya gerufen wurde, womit sie ohnehin wieder verweint wären in allem, was war und sein würde. Erst als er ihre Berührungen erwiderte, öffnete sie die Augen erneut, um sich das Gesicht dieses so stattlichen schwarzen Rüden genau einzuprägen, seine Ausstrahlung und seine liebevollen Gesten. Mit einem leisen Schnaufen ließ auch sie ihm und Tyraleen diesen Moment, den ihre Eltern vielleicht brauchen würden und begegnete dem Blick Atalyas, den sie mit derselben Trauer und demselben Schmerz doch auch mit Trost und Hoffnung begegnete. Ihr Herz, klein und schüchtern pochte stärker in ihrer Brust, als sie ihr ein zaghaftes Lächeln schenkte, ehe sie den Kopf zu jenen wandte, die zu ihnen kamen. Ihr Lächeln wurde breiter und obwohl noch immer Tränen über ihre Wangen rannen, drang ein leises glockenhelles Lachen aus ihrer Kehle, ein Lachen des Glücks. Caylee war zurück und mit ihr kam Parveen. Leicht neigte sie den Kopf, um ihnen zu bedeuten an ihrem Abschied Teil zu haben und das galt vor allem für Caylee, die nicht danach aussah, als würde sie noch einen Schritt weiter tun und so lag auch etwas flehendes in ihrem Blick, der in ihren Tränen neuerlich zu schwimmen begann.

Tyraleen ließ Averic nicht aus den Augen, beobachtete jede Bewegung, jedes Wort zu seinen Töchtern, jedes Gefühl, das durch seinen Blick huschte. Als er diesen hob und sie fixierte spürte sie wieder das Verlangen fortzulaufen, dann würde sie nicht mit ansehen müssen wie er endgültig ging. Aber natürlich blieb sie, selbst als er einen Schritt nach vorne trat und seinen Kopf an ihren schmiegte. Sie schloss die Augen, sog seinen Geruch tief in sich ein, konservierte den Moment, würde ihn nie wieder loslassen, speicherte auch seine Stimme, das Gefühl seiner Haut an ihrer, sein dichtes Fell an ihrer Nase, seine Wärme. Dann antwortete sie ganz leise und mit brüchiger Stimme: "Auf Wiedersehen, Averic.“Mit einem Ruck löste sie sich von ihm, wäre vielleicht wirklich fortgesprungen, als sie Caylee und Parveen entdckte. Da standen sie, wie bestellt und nicht abgeholt. Schon trat die Weiße auf sie zu, berührte ihre Tochter an der Stirn und lächelte dann ihrer Schwester schwach entgegen. „Geh zu deinem Vater, Caylee.“Sich der Geschehnisse nicht vollends bewusst war sie sich doch sicher, dass sie Parveen diese Rückkehr zu verdanken hatte. „Danke, Schwester.“

Averic hatte die Augen geschlossen, sich an diesen einen, letzten Moment klammernd und doch von endloser Trauer erfasst, weil er wusste, er würde ihn nicht festhalten können. Er würde vergehen. Averic konnte nur noch einmal ihren so vertrauten, geliebten Geruch einatmen und das Gefühl ihrer Berührung, ihrem weichen Fell und ihrer Nähe genießen. Dann musste er das alles für immer in seiner Erinnerung und in seinem Inneren bewahren. Egal, was kommen würde. Als sie sich so abrupt von ihm löste, schlug der Pechschwarze die Augen wieder auf, spürte erneut, wie sich sein Herz zusammen zog. Im nächsten Moment aber, sich seiner Umgebung wieder gewahr werdend, sah er auch Caylee, die wieder zurückgekommen war. Bei ihr stand auch seine Schwester Parveen, aber da sie für ihn nicht halb so wichtig war wie seine Tochter, sah er nur sie an. Sich sanft von seinen drei anderen Töchtern lösend, trat er auf die Weiße zu, schaffte es sogar ein kleines Lächeln auf seinen Lefzen erscheinen zu lassen. Neben all dem Schmerz konnte er wirklich einen Funken Freude darüber spüren, dass sie zurückgekommen war.

Amúrwar es wahrscheinlich nciht wirklich bewusst, dass sie diese Situation und dessen Ausgang nie ändern konnte. Sie war einfach zu klein und zu schwach, wenn es darum ging, irgendwas ändern zu können. Und nun verlor sie einen Teil ihres Selbstvertrauens. Dieser Teil, ging mit Averic. Als die Mutter von Amúr an ihr vorbeiging und auch Averic dies tat, drehte Amúr selbst sich ebenfalls um. Caylee war zurück. Hatte sie also endlich diese Abneigung hintersich gelassen? War es ihr endlich bewusst geworden, dass sie zu dieser Familie gehörte? Auch wenn die Graue sich selbst nie wirklich zugehörig fühlte, in dieser Familie, so blieb sie. Immerhin musste sie ihrer Familie helfen. Aber sie hatte versagt. Ihr Vater ging... unendliche Trauer legte sich auf ihre Züge, während sie ihrem Vater nachsah.

Atalya erwiderte still den Blick ihrer Schwester, auch wenn ihre Aufmerksamkeit schnell umgelenkt wurde. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Caylee doch zurück kam, und nun stand sie doch da, sah nicht minder begeistert aus und war dennoch gekommen. Die Graue schluckte, schlug einige Herzschläge lang die Augen, als Averic von ihrer Seite trat, zu ihrer weißen Schwester hinüber. Atalya selbst schenkte Caylee einen Blick, atmete tief durch und brachte dann ein dankbares Lächeln für sie hervor. Ein ehrliches Lächeln. Aber sie wollte eben dieser Schwester ihren Abschied von ihrem Vater gönnen, und so verharrte die Graue, warf auch Amúr einen Blick zu, ehe sie sich wieder zu Avendal wandte, sich sicher, dass ihre helle Schwester ihrem Plan folgen würde. Sobald Averic sich auch von Caylee verabschiedet hatte und geschah, was geschehen musste. So sehr es ihnen auch allen das Herz zerriss.

Avendal wandte sich ebenso um, wie es Amúr getan hatte, um an dem Abschied teil zu haben, wie es ihnen allen gegönnt war und ein Hauch von Dankbarkeit legte sich auf ihre Züge. Averic hatte ihnen die Chance gegeben ihn zu verabschieden und war nicht einfach gegangen, was wohl einer der größten Liebesbeweise war, die er ihnen schenken konnte – diesen letzten Augenblick mit ihm und die Chance ihn sich noch einmal vor Augen zu halten, um ihn für immer ins Herz zu schließen. Nun, da sie sich nicht mehr an ihren Vater schmiegen konnte, schob sie sich näher an Atalya heran, um den kleineren Körper an ihrem zu wärmen und ohne, dass sie ein Wort austauschen mussten, schien in ihnen beiden dasselbe Bedürfnis zu brennen, das nun ihre Tränen versiegen ließ.

Caylee sah als erstes den Blick Avendals, noch während sie nur dank Parveens unerschütterlicher Nähe nicht auf dem Absatz kehrt machte und wieder fortlief. Doch jetzt, da sie wieder dieses sanfte Lachen ihrer Schwester, dass sie schon einmal gehört hatte, empfing, wurden ihre harten, verbissenen Züge etwas weicher. Noch bewegte sie sich nicht vom Fleck, doch dann löste sich ihre Mutter plötzlich von ihrem Vater und trat auf sie zu. Sie forderte sie sanft auf, zu ihm zu gehen und dann löste sich schon Averic und kam auf sie zu. Lächelte er sogar? Wärme tröpfelte wie ein erlösender Sommerregen auf ihre Stirn und auch Atalyas Lächeln entging ihr nicht. Nur von Amúr kam keine Regung, aber die ignorierte die Weiße sowieso geflissentlich - nicht noch einmal würde sie sich so von ihr erniedrigen lassen. Humpelnd und nun mit gesenktem Kopf trat sie einen Schritt auf Averic zu und berührte ihn dann fast schüchtern an der Schnauze. Zu mehr war sie nicht fähig, fand auch keine Worte.

Parveen wurde nervös. Jede Sekunde, jeder Herzschlag schien sich unendlich in die Länge zu ziehen, wurden zu Stunden, Tagen… Parveen wusste es nicht mehr. Es hing viel auf dem Spiel. Nicht allein die Verabschiedung. Caylee hatte ihr vertraut und durfte einfach nicht enttäuscht werden. Und dann, endlich, war der Moment vorüber. Parveen spürte Avendals Blick und nickte ihr zaghaft zu. Wie dankbar sie ihrer einladenden Geste war, hätte sie nicht in Worte fassen können. Und dann, wahrscheinlich einfach aus dem Gespür einer Mutter, löste sich Tyraleen von der Gruppe und kam auf die beiden Fähen zu, die immer noch ein wenig abseits standen. Die Schwarze lächelte ihrer Schwester schwach entgegen und als sich Caylee schließlich Averic näherte, schmiegte sie den Kopf kurz gegen den Tyraleens. Worte waren nicht nötig. Sie hätte ohnehin nicht gewusst, was sie sagen sollte. Voller Trauer und trotzdem mit einem Funken Freude, beobachtete sie Vater und Tochter. Wieder hallten Kursaís Worte in ihrem Kopf nach, dass es ohne Schatten auch kein Licht, ohne Leid keine Freude geben konnte. Wie wahr diese Worte doch waren… Ein wenig fühlte sie sich fehl am Platz, aber sie blieb und ließ die Geschehnisse auf sich wirken. Noch einmal musterte sie den starken Rüden, ihre Beta, ihren Bruder. Versuchte sich seine Züge in der Gewissheit einzuprägen, dass sie ihn womöglich nie wieder sehen würde. Leicht verengte sie die Augen und aus ihnen rollte eine einsame Träne über das schwarze Fell. Ganz leise flüsterte sie "Auf Wiedersehen, Averic.“

Averic Der Abschied verlor sich zusehens in trauriges Schweigen. Averic wusste, dass sich dieser letzte Moment mit seiner Familie dem Ende zuneigte. Es gab kein Zurück, so gerne er ihn auch ewig hingezogen hätte. Jetzt war er sogar dankbar dafür, dass niemand mehr etwas sagte, keiner einen Kommentar an Caylee wandte und keine Diskussionen mehr gefochten werden mussten. Als ihn seine Tochter zaghaft berührte, trat der Pechschwarze noch einen weiteren Schritt vor und drückte seinen Kopf sanft an ihren, sodass sich seine Schnauze in ihrem Nackenfell vergrub. Vielleicht hätte er ihr gerne noch etwas gesagt, aber in seinem Kopf war kein Platz mehr für viele Worte. „Mach es gut, Caylee.“Langsam löste er sich von seiner Tochter und sah noch einmal neben sich, als Parveens Stimme an seine Ohren drang. Der Schwarze hatte nicht erwartet eine Träne auf der Wange seiner fremden Schwester glitzern zu sehen und es erschrack ihn kurz. Er schluckte und nickte ihr zu. „Auf Wiedersehen.“Averic trat ein paar Schritte und drehte sich, um noch ein letztes Mal in jedes Gesicht seiner Familie blicken zu können, sich jedes ihrer Gesichter einzuprägen, auch wenn er das vermutlich gar nicht mehr musste. In seinem Herzen würden sie ewig sein, auch wenn er nur noch als Todessohn ein Wolf war, der nichts mehr mit dem friedlichen Familienvater gemein haben würde. „Auf Wiedersehen.“, sagte er schließlich noch einmal an sie alle gewandt und wandte sich dann ruckartig ab. Mit raumgreifenden Schritten führte ihn sein Weg in den Wald hinein, an dessen Rand er noch Chardím sehen konnte. Neben ihm hielt er kurz inne, ihm ebenfalls zum Abschied über die Stirn fahrend. „Pass gut auf sie auf, mein Sohn.“Und schlussendlich führten ihn seine Pfoten fort. Mit jedem Schritt drohte das Brennen in seiner Brust heißer und stärker zu werden, ihn zu verglühen und zu zerreißen. Er musste schneller laufen, um nicht daran zugrunde zu gehen. Schließlich im schnellen Sprint bewegte er sich auf die Reviergrenze zu und nur aus einem Impuls hinaus, ohne wirklich darüber nachzudenken warf er den Kopf in den Nacken und heulte auch dem Rest des Rudels, das er sein Leben lang begleitet hatte, einen dunklen, freudlosen Abschiedsgruß zu.

Avendal blickte ihrem Vater nach, der auf den Waldrand zutrabte, als würde es ihm einfacher Fallen das alles schnell hinter sich zu bringen und wohl auch ihnen allen würde dies leichter fallen als noch endlose zögerliche Minuten und doch zerriss es ihr das Herz, ihn gehen zu sehen. Alles in ihr wollte ihm nachstürmen, ihm noch ein letztes mal durch das Fell fahren, um seinen Geruch aufzunehmen und sie hatte mit jedem Schritt, den er sich von ihnen entfernte das Gefühl einfach nicht genug Zeit mit ihm verbracht zu haben. Langsam ließ sie sich auf die Hinterläufe sinken und jeder Drang, der zuvor in ihr aufgekeimt war, war zerbrochen. Alles was in ihr übrig war in diesem Moment war der Schmerz und die Trauer um den Verlust ihres Vaters. Als er endgültig nicht mehr zu sehen war, sank ihr Kopf auf ihre helle Brust und ein leises welpengleiches Fiepen war zu hören, während sie sich enger an Atalya drängte. Erst als ihr Vater noch einmal zu ihnen zurückkehrte, nicht körperlich wohl aber in Gedanken und mit Herz und Seele, packte es sie stärker als zuvor und sie verstummte, erhob sich erneut von ihren Hinterläufen, die Pfoten fest auf die Erde gepresst, den Kopf hoch erhoben, um noch den letzten Hauch des Duftes ihres Vaters zu erhaschen, ehe der Wind in einem schicksalsschweren Stoß durch ihr Fell fuhr und sie ihren Fang ebenfalls gen Himmel warf und ihre Stimme mit der ihres Vaters vereinte, um ihm Geleit auf seinen Weg zu geben, das ihn führen würde, wohin ihn sein Schicksal auch führen mochte. Einen Augenblick verstummte sie, senkte den Kopf, nur um ihn dann erneut zu heben und erst leise, doch immer lauter die Legende Averics herabzuheulen, dem Sohn des Todes, doch auch dem Vater liebender Kinder, die von ihm berichten, ihn nie vergessen und immer im Herzen tragen würden.

Atalyas Blick ruhte auf Avendal, bis diese zu ihr trat, sich an sie schmiegte. Und in einer sanften Bewegung fuhr die Graue mit der Zunge über die Schnauze ihrer Schwester, richtete den Blick dann aber wieder auf ihren Vater und Caylee, die nun zögerlich auf ihren Vater zu trat, was Atalya kurz den Kopf sinken ließ. So viele Wölfe hatten dieses Tal schon verlassen, und dennoch fiel ihr dieser Abschied am schwersten. Ihr geliebter Vater würde gehen... und niemand war sicher, ob sie ihn wiedersehen würden. Ein weiterer, tiefer Atemzug, als sich ihre hellen Augen wieder auf ihren Vater richteten. Dieser verabschiedete sich noch von Parveen, wandte sich dann endgültig ab. Zu endgültig. Atalya spannte ihren Körper an, bereit ihm zu folgen, ihn nicht allein gehen zu lassen. Aber sie wußte, dass es unmöglich war. So sehr es ihr in ihr Herz schnitt, sie mussten ihn gehen lassen. Still wandte die Graue den Blick herum, betrachtete die verschiedenen Gesichter ihrer Familie, in denen alle das Selbe zu lesen war. Avendal drängte sich näher an sie, und die Graue fuhr ihr erneut durch das helle Fell. Als erneut die Stimme ihres Vaters erklang, der schon nicht mehr zu sehen war, wich Avendal jedoch ein wenig von ihr, ihre eingeknickte Haltung war verschwunden und augenblicklich hob ihre Schwester den Fang zum Himmel, verabschiedetet so ihren Vater erneut. Auch Atalya zögerte nicht, trat eng an die Seite ihrer Schwester und stimme dem Heulen der beiden zu. Die Augen geschlossen gab sie sich diesem Gefühl hin, welches trotz des Schmerzes mit Glück verbunden war. Als die Helle kurz verstummte, senkte auch die Graue die Stimme herab, nur um sie mit dem nächsten Herzschlag wieder ansteigen zu lassen. Gemeinsam mit ihrer Schwester sang sie nun die Legende ihres Vaters, seinen Abschied. Und all ihre Hoffnung, ihn bald wieder zu sehen lag in ihrer Stimme.