Atalya
31.07.2012, 02:18

Es sind fünf Tage seit dem Ausflug zum Sumpf vergangen. Das Rudel ist erst seit kurzem wieder auf dem Rudelplatz und noch immer erschöpft von der Reise.

Atalya still lag abseits, hatte den Kopf zwischen den Läufen abgelegt und die Augen geschlossen. Seit dem Erdbeben fand‘ sie jedoch keine richtige Ruhe, erwartete fast, dass die Erde wider zu beben begann, auch wenn sie in diesem Moment ruhig schien. Trotzdem hatte sich in diesem Moment einiges geändert, so sah man den meisten Wölfen die Angst an. Und auch die Graue wurde mehr und mehr von Unruhe gepackt, glaubte manchmal sogar die Bewegungen der Erde zu spüren, wenn die Welt stillstand. Es war wieder eines der Dinge, die niemand erklären konnte, die vollkommen aus dem Nichts gekommen waren. Aber nach einer Erklärung zu suchen schien ihr genauso sinnvoll, wie etwas hinterher zu jagen, das merkwürdigen Geruch verbreitete. Ein leises Seufzen entfuhr ihrem Fang.

Kursai war froh, dass sie wieder am Rudelplatz angelangt waren. Inzwischen hatte sie zwar wieder halbwegs ihren inneren Frieden wiedergefunden, und doch hatte sie kein sonderlich gutes Gefühl bei den Beben, und auch der Sumpf war ihr noch weniger Geheuer als zuvor. Jedoch änderte dies alles nichts und zunächst lag Kursaí mehr oder weniger entspannt da, doch dann hatte sie keine Ruhe mehr und bewegte sich ein wenig, während sie sich umsah. Als sie nun so ein wenig hin und her lief, kam sie an einer Fähe vorbei, die sie als Atalya erkannte. So nickte sie dieser zu.

Chivan ließ den Blick kurz über den Platz schweifen, der noch immer von größtenteils fremden Gesichtern gespickt war. Bisher hatten nur wenige von ihnen einen Namen bekommen, doch das Rudel war ohnehin erstaunlich groß. Dennoch konnte man jedem der Wölfe die Sorge und Unruhe ansehen, die die bebende Erde hinterlassen hatte. Auch der Bunte hatte das Gefühl, den Boden noch immer zitternd unter seinen Pfoten zu spüren, selbst, wenn er einmal Ruhe gab. Und doch schien kein Ende in Sicht. Mit einem tiefen Atemzug erhob sich der große Wolf schließlich, schüttelte sich kurz und fixierte den Boden vor seinen Pfoten, ehe er sich langsam in Bewegung setzte. Noch hielt er sich meist am Rande der Gruppe auf, hatte sie so allerdings auch alle im Blick. Bloß die kleine Gruppe abseits fiel ihm erst auf, als er sich bereits langsam in diese Richtung bewegt hatte. Die dunkle Fähe schien noch recht jung, während die graue an ihrer Seite bereits weitaus erfahrener und älter wirkte. Die dunklen Ohren zuckten kurz, bis er sich wieder in Bewegung setzte und ein paar Wolfslängen entfernt stehenblieb. „Ich glaube, das nächste Beben lässt nicht mehr lange auf sich warten.“, sprach er schließlich leise das unwohle Gefühl an, auf welches sein Instinkt ihn aufmerksam machen wollte.

Atalya hielt die Augen geschlossen, auch als ein bekannter Geruch sich näherte. Sie genoß den Moment Ruhe, und da sie nicht angesprochen wurde... reagierte sie auch nicht. Erst, als ein anderer Geruch hinzu trat und eine nicht vertraute Stimme zu ihr sprach, öffnete die Graue die Augen und hob den Kopf. Blinzelnd musterte sie den Rüden, der gesprochen hatte, neigte dabei leicht den Kopf zur Seite. „Ich warte fast darauf.“ Ein schräger Grinsen galt dem Rüden, dann blickte sie kurz zu der hellen Fähe, schließlich wieder auf den Fremden. „Und was lässt dich so sicher sein, dass eines kommen wird?“

Kursai bemerkte nach einer Weile, dass die andere ihr Nicken gar nicht wahrnehmen konnte, hatte diese doch ihre Augen geschlossen. Kursaí war sich schon sicher, dass die andere sie wahrnahm, doch stören wollte sie sie nicht, wusste sie doch auch nichts, worüber sie sprechen sollten. Doch bevor sie weiter gehen konnte, kam noch ein anderer Wolf angelaufen. Dieser war noch nicht lange da, und wirklich bekannt war er ihr nicht, und doch schienen seine Worte war. Auch sie klinkte sich in die Unterhaltung ein und sagte überzeugt: "Doch irgendwann wird es gewiss auch das letzte geben."

Chivan musterte erst die graue Fähe, ehe sein Blick zurück zu der Jungwölfin glitt, die den kurzen Moment der Ruhe genossen zu haben schien. Inzwischen hatte sie den Kopf gehoben und warf ihm ein kurzes Grinsen zu. Beide Fähen waren ihm noch unbekannt und dennoch bestätigten auch sie das Gefühl, welches er von Anfang an in diesen Reihen gehabt hatte – sie mochten viele sein, doch umso offener schienen sie allesamt. Der Dunkle erwiderte das Grinsen der Jüngsten mit einem kurzen Lächeln, ehe die Graue zu sprechen begann. „Hoffen wir es. Bisher ist die Ursache ja mehr ungeklärt.“, entgegnete er mit etwas ernsterer Miene. Dann wandte er sich wieder an die Dunkle am Boden. „Spürst du es nicht? Dieses Kribbeln zwischen den Ballen und in der Magengegend?“ Aufmerksam schnippten die Ohren nach vorne und der Rüde ließ sich auf den Hinterläufen nieder. Ein freundliches Lächeln galt der Jüngsten.

Atalya warf Kursaí nur einen weiteren, kurzen Blick zu, als diese behauptete, irgendwann würde das letzte Erdbeben kommen. Sie schnippte nur kurz mit den Ohren, wandte den Kopf dann aber wieder zu dem Rüden herum, der nun von Pfotenkribbeln sprach. Einen Moment zögernd blickte die Graue auf den Boden unter ihren Pfoten, ehe sie sich erhob und den grauen Pelz schüttelte, um sich von Staub zu befreien. „Naja... da kribbelt es eigentlich die ganze Zeit.“ Atalya ließ den Blick schweifen, als der Fremde sich setzte. „Wer bist du?“ Damit legten sich die hellen Augen wieder auf den Grauen, blickten ihn dabei ruhig an.

Kursai erwiderte den musternden Blick des anderen. Wo er wohl herkam? Dies würde sie vielleicht bald erfahren. Doch bald schon erwiderte er ihre Aussagen. Hoffen, ja das sollten sie, und auf das rechte Urteil der Götter trauen. Diese Beben würden schon einen Grund haben, auch wenn sie den wohl nie erfahren werden. Nun ging es aber um das vorahnen der nächsten Beben und als der Rüde es beschrieb, musste Kursaí nicken: "Ja, ich verstehe, was du meinst." Als nun die Jungfähe nach der Person hinter dem Pelz des Rüden fragte, war auch Kursaí neugierig.

Chivan wurde lediglich in seiner Annahme bestätigt. Die Dunkle am Boden spürte es zwar, doch war sie noch lange nicht so weit, es auch wirklich deuten zu können. Er beobachtete sie kurz, wie sie sich erhob und schließlich mit den anderen beiden auf einer Höhe war. „Mein Name lautet Chivan. Ich war ein Wanderer, allerdings haben mich die Erdstöße in eurem Revier neugierig gemacht.“, erklärte er und schnippte kurz mit den Ohren. Dann erst wandte er sich wieder dem vorherigen Thema zu. Ein kurzes Nicken galt der Älteren. „Du musst hinhören. Dann kannst du unterscheiden, was deine eigene Unsicherheit ist und was dein Instinkt dir sagen will. Schließ die Augen und höre, was dein Instinkt zu sagen hat.“

Atalyas Blick ruhte interessiert auf dem Rüden. Bei seinen Worten musste sie leicht auflachen, atmete dann ruhig en, ehe sie den hellen Blick wieder auf den Rüden wandte. „So, es hat doch neugierig gemacht? Das ist eine ganze neue Sichtweise... so hat es von uns noch niemand gesehen.“ Bei seinen nächsten Worten hob die Graue leicht eine Augenbraue, blickte dann erneut auf den Boden unter sich. Skeptisch warf sie dem Rüden noch einen Blick zu. Ein leises Schnaufen. Einen Versuch war es doch wert, oder nicht? Mit einem Schmunzeln schloß sie nun also die Augen, war jedoch zu abgelenkt von den eigenen Gedanken, um das zu hören, wovon Chivan gesprochen hatte. „Und jetzt?“

Chivan erwiderte das Grinsen der Grauen mit einem taffen Lächeln. „Vielleicht ist das der Grund, weshalb du die Erderschütterungen nicht spürst, bevor sie kommen.“, entgegnete er scherzhaft und schüttelte kurz den Pelz. „Auf der anderen Seite war es allerdings natürlich auch die Präsenz hier, die mich angezogen hat.“ Natürlich, vielleicht war das sogar etwas mehr der Grund dafür, dass es ihn in diese Richtung gezogen hatte. Seine Ohren schnippten, als die noch Namenlose trotz der anfänglichen Skepsis seiner Erklärung nachkam und sich vorzubereiten schien, um es auszuprobieren. Ein amüsiertes Schmunzeln trat auf seine hellen Lefzen, während er sie beobachtete und kurz glitt sein Blick hinüber zu der älteren Wölfin, die genauso interessiert zu sein schien. Doch der Jüngsten in der Runde war anzusehen, dass sie – obwohl sie versuchte, sich zu konzentrieren – nicht ganz bei der Sache war. Mit einem leisen Lachen schüttelte er den Kopf und trat schließlich näher an die Dunkle heran, um ihr einen sanften Stoß von der Seite zu verpassen, bevor er an ihr vorbei schritt. „So wird das nichts. Du bist mit deinen Gedanken überall außer bei dir.“ Er bemühte sich, eine gewisse Herausforderung in seine Stimme zu legen, um sie etwas hervor zu locken.

Atalya wog bei den Worten des Rüden den Kopf leicht zur Seite, mit den Ohren spielend. „Weil es mich nicht neugierig macht und mein Rudel in Panik versetzt?“ Das war sicher ein Grund. Als er nun von der Präsenz dieses Ortes sprach, richteten sich die hellen Augen kurz auf das Rudel, dann zurück zu Chivan. „Du glaubst also an unsere Götter?“ Nun schloß die Graue jedoch die Augen, versuchte sich auf das zu konzentrieren, was der Fremde gesagt hatte. Es dauerte einen Moment, bis sie lauschen konnte, dass der Rüde auf sie zu trat, ihr in die Seite stieß. Ein Auge öffnend schielte die Graue zu ihm hinüber, dabei leise brummelnd, als er zu sprechen begann. Sie hatte es ja befürchtet. Sie schloß das Auge also wider, hob leicht en Kopf und startete einen neuen Versuch. „Ich denke jetzt also nur an Erdbeben. Erdbeben, Erdbeben...“

Chivan ließ das Thema von zuvor nun erst einmal ruhen, immerhin hatten sie anderes, auf das sie sich konzentrieren mussten. Das Brummeln von Seiten der jungen Fähe nahm er zwar wahr, ließ sich davon allerdings nicht groß einschüchtern. Immerhin hatte sie noch immer den Hauch eines – wenn auch skeptischen – Lächelns auf den Zügen und das reichte ihm. Er wandte den Kopf kurz nach vorne und seine blauen Seelenspiegel huschten über den Waldrand in ihrer Nähe, ehe hinter ihm wieder die Stimme der Grauen erklang. „Wenn du dich auf ein Rascheln konzentrierst, weil du nach Mäusen suchst, glaubst du doch auch, es zu hören, oder nicht?“ Nun wandte er sich wieder herum, sodass er gerade vor ihr stand. Er spielte kurz mit den Ohren, während er schwieg und die junge Wölfin ansah. „Vergiss das Erdbeben, Wölfin. Es gibt nur dich. Nur dich und das, was durch deinen Körper strömt.“ Seine Stimme war leiser geworden und mit einer vorsichtigen Bewegung bewegte er die Schnauze nach vorne um sie vollkommen ruhig an der Stirn zu berühren. Es gab nur sie. Sie und ihr Gefühl.

Atalya hielt weiter die Augen geschlossen, auch wenn sie den Kopf nicht wirklich frei bekommen konnte. Dieses Mal sah sie jedoch nicht zu ihm, als er von der Jagd nach Mäusen sprach. Die Graue atmete tief ein, gab ihm dann jedoch nur mit einem leisen Seufzen Recht. Da hatte sie Nichts drauf zu erwidern, er hatte Recht. Die Graue lauschte seinen Bewegungen, ließ die Augen jedoch geschlossen. Dann sprach er wieder, sagte ihr nun, sie solle das Erdbeben vergessen. Irgendwie im ersten Moment widersprüchlich, aber sie versuchte es. Erneut atmete sie tief ein, entspannte den Körper dann ein wenig. Nur sie, und das, was durch sie strömte. Na dann. Erneut schnaufte die Graue, als sie plötzlich etwas an der Stirn berührte, und sie mit einer ruckartigen Bewegung fluchtartig zurück wich. Nun hatte sie die Augen doch geöffnet, blickte den grauen kurz fragend an, ehe sie den Kopf leicht zur Seite wog. „Tut mir Leid.“ Um diesen kurzen Moment schnell vergehen zu lassen, schloß sie erneut die Augen, schwieg jedoch, um die Gedanken auszustellen.

Chivan erkannte, wie sie ruhiger zu werden schien. Sie schwieg, schien keine Widerworte mehr zu haben und sich mehr und mehr auf das einzulassen, was er versuchte, ihr beizubringen. Und das war schon einmal ein großer Fortschritt. Mit einem leisen Lächeln beobachtete er die Züge der jungen Wölfin. Bereits jetzt hatte er ein klares Bild von ihrem Wesen, zumindest einen Eindruck, der ihm bereits viel zu verraten schien. Sie wollte erwachsen wirken, so schien es ihm, wollte kein Stück naiv wirken und gab sich daher skeptisch und ungläubig. Doch der Bunte glaubte, das junge Herz in ihr schlagen zu hören. Man musste ihr nur zeigen, dass es nicht falsch war, auch darauf zu vertrauen. Und schließlich – kaum hatte er die Distanz zwischen ihnen überwunden – schreckte sie zurück und machte einen Satz nach hinten. Chivan legte die Ohren kurz an, mindestens genauso verwundert, denn damit hatte er nicht gerechnet. Eine leise Entschuldigung verließ den Fang der Jüngsten und lockte ihm so wieder ein schwaches Lächeln auf die Lefzen. Es war nichts dabei. Und das zeigte er ihr auch mit dem Blick, der ihr galt, ehe er sich ein weiteres Mal herumwandte. Er ging nicht auf die Entschuldigung ein, um die gesamte Situation nicht weiter zu beachten und der Wölfin so noch mehr das Gefühl zu geben, dass es nichts bedeutete; dass es schlicht vergessen war. Sie schien sich abermals dem Versuch hinzugeben, zu verstehen, was er meinte, doch der Bunte tat dies mit einer kurzen Bewegung seines Hauptes ab. „Das reicht. Die nächste Lektion bringe ich dir ein anderes Mal bei, wenn du willst.“, erlöste er sie ruhig und glaubte, ihre Neugier diesbezüglich geweckt zu haben. „Ursprünglich hatte ich eigentlich vor, zum See zu gehen. Wollt ihr mich begleiten?“ Sein Blick wanderte abwartend von der hellen zur dunkleren Fähe.

Atalya versuchte mit geschlossenen Augen einfach an Nichts bestimmtes zu denken, und sich dennoch zu konzentrieren. Das Zusammenzucken tat ihr Leid, hatte der Rüde ihr doch Nichts tun wollen. Aber es war jetzt nun einmal so, und da keine weiteren Worte darauf folgten, schien auch Chivan es einfach dabei belassen zu wollen. Atalya war froh darüber, öffnete dann jedoch die Augen um ihn verwirrt anzublicken, als der Graue davon sprach, dass sie die nächsten Lektionen später lernen würde. Die Ohren der Fähe schnippten durch die Luft. „Das war wirklich sehr kurz gehalten.“ Als er nun fragte, ob sie ihn zum See begleiten wollten, wandte Atalya den Blick nicht zu Kursaí herum, die die ganze Zeit geschwiegen hatte, sondern nickte nur leicht. „Gern.“ Damit huschte ihr Blick nun doch kurz zu der Grauen, die nun den Kopf schüttelte und sich mit einer kurzen Entschuldigung wieder von den Beiden entfernte. Sie sah der entfernten Verwandten jedoch nicht nach, sondern setzte sich statt dessen in Bewegung, den grauen Rüden anblickend. „Du hast noch nicht nach meinem Namen gefragt.“

Chivan merkte, dass die Graue offenbar noch nicht recht wusste, was sie mit dem ‚neu gelernten‘ anfangen sollte, doch er war sich sicher, dass sie es bemerken würde, würde sie nur von selbst auf den Gedanken kommen, ein weiteres Mal einfach zu sich selbst finden zu wollen. Für den Augenblick schien diese Übung tatsächlich kurz und uneffektiv, doch er hoffte, dass sie nun zumindest etwas mehr auf sich selbst achten würde. Er hatte er gesagt, wie es ging, wie sie sich beruhigen konnte und er hatte ihr den ersten Schritt gezeigt, wie man mit dem Herzen sah, statt diese geschaffene Welt mit den Seelenspiegeln zu sehen. Er hatte ihr den ersten Schritt gezeigt, um das zu sehen, was es wirklich wert war, gesehen zu werden und das würde sie mit der Zeit noch lernen. Nun jedoch schien der beste Punkt für einen Abschluss, auch, wenn sie es anders sah. Ihre Aussage nahm er mit einem verständnisvollen Lächeln zur Kenntnis. „Versuche es noch einmal, wenn dich niemand stört. Dann ist es einfacher als hier.“, versprach er. Kursai verschwand schließlich, während die Graue zustimmte und ihn begleiten wollte, was den Dunklen freute. Er wandte sich herum und machte bereits einen ersten Schritt in die Richtung des Sees, als ihre nüchterne Aussage an seine Lauscher drang. Er lachte kurz auf, bevor er den Blick auf sie richtete und ihr ein Lächeln schenkte. „Du kamst auch nicht auf die Idee, dich von selbst vorzustellen.“, entgegnete er ohne jeglichen Vorwurf in der Stimme als reine Feststellung. „Aber ich im Gegenzug auch nicht, da hast du ebenfalls Recht.“ Er nahm ihr bewusst die Konter und spielte schuldbewusst mit den Ohren. „Also, Wolkenkind. Wie heißt du? Und wie heißt die Fähe, die uns bis eben noch mit ihrer Anwesenheit beehrt hat?“ Kind, so grau wie es bloß die Wolken an einem Herbst- oder Frühlingstag sein konnten.

Atalya verdrehte nur leicht die Ohren, als der Rüde sagte, sie solle es später, allein noch einmal versuchen. Sie war gespannt, und fragte sich still selbst, ob sie überhaupt daran denken würde. Aber sie sprach ihre Zweifel nicht aus, sicher hätte Chivan irgendetwas kluges darauf erwidert. Sie seufzte leise, als der Graue über ihre Worte lachte, sie schließlich anblickte und wahrheitsgemäß davon sprach, dass sie sich nicht vorgestellt hatte – jedoch nahm er ihr mit dem nächsten Atemzug auch die gewählte Art eines Konters, wobei sie jedoch trotzdem den Kopf hob und sachte lächelte. „Ich dränge mich nicht auf, und du ja anscheinend auch nicht.“ Erneut verdrehte sie die Ohren leicht, blinzelte dann bei der Bezeichnung ‚Wolkenkind‘ in die Richtung des Rüden. Dann erkundigte er sich nach ihrem Namen, und nach Kursaís. Nun wandten sich ihre hellen Augen wieder nach vorn. „Das eben war Kursaí, sie ist meine Cousine. Und mein Name ist Atalya.“ Sie wog leicht den Kopf in Chivans Richtung, ehe sie wieder nach vorn blickt. „Und wie darf ich Wolkenkind verstehen?“

Chivan musterte die junge Fähe, die nun aufgeschlossen hatte. Mit jeder Aussage ihrerseits schien sie unbewusst einen kleinen Teil mehr ihres Ichs preiszugeben. Er nickte und gab ihr auf ihre Vermutung hin mit einem leisen „Richtig.“ Recht. Im nächsten Moment schien sie etwas unschlüssig. Der Rüde spielte mit den Ohren, sprach seinen Verdacht allerdings nicht aus, sondern versuchte anhand ihrer Mimik herauszufinden, was sie nun irritierte. Doch bevor er zu einer Antwort kam, übermittelte ihr die dunkle Wölfin an seiner Seite die Namen von ihr und der Helleren, die sie inzwischen verlassen hatte. Er drehte den Kopf kurz über die Schulter zurück, doch Kursai konnte er inzwischen nicht mehr sehen. „Atalya also. Ein schöner Name. Er passt zu dir.“ Er schwieg einen Augenblick und sah schließlich seinerseits nach vorne. „Dein Fell, Wolkenkind. Und gleichzeitig scheinst du mir so selbstsicher und eigenständig wie das Wetter selbst.“, entgegnete er schließlich mit einem leichten Lächeln auf den Lefzen, ohne sie anzusehen. „Außerdem hat mir dein Name gefehlt, aber das hätten wir ja nun geklärt.“ Einen Augenblick verfiel er in Schweigen, doch lange dauerte es auch nicht, bis sie am Ufer des Sees angekommen waren. Chivan blieb stehen, als seine Vorderläufe etwas im Wasser standen und senkte den Kopf. Allerdings sprach er erneut, bevor er ein paar Schlucke nahm. „Um übrigens auf deine Frage von vorhin zurückzukommen. Ja, ich glaube an eure Götter. Auch ich bin so gesehen mit ihnen groß geworden.“

Atalya hatte den Blick weiterhin nach vorn gewandt, konnte so also den fragenden Blick des Rüden nicht sehen. Aus den Augenwinkeln sah sie nur, wie er sich noch einmal nach Kursaí umsah, ehe er behauptete, ihren Namen schön zu finden. Sie schnippte leicht mit den Ohren, lächelte dabei aber. „Das könnte man von jedem Namen sagen, den ich bekommen habe. Wer hat schon den Mut zu sagen, dass mein Name nicht zu mir passt. Aber jetzt bin ich neugierig. Wieso tut er das?“ Nun klärte er sie über die Bezeichnung ‚Wolkenkind‘ auf, was sie kurz zu ihren grauen Beinen blicken ließ, denn richtete sie den Blick zum Himmel, suchte nach einer Wolke, die diese Farbe besaß. „Und das kannst du in diesen paar Minuten sehen? Das ist nur ein sehr kleiner Teil von mir.“ Den Kloß, der sich beinah mit diesen Worten in ihrem Hals bildete, konnte sie herunter schlucken, folgte dem Rüden dann zum Seeufer, wo er zum Wasser trat, während sie ein wenig hinter ihm stehen blieb und auf die Oberfläche des Wassers blickte, bis Chivan über ihre Götter sprach. Er war mit ihnen aufgewachsen. „Da haben wir etwas gemeinsam.“ Sie sprach mit leiser Stimme, ehe sie erneut den Blick zum Himmel hob. Die Götter, die sich ohne Ausnahme durch jeden Tag in ihrem Leben zogen.

Chivan schenkte der Grauen an dieser Stelle lediglich ein vielsagendes Lächeln, doch auf eine wörtliche Antwort musste sie verzichten. Sie war gut, das musste er ihr lassen – wortgewandt und sich um keiner Konter verlegen. Hilflos war sie auf keinen Fall. Ihm entging, dass sie sich kurz nach seiner Erklärung umsah, um seinen Worten zu folgen, denn erst, als sie erneut die Stimme erhob, wandte er den Kopf wieder zu ihr herum. „Naja. Du standest mir skeptisch entgegen, tust es wahrscheinlich immer noch und trotzdem scheint es dich keinen Augenblick gestört zu haben, dass deine Cousine uns allein gelassen hat.“ Nun nahm er ein paar Schlucke des Seewassers, während Atalya hinter ihm am Ufer stehen blieb und antwortete. Mit einem Lächeln wandte er den Kopf herum und blickte zu der jungen Wölfin. „Scheint so. Aber ich glaube, du weißt weitaus mehr als ich. In den meisten Geschichten, die ich gehört habe, hatten sie nicht einmal Namen. Es war das Leben und der Tod. Fast so, wie wir vorhin.“ Das Grinsen auf seinen Lefzen wurde einen Augenblick etwas breiter. „Du bist hier aufgewachsen? Also bist du eine Schwester von Avendal?“

Atalya senkte den Blick nun wieder und betrachtete den grauen Rüden, der nun mit ruhigen Worten weiter sprach, die Atalya leicht die Ohren zurück neigen ließ. „Naja... wir sind Cousinnen, aber hatten deshalb trotzdem nie wirklich eine Beziehung zueinander. Es ist also egal, ob sie da ist oder nicht. Und ich würde auch allein mit dir fertig werden.“ Sie hob den Kopf noch ein wenig an, dabei unentwegt grinsend. Nun trank der Graue, was Atalya einige ruhige Sekunden gab‘, ehe Chivan wieder auf die Götter zu sprechen kam. Sie wog leicht den Kopf zur Seite, zuckte dann fast beiläufig mit den Schultern. „Wenn man an diesem Ort aufwächst, bleibt einem kaum etwas Anderes übrig.“ Sie lächelte schwach. „Ich habe von Welpentagen an über sie gelehrt bekommen... und heute ist es kaum einen Tag anders. Sie hatten keine Namen? Das ist für mich unvorstellbar. Fenris und Engaya gehören zu mir...“ Sie wog den Kopf auf die andere Seite, überlegte kurz. „... ohne sie wäre es nicht meine Geschichte.“ Diese Worte fügte sie leise an, schloß einen Moment die Augen und blickte Chivan bei seiner Frage wieder direkt an, mit einem ruhigen Nicken. „Du hast sie schon kennen gelernt?“

Chivan lauschte aufmerksam dem, was Atalya zu sagen hatte. Es wunderte ihn nicht groß, dass die beiden Fähen nicht unbedingt einen innigen Draht zueinander hatten, immerhin musste man bei einem Rudel dieser Größe nicht unbedingt mit jedem liebfreund sein. Es war unmöglich, so glaubte er, und doch funktionierte es scheinbar einwandfrei. Sie waren eine Familie, die sich im Notfall auf jeden verlassen konnte – da war er sich sicher. Er hob den Kopf ein Stück, als die Graue vollkommen sicher verkündete, leichtes Spiel mit ihm zu haben, erwiderte das Grinsen allerdings und schnippe lediglich kurz mit den Ohren. Und schließlich trat etwas anderes in ihre Züge. Der Dunkle hob den Kopf und ließ den Blick seiner blauen Seelenspiegel aufmerksam auf ihrem Antlitz ruhen, während er schweigend zuhörte. „Kurz, ja. Sie hat mir etwas Gesellschaft geleistet.“, tat er das Thema kurz ab und nickte schwach. Viel interessanter allerdings war die Sache mit den Göttern. Eine Frage lag dem Rüden auf der Zunge, doch er hielt sich zurück, immerhin sah es ihm nicht sonderlich ähnlich, sich groß in Dinge einzumischen. „Die Götter tragen viele verschiedene Namen. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass du, wenn du dieses Tal verlässt, zwar auf dieselben Götter triffst, sie allerdings andere Namen tragen.“ Er sprach aus Erfahrung. Er hatte bereits viele Namen gehört, die die Wölfe ihren Göttern gegeben hatten, doch für ihn hatte sich keiner durchgesetzt. Er blieb bei dem, was er als Welpe gelernt hatte. „Wünschst du dir, dass es anders gewesen wäre?“, fragte er schließlich doch bezüglich ihrer Aussage, dass sie nicht um die Göttergeschichten herumgekommen war. Seine Stimme war ruhig und keineswegs nach einer Antwort drängend.

Atalya lockerte ihre Haltung wieder ein wenig, als Chivan das Lächeln erwiderte, aber nicht weiter auf die kleine Herausforderung einging. Er blickte nun direkt zu ihr, was sie leicht die Ohren zurück drehen ließ. Jedoch ging er nun nicht weiter auf Avendal ein, sie schwieg also auch dazu. Man konnte es ja beinah Schicksal nennen, dass der Graue zuvor auf ihre Lieblingsschwester getroffen war, aber sie vertat diesen Gedanken, widmete sich lieber wieder dem Gespräch über die Götter, verdrehte dabei leicht die Ohren. „Merkwürdig. Ich habe gelernt, dass sie nur dann andere Namen bekommen, wenn ihre Kinder hier auf der Erde sterben. Wenn sie etwas vollbracht haben und dann in die Unendlichkeit gehen.“ In diesen Worten schwang fast welpische Naivität mit, es stört sie jedoch nicht. Sie war offen für jedes Wissen über die Götter, auch wenn die Worte des Rüden in ihren Ohren einen Moment falsch klangen. Seine neue Frage ließ sie dann zuerst ein wenig überfordert blinzeln. Sie zögerte, setzte sich dann in Bewegung und trat an die Seite des grauen Rüden, blickte nun ihr Spiegelbild auf dem Wasser an. „Manchmal habe ich darüber nachgedacht, ob es ohne die Götter anders wäre, als es so ist. Ob es dann... besser wäre.“ Nun schloß sie kurz die Augen, atmete ein und blickte dann mit einem nun etwas schwächeren Lächeln zu Chivan. „Aber eigentlich...“ Die Graue zögerte erneut, richtete den Blick dann wieder auf das Wasser. „Vielleicht wäre es anders besser, aber das werden wir wohl nie erfahren. Deswegen versuche ich nicht darüber nachzudenken.“

Chivan wunderte es nicht wirklich, dass die Dinge, die sie beide gehört hatten, nicht übereinstimmten. Überlieferungen verliefen sich, verzweigten und nahmen dort, wo sie letztendlich ankamen, vollkommen andere Strukturen an, als sie am Anfang gehabt hatten. Nicht blieb, wie es war, wenn es einmal weitererzählt wurde, dazu waren all die Fänge viel zu kreativ. Doch das machte Legenden zu dem, was sie waren. Nichtsdestotrotz war es keine Frage, dass der Dunkle den Worten Atalyas augenblicklich Glauben schenkte, obschon er von dieser Tatsache bisher noch nichts gehört hatte. Interessiert schnippten seine Ohren nach vorne. „Wirklich? Nunja. Dies ist Engayas Tal. Wenn die Erzählungen nicht hier am meisten Wahrheit haben – wo sonst. Vielleicht ist das ein weiterer Grund, weshalb meine Mutter nie einen Namen nannte.“ Nun trat Atalya an seine Seite. Seine Seelenspiegel lagen noch einen Augenblick ruhig auf ihrer Gestalt, ehe auch sie das Bild fixierten, welches sich im Wasser spiegelte. Seine Ohren drehten sich kurz und er merkte, wie schwer ihr diese Antwort zu fallen schien. Umso höher rechnete er es ihr an, dass sie deshalb nicht einfach auswich. Verständnis lag in seinem Blick, als sie aufsah und schließlich hob er den Kopf und spähte einen Augenblick zum Himmel, ehe er zu antworten begann. „Ich bin schon viel rumgekommen, Atalya. Und auf dieser Reise sind mir etliche Wölfe begegnet. Wölfe, die waren wie du und ich, Wölfe, die an die Götter glaubten und nie alleine waren. Auf der anderen Seite allerdings gab es auch Wölfe, die glaubten, es gäbe nur sie; sie und das, was sie aus ihrem Leben machten. Natürlich ist es Auslegungssache, ob wir nun sagen, dass auch sie stets im Schutz der Götter waren, doch eines unterscheidet sie zweifellos – All die Wölfe, die die Götter tief in ihren Herzen tragen, haben immer etwas, wohinein sie ihre Hoffnung legen können und Hoffnung, junge Wölfin, ist etwas Unersetzbares und unheimlich wertvoll.“

Atalya schnippte bei den Worten des dunklen leicht mit den Ohren, nickte dabei jedoch zustimmend. Das Tal Engayas... immerhin lebten die Tochter des Lebens und der Sohn des Todes hier... ihre Eltern. Und ihre Oma... sie hatte sicher so viel von den Göttern gewußt wie kaum ein anderer Wolf. Und wenn sie ihr nicht hatte trauen können, wem dann? Sie seufzte leise. „Ich stelle es mir schwer vor, an etwas zu glauben, was keinen festen Namen hat. Für mich waren es immer nur Fenris und Engaya... und jetzt...“ Sie schluckte kurz. „Meine Oma war Engayas Tochter... sie ist vor langer Zeit gestorben... und Banshee ist der einzige andere Name, den ich Engaya geben würde... auch wenn sie dann nicht mehr Engaya ist.“ Die Graue blinzelte, schüttelte dann über sich selbst den Kopf. Sie betrachtete Chivan aus den Augenwinkeln, beobachtete, wie er nun seinerseits zum Himmel blickte. Und kaum einen Herzschlag später sprach er weiter, sodass die Graue nun den Kopf herum wandte, ihn anblickte und sich nun selbst auf die Hinterläufe sinken ließ, aufmerksam seiner Erzählung lauschte. „Es gibt auch hier genug Wölfe, die die Götter leugnen, nicht an sie glauben. Und ohne dass man es genau benennen kann, scheinen sie einfach anders zu sein.“ Sie schluckte, senkte den Kopf dann leicht gen Boden. „Solange man die Hoffnung behält, ja. Aber wenn Dinge geschehen, die einen die Hoffnung verlieren lassen... dann scheinen auch die größten Götter unsagbar fern.“

Chivan hatte das, worauf die Dunkle nun zu sprechen kam, bereits aus den Fängen der Leitwölfin des Rudels gehört. Seine Ohren schnippten kurz bei dem Gedanken an das zurückliegende Gespräch mit Tyraleen, doch für den Augenblick sollte bloß das wichtig sein, was Atalya zu sagen hatte. Sein Blick ruhte auf ihr, während sie offenbar schweren Herzens von ihrer Großmutter erzählte und gleichzeitig beantwortete sich auch die Frage, wer die Mutter zu diesem Wurf war. Banshee schien all den Erzählungen nach ein wichtiger Bestandteil des Rudels und eine liebevolle Familienwölfin gewesen zu sein. „Sie ist etwas, worauf du vertrauen kannst. Und das ist die Hauptsache.“, entgegnete er knapp mit einem verständnisvollen Lächeln. Es spielte keine Rolle, ob es nun Engaya oder Banshee war. Für Chivan hatte der Name nie eine Rolle gespielt – es gab dem einen Namen, auf das man hoffte, doch das zeichnete es doch nicht aus. Auch, wenn er kein Wort in den Fang nehmen konnte, so war das Gefühl doch noch immer da – der Halt, den man brauchte. „Es fiel mir nie schwer, an sie zu glauben, auch, wenn sie keine richtigen Namen hatten. Im Grunde ist es mit einem Gefühl doch nicht anders. Du empfindest Freundschaft, Hoffnung oder Angst, auch, wenn du es nicht bezeichnen kannst, bloß lernen wir, ihm eine Bezeichnung zu geben.“ Wieder lauschte er ihr und ein blasses Lächeln trat auf seine Lefzen, auch, wenn es für ihn – für ihn als Wolf, der die Götter deutlich zu spüren glaubte – schwer verständlich war, dass manche blind für dieses Gefühl waren. Doch nicht jeder schien mit dem Herzen zu sehen und auch, wenn Atalya offenbar offen für die Götter war, schien sie noch nicht bemerkt zu haben, dass es mehr gab, was vor den Seelenspiegeln verborgen blieb und nur mit der Seele zu sehen war. Besorgt spielte er schließlich mit den Ohren, bevor er den Blick nun auf sein eigenes Spiegelbild richtete. „Das ist wahr. Doch... Ich glaube, dass alles aus einem guten Grund geschieht…“ Nun sprach auch er etwas langsamer und seufzte schließlich lautlos. Alles geschah aus einem guten Grund. Das musste einfach so sein. „Die Götter wissen mehr als wir. Und manchmal bleibt uns nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass sie wissen, was sie tun, egal, wie ungerecht es für uns sein mag.“

Chivan
01.08.2012, 00:29

Atalya erwiderte den Blick des grauen Rüden, und nickte bei seinen Worten über ihre Oma mit einer vorsichtigen Kopfbewegung. „Wenn man auf sie nicht vertrauen könnte... könnte man niemandem mehr trauen.“ Nun sprach er wieder über die Namen, und Atalyas helle Augen ruhten weiter auf ihm, und wieder nickte sie, reagierte jedoch nicht weiter darauf. Er hatte Recht, und sie verstand es wohl einfach nicht ganz, weil es für sie immer Engaya und Fenris gewesen waren, seit ihren frühesten Welpentagen. Sie erwiderte jedoch sein Lächeln, welches jedoch bei seinen weiteren Worten ein wenig zu verblassen schien. Alles geschah aus einem guten Grund? Unweigerlich kehrten ihre Gedanken an diesen einen Tag zurück, als sie ihren Bruder verloren hatte. Durch die Fänge ihrer Mutter. Se schwieg dazu, richtete den Blick mit einem Schlucken wieder auf den Boden unter ihren Läufen. Sie würden nie erfahren, ob es anders hätte kommen können, ob Tascurio wirklich ihren Vater ermordet hätte. War dies also aus einem guten Grund geschehen? Was wäre sonst gewesen? Mit einem leisen Seufzen ließ Atalya sich nun ganz auf den Boden sinken, kreuzte die Pfoten übereinander und legte den Kopf darauf ab. Sie mussten nun mit diesem Verlust leben, und sie hatte ihrer Mutter verziehen. Nun aber vollkommen in ihren Gedanken versunken, vergaß sie dem Grauen zu antworten, blickte nur still auf die Oberfläche des Sees.

Chivan nickte zustimmend auf die Worte der Dunklen. Wenn man selbst den Göttern nicht mehr trauen konnte – wem sollte man dann trauen? Der Rüde atmete tief durch, schwieg nun einen Augenblick und ließ die hellen Seelenspiegel über das gegenüberliegende Seeufer schweifen. Seine Ohren zuckten, während auch er unabhängig von Atalya zurückdachte und an seinem Bruder hängen blieb. An seinem Bruder, der sich das Problem, welches sie bereits besprochen hatten, zu Nutze machen wollte. Ein ernster Ausdruck legte sich über seine Züge, verschwand aber recht schnell wieder, als er sich ins Gedächtnis rief, dass er tot war. Gemeinsam mit seiner Schwester, mit seiner Freundin und ihm selbst war er unter den Schneemassen begraben worden und irgendetwas in ihm überzeugte ihn fest davon, dass es Seatân anders ergangen war als ihm. Chivan schluckte, ehe er den Blick wieder senkte und zu Atalya hinübersah, die sich inzwischen zu Boden gelegt hatte. Kurz tippte er unruhig mit den Vorderpfoten auf dem Untergrund herum. Das Gefühl wurde stärker, drängender und der Dunkle sah sich unbewusst um, ob sie im Falle des Falles in der Reichweite eines der Bäume standen. „Atalya.“, sprach er sie schließlich leise an und schnippte mit einem freundlichen Ausdruck mit einem Ohr. „Schließ die Augen.“

Atalya bemerkte Nichts von dem ernsten Ausdruck ihres Gesprächspartners, für diesen Moment hing sie einfach in ihren Gedanken fest, ohne wirklich auf ihre Umwelt achten zu können. So sehr sie auch den Geschichten über die Götter lauschte, so gern sie mehr über Fenris und auch Engaya erfuhr, so traurig stimmte sie dieses Thema auch. Die inzwischen bekannte Wut, die darin mit schwang, konnte sie in diesem Moment unterdrücken, konnte Chivan doch nicht einmal etwas dafür. Dennoch musste sie einen Moment die Fänge fest aufeinander beißen, kniff die Augen kurz zu, ehe sich ihr Körper wieder entspannte, als Chivan sie ansprach. Mit einem Blinzeln hob die Graue den Kopf, blickte den Grauen fragend an und wog den Kopf leicht zur Seite. Sie sollte die Augen schließen? Weiterhin skeptisch – und deswegen einen Moment zögernd – schloß sie jedoch die Augen, wie er gesagt hatte. Sie atmete ruhig durch, wartete dann einfach weiter auf eine Reaktion des Erwachsenen.

Chivan konzentrierte sich einen Moment auf das Gefühl in seinem Inneren und schloss selbst die Augen, doch er war sich sicher. Er glaubte, die Erschütterung unter den Läufen bereits zu spüren – irgendwo tief unten mit Hilfe seines Instinkts und vielleicht war es nun auch deutlich genug, dass die Graue als ungeübte zumindest etwas mehr wahrnehmen konnte. Er erwiderte ihren skeptischen Blick unbeeindruckt, immerhin war es der Gleiche, den sie ihm auch vorhin zugeworfen hatte, als er sie darum gebeten hatte, die Augen zu schließen. Offenbar hatte sie seine Worte bereits wieder verdrängt, denn sie blickte abermals fragend drein, ehe sie tat, was er gesagt hatte. Chivan beobachtete sie einen Moment und gab ihr Zeit, selbst herauszufinden, worauf er hinaus wollte. „Höre genau hin.“ Ein weiteres Mal hatte er die Schnauze gesenkt und sie dichter an das linke Ohr der Wölfin geschoben, um leiser sprechen zu können. Seine Rute pendelte kurz etwas unruhig über den Boden, um den leichten, aufkommenden Stress in Anbetracht des bevorstehenden Bebens abzubauen.

Atalya hielt die Augen geschlossen, versuchte sich seine Worte zurück ins Gedächtnis zu rufen um tun zu können, was er ihr zuvor beigebracht hatte. Ein leises Schnaufen verließ ihren Fang, ehe sie vollkommen schwieg und sich einen Moment auf die Worte konzentrierte, die die sanfte Stimme des grauen Rüden nah am ihren Wort sagte. Genau hinhören. Sie dachte nicht an das Erdbeben, verdrängte auch die zuvor gefallenen Worte über die Götter aus ihrem Kopf. Nur sie. Sie spürte ihre Pfoten, den Boden darunter. Wieder atmete sie ruhig ein, ehe sie leicht den Fang öffnete. „Ich glaube, ich spüre es.“ Damit begann ihr Herz um einige Takte schneller zu schlagen, und im nächsten Moment stand sie wieder auf den Pfoten, schüttelte ein wenig nervös den grauen Pelz, ehe sich ihre Augen wieder auf Chivan richteten. Nun lag Sicherheit in ihrem Blick, wenn auch ein wenig getrübt. „Das ist es, ganz sicher.“

Chivan rührte sich nicht, nachdem er gesprochen hatte. Gespannt behielt er die Schnauze dicht an ihrem Ohr, um sie nicht in ihrer Ruhe zu stören. Dieses Mal schien sie sich tatsächlich zu bemühen, zu konzentrieren und Chivan war sich fast sicher, dass sie es dieses Mal auch schaffen würde. Noch brauchte sie unendlich viel Konzentration, um auf das zu hören, was ihr Herz ihr sagen wollte, doch wenn sie weiter versuchte, wenn sie weiter hinhörte, würde es irgendwann ein leichtes sein, solche Dinge zu spüren, ohne wirklich darauf zu achten. Und dass Atalya eine der Wölfe war, die gewiss dazu in der Lage waren, ihre Seele zu spüren, bezweifelte er nicht. Ein zufriedenes Lächeln schlich sich auf seine Lefzen, als sie ihre leisen Worte vernahm und schließlich hob auch er wieder den Kopf, als sich die Wölfin unruhig erhob. Er nickte knapp und schwieg einen Augenblick, ehe er sich mit einem neckenden Lächeln zu ihr herum wandte. „Glaubst du mir jetzt?“, sprach er, doch ihm war deutlich anzuhören, dass er es nicht ernst meinte.

Atalya strich mit einer Pfote über das Gras unter ihr, ließ den Blick dabei noch einmal über den See schweifen, bishin zu den Bäumen in ihrer Nähe. Sie erinnerte sich an das erste Erdbeben, daran, dass Bäume umgefallen waren, sie in wirkliche Gefahr gebracht hatten. Aber sie schienen nun einigermaßen sicher, fern von den Stämmen, die auf sie hinab fallen konnten. // Und mit einem belustigten Gedanken schüttelte sie leicht den Kopf. Sie brauchten sich jetzt ja keine Sorgen mehr machen. Immerhin konnte sie jetzt ja Erdbeben vorher sagen. Ein leises Schnaufen folgte, als sie den hellen Blick wieder auf Chivan richtete, der nun in neckende Stimmung verfiel. Mit einem leisen Auflachen hob die Graue den Kopf ein wenig an, musterte den Rüden mit vielsagendem Blick. „Wenn die Erde wirklich bebt – dann glaube ich dir.“

Chivan schüttelte den Pelz ein wenig, nachdem die taffe Antwort der Jungwölfin an seine Ohren drang. Sie hatte es tatsächlich faustdick hinter den Ohren. Ein weiteres Mal hatte sie es geschafft, ihm ein belustigtes Grinsen auf die Züge zu zaubern. Scheinbar resignierend schnickte er den Kopf etwas zur Seite. „Dann kann ich ja nur hoffen. Ansonsten stempelst du mich als alten Irren ab, was?“ Ein weiteres Mal setzte er sich nun in Bewegung, lief ein paar Schritte zurück zum Wasser und versenkte die Vorderläufe im See, „Wie würdest du dir sonst dieses Gefühl erklären? Dann, wenn kein Beben folgt?“ Interessiert drehte er den Kopf zurück zu Atalya und hob eine Augenbraue. Doch er ließ es ihr frei, ihm darauf zu antworten. Und so, wie sie ihn inzwischen kennengelernt hatte, wusste sie das sicherlich auch.

Atalya blickte kurz auf den Boden unter sich, jedoch regte sich in diesem Moment noch Nichts unter ihren Pfoten, sodass sie den Blick wieder anhob. Chivan grinste derweil ruhig, und bei seinen Worten verließ ein Auflachen den Fang der jungen Wölfin. „Vielleicht habe ich das ja sogar schon?“ Sie wog leicht den Kopf, trat dann wieder an die Seite des grauen Wolfes. Sie blieb stehen, als ihre Läufe leicht von Wasser umspült waren, blickte dann ruhig zu dem Wolf an ihrer Seite, der nun erneut eine Frage an sie richtete. Nachdenkend wog sie den Kopf leicht zur Seite, grübelte still über eine Antwort, als etwas Anderes sie aus den Gedanken riß. Ganz automatisch trat die Fähe einen Schritt zurück, als das Wasser ein wenig stärker gegen ihre Läufe schwappte, und die das leichte Beben unter ihren Pfoten spürte. Sie neigte die Ohren zurück, spannte ihren Körper dabei an, um nicht wie beim ersten Mal unsanft auf dem Boden zu landen. Fast schon hilfesuchend – jedoch nur für einen Herzschlag – blickte sie zu Chivan. Sie war Atalya – die Furchtlose. Auch so ein Erdbeben würde das nicht ändern!

Chivan erwiderte den Blick der grauen Fähe ruhig, allerdings verengten sich seine Seelenspiegel bei ihrer Antwort etwas, das Lächeln allerdings verblasst kein bisschen. So, so. Sie hatte ihn also vielleicht schon als alten Irren abgestempelt? Nicht, dass der Bunte damit ein Problem gehabt hätte. Sie wäre nicht die erste, die ihm die Bezeichnung ‚irre‘ hinterherwarf, angefangen bei seinem Bruder, der in dieser Beziehung allerdings weitaus mehr abbekommen hatte, als Chivan behaupten konnte. Und alt – er war nicht mehr der Jüngste. Diese Tage waren vorbei und hätte Atalya gefragt, so hätte er ihr wohl ans Herz gelegt, diese Zeit zu genießen – zu genießen, ein Jungwolf zu sein und sich nicht älter zu geben, als man eigentlich war. Den Blick noch immer interessiert auf Atalya gerichtet merkte auch er, als der Boden unter ihnen plötzlich zu beben begann. Das Wasser bewegte sich und Chivan bewegte sich mit einem leichten Ruck nach vorne, ehe auch er sich aus dem See zurück zum Ufer zog. Die Ohren des Rüden drehten sich, während sein Blick automatisch versuchte, die Lage zu überblicken und schließlich an Atalya hängen blieb. Kurz hatte er das Gefühl gehabt, etwas Hilfesuchendes in ihrem Blick zu erkennen, doch es war so schnell verschwunden, dass er glaubte, es sich nur eingebildet zu haben. Auch er spannte die Läufe etwas an und machte sich auf das Schlimmste gefasst, doch es schien weitaus nicht so stark wie einige der anderen Beben, die hinter ihnen lagen. Kaum hatte es begonnen, so schnell endete es auch wieder und nicht mehr als das noch immer schwappende Wasser deutete mehr darauf hin. Der Bunte richtete die Läufe, hob den Kopf wieder und spähte mit ernster Sorge zu der jungen Fähe. „Alles in Ordnung?“ Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu, schnupperte kurz, doch sie schien unverletzt, sodass im nächsten Moment wieder ein Lächeln auf seinen Lefzen erschien. „Jetzt musst du wohl ein ‚der Recht hat‘ an dein ‚alter Irrer‘ hängen.“

Atalya schloß die Augen, während die Erde unter ihren Läufen sich langsam wohl wieder zu beruhigen schien. Schließlich schwappte das Wasser nur noch ein wenig, und dieses Mal schienen keine größeren Schäden entstanden zu sein. Sie hörte keine Bäume brechen, keine angsterfüllten Schreie über dem Rudelplatz. Nun nahm sie das leise Geräusch der Pfoten wahr, die auf sie zu traten, und als der Graue zu ihr sprach, öffnete Atalya die hellen Augen, richtete den Kopf zu Chivan herum und schüttelte auf seine Frage hin leicht den Kopf. „Alles in Ordnung.“ Erst jetzt entspannte sich auch die Graue wieder ein wenig, atmete ruhig ein und hob den Kopf dann ein wenig an. Nun hob die junge Wölfin jedoch eine Augenbraue, als Chivan erneut zu sprechen begann. Sie lachte leise auf, trat dann zum Wasser und senkte leicht den Kopf. „Dieses eine Mal gebe ich mich geschlagen, alter Irrer.“ Mit einem weiteren Grinsen wandte sie sich nun dem See zu, fuhr mit der Zunge in das frische Nass, um ihren Durst zu stillen.

Chivan hatte - kaum hatte er sich mehr oder minder der Unverletztheit seiner Gesprächspartnerin überzeugt - kurz einen Blick über die Schulter geworfen, doch es blieb still und schien so, als wäre kein größerer Zwischenfall eingetreten. Es war ein leichtes Beben gewesen - leichter als viele, die sie bereits hinter sich hatten - und dennoch brachte es genauso viel Angst mit sich, wie alle anderen. Der Bunte atmete tief durch, schnaufte schließlich und wandte sich mit einem beruhigten Lächeln an Atalya. Er nickte ihr knapp zu, ehe seine Lefzen sich wieder ein Stück nach hinten zogen und er mit einem Ohr schnippte. Da hatte er ja nochmal Glück gehabt, dass sie sich geschlagen gab. Er verharrte an Ort und Stelle, als die Wölfin zurück zum Wasser trat und ließ schließlich seinen blauen Blick über die Umgebung schweifen, ehe er sich doch in Bewegung setzte. Eines der vorangegangenen Erdbeben hatte einen Baum in Ufernähe entwurzelt und ihn in den See gestürtzt. Mit einem geschickten Sprung setzte er mit den Pfoten auf dem Stamm auf. Nun hatte er auch einen besseren Blick zurück zum Rudelplatz und es schien keinen Grund zur Sorge zu geben. „Vielleicht sollten wir gleich zurückgehen. Es scheint zwar nichts passiert zu sein, aber nicht, dass sich jemand um dich sorgt.“

Atalya hielt den Kopf über der Wasseroberfläche, selbst als sie aufgehört hatte, zu trinken. Sie betrachtete einige Herzschläge lang ihr eigenes Spiegelbild, die Wolken die über sie hinweg zogen. Und für einen kurzen Moment schloß sie auch die Augen, lauschte noch einmal besorgt gen Rudelplatz, genau wie sie auf die Bewegungen des grauen Rüden achtete. Dieser trat von ihrer Seite, bewegte sich zu einem Baumstamm, auf den er sich mit einem Sprung beförderte. Nun hob die junge Fähe den Kopf, verdrehte leicht die Ohren und musste bei den Worten des Rüden dann leicht auflachen. Sorgen machen? „Um mich muss man sich keine Sorgen machen. Aber ja, lass uns zurück gehen.“ Sie nickte noch einmal, ließ den Blick dann schweifen und wandte sich herum, den Weg zum Rudelplatz antretend. Nur kurz wandte Atalya den Kopf herum, prüfte, ob Chivan ihr folgte.

Chivan neigte den Kopf bei der Reaktion der grauen Wölfin kurz zur Seite, doch im Grunde hätte er damit rechnen müssen. Es war die erwachsene Seite, die sie an sich hatte und hinter der sie sich offenbar zu verstecken versuchte. Doch trotz der Meinung, dass sich um sie niemand sorgen würde, war sie bereit, umzukehren und dort doch nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht glaubte sie nicht, dass sich jemand um sie sorgte, um die anderen schien sie sich aber dann doch zu sorgen, wie der Bunte glaubte. Er sprang wieder von dem Baumstamm herab, landete im Wasser und schloss gleich darauf zu Atalya auf. Kaum lief er wieder an ihrer Seite, schüttelte er den Pelz und spähte dann wieder zu ihr hinüber. „Ich habe keine Zweifel daran, dass du auf dich aufpassen kannst, aber ich bin mir sicher, dass deine Mutter doch beruhigt ist, wenn sie weiß, dass du unversehrt bist.“

Atalya wandte den Blick wieder nach vorn, als sie sah, wie Chivan von dem Baumstamm hinab sprang, und ihr wohl folgen würde. Das Beben war nicht sonderlich stark gewesen, vor allem im Vergleich zu dem ersten, am Sumpf. Und dennoch war es ihr lieber, wenn sie einfach nur nach dem Rudel sehen konnte, vor allem nach ihrer Familie. Es dauerte nicht lange, bis Chivan aufgeholt hatte, und wunderbarerweise gleich seinen Pelz des Wasser entledigte - und ihren Pelz damit besudelte. Die Graue murrte leise, warf dem Rüden dann einen vorwurfsvollen Blick zu. „Na vielen Dank auch.“ Mit einem kurzen Happs schnappte sie nach seinem Pelz, zog kurz daran, ehe sie wieder losließ, den Blick nach vorn gerichtet. „Die weiß genauso gut wie du, dass ich auf mich aufpassen kann.“ Sie grinste dem Grauen kurz zu, seufzte dann jedoch tonlos.

FORTSETZUNG