20.04.2013, 23:03
Gerade einmal kurze Zeit bevor Chanuka damals gegangen war, hatte er diesen Ort noch so sehr gemieden. All die schönen Erinnerungen ... als er mit Papa die Feder eingebuddelt hatte und sie sich endlich näher gekommen waren, dann die Tage an denen er hier in der Stille hatte verweilen können, manchmal sogar mit Liel an seiner Seite. Ja, Liel. Liel durfte immer bei ihm sein. Sie war die Einzige, die nicht unter die Kategorie „niemand“ fiel, wenn er von sich aus behauptete, dass er niemanden in seiner Nähe haben wollte. Für sie hatte er immer Zeit, schließlich hatte sie das ja auch für ihn! Er war ihr dankbar dafür, dass sie immer da war und dass er ihr so vieles anvertrauen konnte, umso mehr tat es ihm aber weh, dass er ihr wahrscheinlich damit wehgetan hatte, dass er plötzlich für einige Zeit verschwunden war. Dann noch der Tag an dem er und Tyraleen ... Mama sich etwas näher gekommen waren. Das erste Mal, dass sie sich richtig unterhalten hatten, sich etwas näher gekommen waren, das war auch hier ... hier unter dem Federbaum gewesen. Und dann gab es da noch die Erinnerungen, die die Schönen überwogen und Chanuka dazu veranlasst hatten eine ganze Zeit lang einen großen Bogen um seinen Federbaum zu machen. Der Tod Tascurios, der Streit zwischen Mama und Papa ... der Schmerz, den sie sich in diesem Moment nicht nur geistig zugefügt hatten. Dinge, die er mit diesem Ort verband und die er wohl ebenso wenig vergessen konnte wie jene Dinge, an die er sich immer wieder gerne erinnerte. Wie gut, dass Malakím damals da gewesen war um die zwei auseinander zu bringen. Was sonst wohl passiert wäre? Seufzend und mit zugekniffen Augen schüttelte der schwarze Rüde den Kopf. Nein, daran wollte er jetzt nicht denken. Er hatte diesen Ort so lange und so sehr gemocht, dass es fast nur eine Frage der Zeit war, bis er wieder hierher zurückkehren würde. Ob er für Tyraleen auch so eine besondere Bedeutung erhalten hatte? Chanuka musste sich eingestehen, dass er diesbezüglich sehr neugierig war. Im Übrigen war er auch sehr neugierig darauf, wie das hier alles ablaufen würde, ihr ganz eigenes und geheimes Treffen. Er hat vorher - als er auf dem Weg hierher gewesen war - die ganze Zeit schon darüber nachgedacht. Fast schon genau so wie damals, als er urplötzlich nicht mehr wusste was er sagen sollte als er seiner Mama dann von einem Moment auf den anderen gegenüberstanden hatte. Vielleicht würde er jetzt ja wieder eine Denkpause einlegen müssen und für kurze Zeit vergessen, was er eigentlich vorhatte. Der Jüngling grummelte. Pah, dieses Mal würde es besser werden, hoffentlich. Während er sich also schon innerlich irgendwie verrückt machte, war die Situation eigentlich genau wie damals, als Tyraleen zu ihm gekommen war - da aber völlig unerwartet. Sein Kopf war auf dem Boden abgelegt, von dem aus einige Grashalme an seinem Fang kitzelten, die Augen leicht geschlossen und im Allgemeinen – passend zu seinen Gedankenzügen – etwas verträumt dreinblickend.
Tyraleen war erschöpft von der Wanderung in den Norden und den immer wieder auftretenden Beben. In ihrem Kopf rotierten die Gedanken, Sorgen überschlugen sich, alles war verquer. Aber dann war da plötzlich Chanuka gewesen - ihr Chanuka, der doch in etwa seit dem Verschwinden Neruís ebenfalls nicht mehr beim Rudel gewesen war. Mit Malakím zusammen war er aufgebrochen ... und jetzt war er wieder da. Tatsächlich hatte er es damit geschafft, sie kurzzeitig von all den Sorgen abzulenken und nur darüber nachzudenken, warum er sie beim Federbaum auf der Blumenwiese treffen wollte. Ausgerechnet ... so sorgsam hatte sie diesen Bereich gemieden, viel zu schwer lastete die Erinnerung an diesen einen, schrecklichen Tag darauf. Aber natürlich hatte sie sich darauf eingelassen und nun steuerte sie auf ihren Sohn zu, der wie schon einmal unter dem federntragenden Baum lag. Ihre Pfoten traten auf das gleiche Gras und ihr Blick schweifte über die gleichen Baumreihen wie damals ... aber sie schluckte die Erinnerungen hinunter. Heute gab es neue Sorgen und neuen Kummer und gleichzeitig auch eine neue Begegnung mit ihrem neuesten Sohn. Sie versuchte ein leichtes Lächeln und hielt schließlich vor Chanuka inne, ihn sacht an der Nase berührend. "Hallo Chanuka."
Die Ohren des Rüden waren bereits aufmerksam in die Richtung seiner Mama gezuckt, als er gehört hatte wie die Grashalme unter ihren Pfoten einknickten und sich hinter ihr alle langsam und für sich wieder aufstellten. Dieses Rascheln war dann auch für ihn, der doch gerne mal vor sich hin träumte, hörbar gewesen. Aufschluss darüber ob es wirklich Tyraleen war, die sich dort auf ihn zubewegte gab letztendlich ihr Geruch. Im Verhältnis zu den Geräuschen war der nämlich unverwechselbar. So vertraut, mütterlich eben, selbst wenn das eigentlich nie der direkte Fall gewesen war, so einladend. Chanuka musste sich eingestehen, dass er sich zumindest mit den Gedanken einen Schritt zurück bewegt hatte. Er konnte es aber nicht leugnen, dass er wirklich noch sehr an Banshee als seiner Mutter hing. Wobei ... eigentlich gab sie diese Position ja nicht ab, nur wenn er Tyraleen auch wirklich als seine Mutter ansah, oder? Das war sie ja eigentlich auch ebenso sehr wie Banshee, sie war auch seine Mama. Obwohl er sie recht früh bemerkt hatte, hatte er relativ spät registriert, dass sie schon unmittelbar vor ihm stand, als es dann soweit war. Die bernsteinfarbenen Seelenspiegel suchten kurz den Schutz unter den Lidern, als Chanuka ihre Berührung auf sich wirken ließ. Wenig später öffneten sie sich dann wieder und der Kopf hob sich etwas an. „Hallo Tyraleen.“
Tyraleen konnte nur hoffen, dass Chanukas nachdenkliches Gesicht nicht darauf hinwies, dass auch seine Gedanken in Richtung der vergangenen Ereignisse drifteten. Immerhin musste ihm klar sein, was auf dieser Wiese passiert war, auch wenn er glücklicherweise keine schrecklichen Bilder dazu im Kopf hatte. Noch einmal musste sie schlucken, dann ließ auch sie sich nieder und legte den Kopf ganz leicht schräg. "Ich freue mich sehr, dass du wieder bei uns bist. Ich habe dich vermisst." Es war ihr wichtig, das gesagt zu haben, bevor Chanuka möglicherweise auf etwas anderes zu sprechen kommen würde. Immerhin hatte er sie um dieses Gespräch gebeten und auch wenn die Weiße es nicht zugeben wollte - sie machte sich auch darüber zu viele Gedanken.
Aufmerksam guckte Chanuka in das Augenpaar seiner Mama, als sie anfing zu sprechen. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lefzen aus, als sie ausgesprochen hatte, veranlasste ihn zeitgleich aber auch dazu wieder ein wenig an die Vergangenheit zu denken. Einige Zeit nach den damaligen Ereignissen hatte der junge Rüde sich mit Malakím über alles ein wenig unterhalten. Er hatte damals selbst erwähnt, dass er nicht wollte, dass seine Familie zerbrach; es ihm unwahrscheinlich wehtun würde wenn er selbst irgendwann von ihnen getrennt werden sollte. Auch dass er niemals das Gefühl von Vermissen für seine Familie empfinden wollte, wenn er doch eigentlich bei ihnen sein konnte. Grade dieser Fall, den er damals so sehr betont hatte, war nun doch eingetreten. Und am Ende dieser bisher recht angenehmen Situation würde Chanuka auch nochmal fortgehen ehe er dann endgültig wiederkommen konnte. Aber es wäre zu schade sich jetzt schon mit dem kommenden Abschied zu beschäftigen. Innerlich freute er sich eigentlich viel zu sehr darüber wieder hier zu sein, wieso also gleich wieder an das Unschöne denken? Bevor der Jungrüde dann also selbst das Wort erhob, schmiegte er sein Köpfchen an das Halsfell seiner Mama. Währenddessen stieß er ein Seufzen aus, ganz so als wäre ihm eine zeitweilige Last von den Schultern gefallen. „Ich habe dich auch vermisst Tyraleen. Ich habe euch alle vermisst ...“
Tyraleen stimmte ganz automatisch in das wohlige Seufzen ihres Sohnes ein, als der sich in ihren Pelz schmiegte. Wie immer war sie bei ihm unsicher, welche Nähe sie ihm schenken durfte - umso schöner war es, wenn er ihr so unkompliziert die Sorgen nahm. So fuhr sie ihm liebevoll mit der Zunge über den Kopf und zupfte ihm sacht an beiden Ohren. "Hast du denn gefunden, was du gesucht hast?" Denn irgendwas suchte man wohl immer, wenn man sein Zuhause verließ.
Chanuka verweilte ein wenig in dieser Position, beließ es auch noch dabei, als seine Mama wieder angefangen hatte zu sprechen. Ja, hatte er denn schon gefunden wonach er gesucht hatte? Eigentlich wusste er gar nicht richtig wie er darauf antworten sollte. Als richtig gefunden konnte man es ja nicht bezeichnen, wenn er noch einmal fort musste. Die Tatsache, dass er sich aber wieder zu seinem Federbaum traute konnte doch erst dadurch möglich werden, dass er überhaupt weg gewesen war. Er hob seinen Kopf wieder an um Tyraleen während des Sprechens in die Augen sehen zu können. „So fast. Einen kleinen Zweck hat mein Verschwinden aber schon gehabt, auch wenn ich glaube, dass es auch anders gegangen wäre. Weißt du ... ich habe diesen Ort hier nicht ganz grundlos für heute ausgewählt. Erst dadurch, worüber ich nachgedacht habe und dadurch, womit ich mich auseinandergesetzt habe, ist es mir überhaupt möglich, hier wieder herzukommen. Mein Federbaum, mein Lieblingsplatz. Wie ist es denn für dich, Tyraleen?“ Dass er nicht grade unbegabt darin war ein Thema einfach abzuschließen und dann mit etwas anzufangen, was nicht zwangsweise mit dem zuvor etwas zu tun hatte, kannte man ja schon von ihm.
Tyraleens Kopf legte sich wieder leicht schräg, als Chanuka ihr eine reichlich undurchsichtige Antwort gab und gleich darauf zu einem zumindest auf den ersten Blick ganz anderen Thema lenkte. Zudem einem Thema, das wieder das Unbehagen von Eben aufkommen ließ. "Worüber hast du denn nachgedacht?", fragte sie so zunächst und versuchte dann die richtige Antwort auf die an sie gerichtete Frage zu finden. Wie war es für sie? Natürlich hart, Bilder wollten vor ihrem inneren Auge aufsteigen, die sie nie wieder hatte sehen wollen ... aber es war auch gut, schönere Erlebnisse das Alte verdrängen zu lassen. "Ich weiß es ehrlich gesagt nicht ... die Erinnerungen sind nicht schön, aber dieser Ort war auch schon vorher etwas Besonderes und wird es immer bleiben."
Es war eigentlich schon verständlich gewesen, dass so eine unklare Antwort nicht ausreichen würde. Chanuka hatte über so vieles nachgedacht ... „Über damals … was passiert ist, vor allem hier, unter meinem Federbaum. Nicht aber im negativen Sinne, auf dich bezogen, Mama. Wir hatten ja schon einmal darüber gesprochen und ich weiß, dass es richtig gewesen sein muss, wenn du es für richtig gehalten hast. Viel eher im Allgemeinen und über unsere Familie.“ Tatsächlich musste der Jungrüde hier einen Ausweg finden, der aber natürlich wahr war. Er wollte nicht lügen – hätte er jetzt weiter gesprochen, hätte er wahrscheinlich auch das Geheimnis verraten, was er nur zusammen mit seinem Bruder wahrte. Das wollte er nicht. Das hatte er versprochen. „Ja, dieser Ort ist was Besonderes. Mittlerweile denke ich auch etwas anders, als noch zuvor, wo ich ihn so sehr gemieden habe. Tascurio war toll und er ist - wie vieles andere auch - ein Teil von diesem Ort geworden.“ Kurz blickte Chanuka zur Krone des Federbaumes auf. „Gekennzeichnet durch eine dieser Feder kann ich hier an ihn denken, wie er war und wie es ihm jetzt vielleicht geht.“
Tyraleen hatte natürlich damit gerechnet, dass sich seine Gedanken um Tascurios Tod gedreht hatten, trotzdem musste sie jetzt schon wieder schlucken. Aber ihrem Sohn gelang es schnell wieder ein leichtes Lächeln auf ihre Lefzen zu zaubern, denn sofort schränkte er die aufkommenden Bilder ein und mit einem Mal hing da sogar ein „Mama“ in der Luft. War es das erste Mal, dass er sie so genannt hatte? Mitten im Gespräch, ohne etwas Besonderes daraus zu machen. Es fühlte sich warm an, als wäre es selbstverständlich. "Ich bin froh, dass du dir nicht mehr zu viele Gedanken über das Vergangene machst. Es wird immer ein Teil von uns, von mir, bleiben, aber es ist trotzdem Vergangenheit. Welche Erkenntnisse hast du aus diesem Nachdenken über unsere Familie gewonnen? Ich hoffe Gute?" Erstaunlich, wie sicher das Lächeln nun auf ihren Lefzen lag, als hätte es nur dieses kurze Gespräch mit Chanuka gebraucht. Ihr Blick folgte dem ihres Sohnes und verfing sich in den Ästen des Baumes, wieder auch alte Erinnerungen sehend - doch dieses Mal schöne. "Ja ... für jede schöne Erinnerung wächst eine Feder und trotz allem gibt es auch welche für Tascurio."
Chanukas Blick senkte sich wieder und dann konnte er auch gar nicht widerstehen, das Lächeln zu erwidern, welches seine Mama ihm in diesem Moment schenkte. Grade die Selbstverständlichkeit, mit der sie es aufgenommen hatte machte es für ihn nämlich gar nicht einsehbar, worüber sie lächelte. So richtig bemerkt hatte er seine Worte jedenfalls nicht, ehrlich und bewusst waren sie aber gewesen, daran gab es keinen Zweifel. „Weißt du, ich habe damals viel mit bestimmten Freunden darüber gesprochen, wie ich darüber denke. Ich habe auch ein Versprechen gegeben, das ich bis jetzt nicht halten konnte ... aber trotzdem, die bisherigen Erkenntnisse waren durchaus Gute, glaube ich, ja. Ich mag Leid und Schmerz nicht und irgendwo ist alles vergänglich, so also auch diese Empfindungen. Vergessen ist schwierig, Akzeptieren und Verzeihen dafür aber einfacher. Ich will, dass wir irgendwann wieder ein richtiger Kreis sein können. Ohne große Lücken, auch wenn einige nicht mehr gefüllt werden können.“
Tyraleen hielt einen Moment den lächelnden Blick mit ihrem Sohn aufrecht, dann fuhr sie ihm wieder mit der Zunge über den Kopf - einfach so, weil sie ihm Zuneigung schenken wollte und weil sie nicht daran zweifelte, es zu dürfen. Seine Worte ließen ihre Stirn unmerklich Falten werfen, klang er doch jetzt wieder ein wenig niedergeschlagen. Nicht gehaltene Versprechen ... sie war sich nicht sicher, ob sie nachfragen sollte. "Ich freue mich wirklich, dass du so darüber denken kannst und sich trotz der vielen Veränderungen deine Einstellung nicht geändert hat. Vieles andere hat sich gewandelt, vieles auch nicht zum Guten. Vielleicht können wir dennoch diesen Kreis finden, mein Wunsch wird es immer bleiben." Ihr Lächeln war trauriger geworden. "Und wenn wir beide es wünschen, wird es schon ein bisschen wahrscheinlicher."
Natürlich würde Chanuka nicht vergessen können was passiert war. Man konnte die Vergangenheit nicht mehr ändern und nur, weil er sich wirklich sehr lange und ausgiebig mit alldem beschäftigt hatte, hatte er es immer noch nicht geschafft darüber wegzukommen – und das würde er wohl auch nie. Allerdings hatten die schönen Erinnerungen wieder die Oberhand gewonnen, immerhin war er doch ein Sohn Engayas! Während diesen Gedanken zeitgleich die Zuneigung seiner Mutter genießend, blickte er kurz auf seinen Pelz. Fenris hatte ihn in sein Kleid gehüllt, nicht aber seine Persönlichkeit bestimmt. Trotzdem hatte alles irgendwo seine Richtigkeit. Etwas aufmunternder lächelnd als Tyraleen es in diesem Moment tat, schaute er sie kurz darauf wieder an, teilweise auch um ihr nun getrübtes Lächeln wieder besser zu machen. „Ich finde, dass meine Einstellung richtig ist, daher will ich auch nichts an ihr ändern. Wenn wir uns ganz viel Mühe geben, wird unser Wunsch vielleicht sogar irgendwann Wirklichkeit werden. Das wäre sehr schön. Auf mich können Engaya und Mama-Banshee da jedenfalls zählen! Sie würden sich bestimmt sehr darüber freuen, wenn sie sehen könnten, dass wir uns alle wieder besser verstehen.“
Tyraleen fing das beinahe aufmunternde Lächeln ihres Sohnes auf und fragte sich, wann er eigentlich so erwachsen und fast schon selbstsicher geworden war. Seit dem Tod Tascurios hatte sich viel verändert und als positiv ließ sich doch zumindest die Entwicklung ihrer anderen Kinder ansehen. Jeder Einzelne von ihnen hatte mit dem Verlust seines Bruders ein Stück von sich selbst gefunden. Ein merkwürdiger Gedanke, den sie jetzt nicht vertiefen wollte, dafür war die Zeit mit Chanuka viel zu wertvoll. "Ich habe mich sehr oft gefragt, was Banshee wohl denkt, wenn sie unsere eingeschlagene Wege sieht. Ich glaube ... vor allem auf dich ist sie sehr stolz." Was gleichzeitig auch bedeutete, dass Tyraleen ein Gefühl von Stolz empfand, wenn sie ihren Sohn betrachtete. "Darf ich dich fragen, wo du gewesen bist?", fragte sie dann etwas vorsichtiger nach. Es interessierte die Weiße doch zu sehr, als dass sie es vergessen könnte.
Zu der Aussage seiner Mutter hatte Chanuka definitiv nichts Weiteres zu ergänzen. Banshee war stolz auf ihn, besonders auf ihn. Dass seine Mutter ihren eigenen Stolz in diese Aussage mit einmischte schien ihm in diesem Moment aber nicht recht aufzufallen. Tatsache war aber, dass man in seinem Ausdruck erkennen konnte, dass ihn dieser Gedanke sehr erfreute. Da er Tyraleens Aussage nicht weiter quittierte, blieb also auch offen, ob er vielleicht verstanden hatte, dass sie da auch nicht nur für Banshee sprach, sondern auch für sich selbst. Als sie dann schließlich wieder das Thema wechselte, wanderten seine bernsteinfarbenen Seelenspiegel kurz etwas nachdenklich zum Himmel, blickten wenige Sekunden später aber wieder in das Antlitz seiner Mutter. „Ja, natürlich darfst du das. Ich bin erst etwas mit Malakím unterwegs gewesen, wir waren an der Grenze zum südlichen Nadelwald und sind dem Flussverlauf etwas gefolgt. Unsere Wege haben sich aber nach einigen Tagen getrennt und dann bin ich alleine weitergezogen.“ Chanuka schien nicht sonderlich wählerisch gewesen zu sein, was den Ort betraf, an dem er die Zeit verbringen wollte, die er nicht bei seiner Familie war. Aber es gab da unter Umständen auch noch andere Gründe, warum er grade dort hingegangen war.
Tyraleen hatte den Kopf ganz leicht schräg gelegt und war froh, als Chanuka ihren ersten Eindruck - dass er nicht über seine Abwesenheit sprechen wollte - widerlegte. Sein Zusammensein mit Malakím erstaunte sie nicht und zu hören, dass der fröhliche Engayawolf nun aber wohl fort war, hinterließ auch nur einen leicht bitteren Geschmack auf ihrer Zunge. Sie hatte immer gewusst, dass er nicht ewig bleiben würde und tatsächlich hatte er seine größten Aufgaben erfüllt ... Neruí war fort und sie hatten den Wintersommer überstanden. Und wenn sie sich entscheiden musste, so würde sie Chanuka Malakím vorziehen - also war es gut, so wie es war. Dass ihr Sohn allerdings die meiste Zeit im Revier geblieben war, verwunderte die Weiße und es hatte etwas Merkwürdiges an sich, dass er nicht gegangen und das Rudel doch gemieden hatte. "Also wolltest du gar nicht fortgehen?"
Hastig, fast schon unwirklich wirkend, fing Chanuka an seinen Kopf zu schütteln. „Nein, auf keinen Fall! Ich will doch nicht meine Familie allein lassen ... und das wollte ich eigentlich von vornherein nicht. Selbst wenn ich wollte, könnte ich das Revier glaube ich gar nicht verlassen. Im Rudel sind diejenigen, die auf mich warten – glaube ich – und auf die ich selbst auch warten würde. Das Rudel ist der Ort, wo ich mich zu Hause fühle und dort, wo dein zu Hause ist, ist es doch immer am Schönsten, oder nicht, Mama?“ Für diesen Moment legte der schwarze Jungrüde eine kleine Pause ein. Tatsächlich fühlte er sich mittlerweile als einen Teil, der einfach zum Rudel dazugehörte. Bedachte man die Momente seiner Kindheit wusste man, dass das nicht immer so gewesen war. Sein Lächeln wurde etwas schmaler. „Es tut mir unwahrscheinlich Leid, dass ich einige schier hab sitzen lassen, aber ich brauche etwas Zeit für mich ...“ Ob Tyraleen das „brauche“ wohl auffallen würde? Bewusst hatte Chanuka hier nicht die Vergangenheitsform gewählt, schließlich würde er noch einmal fortgehen.
Tyraleen spürte Erleichterung, als Chanuka hastig und mehr als deutlich den Kopf schüttelte und ihr damit zeigte, dass Fortgehen nie in seinem Sinne gewesen war. Natürlich wusste die Weiße, dass Jungwölfe ihre Eltern verließen, die Welt entdeckten und möglicherweise nie wiederkamen ... aber in ihrer Familie war es immer ein wenig anders gewesen, sie hatten zusammengehalten und gemeinsam in diesem Tal zu leben war für viele verlockender gewesen, als die Suche nach einer neuen Heimat. Und gerade Chanuka schien ihr kein Wolf, der gerne alleine in die Welt hinauszog. Froh, durch seine Worte in diesem Eindruck bestätigt zu werden fuhr sie ihm wieder mit der Zunge über die Ohren und nickte. "Dann bin ich froh. Nicht immer bleibt die Heimat auch das Zuhause." Aber das war nicht das Thema, über das sie nun sprechen wollte, denn Chanukas weiteren Worte ließen sie stutzen. "Du hast uns nicht sitzengelassen. Du bist ein freier Wolf und niemand zwingt dich, zu bleiben." Sie lächelte tapfer. "Brauchst du sie noch immer?"
Chanukas Blick hatte sich etwas gesenkt, die Augen hatten sich geschlossen und seine Lauscher hatten sich leicht an seinen Kopf angelegt, während Tyraleen ihm ein weiteres Mal mit ihrer Zunge über den Kopf strich. Erst als sie das ansprach, was Chanuka teilweise in seinem letzten Satz versteckt hatte, öffnete sich das Augenpaar wieder. Etwas trüb blickten seine Seelenspiegel nun auf den Boden, der zu den Pfoten der beiden Wölfe lag. „Ich ... ich denke schon, ja. Ich werde bald nochmal fortgehen müssen.“ Eigentlich wollte der Rüde noch etwas sagen, die Worte blieben ihm aber mehr oder weniger im Hals stecken. Er mochte den Gedanken überhaupt nicht nochmal zu gehen, auch wenn er es als notwendig ansah. Eigentlich wollte er noch erwähnen, dass es eventuell einfacher war, sich nur nochmal von Tyraleen zu trennen, statt vom ganzen Rudel. Irgendwie hatte er aber das Gefühl, dass das alles gleich viel Gewicht hatte. Ihm war klar gewesen, dass seine Mutter irgendwo vielleicht Verständnis haben würde – so schien es ja auch zu sein – trotzdem hatte er es sich irgendwie einfacher vorgestellt. Chanuka hatte noch etwas Zeit, der Gedanke allein sorgte aber bereits für eine Art von Unwohlsein.
Tyraleen konnte schon an Chanukas Reaktion auf ihre Frage erkennen, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Fast als würde er sich dafür schämen, betrachtete ihr Sohn seine Pfoten und sagte dann etwas Merkwürdiges. Er musste fort? Das klang, als hätte er eine Verabredung mit einem anderen Wolf oder zumindest so, als läge ihm ein klares Ziel vor Augen. Sie schluckte, nickte dann aber. "Wohin willst du gehen? Und warum musst du?" Aber weil ihre Fragen zu drängend klangen, setzte sie gleich noch nach: "Natürlich werde ich dich nicht aufhalten. Du bist so gut wie erwachsen, und weißt, was du tun musst." Wieder lächelte sie tapfer.
Tja, warum musste Chanuka denn? Ursprünglich war er nur gegangen, um wieder etwas mehr zu sich selbst zu finden. Er hatte zwar schon früh gezeigt, dass er irgendwie mit allem zu Recht kommen wollte - Tyraleen und er hatten sich schließlich nach Tascurios Tod schon einmal über die Sache unterhalten - die Auszeit hatte aber trotzdem sehr gut auf ihn gewirkt. Dass das bereits Früchte getragen hatte, hatte seine Mutter ja selbst schon bemerken können. Wäre im Grunde genommen dann auch alles so weit in Ordnung … hätte er da nicht noch etwas anderes gefunden, nachdem er nur indirekt gesucht hatte. Neruí ... wie jedes andere Rudelmitglied auch, gehörte sie zur Familie und irgendwie fühlte Chanuka sich dafür verantwortlich - auch wenn sie beide nie sonderlich viel miteinander zu tun gehabt hatten und sich auch irgendwie abstießen - der Spur auf den Grund zu gehen, die er ausgemacht hatte. Das war auch der Grund, warum das Zeitfenster in dem er hier sein konnte begrenzt war. Jede Sekunde könnte eine Sekunde sein, in der die Spur undeutlicher wurde und letztendlich gar nichts mehr brachte. Das wollte der schwarze Rüde nicht, nachdem er sie schon gefunden hatte. Bevor er nun wieder das Wort erhob, blickte er etwas ernster schauend auf. Auch seine Ohren hatten sich wieder überwiegend aufgestellt. „Ich glaube eine Spur von Neruí gefunden zu haben. Ich habe sie entdeckt, als ich dem Flussverlauf gefolgt bin. Auch wenn wir vielleicht nicht die besten Freunde sind, gehört sie trotzdem zum Rudel. Ich fühle mich dafür verantwortlich, das zu verfolgen - deshalb ... muss ich auch bald wieder gehen.“
Tyraleen entging der neue Ernst im Blick ihres Sohnes nicht und als er ihr antwortete, spürte sie wieder einen Hauch von Stolz, vermischt mit Hoffnung und Erstaunen. Neruí! Sie hatten alle längst aufgegeben nach ihr zu suchen und sich mit der Tatsache abgefunden, dass sie nun einmal fort war. Und jetzt hatte Chanuka eine neue Spur gefunden! "Das ist ja eine großartige Nachricht! Ich muss Aszrem sof..." sie verstummte abrupt und ihr Blick wurde nachdenklicher. "Geh sie suchen, mein Sohn. Und wenn du sie findest, freue ich mich genauso darauf, dich hier wieder willkommen zu heißen wie wenn die Spur sich verlieren sollte. Und vielleicht, findest du bei der Suche ja auch noch ein weiteres Stück von dir selbst." Jetzt lächelte sie wieder. Chanuka brauchte Zeit und sie würde sie ihm geben, auch wenn Aszrem dafür auf ein paar Informationen verzichten musste. Vielleicht war das auch besser so, denn neue Hoffnungen ohne die Gewissheit auf Erfolg, wollte sie nicht in ihm wecken.
Nun doch wieder schmal lächelnd, richtete Chanuka sich auf. Der Versuch allein hatte hier höchste Priorität, selbst wenn es noch so unwahrscheinlich war, dass der Jungrüde etwas finden würde. Er hatte das Ziel von seiner Reise in sein eigenes Ich noch nicht gefunden, demnach nickte er seiner Mutter dankbar zu als sie Verständnis dafür aufbrachte, dass es auch für ihn selbst bedeutsam war, mit dieser Suche allein fortzufahren. Ehe er nun schon die Abschiedsworte aussprach, die er ohnehin schon so lange versuchte herauszuzögern, wie es nur ging, senkte er seinen Kopf nochmal ein Stück um ihn an den seiner Mutter zu schmiegen. Auch hierbei schlossen sich seine Augen wieder kurz. Es war etwas ungewöhnlich von ihm aber er hielt es jetzt grade einfach für richtig und ihm war eben danach. War immerhin auch nicht das erste Mal, dass Tyraleen damit Erfahrung machte, dass ihrem Sohn „einfach so“ nach solchen Gesten sein konnte.
Tyraleen tat es ihrem Sohn nach und richtete sich ebenfalls auf. Nun also kam der Abschied, aber die Weiße ließ Chanuka gerne gehen. Er brauchte Zeit und die Hoffnung, eine Nachricht über Neruís Verbleib zu erhalten, ließ sich damit verbinden - sie konnte sich nicht beschweren. Außerdem hatte ihr Sohn gesagt, dass er wiederkommen würde und sie wusste, dass er dieses Versprechen halten würde. Zärtlich erwiderte sie seine Geste, fuhr ihm mit der Nase durch das dunkle Fell und schloss kurz die Augen. "Pass auf dich auf, mein Sohn. Ich warte auf dich."
Einige weitere, viel zu kurz wirkende Momente verweilte Chanuka noch, dann drehte er sich um und machte bereits einige Schritte in Richtung Nadelwald und Fluss. Nachdem er sich schon einige Meter von Tyraleen und somit auch von seinem Federbaum entfernt hatte, blieb er nochmal kurz stehen um seinen Kopf in ihre Richtung zu neigen. „Ich werde bald wieder da sein, mach dir keine Sorgen!“ Binnen einer Sekunde nachdem das letzte Wort ausgesprochen war machte er einen Satz noch vorne und rannte in die Richtung, in der er das letzte Anzeichen von Neruí gefunden hatte. Er hatte bewusst nicht versprochen, dass er sie gleich mitbringen würde, schließlich wusste er nicht, auf was er noch treffen würde. Ein Versprechen hatte Tyraleen aber auf jeden Fall: Bald würde ihr Sohn wieder da sein.