26.04.2013, 16:13
Alltäglich gewohnte und schon längst vergessene Gesichter flimmerten auf der Oberfläche des Sternensees. Die Gestalten erschienen, bewegten ihre verschwommenen Lefzen und verblassten langsam wieder. Es war fast, als würden diese Wölfe aus den Tiefen des Sees zu ihr hinaufsteigen, ihr etwas mitteilen zu wollen, aber bevor sie irgendetwas vollbracht hatten wieder von einer unbekannten Macht herabgezogen. Sie hörte ihr Gemurmel nur ganz dumpf und schwer verständlich. Manchmal konnte sie ein Wort ausmachen, doch selbst dann vergaß sie es auf kuriose Weise einige Augenblicke später. Es reizte Amáya, machte sie zornig. Dann kam die Verzweiflung und schließlich die Resignation. So wollte man doch jeden Morgen geweckt werden. Eine kichernde und hinterlistige Fellkugel die aus dem Himmel plumpste. Ihre Lefzen zuckten zu einem kleinen Schmunzeln und bald schnüffelte ein kleines schwarzes Näschen daran herum. Es war irgendwie seltsam und doch nicht falsch, wie selbstverständlich sich der Welpe an sie kuschelte. Irgendetwas im Inneren der Fähe schrie auf, doch ob es vor Freude oder Schmerz war, das konnte sie nicht entscheiden. Der Sohn Sheenas und Jakashs war wahrlich ein kleiner Engel - wie gesannt um ihr ein wenig Glück in die grauen Tage zu bringen. Sie war vielleicht noch etwas zögerlich was die Akzeptanz dieses Glückes anging - so klein es auch war, sie war es gewohnt, dass es bald wieder zersplitterte. Aber die Art des Schneeweißen ließ ihr nicht sonderlich viel Wahl oder Zeit um nachzudenken.
Er hatte nicht gezielt nach ihr gesucht, aber als er Amáya erkannte, hellte sich seine Miene auf und er steuerte direkt auf sie zu. In seinem Kopf verband sich seine Tante direkt mit Wärme, außerdem war sie nett und er hatte schon eine ganze Weile nicht mehr mit ihr gekuschelt. Und sie schlief auch noch gar nicht, wie es aussah. Erfreut beschleunigte der weiße Welpe und schlich sich schließlich von hinten an seine Sonnentante heran. Mit einem fröhlichen Funkeln in den Augen gab er sich riesige Mühe, ganz ganz leise zu sein und hüpfte ihr schließlich mit einem großen Satz auf den Rücken. Im Vergleich zum letzten Mal hatte er kaum merklich zugenommen, aber einen kleinen Schrecken hatte er ihr vielleicht trotzdem eingejagt, zumindest hoffte er darauf.
„Hallo Tante Amáya“, begrüßte er sie und strahlte. „Du schläfst ja gar nicht.“
Das fand er ausgesprochen gut und das hörte man ihm an. Schnell hüpfte er wieder von ihrem Rücken herunter, lief bis nach vorn zu ihrem Kopf und stupste ihr rutwedelnd gegen die Lefzen, um die richtige Begrüßung auch nicht zu vergessen.
30.04.2013, 21:16
Sie schreckte auf, ganz plötzlich und ohne richtigen Zusammenhang. Blinzelnd starrte sie vor sich hin und es war ihr, als würden aus den Schatten immer noch Gesichter auftauchen. Doch der Sternensee war verloren. Sie waren nicht in ihrer Heimat. Ein erneuter Stich in ihre Brust, an den sie sich mittlerweile eigentlich hätte gewöhnen sollen. Unruhig schweifte ihr Blick weiter, doch sie konnte ihre Gedanken nicht ganz vom Traum lösen. Was hatte er wohl für eine Bedeutung? Hatte er überhaupt eine? Bestimmt. Doch sie war viel zu erschöpft um darüber nachzudenken, obwohl sie geschlafen hatte. Wieder einschlafen wollte sie trotzdem nicht, schließlich war die Sonne bereits aufgegangen. Der Großteil des Rudels schien noch nicht wach zu sein. Vielleicht konnte sie einfach existieren, ohne etwas zu machen. Denken müsste sie so oder so - aber es konnte ruhig Schwachsinn sein. Sie konnte im Moment noch keine Energie für richtig große Schritte aufbringen. Zeit verstrich, während sie ziemlich leer vor sich hin starrte. Nicht viel Zeit, aber auch nicht wenig und sie machte sich erst recht nicht Mühe sie irgendwo einzuordnen. So damit beschäftigt einfach da zu sein, bemerkte sie den sich anschleichenden Rabauken gar nicht, bis er ihr wie aus dem Himmel geplumpst auf ihren Rücken warf.
"Was zur-", entkam es ihr perplex, aber sie verbiss sich schnell die Zunge und wandte sich aufgeschreckt aus ihrer Starre nach dem Übeltäter um, der aber auch schon von ihr herabgehoppst war und sich durch sein fröhliches Geplapper erkennbar machte. "Malik!", irgendwie klang sie erleichtert und erfreut und sie wusste selbst nicht wieso. Sie erwiederte seine Berührung an der Schnauze mit einer gewissen Wärme, von der sie nicht gedacht hatte, dass sie sie überhaupt noch aufbringen konnte. "Bist du dir sicher? Manchmal schläft jemand, auch wenn er nicht schläft. Mit offenen Augen. Manche Wölfe können das." Sie lächelte leicht. Sie hatte auf jeden Fall wirklich nicht geschlafen und sie hatte keien Ahnung wieso sie wieder Flausen in den Kopf dieses Schneepelzchens pflanzte. Aber er war ja noch ein Welpe, ein überraschend dünner Welpe. Deswegen war es besser, wenn die Welpen im Frühling geboren wurden, so wie es üblicherweise lief. "Ich könnte dich ja in einem Happen verschlingen.", seufzte sie schließlich, ihren femininen Schädel leicht schüttelnd. Ein bisschen klein geraten war er ja auch, aber vielleicht tat sich da ja später noch etwas.
10.05.2013, 18:36
„Was, wirklich? Wie geht das denn? Kann ich das auch lernen?“
Sofort war die Begeisterung in ihm entfacht, etwas Neues zu lernen. Seine großen Augen musterten forschend Amáyas Gesicht, ob sie auch wirklich die Wahrheit sagte – und ob sie möglicherweise noch schlief. Dass man im Schlaf reden konnte, das wusste er nämlich schon. Isaí machte das manchmal, aber dann nuschelte er eher und sagte komisches, zusammenhangloses Zeug, nicht so spannende Sachen wie seine Tante gerade. Also schlief sie wohl nicht mehr.
„Du bist immer so schön warm“, offenbarte er ihr und kuschelte den Kopf zufrieden an ihre Flanke. „Kannst du mir das auch beibringen? Wie man ein … Sonnenwolf wird?“
Er hatte bei dem Begriff ein bisschen gezögert und schwer grübelnd die kleine Stirn in Falten gelegt, doch am Ende fiel ihm die beste Formulierung doch noch ein. Seine Sonnenamáya war ein Sonnenwolf, ganz klar. So warm wie die Sonne, wenn sie einem aufs Fell schien. Er lächelte – wie sollte es anders sein? - versonnen zu ihr auf und schüttelte bei ihrer wahnsinnig unbeeindruckenden Drohung (jedenfalls hielt er sie für eine) den Kopf, ohne ihn anzuheben. Als würde sie ihn auffressen, sie war doch kein … was auch immer, niemand fraß Wölfe. Er grinste und pfotete nach ihrer Nase, ohne sie zu erreichen.
„Das würdest du aber gar nicht machen, stimmt's? Sowas machen nur böse Wölfe und Fenris. Und Wölfe die Fenris mögen, wie Atalya vielleicht. Aber das würde die eh nicht schaffen.“
Als ob Atalya ihn noch kriegen würde! Er war immerhin kein kleiner Winzwelpe mehr, den man einfach so herumschubsen konnte und der alle Geschichten glaubte. Er war jetzt schon ordentlich groß und ließ sich nicht mehr von doofen, miesepetrigen Fenriswölfen die Laune verderben. Dass auch Amáyas Zugehörigkeit Fenris galt, wusste er nicht (dafür war sie in seinen Augen ja auch viel zu nett) und auch dass sein Vater dem Gott des Todes näher war als Engaya, war ihm so nicht bewusst. Vielleicht hätte das seine Ansichten ein wenig geändert – im Bezug auf die Blödheit von Fenriswölfen.
19.10.2013, 19:35
"Gewiss kannst du es lernen... Mit ganz viel Arbeit und schlaflosen Nächten. Aber es gibt nur wenige Meister dieser Kunst."
Sie erfreute sich an dieser kleinen Geschichte. Natürlich wusste sie nicht, wie genau man lernte, mit offenen Augen zu schlafen. Die meisten Wölfe würden es eh nicht wissen, auch wenn sie es konnten. Amáya hatte aber schon welche getroffen, damals, als man sie aus dem Rudel geraubt hatte. Dieses Kapitel war gewiss düster - doch im Moment war Malik hier und da hatte Dunkelheit nichts bei ihr zu suchen. Sie stubste ihm leicht ins weiße Fell, während er weitersprach und sich tiefer an sie kuschelte. Es war so natürlich, dass es ihr Angst machte und doch beruhigend, fast als würde es regnen. Apropos - der Umstand, dass er sie, die Regentochter einen Sonnenwolf nannte... Es brachte sie zum Lächeln, einfach weil sie ihm nicht widersprechen konnte. Sie selbst wusste wirklich nicht, womit sie diese Bezeichnung bedient hatte. Doch... waren es nicht die Welpen, die den ehrlichsten und klarsten Blick hatten?
"Woher willst du denn wissen, ob du nicht bereits einer bist?"
Fragte sie also zurück und grinste leicht. Sonnenwölfe - welch angenehmer Welpenquatsch! Es musste schön sein, nur an solche Dinge denken zu können. Die Welt noch voller Wunder und gleichzeitig doch so einfach. Seine nächsten Worte ließen sie leicht den Kopf schief legen.
"Nein, natürlich nicht, auch wenn ich Fenris mag. Und Atalya tut bestimmt auch nur so böse, um dir Angst zu machen."
Mit der grauen Tochter Tyraleens hatte sie nie wirklich viel zu tun gehabt und auch nicht gewusst, dass sie ebenfalls Fenris zugehörig war. Es war ganz typich für einen Welpen Fenris mit 'böse' gleichzusetzen, aber auch er würde lernen müssen, dass nicht alles so einteilbar war. In 'böse' steckte 'falsch' mit drinnen und der Tod war alles andere als falsch. Aber wie sollte man das einem kleinen Fellball erklären? Er würde noch genug Zeit haben um diesen Dingen selbst auf die Schliche zu kommen.