09.09.2013, 16:09
Sie hatte sich endlich entschieden gehabt, wieder mit Kirov zu sprechen. Doch kaum hatte die Fähe den schlafenden Körper des Rüden entdeckt, musste natürlich alles zerstört werden. Kannte sie es denn anders? Sie warf einen nervösen Blick hinter sich in die Nacht. Der Großteil des Rudels ruhte und wahrscheinlich hatte niemand ihr plötzliches Verschwinden gemerkt. Sie war hektisch und ziemlich hals über Kopf dichter in den Wald gestürmt und irrte noch jetzt hechelnd zwischen den Baumstämmen herum. Augen und Kehle brannten unangenehm und sie spürte immer noch den rot glühenden Blick auf sich. Panisch verschnellerte sie die Schritte, doch ihre Läufe verknoteten sich und die Schatten des Waldes verschwommen und waberten vor ihren Augen. Ein weißer Schemen huschte am Rande ihres Blickfeldes vorbei und sie hetzte in die andere Richtung, gegen die Rinde der uralten Bäumste schrammend.
"Verschwinde...", keuchte sie verzweifelt und etwas Schnee stob zur Seite als sie ihr holpriges Tempo etwas erhöhte.
Sie war so nah. War sie je so nah gewesen wie jetzt? Sie konnte jeden Moment hinter einem der Bäume auftauchen, ja, sie konnte ihren kalten Atem im Nacken spüren. Wie lange irrte sie jetzt schon in Kreisen umher? Wann würde diese Nacht enden? Wie lange würde Mayhem brauchen, um sie endgültig zu brechen? Sie fühlte sich gefangen wie in einem Albtraum und ihr Kopf war nebelig vor Angst.
08.10.2013, 17:11
Averic hatte Krolock in Aszrems Obhut gelassen, um sich die Beine zu vertreten. Als jemand, der generell nicht viel schlief, trieb er sich gerne wie ein Nachtschatten in der Dunkelheit herum, ließ seine Gedanken wandern und den Körper einfach laufen. Abseits der, deren Gesellschaft er nicht schätzte, fühlte er sich freier. Auch wenn diese Freiheit immer etwas Melancholisches mit sich trug, denn sie war gleichzeitig auch einsam. Aber das war ein Preis, den Averic ergeben zahlte. Es blieb ihm nichts anderes übrig.
Der Todessohn genoss einfach dahin zu laufen und sich auf nicht mehr als seine Bewegungen zu konzentrieren. Es half ihm dabei abzuschalten und eine Weile lang ohne Last zu sein, bevor er die Bürden wieder schultern musste, sobald er zurück beim Rudel war.
Ein Geräusch ließ Averic innehalten und still lauschte er in die Nacht hinein. Er konnte Pfoten durch den Schnee hetzen hören, begleitet von schwerem Hecheln. Der Pechschwarze witterte in der Luft und folgte augenblicklich dem Geräusch. Die Witterung verriet ihm, dass es Amáya war, die unweit von ihm durch den Wald rennen musste. Nach einigen, schnellen Schritten konnte er sie zwischen den Bäumen sehen und er positionierte sich so, dass sie direkt auf ihn zu rannte. Averic hatte keine Ahnung, warum sie wie gestochen rannte, aber womöglich sollte er es heraus finden.
„Amáya?“,
rief er vorerst nur laut und deutlich, weil er nicht wusste, ob sie überhaupt realisierte, dass er da war. Wann diese Fähe mal bei klarem Verstand war, war schon immer recht schwierig zu bestimmen gewesen.
13.10.2013, 17:41
Sie rannte, um vom Rudel wegzukommen. Sie wusste, sie musste sich dem stellen, was sie verfolgte, aber sie würde das nicht tun, wenn sie zwischen den Wölfen war. Ihr war nebelig zu Mute und sie war sich nicht sicher, ob sie das wirklich durchziehen konnte. Sie musste es versuchen, oder? Der Schnee knirschte laut hinter ihr und Amáya stolperte weiter. War die Distanz bereits genug, oder sollte sie weiter laufen? Sie wusste es nicht. Nervös biss sie auf ihren dunklen Lefzen herum, die Augen zwischen den dunklen Baumstämmen umherhuschend. Da stand sie plötzlich, strahlend wie eh und je und es erschauerte Amáya. Wie sie vor sie gekommen war, wonach sie die ganze Zeit hinter ihr gewesen war, das beschäftigte sie gar nicht. Alles in ihr schrie danach umzukehren und zum Rudel zurück zu flüchten, aber sie erinnerte sich an Chivan, seine Berührung, seine Worte und sie zwang ihre Pfoten voranzugehen. Der Umriss der hell leuchtenden Gestalt schien zu flackern und von Zeit zu Zeit statisch zu ruckeln. Ihr Herz klopfte ihr schon in der Kehle, als die Gestalt plötzlich ganz verschwand. Verwirrt und hechelnd blieb sie stehen, lauschte. Es rauschte über ihr, auch wenn die mächtigen Bäume keine Blätter trugen. Die regenblauen Augen suchten hektisch die Umgebung ab. Bis gestern war sie die Gejagte gewesen, doch sie musste umdenken. Sie musste zum Jäger werden! Sie zwang sich an Chivan zu denken und an alles, was sie besprochen hatten und das Gefühl von ein bisschen Zuversicht. Ihr Atem entwich ihr unregelmäßig in weichen Wölkchen und stoppte ganz für einen ganzen Augenblick, als das seltsame Geräuscheprofil ein einzelner Ruf durchschnitt. Wie gestochen wirbelte sie herum, etwas Schnee unter sich aufstöbernd. Ihre verschreckten Augen fanden in der Dunkelheit der Nacht nur nach einer Weile die Gestalt ihres Bruders. Augen von fast der gleichen Farbe wie ihre eigenen blickten ihr von einiger Distanz entgegen und für einen Moment beruhigte sie sich beim Anblick vom Sohn des Todes. Schweigend und erschöpft starrte sie ihn eine Weile lang an, nicht sicher, ob sie etwas sagen sollte und wenn, dann was. Sie wusste, dass Averic nicht viel von ihr hielt. Doch dann glitt etwas rot-weißes aus den Schatten hinter ihm heraus und Amáya zuckte heftig zusammen. Ihre Augen weiteten sich, das Nackenfell sträubte sich und sie knurrte leise.
"Averic, komm zu mir.", schnitt ihre Stimme durch die Nacht, geprägt von Angst und doch so bestimmt wie sie konnte. Die Gestalt ihrer Schwester manifestierte sich abermals. Was...du? Wies...ihm....un?, es knackste in ihren Ohren und nur Bruchstücke von Worten gelangten bis zu der Regentochter durch. Ihr verstorbener Zwilling trat nun neben Averic und schien ihn zu betrachten, der Fang in Bewegung, doch ihre Stimme war nun so abgedämpft, dass sie überhaupt nichts mehr verstehen konnte. "Lass ihn in Ruhe.", knurrte sie. "Geh da weg. Er hat nichts mit dir zu tun."
Ihre Schwester schien sie zu hören, denn sie wand sich nun ihr zu. Hasste sie diese rote Augen oder liebte sie sie? Es wurde ihre eng um die Kehle und sie trat einen Schritt auf die beiden zu, wirkte unruhig. "Bitte Averic, komm näher.", sagte sie verstört und suchte den Blick des älteren Bruders. Sie hörte Mayhem kichern, während sie näher zu ihm rückte. Glaubst... ich...wirklich...?, echote es in ihrem Kopf und sie zuckte unruhig mit den Ohren.
29.10.2013, 22:36
Averic starrte seiner dunklen Schwester entgegen. Wie ähnlich sie sich nicht nur von der Pelzfarbe, sondern auch von der Farbe der Augen her sahen, wusste er nicht. Für ihn waren ihre Augen grau, so wie die von jedem anderen. Er stellte nicht mehr als Unterschiede in ihrer Helligkeit fest. Er hätte es vermutlich als Zynismus des Schicksals aufgefasst, wüsste er, dass sie auch fast die gleichen Augen hatten.
Ihm war schleierhaft, was sie nun wieder hatte. Immerhin war sie stehen geblieben, fast so, als hätte sie sein Rufen zurück in die Wirklichkeit befördert. Aber das wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Der Todessohn verengte sofort die Augen, als Amáya anfing zu knurren und ihr Fell zu sträuben. Er spannte seine Muskeln bereits an, in der Erwartung eines Angriffes. Als sie ihn dann aber einfach zu sich rief, konnte er doch nicht anders, als etwas verwirrt drein zu blicken. Vorerst reagierte Averic nicht weiter, denn ihm war aufgefallen, dass Amáya an ihm vorbei sah und dort scheinbar etwas fixierte. Er wollte gerade den Kopf herum wenden, da sprach seine Schwester weiter – und verwirrte den Fenriswolf nur noch ein wenig mehr. Jetzt sprach sie nicht mehr mit ihm, sondern irgendwem anders. Oder? Jedenfalls wüsste Averic nicht, wen er in Ruhe lassen sollte … hier stand ja nur er. Nun wandte der Pechschwarze doch leicht den Kopf. Ohne große Geste wanderte sein Blick zur Seite, dann zur anderen. Niemand war da. Keine Witterung. Nichts. Letztendlich drehte er auch den Kopf herum, um hinter sich zu blicken. Spielte Fenris wieder irgend ein Spielchen? Aber auch seine Präsenz war nicht spürbar. Kein blutfarbenes Glimmen in der Finsternis. Es gab hier nur ihn und Amáya. Und die war wohl der Meinung, dass da noch jemand Drittes war. Averic sah zurück zu seiner Schwester, die ihn noch einmal bat zu ihr zu kommen. Dieses Mal flehentlicher. Oh je. Das Amáya so übergeschnappt war, hatte er dann doch nicht erwartet … Aber anstatt sie mit einem schonungslosen Kommentar darauf hinzuweisen, bewahrte er – zu seiner eigenen Überraschung – Manieren. Vielleicht konnte er mehr darüber hinausfinden?
„Wer ist da, Amáya?“, fragte der Pechschwarze und setzte sich ganz langsam in Bewegung, auf seine Schwester zu.